Unsere Liebe Frau von Guadalupe – gemeinsame Wurzel des Kontinents

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Eucharistiefeier im Päpstlichen Nordamerikanischen Kolleg

Predigt von Papst Franziskus am 2. Mai

»Ich habe dich zum Licht für die Völker gemacht, bis an das Ende der Erde sollst du das Heil sein« (Apg 13,47; vgl. Jes 49,6). Diese Worte des Herrn im eben verkündeten Abschnitt aus der Apostelgeschichte zeigen uns die missionarische Dimension der Kirche, die von Jesus gesandt ist, hinauszugehen, um das Evangelium zu verkünden. Das erlebten die Apostel vom ersten Augenblick an, als sie nach dem Beginn der Verfolgungen Jerusalem verließen (vgl. Apg 8,1-3). Das gilt auch für die große Zahl der Missionare, die das Evangelium in die Neue Welt gebracht und zugleich die indigene Bevölkerung gegen die Übergriffe der Kolonisatoren verteidigt haben. Unter ihnen war auch Fra Junípero: sein Werk der Evangelisierung erinnert uns an die ersten »zwölf franziskanischen Apostel«, die Pioniere des christlichen Glaubens in Mexiko. Er war Protagonist eines neuen Frühlings der Evangelisierung in jenen endlosen Landstrichen zwischen Florida und Kalifornien, die in den vergangenen 200 Jahren von Missionaren aus Spanien erreicht worden waren, lange Zeit bevor die Pilgerväter auf der Mayflower die Nordatlantikküste erreichten.

In Leben und Beispiel von Fra Junípero treten drei grundlegende Aspekte hervor: sein missionarischer Eifer, seine Marienverehrung und sein Zeugnis der Heiligkeit.

Zuallererst war er ein unermüdlicher Missionar. Was bewegte Fra Junípero, seine Heimat, sein Land, seine Familie, seinen Lehrstuhl an der Universität, seine franziskanische Gemeinschaft in Mallorca zu verlassen, um an die äußerste Grenze der Erde zu gehen? Zweifellos war es die Leidenschaft, das Evangelium »ad gentes« zu verkünden, das heißt der drängende Wunsch des Herzens, das Geschenk der Begegnung mit Chris­tus mit den am weitesten Entfernten teilen zu wollen: das Geschenk, das er selbst in der Fülle seiner Wahrheit und Schönheit als erster empfangen und erlebt hatte. Wie Paulus und Barnabas, wie die Jünger in Antiochia und ganz Judäa war er erfüllt von Freude und Heiligem Geist, während er das Wort Gottes verbreitete. Ein solcher Eifer stachelt uns an: das ist eine große Herausforderung für uns! Diese Jünger und Missionare, die Jesus, dem Sohn Gottes, begegnet waren, die durch ihn den barmherzigen Vater erkannt haben und die vom Heiligen Geist gedrängt in alle geographischen, sozialen und exis­tentiellen Peripherien aufgebrochen sind, um Zeugnis zu geben von der Liebe: sie fordern uns heraus! Zuweilen bleiben wir bei der genauen Untersuchung ihrer Stärken und vor allem ihrer Schwächen und Fehler stehen. Aber ich frage mich, ob wir heute in der Lage sind, mit derselben Großherzigkeit und demselben Mut auf den Ruf Gottes zu antworten, der uns einlädt, alles zu verlassen – alles zu verlassen! –, um ihn anzubeten, ihm zu folgen, ihn in den Gesichtern der Armen zu finden, ihn denen zu verkünden, die Christus nicht kennen und deshalb seine Barmherzigkeit noch nicht erfahren haben. Das Zeugnis von Fra Junípero ruft uns auf, uns persönlich in die Kontinentalmission einzubringen, die ihre Wurzeln in der Freude des Evangeliums, »Evangelii gaudium«, hat.

Zweitens vertraute Fra Junípero sein missionarisches Wirken der Jungfrau Maria an. Wir wissen, dass er vor seiner Abreise nach Kalifornien sein Leben in Guadalupe der Jungfrau Maria weihte und sie für die Mission, die er begann, um die Gnade bat, die Herzen der Kolonisatoren und der einheimischen Bevölkerung zu öffnen. In diesem Bittgebet können wir immer noch den einfachen Ordemsbruder sehen, der vor der »Mutter des mismísimo Dios«, der »Morenita« niederkniet, die der Neuen Welt ihren Sohn gebracht hat. Das Bild Unserer Lieben Frau von Guadalupe war – und ist – in den 21 Missionen vorhanden, die Fra Junípero entlang der Kalifornischen Küste gründete. Von da an wurde Unsere Liebe Frau von Guadalupe in der Tat die Patronin des gesamten amerikanischen Kontinents. Sie ist vom Herzen des amerikanischen Volkes nicht zu trennen. Sie ist in der Tat die gemeinsame Wurzel dieses Kontinents. Die gemeinsame Wurzel dieses Kontinents, ja das ist sie. Die derzeitige Kontinentalmission ist ihr anvertraut, der ersten Jüngerin und Missionarin, konstante Gegenwart und Begleitung, Quelle des Trostes und der Hoffnung. Denn immer hört sie ihre amerikanischen Kinder und beschützt sie.

Drittens, Brüder und Schwestern, wollen wir das Zeugnis der Heiligkeit von Frau Junípero betrachten – er war einer der Gründerväter der Vereinigten Staaten, ein Heiliger der katholischen Welt und besonderer Schutzpatron der im Land lebenden Hispanics –, damit das gesamte amerikanische Volk die eigene Würde wiederentdeckt und seine Zugehörigkeit zu Christus und seiner Kirche immer weiter festigt.

In der universalen Gemeinschaft der Heiligen, und insbesondere im Kranz der amerikanischen Heiligen, möge uns Fra Junípero Serra begleiten und Fürsprache für uns halten, gemeinsam mit den vielen anderen heiligen Männern und Frauen, die sich durch unterschiedliche Charismen ausgezeichnet haben:

– Kontemplative wie Rosa da Lima, Mariana di Quito und Teresita de los Andes;

– Hirten, die den Wohlgeruch Christi und den Geruch der Schafe ausströmten wie Toribio di Mogrovejo, François de Laval, Rafael Guizar Valencia;

– Demütige Arbeiter und Arbeiterinnen im Weinberg des Herrn wie Juan Diego und Kateri Tekakwhita;

– Diener und Dienerinnen der Armen und Ausgegrenzten wie Pedro Claver, Martín de Porres, Damián de Molokai, Alberto Hurtado und Rose Philippine Duchesne;

– Gründerinnen von Gemeinschaften Gottgeweihter im Dienst an Gott und den Ärmsten wie Francesca Cabrini, Elizabeth Ann Seton und Catalina Drexel;

– Unermüdliche Missionarinnen und Missionare wie Fray Francisco Solano, José de Anchieta, Alonso de Barzana, María Antonia de Paz y Figueroa, José Gabriel del Rosario Brochero;

– Märtyrer wie Roque González, Miguel Pro e Oscar Arnulfo Romero;und viele andere Heilige und Märtyrer, die ich jetzt nicht aufzähle, die aber vor dem Herrn für ihre Brüder und Schwestern beten, die noch Pilger in jenen Ländern sind. Es gab Heiligkeit in Amerika! Sehr viel ausgesäte Heiligkeit…

Möge ein kraftvolles Wehen der Heiligkeit das kommende außerordentliche Jubiläumsjahr der Barmherzigkeit in ganz Amerika durchziehen! Im Vertrauen auf die Verheißung Jesu, die wir heute im Evangelium gehört haben, wollen wir Gott um diese besondere Ausgießung des Heiligen Geistes bitten.

Bitten wir den Auferstandenen, den Herrn der Geschichte, dass das Leben unseres amerikanischen Kontinents immer tiefer im Evangelium verwurzelt sein möge, das er empfangen hat; dass Christus immer mehr gegenwärtig sein möge im Leben der Einzelnen, der Familien, der Völker und der Nationen, und nicht durch die Macht, zur größeren Ehre Gottes.

Und diese Ehre zeige sich in der Kultur des Lebens, in der Brüderlichkeit, in der Solidarität, in Frieden und Gerechtigkeit, verbunden mit einer tatkräftigen Vorliebe für die Ärmsten, durch das christliche Zeugnis der verschiedenen Gemeinschaften und Konfessionen, gemeinsam mit den Gläubigen anderer religiöser Traditionen und allen Menschen aufrichtigen Gewissens und guten Willens. O Herr Jesus, wir sind nur deine Jünger und Missionare, deine demütigen Mitarbeiter, damit dein Reich komme!

Und mit dieser Anrufung im Herzen erbitte ich die Fürsprache Unserer Lieben Frau von Guadalupe und auch von Fra Junípero und den anderen heiligen Männern und Frauen Amerikas, damit sie mich auf meinen kommenden Apostolischen Reisen nach Süd- und Nordamerika führen und leiten mögen. Darum bitte ich euch alle, weiterhin für mich zu beten.

Abschließender Gruß:

Ich möchte von Herzen danken für eure Einladung und für den Empfang in diesem Päpstlichen Nordamerikanischen Kolleg. Sehr herzlich grüße ich den Rektor und alle, die hier wohnen, sowie die nordamerikanischen Priester, die an der Römischen Kurie arbeiten, die in Rom studieren oder an diesem Ort ihr Sabbatjahr verbringen.

Ich bin den Kardinälen und Bischöfen, die konzelebriert haben, sehr dankbar, und insbesondere möchte ich meinen herzlichsten Dank zum Ausdruck bringen für die Anwesenheit von Erzbischof Joseph Edward Kurtz, Präsident der Bischofskonferenz der Vereinigten Staaten, und von José Horacio Gómez, Erzbischof von Los Angeles.

Diese Begegnung in eurem Kolleg und am Tisch der Eucharistie ist ein schönes und bedeutsames Vorspiel vor meiner Apostolischen Reise in die Vereinigten Staaten von Amerika.

(Orig. ital. in O.R. 2./3.5.2015)