Emeritierter Papst im Interview

Begegnung des amtierenden Papstes Franziskus (re) und des emeritierten Papstes Benedikt XVI. (li) im Oktober 2019 im Vatikan (Vatican Media)

Der frühere Papst Benedikt XVI. hat in einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunks (BR) und der Zeitung „Münchner Merkur“ über sein fortschreitendes Alter und seine Heimat Bayern gesprochen.

Mit Heimat verbunden

„Ich bin ein alter Mann am Ende meines Lebens“, wird Benedikt XVI. (2005-2013) zitiert. In seinem Rückzugsort im Vatikan, dem Kloster „Mater Ecclesiae“ (Lat. für: „Mutter der Kirche“), meinte der 92-Jährige, dass er sich nach seiner Heimat Bayern sehne. „Ich bin im Herzen stets mit Bayern verbunden und empfehle unser Land am Abend immer dem Herrn“, so der „Papa emeritus“ wörtlich.

Rücktritt nie bedauert

2013 war Benedikt XVI. als erster Papst seit mehr als 700 Jahren freiwillig zurückgetreten. Papst Franziskus übernahm nach seiner Wahl am 13. März 2013 sein Amt. Benedikt XVI. und nunmehriger „Papa emeritus“ habe seinen Rücktritt nie bedauert, wird sein Privatsekretär Georg Gänswein zitiert. „Der Rücktritt war eine lange, reichlich durchbetete und durchlittene Entscheidung, die er nie bereut hat“, so Erzbischof Gänswein, der eine Doppelfunktion als „Präfekt des Päpstlichen Hauses“ von Papst Franziskus und Privatsekretär von Benedikt XVI. innehat.

Benedikt lebt seit seinem Rücktritt zurückgezogen mit seinem Privatsekretär in einem umgebauten früheren Kloster in den vatikanischen Gärten. Zwar sei er zu schwach zum Reisen, aber: „Er sagt oft: Aber ich bin ja trotzdem in Bayern, im Herzen wandere ich einfach die Heimat ab“, so Gänswein. „Eine Wanderung, die unabhängig ist von seinen physischen Kräften und Einschränkungen.“

Historischer Schritt

Joseph Ratzinger wurde am 16. April 1927 im bayerischen Marktl am Inn geboren. 2005 wurde er zum Nachfolger von Johannes Paul II. (1978-2005) gewählt. Am 11. Februar 2013 hatte Benedikt XVI. während eines Konsistoriums bekannt gegeben, mit 28. Februar 2013, 20 Uhr, „auf das Amt des Bischofs von Rom, des Nachfolgers Petri, zu verzichten“. Er begründete die Entscheidung mit seinen nachlassenden körperlichen und geistigen Kräften. Zum ersten Mal, seit Gregor XII., Benedikt XIII. und Johannes XXIII. durch das Konzil von Konstanz 1414-1418 ihre Ämter verloren, schied damit ein Papst nicht durch Tod aus dem Amt. Aus eigener Entscheidung hatte dies zuletzt 1294 Coelestin V. getan, dessen Reliquien Benedikt XVI. im April 2009 in L’Aquila verehrte.

Leben im Kloster

Nach einer Generalaudienz auf dem Petersplatz am 27. Februar 2013 und weiteren Audienzen am 28. Februar zog Benedikt XVI. sich am Nachmittag nach Castel Gandolfo zurück, wo er sich am frühen Abend ein letztes Mal als Papst den Gläubigen zeigte. Nachdem ein Bereich des Klosters Mater Ecclesiae für ihn als Wohnsitz umgebaut worden war, kehrte Benedikt am 2. Mai 2013 in den Vatikan zurück, wo er von seinem sieben Wochen vorher gewählten Nachfolger, Papst Franziskus, begrüßt wurde.

(kap – pr)

Lombardi: Verschwörungstheorien um Benedikt XVI. „haltlos“

Langjähriger Mitarbeiter von Papst Benedikt XVI.: Pater Lombardi

Der frühere Vatikansprecher und jetzige Präsident der vatikanischen Joseph-Ratzinger-Stiftung Federico Lombardi hat neue Verschwörungstheorien um den Rücktritt Benedikts XVI. als haltlos zurückgewiesen. Konkret bezog er sich auf Mutmaßungen des emeritierten Erzbischofs von Ferrara, Luigi Negri, die US-Regierung unter Barack Obama könne den damaligen Papst zu seinem Amtsverzicht am 28. Februar 2013 gedrängt haben. Solche Äußerungen stifteten „unnötige Verwirrung“, schrieb Lombardi dem Herausgeber des italienischen Blogs „Il Sismografo“ am Mittwoch.

Erzbischof Negri gebe selbst zu, dass er wenig Ahnung von den Fakten habe, bemerkte Lombardi. Er verwies auf die Erklärung, die Benedikt XVI. seinerzeit zu seinem Rücktritt gegeben und die er in einem Interviewband des Journalisten Peter Seewald wiederholt hatte. Niemand habe ihn zu dem Rücktritt gedrängt oder gar versucht, ihn zu erpressen, so Benedikt XVI. in dem Interviewbuch. „Wenn das versucht worden wäre, wäre ich gerade nicht gegangen, weil es nicht sein darf, dass man unter Druck geht.“ Diese Darstellung sei «absolut verschieden von dem, was Negri behauptet», betonte Lombardi. Der frühere Vatikansprecher äußerte sich befremdet, dass Negri „so demonstrativ“ dem widerspreche, was Benedikt XVI. feierlich erklärt und später bekräftigt habe.

Negri spreche zwar gern von seiner „festen Freundschaft“ mit Benedikt XVI., so Lombardi weiter. Vor diesem Hintergrund scheine die entgegengesetzte Darstellung des Sachverhalts ein „merkwürdiger Freundschaftsbeweis“. Absolut zutreffend hingegen sage Negri in dem Interview, dass Benedikt XVI. geistig völlig klar, aber körperlich gebrechlich sei. Eben in jener „perfekten Geistesklarheit“ sei sich Benedikt XVI. vor vier Jahren bewusst gewesen, dass er bald nicht mehr imstande sein würde, lange Zeremonien, Audienzen oder Versammlungen zu leiten, geschweige denn Reisen und Pfarreibesuche zu unternehmen.

Als Grund für den Amtsverzicht Benedikts XVI. (2005-2013) müsse man daher nicht einen «schrecklichen Druck aus Übersee» annehmen, so Lombardi. „Wir können ruhig davon ausgehen, dass es seine sehr weise und vernünftige Entscheidung war, vor Gott und vor den Menschen“. Dafür könnten ihm die Gläubigen dankbar sein, „und auch einige seiner Nachfolger“, fügte Lombardi hinzu.

(kna 09.03.2017 cs)

Papst Franziskus zu Benedikts Amtverzicht: Eine Lektion für alle

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Erstmals hat sich Papst Franziskus in schriftlicher Form zum Pontifikat und zum Rücktritt seines Vorgängers geäußert. Der Rücktritt Benedikts VXI. und sein darauf folgendes, dem Gebet gewidmetes Leben, seien eine Lektion für die Kirche; so bewertet der amtierende Papst die viel diskutierte Entscheidung des deutschen Papstes, auf den Stuhl Petri noch zu Lebzeiten zu verzichten. Er äußerte sich im Vorwort zu einem Buch mit gesammelten Predigten Benedikts zum Priestertum, das an diesem Donnerstag auf Deutsch im Herderverlag erscheint.

Die Lektion Benedikts bestehe gerade darin, dass er mit seinem Verzicht auf das Papstamt nicht auf den Dienst an der Kirche verzichtet habe, betont Papst Franziskus. Im Gegenteil: Vielleicht sei es gerade von dem Kloster Mater Ecclesiae aus, in das er sich zurückgezogen habe, dass Benedikt XVI. auf besonders deutliche Weise eine seiner größten Lektionen der ,Theologie auf Knien´ gebe. Benedikt XVI., so schreibt Franziskus, rücke so allen Klerikern nochmals deutlich ins Bewusstsein, worin ihr eigentlicher Dienst bestehe, nämlich, dass „der erste und wichtigste Dienst nicht die Leitung der ,laufenden Angelegenheiten´ ist, sondern das Gebet für die anderen, ohne Unterlass, mit Leib und Seele.“

Papst Franziskus würdigt ausdrücklich die herausragenden theologischen Fähigkeiten seines Vorgängers, der ein „Lehrmeister des Glaubens“ sei und Heiligkeit verkörpere. Er sei in einer Reihe zu sehen mit „großen Theologen auf dem Petrusstuhl“ wie dem Kirchenlehrer und Heiligen Leo dem Großen. „Bewegend“ sei sein letztes Angelusgebet auf dem Petersplatz am 24. Februar 2013 gewesen, in dem Benedikt seinen Amtsverzicht thematisiert habe, so Franziskus: „Doch dies bedeutet nicht, dass ich die Kirche im Stich lasse, im Gegenteil. Wenn Gott dies von mir fordert, so gerade deshalb, damit ich fortfahren kann, ihr zu dienen, mit derselben Hingabe und mit derselben Liebe, mit der ich es bisher versucht habe“, zitiert er seinen Vorgänger. Diese Heiligkeit sei nicht mit mangelnder Alltagstauglichkeit zu verwechseln, betonte Franziskus: „So zeigt uns seine Heiligkeit Benedikt XVI. mit seinem Zeugnis, was wahres Beten ist: nicht die Beschäftigung mancher Personen, die als besonders fromm und vielleicht wenig dafür geeignet gelten, praktische Probleme zu lösen; dieses „Tun“, das die „Aktiveren“ als das entscheidende Element unseres priesterlichen Dienstes ansehen und das Gebet so auf eine „Freizeitbeschäftigung“ beschränken.“

Und so verkörpere er auf beispielhafte Weise das Wesen des gesamten priesterlichen Wirkens: „Jenes tiefe Verwurzeltsein in Gott, ohne das das ganze Organisationstalent, die ganze vermeintliche intellektuelle Überlegenheit, das ganze Geld und die macht nutzlos sind.“ Ohne die von ihm gelebte ständige Beziehung zum Herrn Jesus sei keine Wahrheit möglich und werde „alles zur Routine“, die Priester zu „Gehaltsempfängern“ und die Bischöfe zu „Bürokraten“ werden lasse. Damit verliere letztlich sogar die Kirche selbst ihre ureigene Beziehung zum Herrn und werde etwas, „das wir geschaffen haben, eine NGO, die letztendlich überflüssig ist.“

Das Buch, dem die Überlegungen von Papst Franziskus entnommen sind, heißt „Die Liebe Gottes lehren und lernen – Priestersein heute“ und versammelt Predigten und Ansprachen von Joseph Ratzinger/Papst Benedikt XVI. von 1954 bis 2009. Der Präfekt der Glaubenskongregation und langjährige Wegbegleiter des ehemaligen Papstes, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, hat die Einführung verfasst. Der Band erscheint anlässlich des 65. Priesterjubiläums von Benedikt XVI. am 29. Juni 2016. Er wird ihm im Rahmen einer Feierstunde in der vatikanischen Sala Clementina am kommenden Dienstag überreicht werden.

(rv 22.06.2016 cs)