Der hl. Petrus Canisius: Die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel

Die leibliche Aufnahme Mariä
in den Himmel.*

1. Alle Menschen streben nach Glückseligkeit, den Christen aber ist es eigen, nicht bloß auf die Glückseligkeit der Seele zu hoffen, sondern auch auf die ihres Leibes, um auch auf diese Weise ihrem Haupte Christus gleichförmig zu werden. Der heilige Paulus verlangt aufgelöst zu werden und mit Christus zu sein, aber nicht bloß dies, sondern er erwartete den Erlöser, der seinen Leib gleichförmig machen werde dem Leibe seiner Herrlichkeit und er seufzte darnach, es möge das, was an ihm sterblich war, umgewandelt werden in Unsterblichkeit (Phil. 12. Kor. 5). So wird gewiß auch Maria immer darnach verlangt haben und sie um so mehr, weil sie aus dem vertrauten Umgang mit dem auferstandenen Sohn die Herrlichkeit eines verklärten Leibes kannte und weil sie gestützt auf ihre innige Verbindung mit ihrem Sohne großes Vertrauen auf Gott hatte, bat sie vor ihrem Tode Gott oft und inständig, daß sie bald mit Leib und Seele dorthin komme, wo ihr Sohn ist; der Heilige Geist wird ihr dieses Verlangen ins Herz gegeben haben, denn er ist es ja, der mit unaussprechlichen Seufzern in uns betet.

2. Die Kirche glaubt, daß Maria nebst vielen andern Privilegien auch dieses von Gott erhielt, daß ihr Leib nach ihrem Tode auferweckt und mit Unsterblichkeit bekleidet wurde. So erlangte also Maria auch die Seligkeit des Leibes und herrscht nun im himmlischen Reiche mit Leib und Seele. So lehren Antoninus von Florenz1, Thomas von Aquin2, der Fürst aller Kirchenlehrer, Albertus der Große3, der sagt, daß nicht bloß Maria sondern auch andere, die mit Christus von den Toten auferstanden, mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen wurden. Ebenso Bonaventura4 und Durandus. Letzterer sagt: „Zu Staub werden ist die allgemeine Strafe der Erbsünde und besteht darin, daß die menschliche Natur sich selbst überlassen wird, denn in diesem Falle muß der Leib von selbst zu Staub werden. Bei Maria aber wurde eine Ausnahme gemacht, weil Christi Leib auch nicht der Verwesung anheimfiel nach dem Worte des Propheten im Ps. 15: ‚Du wirst deinen Heiligen die Verwesung nicht schauen lassen‘, sein Leib ist aber aus dem Leibe der Jungfrau genommen, dieser durfte mithin auch nicht verwesen.“5 Auch Richard von St. Victor6 lehrt so. Bernhard7 aber beschreibt die Freude aller Himmelsbewohner, die sie hatten, als sie die Stimme Marias hörten, ihr Antlitz schauten, ihre Gegenwart genießen konnten, also glaubte er an ihre leibliche Auferstehung. Ebenso Augustin: „Christus, der sie auf Erden mehr als alle andern liebte durch Verleihung von Gnaden, ehrte sie auch nach dem Tode mehr als alle andern, indem er sie nicht den Würmern, dem Staub und der Fäulnis überließ, sie, die den geboren hat, der ihr und aller Menschen Erlöser ist.8 Amadeus: „Weil sie Christus mehr liebte als alle andern, deswegen sieht sie ihn auch besser, sieht ihn nicht bloß als Gott mit den Augen des Geistes, sondern auch als Menschen mit den Augen des Leibes.“9 Nicephorus: „Sie wurde zwar begraben, aber dann ins Paradies versetzt als Baum des Lebens. Wie, das weiß Gott, der dies getan.“10 Michael Glykas: „Sie war den allgemeinen Gesetzen der Natur unterworfen, starb und wurde begraben, ist aber dann lebendig vom Grabe auferstanden wie Christus; nur die Linnen, in denen sie begraben wurde, fanden sich vor.“11 Andreas von Jerusalem, Erzbischof von Kreta: „Weil sie den Urheber des Lebens geboren hat, wurde sie auch dorthin versetzt, wo die Quelle des ewigen Lebens war, wo nichts flüchtig und vorübergehend ist, wo es keine Beschwerden und Leiden dieses Lebens, keinen unangenehmen Wechsel der Dinge mehr gibt.“12 Der hl. Germanus, Patriarch von Konstantinopel: „Der Leib der Jungfrau wurde von den Toten auferweckt und wurde ganz geistig, unsterblich, unverweslich. Es ist ein menschlicher Leib, aber ein solcher, der zum unsterblichen Leben gelangte, absolut voll Leben, der nicht mehr sterben kann, denn er war das Gefäß, das Gott enthielt.“13Johannes Damascenus bezeugt, „sie sei am dritten Tage auferstanden und zu ihrem Sohne aufgenommen worden. Als Tochter der alten Eva ist sie zwar gestorben, wie auch Christus, obwohl das Leben selber, den Tod nicht von sich gewiesen hat, allein weil Mutter des lebendigen Gottes, wurde  sie zu ihm aufgenommen.“14 Seine Predigt über Marias Aufnahme in den Himmel nahm die Kirche in das Brevier des Festes auf. Juvenal, Erzbischof von Jersalem, ist ein gewichtigerer Zeuge als alle andern, weil er in allem, was die Kirche von Jerusalem betrifft, durchaus glaubwürdig ist. Vor dem Kaiser Marcian und der Kaiserin Pulcheria erklärte er auf dem Konzil von Chalcedon, er wisse es aus der langjährigen und wahrhaften Überlieferung der Vorfahren, daß die Apostel drei Tage beim Grabe der Mutter Gottes blieben und als sie es aufmachten, sei ihr Leib nicht mehr dort gewesen, sondern nur die Leintücher, ebenso wie es bei der Auferstehung Christi war.15 Kaiser Leo bezeugte auch dasselbe in einer Rede.16 Alle diese bezeugen die Auferstehung und die Aufnahme Mariä in den Himmel dem Leibe nach. Athanasius sagt, „Maria sitze zur Rechten ihres Sohnes, des ewigen Königs, im Himmel und zwar auch leiblich, nämlich mit unsterblichem und unverweslichem Leibe. Sie ist also bereits selig im Himmel nicht bloß der Seele nach, sondern auch im Leibe und herrscht dort mit Christus. Das sei gemeint unter dem Kleide der Königin, die zu seiner Rechten sitzt, nämlich ihr Leib angetan mit Unsterblichkeit, Unverweslichkeit Glanz und Herrlichkeit.“17

Die griechische Kirche singt schon seit Jahrhunderten am Feste der Himmelfahrt Mariä: „Die Heerscharen der Engel schützten den Leib der Jungfrau mit ihren Flügeln und trugen ihn in den Himmel als die lebendige Bundeslade des Herrn.“ Wie hätte aber die griechische Kirche dieses Fest unter so großem Zulauf des Volkes und mit solchen Gebeten und Gesängen feiern können, wenn ihr Glaube nicht in der Überlieferung der vorausgegangenen Jahrhunderte begründet gewesen wäre?

Die lateinische Kirche betet: Assumpta est Maria…: Aufgenommen ist Maria in den Himmel, es freuen sich die Engel und lobpreisen Gott“ und wieder: „Maria Virgo assumpta est…: Die Jungfrau Maria ist aufgenommen zum himmlischen Brautgemach, in welchem der König der Könige auf dem Throne sitzt, den die Sterne bilden“ und „Exaltata est…: Erhöht wurde die heilige Gottesgebärerin über alle Chöre der Engel in die himmlischen Gefilde.“ Schon in der Liturgie des heiligen Ambrosius finden wir dieses Fest. Von jeher wurde dieses Fest das Fest der assumptio genannt und wurde nur von ihr aber von keinem andern Heiligen gefeiert. Es bedeutet also die leibliche Aufnahme Mariä, denn die der Seele nach kommt allen Heiligen zu. Wir verehren aber nicht die ascensio, die Himmelfahrt, sondern nur die assumptio, die Aufnahme, weil nur Christus aus eigener Kraft aus dem Grabe stieg, Maria aber nur kraft der Gnade ihres Sohnes. Diese Anschauung, daß Maria mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen wurde, ist also schon Jahrhunderte alt und sitzt den Gläubigen so tief im Herzen, daß man jene, die dieses leugnen, gar nicht hören will und sie fürverwegene Streiter, ja eher für Ketzer als für Katholiken hält. Sogar einige von den Führern der Protestanten zur Zeit Luthers glaubten daran, hatten wenigstens nichts dagegen einzuwenden. Die Worte des königlichen Propheten: „Erhebe dich, o Herr, du und die Lade deiner Heiligkeit“ (Ps. 131) wenden die Väter auf die Auferstehung und Himmelfahrt Christi und seiner Mutter an; ebenso die Worte: „Es stand die Königin zu deiner Rechten“ usw. (Ps. 44) und verstehen unter diesem königlichen Kleid den verklärten Leib Marias. Was alle Gerechten erst bei der allgemeinen Auferstehung erhalten werden, das erhielt der König und die Königin des Himmels gleich nach ihrem Tode, damit die Himmlischen alle die leibliche Gegenwart beider genießen, bewundern und betrachten können.

3. Das göttliche Gesetz lehrt: „Ehre deinen Vater und deine Mutter.“ Wenn nun irgendein Sohn, dann hat Christus dieses Gebot gegen Maria aufs genaueste erfüllt, als sie noch auf Erden lebte; er ehrte sie noch besonders bei seinem Tode, also gewiß auch nach ihrem Tode, indem er ihren Leib vor der Verwesung bewahrte und ihm Unsterblichkeit verlieh.

In ihrem Leibe wurde er empfangen und bei seiner Geburt verletzte er ihre Jungfräulichkeit nicht, verdarb sie nicht, also ehrte er diesen Leib auch nach dem Tode durch eine ganz besondere Gnade, indem er ihren Leib nicht der Fäulnis überließ. Allerdings ist dies ein gewöhnliches, natürliches Ereignis, „aber das Fleisch Mariä ist ausgenommen, weil es das Fleisch Jesu ist“, sagt Augustin.18 Ihr Leib war zu gut für diese Erde, nur der Himmel war seiner würdig. Der Fluch, der über die erste Eva erging, lautete: ‚Ich will vermehren deine Leiden und deine Empfängnisse, in Schmerzen sollst du Kinder gebären und unter der Herrschaft des Mannes sein.‘ „Aber Christus nahm Maria aus von allen diesen Folgen der Erbsünde, von diesen allgemein geltenden Strafen, denn sie empfing von keinem Mann, sondern vom Heiligen Geist und blieb Jungfrau in der Geburt. Dies verdiente sie sich durch ihre ganz einzige Heiligkeit und durch ihre Gnadenfülle. So mußte es sein bei der Mutter eines Gottmenschen; sie gebar auch ohne alle Schmerzen. Also wird sie Christus auch vom andern Fluch bewahrt haben: ‚Staub bist du und zu Staub sollst du wieder werden.‘ Er ließ also ihren Leib nicht Staub werden, nicht der Verwesung anheimfallen. Dies geziemte sich für einen solchen Sohn, denn Jesus kann alles. Er sagte von sich: ‚Mir ist alle Gewalt gegeben im Himmel und auf Erden.‘ Wenn er sie also als Jungfrau unversehrt bewahren sollte, warum sollte er sie nicht auch vor Fäulnis und Verwesung bewahren?“19

Daß jener heiligste Leib, aus dem Christus sein Fleisch, die menschliche Natur annahm und mit seiner göttlichen Natur vereinigte, der Leib, in welchem also das Wort Fleisch, das heißtGott Mensch wurde, den Würmern zum Fraße hingegeben worden sei, das zu denken getraue ich mich nicht, das auszusprechen fürchte ich mich. Um dies zu behaupten, müßte jemand entweder Christi Macht oder Christi Liebe zu Maria leugnen wollen. Die Schrift sagt von Henoch, er sei der Erde entrückt worden und Elias im feurigen Wagen gegen Himmel geführt worden (Eccli. 44 u. 48); sie sind also nicht gestorben, sind von Gott nur aus der Welt hinweggenommen worden und führen irgendwo ein Leben ohne Leid, ohne Fehl, ohne Beschwerde; sie bewahren ihr Leben durch göttliche Kraft. Warum sollen wir also bei Maria zweifeln, daß, wenn sie auch gestorben ist, durch göttliche Kraft wieder zum Leben kam?

Maria muß man alles zuerkennen, was irgend einem Freund und Diener Gottes zuteil wurde. Nun berichtet aber Matthäus, es seien beim Tode Jesu die Leiber vieler Heiligen, die gestorben waren, aus dem Grabe auferstanden und die Auferstandenen seien in die Stadt Jerusalem gegangen und dort vielen Bewohnern lebendig erschienen (Mat. 27). Alle diese wurden gewiß mit Christus, als er zum Himmel auffuhr, in den Himmel aufgenommen, denn es wäre doch verwegen zu sagen, sie seien wieder zu Staub geworden; es lehren auch viele Theologen20, sie seien nicht mehr gestorben. Christus wollte nämlich, daß sie Zeugen seiner Auferstehung, aber auch Herolde und Genossen derselben seien. Sie wären aber keine wahren Zeugen, wenn sie nicht wirklich auferstanden wären. Gott tat dies zur größeren Ehre Christi, der sie auferweckte: damit sie nämlich noch bessere Zeugen Christi des Auferstandenen seien, machte er sie Christo dem Erstgeborenen unter den Toten gleichförmig. Zum Beispiel David wird auch unter diesen sein, weil Petrus (Apostelgesch. 2) von ihm nur bemerkt, sein Grab sei hier bei ihnen, er wagt nicht zu sagen, auch sein Leib. Sein Grab war leer, wie das der Mutter Gottes. Warum sollte nun dies nicht auch von Maria gelten, da Gott doch nichts unmöglich ist? Die drei Jünglinge im Feuerofen bewahrte Gott auch unversehrt, so daß nicht bloß ihr Körper vom Feuer nicht angegriffen wurde, sondern nicht einmal ihre Kleider, und der Prophet Jonas war im Bauche des Fisches und wurde dann unversehrt von ihm ans Land gespien und Daniel, der Prophet, wurde von den grimmigen Löwen nicht aufgefressen, alles durch Gottes Allmacht. Also konnte er auch den Leib Marias wunderbar erhalten. Und hat er schon bei jenen so große Wunder gewirkt, dann um so mehr bei Maria, seiner Mutter. Wie also Maria bei ihrer Entstehung und bei der Geburt Jesu vom allgemeinen Fluche der Menschheit durch ein ganz besonderes Privileg Gottes ausgenommen war, so auch bei ihrem glücklichen Hinscheiden. Gott gefiel es, bald nach der Trennung der Seele vom Leibe diesen zu einem herrlichen und unsterblichen Leben aufzuerwecken, mit der Seele wieder zu vereinigen und den mit der Seele wieder verbundenen Leib zu den himmlischen Wohnungen zu übertragen. Dies beweist Augustin mit vielen Gründen21, dies bekennt die ganze Kirche, dies legt der fromme Glaube von selbst nahe.

4. Wenn einige Väter22 sich scheinbar abweisend oder zweifelhaft über die leibliche Aufnahme Mariä in den Himmel ausdrücken, so wollen sie eigentlich nur verschiedeneunechte Bücher zurückweisen, die damals über das Hinscheiden Mariä geschrieben wurden und die manche Ungereimtheiten enthielten, wogegen sich die Väter scharf aussprechen. Sie sagen aber auch ausdrücklich, daß auch zu ihrer Zeit viele an die leibliche Aufnahme Mariä in den Himmel glauben und daß die, welche daran glauben, sagen, man finde den Leib des Apostels Johannes und Mariä nirgends. Sie bemerken auch, daß ja auch viele andere bei der Auferstehung Christi auferstanden seien und Gott nichts unmöglich sei, sie auch nichts dagegen hätten. Nur wollten sie die leibliche Aufnahme nicht ausdrücklich behaupten, weil zu ihrer Zeit dies noch nicht so klar erkannt wurde. Diese Väter heißen deswegen dieses Fest nicht assumpio Mariae: Aufnahme Mariä, sondern dormitio: Entschlafung oder dormitatio, weil sie nicht sicher waren, ob ihr Leib im Grabe blieb oder in den Himmel aufgenommen wurde. Solche Zweifel bestanden zur Zeit des heiligen Sophronius und Hieronymus. Wir aber erkennen jetzt dies klar und deutlich, unsere Glaubensvorfahren haben uns dies teils schriftlich, teils mündlich überliefert. Zweifelhafte Worte von Vätern müssen immer anders taxiert werden als Behauptungen, die sie aufstellen. Augustin, einer der größten Kirchenlehrer, erklärt es für ganz sicher, daß Maria mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen wurde. Er sagt: „Gott machte Maria sich freuen an Leib und Seele, und zwar unaussprechlich sich freuen an ihrem eigenen Sohn, mit ihrem eigenen Sohn und durch ihren eigenen Sohn. Sie blieb immer ungeschwächt und unversehrt, weil er sie mit Gnade ganz erfüllte; sie war vollkommen lebendig, weil sie das vollständige und vollkommene Leben aller gebar.“23 Die Kirche hat in der Vergangenheit über die leibliche Aufnahme Mariä in den Himmel nichts Bestimmtes zu glauben vorgeschrieben, weil die Apostel und Väter der nachfolgenden Jahrhunderte damit beschäftigt waren, die Grundlagen des wahren Glaubens in der Welt zu legen und deshalb lehrten und schärften sie die Himmelfahrt Christi, nicht Mariä, allen Gläubigen ein. Auch vieles andere, was in späteren Jahrhunderten nützlicherweise geglaubt wurde und geglaubt wird, haben sie noch nicht ausdrücklich berührtoder wenigstens nicht zu glauben vorgeschrieben. Die Kirche ging wie die Morgenröte auf und benimmt sich verschieden je nach Personen und Zeiten, wobei aber das Glaubensgut, das Christus und die Apostel ihr übergaben, natürlich immer vollständig und unversehrt bewahrt bleibt und das Fundament von allem ist, was man in der Kirche glaubt. Es gibt nämlich drei Gattungen von Wahrheiten in der Kirche: Solche, die ausdrücklich als Glaubenswahrheiten erklärt sind, von denen niemand ohne Gottlosigkeit abweichen darf. Andere, die gewiß sind kraft langjjährigen Glaubens der Gläubigen und Gebrauches der Kirche; ihnen zu widersprechen, wären Vermessenheit. Endlich gibt es Wahrheiten, die ebenfalls im öffentlichen Kult der Kirche enthaltensind, aber so, daß sie nur als frommer und wahrscheinlicher Glaube gelten. Diese werden immer um so wahrscheinlicher, je mehr Theologen sie verteidigen und je größer die Zustimmung der Gläubigen wird. Zu dieser dritten Klasse gehört die Wahrheit von der leiblichen Aufnahme Mariä in den Himmel. Denn viele ausgezeichnete Lehrer in der Kirche halten daran fest, der ganze christliche Erdkreis glaubt dies und zwar mit wunderbarer Übereinstimmung, der öffentliche Gottesdienst lehrt dasselbe und alle Rechtgläuigen sind davon überzeugt.

b) Aber es steht nichts davon in der Heiligen Schrift, könnte jemand sagen. Ich antworte: Nicht alles, was wahr ist, steht in der Heiligen Schrift, nicht alle Glaubens- und Sittenwahrheiten. Auch Augustin sagt, wo er von der Himmelfahrt Mariä spricht: „Auch vieles andere ist nicht ausdrücklich in der Heiligen Schrift enthalten. Vieles haben die heiligen Schriften uns selbst überlassen, zu finden, es aus den Aussprüchen der Heiligen Schrift zu schließen und wenn man es gefunden hat, sind dies keine unnützen, überflüssigen Dinge. Vieles ist in der Heiligen Schrift übergangen, was aber zu glauben seine guten Gründe hat.“24 Solche Einwürfe machen nur die Ketzer.25 Wie die Arianer sich immer auf die Heilige Schrift beriefen, so auch die Lutheraner. Und wie schon gesagt, wenn auch einige heilige Väter in den ersten Jahrhunderten daran zweifelten, so steht die Sache doch heute so, daß wir schon viel gewisser darüber sind, kühner sie verteidigen und offen gegen jene protestieren können, die sie leugnen wollen, mehr als dies in den ersten Jahrhunderten des Christentums möglich war. Die Kirche wächst mit den Jahrhunderten an Weisheit unter dem Einfluß des Heiligen Geistes, der ihr heiliger Führer ist, der sie lenkt und erzieht, denn aus den späteren Konzilien und der größeren Übereinstimmung der Theologen empfängt sie auch größeres Licht über die Wahrheiten und zeigt sie dann auch auf. Von andern Heiligen feiert man in der Kirche keine assumpio (Aufnahme), sondern nur ihren Todestag als Namenstag; nur bei Christus und Maria sagt man, sie hätten das Privileg ihrer leiblichen Aufnahme in den Himmel; von Christus sagt es das Evangelium, von Maria die Kirche. Die von Maria dieses leugnen, verstoßen zwar nicht gegen die Worte der Heiligen Schift, aber non sapiunt ad sobrietatem, sie sind nicht weise, sie widersprechen den gefeiertsten und besten Kichenvätern, entfernen sich nicht ohne Gefahr vom allgemeinen Glauben und vom Bekenntnis der Guten, das bereits die Kraft eines Gesetzes erlangt hat und vermindern die Ehre der würdigsten Junfrau.

 

Anmerkung: Der hl. Petrus Kanius verfaßte diesen Text um 1560, also lange vor der Dogmatisierung der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel. Seit dieser Dogmatisierung (1950) ist es keinem Glied der katholischen Kirche ohne schwere Verfehlung mehr erlaubt, an dieser Wahrheit zu zweifeln.

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Siehe auch:

Was Edith Stein über die Rolle der Frau in der Kirche dachte

„Je höher man aufsteigt zur Verähnlichung mit Christus, desto mehr werden Mann und Frau gleich (Regel des hl. Benedikt: Abt = Vater und Mutter). Damit ist die Beherrschung durch das Geschlecht vom Geistigen her aufgehoben“. Foto: Flickr / WBUR (CC BY-NC-ND 2.0)

Von AC Wimmer

WIEN , 09 August, 2018 / 9:45 AM (CNA Deutsch).-

Was würde Edith Stein, die große Intellektuelle und Heilige, über die Debatten über Frauen in der Kirche und „Gender“ heute sagen?

Sie ist berühmt für ihre menschliche Größe, ihre intellektuelle Brillanz, ihren christlichen Mut. Sie ist bekannt als Philosophin, als frühe Kämpferin für die Gleichberechtigung von Mann und Frau, als jüdische Konvertitin zum katholischen Glauben und karmelitische Ordensschwester, als Märteryin in Auschwitz: Edith Stein, die katholische Patronin Europas, die als Teresia Benedicta vom Kreuz ihren Platz unter den Heiligen der Kirche eingenommen hat.

Wir haben eine führende Expertin über Edith Stein gebeten, uns mit einem „Interview“ mit Zitaten und Positionen der Heiligen und frühen Frauenrechtlerin zu versorgen: Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz ist Professorin an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Benedikt XVI. des Stiftes Heiligenkreuz im Wienerwald und Autorin mehrerer Bücher und Artikel zum Thema.

CNA: Frau Dr. Stein, Sie sind als Philosophin wie als frühe „Feministin“ für die Gleichberechtigung von Frauen und Männer eingetreten. 

Natürlich! „Keine Frau ist ja nur eine Frau“! Sie ist auch eine Frau. So wie ich schon über Henrik Ibsens „Nora“ schrieb: „Sie weiß, daß sie erst ein Mensch werden muß, ehe sie es wieder versuchen könnte, Gattin und Mutter zu sein.“

Was aber nicht heißt, dass Geist und Körper – wie es die gnostische Häresie und die Gender-Theorie beide behaupten – getrennt werden kann?

So ist es. „Wovon wir ausgehen müssen, ist die Natur, die gegeben ist als weiblich oder männlich. […] Je höher man aufsteigt zur Verähnlichung mit Christus, desto mehr werden Mann und Frau gleich (Regel des hl. Benedikt: Abt = Vater und Mutter). Damit ist die Beherrschung durch das Geschlecht vom Geistigen her aufgehoben.“

Ich kann also unabhängig werden vom biologischen Geschlecht, aber nicht durch eine Ideologie wie Gender, sondern durch die Nähe zu Christus. Habe ich aber umgekehrt als Mann wie als Frau dann auch eine Bestimmung? Sogar eine Berufung?

Ganz klar. Und dies ist nicht als Unterdrückung, sondern als Bestimmung mit vielen Möglichkeiten zu sehen, die frei zu gestalten sind: „Der primäre Beruf der Frau ist Erzeugung und Erziehung der Nachkommenschaft, der Mann ist ihr dafür als Beschützer gegeben. […] Bei der Frau [treten hervor] die Fähigkeiten, um Werdendes und Wachsendes zu bewahren, zu behüten und in der Entfaltung zu fördern: darum die Gabe, körperlich eng gebunden zu leben und in Ruhe Kräfte zu sammeln, andererseits Schmerzen zu ertragen, zu entbehren, sich anzupassen; seelisch die Einstellung auf das Konkrete, Individuelle und Persönliche, die Fähigkeit, es in seiner Eigenart zu erfassen und sich ihr anzupassen, das Verlangen, ihr zur Entfaltung zu verhelfen.“

Das mag für manche Feministinnen schwierig klingen. Wie wollen Sie das denn begründen?

STEIN: Na, eben in der Schöpfung selbst. Schauen Sie, nur Frauen können wirklich Mütter sein: „Als die weibliche Seelengestalt herausgestellt habe ich die Mütterlichkeit. Sie ist nicht an die leibliche Mutterschaft gebunden. Wir dürfen nicht von dieser Mütterlichkeit loskommen, wo immer wir stehen. Die Krankheit der Zeit ist darauf zurückzuführen, daß nicht mehr Mütterlichkeit da ist.“

Welche Krankheit meinen Sie?

STEIN: Eine sehr moderne; eine Selbstkonstruktion, die das eigene Dasein nur noch als Maskenspiel auf einer sinnlosen Bühne ausgibt. Doch schauen Sie, dafür gibt es eine befreiende, heilsame Lösung: „(Liebe) ist ganz Gott zugewendet, aber in der Vereinigung mit der göttlichen Liebe umfaßt der geschaffene Geist auch erken­nend, selig und frei bejahend sich selbst. Die Hingabe an Gott ist zugleich Hingabe an das eigene gottgeliebte Selbst und die ganze Schöpfung.“

Die Gender-Theorie erklärt, dass das biologische Geschlecht (sex) völlig getrennt gesehen werden kann, ja muß, vom „sozialen Geschlecht“ (gender). Stimmen Sie zu? Ist das mit dem christlichen Menschenbild vereinbar?

STEIN: Nein. „Daß die menschliche Seele eingesenkt ist in einen körperlichen Leib […], das ist kein gleichgültiges Faktum. […] Der Leib ist als solcher charakterisiert und von dem puren materiellen Körper, der ihn mitkonstituiert, dadurch abgehoben, daß alle seine Zustände und alles, was ihm widerfährt, gespürt wird oder doch gespürt werden kann. Alles Leibliche hat eine Innenseite, wo Leib ist, ist auch ein inneres Leben. Er ist nicht etwa ein Körper, der empfindet, sondern gehört als Leib notwendig einem Subjekt zu, das mittels seiner empfindet, dessen äußere Gestaltung er darstellt und das mittels seiner in die äußere Welt gestellt ist und gestaltend einzugreifen vermag, das seine Zustände spürt.“

(Publiziert in einer früheren Fassung am 8. November 2015)

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Italien: Assisi begeht Portiuncula-Ablass mit Pater Pio

Mehr denn je braucht die Welt heute Versöhnung. Darum geht es bei einem Fest, das immer am 2. August in Assisi, der Stadt des Heiligen Franziskus, gefeiert wird: beim sogenannten Portiuncula-Ablass. Bei der „großen Vergebung von Assisi“, wie die Italiener dieses Fest nennen, spielt dieses Jahr eine Reliquie von Pater Pio eine Rolle.

Es handelt sich um die Kutte, die der Kapuziner trug, als er vor 100 Jahren die Stigmata empfing, die Wundmale Jesu. Pater Pio starb 1968, vor 50 Jahren, und gilt heute als populärster Heiliger Italiens – zusammen mit Franz von Assisi.

„Das ist ein schöner Anlass, weil er uns auch die Stigmatisierung des heiligen Franziskus vor Augen führt – und das heißt, die Annäherung des heiligen Franziskus wie des heiligen Pater Pio an die Passion von Jesus Christus”, sagte im Gespräch mit Vatican News Pater Giuseppe Renda, Kustode der Portiuncula. „Beide haben eine grundlegende Erfahrung Gottes gemacht. Sie weisen bis heute einen Weg, der zu Gott führt. Dieser Weg ist das Sich-selbst-Verschenken aus Liebe zur Menschheit und zum Herrn.“

“ Franz von Assisi und Pater Pio: Sie weisen bis heute einen Weg, der zu Gott führt ”

Portiuncula, so heißt das kleine Kirchlein innerhalb der Basilika Santa Maria degli Angeli in Assisi, das eng mit Franz von Assisi verbunden ist. Der Überlieferung zufolge stellte der Heilige die verfallene Kapelle mit eigenen Händen wieder her, nachdem Jesus ihn gebeten hatte: „Bau mein Haus wieder auf“. In der Portiuncula betend, entschloss sich der junge Mann aus reichem Haus, Jesus in Armut nachzufolgen: Hier nahm also der Franziskanerorden seinen Anfang und mit ihm eine einschneidende Reform der abendländischen Christenheit.

Der Überlieferung zufolge erwirkte Franz von Assisi vom Papst vor nunmehr gut 800 Jahren einen Ablass für Pilger zur Portiuncula, der noch heute allen Katholiken zugänglich ist. Die „große Vergebung von Assisi“ zieht nach wie vor jedes Jahr viele Pilger an. Pater Giuseppe Renda verortet den größten Bedarf an Vergebung und Versöhnung in unserer Zeit im Umgang der Völker miteinaner.

“ Wir müssen zu einer Ökonomie der Gemeinschaft kommen ”

„Wir sollten christlich darum ringen, dass die Völker sich gegenseitig als Brüder erkennen. Deshalb müssen wir zu einer Ökonomie der Gemeinschaft kommen. Wir müssen uns für ein echtes Gemeinwohl einsetzen, das parteiische Interessen übersteigt. Und dies kann nur geschehen, wenn die Heiligkeit des Lebens, der menschlichen Person, wiederhergestellt wird. Es gibt Rechte, die nicht verletzt werden dürfen: das Recht zu existieren, zu arbeiten, ein friedliches Leben zu führen. Der Apostel Paulus bittet auch darum, für die Herrscher zu beten, damit sie gerechte und weise Gesetze schaffen können. Gott will, dass die Menschen ein ruhiges Leben auf Erden führen. Wenn es uns gelingt, eine wirkliche Ökonomie der Gemeinschaft zu erreichen, werden wir bereits einen guten Schritt nach vorn gemacht haben.“

Papst Franziskus hatte vor zwei Jahren, am 4. August 2016, die Portiuncula-Kapelle besucht und sich dabei spontan als Beichtvater zur Verfügung gestellt. In seiner Ansprache sagte er, die Welt brauche Vergebung und Barmherzigkeit. „Die Barmherzigkeit in der Welt von heute zu bezeugen, ist eine Aufgabe, der sich keiner von uns entziehen kann“, sagte der Papst. Zu viele Menschen lebten eingeschlossen in Groll und Hass, weil sie unfähig seien zu vergeben. In Assisi, der Stadt seines Namenspatrons als Papst, war Franziskus bereits zuvor zum Friedensgebet der Religionen gewesen.

(Vatican News – gs)

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Der heilige Beichtvater Leopold Mandić OFMCap

Der hl. Leopold Mandić OFMCap (sprich: Mahn-ditsch) wurde in Herceg-Novi (ital. Castelnuovo) in der Bucht von Kotor (ital. Cattaro, bis 1918 Teil des Kgr. Dalmatien in Österreich-Ungarn, heute in Montenegro) am 12. Mai  1866 geboren und starb in Padua (ital. Padova) am 30. Juli 1942. Er ist der zweite kanonisierte kroatische Heilige, und war ein Priester, Kapuziner und bekannter Beichtvater. Die Einheit der Christen lag ihm besonders am Herzen.

In Kroatien ist er unter dem Namen Leopold Mandić bekannt, in Italien findet man oft auch noch den Zusatz da Castelnuovo.

Seine Eltern Petar und Dragica (geb. Carević) stammen aus dem kleinen Ort Zakučac bei Omiš in der Nähe von Split (Kroatien), wo sich heute auch ein ihm geweihtes Heiligtum befindet.

Bei der Taufe+ bekam er den Namen Bogdan und nahm beim Eintritt in den Kapuzinerorden den Namen Leopold an. Er war das jüngste von zwölf Kindern. Seine Eltern waren tief gläubig. So ging der Vater mit dem kleinen Bogdan jeden Morgen zur Hl. Messe und zur eucharistischen Kommunion, was damals recht ungewöhnlich war. Er lernte schon in der Familie von klein auf viel zu beten.

In Herceg-Novi lebten viele Orthodoxe, so dass Bogdan schon sehr früh mit der Trennung der Christen konfrontiert wurde. Als kleiner Junge sagte er schon: „Ich werde mich der Rettung so vieler armer und unglücklicher Menschen widmen. Ich will ihr Missionar werden.“ Beeindruckt von der uneigenützigen Arbeit der Kapuziner in seiner Heimatstadt, die auch von den Orthodoxen geschätzt wurde, dachte Bogdan, dass er sein missionarisches Streben am besten bei ihnen erfüllen könnte. Die Eltern stimmten seiner Berufung zu, obwohl ihnen der Abschied sehr schwer fiel.

Im Alter von 16 Jahren tritt er in das Serafische Seminar in Udine (Norditalien) ein. (Damals gehörte Dalmatien zum Patriarchat von Venedig.) Nach zwei Jahren beginnt er in Bassano das Noviziat der venetischen Kaupzinerprovinz. Am 2. Mai 1884 zieht er den Habit an und bekommt den Namen Leopold. Am 4. Mai 1885 legt er die ersten, einfachen Gelübde ab und wird nach Padua zum Philosophiestudium geschickt. Im Jahr 1888 legt er die feierlichen Gelübde ab und beginnt in Venedig mit dem Theologiestudium und der unmittelbaren Vorbereitung zum Priestertum. Er wird am 20. September 1890 von Kardinal Domenico Agostini zum Priester geweiht.

Nach kurzen Aufenthalten in Zadar (ital. Zara; Kroatien), Kopar (slov. Koper, ital. Capodistria; Slovenien) und Rijeka (ital. Fiume; Kroatien) wird er von seinen Ordensoberen schließlich nach Padua geschickt. Er begriff nun, wie er sein ökumensiches Apostolat ausüben könnte: „Von nun an und in Zukunft wird jede Seele, die meinen Dienst sucht, mein Osten sein.“ Die Hauptaufgabe Leopolds wurde das Anhören der Beichte. Oft saß er fünfzehn Stunden täglich im Beichtstuhl, wo ihn Menschen aus allen Schichten aufsuchten. Dabei wurden ihm die Herzensschau und die Prophetie zuteil. Außerdem empfing er die Stigmata. Bereits zu Lebzeiten sprach man von ihm wie von einem Heiligen.

Als langjähriger und unermüdlicher Beichtvater wird er all seine Gebete, Opfer und Mühen in diesem einen Anliegen darbringen: „Dass sie alle eins seien!“

Vor seinem Tod hat der hl. Leopold vorausgesagt, dass das Kapuzinerkloster in Padua durch einen Bombeneinschlag zerstört werden würde, was auch tatsächlich geschah. Sein Beichtstuhl blieb aber wie durch ein Wunder vollkommen heil. Die zahlreichen Pilger, die heute sein Grab in Padua besuchen, kommen auch an diesem Beichtstuhl vorbei und gedenken des Guten, das der hl. Leopold dort gewirkt hat.

Sein Begräbnis fand unter grosser Anteilnahme der Bevölkerung und war fast ein Abglanz der Herrlichkeit die Gottes Heiligen im Himmel zu teil wird. Als man 24 Jahre nach seinem Tod seinen Sarg öffnete, fand man seinen Körper unverwest vor.

Papst Paul VI. sprach ihn am 2. Mai 1976 selig. Die feierliche Kanonisation wurde von Papst Johannes Paul II. am 16. Oktober 1983 vorgenommen.

Der Gedenktag des hl. Leopold Mandić wird im kroatischen Kirchenkalender am 12. Mai begangen.

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Ebenfalls am heutigen 30. Juli Gedenktag an:

INGEBORG

Dulderin
Namensdeutung: die Hüterin, die Beschützte (germ.)

Namenstage: Ingeborg, Inge, Inger, Inga, Inka

Gedenktag: 30. Juli

Lebensdaten: geboren 1174 in Dänemark, gestorben am 29. Juli 1236 in Corbeil bei Paris

Lebensgeschichte: Die dänische Prinzessin Ingeborg Valdemardatter wurde am 14. August 1193 mit dem französischen König Philipp II. August verheiratet, tags darauf zur Königin gekrönt und noch einen Tag später aus nie geklärten Gründen verstoßen und in einem Kloster festgesetzt. Die allen Chroniken nach attraktive und kultivierte „Isambour“ sollte 20 Jahre in verschiedenen Klöstern und Kerkern in Gefangenschaft bleiben.
Noch im November 1193 erreichte Philipp August von seinem Onkel, dem Erzbischof von Reims, die gefällige Auflösung der vollzogenen Ehe, doch Ingeborg appellierte an die Päpste, die die Angelegenheit auf die Tagesordnung von insgesamt vier Konzilien setzten. Währenddessen hatte der König Mühe, wegen dieses Skandals eine neue standesgemäße Ehe einzugehen, und musste sich mit der Grafentochter Agnes von Andechs-Meranien begnügen, die ihm zwei Kinder schenkte und im Kindbett des dritten verstarb.
Nachdem der Papst über den König und ganz Frankreich den Kirchenbann verhängen ließ, und das Land, in dem niemand mehr ein christliches Begräbnis fand, gegen den Monarchen aufbegehrte, kehrte Philipp August 1213 zu seiner rechtmäßigen Frau zurück und ließ sie befreien. Bis zu Philipps Tod 1223 lebten beide allerdings getrennt.
Bis zu ihrem eigenen Tod am 29. Juli 1236 lebte Ingeborg zurückgezogen im Priorat von Saint-Jean-en-Isle (Corbeil), das aus ihrer außerordentlich hohen Mitgift errichtet worden war.
Ihr Wunsch, in der königlichen Grablege der Basilika Saint-Denis bestattet zu werden, schlug Philipp Augusts Enkel, König Ludwig der Heilige, aus, obwohl sie für den französischen König und für ihren verstorbenen Mann jährlich eine Messe gestiftet hatte. Ihre Mitgift behielt er ein.
Aus dem Besitz Ingeborgs ist ein prächtiger Psalter erhalten. Ihr Grab wurde während der Französischen Revolution aufgelassen, die bronzene Grabplatte eingeschmolzen.

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Quelle

JOSEMARÍA ESCRIVÁ DE BALAGUER

Kurzbiographie

Aus dem Apostolischen Schreiben zur Seligsprechung des ehrwürdigen Dieners Gottes Josefmaria Escrivá de Balaguer, Priester, Gründer des Opus Dei:

»Der Gründer des Opus Dei erinnerte daran, daß die universale Berufung zur Fülle der Gemeinschaft mit Christus zugleich dazu führt, in allem menschlichen Tun Gott begegnen zu können. (…) Als Meister des inneren Lebens erreichte er den Gipfel der Kontemplation durch beständiges Gebet und kontinuierliche Abtötung, durch beharrliche Arbeit und einzigartige Fügsamkeit gegenüber den Eingebungen des Heiligen Geistes und vermochte so der Kirche ›zu dienen, wie sie selbst möchte, daß man ihr dient‹.«

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Ein helles und frohes Zuhause

Josefmaria Escrivá de Balaguer kommt am 9. Januar 1902 im nordspanischen Barbastro zur Welt. Er ist das zweite von sechs Kindern der Eheleute José Escrivá und María Dolores Albás. Seine Eltern – fromme Katholiken – lassen ihn am 13. Januar taufen und sind darauf bedacht, ihn durch ihr eigenes Beispiel in ein Leben als Christ einzuführen: in die Wertschätzung der Beichte und der häufigen heiligen Kommunion, ein vertrauensvolles Beten, eine herzliche Verehrung zur Gottesmutter und den Geist tätiger Nächstenliebe gegenüber bedürftigen und notleidenden Menschen.

Josefmaria wächst als froher, aufgeweckter, ausgelassener und bescheidener Junge auf und erweist sich als guter Schüler, intelligent und mit einer wachen Beobachtungsgabe. Zu seiner Mutter hat er ein warmherziges Verhältnis, mit dem Vater verbindet ihn großes Vertrauen und aufrichtige Freundschaft. Früh bereits nimmt ihn der Herr in die Schule des Leidens, als zwischen 1910 und 1913 seine drei jüngeren Schwestern sterben und 1914 die Familie vor dem finanziellen Ruin steht. Ein Jahr später ziehen die Escrivás nach Logroño um, denn dort hat der Vater eine neue berufliche Arbeit gefunden, die seiner Familie ein bescheidenes Auskommen ermöglicht.

In die Wintermonate 1917/18 fällt ein Erlebnis, das sein künftiges Leben prägt: Logroño wird über Weihnachten von starken Schneefällen heimgesucht, da entdeckt Josefmaria eines Morgens überfrorene nackte Fußspuren im Schnee, die von einem unbeschuhten Karmelitermönch stammen. Das wirft in dem Jungen die Frage auf: »Wenn Menschen aus Liebe zu Gott und zum Nächsten zu solchen Opfern bereit sind, könnte ich da nicht auch dem Herrn etwas anbieten?« In seinem Herzen entsteht eine gottgewirkte Unruhe: »Ich begann zu ahnen, was LIEBE ist, und mir klar darüber zu werden, daß mein Herz nach etwas Großem verlangte, das Liebe wäre«, sagt er später. Ohne genau zu wissen, um was der Herr ihn bittet, entschließt er sich, Priester zu werden, denn, so denkt er sich, dann bin ich für das, was immer Gott auch mit mir vorhat, verfügbarer.

Die Priesterweihe

Nach dem Abitur nimmt er das Studium im Priesterseminar von Logroño auf, das er 1920 im Seminar von Saragossa fortsetzt und an der dortigen Päpstlichen Universität abschließt. Auf Anraten seines Vaters und mit Erlaubnis der zuständigen kirchlichen Behörde beginnt er ein Jurastudium in Saragossa. Seine hochherzige und frohe, schlichte und gelassene Art machen ihn unter seinen Mitstudenten sehr beliebt. Seine Frömmigkeit, sein Ordnungssinn und sein Studieneifer wirken ansteckend auf seine Kommilitonen, so daß ihn der Erzbischof von Saragossa 1922 mit zwanzig Jahren zum Superior des Priesterseminars ernennt.

Während dieser Zeit verbringt er viele Stunden im Gebet vor dem Allerheiligsten – seine Liebe zur Eucharistie schlägt tiefe Wurzeln –, und täglich sucht er das Gnadenbild der Muttergottes von Pilar auf mit der Bitte im Herzen, der Herr möge ihm seinen Willen eröffnen: »Seit jenen Vorahnungen von der Liebe Gottes«, sagte er später am 2. Oktober 1968, »suchte ich trotz meiner Winzigkeit das zu tun, was er von diesem armseligen Werkzeug erwartete. (…) Und in jener sehnsüchtigen Unruhe betete ich, betete und betete in beständigem Flehen. Ohne Unterlaß wiederholte ich die Worte: Domine, ut sit!, Domine, ut videam!, wie jenes arme Geschöpf im Evangelium, das zu Gott ruft, weil er alles vermag. Herr, daß ich sehe!, Herr, daß es geschehe! Und im festen Vertrauen auf meine himmlische Mutter wiederholte ich die Worte: Domina, ut sit!, Domina, ut videam! Maria hat mir stets geholfen, die Wünsche ihres Sohnes herauszufinden.«

Am 27. November 1924 stirbt unerwartet José Escrivá an plötzlichem Herzversagen. Am 28. März 1925 weiht Bischof Miguel de los Santos Díaz Gómara Josefmaria in der Seminarkirche San Carlos in Saragossa zum Priester; in der Gnadenkapelle der Basilika von Pilar feiert er zwei Tage darauf seine erste heilige Messe. Schon am nächsten Tag begibt er sich als Pfarrvikar nach Perdiguera, einer kleinen Landgemeinde.

Mit Einwilligung seines Erzbischofs zieht er im April 1927 nach Madrid, um dort in Jura zu promovieren, was damals nur an der Universidad Central in Madrid möglich war. Sein geistlicher Eifer bringt ihn sehr bald in Kontakt mit den unterschiedlichsten Menschen: Studenten, Künstlern, Arbeitern, Intellektuellen, Priestern … Seine besondere Sorge gilt den Kindern und Bedürftigen in den Madrider Slums, denen er täglich viele Stunden widmet.

Gleichzeitig hält er seine Mutter und Geschwister mit Unterricht in Jura finanziell über Wasser. Für die Familie Escrivá ist es eine entbehrungsreiche Zeit, die sie mit großer Würde und Zuversicht durchlebt. Josefmaria gegenüber spart der Herr angesichts der Großherzigkeit des jungen Priesters nicht mit außerordentlichen Gnadenerweisen, die seinem Dienst an der Kirche und den Seelen in reichem Maße zugute kommen.

Die Gründung des Opus Dei

Am 2. Oktober 1928 kommt das Opus Dei zur Welt. Josefmaria hat sich zu Tagen innerer Einkehr zurückgezogen. Während er Notizen von gottgegebenen inneren Anregungen aus den vergangenen Jahren im Gebet betrachtet, sieht er plötzlich – mit diesem Verb hat er stets den Impuls zur Gründung umschrieben – die Sendung, die Gott ihm anvertrauen will. Er soll innerhalb der Kirche einen neuen Weg der Berufung bahnen: das Bemühen um Heiligkeit und die apostolische Sorge um andere verbreiten durch die Heiligung der gewöhnlichen Arbeit inmitten der Welt, ohne den angestammten Platz zu verlassen. Wenig später, am 14. Februar 1930, eröffnet ihm der Herr, daß sich der Geist des Opus Dei gleicherweise auch an Frauen richtet.

Mit Leib und Seele widmet sich Josefmaria von nun an seinem Sendungsauftrag. Er verbreitet unter Männern und Frauen aus allen gesellschaftlichen Schichten das Ideal, sich ganz der Nachfolge Christi zu verschreiben, den Nächsten zu lieben und sich im täglichen Leben zu heiligen. Dabei sieht er sich nicht als ein Neuerer oder Reformer, denn er ist zutiefst davon überzeugt, daß Jesus Christus immer der ganz Neue ist und der Heilige Geist die Kirche fortwährend verjüngt, der zu dienen Gott das Opus Dei ins Leben gerufen hat. Im Wissen darum, daß es sich um ein durch und durch übernatürliches Unternehmen handelt, gründet der junge Priester seine Sendung auf Gebet und Buße, frohgemute Gotteskindschaft und unermüdliche apostolische Arbeit. Um ihn scharen sich Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft, besonders Studenten. Er entfacht in ihnen den ehrlichen Wunsch, sich um andere zu kümmern und sie aufzurütteln, »Christus in alle menschlichen Tätigkeiten hineinzutragen durch eine geheiligte Arbeit, die einen selbst wie auch die anderen heiligt«. Die apostolischen Initiativen der Mitglieder des Opus Dei sollen kraft göttlicher Gnade alles Geschaffene auf Gott ausrichten, so daß Christus alles in allem ist; »Jesus Christus kennenlernen, anderen helfen, ihn kennenzulernen, ihn überallhin tragen«. So versteht man seinen Ausruf: »Die Wege Gottes im Irdischen haben sich aufgetan!«

Die apostolische Ausbreitung

Wegen der Schlüsselrolle, die er Wissenschaft und Kultur für die Ausbreitung des Glaubens beimißt, ruft er im Jahre 1933 eine Akademie für Universitätsstudenten ins Leben. 1934 erscheint – zunächst unter dem Titel Geistliche Betrachtungen – die erste Ausgabe seines Buches Der Weg, das heute mit 4,5 Millionen Exemplaren in 44 Sprachen weltweit verbreitet ist.

Der Ausbruch des spanischen Bürgerkriegs im Jahre 1936 verhindert die Ausbreitung des Opus Dei über Madrid hinaus. Trotz brutaler antikirchlicher Ausschreitungen verausgabt sich Josefmaria, gestützt auf Gebet und Buße, heroisch in der apostolischen Sorge um andere. Diese Leidensjahre der Kirche sind gleichwohl eine Zeit geistlichen und apostolischen Wachsens und einer vermehrten Hoffnung. Als der Bürgerkrieg 1939 endet, gibt der Gründer des Opus Dei der apostolischen Arbeit in ganz Spanien neue Impulse. Zahlreiche Universitätsstudenten kann er davon überzeugen, viele Menschen aus ganz unterschiedlichen Lebensbereichen für Christus zu gewinnen und die Größe ihrer christlichen Berufung zu entdecken.

Er gilt als heiligmäßiger Priester. Viele Bischöfe übertragen ihm Besinnungstage für ihren Klerus und für Laien katholischer Organisationen. Auch Ordensleute bitten ihn um Exerzitien, was er nie ausschlägt.

Während er 1941 in Lerida Besinnungstage für Priester hält, stirbt seine Mutter, die für die apostolische Arbeit des Werkes eine große Stütze war. Gegen den Gründer bricht in dieser Zeit eine Welle von Unverständnis und Widerspruch los. Der Bischof von Madrid, Leopoldo Eijo y Garay, gewährt ihm daraufhin seine aufrichtige Unterstützung und dem Werk die erste kirchenrechtliche Anerkennung. Gebet und gute Laune helfen Josefmaria über diese Widrigkeiten hinweg, wohl wissend, daß alle, »die in der Gemeinschaft mit Jesus Christus ein frommes Leben führen wollen, verfolgt werden« (2 Tim 3,12). Angesichts der Beleidigungen empfiehlt er seinen geistlichen Söhnen, zu verzeihen und zu vergessen: »schweigen, beten, arbeiten und lächeln« ist seine Devise.

1943 sieht Josefmaria während der Feier der heiligen Messe im Licht einer neuen Gründungsgnade die Priestergesellschaft vom Heiligen Kreuz innerhalb des Opus Dei, um diejenigen als Priester inkardinieren zu können, die aus den Reihen der Laien-Mitglieder die Weihe empfangen. Die volle Zugehörigkeit von Laien und Priestern zum Opus Dei und ihr Zusammenwirken in den apostolischen Tätigkeiten des Werkes sind ein Spezifikum des Gründungscharismas, das die Kirche, als sie dem Werk 1982 das juristische Kleid einer Personalprälatur zuerkennt, bestätigt. Am 25. Juni 1944 erhalten drei Ingenieure – unter ihnen auch Alvaro del Portillo, der spätere erste Nachfolger des Gründers – die Priesterweihe. In der Folge werden zu Lebzeiten des Gründers etwa tausend Mitglieder des Opus Dei zu Priestern geweiht.

Die Priestergesellschaft vom Heiligen Kreuz, die untrennbar zur Prälatur Opus Dei gehört, widmet sich – immer in Übereinstimmung mit dem Oberhirten der jeweiligen Diözese – außerdem der geistlichen Bildungsarbeit unter dem Diözesanklerus und den Priesteramtskandidaten. Ihr können sich auch Diözesanpriester anschließen, ungeachtet ihrer bleibenden Zugehörigkeit zum Klerus der jeweiligen Diözese.

Römisch und universal

Kaum daß der Bürgerkrieg beendet ist, geht Josefmaria daran, der apostolischen Arbeit in anderen Ländern den Weg zu bahnen, denn – so seine feste Überzeugung – »Jesus möchte, daß sein Werk von Beginn an zutiefst weltumspannend ist, katholisch«. 1946 verlegt er seinen Wohnsitz nach Rom, um die päpstliche Anerkennung des Werkes vorzubereiten. Am 24. Februar 1947 gewährt Papst Pius XII. das decretum laudis und am 16. Juni 1950 die endgültige Anerkennung. Ab jetzt können auch Nichtkatholiken und Nichtchristen Mitarbeiter im Werk werden, indem sie seine apostolischen Unternehmungen mit Arbeit, Spenden und Gebet unterstützen.

In Rom richtet das Opus Dei seinen Zentralsitz ein, damit deutlich wird, worum es dem Werk in seiner gesamten Tätigkeit geht, nämlich »der Kirche zu dienen, wie ihr gedient sein will«, eng vereint mit dem Stuhl Petri und dem Episkopat. Wiederholt drücken die Päpste Pius XII. und Johannes XXIII. dem Werk gegenüber ihre Liebe und Wertschätzung aus; Paul VI. bezeichnet 1964 das Opus Dei als »lebendiges Zeichen der immerwährenden Jugend der Kirche«.

Auch in diesem Lebensabschnitt des Gründers fehlt es nicht an harten Prüfungen: sein Gesundheitszustand ist stark beeinträchtigt, u.a. leidet er mehr als zehn Jahre lang an einem starken Diabetes, von dem er 1954 wie durch ein Wunder geheilt wird; hinzu kommen große finanzielle Engpässe sowie Schwierigkeiten, die die weltweite Ausbreitung des Werkes mit sich bringt. Er strahlt jedoch stets Freude aus, ist doch »die wahre Tugend nicht traurig oder unsympathisch, sondern liebenswürdig und froh«. Aus seiner beständig guten Laune spricht seine unbedingte Liebe zum göttlichen Willen.

»Die Welt ist klein, wenn die Liebe groß ist«: Um diese Welt mit dem Licht Christi zu erhellen, kommt er gern der Bitte zahlreicher Bischöfe nach, durch das Apostolat des Opus Dei der Welt das Licht des Evangeliums zu bringen. Es entstehen die unterschiedlichsten Initiativen wie berufsbildende Schulen, Landwirtschaftsschulen, Universitäten, Studentenheime, Krankenhäuser, medizinische Versorgungsstationen usw. Diese Tätigkeiten, die er gern »ein Meer ohne Ufer« nannte, verdanken sich dem Initiativgeist gewöhnlicher Christen, die für konkrete Nöte vor Ort mit laikaler Mentalität und beruflicher Kompetenz nach Lösungswegen suchen. Rasse, Religion oder soziale Herkunft spielen dabei keine Rolle. Die durch und durch christliche Prägung geht Hand in Hand mit einem tiefen Respekt gegenüber der Freiheit der Gewissen.

Als Papst Johannes XXIII. ein Ökumenisches Konzil ankündigt, betet der Gründer und bittet andere um ihr Gebet für »einen glücklichen Ausgang einer so bedeutenden Initiative wie das Zweite Vatikanum«, wie es in einem Brief 1962 heißt. In seinem Verlauf bestätigt das feierliche Lehramt der Kirche so grundlegende Züge im Geist des Werkes wie den universalen Ruf zur Heiligkeit, die berufliche Arbeit als Angelpunkt der Heiligkeit und des Apostolates, den Wert wie auch die legitimen Grenzen christlicher Freiheit in zeitbedingten Fragen, die Heilige Messe als »Mitte und Wurzel« des inneren Lebens … Der Gründer trifft sich mit zahlreichen Konzilsvätern und Beratern, die in ihm einen authentischen Vorläufer bedeutender Konzilsaussagen sehen. Zutiefst verbunden mit den Lehren des Konzils, sorgt er dafür, daß diese weltweit in den Bildungsinitiaven des Werkes umgesetzt werden.

Heilig inmitten der Welt

»Fern am Horizont verbinden sich Himmel und Erde; doch vergiß nicht, in deinem Herzen als Sohn Gottes ist es, wo sie sich in Wahrheit vereinen.« Unermüdlich weist Josefmaria Escrivá darauf hin, daß das innere Leben Vorrang haben muß vor jeglicher organisatorischen Tätigkeit. »Die Weltkrisen sind Heiligenkrisen«, schreibt er im Weg; Heiligkeit verlangt eine enge Verzahnung von Gebet, Arbeit und apostolischem Tun in einer »Einheit des Lebens«, für die sein eigener Lebenswandel der beste Beweis ist. Um sich in der täglichen Arbeit heiligen zu können, ist es unerläßlich, ein Mensch des Gebetes und eines tiefen inneren Lebens zu sein. Dann »wird aus allem Gebet, alles bringt uns Gott näher, nährt den beständigen Umgang mit Ihm vom Morgen bis zum Abend. Jegliche Arbeit kann zu Gebet werden, und jede Arbeit, die Gebet ist, ist auch Apostolat.«

Sein glühendes inneres Leben, das ihn kontemplativ sein läßt inmitten der Welt, ist der Grund für die ungewöhnliche Fruchtbarkeit seiner Sendung. Es speist sich aus Gebet und Sakramenten, aus einer leidenschaftlichen Liebe zur Eucharistie, aus der Begegnung mit dem Herrn in der heiligen Messe, die zum Herzstück seines Lebens wird, aus einer zärtlichen Liebe zur Gottesmutter, zum heiligen Josef und zu den Schutzengeln; aus seiner Treue zur Kirche und zum Papst.

Die endgültige Begegnung mit dem dreifaltigen Gott

Während seiner letzten Lebensjahre unternimmt der Gründer des Opus Dei wiederholt katechetische Reisen durch Europa und nach Südamerika. Bei zahlreichen Treffen in schlichter und familiärer Atmosphäre vor oft mehreren tausend Zuhörern spricht er über Gott, die Sakramente, christliche Frömmigkeit, Heiligung der Arbeit, die Liebe zur Kirche und zum Papst. Am 28. März 1975 feiert er sein goldenes Priesterjubiläum. »Nach 50 Jahren bin ich immer noch wie ein stammelndes Kind: ich beginne und beginne immer wieder aufs neue in meinem täglichen inneren Kampf. Und so bis ans Ende meiner Tage: stets aufs neue beginnend.«

Am 26. Juni 1975 um die Mittagszeit stirbt der Gründer in seinem Arbeitszimmer an Herzversagen. Sein letzter Blick gilt einem Bild der Gottesmutter. Zu diesem Zeitpunkt ist das Werk mit 60.000 Mitgliedern aus 80 Ländern weltweit tätig. Die geistlichen Schriften des Gründers (Der Weg, Der Rosenkranz, Gespräche mit Msgr. Escrivá de Balaguer, Christus begegnen, Freunde Gottes, Der Kreuzweg, Die Spur des Sämanns, Im Feuer der Schmiede) sind in Millionen Exemplaren verbreitet.

Nach seinem Tod bitten viele Menschen den Papst um die Eröffnung des Seligsprechungsprozesses. Am 17. Mai 1992 erhebt Papst Johannes Paul II. Josefmaria Escrivá vor Hunderttausenden auf dem Petersplatz zur Ehre der Altäre. Am 21. September 2001 anerkennt die zuständige ordentliche Kardinals- und Bischofsversammlung der Kongregation für die Heiligsprechungen einmütig den Wunder-Charakter einer Heilung auf die Fürsprache des Seligen. Das entsprechende Dekret wird in Gegenwart des Heiligen Vaters am 20. Dezember verlesen. Am 26. Februar 2002 wird in Anwesenheit des Papstes in einem ordentlichen öffentlichen Konsistorium nach Anhörung der anwesenden Kardinäle, Erzbischöfe und Bischöfe der Tag der Heiligsprechung des Seligen auf den 6. Oktober 2002 festgesetzt.

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Homilie des Gründers des Opus Dei auf dem Campus der Universität von Navarra (Pamplona, Spanien, 8. Oktober 1967)

8. Oktober 1967. Zum ersten Mal wird eine Messe im Freien auf dem Campus der jungen Universität von Navarra gefeiert. Nach der Lesung des Evangeliums nimmt Josefmaria Escrivá ein Manuskript zur Hand. Er tritt langsam ans Mikrophon und liest – für ihn, der die lebendige, direkte Predigt liebte, eine Ausnahme – seine Homilie. Er wollte sich genau an den Text halten. An einen bis ins Detail ausgearbeiteten, genauen Text.

Kraftvoll erklingen seine Worte und finden Widerhall in vielen Herzen. Noch 50 Jahre später beflügeln sie Männer und Frauen auf der ganzen Welt, um Gott im gewöhnlichen Alltag zu suchen.

Diese Predigt ist ein Schlüsseltext: Der hl. Josefmaria stellt den Geist des Opus Dei bündig vor.

Homilie des Gründers auf dem Campus der Universität von Navarra (Pamplona, Spanien, 8. Oktober 1967):

Gerade habt ihr die feierliche Lesung von zwei Stellen aus der Heiligen Schrift vernommen, die zum Meßformular des 21. Sonntags nach Pfingsten gehören. Durch das Hören des Wortes Gottes habt ihr euch bereits in den Bereich hineinversetzt, in dem sich meine Worte an euch bewegen möchten. Es sind Worte eines Priesters an eine große Familie von Kindern Gottes in der heiligen Kirche, Worte also, die übernatürlich sein sollen, die von der Größe Gottes und der Größe seines Erbarmens zu den Menschen sprechen und euch auf die eindrucksvolle Eucharistiefeier vorbereiten sollen, die wir heute auf dem Campus der Universität begehen.

Betrachtet einen Augenblick diese Tatsache, die ich gerade erwähnt habe. Wir feiern jetzt die heilige Eucharistie, das sakramentale Opfer des Leibes und Blutes des Herrn, jenes Geheimnis des Glaubens, das alle Geheimnisse des Christentums in sich vereint. Wir feiern die heiligste und erhabenste Handlung, die wir Menschen – dank der Gnade Gottes – in diesem Leben zu vollziehen vermögen. Denn wenn wir den Leib und das Blut des Herrn empfangen, dann entledigen wir uns dadurch in gewisser Weise bereits der Fesseln von Raum und Zeit und vereinigen uns mit Gott im Himmel, wo Christus selbst jede Träne unserer Augen trocknen wird, wo der Tod nicht mehr sein wird, noch Trauer, noch Klagen, denn die alte Welt ist ja vergangen (Offb. 21,4).

Diese tiefe und so tröstliche Wahrheit, der eschatologische Sinn der Eucharistie, wie die Theologen zu sagen pflegen, kann jedoch auch mißverstanden werden. Und in der Tat geschieht das immer dann, wenn man versucht, das christliche Leben rein geistig oder, besser gesagt, rein spiritualistisch aufzufassen; als ein Leben, das nur für jene makellosen, außergewöhnlichen Menschen bestimmt ist, die sich nicht mit den niedrigen Dingen dieser Welt einlassen oder sie allenfalls dulden als jenen Gegensatz zum Leben des Geistes, der nun einmal unvermeidlich ist, solange wir noch auf Erden weilen.

Bei einer solchen Sicht der Dinge wird das Gotteshaus zum einzig wahren Standort des christlichen Lebens. Christsein bedeutet dann, zur Kirche zu gehen, an sakralen Zeremonien teilzunehmen und sich in einer kirchlich geprägten Umgebung abzukapseln, in einer isolierten Welt, die sich als Vorhalle des Himmels darstellt, während die gewöhnliche Welt draußen ihre eigenen Wege geht. Die Lehre des Christentums und das Leben der Gnade würden so den mühsamen Gang der menschlichen Geschichte allenfalls streifen, ihm jedoch niemals wirklich begegnen.

Während wir uns an diesem Oktobermorgen darauf vorbereiten, das Gedächtnis des Todes und der Auferstehung des Herrn zu feiern, wollen wir dieser verfälschten Form des Christentums ein klares Nein entgegensetzen. Achtet für einen Augenblick auf den äußeren Rahmen unserer Eucharistie, unserer Danksagung: Wir befinden uns in einem einzigartigen Gotteshaus: Das Kirchenschiff ist der Campus der Universität, das Altarbild die Universitätsbibliothek, dort stehen die Maschinen zur Errichtung neuer Gebäude, und über uns wölbt sich der Himmel von Navarra…

Bestätigt euch dieses Bild nicht in klarer und unvergeßlicher Weise, daß das alltägliche Leben der wahre Ort eurer christlichen Existenz ist? Dort, unter euren Mitmenschen, in euren Mühen, eurer Arbeit und eurer Liebe, dort ist der eigentliche Ort eurer tagtäglichen Begegnung mit Christus. Dort, inmitten der durch und durch materiellen irdischen Dinge müssen wir uns bemühen, heilig zu werden, indem wir Gott und allen Menschen dienen.

Ich werde nicht müde, diese Lehre der Heiligen Schrift zu wiederholen: Die Welt ist nicht schlecht, denn sie ist aus den Händen Gottes hervorgegangen. Sie ist Gottes Werk, und Gott betrachtete sie und sah, daß sie gut war (vgl. Gen 1,7ff. ). Wir Menschen mit unseren Sünden und Treulosigkeiten sind es, die sie schlecht und häßlich machen. Zweifelt nicht daran: Für euch, Männer und Frauen der Welt, steht jede Flucht vor den ehrbaren Wirklichkeiten des alltäglichen Lebens im Gegensatz zum Willen Gottes.

Macht euch in dieser Stunde mit neuer Klarheit bewußt, daß Gott euch aufruft, ihm gerade in den materiellen, weltlichen Aufgaben des menschlichen Lebens und aus ihnen heraus zu dienen. Im Labor, im Operationssaal eines Krankenhauses, in der Kaserne, auf dem Lehrstuhl einer Universität, in der Fabrik, in der Werkstatt, auf dem Acker, im Haushalt, in diesem ganzen, unendlichen Feld der menschlichen Arbeit wartet Gott Tag für Tag auf uns. Seid davon überzeugt: Jede noch so alltägliche Situation birgt etwas Heiliges, etwas Göttliches in sich, und euch ist aufgegeben, das zu entdecken.

Den Studenten und Arbeitern, die ich in den dreißiger Jahren um mich sammelte, pflegte ich zu sagen, sie müßten lernen, das geistliche Leben zu materialisieren. Ich wollte sie damit vor der damals wie heute so häufigen Versuchung bewahren, eine Art Doppelleben zu führen: auf der einen Seite das Innenleben, der Umgang mit Gott, und auf der anderen Seite, säuberlich getrennt davon, das familiäre, berufliche und soziale Leben, ein Leben voll irdischer Kleinigkeiten.

Nein! Es darf kein Doppelleben geben. Wenn wir Christen sein wollen, können wir diese Art von Bewußtseinsspaltung nicht mitmachen; denn es gibt nur ein einziges Leben, welches aus Fleisch und Geist besteht, und dieses einzige Leben muß an Leib und Seele geheiligt und von Gott erfüllt werden, dem unsichtbaren Gott, dem wir in ganz sichtbaren und materiellen Dingen begegnen.

Es gibt keinen anderen Weg. Entweder lernen wir, den Herrn in unserem alltäglichen Leben zu entdecken, oder wir werden ihn niemals finden. Es tut unserer Zeit not, der Materie und den ganz gewöhnlich erscheinenden Situationen ihren edlen, ursprünglichen Sinn zurückzugeben, sie in den Dienst des Reiches Gottes zu stellen und sie dadurch, daß sie zum Mittel und zur Gelegenheit unserer ständigen Begegnung mit Jesus Christus werden, zu vergeistigen.

Der echt christliche Geist, der ja die Auferstehung des Fleisches bekennt, hat sich zu allen Zeiten gegen eine falsche Spiritualisierung empört, ohne Furcht, deshalb als Materialismus verurteilt zu werden. Ja, es ist durchaus berechtigt, von einem christlichen Materialismus zu sprechen, der sich mutig allen geistverneinenden Materialismen entgegenstellt.

Was sind denn die Sakramente – Spuren der Menschwerdung, wie die Alten sagten – anders als eine klare Offenbarung dieses Weges, den Gott gewählt hat, um uns zu heiligen und zum Himmel zu führen? Seht ihr nicht, wie Gott sich in jedem einzelnen Sakrament der Materie als Werkzeug bedient, um uns seine Liebe in ihrer ganzen schöpferischen und erlösenden Kraft mitzuteilen? Was ist denn die Eucharistie, die wir in wenigen Augenblicken feiern werden, anders als der anbetungswürdige Leib und das Blut unseres Erlösers, die uns durch die unscheinbare Materie dieser Welt, durch Wein und Brot, die vom Menschen angebauten Früchte der Natur (Gaudium et Spes, 38), dargeboten werden, wie das letzte Ökumenische Konzil sagt?

Wie gut begreiflich ist es, daß der heilige Paulus schreibt: Alles gehört euch, ihr aber gehört Christus und Christus Gott (1 Kor 3,22-23). Er meint jene aufsteigende Bewegung, die der Heilige Geist, der in unseren Herzen wohnt, in der Welt hervorrufen will; eine Bewegung, die von der Erde aufsteigt bis zur Herrlichkeit Gottes. Und damit es ganz klar bleibt, daß diese Bewegung selbst die scheinbar prosaischsten Wirklichkeiten umfaßt, schreibt der heilige Paulus an anderer Stelle: Möget ihr also essen oder trinken oder sonst etwas tun, tut alles zur Ehre Gottes (Kor 10,31).

Diese Lehre der Heiligen Schrift, die, wie ihr wißt, zum Kern der Spiritualität des Opus Dei gehört, muß euch dazu führen, eure Arbeit so vollkommen wie möglich zu verrichten, Gott und eure Mitmenschen gerade dadurch zu lieben, daß ihr in die Kleinigkeiten des Alltags Liebe hineinlegt. So werdet ihr die Spur des Göttlichen entdecken, die in den kleinen Dingen verborgen liegt. Wie treffend sind jene Verse des Dichters: Despacito, y buena letra: / el hacer las cosas bien / importa más que el hacerlas (Wohlgesetzt und ohne Hast; es geht ums Tun, gut getan. A. Machado, „Poesias completas“ CL VI. -Proverbios y cantares XXIV. Espasa-Calpe, Madrid 1940).

Ich versichere euch, wenn ein Christ die unbedeutendste Kleinigkeit des Alltags mit Liebe verrichtet, dann erfüllt sich diese Kleinigkeit mit der Größe Gottes. Das ist der Grund, warum ich immer und immer wieder betone, daß die christliche Berufung darin besteht, aus der Prosa des Alltags epische Dichtung zu machen. Himmel und Erde scheinen sich am Horizont zu vereinigen; aber nein, in euren Herzen ist es, wo sie eins werden, wenn ihr heiligmäßig euren Alltag lebt…

Heiligmäßig euren Alltag leben – mit diesen Worten meine ich die ganze Breite eures christlichen Schaffens. Laßt falschen Idealismus, Träume und Phantastereien beiseite, laßt beiseite alles, was ich Blechmystik (S. Anm.) zu nennen pflege: wenn ich doch ledig geblieben wäre, wenn ich doch einen anderen Beruf gewählt hätte, wenn ich doch eine bessere Gesundheit besäße, wenn ich noch jung wäre, wenn ich doch schon alt wäre…! Haltet euch vielmehr nüchtern an die ganz materielle und unmittelbare Wirklichkeit, denn dort ist der Herr: Seht meine Hände und meine Füße; ich bin es, sagt Jesus nach seiner Auferstehung. Rührt mich an und überzeugt euch: Ein Geist hat ja nicht Fleisch und Bein, wie ihr es an mir seht (Lk 24,39).

Wie viele Bereiche eures Lebens werden durch diese Wahrheit erhellt. Denkt zum Beispiel an euer Verhalten als Staatsbürger im öffentlichen Leben. Wer davon überzeugt ist, daß die Welt – und nicht nur das Gotteshaus – der Ort seiner Begegnung mit Christus ist, der liebt diese Welt wirklich; er bemüht sich um eine gute wissenschaftliche und berufliche Ausbildung, bildet sich in voller Freiheit seine eigene Meinung über die Probleme, die ihm begegnen, und trifft dementsprechend auch seine persönlichen Entscheidungen. Als Christ wird er seinen Entscheidungen eine persönliche Besinnung vorausgehen lassen, in der er sich demütig darum bemüht, den Willen Gottes in den kleinen und großen Ereignissen seines Lebens zu erkennen.

Einem Christen wird es jedoch niemals einfallen zu glauben oder gar zu sagen, daß er sich vom Gotteshaus zur Welt herabläßt, um dort die Kirche zu repräsentieren, oder daß seine Ansichten die einzig katholischen Lösungen für die entsprechenden Probleme darstellen. So etwas darf nicht sein! Das wäre Klerikalismus, offizieller Katholizismus, oder wie ihr es sonst nennen wollt. In jedem Fall würde so der wahren Natur der Dinge Gewalt angetan. Eure Aufgabe ist es, überall eine echte Laienmentalität zu verbreiten, aus der sich drei Schlußfolgerungen ergeben:

* man muß anständig genug sein, um die eigene Verantwortung auf sich zu nehmen;

* man muß christlich genug sein, um auch jene Brüder im Glauben zu respektieren, die in Fragen, die der freien Meinung überlassen sind, andere Ansichten vertreten als man selbst;

* und man muß katholisch genug sein, um sich der Kirche nicht für eigene Zwecke zu bedienen und sie nicht in rein menschliche Gruppeninteressen hineinzuziehen.

Es versteht sich von selbst, daß sich diese Vorstellungen von einem heiligmäßig gelebten Alltag kaum verwirklichen lassen, wenn man nicht im Besitz jener vollen Freiheit ist, die dem Menschen – auch nach der Lehre der Kirche – aufgrund seiner Würde als Ebenbild Gottes zusteht. Die persönliche Freiheit – wenn ich von Freiheit spreche, meine ich natürlich immer eine verantwortungsbewußte Freiheit – besitzt eine wesenhafte Bedeutung für das christliche Leben.

Versteht also meine Worte als das, was sie sind: als Aufforderung, tagtäglich und nicht nur in besonderen Notsituationen eure Rechte auszuüben, ehrlich eure staatsbürgerlichen Pflichten in Politik, Wirtschaft, Universität und Beruf zu erfüllen und mutig die Folgen eurer persönlichen Entscheidungen sowie die Bürde der euch zustehenden Autonomie auf euch zu nehmen. Diese christliche Laienmentalität wird euch dazu befähigen, jede Form von Intoleranz und Fanatismus zu meiden; oder positiv ausgedrückt: sie wird euch helfen, in Frieden mit all euren Mitbürgern zusammenzuleben und das friedliche Zusammenleben in den verschiedenen Bereichen der Gesellschaft zu fördern.

Ich weiß, daß es eigentlich überflüssig ist, an all diese Dinge zu erinnern, die ich seit so vielen Jahren immer von neuem wiederhole; die Hochschätzung der persönlichen Freiheit, des friedlichen Zusammenlebens und gegenseitigen Verständnisses ist ja ein wesentlicher Bestandteil der Botschaft, die das Opus Dei verbreitet. So brauche ich wohl auch nicht ein weiteres Mal darauf hinzuweisen, daß die Männer und Frauen, die sich entschlossen haben, Christus im Opus Dei zu dienen, ganz normale Staatsbürger sind, die sich bemühen, ihre christliche Berufung in ernster Verantwortung und mit all ihren Konsequenzen zu leben.

Nichts unterscheidet die Mitglieder des Opus Dei von ihren Mitbürgern; andererseits aber haben sie – abgesehen vom Glauben – nichts mit den Ordensleuten gemein. Ich liebe die Ordensleute, ich schätze und bewundere ihr klösterliches Leben, ihr Apostolat und ihre Lostrennung von der Welt, den contemptus mundi. Sie sind andere Zeichen der Heiligkeit in der Kirche. Aber mir hat der Herr nicht die Berufung eines Ordensmannes gegeben, und sie für mich zu wollen wäre verkehrt. Genauso wie keine Autorität auf Erden mich zwingen kann zu heiraten, so kann auch niemand mich verpflichten, Ordensmann zu werden. Ich bin Weltpriester, ein Priester Jesu Christi, der die Welt leidenschaftlich liebt.

Zusammen mit mir, einem sündigen Menschen, sind viele andere Christus nachgefolgt: Ein geringer Prozentsatz von Priestern, die früher als Laien im Berufsleben gestanden haben; dann eine große Zahl von Weltpriestern aus vielen Diözesen der ganzen Welt, die auf diese Weise ihren Gehorsam gegenüber dem zuständigen Bischof, ihre Liebe und die Wirksamkeit ihrer diözesanen Arbeit festigen und bekräftigen; sie halten die Arme weit geöffnet wie die Arme des Gekreuzigten, damit alle Menschen in ihrem Herzen Platz finden. Wie ich leben sie mitten in der Welt und mitten unter den Menschen, die sie lieben. Und schließlich jene große Schar von Männern und Frauen der verschiedenen Nationalitäten, Sprachen und Rassen, die – in der Mehrzahl verheiratet, viele andere unverheiratet – von ihrer beruflichen Arbeit leben und aktiv an der wichtigen Aufgabe mitarbeiten, die Gesellschaft menschlicher und gerechter zu machen. Seite an Seite mit ihren Mitmenschen gehen sie in persönlicher Verantwortung – ich betone es – ihrer täglichen Arbeit nach, haben Erfolge und Mißerfolge, bemühen sich, ihre Rechte und Pflichten in der Gesellschaft ernst zu nehmen. Sie betrachten sich nicht als etwas Besonderes, sondern verhalten sich, mit Natürlichkeit, wie jeder andere verantwortungsbewußte Christ, wie einer unter ihren Berufskollegen. Aber sie bemühen sich, jenes göttliche Leuchten zu entdecken, das selbst aus den ganz alltäglichen Wirklichkeiten hervorbricht.

Auch die Einrichtungen, die das Opus Die als Vereinigung unterhält, besitzen diese durch und durch säkularen, welthaften Merkmale. Es handelt sich nicht um kirchliche Unternehmungen, die im Namen und Auftrag der kirchlichen Hierarchie verwirklicht werden, sondern einfach um Stätten menschlicher, kultureller und sozialer Bildung, die von Laien ins Leben gerufen und geleitet werden, von Laien, die sich allerdings darum bemühen, in diesen Einrichtungen das Licht des Evangeliums und die Wärme der Liebe Christi zu verbreiten. So ist es zum Beispiel nicht Aufgabe des Opus Dei, noch wird es dies jemals sein, Priesterseminare zu leiten, in denen die Bischöfe, vom Heiligen Geist eingesetzt (Apg 20,28), ihre zukünftigen Priester ausbilden. Hingegen fördert das Opus Dei in der ganzen Welt Bildungszentren für Industrie und Landarbeiter, Grundschulen, Mittelschulen und Hochschulen, sowie vielfältige andere Einrichtungen, denn sein apostolisches Arbeitsfeld – so schrieb ich vor vielen Jahren – ist wie ein Meer ohne Ufer.

Aber warum soll ich mich länger dabei aufhalten, da doch eure Gegenwart beredter ist als viele Worte. Ihr Freunde der Universität von Navarra seid Menschen, die wissen, daß der Fortschritt der Gesellschaft wesentlich von ihnen selbst abhängt. Eure herzliche Teilnahme, euer Gebet und eure opferbereite Hilfe haben nichts mit katholischem Konfessionalismus zu tun. Vielmehr ist eure Mitarbeit ein klares Zeugnis staatsbürgerlicher Gesinnung, die sich um das zeitliche Gemeinwohl kümmert; sie ist der Beweis dafür, daß eine Universität aus der freien Initiative des Volkes gegründet und unterhalten werden kann.

Und so möchte ich von neuem allen für die Mitarbeit an unserer Universität danken, der Stadt Pamplona, der Provinz von Navarra sowie den Freunden der Universität, die aus allen Gegenden Spaniens stammen und unter denen sich zu meiner großen Freude auch Nichtspanier sowie Nichtkatholiken und Nichtchristen finden, die mit Taten beweisen, daß sie Ziel und Geist des Unternehmens verstanden haben.

Sie alle haben Anteil daran, daß die Universität ein immer lebendigerer Brennpunkt staatsbürgerlicher Freiheit, wissenschaftlicher Ausbildung und beruflichen Eifers wird und der Hochschulbildung neue Anregungen vermittelt. Eure großzügige Hilfe ist die Grundlage für die Verwirklichung einer umfassenden Aufgabe, die zur Entfaltung der menschlichen Wissenschaft, zum sozialen Fortschritt und zur Bildung im Glauben beiträgt.

Die Leute von Navarra haben diese Tatsache klar erkannt und sie sehen in ihrer Universität nicht zuletzt einen Faktor für den wirtschaftlichen und besonders für den sozialen Fortschritt der Region; denn die Universität hat vielen ihrer Kinder einen Zugang zu akademischen Berufen eröffnet, der sonst zumindest schwieriger und in gewissen Fällen unmöglich gewesen wäre. Die klare Erkenntnis, welche Bedeutung die Universität für die Region erlangen würde, war ohne Zweifel der Grund für die Unterstützung, die Navarra der Universität von Anfang an gewährt hat, eine Unterstützung, die sicher von Tag zu Tag immer weitgreifender und großzügiger wird sein müssen.

Ich hoffe noch immer – denn es wäre nur gerecht und ist auch in vielen Ländern üblich -, daß eines Tages auch der spanische Staat bereit sein wird, die Last eines Unternehmens zu erleichtern, das keinen privaten Nutzen sucht, sondern sich vielmehr ausschließlich dem Dienst an der Gesellschaft widmet und sich bemüht, wirksam am gegenwärtigen und zukünftigen Wohl des ganzen Landes mitzuarbeiten.

Und jetzt erlaubt mir, daß ich mich einen Augenblick bei einem anderen Aspekt des alltäglichen Lebens aufhalte, der mir ganz besonders am Herzen liegt. Ich meine die menschliche Liebe, die lautere Liebe zwischen Mann und Frau in Brautstand und Ehe. Seit über vierzig Jahren werde ich nicht müde, in Wort und Schrift zu wiederholen, daß diese heilige menschliche Liebe keineswegs etwas nur Erlaubtes oder Geduldetes am Rande der wahren Werte des Geistes ist, wie der falsche Spiritualismus meinen könnte, den ich vorhin erwähnte. Heute beginnen das endlich auch diejenigen zu begreifen, die bisher kein Verständnis dafür aufbrachten.

Die Liebe, die zu Ehe und Familie führt, kann zugleich ein Weg Gottes, ein herrlicher Weg der Berufung und der rückhaltlosen Hingabe an den Herrn sein. Versucht, eure Arbeit so vollkommen wie möglich zu tun, sagte ich vorhin; erfüllt mit Liebe die kleinen Dinge des Alltags, entdeckt – ich wiederhole es – jenes göttliche Etwas, das im Kleinen verborgen liegt. Hier, in diesem so lebendigen Bereich der menschlichen Liebe, gewinnt diese Lehre eine ganz besondere Bedeutung.

Professoren, Studenten und die ihr sonst eure Arbeit der Universität von Navarra widmet: Ihr wißt, daß ich Maria, der „Mutter der schönen Liebe“, eure Liebe anempfohlen habe. Dort steht jene kleine Kapelle, die wir zu ihrer Ehre auf dem Universitätsgelände errichtet haben, damit sie euer Gebet und die Darbringung eurer lauteren Liebe annehme und segne.

Wißt ihr nicht, daß euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt, den ihr von Gott empfangen habt, und daß ihr nicht mehr euch selbst angehört? (1 Kor 6,19) Wie oft werdet ihr vor dieser Statue Mariens, der Mutter der schönen Liebe, mit einem freudigen Ja auf die Frage des Apostels antworten: Ja, wir wissen es, und mit deiner mächtigen Hilfe, Jungfrau und Mutter Gottes, wollen wir es so leben!

Und ihr werdet den Wunsch verspüren zu beten, jedesmal wenn ihr diese eindrucksvolle Wirklichkeit bedenkt: Etwas so Materielles wie meinen Leib hat sich der Heilige Geist erwählt, um darin Wohnung zu nehmen… ich gehöre nicht mehr mir selbst… mein Leib und meine Seele – mein ganzes Sein – ist Eigentum Gottes… Und dieses Gebet wird reich an praktischen Folgen sein, die sich alle aus dem ergeben, was Paulus sagt: Verherrlicht also Gott in eurem Leibe (1 Kor 6,20).

Außerdem müßt ihr euch dessen bewußt sein, daß nur unter denen, die die menschliche Liebe in dieser ihrer ganzen Tiefe begreifen und schätzen, auch ein Verständnis für jenes andere erhabene Gut aufkommen kann, von dem Jesus spricht (vgl. Mt19,11); für jenes reine Gnadengeschenk Gottes, das dazu drängt, Leib und Seele dem Herrn hinzugeben und ihm ohne die Mittlerschaft irdischer Liebe ein ungeteiltes Herz darzubringen.

Ich komme zum Schluß. Zu Beginn sagte ich, daß ich von der Größe und vom Erbarmen Gottes zu euch sprechen wollte; und mir scheint, daß ich das getan habe, indem ich von einem heiligmäßig gelebten Alltag sprach. Ein heiligmäßiges Leben mitten in den irdischen Wirklichkeiten, ohne Lärm, in Einfachheit und Wahrhaftigkeit ist das heute nicht der ergreifendste Ausdruck der magnalia Dei (Sir 18,5), des machtvollen Erbarmens, das Gott zu allen Zeiten bewiesen hat und stets weiter beweist, um die Welt zu retten?

Und jetzt möchte ich euch mit den Worten des Psalms bitten, euch mit mir in Gebet und Lobpreis zu vereinen: Magnificate Dominum mecum et extollamus nomen eius simul (Ps 33,4): Verherrlicht den Herrn mit mir! Laßt uns gemeinsam seinen Namen preisen! Mit anderen Worten: Laßt uns aus dem Glauben leben.

Laßt uns den Schild des Glaubens nehmen, den Helm des Heiles und das Schwert des Geistes, das Wort Gottes (Eph 6,11ff. ), schreibt Paulus an jener Stelle des Briefes an die Epheser, die wir vorhin in der Liturgie des Wortes gehört haben.

Glauben: Wie nötig haben wir Christen diese Tugend, ganz besonders in diesem Jahr des Glaubens, das unser Heiliger Vater Paul VI. ausgerufen hat. Ohne den Glauben fehlt das eigentliche Fundament für die Heiligung des alltäglichen Lebens.

Ein lebendiger Glaube tut uns not, besonders jetzt, da wir uns dem mysterium fidei (1 Tim 3,9), der heiligen Eucharistie, nahen und an dem Ostergeheimnis des Herrn teilnehmen, an dem Geheimnis, das das ganze Erbarmen Gottes zu den Menschen einschließt und verwirklicht.

Glauben brauchen wir, um zu bekennen, daß sich in wenigen Augenblicken hier auf diesem Altar das Werk unserer Erlösung erneuert (Oratio super oblata des 9. Sonntags nach Pfingsten). Glauben, um das Credo aus ganzem Herzen zu beten und hier in dieser Gemeinde, um den Altar versammelt, die Gegenwart Christi zu erfahren, der uns cor unum et anima una (Apg 4,32), zu einem Herz und einer Seele werden läßt und uns in eine Familie, in Kirche verwandelt: in die eine, heilige, katholische, apostolische und römische, das heißt weltweite Kirche.

Und Glauben brauchen wir schließlich, geliebte Söhne und Töchter, um der Welt zu zeigen, daß dies alles nicht bloße Zeremonien und schöne Worte sind, sondern eine göttliche Wirklichkeit, die wir den Menschen durch das Zeugnis eines alltäglichen Lebens darbieten – eines gewöhnlichen Lebens, das mit der Hilfe der Gottesmutter geheiligt wird im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

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Quelle 1Quelle 2

Heroischer Tugendgrad für den „Cyber-Apostel der Eucharistie“

Carlo Acutis — Papst unterzeichnet Dekret über heroischen Tugenden Foto: Miracolieucaristici.org

Von María Ximena Rondón

VATIKANSTADT , 06 July, 2018 / 7:10 AM (CNA Deutsch).-

Papst Franziskus hat am gestrigen Donnerstag das Dekret unterzeichnet, in dem die heroischen Tugenden von Carlo Acutis anerkannt werden, einem Jugendlichen, der seine Krankheit für die Kirche aufopferte und seine Leidenschaft für Informatik nutzte, um zu evangelisieren und die Liebe zur Eucharistie zu verbreiten.

Der Heilige Vater empfing am 5. Juli im Vatikan den Präfekten der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse, Kardinal Angelo Amato, und unterzeichnete die Dekrete, die vier Diener Gottes für ehrwürdig erklären; dazu gehörte auch Carlo Acutis.

Carlo Acutis wurde am 3. Mai 1991 in London geboren. Dort lebte seine Familie aus beruflichen Gründen. Später zog sie nach Mailand.

Mit sieben Jahren empfing er die Erstkommunion und von da an war sein Leben geprägt von einer tiefen Liebe zur Eucharistie, die er seine „Autobahn zum Himmel“ nannte.

Er nahm jeden Tag an der Heiligen Messe teil und betete auch den Rosenkranz, angespornt von seiner Liebe zur allerseligsten Jungfrau Maria, die er als seine Vertraute betrachtete.

Ebenso erteilte er Katechismusunterricht und half den Bedürftigen.
Sein intensives geistliches Leben führte ihn dazu etwas zu schaffen, das einige den „Bausatz zum Heiligwerden“ nennen. Er besteht aus der Heiligen Messe, der Kommunion, dem Rosenkranz, der täglichen Bibellesung, der Beichte und dem Dienst an den anderen.

Eine Biographie enthält Worte, die er zu diesen seinen Idealen gesagt hatte. Unter andere: „Unser Ziel muss das Unendliche sein, nicht das Endliche. Die Ewigkeit ist unsere Heimat. Seit jeher wartet der Himmel auf uns.“

Acutis entwickelte schon von klein auf sein Talent für die Informatik und wurde von den Erwachsenen, die ihn kannten, als ein Genie auf diesem Gebiet angesehen.

So verband er sein Faible für die Informatik mit seinem apostolischen Eifer und erstellte Computerpräsentationen zu Themen des Glaubens. Eine der herausragendsten handelt von eucharistischen Wundern in der ganzen Welt. Er hat sie im Alter von 14 Jahren angefertigt.

Als er erfuhr, dass er Leukämie hatte, opferte er seine Leiden für den Papst und die katholische Kirche auf. Er starb mit 15 Jahren, am 12. Oktober 2006, dem Fest der Virgen del Pilar (Unsere Lieben Frau auf dem Pfeiler).

Die Website „Famiglia Cristiana“ berichtete, dass der Jugendliche, noch bevor er wusste, dass er krank war, ein Video aufgenommen hatte, in dem er erklärte, er würde gerne in Assisi begraben werden, wenn er sterbe. Dort ruhen jetzt seine leiblichen Überreste.

Im Jahr 2007 veröffentlichte ein Journalist der vatikanischen Zeitung L’Osservatore Romano, Nicola Gori, ein Buch unter dem Titel „Die Eucharistie. Meine Autobahn in den Himmel: Eine Biographie von Carlo Acutis“ und 2016 präsentierte er einen weiteren Text: „Ein Informatikgenie im Himmel: Biographie von Carlo Acutis“.

Die diözesane Phase des Seligsprechungsprozesses wurde am 15. Februar 2013 eröffnet und am 24. November 2016 beendet. Sie wurde von der Diözese Mailand durchgeführt. Jetzt geht der Prozess im Vatikan weiter.

Die Liste der Eucharistischen Wunder des Dieners Gottes ist auch in deutscher Sprache veröffentlicht. Mehr zu Carlo Acutis auf seiner Website

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Quelle