Erzbischof Annibale Bugnini C.M. – Pionier der Liturgiereform [1]

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Einleitung

In seinem Rückblick auf die erste Sitzungsperiode des Zweiten Vatikanischen Konzils aus dem Jahre 1963 schreibt Professor Joseph Ratzinger, dass zwei Faktoren gleichsam den Durchbruch beim Konzil ermöglicht hätten: zunächst einmal die Tatsache, dass sich die Konzilsväter als eine “eigene Größe mit eigener Verantwortung entdeckt“ hätten und dann, dass „mit dem Liturgieschema anstelle des alten Anti, der Negation, eine neue positive Möglichkeit vor ihnen aufgetaucht“ war, „die Möglichkeit, aus der Defensive heraus zu kommen und christlich offensiv zu werden, positiv zu denken und zu handeln“2. Das Liturgieschema war bekanntlich das einzige vorbereitete Arbeitsdokument, das von den Konzilsteilnehmern angenommen wurde. Die Vorarbeiten dieses Schemas gehen auf die Liturgiereformkommission Pius XII. zurück, der mit seiner Enzyklika Mediator Dei im Jahre 1947 der Liturgischen Bewegung des 20. Jahrhunderts mit ihrer pastoralen Ausrichtung ihre höchstamtliche Anerkennung gegeben hatte.3 Am 28. Mai 1948 wurde die oben genannte Kommission ernannt, die dann bis zum 8. Juli 1960 82 Sitzungen abhalten wird. Mitglied und Sekretär dieser Kommission war der Lazarist (Vinzentiner) Annibale Bugnini.4 Er wird in der Folge bis 1962 auch Sekretär der Liturgischen Vorbereitungskommision des 2.Vatikanischen Konzils und dann ab 1964 Sekretär des von Papst Paul VI. eingesetzten Consiliums zur Durchführung der Liturgiekonstitution, deren Aufgabe v. a. in der Erarbeitung erneuerter liturgischer Bücher bestand. Weltweit tragen alle liturgischen Bücher, die in der Folge bis 1975 erschienen sind, auf der Seite der römischen Approbation Bugninis Namen. In jenem Jahr musste er dann auf eine für ihn sehr schmerzliche Weise seine liturgische Aktivität beenden und er wurde zum Nuntius ernannt, wohl gemäß dem alten römischen Ausspruch „Promoveatur ut amoveatur“5.

Nach seinem Tod am 3. Juli 1982 in einer römischen Klinik ist Bugnini allgemein in Vergessenheit geraten, bzw. in erster Linie von den Gegnern der Liturgiereform weiterhin mit nie bewiesenen Vorwürfen bedacht worden.

Die Liturgiereform des 20. Jahrhunderts, die insgesamt in der Weltkirche positiv aufgenommen worden ist, die aber auch eine Reihe bisher noch nicht gelöster Konflikte

1 Vortrag von Alexander Jernej CM bei der Megvis-Tagung 2013 in Untermarchtal.
2 Vgl. Joseph Ratzinger, Die erste Sitzungsperiode des Zweiten Vatikanischen Konzils [Broschiert], Verlag: Bachem (1963), 41 f. Zitiert nach Herder Korrespondenz Spezial, Oktober 2012, 42.1 Vortrag von Alexander Jernej CM bei der Megvis-Tagung 2013 in Untermarchtal.
3 Vgl. Karl Rahner, Herbert Vorgrimmler, Kleines Konzilskompendium, 35. Aufl., Herder 2008, 37.
4 Vgl. Annibale Bugnini, La riforma liturgica (1948-1975), Nuova Edizione, Edizioni Liturgiche, Roma 1997, 24, 25.
5 Er möge befördert werden, um ihn loszuwerden.

gebracht hat,6 ist zutiefst mit dem Vinzentiner Annibale Bugnini verbunden, der „alles, was er in der Kirche und für die Kirche getan hat, als Priester der Mission getan hat“7.

Wer war Annibale Bugnini?  Zunächst ein paar

 

Biographische Daten [8]

Annibale Bugnini wurde am 14. Juni 1912 in Civitella de’ Pazzi (heute Civitella del Lago) in Umbrien geboren. Nach der Grundschule wurde er in das Kleine Seminar der Vinzentiner in Rom aufgenommen. Er besuchte die Schule des Päpstlichen Kleinen Seminars im Vatikan und wurde am 5. Oktober 1928 in das Innerere Seminar (Noviziat) der Vinzentinerprovinz von Rom im Collegio Leoniano aufgenommen. Zwei Jahre später legte er dort in der Gemeinschaft die Ewigen Gelübde ab. Es folgten drei Jahre Philisopiestudium im Collegio Alberoni in Piacenza, anschließend Studium der Theologie am Angelikum der Dominikaner in Rom, das er mit dem Doktorat zum Thema „Die Liturgie zur Zeit des Tridentinischen Konzils“9 abschloss.

Am 26. Juli 1936 wurde er von seinem Mitbruder Bischof Alcide Marina C.M. zum Priester geweiht. Dieser war in Piacenza bereits sein Hausoberer und später in Rom sein Provinzial gewesen. Jetzt war er vor kurzem zum Nuntius im Iran ernannt worden.

Während seines Doktoratsstudiums arbeitete Bugnini einige Jahre als Seelsorger am Stadtrand von Rom. Der Kontakt mit den Menschen, besonders den Kindern weckte in ihm das Verlangen eine fruchtbarere Mitfeier der Hl. Messe durch die Gläubigen zu fördern.

1939 wurde auf Wunsch der zuständigen vatikanischen Stellen im Collegio Leoniano ein Konvikt für Priester eröffnet, die in Rom ihren Studien nachgingen. Bugnini wurde dessen erster Direktor. Viele seiner Convittori wurden später Bischöfe und hohe Mitarbeiter der vatikanischen Kurie.10 Während des Krieges studierte der junge Direktor des Konviktes selbst nebenher christliche Archeologie, im besonderen interessierte er sich für das Studium der Quellen der Liturgie, ein Gebiet auf dem er es schließlich zur Meisterschaft bringen sollte.

Seit 1946 war Bugnini auch Schriftleiter der international anerkannten liturgischen Zeitschrift Ephemerides liturgicae, die er allerdings nach dem Krieg erst wieder neu in Schwung bringen musste. Er unternimmt Reisen zu liturgischen Zentren in Belgien, Frankreich und Spanien, er startet nach Rücksprache mit dem Sekretär der Ritenkongregation eine detailierte Umfrage unter etwa hundert internationalen

6 Vgl. Benedikt Kranemann, In die Zeit gesetzt, Diskussionen um die Liturgiereform, in: Herder Korrespondenz Spezial, Oktober 2012, 31.
7 Nicola Albanesi, C.M., Prefazione, in: Annibale Bugnini, C.M., Memorie autobiografiche, Edizioni Liturgiche, Roma 2012, 6.6 Vgl. Benedikt Kranemann, In die Zeit gesetzt, Diskussionen um die Liturgiereform, in: Herder Korrespondenz Spezial, Oktober 2012, 31.
8 Vgl. die Kurzbiographie über Mons. Annibale Bugnini von Erzbischof von G.F. Rossi C.M. auf der Homepage der römischen Provinz der Vinzentiner: http://www.cmroma.it/index.php?option=com_content&view=article&id=78:mons-bugnini-annibale-1912-1983&catid=28&Itemid=189
9 De liturgia eiusque momento in Concilio Tridentino.
10 Vgl. Bugnini, Memorie, 42f.

Liturgieexperten über deren Vorstellungen einer Gesamtreform der Liturgie.11 Die eingetroffenen 40 Antworten wird er zu Artikeln verarbeiten und veröffentlichen. Bugnini war auch daran gelegen, die liturgiewissenschaftlichen Ergebnisse einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Er begründete daher wissenschaftliche Reihen und betätigte sich als deren Verleger. Ebenso machte er es mit liturgischen Handreichungen für die Gläubigen. Er selbst schrieb ein kleines Büchlein „Unsere Messe“12, das mehrfach übersetzt und verlegt wurde und eine Gesamtauflage von einer Million Exemplaren erreichte.

1948 wurde Bugnini, wie bereits oben erwähnt, zum Sekretär der von Pius XII. einberufenen Kommission für die Liturgiereform ernannt.13  „Die Erneuerung der Osternachtfeier (1951) und der übrigen Feiern der Heiligen Woche (1955), der Rubrikenkodex (1960) und die letzten „Editiones Typicae“ der vorkonziliaren liturgischen Bücher (1962) Missale, Brevier, Pontificale – waren dieser Kommission anvertraut.“14 Bereits in dieser Funktion wurde Bugnini von einem Kardinal einmal öffentlich ein „Bilderstürmer“, ein Progressist genannt.15 Derselbe Kardinal sollte dann für sein sog. „Erstes Exil“ während des II. Vatikanischen Konzils verantwortlich sein.16

Ab 1948 lehrte Bugnini auch als Professor für Liturgik an verschiedenen päpstlichen Hochschulen. Am längsten, bis 1967 verblieb er an der Urbaniana.

Am 11. Juli 1960 wurde Bugnini zum Sekretär der international besetzten Liturgischen Vorbereitungskommission für das 2. Vatikanische Konzil bestellt. Diese ersetzte auch die viel kleinere von Pius XII eingesetzte Liturgiekommission. Dieser Vorbereitungskommission gelang es das bereits erwähnte Arbeitsdokument, Schema genannt, zu verfassen, das für das gesamte Konzil richtungweisend werden sollte. Am 16. Oktober 1962 wurde es von den Konzilsvätern angenommen und auf den ersten Tagesordnungspunkt gesetzt. Präsident der Liturgischen Kommission des Konzils wurde dann der konservativ eingestellte Kardinal Larraona, Präfekt der Ritenkongregation, der es durchsetzte, dass Bugnini als einziger Sekretär einer Vorbereitungskommission nicht Sekretär der entsprechen Konzilskommission wurde.17 Für ihn war Bugnini nicht nur ein Progressist, sondern auch übereifrig und übereilig18. Zur gleichen Zeit versuchte man auch die Tätigkeit Bugninis als Professor an den römischen Hochschulen zu beenden, was aber nur im Falle der Lateranuniversität gelang.19 Cardinal Bea schrieb ihm zum Trost am 2. November dieses Jahres: „Ich hoffe, Sie können diese Ihre fruchtbare Arbeit auch in Zukunft fortsetzen, trotz der schmerzlichen Ereignisse

11 Vgl. ebd. 49
12 La nostra messa. Dieses Büchlein ist leider vergriffen. Vgl. ebd. 50.11 Vgl. ebd. 49.
13 Ihr gehörte von Anfang an der österreichische Redemptorist P. Joseph Löw an, der als Mitarbeiter der Ritenkongregation bereits an den Vorarbeiten für diese Kommission beteiligt war. Vgl. Annibale Bugnini, La riforma liturgica (1948-1975), Nuova Edizione, Edizioni Liturgiche, Roma 1997, 23.
14 Reiner Kaczynski, Zum Gedächtnis an Erzbischof Bugnini CM, in: „Gottesdienst“ 1982 Nr. 14.
15 Vgl. A. Bugnini, Memorie, 73.
16 Vgl. Bugnini, La riforma liturgica, 44.
17 Ebd.
18 Troppo spinto. Vgl. Bugnini, Memorie, 73.
19 Vgl. Bugnini, Memorie, 58f., Bugnini, La riforma liturgica, 44 (Fußnote 5).

der letzten Wochen.“20 Bugnini arbeitete als einer von 26 Periti (Konzilstheologen) in der Liturgischen Kommission des Konzils. Am 21. Juni 1963 wurde während des Konzils ein neuer Papst gewählt: Paul VI. Am 4. Dezember dieses Jahres erfolgte dann die feierliche Schlussabstimmung der Konstitution „Sacrosanctum Concilium“, die zu einem großen Teil das vorbereitete Schema wiedergibt und die mit 2147 Ja- gegen 4 Nein-Stimmen angenommen worden ist. Kardinal Döpfner hat später einmal in einem Gespräch gemeint: „Ich bin überzeugt, dass wir die Liturgiekonstitution nicht bekommen hätten, wenn es P. Bugnini nicht gegeben hätte.“21  Prof. Reiner Kaczynski (Liturgiker in München) kommentiert diesen Ausspruch so: „Das sollte nicht heißen, dass alle guten Gedanken der Konstitution von ihm gekommen wären. Aber jedermann wusste: Um gute Ideen durchzusetzen, war jemand nötig, der nicht nur den Kontakt mit Wissenschaft und Seelsorge hatte, sondern auch in der Vatikanischen Verwaltung zu Hause war, der bereit war, auf seine Freunde und Kollegen aus Liturgiewissenschaft und Praxis zu hören und von ihnen zu lernen, der den nüchternen Blick für die Realität hatte und ein Gespür dafür, was durchsetzbar war und was nicht, der die Wege kannte, auf denen etwas zu erreichen war, und sich den Gegebenheiten anpassen konnte, ohne das Gesicht zu verlieren, der sich nicht entmutigen ließ, wenn von irgendwoher eine negative Antwort kam, sondern vielmehr sofort überlegte, wie man bei einem erneuten Anlauf zu einem positiven Ergebnis kommen konnte.“22 Diese außergewöhnliche Effizienz an zentraler Stelle im Bereich der Liturgiereform wird Bugnini schließlich im Zusammenhang mit seinem Zweiten Exil zur Zielscheibe größter Anfeindungen und Verleumdungen machen. (Vinzenz: effektive Liebe; Bugnini: effektive Liebe im Bereich der Liturgie! – seine Gegener hatten sicher affektive Liebe für Liturgie, aber nicht für Bugnini)

Noch im Dezember 1963 beauftragte Paul VI die Schaffung eines Gremiums zur Durchführung der Liturgiekonstitution. Das Sekretariat der Liturgischen Kommission des Konzils auf der einen und Kardinal Lercaro, ein Liturgist, auf der anderen Seite sollten jeweils einen Vorschlag bezüglich der Zusammensetzung und Wirkweise dieses Gremiums erarbeiten. Kardinal Lercaro lässt im Geheimen Bugnini einen solchen ausarbeiten. Dieser wird vom Papst angenommen und Bugnini selbst wird als Sekretär eingesetzt und beauftragt, das Consilium zur Durchführung der Liturgiekonstitution unter der Leitung von Kardinal Giacomo Lercaro zu organisieren. Bugnini machte sich nun erneut an die Arbeit und sah sich in seinen Rechten vollkommen rehabilitiert.23 Es galt die alten internationalen Kontakte in der liturgischen Fachwelt wieder herzustellen, die Kompetenzen des Consiliums innerhalb der römischen Kurie zu klären, die Arbeitsschritte zu entwerfen, die Arbeiten zu verteilen und zu koordinieren, etc. Aus dem Consilium wurde von 1969 bis 1975 die Kongregation für den Gottesdienst. Bugnini verblieb auch hier als Sekretär, während die Kardinäle als

20 Ebd. 74.
21 Vgl. Kaczynski, Gedächtnis.20 Ebd. 74.
22 Ebd.
23 Vgl. Bugnini, Memorie, 78; Bugnini, La riforma, 74f.

Präsidenten, bzw. Präfekten sich ablösten, bzw. zwischenzeitlich fehlten, sodass er vieles persönlich mit Papst Paul VI besprach, den er regelmäßig traf und zu dem er freien Zutritt hatte. Am 6. Januar 1972 wurde Bugnini zum Titularerzbischof ernannt und am 13. Februar 1972 von Papst Paul VI persönlich geweiht.

Die wahrnehmbaren Veränderungen im Bereich der Liturgie waren in dieser Zeit enorm. Der Vollzug der Liturgie in den Landessprachen, die Ausrichtung des Altares zur Gemeinde hin, sodass diese mit dem Priester um den Altar versammelt ist, die Neuordnung des Ritus und die Herausgabe neuer liturgischer Bücher, ein erneuerter liturgischer Kalender, etc. Aus der römischen Einheitsliturgie wurde eine römisch katholische mit neuen Kompetenzen für die Ortskirchen. Das neue Kirchenverständnis des II. Vatikanischen Konzils erlebte seine erste Belastungsprobe.

Am 14. Juli 1975 wurde Erbischof Bugnini ins Staatsekretariat gerufen und ihm mitgeteilt, dass er zum Nuntius in Uruguay ernannt worden ist und dass die Kongregation für den Gottesdienst mit der Kongregation für die Sakramente zusammengelegt wird. Bugnini ist schockiert, er überlegt und lehnt die neue Aufgabe wegen mangelnder Spanischkenntnisse ab. Ein halbes Jahr lebt er zurückgezogen, schreibt an den Papst, sucht eine Erklärung und findet keine andere als Intrigen in der Kurie, die offene Feindschaft des Präfekten der Glaubenskongregation (siehe unten) und die Verleumdungen von Gegnern der Liturgiereform, er wäre – neben vielen anderen in der Kurie – ein Freimaurer. Bei einer kurzen persönlichen Begegnung mit dem Papst, wagt er ihm keine großen Fragen zu stellen.

Er erkennt, dass Paul VI noch stärker bedrückt und am Boden war als er selbst.24 Bugnini macht sich nun an die Arbeit für sein Standartwerk La riforma liturgica, das er fast vollendet. Es wird erst 1981 veröffentlicht werden.25 Anfang Dezember 1975 wird ihm mitgeteilt, dass ein Posten frei wäre, der das Französische als Arbeitssprache erfordert. Der Papst bitte ihn diesen anzunehmen. Am 5. Janaur 1976 wird die Ernennung Erzbischof Bugninis zum Nuntius im Iran öffentlich bekannt gegeben. Am 3. Februar reist er ab. Er wird dort ab 1978 die islamische Revolution unter Chomeini miterleben. Das Wirken Bugninis als Nuntius im Iran, eine Tätigkeit, zu der er sich nicht berufen fühlte, die er aber zur größten Zufriedenheit aller, besonders Roms, mit großem persönlichen Einsatz ausführte,

wäre ein Thema für einen eigenen Vortrag. Jetzt geht es um den Pionier der Liturgiereform, der niemals wirklich erfahren hat, warum er sein Werk in diesem Bereich so jäh abbrechen musste. Sei Gewissen war rein. Vor seiner Abreise in den Iran verabschiedete er sich von seinen Freunden mit einem Rundbrief. Er schrieb darin: „Als Arbeiter des neuen Heiligtums, als treue Besteller des Ackers Gottes, zuweilen als unbekannte Soldaten des guten Kampfes (wenn auch nicht immer siegreich) haben wir mit großmütiger Hingabe, Freiheit des Geistes,

24 Vgl. Bugnini, Memorie, 81.
25 Es wurde u. a. auch ins Deutsche übersetzt:

redlichem Mut und promptem Gehorsam für die liturgische Erneuerung und die Verteidigung der erreichten Ziele gearbeitet.“26

 

Bugninis Vermächtnis

Prof. Balthasar Fischer aus Trier hielt im Oktober 1982 bei einer Gedenkfeier für den Verstorbenen im Collegio Leoniano der Vinzentiner in Rom eine Ansprache zum Thema Annibale Bugnini und die Zukunft der Kirche.27 Er sagte u. a.: „Wir alle, die wir ihn gekannt, geachtet und geliebt haben, sind Zeugen dafür, dass dieses siebzigjährige Leben von einer Leidenschaft erfüllt war, die ihn die übermenschliche Mühsal einer ungewöhnlichen täglichen Arbeitslast gelassen tragen ließ und die sich durch bösen Gegenwind, durch Verständnislosigkeit, ja durch Gehässigkeit nicht irremachen ließ: von der Leidenschaft für die Kirche.“28 … wir als liturgiewissenschaftliche Experten aus den Kirchen der Peripherie haben in all den Jahren der Zusammenarbeit …[von den 50-er Jahren an] „mit wachsender Genugtuung gespürt, wie hier ein italienischer Kollege, der unter weniger günstigen Vorausetzungen angetreten war als wir, bereit war, unsere Zukunftsvorstellungen von der Liturgie ernstzunehmen: er hatte in erstaunlichem Maß die in unserem Beruf seltene Tugend, dass er zuhören konnte und immer wieder zu lernen und umzulernen bereit war. … Niemand fand ein offeneres Ohr bei ihm als die Bischöfe von der Peripherie, die ihn bei ihrem Besuch ad limina in Rom aufsuchten und von den Erfolgen aber auch den Misserfolgen der Liturgiereform an der Basis berichteten.“29 Bugninis Haltung gegenüber den Lokalkirchen, die Peripherie, von der er so oft sprach – finden wir in zwei seiner Aussprüche bestens zusammengefasst: „Häufig muss die Autorität reagieren, indem sie Missbräuchen vorbeugt und sie nicht erst nachträglich unterdrückt. Was objektiv nicht zu beanstanden ist, das wird eine gute Regierung nicht von vornherein verbieten oder behindern, sondern sie wird den Bischöfen die Möglichkeit geben, es nach sachlichen und menschlichen Gegebenheiten zu

ordnen.“ Und weiters: „Gilt etwa das Urteil, das aus der Ferne, am grünen Tisch entstanden ist, mehr als das einer verantwortungsbewussten Bischofskonferenz, die um das ihr anvertraute Volk besorgt ist? Ich meine, es wird unsere Aufgabe sein, umsichtig, Fall für Fall, zu prüfen und dann mit brüderlichem Verständnis und Liebe mehr nach dem Geist als

26 Bugnini, Memorie, 83.
27 Ansprache bei der Gedenkfeier für den am 3. 7. 1982 verstorbenen Erzbischof Annibale Bugnini, die am 20. 10. 1982 im Collegio Leoniano der Vinzentiner in Rom in italienischer Sprache gehalten wurde. Der deutsche Text ist veröffentlicht unter: Fischer B., Annibale Bugnini (1912-1982) und die Zukunft der Kirche, in: Liturgisches Jahrbuch Münster, 1983, vol. 33, no2, S 69-75.
28 Ebd. 69.
29 Ebd. 70.

nach dem Buchstaben des Gesetzes den Willen, den die Lokalkirchen durch ihre Hirten zum Ausdruck bringen, zu unterstützen.“30

Prof. Fischer verwies in seiner Ansprache auf zwei Projekte, an denen er persönlich beteiligt war, auf die Erarbeitung der neuen Richtlinien für das Erwachsenenkatechumenat und des Direktoriums für Kindermessen und der neuen Kinderhochgebete. Er sagte: „Man muss es schon bewundernswert nennen, wie dieser Mann, der nie in seinem Leben mit Katechumenen und wohl auch kaum mit Kindern seelsorglich zu tun hatte, sich die an ihn herangetragenen Wünsche nach einer Reform der Eingliederung in die Kirche und nach einer kindgemäßen Messfeier zu eigen gemacht und sie gegen alle Widerstände durchgehalten hat, bis jene Ordnungen da waren, die die Genehmigung aller zuständigen Dikasterien und zuletzt des Papstes erhalten hatten.“31

Für so manche, auch Kardinäle, war das nicht mehr Liturgiereform, sondern Liturgiezerstörung. Dazu kamen Klagen über liturgische Missbräuche, die in dieser Zeit nicht selten waren.

In den Auseinandersetzungen zwischen der holländischen Bischofskonferenz und Rom Anfang der 70-er Jahre auch in liturgischen Fragen hat sich Bugnini aber immer für eine moderate Linie ausgesprochen, er hat sie als päpstlicher Gesandter für liturgische Fragen auch praktiziert und geriet damit in krassem Gegensatz zur Ritenkongregation und besonders zur Glaubenskongregation.32

Immer wieder wurden und werden Bugnini Eigenmächtigkeiten in seinem Handeln im Bereich der Liturgiereform vorgeworfen. Kardinal Ratzinger hat in einem Brief an P. Pasqualetti IMC, noch am 3. Januar 2003 geschrieben: „Ich kann den Namen eines Liturgieprofessors nennen, der sich damit rühmt wie sie [wohl gemeint: Bugnini und seine Mitarbeiter] es verstanden haben, den Papst bei der Ausführung der Reform zu hintergehen.“ Unterstellt wird u.a., dass im Messbuch von 1970 Eigenmächtigkeiten Bugninis vorhanden wären, die im Detail nicht dem Willen Pauls VI entsprechen würden. Es ist hier allerdings immer bei allgemeinen Anschuldigungen geblieben, es wurden nie konkrete Beweise erbracht. Bugnini selbst war immer bereit, ja bestrebt alle Fragen zu beantworten. Er hatte dazu nie Gelegenheit, was ihn sehr bedrückte. Dennoch hat er seinen inneren Frieden mit der ganzen Angelegenheit geschlossen. Er war überzeugt, dass seine Gegner in gutem Glauben

gehandelt haben, und hoffte, dass sie sich gemeinsam im Paradies darüber unterhalten werden.33

Prof . Fischer hat seine Ansprache bei der Gedenkfeier für den verstorbenen Pionier der Liturgiereform, Erzbischof Bugnini, mit den Worten beendet: „Einer seiner engsten langjährigen Mitarbeiter hat in der Festschrift, die zu unser aller Schmerz nach Gottes Willen

30 Ebd. 71 (Fn 1 und 2).
31 Ebd. 72.
32 Vgl. Bugnini, Memorie, 86-87, Fn 12.
33 Vgl. ebd. 8.

eine Gedenkschrift geworden ist, Leben und Werk des Mannes, den er aus nächster Nähe und täglicher Zusammenarbeit kannte, in das wunderbare Sätzchen zusammengefaßt:

Amo e servi la Chiesa. Ich möchte am Ende meiner Ausführungen und als ihr Ergebnis ein kleines Wörtchen hinzufügen: Amo e servi la Chiesa e il suo futuro.

Dafür gebührt ihm die Dankbarkeit dieser seiner Kirche über das Grab hinaus.“34

34 Fischer, 75. Deutsche Übersetzung der zwei kurzen Sätze: Er liebte und diente der Kirche bzw. Er liebte und diente der Kirche und ihrer Zukunft.

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Quelle