Aus: Alfons Sarrach: SIEG DER SÜHNE – Wigratzbad: Marias Botschaft an den Menschen

Unbefleckt empfangene Mutter vom Sieg, bitte für uns!

Kapitel XIII

Das Vermächtnis

 

So sterben Heilige

„Ich weiß, dass Wigratzbad echt ist.“ Mit diesen Worten vertraute der Bischof von Augsburg, Dr. Josef Stimpfle, einem Geistlichen seines Bistums, Dr. Dr. Rupert Gläser, sein Urteil über die Gebetsstätte an. Woher dieses Wissen, darüber ließ er sich nicht aus. Es lässt sich nur erahnen. Und es erklärt die Seelenverwandtschaft zwischen der Mystikerin aus einfachem Hause und dem gebildeten Theologen und charismatischen Oberhirten.

Deshalb ließ er es sich nicht nehmen, selbst die Beerdigung der Seherin am 12. Dezember 1991 zu übernehmen. Am 9. Dezember hatte sie die Augen geschlossen. „Nun ist die uns wohlbekannte Stimme verstummt. Ein Herz hat zu schlagen aufgehört, das erfüllt war von der Liebe zu Gott und den Men­schen. Eine Frau der Kirche ist in die ewige Heimat eingegan­gen.“ Mit diesen bewegenden Worten eröffnete der Bischof seine Ansprache. Eine besondere Fügung Gottes sei es sicher­lich, dass sie am Hochfest der Immakulata in die Ewigkeit ge­rufen wurde, das man in diesem Jahr einen Tag später feiere. Dieser Heimgang am Fest der heiligsten Jungfrau und Got­tesmutter Maria sei auch zu einer Begegnung mit ihrem ver­klärten Sohn geworden, den die Seherin Tag für Tag ange­fleht hat: 0 mein Jesus, ich glaube an Dich, ich bete Dich an, ich hoffe auf Dich, ich liebe Dich.

Der Direktor dieser Gebetsstätte, Monsignore Dr. Dr. Ru­pert Gläser, habe ihm berichtet, am 9. Dezember nachmittags gegen 18 Uhr sei auf dem Antlitz der sterbenden Antonie ein Lichtschein zu sehen gewesen. Er lasse sich deuten als ein Wi­derschein der ungeheuren Freude, die Antonie empfunden habe, als sie die Augen für diese Welt schloss, ein Heimgang im Lichtschein himmlischer Herrlichkeit. Wir sollten sie beneiden und brauchten nicht zu trauern. Der Heimgang sei der Abschluss ihres langen Erdenweges, vier Tage später wäre sie 92 Jahre alt geworden. Ihr Heimgang und ihr Lebensweg seien etwas ganz Seltenes gewesen. So würden Heilige sterben.

Was bleibe nun von ihrem Lebenswerk als Vermächtnis übrig – fragte Bischof Stimpfle und versuchte eine Antwort zu geben. Diese nimmt sich aus wie eine weit in die Zukunft ausgreifende Vision.

Betende Frau

An erster Stelle hob der Oberhirte ihr Gebetsleben hervor. Sie sei das Vorbild einer betenden Frau gewesen und habe Menschen bewogen, sich ihr anzuschließen. Eine betende Frau, die auf die Hilfe der Gottesmutter gesetzt habe. Ihm, ihrem Oberhirten, habe sie anvertraut, dass sie sich als junge Frau mit vielen Mädchen in der Pfarrkirche zu Wohmbrechts getroffen habe, um die nationalsozialistische Gewaltherrschaft mit dem Führer „wegzubeten“ (und das in jener Pfarrkirche, in der einmal ein irregeleiteter Priester Lobeshymnen auf ihn singen sollte – Anm. des Verfassers). Das sei der Einsatz ge­wesen für Freiheit und Frieden und für die Zukunft unseres Volkes. Diese Gebete seien nicht vergebens gewesen.

Ihre eigene Mutter, die sich ihr lange gegenüber zurück­haltend verhalten habe, sei von dieser Atmosphäre angesteckt worden. Bei der Schilderung der Biographie der Verstorbenen erwähnte der Bischof ein Versprechen, das die Mutter Rädler Gott gemacht habe: Sie wolle für den Fall, dass ihre Tochter, die ja mehrmals dem Tode überliefert worden war, den Natio­nalsozialismus überlebe, jeden Tag neun Rosenkränze beten. Die Tochter habe das Terrorregime überlebt und die Mutter ihr Gelöbnis eingehalten. Nach Beendigung des Krieges sei sie täglich um 3 Uhr morgens aufgestanden, um die verspro­chenen Rosenkränze zu beten, ehe sie um 6 Uhr zur Früh­messe ging und danach ihre Arbeit aufnahm.

Antonie sei eine Frau der Kirche gewesen und habe für das geistliche Leben der Kirche mehr geleistet als viele andere, die von der Emanzipation der Frau redeten. Diese Worte des Bischofs hallten in eine Zeit hinein, in der das Gebet von end­losen Debatten und Podiumsdiskussionen und das mystische Leben von theologischen Tagungen verdrängt wurden, auf de­nen die Soziologie und die moderne Bibelauslegung als neue Orientierungsdaten dienten.

Das Leben der Urkirche war geprägt von ständigem Gebet. Das muss der Bischof im Sinn gehabt haben, als er diese im­merfort betende Frau an ihrem Grabe allen als nachahmens­wertes Beispiel empfahl. Als der Herausgeber Bischof Stimpf­le gegenüber einmal bekannte, dass er sich seit seinem Besuch in Medjugorje die Empfehlung der Gottesmutter zu eigen ge­macht habe, wenn möglich, täglich den Psalter zu beten, das heißt alle drei Rosenkränze, schaute der Bischof ihn nach­denklich an und sagte: ,,Wenn Sie für das Reich Gottes etwas mehr bewirken wollen, versuchen Sie es auf drei Psalter zu bringen, das heißt auf neun Rosenkränze am Tag. Die Welt wird vom Gebet getragen.“ Das war die mystische Sicht von Wigratzbad, die in diesen seinen Worten durchschimmerte.

Stätte der Sühne

An zweiter Stelle des geistigen Testamentes der Verstorbe­nen nannte der Bischof die Gebetsstätte Wigratzbad. Sie wer­de bleiben. Es war eine Antwort auf die Zweifel jener Fachleute, die bei der Planung und dem Bau der Stätte nicht da­ran glauben wollten und konnten, dass die Stätte den Tod der Antonie Rädler lange überdauern werde. Hier lebe das Charisma des immerwährenden Gebetes.

Aber was dem Oberhirten beinahe noch wichtiger erschien: das Charisma der stellvertretenden Sühne. Und er hatte kei­ne Hemmungen festzustellen, dass man diesen Charakter an anderen Gebetsstätten so nicht finde. Dann fügte er hinzu, was nicht nur ein großes Nein zum Zeitgeist war, auch so­weit dieser sich in die Kirche eingeschlichen hat, sondern ein Nein zu allen theologischen Spekulationen und Versuchen, die Bedeutung der Sühne im Heilswirken Gottes abzuschwä­chen: „Jesus Christus, unser einziger Mittler zwischen Gott und den Menschen, hat durch seinen Tod und seine Aufer­stehung die Sünde der Welt gesühnt ein für allemal. Aber er hat uns, die Getauften, dazu berufen, in seinem Namen seine Sühneleistung Gott dem himmlischen Vater darzubieten für das Heil der Welt.“

Antonie hätte das verstanden und umgesetzt. Das sei das große Motiv für den Bau einer „Herz Jesu- und Herz Mariä-Sühnekirche“ gewesen. „Zur Sühne für die Sünden der Men­schen von heute, insbesondere zur Sühne für die schreckli­chen Verbrechen, die täglich begangen werden, zur Sühne für die sich verbreitende Unsittlichkeit, zur Sühne für die Enthei­ligung des Sonntags, zur Sühne für die Rettung der Sünder.“ Die Kirche sei ausgestattet mit sechs Beichtstühlen. Viele Men­schen kämen, um hier zu beten, viele würden sich bekehren, beichten, empfingen das große Geschenk des auferstandenen Erlösers, die Vergebung der Sünden.

Die säkulare Welt hat zynischerweise die Sühne erst wieder und zwar ausschließlich entdeckt in Verbindung mit den Ver­fehlungen von Geistlichen an Jugendlichen in den USA und in Irland, als sich das über Entschädigungsforderungen in blan­ke Münze umsetzen ließ und viele Bistümer finanziell an den Rand des Ruins gebracht hat und in Irland die Kirche um ih­re ganze, in Jahrhunderten aufgebaute Glaubwürdigkeit.

Ansonsten gilt Sühne als Fremdwort, auch im Rechtswe­sen, auch gegenüber Straftätern, die sich schwerster sexueller Verbrechen schuldig gemacht haben. Nur wenige, wenn über­haupt, kompetente Rechtswissenschaftler, Politiker und Sozio­logen wollen wahrhaben, dass das die Gesellschaft auf lange Sicht in den Zusammenbruch führen wird. Erste Anzeichen sind schon da, wo Jugendliche zu Amokläufern werden oder ihre Familien umbringen, Eheleute bei Konflikten immer häufiger zum Küchenmesser greifen und im wirtschaftlichen Bereich Banken den Ruin herbeiführen, wie es die Welt in den Jahren 2008/9 erleben musste. Sie gehen davon aus, dass für alle diese Vergehen nie wirkliche Sühne von ihnen einge­fordert wird.

Sühne, das wurde an anderer Stelle bereits erläutert, hat nichts mit Rache zu tun, ist nicht die Erfindung eines blut­rünstigen Gottes, sondern bleibt Voraussetzung für die Selbst­achtung des Menschen, der stets Gefahr läuft, in den Sumpf abzugleiten, auf welcher gesellschaftlichen Ebene er sich auch bewegen mag. Erst die Sühne Gottes am Kreuze hat dem Men­schen die Chance gegeben, nicht der Verzweiflung zu verfallen, sondern wieder an sich selbst zu glauben, wie tief er auch ge­fallen sein mag. Darin liegt das Ungewöhnliche der Botschaft von Wigratzbad und ihrer Gültigkeit für alle Zeit.

Es war goldener Herbst, als Bischof Stimpfle uns wieder einmal in der Rhön bei Fulda besuchte, am Ende einer Bi­schofskonferenz. Nach einem langen Gedankenaustausch stand er auf, ging ans Fenster, schaute auf die Bergkette vor uns und meinte: „Wir müssen die Bedeutung der stellvertre­tenden Sühne wieder entdecken. Jesus hat es uns vorgelebt. Einer für alle. Einer für viele sollte es für uns heißen.“

Die Visionen der großen italienischen Mystikerin Maria Valtorta (1897-1961) kamen mir in den Sinn. Im ersten Buch ihrer zwölfbändigen Serie „Der Gottmensch“ (Parvis-Verlag) gibt sie Worte der Gottesmutter wieder, die sie niederschreiben sollte. Im Kapitel „Entzieht euch nie dem Schutz des Gebetes“ sagt sie u.a.: „Die Erde bedarf der Ströme des Gebetes, um sich zu reinigen von ihren Sünden. Und da nur wenige beten, müs­sen diese wenigen viel beten, um das Versagen der vielen aus­zugleichen.“ Auf die Sühne bezogen müsste es heißen: „Da nur wenige sühnen, müssen diese wenigen viel sühnen, um das Versagen der vielen auszugleichen.“

Der Islam hat sich im Wesentlichen bei seiner Verbreitung im Osten, also in Richtung Indien und auf den Fernen Osten, wie in Richtung Westen, Nordafrika und Spanien, auf sieg­reiche Armeen gestützt. Das Christentum wird von einer an­deren Einstellung geleitet: „Gott braucht nicht siegreiche Ar­meen, Er braucht sühnende Armeen“.

Das waren auch die mystischen Schlussfolgerungen der Antonie Rädler, und einem weisen, ja heiligmäßigen Oberhir­ten wurde die Gnade zuteil, sie richtig einzuschätzen und ihr Anliegen zu erkennen. Er hat es zu seinem eigenen gemacht.

Sorge um heilige Priester

Das dritte Anliegen, das Antonie als Vermächtnis hinter­lassen hat und das der Bischof in seiner Rede erwähnte, war die Sorge um heilige und eifrige Priester. Sie wusste um de­ren große Bedeutung für die Menschen. Sie selber ist mehr­fach großen Priesterpersönlichkeiten begegnet, hat Verständnis und Unterstützung bei ihnen erfahren, wie sie auf der an­deren Seite auch das bittere Leiden auskosten musste, das un­sensible oder verirrte Geistliche auslösen können.

1988 errichtete Papst Johannes Paul II. die Petrusbruder­schaft und hielt Ausschau nach einem Ort, wo sie sich nie­derlassen und ihren geistlichen Nachwuchs ausbilden könn­te. Gerade um diese Zeit wurde in Wigratzbad das Pilger­heim fertig. So konnte der Bischof dem Heiligen Stuhl die Stätte als Stützpunkt auch für die neue Gemeinschaft anbieten. Antonie durfte noch erleben, wie ihr diesbezüglicher Traum in Erfüllung ging.

Klares Denken

Die Würdigung des Erzbischofs am Grabe von Antonie Rädler hatte in Teilen auf seine Weise über vierzig Jahre vor­her ein Graphologe vorweggenommen, dem ihre Schrift vor­gelegt worden war. Es war Siegfried Graf von Burgau/Schwa­ben. In der Analyse aus dem Jahre 1949 heißt es u.a.:

„Der Gesamteindruck zeigt uns eine selten klare Zeilen- und Worttrennung, das charakteristische Zeichen für ausgespro­chen klares Denken und Urteilen. Das Ganze ein Bild eines Menschen mit einer seltenen Unternehmungslust, eigener Ini­tiative und Energie. Die Schreiberin kann geschickt mit Geld umgehen. Diese Frau hat eine selten gute eigene Initiative, ein wirklich sehr gutes Organisations- und Dispositionsvermögen, dazu eine seltene Zähigkeit in der Durchsetzung ihrer Ab­sichten. Offensichtlich beschäftigt sich die betreffende Person mit sehr großen Problemen und Unternehmungen, so viel die Einteilung des Textes verrät. Auf alle Fälle könnte ich sie mir vorstellen als Vorstandsdame einer Zweigstelle der Caritas.

Schrift- und Zeilenführung hat etwas Beständiges an sich, lässt ein klares Denk- und Urteilsvermögen erkennen. So schreibt nur ein Mensch, der über ein hübsches Quantum an seelischer Kraft verfügt und eine gute Portion unbedingter Konsequenz im täglichen Leben zeigt, sich also dem Wechsel der Meinungen kühn mit seinen eigenen entgegenstellt, und auf ihnen beharrt, ganz gleich, wie man über ihn urteilt oder denkt. Sie ist und bleibt, die sie ist.“

Der Schriftsachverständige geht auch auf die Möglichkeit einer hysterischen Veranlagung ein und kommt zu folgendem Ergebnis: „Eine hysterische Schrift zeigt ein krankhaftes Gel­tungsbedürfnis, überreizte Erotik, allgemeine Überempfind­lichkeit, Herzstörungen, allgemeine Rhythmusstörungen im Gedankenablauf und Zerstreutheit verbunden mit schlechtem Gedächtnis und Vergesslichkeit, Angst, Unzuverlässigkeit, un­berechenbare Stimmungsschwankungen, Neigung zu Gereizt­heit und Zorn, Arbeitsunlust, Trägheit und Genusssucht. Von all den hier angeführten Merkmalen ist in dieser Schrift kein Anzeichen vorhanden, kann deshalb auch nicht vorhanden sein. Ganz im Gegenteil. Groß- und Kleinbuchstaben zeigen ein untrügliches Symbol für Demut, Bescheidenheit und auf­richtiger selbstloser Hilfsbereitschaft.

Die Art des Druckes sagt uns, dass wir es in der Person der Schreiberin mit einer unbedingt wesensechten, überzeugt frommen Person zu tun haben, die jeder Übertreibung abhold ist. Für sie bedeutet Religion keine Gefühlssache, sondern eine furchtbar reale, tiefernste Angelegenheit, die gelebt sein will.

Verantwortungsbewusst

Insbesondere spricht aus der Schrift keinerlei Geltungsbe­dürfnis, sondern lediglich ein fast überdurchschnittliches Verantwortungsbewusstsein, aufgrund dessen sie in Ermangelung einer anderen passenden Person die eigene Initiative ergreift und handelt, wie man handeln sollte. Bei ihren Handlungen und Unternehmungen ist es ihr nicht darum zu tun, zu zei­gen, was sie alles kann und wie tüchtig und unternehmungs­lustig sie ist, sondern ihr ist es um eine Sache zu tun, die eben ohne sie nicht gefördert und gehoben wird und doch unbe­dingt notwendig ist.

Die Schrift zeigt keinerlei Anzeichen von Rechthaberei, Brutalität, Streitlust, sondern lediglich die Anzeichen konse­quenter Selbstbehauptung und konsequenter Zielstrebigkeit. Das sind Eigenschaften, die an und für sich einen hohen Grad seelischer Festigkeit voraussetzen. Das Christentum verlangt keinen Kadavergehorsam. Bei dieser Frau, dem Menschen mit einem so hohen Verantwortungsbewusstsein, kann kein so genannter blinder Gehorsam verlangt werden, wenn es sich um Dinge handelt, die gleichsam ihre ganze Lebensaufgabe ändern soll.

Die Schrift zeigt, dass es diese Frau hinsichtlich der Askese und Mystik wirklich ernst nimmt und sich nichts schenkt. Mystik ist allerdings ein so hoher Grad von Gnade, dass er wohl aus der Schrift nicht gut ersichtlich sein kann. Diese Gnade kann allerdings nur einsetzen, wenn die entsprechen­den natürlichen Voraussetzungen dazu gegeben sind. Und dass diese gegeben sind, haben wir in vorliegender Schilde­rung hinreichend gesehen.“

Der Schriftsachverständige verrät ein hohes Maß an Ein­fühlungsvermögen. In der Theologie ist die sog. alte Regel bekannt: „gratia supponit naturam“, Gnade setzt die Natur voraus. Sie baut auf den natürlichen Voraussetzungen, die bei einem Menschen gegeben sind, auf, aber sie bedeutet nicht unbedingt eine ungewöhnliche Steigerung natürlicher Befä­higungen und Talente, denn sie ist etwas wesentlich Neues, das jede Natur übersteigt. Gnade ist Teilnahme an der gött­lichen Natur, das heißt etwas, was mit der natürlichen Er­kenntnisfähigkeit nicht wahrgenommen werden kann.

Oberhirte und Graphologe liegen in ihrem Urteil über Antonie Rädler nah beieinander. Religiöse Berufung war für sie eine tiefernste Sache. Sie ließ sich von ihr nicht abbringen, von der Familie nicht, von staatlichen Behörden nicht, von Männern der Kirche nicht, die ihr misstrauten. Was für sie galt, war allein Gott, von den frühen Jahren ihres Lebens bis zu ihrem letzten Atemzug.

 

Kapitel XIV

Der Himmel ist uns immer nah

 

Die Frage nach der Wahrheit allein ist es nicht, die sich heute stellt. Mit ihr beginnt alles Forschen und alles Erken­nen. Aber die Ergebnisse einer fast dreitausend Jahre zurück­reichenden Denkgeschichte haben den Menschen bisher of­fensichtlich nicht befriedigen, geschweige denn befreien kön­nen. Über die Evolutionstheorie hoffte er die Wurzeln seines Daseins zu erkennen und damit der Wahrheit näher zu kom­men. Allein diese Verheißung, politisch umgesetzt, hat im 20. Jahrhundert ein Meer von Leiden zur Folge gehabt. Au­ßerdem haben die vermeintlichen Erkenntnisse, trotz beacht­licher Leistungen des Verstandes auf der einen Seite, den Menschen auf der anderen immer mehr ins Animalische zu­rückfallen lassen, wie der Verzicht auf Ethik und Ästhetik, auf Wahrheit und Liebe in der Gesellschaft uns täglich vor Augen führt.

Im Augenblick dieser Herausforderungen stellt sich für den gläubigen Menschen daher eine andere Frage. Und sie geht auf den bekannten deutschen Theologen Karl Rahner zurück, dem man rationalistisches Denken keineswegs absprechen kann. Offensichtlich hatte dieser Mann des 20. Jahrhunderts eine stille Vorahnung von der Sackgasse, auf die hin sich das aufgeklärte Denken seiner Zeit zubewegte. Sein Rat an die kommende Generation lautete: „Der Christ von morgen wird ein Mystiker sein oder er wird nicht sein.“ Christliche Mystik ist Liebesmystik, Sühnemystik ist Liebesmystik. Vor dem Hin­tergrund seiner ganzen, am rationalistischen Denken orien­tierten Theologie wirkt diese Bemerkung eher überraschend, aber es scheint in der Tat eine prophetische Intuition gewe­sen zu sein, vielleicht die wichtigste, die aus seinem Gedan­kengut Bestand haben wird.

Während Philosophen und die sie bewundernden Theolo­gen sich auf der Suche nach der Wahrheit im Kreise drehen oder Antworten anbieten, die in sich den Keim der Verzweif­lung tragen, waren und sind es Visionäre und Mystiker, die den Menschen wieder Hoffnung geschenkt haben und schen­ken und Licht am Ende eines dunklen Tunnels aufleuchten lassen, durch den sich die auf ihre Vernunft fixierte Mensch­heit quält. Wie anders sind die Massen zu erklären, die all­jährlich an Orten wie Lourdes, Lisieux, Fatima, Guadalupe oder Medjugorje anzutreffen sind und nicht selten gerade dort seelische Weichenstellungen vornehmen, die im Gegen­satz zu dem stehen, was sie bisher gelebt haben. Sie entdecken die Atmosphäre wahrer Liebe.

Eine gütige Hand hat bewirkt, dass der Verfasser im Laufe seines langen Lebens verschiedenen Sehern und Visionären an verschiedenen Stätten begegnet ist, ausgiebig mit ihnen gesprochen und über sie geschrieben hat. Und von allen Per­sönlichkeiten, die er beruflich als Journalist oder privat kennen gelernt hat, waren sie es, die Seherinnen und Seher, die ihm – trotz ihres oft jungen Alters – am nachhaltigsten in Erinne­rung geblieben sind. Karol Wojtyla, der spätere Papst Johannes Paul II., nimmt da allerdings eine Sonderstellung ein.

Der Versuch, Glaube ganz in Vernunft umzusetzen, führt am Ende dazu, alles um uns herum zur Physik zu erklären und seltsamerweise, nach einer kurzen Atempause, zum Schein. Ein Zeichen, wie brüchig diese unsere Erkenntnis der Reali­tät ist, wenn sie nicht in Beziehung steht zu einer anderen, jenseits dieser Realität.

Es sind die Mystiker, die zu dieser vordringen, und der Weg dahin kann nur einer sein. Zum Urgrund allen Seins, der Liebe, führt nur die Liebe, die wie ein Metallkörnchen von einem gewaltigen Magneten angezogen wird. Glaubwürdige Visionäre männlichen und weiblichen Geschlechts werden nicht müde, das zu wiederholen und vorzuleben.

Antonie Rädler war eine. Was sie mit ihrem geistigen Auge vorausgesehen hat, ist eingetreten, der Versuch des Menschen, trotz aller Enttäuschungen und bitterbösen Erfahrungen im 19. und 20. Jahrhundert, sein eigenes Ich zum Maßstab aller Wirklichkeit zu machen, auf den sich alles zu beziehen hat. Eine freudlose Ich-Gesellschaft breitet sich aus rund um den Globus, die alles zertrampelt, was einmal heilig war und dem Menschen den Weg zum Heil gewiesen hat. In dieser Ego-Welt kommt die wahre Liebe unter die Räder. Antonies Ant­wort darauf war, sich selbst aufzuopfern, Sühne zu leisten und auf diese Weise den Menschen das Umdenken zu er­leichtern, die Wiederentdeckung der Frohen Botschaft, dass Gott uns nahe ist und in der Eucharistie als Ewige Liebe un­ter uns wohnt.

Beim Verfassen dieses Buches musste der Autor es erfah­ren. Er blieb von Leiden nicht verschont. Die ersten Zeilen waren kaum geschrieben, als bei seiner Frau Anneliese ein schweres Krebsleiden entdeckt wurde. Über acht Monate schrieb er, ständig unterwegs zwischen Klinik oder Pflege­heim und der Wohnung, die es in Ordnung zu halten galt. Keine der drei indischen Töchter war in der Nähe, sie konn­ten nur sporadisch helfen. Dazwischen galt es versprochene Vorträge zu halten, Medjugorje und Wigratzbad vor Ort im Auge zu behalten.

Nach der Erholung vom Tumor traten bei der Patientin Störungen bei der Wasserzirkulation im Gehirn auf, die zu Sprach- und Gehstörungen führten und zwei operative Ein­griffe notwendig machten. Hinzu kam ein Oberschenkelhals­bruch in der Rehaklinik. In wachen Zuständen zwischen­durch fragte sie stets nach dem Fortschritt des Buchmanu­skriptes über Wigratzbad und erinnerte an das dem Bischof von Augsburg gegebene Versprechen. Mehr unbewusst als be­wusst nahm sie an den Arbeiten intensiven Anteil. Ihr Leiden nahm sie als Sühneleiden an. Am Ende stand sie unter dem Kreuze. „Ich habe zu wenig Gutes getan“, flüsterte sie, eine Frau, die drei Kindern aus Indien mütterliche Geborgenheit gegeben und in Indien ein Kinderheim mit einer Eucharisti­schen Anbetungsstätte gestiftet hatte, das der Gottesmutter geweiht wurde. Auf dem Höhepunkt dieser Prüfungen stattete ihr die Seherin von Heroldsbach, Erika Bachg, einen sponta­nen Besuch ab. Einen Tag später folgte auf der Durchreise der Erzbischof von Bamberg, Dr. Ludwig Schick, und spendete ihr den Krankensegen. „Ein Zeichen“, sagte die Kranke mit leiser Stimme, „die Gottesmutter ruft mich.“ So war es. Ein paar Ta­ge später, am 22. August 2009, bei Sonnenaufgang des Festes „Maria Königin“ hat Gott, die Ewige Liebe, sie zu sich gerufen, ein Wunder der Gnade. Aus traditionsreichem protestanti­schem Hause kommend, war sie durch Stätten wie Medjugorje und Wigratzbad und Oberhirten wie Dr. J. Stimpfle zu einer in­nigen Marienverehrerin geworden und zur katholischen Kirche übergetreten. Ihrem Leitmotiv „Semper simplex – Immer ein­fach“ war sie, die gebildete Studiendirektorin, bis zum Schluss treu geblieben. Das „Siehe, ich bin die Magd des Herrn“ der Gottesmutter war für ihren Lebensstil prägend geworden. Konzelebrant beim Requiem war Thomas Maria Rimmel, Leiter der marianischen Gebetsstätte Wigratzbad.

Um ein Haar entging während der Arbeiten an diesem Buch der Autor bei einem Autounfall dem Tode. Der Verfas­ser war auf dem Wege von der Klinik in die Apotheke. Der zuständige Unfallarzt sprach hinterher von einem Wunder. Immer sind wir vom Himmel begleitet. Jede geschriebene Zeile dieses Buches ist wie kein anderes zuvor mit Schmerz durchtränkt. Er soll der Botschaft von Wigratzbad dienen. Gnade hat immer ihren Preis.

Ein besonderer Dank gilt zum Ausklang den Ärzten vom Klinikum Fulda, die uns in jener Zeit begleitet und beige­standen haben. Sie waren in ihrem Tun für uns ein wenig der Widerschein einer Liebe nicht von dieser Welt:

Prof. Dr. H.G. Höffkes, Onkologie
Prof. Dr. R. Behr, Neurochirurgie
Prof. Dr. A.H. Jacobs, Neurologie
PD Dr. Martin Hessmann, Unfallchirurgie
Dr. Dr. R. Wächter, MKG-Chirurgie

 

Über den Autor

Geboren im damaligen Freistaat Danzig, wuchs der Autor in einer deutsch-polnischen Kultur auf. 1939 wurde er unter dem NS-Regime mit der Familie in ein Konzentrationslager eingeliefert. Das hat sein Denken für immer geprägt. Nach dem Zweiten Weltkrieg studierte er Philosophie, Theologie und Psychologie in Rom, Paris, Posen und Warschau. Seit 1957 lebt er in der Bundesrepublik. Verheiratet mit einer 2009 verstor­benen Historikerin. Sie hatten drei indische Adoptivtöchter. Über vierzig Jahre verfolgte er als kritischer Publizist die in­ternationale Politik. In den 60er Jahren veröffentlichte er das „Polnische Experiment“, eine Vorahnung großer Dinge, die aus Polen kommen sollten. Das erste Exemplar überreichte er in Rom während des Zweiten Vaticanums Erzbischof Karol Woj­tyla aus Krakau, an dem sich einmal die Vision erfüllen sollte.

In den 80er Jahren schlug er mit den Titeln „Ich adoptierte Kinder aus Indien“ und „Komm Thomas, leg‘ deine Hand in meine Seite“ literarische Brücken nach Indien. In den 90er Jahren kam „Auf den Spuren des ungläubigen Thomas“ hinzu. Von den Titeln „Der prophetische Aufbruch von Medjugorje“ und „Medjugorjes Botschaft vom dienenden Gott“ gingen Im­pulse für das theologische und politische Denken aus. „Die Madonna und die Deutschen“, „Die Frau von Marpingen“ und „Leuchtfeuer für Europa“ sind dem Verhältnis der Deutschen zur Madonna gewidmet. „Weine über Deutschland, mein Kind“ gilt der Aussöhnung der Kulturen und der „Jahrhundert­skandal“ rechnet mit den unwissenschaftlichen Forschungs­methoden ab, die sich mit dem Leben Jesu auseinandersetzen. Im Jenseits des Scheins“ schließlich berichtet er über seine geheimnisvolle Heilung vom Blutkrebs, die er auf den Geist von Medjugorje zurückführt.

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Quelle: Eigener Scan aus meinem persönlichen Exemplar des im Titel genannten (neu nicht mehr erhältlichen) Buches

Siehe weiter:

 

Aus: Alfons Sarrach: SIEG DER SÜHNE – Wigratzbad: Marias Botschaft an den Menschen

Kapitel VIII

Schatten und Licht

 

Überfordert

Der Zweite Weltkrieg ging zu Ende. Er hatte noch nie dagewesenes Leid über Europa gebracht. Ein Mann und das unmenschliche System, das er geschaffen hatte, hinterließen Witwen, Waisen und Trümmerlandschaften, Millionen Menschen wurden von Haus und Hof vertrieben, verloren ihre Heimat. Sie zahlten für den Größenwahn eines Mannes, der kein Gewissen mehr hatte und der doch zu sagen wagte, er sei das Gewissen der Nation, der im kleinen Kreise zugab, er sei bereit, zwei Millionen junger Menschen zu opfern, um sich Osteuropa einzuverleiben. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn es ihm gelungen wäre, sich zum Herrn der Welt aufzuschwingen, ein Ziel, auf das er zusteuerte. Er hatte geschworen, den Bischof von Münster, Clemens August Graf von Galen, nach dem Siege öffentlich hängen zu lassen. Und dieser wäre nicht der einzige gewesen. Am Schluss musste er sich in seiner Reichskanzlei selbst umbringen.

Es war ein Sieg jener Frau, die in der kleinen Kapelle zu Wigratzbad bei Tag und bei Nacht von vielen Menschen angefleht worden war, der Schlange in dieser Zeit den Kopf zu zertreten. Jetzt konnte man aufatmen. Die Hauptgegner waren verschwunden. – Aber andere sollten sie ablösen. An die Stelle des politischen Gegners traten Menschen, von denen eigentlich eher Unterstützung zu erwarten gewesen wäre. Das war die große Enttäuschung in jener Zeit und nicht nur in Wigratzbad, sondern auch an anderen Stätten in Deutschland. Zu erwähnen sei nur Josef Kentenich (1885-1968), der Gründer der marianischen Schönstatt-Bewegung, die ihren Sitz bei Vallendar am Rhein hat. Er musste nach dem Kriege in die Verbannung nach Nordamerika und wurde erst gegen Ende des Konzils von Papst Paul VI. rehabilitiert.

Nicht unerwähnt bleiben darf hier Heroldsbach, ein unscheinbarer Ort bei Bamberg, der in den Jahren von 1949 bis 1952 Hintergrund aufrüttelnder mystischer Vorgänge wurde. Auch dort reagierte die zuständige Behörde abweisend und gegenüber den Seherkindern unangemessen hart, ja grausam. Als große Botschaft schälte sich dort der Aufruf heraus, an der Schwelle zum dritten Jahrtausend die persönliche Verantwortung jedes einzelnen Menschen wahrzunehmen. Erst 46 Jahre später rang sich der damalige Erzbischof von Bamberg, Dr. Karl Braun, zu einer unschätzbaren Leistung durch. Anfang 1998 erwirkte er in Rom die Anerkennung von Heroldsbach als Gebetsstätte. Unübersehbar dabei ist, dass Braun in früheren Jahren Mitglied des Domkapitels von Augsburg unter Erzbischof Stimpfle war.

Um der Wahrhaftigkeit willen können, dürfen diese Leiden nicht verschwiegen werden. Dazu hat die Kirche, ein großer Papst, Johannes Paul II., im Jubiläumsjahr 2000 aufgerufen. Am 12. März jenes Jahres hat er vor den Augen der ganzen Welt den Blick auf das Kreuz gerichtet, um Vergebung für die Sünden aller Söhne und Töchter der Kirche gebetet. In seinem Rundschreiben „Novo millennio ineunte„, mit dem er die Kirche auf dieses Jubiläum vorbereitet hatte, war die Rede von der „Reinigung des Gewissens“. Das galt für die ganze Kirche, also auch für alle Lokalkirchen.

Neun Jahre später haben Vertreter anderer Konfessionen sich dankend darauf berufen und sich schützend vor die katholische Kirche gestellt. „Als protestantische Christen und Amerikaner verurteilen wir die groteske Intoleranz, die sich in Verbindung mit der Abtreibungsgesetzgebung gegen die katholische Kirche breit macht“, hieß es in einer Erklärung protestantischer Kirchenführer in den USA. „Papst Johannes Paul II. hat alle Ungerechtigkeiten verurteilt, die Kinder der katholischen Kirche andern gegenüber begangen haben. In gleicher Weise verurteilen wir jetzt alle Selbstgerechtigkeit und Intoleranz gegenüber unseren katholischen Brüdern und Schwestern. Sie sollen unsere entschiedene Stimme gegen diese Intoleranz vernehmen.“ Wahrhaftigkeit zahlt sich immer aus.

Vor diesem Hintergrund muss auch die Geschichte von Wigratzbad gesehen werden. Um der Gerechtigkeit willen ist es allerdings auch unumgänglich hervorzuheben, dass der Kern der Tragödie sich zeitlich vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil abgespielt hat, durch das vieles verändert wurde, was auch das Charisma von Wigratzbad betraf. Die verantwortlichen Personen in der kirchlichen Hierarchie dürften zum Teil auch überfordert gewesen sein. Zu ungewöhnlich war das, was sich im Allgäu abspielte.

Hauptgegner

25 Jahre musste Antonie Rädler darum ringen, dass in der neu erbauten Kapelle die hl. Messe gefeiert, das Allerheiligste aufbewahrt und das Sakrament der Versöhnung gespendet werden durfte. Dazu wurde die Einwilligung des Oberhirten in Augsburg und das Verständnis des Ortspfarrers gebraucht. Aber gerade bei letzterem fehlte hierzu jeder gute Wille. Im Gegenteil. Er wurde zum Hauptfeind der charismatisch begabten Frau. Es war Hermann Rädler, von 1937 bis 1955 Pfarrer von Wohmbrechts, zu dem kirchlich auch Wigratzbad gehörte. Trotz des gleichen Namens war er mit der Familie nicht verwandt.

In einem Schreiben vom 13.12.1957 hat der damalige Dekan von Lindau, J. Hirschvogel, dem auch die Pfarrei Wohmbrechts unterstand, eine Charakterbeschreibung des Geistlichen geliefert, die im Grunde alles aussagt: „Hermann Rädler war ein durch und durch“ — so hieß es — „liberal eingestellter Kleriker, der eine eigene Meinung vom Christentum hatte, Anhänger des damals bekannten nichtkatholischen Theologen von Marburg, Professor Friedrich Heiler, eines Grenzgängers zwischen Katholizismus und Protestantismus.“ Ein paar Beispiele mögen dies beleuchten.

Er wünschte nicht die öftere hl. Kommunion der Gläubigen. Damit stand er im Gegensatz zu den Aufrufen der damaligen Päpste. Die Gemeinde zählte zu seiner Zeit 850 Gläubige. Der Kommunionempfang im Jahr betrug ca. 3000. Bei der Taufe ließ er grundsätzlich den Exorzismus weg. Und als Anhänger des Theologen Friedrich Heiler war er ein Gegner der Marienverehrung. Als Antonie ihm voller Freude die von einem Benediktiner aus Rom geschenkten Reliquien zeigte, erschien bald darauf in der Lindauer Zeitung ein Artikel über den „Reliquienschwindel“ der Antonie Rädler, eine Falschmeldung, die viele andere Zeitungen aufgriffen. Da Antonie sie niemandem anderen gezeigt hatte, kam als Urheber dieser denunzierenden Fehlinformation nur der eigene Pfarrer in Frage.

Tragischer noch als seine liberale theologische Haltung war seine Einstellung zum Nationalsozialismus. Er war Mitglied der SA (Sturmabteilung), im Volke Braunhemden genannt, einer Kampftruppe, die vor Folter und Einschüchterung politischer Gegner nicht zurückschreckte. Bei seiner Amtseinführung wurde er von der lokalen SA begleitet. Vor der versammelten Gemeinde sagte er: „Ich stehe im Namen und im Auftrag unseres gottbegnadeten Führers Adolf Hitler in dieser gottgeweihten Kirche.“ In seinem Arbeitszimmer hing ein lebensgroßes Bild Adolf Hitlers. Nach dem Zusammenbruch des Systems im Jahre 1945 ließ er es uneinsichtig an der Wand hängen. Erst ein französischer Offizier zwang ihn dazu, das Bild zu entfernen. Man fragt sich heute, musste es erst ein französischer Offizier sein, der das veranlasst hat?

Als Antonie 1938 von der Gestapo abgeführt worden war, suchte ihr Vater weinend Trost beim Pfarrer. Dessen Reaktion zeigt, wie weit sich auch ein Geistlicher verirren kann, der seine Berufung nie verinnerlicht und darum eigentlich nicht verstanden hat: „Glauben Sie etwa“, so fragte er, „dass Antonie nicht am rechten Ort ist? Wollen Sie etwa sagen, dass der Führer etwas anordnet, was nicht recht wäre?“ Der zuständige Polizeibeamte, ein Gesinnungsgenosse des Pfarrers, sprach es später offen gegenüber Antonie aus: „Es war Pfarrer Rädler, der Sie ins Gefängnis gebracht hat. Er war auch der Meinung, die Kapelle brauche man nicht, aber als Heim für die Hitler-Jugend sei sie geeignet.“

Von einem solchen Priester hatte Antonie keine Unterstützung zu erwarten. Die Erlaubnis zur Einweihung der Kapelle wurde von Seiten des Bischofs von der Errichtung einer Kapellenstiftung abhängig gemacht, Hermann Rädler sollte als Kirchenrektor eingesetzt werden. Antonie Rädler hätte praktisch nichts mehr zu sagen gehabt. Nicht einmal das Recht, mit anderen den Rosenkranz zu beten oder ein Marienlied anzustimmen, wäre ihr zugestanden worden. Das machte er in einem Gespräch mit ihrem Notar deutlich. Indirekt warf ihr das Ordinariat Augsburg, von Rädler entsprechend informiert, abergläubische und übersteigerte Andachtsformen vor, die es zu unterlassen gelte.

Wirken der Gnade

Der Oberhirte in Augsburg damals war seit 1938 Bischof Dr. Josef Kumpfmüller (1869-1949). Er war, als er sein Amt antrat, 69 Jahre alt. 1945 setzte er sich, damals 76-jährig, mit anderen mutigen Persönlichkeiten für die kampflose Übergabe der Stadt Augsburg an die heranrückenden amerikanischen Truppen ein, wodurch die Stadt vor großen Schäden bewahrt blieb und viele Menschenleben gerettet wurden. Die Gruppe nannte sich „Friedensbewegung für Augsburg“.

An Hermann Rädler und an Bischof Kumpfmüller lässt sich in Verbindung mit Wigratzbad das geheimnisvolle Wirken der Gnade beobachten. 14 Tage vor seinem Tode ließ Pfarrer Rädler den für Antonie Rädler tätigen leitenden Kurarzt Dr. Konrad Moser zu sich kommen. Er wollte, was Wigratzbad anging, sein Gewissen entlasten und teilte dem Arzt mit, er habe dem Bischof von Augsburg, Dr. Joseph Freundorfer, geschrieben, dass er als Seelsorger wissentlich unwahre und belastende Mitteilungen über Antonie Rädler an das Ordinariat geschickt habe. Aus Gewissensgründen möchte er diese deshalb zurücknehmen. Daraufhin habe ihm Bischof Freundorfer geantwortet, er habe zu seinen Angaben zu stehen, denn nach diesen Aussagen habe er als Bischof Wigratzbad beurteilt. Dabei bleibe es.

Kurz nach seiner Einsetzung als Pfarrer von Wohmbrechts wurde Ludwig Dorn im August 1955 gebeten, Monsignore Dr. Kraft aufzusuchen. Er habe ihm eine wichtige Mitteilung zu machen. Sie betraf den 1949 verstorbenen Bischof Kumpfmüller. Dieser habe ihn kurz vor seinem Tode zu sich gerufen und folgendes Geständnis abgelegt: „Es tut mir unendlich leid und es reut mich tief, dass ich der Gebetsstätte Maria vom Sieg nicht zur Höhe verholfen habe. Jetzt kann ich es leider nicht mehr tun. Erfüllen Sie mir aber die Bitte, ich bitte Sie inständig darum: Sagen Sie meinem Nachfolger im Amte persönlich, er möge sich für Wigratzbad einsetzen, dass diese Gebetsstätte ehestens öffentlich anerkannt werde und so der neue Bischof sehr bald meine Versäumnisse gut mache.“ Er sei dieser Bitte nachgekommen. Bischof Dr. Joseph Freundorfer (1894-1963) habe ihn als seinen Studienfreund persönlich zu sich eingeladen. Bei dieser Gelegenheit konnte er ihm die letzte Bitte seines Vorgängers vortragen und ihm die Sache Wigratzbad wärmstens empfehlen. Er habe versprochen, sie zu erfüllen. Aber nach sechs Jahren sei immer noch nichts geschehen. Er wolle ihn jetzt bitten, sich der Sache als zuständiger Pfarrer anzunehmen.

Freundorfer hatte das Gegenteil getan. Nachdem Antonie Rädler ihm in einem ausführlichen Brief ihren Standpunkt und ihre begründeten Vorbehalte gegen Pfarrer Hermann Rädler als Stiftungsrat dargelegt hatte, ließ er ihr eine knappe Mitteilung zukommen, die in ihrer Kürze schon eine Kränkung war. Darin hieß es: Eine Schenkung der Kapelle Wigratzbad an die Kirche oder eine kirchliche Stiftung unter den im Brief von Antonie gestellten Bedingungen wird nicht angenommen. Die Zelebration und jede Art von öffentlichen Gottesdiensten in der Kapelle Wigratzbad sind von jetzt an verboten. Dabei blieb es bis zum Tode des Bischofs am 11. April 1963.

Joseph Freundorfer war ein sehr gebildeter Mann. 1926 erwarb er in München mit seiner Arbeit über „Erbsünde und Erbtod beim Apostel Paulus“ den Doktortitel. 1928 habilitierte er sich dort für das Neue Testament. Im Anschluss daran war er in Rom am Bibelinstitut und an der Vatikanischen Bibliothek tätig, außerdem Privatdozent in München, ab 1930 außerordentlicher Professor an der Universität Passau, 1945 ordentlicher Professor.
Als Oberhirte förderte er besonders die Katholische Aktion, über regionale Katholikentage gab er dem religiösen Leben in seinem Gebiet neue Anstöße. Seine Fürsorge erstreckte sich auf den sozialen Wohnungsbau und die Tätigkeit des Familienbundes der deutschen Katholiken. Besondere Bedeutung maß er der katholischen Presse bei und war bemüht, sie zu stärken.

Beide Würdenträger zeigen, dass weder die Weisheit des Alters noch eine hohe theologische Bildung Garantie dafür sein können, ein von Gott geschenktes ungewöhnliches Charisma zu erkennen. Ganz besonders schwierig war es sicher vor dem Zweiten Vaticanum, durch das erst die Stellung der Laien, der Frauen und die Rolle des Charismas aus ihrer stiefmütterlichen Rolle in der Kirche in den Vordergrund rückten. Freundorfer starb 1963 unerwartet in der Nacht zum Gründonnerstag, ohne sich mit Antonie Rädler und besonders mit ihrer Berufung ausgesöhnt zu haben. Im Wege gestanden hat ihm dabei offensichtlich sein hoher Bildungsgrad. Er hatte sich bei seiner Doktorarbeit besonders mit dem Apostel Paulus beschäftigt. Aber gerade Paulus hat die Hirten der Urkirche dazu ermahnt, den Geist nicht auszulöschen (1 Thess 5,16).

Würde der Frau

Was hat es den beiden genannten Oberhirten und vielen Geistlichen so schwer gemacht, zu erkennen, dass durch Antonie Rädler Gott am Handeln war und warum? Das weiß am Ende Gott allein und Er allein ist in der Lage, ein gerechtes, von Barmherzigkeit getragenes Urteil zu fällen. Aus menschlicher Sicht waren es psychologisch gesehen drei ungünstige Voraussetzungen.

Antonie Rädler war eine Frau, dazu eine einfache Frau, ohne höhere Schulbildung. Der Vater war zwar nicht arm, aber auch kein Großunternehmer. Er war Metzger, Antonie hatte lediglich eine Haushaltsschule besucht, ansonsten half sie ihrem Vater im Geschäft. Dass ein so unbedarftes Mädchen die Menschen beeindrucken konnte und durch ihre religiöse Grundeinstellung faszinierte, passte nicht in das Bild der Frau, das damals noch vorherrschend war. Es war ja gerade erst drei Jahrzehnte her, dass Frauen Berufe erlernten und in der Öffentlichkeit für ihre Rechte eintreten durften. Die Kirche spiegelte die Atmosphäre in der Gesellschaft wider.

Das änderte sich erst mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil und ganz besonders mit Papst Johannes Paul II. In seinem berühmten Rundschreiben über die Frau „Mulieris dignitatem“ heißt es in der Einleitung: „Die Würde der Frau und ihre Berufung – ständiges Thema menschlicher und christlicher Reflexion – haben in den letzten Jahren eine ganz besondere Bedeutung gewonnen.“ Das beweisen unter anderem die Beiträge des kirchlichen Lehramtes, die sich in verschiedenen Dokumenten des II. Vatikanischen Konzils wieder finden, das dann in seiner Schlussbotschaft sagte: „Die Stunde kommt, die Stunde ist schon da, in der sich die Berufung der Frau voll entfaltet, die Stunde, in der die Frau in der Gesellschaft einen Einfluss, eine Ausstrahlung, eine bisher noch nie erreichte Stellung erlangt. In dieser Zeit, in welcher die Menschheit einen so tiefgreifenden Wandel erfährt, können deshalb die vom Geist des Evangeliums erleuchteten Frauen der Menschheit tatkräftig dabei helfen, dass sie nicht in Verfall gerät. Die Worte dieser Botschaft fassen zusammen, was bereits in der Lehre des Konzils … Ausdruck gefunden hatte.“

Antonie war eine „vom Geist des Evangeliums erleuchtete Frau“. Aber das zu erkennen, darin taten sich die Verantwortlichen in der Kirche in jenen Jahren sehr schwer.

Sendung der Laien

Ein weiteres Hindernis, Antonie und ihre Berufung, ihre Absichten und Vorstellungen einzuordnen, war die Tatsache, dass sie dem Laienstand angehörte. Sie war weder Ordensfrau wie Thérèse von Lisieux, Edith Stein oder wie Schwester Faustyna in Krakau, heute unbestritten anerkannte große Mystikerinnen. Wäre es bei ihr bei einer persönlichen Frömmigkeit geblieben, hätte kaum jemand daran Anstoß genommen. Aber ihre Berufung galt der Sorge um die Kirche, um die Menschen, um ihre Erlösung und um ihr Heil, ja um das Heil der Welt. Zugegeben, sehr hohe Ansprüche, die da eine unbedarfte Seele zu erkennen gab.

Erst dem Zweiten Vaticanum ist auf diesem Gebiet ein großer Durchbruch zu verdanken. In der Einleitung zum „Dekret über das Laienapostolat“ heißt es: „Um dem apostolischen Wirken des Gottesvolkes mehr Gewicht zu verleihen, wendet sich die Heilige Synode nunmehr eindringlich an die Laienchristen, von deren spezifischem und in jeder Hinsicht notwendigem Anteil an der Sendung der Kirche sie schon andernorts gesprochen hat. Denn das Apostolat der Laien, das in deren christlicher Berufung selbst seinen Ursprung hat, kann in der Kirche niemals fehlen.

Wie spontan und fruchtbar dieses Wirken in der Frühzeit der Kirche war, zeigt klar die Heilige Schrift selbst (Apg 11, 19-21; 18,26; Röm 16,1-16; Phil 4,3). Unsere Zeit aber erfordert keinen geringeren Einsatz der Laien, im Gegenteil, die gegenwärtigen Verhältnisse verlangen von ihnen ein durchaus intensiveres und weiteres Apostolat. Das dauernde Anwachsen der Menschheit, der Fortschritt von Wissenschaft und Technik, das engere Netz der gegenseitigen menschlichen Beziehungen haben nicht nur die Räume des Apostolates der Laien, die großenteils nur ihnen offenstehen, ins Unermessliche erweitert; sie haben darüber hinaus auch neue Probleme hervorgerufen, die das eifrige Bemühen sachkundiger Laien erfordern.

Dieses Apostolat wird um so dringlicher, als die Autonomie vieler Bereiche des menschlichen Lebens – und zwar mit vollem Recht – sehr gewachsen ist, wenngleich dieses Wachstum bisweilen mit einer gewissen Entfremdung von der ethischen und religiösen Ordnung und mit einer schweren Krise des christlichen Lebens verbunden ist. Zudem könnte die Kirche in vielen Gebieten, in denen es nur ganz wenige Priester gibt oder diese, wie es öfters der Fall ist, der für ihren Dienst notwendigen Freiheit beraubt sind, ohne die Arbeit der Laien kaum präsent und wirksam sein.“

Vor dem Hintergrund dieses Textes erscheint Antonie Rädler geradezu als das Idealbild eines Laienapostels. Sie hat Menschen erreicht, die Priester nicht oder nicht genügend erreichen konnten, ja sie dürfte manchen Geistlichen, z.B. ihren eigenen Ortspfarrer Hermann Rädler mit seiner verblendeten und fanatischen Treue zu Adolf Hitler, durch ihre Treue zur Lehre und zum Geist des Evangeliums korrigiert und dadurch manche Seelen gerettet haben. Als Leiterin der Filiale ihres Vaters in Lindau hat sie das Vertrauen vieler Frauen gewinnen können, diesen nicht nur praktische Ratschläge gegeben, sondern den Samen des Glaubens in ihre Seelen gesenkt. Erst das Konzil hat die Augen vieler Bischöfe und vieler Priester für dieses ungenutzte Potential in der Kirche geschärft.

Natürlich ist es nicht so, als ob vor dem Konzil selbstherrlich herrschende Würdenträger die Energien, die in diesem Stande für die Kirche schlummern, völlig ignoriert hätten. Zu allen Jahrhunderten haben große Persönlichkeiten unter den Laien Einfluss auf das Leben der Kirche gehabt. Aber Zeitgeist, Routine und Überängstlichkeit haben diese Möglichkeit nicht zum Zuge kommen lassen. Darin lag ein Teil der Tragik von Antonie Rädler, die ein Vierteljahrhundert unter dieser mangelnden Weitsicht bitter gelitten hat.

Das Charisma

Die dritte Hürde, die zu nehmen war, war das Charisma. Auch dafür hat das volle Verständnis erst nach dem Zweiten Vaticanum an Boden gewinnen können. Charismen haben schon in der Urkirche eine große Rolle gespielt, wenn auch der Apostel Paulus sie anders genannt hat. Was ist ein Charisma? Früher sprach man von einer „gratia gratis data“ – ein frei gewährtes Geschenk. Heute beschreiben wir es etwas anders. Ein Charisma ist eine von Gott (meist plötzlich) einzelnen Gläubigen gewährte Gnade beziehungsweise Befähigung zum Dienst am Menschen, zum Aufbau der christlichen Gemeinde. Dies geschieht meist unerwartet und es kann auch, aus welchen Gründen auch immer, von Gott zurückgenommen werden. Es muss also nicht unbedingt etwas Dauerhaftes sein. Ein Charisma ist auf Bekenntnis und Zeugnis angelegt, der Charismatiker fühlt sich gedrängt, mitzuteilen.

Ein Charisma ist nicht mit einem Naturtalent zu verwechseln. In den letzten Jahrzehnten hat sich die säkulare Sprache, das säkulare Denken dieses christlichen Begriffes bemächtigt – wie so oft, etwa in der Politik. Es ist eigentlich ein Missbrauch. Dadurch kann die eigentliche Bedeutung im religiösen Bereich Schaden nehmen. Bundeskanzler Willy Brandt wurde in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts so ein politisches „Charisma“ zugesprochen, ab dem Jahre 2008 Barack Obama in den USA.

Charismen gehören zum Wesen der katholischen Kirche. Sie ergänzen das Amt, können es aber nicht ersetzen. Umgekehrt kann eine von Gott gewährte Gnade, Befähigung, nicht vom Amt verfügbar gemacht werden. Bisweilen kommt es zu Spannungen zwischen Charisma und Amt, in Wigratzbad zu beobachten zwischen Antonie Rädler und den beiden Bischöfen J. Kumpfmüller und später J. Freundorfer. Dass es auch anders sein kann, ja sein sollte, hat dann der Nachfolger im Amt, Bischof J. Stimpfle, gezeigt. Charismen sind auf Prüfung durch das Amt angewiesen — eventuell auf Korrektur.

Auf Charismen sollte man mit Dankbarkeit reagieren, nicht mit Missachtung nach dem Motto: „Ich brauche keine Erscheinungen“, wie manche Priester gelegentlich von der Kanzel behaupten. Das Charismatische gehört genauso zur Kirche wie die Sakramente und wie die Bischöfe und Priester. Das Charisma geht auf die aktuellen Bedürfnisse der Kirche ein, deshalb treten zu verschiedenen Zeiten verschiedene Charismen auf. Der große Theologe Karl Rahner nannte sie „Imperative“, „Befehle“ Gottes, wie in der jeweiligen Zeit das Evangelium umzusetzen ist.

Seit einigen Jahrzehnten ist zu beobachten, dass bestimmte Charismen, die in der Urkirche eine große Rolle gespielt haben, wieder auftreten. Die Zeiten scheinen einander ähnlich zu sein, heute wie vor 2000 Jahren. Charismen ergänzen einander, sie wirken zusammen. Wo sie einander bekämpfen oder abwerten, sind sie unecht. Oberstes Ziel der Charismen ist das Heil des Menschen.

Es ist die Ursünde unserer Zeit geworden, dass man meint, alles lasse sich erklären, wenn nicht heute, dann morgen und wenn nicht morgen, dann übermorgen. So etwas wie Übernatur existiere nicht und Gott sei nur eine Vermutung. Dieses Denken findet schleichend Eingang auch bei Christen.

Die Wurzeln des verhängnisvollen Irrtums liegen in der Meinung, Gott lasse sich wie die Natur erklären oder wie die Natur erforschen. Der Mensch möchte Gott zum Gefangenen von Zeit und Raum machen, wie er einer ist. Aber Gott ist der ganz Andere. Und nur ein Mensch, der versucht, die Welt mit diesen Augen Gottes von einer anderen Ebene zu betrachten, bekommt ein Gespür für das Wirken Gottes, ja er ist in der Lage, dieses Handeln zu erkennen. Gnade, ein Charisma sind nicht nach mathematischen Formeln zu entschlüsseln, sie sind nicht greifbar, sie folgen anderen Gesetzen. Es sind Impulse des Heiligen Geistes.

Was nun war das Charisma bei Antonie? Es war vor allem und zuallererst die Gnade des immerwährenden Gebetes. Schon der Apostel Paulus schreibt in seinem ersten Brief an die Thessalonicher: „Betet ohne Unterlass“ (5,17). Und nur zwei Zeilen weiter schreibt er: „Löscht den Geist nicht aus“ (5,19), als wolle er einen Zusammenhang herstellen. Bei Antonie ist er da. Als junge Frau hat sie in Lindau ganze Nächte durchgebetet, von niemandem gedrängt, von niemandem eingeladen, aus innerem Impuls. Das unter anderem wurde für die damaligen Machthaber zum Ärgernis, weshalb man sie umbringen wollte. Im 20. Jahrhundert wurde immer weniger gebetet, ein Grund, warum auch die Gottesmutter in ihren Erscheinungen immer wieder dringend und nachhaltig zum Gebet aufruft.

Opfertod auf Golgotha

Zu diesem Charisma gehört auch die Bereitschaft zur Sühne für eigene Vergehen, für die Fehlleistungen anderer und für die Sünden der ganzen Welt. In dieser Hinsicht bestand eine große Seelenverwandtschaft mit der kleinen Thérèse von Lisieux, weshalb es sie instinktiv auf ihrer Reise durch Frankreich dort hingezogen hat. Der Opfertod Jesu am Kreuze war das vollkommene Sühneopfer, das Christus stellvertretend für die ganze Menschheit dargebracht hat. In Ihm hat Gott die Welt mit sich selbst versöhnt.

Sühne hat etwas mit Ungleichgewicht zu tun. Wir wissen aus der Medizin, wie verhängnisvoll Gleichgewichtsstörungen sind. Sie können ein normales Leben unmöglich machen. Störungen des Gleichgewichtes in der Natur können verhängnisvolle Folgen haben, im Kosmos würden sie das Chaos zur Folge haben. Das gilt auch für die Welt des Übernatürlichen.

Diese Offenbarung ist im 20. Jahrhundert auf immer weniger Verständnis gestoßen. Und immer wieder trifft man auf Versuche, den Tod Jesu anders zu deuten, etwa als vollkommene Hingabe oder als Beispiel für eine Welt, die nur für sich selbst lebt. Den Sinn der Sühne versteht nur der, der eine Ahnung von der Unendlichkeit Gottes hat, von der Unendlichkeit seiner Liebe zum Menschen. Gott ist ewige Harmonie. Liebe ist Harmonie, Liebe will Gegenliebe; je größer sie ist, umso größer die Sehnsucht nach einer Antwort nach den gleichen Maßstäben. Sühne ist eine „Erfindung“ der ewigen Liebe, um dem Geschöpf die Möglichkeit zu geben, alles wieder ins Lot zu bringen. Sie ist etwas Urgöttliches.

Das gehörte über Jahrhunderte, ja über zwei Jahrtausende für Christen zum ganz selbstverständlichen Glaubensgut, wie es in einem Lied zum Ausdruck kommt: „Preis Dir, Du Sieger auf Golgotha, Sieger auf ewig, halleluja.“ Golgotha, das Sühneopfer gilt als Sieg. In der Liturgie wird es festgehalten. Worauf es jedoch ankommt ist, dass es im praktischen Leben des gläubigen Menschen verinnerlicht wird, dass es als Aufruf zur Nachfolge Jesu akzeptiert wird.

Aus eben diesem Grunde sind Kreuzzüge für die christliche Botschaft etwas absolut Unerträgliches. Das Christentum ist eine Religion des Kreuzes, der Islam – wie viele politische Bewegungen – eine Religion des Schwertes. Es hat das römische Imperium in den ersten drei Jahrhunderten nicht durch Gewalt, nicht durch Terroranschläge erobert, sondern durch das Beispiel seiner Märtyrer und den Opfergeist seiner Familien.
Das beständige und intensive Gebetsleben ist ein Hinweis dafür, dass es im Herzen von Antonie brannte, Gott aus den Tiefen der eigenen Seele heraus zu antworten. Und der größte Beweis für eine große Liebe ist die Bereitschaft zur Sühne für die unendlichen Enttäuschungen, die der Mensch Gott bereitet hat.

Von den frühesten Jahren bis zum Bau der eindrucksvollen Sühnekirche in Wigratzbad zieht sich diese Einstellung wie ein roter Faden durch ihr Leben. Die Mystik von Wigratzbad ist Sühnemystik.

Eng damit verbunden ist die Pflege des Gewissens. Seit 200 Jahren erleben wir eine Demontage des Gewissens. Ganz zynisch hat es Adolf Hitler betrieben, als er sich als das „Gewissen der Nation“ bezeichnet hat. Die anderen brauchten nur zu gehorchen. Diese Erosion des Gewissens geht weiter, sie hat horrende Ausmaße angenommen. Über raffinierte Sprachregelung wurden Urbegriffe wie Sünde, Familie, Ehe, Vater, Mutter, Keuschheit, Liebe verfremdet, es wird ihnen ein anderer Inhalt unterstellt. Aus dem Gewissen wurde z.B. das Über-Ich mit negativem Beigeschmack.

Antonie ist – im Gegensatz zu diesem Trend – unter großen Opfern ihrem Gewissen treu geblieben, selbst wenn sie der Familie widersprechen musste. An ihr demonstriert der Himmel die große Verantwortung des einzelnen Menschen für sich und die Welt. Die Sühnekirche von Wigratzbad ist ein Monument des Gewissens, der Stimme Gottes im Menschen. Noch Paulus konnte sich vor fast 2000 und der große Augustinus vor 1600 Jahren darauf berufen, dass auch die Heiden ein Gewissen haben. Heute ist es bei vielen Christen verkümmert oder ausgelöscht. Glaube wird nach eigenem Gutdünken gelebt.

Am Schluss der charismatischen Befähigungen sei bei Antonie noch die Seelenschau genannt, eine Gabe, die heiligmäßigen Personen gegeben wird, um sie sicher durch den Dschungel menschlicher Verirrungen, Versuchungen und Fallen zu leiten. Inzwischen setzt man mehr auf die Psychologie und die Psychiatrie, mit meist zweifelhaftem Ergebnis, wie sich leicht aus dem allernächsten Umfeld belegen ließe. Bei Johannes lesen wir: „Jesus aber vertraute sich ihnen nicht an, denn er kannte sie alle und brauchte von keinem ein Zeugnis über den Menschen, denn er wusste, was im Menschen ist“ (Joh 2,24-25). Und in den Schriften der Visionärin Maria Valtorta sagt Jesus zu Petrus: „Traue nie der Zukunft eines Menschen.“ Etwas von diesem Wissen über den Menschen schenkt der Himmel auch mystischen Naturen. Gelegentlich wurde es bei Antonie beobachtet.
Dass Bischof Josef Stimpfle das Charisma Antonies erkannte, obwohl er der weitaus jüngste unter den drei Bischöfen war, die mit ihr zu tun hatten, legt die Vermutung nahe, diese Dimension des menschlichen Daseins müsse ihm aus eigener Erfahrung vertraut gewesen sein.

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Quelle: Eigener Scan aus meinem persönlichen Exemplar des im Titel genannten (neu nicht mehr erhältlichen) Buches

Siehe weiter:

Aus: Alfons Sarrach: SIEG DER SÜHNE – Wigratzbad: Marias Botschaft an den Menschen

Kapitel VII

Gejagd und versteckt

Erstes Messopfer

Am 1. September 1939 brach der verhängnisvolle Zweite Weltkrieg aus. Ein Volk, katholisch geprägt wie kein anderes in Europa, wurde überfallen. Es sollte knapp 40 Jahre später nach mehreren Jahrhunderten den ersten Papst stellen, der kein Italiener war. Bis dahin werden jedoch noch viele Leiden den ganzen Kontinent überfluten.

Einen Monat später, im Oktober, erteilten die Behörden die schriftliche Erlaubnis zur Öffnung der Kapelle und zu ih­rem Ausbau. In Wigratzbad ließ man keine Zeit verstreichen. Es wurde mit Hochdruck an der Vollendung gearbeitet. An­fang Dezember konnte ein Türmchen aufgerichtet werden. Die Glocke erhielt den Namen Bernadette. Sie wurde von G.R. Frommknecht geweiht und aufgezogen. Eingraviert wurde der Spruch: „Maria siegt, siegt immer!“ Die Turmspitze sollte eine Statue der Gottesmutter aus Bronze krönen. Antonie hol­te sie aus Kisslegg. Sie zierte einst die Brunnensäule vor der dortigen Pfarrkirche. In einer Nacht war sie von Gegnern he­runtergerissen und in Stücke geschlagen worden. Antonie er­bat sich vom Pfarrer die Trümmer, ließ die Teile zusammen­schweißen und auf die Spitze des Turms stellen. Worauf man allerdings noch warten musste, das war die Weihe und die Erlaubnis, in der Kapelle die hl. Messe zu feiern.

Diese Möglichkeit eröffnete sich einige Monate später. Und es sollte ein Geistlicher aus Sibratshofen sein, Pfarrer Ernst Ritter, ein Priester mit Leib und Seele, der zu den Verfolgten des Regimes gehörte. Zweimal schon war er von der Gehei­men Staatspolizei eingekerkert worden. Nach einjähriger Haft wurde er jetzt von einem Sondergericht zum Konzentrations­lager Dachau verurteilt. Es gelang ihm, seinen Schwestern eine Mitteilung zukommen zu lassen mit der Bitte, für ihn in Wi­gratzbad zu beten. Das taten sie zwei Tage und zwei Nächte hindurch. Am dritten, am Feste des hl. Josef, wurde der Ver­urteilte plötzlich aus der Haft entlassen. Noch in der Kleidung eines Sträflings fuhr er nach Wigratzbad. Vor der „Unbefleckt empfangenen Mutter vom Sieg“ betete er den ganzen Nach­mittag und die Nacht hindurch. Am Morgen fuhr er zu sei­nem Oberhirten nach Augsburg und bat um die Erlaubnis, in Wigratzbad aus Dankbarkeit das hl. Messopfer feiern zu dürfen. Die Bitte wurde ihm gewährt.

Es war selbst ein Verfolgter und Gedemütigter, der in der Sühnenacht vom 24. auf den 25. März 1940 die Kapelle ein­weihte. Eine große Schar von Betern war dabei. Und ausge­rechnet an einem der größten Marienfeste, Mariä Verkündi­gung, wurde in der Kapelle zum ersten Mal das hl. Messopfer gefeiert. Das alles war von einer großen, nicht zu übersehen­den Symbolik.

Auf die zweite hl. Messe musste man allerdings anderthalb Jahre warten. Das war anlässlich der Hochzeit von Antonies Bruder Andreas. Er hatte darum im Ordinariat gebeten und die Erlaubnis erhalten. Auch diese Feier wurde zu einem be­sonderen Erlebnis für die zahlreich Mitfeiernden.

Der größer werdende Zustrom an Pilgern wurde für An­tonie allerdings zu einem Damoklesschwert, das ständig über ihrem Haupte schwebte. Ihre Gegner ruhten nicht, und zu ihnen gehörte vor allem der eigene Ortspfarrer. Das ist ohne Zweifel eines der bittersten Kapitel im Leben der charisma­tisch begnadeten Frau. Und man würde der Kirche, die sich seit den letzten Päpsten mehr denn je der Wahrheit über die eigene Geschichte verpflichtet fühlt, in unserer Zeit keinen Dienst erweisen, wollte man das verschweigen.

Tödliche Anklagen

Zwei Jahre waren in Wigratzbad seit der Einweihung vergan­gen. Da versammelten sich im Hause des Bürgermeisters von Hergatz ein paar Gleichgesinnte, unter ihnen der Ortspfarrer und sein Küster, der auch Fleischbeschauer in der Gemeinde war, um darüber zu beraten, wie man Antonie aus dem Wege räumen und ihr Werk auslöschen könnte. Man kam auf die Idee, sie der Schwarzschlachtung zu bezichtigen. Darauf stand die Todesstrafe. Ausgerechnet der Küster, in seiner Eigenschaft als Fleischbeschauer, sollte die Anzeige erstatten. Die Familie Rädler wurde beschuldigt, in drei Kriegsjahren 50 Stück Vieh unter der Hand geschlachtet zu haben. Antonie trage dabei die Hauptverantwortung. Dem Küster wurde versichert, dass ihm nichts geschehen werde, falls herauskäme, dass an den Vorwür­fen nichts dran sei. Von der Sitzung erfuhren die Rädlers über eine Frau, die im Nachbargebäude des Bürgermeisters wohnte und Gelegenheit hatte, unauffällig mitzuhören, was in der Sit­zung beschlossen wurde. Nach dem Kriege hat der Mann seine Beschuldigungen widerrufen. Aber für die große Beterin von Wigratzbad hätten diese der sichere Tod sein können oder die Entsendung in das berüchtigte Konzentrationslager Auschwitz, in dem die bekannte Mystikerin Edith Stein vergast wurde.

Die Anzeige hatte zur Folge, dass zwei Tage vor dem Palm­sonntag, dem sog. Schmerzensfreitag, im Jahre 1942, ein Po­lizeibeamter auftauchte, Antonie verhaftete und zum Amts­gericht in Lindau brachte. Sie wurde in einer Einzelzelle un­tergebracht. Man wusste von Augsburg her um ihren Einfluss auf Mitgefangene. Sie durfte niemanden empfangen, nieman­dem schreiben, sie durfte nie an die frische Luft.

Die zermürbenden Verhöre aus dem Jahre 1938 in Augs­burg wiederholten sich. Sie dauerten von 8 bis 17 Uhr. Die Tobsuchtsanfälle des vernehmenden Zollfahnders zeigten, wie fanatisch ergeben viele Menschen dem unmenschlichen Sys­tem waren. Die Torturen hatten zur Folge, dass Antonie bis­weilen zusammenbrach.

In der Nacht ließ man gefangene Soldaten in ihre Zelle, in der Erwartung, sie würden sich auf sie stürzen, sich an ihr vergehen. Man hätte sie dann der Prostitution beschuldigt. Sie betete zwanzig Rosenkränze am Tag. Die Soldaten vermochten nicht, sich ihr zu nähern, eine geheimnisvolle Macht hielt sie zurück. Außerdem musste die Gefangene die Zellen der Häft­linge putzen, deren Boden mit den Sekreten der Geschlechts­kranken verunreinigt war. Man hoffte, sie würde sich anste­cken. Grauenvoll waren die großen Feste, besonders Pfingsten. An diesen Tagen wurden die Gefangenen sich selbst überlas­sen, die sich dann sexuellen Ausschweifungen hingaben. Von ihrer Zelle aus musste sie alles mitanhören.

Am meisten litt Antonie darunter, dass sie auf die hl. Kom­munion verzichten musste. Ihre Bitte an einen Wächter, ihr einen Priester zu besorgen, beantwortete dieser mit Spott. Als ein Amtsgerichtsrat in ihre Zelle kam, ein Protestant, trug sie ihm ihre Bitte vor. Der zeigte Verständnis und versprach, et­was für sie zu tun. Tatsächlich kam der Kaplan der Stadtpfarr­kirche zu ihr. Dieser behandelte sie jedoch von oben herab, spendete ihr aber doch die heiligen Sakramente.

Die qualvolle Haft dauerte vom 25. März bis zum 2. Juli, dem Fest Mariä Heimsuchung, also dreieinhalb Monate. In der Nacht zum 2. Juli hatte Antonie einen Traum. Die Gottesmut­ter stand vor ihr, nahm sie an der Hand und sagte: „Komm!“ Während sie den Rosenkranz betete, fragte Antonie immer wieder: „Wohin soll ich denn mit dir gehen? Wirke ein Wun­der. Nimm mich heim zur Grotte!“ Und es trat ein. Noch am gleichen Tage wurde sie ins Amtsgericht nach Wangen gerufen. Der Richter händigte ihr ein Telegramm aus, das aus Mün­chen eingetroffen war. Es war vom Sondergericht und lautete: „Antonie Rädler ist sofort zu entlassen!“ Der Richter erklärte ihr die Hintergründe, die zeigen, dass es in diesem System im­mer wieder Beamte gegeben hat, die von der Unschuld Anto­nies überzeugt waren: „Ihr Verteidiger, ein Oberamtsrichter, hat sich telefonisch an das Sondergericht in München gewandt und verlangt, dass ihm nach fünf Monaten endlich die Akten zum Fall Antonie Rädler zugestellt werden. Daraufhin hat München die Entlassung veranlasst. Bei einer Person, die sich eines Kriegsverbrechens schuldig gemacht hat, geschieht so etwas außerordentlich selten. Ich gratuliere Ihnen.“

Kurzes Atemholen

Am Nachmittag war Antonie wieder daheim. Es sollte für sie nur ein kurzes Atemholen sein. Sie ging zur Grotte und stellte fest, dass sie schön geschmückt und das Ziel vieler Beter geblieben war. Man hatte viel für die Gefangene gebetet.

Zwei Tage später kam ein Polizist und brachte ihr die Schlüs­sel zur Kapelle. Er hatte die Anweisung, dafür zu sorgen, dass das Harmonium aus der Kapelle entfernt wurde, damit es kei­nen Schaden nehme. Antonie und ihre Brüder nahmen die Gelegenheit wahr, auch den „Herrn im Elend“, die Gnaden­statue der Unbefleckten Empfängnis und den hl. Josef in Si­cherheit zu bringen. Umsonst protestierte der Beamte. Die Statuen wurden in Antonies Zimmer gebracht und zur Ver­ehrung aufgestellt.

Was noch ausstand, war die Gerichtsverhandlung. Der Va­ter wurde aus Altersgründen vom Erscheinen entbunden, An­tonie stand allein vor dem Richter. Vergeblich versuchte man ihr etwas nachzuweisen, nicht einmal auf Indizien konnte man sich stützen. Nur aufgrund des Verdachtes wurde sie zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, angerechnet wurden nur zwei Monate Haft, „weil sie sich nicht zu ihrer Schuld bekannt ha­be“. Bis zum Antritt der Haft durfte sie heimkehren. Ihr Ver­teidiger hoffte auf Strafaufschub, aber Anträge dieser Art wur­den zurückgewiesen.

Vor dem Antritt der Strafe musste sie noch einmal nach München, um einer Gerichtsverhandlung wegen Schwarz­schlachtung beizuwohnen. Es war Psychoterror reinsten Was­sers. Aber der Freund des Vaters, ein Ministerialrat, ließ ihr eine heimliche Nachricht zukommen, auf keinen Fall nach Hause zurückzukehren. Er hatte erfahren, dass Antonie nach Auschwitz gebracht und dort umgebracht werden sollte. So begann eine moderne Odyssee, die ihresgleichen sucht.

Antonie tauchte erst einmal bei ihrem Vetter, Pfarrer von Hindelang, unter. Nach einer Woche musste sie weiterziehen, um den Geistlichen nicht zu gefährden. Sie konnte sich bei einem Freund des Vaters in Heimenkirch verstecken. Dieser brachte sie in einem Dachstübchen unter und versorgte sie. Er konnte den Spiritual des Herz-Jesu-Heims, Pater Pius von Weingarten, bewegen, ihr die hl. Kommunion zu bringen. Aber der Geistliche bekam kalte Füße und redete mit goldener Zunge auf sie ein, sich den Behörden zu stellen und die Strafe anzutreten. Ein Fluchtversuch sei unmöglich, alle Straßen be­wacht, die Familie gefährdet, man würde zwei Personen an ih­rer statt einsperren und hinrichten. In allen Polizeizeitungen sei sie mit Lichtbild ausgeschrieben. Ohne Anmeldung be­komme sie außerdem auch keine Lebensmittelkarten.

Es kam der letzte Abend, an dem sie Abschied nehmen soll­te. Während sie vor einem Herz-Jesu-Bild den schmerzhaften Rosenkranz betete, wurde es plötzlich in der kleinen Stube taghell, sie sah den Erzengel Michael und hörte vom Bild her die Stimme Jesu: „Bleibe ruhig! Dir passiert gar nichts. Du brauchst nicht ins Gefängnis zu gehen. Kein Haar wird dir gekrümmt wer­den. Deinen Angehörigen geschieht auch nichts. Du wirst ab­geholt. Folge! Die Engel begleiten dich. Vertraue! Vertraue!“

Antonie betete den Rosenkranz zu Ende. Da kam Pater Pius und brachte ihr die hl. Kommunion, „die letzte ihres Lebens“ – wie er sagte –, und erteilte ihr den Sterbeablass. Und es entwickelte sich ein kurzer Dialog zwischen dem Priester und einer „ungebildeten“ Laiin, der dennoch Geschichte machen sollte. „Sie täuschen sich, Herr Pater! Mir geschieht gar nichts und auch meiner Familie nicht!“ Dann erzählte sie dem Be­nediktinermönch von der Erscheinung des Erzengels. Dieser blieb skeptisch und meinte selbstsicher: „Sie irren sich. Die Angst verwirrt Sie. Sie haben sich das nur eingebildet, Satan verblendet Sie. Es nützt Ihnen nichts, die Augen vor der Wirk­lichkeit zu verschließen.“ – „Nein, Herr Pater“, widersprach Antonie, „die Mutter Gottes hat mich noch nie in die Irre ge­führt. Auch diesmal nicht. Ich glaube, dass der liebe Gott auf die Fürbitte Mariens, der Mutter vom Sieg, ein Wunder wirkt. Maria ist die Siegerin und macht alle Machenschaften des Teufels zunichte.“ – „Möchte es so sein“, meinte der Pater zum Abschluss und versprach noch einmal zu kommen. „Um 14 Uhr müssen Sie den harten Weg antreten“ (das heißt sich stellen). Dann gab er ihr den Reisesegen. Er hatte sich geirrt, denn es kam anders.

Im Bregenzer Wald

Kurz vor Mittag, gegen 11 Uhr, betrat der Hausherr uner­wartet mit einem Mann das Zimmer. Was dieser ihr erzählte, passt in die von Geheimnissen umgebene Geschichte von Wi­gratzbad. Er komme aus dem Bregenzerwald, aus einem ganz verlassenen Winkel. Seiner Frau sei Antonie von Wigratzbad her bekannt. Sie seien kinderlos und wohnten dort allein, ein Anwesen, von Wald umgeben, kein Weg führe dorthin. In der letzten Nacht seien beide, er und seine Frau, geweckt wor­den. Jedem wurde getrennt gesagt: „Holt sofort Antonie Räd­ler zu euch!“ Der Frau wurde zusätzlich eingeschärft: „Drän­ge deinen Mann, er soll sofort die Antonie ins Haus aufneh­men!“ Dem Mann dagegen: „Fürchte nichts! Hole die Antonie in dein Haus, aber sofort. Vertraue!“

Wie aber die Antonie holen, wenn niemand wusste, wo sie sich aufhielt. Also machte der Mann sich in den frühen Mor­genstunden auf den Weg, um das Haus der Familie Rädler aufzusuchen. Dort war man sehr überrascht, denn seit vier Wochen hatte man keine Nachricht von ihr. Den Eltern war der Aufenthaltsort wegen der vielen Verhöre durch die Ge­stapo nicht genannt worden, aus Furcht, sie könnten überlis­tet werden. Nur die Schwiegertochter, die Frau von Martin, wusste um den Ort. So konnte sie dem Mann aus dem Bre­genzerwald den Weg weisen.

Dieser bestellte nun Antonie für den anderen Morgen vor eine bestimmte Ortschaft und gab ihr eine Skizze in die Hand. An Ort und Stelle werde er ihr ein Zeichen mit der Hand geben und einen Jauchzer tun. Im Abstand von 20 Metern sollte sie ihm folgen. Der Weg werde steinig sein, Schluchten hinunter und Höhenwege hinauf führen. Nachdem alles er­klärt worden war, nahm er ihre Wäsche und Kleider mit und machte sich auf den Heimweg.

Es war bereits dunkel, als Antonie sich am Feste des hl. Erzengels Michael auf den Weg machte, verschleiert und als alte Frau verkleidet. Aber das Überwachungsnetz des Polizeistaates war dicht gesponnen. Plötzlich wurde sie angehalten. Eine Taschenlampe leuchtete auf, zwei Männer verlangten ihre Ausweispapiere. Antonie erschrak zu Tode. Sollte alles umsonst gewesen sein? Der Schweiß kam ihr aus allen Po­ren. Und wieder trat etwas Eigenartiges ein. Einer der Män­ner klopfte seinem Kameraden auf die Schulter und sagte: „Lass sie laufen! Das ist sie nicht.“ Ohne weitere Kontrollen kam Antonie durch den Sperrgürtel. So viel Aufwand um ei­ne Frau, die nichts anderes im Sinne hatte, als die Verehrung der Gottesmutter zu verkünden und zu beten.

Am frühen Morgen traf sie dann wie verabredet den Mann und folgte ihm in die entlegene Hütte in den Bregenzerwald. Trotz der Abgeschiedenheit kamen ab und zu doch befreun­dete Jäger ins Haus. Und sie tauchten plötzlich auf. Aus die­sem Grunde blieb sie ständig eingeschlossen und durfte kein Licht anzünden. Sie nutzte die Zeit, um die junge Geschichte der Gebetsstätte niederzuschreiben.

Ende Oktober wurde Antonie plötzlich von einer inneren Unruhe erfasst. Sie spürte, dass Gefahr im Verzuge war und dass sie das Haus sofort verlassen musste. Mitten in der Nacht brach sie auf, die Hausfrau konnte ihr nur noch den Weg zur Landstraße zeigen. Dann musste sie die einsame Beterin ih­rem Schicksal überlassen.

Antonie fand Zuflucht bei treuen Bekannten, aber immer nur für ein paar Tage. Die Gefahr, entdeckt zu werden, war zu groß. Schließlich drängte es sie innerlich mit aller Gewalt nach Hause. Aber was für ein Zuhause war es jetzt geworden! Sie versteckte sich zunächst im Holzstadel und wurde dort von ihrer Schwägerin entdeckt. Ohne lange zu zögern, bas­telte man an einem Versteck. Man verbarg sie in früheren Taubenschlägen unmittelbar unter dem Dach. Dann wurde die Scheidewand zwischen Haus und Heustadel durchbro­chen, die Öffnung durch Bretter so geschlossen, dass sie von innen gut verschlossen werden konnte. Das erwies sich auch als notwendig, denn schon zwei Tage später wurde das ganze Haus von der Polizei durchsucht.

Sie wurde nie von jemandem entdeckt, obwohl im Hause eine siebenköpfige Flüchtlingsfamilie untergebracht worden war. Außerdem hatte man Serben und Polen als Hilfen im Haus und in der Landwirtschaft eingewiesen. Für Antonie war der enge, dunkle Unterschlupf ein Martyrium. Sie konnte nie aufrecht sitzen. Im Winter war es unmittelbar unter den Dachziegeln unerträglich kalt und im Sommer unerträglich heiß. Ab und zu konnte sie in die Küche im obersten Stock­werk ausweichen.

Von Ende 1943 bis April 1945 lebte sie und die ganze Fa­milie in Todesangst. Alle wussten, was sie erwartete, für den Fall, dass man sie entdecken würde. An dieser Gefahr kam sie zweimal haarscharf vorbei. Einmal stürmte die Geheime Staatspolizei unerwartet das Haus. Antonie schaffte es nicht, ihr Versteck aufzusuchen. Sie war bei den kranken Kindern ihres Bruders, konnte nur noch unter die Bettdecke der Kin­der kriechen und diese schreien lassen, als ein Beamter das Zimmer betreten wollte. Er zog sich zurück, ohne Antonie entdeckt zu haben. Er muss mit Blindheit geschlagen gewesen sein. Erstaunlich in dieser Situation, dass die beiden Kinder, ein achtjähriges Mädchen und ein vierjähriger Junge, die täg­lich mit der Tante zusammen waren, sich auch sonst gegen­über anderen Kindern nie verraten haben und das Geheim­nis zu hüten wussten.

Ein zweites Mal, es war schon gegen Kriegsende, im März/ April 1945, betrat überraschend ein Polizeibeamter aus Op­fenbach das Haus und stürmte die Treppe hinauf. Er gab vor, einen gefangenen Polen zu suchen. Schon hatte er die Klinke in der Hand, da rief die Mutter von unten, er sei an der fal­schen Tür, er müsste die nächste hinein.

Langsam und qualvoll neigte sich das „tausendjährige Reich“ seinem Ende zu. Blinder Fanatismus hatte sich sein eigenes Grab gegraben. Aber ein wildes Tier ist noch im Todeskampf gefährlich. Das bekam Martin, Antonies Bruder, zu spüren. Obwohl klar war, dass das Ende nicht mehr aufzuhalten war, wurde er noch in den letzten Tagen bei der Partei verleumdet. Das zeigt den erschreckenden Verlust des Gewissens bei den verführten Menschen. Er trachte angeblich einem Feldwe­bel, dem die Überwachung der Brücke über die Laiblach ob­lag, nach dem Leben. Eine absurde Behauptung. Sie hatte je­doch zur Folge, dass 200 Soldaten aus Konstanz nach Wigratz­bad abkommandiert wurden. 80 SS-Männer und 45 Gestapobeamte wurden im Hause der Familie Rädler einquartiert. Die Besatzung blieb vier Wochen und demolierte, was zu de­molieren war.

Dass bei dieser Menschenmenge im Hause Antonie nie ent­deckt wurde, kann als Wunder besonderer Art bezeichnet werden. Der Schutz des Himmels war offensichtlich. Zwei Geistliche, die aus dem KZ befreit zurückkehrten, feierten das hl. Messopfer in der Kapelle und brachten Antonie heimlich in einer Kapsel das Allerheiligste für den Fall, dass man sie doch noch ergreifen und zum Tode führen würde. Damit war man in den letzten Tagen besonders schnell bei der Hand.

Unterhalb des Hauses, der Kapelle und in der Umgebung wurden Schützengräben ausgehoben und auf die anrücken­den Franzosen geschossen. Das machte die Gebäude zur be­sonderen Zielscheibe für die andere Seite, die nicht mehr aufzuhalten war.

„Um dieser hohen Frau willen“

Immer mehr flüchtende deutsche Soldaten durchzogen Wigratzbad und die umliegenden Gemeinden. Sie hatten die Sinnlosigkeit des Kampfes vor Augen. Da ließ der Bürger­meister von Hergatz ein Gemeindeblatt mit der Aufforderung verteilen, man solle keinen deutschen Soldaten in den Häu­sern aufnehmen, sie seien dessen nicht würdig: „Schickt sie in die Wälder.“ Das war jener Mann, der an der Sitzung teil­genommen hatte, auf der beschlossen worden war, Antonie der Schwarzschlachtung zu bezichtigen und damit dem siche­ren Tode auszuliefern. Jetzt ereilte ihn genau dieses Schick­sal. Die Blätter kamen in die Hände des SS-Kommandanten. Der geriet in Wut, ließ den Bürgermeister ergreifen, verhör­te ihn drei Stunden im Hause der Familie Rädler und verur­teilte ihn schließlich zum Tode durch Erhängen.

Von einem Nebenzimmer aus konnte die Familie alles mit­hören. Sie hatten ihrem Todfeind verziehen und beteten jetzt für ihn, dass doch seine Seele gerettet werde. Vor dem Hause des Bürgermeisters stand einmal ein Kreuz, es wurde als an­gebliches Verkehrshindernis entfernt, auf seine Anweisung hin. Jetzt wurde an dieser Stelle ein Galgen errichtet. Der erste Versuch einer Hinrichtung ging daneben. Daraufhin musste er sich selbst den Strick um den Hals legen. Es waren Gesin­nungsgenossen, die ihn umbrachten.

Noch in der Nacht kam seine Frau zur Familie Rädler und bat diese inständig, sich beim SS-Kommandanten dafür zu verwenden, dass man den Toten vom Galgen nehmen dürfe, damit den eigenen Kindern der schreckliche Anblick erspart bliebe. Es war schwer, ihn umzustimmen, aber schließlich gab er nach. Der Tote wurde auf einem Schubkarren nach Wohmbrechts gefahren und verscharrt.

Übrigens haben die größten Feinde Antonies einen tragi­schen Tod gefunden. Zu ihnen gehörte auch der Kreisleiter der Partei aus Lindenberg. Er wurde von befreiten Polen aus dem Auto geholt, zu Tode getrampelt und unter die Erde ge­bracht.

Der letzte entscheidende Tag brach an. Es war der 29. April, ein Sonntag. Die SS schickte alle Bewohner in die Wälder. Die Brücke über die Laiblach wurde gesprengt, ein französischer Panzer in Brand geschossen und dessen Besatzung getötet. Bei Einbruch der Nacht verließ dann der größte Teil der Besatzung den Ort. Nur eine kleine Abteilung schoss noch nach Mitter­nacht aus den Schützengräben. Dann verschwanden auch sie.

Antonie hatte niemand von der Familie fliehen lassen. In der Dämmerung schlichen sie zur Kapelle hinauf und bete­ten in der Unterkirche die ganze Nacht hindurch. Wenn die Gottesmutter es zulasse, dass sie alle sterben, dann wollten sie ihr Leben aufopfern, damit später eine noch größere Ka­pelle entstehen möge zur Verherrlichung der Siegerin in allen Schlachten Gottes, meinte sie.

Die heranrollenden französischen Panzer eröffneten ein ohrenbetäubendes Feuer auf Wigratzbad. Martin befand sich gerade noch unten im Elternhaus, da durchschlug eine Gra­nate die Hauswand und entzündete einen Holzstoß. Mit nas­sen Tüchern konnte der Sohn das Feuer löschen. Gegen 2 Uhr suchte er das Haus noch einmal auf und traf dort zu seiner großen Überraschung auf den SS-Kommandanten, zwei Sol­daten und eine Sekretärin. Mit vorgehaltener Pistole jagte er Martin aus dem Hause, worauf dieser in die Unterkirche zu­rückkehrte. Der ganze Weg war mit Granaten übersät, die nicht krepiert waren.

Von innerer Unruhe gedrängt verließ Martin im Morgen­grauen noch einmal die Unterkirche, nahm eine Stange und ein weißes Tuch mit und stieg zur zerstörten Brücke hinun­ter, wobei er jeden Augenblick damit rechnen musste, von einer Kugel getroffen zu werden.

Unten erwartete er den ersten französischen Panzer. Ihm entstieg ein Offizier, der fließend deutsch sprach. Er staunte über den Mut des Mannes und fragte, ob noch deutsche Sol­daten im Ort seien. Martin verneinte. „Ihr habt die Brücke über die Laiblach gesprengt. Ich habe den Befehl, zur Strafe den Ort und die ganze Umgebung dem Erdboden gleich zu machen“, sagte der Offizier. Martin beteuerte, dass es die SS gewesen sei. Sie selber hätten über Jahre unter dem schreckli­chen Regime gelitten. Trotz der Auseinandersetzung mit die­sem gottlosen Reich hätten sie dort oben die Kapelle erbaut zu Ehren der Gottesmutter vom Siege, unzählige Nächte da­rin gebetet um den Sieg über ihre Feinde.

Und dann kam zwischen dem Deutschen und dem Fran­zosen ein Gedankenaustausch zustande, der nur in der Welt Gottes möglich ist. ,Verschonen Sie uns und diesen Ort, wie Sie in gleicher Lage Lourdes verschonen würden. Schauen Sie die Madonna dort oben auf dem Türmchen. Ihr zuliebe, verschonen Sie uns!“ Der Offizier blieb hart: „Aber ihr habt die Brücke zerstört!“ Martin schlug einen Ausweg vor. Er woll­te dem Offizier eine Brücke über den Fluss zeigen. Wenn man sie verstärken würde, könnten Panzer darüber rollen und der Vormarsch wäre gesichert. Der Franzose ließ sich die Brücke zeigen und ordnete dann an, sie den Erfordernissen anzu­passen. Etwa fünfzehn Minuten ging er, mit sich selbst rin­gend, auf und ab. Martin startete einen neuen Versuch: „Tun Sie es der hohen Frau zuliebe. Sie wird Sie dafür beschützen bei Tag und bei Nacht!“ Der Offizier schaute zum Türmchen: „Um dieser hohen Frau willen verschone ich diese Kapelle und diesen Ort!“ Dann gab er den Befehl zur Feuereinstellung.

Maria hatte Verständigung bewirkt zwischen einem Deut­schen und einem Franzosen und Leben gerettet. Sie war zur Brücke geworden. Ein Gegenpol zum SS-Kommandanten und dem Bürgermeister, beide auf Hitler eingeschworen. Dies wurde beiden zum Verhängnis. Am Ende zerstört das Böse sich selbst.

Wigratzbad war gerettet. Kein Schuss fiel mehr. Die einrü­ckende französische Einheit konnte es nicht fassen, dass die Geschosse nicht explodiert waren, alle Häuser standen und kein Mensch ums Leben gekommen war.

Die Bewohner kamen aus den Wäldern zurück, weinten vor Freude. Die Heimat war ihnen erhalten geblieben. Anto­nie schlug vor, neunmal neun Tage jeden Abend in der Ka­pelle einen Psalter, d.h. drei Rosenkränze zu beten.

Am darauf folgenden Sonntag hörten die Menschen in der Kirche von Opfenbach aus dem Munde ihres Pfarrers Mans­netter von der Kanzel ein klares Bekenntnis. Wenn ihnen die Heimat erhalten geblieben sei, dann verdanke man es der Unbefleckt empfangenen Mutter vom Sieg in Wigratzbad. Dort sei viele Stunden bei Tag und bei Nacht gebetet worden, „mehr gebetet als im ganzen Land“.

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Quelle: Eigener Scan aus meinem persönlichen Exemplar des im Titel genannten (neu nicht mehr erhältlichen) Buches

Siehe weiter:

Aus: Alfons Sarrach: SIEG DER SÜHNE – Wigratzbad: Marias Botschaft an den Menschen

Kapitel VI

Gefängnis und Terror

 

„Theater muss aufhören”

Zwei Tage nach dem schockierenden Gespräch mit ihrem Pfarrer hielt ein Wagen vor dem Haus der Familie Rädler. Ihm entstiegen vier Männer der berüchtigten Geheimen Staatspoli­zei und verlangten in barschem Ton, mit Antonie zu sprechen. Sie war gerade erst von einer Beerdigung zurückgekommen und hatte noch nichts gegessen. Sie durfte es auch jetzt nicht. Im Gegenteil. Man begann sofort mit einem Verhör, durch das sie erst einmal eingeschüchtert werden sollte.

Es sei eine große Anzahl von Anzeigen bei ihnen über sie eingegangen, behaupteten sie. Sie hätte für den Bau der Kapel­le ohne Genehmigung gesammelt. Antonie blieb ruhig. Sie sei­en falsch unterrichtet, antwortete sie. Das Geld für die Kapelle stamme von ihrem Vater und von ihrer Taufpatin, außerdem hätte sie ein Darlehen aufgenommen und werde es verzinst zu gegebener Zeit zurückzahlen. Für ihre Behauptungen einer unerlaubten Sammlung sollten sie Beweise erbringen.

Daraufhin wurde das Haus vom Dach bis zum Keller durch­sucht, das Büro des Vaters durchwühlt, Böden aufgerissen, Dokumente beschlagnahmt. Vergeblich. Belastendes Material fanden sie nicht. Die Kapelle wurde mit der Bemerkung ge­schlossen: „Dieses Theater muss aufhören!“ Gegen 21 Uhr be­fahlen sie Antonie, ins Auto zu steigen. Sie durfte nicht ein­mal die Kleidung wechseln. In großer Ungewissheit über ihr Schicksal blieb die Familie zurück.

Trotz der vorgerückten Stunde fuhren sie zur bereits er­wähnten Cäcilia Geyer, die einen wichtigen Anstoß für die Erweiterung der Grotte gegeben hatte und holten sie aus dem Bett. Antonie blieb unter Bewachung im Wagen zurück. Der aus dem Schlaf gerissenen Frau warfen die Beamten vor, sie hätte Antonie Rädler 10 000 Mark für den Bau der Kapelle in Wigratzbad gegeben. Aber diese sei eine Schwindlerin und sie, Frau Geyer, habe sich mitschuldig gemacht. Sie werde al­les bezahlen müssen, bettelarm werden und ins Armenhaus kommen.

Erstaunlicherweise ließ sich die einfache Bäuerin nicht ein­schüchtern. Wenn jemand als Schwindler bezeichnet werden müsste, dann seien sie es, nicht die Antonie. Diese habe gear­beitet und gebetet, sie sei eine ehrbare Frau. Zwar habe sie ihr 2000 Mark für den Bau geschenkt, aber das sei der Wunsch ihres Mannes gewesen. Und was die Erscheinung der Gottes­mutter angehe, so habe sie, Cäcilia Geyer, diese tatsächlich ge­habt. Und sie hätte ihr gesagt: „Ich werde der höllischen Schlan­ge den Kopf zertreten. Ich kann alle zerschmettern, die gegen die Sache sind.“ Ein Schwindel liege hier nicht vor. Im Übri­gen verbiete sie sich in ihrem Hause solche Bemerkungen. Und wenn Gott ein Opfer von ihr fordere, so sei sie dazu be­reit. Die Kapelle, zu Ehren der Gottesmutter erbaut, sei es wert. Drei Stunden haben die Männer die Frau in der Mangel ge­habt, verhört und bedrängt. Aber sie hat sich zur Wehr ge­setzt und ist zuweilen so laut geworden, dass man es im Auto hören konnte. Als die Beamten schließlich gingen, machten sie ihr zur Auflage, am nächsten Tag eine Bescheinigung der Bank vorzulegen, dass die Summe tatsächlich die gewesen sei, die sie, Cäcilia Geyer, angegeben hatte.

Wie bewundernswert der Mut dieser Frauen war, kann je­mand ermessen, der diese Zeit nicht nur erlebt hat, sondern mit seiner Familie selber Opfer jenes Regimes gewesen war und noch heute, in reifem Alter, unter den zugefügten seeli­schen Wunden leidet.

Nach dem unerfreulichen Abstecher ins Haus Geyer brach­ten die Männer der Geheimen Staatspolizei Antonie in das Rathaus von Wangen und steckten sie in eine der Gefängniszellen, die es dort gab. Zu essen erhielt sie nichts. Sie war be­reits den ganzen Tag ohne Nahrung geblieben. Hinzu kam, dass sie die vorausgegangenen Tage schwer gearbeitet hatte, um die Einweihung der Kapelle am 8. Dezember, wie sie ge­hofft hatte, vorzubereiten. Eines konnte sie noch, schlafen.

Zwei Tage vergingen. Danach brachten dieselben Männer sie ins Polizeipräsidium nach Augsburg. Die Zelle, in die man sie sperrte, war ohne Tageslicht. Auf einem dürftigen Bretter­gestell konnte sie sich etwas niederlegen. In dieser Dunkel­heit, von aller Welt isoliert und verlassen, dankte sie der Got­tesmutter, dass sie nun tatsächlich teilhaben durfte am Leiden Christi. Sie war ungebrochen und legte ihr Schicksal in die Hände der „Jungfrau, mächtig bei Gott“.

Hier ist ein kleines Detail bemerkenswert. Da man ihr auch die Handtasche abgenommen hatte, bat sie zwischendurch einen der Beamten, ihr aus der Tasche den Rosenkranz zu bringen. Und wider Erwarten erfüllte der ihr diesen beschei­denen Wunsch, nicht ahnend, welche „Waffe“ er ihr damit in die Hand gab. Für einen kurzen Augenblick zeigte einer der Männer ein menschliches Gesicht.

Im „Katzenstadel“

Am nächsten Tag, es war ein Samstag, wurde Antonie in das gefürchtete Gefängnis „Katzenstadel“ gebracht. Dort kam sie zunächst in eine Zelle mit zwei Frauen, die den letzten Rest an Würde verloren hatten. Es war sehr kalt und Antonie fror bis auf die Knochen. Am Montag wurde sie dann einer Grup­pe von 16 Frauen zugeteilt, die Weihnachtstüten klebten. Die meisten von ihnen waren Prostituierte. Antonie wurde mit Spott empfangen. Nun bekam sie zu Gesicht, wie tief Men­schen fallen können. Es wurde geflucht, gestritten, sich ge­prügelt. Antonie blieb schweigsam, auf Fragen antwortete sie nicht. Im Raum herrschte ein fürchterlicher Gestank, denn alle mussten ihre Notdurft in einen offenen Kübel verrichten. Gelüftet wurde nicht.

Zur Mittagszeit wurde unter einer Türklappe das Essen hi­neingeschoben. Alle füllten ihre Blechschüsseln. Da ging An­tonie zur Initiative über. Sie betete laut das Tischgebet. Ge­lächter war die Antwort. Sie blieb jedoch ruhig und sagte: „Wir sind doch Menschen, wir sind keine Tiere, die ihren Schöp­fer nicht kennen. Betet mit oder schweigt wenigstens!“ Einige schwiegen, andere wurden noch ausfälliger. Antonie zeigte Würde auch unter diesen unmenschlichen Bedingungen. Das musste Wirkung zeigen bei Menschen, denen man jede Würde absprechen wollte.

In der Freizeit forderte sie die Mitgefangenen auf, mit ihr den Rosenkranz zu beten. Wer mitmachen wollte, dem ver­sprach sie ein Stück von ihrer Brotration. Zwei bis drei erklär­ten sich bereit, aber sie kannten weder das Vaterunser noch das Ave Maria. Antonie schrieb sie ihnen auf einem Stück Papier auf. Dann sprach sie ihnen Mut zu und versicherte ihnen, sie würden bald die Auswirkungen des Betens spüren, sie würden andere Menschen werden, aus ihrer Not herauskommen.

Antonies Haltung flößte den Gefangenen Vertrauen ein. Eine nach der anderen kam auf sie zu, offenbarten ihr ihre in­nere Not, baten um einen Rat. Streitigkeiten wurden geschlich­tet. Eine ganz andere Atmosphäre machte sich unter den Häft­lingen breit. Es vergingen keine zwei Wochen, da äußerten alle, bis auf eine Protestantin, den Wunsch, zu beichten. Im Hause gab es eine Kapelle, in der alle zwei Wochen eine hl. Messe ge­feiert wurde. Daher erbat Antonie bei der Gefängniswärterin einen Priester. Es kam ein sehr gütiger und einfühlsamer Pater.

Antonie selbst bereitete alle auf das Sakrament der Buße vor. Sie stand als Letzte in der Reihe. Als sie dran kam, verriet ihr der Geistliche, wie beeindruckt er sei. „Sie mussten in dieses Gefängnis kommen“, bekannte er, „Sie haben große Bekeh­rungen erreicht.“ Kurze Zeit darauf wurde der Geistliche ver­setzt und die Gefängnisseelsorge abgeschafft.

Als auch Antonie von ihnen Abschied nehmen musste, weinten alle. Sie versprachen, jeden Tag den Rosenkranz zu be­ten, sie seien ganz andere Menschen geworden, eine große in­nere Ruhe sei in ihnen eingekehrt. Sie wäre für sie zum Schutz­engel geworden.

Danach wurde sie wieder ins Polizeipräsidium gebracht, von morgens bis abends verhört. Während dieser Verhöre ließ man sie bis zu zehn Stunden ohne Unterbrechung stehen, sie bekam weder zu essen noch zu trinken. Vorher hatte man ihr einige Kartoffeln in der Schale und etwas Kraut gegeben. Jetzt nahmen die Beamten vor ihren Augen Wurst- und Schinken­brötchen zu sich. Man wollte sie zermürben und eine Aussage erpressen, die eine Verurteilung erleichtert hätte. Es ging ih­nen vor allem um eine Liste der Wohltäter. Antonie blieb im Vertrauen auf den Beistand des Heiligen Geistes ruhig, zeigte sogar einen Hauch von Humor. Die Wohltäter seien im Her­zen Jesu und Mariens eingetragen. Dort sollten sie nachfor­schen. Sie zeigte Stehvermögen, hörte auf eine innere Stimme, die ihr sagte: Ich werde an deiner Seite bleiben. Alle Fragen wirst du ohne nachzudenken richtig beantworten.

Aber eine schwere Krise blieb ihr dennoch nicht erspart. Es war am 7. Dezember, am Vorabend des Festes der Unbe­fleckten Empfängnis. Der Psychoterror, die physischen Be­lastungen hatten an ihrer Substanz gezehrt. Die Nerven ver­sagten. Den ganzen Tag über musste sie weinen. Eine innere Nacht brach über sie herein, eine tiefe Gottverlassenheit, sie hatte den Eindruck, der Himmel habe sie vergessen. Sie sah keine Zukunft mehr, die erschien ihr schwarz und ohne Hoff­nung. Man hatte ihr mit dem Konzentrationslager gedroht, die Eltern glaubte sie in höchster Gefahr. Je tiefer die Nacht, umso tiefer ihre innere Not.

Da schlug um Mitternacht vom Kirchturm die Glocke. Beim zwölften Schlag wurde es hell in der Zelle. Aus einer Wolke trat die Unbefleckte Empfängnis heraus und sagte: „Fürchte dich nicht! Ich habe alles in den Händen. Du wirst bald aus dem Gefängnis entlassen werden.

Bete täglich zum Jesuskind:

gnadenreiches Jesuskind, sei hochgepriesen und segne uns! Durch deine heilige Mutter bitten wir dich: Aus aller Not und Bedrängnis errette uns! Zum vollkommenen Sieg und wahren Glück und Frieden führe uns mit deiner Allmacht, Weisheit und Güte. Um die Verdienste deines ersten (zweiten, dritten … zwölften) Lebensjahres willen bitten wir dich: Eile uns zu Hilfe auch durch die Schar all deiner Engel und Heiligen!“

Was wollte Maria, die Mutter Jesu, mit diesem Gebet er­reichen? Bei ihr hat jede Geste, jede Aussage eine tiefe Dimen­sion. Das Leiden Jesu ist für jeden Christen ein Begriff. Da­runter verstehen wir, was Menschen ihm am letzten Tag sei­nes irdischen Lebens angetan haben, den grauenvollen Tod am Kreuze, und was diesem vorausgegangen war an seelischer und körperlicher Folter. Weniger gegenwärtig sind den gläu­bigen Menschen, was er bereits während der Jahre der Ver­kündigung auf sich genommen hatte, den Hass der Mächtigen, der Theologen und der Priesterkaste im Tempel zu Jerusalem. Wenig, ja fast kaum wird bedacht, welche Leiden bereits die Jahre seiner Kindheit durchzogen haben. Die Mordabsicht des Königs Herodes, die mühsame Flucht nach Ägypten, Jahre der Heimatlosigkeit als Flüchtlingskind in Ägypten. Später die Jahre in Nazareth, das Zusammenleben mit Menschen, die keine Engel waren, sondern voller Fehler, Laster und Neid, die ihm, dem Sündenlosen, oft ein Gräuel gewesen sein müssen.

Es ist eine Gefangene, die gerade die Niederungen des Menschlichen ausleben musste, der Maria dieses Gebet, das heißt diese Betrachtung anempfiehlt.

Antonie begann damit sofort. Sie betete zwölf Vaterunser und zwölf Ave Maria. Nach dem Namen Jesu fügte sie jeweils das empfohlene Gebet hinzu. Dann machte sie drei Kniebeu­gen mit den Worten „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“. Die Kniebeugen sollten eine Sühne sein für jene, die nicht mehr bereit sind, vor dem sich demü­tigenden Gott im Stall das Knie zu beugen. Es ist kein niedli­ches Kindlein-Jesu-Gebet. Dahinter steckt die Offenbarung, was es für den ewigen, unendlich seligen Gott bedeuten muss­te, in Raum und Zeit einzutauchen und als Mensch alles auf sich zu nehmen, was Menschen auf dieser Erde an Qualen und Leiden zugemutet wird, oft schon als Kind.

Neue Register

Den ganzen 8. Dezember hindurch weinte Antonie, dies­mal erfüllt von innerem Glück. Auf diese Weise gestärkt, stell­te sie sich mit erhobenem Haupt wieder ihren Folterknech­ten. Nun zogen sie neue Register. Der Bischof sei über sie in­formiert. Auch er habe zugegeben, dass es auf der ganzen Welt nicht üblich sei, so lange und so viel zu beten. Er billige es nicht. Aber die Frau aus Wigratzbad blieb unbeeindruckt. Sie machte zunächst ein Fragezeichen hinter diese Behauptung des Oberhirten. Dann erläuterte sie ihre eigene Überzeugung. Jedes Gebet, jedes Ave Maria habe einen großen zeitlichen und ewigen Wert, mit jedem Ave komme Gnade und Segen auf die Erde. Deshalb bete sie länger und ausdauernder als viele andere und werde es auch weiterhin tun.

Es war der 9. Dezember. Da erinnerten die Beamten An­tonie daran, dass sie doch am 8. Dezember die Kapelle habe weihen lassen wollen. Daraus sei ja nun nichts geworden. Wo bleibe da der Sieg der Maria vom Sieg? Aber es konnte sie nicht aus der Ruhe bringen. Die Antwort musste selbst ihre zynischen Gegner verblüffen. „Und sie wird doch siegen. Sie siegt immer! Aber sie hat Zeit. Die Kapelle wird eingeweiht werden, wenn sie es bestimmt. Niemand vermag sich ihr zu widersetzen. Sie ist Herrin über Himmel, Erde und Hölle. Sie kann alle zerschmettern, die ihr widerstehen.“

Die Beamten wussten nicht mehr weiter. Sie zeigte eine Intel­ligenz, eine Schlagfertigkeit, die schon die Gegner von Lour­des im 19. Jahrhundert bei der Seherin Bernadette, einem ganz einfachen Mädchen, beobachten konnten. Dahinter steht ei­ne Intelligenz nicht von dieser Welt. Sie machte die Beamten auf Widersprüche aufmerksam, zog ihre Behauptungen ins Lächerliche. Am Ende gingen die Männer wieder zu Beschimp­fungen über. Predigen könne sie besser als ein Pfarrer. Sie sei eine Hexe, sie gehöre auf den Scheiterhaufen. Ein Pfarrer solle sie einsegnen und dann herunterbrennen.

Antonie tat erstaunt. Im 20. Jahrhundert glaubten die Her­ren noch an Hexen! Sie sollten Acht geben, nicht selber auf einem Scheiterhaufen zu landen. Denkt man an das Feuer, das ein paar Jahre später als Bombenhagel viele Städte Deutsch­lands in Wüsten verwandelte, so könnte die Anspielung An­tonies gegenüber dem einen oder anderen Gegner sogar ei­ne Prophezeiung gewesen sein. Wohl noch am selben Abend erschien ihr der „Herr im Elend“ und sagte: „Ich erlöse dich bald!“

Beim letzten Verhör forderte man von ihr das Versprechen, nie mehr zur Grotte zu gehen und dort zu beten. Dann würde man sie sofort entlassen. Antonie wies das Ansinnen zurück. Sie bete nicht um irgendwelcher Sensationen willen, sondern sei felsenfest überzeugt, dass gerade das gemeinsame Gebet zur Gottesmutter ihr und allen nütze, für die sie bete, übrigens auch dem deutschen Volk. Sollte sie heimkommen, würde ihr erster Gang zur Grotte sein. Eine Welle von Wut war die Reak­tion. Man werde sie dorthin bringen, wo ihr Hören und Sehen vergehen könnte. ‚Wir werden sehen, ob Maria siegt oder wir.“ Sie sei bereit, eher den Tod zu wählen, als nicht mehr zur himmlischen Mutter zu gehen, versicherte sie ihren Peinigern.

Dann kam ein letzter Versuch. Ihr Bruder sei bei ihnen ge­wesen und hätte schriftlich versprochen, er werde dafür sor­gen, dass sie nicht mehr vor der Grotte beten werde. Auch diese Behauptung stellte Antonie in Frage. Sie sei volljährig und lasse sich von ihm nichts befehlen. Sie werde wieder be­ten und vorbeten. Ihre Gegner waren vorerst am Ende ihres Lateins. Man brachte sie ins Gefängnis zurück. Diesmal nur für einige Stunden. Dann öffneten sich die Tore. Sie hörte das befreiende „Sie sind entlassen!“

Es war der 18. Dezember 1938, das Fest Mariä Erwartung. Es waren 27 Tage, die sie als Gefangene erlebt hatte, um der Madonna willen, aber, was sie nicht wissen konnte, es sollte noch lange nicht das Ende sein. Ihr erster Gang war, wie hätte es anders sein können, in eine Kirche. Dann suchte sie eine Verwandte auf, bei der sie nach vier Wochen erstmals wieder eine normale Mahlzeit einnehmen konnte. Die Familie wurde benachrichtigt. Um 16 Uhr wollte sie mit dem Schnell­zug kommen, jedoch nicht im nahen Hergatz aussteigen, um nicht auf sich aufmerksam zu machen. Man holte sie in Rö­thenbach ab. Daheim weinten alle vor Freude.

Für Cäcilia Geyer, die bei der Verhaftung Antonies knapp einem solchen Schicksal entgangen war, sollte sich bald der Himmel öffnen. Ein paar Wochen später, es war im Februar 1939, beaufsichtigte sie die Kinder einer Nachbarsfamilie. Plötzlich wurde ihr unwohl, sie stand auf und ging heim, traf dort eine Krankenschwester an und bat diese, den Pfarrer zu holen. Nach dem Empfang der Sterbesakramente rief sie aus: „Dass doch alle Menschen einen so schönen Tod sterben könn­ten!“ Dann schlief sie ein. Am darauf folgenden Morgen klopf­ten vier Beamte der Geheimen Staatspolizei an ihre Türe. Sie wollten sie ins „Irrenhaus“ (wie man es damals nannte) brin­gen. Zu Gesicht bekamen sie eine Tote. Gott hatte ihr vieles erspart. Für das zukünftige erhabene Bild von Wigratzbad stand ein weiteres Mosaiksteinchen zur Verfügung.

Über Verhöre, Isolation, physische Belastungen wie Hun­ger und Kälte versuchte man in Augsburg Antonie zu zermür­ben. Gleichzeitig wurde über die Presse eine Kampagne ge­startet, die ihr Ansehen in der Öffentlichkeit ruinieren soll­te. Die Presse befand sich in jenen Jahren vollständig in der Hand der Partei, sie hatte nicht unparteiisch zu informieren, sondern parteiisch zu propagieren. Wer in ihre Mühlen ge­riet, dem konnte kaum mehr jemand helfen.

Reliquien beschlagnahmt

In der Öffentlichkeit wagte man noch nicht, die Gottes­mutter zu verunglimpfen, also versuchte man es auf Umwe­gen. Antonie wurde Reliquienschwindel vorgeworfen, in Ver­bindung mit einer vorgetäuschten Marienerscheinung. So et­was kommt immer an. Was aber war wirklich geschehen? Der Benediktinerpater Athanasius Miller OSB, ansässig in Rom, bekannt durch eine Psalmenübersetzung, erholte sich in je­dem Jahr einige Zeit in Wangen. Regelmäßig besuchte er auch die Familie Rädler. Bei einem dieser Aufenthalte schenkte er Antonie zwei große versiegelte Kapseln mit kleinen Reliquien von Märtyrern und Heiligen. Die entsprechenden kirchlichen Echtheitserklärungen waren dabei.

Glücklich über so ein Geschenk zeigte sie es einfältig aus­gerechnet dem Ortspfarrer Rädler, von dessen tragischer theo­logischer und politischer Verirrung sie noch nichts ahnte. Er verriet bei dieser Gelegenheit eine große Verachtung der Hei­ligenverehrung: „Ich gehe gleich zu Gott Vater. Ich brauche keine Vermittlung.“

Kurz darauf erschien im „Völkischen Beobachter“, der füh­renden Zeitung des Regimes, ein Artikel über Antonie, Wi­gratzbad und die Reliquien, wie er ordinärer und zynischer nicht hätte ausfallen können. Es entsprach dem Stil der Heraus­geber und des Propagandaministeriums. Die Zeitung schrieb, Antonie hätte behauptet, in den Kapseln befinde sich das Herz eines Heiligen, in Wirklichkeit hätte die Polizei dort nur einen Lumpen gefunden. Der Schwindel hätte ihr 40 000 Mark ein­gebracht. In einer großen Versammlung wurde die Bevölke­rung von Wangen „aufgeklärt“ — so jedenfalls nannte man es.

Die Geheime Staatspolizei beschlagnahmte die Reliquien und ließ sie im Ordinariat von Augsburg überprüfen. Dort wurde die Echtheit festgestellt. Die kirchlichen Siegel waren nicht aufgebrochen. Auf eine Korrektur in der „Westallgäuer Nationalsozialistischen Zeitung“ in Lindau, die den irrefüh­renden Bericht gebracht hatte, wartete man vergebens. Im Ge­genteil. Im Februar 1939 setzte die Presse noch nach. Der „Stuttgarter Kurier“ und das „Münchener Tagblatt“ berichte­ten, Antonie hätte ihre betagte Mutter durch Öffnen des Gas­hahnes getötet und dann sich selbst. Unverständlicherweise haben damals sogar Kirchenblätter diese Horrorgeschichten übernommen. Auch Zeitungen im Ausland wie in der Schweiz, in Frankreich, Italien und Amerika ließen sich in diese Kam­pagne hineinziehen und wiederholten die Berichte.

Die Verleumdete blieb unbeirrt. Kaum daheim, drängte es sie am Nachmittag zur Kapelle, trotz beschwörender Bitten der Familie, die neue Schikanen befürchtete. Aber sie stand vor einem verschlossenen Tor. Bei ihrer Verhaftung waren die Schlüssel mitgenommen worden. Da rief sie durch ein an­gelehntes Fenster in den Raum: „Herr im Elend! Lass doch als allmächtiger Gott die Kapelle öffnen, damit ich zu euch hinein kann.“ Am anderen Tag wurde Antonie zur Polizei­station nach Opfenbach gerufen. Man habe per Express ein Päckchen mit dem Vermerk erhalten: Sofort auszuhändigen! Es waren die Schlüssel zur Kapelle.

Diffamierungen, Beschuldigungen, öffentlicher und indi­vidueller Psychoterror hatten zur Folge, dass jetzt noch mehr Beter bei Tage und in der Nacht zur Kapelle strömten. Man steht heute, nach weit über einem halben Jahrhundert, fas­sungslos vor dem ungleichen Kampf einer schwachen Frau mit einer der brutalsten Staatsmaschinerien des 20. Jahrhun­derts, die sich außerdem noch in einem Siegesrausch befand. Einer solchen Auseinandersetzung ist nur jemand gewachsen, hinter dem eine Macht nicht von dieser Welt steht. Und bei Antonie war es eine Frau, die Frau nach den Träumen Gottes, die in Wigratzbad als „Unbefleckt empfangene Mutter vom Sieg“ angerufen werden möchte, nicht ihretwillen, sondern um des Menschen willen, die uns dazu auffordert, über die Sprache Gottes nachzudenken, die nicht die unsere ist, in die wir aber mit seiner Hilfe hineinwachsen sollen.

Der abermalige Ansturm der Beter stachelte die Gegner erneut an. Sie wollten eine Gerichtsverhandlung, und die wurde dann endlich auf den 27. Juni 1939 festgesetzt. Sie fand in Weiler statt. Die Anklage lautete: Verstoß gegen das Sammel­verbot, illegaler Opferstock in der Kapelle. Was heute noch überrascht: Der Oberstaatsanwalt Dr. Helmer war ihr wohl­gesonnen. Er kam zu einem Verhör selbst nach Wigratzbad, um der Familie die Angst vor einer neuen Untersuchungs­haft zu nehmen.

In seiner Schlussrede stellte er ihr ein gutes Zeugnis aus. „Sie steht vor uns als ein absolut ehrbares, tadelloses und durchaus zuverlässiges Mädchen.“ Dann warf er ihr allerdings vor – sicherlich ein Zugeständnis an das Regime, in dessen Diensten er stand –, „in ihrer übertriebenen Religiosität im Zeitalter der Aufklärung eine Stätte der Volksverdummung errichtet zu haben. Sie selbst gibt zu gesagt zu haben, Wer immer zur Verherrlichung Mariens beiträgt, wird den Segen und den Lohn des Himmels erlangen. Aus diesem Grunde muss die Beschuldigte bestraft werden. Sie hat diese Strafe bereits in einer zu Unrecht auferlegten Haft in den Monaten November/Dezember im Jahre 1938 abgebüßt. Es sind von ihr 31 Mark für die Kosten der Verhandlung zu entrichten.“

Ungeachtet dieses glücklichen Ausgangs gingen die An­griffe auf Antonie und die Gebetsstätte weiter. Der Weg der Sühne, den sie eingeschlagen hatte, war für sie noch lange nicht zu Ende. Welt- und Kirchenpresse wetteiferten miteinander, die Menschen durch Falschberichte von Wigratzbad fernzu­halten. Von den Kanzeln wurde sie verdächtigt, die Wallfahrt zur Grotte verboten. Erst die Einweihung der Sühnekirche im Jahre 1976 durch Bischof Josef Stimpfle setzte diesen Kam­pagnen ein Ende. Aber bis dahin waren es noch 37 lange Jahre. Für das kurze menschliche Leben fast eine Ewigkeit.

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Quelle: Eigener Scan aus meinem persönlichen Exemplar des im Titel genannten (neu nicht mehr erhältlichen) Buches

Siehe weiter:

Aus: Alfons Sarrach: SIEG DER SÜHNE – Wigratzbad: Marias Botschaft an den Menschen

Kapitel V

Die Kapelle

 

Werden in Massen kommen

Nicht zum ersten Mal sollte von außen eine Anregung an Antonie herangetragen werden. In diesem Fall war es eine verwitwete Bäuerin aus Wangen, Cäcilia Geyer. Sie genoss in ihrem Umfeld den Ruf einer nüchternen und doch sehr frommen Frau. Auch sie gehörte zu den Betern vor der Lourdesgrotte in Wigratzbad. Am Allerseelentag 1937 kam sie auf Antonie zu und meinte, man müsste vor der Grotte eine gedeckte Halle errichten, um die Beter vor den Launen der Witterung zu schützen. Sie selber wolle einen ansehnlichen Beitrag dazu leisten. Weder sie noch Antonie ahnten, dass es ein bitterer Weg werden und dass am Ende sogar eine Kapelle das Ergebnis sein würde.

Antonie reagierte zunächst zögernd. Aber die Frau ließ nicht locker und sprach noch zweimal bei ihr vor. Daraufhin rang sich Antonie dazu durch, beim Bauamt in Lindau um eine Genehmigung vorzusprechen. Es wurde ein hartes Ringen. Erst beim zweiten Mal zeigten sich die Beamten ein wenig aufgeschlossen, nicht ohne sie mit herben Vorwürfen zu überschütten. Die Grotte sei ohne behördliche Genehmigung erbaut worden. In der Gegend existierten genug Kapellen. Das Dritte Reich habe für solche Vorhaben kein Verständnis.

„Aber wenn Sie wollen“, meinte der Beamte, „erstellen Sie einen Plan.“ Das ließ sich Antonie nicht zweimal sagen. Sie besorgte einen entsprechenden Entwurf mit dem Ergebnis, dass er abgewiesen wurde. Das sei bereits ein kultureller Bau, für den das Landesbauamt in Kempten zuständig sei. Man wollte sie offensichtlich abwimmeln. Für Antonie war es jedoch eine neue Herausforderung.

An dieser Stelle muss noch einmal auf die einfache Bäuerin Cäcilia Geyer zurückgegriffen werden. In einem Brief, den sie an die Familie Rädler in schlichten, zum Teil unbeholfenen Worten geschrieben hat, berichtet sie dieser von einem Erlebnis, das Licht auf die Entstehung des späteren Kapellenbaus wirft.

Es war am 22. Februar 1938. Sie stand früh auf, um in der Stadtpfarrkirche an der hl. Messe teilzunehmen. Nach einem kurzen Gebet zur Gottesmutter glaubte sie ein leises Rauschen zu hören. Vor ihren Augen bildete sich eine Lichtwolke. Aus dieser trat die Unbefleckte Empfängnis heraus, wie sie in Wigratzbad verehrt wurde. Die Frau sah sich plötzlich in die Grotte versetzt. Die „Erscheinung“ trat bis an den Betschemel Antonies heraus. Da fragte die ungebildete Bäuerin mehrmals, ob die Gottesmutter wolle, dass man hier baue. Die Antwort war jedes Mal „Ja“. Die schlichte Frau fasste nach. Ob sie in Wigratzbad bleiben wolle. Daraufhin zeigte Maria auf einen Platz, auf dem später die Gnadenkapelle stehen sollte und sagte: „Baut mir hier eine Kapelle! Sage es den Leuten!“ Frau Geyer äußerte Bedenken. Antonie dürfe ja nicht einmal einen Vorbau vor der Grotte errichten. Die Antwort war: „Die Kapelle kommt zustande. Ich führe dem, der die Erlaubnis zu geben hat, selbst die Hand und schreibe das ‚Ja‘ selbst hin. Lass alles seinen Weg gehen! Ich werde der höllischen Schlange den Kopf zertreten. Ich kann die zerschmettern, die gegen diese Sache sind. Die Menschen werden in Massen kommen und ich werde die Gnaden in Strömen über sie ausgießen. Betet viel, betet noch viel mehr! Der hl. Josef der hl. Antonius und die Armen Seelen werden helfen!“

Bei diesen Worten hätten sich die Statuen der beiden Heiligen zustimmend durch eine Drehung der Madonna zugewandt. Diese befahl nun der Frau: „Gehe jetzt hin und bete meinen göttlichen Sohn an im heiligen Sakrament! Bete ihn fromm und gläubig an!“ Verstört meinte die Bäuerin, wo sie denn hingehen solle. Zu dieser Zeit sei nirgendwo das Allerheiligste zur Anbetung ausgesetzt. Da habe die „Erscheinung“ auf jene Stelle verwiesen, die sie vorher für den Bau auserwählt hatte. Nun stand dort eine Kapelle so groß wie eine Kirche. Sie sei eingetreten und habe auf dem Hochaltar eine Monstranz gesehen, heller leuchtend als die Sonne. Die Strahlen hätten das ganze Land überflutet, so weit das Auge reichte, über ein Meer von weißen, roten und gelben Rosen.

Die Frau kniete nieder, betete ein Vaterunser und kehrte in die Grotte zurück. Aber die „Erscheinung“ habe ihr ein zweites und ein drittes Mal befohlen, ihren göttlichen Sohn auf dem Altar anzubeten. Dann die abschließenden Worte: „Danke für die besondere Gnade, die du heute empfangen hast. Du musst besonders viel beten. Bete viel, bete gut! Bete besonders viel für die Armen Seelen. Sie haben eine große Macht.“

Daraufhin sei sie verschwunden, die Wolke habe sich aufgelöst, nur die Grotte hätte sie noch gesehen, ganz mit Schmutz beworfen. Dann sei alles vorbei gewesen.

Von welcher Qualität dieses Erlebnis war, soll hier nicht beurteilt werden. Erstaunlich ist nur, dass sich die ,Yision“ voll erfüllt hat. Vier Tage nach dem Erlebnis der Cäcilia Geyer tauchte plötzlich in Wigratzbad ein Beamter vom Landesbauamt in Kempten auf, Regierungsassessor Wölfl, ein Protestant. Er sollte alles überprüfen und lehnte das Gesuch ab. Aber zu Antonies großem Erstaunen meinte er, sie solle doch eine schöne Kapelle bauen und zeigte auf den Platz, den vier Tage vorher die „Erscheinung“ gegenüber der einfachen Bäuerin für den Bau bestimmt hatte. Auf die geäußerten Zweifel, ob das von der Behörde genehmigt werde, antwortete er: „Die Behörde, die zu bestimmen hat, sind wir.“ Und ging auf den spontanen Vorschlag Antonies ein, selber den Plan zu entwerfen. Der Weg aber, der noch zu gehen war, blieb dornenreich.

Herr im Elend

Zwei Wochen nach dem Besuch des Beamten aus Kempten betete Antonie mit vielen Menschen vor der Grotte. Da erlebte sie in ihrem Inneren die Gegenwart Mariens und hörte klar die Worte: „Hole den Herrn im Elend in Matrei. Ich will, dass Jesus in seinem Leiden auch hier geliebt und verherrlicht wird. Jesus im Elend wird aus dem Elend retten.“ Antonie blieb keine Zeit, Fragen zu stellen. Die Gottesmutter hatte sich zurückgezogen.

Mit dem Wort Matrei konnte sie nichts anfangen, so sehr sie auch darüber nachdachte. Sie betete bis zum Abend weiter. Als danach alle Beter den Heimweg angetreten hatten, kam ein Mädchen aus Opfenbach auf sie zu. Wie zufällig zeigte sie ihr ein Pilgerbüchlein vom Gnadenort Matrei am Brenner, wo seit Jahrhunderten ein Gnadenbild des „Herrn im Elend“ verehrt wird. Man staunt über das feine und zielstrebige Wirken Mariens. Es scheint, als ob sie möglichst viele Menschen einbezogen haben wollte für das, was sie vorhatte. Antonie strahlte. Sie schlug dem Mädchen vor, sofort eine Wallfahrt zum angegebenen Ort zu machen. Es war der Botin jedoch nicht möglich, mitzufahren.

In diesem Augenblick hörten sie vor der Grotte einen gewaltigen Lärm, als würde dort ein schwerer Lastwagen vor-beirollen, aber nichts war zu sehen. Nur das Mädchen entdeckte mit Entsetzen, dass ihr Fahrrad völlig zertrümmert und nicht mehr zu gebrauchen war. Weit und breit war kein Mensch zu sehen. Antonie ahnte den Urheber: „Es war die Hölle!“ sagte sie.

Was in dieser Zeit in Wigratzbad abgelaufen ist, ist von großer Bedeutung für ein volles Verständnis dieser Stätte. Es ist eine Botschaft an die ganze Welt. Maria verbindet ihren Titel vom „Sieg“ mit dem sühnenden Leiden ihres Sohnes. Ganz gezielt. Das kann gar nicht ernst genug genommen werden.

Antonie spürte das. Mit dem Nachteilzug fuhr sie nach Innsbruck und weiter nach Matrei. In der dortigen Pfarrkir-che entdeckte sie auf dem Hochaltar das Gnadenbild. Sie betete lange davor. Dann suchte sie den Pfarrer auf und erzählte ihm, was sie in der Grotte von Wigratzbad erlebt hatte. Das Standbild konnte er ihr natürlich nicht geben, aber er nannte ihr einen Künstler, der ihr eine genaue Kopie anfertigen würde. Aber der war mit Aufträgen eingedeckt.

Wie schon oft, schaltete Antonie erst einmal einen neuen heroischen Akt davor: das Opfer. In dem Schwesternhaus, in dem sie übernachtete, erfuhr sie von der kleinen Wallfahrtskirche „Maria Waldrast“ hoch oben auf dem Berg in 2000 Meter Höhe. Sie hätte gern die Nacht vor dem leidenden Jesus in der Kirche verbracht, aber man erlaubte es ihr nicht. Dafür wollte sie am nächsten Tag auf den Berg pilgern, obwohl der Geistliche und die Schwestern ihr dringend davon abrieten, weil die Absturzgefahr wegen des vielen Schnees noch groß sei. Antonie ließ sich dennoch nicht entmutigen. Sie wagte den Aufstieg, aber sie brauchte eine Führung. Und wer bot sich an? Ein elfjähriger Junge.

Der Weg war voller Gefahren. Aber sie kamen oben heil an, beteten in der Kirche den Rosenkranz. Dann jedoch war der Junge, ein Kind noch, am Ende seiner Kräfte. Antonie gab ihm etwas Geld, damit er sich im Gasthaus bei einer warmen Mahlzeit erholen konnte. Sie aber blieb bei der eisigen Kälte noch oben, betete, bis die Zeit sie zwang, den Heimweg anzutreten, um noch vor der Dunkelheit unten zu sein. Sie kam mit leerem Magen an, aber überglücklich. Sie setzte auf die Gottesmutter.

Wieder in Bregenz angekommen, suchte sie das Kloster der Kapuziner auf, um ein Almosen abzugeben. Dort erfuhr sie von dem Bildschnitzer Franz Albertani. Dieser hatte durch die neue Zeit des Nationalsozialismus, die angebrochen war, alle Aufträge verloren. Für seine sechsköpfige Familie erwies sich Antonie als Rettungsanker. Seine Arbeiten gefielen ihr weit besser als die des Künstlers in Matrei. Sie luden wirklich zum Beten ein. Der Mann erwies sich als eigentliches Geschenk der Wallfahrt, die Antonie unternommen hatte. Zunächst aber brauchte sie etwa tausend Mark. Und wieder staunt man über das Eingreifen der göttlichen Vorsehung.

Daheim warteten nämlich zwei Frauen auf sie. Sie hatten mit einem schweren Anliegen im Herzen die Grotte besucht und verrieten, dass sie bereit seien, zu Ehren der Gottesmutter ein größeres Werk zu stiften. Antonie erzählte von ihrer Reise nach Matrei. Sofort erklärte sich eine der Damen bereit, die Kosten für die Statue zu übernehmen. Am nächsten Morgen händigte der Ehemann ihr die ersten 400 Mark aus, die Antonie sofort nach Bregenz brachte.

Das Standbild, in das Albertani seine ganze Seele hineingearbeitet hatte, wurde zunächst im Schuppen der Familie aufgestellt und verehrt. Ganze Nächte wurde davor gebetet. In der späteren Kapelle fand es seinen Platz in der Unterkirche.

Neues Denken

In diesem Zusammenhang ist die Geschichte der Statue des „Herrn im Elend“ nicht unwichtig. Um das Jahr 1210 lebte auf dem Schloss Aufenstein Ritter Heinrich III. Er war nicht nur das Vorbild eines ritterlichen Menschen, sondern hatte dazu auch noch eine tiefe Beziehung zum Leiden und Sterben Jesu. Deshalb brach er eines Tages ins Heilige Land auf, um in der Kirche des heiligen Grabes zu beten. Dort sah er ein Standbild des leidenden Erlösers. Es zeigte Ihn nicht in aufrechter, sondern in liegender Haltung und war deshalb besonders eindrucksvoll. Der Ritter war davon sehr betroffen. Er ließ ein möglichst getreues Abbild machen und nahm es mit auf das Schiff. Unterwegs erhob sich ein gewaltiger Sturm und brachte alle in Gefahr. Ritter und Mannschaft flehten vor dem Standbild. Und alsbald legte sich der Sturm. Sie kamen glücklich im Hafen an.

In der Schlosskapelle von Aufenstein fand es bald breite Verehrung. Deshalb bat er die geistliche Obrigkeit, ob es nicht in der Pfarrkirche aufgestellt werden könnte, um es noch breiteren Schichten zugänglich zu machen. Die Kirche wurde zum Wallfahrtsort. Ein Dorn im Auge eines Ritters, der eine entgegengesetzte Einstellung hatte. Er hasste Standbilder und Wallfahrten. So ließ er es über Druck und Bestechung vom Küster der Kirche nachts in den Fluss werfen. Aber am anderen Morgen befand es sich wieder unversehrt an seiner Stelle in der Kirche. Ein zweiter Versuch endete ebenso. Beim dritten wollte der Ritter von Raspenbühl selber dabei sein. Aber am Morgen befand sich das Standbild abermals an seinem Platz in der Kirche. Beide Männer erschraken zutiefst und der Ritter wurde vom Gegner zum Verehrer des Bildes.

Antonie, in langen Gebeten erleuchtet, hat die Bedeutung des Bildes für Wigratzbad so verstanden:

„Als Jesus vor seinem Leiden am Ölberg betete, hat ihm der Vater alle Sünden der Welt gezeigt, die er zu sühnen hatte, aber auch alle Leiden, die er, um der Gerechtigkeit willen, als Genugtuung erdulden sollte. Jesus sah sich selbst, wie er mit seinen Augen die Sünden der Augen, mit seinen Ohren die Sünden der Ohren, mit seinem Munde die Sünden der Zunge und Unmäßigkeit, mit seinem dornengekrönten Haupt alle Sünden des Eigensinns, des Eigenwillens, der Selbstherrlichkeit, mit seinen Händen die Sünden der Hände, mit seinen Füßen alle sündigen Schritte, mit seinem Herzen allen Mangel an Liebe und alle ungeordneten Leidenschaften, mit den Wunden, verursacht durch die Geißelung, die Sünden des Leibes, mit den schrecklichen inneren Leiden die Sünden des Geistes sühnen sollte. Er sah sich – wie die Statue es darstellt – versenkt in die tiefsten Tiefen aller Leiden und bot sich dem Vater in seinem Elend als Sühne an, um uns aus unserem Elend zu erretten. Darum ist er nicht als Toter, sondern als Lebender dargestellt.

Durch seinen Tod am Kreuze hat Jesus in Maria den Satan besiegt, sie vorwegnehmend vor der Erbsünde bewahrt, damit sie als Makellose im Namen der Menschheit ganz eins mit ihm leidend ihn und sich selbst in ihm und mit ihm und durch ihn dem Vater opfernd den Satan in der Menschheit besiegen konnte. Der Sieg ist errungen, aber er muss von jedem Einzelnen für sich und für andere gewollt werden durch Gebet, Empfang der Sakramente und durch Werke der Liebe.“

Die Betrachtung kurz zusammengefasst könnte heißen: Sieg der Sühne. Das ernst genommen, müsste ein neues Denken unter Christen einleiten, die in 2000 Jahren nicht der Versuchung widerstanden haben, ihren höchsten Werten und Idealen oft weltliche Inhalte zu geben oder sie sich aufdrängen zu lassen, wie es seit dem Jahre 1968 im Übermaß geschehen ist. Wir erleben es Tag für Tag. Die Auswirkungen sind verheerend – für Milliarden von Menschen. Der „Sieg der Sühne“ ist die Wurzel der christlichen Verkündigung und das, was das Christentum – neben der Feindesliebe – von allen anderen Religionen haushoch unterscheidet. Den Feind zu lieben erfordert oft schon einen heroischen Akt, für ihn zu sühnen übersteigt alles menschliche Vorstellungsvermögen – es kann nur göttlichen Ursprungs sein.

Gottes große Wege sind mit Opfern und mit Leiden gepflastert. Das sollte Antonie in des Wortes wahrster Bedeutung erfahren. Zunächst schien alles recht glücklich zu laufen. Der protestantische Regierungsassessor machte sich mit Sorgfalt an die Arbeit. Aber dann stand die Bewilligung durch die Behörden aus.

Die Bewilligung

In Wigratzbad wurde derweil wie vor jeder Hürde viel gebetet. Antonie ging mit gutem Beispiel voran. Sie fastete oft drei Tage bei Brot und Wasser oder aß überhaupt nichts. Sie pilgerte von Bregenz barfuß nach Maria Bildstein und verbrachte dort die Nacht in der Kirche. Ein andermal fuhr sie nach Bregenz ins Kloster Mehrerau, um dort die ganze Nacht zu beten und von 3 Uhr früh an den hl. Messen beizuwohnen. Um 7 Uhr kehrte sie heim, um den ganzen Tag hindurch schwer zu arbeiten. Sie machte sogar eine Pilgerfahrt zu ihrem Namenspatron, zur Kirche in Egg im Kanton Zürich.

32mal musste sie im Bauamt in Lindau vorsprechen und wurde immer wieder abgewiesen. Beim 33. Mal endlich klappte es. Man ließ sie zwar den ganzen Vormittag vor der Türe stehen, weil sie sich weigerte, mit „Heil Hitler“ zu grüßen. Gegen Mittag durfte sie jedoch eintreten und konnte die Baubewilligung in Empfang nehmen. Voll innerer Freude eilte sie damit in die Pfarrkirche, um sich vor dem Marienaltar zu bedanken. Aber dann geschah etwas, was mit menschlicher Logik kaum zu verstehen war. Sie erhielt den inneren Befehl, den Plan sofort zu zerreißen. Er sei ungeeignet, die Kapelle zu klein. Alles, so schien es, war umsonst gewesen, alle Gebete, alle Bußübungen, alle Mühen, alle Arbeit.

Antonie gehorchte. Die Welt der Mystik hat ihre eigenen Gesetze. In einer inneren Schau bekam sie jedoch jene Kapelle zu sehen, die später erbaut wurde. Der eigentliche Kreuzweg, den sie in Verbindung mit der Entstehung eines Heiligtums gehen sollte, der sollte erst beginnen. Und der Widersacher Gottes ihr auf diesem Wege sein hässliches Gesicht zeigen.

Daheim machte sie sich an die Zeichnung der Kapelle, wie sie ihr in der inneren Schau gezeigt worden war. Mit der Skizze fuhr sie sofort in das Landesbauamt in Kempten und bat um Entschuldigung, dass sie den Herren so viel Arbeit zugemutet hatte. Die Reaktion war verständlich. Der Assessor war außer sich. Antonie ließ alle Vorwürfe über sich ergehen. Im Gedächtnis hatte sie die Verheißung der Gottesmutter, sie würde demjenigen, der den Bau zu genehmigen hätte, selber die Hand führen.

Nach und nach beruhigten sich die Männer und Assessor Wölfl zeigte sich bereit, den neuen Entwurf zu überprüfen, den er recht brauchbar fand. Aber der neue Plan musste den ganzen Behördenweg durchlaufen. Als erster ging der Bürgermeister von Opfenbach auf die Barrikaden. Als Antonie ihm den Plan übergab, wäre er um ein Haar ihr gegenüber handgreiflich geworden. Zunächst einmal ließ er sich Zeit, dann rief er den Gemeinderat zusammen, schwor diesen auf seine Linie ein und bekam ein vollzähliges „Nein“ gegen das Projekt.

Dabei ließ er es nicht bewenden. Er wandte sich in einem Brief an die höhere Instanz, das Bezirksamt, stellte Antonie als fanatische Gegnerin des Nationalsozialismus dar, die in Wigratzbad ein Zentrum gegen die neue Zeit aufbaue und mit ihrer religiösen Grundeinstellung weite Teile der Bevölkerung infiziere. In Opfenbach existierten bereits drei Kapellen, es bestehe kein Bedürfnis für eine weitere. Neben den Behörden stachelte er auch die höheren Parteiinstanzen gegen den Bau auf.

Die bitterste Erfahrung jedoch sollte Antonie mit ihrem eigenen Seelsorger machen. Er hieß Hermann Rädler und war ein Jahr zuvor Pfarrer der Gemeinde Wohmbrechts geworden. Bei seiner Einführung hatte er sich von der Sturmabteilung (SA) begleiten lassen. Bei seiner ersten Ansprache sagte er: „Ich nehme Besitz von dieser Pfarrei im Namen des gottbegnadeten Führers Adolf Hitler!“ Er wurde ein tödlicher Feind Antonies und der Kapelle.

Diese Gegner erreichten, dass Vertreter der Behörden und der Partei vor Ort eine Sitzung einberiefen, um sich dem Bau in den Weg zu stellen. Alle Bemühungen um eine Bewilligung schienen fortan aussichtslos. Gegen solche Mächte als hilflose Frau anzugehen, musste bedeuten, dem eigenen tragischen Untergang den Weg zu ebnen.

Aber das sind rein menschliche Überlegungen. Antonie hatte längst in einer anderen Welt Wurzeln geschlagen. Auf die setzte sie. Der beim Künstler Albertani in Bregenz in Auftrag gegebene „Herr im Elend“ war noch nicht ganz fertig. Antonie störte das nicht. Sie wagte die erste Wallfahrt zum Herrn, ließ vor Ort einen Pater aus Mehrerau kommen, das Standbild zu segnen, schmückte es mit Blumen und Kerzen. Mit ausgespannten Armen betete sie einen Psalter, die Familie schloss sich an. Beim Abschied bat sie alle, dies neun Tage fortzusetzen. Sie selbst wollte es in der Grotte tun.

Acht Tage später, es war der 17. Juni 1938, wurde Antonie ins Bauamt nach Lindau gerufen und ihr gegen 12 Uhr, beim Ave-Läuten, die Bewilligung zum Bau der Kapelle von einem gewissen Regierungsrat Dr. Widmann ausgehändigt. Der Bürgermeister von Opfenbach wurde übergangen. Das schien sehr entgegenkommend, aber es stand eine perfide Absicht dahinter. Denn die Bewilligung wurde mit der Auflage verknüpft, das Geld für den Rohbau und eine Notbausumme, insgesamt 14 500 Mark, innerhalb von drei Tagen auf einer Bank zu hinterlegen und den Depotschein auf dem Amt vorzuzeigen.

Voll innerer Dankbarkeit brachte Antonie das Geld tatsächlich zusammen, trug es zur Grotte und legte es der Got-tesmutter zu Füßen. Sie betete bis in die tiefe Nacht hinein. Da kroch zu ihrem Entsetzen eine dicke schwarze Schlange, etwa anderthalb Meter lang, auf die Altardecke, züngelte und schien nach dem Geld schnappen zu wollen.

Die Beterin sah darin ein Zeichen. Sie durchschaute den Plan ihrer Gegner. Hätte sie das Geld bei der Bank hinterlegt, es wäre verloren gewesen. Also suchte sie in der Frühe den Baumeister (Ruß) direkt auf und übergab ihm die Summe mit der Bitte, sofort das notwendige Material einzukaufen und ihr die Quittungen zu geben. Diese brachte sie zum Amt.

Die Reaktion der Beamten war die übliche. Man beschimpfte sie und verbot ihr, mit dem Bau zu beginnen. Aber der Baumeister und jene Männer, die die Pläne erarbeitet hatten, setzten sich durch. Sie kamen persönlich nach Wigratzbad, um den Platz zu bestimmen. Eltern und Geschwister willigten ein, den väterlichen Grundbesitz für die Kapelle abzutreten. Antonie nahm die Gelegenheit wahr, eine weitere Idee durchzusetzen. Unter der Kapelle schwebte ihr eine Art Krypta vor. Das war im Plan nicht vorgesehen. Da der Vorgesetzte in Urlaub war, konnten die Herren in eigener Vollmacht entscheiden und schickten den Plan für die Unterkirche nach. Am 1. Juli 1938 wurde mit dem Erdaushub begonnen. Eine Bitte an den Ortspfarrer, bei der Grundsteinlegung die Weihe vorzunehmen, schlug dieser aus. Er wolle damit nichts zu tun haben. Er sei gegen den Bau.

Schwarz gekleidet

Manch eine hier geschilderte Einzelheit mag überflüssig oder gar ermüdend erscheinen. Es wird dennoch über sie berichtet, um darzulegen, dass Gottes große Werke nicht im Scheinwerferlicht irdischer Stars entstehen, sondern in mühsamer, teils qualvoller Kleinarbeit. Die Menschwerdung Gottes erfolgte in einem Stall, in bitterer Kälte, setzte sich fort in der Flucht durch Wüstensand nach Ägypten. Gott war auf dieser Erde als Mensch von Anfang an ein Verfolgter. Und hat seine große Mission unscheinbar in einer Werkstatt vorbereitet. Warum soll es einer Jüngerin besser ergehen als dem Meister. Am eigenen Leibe musste sie es erfahren, mehrere leidvolle Jahre standen ihr bevor, meistens am Rande des Todes stehend.

Am Ringen um die Entstehung einer Kapelle in Wigratzbad zeigt sich, wie unablässig hier auf Erden Himmel und Hölle miteinander kämpfen. Es geht immer um den Menschen, am Ende um das Heil von Milliarden von Menschen. Und es ist der graue Alltag, in dem Gott sich immer wieder offenbart, nicht in Triumphzügen und unter Fanfarenklängen.

Als in Wigratzbad die Fundamente für eine Anbetungsstätte gelegt wurden, ließ Hitler unter großen Opfern den sog. Westwall bauen, der Deutschland angeblich gegen Frankreich schützen sollte. Ein Täuschungsmanöver. Es war Hitler, der Frankreich überrollte, sich ganz Europa unterwarf und die Herrschaft über den ganzen Erdball im Auge hatte.

Um jeden Baustein musste Antonie kämpfen, um jede Arbeitskraft werben und fand oft unerwartet Helfer, wie jenen Offizier, der einen Waggon mit Zement nach Wigratzbad abkommandierte. Nicht selten wusste man am Abend nicht, wie es am nächsten Tag weitergehen sollte. Dann hat Antonie durchgebetet. Am nächsten Tag konnte es weitergehen.

Während der Arbeiten wollten Architekten den Plan so umfunktionieren, dass die Kapelle schnell in ein Heim für die Hitlerjugend umgestaltet werden konnte. Es sollten keine Altäre hinein. Aber die schwache Frau erwies sich als starke Frau. Sie setzte sich durch – zwei Altäre in der Krypta, drei Marmoraltäre und Kommunionbank aus schlesischem Marmor, Kirchenfenster mit Bildern von La Salette, vom Pfarrer v. Ars und von Bruder Konrad aus Altötting. Antonie stellte ihre Gegner oft vor vollendete Tatsachen. Ende November stand der Bau.

Die materiellen Sorgen entpuppten sich als nichts im Vergleich zu den geistigen Schwierigkeiten, die jetzt auf sie warteten. Und es waren wohl die bittersten. Es ging um den Segen der Kirche.

Sie fuhr nach Augsburg, um dem Bischof ihr Anliegen vorzutragen. Der Oberhirte konnte sie nicht empfangen. Dann reiste sie ihm nach Kempten nach, wo er sie anlässlich einer Firmung empfangen wollte. Das Gespräch dauerte kaum vier Minuten. Sie versuchte es ein drittes Mal. Weihbischof Dr. Franz Xaver Eberle entließ sie mit seinem Segen. Inzwischen war die Krypta fertig geworden. Noch einmal bat sie schriftlich um die kirchliche Weihe. Sie wurde an den Ortspfarrer von Wohmbrechts verwiesen, sollte sich seinen Anordnungen fügen. Dieser weigerte sich und verwies sie an den zuständigen Dekan. Der versprach die Weihe für den 8. Dezember.

Jedoch die Gegner schliefen nicht. Unter ihnen waren auch Seelsorger der Umgebung, die das Pilgern ihrer Gläubigen zur Grotte nach Wigratzbad mit gemischten Gefühlen beobachteten. Einige gingen zu offenen Angriffen über. Der Stadtpfarrer von Wangen kam am Fest Allerheiligen in allen Gottesdiensten auf sie zu sprechen, nannte den Bau Einfall eines hysterischen, überspannten Menschen, Ausgeburt einer überhitzten Fantasie. Das Projekt habe keine Zukunft. Antonie war bei diesen Predigten auch noch anwesend. Sie schwieg. Ihr Hauptfeind, der Pfarrer von Wohmbrechts, erreichte unterdessen, gestützt auf unwahrhaftige Darstellungen, dass das Ordinariat in Augsburg seine Zusage zurücknahm. Die große Beterin von Wigratzbad ahnte davon nichts.

Ahnungslos suchte sie Ende November den Dekan auf, der teilte ihr mit, dass Ortspfarrer Rädler nun doch die Weihe selbst vornehmen wolle. Der empfing sie mit Beschimpfungen und stellte den Sinn des Betens überhaupt in Frage: „Hätte es eine Wirkung, wäre die Welt längst eine andere, wo doch Männer und Frauen in den Klöstern so viel und ständig beten.“ An die Weihe sei vorerst nicht zu denken. Antonie mit einer inzwischen vom Geist des Gebetes durchdrungenen Seele war es, als würde man ihr das Herz aus dem Leibe reißen.

Der Himmel ließ sie jedoch nicht allein. Während des Gebetes in der Grotte erschien ihr die Mutter des Herrn, ganz in Schwarz gekleidet. Tränen rollten über ihre Wangen. Verstört fragte Antonie nach dem Grund, verstand jedoch die Antwort nicht. Doch dann erhellte sich das Gesicht Marias. Ihre Augen leuchteten. Sie wirkte mütterlich gütig, war aber von himmlischer Majestät. Sie trat ganz nahe an Antonie heran. „Leg‘ deine Hand in meine“, sagte sie, „und bete: Jungfrau, mächtig bei Gott, bitte für mich!“ Dann zog sie sich in die Ewigkeit zurück. Mit diesen Worten flößte sie der so umstrittenen Frau aus Wigratzbad eine große Zuversicht ein. Die brauchte sie. Denn die Leiden, die bereits wie eine dunkle Wolke heraufzogen, waren unvorstellbar. Sie sollten sich über sechs Jahre hinziehen.

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Quelle: Eigener Scan aus meinem persönlichen Exemplar des im Titel genannten (neu nicht mehr erhältlichen) Buches

Siehe weiter:

Aus: Alfons Sarrach: SIEG DER SÜHNE – Wigratzbad: Marias Botschaft an den Menschen

Unbefleckt empfangene Mutter vom Sieg, bitte für uns!

Kapitel II

Unerwünscht

Schlüsselerlebnis

Antonie kam am 15. Dezember 1899 zur Welt, an der Schwelle eines Jahrhunderts, das zu einem blutgetränkten wer­den sollte, ein Jahrhundert des Völkermordes, der Vertreibun­gen, der Vergewaltigungen von Frauen und Mädchen und des Versuchs, die menschliche Geistes- und Kulturgeschichte um viele Jahrtausende zurückzudrehen.

Sie kam als unerwünschtes Kind zur Welt, genauer gesagt als unerwünschtes Mädchen. Drei Kinder waren den Eltern bereits geschenkt worden, zwei Mädchen und ein Junge. Nun hatte sich Mutter Rädler einen Sohn gewünscht, mit dem sie besondere Vorstellungen verband. Sie hatte darum gebetet, er möge einmal zum Priester berufen werden. Es dauerte lange, bis sie sich damit abgefunden hatte, dass es eine Tochter gewor­den war. Aber gerade das sollte einmal zum Zeichen werden.

Dabei dürfte man annehmen, dass ein tiefreligiöses Ehe­paar, und das waren Andreas (1869-1946) und Maria Rädler (1869-1950), davor bewahrt würden, eigene Wunschvorstel­lungen mit den Dimensionen Gottes zu verwechseln. Auch ganz lautere Seelen sind zuweilen nicht davor gefeit, mehr auf eigene Ideale als auf Gottes Visionen zu setzen. Ihr Bund fürs Leben, den sie am 25. Oktober 1889 schlossen, war auf Rat eines alten, frommen Priesters in Mywiler zustande gekom­men. Er hatte dem Mädchen Maria den jungen Andreas als Mann empfohlen. Gott pflegt manche Lebenswege bis ins De­tail hinein lange vorher zu ebnen und zu lenken.

Der andersgeschlechtliche Elternteil hat einen stark prägen­den, besonderen Einfluss auf das Kind. Das weiß man heute. In diesem Zusammenhang bleibt festzuhalten, dass der Vater von Antonie ein unerschütterliches Gottvertrauen besaß, was ein Ereignis bei der Geburt des sechsten Kindes beleuchtet.

Maria Rädler erkrankte an Kindbettfieber. Ein halbes Jahr quälte sie sich trotz guter Pflege dahin, magerte zum Skelett ab. An einem Samstag hörte dann das Herz plötzlich auf zu schlagen.

Erschrocken stürzte die Krankenschwester in den Metzger­laden, um den Mann zu holen: „Sie ist gestorben, es ist so schnell gegangen!“ Der Mann rannte sofort die Treppe hinauf, aber nicht ans Krankenlager der Frau, sondern in das Schlaf­zimmer des Paares. Dort stand ein Hochzeitsgeschenk der El­tern, eine Lourdesgrotte, vor der sie jeden Abend gebetet ha­ben. Vor dieser warf er sich auf die Knie und begann zu beten. Es war mehr ein Aufschrei zum Himmel als ein Gebet:

„Liebe Mutter Gottes! Hilf! Du hast noch immer geholfen. Du bist allmächtig mit deiner Fürbitte. Wir haben dich immer verehrt. So viele Rosenkränze haben wir gebetet. Das kannst du uns nicht antun, du darfst den Kindern die Mutter nicht nehmen. Du hast ein Kind gehabt. Ich habe sechs. Ruf die Mutter zum Leben zurück! Gib mir ein Zeichen der Erhö­rung. Ich stehe nicht auf, bis du es mir gegeben hast!“

Und da geschah das Unglaubliche. Die Statue in der Grotte erhob ihr Haupt und senkte es zustimmend nieder. Wie immer es gewesen sein mag, noch Jahre danach konnte der nüchter­ne Mann jedenfalls darüber nur unter Tränen berichten.

Erst dann ging er ins Krankenzimmer, ergriff die schon starren Hände der Frau, schüttelte sie zum Entsetzen der Pflegerin und befahl: „Mama, wach auf!“ Alle Kinder standen herum und beobachteten erschüttert, was vor sich ging. Da öffnete die scheinbar oder wirklich Tote die Augen, schaute umher und hauchte: „Hunger!“ Der Ehemann holte eiligst eine Flasche lauwarmer Milch, schob der Frau mit Mühe den Strohhalm zwischen die schon erstarrten Lippen. Sie saugte, trank, trank die Flasche leer.

In diesem Augenblick betrat der Arzt das Haus. Als er hörte, was genau abgelaufen war, meinte er: „So etwas ist nur in Ih­rem Hause möglich!“ Und beide Männer, Arzt und Ehe­mann, sanken weinend vor der Gottesmutter in die Knie.

Antonie war damals drei Jahre jung. Ein sehr aufgeweck­tes, intelligentes Kind. Sie hatte alles verfolgt. Der Vorfall muss in der sensiblen Kinderseele einen tiefen, bleibenden Eindruck hinterlassen haben. Das scheinbare Ableben der Mutter, die Reaktion des Vaters, sein fast beispielloses Gott­vertrauen, die rätselhafte Genesung der Mutter blieben als Ur-, als Grunderlebnisse in ihrer Psyche zurück. Ein frühes Schlüsselerlebnis, das seinen Niederschlag im Leben des spä­teren Mädchens, dann der jungen und schließlich der reifen Frau finden sollte.

Das eher schüchterne Kind zeigte einen besonderen Hang zum Gebet. Mit dem Eintritt ins Schulalter verriet es ein auf­fälliges Organisationstalent. Der mühsame Alltag fing für alle Kinder damals mit dem langen Schulweg an, vorher der Be­such der hl. Messe. Antonie wurde bald Klassenbeste, sonnte sich jedoch nicht in dieser Stellung, sondern versuchte Schwä­cheren zu helfen, oft eine Gelegenheit, die ihr dazu diente, an­dere zum gemeinsamen Gebet des Rosenkranzes einzuladen.

In der vierten Klasse traf sie ein erstes persönliches Un­glück. In der Pause stürzte sie beim Spiel kopfüber aus dem ersten Stock und blieb bewusstlos liegen. Erst nach drei Ta­gen kehrte das Bewusstsein zurück. Der Vorfall bewirkte je­doch, dass das Kind innerlicher und stiller wurde.

Wenig spürbare Liebe erhielt Antonie von der eigenen Mut­ter, im Gegenteil, diese behandelte das Mädchen besonders hart, konnte ihr wohl nicht verzeihen, dass sie als Mädchen auf die Welt gekommen war und nicht als der erwünschte Junge. Als sie eines Tages einen Fleißzettel nach Hause brachte, bemerkte die Mutter missachtend: „Das ist nichts Beson­deres. Das bekommen andere auch.“ Viel Vertrauen ging da­durch bei dem enttäuschten Kind gegenüber der eigenen Mut­ter verloren. Instinktiv wandte es sich einer anderen zu, der Mutter des Herrn, und lud ihre Enttäuschungen bei ihr ab, teilte aber auch alle Freuden mit ihr.

Mit fünfzehn Jahren schickten die Eltern sie in eine Haus­haltsschule der Franziskanerinnen in Bonlanden. Dort wurde die Aufnahme in die Marianische Jungfrauenkongregation für das Mädchen zu einem einschneidenden Erlebnis, es war eine Lebensweihe an Maria: „Ich wurde innerlich von einer solchen Freude und Glückseligkeit erfüllt“, berichtete sie später, „nun Maria zur Mutter zu haben, dass ich den ganzen Tag vor lau­ter Freude weinte.“ Täglich ging sie zur hl. Kommunion.

Nach der Internatszeit kehrte sie ins Elternhaus zurück. Es war mitten im Ersten Weltkrieg, überall galt es zuzupacken, im Hause, im Geschäft, in der Metzgerei, selbst zum Einkauf von Vieh wurde sie herangezogen. Materielle Sorgen drohten Antonie zu vereinnahmen.

„Komm und diene mir!“

1918 schwiegen schließlich die Kanonen, die so viele Men­schenleben gefordert hatten. Niemand ahnte, dass sie nur noch größere Leiden eingeläutet hatten, die den ganzen Erdball überziehen sollten. Zunächst suchte die Spanische Grippe den ganzen Kontinent heim und raffte weitere Millionen Men­schen hinweg. Auch das Haus Rädler blieb davon nicht ver­schont. Antonie pflegte alle mit großer Hingabe, bis auch sie sich ansteckte. Aus dieser Zeit, es war Dezember 1919, be­richtete sie später von einem merkwürdigen Todeserlebnis.

Nach einer Operation an der Brust krampfte sich die Lun­ge zusammen. Das Gehör wurde schwach, das Augenlicht schwand. An einem Nachmittag hatte sie den Eindruck, der Tod betrete das Zimmer, nähere sich ihrem Bett und sage zu ihr: „Geh mit!“ Zwei Schwestern wachten an ihrer Seite und wischten ihr den Todesschweiß von der Stirn.

Spät nach Mitternacht sah sie plötzlich ihr ganzes Leben an sich vorbeiziehen, vom Erwachen der Vernunft in der Kindheit bis zu diesem Augenblick. Sie sah alles Gute, das sie hat tun dürfen, aber auch alle Sünden, jedes Fehlverhalten. Sie durfte das Leiden Christi sehen, den Schmerz für jeden einzelnen Menschen, für jedes Mitglied des ganzen Menschengeschlech­tes. Das bewegte sie zu einer solch tiefen Reue, dass sie bereit war, viele Male ihr Leben hinzugeben, um die Sünden der Welt zu sühnen. Als Trost erkannte sie aber auch alle Akte guten Willens, zu denen sie sich je durchgerungen hatte, und darü­ber empfand sie eine große Freude. Eine glühende Liebe er­fasste sie, ein brennendes Verlangen durchdrang ihre Seele, ganz Jesus zu gehören, ihre Seele ganz in ihn zu versenken. Das Glück über diese Liebe war wie ein Magnet, der sie ganz in das Herz Gottes hineinzog. Sie dachte nur noch daran, Ihn zu besitzen, und wollte nicht mehr in das Leben zurückkeh­ren. In der Frühe wachte sie auf, konnte plötzlich wieder se­hen und hören.

Aber das Leiden blieb. Eine Komplikation folgte der ande­ren: eitrige Hirnhautentzündung, Drüsenschwellungen, Was­sersucht, Lungenentzündung und Nierenblutungen. Die El­tern schleppten sie von einem Spezialisten zum anderen – bis nach Augsburg und München, opferten ein Vermögen. Erst versuchten zwei Ärzte im nahe gelegenen Bregenz ihr zu hel­fen, bis sie resignierten: „Es ist zu spät. Das Mädchen ist verlo­ren.“ Am Ende kam sie nach Wörishofen. Nach drei Monaten erklärte der behandelnde Arzt Dr. Schaller: „Hier ist die ärztli­che Kunst am Ende. Hier gibt es keine Rettung mehr. Ich gebe dem Mädchen im besten Fall noch ein paar Tage.“ Antonie bat die Eltern, sie heim zu nehmen, sie wolle zu Hause sterben. Der Körper war voll Wasser, die Nieren vereitert, Erstickungs­anfälle häuften sich, nur mühsam konnte sie kurze Atemzüge am offenen Fenster machen. Sie ertrug alles mit großer Ge­duld, als Sühne für die Sünden des eignen Lebens und anderer.

Da trat eines Tages eine überraschende Wende ein. Es war gegen Abend. Antonie wandte sich im Gebet an die Gottes­mutter, wohl ein letzter Versuch, eine klärende Antwort von oben zu bekommen: „Liebe himmlische Mutter! Wie freue ich mich, Jesus und dich bald sehen zu dürfen. Wenn du mich aber noch brauchen willst auf Erden, wenn ich hier noch et­was tun kann zu deiner Ehre, so stelle ich mich dir ganz zur Verfügung. Ich werde nicht heiraten. Mein Leben soll einzig Jesus und dir geweiht sein.“

Dieses Gebet verrät – zum Beispiel die Freude auf die bal­dige Anschauung Gottes – bereits mystische Reife. Auf der­selben Linie liegt ihr Angebot der totalen, exklusiven Hingabe an Jesus und seine Mutter. Und die Antwort blieb nicht aus. In der Nacht stand plötzlich die Gottesmutter vor ihr, legte ihr in überströmender Liebe die Hände aufs Haupt und sagte: „Nimm deine Zuflucht allein zu mir. Komm und diene mir!“ Eine wunderbare Kraft durchströmte den ganzen zermarter­ten Körper und heilte ihn. Antonie schlief ein. Es war der erste tiefe Schlaf nach Jahren. Am Morgen stand sie gesund auf und verlangte ihre Arbeitskleider. „Ich bin gesund“, sagte sie. „Gebt mir zu essen, ich habe einen riesigen Hunger.“ Und dann nahm sie ihre Arbeit auf, wie in früheren Jahren.

Die Geburtsstunde einer Gnaden- und Sühnestätte hatte geschlagen, noch von niemandem wahrgenommen, von niemandem erkannt. Es war das Jahr 1923. Der Same wurde in die Seele einer begnadeten jungen Frau gelegt, anders als an­derweitig. Gott wiederholt sich nicht. Die Früchte sollten es eines Tages ans Licht bringen.

Mystische Vermählung

Auf das Versprechen folgten Taten. Sie wollte ihr Wort ein­lösen und begann mit der Gründung einer Mädchenkongre­gation. Der zuständige Ortspfarrer von Wohmbrechts, Josef Basch, willigte gern ein, blieb jedoch skeptisch bezüglich des Erfolges. Er sollte sich geirrt haben.

Antonie begann Mädchen um sich zu sammeln, zunächst Mädchen aus Wangen und Umgebung, die in einem Haus­halt halfen. Ein halbes Dutzend konnte sie zunächst begeis­tern, bald waren es jedoch 70 bis 80. Sie hielt ihnen anregen­de Vorträge. Anfangs beobachtete der Pfarrer sie genau, kam dann zur Überzeugung, dass er sich auf die junge Frau ver­lassen konnte. Der Erfolg ermunterte diese wiederum, eine Kinderkongregation ins Leben zu rufen, eine Gruppe mit jün­geren (zwischen 6 und 13 Jahren) und eine zweite für ältere (13 bis 20 Jahre).

Bedenkt man, was sie alles anstoßen konnte, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Antonie schon in jenen Jahren eine große Ausstrahlung gehabt haben muss. Jeden Monat führte sie die Gruppen zur hl. Kommunion, betete vor der hl. Messe mit ihnen den Rosenkranz und erreichte, dass jeden Montag früh vor der hl. Messe eine Sühnestunde vor dem ausgesetzten Allerheiligsten gehalten wurde. An Sonnta­gen brachen die Gruppen oft zu Wallfahrten auf. Schließlich übertrug der Geistliche ihr sogar die Führung des Frauenbun­des, als die Vorsteherin erkrankte. Eine so rege Aktivität weck­te natürlich – wie immer – auch Neid und gehässigen Wider­spruch bei manchen Menschen in der Gemeinde. Das ist der Preis, den begnadete Seelen zahlen müssen.

In diese Zeit fällt ein mystisches Christuserlebnis, wie es in dieser Art aus dem Leben anderer Mystiker nicht unbekannt ist. In der Stadtpfarrkirche in Wangen nahm sie mit anderen an einem Hochamt teil. Während des Gloria, also am Anfang der hl. Messe, versank die Umwelt um sie herum. Was sie dann erlebte, darüber schwieg sie jahrzehntelang. Als sie es preisgab, hat sie versucht, es mit folgenden Worten wiederzugeben:

„Ich sah mich auf einem Weg vorwärts schreiten. Plötz­lich stand ein König vor mir in wunderbarem Licht und gro­ßer Majestät. Er legte mir die Hand auf das Haupt mit den Worten: ,Sei mein! Ich will dich mir vermählen‘ und küsste mich auf die Stirn. Erst dachte ich, ein irdischer König werbe um meine Hand. Plötzlich aber erkannte ich in ihm Jesus, den König der Könige. Tief beschämt versank ich im Abgrund des eigenen Nichts und konnte nur stammeln: ,Nein, das kann ich nicht. Ich bin doch ein Nichts, ein sündiges armes Ding, deiner unwürdig.‘

Da verwandelte sich die Erscheinung in den kreuztragen­den Heiland, der folgende Worte an mich richtete: ,Folge mir!‘ Ich antwortete: ,Auf den Weg des Kreuzes will ich Dir gern folgen, will die Last des Kreuzes Dir tragen helfen.‘ Da­nach trat Stille ein. Ich kam in ein fremdes Land und musste ganz niedrige Dienste leisten, Opfer bringen und Entsagung üben bis zur Erschöpfung. Keine Demütigung blieb mir er­spart. Dann trat abermals Stille ein. Danach kam Jesus mit dem Kreuz auf den Schultern auf mich zu. Wieder sagte ich ihm: ,Jetzt will ich Dir helfen und Dir folgen.‘ Jesus sah mich mit einem dankbaren Lächeln an.

Plötzlich stand der Heiland in unbeschreiblicher Schön­heit vor mir, küsste mich mit den Worten auf die Stirn: ,Sei mein und bleibe mein!‘ Dann führte er mich an seiner Seite in himmlische Regionen mit unzähligen mannshohen Lilien, wie ich sie auf Erden noch nie gesehen hatte. Eine unüberseh­bare Menschenmenge schloss sich uns an und sang in tausend Chören, von herrlicher Musik begleitet: ,Heil dem König und der Königin.‘ Wir nahten uns einem Schloss, dessen Tore sich uns öffneten. Der himmlische Vater winkte uns in überströ­mender Freude zu und hieß uns willkommen.

In diesem Augenblick kam ich wieder zu mir. Der amtie­rende Priester gab eben den Schlusssegen. Die hl. Messe war vorbei.“

An die Worte der Offenbarung des Johannes wird man bei diesem Bericht erinnert: „Wer siegt, dem werde ich geben, mit mir auf meinem Thron zu sitzen, wie auch ich gesiegt und mich zu meinem Vater auf seinen Thron gesetzt habe“ (Offb 3,21). In der Vision werden auch die Enttäuschungen, Demütigungen und Leiden angedeutet, die Antonie zu erwar­ten hatte. Vor allem aber erfüllte sie die junge Frau mit tiefer Freude. Sie nahm die mystische Vermählung sehr ernst, eine glühende Liebe erfasste sie, die jede irdische Beziehung in den Schatten stellte.

Zur Erinnerung an dieses Erlebnis trug sie zuerst einen Ring am Finger mit einem roten Stein, der an der Blutreliquie in Weingarten berührt worden war. Diesen Ring liebte An­tonie sehr, bis die Gottesmutter ihr eines Tages zu verstehen gab: „Leg den Ring weg. Es braucht niemand zu wissen, wem du vermählt bist!“ Daraufhin steckte Antonie den Ring der Gottesmutter in der Grotte im Schlafzimmer der Eltern an den Finger und hat ihn nie mehr getragen. Lange hat sie die­ses Geheimnis für sich behalten. Die Auswirkungen sprachen aber ihre eigene Sprache. In den Jahren und Prüfungen, die auf sie zukamen, zeigte sie eine ungewöhnliche Klarheit des Urteils, Sicherheit und Charakterstärke, Mut und Zuversicht.

Verlockende Angebote

Ihre Treue zu Jesus wurde auf eine harte Probe gestellt. Ver­lockende Heiratsanträge wurden ihr gemacht. Eine sehr reiche Dame aus Lindau zum Beispiel versuchte alles, sie für ihren Sohn zu gewinnen. Sie bot ihr eine herrliche Villa am Boden­see an, ein großes Vermögen und versprach, ihr alle Wünsche zu erfüllen, wenn sie nur den Sohn heiraten wollte. Ohne ei­nen Augenblick zu zögern, wies Antonie den Antrag lächelnd zurück. „Ich bin schon vergeben“, war ihre Antwort.

Für diese Haltung der Tochter konnte die eigene Mutter kein Verständnis aufbringen. Sie redete auf sie ein und dräng­te, so glänzende Anträge nicht einfach abzuweisen. Aber An­tonie hatte für alle Überredungskünste nur eine Antwort: „Mutter! Ich kann nicht, ich bin schon vermählt.“

Ein neuer Lebensabschnitt begann für Antonie im Jahre 1927. Er sollte sich fast zehn Jahre hinziehen und für die jun­ge Frau zu einem Kreuzweg werden. Der Vater beschloss, in Lindau eine Filiale seiner Metzgerei einzurichten, und über­trug die Leitung seiner Tochter. Das bedeutete auch, dass sie die Betreuung der jungen Frauen in der Gemeinde abgeben musste.

Dafür vertiefte sie ihr Gebets- und Innenleben. Jede Ge­schäftspause nutzte sie dazu, in der Stadtpfarrkirche in Lin­dau vor dem Tabernakel zu beten. Schließlich erfuhr sie, dass sich im nahe gelegenen Schloss Moos, etwa eine halbe Stunde Fußweg entfernt, über der Familiengruft eine neugotische Kapelle befand. Die Herren von Quadt hatten sie 1882 errichtet. Alle zwei Wochen wurde dort die hl. Messe gefeiert und das Allerheiligste aufbewahrt. Aber die Kapelle blieb die übrige Zeit geschlossen. Antonie erbat sich von der Gräfin, der Schloss­herrin, den Schlüssel, der es ihr ermöglichte, in den kleinen Erker hinaufzusteigen und dort allein zu wachen und zu beten. Erst war es eine halbe Stunde täglich, dann wurden Stunden daraus. In diesen Stunden fühlte sie sich gedrängt, die ver­schiedenen Rosenkränze zusammenzustellen, die später in den Sühnenächten in Wigratzbad viele Male gebetet wurden.

Aber damit nicht genug. Auf dem Wege nach Hause mach­te sie einen Abstecher in die Hauskapelle des Marienheims der Englischen Fräulein. Die verständnisvolle Hausoberin, Mater Maria, überließ Antonie die Schlüssel zur Kapelle, so dass sie jederzeit hinein konnte, ohne jemanden zu stören. In dieser ungeheizten Kapelle verbrachte sie weitere Stunden des Ge­betes, manchmal bis zwei, drei Uhr in der Nacht. Es waren Sühnestunden.

Für die eigentliche Nachtruhe blieben so oft nur drei bis vier Stunden. Dennoch war sie bei der Frühmesse in der Stadtpfarrkirche wieder dabei. Das ist ohne besondere Gna­de, ohne Beistand von oben kaum durchzuhalten. Um diese Gnade, nämlich die der Ausdauer, flehte sie zur Gottesmutter, sie betete für die Frauen und Mädchen, für deren Umkehr, erflehte für sie ein Leben im Sinne Marias.

Ihr vergeistigtes Leben begann auszustrahlen. Immer mehr Frauen fassten Vertrauen zu ihr und suchten mit ihren Sor­gen und Nöten bei ihr Zuflucht. Beim Stadtpfarrer, Prälat Kerler, erreichte sie, dass jeden Abend öffentlich der Rosen­kranz gebetet wurde. Sie selber führte die Frauen an Sonnta­gen betend hinauf zum Gnadenbild der Rosenkranzkönigin von Unterreitnau. Mehrfach unternahm sie den Versuch, in Lindau oder Umgebung eine Lourdesgrotte zu errichten. Der Vorschlag scheiterte am Widerspruch des Pfarrers.

In diesen Jahren lernte Antonie eine sich damals entfalten­de, ganz auf Maria ausgerichtete Bewegung kennen, bei Val­lendar am Rhein ins Leben gerufen von dem charismatischen Priester Josef Kentenich. Sechsmal suchte sie das Kapellchen in Schönstatt auf, um dort an achttägigen Exerzitien teilzu­nehmen. Beim letzten Mal hörte sie während der hl. Messe eine innere Stimme, die ihr sagte: „Von nun an will ich dir einen zweiten Schutzengel als besonderen Beistand und Schutz für das kommende Leben an die Seite stellen, den hl. Erzengel Michael. Rufe ihn oft an und verehre ihn sehr!“

Antonie vertraute sich mit diesem Erlebnis dem Leiter des Kurses an, Pater Michael Kolb, einem reifen Priester, und schloss mit der Bitte, ihr aus dem Städtchen Vallendar einen Strauß weißer Schwertlilien mitzubringen. Sie wollte diese der Gottesmutter schenken. Aber der Pater konnte nur rote auftreiben. Als er ihr die Blumen überreichte, meinte er lä­chelnd, ohne zu ahnen, wie prophetisch seine Worte waren: „Seien Sie künftig auf große Kämpfe in Ihrem Leben gefasst.“ Sie hat den Erzengel zeit ihres Lebens besonders verehrt und ihm am Weg zur großen Kirche ein Denkmal gestiftet. Schönstatt, inzwischen ein weltweit bekanntes Marienheiligtum, stand somit Pate für ein weiteres späteres Heiligtum — in Wi­gratzbad nämlich.

Beschlossener Mord

Einige Jahre vergingen scheinbar gleichförmig. Da gewann ein Mann namens Adolf Hitler in Deutschland immer mehr an Einfluss. In seinem Buch „Mein Kampf“ hatte er der Kirche den Kampf angesagt. Antonie bekam es bald zu spüren. Eines Tages betraten Parteileute den Metzgerladen, brachten ein Bild des Führers Adolf Hitler mit und verlangten, dass es im Verkaufsraum aufgehängt wird. Das Bild der Gottesmut­ter von Schönstatt sollte ihm weichen. Antonie weigerte sich. „Für Ihr Bild ist in diesem Raum, wie Sie selber sehen, kein Platz mehr. Das Bild der Mutter des Allerhöchsten, das Sie dort sehen, hängt schon seit Jahren dort. Ich werde es unter keinen Umständen entfernen.“

Wusste sie, wen sie da herausgefordert hatte, oder handelte sie auf höheren Impuls? Hitler hatte in seinem Buch keinen Zweifel darüber gelassen, wie er mit dem Christentum umzu­gehen gedachte. Am 30. Januar 1933 erlangte er schließlich die Macht, aus der nach dem Tode des Reichspräsidenten Hin­denburg die absolute wurde. In den ersten Ausgaben seiner Kampfschrift hieß es: „Eine Weltanschauung kann mit einer anderen keinen Kompromiss schließen, denn sie ist totalitär. Mit dem Christentum ist ein infernaler Terror in die Welt ge­kommen, der nur überwunden werden kann durch einen Ter­ror, der noch infernaler ist.“ Die Worte ließen keinen Zwei­fel daran, dass Hitler die totale Vernichtung der Kirche, des Christentums zum Ziele hatte.

Für Antonie muss es ein Schock gewesen sein, wie sich die von ihr gegründeten marianischen Gruppen im Jahre 1932 sang- und klanglos auflösten. Nach einem Auftritt des natio­nalsozialistischen Gruppenleiters liefen Frauen und Mädchen zu den Nazis über und traten dem Bund deutscher Mädchen (BdM) und der Frauenschaft bei. Sie wollten in der modernen, neuen Zeit den anderen Frauen nicht nachstehen.

Das hätte Antonie wankend machen müssen. Lohnt sich der Einsatz überhaupt, bleibt man am Ende nicht allein auf weiter Flur, der Lächerlichkeit preisgegeben? Sie musste das Schicksal aller Charismatiker teilen, deren Berufung oft in tiefster Vereinsamung auf den Prüfstand kommt.

Die Weigerung, das Bild des Führers in ihrem Verkaufs­raum aufzuhängen, der sich mit „Heil“-Rufen als neuer Hei­land feiern ließ, musste den Zorn seiner blinden Anhänger he­rausfordern. Sie beschlossen, Antonie Rädler umzubringen.

Man wusste um ihre Gebetsstunden in der Nacht. Ein Be­weis, wie sehr sie bereits bespitzelt worden war und dass es hässliche Zuträger gegeben haben muss. Darin witterten sie ei­ne Gelegenheit, mit ihr abzurechnen. In einem kleinen Wäld­chen gegenüber dem Marienheim lauerten sie ihr auf. Als An­tonie gegen 3 Uhr herauskam, versuchten drei Männer sich auf sie zu stürzen. Da geschah das fast Unglaubliche. Mitten in der Nacht tauchte ein junger Radfahrer im Alter von etwa 20 Jah­ren auf, blendete die Männer mit starkem Licht, umkreiste Antonie in großem Bogen und begleitete sie nach Hause. Die drei Männer waren nicht in der Lage, sich ihr zu nähern.

Antonie wurde jetzt klar, in welcher Gefahr sie schwebte. Aus natürlicher Angst überlegte sie, ob sie die nächtliche An­betung nicht aufgeben sollte. Da glaubte sie, so erzählte sie später, eine Stimme zu hören, die ihr befahl: „Leiste Sühne! Du darfst nicht nachgeben! Du stehst unter dem Schutze Gottes!“ Sie pflegte immer sieben Vaterunser zu Ehren der fünf Wun­den Jesu zu beten. Das gab ihr Kraft. Entgegen ihrer inneren Angst und der offensichtlichen Gefahr suchte sie am nächsten Tag wieder das Marienheim auf, verließ allerdings eine halbe Stunde früher die Kapelle. Kaum hatte sie die Parktüre hin­ter sich geschlossen, sprangen wieder drei Männer auf sie zu. Die Gesichter hatten sie mit einer Zipfelmütze halb verhüllt, wie man es von kriminellen Überfällen her kennt. Da tauch­te der geheimnisvolle Radfahrer wieder auf und blendete die Männer, dann begleitete er Antonie nach Hause.

Aus heutiger Sicht muss man vermerken, dass Fahrradlam­pen damals nur ein ganz schwaches Licht hatten, das kaum die nächsten Meter erhellen konnte. Antonie glaubte, dass dieser Radfahrer ihr Schutzengel gewesen sein muss. Und wieder fällt auf, dass eine geheimnisvolle Stimme, als sie ver­zagen wollte, ihr zuflüsterte: „Leiste Sühne!“ Der Gedanke der Sühne zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Leben, von der frühen Kindheit an.

Einen dritten Versuch unternahmen ihre fanatisierten Geg­ner. Diesmal warteten sie vor ihrem Hause. Zu ihrer Wohnung führte ein Korridor, der auf der anderen Seite in eine Wasch­küche führte und zum See hin endete. Als sie vor dem Hause stand, sprangen zwei verhüllte Männer wieder auf sie zu; sie hatten einen Sack bei sich, den sie offenbar über sie stülpen wollten. Antonie erschrak zu Tode und streckte instinktiv ab­wehrend die Hände aus. Da stolperten diese, fielen zu Boden und konnten nicht sofort aufstehen. Inzwischen gelang es der bedrohten jungen Frau, die Treppen hinaufzuspringen und hinter sich die Türe zu schließen und zu verriegeln.

In ihrem Zimmer schlief eine Verkäuferin. Sie war entsetzt über das Aussehen ihrer Chefin. „Ich bin krank vor Angst“, stammelte diese, „habe Furchtbares erlebt, aber der Herrgott hat mir geholfen.“

Als sie am nächsten Tag von der Frühmesse heimkam, war­tete überraschenderweise ein Bote auf sie. Er überreichte ihr einen Brief vom Vater mit der dringenden Bitte: „Komme so­fort heim, sofort. Ich werde dir ein Auto entgegenschicken. Warte so lange.“ Kurz vor 7 Uhr stand der Wagen schon vor der Türe. Die Filiale wurde umgehend geschlossen, bis zum Mittag alles zusammengeräumt und heimgefahren.

Was war passiert? Die Familie hatte in diesen Zeiten doch noch gute Freunde. Einer von ihnen war ein gewisser Ministerialrat Rauch bei der Regierung in München. Der schick­te in der Nacht mit dem Schnellzug über einen Boten einen Brief mit der dringenden Warnung: „Nimm deine Tochter so­fort von der Filiale in Lindau weg, sonst wird sie ihres Lebens nicht mehr sicher sein!“ Er hatte aus sicherer Quelle erfahren, dass Antonies Tod beschlossene Sache sei. SS-Leute sollten sie über Nacht überfallen, in den See werfen und anschlie­ßend das Gerücht ausstreuen, sie habe in religiösem Wahn Selbstmord begangen.

Es ist schwer nachzuvollziehen, wie ein übermächtiger Staat sich von einer jungen wehrlosen Frau, Mitte dreißig, so he­rausgefordert sehen kann, dass er sie über Mord aus dem Wege schaffen will. Hier stand mehr dahinter: Die spirituelle Aus­strahlung Antonies war zum Ärgernis geworden für Macht­haber, die ein neues, ein tausendjähriges Reich nach eigenen Vorstellungen, ohne Gott, ohne Jenseitsbezug ins Leben rufen wollten. Sie spürten, dass hinter Antonie eine Welt stand, die ihnen im Wege war und der sie den Kampf angesagt hatten. Es verrät etwas von der hemmungslosen Wut der Hölle im­mer dann, wenn Maria in die Geschichte der Menschen ein­zugreifen beginnt.

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Quelle: Eigener Scan aus meinem persönlichen Exemplar des im Titel genannten (neu nicht mehr erhältlichen) Buches

Siehe auch: