PAPST PAUL VI.: MAHNSCHREIBEN „ÜBER DIE VERSÖHNUNG IN DER KIRCHE“

262_paolovi1

APOSTOLISCHES SCHREIBEN

«PATERNA CUM BENEVOLENTIA»

„ÜBER DIE VERSÖHNUNG IN DER KIRCHE“

APOSTOLISCHES SCHREIBEN SEINER HEILIGKEIT PAPST PAULS VI.
AN DEN EPISKOPAT, DEN KLERUS UND DIE GLÄUBIGEN
DER GANZEN WELT ÜBER DIE VERSÖHNUNG IN DER KIRCHE

 

Ehrwürdige Brüder und geliebte Söhne, Gruß und Apostolischen Segen!

In Liebe, Vertrauen und Hoffnung wenden wir uns an euch  alle, Mitbrüder im Bischofsamt, geliebte Priester, Ordens­leute und katholische Laien, zu der nunmehr beginnenden Feier des Heiligen Jahres in Rom, wo die Basiliken der Apostel sind, nachdem ihr in Andacht, Einmütigkeit und gemeinsamem Bemühen das Jubiläum in den einzelnen Ortskirchen gefeiert habt.

Dieser Augenblick ist von großer Bedeutung für die ganze Welt, die auf die Kirche blickt, für die Söhne und Töchter der Kirche selbst, die sich des Reichtums ihres Geheimnisses der Heiligkeit und Gnade bewußt sind, den das jüngste Konzil in das rechte Licht gerückt hat. Deshalb richten wir an euch eine eindringliche Einladung zur Liebe, zum gegenseitigen Einver­nehmen im Geiste der Versöhnung, der dem Heiligen Jahr eigen ist, im Band der einen Liebe Christi.

Seit wir am 9. Mai 1973 unseren Entschluß bekanntgaben, im Jahre 1975 das Heilige Jahr zu feiern, haben wir auf das Hauptziel dieser religiösen Feier mit ihrem Bußcharakter hin­gewiesen: die Versöhnung. Auf der Grundlage der Versöhnung mit Gott und der inneren Erneuerung des Menschen sollen die Spaltungen und die Unordnung, unter denen die Menschheit und selbst die kirchliche Gemeinschaft heute leiden, behoben werden.1

1 Vgl. AAS 65, 1973, S. 323 f.

Nachdem dann durch unsere Entscheidung die Feier des Jubeljahres in den Ortskirchen an Pfingsten 1973 begonnen hatte, ließen wir keine Gelegenheit vorübergehen, seinen Ver­lauf mit unseren katechetischen und pastoralen Unterweisungen sowie mit eindringlichen Hinweisen auf die obengenannte Ziel­setzung zu begleiten, die nach unserer Überlegung in vollkom­menem Einklang steht mit dem echten Geist des Evangeliums und den Richtlinien zur Erneuerung, die vom II. Vatikani­schen Konzil für die gesamte Kirche erlassen worden sind.

Die Kirche ist von Christus eingesetzt als bleibendes Zeugnis für die durch ihn in Erfüllung des Willens des Vaters 2 voll­brachte Versöhnung, und sie hat den Auftrag, „Gott den Vater und seinen menschgewordenen Sohn präsent und sozusagen sichtbar zu machen, indem sie sich selbst unter Führung des Heiligen Geistes unaufhörlich erneuert und läutert“.3 Damit dieser Aufgabe immer besser entsprochen werde, glaubten wir, darauf hinweisen zu müssen, wie dringlich es ist, daß alle in der Kirche „die Einheit im Geiste durch das Band des Frie­dens“ (Eph 4, 3) fördern.

Da nun also das Fest der Geburt des Herrn bevorsteht — das von uns festgesetzte Datum für die Eröffnung des Allge­meinen Jubiläums in Rom 4 —, richten wir dieses unser Mahn­schreiben an die Hirten und Gläubigen der Kirche, damit alle die Versöhnung mit Gott und den Mitmenschen verwirklichen und fördern, und das kommende Weihnachtsfest des Heiligen Jahres für die Welt wirklich das „Geburtsfest des Friedens“ 5 werde, wie es das Geburtsfest des Erlösers ist.

1. Die Kirche – eine versöhnte und versöhnende Welt

Die Kirche ist sich von Anfang an der Umwandlung bewußt gewesen, die durch das Erlösungswerk Christi bewirkt wurde, und sie hat voll Freude verkündet, daß die Welt eine grund­legend neue Wirklichkeit geworden ist (vgl. 2 Kor 5, 17), in

2 Vgl. Lumen gentium, Nr. 3: AAS 57, 1965, S. 6.

3 Gaudium et spes, Nr. 21: AAS 58, 1966, S. 1041.

4 Vgl. Bulle Apostolorum limina, 23. Mai 1974: AAS 66, 1974, S. 306.

5 LEO D. GR., Serm 26, 5: PL 54, 215.

der die Menschen Gott und die Hoffnung wiedergefunden ha­ben (vgl. Eph 2, 12) und nunmehr der Herrlichkeit Gottes teilhaft geworden sind „durch unseren Herrn Jesus Christus, durch den wir jetzt die Versöhnung empfangen haben“ (Röm 5, 11).

Dieses Neue ist ausschließlich dem barmherzigen Eingreifen Gottes zu verdanken (vgl. Röm 6, 11; 2 Kor 5, 18-20; Kol 1, 20-22) und kam dem Menschen entgegen, der sich durch eigene Schuld von Gott entfernt hatte und den Frieden mit seinem Schöpfer nicht mehr wiederfinden konnte.

Dieser göttliche Plan ist durch das Handeln von Gott selbst verwirklicht worden. Denn er hat uns nicht nur einfach ver­ziehen, noch bediente er sich eines einfachen Menschen als Vermittler zwischen uns und ihm, sondern er bestellte seinen „eingeborenen Sohn als Mittler des Friedens“.6 „Er hat den, der von der Sünde nichts wußte, für uns zum Träger der Sünde gemacht, damit uns durch ihn Gottes Gerechtigkeit zuteil werde“ (2 Kor 5, 21). In der Tat hat Christus, als er für uns starb, „die Schuldschrift, die uns mit ihrer Anklage belastete, ausgelöscht und vernichtet, da er sie ans Kreuz heftete“ (Kol 2, 14) ; und durch das Kreuz hat er uns mit Gott versöhnt, „indem er in seiner Person die Feindschaft tilgte“ (Eph 2, 16).

Die Versöhnung, die von Gott in Christus, dem Gekreuzig­ten, verwirklicht wurde, ist in die Weltgeschichte eingeschrie­ben, die unter den Ereignissen, die nicht mehr rückgängig ge­macht werden können, auch die Tatsache zählt, daß Gott Mensch geworden und gestorben ist, um den Menschen zu retten. Diese Tatsache findet bleibenden geschichtlichen Aus­druck im Leibe Christi, der die Kirche ist. In sie ruft der Sohn Gottes „seine Brüder aus allen Völkern“ 7 zusammen und, so­fern er ihr Haupt ist (vgl. Kol 1, 18), ist er in ihr das Prinzip der Autorität und des Handelns, das sie auf Erden zu „einer versöhnten Welt“ 8 macht.

Da die Kirche der Leib Christi und Christus „der Erlöser seines Leibes“ (Eph 5, 23) ist, müssen alle, um würdige Glieder dieses Leibes zu sein, in Treue zu ihrer Verpflichtung als Chri‑

6 THEODORET V. KYR., Epist. II ad Cor: PG 82, 411 A.
7 Lumen gentium, Nr. 7: AAS 57, 1965, S. 9.
8 Augustinus, Serm 96, 7, 8: PL 38, 588.

sten dazu beitragen, daß er erhalten bleibe in seiner ursprüng­lichen Natur als einer Gemeinschaft von Versöhnten, die sich von Christus, unserem Frieden (vgl. Eph 2, 14), herleitet, „der bewirkt, daß wir versöhnt sind“9 Denn die Versöhnung ist, wenn sie einmal empfangen wurde, wie die Gnade und das Leben, ein Anstoß und eine Kraft, die jene, die sie empfangen, zu Friedensstiftern und Friedensvermittlern umwandelt. Für jeden Christen lautet der Beweis seiner Echtheit in Kirche und Welt: „Beginne mit dem Frieden bei dir, damit du dann, den Frieden selbst besitzend, ihn auch anderen bringst“.10

Die Verpflichtung zur Versöhnung geht alle und jeden ein­zelnen Gläubigen persönlich an; ohne deren Erfüllung bliebe sogar das Opfer, das sie beim Gottesdienst darbringen wollen, ohne Wirkung (vgl. Mt 5, 23 ff.). Denn die Versöhnung unter­einander hat teil an dem inneren Wert dieses Opfers und bildet mit ihm eine einzige Opfergabe, die Gott wohlgefällig ist.11 Damit ferner diese Verpflichtung tatsächlich erfüllt werde und die Versöhnung, die sich im Inneren des Herzens vollzieht, auch öffentlichen Charakter habe wie der Tod Christi, der sie vermittelt, hat der Herr den Aposteln und den Hirten der Kirche, ihren Nachfolgern, „das Amt der Versöhnung“ (2 Kor 5, 18) übertragen. Deshalb sind sie, „gleichsam an Christi Stelle“,12 auf bleibende Weise damit beauftragt, „ihre Herde in Wahrheit und Heiligkeit aufzubauen“.13

Die Kirche ist also, weil sie „eine ausgesöhnte Welt“ ist, von ihrem Ursprung her stets auch eine versöhnende Wirklich­keit und stellt als solche die Anwesenheit und das Handeln Gottes dar, „der in Christus die Welt mit sich versöhnt“ (2 Kor 5, 19). Dies kommt vor allem bei der Taufe, der Vergebung der Sünden und bei der Eucharistiefeier zum Ausdruck, die die Vergegenwärtigung des Opfertodes Christi und wirksames Zei­chen der Einheit des Gottesvolkes ist.14

9 HIERONYMUS, In Epist ad Eph 1, 2; PL 26, 504.

10 AMBROSIUS, In Luc 5, 58: PL 15, 1737.

11 Vgl. JOHANNES CHRYS., In Matth, Homil. 16, 9: PG 57, 250; Isidor Pelus., Epist 4, 111: PG 78, 1178;          NIKOLAUS CAVASILAS, Expl. div. Liturg., 26, 2: Sourc. Chret. 4 bis, S. 171.

12 CYRILLUS V. ALEX., In Epist II ad Cor: PG 74, 943 D.

13 Lumen gentium, Nr. 27: AAS 57, 1965, S. 32.

14 Vgl. Lumen gentium, Nr. 11: AAS 57, 1965, S. 15.

 

2. Die Kirche – Sakrament der Einheit

Die Versöhnung ist in ihrem doppelten Aspekt, der Wie­dererlangung des Friedens zwischen Gott und den Menschen sowie der Menschen untereinander, die erste Frucht der Erlö­sung. Wie bei der Erlösung selbst, ist die Kraft der Versöhnung ohne Grenzen und erfaßt alles, also die ganze Schöpfung „bis zur Zeit, da alles wiederhergestellt ist“ (Apg 3, 21), wenn alle Geschöpfe erneut Christus, dem Erstgeborenen der von den Toten Auferstandenen (vgl. Kol 1, 18), begegnen werden.

Weil diese Versöhnung ihren bevorzugten Ausdruck und ihre größte Fülle in der Kirche findet, ist diese „gleichsam das Sa­krament oder Zeichen und Werkzeug der innigsten Vereinigung mit Gott und der Einheit des gesamten Menschengeschlech­tes“.15 Sie ist nämlich der Ort, wo die Vereinigung der Men­schen mit Gott und ihre Einheit untereinander aufleuchten, die am Ende der Welt ihre Vollendung finden werden, nachdem sie in der Zeit in fortschreitender Weise verwirklicht worden sind.

Um diese ihre Sakramentalität, die wesentlich zu ihr gehört, voll zum Ausdruck zu bringen, ist es notwendig, daß die Kir­che, wie es für jedes Sakrament gefordert wird, hinweisendes Zeichen ist; daß sie nämlich jene Einheit und Übereinstimmung in Lehre, Leben und Kult verwirklicht, die ihre ersten Tage gekennzeichnet haben (vgl. Apg 2, 42) und die für immer ihr wesentliches Kennzeichen bleiben (vgl. Eph 4, 4-6; 1 Kor 1, 16). Diese Einheit — im Gegensatz zu jeder Teilung, die den Zusammenhalt ihres Gefüges beeinträchtigen würde — kann ihre Zeugniskraft nur erhöhen, enthüllt die Gründe ihrer Exi­stenz und läßt ihre Glaubwürdigkeit heller erstrahlen.

Deshalb müssen alle Gläubigen, um an den Plänen Gottes in der Welt mitzuwirken, in der Treue zum Heiligen Geist verharren. Er eint die Kirche „in der Gemeinschaft und im Dienst“, und „in der Kraft des Evangeliums verjüngt er sie; … er erneuert sie beständig und führt sie zur vollendeten Ver‑

15 Lumen gentium, Nr. 1: AAS 57, 1965, S. 5.

einigung mit ihrem Bräutigam“.16 Diese Treue kann nur glück­liche ökumenische Auswirkungen haben bei der Suche nach der sichtbaren Einheit aller Christen in der von Christus fest­gesetzten Weise in ein und derselben Kirche, die so noch wirk­samer Sauerteig des brüderlichen Zusammenlebens in der Ge­meinschaft der Völker sein wird.

3. Verdunkelung der Sakramentalität der Kirche

Und dennoch, „obwohl die Kirche in der Kraft des Heili­gen Geistes die treue Braut des Herrn geblieben ist und niemals aufgehört hat, das Zeichen des Heiles in der Welt zu sein, so weiß sie doch klar, daß unter ihren Gliedern, ob Klerikern oder Laien, im Laufe so vieler Jahrhunderte immer auch Untreue gegen den Geist Gottes sich fand“.17

In der Tat, „in dieser einen und einzigen Kirche Gottes sind schon von den ersten Zeiten an gewisse Spaltungen ent­standen, die der Apostel aufs schwerste tadelt und verurteilt“.18 Als dann die bekannten Spaltungen erfolgten, die man nicht einzudämmen verstand, überwand die Kirche diese Situation innerer Meinungsverschiedenheit, indem sie als unerläßliche Bedingung für die Gemeinschaft jene Prinzipien erneut bekräf­tigte, die es ihr ermöglichten, ihre Einheit unversehrt zu be­wahren, und gestatteten, diese „im Bekenntnis des einen Glau­bens, in der gemeinsamen Feier des Gottesdienstes und in der brüderlichen Eintracht der Gottesfamilie“ 19 zum Ausdruck zu bringen.

Aber gleichermaßen gefährlich erscheinen die Ansätze der Untreue gegen den Heiligen Geist, die sich in unseren Tagen hier und da in der Kirche finden und sie leider von innen her zu bedrohen versuchen; sie erfordern diese Richtigstellung und diesen Aufruf zur Einheit. Die Förderer und Opfer dieses Pro­zesses, die in Wirklichkeit nicht sehr zahlreich sind im Ver­gleich zu der übergroßen Mehrheit der Gläubigen, beanspru‑

16 Lumen gentium, Nr. 4: AAS 57, 1965, S. 7.

17 Gaudium et spes, Nr. 43: AAS 58, 1969, S. 1064.

18 Unitatis redintegratio, Nr. 3: AAS 57, 1965, S. 92.

19 Unitatis redintegratio, Nr. 2: AAS 57, 1964, S. 92.

chen, in der Kirche zu bleiben mit denselben Rechten und den gleichen Möglichkeiten zu sprechen und zu handeln wie die anderen, um gegen die Einheit der Kirche vorzugehen. Weil sie in der Kirche keine einheitliche Wirklichkeit anerkennen, die sich aus einem einfachen Element ergibt, dem menschlichen und dem göttlichen, analog zum Geheimnis des menschgewor­denen Wortes, das sie „als Gemeinschaft des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe hier auf Erden als sichtbares Gefüge“ konstituiert und durch dessen Vermittlung Christus „Wahrheit und Gnade auf alle ausgießt“,20 widersetzen sie sich der Hie­rarchie, gleichsam als ob jeder Akt solchen Widerspruches ein grundlegendes Element der Wahrheit sei, das uns die Kirche wiederentdecken läßt, so wie sie Christus gegründet hat. Sie stellen die Pflicht des Gehorsams in Frage gegenüber der Auto­rität, die der Erlöser gewollt hat. Sie klagen die Hirten der Kirche an, nicht so sehr dessentwegen, was sie tun oder wie sie es tun, sondern einfach, weil sie nach ihrer Meinung die Hüter eines Systems oder kirchlichen Apparates sind, der mit der Einrichtung Christi im Widerspruch steht. Auf diese Weise bringen sie Verwirrung in die gesamte Gemeinschaft und führen die Ergebnisse dialektischer Theorien ein, die dem Geiste Chri­sti fremd sind. Beim Gebrauch der Worte des Evangeliums verdrehen sie deren Bedeutung. Mit Schmerz beobachten wir diese Lage der Dinge, wenngleich sie, wie wir schon sagten, einen sehr kleinen Kreis im Vergleich zu der großen Zahl der treuen Christen betrifft. Wir können aber nicht umhin, mit der gleichen Entschiedenheit wie der hl. Paulus gegen diesen Mangel an Loyalität und gerechtem Empfinden einzuschreiten. Wir appellieren an alle Christen guten Willens, sich nicht be­eindrucken oder irreleiten zu lassen durch den unzulässigen Druck dieser leider irregegangenen Mitbrüder, deren wir den­noch stets im Gebete gedenken und die unserem Herzen nahe sind.

Was uns betrifft, stellen wir erneut fest, daß die einzige Kir­che Christi, „in dieser Welt als Gesellschaft verfaßt und geord­net, verwirklicht ist in der katholischen Kirche, die vom Nach­folger Petri und von den Bischöfen in Gemeinschaft mit ihm

20 Lumen gentium, Nr. 8: AAS 57, 1965, S. 11.

geleitet wird. Das schließt nicht aus, daß außerhalb ihres Ge­füges vielfältige Elemente der Heiligung und der Wahrheit zu finden sind“.21 Wir stellen auch fest, daß diese Hirten der Kir­che, die dem Volke Gottes in seinem Namen vorstehen, das Recht und die Pflicht haben, mit der Demut dienender Men­schen, aber auch mit dem Freimut der Apostel, deren Nach­folger sie sind (vgl. Apg 4, 31), zu verkünden: „Solange wir auf diesem Bischofsstuhl sind, solange wir den Vorsitz führen, sind wir im Besitz sowohl der Autorität wie auch der Kraft, wenngleich wir dessen unwürdig sind“.22

4. Bereiche, in denen das sakramentale
Wesen der Kirche verdunkelt wird

Der Prozeß, den wir beschrieben haben, nimmt die Form abweichender Lehren an, die sich auf den theologischen Plu­ralismus berufen und nicht selten bis zu einem dogmatischen Relativismus vorangetrieben werden, der auf verschiedene Weise der Reinheit des Glaubens schadet. Und wenn man auch den erwähnten Pluralismus nicht bis zum dogmatischen Relativismus vorantreibt, so wird dieser Pluralismus zuweilen als berechtigter „locus theologicus“ (theologische Meinung) betrachtet, so daß man Stellungnahmen gegen das authentische Lehramt sogar des Papstes und der Hierarchie der Bischöfe beipflichtet, die die einzigen maßgeblichen Lehrer der göttli­chen Offenbarung sind, welche in der mündlichen Überliefe­rung und in der Heiligen Schrift enthalten ist.23

Dem Pluralismus der Forschung und der Auffassungen, der auf verschiedene Weise das Dogma untersucht und darlegt, ohne aber seine eigentliche objektive Bedeutung zu ersetzen, räumen wir in der Kirche eine Daseinsberechtigung ein. Er ist ein natürlicher Bestandteil ihrer Katholizität wie auch Zeichen kulturellen Reichtums und persönlicher Verpflichtung für alle, die ihr angehören. Wir anerkennen auch die unschätzbaren Werte, die durch ihn in den Bereich der christlichen Spiritua‑

21 Lumen gentium, Nr. 8: AAS 57, 1965, S. 12.

22 JOHANNES CHRYS., In Epist. ad Coloss, Homil. 3, 5: PG 62, 324.

23 Dei Verbum, Nr. 10: AAS 58, 1966, S. 822.

lität, der kirchlichen und religiösen Institutionen wie auch in jenen der liturgischen Ausdrucksformen und der disziplinari­schen Richtlinien vermittelt wurden, Werte, die beitragen zu „jener einträchtigen Vielfalt“, die „die Katholizität der un­geteilten Kirche in besonders hellem Licht aufzeigt“ 24

Wir geben sogar zu, daß ein ausgewogener theologischer Pluralismus im Geheimnis Christi selbst sein Fundament hat, dessen unergründliche Reichtümer (vgl. Eph 3, 8) die Aus­drucksfähigkeiten aller Epochen und aller Kulturen übersteigen. Die Glaubenslehre, die sich von diesem Geheimnis notwendi­gerweise herleitet — denn in der Heilsordnung „gibt es kein anderes Geheimnis Gottes als nur Christus“ 25 —, verlangt folglich immer neue Untersuchungen. In der Tat sind die Aspekte des Gotteswortes überaus vielfältig wie auch die Er­klärungen der Gläubigen, die es erforschen,26 so daß die Über­einstimmung in dem gleichen Glauben bei der Zustimmung des einzelnen niemals frei ist von persönlichen Besonderheiten. Gleichwohl beeinträchtigen die verschiedenen Auffassungen im Verständnis des gleichen Glaubens nicht seinen wesentlichen Inhalt, weil sie geeint sind in der Bejahung des Lehramtes der Kirche. Während dieses als nächste Norm bindend ist für den Glauben aller, schützt es auch alle gegen die subjektive Will­kür jeder anderslautenden Interpretation des Glaubens.

Was aber soll man von dem Pluralismus sagen, der den Glauben und seine Ausdrucksweise nicht als ein gemeinschaftli­ches und damit kirchliches Erbe betrachtet, sondern als Ergeb­nis der freien Kritik und der freien Prüfung des Wortes Gottes durch einzelne ? Ohne die Vermittlung des Lehramtes der Kir­che, dem die Apostel ihr eigenes Lehramt anvertraut haben 27 und das deshalb „nichts anderes lehrt, als was überliefert ist“,28 ist auch die sichere Verbindung mit Christus durch die Apo­stel gefährdet, die „das weitergeben, was sie selbst empfangen haben“.29 Wenn einmal das Verharren in der von den Aposteln überlieferten Lehre in Frage gestellt ist, geschieht es, daß man

24 Lumen gentium, Nr. 23: AAS 57, 1965, S. 29.

25 AUGUSTINUS, Epist 187, 11, 34: PL 33, 845.

26 Vgl. EPHRÄM D. SYR., Comment. Evang. concord. 1, 18: Sourc. chrét. 121, S. 52.

27 Vgl. Dei Verbum, Nr. 7: AAS 58, 1966, S. 820.

28 Dei Verbum, AAS 58, 1966, S. 822.

29 Dei Verbum, Nr. 8: AAS 58, 1966, S. 820.

vielleicht in der Absicht, die Schwierigkeiten des Geheimnisses zu beseitigen, Formeln von trügerischer Verständlichkeit sucht, die den wirklichen Inhalt auflösen; auf diese Weise gelangt man zu Lehren, die nicht zum objektiven Bestand des Glau­bens gehören oder ihm sogar entgegengesetzt sind und darüber hinaus in einem Gefüge von auch untereinander widersprüch­lichen Auffassungen stehen.

Man darf ferner nicht übersehen, daß jedes Nachgeben be­züglich der Identität des Glaubens auch ein Nachlassen in der gegenseitigen Liebe mit sich bringt.

Diejenigen nämlich, welche die Freude verloren haben, die aus dem Glauben kommt (vgl. Phil 1, 25), werden dazu ver­leitet, sich von einander Ruhm zu erbetteln und nicht den zu suchen, der allein von Gott kommt (vgl. loh 5, 44), was die brüderliche Gemeinschaft nachteilig beeinflußt.

Die Gesinnung der Kirche, die allen die gleiche Würde und Freiheit der Kinder Gottes 30 zuerkennt, kann nicht durch den Geist von Einzelgruppen ersetzt werden, der zu diskriminieren­den Urteilen und Meinungen führt, wobei die Liebe auch ihres natürlichen Haltes beraubt wird, nämlich der Gerechtigkeit. Es wäre ein eitler Versuch, die kirchliche Gemeinschaft nach dem Modell der Aufgliederung in Gruppen verbessern zu wollen.

Müssen wir uns vielmehr nicht alle durch das Evangelium vervollkommnen ? Und wo zeigt dieses seine innerlich wirkende göttliche Kraft, wenn nicht in der Kirche mit dem gemeinsa­men Beitrag wirklich aller Gläubigen ?

Schließlich wirkt sich dieser Gruppengeist auch negativ auf die notwendige Übereinstimmung im Kult und Gebet aus und führt zu einer Isolierung, die vom Geist der Anmaßung be­stimmt ist, der sicher nicht biblisch ist und die Rechtfertigung vor Gott verhindert (vgl. Lk 18, 10-14).

Wir bemühen uns, die Wurzel dieser Situation zu verstehen, und vergleichen sie mit der analogen Situation, in der sich die heutige bürgerliche Gesellschaft befindet, die in einander ent­gegengesetzte Gruppen aufgesplittert ist. Leider scheint auch die Kirche ein wenig die Auswirkungen einer solchen Lage zu spüren. Und doch darf sie sich nicht das zu eigen machen, was

30 Lumen gentium, Nr. 9: AAS 57, 1965, S. 13.

eher ein pathologischer Zustand ist. Die Kirche muß ihren ursprünglichen Charakter einer in der Verschiedenheit ihrer Glieder geeinten Familie bewahren. Sie muß sogar der Sauer­teig sein, der der Gesellschaft hilft, auf ihre Herausforderungen zu reagieren, so wie man von den ersten Christen gesagt hat: „Seht, wie sie einander lieben“.31 Mit diesem Bild der ersten Gemeinde vor Augen — gewiß kein idyllisches Bild, doch eines, das durch die Prüfung und das Leiden gereift ist — fordern wir alle auf; die unrechtmäßigen und gefährlichen Unterschiede zu überwinden, um uns wieder als Brüder anzuerkennen, die die Liebe Christi eint.

5. Polarisierung der unterschiedlichen Meinungen

Die inneren Gegensätze in den verschiedenen Bereichen des kirchlichen Lebens führen, wenn sie sich zu einem Zustand der Absonderung verfestigen, dazu, der einen Institution und Ge­meinschaft des Heiles eine Vielheit von „Institutionen und Ge­meinschaften mit abweichenden Meinungen“ entgegenzustellen, die der Natur der Kirche nicht entsprechen. Durch die Bildung entgegengesetzter Gruppen und Parteien, die auf miteinander nicht zu vereinbarenden Positionen beharren, würde sogar das konstitutionelle Gefüge in der Kirche verloren gehen. Es kommt also zu einer „Polarisierung der Meinungsverschiedenheiten“, auf Grund derer sich dann das ganze Interesse auf die ent­sprechenden Gruppen konzentriert, die praktisch eigenständig sind und von denen eine jede glaubt, Gott die Ehre zu geben. Diese Situation trägt die Keime der Auflösung in sich und führt diese, soweit das möglich ist, auch in die kirchliche Gemein­schaft.

Wir wünschen jedoch von Herzen, daß die Stimme des Ge­wissens die einzelnen zur Besinnung bringt und sie zu einer besonneneren Entscheidung führt. Dazu ermahnen wir alle und jeden einzelnen: „Prüfe das innerste Geheimnis deines Herzens und erforsche sorgfältig die vielen Kammern und Winkel in

31 TERTULLIAN, Apologeticum XXXI, 7, Corpus Christianorum Series Latina I, 1, Turnholti 1954, S. 151.

deiner Seele“.32 In jedem möchten wir die Sehnsucht nach dem neu erwecken, was er verloren hat: „Bedenke also, von welcher Höhe du gefallen bist; kehre um und handle wieder wie früher“ (vgl. Offb 2, 5). Wir möchten jeden ermahnen, das wunderbare Wirken zu überdenken, das sich in ihm ereignet hat, und dessen Erfordernissen im Angesicht des Herrn inne zu werden: „Nichts soll nämlich der Christ so fürchten, wie vom Leibe Christi getrennt zu werden. Wenn er nämlich vom Leibe Christi getrennt wird, ist er nicht mehr sein Glied; wenn er nicht mehr sein Glied ist, wird er nicht mehr durch seinen Geist belebt. Wer aber, so sagt der Apostel, Christi Geist nicht mehr hat, der gehört nicht mehr zu ihm“.33

6. Ethik und Dynamik der Versöhnung

Es ist deshalb für die Kirche lebensnotwendig, daß alle, Bischöfe, Priester, Ordensleute und Laien, sich um vollkom­mene Versöhnung bemühen, damit in allen und unter allen der Friede wiederhergestellt werde, der der „Ernährer der Liebe und der Vater der Einheit“ 34 ist. Es zeige sich daher jeder immer mehr als ein gelehriger Jünger des Herrn, der die Versöhnung unter uns zur Bedingung unserer Vergebung durch den Vater macht (vgl. Mk 11, 26) und die gegenseitige Liebe zur Bedingung dafür, daß wir als seine Jünger erkannt werden (vgl. Joh 13, 35). Wer sich in irgendeiner Weise in diesen Zu­stand der Zersplitterung verwickelt sieht, der kehre also um und höre auf die Stimme des Herrn, die ihn, gerade im Augen­blick, da er betet, unwiderstehlich bedrängt: „Geh hin und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder“ (Mt 5, 24).

Alle mögen zur selben Zeit, in verschiedenem Maße und auf verschiedene Weise entsprechend der Möglichkeit und dem Stand eines jeden erneut das Heilswerk Gottes uns gegenüber bedenken und sich darum bemühen, jenes Klima zu schaffen, das geeignet ist, damit die Versöhnung Wirklichkeit werde. Da wir durch die ausschließliche Initiative seiner Liebe mit

32 LEO D. GR., Tract. 84 bis, 2: Corpus Christ. 138 A, S. 530.

33 AUGUSTINUS, In Io Evang., 27, 6: PL 35, 1618.

34 LEO D. GR., Serm 26, 3: PL 54, 214.

ihm versöhnt worden sind, sei unser Verhalten durch Wohl­wollen und Barmherzigkeit geprägt, indem wir uns gegenseitig verzeihen, wie Gott in Christus uns verziehen hat (vgl. Eph 4, 31-32). Und da unsere Versöhnung sich aus dem Opfer Jesu Christi herleitet, der freiwillig für uns gestorben ist, sei das Kreuz, das als Großmast in der Kirche aufgerichtet worden ist, um sie auf ihrer Fahrt in der Welt 35 zu führen, die in­spirierende Kraft für unser Verhalten untereinander, damit alle wahrhaft christlich seien. In unserer Beziehung zu anderen soll niemals persönlicher Verzicht fehlen. Daraus wird sich eine brüderliche Öffnung zu den anderen hin ergeben in der Weise, daß man die Fähigkeiten jedes einzelnen gern anerkennt und allen zugestanden wird, ihren eigenen Beitrag zur Bereicherung der einen kirchlichen Gemeinschaft zu leisten, „so daß das Ganze und die einzelnen übrigen Teile zunehmen aus allen, die Gemeinschaft miteinander halten und zur Fülle der Einheit zusammenwirken“.36 In diesem Sinn kann man der Auffassung zustimmen, daß die richtig verstandene Einheit es jedem ge­stattet, seine eigene Persönlichkeit zu entfalten.

Diese Öffnung gegenüber den anderen, die vom Willen zum Verständnis und der Fähigkeit zum Verzicht getragen ist, wird jenen Akt der Liebe in einer beständigen und geordneten Weise zur vollen Auswirkung bringen, den uns der Herr aufgetragen hat, nämlich den der brüderlichen Zurechtweisung (vgl. Mt 18, 15). Da diese von jedem Gläubigen jedem Bruder im Glau­ben gegenüber geübt werden kann, vermag sie das gewöhnliche Mittel zu sein, um nicht wenige Meinungsverschiedenheiten zu beheben oder gar zu vermeiden.37 Sie hält den, der sie vor­nimmt, dazu an, den Balken aus dem eigenen Auge zu ent­fernen (vgl. Mt 7, 5), damit die Ordnung der Zurechtweisung nicht verkehrt werde.38 Somit ist deren Übung in ihrem eigent­lichen Anliegen auf die Heiligkeit gerichtet, die allein der Ver­söhnung ihre volle Entfaltung geben kann. Sie besteht nicht in einem gegenseitigen opportunistischen Einvernehmen, das selbst

35 Vgl. MAXIMUS V. T., Serm 37, 2: Corpus Christ, 23, S. 145.

36 Lumen gentium, Nr. 13: AAS 57, 1965, S. 17 L

37 Vgl. THOMAS, Summa theol. 1111, q. 33, a. 4: Opera omnia. Ed. Leon. Bd. VIII, S. 266.

38 Vgl. BONAVENTURA, In IV Sent., dist. 19, dub. 4: Opern omnia, ad Claras Aquas, Bd. IV, S. 512.

schlimmste Feindschaften verschleiern würde,39 sondern in der inneren Umkehr und in der einenden Liebe in Christus, die sich dann daraus ergibt und sich hautpsächlich im Sakrament der Versöhnung verwirklicht, also in der Buße, welche durch die Gläubigen „für ihre Gott zugefügten Beleidigungen von seiner Barmherzigkeit Verzeihung erhalten und zugleich mit der Kirche versöhnt werden, die sie durch die Sünde verwundet haben40,“ wenn nur „dieses … Heilssakrament … in ihrem ganzen Leben gleichsam als Wurzel wirksam ist und sie zu einem eifrigeren Dienst Gott und den Brüdern gegenüber an­treibt“ 41

Es bleibt jedoch die Tatsache, daß „bei der Auferbauung des Leibes Christi die Verschiedenheit der Glieder und der Aufgaben waltet“ 42 und daß diese Verschiedenheit unvermeid­bare Spannungen verursacht. Spannungen gibt es auch bei den Heiligen, jedoch „nicht solche, die die Eintracht zerstören, die Liebe aufheben“.43 Wie kann man verhindern, daß sie in un­heilbare Spaltungen ausarten? Gerade aus der Verschiedenheit der Personen und Aufgaben erwächst das sichere Prinzip für den kirchlichen Zusammenhalt. Erster und unersetzlicher Be­standteil in dieser Verschiedenheit sind nämlich die Hirten der Kirche, die von Christus als seine Boten bei den übrigen Gläu­bigen bestellt wurden und dafür mit einer Autorität ausgestattet sind, die alle Standpunkte und Meinungen der einzelnen über­steigt und alle in der Unversehrtheit des Evangeliums vereint, das ja gerade das „Wort der Versöhnung“ (vgl. 2 Kor 5, 18-20) ist. Die Autorität, mit der sie es verkünden, gründet nicht in der Annahme durch die Menschen, sondern in der Beauftragung durch Christus (vgl. Mt 28, 18; Mk 16, 15-16; Apg 26, 17 f). Da also derjenige, der sie hört oder sie verachtet, Christus hört oder verachtet und den, der ihn gesandt hat (vgl. Lk 10, 16), ist der von den Gläubigen der Autorität der Hirten ge­schuldete Gehorsam eine Forderung, die sich unmittelbar aus ihrem Christsein ergibt.

39 HIERONYMUS, Contra Pelagian, 2, 11: PL 23, 546.

40 Lumen gentium, Nr. 11: AAS 57, 1965, S. 15.

41 Ordo Paenitentiae, Praenotanda, Nr. 7, Typis Polyglottis Vaticanis 1974, S. 14.

42 Lumen gentium. Nr. 7: AAS 57, 1965, S. 10.

43 AUGUSTINUS, Enarrat. in Ps 33, 19: PL 36, 318.

Die Hirten der Kirche stehen andererseits in einer einzigen und ungeteilten Gemeinschaft mit dem Nachfolger Petri und unter seiner Leitung. Deshalb hängt von der einmütigen Wahr­nehmung und von der gläubigen Annahme ihres Amtes die Einheit des Glaubens und der Gemeinschaft aller Gläubigen ab,44 die vor der Welt jene Versöhnung bezeugt, die Gott in seiner Kirche gewirkt hat. Darum möge die gemeinsame Bitte an den Erlöser Erhörung finden: „Stehe dem Kollegium der Bischöfe mit unserem Papst immer hilfreich zur Seite; schenke ihnen die Gaben der Einheit, der Liebe und des Friedens“.45 Mögen die Hirten der Kirche, die in hervorragender sichtbarer Weise Christus selbst vertreten und an seiner Statt handeln,“ im Volke Gottes jene Liebe nachahmen und ausbreiten, mit der er sich aufopfert, „die Kirche geliebt und sich für sie hin­gegeben hat“ (Eph 5, 25). Diese erneuerte Liebe der Hirten sei ein wirksames Beispiel für die Gläubigen, an erster Stelle für die Priester und Ordensleute, falls sie den Anforderungen ihres Amtes und ihrer Berufung nicht mehr voll entsprechen, damit alle in der Kirche „ein Herz und eine Seele“ (vgl. Apg 4, 32), sich wieder vorbehaltlos und „bereitwillig für das Evan­gelium des Friedens“ (Eph 6, 15) einsetzen.

Die Mutter Kirche sieht mit Schmerz, daß einige ihrer Söhne, die mit dem priesterlichen Dienst betraut oder durch andere besondere Berufung dem Dienst Gottes und der Brüder geweiht waren, sie verlassen. Sie findet jedoch Trost und Freude in der hochherzigen Beharrlichkeit derer, die ihren Verpflich­tungen Christus und der Kirche gegenüber treu geblieben sind. Getragen und gestärkt von den Verdiensten dieser großen Zahl, will sie den ihr zugefügten Schmerz in Liebe verwandeln, die alles verstehen und alles in Christus vergeben kann.

Schlußwort

Wir, die wir als Nachfolger Petri, gewiß nicht aufgrund unseres persönlichen Verdienstes, sondern kraft des uns über­tragenen apostolischen Auftrages, in der Kirche sichtbares

44 Vgl. Pastor aeternus, Proem.: DS 3050; Lumen gentium, Nr. 18: AAS 57, 1965, S. 22.

45 Liturgia Horarum, IV, Typis Polyglottis Vaticanis 1972, S. 513.

46 Vgl. Lumen gentium, Nr. 21: AAS 57, 1965, S. 25.

Prinzip und Fundament der Einheit ihrer Hirten wie auch der Schar der Gläubigen sind,'“ richten an euch unseren Aufruf; in uns und unter uns dieses höchste Gut der Versöhnung mit Gott wieder vollkommen herzustellen, damit die Kirche in der Welt ein wirksames Zeichen für die Gemeinschaft mit Gott und die Einheit zwischen allen seinen Geschöpfen sei. Dies ist eine Forderung unseres Glaubens an die Kirche selbst, „die wir im Glaubensbekenntnis als die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche bekennen“.“ Sie zu lieben, ihr zu folgen, sie aufzuerbauen, dazu ermahnen wir euch, indem wir uns die Worte des hl. Augustinus zu eigen machen: „Liebt diese Kirche, seid in dieser Kirche, seid diese Kirche“.“

Dies ist die Einladung, die wir mit diesem Mahnschreiben an alle unsere Söhne richten, insbesondere an diejenigen, wel­che die Verantwortung haben, die Brüder zu führen. Wir ha­ben gewollt, daß dieses Schreiben pastoral und voller Hoffnung sowie vom Geist des Friedens geprägt sei. Manch einem mag es vielleicht als streng erscheinen. Doch ist es aus einer gründ­lichen Betrachtung der Situation der Kirche einerseits und der unverzichtbaren Forderungen des Evangeliums andererseits hervorgegangen. Vor allem aber ist es aus unserem Herzen entstanden: Wir haben die Pflicht, die Kirche mit demselben Geist zu lieben, wie er sich im Gleichnis vom Rebzweig findet, welcher beschnitten werden muß, damit er mehr Frucht bringt (vgl. Joh 15, 2). Diese Ermahnung ist schließlich von einer großen Hoffnung getragen, welche durch die schwere Last unseres apostolischen Amtes nie vermindert wurde. Wir danken Gott für seine Treue. Wir hoffen, daß der Heilige Geist auf unsere Worte ein unwiderstehliches Echo hervorruft. Er ist schon anwesend und wirksam in der geheimnisvollen Tiefe des Herzens eines jeden Gläubigen und wird alle in Demut und Frieden auf den Weg der Wahrheit und der Liebe führen. Er ist unsere Stärke. Wir wissen, daß die weit größere Mehrheit der Söhne der Kirche einen solchen Aufruf erwartet hat und bereit ist, ihn mit Frucht aufzunehmen. Wir hoffen, daß das ganze Volk Gottes — und das ist unser sehnlicher Wunsch

47 Vgl. Lumen gentium, Nr. 23: AAS 57, 1965, S. 27.

48 Lumen gentium, Nr. 8: AAS 57, 1965, S. 11.

49 Serm 138, 10: PL 38, 769.

mit uns aufbricht, gleichsam auf den biblischen Weg, mit uns die Etappen der Heiligung des Jubiläumsjahres durchschreitet und eines Herzens mit uns ist, damit die Welt glaube, und daß sie sich so von der Gnade unseres Herrn Jesus Christus, von der Liebe des Vaters und der Gemeinschaft des Heiligen Geistes leiten lassen.

Wir vertrauen diese unsere Wünsche der Fürsprache der Unbefleckten Jungfrau an, „die der ganzen Gemeinschaft der Auserwählten als Urbild der Tugenden voranleuchtet … und, da sie zuinnerst in die Heilsgeschichte eingegangen ist, gewis­sermaßen die größten Glaubensgeheimnisse in sich vereinigt und widerstrahlt“.50 Wir bestärken den gemeinsamen Willen zur Heiligung und Versöhnung, indem wir euch allen von Her­zen unseren Apostolischen Segen erteilen.

Gegeben zu Rom, bei St. Peter, am Fest der Unbefleckten Empfängnis der seligsten Jungfrau Maria, dem 8. Dezember des Jahres 1974, dem zwölften unseres Pontifikates.

PAULUS PP. VI

50 Lumen gentium, Nr. 65: AAS 57, 1965, S. 64.

_______

Quelle: WORT UND WEISUNG IM JAHR 1974 – Libreria Editrice Vaticana.

Siehe auch: