MARIA IMMACULATA – Die Unbefleckte Empfängnis – nach dem seligen P. Maximilian Kolbe

(Übernahme des Textes der 1976 erschienenen Broschüre
der „Gemeinschaft aktiver Katholiken [GAK], D-7521 Ubstadt-Weiher:)

Aus der Ansprache Papst Pauls VI. bei der Seligsprechung:

„Der Name, das Schaffen und die Sendung des seligen Kolbe können nicht getrennt werden vom Namen Mariens, der unbefleckt Empfangenen . . . Wie die gesamte katholische Lehre, Liturgie und Frömmigkeit, so sieht auch Kolbe Maria in  den GÖTTLICHEN Plan eingeordnet. Nach ihm hat sie einen ,unbestreitbaren Platz im ewigen Ratschluß‘: er sieht sie als voll der Gnade, als Sitz der Weisheit, zur Mutterschaft CHRISTI vorherbestimmt, als Königin des messianischen Reiches. Gleichzeitig ist sie für ihn die Magd des HERRN, die an der Fleischwerdung des WORTES in unersetzbarer Weise mitwirkte, die Mutter des Mensch gewordenen GOTTES, unseres Erlösers . . . Der Selige und mit ihm die Kirche verdienen wegen ihrer Begeisterung in der Verehrung der allerseligsten Jungfrau keinen Vorwurf. In  Anbetracht des Segens, der auf ihr ruht, kann diese Verehrung nie groß genug sein, gerade wegen des Geheimnisses der Bindung Marias an CHRISTUS, das im Neuen Testament einen überzeugenden Ausdruck findet. Ebensowenig besteht die Gefahr einer ,Idolatrie Mariens`, wie die Sonne je durch den Mond verdeckt werden könnte . . . Charakteristisch, aber keineswegs neu ist es, wenn der selige Kolbe der besonderen Verehrung Mariens große Bedeutung beimißt im Blick auf die Bedürfnisse der Kirche, auf Marias prophetisch-wirksame Vorausschau der Verherrlichung des HERRN, im Blick auf die Erhöhung der Demütigen, auf die Macht ihrer Fürbitte, das Strahlende ihres Beispiels und ihre mütterliche Liebe, die uns nahe ist. Das Konzil hat uns in dieser Sicherheit bestärkt, und nun lehrt und hilft Pater Kolbe vom Himmel aus, darüber nachzudenken und unser Leben entsprechend zu gestalten.

Diese Ausrichtung des Seligen auf Maria reiht ihn unter die großen Heiligen und  Seher, die das Geheimnis Marias gesehen, verehrt und besungen haben.“

„O Maria, ohne Sünde empfangen, bitte für uns, die wir unsere Zuflucht zu Dir  nehmen“ (Paris 1830)

„Am Ende wird mein unbeflecktes Herz triumphieren” (Fatima)

 

I. DER RITTER DER IMMACULATA

Pater Maximilian Kolbe, OFM, wurde am 7. Januar 1894 in Zdunska-Wola bei Lodz (Polen) geboren. Seine einfachen, frommen Eltern — der Vater war Lohnweber — ließen ihn auf den Namen Raimund taufen. Der Knabe war wahrheitsliebend, draufgängerisch, unternehmungslustig. Als er zehn Jahre alt war, erschien ihm — wie er der Mutter offenbarte — die heilige Jungfrau. Sie zeigte ihm zwei Kränze (Kronen), sah ihn liebevoll an und sagte: „Welchen willst du? Der weiße Kranz bedeutet, daß du die Reinheit bewahren wirst, der rote bedeutet, daß du als Märtyrer stirbst.“ Der Knabe antwortete der GOTTESmutter: „Ich wähle beide.“ Da lächelte sie und verschwand.

Im Jahr 1907 trat er in das Knabenseminar der Minoriten in Lemberg ein. 1911 legte er die zeitlichen Gelübde ab. Im Herbst 1912 wurde er von den Oberen zum Studium nach Rom geschickt. Durch Anwendung von Lourdeswasser wird er vor dem Verlust des rechten Daumens (eitriger Abszeß) bewahrt. In diesem Zusammenhang spricht er zum ersten Mal von der Immaculata („Niepokalana“). Er sollte zu ihrem heiligen Ritter werden.

Am Allerheiligentag 1914 legte er in Rom die ewigen Gelübde ab, am 28. April 1918 fand dort seine Priesterweihe statt. In seiner Studienzeit in Rom gründete er mit sechs Gefährten den „Kreuzzug der Unbefleckten Jungfrau“ — die Militia Immaculatae (übrigens wenige Tage nach dem Sonnenwunder in Fatima!). Anlaß dafür war ein Erlebnis in Rom: Am 24. Juni 1917 hatten die Freimaurer ihr zweihundert‑jähriges Bestehen gefeiert; auf dem Petersplatz wurden Satansbanner herumgetragen, auf denen die Losung stand: „Satan soll im Vatikan herrschen, der Papst wird sein Sklave sein.“ P. Kolbe schreibt in einem 1935 auf Weisung des Oberen verfaßten Dokument über die Entstehung der Militia Immaculatae darüber: „Als die Freimaurer begannen, sich immer schamloser zu ereifern und ihr Banner sogar direkt unter den Fenstern des Vatikans aufgepflanzt hatten, dieses Banner, auf dem, auf schwarzem Grund, Luzifer den Erzengel Michael mit Füßen trat, als sie begannen, Flugblätter zu verteilen, in denen der Heilige Vater beschimpft wurde, entstand der Gedanke, eine Vereinigung zu gründen, deren Aufgabe es sein sollte, die Freimaurer und andere Abgesandte Luzifers zu bekämpfen“, eben die M. I. Als Doktor der Philosophie und Theologie (summa cum laude) kehrte P. Maximilian 1919 nach Polen zurück. Er war sehr krank — Tuberkulose. Die Ärzte rechneten mit seinem baldigen Tod. Beim Aufenthalt im Sanatorium erlangte er durch Vorträge auffallende Bekehrungen bei Freigeistern. 1922 gibt er die erste Nummer einer Zeitschrift heraus — sie hat den Titel „Der Ritter der Unbefleckten“. Die Kosten deckt er aus zusammengebettelten Spenden. Aus dem Nichts, nur im Vertrauen auf die Immaculata, wächst diese Zeitschrift – 1939 hat sie eine Auflage von einer Million. Weitere christliche Presseerzeugnisse kommen hinzu, die „Stadt der Immaculata“ (Niepokalanow) mit einer Großdruckerei entsteht. 700 Ordens­brüder arbeiten dort.

1930 reist er nach Japan. Vier Wochen nach der Ankunft berichtet der arme Missio­nar nach Polen: „Versenden heute erste Nummer. Haben Druckerei. Hoch die Un­befleckte!“ Zwei Jahre danach fährt er nach Indien, um dort den dritten Stütz­punkt der Immaculata zu gründen; dann Rückkehr nach Japan und Bau einer Kirche.

1936 kehrte er nach Polen zurück und wurde zum Guardian von Niepokalanow gewählt: neue Aufgaben, neue Zeitschriften, Vorträge . . . Doch es ging ihm nicht um äußere Erfolge, sondern um die Seelen. Alles ist vom Gebet getragen. 1939 beginnt der Krieg. P. Maximilian und die meisten seiner Mitbrüder von Niepokalanow kommen in ein Lager — am Tag der Unbefleckten Empfängnis werden sie freigelassen. Ein Jahr später gelingt es nochmals, eine Nummer der Zeit­schrift erscheinen zu lassen. Am 17. Februar 1941 wird er verhaftet; bei einer SS-Inspektion schlägt man ihn brutal zusammen. Als er wieder zu sich kommt, beruhigt er seine Leidensgefährten: „Meine Freunde, ihr müßt euch mit mir freuen: dies ist für die Seelen, für die Immaculata!“ Am 29. Mai 1941 kommt er ins Konzentra­tionslager Auschwitz, in die schlimmste Abteilung. Er bekommt Nummer 16670. Schließlich bietet er sein Leben an für einen Familienvater und stirbt im Hunger­bunker: ein leuchtender Glanz liegt auf dem Antlitz des Toten — der Glanz der Immaculata, die ihren treuen Ritter zu sich gerufen hatte. Es war der 14. August 1941, Vigil des Festes Mariä Himmelfahrt.

 

II. WORTE UND GEDANKEN PATER MAXIMILIAN KOLBES
ÜBER DIE IMMACULATA

1. Die Immaculata im Herzen der Dreifaltigkeit

Alles kommt vom VATER durch den SOHN und den HEILIGEN GEIST und kehrt wieder zurück zum VATER durch den HEILIGEN GEIST und den SOHN. Alle Gnaden kommen vom VATER durch den SOHN und den HEILIGEN GEIST. Jedes Geschöpf kommt zum Sein durch GOTT. GOTT allein existiert durch Sich selbst. Alles, was wir sind, empfangen wir jeden Augenblick vom Wesen GOTTES her, dies gilt selbst für die Menschheit JESU; und unsere heiligste Mutter ist auch nur ein Geschöpf GOTTES. In diesem Sinn, durch sich selbst also, ist sie nichts. Das, was sie hat, hat sie von GOTT empfangen. Es ist wahr: die Immaculata ist ein Geschöpf wie alle anderen, vollkommen abhängig von ihrem Schöpfer. Aber sie ist das vollkommenste, das heiligste Geschöpf. Bonaventura sagt: „GOTT hätte eine vollkommenere und größere Welt erschaffen können, aber ER konnte nichts Wür­digeres erschaffen als Maria.“

Die irdische Mutter ist das Bild der himmlischen Mutter, wie die himmlische Mutter das Bild der Güte GOTTES, des Herzens GOTTES ist. Die Vollkommenheiten, die ausstrahlen vom Leben der Allerheiligsten Dreifaltigkeit, spiegeln sich wider in den Geschöpfen wie in einem vielfachen Echo. Und durch die Geschöpfe erhebt sich unser Herz bis zu der Erkenntnis der Liebe GOTTES in der Heiligsten Dreifaltig­keit. Aber unser Herz liebt auch diese Widerspiegelungen der Liebe GOTTES: näm­lich die Geschöpfe; denn sie kommen von GOTT, sie sind von GOTT geschaffen und ganz auf GOTT hin geschaffen.

Pius XII.: „Wie schön muß die Jungfrau sein . . .! Gewiß hat GOTT im Antlitz Seiner eigenen Mutter allen Glanz Seiner GÖTTLICHEN Schöpferkunst vereint. Der Blick Mariens, das Lächeln Mariens, die Sanftmut Mariens, die Schönheit Mariens unterscheiden sie von allen anderen Geschöpfen die neben ihr nur wie ein Schatten erscheinen. Gott hat in den Blick Mariens etwas von Seiner GÖTTLICHEN Würde gelegt. Ein Strahl der Schönheit GOTTES leuchtet auf in den Augen Seiner Mutter.“

Die Immaculata, Gipfel der geschaffenen Liebe, Echo GOTTES, voll der Gnade. Dann tritt in diese Welt die Unbefleckte, ohne den geringsten Makel der Sünde: das Meisterwerk aus den Händen GOTTES, voll der Gnade. GOTT, die Allerheiligste Dreifaltigkeit, schaut herab auf die Niedrigkeit, d. h. die Demut (Wurzelgrund aller Tugenden) seiner Magd und tut an ihr große Dinge, ER, der allmächtig ist. Voll der Gnaden — ja, wahrhaftig, keine Gnade konnte ihr fehlen. Welche Schön­heit der Gnadenfülle, dessen Überfluß sich überströmend auf uns ergießt, oder vielmehr, diese Fülle ist die Quelle der Gnaden für uns. Und diese Gnade, die dann in uns ist, bindet uns an sie und durch sie an GOTT.

Pius XII.: „GOTT hat in die Seele Mariens durch ein Wunder Seiner All­macht die Fülle Seiner Reichtümer gelegt.“

Wir wissen, daß die Mutter GOTTES die vollkommenste aller Kreaturen ist. Sie ist die Unbefleckte, voll der Gnade, ganz schön. GOTT empfängt durch sie Seinen größten Ruhm.

2. Vatikanisches Konzil: „Durch dieses hervorragende Gnadengeschenk hat sie bei weitem den Vorrang vor allen anderen himmlischen und irdischen Kreaturen.“ (LG 53)

Der Gipfel der Liebe eines Geschöpfes, das sich zu GOTT hinwendet, ist die Un­befleckte: dies Wesen ohne Makel der Sünde, ganz schön, ganz göttlich.* In kei­nem Augenblick hat sich ihr Wille vom Willen GOTTES entfernt. Mit ihrem ganzen Willen hängt sie GOTT an. Durch sich selbst ist sie nichts, wie alle anderen Krea­turen; aber durch GOTT ist sie die vollkommenste aller Kreaturen: das vollkom­menste Bild des GÖTTLICHEN Wesens in einer rein menschlichen Kreatur. Die Unbefleckte hatte keinen Makel, d. h. daß ihre Liebe immer vollkommen war, ohne einen Fehler. Sie hat GOTT mit ihrem ganzen Wesen geliebt und diese Liebe hat sie schon vom ersten Augenblick ihres Daseins an so vollkommen mit GOTT ver­eint, daß der Engel am Tage der Verkündigung sagen konnte: „Voll der Gnade, der HERR ist mit Dir.“ Sie ist also Geschöpf GOTTES, Eigentum GOTTES, Bild GOTTES, Kind GOTTES, und dies auf die vollkommenste Art und Weise unter allen reinen Geschöpfen.** Man muß zu begreifen suchen, daß GOTT in Seiner schöpferischen Allmacht die Immaculata ganz heilig erschaffen hat. Als Geschöpf ist sie uns nahe, als Mutter GOTTES berührt sie die GOTTHEIT. Die Immaculata ist der höchste Gipfel der Vollkommenheit und der Heiligkeit unter allen Geschöp­fen. Niemand kann diesen Gipfel der Gnaden erreichen; denn die Mutter ist die ein­zige. Die Immaculata ist die Schwelle zwischen GOTT und den Kreaturen. Sie ist der getreue Spiegel der Vollkommenheiten GOTTES und Seiner Heiligkeit.

 

2. Die Immaculata und die drei Personen in GOTT

„Unbefleckte Empfängnis“, diese Worte hat die Immaculata selbst gesprochen;*** also müssen diese Worte genau und vollkommen das zum Ausdruck bringen, was ihr innerstes Wesen ist.

Wer bist Du, Unbefleckte Empfängnis?

Wer ist der VATER? Welches ist Sein persönliches Leben? Es ist: zu zeugen — denn

* Im Sinn von „vergöttlicht“.
** CHRISTUS, der GOTTmensch, ist der Schönste unter allen Menschenkindern, aber er ist kein ‚reines‘ Geschöpf, sondern GOTT in Person.
*** In Lourdes.

ER zeugt ewiglich den SOHN. Wer ist der SOHN? Der, der geboren wird aus dem VATER, ewig geboren aus dem VATER ( „gezeugt, nicht geschaffen“).

Und wer ist der HEILIGE GEIST? ER ist die Frucht der Liebe des VATERS und des SOHNES.

Die Frucht der geschaffenen Liebe ist eine geschaffene Empfängnis. Aber das Urbild dieser Liebe (nämlich der HL. GEIST) ist notwendigerweise selbst „Empfängnis“. Der HL. GEIST ist also die ewige, ungeschaffene „Empfängnis“, das Urbild allen Lebens, das im Kosmos empfangen wird.

Der VATER zeugt, der SOHN ist gezeugt und der HEILIGE GEIST ist die daraus hervorgehende Empfängnis und dies ist ihr persönliches Leben, durch das sich die drei GÖTTLICHEN Personen unterscheiden. Aber sie sind eins in derselben Natur, eins im GÖTTLICHEN Wesen. Der HEILIGE GEIST ist als die allerheiligste Unbefleckte Empfängnis unendlich heilig.

Das Universum spiegelt diese Unterscheidung und Einigung wider, wie sie in der Dreifaltigkeit ist. In allem Geschaffenen spiegelt sich die Dreifaltigkeit wider in den Aktionen der geschaffenen Dinge.* Die Einigung ist die Liebe, die schöpfe­rische Liebe. GOTT schuf das Universum, zur Unterscheidung von IHM. Und die Geschöpfe streben nach Vervollkommnung gemäß den Gesetzen, die GOTT in sie gelegt hat; sie werden IHM ähnlich, kehren zu IHM zurück. Und die intelligenten Geschöpfe lieben IHN auf bewußte Art und durch diese Liebe vereinigen sie sich mit IHM immer mehr und kehren zu IHM zurück. Jenes Geschöpf aber, das am voll­kommensten von dieser Liebe erfüllt ist, von der GÖTTLICHKEIT erfüllt ist: das ist die Immaculata, ohne Makel der Sünde, die sich in nichts vom Willen GOTTES je entfernt hat, in unaussprechlicher Weise mit dem HEILIGEN GEIST als Braut vereinigt, in einem unaussprechlich vollkommeneren Sinn als man es sonst bei den Geschöpfen sagen kann. Welcher Art ist nun diese Vereinigung? Sie ist vor allem ganz innerlicher Art: Einigung ihres Wesens mit dem Wesen des HEILIGEN GEISTES. Der HEILIGE GEIST wohnt in ihr, lebt in ihr, und dies schon vom ersten Augenblick ihres Daseins an, von Anfang und für immer.

Und worin besteht dieses Leben des HEILIGEN GEISTES in ihr? Es ist die LIEBE in ihr, die LIEBE des VATERS und des SOHNES, die LIEBE, mit der sich GOTT Selbst liebt, die LIEBE der Allerheiligsten Dreifaltigkeit, fruchtbare LIEBE, EMP­FÄNGNIS. Bei den geschaffenen Wesen, die in Ähnlichkeit mit GOTT geschaffen sind, ist die Vereinigung durch die Liebe die innigste Vereinigung. Auf eine noch präzisere Art, noch viel innerlicher, noch viel wesentlicher lebt der HEILIGE GEIST in der Seele der Immaculata . . . und dies seit dem ersten Augenblick ihres Daseins, ihr ganzes Leben hindurch und immer.

Diese ewige UNBEFLECKTE EMPFÄNGNIS (nämlich der HEILIGE GEIST) empfängt auf unbefleckte Weise das GÖTTLICHE Leben in den Tiefen der Seele Mariens: das ist ihre Unbefleckte Empfängnis. Und der jungfräuliche Schoß

* Vgl. B. Philbert, „GOTT der Dreieine“.

Mariens ist für IHN bewahrt und ER wirkt dort die Empfängnis in der Zeit, so wie alles, was materiell ist, sich in der Zeit vollzieht – auch das menschliche Leben des GOTTmenschen.

Und sie, eingesenkt in die Liebe der Allerheiligsten Dreifaltigkeit, wird schon vom ersten Augenblick ihres Daseins an und für immer die „Ergänzung“ (complement) der Allerheiligsten Dreifaltigkeit.

In der Vereinigung des HEILIGEN GEISTES mit ihr – das ist nicht nur einfachhin die Liebe zweier Wesen – ist auf der einen Seite die Liebe der Heiligsten Dreifaltig­keit und auf der anderen Seite die ganze Liebe der Schöpfung, und in dieser Ver­einigung der Liebe vereinigen sich Himmel und Erde, der ganze Himmel mit der ganzen Erde, die ganze Ewige Liebe mit der ganzen geschaffenen Liebe*. „Der HERR ist mit Dir“ – o wahrhaftig, GOTT ist immer mit ihr, ganz innig, ganz vollkommen. Ist sie nicht gewissermaßen wie ein „Teil“ der Allerheiligsten Dreifaltigkeit?** GOTT der VATER: ihr Vater. GOTT der SOHN: ihr Sohn. GOTT der HEILIGE GEIST: ihr Bräutigam. Und überall wohin sie geht, trägt sie mit sich die Heiligste Dreifaltigkeit. Wie wahr sind doch die Worte: Alles im Uni­versum vollendet sich im Namen des VATERS und des SOHNES und des HEILI­GEN GEISTES – durch die Immaculata . . . da, wo sie abwesend ist, da ist auch GOTT, da ist auch JESUS abwesend; und da, wo sie ist, da ist auch die HEILIGSTE DREIFALTIGKEIT.

Pius XII.: „Erstgeborene Tochter des VATERS, vollkommene Mutter des SOHNES, bevorzugte Braut des HEILIGEN GEISTES.“

2. Vatikanisches Konzil: „Im Hinblick auf die Verdienste ihres Sohnes auf erhabenere Weise erlöst und mit Ihm in enger und unauflöslicher Ver­bindung geeint, ist sie mit dieser höchsten Aufgabe und Würde beschenkt, die Mutter des SOHNES GOTTES und daher die bevorzugt geliebte Tochter des VATERS und das Heiligtum des HEILIGEN GEISTES zu sein.“ (LG 53)

Wer ist die Immaculata und wie lernen wir sie kennen?

Vor CHRISTUS war das Geheimnis der Heiligsten Dreifaltigkeit sozusagen nicht bekannt. Damit die Welt es kennenlernen konnte, wurde die zweite Person der Tri­nität Mensch und kam in diese Welt; das war der erste Schritt zur vollkommenen Erkenntnis GOTTES. Aber damit der SOHN GOTTES besser bekannt wurde, mußte der HEILIGE GEIST kommen – die dritte Person der Heiligsten Dreifal­tigkeit.

In GOTT VATER gibt es eine einzige Natur, eine einzige Person. Im SOHNE GOTTES gibt es eine Person und zwei Naturen. Im HEILIGEN GEIST gibt es so

* Himmel und Erde vereinigen sich in ihr und durch sie: im GOTTmenschen JESUS CHRISTUS.
** Vgl. Worte Mariens bei der Erscheinung am 12. 4. 1947 in Tre Fontane in Rom: „Ich bin jene, die hineingenommen ist in das geheimnisvolle Leben des Dreieinigen GOTTES.“

etwas wie zwei Personen und zwei Naturen; denn die heiligste Mutter ist sehr eng mit dem HL. GEIST verbunden. Es wird uns schwierig, dies zu begreifen: die Imma­culata ist so etwas wie die „Inkarnation“ des HL. GEISTES. Die heilige Jungfrau ist da, damit der HEILIGE GEIST besser bekannt sei.*

Die Einheit zwischen dem HEILIGEN GEIST und der Immaculata ist so unaus­sprechlich und vollkommen, daß der HL. GEIST nur durch seine Braut, die Imma­culata, handelt . . ., und indem wir die Immaculata ehren, verehren wir auf eine besondere Art den HL. GEIST. In ihr lieben wir den HL. GEIST und durch sie den SOHN. Der HEILIGE GEIST ist sehr wenig bekannt.

Papst Paul VI.: „Es ist angebracht, hier einen der wesentlichen Glau­bensinhalte entsprechend hervorzuheben: die Person und das Wirken des HEILIGEN GEISTES (im Hinblick auf Maria). Die theologischen Stu­dien und die Liturgie haben in der Tat aufgezeigt, wie das heiligende Ein­greifen GOTT des HEILIGEN GEISTES bei der Jungfrau von Nazaret ein Höhepunkt seines Wirkens in der Heilsgeschichte gewesen ist . . . In noch tieferer Ergründung des Geheimnisses der Menschwerdung sahen sie (hl. Väter und kirchliche Schriftsteller) in der geheimnisvollen Bezie­hung HEILIGER GEIST — Maria einen bräutlichen Aspekt . . . und nannten sie das Heiligtum des HEILIGEN GEISTES, eine Formulierung, die den Charakter der Heiligkeit Mariens unterstreicht, die der ständige Wohnsitz des GOTTESGEISTES geworden ist.“ (Marialis Cultus 26)

Papst Paul VI.: „. . . aufzufordern, die Überlegungen über das Wirken des GEISTES in der Heilsgeschichte zu vertiefen . . . Aus einer solchen theologischen Vertiefung wird vor allem die geheimnisvolle Beziehung zwischen dem GEISTE GOTTES und der Jungfrau von Nazaret und ihrer beider Einwirkung auf die Kirche deutlich hervortreten; und aus den tiefer meditierten Glaubensinhalten wird eine intensiver gelebte Frömmigkeit erwachsen.“ (Marialis Cultus 27)

Der Wille der Immaculata ist ganz mit dem Willen des HEILIGEN GEISTES ver­einigt: er besitzt sie vollkommen.

GOTT hat uns diese ganz reine Leiter gegeben und ER will, daß wir auf dieser Leiter bis zu IHM gelangen. Aber man kann eher sagen, daß sie uns, indem sie uns an ihr Herz drückt, bis zu GOTT emporträgt. In Wirklichkeit (d. h. auch wenn es uns nicht bewußt ist) sind wir vollständig, gänzlich und ausschließlich der Immaculata geweiht, und durch sie vollständig und gänzlich und ausschließlich JESUS und in IHM und durch IHN sind wir vollständig, gänzlich und ausschließlich unserem VATER im Himmel geweiht.

* Man könnte es auch so formulieren: Wie CHRISTUS in Seiner Menschheit das Bild des VATERS ist, so ist Maria das Bild des HL. GEISTES.

Jede Seele, die sich ohne Einschränkung der Immaculata hingibt, bezeugt damit, daß sie in ihr und durch sie wünscht, den HERRN JESUS zu finden und durch JESUS zu GOTT VATER zu kommen.

Weihen wir uns ganz der Immaculata: Indem wir uns der Immaculata schenken, werden wir selbst irgendwie ,Immaculata` und so, unbefleckt, GOTT angenehmer; in diesem Fall sind nicht wir es, sondern sie durch uns und in uns, die der Dreifal­tigkeit die größte Ehre verschafft im HEILIGEN GEISTE. Deshalb ist das Lob, das GOTT durch die Immaculata verschafft wird, das vollkommenste Lob, das höchste Lob, das intensivste Lob, das er von unserer Seite* empfangen kann. Woll­ten wir uns von der Immaculata entfernen, so würden wir die Dreifaltigkeit ver­letzen. Nur durch sie steigt das Lob der Geschöpfe zu JESUS, und durch IHN zum VATER. Obwohl die Geschöpfe nicht daran denken, geschieht es doch immer in dieser Ordnung und Reihenfolge.**

 

3. Heilige Maria, Mutter GOTTES, Mutter der GÖTTLICHEN Gnade

Sie war die Unbefleckte, weil sie die Mutter GOTTES werden sollte. Sie ist nicht nur Geschöpf, nicht nur Dienerin GOTTES, mehr noch: sie ist Mutter GOTTES. Maria, die Mutter CHRISTI, ist auch unsere Mutter; denn es gibt kein Leben ohne Mutter — und das übernatürliche Leben hat auch eine Mutter: die Mutter der GÖTTLICHEN Gnade.

2. Vatikanisches Konzil: „Zugleich aber findet sie sich mit allen erlösungsbedürftigen Menschen in der Nachkommenschaft Adams ver­bunden, ja, sie ist sogar Mutter der Glieder (CHRISTI), denn sie hat in Liebe mitgewirkt, daß die Gläubigen in der Kirche geboren würden, die dieses Hauptes Glieder sind‘ . . . Die katholische Kirche verehrt sie, vom HEILIGEN GEIST belehrt, in kindlicher Liebe als geliebte Mutter.“ (LG 53)

* von den Menschen (und Engeln); CHRISTUS überragt ja bei Seinem Lob, das ER dem himmlischen VATER darbringt, die geschöpfliche Ebene, weil er GOTTmensch ist.
** Der protestantische Pfarrer Richard Baumann bestätigt dies aus eigenem Erleben. In seinem Buch „Maria Retterin“ schreibt er: „Mit eigenem Verstand fand der Schreiber dieser Zeilen keinen Platz für Maria … Dann ist es geschehen: GOTT VATER, SOHN und HL. GEIST hat auch mir Maria kundgemacht. Maria lebt, Maria herrscht mit CHRISTUS. Maria hilft der Menschheit zum Leben in GOTT. Nur noch durch Maria habe ich den einen Herrn, den einen GEIST, den einen GOTT . .. Nur durch Maria lebe ich noch meinem Herrn und GOTT JESUS CHRISTUS. Wer hat das geschaffen? ER, der HERR, der VATER, und ER, GOTT HEILIGER GEIST . . Mit und in Maria ist er (Baumann meint sich selbst) in der Anbetung GOTTES gewachsen. Er ist durch Maria näher zu GOTT gekommen. In Maria ist er von GOTT Selbst näher zu IHM gezogen worden . . . Durch Maria sind wir ganz beim HERRN, beim GEIST und bei GOTT.“

Die geistliche Mutterschaft Mariens nimmt am Fuße des Kreuzes die Dimension des Herzens ihres Sohnes an*.

Plus XII.: „Das Fiat bei der Menschwerdung, die Mitwirkung beim Er­lösungswerk ihres Sohnes, die Tiefe ihres Leidens bei der Passion und dieses seelische Mitsterben, das sie auf Kalvaria erlitt, haben das Herz Mariens zu einer universalen Liebe für die ganze Menschheit geöffnet, und das Hinscheiden ihres Sohnes drückte ihrer Gnadenmutterschaft das Siegel der Allmacht auf“

2. Vatikanisches Konzil: „Die selige Jungfrau, die von Ewigkeit her zu­sammen mit der Menschwerdung des GÖTTLICHEN Wortes als Mutter GOTTES vorherbestimmt wurde, war nach dem Ratschluß der GÖTT­LICHEN Vorsehung hier auf Erden die erhabene Mutter des GÖTT­LICHEN Erlösers, in einzigartiger Weise vor anderen seine großmütige Gefährtin und die demütige Magd des HERRN. Indem sie CHRISTUS empfing, gebar und nährte, im Tempel dem VATER darstellte und mit ihrem am Kreuz sterbenden Sohn litt, hat sie beim Werk des Erlösers in durchaus einzigartiger Weise in Gehorsam, Glaube, Hoffnung und bren­nender Liebe mitgewirkt zur Wiederherstellung des übernatürlichen Lebens der Seelen. Deshalb ist sie uns in der Ordnung der Gnade Mutter.“ (LG 61)

Wie alle Menschen, ist sie von GOTT geschaffen, also Tochter GOTTES. Aber das ist nicht alles. Die Jungfrau Maria ist mehr als das. Sie ist nicht nur Tochter GOTTES, sondern die Mutter des SOHNES GOTTES; aber sie ist nicht nur die Mutter des Menschen JESU, sondern die Mutter der Person des SOHNES GOTTES . . Wir wissen nicht recht, wie das geschieht, aber so ist die Wirklich­keit . . . Sie ist die Mutter dieses SOHNES, dessen Vater GOTT-VATER ist. Wer bist Du, Immaculata?

Nicht nur Kreatur, nicht nur eine Adoptivtochter, sondern die Mutter GOTTES, nicht die Adoptivmutter, sondern wahrhaftig MUTTER GOTTES. Und selbst jetzt noch (im Himmel) bist Du die Mutter GOTTES. Der Titel „Mutter“ kann sich nicht ändern.

Konzil von Ephesus 431: Dogmatisierung der Wahrheit, daß Maria

wahrhaft GOTTESgebärerin ist: „. . Denn es ist nicht zuerst ein ge­wöhnlicher Mensch aus der heiligen Jungfrau geboren worden und auf diesen dann das WORT herabgestiegen, sondern aus dein Mutterschoße selbst ist ER geeint (d. h. als GOTT und Mensch in einer Person) hervor­gegangen; und deshalb heißt es, daß ER sich der fleischlichen Geburt unter­zogen hat, weil ER die Geburt Seines Fleisches zu Seiner eigenen Geburt machte . . .“ (NR 246, DS 251)

* Die Lanze, die das Herz ihres Sohnes öffnete, der für alle starb, hat auch ihr Herz geöffnet für alle Menschen.

Konzil von Chalzedon 451: „Vor aller Zeit wurde ER aus dem VATER gezeugt Seiner GOTTHEIT nach, in den letzten Tagen aber wurde Der­selbe für uns und um unseres Heiles willen aus Maria, der Jungfrau, der GOTTESgebärerin, der Menschheit nach geboren.“ (NR 252, DS 301)

Pius XII.: „Mutter GOTTES, welch unaussprechlicher Titel! Die Gnade der GÖTTLICHEN Mutterschaft ist der Schlüssel zum Verständnis der unaussprechlichen Reichtümer der Seele Mariens.“

In alle Ewigkeit nennt Dich GOTT: meine Mutter! . . .

Gestatte mir, Dich zu loben, Jungfrau, Immaculata!

Ich bete Dich an, o VATER, der DU im Himmel bist, weil Du in ihren ganz reinen Schoß Deinen SOHN gelegt hast.

Ich bete Dich an, GOTT SOHN, weil Du Dich gewürdigt hast, in ihren ganz reinen Schoß einzutreten.*

Ich bete Dich an, GOTT HEILIGER GEIST, weil Du Dich gewürdigt hast, in ihrem unbefleckten Schoß den Leib des SOHNES GOTTES zu bilden. Was hast Du gedacht, Immaculata, als Du zum ersten Mal dieses kleine GÖTTLICHE Kind auf’s Heu gelegt hast? Als Du IHN in Windeln eingewickelt hast und an Dein Herz drücktest? Welche Gefühle überfluteten da Deine Seele? Du wußtest wohl, wer dieses kleine Kind war; denn die Propheten sprachen von IHM, sie hatten IHN angekündigt und Du, Du hast sie besser verstanden als alle Pharisäer und Schrift­gelehrten, die die heilige Schrift erforschten.

Paul VI.: „Und wie ist CHRISTUS zu uns gekommen? Ist ER aus sich Selbst gekommen? (ER hätte eine menschliche Natur aus dem Nichts er­schaffen können). Sicher nicht. Das Mysterium CHRISTI ist eingefügt in den GÖTTLICHEN Plan einer menschlichen Mitwirkung. ER wollte eine Mutter haben; ER wollte Fleisch werden durch die lebendige Mit­wirkung einer Frau, die gebenedeit ist unter allen Frauen.“

GOTT VATER gibt ihr Seinen SOHN als Sohn; GOTT SOHN steigt herab in ihren Schoß; und GOTT HEILIGER GEIST bildet den Leib CHRISTI im ganz reinen Schoß der Jungfrau: „Und das WORT ist Fleisch geworden.“

Kommuniongebet der Marienmesse: „Selig der Schoß der Jungfrau Maria, der getragen den SOHN des Ewigen VATERS.“

Die Immaculata wird die Mutter GOTTES.

Die Frucht der Liebe GOTTES und der Liebe Mariens, der Unbefleckten: das ist CHRISTUS, der GOTTmensch. Ihre Liebe zu GOTT erreichte einen solchen Grad der Einigung, daß sie Mutter GOTTES wird. Die Immaculata, Braut des HEILI­GEN GEISTES, und dies in einer unaussprechlichen Weise, . . . hat denselben Sohn wie der VATER im Himmel. Welch wunderbare Familie!

* Te Deum: „non horruisti virginis uterum“ — Du hast den Schoß der Jungfrau nicht gescheut.

 

4. Mutter der Getauften, Mutter der Christen

Und welches ist jetzt die Rolle der heiligsten Jungfrau? Man muß ihr gestatten, daß sie uns erziehe, wie sie es bei CHRISTUS getan. Wir sehen so, welches ihre hervor­ragende Rolle ist (im geistlichen Leben). Wenn die Heiligen sich heiligen konnten, so deshalb, weil SIE sie erhoben hat — mit großer Hingabe, als die beste aller Mütter. Daß doch die Immaculata Besitz nehme von unserem Herzen; daß sie dort hervorbringe unseren gütigen JESUS — GOTT —; daß sie IHN dort forme bis zum vollkommenen Mannesalter.

Wer nicht Maria, die Unbefleckte, zur Mutter haben will, wird auch CHRISTUS nicht zum Bruder haben; der VATER wird ihm nicht Seinen SOHN senden; der SOHN wird nicht in seine Seele hinabsteigen; der HEILIGE GEIST wird nicht mit Seinen Gnaden den mystischen Leib (die Kirche) bilden nach dem Vorbild CHRISTUS: denn alles vollzieht sich in Maria, der Gnadenvollen, und nur in Maria.

Wenn ihr glücklich leben und sterben wollt, dann bemüht euch, diese Kindesliebe gegenüber unserer besten Himmelsmutter zu vertiefen. Unser HERR JESUS CHRISTUS ehrte sie als erster als Seine Mutter gemäß dem Gebote GOTTES: „Ehre deinen Vater und deine Mutter!“ Und darin müssen auch wir IHN nach­ahmen. Selbst wenn wir zu einer glühenden Innigkeit in dieser Liebe (zu Maria, unserer Mutter) gelangen, werden wir niemals jenen Grad der Liebe erreichen, die JESUS ihr gegenüber hat.

2. Vatikanisches Konzil: „In ihrer mütterlichen Liebe trägt sie Sorge für die Brüder ihres Sohnes, die noch auf der Pilgerschaft sind und in Gefah­ren und Bedrängnissen weilen, bis sie zur seligen Heimat gelangen. Des­halb wird die selige Jungfrau in der Kirche unter dem Titel der Für­sprecherin, der Helferin, des Beistandes und der Mittlerin angerufen.“ (LG 62)

Papst Paul VI.: „Die vielfältige Sendung Mariens im GOTTESvolk ist nämlich eine Wirklichkeit, die auf übernatürliche Weise wirksam und im kirchlichen Organismus fruchtbar wird. Es ist beglückend, die einzelnen Aspekte dieser Sendung zu betrachten und zu sehen, wie sie sich . . . auf das gleiche Ziel hinordnen: in ihren Kindern die geistigen Züge ihres erst­geborenen Sohnes nachzuzeichnen . . . Die mütterliche Sendung der Jungfrau veranlaßt das GOTTESvolk, sich mit kindlichem Vertrauen an sie zu wenden, die stets bereit ist, es mit der Liebe einer Mutter und mit dem wirksamen Beistand einer Helferin zu erhören.“ (Marialis Cultus 57)

 

5. Mittlerin der Gnaden

Wenn die Immaculata nicht die Mittlerin aller Gnaden wäre, gäbe es keinen Grund, die ganze Welt und jede Seele im einzelnen für das heiligste Herz JESU durch die Immaculata zu erobern; denn die Seelen könnten auch anders ins Para­dies gelangen.

GOTT hat verfügt, daß wir alles vom VATER, vom SOHN und vom HEILIGEN GEIST durch die Immaculata erhalten. Das ist der einzige Weg für jede Gnade. Die Immaculata als Mittlerin aller Gnaden kann geben und möchte geben: die Gnade der Bekehrung und der Heiligung; und zwar nicht da und dort, dann und wann, sondern sie will alle Seelen wiedergebären (zum ewigen Leben).

Wie wahr sind doch diese Worte: alles im Universum vollzieht sich im Namen des VATERS und des SOHNES und des HEILIGEN GEISTES durch die Imma­culata. Was die Bekehrung der Seelen betrifft, so können wir sie nur durch Maria erlangen und nicht anders.*

GOTT hat in Seiner unendlichen Güte Maria zur Schatzmeisterin bestimmt für alle Gnaden und nur durch sie fließen sie in diese Welt.** Es ist normal, diese Gnaden von GOTT zu erbitten; man muß dies jedoch tun durch die Vermittlung der Imma­culata. Wahrlich, wenn die Immaculata – und das ist sicher – die Mittlerin aller Gnaden ist, dann gibt es kein wirksameres Mittel für die Mission, als sich dieser Mitt­lerin aller Gnaden zu nähern, um die Gnaden der Bekehrung zu erhalten. JESUS CHRISTUS ist der einzige Mittler zwischen GOTT und der Menschheit. Die Immaculata aber ist die einzige Mittlerin zwischen JESUS und der Mensch­heit. Und wir, wir sind die glücklichen Mittler zwischen der Immaculata und den in der ganzen Welt zerstreuten Seelen.

2. Vatikanisches Konzil: „Ein einziger ist unser Mittler nach dem Wort des Apostels . . . (1 Tim 2, .5-6). Marias mütterliche Aufgabe gegenüber den Menschen aber verdunkelt oder mindert diese einzige Mittlerschaft CHRISTI in keiner Weise, sondern zeigt ihre Wirkkraft.“ (LG 60)

Da sie die Mittlerin aller Gnaden ist, können wir nur in dem Maß ein Kanal der Gnaden werden, als wir uns ihr nähern: Mittler der Gnaden, die sich vom VATER durch den SOHN (der sie uns verdient hat) und durch die Immaculata (die deren Ausspenderin ist – als Werkzeug des HEILIGEN GEISTES) auf uns ergießen und durch uns auf die anderen.

Pius XII.: „Sie ist der Kanal, ganz rein, und nicht die Quelle dieser über­fließenden Gnade, die ihr durch die Vermittlung ihres unbefleckten Her­zens erbittet.“

Der HERR JESUS insofern ER Mensch ist, ist im Paradies unser Mittler beim VATER im Himmel. Die heiligste Mutter ist die Mittlerin zwischen uns und dem

* Ohne Maria ist jedes Apostolat unfruchtbar.
** Marguerite: „Kanal, durch den alle Gnaden bis zu den Menschenkindern fließen.“

HERRN JESUS und alle Gnaden kommen uns durch sie. Sie ist von JESUS zur Mittlerin eingesetzt, und wir glauben dies. Die Vereinigung zwischen der Imma­culata und dem HEILIGEN GEIST ist so unaussprechlich und vollkommen, daß der HL. GEIST einzig und allein durch die Immaculata, Seine Braut, handelt. Von daher ist sie Mittlerin aller Gnaden des HEILIGEN GEISTES.

Die Immaculata ist die Mittlerin aller Gnaden und nur durch die Gnade können wir uns GOTT nahen.*

Leo XIII.: „In der Verkündigung wurde die Zustimmung der Jungfrau an Stelle der gesamten menschlichen Natur erwartet. So darf man im vol­len Sinne als wahr behaupten: Von jenem großen Gnadenschatz, den der HERR gebracht hat durch CHRISTUS sind uns ja Wahrheit und Gnade geworden (Joh 1,17) fließt uns nach GOTTES Willen nichts zu außer durch Maria. Wie deshalb zum höchsten VATER niemand hintre­ten kann außer durch den SOHN, so kann gewissermaßen niemand zu CHRISTUS hintreten, außer durch die Mutter.“ (NR 327, DS 3274).

Alle notwendigen Gnaden der Heiligung sind gekommen durch die Hände der Immaculata, Mittlerin aller Gnaden. Und was ist die Heiligung? Sie besteht darin, von GOTT viele Gnaden zu empfangen und das Ideal ist, diesen Gnaden zu ent­sprechen.

Damit die Arbeit gelinge, gehen wir zur Jungfrau Maria. Sehen wir doch, was in jeder Familie vor sicht geht: Der Vater arbeitet und er verdient das Brot zum Lebensunterhalt – und wer gibt es den Kindern, wenn nicht die Mutter! Die Mutter verteilt die Nahrung ihren Kindern und gibt jedem, was es braucht. Wenn ein Kind sagt, es brauche die Mutter nicht, dann ist dies die Ausnahme in der Familie . . . Das also ist es, was die Jungfrau Maria tut: Sie verteilt die Gnaden und gibt jedem, was er nötig hat.

Pius XII.: „Vergessen wir nicht, daß Maria wahrhaft unsere Mutter ist. Denn durch sie haben wir das GÖTTLICHE Leben empfangen. Sie hat uns JESUS geschenkt und mit JESUS die Quelle der Gnaden selbst. Maria ist Mittlerin und verteilt die Gnaden.“

Und wir kennen diese Himmelsmutter; wir wissen, daß ohne sie keine Gnade auf die Erde kommt. Wenn der Geber aller Gnaden auf diese Erde gekommen ist, so nur mit ihrem Einverständnis, und dann kommt auch jede Gnade nur, weil sie es will. Wenn der SOHN GOTTES im Augenblick Seines irdischen Lebens Seinen eigenen

* GOTT VATER schenkt uns Seinen SOHN, der durch den HL. GEIST in Maria Mensch wird. Der SOHN verdient uns alle Gnaden und der HL. GEIST als die schenkende Liebe teilt sie aus durch die Mutter der schönen Liebe. Allerdings verdient Maria als „erhabene Gefährtin des Erlösers“, als „Mitwirkende bei Erlösungswerk ihres Soh­nes“ (vgl. 2. Vatikanum, Paul VI. u. a.) auch die Gnade mit, aber „angemessener-weise (de congruo), was CHRISTUS uns von Rechts wegen (de condigno) verdiente“ (Pius X., NR 334, DS 3370).

Willen erfüllte, so wartete ER doch auf die Zustimmung der Jungfrau Maria: Also hängt jede Gnade von ihr. ab.

Man muß einen tiefen Glauben im Herzen haben, eine sehr starke Liebe, und man muß oft zur Mutter GOTTES seine Zuflucht nehmen. Sie ist ja die Mutter des über­natürlichen Lebens, die Mutter der GÖTTLICHEN Gnade. Der HERR will, daß wir die Gnaden von ihr empfangen und alles hängt davon ab, sich ihr zu nahen. Die heiligste Mutter ist die Mittlerin aller Gnaden — ohne Ausnahme. In der über­natürlichen Welt sagt man einfach: das Leben der Gnade. Das Leben der Gnade hängt vom Grade der Vereinigung der Seele mit der Immaculata ab . . . Wir können nirgendwo anders die Gnaden suchen, denn sie ist deren Mittlerin.

Sicher ist die Quelle alles Guten, sowohl im natürlichen als auch im übernatürlichen Bereich, GOTT VATER, der immer durch den SOHN und den HEILIGEN GEIST handelt: die Quelle alles Guten ist die Heiligste Dreifaltigkeit.

In Wahrheit ist der einzige Mittler beim VATER der menschgewordene SOHN, JESUS CHRISTUS, GOTT und Mensch, durch den alle Huldigungen, die wir dar­bringen, vergöttlicht werden und so also einen unendlichen Wert erhalten und wür­dig werden der Majestät des Vaters. Wahrhaftig, wir lieben den VATER im SOHN und wir müssen IHM alle Liebe geben, damit der VATER in IHM und durch IHN all unsere Liebe empfängt. Aber dennoch ist es auch wahr, daß all unsere Handlungen, selbst die heiligsten, nicht ohne Makel sind, und wenn wir sie dem HERRN JESUS anbieten als reine und unbefleckte Gabe, dann müssen wir sie direkt der Immaculata geben, damit sie daraus ihr Eigentum mache und sie als solches ihrem Sohne schenke — und so werden dann unsere Gaben unbefleckt, ohne Makel, und indem sie durch die GÖTTLICHKEIT JESU einen unendlichen Wert erhalten, werden sie GOTT VATER verherrlichen. Diese Gnaden, die durch den SOHN und den HEILIGEN GEIST zu den Geschöpfen gekommen sind, rufen wiederum die Antwort der Geschöpfe hervor: Die Antwort gelangt auf demselben Weg zu GOTT VATER, auf dem sie zu uns gekommen sind — durch den HEILI­GEN GEIST und den SOHN, d. h. durch die Immaculata, Braut des HEILIGEN GEISTES, und durch JESUS, den GOTTmenschen.

Sie ist die Mutter GOTTES und nennt sich selbst die „Immaculata“. Indem sich GOTT Moses offenbarte, sagte ER von Sich Selbst: „Ich bin der ICH BIN“, d. h. das Sein selbst. Die Jungfrau antwortet auf die Frage Bernadettes selbst: „Ich bin die Unbefleckte Empfängnis.“ Das ist die Definition der Immaculata. Wir sagen: Ich vermag alles in dem, der mich stärkt — durch die Immaculata.

 

6. Im Kontakt mit der Immaculata

Wir haben sieben Jahrhunderte gekämpft, damit die Wahrheit der Unbefleckten Empfängnis anerkannt würde; dieser Kampf wurde gekrönt durch die Verkündi­gung des Dogmas und die Erscheinung der Jungfrau in Lourdes. Jetzt folgt der zweite Teil in dieser Geschichte: diese Wahrheit in die Seelen einzupflanzen, das Wachstum zu überwachen und die Früchte der Heiligkeit zu ernten.

Der Kult der Immaculata steht im Zentrum unserer Heiligung.*

Sich der Immaculata nähern: zur Heiligkeit sind übernatürliche Gnaden nötig. Aber weil die Unbefleckte die Mittlerin aller Gnaden ist, wird unser geistliches Leben um so mehr an Glanz gewinnen, je mehr wir uns ihr nähern. Die vollkom­menste Form, uns ihr zu nähern: das ist die Ganzhingabe.

Aus dem Akt der Ganzhingabe an JESUS durch Maria vom hl. Ludwig Maria Grignion von Montfort:

„In Gegenwart des ganzen himmlischen Hofes erwähle ich Dich heute, o Maria, zu meiner Mutter und Herrin. Dir weihe und schenke ich als Dein Gut und Eigentum meinen Leib und meine Seele, all meinen äußeren und inneren Besitz, ja selbst den Wert all meiner guten Werke, der vergange­nen, gegenwärtigen und zukünftigen. Ganz und voll, ohne jede Aus­nahme, sollst Du das Recht haben, über mich und all das Meine nach Dei­nem Gutdünken zu verfügen in Zeit und Ewigkeit zur größeren Ehre G OTTES .“

Im allgemeinen ist ein Kind mit seiner Mutter eng verbunden. Später verläßt es das Vaterhaus. Das Band zwischen Sohn und Mutter wird schwächer. Aber in der über­natürlichen Ordnung ist es umgekehrt. Je mehr eine Seele sich entfaltet (im über­natürlichen Leben), ein um so größeres Bedürfnis verspürt sie, von der Immaculata abzuhängen.

Pius XII.: „Es genügt nicht, Maria und ihre Größe nur zu kennen; man muß sich ihr nähern und im Glanze ihrer Gegenwart leben. Ich möchte, daß ihr Tag für Tag, jeden Augenblick, der Immaculata immer mehr näherkommt und daß ihr sie noch besser kennenlernt, daß ihr sie immer noch mehr liebt.“

Paul VI.: „Nun aber bitten Wir, und rufen dazu alle Söhne und Töchter der Kirche auf, sich persönlich und von neuem aufrichtig der Mutter der Kirche anzuvertrauen (zu weihen).“ (Signum Magnum 25)

Bemühen wir uns, nicht so viel an uns zu denken und nicht zu arbeiten, damit die Welt uns lobt, sondern ein jeder von uns nähere sich der Immaculata und damit auch den anderen.

Je mehr wir uns der Immaculata nähern, um so mehr verkosten wir schon auf dieser Erde ein vollkommenes Glück.

* „Unsere Heiligkeit, das ist JESUS, empfange in der Kraft des HEILIGEN GEISTES und heranwachsend im Schoß Seiner Mutte . In der Taufe haben wir unser übernatür­liches Leben begonnen, wie JESUS im Schoße Seiner Mutter Maria. Und indem wir in Maria leben, werden wir im neuen Leben wachsen, dem Leben, das wir in JESUS leben werden und JESUS in uns.“ (Intineraire de 1′ äme; Franziskaner, Paris.)

Der Weg der Gnade hängt ab vom Grade der Annäherung der Seele zur Imma­culata hin. Je mehr eine Seele ihr nahekommt, um so reiner wird sie, um so lebendi­ger wird ihr Glaube, um so strahlender ihre Liebe.

 

7. Ihr gehören

Wir wollen von ihr in Besitz genommen sein, damit sie selbst spricht, denkt und handelt in unseren Unternehmungen. Wir wollen dermaßen der Immaculata ge­hören, daß nichts in uns bleibt, was nicht ihr gehört, damit wir wie vernichtet seien in ihr, umgewandelt seien in sie, transsubstantiiere* seien in sie, daß nichts bleibe als sie allein: daß wir ihr gehören, wie sie GOTT gehört.                  •

Wir haben ihr alles gegeben, und wenn es in uns etwas gibt, so gehört es ihr. Und umgekehrt sind ihre Angelegenheiten die unsrigen, ebenso auch ihre Tugenden und Verdienste.

Es braucht keiner besonderen Gebete, noch außergewöhnlicher Abtötungen, son­dem man muß sich nur ihr schenken und darin weitermachen. Lieben wir die Imma­culata von Tag zu Tag mehr, ohne Grenzen, und sie wird immer mehr unser Herz vom Menschlichen reinigen und uns in sie umformen.

Pius XII.: „Wir möchten vor allem, daß ihr als Söhne und Töchter Marien darnach strebt, in eurer Seele ihre übernatürliche Schönheit her­zustellen. Vollzieht also nach ihrem Vorbild die vollkommene Vereini­gung mit JESUS. Daß JESUS in euch sei, daß ihr in IHM seid, bis hin zur Verschmelzung eures Lebens mit Seinem Leben. Möge euer Geist vom Glanz des Glaubens erleuchtet sein und möchtet ihr wie sie — sehen, urtei­len und denken wie GOTT. Möge euer Herz, so weit es möglich ist, die Unversehrtheit, wie sie ihrem Herzen eigen ist, anstreben. Traget in den Zügen eurer Seele die Ähnlichkeit mit der Himmelsmutter. Lasset in eine Welt, die eingehüllt ist in die Finsternis und bedeckt ist mit Schmutz, laßt in diese Welt eindringen die Lichtstrahlen und den Wohlgeruch einer Reinheit ohne Makel.“

Wir müssen darauf achten, daran denken, daß alles ihr gehört. Nichts tun, was ihr unangenehm wäre. Bitten wir sie, daß sie und nur sie unser Herz leite.** Kein Geschöpf ist so nahe bei GOTT, wie die Immaculata. Derjenige, der mehr als die anderen der Immaculata gehört, wird sich mit um so mehr Mut und Freiheit den Wunden des Erlösers, der Eucharistie, dem Herzen JESU, GOTT VATER, ja der

* „Transsubstantiation“ ist der theologische Begriff für die Wesensverwandlung von Brot in den Leib CHRISTI, wobei der äußere Anschein (die Akzidentien) unverändert bleiben.
** Vgl. Immaculata-Rosenkranz, Marienfried: „Durch Deine Unbefleckte Empfängnis leite uns!“

ganzen Dreifaltigkeit nähern. Aber dies alles, diese übernatürlichen Dinge formt sie in uns und durch uns.

Sei sicher, daß derjenige, der der Immaculata gehört, niemals wird verloren gehen. Je mehr er aber ihr gehört, um so mehr gehört er JESUS, um so mehr gehört er dem VATER. Er wird sich ein Gewissen daraus machen, den Willen GOTTES immer vollkommener zu erfüllen und mehr und mehr seine Treulosigkeiten gegen den Willen GOTTES abzulegen, und er wird um so mehr den Frieden des Herzens haben inmitten der Stürme. Zu seiner Zeit wird ihm die Immaculata alle Geheim­nisse des Herzens JESU enthüllen und er wird der Vielgeliebte unseres HERRN JESUS sein. Aus der Erfahrung wissen wir, daß die Seelen, die sich der Immaculata geschenkt haben, und zwar vollständig und ohne Einschränkungen, den HERRN JESUS und das Geheimnis GOTTES besser kennen. Die GOTTESmutter kann nicht anders führen als zum HERRN JESUS hin.

Paul VI.: „Das Leitwort ,Durch Maria zu JESUS gilt deshalb auch für die Nachfolge CHRISTI . . . Ihre Person stellte ER uns als Beispiel vor Augen, damit wir Seine Heiligkeit nachahmen . . . Mit allem Recht stellt uns die Kirche Maria als Leitbild für die Nachfolge CHRISTI vor! Sie tut es, damit wir ihr nachfolgen. Sie tut es, damit wir so würdig, wie es eben geht, das Wort GOTTES in uns aufnehmen. So sollen wir es aufneh­men, wie es der hl. Augustinus weise vermerkt: ‚Seliger ist Maria durch die Annahme des Glaubens an CHRISTUS, als durch das Empfangen Seines Fleisches.'“ (Signum Magnum 17, 18)

 

8. Das Herz JESU lieben mit dem Herzen der Immaculata

Die Immaculata weiß alles und lenkt alles.* Man muß nur seine Einwilligung geben, daß sie uns mehr und mehr führt, und dann wird sie selbst alles vollbringen – durch uns, zum Heil der Seelen.

Das Herz ist das Symbol der Liebe GOTTES. Die Seele, die diese Offenbarung der Liebe betrachtet, möchte Liebe um Liebe geben. Aber aus der Erfahrung wissen wir, daß wir sehr schwach sind. Und da offenbart sich die Liebe des GÖTTLICHEN HERZENS, da ER uns Seine eigene Mutter gibt („Siehe da, Deine Mutter!“), damit wir IHN lieben können mit ihrem Herzen, nicht mit unserem armen, sündigen Herzen, sondern mit ihrem unbefleckten Herzen.

Die Liebe der Imrnaculata ist die vollkommenste Liebe, mit der ein Geschöpf seinen GOTT lieben kann.

Geben wir uns also Mühe, JESUS zu lieben mit dem Herzen der Immaculata, IHN zu empfangen mit ihrem Herzen, IHM zu danken mit ihrem Herzen, auch wenn wir

* nicht aus sich, sondern nach dem Willen GOTTES.

dies nicht fühlen und verstehen. Durch ihr Herz, durch ihre Haltung loben wir JESUS.

Sie allein wird uns lehren, wie man den HERRN JESUS am besten liebt, unver­gleichlich besser als alle Bücher und Lehrmeister.

Sie wird uns lehren, IHN zu lieben wie sie IHN liebt.

 

III. DIE IMMACULATA IM DOGMA,

IN DER HL. SCHRIFT, IN DER TRADITION

1. Im Dogma

Sieben Jahrhunderte ging das Ringen um dieses Geheimnis des Glaubens. Erst 1854 verkündete Papst Pius IX. in seiner Bulle „Ineffabilis Deus“ das Dogma von der Unbefleckten Empfängnis. Schon vier Jahre später gab die GOTTESmutter selbst in Lourdes die Bestätigung (1858): „Ich bin die Unbefleckte Empfängnis.“* Wortlaut des Dogmas von der Unbefleckten Empfängnis:

„Zur Ehre der Heiligen und ungeteilten Dreifaltigkeit, zur Zierde und Verherr­lichung der jungfräulichen GOTTESgebärerin, zur Erhöhung des katholischen Glaubens und zum Wachstum der christlichen Religion erklären, verkünden und bestimmen Wir in Vollmacht unseres HERRN JESUS CHRISTUS, der seligen Apostel Petrus und Paulus und in Unserer eigenen:

Die Lehre, daß die seligste Jungfrau Maria im ersten Augenblick ihrer Empfängnis durch einzigartiges Gnadengeschenk und Vorrecht des allmächtigen GOTTES, im Hinblick auf die Verdienste CHRISTI JESU, des Erlösers des Menschengeschlechts, von jedem Fehl der Erbsünde rein bewahrt blieb, ist von GOTT geoffenbart und deshalb von allen Gläubigen fest und standhaft zu glauben.

Wenn sich deshalb jemand, was GOTT verhüte, anmaßt, anders zu denken, als es von Uns bestimmt wurde, so soll er klar wissen, daß er durch eigenen Urteilsspruch verurteilt ist, daß er an seinem Glauben Schiffbruch litt und von der Einheit der Kirche abfiel, ferner, daß er sich ohne weiteres die rechtlich festgesetzten Strafen zuzieht, wenn er in Wort oder Schrift oder sonstwie seine Auffassung äußerlich kundzugeben wagt.“ (NR 325, DS 2803f.)

2. In der Hl. Schrift

Nicht alle Glaubenswahrheiten sind ausdrücklich in der Hl. Schrift enthalten, aber doch im Kern. In der Tradition entfaltet sich die Wahrheit, die in der Schrift grund­gelegt ist, unter dem Beistand des HEILIGEN GEISTES.

a) Das „Protoevangelium“ (Gen 3, 15):

„Feindschaft will ich setzen zwischen dir und dem Weibe, zwischen deinem Samen und ihrem Samen; er wird dir den Kopf zertreten und du wirst seiner Ferse nach­stellen.“ (Die Vulgata, der kirchenamtliche lateinische Bibeltext, der weithin auf

* 1876 offenbarte sich Maria auch in Deutschland, in Marpingen/Saar, als die „unbefleckt Empfangene“. Infolge der damaligen Kulturkampfsituation (Bismarck zu Marpingen: „Wir können kein deutsches Lourdes gebrauchen!“) kam es zu keiner offiziellen Stellung­nahme der Kirche. Der große Dogmatiker Scheeben z. B. setzte sich von Anfang an für die Echtheit der Erscheinungen ein.

den hl. Hieronymus zurückgeht, sagt: „Sie wird dir den Kopf zertreten, und du wirst ihrer Ferse nachstellen.“)

Der Erlöser ist der Schlangenzertreter, das Weib aber ist Maria, die Mutter des Erlösers: so legen es alle maßgeblichen Kirchenlehrer aus. Aber auch die Überset­zung der Vulgata sagt die Wahrheit aus, daß Maria alle bösen Mächte besiegen wird; wird ihr doch die Ehre zuerkannt, alle Irrlehren des Bösen überwunden zu haben. Dem Erlöser CHRISTUS und Maria stehen die „Schlange“ (Satan) und seine aus Sündern bestehende Anhängerschaft gegenüber. Hätte Maria auch nur einen Augenblick unter der Herrschaft Satans (nämlich durch die Erbsünde) gestan­den, dann hätte er über sie gesiegt, nicht aber Maria über den Satan. Ihre un­befleckte Empfängnis aber machte sie zur uneinnehmbaren GOTTESstadt. Hätte Satan nur einen Augenblick über sie die Herrschaft gehabt, so wäre die Aussage des Protoevangeliums von der Feindschaft, dem Kampf zwischen Maria und dem Bösen nicht wahr.

b) Der Engelsgruß (Lk 1, 28):

„Gegrüßet seist Du, Maria, voll der Gnaden.“ Selbst Luther sagte, man könne zu ihr nicht sagen: „Gebenedeit bist Du . . .“, wenn sie je unter der Vermaledeiung gelegen wäre. Der Engel grüßt sie, d. h. GOTT läßt ihr durch den Erzengel Gabriel den Gruß bringen und nennt sie „Maria voll der Gnaden“. Dieser „Zuname“ ,Voll der Gnaden‘ kennzeichnet ihr ganzes Wesen. So wie ihr Sohn den Namen JESUS (Hei­land, Erlöser, Retter) erhielt, weil ER Sein Volk von seinen Sünden erlösen, vom ewigen Tode erretten sollte, so wird sie „Voll der Gnaden“ genannt, weil sie so eine würdige Wohnstätte für den eingeborenen SOHN GOTTES war.

Sie wäre nicht die ganz Heilige, ohne Makel, hätte je der Makel der Schuld Adams ihre Seele befleckt. Sie wäre also nicht ganz heilig, ganz voll der Gnaden, wenn nicht auch der Anfang ihres Daseins schon ganz heilig wäre. Es kann in ihr keinen Zustand gegeben haben, wo sie einmal nicht in der Gnade war. Wie in der Knospe schon ganz die Blüte enthalten ist, aber noch nicht so erkennbar, so ist auch in dem Namen „Voll der Gnaden“ die Unbefleckte Empfängnis eingeschlossen. Erst unserer Zeit war es geschenkt, die entfaltete Blüte zu erkennen, und Pater Maximilian Kolbe war gewürdigt, dieses Geheimnis in allen Dimensionen und in seiner ganzen Schön­heit zu künden.

3. In der hl. Tradition

Der hl. Irenäus (2. Jh.): „Der HERR war sündelos, weil aus dem unverweslichen Holz der Menschheit nachgebildet, d. h. aus der Jungfrau Maria und dem HL. GEIST inwendig und auswendig wie mit dem reinsten Golde des Logos um­kleidet.“

Ein klassischer Zeuge ist der hl. Ephräm (370): „Du und Deine Mutter, Ihr seid die einzigen, die in jeder Hinsicht ganz schön sind; denn an Dir, o HERR, ist kein Fleckchen, und keine Makel an Deiner Mutter.“

Unsterblichen Ruhm erwarb sich Don Scotus (t 1308), indem er den wichtigen und entscheidenden Begriff der Vorerlösung aufstellte. Auch die Mutter GOTTES bedurfte eines Mittlers und Erlösers, nur die Art und Form ihrer Erlösung ist eine andere als bei allen Menschen sonst: Sie bestand in der gänzlichen Bewahrung vor der Erbsünde, in die Maria hätte fallen müssen, wenn GOTT ihr und nur ihr allein nicht ein einmaliges und einzigartiges Privileg zugestanden hätte: die Vorerlösung im Hinblick auf die Verdienste ihres Sohnes, des Erlösers.

Als letzter Zeuge aus der hl. Tradition sei Kardinal Newman angeführt, den man auch den Kirchenvater der neuen Zeit nennt (1801-1890). Mit 45 Jahren konver­tierte er vom Anglikanismus zur katholischen Kirche. Aber immer schon fühlte er sich zur GOTTESmutter hingezogen.

Aus seiner Predigt „Die Angemessenheiten der Herrlichkeiten Mariens“: „Singt doch die Kirche ,Du hast den Schoß der Jungfrau nicht verschmäht‘. Die Substanz Seines menschlichen Fleisches hat ER aus ihr angenommen und, in sie gekleidet, ruhte ER in ihrem Schoß; nach der Geburt hat ER sie mit sich getragen, sozusagen als Zeichen und Zeugnis dafür, daß ER, obwohl GOTT, auch der ihre war. Von ihr wurde ER genährt und gepflegt, sie reichte IHM ihre Brust und in ihren Armen hat ER geruht. In der Folgezeit hat ER ihr gedient und Gehorsam geleistet.

ER hat dreißig Jahre in ein- und demselben Haus mit ihr gelebt, in ununterbroche­ner Gemeinsamkeit, die außer ihr nur der hl. Josef teilte . . . All diese Zeit hindurch war sie selig in Seinem Lächeln, in der Berührung Seiner Hand, im Lispeln Seiner Liebe, in der Aussprache Seiner Gedanken und Seiner Empfindungen. Nun, meine Brüder, was müßte sie wohl sein, was stand ihr geziemenderweise zu, ihr, der so hoch Begnadeten?… Was wird die würdige Ausstattung sein für jene, die der Allmäch­tige zu erheben geruht hat, nicht zu Seinem Knecht, zu Seinem Freund, zu Seinem Vertrauten, sondern zu Seiner Vorgesetzten, zum Ursprung Seines anderen Seins, zur Pflegerin Seiner hilflosen Kindheit, zur Lehrmeistern Seiner beginnenden Jahre? Ich antworte mit den Worten des Königs: ‚Nichts ist zu hoch für sie, der GOTT Sein menschliches Leben verdankt.‘ Es gibt keine Überfülle von Gnade, kein Übermaß an Herrlichkeit, die nicht für sie geziemend wären, in der GOTT sich nie­dergelassen hat, von der GOTT ausgegangen ist. Die Fülle GOTTES möge sie über­strömen, daß sie in ihrer lebendigen Gestalt die unmittelbare Heiligkeit, Schönheit und Herrlichkeit GOTTES Selbst widerstrahlt, daß sie der Spiegel der Gerechtig­keit, die mystische Rose, der elfenbeinerne Turm, das goldene Haus, der Morgen­stern sei . . . Können wir der Heiligkeit jener Grenzen setzen, die die Mutter des All­heiligen war? . . . Johannes der Täufer wurde schon vor seiner Geburt geheiligt: Soll Maria lediglich ihm gleich sein? Ist es nicht geziemend, daß ihr Gnadenvorrecht das seinige übertreffen mußte? Ist es verwunderlich, daß die Gnade, die seiner Geburt um drei Monate vorausging, in Maria bis zum allerersten Augenblick ihres Daseins zurückreichen, alle Gedanken an eine Sünde unmöglich machen und der Besitz­nahme durch Satan zuvorkommen sollte? Maria mußte alle Heiligen übertreffen.

Schon die Tatsache, daß wir wissen, daß bestimmte Gnadenvorrechte ihnen zuteil geworden waren, überzeugt uns fast mit Notwendigkeit, daß Maria dieselben und noch höhere besessen hat. So war ihre Empfängnis makellos, damit sie alle Heiligen übertreffe, sowohl im Zeitpunkt als auch in der Fülle ihrer Heiligkeit.“

 

IV. SCHLUSSBETRACHTUNG

1. Katharina Emmerich, die große Mystikerin, berichtet uns, daß GOTT die Eltern Marias, Joachim und Anna, ehe sie zusammenkamen, in den Zustand der übernatür­lichen Gnade erhoben hat, so daß sie ihr Kind Maria, um das sie lange Jahre zu GOTT gefleht hatten in dem Zustand zeugten, wie es bei Adam und Eva vor ihrem Sündenfall gewesen wäre. Weiterhin berichtet die Mystikerin, daß bei der Un­befleckten Empfängnis Mariens die ganze Schöpfung von einer großen Freudigkeit durchströmt wurde; auch die vernunftlosen Geschöpfe wurden von diesem seligen Ahnen ergriffen. Maria ist ja die Morgenröte der neuen Zeit, die Morgenröte, die Zeichen und Wirkung der neu aufgehenden Sonne, des GOTTmenschen JESUS CHRISTUS, ist.

GOTT hat bei der Unbefleckten Empfängnis Mariens die Erschaffung einer ganz reinen, ganz heiligen, eben einer von der Erbschuld unbefleckten Seele vorgenom­men, die ganz in Liebe auf IHN hingeordnet war. So hat GOTT, da niemand wür­dig war, das Heil zu empfangen, wie der Prophet Isaias sagt, selbst die Eine würdig gemacht, das Heil, den Heiland der Welt zu empfangen: Maria war durch ihre Unbefleckte Empfängnis eine würdige Wohnstatt für den Erlöser. In Maria hat ER die Verheißungen Seines Bundes mit Seinem auserwählten Volk verwirklicht, in­dem ER uns durch sie den Erlöser geschenkt hat. Durch die Menschwerdung GOTTES in ihrem unbefleckten Schoße hat sich das Wort des Propheten wunder­bar erfüllt: „GOTT Selber wird kommen, Sein Volk zu erlösen.“ So ist die Un­befleckte Empfängnis der Anfang unseres Heiles. Aber auch die Unbefleckte Empfängnis ist die Frucht der Erlösung, vorweggenommen, wie auch CHRISTUS in unblutiger Weise Sein blutiges Sterben vorwegnahm durch das eucharistische Opfer beim Abendmahl.

2. „Ganz schön bist Du, Maria, und der Erbschuld Makel ist nicht in Dir!“ Weil GOTT „in der Unbefleckten Empfängnis Mariens Seinem Sohne eine würdige Wohnstätte bereitet hat“ und „weil DU sie im Hinblick auf den Tod Deines SOHNES vor allem Makel bewahrt hast, so laß uns auch durch ihre Fürsprache rein und lauter zu Dir gelangen“, so betet und jubiliert die hl. Kirche am hohen Fest der Unbefleckten Empfängnis und drückt so in ihren Gebeten das ganze Glaubensgeheimnis der Immaculata aus.

Noch ein Gedanke sei zum Schluß ausgesprochen: Wie hat sich das Geheimnis der Unbefleckten Empfängnis im Leben Mariens ausgewirkt? Da sie nie von der Makel der Erbsünde befleckt war, war sie auch nicht behaftet mit der Verwundung, die bei allen anderen zurückbleibt nach der Reinigung von der Erbschuld (in der Taufe). Wie auch sonst von den „reliquae peccatae“ (zurückbleibende Schwäche und Nei­gung zur Sünde hin) die Rede ist, so bleibt auch bei allen Heiligen eine gewisse Schwäche der Natur zurück. Selbst die kleine hl. Theresia, die von sich behaupten konnte, sie habe den Heiland nie durch eine bewußte läßliche Sünde beleidigt, mußte bekennen, daß es bei ihr wie ein Kampf auf Leben und Tod war, ihre Emp­findlichkeit, ihren inneren Stolz zu überwinden.

Dies alles war bei der allerseligsten Jungfrau nicht der Fall: ihr Herz hatte keine Schwäche zum Bösen hin; niemals konnte der Böse in ihrem Herzen eitle Gedanken, Regungen der Sinnlichkeit, hervorrufen. Niemals reagierte die GOTTESmutter ungeduldig, ärgerlich oder unwillig. Dies alles war nicht möglich bei ihr, da ihr Herz bis in die letzte Wurzel heilig war. Was sie empfinden konnte, waren Schmerz, Herzeleid — und dies in viel höherem Maß als alle anderen Geschöpfe; denn je höher die Liebe, desto tiefer das Leid, das ihr die Sünde zufügt. Da Maria ohne Makel der Erbsünde war und ganz heilig, konnte sie auch nicht sündigen, dann das Böse kommt aus dem Herzen des Menschen.*

Aber auch die Folgen der Erbschuld brauchte sie nicht zu erleiden: Sie gebar ohne Schmerzen, sie trug auch das GOTTESkind ohne Weh in ihrem Schoß; sie litt unter keiner Krankheit und hätte auch nicht zu sterben brauchen. Den Tod erlitt sie nur in Ähnlichkeit mit ihrem Sohn; aber GOTT mußte diesen makellosen Leib, der DAS LEBEN trug, vor der Verwesung bewahren. ER konnte die Heiligste nicht die Verwesung schauen lassen.

* Maria ‚konnte‘ nicht sündigen, weil sie ganz in GOTT lebte. Das mindert aber nicht ihren eigenen Anteil an ihrer Heiligkeit. Denn sie war wie wir „im Pilgerstand“ und so in das „Dunkel“ des Glaubens gestellt. Gerade im Hinblick auf die Verheißungen, die ihr der Engel bei der Verkündigung gegeben hatte, mußten die auferlegten Glaubensprüfungen um so schwerer wiegen: die Armut bei der Geburt ihres GÖTTLICHEN Kindes, die Flucht nach Ägypten, die Unbegreiflichkeit des Zwölfjährigen im Tempel, die Erfahrung, daß ihr Sohn trotz aller Zeichen Seiner Liebe von Seinem Volk als Heiland verworfen wurde .
Maria kannte keine Krankheit, somit auch keine körperlichen Schmerzen, wie sie von der durch die Erbsünde angeschlagenen Natur herrühren. Doch sie hat seelisch ‚unendlich‘ viel gelitten. — Jeden Menschen, der GOTT liebt, schmerzt es (seelisch und manchmal fast körperlich), wenn er Sünde, Haß gegen GOTT, miterleben muß. So litt Melanie von La Salette unter dem Pestgeruch der Sünde mehr als unter körperlichen Schmerzen. Um wieviel mehr die allerseligste, allerreinste GOTTESmutter! Unter dem Kreuz erlebte und erlitt sie jede Phase des Leidens und Sterbens ihres Sohnes in einzigartiger Weise mit. Der Heiland soll einmal von Seiner hl. Mutter gesagt haben: „Das ‚Unbefleckt‘ habe ich ihr geschenkt, das ‚Schmerzvoll‘ hat sie sich verdient.“ („Unbeflecktes und schmerzvolles Herz Mariae!“)
In ihren Glaubensprüfungen, in ihrem Gehorsam und vor allem in ihren Leiden hat sich die heilige Jungfrau die größten Verdienste vor GOTT erworben, die je ein Mensch erwarb.
Die Bedeutung für uns liegt darin: Je mehr wir uns Maria nähern, uns mit ihr vereinigen, um so mehr erhalten wir Anteil an ihren Verdiensten und an ihrer Unfähigkeit, zu sündi­gen (d. h. aus der GOTTESnähe herat zufallen, den Lockungen des Versuchers nach­zugeben).

 

3. Mahnung von Kardinal Newman (Schluß seiner Predigt „Die Angemessenheit der Herrlichkeit Mariens“):

„Vor allem, laß uns ihre Reinheit nachahmen . . . Ihr, meine teuren Kinder, ihr Jungmänner und ihr jungen Mädchen, wie sehr bedürft ihr gerade hierin der Für­bitte der Jungfrau-Mutter, ihrer Hilfe, ihres Vorbildes. Was soll euch, wenn ihr in der Welt lebt, auf dem engen Pfad vorwärts bringen, wenn nicht der Gedanke an Maria und ihren Schutz? Was wird eure Sinne versiegeln, was euer Herz beruhigen, wenn gefährliche Bilder und Klänge euch rundum bedrängen, was anders als Maria? Was soll euch Geduld und Beharrlichkeit verleihen, wenn ihr des langen Kampfes gegen das Böse überdrüssig geworden sei, überdrüssig der nie endenden Notwendigkeit von Vorsichtsmaßregeln, der Mühsal, sie zu beobachten, der Lästig­keit ihrer steten Wiederholung, überdrüssig eurer freudlosen Situation, die wie ein verlorener Posten ist — was anders als die liebende Verbundenheit mit Ihr? Sie wird euch stärken in eurer Entmutigung, wird euch trösten in eurer Müdigkeit, euch aufrichten nach dem Fall und euch belohnen für eure Erfolge. Sie zeigt euch ihren Sohn, der euer GOTT und alles ist. Wenn euer Herz in euch aufgeregt oder schlaff oder niedergeschlagen ist, wenn es das Gleichgewicht verliert, wenn es ruhelos und schwankend ist, wenn es angeekelt ist, von dem, was es hat, und dem nachjagt, was es nicht hat, wenn euer Auge vom Bösen belästigt wird und eure sterbliche Hülle unter den Schatten des Versuchers erzittert, was wird euch zu euch selbst zurück­führen, zum Frieden und zur Gesundung, was anderes als der kühlende Atem der Unbefleckten und der Duft der Rosen von Saron? Es ist der Ruhm der katholischen Religion, daß sie die Gabe hat, junge Herzen zur Keuschheit zu führen — woher kommt das? Weil sie uns JESUS CHRISTUS zur Nahrung gibt und Maria zu unserer Nährmutter. Bringt diesen Ruhm zur Erfüllung in euch selbst. Beweiset der Welt, daß ihr keiner falschen Lehre nacheifert, rechtfertigt die Herrlichkeit eurer von der Welt geschmähten Mutter Maria ins Antlitz der Welt hinein durch die Schlichtheit eures eigenen Wandels, und durch die Heiligkeit eurer Worte und Taten. Erbittet euch von ihr das königliche Herz der Unschuld. Sie ist die leuch­tende Gabe Gottes, die den Zauber der bösen Welt überstrahlt und noch niemand, der sie in Aufrichtigkeit suchte, enttäuscht hat. Sie ist der personale Typus und das repräsentative Bild jenes geistlichen Lebens und jener gnadenvollen Erneuerung, ,ohne sie wird niemand GOTT je schauen‘ (Hebr. 12, 14). ,Ihr Geist ist süßer als Honig und ihr Erbe süßer als Honigseim. Die sie genießen, hungern nach mehr und die sie trinken, dürsten nach mehr. Wer auf sie hört, wird nicht zuschanden und wer um sie sich müht, sündigt nicht‘ (Sir. 24, 20-22).“

„O Maria, ohne Sünde empfangen, bitte für uns, die wir unsere Zuflucht zu Dir nehmen. Amen.“

DER HEILIGE FRANCISCO UND „DER VERBORGENE JESUS“

Schweizer Fatima-Bote Nr. 77 3/2018

Nachstehend bringen wir aus dem Buch „Jacinta und Francisco – selige Kinder von Fatima“ ei­nen Auszug über die spezielle Beziehung vom inzwischen heilig gesprochenen Francisco zum sogenannten „verborgenen Jesus“, den er bei jeder sich bietenden Gelegenheit im Tabernakel der Kirche aufsuchte. Das Buch ist von Jean­Francois Louvencourt, Trappist der Abtei Notre-Dame de St. Rémy in Rochefort, Belgien. Es um­fasst fast 600 Seiten und ist noch vor der Heilig­sprechung der Kinder erschienen. Wir bringen hier die Seiten 384 bis 389.

Francisco liebt es, sich in die Natur zurück­zuziehen, denn sie ist ihm Freundin, weil sie ihn vor eventuellen Indiskretionen schützt und für die Intimität seines Gebetes förder­lich ist. Genauso gerne aber mag er die Ein­samkeit seines Zimmers, dessen Tür er ab­schliesst, wie es das Evangelium empfiehlt (vgl. Mt 6,6), und Gott im Geheimen anbe­tet; das war seine Gewohnheit während der langen Monate seiner Krankheit. Am liebsten aber geht er zum verborgenen Jesus. Bei ihm merkt er nicht, wie die Zeit vergeht. Stunde um Stunde bleibt er bei ihm, allein mit ihm, in der Stille. Ja, ganze Stunden, zum Beispiel ebenso lange, wie die Schule dauert: Früh am Morgen verlässt ihn Lucia auf der Schwelle der Kirche und nach dem Unterricht, am späten Vormittag, holt sie ihn dort ab, wo sie weiss, dass sie ihn wiederfin­den wird, das heisst tief im Gebet vor dem Allerheiligsten versunken.

Francisco und der verborgene Jesus: Nie­mand wird jemals den Inhalt ihrer Unterhal­tungen erfahren, nichts von den liebevollen Blicken, die sie austauschen oder von dem gegenseitigen Vertrauen, das sie sich entge­genbringen. Und doch besitzen wir gewisse Indizien, wie jenen Tag, an dem eine Dame Theresia, eine der Schwestern Lucias bittet, diese solle für sie bei der Jungfrau Maria Fürbitte einlegen zugunsten ihres Sohnes, der fälschlicherweise eines Verbrechens an­geklagt worden war, das er nicht begangen hatte. Da Lucia diese Bitte erhalten hatte, als sie gerade zur Schule aufbrach, erzählt sie Francisco auf dem Schulweg davon, und er antwortet ihr:

„Hör mal! Während du zur Schule gehst, bleibe ich beim verborgenen Jesus und bete darum.“ Als ich aus der Schule kam, ging ich ihn rufen und fragte ihn: „Hast du Unseren Herrn um jene Gnade gebeten?“ — „Ja! Sage Theresia durch deine Schwester, dass er in wenigen Ta­gen nach Hause kommt.“

In der Tat, einige Tage darauf war der arme Junge schon zu Hause und am Dreizehnten kam er mit der ganzen Familie, um Unserer Lieben Frau für die erlangte Gnade zu danken (Schwester Lucia spricht über Fatima, S. 172).

Der verborgene JesusBigschofancisco: Wattie einander an jenem Tag gesagt haben? Sicher ist: Zwischen beiden hat sich mit der Zeit eine so enge und ver­traute Verbindung entwickelt, dass Fran­cisco seine Bitte mit einer Überzeugung vorbringen kann, die Jesus anrührt. Bes­ser noch: Francisco gelangt zu der ruhigen und absoluten Sicherheit, dass sein Gebet schon erhört ist. Und noch besser: Er scheint so sehr an diese enge Bezie­hung zu Gott gewöhnt zu sein, dass er von einer erlangten Gnade wie von der natürlichsten Sache der Welt spricht.

Francisco, das Kind, das von Gott faszi­niert ist. Nicht von einem pantheisti­schen Gott, zurückgezogen oder anonym, sondern von einem persönlichen Gott. Und weil die Person Beziehung ist, bis hin zur Vereinigung, zur Kommunion, ist Gott in sich selbst drei-persönlich. Des­halb lehrt der Engel die drei Hirtenkinder dieses Gebet, das hier nun unbedingt vollständig wiedergegeben werden soll:

„Heiligste Dreifaltigkeit, Vater, Sohn und Heiliger Geist, in tiefster Ehrfurcht bete ich Dich an und opfere Dir auf den kostbaren Leib und das Blut, die Seele und die Gottheit Jesu Christi, gegenwär­tig in allen Tabernakeln der Erde, zur Wiedergutmachung für alle Schmähun­gen, Sakrilegien und Gleichgültigkeiten, durch die Er selbst beleidigt wird. Durch die unendlichen Verdienste seines Hei­ligsten Herzens und des Unbefleckten Herzens Mariens bitte ich Dich um die Bekehrung der armen Sünder.“

(Schwester Lucia spricht über Fatima, Seite 183).

Mit der kontemplativen Sichtweise, die ihm eigen ist, ist Francisco derjenige von den Dreien, der sich am stärksten von diesem Gebet angezogen fühlt. Ein kom­plexeres Gebet als die anderen, dessen Tragweite ihm anfangs nicht klar ist, die sich aber immer mehr erhellt, als er die drei Teile entdeckt, die es gliedern, ge­kennzeichnet durch drei Verben, die den Betenden mit der Heiligen Dreifaltigkeit verbinden: „Ich bete Dich an – ich opfe­re Dir auf – ich bitte Dich.“ Die Anbe­tung ist jene Haltung des Leibes und der Seele, die so gut seiner Demut entspricht und der er sich so gerne hingibt. Das Op­fer, das auf jenes Opfer des verborge­nen Jesus hinweist, zu dem dieser sich selbst in der Eucharistie macht, ist das Opfer, das auch Francisco aus sich selbst macht, um die gegen seinen Herrn begange­nen Sünden zu sühnen, den er um jeden Preis trösten will. Was die Bitte anbetrifft, so zielt sie auf die Bekehrung der Sünder, für die er unablässig betet. So dringt Fran­cisco immer mehr in dieses Gebet ein, das er gerne vertieft und meditiert. Er bemerkt, dass es sogar die Besonderheit hat, alle grossen Aspekte des Geheimnisses von Fati­ma zu umfassen, allerdings indem es sie in das Licht des Geheimnisses der Heiligen Dreifaltigkeit stellt und in diesem Licht ver­eint. Dieses Geheimnis, das er mit der Kir­che für das grundlegendste und höchste al­ler Geheimnisse ansieht, macht er zur Mitte seines Lebens.

Wenn die Erscheinungen des Engels mit ei­nem wesentlich trinitarischen Gebet enden, so schliessen die Erscheinungen Unserer Lie­ben Frau von Anfang an eine Vision ein, de­ren Gehalt ebenfalls trinitarisch ist.

Als Unsere Liebe Frau am 13. Mai 1917 zum ersten Mal die Hände öffnet, wirft sie den Glanz eines übernatürlichen Lichtes auf die Kinder. Das wichtigste Ziel dieses Lichtes ist, wie Lucia schreibt, sie „zu Gott und den Geheimnissen der Allerheiligsten Dreifaltig­keit“ zu führen (Schwester Lucia spricht über Fatima, S. 136).

So wie Jacinta für immer von der Vision vom 13. Juni 1917 gefangen ist, die ihr „die Er­kenntnis und die besondere Liebe zum Un­befleckten Herzen Mariens“ eingegossen hat, (Schwester Lucia spricht über Fatima, S. 136), so ist Francisco für sein Leben von dem ersten Schein des Lichtes geprägt, das von den Händen Unserer Lieben Frau aus­geht:

„Was ihn am meisten beeindruckte und fes­selte war Gott, die Heiligste Dreifaltigkeit in jenem unermesslichen Licht, das uns bis in die Tiefe der Seele durchdrang“ (Schwester Lucia spricht über Fatima, S. 157).

Übrigens fällt er bald nach der unvergessli­chen Vision vom 13. Mai auf die Knie, eben­so wie Jacinta und Lucia. Und unter dem Eindruck einer und derselben Eingebung spüren alle drei in ihrem Inneren eine Anru­fung aufsteigen, die sie so gerne und oft wiederholt haben:

„O Heiligste Dreifaltigkeit, ich bete Dich an!“

Wie könnten wir, von Francisco geführt, ei­nen anderen Schluss daraus ziehen als die erneute Betonung der trinitarischen Dimen­sion der Botschaft von Fatima? Die Heilige Dreifaltigkeit ist nicht nur von der ersten Erscheinung des Engels und der ersten Er­scheinung Unserer Lieben Frau all gegenwär­tig – so wird wunderbarerweise ein Band zwischen den beiden Erscheinungszyklen ge­knüpft – sondern sie taucht auch im dritten Erscheinungszyklus wieder auf, den Lucia nach ihrer Abreise aus Aljustrel erfuhr, mit der grandiosen Theophanie vom 13. Juni 1929, also zehn Jahre nach dem Tod Franciscos. Jeder dieser drei Erschei­nungszyklen beinhaltet also eine trinitari­sche Phase von ganz besonderer Intensität, und das ergibt aussergewöhnliche trinitari­sche Manifestationen: ein Gebet von engli­scher Herkunft (des Engels von Portugal), eine ebenso sublime wie unauslöschliche Vi­sion und eine weitere Vision, die ebenso sublim, obwohl „beschreibender“ ist. Es handelt sich also um ein absolut einzigarti­ges Triptychon in der Geschichte der Er­scheinungen.

Die besondere Stellung, welche die Dreifal­tigkeit in der Botschaft von Fatima ein­nimmt, wird durch ein Zeichen bestätigt, das nicht täuschen kann: durch die Häufig­keit der Zahl „drei“. Diese Zahl taucht in der Tat zu oft auf, als dass es sich um einen einfachen Zufall handeln könnte und nicht eine offenbare Erinnerung an die Allgegen­wart des allmächtigen Gottes wäre. Um die Häufigkeit dieser Zahl aufzuzeigen, wollen wir die unterschiedlichen, in Fatima han­delnden Personen betrachten, welche übri­gens auch drei sind.

Die Kinder

Es sind drei Kinder, und alle drei sind bei jeder der Erscheinungen immer zusammen. Insgesamt werden ihnen neun Erscheinungen gewährt, das heisst also drei mal drei Er­scheinungen. Als sie vom göttlichen Licht umflossen werden, sind sie, wie wir gesehen haben, zehn, neun und sieben Jahre alt, ins‑

gesamt also sechsundzwanzig. Wie wir ge­sehen haben (weiter vorne in diesem Buch, die Red.), ist sechsundzwanzig die Zahl Got­tes, diese Zahl ist das Doppelte von drei­zehn, und dreizehn ist, wie der hl. Isidor von Sevilla uns sagte, die Summe aus zehn, der Zahl der Gebote, und drei, welches den Autor der Gebote bezeichnet, also die Heilige Dreifaltigkeit.

Der Engel

Dreimal erscheint er den Kindern, zu drei verschiedenen Jahreszeiten. Jedes der Ge­bete, die er sie lehrt, wiederholt er drei Mal. Und das Gebet, das er ihnen beim drit­ten Mal beibringt, enthält drei Teile. Drei­mal auch spricht er zu ihnen über die Her­zen Jesu und Mariä.

Unsere Liebe Frau

Sie besteht selbst auf dieser Zahl. Dreimal zeigt sie ihr Herz: ein einziges Mal im Jahr 1917, zwei weitere Male jedoch im folgen­den Jahrzehnt, am 10. Dezember 1925 und am 13. Juni 1929. Jedes der beiden Gebe­te, welche sie die Kinder am 13. Juli 1917 lehrt, enthält drei Teile. Das Geheimnis, das sie ihnen am selben Tag anvertraut, hat ebenfalls drei Teile, und der Mittelteil spricht drei Mal von ihrem unbefleckten Herzen. In genau diesem Jahr 1917 spricht sie drei Mal von „Unserer Lieben Frau vom Rosenkranz“. Nun beinhaltet der Rosen­kranz insbesondere das Ave Maria, dessen Beginn auf jede der drei göttlichen Perso­nen hinweist und aus dem »Ehre sei dem Vater..«, dessen „trinitarische Doxologie“, die der „Gipfel der Betrachtung“ ist, der „Zielpunkt der christlichen Kontemplati­on“, woran Johannes Paul II. in seinem Apostolischen Schreiben zum Rosenkranz passend erinnert hat.

Wir wollen noch erwähnen, dass am 13. September und auch im folgenden Mo­nat drei Mal Rauchwolken vor Unserer Lie­ben Frau aufstiegen, als die Engel sie mit ihren goldenen Weihrauchfässern verehr­ten. Die Erscheinung vom 13. Oktober, die den Zyklus in der Cova da Iria abschloss, verläuft ebenfalls in drei Abschnitten: der Besuch Unserer Lieben Frau, die vielfältige Vision und das Sonnenwunder. Dieses Wun­der wurde drei Monate früher angekündigt und enthält drei Momente, denn die Sonne „tanzt“ drei Mal hintereinander.

Es spricht also alles von der Dreifaltigkeit: nicht nur die Natur, wie uns Lucia weiter oben sagte, sondern auch der Engel, so­dann Unsere Liebe Frau, und selbst die Zahlen. Ohne unseren Leib und unser Herz auszulassen, denn Papst Benedikt versi­chert, dass „das Sein des Menschen in sei­nem <Erbgut> die tiefe Spur der Dreifaltig­keit trägt, des Gottes, der die Liebe ist“ (Angelus vom 7. Juni 2009), und auch Schwester Lucia schreibt übrigens: „Wir sind lebendige Tabernakel, in denen die Heiligste Dreifaltigkeit wohnt“ (Aufrufe, S. 135).

Trotz der Vielfalt und des Reichtums dieser Zeichen und der Manifestationen bleibt im­mer ein Abgrund zwischen der immanenten Trinität und alledem, was wir jemals über sie wissen können. Dieser Apophatismus, (siehe Erklärung am Schluss) der in jedem Versuch inhärent vorhanden ist, dieses Geheim­nis zu erfassen, ist ein integraler Bestandteil des Annäherns an das Wesen der Dreifaltig­keit durch Francisco. Natürlich hat er nie ei­ne theologische Ausbildung genossen, noch hat er je über die Unmöglichkeit jeglichen Vorhabens gehört, Gott zu beschreiben oder für das menschliche Verständnis erfassbar zu machen, wenn nicht eben als unerfasslich. Aber er betet, er betet viel, und im Gebet bekommt er jene Eingebung, welche die be­kanntesten kontemplativen Menschen weit entwickelt haben, ohne sie jemals übertref­fen zu können: „Wie Gott doch ist! Das kann man nicht aussprechen! Ja, das kann keiner jemals sagen!“

So viele Negationen in so wenigen Worten! die gesamte „negative“ Theologie der gröss­ten Mystiker seit Dionysos Areopagita ist da­rin enthalten, ist bei Francisco virtuell prä­sent.

So also ist Francisco, das kontemplative Kind, das Kind der apophatischen Stille, das Kind, das von der Heiligsten Dreifaltigkeit faszi­niert ist sowohl in ihrer absoluten Transzen­denz als auch von ihrem Einwohnen im In­nersten eines jeden von uns. So ist Francisco das Kind, dessen Kontemplation seinem Sinn für das praktische Leben und für die Hingabe keineswegs schadet, sondern beides sogar, ganz im Gegenteil, noch anregt und verfei­nert. (…)

Bezüglich dem Wort „Apophatismus“ hat Pfr. Gerald Hauser wie folgt geantwortet:

Im Zusammenhang mit den Kindern von Fati­ma kann „apophatische Stille“ einfach nur heissen, dass Francisco die Unsagbarkeit, Un­nennbarkeit, Unerkennbarkeit Gottes erfah­ren hat. Wie der hl. Thomas von Aquin, im­merhin der grösste Theologe unserer Kirche, der, nachdem er eine Vision Gottes gehabt hatte, nichts mehr geschrieben hat, weil ihm alles, was er je über Gott gesagt und ge­schrieben hatte, wie Stroh vorkam gegenüber der Herrlichkeit Gottes, die er schauen durf­te.

Und damit wurde aus diesem Mann, der so viel und so viel Gutes geschrieben hatte, ein Heiliger der „apophatischen Stille“.

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Quelle: Schweizer Fatima-Bote Nr. 77 3/2018

Siehe dazu auch:

Auszug aus: Andrea Tornielli: Das Geheimnis von Pater Pio und Karol Wojtyla


1. EIN TREFFEN AN EINEM
APRILNACHMITTAG

Freitag, 30. April 1999. In Rom hat schon die Invasion der Pilger begonnen, die zur Seligsprechung von Pater Pio von Pietrelcina gekommen sind, des Kapuziners mit den Wundmalen, des „Heiligen vom Gargano“. Ein Heiliger, der bei manchen umstritten ist, der von vielen als „politisch inkorrekt“ angesehen wird, als Symbol einer urtümlichen, wenig modernen Religiosität. Ein Heiliger, der vom christlichen Volk geliebt, sehr geliebt wird.

Ich sehe sie in Gruppen daherkommen, die Pilger, mit ihren blauen Hütchen und den weißen Halstüchern, auf denen das Bild des Paters aufgedruckt ist. Auf dem Platz vor der vatikanischen Basilika wird gerade getestet, ob die Übertragungsanlage funktioniert, und Tausende von jungen Leuten stimmen Gesänge zu Ehren von Johannes Paul II. an. Während ich mit raschem Schritt auf die von der Schweizergarde errichtete Absperrung zugehe, werfe ich einen letzten Blick auf diese Vorhut des Popolo di Padre Pio, „der Gemeinde Pater Pios“, auf diese einfachen Leute, die zur Seligsprechung des stigmatisierten Kapuziners in die Hauptstadt geeilt sind. Im Grunde stellt das, was jetzt gleich geschehen soll, in gewisser Weise eine Revanche dar, gerade für sie. Oder, besser gesagt, keine Revanche, sondern der Beweis, dass, wenn auch langsam, in einem Zeitmaß, das wir nicht verstehen, in der Kirche doch Gerechtigkeit geschieht: Diese unbequeme, blutvolle Persönlichkeit, die so stark dem Traditionalismus anhing und so wenig in die Zeit zu passen schien, die so sehr angefeindet und manchmal auch verfolgt worden war von Prälaten, die nicht immer uneigennützig waren, und sogar von manchen Päpsten, wird nun gleich seliggesprochen werden. Waren die kirchenrechtlichen Sanktionen, die im Laufe seines langen und mühevollen Lebens gegen ihn verhängt worden waren, ungerecht? Jetzt ist nicht der Zeitpunkt, darüber zu diskutieren. Das, was zählt, ist die Tatsache, dass dieser Ordensmann mit dem ungepflegten Bart und dem unverwechselbaren apulischen Akzent sie im Gehorsam angenommen und sich seinen Oberen unterworfen hat. Er hat gelitten, viel gelitten — nicht nur körperlich, gepeinigt von den Stigmata, sondern auch geistig. Er hat darunter gelitten, nicht verstanden zu werden von seinen Oberen, von Leuten aus der kirchlichen Hierarchie, die des Gewandes, das sie trugen, nicht immer würdig waren. Er ist auch vom Teufel im Laufe seines Lebens versucht worden, zu wiederholten Malen. Er war ein Kapuziner, der von Gott sprach, ohne dabei irgendwelche Abstriche zu machen; der den Glauben in seiner vollen Gestalt vorlegte, der von Jesus und von der Gottesmutter sprach, der die wirksame Gegenwart jenes personalen Wesens, das der Satan, der Versucher ist, nicht verschwieg. Er war ein Kapuziner, der einen guten Teil seines Lebens im Beichtstuhl verbrachte, der dort als Vermittler jener göttlichen Gnade wirkte, die es jedem Menschen ermöglicht, wieder von Neuem zu beginnen und die Reinheit der Taufe wiederzuerlangen. Wie viele Menschen sind nach San Giovanni Rotondo gekommen, wie viele haben sich vor diesem Beichtstuhl niedergekniet! Wie viele Männer und Frauen, wie viele Schwestern und Mütter, wie viele Eltern und Kinder … Sie riss nicht ab, die Prozession der Gläubigen, der einfachen Gläubigen, in jenem abgelegenen Kloster auf dem Gargano, aus dem dann auch ein großes Krankenhaus entstanden ist, Casa Sollievo della Sofferenza1. Wie viel Leiden und Elend haben die Ohren dieses Ordensmannes gehört, wie viele Häupter haben seine Hände gesegnet, die stets verborgen waren in diesen eigenartigen fingerlosen wollenen Handschuhen, die er auch im Sommer trug, um die Stigmata zu bedecken, die Spuren der Kreuzesnägel, die ihm das Fleisch durchbohrten und ihm unaussprechliche Schmerzen verursachten. Viele, wirklich sehr viele sind nach San Giovanni Rotondo gekommen, als Pater Pio noch am Leben war. Viele, sehr viele besuchen diesen Ort auch weiterhin, jetzt, wo er nicht mehr da ist. Viele Gnaden sind dort geschenkt worden, viele Wunder haben sich ereignet, aber vor allem viele Bekehrungen. Ich denke an diesen ganzen breiten Strom von Gutem, den die göttliche Vorsehung auf die verwundete und leidende Menschheit gelenkt hat. Ich denke an das Gesicht, das dieser ungebildete Kapuziner — der so wenig auf einer Linie liegt mit einer gewissen modernen Theologie, mit gewissen Vertretern der kirchlichen intellighenzia2, die die Volksreligiosität mit Argwohn betrachten, als ob sie ein archaisches Phänomen wäre, das man exorzieren müsste — machen würde, wenn er heute über den Petersplatz gehen würde.

Ich schaue mir die Pilger an und beobachte dann die mittlere Loggia der vatikanischen Basilika. Ein riesiges Tuch mit dem Bild von Pater Pio aus Pietrelcina wird in

1 „Haus der Linderung des Leidens“.
2 Eine Gruppe der wissenschaftlich Gebildeten.

wenigen Stunden auf diesem Platz, der als das Herz der Christenheit gilt, enthüllt werden, sobald der greise Papst die lateinische Seligsprechungsformel gesprochen haben wird. Ich denke an die große, grenzenlose Freude all derer, die in ihren — oft ärmlichen — Häusern ein Bild des „Heiligen vom Gargano“ hängen haben, an die, die ihn immer angerufen haben, an die, die ihn geliebt haben. Diese Gedanken gehen mir durch den Kopf, während ich die bereits müden Pilger betrachte, die aus ihren Bussen aussteigen, mit ihren Picknicktüten und ihren Klappstühlchen, mit denen sie im Sitzen an der Zeremonie teilnehmen können.

Dann schaue ich nach oben zum Apostolischen Palast, in dessen Räumen Johannes Paul II. gerade arbeitet, der erste polnische Papst der Kirchengeschichte. Ihm schreibt man den entscheidenden Stoß zu, der zum Fall des Kommunismus geführt hat, und zweifellos hat er, der aus dem Osten gekommen ist, um die Welt daran zu erinnern, dass der Eiserne Vorhang die Völker und die Kulturen nicht zu trennen vermag, zum Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus im Jahre 1989 beigetragen. Die Welt, die sich nunmehr für befriedet hielt, hat dann neue Kriege gesehen, im Nahen Osten und auch in Europa, nur wenige hundert Kilometer von uns entfernt im ehemaligen Jugoslawien. Die Kämpfe des Kosovo-Krieges sind eben erst zu Ende. Welch ein Irrtum ist es, die Gestalt dieses Giganten des 20. Jahrhunderts allein mit politischen oder geopolitischen Maßstäben zu messen! Wer Johannes Paul II. kennengelernt hat, wer ihn hat beten sehen, hegt keinen Zweifel daran, dass dieser Papst, der gleich Pater Pio zur Ehre der Altäre erheben wird, ein Mystiker ist, ein Mystiker, der fähig ist, die Geschichte, die Vergangenheit, die Gegenwart und auch die Zukunft im Lichte des Glaubens zu lesen, im Lichte des Handelns Gottes. Es sind völlig unterschiedliche Geschichten, die von Pater Pio von Pietrelcina, mit bürgerlichem Namen Francesco Forgione, und die von Johannes Paul II., mit bürgerlichem Namen Karol Wojtyla. Es sind verschiedene Geschichten, weit voneinander entfernte Wege, die doch so sehr vereint sind durch das Leiden und durch die vollständige Hingabe an den Willen Gottes in jedem Augenblick der Existenz. Und es sind Geschichten, die begonnen haben, sich an einem Aprilabend im Jahre 1948 zu überschneiden, als ein junger polnischer Priester auf den Gargano hinaufsteigt, nach einer stundenlangen Zugfahrt, um diesen Pater persönlich kennenzulernen, von dem in Rom viele reden. Und diese Geschichten sind dazu bestimmt, sich noch weiter zu überschneiden. An ihrem Ende ist dieser magere polnische Priester mit den hohlen Wangen Papst geworden, er hat in seinem eigenen Fleisch das Leiden kennengelernt, er ist dem Tod ganz nahegekommen durch die Kugeln, die der türkische Attentäter am 13. Mai 1981 abgefeuert hat. Und jetzt bereitet er sich darauf vor, auf diesem selben Platz, der ihn fast zum Märtyrer hätte werden lassen, Pater Pio seligzusprechen. Derselbe Ordensmann, auf den der Bannstrahl des Heiligen Offiziums3 niedergefahren war, wird jetzt der Kirche als Beispiel vor Augen gestellt.

Es ist Nachmittag, und ich bin in einem der kirchlichen Paläste auf der anderen Seite des Tibers mit einem alten Monsignore verabredet, mit einem Kanoniker von Sankt

3 „Heiliges Offizium“ ist die alte Bezeichnung für die „Kongregation für die Glaubenslehre“.

Peter, und zwar um mit ihm eben über Pater Pio zu sprechen. Er ist ein typischer Mann aus der Romagna, ein großer Kenner der lateinischen Sprache, ein treuer Mitarbeiter vieler Päpste, und er schätzt den stigmatisierten Mönch sehr. Seit vielen Jahren hat er infolge eines Schlaganfalls gewisse Schwierigkeiten beim Sprechen und beim Gehen, aber das hindert ihn nicht, die Messe zu feiern und noch andere pastorale Aktivitäten zu übernehmen, wenn auch als Pensionär. Gerade er war — ohne es zu wissen — der Vermittler eines „Wunders“, einer besonderen Gnade, die durch die Fürbitte von Pater Pio erlangt worden war, und zwar im Jahre 1962 auf die Bitte von Karol Wojtyla hin, als der zukünftige Papst noch der junge Weih-bischof und Kapitularvikar in Krakau war. Eine Geschichte, über die jahrelang nur getuschelt worden war und die dann nach der Wahl Johannes Pauls II. wieder ans Licht kam. Und ein Wunder, das nach strenger Logik gar nicht als solches bezeichnet werden kann, weil es niemals von der medizinischen Kommission der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse offiziell bestätigt und dokumentiert worden ist. Jedoch war bis zu diesem Moment niemand direkt zurückgegangen bis zu ihm, zu Mons. Guglielmo Zannoni, einem betagten Prälaten mit einem lächelnden Gesicht hinter einer dicken Brille, der jetzt, vor meinen Augen, in der Residenz der Kanoniker von Sankt Peter mit kurzen, schnellen Schritten seine Wohnung durchmisst, wobei er ein Bein leicht nachzieht. Er ist fünfundachtzig Jahre alt, stammt aus Rimini und trägt einen blauen Pullover aus schwerer Wolle, obwohl sich die milde Wärme des schon fortgeschrittenen Frühlings in Rom deutlich bemerkbar macht. Seine Füße stecken in einem Paar schwarzer Filzpantoffeln.

„Ich hab’s gleich für Sie … noch einen Moment Geduld!“, sagt er zu mir, während er sich vom einen Ende seines Arbeitszimmers zum anderen bewegt und sich an Schubladen, Mappen, Ordnern zu schaffen macht. Er ist auf der Suche nach ein paar Dokumenten, die er mir vorlegen will. Aus einer staubigen Mappe kommen alte Schwarz-Weiß-Aufnahmen zum Vorschein, die ihn an der Seite von Johannes XXIII. und Paul VI. zeigen. Aber die Briefe, die er sucht, tauchen noch nicht wieder auf. In der Zwischenzeit habe ich das Aufnahmegerät herausgeholt, weil ich hoffe, mit einem Interview in die Redaktion des Giornale4 zurückkehren zu können — und ich werde nicht enttäuscht werden.

„Gemäß meinen bescheidenen Möglichkeiten und ohne es zu wissen, bin ich zum Vermittler für ein Wunder geworden, das Karol Wojtyla von Pater Pio erbeten hat“, flüstert Mons. Guglielmo Zannoni, der sechzig Jahre als Priester im Dienste des Heiligen Stuhls verbracht hat. Schließlich gibt eine Schublade des Schreibtisches aus dunklem Nussbaum das so sehr gesuchte Dokumentenbündel frei. Es sind Dokumente, die vom Glauben sprechen, von der Bitte um Gnade, von Wundern — mit einem Wort: vom Christentum. Wenige Meter Luftlinie von seiner Wohnung im zweiten Stock der Domherrenkurie von Sankt Peter entfernt ist jetzt, an diesem Frühjahrsnach¬mittag mit seinem bleiernen Himmel, alles bereit für die Zeremonie.

„Im November 1962, während des Ökumenischen Konzils, des Zweiten Vatikanums, das gerade eröffnet worden war“, erzählt Zannoni, „war Karol Wojtyla, damals Weih-

4 II Giornale ist eine italienische Tageszeitung mit Sitz in Mailand.

bischof in Krakau, hier in Rom, um an der Arbeit des Konzils teilzunehmen. Er hatte einen Freund an der Kurie, einen Kommilitonen aus dem Seminar, den ich jeden Tag in der Kantine von Santa Marta beim Mittagessen traf: Mons. Andrzej Deskur, heute Kardinal. Eines Tages zeigte mir Deskur einen in Latein geschriebenen Brief und fragte mich, wie er ihn Pater Pio zukommen lassen könne.“ Der Brief, von dem der betagte Prälat noch eine verknitterte Kopie besitzt, ist auf den 17. November 1962 datiert und wurde von dem zukünftigen Papst geschrieben, als der im Pontificio Collegio Polacco, dem Päpstlichen Polnischen Kolleg, weilte:

„Ehrwürdiger Vater, ich bitte Dich, für eine Mutter von vier Töchtern zu beten, die vierzig Jahre alt ist und in Krakau in Polen lebt. Während des letzten Krieges war sie fünf Jahre lang als Gefangene in einem Konzentrationslager in Deutschland. Jetzt ist sie schwer krebskrank und schwebt in Lebensgefahr …“

Die Frau ist Wanda Poltawska, eine Altersgenossin und Freundin der Familie des Pontifex, Professorin für Psychiatrie. Damals war sie in Lebensgefahr wegen einer schweren Form von Darmkrebs: Die Ärzte waren schon zu dem Ergebnis gekommen, dass auch ein chirurgischer Eingriff keinen Sinn mehr habe, weil der zu entfernende Teil zu umfangreich sei.

„Ich habe Pater Pio gut gekannt“, erzählt Zannoni weiter, mit seinen lebhaften Augen, die mich aufmerksam betrachten und sich immer wieder auf die Säulenreihe jenes Platzes richten, der binnen Kurzem der Schauplatz der Seligsprechung sein wird. „Ich war eng befreundet mit Angelo Battisti, der in der Woche als Schreibkraft im Staatssekretariat arbeitete und dann für den Samstag und den Sonntag nach San Giovanni Rotondo fuhr und als Verwalter des Krankenhauses Casa Sollievo della Sofferenza fungierte. Ihm gab ich den Brief des Krakauer Weihbischofs mit der Bitte, ihn Pater Pio persönlich auszuhändigen.“ Battisti fuhr sofort los. „Sobald er im Kloster angekommen war, bat ihn der Pater, ihm das Schreiben vorzulesen“, erzählt der Monsignore mit einer von der Emotion belegten Stimme. „Nachdem er die Bitte angehört hatte, lautete der einzige Kommentar von Pater Pio: ,Angelino, dazu kann man nicht Nein sagen.“

Danach vergehen elf Tage im Schweigen. Dann überreicht Deskur seinem Freund Zannoni, den er jeden Tag in der Kantine trifft, einen zweiten Brief. Der Monsignore sorgt sofort dafür, dass er — auf dem üblichen Wege an sein Ziel gelangt, nämlich in die Hände von Pater Pio. „Das zweite Schreiben ist auf den 28. November 1962 datiert“, erläutert Zannoni, „und ebenso wie das vorige in Latein geschrieben.“

„Ehrwürdiger Vater, die Frau aus Krakau, die Mutter von vier Töchtern, ist am 21. November, noch vor dem chirurgischen Eingriff, plötzlich genesen. Danken wir Gott dafür! Und ich danke ganz besonders Dir, ehrwürdiger Vater, auch in ihrem Namen und im Namen ihres Mannes und ihrer ganzen Familie.“

Der furchtbare Darmkrebs war auf einmal verschwunden. Wanda Poltawska ist am Leben, sie ist auch heute noch am Leben, am Tag vor der Seligsprechung von Pater Pio, siebenunddreißig Jahre nach der tragischen Krankheit und der unerklärlichen Genesung. „Niemand konnte sich damals vorstellen, dass dieser junge polnische Bischof, der nach Rom gekommen war, um am Konzil teilzunehmen, eines Tages Papst werden würde“, sagt Zannoni mit einem Lächeln zu mir, „niemand — außer Pater Pio.“ Einige Jahre später, kurz bevor er starb, wollte der stigmatisierte Ordensmann seine Korrespondenz vernichten. „Angelo Battisti war derjenige, der ihm half, seine Papiere in Ordnung zu bringen. Und als ihm die beiden Briefe mit der Unterschrift Karol Wojtylas in die Hände fielen, sagte Pater Pio: ,Bewahre du sie auf, denn sie werden eines Tages wichtig werden.“ So verwahrte der Mann, der als Schreibkraft im Staatssekretariat arbeitete, die Briefe in einer Schublade seiner Wohnung und vergaß sie. „Im Oktober 1978″, fährt Monsignore Zannoni fort, „sogleich nach der Wahl Papst Johannes Pauls II., holte Angelino Battisti sie heraus und gab mir eine Kopie davon. Auch wenn sie im Seligsprechungsprozess nicht offiziell berücksichtigt worden sind — sie haben doch dazu geführt, dass der Papst die Sache von Pater Pio in Betracht gezogen hat.“ Und in der Tat hatte Karol Wojtyla, als er Erzbischof von Krakau und Kardinal geworden war, dieses unerwartete Wunder, diese besondere Gnade, die auf die Fürbitte des Ordensmannes vom Gargano hin gewährt worden war, nicht vergessen. Er hatte ein Gesuch der polnischen Bischöfe an Papst Paul VI. initiiert, das um die Eröffnung eines Seligsprechungsprozesses für Pater Pio bat. „Und als er dann zum Papst gewählt worden war, hat er selbst dafür gesorgt …“, sagt Zannoni, während er den Vorhang vor dem Fenster seines Arbeitszimmers zur Seite schiebt und auf den Platz hinunterschaut.

„Es ist für mich eine große Genugtuung, eine große Freude“, flüstert er, während ein Lächeln über sein ganzes Gesicht geht. „Pater Pio hat viel gelitten, sehr viel, es hat eine Zeit gegeben, als man im Vatikan nicht einmal seinen Namen nennen durfte. Und zu mir, der ich zu den wenigen gehörte, die ihn verteidigten, sagte man, ich solle schweigen. Aber ich war sicher, dass er ein Heiliger war. Ich habe immer daran geglaubt und bin deswegen öfter zu ihm gefahren.“

Bevor ich gehe, mit den beiden Briefen, die in meiner Zeitung abgedruckt werden sollen, stelle ich dem Monsignore, dessen Gesicht vor Heiterkeit, ja vor Glück strahlt, nachdem er mir diese Geschichte erzählt hat, eine letzte Frage: „Monsignore, werden Sie auch bei der Zeremonie anwesend sein, die Johannes Paul II. feiern wird?“ — „Normalerweise gehe ich nicht hin, wegen meines Alters“, antwortet er mir, steht auf und geht noch einmal ans Fenster. „Aber Sie können sicher sein: In zwei Tagen werde ich, so Gott will, da sein und auf dem Petersplatz sitzen. Ja, ich werde auch da sein. Für mich gehört Pater Pio sozusagen zur Familie … Es wird ein großer Tag werden.“

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Quelle: Buch: Andrea Tornielli – Das Geheimnis von Pater Pio und Karol Wojtyla – Media Maria

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Elisabeth von Thüringen – unbeirrbare Helferin der Armen

Kolossales Mosaikbildnis der Elisabeth von Thüringen in der Mexikokirche (Elisabethkapelle) in Wien

Elisabeth wurde als Tochter des ungarischen Königs Andreas II. im Jahr 1207 geboren, einer Zeit, als der oströmische Kaiser von aus reiner Machtgier fehlgeleiteten Kreuzfahrern aus seiner Hauptstadt Konstantinopel vertrieben worden war und somit Ungarn die bedeutendste Macht im Südosten Europas darstellte. Ihre Mutter Gertrud von Andechs stammte aus einer sehr einflussreichen deutschen Adelsfamilie, deren Geschwister einflussreiche Positionen in Politik und Kirche einnahmen. Es verwundert daher nicht, dass diese Eltern schon früh konkrete Pläne für die Zukunft ihrer Tochter schmiedeten, mit denen sie Macht und Einfluss ihres Hauses stärken wollten. Bereits als vierjähriges Kind wurde sie Hermann, dem Sohn und designierten Nachfolger des gleichnamigen Landgrafen von Thüringen versprochen und zur Erziehung an deren Hof geschickt, um von Anfang an mit deutscher Muttersprache aufzuwachsen. Schon fünf Jahre danach starb ihr vorgesehener Ehegatte Hermann, ein Jahr später auch sein Vater. Elisabeth sollte wieder zurück zu ihren Eltern geschickt werden, aber Hermanns jüngerer Bruder Ludwig, der 1218 volljährig und damit Landgraf wurde, verliebte sich in das liebenswerte Mädchen, das so ganz und gar nichts von höfischem Prunk hielt sondern mehr durch Bescheidenheit und Frömmigkeit auffiel, und schon mit 14 Jahren heiratete sie ihn.

Die Ehe war glücklich, aber leider nur recht kurz. Das Paar hatte in den ihm vergönnten sechs Ehejahren drei Kinder und war viel zusammen. Selbst auf Reisen begleitete Elisabeth ihren Mann, wann immer es ihr möglich war. Umgekehrt brachte auch Ludwig seiner jungen Frau viel Liebe und Verständnis entgegen. Ihre Hilfe für Arme und Kranke unterstützte er, so gut er konnte und gab ihr gegen ihre Gegner bei Hofe die notwendige Rückendeckung. Auch ihre groß angelegte Hilfsaktion im Hungerwinter 1225/26, die sie während Ludwigs Aufenthalt in Italien beim Kaiser ohne ihn organisierte, um eine Hungernot in der Bevölkerung zu verhindern, hieß er bei seiner Rückkehr gegenüber allen Kritikern eindeutig gut. Weitere Unterstützung fand sie bei ihrem geistlichen Berater, dem Franziskaner Rodeger, auf den 1226 Konrad von Marburg folgte. Das franziskanische Armutsideal entsprach genau der Haltung Elisabeths. Nie konnte sie sich damit abfinden, dass der Adel in Saus und Braus lebte, während das einfache Volk ums nackte Überleben kämpfen musste. Sie verzichtete daher auf den standesüblichen Luxus, kleidete sich schlicht und kümmerte sich persönlich um Arme und Kranke, für die sie eigens ein Spital auf der Wartburg einrichten ließ. Während ihrer Ehe mit Ludwig hatte sie für diese Lebensführung die optimalen Voraussetzungen.

Doch schon 1227 endete diese glückliche Zeit. Ludwig brach mit seinem Heer auf, um Kaiser Friedrich II. im 5. Kreuzzug Folge zu leisten. Schon unterwegs starb er an einer Seuche. Für Elisabeth brach eine Welt zusammen. Sie war gerade einmal 20 Jahre alt, hatte die Sorge für zwei kleine Kinder und trug ein drittes noch in ihrem Leib. Als wäre das nicht schon genug, musste sie sich zudem in einem ihr feindselig gesinnten Umfeld behaupten. Da ihr Sohn erst 5 Jahre alt war, übernahm ihr Schwager Heinrich Raspe die Regentschaft, und als eine seiner ersten Amtshandlungen zog er Elisabeths Güter ein. Auf der Wartburg war sie nur noch geduldet. Unter diesen Umständen wollte sie hier auf keinen Fall länger bleiben und verließ zusammen mit ihren drei Kindern, aber völlig mittellos, die Burg und begab sich in die Stadt Eisenach. Doch dort wurde die ehemalige Wohltäterin kühl empfangen. Niemand traute sich, sie in sein Haus aufzunehmen und so musste sie den Winter in einem Schuppen, der vorher ein Schweinestall gewesen war verbringen. Sie selbst konnte sich mit ihrer Lage abfinden, sah darin gar ihr Armutsideal in reinster Form verwirklicht, doch Konrad von Marburg fand dies nicht akzeptabel und wandte sich direkt an den Papst, mit der Bitte, Elisabeth unter seinen Schutz zu stellen, was dieser auch tat. Der Schutzbrief traf allerdings erst nach dem Winter in Thüringen ein. Darin wurde jedem, der Elisabeths Rechte nicht achtete mit der Exkommunikation gedroht. Doch Elisabeth selbst wollte weder Rechte noch Besitz, und es kam zu einem ernsten Konflikt mit Konrad. Er konnte ihr zwar den Verzicht auf ihren Besitz ausreden, indem er ihr klar machte, dass es den Armen nichts nütze, wenn die Verwandten ihres verstorbenen Mannes all ihr Gut erhielten, aber für sich persönlich verzichtete sie in einem feierlichen Gelübde auf jeden Luxus und sogar auf ihre eigenen Kinder. Sie sollten nicht zu dem Leben in Armut gezwungen sein, zu dem sie sich selbst in aller Entschlossenheit entschieden hatte. Dies konnte sie noch so durchsetzen, aber sie konnte sich nicht mehr erfolgreich dagegen wehren, dass ihre Tante, die Äbtissin Mechthild von Kitzingen sie zu ihrem Onkel, dem Bischof von Bamberg bringen ließ. Dieser wollte sie erneut verheiraten und hatte als künftigen Gemahl keinen geringeren als Kaiser Friedrich II. von Hohenstaufen im Sinn. Elisabeth, die felsenfest zu einem Leben in Armut entschlossen war, sollte die Gemahlin des mächtigsten Mannes der damaligen Welt werden: Deutscher König, Kaiser des Heiligen Römischen Reichs, König von Sizilien und von Jerusalem. Wie sollte das zusammen passen? Nicht noch einmal wollte die junge Witwe zum Spielball der Mächtigen werden. Sie wehrte sich so heftig gegen die Pläne ihres Onkels, dass er sein Vorhaben aufgeben musste. Schließlich bot ihr die Überführung des Leichnams ihres Mannes nach Thüringen und seine Beisetzung eine günstige Gelegenheit, sich dem Einflussbereich ihrer Familie zu entziehen.

Sie ging nach Marburg, wo ihr Konrad einen gewissen Schutz bieten konnte, wenngleich auch er ihr immer wieder unerbittlich seinen Willen aufzwang. Aber zumindest akzeptierte er ihren tiefsten Wunsch nach einem Leben in Enthaltsamkeit. Konrad erreichte für sie bei den Verwandten ihres Mannes eine Entschädigung für ihr eingezogenes Erbe und mit diesem Geld gründete sie bei Marburg ein Spital, welches sie dem von ihr so verehrten Franz von Assisi weihte und wo sie selbst als einfache Spitalschwester arbeitete. Ohne Rücksicht auf sich selbst opferte sie sich für die Kranken auf. So hart und entbehrungsreich dieses Leben war – für Elisabeth war es die Erfüllung. Wie Franz von Assisi hatte sie sich völlig entäußert, um Christus nachzufolgen. Selbst ihr eigenes Leben gab sie im Dienst für die Kranken hin. Im Alter von 24 Jahren war ihre Widerstandskraft aufgezehrt; sie erkrankte und verstarb schon nach wenigen Tagen in der Nacht vom 16. auf den 17. November 1231.

Was bleibt ist die Erinnerung an eine außergewöhnliche junge Frau, die sich durch nichts und niemand von ihrem Weg der Nachfolge Christi in der gänzlichen Fürsorge für die Benachteiligten der Gesellschaft abbringen ließ.

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Quelle

Biografie: Der heilige Franziskus von Assisi (1181/82 – 1226)

Franziskus: Fresco in der Abtei von Subiaco; angeblich das einzige zu Lebenszeiten angefertigte Bild

Er war ein außerordentlich redegewandter Mann mit fröhlichem Antlitz und gütigem Gesichtsausdruck, (…). Von nicht gerade großer Gestalt, eher klein als groß, hatte er einen nicht sonderlich großen, runden Kopf,  ein etwas längliches und gedehntes Gesicht, eine ebene und niedrige Stirn, nicht sonderlich große, schwarze, unverdorbene Augen, dunkles Haar, gerade Augenbrauen, eine gleichmäßige, feine und gerade Nase, aufwärts gerichtete, aber kleine Ohren, flache Schläfen, eine gewinnende, feurige und scharfe Sprache, eine mächtige, liebliche, klare und wohlklingende Stimme, dichte, gleichmäßige und weiße Zähne, schmale und zarte Lippen, einen schwarzen, nicht vollen Bart, einen schlanken Hals, gerade Schultern, kurze Arme, zarte Hände, lange Finger, etwas vorstehende Nägel, dünne Beine, sehr kleine Füße, eine zarte Haut, war sehr mager, trug ein raues Gewand, gönnte sich nur kurzen Schlaf, besaß eine überaus freigebige Hand.1

So beschreibt Bruder Thomas von Celano († 1260), ein glaubwürdiger Augenzeuge, den Poverello von Assisi. Die Florentiner Maler Cimabue (* 1240/50) und Giotto (* um 1266), die erst Jahrzehnte nach dem Tod des Heiligen zur Welt kamen und ihn daher nicht mehr persönlich kannten, ließen sich wohl für ihre Franziskus-Porträts von diesen Worten inspirieren.2 Ähnlich gehen auch wir vor: Um uns ein Bild zu machen vom „größten Heiligen, den das Christentum hervorgebracht hat“,3 lesen wir nach, was uns seine Freunde über ihn erzählen.

Als Sohn des reichen und angesehenen Stoffwarenhändlers Pietro Bernardone und seiner Frau Pica wurde er Ende 1181 in Assisi (Umbrien) geboren und zunächst auf den Namen Giovanni (Johannes) getauft. Sein Vater, der gerade von einer Geschäftsreise aus Frankreich zurückgekehrt war, veranlasste, ihn künftig Francesco (Französlein) zu nennen.4 Nachdem der kleine Franz in der Pfarrschule San Giorgio Rechnen, Lesen und Schreiben gelernt hatte,5 genoss er zunächst eine unbeschwerte Jugendzeit und träumte von Festen, Freiheit und Rittertum.6 Kaum hatte sich die Bevölkerung von Assisi der Fremdherrschaft des Hohenstaufen-Kaisers Friedrich II. entledigt (1198), kam es zwischen den Bürgern (Minores) und den aus der Stadt vertriebenen Adeligen (Maiores) zur kriegerischen Auseinandersetzung, die letztere mit Hilfe der Nachbarstadt Perugia für sich entscheiden konnten.7 Nach der verlorenen Schlacht Assisis bei Collestrada (1202) geriet Franz in Kriegsgefangenschaft, aus der er nach über einem Jahr schwerkrank heimkehrte.8 Nach seiner Gesundung flammte in ihm noch einmal die Sehnsucht auf, doch noch als Ritter zu Ehren zu kommen, diesmal bei einem Kreuzzug nach Apulien. Doch gleich bei Spoleto bewegte ihn ein nächtlicher Traum, seine militärische Laufbahn zu vergessen und umzukehren. Er träumte nämlich von einem Palast, der mit dem besten Rüstzeug ausgestattet war, und vernahm dabei eine innere Stimme, die an sein Gewissen appellierte, anstelle der irdischen Machthaber lieber Christus, dem wahren Herrn und Meister, nachzufolgen:

„Franziskus, wer kann dir mehr bieten, der Herr oder der Knecht ?“.9

Gefangenschaft und Krankheit hatten offensichtlich seinen bisherigen Lebensentwurf in Frage gestellt. In seiner Krise zog er sich an einsame Orte zurück, um dort dem eigenen Lebensweg und der Frage nachzuspüren:

Was willst du, Herr, dass ich tun soll?10

Es war wohl im Jahr 1205, als Franziskus in der Ebene einem Aussätzigen begegnete, vor dessen unappetitlichem Anblick und unangenehmen Fäulnisgeruch er sich zunächst ekelte.11 In seinem geistlichen Testament beschreibt er selbst dieses folgenreiche Erlebnis, das ihm viel Selbstüberwindung kostete, ihn künftig aber in jedem Armen und Aussätzigen das Gesicht des Gekreuzigten erkennen ließ:

So hat der Herr mir, dem Bruder Franziskus, gegeben, das Leben der Buße zu beginnen: denn als ich in Sünden war, kam es mir sehr bitter vor, Aussätzige zu sehen. Und der Herr selbst hat mich unter sie geführt, und ich habe ihnen Barmherzigkeit erwiesen. Und da ich fortging von ihnen, wurde mir das, was mir bitter vorkam, in Süßigkeit der Seele und des Leibes verwandelt.12

Etwa zur gleichen Zeit dürfte sich die Vision vor dem byzantinischen Kreuzbild der verfallenen Kirche San Damiano abgespielt haben,13 vor dem er zu Gott vertrauensvoll um einen Fingerzeig für seine Lebensentscheidung betete:

Höchster, glorreicher Gott, erleuchte die Finsternis meines Herzens und schenke mir rechten Glauben, gefestigte Hoffnung und vollendete Liebe. Gib mir, Herr, das rechte Empfinden und Erkennen, damit ich deinen heiligen und wahrhaften Auftrag erfülle.14

Tatsächlich hat ihn das Kreuz angesprochen und ihm den klaren Auftrag erteilt:

Franziskus, geh hin und stell mein Haus wieder her, das, wie du siehst, ganz verfallen ist!“15

Franz nahm Jesus beim Wort und restaurierte in der Folgezeit eigenhändig diese verwahrloste Kirche.16 Seinem Vater, der ihn einige Zeit in seinem Treiben gewähren ließ, riss der Geduldsfaden, als er feststellen musste, dass sein Sohn das hart verdiente Geld an die Armen verschenkte und ganz andere Dinge im Kopf hatte als sein Geschäft.17 Mit väterlicher Strenge versuchte er ihn zur Vernunft zu bringen und sperrte ihn daheim ein. Da auch das nichts half, und Francesco weiterhin seine „verrückten“ Ideen in die Tat umsetzte, entschloss sich der Vater, seinen Sohn zu enterben. So kam es schließlich zu jener Szene vor dem Bischofspalast, bei der sich Franz in aller Öffentlichkeit nackt auszieht, seinem empörten Vater alles zurückgibt und auf sein Erbe freiwillig verzichtet mit dem Hinweis, fortan nur mehr einen seinen Vater zu nennen, nämlich den im Himmel.18 In völliger Armut wollte er künftig im Gewand eines mittellosen Hirten Jesus nachfolgen, der arm und nackt geboren wurde und genau so für uns starb.19 Bereits bei seiner ersten Wallfahrt nach Rom 1206 hatte er vor der Peterskirche seine vornehme Kleidung gegen die eines Armen eingetauscht, um mit eigener Haut zu fühlen, wie es einem Bettler ergeht.20

Als er daher am Fest des hl. Matthias (24. Februar 1208) bei der Messe im Portiunkula-Kirchlein das Evangelium (Mt 10, 7-9) hörte, in dem Jesus seine Jünger ohne Geld, Vorratstasche, Brot und barfuss losschickt, treffen ihn diese Worte mitten ins Herz und er ruft voller Freude aus:

Das ist’s, was ich will, das ist’s, was ich suche, das verlange ich aus innerstem Herzen zu tun.21

Nach und nach schließen sich Franziskus erste Gefährten an, um mit ihm das Büßerleben in schlichter Armut und als Liebesdienst an den Hilfsbedürftigen zu teilen: ein reicher junger Mann, namens Bernhard von Quintavalle, der Rechtsgelehrte Petrus Catani, der Bauer Ägidius und der Priester Silvester.22 Ganz ehrlich gesteht Franz später in seinem Testament, dass er eigentlich gar keinen neuen Orden gründen wollte:

Und nachdem mir der Herr Brüder gegeben hat, zeigte mir niemand, was ich zu  tun hätte, sondern der Höchste selbst hat mir geoffenbart, dass ich nach der Vorschrift des heiligen Evangeliums leben sollte.23

Auch wollte er keineswegs einfach die monastische Lebensform der Benediktiner, Augustiner oder Zisterzienser (mit der Regel eines hl. Bernhard von Clairvaux) übernehmen. Das Leben Jesu, in den Evangelien berichtet, war ihm Orientierung und Leitbild, das er selbst in einer kleinen Regel anhand einiger Bibelzitate nachzeichnete. Papst Innozenz III., der nachts von einem kleinen, unscheinbaren Ordensmann geträumt hatte, der eigenhändig den Einsturz der Lateranbasilika verhinderte,24 bestätigte 1209/10 diese Lebensform zunächst mündlich und gab den „Minderen Brüdern“25 den oberhirtlichen Auftrag, predigend durch die Lande zu ziehen und die Menschen dadurch zur Umkehr zu bewegen.26 Als nichtsesshafte Wanderprediger und Tagelöhner lebten sie vom Ertrag ihrer Handarbeit, deren unschätzbaren Wert Franz in seinem Testament ausdrücklich unterstreicht:

Und ich arbeitete mit meinen Händen und will arbeiten; und es ist mein fester Wille, dass alle anderen Brüder eine Handarbeit verrichten. (…) Und würde uns einmal der Arbeitslohn nicht gegeben, so wollen wir zum Tisch des Herrn Zuflucht nehmen und Almosen erbitten von Tür zu Tür.27

Ein verlassener Schuppen bei Rivotorto in der Ebene von Assisi diente den Brüdern als erstes Domizil, aus dem sie aber schon bald wieder von einem Bauern mit seinem Esel vertrieben wurden.28 Die kleine Portiunkula-Kapelle S. Maria mit einem Häuschen daneben im Wald unterhalb von Assisi wurde ihnen danach als Obdach von den Benediktinern zur Verfügung gestellt.29 Dieser symbolträchtige Ort ist aufs engste mit den Urerlebnissen der franziskanischen Familie verknüpft und erinnert an die anfängliche Begeisterung der neuen Bewegung. In einer Nacht- und Nebelaktion nach dem Palmsonntag 1212 verpflichtete sich dort die 19-jährige Klara aus der Adelsfamilie Favarone di Offreduccio zu einem Leben in Armut und Gebet, ließ sich als äußeres Zeichen ihrer innerlich getroffenen Entscheidung von Franz die Haare abschneiden und einkleiden.30 Wenig später wagten auch ihre beiden Schwestern Katharina (die spätere hl. Agnes) und Beatrix, schließlich sogar ihre eigene Mutter Hortulana den gleichen Schritt und zogen zu den „armen Frauen“ nach San Damiano.31 In Portiunkula begegneten sich die Brüder jedes Jahr zum Mattenkapitel, tauschten gegenseitig ihre Erfahrungen aus, stellten die Weichen für die Zukunft, um von hier aus in die ganze Welt auszuschwärmen. Auch Franz selbst ließ sich vom Missionseifer anstecken und brach 1212 nach Syrien auf. Wegen eines Schiffbruchs verschlug es ihn jedoch an die dalmatische Küste. Als er kurz darauf nach Marokko unterwegs war, durchkreuzte eine unvorhergesehene Krankheit seinen Plan und zwang ihn, bereits in Spanien wieder umzukehren.32

Das IV. Laterankonzil (1215), auf dem es wohl zur einmaligen Begegnung des Franziskus mit dem hl. Dominikus kam, hatte einen entscheidenden Einfluss auf die junge franziskanische Bewegung ausgeübt: Oft bis in den genauen Wortlaut hinein übernimmt Franz den Konzilsdokumenten Vorschriften und Weisungen für seine Eucharistie- und Bußfrömmigkeit.33 Das Tau-Zeichen, das Papst Innozenz III. in der Eröffnungsansprache des Konzils allen Christen ans Herz legte,34 hatte er wohl 1210 bei den Antonitern in Rom kennengelernt, die dieses Emblem auf ihrem Ordensgewand trugen und dementsprechend ein Leben in Buße als Liebesdienst an den Aussätzigen und Kranken führten. Franz unterzeichnete damit nicht nur den Brief an die Kleriker und den Segen an Bruder Leo, sondern erwies diesem Zeichen auch sonst eine besondere Verehrung:

Vertraut war ihm vor allen anderen Buchstaben das Zeichen Tau; mit ihm allein pflegte er seine Sendschreiben zu beglaubigen; mit ihm bemalte er überall die Wände der Zellen.35

Auch zu einem Kreuzzug gegen die Mohammedaner im Hl. Land hatte das Konzil unter dem Zeichen des Kreuzes aufgerufen. Das Generalkapitel der Franziskaner in Portiunkula (Pfingsten 1217) hatte weitreichende Auslandsmissionen beschlossen und sandte zunächst Mitbrüder nach Frankreich, Österreich, Ungarn, Spanien und Syrien.36 1219 wurde die Mission auf den Nahen Osten, Palästina und Ägypten ausgeweitet. In einem der zahlreichen Kreuzfahrerschiffe, die von Ancona nach Damiette (Ägypten) zum 5. Kreuzzug aufbrachen, reiste Franz mit einigen Mitbrüdern mit, nicht um mit den Soldaten unter dem Kommando von Kardinal Pelagius Galvani gegen die Andersgläubigen zu kämpfen, sondern um in einer gewaltlosen Aktion Frieden zu schaffen. Erst nach einer vernichtenden Niederlage des christlichen Heeres gelang es dem Poverello, mit dem Sultan Melek-al-Kamil persönlich zu reden. Unter Einsatz des eigenen Lebens wagte er sich in die Höhle des Löwen und versuchte ihm seinen Glauben nahezubringen. Er wäre sogar bereit gewesen, dafür durchs Feuer zu gehen.37 Der Sultan, der mit den islamischen Asketen (Sufi) sympathisierte,38 war jedenfalls vom mutigen Bekenntnis des Heiligen stark beeindruckt, hörte ihm aufmerksam zu und bat ihn beim Abschied um sein Gebet. Diese ökumenische Begegnung ist bis heute mustergültig geblieben.39

Nach seiner Rückkehr aus dem Hl. Land musste Franz erstaunt feststellen, wie sehr inzwischen die Zahl seiner Brüder angewachsen war. Damit verbunden ergaben sich natürlich viele organisatorische Probleme und Anfragen an die bisherige radikale Lebensform. Er selbst fühlte sich dabei überfordert, und da er allen weiterhin ein Bruder bleiben wollte, übertrug er die Leitung künftig einem seiner ersten Gefährten Petrus Cattani und nach dessen baldigen Tod dem Bruder Elias von Cortona. Auch erbat er sich als Schutzherrn für seinen Orden den Kardinal Hugolin von Ostia, der bald darauf als Gregor IX. den Papstthron besteigen sollte.40 Im geistlichen Sinne blieb Franz jedoch die Autorität für seine Mitbrüder, wie seine zahlreichen Sendschreiben und die Regel dokumentieren. Auf dem Pfingstkapitel 1221 wurde die ausführlichere Fassung der nichtbullierten Regel anerkannt, aus welcher der Ordensvater in Fontecolombo (im Rietital) die endgültige, gekürzte Form der Regel erarbeitete, wie sie Papst Honorius III. 1223 mit einer Bulle bestätigte.41

Unübertroffen und einzigartig war seine Liebe zur Natur, in der er immer wieder Gottes Spuren erkannte:

Der selige Franziskus war versunken in der Liebe Gottes und sah (…) in jedem Geschöpf die Güte Gottes in ihrer Vollkommenheit.42

Bekannt wurde der Trobadour Gottes unter anderem für seine Vogelpredigt. Die gefiederten Tiere nämlich lauschten der Melodie seiner Worte so aufmerksam und flogen nicht eher weg, als dass er sie mit dem Kreuzzeichen gesegnet hatte.43 Sogar  der wilde Wolf von Gubbio, der den Bewohnern der Umgebung soviel Angst einflößte, dass sie sich kaum mehr aus ihrem Haus herauswagten, gebärdete sich dem Heiligen gegenüber wie ein sanftes Lamm, als er zu ihm sprach:

Ich aber, Bruder Wolf, will Frieden stiften zwischen dir und ihnen, dass du ihnen kein Leid mehr zufügst und sie dir alles vergangene Übel verzeihen.44

Selbst im Wurm, der sich mühsam fortbewegt und vom Fuß des  unaufmerksamen Spaziergängers zertreten wird, erblickte der Poverello in ansprechender Einfalt den am Kreuz sich im Todeskampf windenden Erlöser.45

Originell gestaltete der Heilige das Weihnachtsfest 1223 in Greccio (Rieti-Tal), wo er die Menschwerdung Gottes in einer lebendigen Krippenfeier nachspielen ließ und damit zum Mitbegründer unserer Weihnachtskrippe wurde:

Ich möchte nämlich das Gedächtnis an jenes Kind begehen, das in Bethlehem geboren wurde, und ich möchte die bittere Not, die es schon als kleines Kind zu leiden hatte, wie es in eine Krippe gelegt, an der Ochs und Esel standen, und wie es auf Heu gebettet wurde, so greifbar als möglich mit leiblichen Augen schauen.46

Das besondere Charisma des hl. Franz bestand ja gerade darin, jederzeit an Jesus zu erinnern:

Immer war er mit Jesus beschäftigt, Jesus trug er stets im Herzen, Jesus im Munde, Jesus in den Ohren, Jesus in den Augen, Jesus in den Händen, Jesus in seinen übrigen Gliedern.47

1224 verbringt er zwischen Mariä Himmelfahrt (15. August) und dem Fest St. Michael (29. September) eine freiwillige Fastenzeit auf dem Berg La Verna. Bereits bei seiner Berufung hatte sich ihm das Bild des Gekreuzigten von San Damiano innerlich eingeprägt.48 In seinem Passionsoffizium meditierte er tagtäglich den Leidensweg Christi.49 Bei der Stigmatisation um das Fest der Kreuzerhöhung (17. September) zeigte sich dann äußerlich an seinem Körper, was ihn innerlich sein ganzes Leben lang beschäftigt und verwandelt hatte: die Wundmale des Gekreuzigten.50 So wurde er zum Christussymbol des Mittelalters, da er in das Bild dessen verwandelt wurde, den er zeitlebens von ganzem Herzen liebte.

Seine letzten beiden Lebensjahre waren gezeichnet von Krankheiten und Schmerzen: Schon von Jugend an machte ihm die Malaria zu schaffen. Sein Leib, den er liebevoll „Bruder Esel“ nannte,51 litt zudem an Magen- und Darmgeschwüren, Milz- und Lebererkrankung, Blutarmut und Wassersucht.52 Bei seiner Reise nach Ägypten hatte er sich noch eine Augenentzündung zugezogen, die mit starken Kopfschmerzen und ständigem Tränenfluss aufgrund der hohen Lichtempfindlichkeit verbunden war. Aber selbst der beste (päpstliche) Augenarzt in Rieti konnte ihm nicht helfen, sondern wollte durch das Ausbrennen der Schläfen wenigstens den lästigen Dauerschmerz lindern.53 Nahezu erblindet brachte man den Todkranken zur Pflege nach San Damiano. Es mag verwundern, dass er gerade in dieser Zeit den wunderschönen Sonnengesang komponierte, in dem er alle Geschöpfe zärtlich seine Geschwister nannte:

Gepriesen seist du, mein Herr, mit allen deinen Geschöpfen (…) Schwester Sonne, (…) Bruder Mond und die Sterne, (…) Bruder Wind, (…) Schwester Wasser, (…) Bruder Feuer (…) und unsere Schwester, Mutter Erde.54

Als ihm der scheinbar unversöhnliche Konflikt zwischen Bischof und Bürgermeister von Assisi zu Ohren kam, fügte er gleich noch hinzu:

Gepriesen seist du, mein Herr, durch jene, die verzeihen um deiner Liebe willen und Schwachheit ertragen und Drangsal. Selig jene, die solches ertragen in Frieden, denn von dir, Erhabenster, werden sie gekrönt.55

Jedenfalls kam es doch noch zur Versöhnung der beiden Streithähne, die sich liebevoll und unter Tränen umarmten, als ihnen zwei Mitbrüder den Sonnengesang mit seiner neuen Strophe vorgetragen hatten.56

Den letzten Monat seines Lebens beherbergte und pflegte man den Friedensstifter im Bischofspalast von Assisi. Ende September 1226 fühlte er sein Ende herannahen und er bat deshalb darum, ihn auf einer Bahre zu seiner geliebten Portiunkula-Kapelle hinabzutragen. Auf halber Strecke ließ er beim Aussätzigenhospital Casa Gualdi anhalten und wenden. Das Panorama seiner Heimatstadt vor Augen, segnete er alle.57 Am 3. Oktober 1226, einem Samstagnachmittag, ließ er sich Brot bringen, brach es und teilte es an die anwesenden Brüder aus. Dann bat er, ihm den Sonnengesang zu singen und folgende Strophe anzufügen:

Gelobt seist du, mein Herr, durch unseren Bruder, den leiblichen Tod; ihm kann kein Mensch lebend entrinnen. (…) Selig jene, die sich in deinem heiligsten Willen finden, denn der zweite Tod wird ihnen kein Leid antun.58

Weiter ließ er den Psalm 141 anstimmen und sich die letzten Stunden Jesu aus dem Johannesevangelium vorlesen. Nackt wie bei seiner Geburt ließ er sich auf die Erde neben der Portiunkula-Kapelle legen und starb mit den Worten auf den Lippen:

Was ich tun konnte, habe ich getan; möge euch nun Christus lehren, was ihr tun sollt.59

Bis heute hat das Lebensprogramm des Armen von Assisi, der bereits am 16. Juli 1228 von Papst Gregor IX. heiliggesprochen wurde,60 nichts an Aktualität verloren:

Nahezu 38.000 Mitglieder zählen die franziskanischen Männerorden, noch größer ist die Zahl der Schwestern auf der ganzen Welt, die ihr Leben nach Franz und Klara ausrichten. Ihr Geist lebt auch unter Laien in den Franziskanischen Gemeinschaften weiter. Dabei ist Franz von Assisi nicht nur Umweltpatron, Modell der Friedensstifter und der großen Ökumene oder Symbol eines alternativen Lebensstils, sondern als „zweiter Christus“ eine ernst zu nehmende Einladung, Christus auf der Spur zu sein und sein Evangelium in die Tat umzusetzen.

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Quelle (mit Fußnoten)

 

Johannes Paul II.: Fatima, Jacinta und Francisco, die Botschaft ihres Lebens

Francisco und Jacinta

APOSTOLISCHE REISE NACH FATIMA
SELIGSPRECHUNG DER HIRTENKINDER JACINTA UND FRANCISCO

PREDIGT VON JOHANNES PAUL II.

Samstag, 13. Mai 2000

1. »Ich preise dich, Vater, […] weil du all das den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast« (Mt 11,25).

Mit diesen Worten, liebe Brüder und Schwestern, lobt Jesus den Vater im Himmel für seine Pläne; er weiß, daß niemand zu ihm kommen kann, wenn ihn nicht der Vater zu ihm hinführt (vgl. Joh 6,44); und daher lobt er diesen Plan und stimmt ihm in Kindeshaltung zu: »Ja, Vater, so hat es dir gefallen« (Mt 11,26). Es hat dir gefallen, das Himmelreich den Unmündigen zu öffnen.

Nach dem göttlichen Plan ist »eine Frau, mit der Sonne bekleidet« (Offb 12,1), vom Himmel auf diese Erde herabgekommen, um die vom Vater bevorzugten Unmündigen aufzusuchen. Sie spricht mit der Stimme und dem Herzen einer Mutter zu ihnen: Sie lädt sie ein, sich als Sühneopfer darzubringen, und erklärt sich bereit, sie sicher vor Gott zu führen. Und siehe, sie sehen ein Licht von ihren Mutterhänden ausgehen, das sie bis ins Innerste durchdringt, so daß sie sich in Gott eingetaucht fühlen – wie wenn jemand sich im Spiegel betrachtet, so beschreiben sie es.

Später erklärte Francisco, einer der drei Bevorzugten: »Wir brannten in jenem Licht, das Gott ist, aber wir verbrannten nicht. Wie ist Gott? Das kann man nicht sagen. Ja, das ist etwas, das wir Menschen nicht sagen können.« Gott: ein Licht, das brennt, aber nicht verbrennt. Dieselbe Wahrnehmung hatte Mose, als er Gott im brennenden Dornbusch sah; dabei sprach Gott zu ihm, besorgt über die Knechtschaft seines Volkes und entschlossen, es durch seine Hand zu befreien: »Ich werde mit dir sein« (vgl. Ex 3,2–12). Alle, die diese göttliche Gegenwart in sich aufnehmen, werden zur Wohnstatt und folglich zum »brennenden Dornbusch« des Allerhöchsten.

2. Was den sel. Francisco am meisten wunderte und ganz in Ansprach nahm, war Gott in jenem immensen Licht, das sie alle drei bis in ihr Innerstes durchdrungen hatte. Nur ihm jedoch zeigte sich Gott »so traurig«, wie er es ausdrückte. Eines Nachts hörte sein Vater ihn schluchzen und fragte ihn, warum er weinte; der Sohn antwortete: »Ich dachte an Jesus, der so traurig ist wegen der Sünden, die gegen ihn begangen werden.« Ein einziger – für die Denkart der Kinder so bezeichnender – Wunsch bewegt von nun an Francisco, und es ist der, »Jesus zu trösten und froh zu machen«.

In seinem Leben bringt er eine Wandlung zuwege, die man als radikal bezeichnen könnte; eine Wandlung, wie sie für Kinder seines Alters sicher nicht alltäglich ist. Er gibt sich einem intensiven geistlichen Leben hin, das sich in eifrigem und inbrünstigem Gebet niederschlägt, so daß er zu einer wahren Form mystischer Vereinigung mit dem Herrn gelangt. Und gerade das bringt ihn zu einer fortschreitenden Läuterung des Geistes durch vielerlei Verzicht auf Angenehmes, selbst unschuldige Kinderspiele.

Francisco ertrug die großen Leiden, welche die Krankheit verursachte, die zu seinem Tod führte, ohne jede Klage. Alles schien ihm wenig, um Jesus zu trösten; er starb mit einem Lächeln auf seinen Lippen. Groß war in dem kleinen Jungen der Wunsch, Sühne zu leisten für die Beleidigungen der Sünder; und so strengte er sich an, gut zu sein, und opferte Verzicht und Gebete auf. Und Jacinta, seine fast zwei Jahre jüngere Schwester, lebte von denselben Gefühlen getragen.

3. »Ein anderes Zeichen erschien am Himmel: ein Drache, groß und feuerrot« (Offb 12,3).

Diese Worte aus der ersten Lesung der Messe lassen uns an den großen Kampf denken, der zwischen Gut und Böse stattfindet, wobei wir feststellen können, daß der Mensch, wenn er Gott auf die Seite schiebt, nicht zum Glück gelangen kann, ja letzten Endes sich selbst zerstört.

Wie viele Opfer während des letzten Jahrhunderts des zweiten Jahrtausends! Es kommen einem die Schrecken des Ersten und Zweiten Weltkriegs und vieler anderer Kriege in so vielen Teilen der Welt in den Sinn, die Konzentrations- und Vernichtungslager, die Gulags, die ethnischen Säuberungen und die Verfolgungen, der Terrorismus, die Entführung von Menschen, die Drogen, die Angriffe gegen die Ungeborenen und die Familie.

Die Botschaft von Fatima ist ein Aufruf zur Umkehr, eine Warnung an die Menschheit, nicht das Spiel des »Drachens« mitzuspielen, der mit seinem Schwanz »ein Drittel der Sterne vom Himmel [fegte]« und »sie auf die Erde herab[warf]« (Offb 12,4). Das letzte Ziel des Menschen ist der Himmel, seine wahre Wohnung, wo der himmlische Vater in seiner barmherzigen Liebe auf alle wartet.

Gott will, das niemand verloren geht; deshalb hat er vor zweitausend Jahren seinen Sohn auf die Erde gesandt, »um zu suchen und zu retten, was verloren ist« (Lk 19,10). Und er hat uns gerettet durch seinen Tod am Kreuz; niemand bringe das Kreuz um seine Kraft! Jesus ist gestorben und auferstanden, um »der Erstgeborene von vielen Brüdern« (Röm 8,29) zu sein.

In ihrer mütterlichen Fürsorge ist die Heiligste Jungfrau hierher, nach Fatima, gekommen, um die Menschen aufzufordern, daß sie »Gott, unseren Herrn, nicht mehr beleidigen, der schon so viel beleidigt wird«. Der Schmerz der Mutter veranlaßt sie, zu sprechen; auf dem Spiel steht das Schicksal ihrer Kinder. Deshalb sagt sie zu den Hirtenkindern: »Betet, betet viel, und bringt Opfer für die Sünder; denn viele Seelen kommen in die Hölle, weil niemand da ist, der sich für sie opfert und für sie betet.«

4. Die kleine Jacinta fühlte und lebte diese Sorge der Muttergottes als ihre eigene, und sie brachte sich heldenmütig als Opfer für die Sünder dar. Eines Tages – sie und Francisco waren bereits erkrankt und gezwungen, im Bett zu liegen – kam die Jungfrau Maria, sie zu Hause zu besuchen, wie Jacinta berichtet: »Die Muttergottes kam uns besuchen und sagte, daß sie sehr bald Francisco mit sich in den Himmel nehmen werde. Und mich fragte sie, ob ich noch mehr Sünder bekehren wollte. Ich sagte ihr: Ja.« Und als für Francisco der Augenblick des Abschiednehmens gekommen ist, trägt Jacinta ihm auf: »Bringe unserem Herrn und unserer Herrin viele Grüße von mir, und sage ihnen, daß ich alles leide, was sie verlangen, um die Sünder zu bekehren.« Die Schau der Hölle bei der Erscheinung vom 13. Juli hatte in Jacinta einen solchen Eindruck hinterlassen, daß keine Abtötung und Buße zuviel war, um die Sünder zu retten.

Zu Recht könnte Jacinta mit Paulus ausrufen: »Jetzt freue ich mich in den Leiden, die ich für euch ertrage. Für den Leib Christi, die Kirche, ergänze ich in meinem irdischen Leben das, was an den Leiden Christi noch fehlt« (Kol 1,24). Vergangenen Sonntag haben wir beim Kolosseum in Rom das Gedächtnis der vielen Glaubenszeugen des 20. Jahrhunderts begangen und anhand bedeutsamer Zeugnisse, die sie uns hinterlassen haben, der Peinigungen gedacht, die sie erlitten. Eine unzählbare Schar mutiger Glaubenszeugen hat uns ein kostbares Erbe vermacht, das im dritten Jahrtausend lebendig erhalten werden muß. Hier in Fatima, wo diese Zeiten der Drangsal angekündigt worden sind und die Muttergottes zu Gebet und Buße aufforderte, um sie abzukürzen, will ich heute dem Himmel Dank sagen für die Kraft des Zeugnisses, die sich in all diesen Lebensgeschichten erwiesen hat. Und noch einmal möchte ich die Güte des Herrn mir gegenüber erwähnen, als ich, hart getroffen, an jenem 13. Mai 1981 vom Tode errettet wurde. Meine Dankbarkeit gilt auch der sel. Jacinta für die Opfer und Gebete, die sie für den Heiligen Vater darbrachte, den sie so sehr hat leiden sehen.

5. »Ich preise dich, Vater, weil du all das den Unmündigen offenbart hast.« Der Lobpreis Jesu nimmt heute die feierliche Form der Seligsprechung der Hirtenkinder Francisco und Jacinta an. Die Kirche will mit diesem Ritus diese zwei Kerzen auf den Leuchter stellen, die Gott entzündet hat, um die Menschheit in ihren dunklen und sorgenvollen Stunden zu erleuchten. Sie mögen leuchten über dem Weg dieser riesigen Menge von Pilgern und all denen, die über Radio und Fernsehen mit uns verbunden sind. Sie mögen ein freundliches Licht sein, um ganz Portugal, und in besonderer Weise diese Diözese Leiria-Fatima, zu erleuchten.

Ich danke Bischof Serafim, Diözesanbischof dieser berühmten Teilkirche, für seine Willkommensworte, und mit großer Freude grüße ich den ganzen portugiesischen Episkopat und seine Diözesen, die ich sehr liebe und auffordere, ihre Heiligen nachzuahmen. Einen brüderlichen Gruß den anwesenden Kardinälen und Bischöfen mit besonderer Erwähnung der Hirten von Gemeinschaften portugiesischsprechender Länder: Die Jungfrau Maria möge die Aussöhnung des angolanischen Volkes erwirken; sie möge den Überschwemmungsopfern in Mosambik Trost bringen; sie möge wachen über dem Weg von Timor Lorosae [Ost-Timor], Guinea-Bissau, Kapverden, São Tomé und Príncipe; sie bewahre in der Einheit des Glaubens ihre Söhne und Töchter in Brasilien.

Mit ehrerbietiger Hochachtung grüße ich den Herrn Staatspräsidenten und die anderen Vertreter der Behörden, die an dieser Feier haben teilnehmen wollen, und möchte bei dieser Gelegenheit in der Person des Regierungschefs allen für ihre Mitarbeit am guten Gelingen meiner Pilgerreise danken. Ein herzlicher Gruß und besonderer Segen gehen an die Pfarre und Stadt Fatima, die sich heute über ihre zur Ehre der Altäre erhobenen Kinder freuen.

6. Mein letztes Wort gilt den Kindern: Liebe Jungen und Mädchen, ich sehe viele von euch wie Francisco und Jacinta gekleidet. Das steht euch sehr gut! Aber früher oder später werdet ihr diese Kleider ablegen und … dann verschwinden die Hirtenkinder. Meint ihr nicht, daß sie nicht verschwinden sollten?! In der Tat braucht die Muttergottes euch alle sehr, um Jesus zu trösten, der traurig ist über die Dummheiten, die begangen werden; sie braucht eure Gebete und Opfer für die Sünder.

Bittet eure Eltern und Erzieher, daß sie euch in die »Schule« der Muttergottes schicken, damit sie euch lehre, wie die Hirtenkinder zu sein, die alles zu tun bestrebt waren, was sie von ihnen verlangte. Ich sage euch: »In kurzer Zeit der Unterwürfigkeit unter Maria und der Abhängigkeit von ihr macht man größere Fortschritte als in langen Jahren des Eigenwillens und Selbstvertrauens « (Ludwig Maria Grignion de Montfort, Abhandlung über die vollkommene Andacht zu Maria, Freiburg/Schweiz 1925, Nr. 155). Auf diese Weise wurden die Hirtenkinder schnell heilig. Eine Frau, die Jacinta in Lissabon bei sich aufgenommen hatte und die guten und weisen Ratschläge hörte, die das Mädchen gab, fragte sie, wer sie das gelehrt hatte. »Das war die Muttergottes «, antwortete sie. Indem sie sich mit völliger Ergebenheit von einer so guten Lehrerin anleiten ließen, haben Jacinta und Francisco in kurzer Zeit die Gipfel der Vollkommenheit erreicht.

7. »Ich preise dich, Vater, weil du all das den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast.«

Ich preise dich, Vater, für alle deine Unmündigen, angefangen bei der Jungfrau Maria, deiner demütigen Magd, bis hin zu den Hirtenkindern Francisco und Jacinta.

Möge die Botschaft ihres Lebens stets lebendig bleiben, um den Weg der Menschheit zu erleuchten!

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Quelle

 

Johannes Paul II.: Predigt im Heiligtum der Göttlichen Barmherzigkeit

Heiligtum der Barmherzigkeit Gottes in Krakau-Lagiewniki

APOSTOLISCHE REISE NACH POLEN

WEIHE DES NEUEN HEILIGTUMS DER GÖTTLICHEN BARMHERZIGKEIT

PREDIGT DES HEILIGEN VATERS JOHANNES PAUL II. 

Krakau-Łagiewniki
Samstag, 17. August 2002

 

»O unbegreifliche und unergründliche Barmherzigkeit Gottes,
wer vermag dich würdig zu ehren und zu rühmen?
Du größte Eigenschaft des Allmächtigen Gottes,
Du süße Hoffnung des sündigen Menschen
«
(Tagebuch, 951).

Liebe Brüder und Schwestern! 

1. Heute wiederhole ich diese einfachen und aufrichtigen Worte der hl. Faustyna, um gemeinsam mit ihr und mit euch allen das unbegreifliche und unergründliche Geheimnis der göttlichen Barmherzigkeit zu verehren. Ebenso wie sie wollen auch wir bekennen, daß es für den Menschen keine andere Quelle der Hoffnung als das Erbarmen Gottes geben kann. In tiefem Glauben wiederholen wir: Jesus, ich vertraue auf dich!

Diese Botschaft, die das Vertrauen auf die allmächtige Liebe Gottes zum Ausdruck bringt, brauchen wir vor allem in der heutigen Zeit, in der der Mensch mit Verwirrung den zahlreichen Formen des Bösen gegenübersteht. Die flehentliche Bitte um das göttliche Erbarmen muß aus der Tiefe der Herzen kommen, die voller Leid, Angst und Unsicherheit sind, gleichzeitig aber nach einer untrüglichen Quelle der Hoffnung suchen. Daher sind wir heute an diesen Ort gekommen, zum Heiligtum von Lagiewniki, um in Christus das Antlitz des Vaters wiederzuentdecken:das Antlitz dessen, der »Vater des Erbarmens und der Gott allen Trostes« (2 Kor1,3) ist. Mit den Augen der Seele wollen wir fest in die Augen des barmherzigen Jesus schauen, um in der Tiefe dieses Blickes den Widerschein seines Lebens sowie das Licht der Gnade zu finden, das wir schon so oft empfangen haben und das uns Gott jeden Tag und am letzten Tag erweist. Zeit und Raum gehören vollkommen Gott

2. Nun werden wir dieses neue Heiligtum der Barmherzigkeit Gottes weihen. Doch zuvor möchte ich all jenen herzlich danken, die zu seiner Errichtung beigetragen haben. Insbesondere danke ich Kardinal Franciszek Macharski, der sich in treuer Verehrung der göttlichen Barmherzigkeit so sehr für dieses Vorhaben eingesetzt hat. Von Herzen umarme ich die Schwestern aus der Kongregation der Muttergottes von der Barmherzigkeit und danke ihnen für ihr Wirken zur Verbreitung der von Schwester Faustyna hinterlassenen Botschaft. Ferner grüße ich die Kardinäle und Bischöfe Polens mit ihrem Oberhaupt, dem Kardinalprimas, sowie die Bischöfe aus verschiedenen Teilen der Welt. Die Anwesenheit der Priester, Ordensleute und Seminaristen der Diözese erfüllt mich mit Freude.

Von Herzen grüße ich alle Teilnehmer an dieser Feier, insbesondere die Vertreter der Stiftung für das Heiligtum der Göttlichen Barmherzigkeit, die sich um die Bauarbeiten gekümmert hat, sowie das Personal der verschiedenen Unternehmen. Ich weiß, daß viele der hier Anwesenden diesen Bau in materieller Hinsicht hochherzig unterstützt haben. Gott möge ihre Großzügigkeit und ihren Einsatz mit seinem Segen belohnen!

3. Brüder und Schwestern! Während wir diese neue Kirche weihen, können wir uns jene Frage stellen, die König Salomon quälte, als er den Tempel von Jerusalem zum Haus Gottes weihte: »Wohnt denn Gott wirklich auf der Erde? Siehe, selbst der Himmel und die Himmel der Himmel fassen dich nicht, wieviel weniger dieses Haus, das ich gebaut habe« (1 Kön 8, 27). Ja, auf den ersten Blick könnte es unangemessen scheinen, einen bestimmten »Raum« mit der Gegenwart Gottes in Verbindung zu bringen. Doch wir sollten uns daran erinnern, daß Zeit und Raum vollkommen Gott gehören. Auch wenn die Zeit und die ganze Welt als sein »Tempel« anzusehen sind, so gibt es dennoch Zeiten und Orte, die Gott wählt, damit die Menschen in ihnen seine Gegenwart und Gnade auf besondere Art und Weise erfahren. Und die Menschen, vom Geist des Glaubens bestärkt, kommen an diese Orte in der Gewißheit, Gott, der in ihnen gegenwärtig ist, wahrhaft gegenüberzutreten.

Mit dem gleichen Glaubensgeist sind sie nach Łagiewniki gekommen, um dieses neue Heiligtum zu weihen in der Überzeugung, daß es ein besonderer Ort ist, den Gott auserwählt hat, um die Gnade seines Erbarmens allen zuteil werden zu lassen. Möge diese Kirche stets ein Ort der Verkündigung der Botschaft von der erbarmenden Liebe Gottes sein, ein Ort der Bekehrung und der Reue, ein Ort der Feier der Eucharistie, Quelle des Erbarmens, ein Ort des Gebets, an dem inständig das Erbarmen für uns und für die ganze Welt erfleht wird. Mit den Worten Salomons bete ich: »Wende dich, Herr, mein Gott, dem Beten und Flehen deines Knechtes zu! Höre auf das Rufen und auf das Gebet, das dein Knecht heute vor dir verrichtet. Halte deine Augen offen über diesem Haus bei Nacht und bei Tag, über der Stätte, von der du gesagt hast, daß dein Name hier wohnen soll. Höre auf das Gebet, das dein Knecht an dieser Stätte verrichtet. Achte auf das Flehen deines Knechtes und deines Volkes Israel, wenn sie an dieser Stätte beten. Höre sie im Himmel, dem Ort, wo du wohnst. Höre sie, und verzeih!« (1 Kön 8, 28–30).

4. »Aber die Stunde kommt, und sie ist schon da, zu der die wahren Beter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit;denn so will der Vater angebetet werden« (Joh 4, 23). Wenn wir diese Worte des Herrn Jesus im Heiligtum der Göttlichen Barmherzigkeit lesen, wird uns in besonderer Weise bewußt, daß man hier einzig und allein im Geist und in der Wahrheit verweilen kann. Es ist der Heilige Geist, Tröster und Geist der Wahrheit, der uns auf den Wegen des göttlichen Erbarmens führt. Er, der die Welt »überführt« und aufdeckt, was Sünde, Gerechtigkeit und Gericht ist (Joh 16, 8), offenbart gleichzeitig die Fülle des Heils in Christus. Dieses Aufdecken der Sünde steht in einem zweifachen Zusammenhang zum Kreuz Christi. Einerseits ermöglicht uns der Heilige Geist, durch das Kreuz Christi die Sünde, jede Sünde, in der ganzen Dimension des in ihr enthaltenen und verborgenen Bösen zu erkennen. Andererseits ermöglicht uns der Geist, wiederum durch das Kreuz Christi, die Sünde im Licht des »mysterium pietatis« zu sehen, d.h. im Licht der erbarmenden und nachsichtigen Liebe Gottes (vgl. Dominum et vivificantem, 32).

Und so wird das »Aufdecken der Sünde« gleichzeitig zur Überzeugung, daß die Sünden verziehen werden und der Mensch erneut der Würde des von Gott geliebten Sohnes entsprechen kann. »Im Kreuz neigt sich Gott am tiefsten zum Menschen herab … Im Kreuz werden gleichsam von einem heiligen Hauch der ewigen Liebe die schmerzlichsten Wunden der irdischen Existenz des Menschen berührt« (Dives in misericordia, 8). An diese Wahrheit wird stets der Grundstein dieses Heiligtums erinnern, der vom Kalvarienberg stammt; er wurde gewissermaßen unter jenem Kreuz hervorgeholt, auf dem Jesus Christus die Sünde und den Tod besiegt hat.

Ich glaube fest daran, daß dieses neue Heiligtum stets ein Ort sein wird, an dem die Menschen im Geist und in der Wahrheit Gott gegenübertreten. Sie werden mit jenem Vertrauen kommen, das diejenigen stärkt, die demütig ihr Herz dem barmherzigen Wirken Gottes öffnen, mit jener Liebe, die auch die schwerste Sünde nicht besiegen kann. Hier, im Feuer der göttlichen Liebe, brennen die Herzen im Verlangen nach Bekehrung, und jeder, der Hoffnung sucht, wird Trost finden.

5. »Ewiger Vater, ich opfere Dir den Leib und das Blut auf, die Seele und die Gottheit Deines geliebten Sohnes, unseres Herrn Jesus Christus, als Sühne für unsere Sünden und die der ganzen Welt. Um Seines schmerzhaften Leidens willen habe Erbarmen mit uns und mit der ganzen Welt« (Tagebuch, 476). Mit uns und mit der ganzen Welt …Wie dringend braucht die heutige Welt das Erbarmen Gottes! Aus der Tiefe des menschlichen Leids erhebt sich auf allen Erdteilen der Ruf nach Erbarmen. Wo Haß und Rachsucht vorherrschen, wo Krieg das Leid und den Tod unschuldiger Menschen verursacht, überall dort ist die Gnade des Erbarmens notwendig, um den Geist und das Herz der Menschen zu versöhnen und Frieden herbeizuführen. Wo das Leben und die Würde des Menschen nicht geachtet werden, ist die erbarmende Liebe Gottes nötig, in deren Licht der unfaßbare Wert jedes Menschen zum Ausdruck kommt. Wir bedürfen der Barmherzigkeit, damit jede Ungerechtigkeit in der Welt im Glanz der Wahrheit ein Ende findet.

In diesem Heiligtum möchte ich daher heute die Welt feierlich der Barmherzigkeit Gottes weihen mit dem innigen Wunsch, daß die Botschaft von der erbarmenden Liebe Gottes, die hier durch Schwester Faustyna verkündet wurde, alle Menschen der Erde erreichen und ihre Herzen mit Hoffnung erfüllen möge. Jene Botschaft möge, von diesem Ort ausgehend, überall in unserer geliebten Heimat und in der Welt Verbreitung finden. Möge sich die Verheißung des Herrn Jesus Christus erfüllen: Von hier wird »ein Funke hervorgehen, der die Welt auf Mein endgültiges Kommen vorbereitet« (vgl. Tagebuch, 1732).

Diesen Funken der Gnade Gottes müssen wir entfachen und dieses Feuer des Erbarmens an die Welt weitergeben. Im Erbarmen Gottes wird die Welt Frieden und der Mensch Glückseligkeit finden! Euch, lieben Brüdern und Schwestern, der Kirche in Krakau und Polen und allen, die die Barmherzigkeit Gottes verehren und aus Polen und der ganzen Welt diesen Ort aufsuchen, vertraue ich diese Aufgabe an. Seid Zeugen der Barmherzigkeit!

6. Gott, barmherziger Vater,
der Du Deine Liebe in Deinem Sohn Jesus Christus offenbart
und über uns ausgegossen hast im Heiligen Geist, dem Tröster,
Dir vertrauen wir heute die Geschicke der Welt und jedes Menschen an.

Neige dich zu uns Sündern herab,
heile unsere Schwäche,
besiege alles Böse,
hilf, daß alle Menschen der Erde Dein Erbarmen erfahren,
und in Dir, dem dreieinigen Gott, die Quelle der Hoffnung finden.

Ewiger Vater,
um des schmerzvollen Leidens und der Auferstehung Deines Sohnes willen,
habe Erbarmen mit uns und mit der ganzen Welt!

Amen.

* * *

Am Ende der Eucharistiefeier sagte der Papst:

Zum Abschluß dieses festlichen Gottesdienstes möchte ich anmerken, daß viele meiner persönlichen Erinnerungen mit diesem Ort in Verbindung stehen. Ich kam vor allem während der Besatzung durch die Nationalsozialisten hierher, als ich in der nahegelegenen Solvay-Fabrik arbeitete. Noch heute erinnere ich mich an den Weg von Borek Falecki nach Debniki, den ich jeden Tag mit Holzschuhen an den Füßen zurücklegen mußte, wenn ich zur Schichtarbeit ging. Wer hätte geglaubt, daß dieser Mann mit den Holzpantoffeln eines Tages die Basilika von der Göttlichen Barmherzigkeit in Lagiewniki bei Krakau weihen wird.

Ich freue mich über den Bau dieses schönen Gotteshauses, das der Göttlichen Barmherzigkeit geweiht ist. Ich empfehle der Obhut von Kardinal Macharski, der ganzen Erzdiözese Krakau und den Schwestern der Muttergottes von der Barmherzigkeit das Heiligtum und vor allem dessen geistliche Dimension an. Möge diese Zusammenarbeit bei der Verbreitung der Verehrung des barmherzigen Jesus reiche Früchte des Segens in den Herzen der Gläubigen in Polen und der ganzen Welt hervorbringen.

Der barmherzige Gott segne alle Pilger, die heute und in Zukunft hierherkommen, mit seinen überreichen Gaben.

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Quelle