Ansprache Papst Pius‘ XII. an die Schweizer-Pilger am Freitag 16. Mai 1947

Mit tiefer Ergriffenheit haben Wir gestern Nikolaus von Flüe der Schar der Heiligen beigesellt, und mit tiefer Ergriffenheit habt ihr, geliebte Söhne und Töchter, Landsleute des neuen Heiligen, der erhabenen Handlung beigewohnt. Mit ihr wurde der einzigartigen Gestalt aus dem 15. Jahrhundert, die ihr als die Verkörperung des Besten von dem empfindet, was an gesunder Natur und christlicher Frömmigkeit in eurem Wesen lebt, eine Ehrung zuteil, wie sie höher auf Erden und in der Kirche Christi niemandem widerfahren kann. Uns selbst war es eine grosse Genugtuung, eurem Volke, mit dem Uns so viele angenehme Beziehungen verknüpfen, die Freude der Heiligsprechung dieses echten Schweizers zu bereiten.

Wenn auch das Lob, ein echter Sohn des Schweizer Volks zu sein, im Vollsinn des Wortes ganz gewiss einer stattlichen Reihe eurer um das Vaterland verdienten Männer gebührt, so doch sicher keinem mehr als Nikolaus von Flüe.

Er stammt aus dem Herzen der Eidgenossenschaft, aus einem der Urkantone, einem « gläubigen und frommen Land », wie seine Obwaldner Heimat noch in unserer Zeit ehrend genannt wurde. Den Ruf seines Geschlechts, rechtschaffen und gottesfürchtig zu sein, zurückhaltender Natur, mässig, ganz dem Beruf, der Feldarbeit lebend, umgänglich und immer gewohnt, den Mitmenschen Gutes zu tun, eifrig im Gebet und in Einhaltung der kirchlichen Lebensordnung (Robert Durrer, Bruder Klaus, Die ältesten Quellen über den seligen Nikolaus von Flüe, sein Leben und seinen Einfluss [2 Bände, Samen 1917-1921] B. II, S. 671), diesen Ruf hat jedenfalls Nikolaus vollkommen wahr gemacht: Einen züchtigen, gütigen, einen tugendhaften, frommen und wahrhaften Menschen nennt ihn ein Zeuge, der ihm von seiner frühen Jugend bis zu seinem Abschied von der Welt immer sehr nahe stand (Durrer, B. I, S. 462).

Mit 14 Jahren nimmt Nikolaus an der Landsgemeinde teil (Durrer, B. I, S. XII). Er ist Kriegsmann im Dienst des Vaterlandes und steigt zum Fähnrich, Rottmeister und Hauptmann auf (Durrer, B. I, S. 428). In zwanzigjähriger Ehe mit Dorothea Wyss ersteht ihm eine blühende Familie von zehn Kindern. Heute, in dieser feiervollen Stunde, verdient auch der Name seiner Gattin in Ehren genannt zu werden. Sie hat durch den freiwilligen Verzicht auf den Gemahl, einen Verzicht, der ihr nicht leicht wurde, und durch ihre feinfühlige, echt christliche Haltung in den Jahren der Trennung mitgewirkt, um euch den Retter des Vaterlandes und den Heiligen zu schenken.

Mit Umsicht und Fleiss waltet Nikd1aus des elterlichen Erbes. Er ist ein angesehener Bürger, Ratsherr, Richter und Tagsatzungsgesandter, und dass er nicht Landammann wurde, ist nur an seinem eigenen Widerstreben gescheitert (Durrer, B. I, S. 463; dazu S. XII).

Erst fünfzigjährig zieht er sich zurück von der Welt, von der eigenen Familie und den öffentlichen Geschäften, um noch an die zwanzig Jahre in äusserster Entsagung, in strengster Busse nur dem Verkehr mit Gott zu leben.

Allein gerade in dieser Abgeschiedenheit wird Nikolaus zum grossen Segen für sein Volk. Mehr und mehr kommen sie von nah und fern zu ihm, um sich seinem Gebet zu empfehlen, an seinem Beispiel aufzurichten, von ihm Trost und Rat zu erholen. Bischöfe und Grafen, Beauftragte in Sachen der Eidgenossenschaft wie Gesandte auswärtiger Städte und Mächte suchen bei ihm Antwort, Weisung oder Vermittlung in Fragen des öffentlichen Wohls, des inneren und äusseren Friedens (Durrer, B. I, S. XXV-XXVI, 584-585). In jenen entscheidungsvollen Dezembertagen des Jahres 1481, da der Gegensatz politischer Interessen die Entfremdung zwischen den Land-und Stadtkantonen so sehr vertieft hatte, dass sie in offener Feindschaft und in Bruderkrieg zu enden drohte, in einem Bruderkrieg, der wohl den Untergang der Eidgenossenschaft bedeutet hätte, ist Nikolaus von Flüe, über die engen Grenzen der Kantone hinweg auf das Wohl des Ganzen schauend, durch seinen Rat und die damals schon überirdische Kraft seiner Persönlichkeit der Retter des Vaterlands geworden. Sein Name wird mit dem Stanser Vorkommnis, einem der Eckpfeiler und grossen Marksteine in der Geschichte eurer Heimat, auf immer verbunden bleiben. Bruder Klaus ist nicht zu Unrecht als « der erste eidgenössische Patriot » bezeichnet worden. Er ist ganz einer von euch; er ist euer Heiliger (Durrer, B. I, S. XXIX, 115-170).

Das Vorbild christlicher Tugend und Vollkommenheit, das im hl. Nikolaus aufleuchtet, ist so einfach natürlich, so entzückend schön, inhaltsvoll und vielgestaltig wie der Farbenreichtum einer in ihrer Blumenpracht daliegenden Alpenwiese. Aber nicht der Mannigfaltigkeit seines Vorbilds wollen Wir in dieser Stunde nachgehen. Was Wir aufzeigen möchten, sind bestimmte Brennpunkte im Strahlenfeld seiner Heiligkeit, und zwar jene Brennpunkte, die gleichzeitig die Kraftquellen angeben, aus denen euer Volk in der Vergangenheit seine Stärke geschöpft hat und deren es auch in der Zukunft nicht wird entbehren können. Solcher Brennpunkte glauben Wir drei nennen zu sollen : seine beherrschte Lebensweise, seine Gottesfurcht und sein Beten.

Die Lebensweise des Heiligen ist beherrscht, auf Verzicht und Abtötung eingestellt, nicht nur wenn wir sie mit unseren heutigen Daseinsverhältnissen vergleichen, sondern schon für die viel einfacheren seiner Zeit und seiner Heimat, ganz abgesehen davon, dass man auch damals das Leben zu geniessen wusste. Wo immer ihr Nikolaus betrachten möget, stets ist bei ihm der Geist Herr über den Leib. Diese Beherrschtheit gab auch seinem Aeusseren jene Ehrfurcht weckende Würde und herbe Schönheit, die uns aus seinen Bildern so wohltuend ansprechen. Nikolaus hat früh, schon als Junge, sehr ernst damit begonnen, sich Opfer aufzuerlegen, und er ist darin beharrlich vorangeschritten (Durrer, B. 1, S. 462). Durch sein überaus strenges Leben in der Klause gehört er zu den grossen Büssergestalten der katholischen Kirche, und wenn er in jenen zwanzig Jahren sich ausschliesslich vom Brot der Engel nährte, so war dieses Charisma die Vollendung und der Lohn eines langen Lebens der Selbstbeherrschung und Abtötung aus Liebe zu Christus.

Versteht ihr die Mahnung, die der Heilige durch sein Beispiel an unsere Zeit richtet? Ein wahrhaft christliches Leben ist undenkbar ohne Selbstbeherrschung und Entsagung; aber auch Volksgesundheit und Volkskraft können ihrer auf die Dauer nicht entbehren. In der Strenge der christlichen Lebensordnung liegen zugleich unersetzliche soziale Werte. Sie ist das wirksamste Gegengift gegen die Sittenverderbnis in allen ihren Erscheinungen.

Wenn — gewiss auch auf die Fürbitte des hl. Nikolaus — Gottes barmherzige Vorsehung eure Heimat vor der Verelendung bewahrt hat, wie sie als Folge zweier Weltkriege in grauenvollen Formen über andere Länder gekommen ist, so stattet ihr euren Dank dafür durch grossmütige Werke der Caritas ab; Wir benützen gerne auch diese Gelegenheit, um es anzuerkennen. Erweist euch jedoch darüber hinaus dankbar dadurch, dass ihr im Geist und in der Tat um Christi willen ein einfaches und beherrschtes Leben führt, auch in Wohlhabenheit und Reichtum.

Der Büsser vom Ranft mag einmalig sein. Auch Franz von Assisi war es; aber ganzen Schichten der Christenheit wurde sein heldenhaftes Beispiel zum Ansporn, ihr Erdendasein weniger auf Wohlleben und Macht, als vielmehr auf Sichbescheiden und auf die ewigen Güter auszurichten. Folgt ihr ebenso Nikolaus von Flüe nach! Dann erst könnt ihr in Wahrheit sagen, dass er euer Heiliger ist.

Wo Nikolaus von Flüe uns entgegentritt, ist er der gottesfürchtige Mensch. Auch als Kriegsmann, wie uns seine Kameraden eindrucksvoll berichten (Durrer, B. I, S. 464). Ueber sein Eheleben kann man die Eingangsworte der Eheenzyklika Unseres hochseligen Vorgängers Pius XI., setzen : « Der reinen Ehe Hoheit und Würde ». Von seiner öffentlichen Tätigkeit konnte Nikolaus selbst bezeugen : « Ich war mächtig in Gericht und Rat und in den Regierungsgeschäften meines Vaterlandes. Dennoch erinnere ich mich nicht, mich jemandes so angenommen zu haben, dass ich vom Pfade der Gerechtigkeit abgewichen wäre» (Durrer, B. I, S. 39). « Wer Gott fürchtet, wird ganz gross sein », sagt die Schrift (Judith 16, i9). Das gilt von eurem Heiligen.

Aufstieg und Niedergang der Völker entscheiden sich danach, ob ihr Eheleben und ihre öffentliche Sittlichkeit sich auf der Normallinie der Gottesgebote halten oder unter sie hinuntergleiten.

Klingt nicht auch diese Feststellung wie ein Notruf in unsere Zeit hinein? Die Zahl der guten Christen ist heute nicht gering, die der Helden und Heiligen in der Kirche vielleicht grösser als zuvor. Aber die öffentlichen Verhältnisse sind weithin zerrüttet. Und das ist die Aufgabe der Kinder der Kirche, aller guten Christen, sich dieser Abwärtsbewegung entgegenzustemmen und durch Bekenntnis wie Tat, im Beruf wie in der Handhabung der Bürgerrecte, in Handel und Wandel des täglichen Daseins dem Gebot Gottes und Gesetz Christi wieder den Weg in alle Bereiche des menschlichen Lebens zu bahnen. Christliche, katholische Schweizer! Hier liegt auch eure Aufgabe für euer Vaterland. Führt sie durch im Geist und in der Kraft von Bruder Klaus! Dann erst könnt ihr in Wahrheit sagen, dass er euer Heiliger ist.

Nicolaus von Flüe war endlich ein Mann des Gebetes, sein Leben ein Leben aus dem Glauben. Die Aeusserung, die er in seinem Selbstbekenntnis über den Priester, den « Engel Gottes », und das « heiligste Sakrament des Leibes und Blutes Jesu Christi » (ebenda) getan, würde genügen, um zu zeigen, wie erfüllt von katholischen Glauben er war. Es ist bezeichnend, wie gerne er schon seit den Knabenjahren sich zu stundenlanger Versenkung ins Gebet zurückzog. Sein Leben im Ranft war ein Leben der Entsagung, um zur Vereinigung mit Gott zu kommen, das Ruhen in Gott der Sinn dieses Lebens. Auch seine Tat zur Rettung der Eidgenossenschaft Weihnachten 1481 war der Sieg eines Titanen des Gebetes über den Ungeist der Selbstsucht und Zwietracht.

Liegt nicht ein Fingerzeig Gottes darin, wenn Er eurer Heimat einen Volksheiligen schenkt, der so ausgesprochen ein Mann des Gebetes war wie Bruder Klaus? Die Kurve der Zerrüttung des öffentliches Lebens geht parallel mit der Kurve seiner Säkularisierung, seiner Loslösung vom Gottesglauben und Gottesdienst. Solcher Verweltlichung können aber — Land für Land und Volk für Volk — Einhalt tun nur Menschen und Gemeinschaften, die glauben und beten. Deshalb rufen Wir euch zu: « Betet, freie Schweizer, betet! », wie Nikolaus von Flüe gebetet hat. Dann könnt ihr mit Recht und in Wahrheit sagen, dass er euer Heiliger ist.

Schiller lässt im Wilhelm Teil den alten Attinghausen ein Wort sprechen, das ihr in jungen Jahren mit Begeisterung aufgenommen habt, das Wort (2. Aufzug, I. Szene):

Ans Vaterland, ans teure, schliess dich an,
Das halte fest mit deinem ganzen Herzen!
Hier sind die starken Wurzeln deiner Kraft.

Wenn ihr aber nunmehr fragt, wo im Vaterland die starken Wurzeln eurer Kraft liegen, so lautet die Antwort: sie liegen — nicht allein, aber vor allem anderen — in dem christlichen Unterbau, der das Gemeinwesen, seine Verfassung, seine soziale Ordnung, sein Riecht und seine gesamte Kultur trägt, und dieser christliche Unterbau ist durch nichts zu ersetzen, nicht durch Macht und nicht durch politische Höchstleistung. Die Stürme, die seit Jahren wie ein Weltgericht über die Kontinente dahingehen, haben dies mit Donnerstimme kundgetan. Auf Schweizer Boden hat jener christliche Unterbau in Nikolaus von Flüe Leben und Gestalt gewonnen wie wohl in keinem anderen eures Volkes. Schliesst euch ihm an, dann wird es gut bestellt sein um das Schicksal eures Vaterlandes.

Ihr seid stolz auf eure Freiheit. Ueberseht aber nicht, dass irdische Freiheit nur dann zum Guten ist, wenn sie aufgeht in einer höheren Freiheit, wenn ihr frei seid in Gott, frei euch selbst gegenüber, wenn ihr die Seele frei und offen bewahrt für das Einströmen der Liebe und Gnade Jesu Christi, des Ewigen Lebens, das Er selber ist. Nikolaus von Flüe verkörpert in wundersamer Vollkommenheit den Einklang von irdischer und himmlischer Freiheit. Folgt ihm nach! Er sei euer Vorbild, euer Fürbitter, euer und eures ganzen Volkes hundert- und tausendfältiger Segen.

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Quelle

Siehe ferner:

DER HEILIGE MARTINUS, BISCHOF VON TOURS

Einer der volkstümlichsten Heiligen ist der heilige Martinus, Bischof von Tours, „der apostelgleiche Mann“, in den Volksliedern gepriesen als „Galliens Sonne“. In Pannonien erblickte er als heidnisches Soldatenkind im Jahre 316 das Licht der Welt; durch Versetzung seines Vaters kam er als Kind nach Pavia, wo ihm eine sorgfältige Erziehung zuteil wurde. Während seine Eltern im Heidentum verstrickt waren, kam er schon früh durch Gottes Fügung zur Wahrheit. Erst 10 Jahre alt, ließ er sich in die Reihe der Katechumenen einschreiben, um sich auf den Empfang der heiligen Taufe vorzubereiten. Infolge eines kaiserlichen Befehles musste Martinus, kaum 15 Jahre zählend, ins Heer eintreten; seine Truppe wurde nach dem heutigen Frankreich verlegt. Mitten in den Gefahren der Verführung bewahrte er sein frommes, reines Herz; dabei zeichnete er sich so sehr aus, dass er bald mit der Führung einer Abteilung betraut wurde. Achtzehn Jahre alt, lag er in Amiens im Winterquartier, harte Kälte herrschte, die Not unter den Armen war sehr groß, da traf er vor dem Tore einen notdürftig bekleideten Bettler; durchdrungen von Mitleid zerteilte er seinen Mantel, legte die eine Hälfte um die zitternden Schultern des Armen, für sich behielt er die andere. In der Nacht erschien ihm der Heiland von Engeln umgeben, bekleidet mit dem halben Mantel, und er hörte, wie Christus sagte: „Martinus, noch Katechumen, hat mich mit diesem Kleide bedeckt.“

Die Städte Amiens und Auxerre bewahren ein Stück des geteilten Mantels als hochverehrtes Heiligtum. Erst nach zwei Jahren erhielt er seinen Abschied und eilte hin zu dem heiligen Bischof Hilarius von Poitiers. Dieser erkannte bald, welchen Schatz Gott ihm zugeführt hatte, und suchte ihn in den Dienst der heiligen Kirche zu stellen, indem er ihn zum Exorzisten weihte, ihm also durch kirchliche Weihe die Macht gab, Teufel auszutreiben. Der Krieg gegen die bösen Geister war von jetzt ab das Gepräge seines Lebens. Den Teufel zu besiegen, der Martinus‘ Eltern noch im Heidentum gefesselt hielt, eilte er zu ihnen nach Italien. Als Martinus von den Alpen in die lombardische Ebene hinabstieg, trat ihm der Teufel entgegen, allein, er schlug ihn in die Flucht.

Mit Feuereifer bekämpfte er die Ketzereien der Arianer, und Freude erfüllt ihn, als er von den Ketzern in die Verbannung gejagt wurde. Zurückgekehrt nach Poitiers, errichtete er unweit der Stadt das erste Männerkloster in Gallien. Bald sammelten sich viele Jünger um ihn, die unter seiner Leitung nach Vollkommenheit strebten; dies der Anfang des berühmten Klosters Marmoutiers, das Mutterhaus zahlreicher Klöster, die Pflanzstätte vieler heilige Bischöfe und Priester.  Nach dem Tode des heiligen Litorius, Bischofs von Tours, im Jahre 372, wurde er zum Nachfolger erwählt. Mit Wort und Tat sucht er nunmehr dem Evangelium den Weg in die Herzen der heidnischen Bewohner seines Sprengels zu bahnen. Trotz aller Gefahren zerstörte er die Götzentempel durch das Feuer, daher der Brauch der Jugend, den Vorabend seines Festes mit Lichtern zu feiern. Von großer Strenge gegen sich erfüllt, war er voll der zartesten Liebe zum Nächsten; wenn er den Armen nichts mehr geben konnte, wandte er die ihm verliehene Wunder kraft an. Rührend war seine Frömmigkeit. Wenn der beim heiligen Opfer die abgemagerten Hände erhob, erschienen sie oft wie durchleuchtet und mit funkelnden Edelsteinen bedeckt und sein Haupt wie von einer Feuerkugel umfangen.

85 Jahre alt, legte er sich nieder zu heiligem Sterben; seine Jünger brachen in laute Klagen aus;  da überwog die Liebe zu seiner Herde die Sehnsucht nach dem Himmel und er rief aus: „Herr, wenn ich Deinem Volke notwendig bin, so weigere ich mich der Arbeit nicht, Dein Wille geschehe.“ Als er am Boden auf Asche lag in seinem härenen Gewande, baten seine Jünger ihn, er möge sich zur Erleichterung etwas auf die Seite legen; er aber entgegnete: „Lasst mich lieber zum Himmel schauen.“ Noch einmal erschien ihm der Teufel, er aber wies ihn zurück. Dann gab er seine reine Seele hinüber; Engel aber sangen sein Lob, und dieser Himmelssang hallte von den Ufern der Loire wider am Rheinstrom, wo der heilige Severin, Kölns Bischof, im Gebete ihn vernahm. Die Verehrung des Heiligen breitete sich bald aus über die ganze Christenheit; in manchen Volkssitten lebt sein Name fort. Da an seinem Tage vielfach die Pacht bezahlt wird, heißt er der Steuerheilige. Er ist der Patron der Soldaten und der Tuchmacher. Die Kunst gibt ihm oft in die Hand eine heilige Hostie, um seine Verdienste für die Ausbreitung des Christentums anzuzeigen; meist wird er dargestellt als Reiter auf weißem Ross neben einem Armen; daher die Frage: Welche sind die vornehmsten Heiligen? Die Antwort lautet: St. Martin und St. Georg, weil beide reiten, während die übrigen zu Fuße gehen.

Der Tod des Heiligen.

Lehrreich ist sein Tod wegen seiner völligen Ergebung in den Willen Gottes, seiner Bußgesinnung, seiner Sehnsucht nach dem Himmel, seines Kampfes gegen den Teufel und seines glorreichen Einganges in die Ewigkeit. Möge dein Tod dem seinigen gleichen durch gleiche Tugenden. Warum nicht ergeben sein in Gottes Willen, wenn es zum Sterben kommt, da Gott nur unser Bestes will, uns entführt einer leidensreichen Erde und uns hinbringt zum ewigen Himmel? Bist du ein Sünder, dann greif zur Buße, lebe als ein Büßer, dann stirbst du auch in wahrer Bußgesinnung, also im Frieden des Herrn. Erwecke schon jetzt in dir ein inniges Verlangen nach dem Himmel, erhebe dich oft zu deiner wahren Heimat, führe einen Wandel wie im Himmel, dann wird gleiche Sehnsucht auch dich erfüllen beim Tode, wie den heiligen Bischof von Tours. Gewöhne dich im Leben an einen stetigen Kampf gegen den Teufel, dann brauchst du ihn nicht zu fürchten, wenn er dir das Sterben schwer machen will; unbehindert eilst du dann hinauf dem heiligen Martinus nach in die Wohnungen des ewigen Lichtes.

Gebet.

O Gott, hilf uns mit Deiner Gnade, damit wir Deinen heiligen Diener Martinus nachahmen im Leben und einst auch ihm folgen im Tode. Amen.

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Quelle: Leben der Heiligen nebst praktischen Lehren für das katholische Volk – mit besonderer Berücksichtigung der deutschen und neueren Heiligen – von Herm. Jos. Kamp, Dechant. – Dritte Auflage – Mit Erlaubnis der geistlichen Obrigkeit. – Verlag der A. Laumann’schen Buchhandlung, Dülmen i. W., Verleger des heiligen Apostolischen Stuhles. – Imprimatur, die 13. Februarii 1911.

Siehe auch:

ZU IMMERWÄHRENDEM GEDENKEN AN DIE REGIERENDEN UND DIE POLITIKER

APOSTOLISCHES SCHREIBEN
ALS „MOTU PROPRIO“ ERLASSEN

ZUR AUSRUFUNG DES HEILIGEN THOMAS MORUS
ZUM PATRON DER REGIERENDEN UND DER POLITIKER

JOHANNES PAUL II.
ZU IMMERWÄHRENDEM GEDENKEN

1. Vom Leben und Martyrium des heiligen Thomas Morus geht eine Botschaft aus, welche die Jahrhunderte durchzieht und zu den Menschen aller Zeiten von der unveräußerlichen Würde des Gewissens spricht. Wie das Zweite Vatikanische Konzil in Erinnerung bringt, liegt im Gewissen »die verborgenste Mitte und das Heiligtum im Menschen, wo er allein ist mit Gott, dessen Stimme in diesem seinem Innersten zu hören ist« (Gaudium et spes, 16). Wenn die Menschen, Männer und Frauen, auf den Ruf der Wahrheit hören, dann richtet das Gewissen ihr Handeln mit Sicherheit auf das Gute aus. Gerade wegen seines bis zum blutigen Martyrium erbrachten Zeugnisses für den Primat der Wahrheit vor der Macht wird der heilige Thomas Morus als unvergängliches Beispiel für konsequentes sittliches Verhalten geehrt. Seine Gestalt wird auch außerhalb der Kirche, besonders bei denen, die die Geschicke der Völker zu lenken berufen sind, als Quelle für eine Politik anerkannt, die sich den Dienst am Menschen zum obersten Ziel setzt.

Kürzlich haben mich einige Staatsoberhäupter und Regierungschefs, zahlreiche hochrangige Politiker, manche Bischofskonferenzen und einzelne Bischöfe in Petitionen um die Ausrufung des heiligen Thomas Morus zum Patron der Regierenden und der Politiker ersucht. Unter den Unterzeichnern des Ansuchens befinden sich Persönlichkeiten verschiedener politischer, kultureller und religiöser Herkunft, was von dem lebhaften und weitverbreiteten Interesse für das Denken und Verhalten dieser herausragenden Gestalt in Regierungsverantwortung zeugt.

2. Thomas Morus erlebte in seinem Land eine außergewöhnliche politische Karriere. Der aus ehrenwerter Familie stammende Thomas wurde 1478 in London geboren und kam schon als Jugendlicher in das Haus des Erzbischofs von Canterbury und Lordkanzlers John Morton. Danach setzte er das Rechtsstudium in Oxford und London fort, wobei sein weitreichendes Interesse auch umfassenden Gebieten der Kultur, Theologie und klassischen Literatur galt. Er lernte gründlich Griechisch, pflegte geistigen Austausch und knüpfte freundschaftliche Beziehungen zu bedeutenden Gelehrten der Kultur der Renaissance, darunter Erasmus Desiderius von Rotterdam.

Seine religiöse Sensibilität führte ihn durch eine ausdauernde asketische Praxis zur Suche nach der Tugend: Er pflegte freundschaftliche Beziehungen zu den Observanten des Konvents von Greenwich und lebte längere Zeit bei den Londoner Kartäusern. Beide gehörten in die Reihe der Hauptzentren des religiösen Lebens im Königreich. Da er sich zur Ehe, zum Familienleben und zum Engagement als Laie berufen fühlte, heiratete er im Jahr 1505 Johanna Colt, die ihm vier Kinder gebar. Johanna starb 1511, und Thomas vermählte sich in zweiter Ehe mit Alicia Middleton, einer Witwe mit Tochter. Er war sein ganzes Leben lang ein liebevoller und treuer Ehemann und Vater, der sich aus tiefer innerer Überzeugung der religiösen, sittlichen und intellektuellen Erziehung seiner Kinder annahm. Sein Haus nahm Schwiegersöhne, Schwiegertöchter und Enkel auf und stand vielen jungen Freunden offen, die auf der Suche waren nach der Wahrheit oder nach ihrer eigenen Berufung. Das Familienleben ließ im übrigen breiten Raum für das gemeinsame Gebet und die lectio divina wie auch für gesunde Formen einer häuslichen Rekreation. Thomas nahm täglich an der Messe in der Pfarrkirche teil; von den strengen Bußübungen, die er auf sich nahm, wußten jedoch nur seine engsten Familienmitglieder.

3. Unter König Heinrich VII. wurde Thomas Morus im Jahr 1504 zum ersten Mal ins Parlament gewählt. Heinrich VIII. erneuerte 1510 sein Abgeordnetenmandat und ernannte ihn auch zum königlichen Vertreter in der Hauptstadt, womit er ihm eine herausragende Karriere in der staatlichen Verwaltung eröffnete. Im darauffolgenden Jahrzehnt übertrug ihm der König mehrmals Missionen in Angelegenheiten der Diplomatie und des Handels und sandte ihn nach Flandern und in das Gebiet des heutigen Frankreich. Nachdem er Mitglied des Königlichen Rates, Vorsitzender eines großen Gerichtes, Unterschatzmeister und in den Adelsstand erhoben worden war, wurde er 1523 Sprecher des Unterhauses und damit dessen Präsident.

Als sich das Land 1529 in einer politischen und wirtschaftlichen Krise befand, wurde Thomas Morus, der wegen seiner moralischen Zuverlässigkeit und Verstandesschärfe, seiner Offenheit und seines Witzes sowie seiner außerordentlichen Gelehrsamkeit hochgeachtet war, vom König zum Lordkanzler ernannt. Thomas, der als erster Laie dieses Amt bekleidete, sah sich in eine äußerst schwierige Periode gestellt, wobei er sich bemühte, dem König und dem Land zu dienen. Seinen Prinzipien treu verpflichtete er sich, die Gerechtigkeit zu fördern und den schädlichen Einfluß von Leuten einzudämmen, die auf Kosten der Schwachen eigene Interessen verfolgten. 1532 legte er sein Amt nieder, da er nicht bereit war, das Vorhaben Heinrichs VIII. zu unterstützen, der die Kontrolle über die Kirche in England übernehmen wollte. Er zog sich aus dem öffentlichen Leben zurück, und nahm damit in Kauf, mit seiner Familie Armut zu leiden und sich von vielen verlassen zu sehen, die sich in der Bewährungsprobe als falsche Freunde erwiesen.

Nachdem seine unerschütterliche Entschlossenheit, jeden Kompromiß aufgrund seines Gewissens abzulehnen, feststand, ließ ihn der König 1534 im Londoner Tower einkerkern, wo er verschiedenen Formen psychologischer Nötigung ausgesetzt war. Thomas Morus ließ sich nicht beugen und verweigerte die von ihm verlangte Eidesleistung, weil sie mit der Annahme einer politischen und kirchlichen Ordnung verbunden gewesen wäre, die einer unkontrollierter Herrschaft den Boden bereitete. Im Verlauf des gegen ihn angestrengten Prozesses verteidigte er in einer leidenschaftlichen Rede seine Überzeugungen von der Unauflösbarkeit der Ehe, der Achtung vor dem Erbe des Rechts, das an christlichen Werten ausgerichtet ist, und von der Freiheit der Kirche gegenüber dem Staat. Nach seiner Verurteilung durch das Gericht wurde er enthauptet.

Im Laufe der Jahrhunderte milderte sich die Diskriminierung was das Verhältnis zur Kirche anbelangt. 1850 wurde die katholische Hierarchie in England wieder errichtet. Dadurch war es möglich, die Seligsprechungsprozesse zahlreicher Märtyrer einzuleiten. Gemeinsam mit 53 anderen Märtyrern, darunter Bischof John Fisher, wurde Thomas Morus 1886 von Papst Leo XIII. seliggesprochen. Mit demselben Bischof zusammen wurde er dann im Jahr 1935 anläßlich des vierhundertsten Jahrestages seines Märtyrertodes von Papst Pius XI. in die Schar der Heiligen aufgenommen.

4. Viele Gründe sprechen für die Ausrufung des heiligen Thomas Morus zum Patron der Regierenden und der Politiker. Einer dieser Gründe ist, daß die Welt der Politik und Verwaltung den Bedarf an glaubwürdigen Vorbildern spürt. Sie sollen ihr den Weg der Wahrheit weisen in einem historischen Augenblick, da schwierige Herausforderungen und ernste Verantwortung zunehmen. Denn ganz neue Erscheinungen in der Wirtschaft verändern heute das Sozialgefüge. Gleichzeitig verschärfen die wissenschaftlichen Errungenschaften auf dem Gebiet der Biotechnologien den Anspruch, das menschliche Leben in allen seinen Formen zu verteidigen, während die Versprechungen einer neuen Gesellschaft, die einer verwirrten öffentlichen Meinung mit Erfolg angeboten werden, dringend klare politische Entscheidungen fordern zugunsten der Familie, der Jugend, der Alten und der Ausgegrenzten.

In diesem Zusammenhang empfiehlt es sich, auf das Beispiel des heiligen Thomas Morus zurückzuschauen, der sich gerade deshalb durch beständige Treue zur Autorität und zu den rechtmäßigen Einrichtungen auszeichnete, weil er in ihnen nicht der Macht, sondern dem höchsten Ideal der Gerechtigkeit dienen wollte. Sein Leben lehrt uns, daß das Regieren vor allem Übung der Tugend ist. Durch diesen strengen moralischen Ansatz gestärkt, stellte der englische Staatsmann sein öffentliches Wirken in den Dienst der Person, besonders wenn es sich um schwache oder arme Menschen handelte; er führte die sozialen Auseinandersetzungen mit einem besonderen Sinn für Gerechtigkeit; er schützte die Familie und verteidigte sie mit unermüdlichem Einsatz; er förderte die umfassende Erziehung der Jugend. Die tiefe Abneigung gegen Ehrentitel und Reichtum, die heiter-liebenswürdige Demut, die ausgewogene Kenntnis der menschlichen Natur und der Vergänglichkeit des Erfolges, die im Glauben verwurzelte Sicherheit im Urteil gaben ihm jene Zuversicht und innere Stärke, die ihn in den Widrigkeiten und angesichts des Todes aufrecht hielt. Seine Heiligkeit erstrahlte im Martyrium, doch sie wurde vorbereitet von einem ganzen Arbeitsleben, das der Hingabe an Gott und an den Nächsten galt.

Unter Hinweis auf ähnliche Beispiele einer vollkommenen Harmonie zwischen Glauben und Werken habe ich in dem nachsynodalen Apostolischen Schreiben Christifideles laici geschrieben: »Die Einheit des Lebens der Laien ist von entscheidender Bedeutung: Sie müssen sich in ihrem alltäglichen beruflichen und gesellschaftlichen Leben heiligen. Um ihre Berufung erfüllen zu können, müssen die Laien ihr Tun im Alltag als Möglichkeit der Vereinigung mit Gott und der Erfüllung seines Willens sowie als Dienst an den anderen Menschen betrachten« (Nr. 17).

Diese Harmonie zwischen dem Natürlichen und dem Übernatürlichen stellt wohl das Element dar, das mehr als jedes andere die Persönlichkeit des großen englischen Staatsmannes bestimmt: Er führte sein intensives öffentliches Leben mit schlichter Demut, die selbst im Angesicht des Todes von seinem berühmten »Sinn für Humor« gekennzeichnet war.

Das war das Ziel, zu dem ihn seine Leidenschaft für die Wahrheit führte. Der Mensch darf sich nicht von Gott und die Politik nicht von der Moral trennen: Das war das Licht, das sein Gewissen erleuchtete. Schon bei anderer Gelegenheit sagte ich: »Der Mensch ist Geschöpf Gottes, und deshalb haben die Menschenrechte ihren Ursprung in Gott, beruhen auf dem Schöpfungsplan und gehören in den Plan der Erlösung. Man könnte vielleicht, mit einer etwas gewagten Formulierung, sagen: Die Rechte des Menschen sind auch die Rechte Gottes« (Ansprache, 7.4.1998).

Gerade wenn es um die Verteidigung der Rechte des Gewissens ging, leuchtete das Beispiel des Thomas Morus in hellem Licht. Man kann davon sprechen, daß er auf einzigartige Weise den Wert eines sittlichen Gewissens lebte, das »Zeugnis von Gott selbst [ist], dessen Stimme und dessen Urteil das Innerste des Menschen bis an die Wurzeln seiner Seele durchdringen« (Apostolisches Schreiben Veritatis splendor, Nr. 58), auch wenn er im Hinblick auf das Vorgehen gegen die Häretiker, die Grenzen der Kultur seiner Zeit erfahren mußte.

Das Zweite Vatikanische Konzil bemerkt in der Konstitution Gaudium et spes, daß in der heutigen Welt »das Bewußtsein der erhabenen Würde« wächst, »die der menschlichen Person zukommt, da sie die ganze Dingwelt überragt und Träger allgemeingültiger sowie unverletzlicher Rechte und Pflichten ist« (Nr. 26). Der Fall des heiligen Thomas Morus macht eine Grundwahrheit der politischen Ethik deutlich. Die Verteidigung der Freiheit der Kirche gegen unrechtmäßige Einmischungen seitens des Staates ist nämlich gleichzeitig Verteidigung – im Namen des Primats des Gewissens – der Freiheit der Person gegenüber der politischen Macht. Darauf beruht das Grundprinzip jeder zivilen Ordnung, die der Natur des Menschen entspricht.

5. Ich vertraue deshalb darauf, daß die Erhebung der herausragenden Gestalt des heiligen Thomas Morus zum Patron der Regierenden und der Politiker der Gesellschaft zum Wohl gereicht. Im übrigen steht diese Initiative in vollem Einklang mit dem Geist des Großen Jubiläums, das uns in das dritte christliche Jahrtausend führt.

Nach reiflicher Überlegung gebe ich daher gern dem an mich gerichteten Ersuchen statt und ernenne und erkläre den heiligen Thomas Morus zum himmlischen Patron der Regierenden und der Politiker. Gleichzeitig gewähre ich, ihm alle Ehren und liturgischen Privilegien zu erweisen, die den Patronen von Berufsständen zustehen.

Gelobt und gepriesen sei Jesus Christus, der Erlöser des Menschen gestern, heute und in Ewigkeit.

Gegeben zu Rom, bei Sankt Peter, am 31. Oktober 2000, dem dreiundzwanzigsten Jahr meines Pontifikates.

IOANNES PAULUS PP. II

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Quelle

 

Die zwei Martyrien des Oscar Romero

Die Verehrung ist international groß: Oscar Romero

Er steht für die Theologie des Zweiten Vatikanischen Konzils und den Einsatz für Arme und Leidende aus dem Geist des Evangeliums. Und genau deswegen wurde er ermordet: Vor genau 100 Jahren wurde Oscar Arnulfo Romero geboren, der 1980 während der Feier einer Messe von einem Soldaten erschossen wurde.

Gefeiert wird aber nicht nur in seinem Heimatland El Salvador, sondern auch in Europa. Überhaupt war Romero seit seiner Ermordung immer schon über sein Land hinaus eine bedeutende Gestalt, auch vor seiner Seligsprechung 2015. Der Grund dafür sei sein klares, universell verstehbares Zeugnis, das er für die Frohe Botschaft abgelegt habe. Das sagt Erzbischof Vincenzo Paglia, Promotor im Heiligsprechungsprozess Romeros.

Feiern in London und in El Salvador

Konsequenterweise predigt Paglia bei einer großen Feier an diesem Samstag in London, bei der Romero geehrt wird. Und Romero wird in London nicht nur katholisch geehrt: Außer der Messe in der Kathedrale Southwark im Süden der Stadt wird es im September eine ökumenische Vesper im der Westminster Abbey geben, also der anglikanischen Kirche, die bereits 1998 eine Statue des katholischen Märtyrers zentral an ihrer Fassade angebracht hat. Neben Romero stehen dort auch Martin Luther King, Dietrich Bonhoeffer und Maximilian Kolbe.

Das Zeugnis Oscar Romeros geht über El Salvador und über die katholische Kirche hinaus, so Paglia. „Es ist kein Zufall, dass am 24. März, also am Tag seines Martyriums, die Kirche alle zeitgenössischen Märtyrer feiert. Außerdem haben die Vereinten Nationen diesen Tag ausgewählt, um ihn als ‚Tag des Rechts auf Wahrheit und für die Würde der Opfer’ zu begehen.“ Heute an diesen Mann zu erinnern und ihn zu feiern sei wichtig besonders in der Welt heute, wo Leben immer mehr genommen und immer weniger geschenkt werde, so Paglia.

Widerstände

Romero stehe aber nicht nur für nationen- und konfessionsübergreifende Einheit. Es habe auch immer Widerstand gegen Romero gegeben, zu seinen Lebzeiten, aber auch nach seinem Tod, auch in der Kirche. Selbst sein eigenes Bistum und seine Nachfolger haben ihn als politischen Unruhestifter gesehen, das war mit Ursache für die lange Verzögerung der Seligsprechung. „Nicht nur bei ihm in seiner Heimat, sondern auch außerhalb hat es diese Widerstände gegeben, auch hier bei uns“, kommentiert Paglia. „Dieser Widerstand ist geboren als Reaktion auf das, was das Zweite Vatikanische Konzil gelehrt und die lateinamerikanische Kirche sofort nach dem Konzil bekräftigt hat: Das Evangelium ist nicht indifferent. Das Evangelium ist nicht nur eine Devotion. Das Evangelium ändert die Welt und Romero hatte verstanden, dass man, um die Welt zu ändern – wie das Evangelium sagt – mit der Liebe für die Armen beginnen muss. Viele haben geglaubt, dass diese Option für die Armen eine politische Entscheidung gewesen sei, aus marxistischer Analyse heraus. Das war aber nicht so. Die Entscheidung für die Armen ist dieselbe Entscheidung, die Jesus getroffen hat.“

Widerstand gegen das Konzil

Das Zweite Vatikanische Konzil habe diese Option Jesu noch einmal deutlich in den Mittelpunkt gestellt, Romero sei in diesem Sinn auch ein Märtyrer für das Konzil. „Mich beeindruckt immer noch, mit welchen Worten Papst Paul VI. das Konzil beendet hat. Er stelle sich das Konzil vor wie den barmherzigen Samariter, der sich um den Mann am Straßenrand kümmert. Genau das hat Romero getan.“

Papst Franziskus unterstreiche genau diese Botschaft heute neu, so Erzbischof Paglia. Und er kenne auch die Opposition gegen Romero in der Kirche, bis heute. Deswegen habe der Papst vor Pilgern aus El Salvador ausdrücklich vom „Martyrium post mortem“, also quasi einem zweiten Martyrium an seinem Ruf und seiner Würde, gesprochen. „Eine solche Opposition richten heute auch einige gegen die Botschaft von Papst Franziskus.“

Die Frohe Botschaft will die Welt verändern

Die Frohe Botschaft lasse die Welt nicht, wie sie ist, betont Erzbischof Paglia noch einmal. Sie könne und dürfe nicht gleichgültig bleiben, im Gegenteil, sie verändere wie Welt. „Das Evangelium verlangt eine Entscheidung, verlangt an der Seite der Armen und Leidenden zu sein. Deswegen hat Papst Franziskus ja auch die Opposition ‚post mortem’ gegen Romero betont und an Jesu Worte angeschlossen: ‚Wenn sie mich verfolgt haben, werden sie auch euch verfolgen’.“

Am 23. Mai 2015 sprach Papst Franziskus Erzbischof Romero selig. Die letzte Zweifel, ob es eine politische Tat war und keine gegen Glaube und Kirche gerichtete, waren damit ausgeräumt. Wann es zur Heiligsprechung komme, darüber will sich Paglia nicht festlegen, aber wenn der Prozess gut verlaufe, dann könne es schon im kommenden Jahr soweit sein.

Hintergrund

Romero starb am 24. März 1980, erschossen am Altar auf Befehl der politisch Mächtigen. Seine Ermordung war ein Fanal im heraufziehenden Bürgerkrieg zwischen Sicherheitskräften, rechten Todesschwadronen und linken Guerillagruppen. Bis 1992 kamen rund 75.000 Menschen ums Leben.

Romero wusste um die Gefahr, denn er predigte noch unmittelbar vor seinem Tod: „Wer sich davor hütet, die Gefahren des Lebens auf sich zu nehmen, so wie es die Geschichte von uns verlangt, der wird sein Leben verlieren. Wer sich hingegen aus Liebe zu Christus in den Dienst der anderen stellt, der wird wie das Samenkorn, das stirbt, aber in Wirklichkeit lebt.“

In El Salvador gibt es zu Ehren Oscar Romeros eine nationale Pilgerreise, von der Kirche im Land organisiert. Unter der Überschrift „Camino de Monseñor Romero”, „Der Weg von Bischof Romero“, geht es ab diesem Freitag in der Hauptstadt San Salvador an der Bischofskirche los.

(rv 11.08.2017 ord)

Schweiz: Bischöfe erinnern zur Bundesfeier an Bruder Klaus

Bruder Klaus – RV

Wir leben „außenorientiert“, sind in der Welt ständig von Reizen umgeben. Aber macht uns das glücklich? Diese Frage stellt die Schweizer Bischofskonferenz zum Auftakt der Wallfahrt in den Flüeli Ranft, die dem Nationalheiligen der Schweiz gilt. Dort im Flüeli lebte von 1467 bis 1487 Niklas von Flüe, genannt „Bruder Klaus“. In einer Videobotschaft zur schweizerischen Bundesfeier am 1. August erinnert der Weihbischof des Bistums Chur, Marian Eleganti, an den Heiligen, der vor 600 Jahren geboren wurde.

„Ein Aussteiger. Und ein Heiliger. Wohlhabend, Bauer, Familienvater, Politiker; nach eigenen Worten ‚angesehen und mächtig‘. Aber er war auch ein Visionär, ein Gottsucher. Er kannte sie gut, die Welt. Nur zu gut, um sich für immer in ihr einzurichten.“

Deshalb gab Niklaus von Flüe sein weltliches Leben auf und begann ein Leben in der Stille, als Einsiedler im Flüeli-Ranft. Er fastete, betete und wurde zum Ratgeber für zahlreiche Menschen, die ihn auf dem Ranft besuchten und nach Antworten auf ihre spirituellen Fragen suchten. Beim Stanser Verkommnis, einer Übereinkunft zwischen streitenden Stadt- und Landorten, spielte „Bruder Klaus“ eine wichtige Rolle als Friedensstifter.

Schon zu Lebzeiten wurde er als Heiliger verehrt; später bezogen sich die Reformatoren Zwingli und Bullinger auf die politischen Lehren des Niklaus von Flüe. Katholiken heben eher seine religiöse und mystische Lehre hervor. Während seiner neunzehneinhalb Jahre im Ranft soll er komplett ohne Nahrung ausgekommen sein – das wird als ein Zeichen der Liebe Gottes gewertet.

Für Weihbischof Eleganti können auch Menschen heute viel von Bruder Klaus lernen: „Irgendwie bleibt sich der Mensch gleich – er wird versucht, abgelenkt vom Wesentlichen. Wir hören das nicht so gerne, denn wir lieben die Welt. Trotzdem wahr.“

Sich wieder auf das Wesentliche zu besinnen, das wahre Freiheit eröffnet – das sind Ziele der Wallfahrt zum Flüeli Ranft, zu der die Bischofskonferenz im Anschluss an ihre nächste ordentliche Vollversammlung einlädt. Der Weg wird am 6. September 2017 um 10.15 Uhr beim Gästehaus Kloster Bethanien in St. Niklausen/Obwalden beginnen und um 11.15 Uhr mit einer öffentlichen Eucharistiefeier im Ranft abschließen.

Im 600. Jahr nach der Geburt des Heiligen finden außerdem Ausstellungen in katholischen und protestantischen Kirchen, Vorträge und szenische Gottesdienste zu Ehren von Niklaus von Flüe statt. Bis September wird auf einer Wiese in St. Niklausen auch ein Visionsgedenkspiel aufgeführt, inspiriert von Bruder Klaus‘ Pilgervision.

(rv 31.07.2017 jm)

Bischof Voderholzer: Statio zur Messfeier in Mindelstetten zum Anna-Schäffer-Gebetstag am 26. Juli 2017

Mindelstetten, Pfarrkirche St. Nikolaus / Wikimedia Commons – Rensi, Public Domain

 

Liebe Mitbrüder im Priester- und Diakonenamt, liebe Schwestern und Brüder im Herrn,

die Sie sich auch vom regnerischen Wetter nicht haben abhalten lassen, heute am Festtag der heiligen Joachim und Anna wieder in so großer Zahl zum Anna-Schäffer-Gebetstag nach Mindelstetten zu kommen.

Beim Wettersegen beten wir um „gedeihliches Wetter“, und der Regen war ja so notwendig, so wollen und dürfen wir uns nicht beklagen, auch wenn wir deshalb heute unter Regenschirmen die Heilige Messe feiern. Es soll unserer Andacht und der Inständigkeit unserer Gebete keinen Abbruch tun. Danken wir vielmehr auch für den Regen, der der Natur, vor allem den Wäldern, so gut tut.

Ich danke Ihnen allen für Ihr Glaubenszeugnis, danke auch allen, die den Anna-Schäffer-Gebetstag organisatorisch gestalten und tragen, danke den Geistlichen, den Beichtvätern usw.

Wir ehren am heutigen Tag die Eltern der Gottesmutter Maria und somit die Großeltern Jesu, Joachim und Anna, und wir danken Gott für die Gnade, die er der heiligen Anna Schäffer geschenkt hat, dass er sie durch das Leiden zur Heiligkeit geführt und so uns allen eine Fürsprecherin im Himmel, aber auch ein Vorbild der Glaubensstärke und Treue geschenkt hat.

Wir wollen den Herrn bitten, dass er auch uns erneuere im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe. Deshalb bitten wir zu Beginn dieser Feier um Vergebung und Erbarmen:

Erbarme Dich, Herr unser Gott, erbarme Dich, …

Predigt

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!

Am vergangenen Freitag, den 21. Juli, wurden die statistischen Zahlen für die katholische Kirche und die evangelische Kirche in Deutschland für das Jahr 2016 veröffentlicht. Sie haben wahrscheinlich das eine oder andere davon in Rundfunk und Fernsehen oder über die Zeitungen mitbekommen.

Das Ergebnis war wenig überraschend. Die Kirchenaustrittszahlen liegen nach wie vor besorgniserregend hoch, auch wenn sie in der katholischen Kirche gegenüber dem Vorjahr 2015 um etwa 11 Prozent zurückgegangen sind. Die Zahl der Taufen ist sogar leicht gestiegen, die der Trauungen ein wenig gesunken. In Hamburg und Berlin steigen die Katholikenzahlen, bedingt durch den Zuzug von katholischen Ausländern; insgesamt ist die Zahl der Katholiken in Deutschland aber rückläufig.

Liebe Schwestern und Brüder, ich will sie heute am Anna-Schäffer- Gedenktag nicht mit Zahlen und Statistiken langweilen. Aber die Reaktionen in der Öffentlichkeit auf diese Zahlen sind doch bemerkenswert und führen uns dann doch in die Tiefe.

Da wird uns als Heilmittel zur Umkehr dieses Trends und zur Wahrung unserer gesellschaftlichen Relevanz immer wieder geraten, dass wir uns – wörtlich – „weiter öffnen und von starren konservativen Dogmen verabschieden“.

Näherin heißt das dann:

  • Abschaffung der Ehelosigkeit der Priester;
  • Verzicht auf unterschiedliche Aufgaben und Berufungen von Frauen und Männern in der Kirche und Zulassung von Frauen zum apostolischen Dienstamt;
  • Zustimmung zur Forderung nach völliger rechtlicher Gleichstellung von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften mit der Ehe;
  • Öffnung der Kommunionzulassung für alle usw.

Sie kennen diesen Katalog der Forderungen so gut wie ich.

Liebe Schwestern und Brüder! Wie problematisch diese Ratschläge sind, lehrt aber doch bereits ein kurzer Blick auf die Statistik der evangelischen Kirche. Wenn die Umsetzung der genannten Ratschläge wirklich ein Weg zu einer Verbesserung der kirchlichen Lage wäre, dann müsste in der evangelischen Kirche doch das blühende Leben zu beobachten sein.

Was aber sagt die Statistik? Aus der evangelischen Kirche, in der alle diese Forderungen doch im Grunde erfüllt sind und wo es alle diese vermeintlichen Erschwernisse des Kircheseins nicht oder nicht mehr gibt, aus der evangelischen Kirche treten – und zwar mit Ausnahme von 2014 schon seit Jahren – mehr Menschen aus als aus der katholischen Kirche. Darüber aber wird in der Öffentlichkeit weitgehend sehr vornehm geschwiegen, obwohl die Zahlen am selben Tag der Öffentlichkeit vorgestellt wurden. Wird darüber vielleicht auch deshalb vornehm geschwiegen, weil andernfalls die eklatante Schwäche, ja die Widersprüchlichkeit und Widersinnigkeit der „guten“ Ratschläge an die katholische Kirche offenkundig würde?! Kann man uns denn allen Ernstes den Weg der evangelischen Kirche als Heilmittel empfehlen, der so offenkundig zu einer noch größeren Entfremdung von Glaube und Kirche geführt hat? Ich sage das ohne Häme! Ich kenne evangelische Mitchristen, die mir in dieser Einschätzung der Lage vollkommen zustimmen und die uns Katholiken warnen, dieselben Fehler zu machen.

Wir müssen in der ganzen Debatte viel tiefer ansetzen. In der Kirchenstatistik wird eine seit Jahren fortschreitende Säkularisierung, eine Verweltlichung sichtbar, ein Schwund an Kirchenbindung und letztlich ein Rückgang an Glaubenssubstanz, eine Verflüchtigung des Gottesbewusstseins. Deshalb haben wir auch nicht eigentlich einen Priestermangel, sondern einen viel fundamentaleren Glaubensmangel. Der Priestermangel ist ein Symptom, wie das Fieber. Das Fieber ist ja nicht selbst die Krankheit, sondern das Fieber weist auf einen Entzündungsherd hin. Ich bin mir sicher: Das Fieber des Priestermangels weist auf die Krankheit des Glaubensmangels hin. Übrigens kennt auch die evangelische Kirche längst das Phänomen des „Pfarrermangels“, weil es zu wenig junge Leute gibt, die Theologie studieren und sich auch beruflich ganz in den Dienst des Evangeliums stellen wollen; das alles ohne Zölibat und trotz der Möglichkeit auch für Frauen, das Pfarramt zu übernehmen! Das sollte uns doch zu denken geben hinsichtlich der wahren Gründe für den Schwund an Kirchlichkeit.

Liebe Schwestern und Brüder, versammelt am Grab der heiligen Anna Schäffer! Uns allen liegen das Erscheinungsbild und das Geschick der Kirche am Herzen. Aber nicht deshalb, weil wir zu ihr wie zu einem Verein gehören, dessen öffentliches Ansehen und dessen Stärke oberstes Ziel wären; sondern um der Botschaft willen und um der Menschen willen, um derentwillen Gott in Jesus Christus Mensch geworden ist. In der Kirche nimmt er uns in Dienst für sein Evangelium. Dabei hat uns der Herr nicht verheißen, dass wir immer die Mehrheit sein würden; er hat uns vielmehr Gegenwind und Widerstand vorausgesagt.

Deshalb sollten wir uns auch gar nicht so viel mit Zahlen und Statistiken beschäftigen. Uns muss es darum gehen, dass durch unser Leben aus dem Glauben das Evangelium in unserer Umgebung leuchten kann.

Überall, wo wir das Evangelium durch Unaufmerksamkeit, Lieblosigkeit und Hartherzigkeit verdunkeln, sind wir aufgerufen, umzukehren und dem Herrn wieder Raum zu geben.

Statt ständig an den Strukturen, auch und gerade den sakramentalen Strukturen der Kirche herumzumäkeln, statt die Botschaft des Evangeliums zu verdünnen und statt eine Light-Version von Jesus zu verkünden, ist Evangelisierung angesagt, eine Durchdringung der Gesellschaft mit dem Geist Jesu. Und der erste und alles entscheidende Schritt auf diesem Weg ist das tägliche Bemühen um Heiligkeit, das tägliche Hören auf Gottes Wort und die Bereitschaft, mit der Reform der Kirche bei mir selbst anzufangen. Denn das heißt Reformation: Erneuerung aus dem Glauben, Wiederherstellung des Bildes Christi, das uns in Taufe und Firmung eingeprägt ist. Wo uns das in der Gnade Gottes geschenkt wird, wo uns das gelingt, da werden wir die Menschen auch unserer Tage wieder neugierig machen auf den Glauben, der uns trägt. Und dann werden wir auch Rechenschaft geben können, über die Hoffnung die uns erfüllt.

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn! Die heilige Anna Schäffer ist uns bei dem für unsere Zeit angesagten Bemühen um Evangelisierung in jeder Hinsicht ein Vorbild und auch eine Fürsprecherin.

Sie wollte ihr Leben drangeben für die Mission in der Ferne. Der Herr aber hatte sie bestimmt für die Mission in der Heimat. Bevor sie freilich für viele zur Trösterin und Quelle von Glaubensfreude werden konnte, musste sie sich selbst noch einmal neu und radikal evangelisieren lassen. Die Annahme ihres Leidens als Teilhabe am Kreuz Christi war alles andere als leicht. Ans Bett gefesselt und den Blick aufs Kreuz gerichtet, hat sie sich diesem Prozess der inneren Heilung und Verwandlung gestellt. So wurde sie zu einem leuchtenden Zeichen des Wirkens Gottes, zur Glaubensbotin für ungezählte Menschen und schließlich zur Heiligen der katholischen Kirche.

Und so bitten wir sie heute um ihre Fürsprache, dass der Herr jedem und jeder von uns die Gnade schenke, mit der Reform der Kirche bei sich selbst anzufangen; dass wir den Mut aufbringen, uns täglich neu selbst evangelisieren zu lassen und auf diese Weise bereitet werden, der Sendung der Kirche zu dienen – zum Heil für die Menschen, und zur Verherrlichung des dreifaltigen Gottes, dem die Ehre sei, heute, alle Tage, und in Ewigkeit, Amen.

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Quelle

DIE HEILIGE MUTTER ANNA

Über die Lebensverhältnisse der heiligen Mutter Anna gibt die heilige Schrift keine Andeutung. Dasselbe Schweigen beobachten wir in dem Heilsplane Gottes öfter, wenn es sich um solche Persönlichkeiten handelt, welche bestimmt sind, eine hohe Stellung im Gnadenreiche einzunehmen. Reich aber ist das, was uns die Überlieferung mitteilt, und gar mannigfaltig sind die Blüten, welche ihre Verehrung im christlichen Volksleben getrieben hat.

Die heilige Anna gehörte dem Stamme Juda an, und vermählte sich mit dem heiligen Joachim, welcher aus gleichem Stamme war. Die Sehnsucht nach dem Messias war der Stern und Trost ihres frommen Lebens; in innigem Gebet bestürmten sie den Himmel, dass er den senden möchte, auf den die Völker harrten. Von jedermann geachtet wegen ihrer geläuterten Tugend und besonders von den Armen geliebt, wandelten sie vor Gott. Ihre Einkünfte pflegten sie in drei Teile zu zerlegen; den ersten und besten sandten sie nach dem Tempel in Jerusalem, den zweiten erhielten die Armen und mit dem dritten, dem schlechteren, begnügten sie sich. Zur Prüfung ihrer Unterwürfigkeit unter Gottes Pläne versagte der Himmel ihnen den Kindersegen. Israels Volk sah dies stets als ein Zeichen göttlichen Missfallens an. Tief kränkte es beide, als Joachim einst von einem Tempelpriester abgewiesen und ihm bedeutet wurde, er sei nicht würdig, ein Opfer zu bringen, da Gott in so auffälliger Weise ihm seinen Zorn bekunde. Allein ihre fromme Gesinnung wurde dadurch keineswegs getrübt; je mehr die Aussicht auf Erhörung ihres Flehens zu schwinden schien, um so fester wurde ihr Vertrauen und um so inniger ihr Versprechen, dass, wenn ihr Gebet Erhörung finden würde, sie das Kind dem Dienste des Allerhöchsten opfern wollten. Ihr Vertrauen ward belohnt; Gott legte ihr ein Kind in die Arme, auf welches Himmel und Erde mit innigster Liebe niederschauten. Doch dem Kinde war das Siegel des Opfers aufgedrückt, die Mutter hatte ja versprochen, es ganz dem Dienste des Allerhöchsten zu weihen. Als es daher drei Jahre zählte, führten sie ihr Kind zum Tempel, damit es dort unter den übrigen Tempeljungfrauen heranwachse zu einer Dienerin Gottes. Erfüllt mit großem Trost über die Nähe des Welterlösers, reich an Tugenden und Verdiensten, schlossen Anna und Joachim alsdann ihre Augen im Frieden des Herrn.

Aus Palästina kamen die Gebeine der heiligen Mutter Anna nach Konstantinopel, wo Kaiser Justinian I. und Justinian II. herrliche Kirchen ihr zu Ehren erbauten. Bald verbreitete sich ihre Verehrung im ganzen Morgen- und Abendland; durch den heiligen Apostel Jakobus soll sie zuerst nach Spanien gekommen sein. Die Kreuzfahrer brachten die Reliquien nach Frankreich, von wo sie den Kirchen der anstoßenden Länder zukamen. Eine mit auffallenden Inschriften und Darstellungen versehene Hand der Heiligen befindet sich im kaiserlichen Palaste zu Wien. Ihr Haupt wird in der St. Annakirche zu Düren von Pilgern aus nah und fern verehrt, welche zumal an ihrem Feste hinströmen. Dasselbe befand sich früher in der St. Stephanskirche zu Mainz; heimlich nahm ein Steinmetz es an sich, um es nach Kornelimünster zu bringen. Seine Mutter aber drang in ihn, es wieder an seinen Ort nach Mainz zu tragen. Da das Kloster Schwarzenbroich es nicht annahm, wandte er seine Schritte nach Düren zu den Franziskanern. Eine freudige Begeisterung bemächtigte sich der Stadt bei der Kunde, dass das Haupt der Mutter Anna sich in ihren Mauern befinde und unter großen Feierlichkeiten wurde es in die Hauptkirche übertragen. Seit dieser Zeit hat die Verehrung der heiligen Anna eine große Verbreitung im nördlichen Deutschland gefunden ; nicht weniger als 66 Gotteshäuser in Rheinland und Westfalen tragen ihren Namen. Christliche Eltern rufen sie an um ihren Beistand bei der Erziehung der Kinder. Auf Kirchhöfen findet man vielfach St. Anna-Kapellen. Sie ist die Patronin der Bergleute, wohl aus dem Grunde, dass ihre nächsten Angehörigen, der Heiland und Maria, in der heiligen Schrift oft mit Gold und Silber verglichen werden. In erzreichen Gegenden finden sich viele Gotteshäuser ihres Namens, ganze Ortschaften haben sich nach ihr benannt. Vielerorts knüpfen sich  schöne Volksfeste an ihre Verehrung. Die Kunst stellt sie dar als Matrone mit einem Buch, aus welchem ihr heiliges Kind liest; viel verbreitet waren früher Darstellungen, auf denen St. Anna die Mutter Gottes und diese wieder den Heiland auf dem Schoße trägt, man nannte diese Bilder mettertia, Selbdritt, daher wurde Anna auch oft die heilige Selbdritt genannt. Der  Maler gibt der Heiligen einen Mantel von grüner Farbe, weil sie uns die Hoffnung der Welt, Maria, geschenkt hat.

Lobsprüche auf St. Anna.

In den Schriften der heiligen Kirchenväter und anderer Heiligen finden wir folgende Lobsprüche auf die heilige Mutter Anna:

„Anna ist jener herrliche Baum, von dem ein abgelöster Zweige geblüht hat; sie ist das heilige Erdreich, welches den brennenden Dornbusch hervorgebracht, der nicht verbrannte; sie ist der erhabene Himmel, von dessen Höhe der Meeresstern sich seinem Aufgange genaht hat. Anna ist die gesegnete Unfruchtbare, die des Besuches der Engel sich erfreute; sie ist die Gesegnete unter den Frauen, glückliche Mutter unter den Müttern; aus ihrem reinen Schoße ging hervor der leuchtende Tempel des Herrn, das Heiligtum des Heiligen Geistes, die Mutter Gottes.“ „O keuscher Schoß Annas, o heiliger Leib, in welchem dieser lebendige Himmel, der über alle andern weit erhaben ist, empfangen wurde! Anna, Joachim, glückliches, fleckenloses Paar, von euch kann man mit dem Heilande sagen: Man kennt euch an der Frucht eurer Verbindung; ihr lebet heilig in einer schwachen, menschlichen Natur und habt uns dadurch eine Tochter gegeben, welche höher steht als die Engel, deren Königin sie ist.“

Gebet.

O Gott, der Du in Deiner Gütigkeit der seligen Anna die Gnade verliehen hast, die Mutter der allerseligsten Gottesgebärerin zu werden, gewähre uns gnädig, dass wir, die wir ihr Fest begehen, durch ihre Fürbitte unterstützt werden. Amen.

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Quelle: Leben der Heiligen nebst praktischen Lehren für das katholische Volk – mit besonderer Berücksichtigung der deutschen und neueren Heiligen – von Herm. Jos. Kamp, Dechant. – Dritte Auflage – Mit Erlaubnis der geistlichen Obrigkeit. – Verlag der A. Laumann’schen Buchhandlung, Dülmen i. W., Verleger des heiligen Apostolischen Stuhles. – Imprimatur, die 13. Februarii 1911.

Siehe auch: