Warum „Amoris laetitia“ orthodox verstanden werden kann und muss

Kardinal Müller: „Wer glaubt, ein Papst könne die geoffenbarte Wahrheit ändern, verkennt die Natur des päpstlichen Lehramts.“ Foto: KNA

Wie Kardinal Gerhard Müller das postsynodale Papstschreiben
im Vorwort zu einem Buch von Rocco Buttiglione interpretiert.

Von Guido Horst

Rom (DT) In Italien ist in diesen Tagen ein Buch des Philosophen und christdemokratischen Politikers Rocco Buttiglione erschienen, das – den frei ins Deutsche übersetzten – den Titel „Freundschaftliche Antworten auf die Kritiker von Amoris laetita“ trägt und eine Brücke zwischen den scharfen Gegnern des nachsynodalen Schreibens und den Anliegen von Papst Franziskus schlagen will. Das ausführliche Vorwort stammt von Kardinal Gerhard Müller, der es Buttiglione gleich tut: Die „scharfe Kontroverse“, so schreibt der ehemalige Präfekt der Glaubenskongregation, die das achte Kapitel von „Amoris laetitia“ zur Folge hatte, sei umso bedauerlicher, da Franziskus, gestützt auf die beiden Bischofssynoden über die Familie 2014 und 2015, „eine zugleich theologische und pastorale Antwort“ auf die Herausforderungen der heutigen Zeit geben und die „mütterliche Hilfe“ der Kirche anbieten wollte, um die Krise von Ehe und Familie im Lichte des Evangeliums Christi zu überwinden. Es sei also nötig, die Abgrenzung der kontroversen Interpretationen des Schreibens zugunsten eines Austausches der Argumente zu überwinden, was der Kardinal dann im Folgenden versucht. Der Text ist lang. An dieser Stelle sei er mit ausführlichen Zitaten und Zusammenfassungen des Gedankengangs Müllers wiedergegeben.

„Eine seltsame Verkehrung der Fronten“

Zunächst stellt der Kardinal fest, dass „Amoris laetitia“ einen Parteienstreit zur Folge hatte: „Während von einer Seite die Rechtgläubigkeit des Papstes, des obersten Lehrers der Christenheit, in Frage gestellt wird, ergreifen andere die Gelegenheit, den Papst für einen von ihnen gewollten radikalen Paradigmenwechsel der katholischen Moral- und Sakramententheologie in Anspruch zu nehmen. Eine seltsame Verkehrung der Fronten ist wahrzunehmen. Die sich selbst als liberal-progressistisch rühmenden Theologen, die vorher zum Beispiel hinsichtlich der Enzyklika ,Humanae vitae‘ das Lehramt des Papstes grundsätzlich in Frage gestellt haben, erheben jetzt jede seiner Aussagen, die ihnen genehm ist, fast in den Rang eines Dogmas. Und andere Theologen, die sich streng dem Lehramt verpflichtet fühlen, unterwerfen ein lehramtliches Dokument gleichsam den Regeln einer akademischen Prüfung.“

Damit sei eine für die Kirche dramatische Lage entstanden, die durchaus mit der zur Zeit Martin Luthers zu vergleichen sei. Die kirchliche Situation heute, so Müller, „mit der Gefahr ihrer inneren Verweltlichung und Politisierung ist nicht unähnlich der brisanten Lage im späten Mittelalter, die zur Reformation und Kirchenspaltung des sechzehnten Jahrhunderts geführt hat. Der große Historiker des Konzils von Trient, Hubert Jedin, schreibt dazu: ,Das Wort Reform verdeckte die Häresie und die entstehende Kirchenspaltung; und nichts hat die Kirchentrennung so gefördert wie die Illusion, die sich über ihr Vorhandensein täuschte.‘ Nur die dogmatische Klarheit in der Lehre und der mutige Dienst der Hirten an der Einheit der Kirche kann sowohl die Ausbreitung von Irrlehren als auch spalterische Tendenzen verhindern“, schreibt Kardinal Müller.

In diesem Zusammenhang biete Rocco Buttiglione als treuer Katholik und ausgewiesener Moraltheologe mit den in seinem Band gesammelten Artikeln und Aufsätzen eine klare und überzeugende Antwort. „Es geht hier nicht um die gesamte Rezeption von ,Amoris laetitia‘, sondern nur um die kontroverse Interpretation einiger Passagen im achten Kapitel. Er bietet aufgrund der klassischen Kriterien der katholischen Theologie eine argumentierende und nie polemisierende Antwort auf die fünf Dubia der Kardinäle. Er zeigt, dass der schwere Vorwurf seines Freundes und langjährigen Mitstreiters Josef Seifert an den Papst, nicht einwandfrei rechtgläubige Thesen vorzutragen oder zuzulassen, nicht den Tatsachen entspricht.“ Müller meint damit die Aussage Seiferts, „Amoris laetitia“ sei eine moraltheologische Atombombe, die das ganze Lehrgebäude der Kirche zum Einsturz zu bringen drohe. Seifert war daraufhin vom Erzbischof von Granada als Leiter des spanischen Ablegers seiner Internationalen Akademie für Philosophie entlassen worden.

Eine „Atombombe“ ist „Amoris laetitia“ sicher nicht

Zwei zentrale Aussagen, so Müller, kennzeichneten Buttigliones Argumentation: „Erstens: Die dogmatischen Lehren und pastoralen Hinweise des achten Kapitels von ,Amoris laetitia‘ können und müssen orthodox verstanden werden. Zweitens: ,Amoris laetitia‘ bedeutet keine lehramtlichen Kehrtwende zu einer Situationsethik und damit einen Widerspruch zur Enzyklika ,Splendor veritatis‘ von Papst Johannes Paul II.“ Auch für den Kardinal steht es außer Frage, dass die Theorie haltlos sei, das subjektive Gewissen könne sich im Hinblick auf seine Interessen und Befindlichkeiten an die Stelle der objektiven Norm des natürlichen Sittengesetzes und der Sakramente setzen und deshalb sei die Lehre von der Existenz eines „intrinsecum malum“ und objektiven bösen Tuns obsolet geworden. Stattdessen hält Müller mit Blick auf den zweiten „Zweifel“ der vier Dubia-Kardinäle fest: „Es bleibt die Lehre von ,Veritatis splendor‘ (Art. 56; 79) auch im Vergleich mit ,Amoris laetitia‘ (Art. 303f.) gültig, dass es absolute moralische Normen gibt, die keine Ausnahmen zulassen.“

Dass es aber zu der Verwirrung um „Amoris laetitia“ kommen konnte, führt der Kardinal auch auf ein Missverständnis der Natur der Lehrbefugnis der Päpste zurück: „Der Grund, warum es zu diesen kontradiktorischen Auslegungen von ,Amoris laetitia‘ kommen konnte, besteht in einem Missverständnis der Rolle und Funktionsweise des bischöflichen und päpstlichen Lehramtes. Angesichts der protestantischen Fundamentalopposition gegen die Existenz und Natur des kirchlichen Lehramtes, das letztverbindlich die Wahrheiten der eschatologisch-definitiven Selbstmitteilung Gottes als Wahrheit und Leben jedem Katholiken zu glauben vorlegen kann, hat sich seit dem siebzehnten Jahrhundert gelegentlich eine Art von katholischem Lehramtspositivismus eingeschlichen, der nicht weniger gefährlich ist für den katholischen Glauben als seine Leugnung überhaupt. In seiner extremen Form besagt er: Etwas ist wahr, weil und indem es der Papst zu glauben vorlegt; und nicht weil es wahr und in der Offenbarung (in ihrer Objektivation in der Heiligen Schrift und der Apostolischen Überlieferung ) enthalten ist, kann und muss es auch vom Papst verbindlich gelehrt werden.“

Der Katholik glaubt an Gott, nicht an den Papst

Daraus ergibt sich für Müller: „In Wirklichkeit ist der Papst nicht eine Glaubensquelle. Dem lebendigen Lehramt der Kirche ist die Offenbarung nicht zu eigen gegeben, sondern nur zur verbindlichen Erklärung anvertraut. Der Papst erfreut sich nur der ,assistentia spiritus sancti‘ und nicht einer Illumination oder Inspiration durch die göttliche Wahrheit. Denn der Katholik glaubt dem sich offenbarenden Gott und nicht dem Papst, wenn von diesem auch das Glaubensbekenntnis der Kirche in der Bezeugung durch die Apostel und ihrer legitimen Nachfolger letztverbindlich zu glauben vorgelegt wird.“ Das habe auch Folgen dafür, wie „Amoris laetitia“, und hier besonders das achte Kapitel, zu lesen sind: „In den lehramtlichen Dokumenten ist klar zu unterscheiden zwischen dem vorgelegten Glaubensinhalt und den beigefügten theologischen Argumentationen. Selbst wenn Glaubensinhalt und Glaubensreflexion nicht immer und leicht adäquat zu unterscheiden sind, können sie dennoch gegenüber den Gläubigen nicht die gleiche Verbindlichkeit entfalten. Als Dokument des päpstlichen Lehramtes erfreut sich Papst Franziskus als Autor von ,Amoris laetitia‘ zweifelslos des Beistandes des Heiligen Geistes. Dabei richtet sich der Verbindlichkeitsgrad der einzelnen Aussagen nach dem Grad der in Anspruch genommenen Lehrautorität. Da wir in der Christologie keine Monophysiten und Nestorianer sind, muss aber bei der Interpretation der lehramtlichen Glaubensvorlage zwischen der darin erhaltenen göttlichen Autorität und der menschlichen Vermittlung der Glaubensaussage unterschieden werden, wenn auch beide Faktoren nicht zu trennen sind. Selbst die Heilige Schrift als Gottes Wort im Menschenmund kann – unbeschadet ihrer Funktion als ,norma normans non normata‘ – hinsichtlich ihrer menschlichen Sprechweise historisch-kritisch ausgelegt werden. Deshalb kann man unter dem Gesichtspunkt der theologisch-argumentativen Darstellung des Glaubens auch ein päpstliches Lehrschreiben der historischen Kritik unterziehen, ohne an der Verbindlichkeit des Glaubensaussage, die von der Autorität Gottes gestützt wird, zu zweifeln.“

Auf „Amoris laetitia“ angewandt bedeutet das für den Kardinal, dass man das ein oder andere an dem Schreiben kritisieren kann: „Nicht immer geglückte Sprachbilder (zum Beispiel die Gebote Gottes wie Felsbrocken auf andere werfen) und vorschnelle Psychologisierungen von theologischen Positionen mit Legalismus und Pharisäertum fördern eher die Befremdung über den Stil von ,Amoris laetitia‘, als dass sie Verständnis für das pastorale Anliegen des Papstes wecken (vgl. AL 305). Wer für die Klarheit und Wahrheit der Glaubenslehre einsteht gerade im Zeitalter des Relativismus und Agnostizismus, hat es nicht verdient als Rigorist, Pharisäer, Legalist und Pelagianer apostrophiert zu werden.“ Dennoch hält Müller daran fest: „Eine genaue Analyse zeigt, dass der Papst in ,Amoris laetitia‘ keine Lehre verbindlich zu glauben vorgelegt hat, die in offenem oder impliziten Gegensatz steht zur klaren Lehre der Heiligen Schrift und den definierten Dogmen der Kirche bezüglich der Sakramente der Ehe, der Buße und der Eucharistie. Vielmehr wird die Glaubenslehre über die innere und äußere Unauflösbarkeit der sakramentalen Ehe gegenüber allen anderen Formen, die sich von ihr ,radikal kontradiktorisch‘ (AL 292) abheben, bekräftigt und den Fragen des pastoralen Umgangs mit Personen in eheähnlichen Verhältnissen zugrunde gelegt.“

Schuldlos vom ersten Ehepartner verlassen

Wie aber löst Kardinal Müller die Missverständnisse auf, die „Amoris laetitia“ offensichtlich ausgelöst hat? Hier muss ausführlicher zitiert werden. „Das Spezifikum, worum es im achten Kapitel geht“, so Müller, „ist die pastorale Sorge um des Heil derjenigen Katholiken, die in irgendeiner Weise eheähnlich mit einem Partner zusammenleben, der nicht ihr rechtmäßiger Ehegatte ist. Die Lebenssituationen sind so verschieden und komplex und der Einfluss ehefeindlicher Ideologien und Lebensformen ist oft übermächtig. Der einzelne Christ kann sich schuldlos in der schweren Krise des Verlassen-Seins befinden und keinen anderen Ausweg wissen, als sich einem wohlwollenden Menschen anzuvertrauen, woraus sich eheähnliche Beziehungen ergeben. So bedarf es im ,Forum internum‘ einer besonderen geistlichen Unterscheidungskompetenz des Beichtvaters, um jenseits von billiger Anpassung an den relativistischen Zeitgeist und kalter Applikation der dogmatischen Vorgaben und kirchenrechtlichen Bestimmungen einen Weg der Umkehr und Hinwendung zu Christus zu finden, der der Person gerecht wird – aber eben im Licht der Wahrheit des Evangeliums und mit Hilfe der zuvorkommenden Gnade.“

Wie ein konkreter Ausnahmefall aussehen kann

Dabei ist laut Müller der Tatsache Rechnung zu tragen, „dass auch bei vielen Katholiken eine krasse Unkenntnis über das Ehesakrament um sich greift“. Und so nennt der Kardinal den Fall, in dem das achte Kapitel und Fußnote 351 auch auf wiederverheiratete Geschiedene angewandt werden können: „Es kann bei einer späteren Bekehrung (eines ,Taufscheinkatholiken‘) der Fall eintreten, dass ein Christ in seinem Gewissen überzeugt ist, dass seine erste Verbindung, selbst wenn sie in Form einer kirchlichen Trauung erfolgte, nicht gültig war als Sakrament und dass seine jetzige eheähnliche Verbindung mit Kindern und einem gedeihlichen Zusammenleben mit seinem Partner eine reale Ehe ist vor Gott. Vielleicht kann das aus physischen oder mentalitätsmäßigen kulturellen Kontexten kirchenrechtlich nicht aufgewiesen werden. Die hier auftretende Spannung zwischen dem öffentlich-objektiven Status der ,zweiten‘ Ehe und der subjektiven Schuld kann möglicherweise unter den gegebenen Voraussetzungen den Weg zur heiligen Kommunion über die seelsorgerliche Beratung im ,Forum internum‘ und dem Bußsakrament eröffnen.“ Diesen Worten Kardinal Müllers zufolge ist es also völlig verfehlt, „Amoris laetitia“ als moraltheologische Atombombe zu bezeichnen oder den Papst der Häresie zu bezichtigen. Allerdings macht der Text Müllers auch klar, dass „Amoris laetitia“ nur dann in der Tradition des bisherigen päpstlichen Lehramts steht, wenn man das Schreiben eng auslegt und nicht dazu nutzt, Wiederverheirateten grundsätzlich den Weg zum Empfang der Sakramente zu öffnen.

Grundsätzlich ist für den ehemaligen Präfekten der Glaubenskongregation klar: „Der Papst selbst warnt in ,Amoris laetitia‘ vor falschen Interpretationen der Seelsorger ,in den spezifischen Fällen‘, die niemals und unter keinen Umständen die Lehre über die von Gott gestiftete Unauflöslichkeit der gültigen, sakramentalen Ehe in Frage stellen dürfen und damit die Qualifikation des Ehebruchs als Todsünde verdunkeln würden (AL 307). Jeder Relativismus widerspricht diametral der lehramtlichen Autorität des Papstes in ,Amoris laetitia‘.“

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Lesen Sie dazu:

 

Kardinal Burke spricht die „Dubia“ ein Jahr nach ihrer Veröffentlichung an – Fortsetzung und Schluss

Aus dem Englischen übersetzt von mir [POS]

Hat der Papst nicht deutlich gemacht, wo er mit seinem Brief an die argentinischen Bischöfe steht, in dem er sagte, es gebe „keine andere Interpretation“ als die Richtlinien, die jene Bischöfe veröffentlicht haben – Richtlinien, die die Möglichkeit offen ließen, dass einige sexuell aktive unverheiratete Paare die Heilige Kommunion empfangen könnten?

(Einschub von mir [POS]:) Siehe hierzu diesen Artikel aus ACIPRENSA

Im Gegensatz zu dem, was einige behauptet haben, können wir den Brief des Papstes an die Bischöfe der Region Buenos Aires, der kurz vor dem Empfang der Dubia geschrieben wurde und die Kommentare zu den pastoralen Richtlinien der Bischöfe enthält, nicht als angemessene Antwort auf die gestellten Fragen betrachten. Einerseits können diese Richtlinien auf unterschiedliche Weise interpretiert werden; andererseits ist nicht klar, ob dieser Brief ein lehramtlicher Text ist, mit dem der Papst zur weltumfassenden Kirche als Nachfolger Petri sprechen wollte. Die Tatsache, dass der Brief zuerst bekannt wurde, weil er der Presse zugespielt worden war – und erst später vom Heiligen Stuhl veröffentlicht wurde – wirft einen berechtigten Zweifel an der Absicht des Heiligen Vaters auf, ihn an die universale Kirche zu richten. Darüber hinaus würde es sich als ziemlich erstaunlich herausstellen – und im Gegensatz zu dem explizit formulierten Wunsch von Papst Franziskus, die konkrete Anwendung von Amoris Laetitia den Bischöfen jedes Landes zu überlassen (Amoris Laetitia, 3) – dass er nun der ganzen universalen Kirche auferlegen wollte, was nur die konkreten Anweisungen für eine bestimmte Region sein können. Und sollten nicht die verschiedenen Dispositionen, die von verschiedenen Bischöfen in ihren Diözesen von Philadelphia bis Malta verkündet wurden, alle als ungültig angesehen werden? Eine Lehre, die hinsichtlich ihrer Autorität und ihres wirksamen Inhalts nicht hinreichend bestimmt ist, kann die Klarheit der ständigen Lehre der Kirche, die ohnehin immer normativ bleibt, nicht in Frage stellen.

Machen Sie sich auch Sorgen darüber, dass einige Bischofskonferenzen es gewissen wiederverheirateten Geschiedenen, die more uxorio (in sexuellen Beziehungen) leben, gestatten, die heilige Kommunion ohne festen Bekehrungswillen zu empfangen, die damit der früheren päpstlichen Lehre widersprechen, insbesondere der apostolischen Exhortation von Papst Johannes Paul II. in  Familiaris Consortio?

Ja, die Dubia oder Fragen bleiben offen. Diejenigen, die behaupten, dass die Disziplin, die von Familiaris Consortio 84 gelehrt wird, sich geändert habe, widersprechen einander, wenn es darum geht, die Gründe und die Konsequenzen zu erklären. Einige gehen sogar so weit zu sagen, dass die in einer neuen Vereinigung Geschiedenen, die weiter more uxorio leben, sich nicht in einem objektiven Zustand der Todsünde befinden (mit Zitat zur Unterstützung aus Amoris Laetitia, 303); andere leugnen diese Interpretation (mit Zitat zur Unterstützung aus Amoris Laetitia, 305), überlassen es aber ganz dem Gewissensurteil, die Kriterien für den Zugang zu den Sakramenten zu bestimmen. Es scheint, dass das Ziel der Dolmetscher darin besteht, in irgendeiner Weise zu einer Änderung der Disziplin zu gelangen, während die Gründe, die sie zu diesem Zweck anführen, keine Rolle spielen, und sie zeigen auch keine Bedenken darüber, wie sehr sie wesentliche Teile des Glaubensgutes in Gefahr bringen.

Welche greifbare Wirkung hat dieses Interpretations-Durcheinander gehabt?

Diese hermeneutische Verwirrung hat bereits zu einem traurigen Ergebnis geführt. In der Tat hat die Zweideutigkeit bezüglich eines konkreten Punktes der Familien-Pastoral einige dazu geführt, einen Paradigmawechsel in Bezug auf die gesamte moralische Praxis der Kirche vorzuschlagen, deren Grundlagen von Johannes Paul II. In seiner Enzyklika Veritatis Splendor autoritativ gelehrt wurden.

In der Tat ist ein Prozess in Gang gesetzt worden, der wesentliche Teile der Tradition umstößt. Was die christliche Moral betrifft, so behaupten einige, dass absolute moralische Normen relativiert werden müssten und dass ein subjektives, auf sich selbst bezogenes Gewissen einen – letztlich zweideutigen – Vorrang in Angelegenheiten haben muss, die die Moral berühren. Was also auf dem Spiel steht, ist nichts Geringeres als das Kerygma oder die grundlegenden Botschaft des Evangeliums. Wir sprechen davon, ob die Begegnung eines Menschen mit Christus durch die Gnade Gottes dem Pfad des christlichen Lebens Gestalt geben kann, damit er mit dem weisen Plan des Schöpfers in Einklang steht. Um zu verstehen, wie weitreichend diese vorgeschlagenen Änderungen sind, genügt es, darüber nachzudenken, was geschehen würde, wenn diese Argumentation auf andere Fälle angewendet würde, wie die eines Arztes, der Abtreibungen durchführt, eines Politikers, der einem Korruptionsring angehört, von einer leidenden Person, die beschließt, einen Antrag auf Beihilfe zum Selbstmord zu stellen …

Einige haben gesagt, die schädlichste Wirkung von all dem sei, dass es einen Angriff auf die Sakramente und die Moral-Lehre der Kirche darstelle. Wie ist das so?

Über die moralische Debatte hinaus erodiert der Sinn der kirchlichen sakramentalen Praxis zunehmend in der Kirche, besonders wenn es um die Sakramente der Buße und der Eucharistie geht. Das entscheidende Kriterium für die Zulassung zu den Sakramenten war immer die Kohärenz der Lebensweise einer Person mit den Lehren Jesu. Wenn stattdessen das entscheidende Kriterium nun das Fehlen einer subjektiven Schuld eines Menschen werden würde – wie einige Ausleger von Amoris Laetitia vorgeschlagen haben – würde dies nicht das Wesen der Sakramente verändern? In der Tat sind die Sakramente keine privaten Begegnungen mit Gott, noch sind sie Mittel der sozialen Integration in eine Gemeinschaft. Vielmehr sind sie sichtbare und wirksame Zeichen unserer Eingliederung in Christus und seine Kirche, in und durch die sich die Kirche öffentlich bekennt und ihren Glauben in die Tat umsetzt. Würde man also die subjektiv verminderte Schuld oder Schuldlosigkeit eines Menschen in das entscheidende Kriterium für die Zulassung der Sakramente verwandeln, so würde man die regula fidei, die Glaubensregel, gefährden, die die Sakramente nicht nur durch Worte verkünden und auslösen, sondern auch durch sichtbare Gesten. Wie könnte die Kirche weiterhin das universale Sakrament des Heils sein, wenn die Bedeutung der Sakramente von ihrem Inhalt entleert werden sollte?

Trotz Ihnen und vielen anderen, einschließlich mehr als 250 Akademikern und Priestern, die eine filial correction unterschrieben haben, haben Sie sehr ernsthafte Bedenken gegenüber den Auswirkungen dieser Passagen in Amoris Laetitia, und weil Sie bisher keine Antwort vom Heiligen Vater erhalten haben, machen Sie hier einen letzten Anpell an ihn?

Ja, aus diesen schwerwiegenden Gründen wende ich mich ein Jahr nach der Veröffentlichung der Dubia erneut an den Heiligen Vater und an die ganze Kirche und betone, wie dringend es ist, dass der Papst bei der Ausübung des Dienstes, den er vom Herrn erhalten hat, seine Brüder im Glauben bestärken sollte mit einer klaren Formulierung der Lehre sowohl über die christliche Moral als auch über die Bedeutung der sakramentalen Praxis der Kirche.

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Quelle

Kardinal Burke spricht die „Dubia“ ein Jahr nach ihrer Veröffentlichung an

Cardinal Walter Brandmüller and Cardinal Raymond Burke pictured at a Pontifical High Mass in St. Peter’s basilica to mark the 10th anniversary of Summorum Pontificum, Sept. 16, 2017. (Edward Pentin photo)

In der Absicht, zwei kürzlich verstorbene Kardinäle zu ehren, macht der amerikanische Kardinal einen letzten Appell an den Heiligen Vater, um Klarheit zu schaffen, indem er sagt, dass die „ernste“ Situation „sich ständig verschlechtere“ und dass es „dringend“ sei, seine Brüder im Glauben zu bestärken.“

Von Edward Pentin

(Aus dem Englischen übersetzt von mir [POS]

 

Ein Jahr nach der Veröffentlichung der Dubia hat Kardinal Raymond Burke dem Heiligen Vater ein letztes Plädoyer für die Klärung wichtiger Aspekte seiner moralischen Lehre gegeben. Er sagte, die Schwere der Situation verschlechtere sich ständig.

In einem Interview vom 14. November mit dem National Catholic Register sagte Kardinal Burke, er wende sich wieder „an den Heiligen Vater und an die ganze Kirche“, um zu betonen, „wie dringlich es ist, den Dienst, den er vom Herrn empfangen hat, auszuüben. Der Papst sollte seine Brüder im Glauben mit einem klaren Ausdruck der Lehre sowohl über die christliche Moral als auch über die Bedeutung der sakramentalen Praxis der Kirche bestärken.“

Am 19. September letzten Jahres unterzeichneten Kardinal Burke zusammen mit den Kardinälen Walter Brandmüller und den kürzlich verstorbenen Kardinälen Joachim Meisner und Carlo Caffarra die Dubia an den Papst. Sie machten die Initiative am 14. November 2016 öffentlich, als klar wurde, dass der Heilige Vater nicht antworten würde.

Auf die Klärung der umstrittenen Passagen aus Kapitel 8 seines nachsynodalen Apostolischen Schreibens Amoris Laetitia gerichtet, versuchte die Fünf-Fragen-Dubia – eine uralte und gebräuchliche Praxis zur Klärung von Glaubensrichtungen – unter anderem zu ermitteln, ob die frühere kirchliche Lehre in Kraft bleibe, die verbietet, dass zivil „Wiederverheiratete“ Geschiedene, die sexuelle Beziehungen haben, die Sakramente empfangen können.

Seitdem Amoris Laetitia im April 2016 veröffentlicht wurde, haben einige Bischofskonferenzen auf der Grundlage der Exhortation (des Nachsynodalen Schreibens) gesagt, dass einige zivil wiederverheiratete Geschiedene jetzt die Sakramente je nach ihren persönlichen Umständen empfangen können, während andere, die ihre Position auf die immerwährende Lehre der Kirche gründen, sagen, dass sie es nicht können.

„Die Sorge war und ist, genau zu bestimmen, was der Papst als Nachfolger von Petrus lehren wollte“, sagte Kardinal Burke.

„Weit davon entfernt, dass die Bedeutung unserer Fragen geringer geworden sind“, macht die gegenwärtige Situation sie „noch dringlicher“, fügte er hinzu.

Er machte es in diesem frischen Interview auch deutlich, dass er beabsichtigt, die beiden verstorbenen Kardinäle zu ehren, indem er die Position der Unterzeichner der Dubia unterstreicht und eine Zusammenfassung der Situation gibt.


Ihre Eminenz, in welchem ​​Stadium sind wir seitdem Sie, Kardinal Walter Brandmüller, und die zwei kürzlich verstorbenen Kardinäle, Carlo Caffarra und Joachim Meisner, die Dubia diese Woche vor einem Jahr veröffentlichten?

Ein Jahr nach der Veröffentlichung der Dubia zu Amoris Laetitia, die keinerlei Antwort vom Heiligen Vater erhalten haben, beobachten wir eine zunehmende Verwirrung über die Interpretationsweisen des Apostolischen Schreibens. Daher wird unsere Besorgnis wegen der Situation der Kirche und ihrer Sendung in der Welt immer dringender. Ich bleibe natürlich in regelmäßigen Gesprächen mit Kardinal Walter Brandmüller über diese schwerwiegenden Angelegenheiten. Wir beide bleiben in tiefer Verbundenheit mit den beiden verstorbenen Kardinälen Joachim Meisner und Carlo Caffarra, die im Laufe der letzten Monate verstorben sind. Ich stelle damit noch einmal den Ernst der Lage dar, der sich immer weiter verschlimmert.

Es ist viel über die Gefahren des zweideutigen Charakters von Kapitel 8 von Amoris Laetitia gesagt worden, wobei betont wird, dass es offen ist für viel Interpretation. Warum ist Klarheit so wichtig?

Klarheit in der Lehre impliziert keine Starrheit, welche die Menschen davon abhalten würde, auf dem Pfad des Evangeliums zu gehen, sondern im Gegenteil: Klarheit liefert das Licht, das notwendig ist, um Familien auf dem Weg der christlichen Jüngerschaft zu begleiten. Es ist Dunkelheit, die uns davon abhält, den Weg zu sehen, und die die Evangelisierungshandlung der Kirche behindert, wie Jesus sagt: „Die Nacht kommt, da niemand mehr arbeiten kann“ (Joh 9,4).

Könnten Sie mehr über die aktuelle Situation im Zusammenhang mit der Dubia erzählen?

Die gegenwärtige Situation, weit entfernt davon, die Bedeutung der Dubia (Zweifel) oder Fragen zu verringern, macht sie noch dringender. Es ist überhaupt nicht – wie einige behauptet haben – eine Angelegenheit einer „betroffenen Unwissenheit“, die nur deshalb Zweifel aufwirft, weil sie nicht willens ist, eine gegebene Lehre anzunehmen. Vielmehr war und ist das Anliegen genau zu bestimmen, was der Papst als Nachfolger von Petrus lehren wollte. So ergeben sich die Fragen aus der Anerkennung des Petrusamtes, das Papst Franziskus vom Herrn erhalten hat, um seine Brüder im Glauben zu bestärken. Das Lehramt ist Gottes Geschenk an die Kirche, um Klarheit über Fragen zu schaffen, die das Glaubensgut betreffen. Aussagen, denen diese Klarheit fehlt, können ihrem Wesen nach keine qualifizierten Ausdrücke des Lehramtes sein.

Warum ist es Ihrer Meinung nach so gefährlich, dass es unterschiedliche Interpretationen von Amoris Laetitia gibt, besonders über die pastorale Behandlung derjenigen, die in irregulären Beziehungen leben, und insbesondere der zivilrechtlich wiederverheirateten Geschiedenen?

Es ist offensichtlich, dass einige von Amoris Laetitia’s Angaben über wesentliche Aspekte des Glaubens und der Ausübung des christlichen Lebens verschiedene Interpretationen erhalten haben, die voneinander abweichen und manchmal miteinander unvereinbar sind. Diese unbestreitbare Tatsache bestätigt, dass diese Hinweise ambivalent sind und eine Vielzahl von Lesarten zulassen, von denen viele im Gegensatz zur katholischen Lehre stehen. Die Fragen, die wir Kardinäle aufgeworfen haben, richten sich auf das, was genau der Heilige Vater gelehrt hat und wie seine Lehre mit dem Glaubensgut (depositum fidei) harmoniert, da das Lehramt nicht über dem Wort Gottes steht, sondern ihm dient, indem es nichts lehrt, als was überliefert ist, weil es das Wort Gottes aus göttlichem Auftrag und mit dem Beistand des Heiligen Geistes voll Ehrfurcht hört, heilig bewahrt und treu auslegt und weil es alles, was es als von Gott geoffenbart zu glauben vorlegt, aus diesem einen Schatz des Glaubens schöpft. (2. Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution Dei Verbum, 10).

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Fortsetzung folgt!

Interview: Josef Seifert über die Amoris Laetitia-Debatte mit Rocco Buttiglione — Fortsetzung 3 und Schluss

Aus dem Englischen übersetzt von mir [POS]

Hickson: Könnten Sie die folgenden eigenen Worte von Buttiglione kommentieren? „Der Papst sagt nicht, dass Gott glücklich ist mit der Tatsache, dass Geschiedene und Wiederverheiratete weiterhin Geschlechtsverkehr miteinander haben. Das Gewissen erkennt an, dass es nicht mit dem Gesetz vereinbar ist. Das Gewissen weiß jedoch auch, dass es einen Bekehrungs-Weg begonnen hat. Man schläft immer noch mit einer Frau, die nicht die eigene Frau ist, hat aber aufgehört, Drogen zu nehmen und mit Prostituierten zu gehen, hat einen Job gefunden und kümmert sich um seine Kinder. Er hat das Recht zu denken, dass Gott mit ihm zufrieden ist, zumindest teilweise. „[Hervorhebung hinzugefügt]. 

Seifert: Gewiss kann Gott glücklich darüber sein, dass ein Mann „aufgehört hat, Drogen zu nehmen und mit Prostituierten zu verkehren, einen Job gefunden hat und sich um seine Kinder kümmert“, aber er kann nie glücklich mit ihm sein darüber, daß er „immer noch mit einer Frau schläft, die nicht seine Frau ist“ oder dem zuzustimmen, dass die fortgesetzte Begehung dessen, was Christus selber Ehebruch nennt, die „großzügigste Antwort“ ist, die ein Ehebrecher Gott in seiner Situation geben kann. Damit, dies zu verlangen, würde man a) entweder das Dogma leugnen, dass Gott nichts Unmögliches befiehlt, oder b) das Dogma leugnen, dass Gott niemals will, dass wir sündigen, oder beides.

Hickson: Hat nicht auch Martin Luther gelehrt, dass der Mensch manchmal sündigen muss? Würden Sie diese Meinung angesichts Buttiglione’s eigenen Worten diskutieren?

Seifert: Ja, ich glaube, dass es in Buttigliones Verteidigung von AL eine große Gefahr gibt, in die lutherische Ketzerei des simul iustus et peccator in dem Sinne zu fallen, dass Gnade allein uns rechtfertigt und dass wir in der heiligmachenden Gnade verbleiben können, während wir Todsünden begehen. Und die jüngste Feier des Lutherfestes im Vatikan, die Erklärung hochrangiger Prälaten, dass „Luther recht hatte“ und eine „Gabe des Heiligen Geistes“ an die katholische Kirche war, das Gerücht, dass über eine katholisch-lutherische Gemeinschafts-„Messe“ diskutiert wird, die Platzierung von Luthers Statue im Vatikan usw. sind beunruhigende Anzeichen dafür, dass nicht nur Buttiglione anfängt, mit einigen von Luthers Irrtümern zu flirten. Diese Häresie ist eng mit der Lehre Luthers verbunden, dass Gnade kein Prinzip ist, das uns moralisch wirklich verwandelt und uns erlaubt, „vollkommen zu werden, wie unser Vater im Himmel vollkommen ist“, was Christus und die Heilige Schrift uns sagen, dass dies Gottes Wille ist. Dieser Irrtum hängt auch mit Luthers Ablehnung der Verehrung, Heiligsprechung und Anrufung der Heiligen zusammen, die für uns in Gebeten und in der Liturgie, in Messen zu ihren Ehren usw. Fürbitte leisten. Ich behaupte natürlich nicht, dass mein Freund Rocco diese Fehler vertritt, aber einige seiner Bemerkungen, zum Beispiel, die Geschichte der christlichen Prostituierten von Nero als in einer Situation interpretierend, in der sie nicht frei war, sich zu weigern, Sex mit Nero zu haben, und dass ihre Zustimmung, sexuelle Beziehungen mit Nero zu haben, ihr erlaubt habe, viele Christen zu retten (Buttiglione nannte sie sogar eine Heilige aus diesem Grund), geben zumindest den Eindruck, dass Buttiglione mit einigen Ansichten Luthers über Freiheit und Gnade kokettiert. Oder dass er sie sogar akzeptiert. Dasselbe gilt für seine Beschreibung von Situationen, in denen niemand erwarten kann, dass Ehebrecher sich entscheiden können, entweder in Abstinenz zusammenzuleben oder sich zu trennen, und somit „sündigen müssen“.

Hickson: Könnten Sie uns auch den Teil der Debatte mit Buttiglione vorstellen, in welchem Sie sich mit der Frage befassen, ob geschiedene und „wiederverheiratete“ Paare angesichts des vorgeschriebenen Unterscheidungsprozesses immerhin weniger schuldig wären, weil sie vielleicht ein fehlerhaft gebildetes subjektives Gewissen haben könnten?

Seifert: Eine Person, die unter unüberwindlicher Unwissenheit oder einem unschuldig missbildeten Gewissen leidet, glaubt oder „fühlt“, dass ihr Ehebruch in Ordnung ist, kann natürlich weniger schuldig sein als jemand, der direkt gegen die Stimme seines Gewissens handelt. Aber wir dürfen niemals vergessen, dass die Ungerechtigkeit des Ehebruchs Teil des Naturgesetzes ist, das in das Herz eines jeden Menschen geschrieben ist, wie der Apostel Paulus sagt, so dass es äußerst unwahrscheinlich ist, dass jemand überhaupt keine Kenntnis von der Sünde des Ehebruchs oder homosexueller Aktivität hat. Der Heide Cicero nennt den Menschen, der leugnet, dass Ehebruch immer und überall eine schwere Sünde ist einen „Verrückten“. Aber vor allem müssen wir verstehen, dass ethische Wertblindheit oft an sich sündhaft ist oder die Folge von Sünde ist, weil wir durch wiederholte Sünde für die Stimme des Gewissens abgestumpf worden sind oder weil wir einen faulen Kompromiss machen zwischen unserem Stolz und der Begehrlichkeit auf der einen Seite und unserem begrenzten Willen, das Gute zu tun, auf der anderen Seite, so dass wir die Sündhaftigkeit der Handlungen nicht klar sehen, sobald das Sittengesetz es uns nicht erlaubt, unsere Leidenschaften oder Neigungen auszuleben. (Dietrich von Hildebrand hat diese und viele andere Formen von „schuldigen Formen moralischer Wertblindheit“ und Deformation des Gewissens in einem bewundernswerten Buch analysiert, das leider noch nicht in englischer Sprache veröffentlicht wurde, aber  von der neu gegründeten Dietrich-von-Hildebrand-Presse als Morality and Ethical Value Knowledge angekündigt ist). Wenn man allgemein den Hang dazu hat, auf das einzugehen, was uns subjektiv befriedigt, aber immer noch nicht bewusst und offen sündigen will, wird unser moralisches Urteil leicht verdunkelt, entweder in teilweiser moralischer Wertblindheit oder in Blindheit der Subsumtion, d.h. einer Nicht-Einordnung unseres Verhaltens in die Kategorie „Ehebruch“. In diesen und vielen anderen Fällen moralischer Wertblindheit sind wir voll verantwortlich für die Deformation unseres Gewissens, und daher macht uns die Abwesenheit vom Bewusstsein, dass wir eine Todsünde begehen, nicht unschuldig, weil wir für unsere Blindheit selbst schuldig sind.

Hickson: Wie könnte es also „mildernde Faktoren“ geben, die eine Beziehung eines geschiedenen und „wiederverheirateten“ Paares sündenlos machen würden?

Seifert: Selbst wenn es mildernde Faktoren geben könnte, die eine Beziehung von geschiedenen und wiederverheirateten Paaren völlig sündenfrei machen würden, müssen wir beachten:

(1) Sobald ein ehebrecherisches Paar mit einem Priester spricht, der „unterscheiden“ soll, hat dieser Priester die Pflicht, ihnen zu sagen, dass ihre Beziehung objektiv sündig ist; in diesem Moment hören sie jedoch auf, Ehebruch „völlig unschuldig“ zu begehen;

(2) Solange sie fortfahren, das zu tun, was objektiv schwer sündig ist, scheint es für sie oder für einen Priester unmöglich zu beurteilen, dass ihre Beziehung „sündlos“ ist, was eine Fähigkeit voraussetzen würde, in die Tiefe einer Seele zu schauen, was wir niemals in Bezug auf uns selbst und noch weniger bei anderen Menschen haben;

(3) Es ist unvernünftig zu erwarten, dass ein Priester dies nach einigen Minuten im Beichtstuhl beurteilen kann;

(4) Es ist nicht zu tolerieren und würde privaten und öffentlichen Skandal hervorrufen, wenn Priester anfangen würden, zwei Gruppen von Sündern zu schaffen: jene Ehebrecher und Homosexuellen, die unschuldig sind und die Sakramente empfangen können und diejenigen, die es besser wissen und ausgeschlossen werden müssen;

(5) In der Praxis führt der versagende Versuch, diese „guten“ und „schlechten“ schweren Sünder zu trennen, unweigerlich dazu, jeden Ehebrecher und Homosexuellen zu den Sakramenten zuzulassen, und viele Sakrilegien werden begangen werden;

(6) Wie Familiaris Consortio lehrt, hat der würdige Empfang des Sakraments der Beichte oder der Eucharistie objektive und nicht nur subjektive Bedingungen. Es erfordert, dass ein Paar nicht objektiv in ehebrecherischen Beziehungen lebt, und nicht nur, dass der Sünder „nicht fühlt, dass dies sündig ist“ oder sogar nicht nur, dass der Sünder nicht persönlich die „heiligmachende Gnade“ verliert (weil Gott, der in sein Herz sieht, weiß, dass er nicht tödlich sündigt).

Hickson: Sollte diese ganze Debatte nur unter Fachleuten und nicht öffentlich geführt werden?

Seifert: Da die Frage der würdigen Aufnahme und Austeilung der Sakramente für jeden Priester und Gläubigen von entscheidender Bedeutung ist – davon kann ihre ewige Rettung abhängen –, ist die Behauptung, dass diese Angelegenheit nicht öffentlich diskutiert werden sollte, absurd. Darüber hinaus ist Amoris Laetitia veröffentlicht und seine sehr unterschiedlichen und widersprüchlichen Interpretationen sind veröffentlicht. Daher sollte die Debatte öffentlich geführt werden.

Hickson: Sollten wir alle in dieser Situation schweigen, um Frieden und Einheit in der katholischen Kirche zu bewahren?

Ich denke, ich habe diese Frage bereits beantwortet, aber ich möchte noch einmal betonen, dass die Wahrheit nicht nur Vorrang vor Einheit und Frieden hat, sondern die Voraussetzung für echte Einheit und Frieden ist. Ich könnte hier Blaise Pascal zitieren, den großen französischen Philosophen, den Papst Franziskus anscheinend selig sprechen will und der dies in seiner wunderbaren französischen Sprache ausgedrückt hat, die etwas weniger schön ins Englische übersetzt (werden kann) lautet:

„Es ist ebenso ein Verbrechen, den Frieden zu stören, wenn die Wahrheit vorherrscht, wie den Frieden zu bewahren, wenn die Wahrheit verletzt wird. Es gibt also eine Zeit, in der Frieden gerechtfertigt ist und eine andere Zeit, in der er nicht gerechtfertigt werden kann. Denn es steht geschrieben, dass es eine Zeit für Frieden und Zeit für einen Krieg gibt, und es ist das Gesetz der Wahrheit, das die beiden unterscheidet. Aber es gibt zu keiner Zeit eine Zeit für die Wahrheit und eine Zeit für einen Irrtum, denn es steht geschrieben, dass Gottes Wahrheit für immer bleiben wird. Darum hat Christus gesagt, dass Er gekommen ist, um Frieden zu bringen und gleichzeitig, dass Er gekommen ist, um das Schwert zu bringen. Aber Er sagt nicht, dass Er gekommen ist, um sowohl die Wahrheit als auch die Falschheit zu bringen. „- (Blaise Pascal, 19. Juni 1623 – 19. August 1662)

Hickson: Was würden Sie den Menschen sagen, die jetzt behaupten, dass diejenigen, die sich in Bezug auf einige seiner öffentlichen Äußerungen (auch wenn sie nicht ausdrücklich lehramtlich sind, aber doch Einfluss auf katholische Gläubige haben), gegen Papst Franziskus stellen, die Absicht haben, die Katholische Kirche zu spalten?

Seifert: Es ist natürlich möglich, dass einige Kritiker der Kirche eine solche Absicht haben, aber es ist sicherlich absolut falsch und wäre eine Verleumdung, wenn man dies von den vier Dubia-Kardinälen, von Pater Weinandy, von Bischof Athanasius Schneider, von Prof. Claudio Pierantoni, Prof. Carlos Casanova und vielen anderen Personen, die ihre kritische Stimme erhoben oder die Correctio filialis unterzeichnet haben, sagen würde. (Selbst wenn mein Erzbischof von Granada solcherweise dachte, sagte oder schrieb, wäre es falsch mich betreffend, könnte ich hinzufügen, der ich bereit wäre, für die „Einheit der Kirche in der Wahrheit“ zu sterben und absolut keine Absicht hege, die Einheit der Kirche aufzubrechen). John-Henry Westen (Herausgeber von LifeSiteNews) hat kürzlich in einer ausgezeichneten Rede in Rom am 28. Oktober in einer Konferenz über Humanae Vitae, die von der „Stimme für die Familie“ gesponsert wird, darauf hingewiesen, dass (1) der Papst selbst uns ermahnte, ihn frei zu kritisieren und uns nicht darum zu kümmern, was der „Papst denken würde“ und (2) dass diejenigen die wahren Freunde des Papstes und der Kirche sind, die wachsam sind und den Papst nicht durch Schmeicheleien und Bewunderung loben, von denen der Nachfolger des heiligen Petrus, der dazu bestimmt ist, der Fels zu sein, überhaupt keine braucht.

Das Gegenteil zu behaupten, dass jeder, der ein vom Papst gesprochenes Wort kritisiert, „die Absicht hat, die katholische Kirche aufzubrechen“ oder einfach die Einheit der Kirche zerbricht, würde urteilen, dass der Apostel Paulus die Absicht hatte, die Einheit der katholischen Kirche zu zerstören, als er den ersten Papst, der von Christus selbst eingesetzt wurde, während des ersten Konzils der Apostel offen und scharf kritisiert hat.

Hickson: Was halten Sie von Kardinal Müllers Vorwort zu Rocco Buttigliones neuem Buch „Freundliche Antworten an die Kritiker von Amoris Laetitia“?

Ich kann diese Frage nicht gründlich beantworten, solange ich den vollständigen Text des neuen Buches und des Vorworts von Kardinal Müller nicht gelesen habe, von dem ich nur einige Fragmente gelesen habe, die mich ziemlich verwirrt haben. Sein Lob von Buttigliones neuem Buch über Amoris Laetitia hat mich sehr erstaunt: (1) Erstens, weil Kardinal Müller kürzlich ein Buch auf Spanisch veröffentlichte, in dem er bekräftigte, dass kein Papst oder Konzil die sakramentale Disziplin der Kirche ändern könne, was, wie FC 84 sagt, auf der Heiligen Schrift selber gegründet ist. Weil er dies schrieb, nannte der Erzbischof von Madrid Kardinal Müller’s Buch anti-päpstlich und verbot ihm, es in der Katholischen Universität und im Seminar San Dámaso in Madrid zu präsentieren. Der Kardinal stellte es an einer anderen katholischen Universität in Madrid vor und sagte, dass AL nichts von der Lehre und der sakramentalen Disziplin, die in FC 84 zum Ausdruck kommt, was laut Müller untrennbar von der ewigen kirchlichen Lehre sei, ändere oder eine Änderung beabsichtige. Don Livio Melina, ein ehemaliger Schüler von mir im Johannes-Paul-II.-Institut für Ehe und Familie und bis vor kurzem Präsident des Johannes-Paul-II.-Instituts für Ehe und Familie in Rom, gab die gleiche Interpretation. Unser Erzbischof von Granada, Don Francisco Javier Martínez, sandte die Erklärung von Melina an alle Kleriker von Granada, offensichtlich in Übereinstimmung damit (aber später änderte er dies und vertrat die Buenos-Aires-Interpretation von AL und hielt mich zuerst davon ab, seine Seminaristen zu unterrichten, und dann habe ich – von meinem Vorsitzenden des IAP-IFES gewaltsam in den Ruhestand versetzt – meinen zweiten Artikel über AL veröffentlicht). Ich dachte von Anfang an, dass das Urteil von Kardinal Müller in Bezug auf die ewige Kirchenlehre richtig war, aber nicht als Interpretation von AL. Über diese rein hermeneutische Frage habe ich mit Buttiglione eingewilligt, der von Anfang an sah, dass AL etwas ganz anderes als FC sagt, aber versucht hat, dies als rein pastoral und „komplementär“ zu erklären: Papst Johannes Paul II. hätte eben auf der „objektiven Seite“ gesprochen. Ehebruch sei schwer „disordered“ (moralisch tadelnswert), während AL Laetitia die klassischen subjektiven Bedingungen der Todsünde und Zurechenbarkeit berücksichtigt. So haben beide Päpste recht, obwohl sie gegensätzliche pastorale Entscheidungen der Kirche vorschlagen. Johannes Paul II. verbietet geschiedenen und wiederverheirateten Katholiken (außerhalb der Kirche) den Zugang zu den Sakramenten, außer wenn sie in völliger Abstinenz leben, weil er nur von der objektiven Sündhaftigkeit des Ehebruchs spricht; Papst Franziskus lässt ihre sakramentale Absolution und Eucharistie zu, auch wenn sie keine Absicht haben, ihr Leben zu ändern, weil er darum bittet, den möglichen Zustand der Gnade bei solchen „guten Ehebrechern und Homosexuellen“ zu erkennen und anzuerkennen.

Nun entnehme ich aus den veröffentlichten Fragmenten seines Vorwortes, die mir zugänglich sind, dass Kardinal Müller:

(1) völlig auf die Buttiglione-Buenos Aires-Interpretation des Textes von AL umgestellt hat, der „hermeneutisch korrekt“ ist (darin bin ich jetzt mit beiden einverstanden; sie interpretieren AL textuell korrekt).

(2) Daß er nun auch Buttiglione dankt und AL wie Buttiglione rundum verteidigt, indem er nicht nur den Zugang zu den Sakramenten von Paaren akzeptiert, von denen er einige Monate zuvor sagte, kein Konzil oder Papst könne sie ermächtigen, die Sakramente zu empfangen, weil das von FC gelehrte Verbot zur ewigen kirchlichen Lehre gehört oder die logische Folge davon ist. So scheint Kardinal Müller nun auch seiner früheren starken Lehrbehauptung zu widersprechen, nämlich dass die von Papst Johannes Paul II. bekräftigte sakramentale Disziplin – dass niemand, der in objektivem Widerspruch zur kirchlichen Lehre von der Unauflöslichkeit der Ehe steht, zu den Sakramenten zugelassen werden kann, dass dies Teil und ewige logische Konsequenz der Lehren über Christus und der Kirche ist.

(3) Drittens scheint Kardinal Müller auch zu leugnen, dass es in AL (a) eine Spur von teleologischer Ethik und Situationsethik gibt. So beantwortet er meine Frage: „Droht die reine Logik, die gesamte Morallehre der katholischen Kirche zu zerstören? “ [3] negativ. Daher scheint Kardinal Müller die Behauptung zu bestreiten, „das Gewissen kann mehr tun als (nur) erkennen, dass eine gegebene Situation nicht objektiv den Gesamtanforderungen des Evangeliums entspricht. Es kann auch mit Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit erkennen, was für jetzt die großzügigste Antwort ist, die Gott gegeben werden kann, und mit einer gewissen moralischen Sicherheit sehen, dass es das ist, was Gott selbst in der konkreten Komplexität seiner Grenzen fordert, während, wenn auch nicht vollständig, das objektive Ideal „[nämlich weiter in Ehebruch oder in homosexuellen Beziehungen zu leben] logischerweise impliziert, dass Gott uns zustimmen kann, dass wir in manchen Situationen eine an sich böse Handlung wie Ehebruch begehen, und folglich gibt es an sich keine falschen Handlungen mehr in jedweder Lage. Im Gegensatz zu Kardinal Müller’s Ansicht, dass AL böswillige Handlungen nicht leugnet noch behauptet, dass die Fortführung einer objektiv schwer sündigen Handlung Gottes Willen für uns entsprechen kann, hat Pater Spadaro, befreundeter und autorisierter Interpreter von AL, kürzlich Papst Franziskus und AL die Ansicht zugeschrieben, dass Franziskus „jede allgemeine Regel negiert, die eine Klasse menschlicher Handlungen moralisch falsch machen würde“ (was bedeutet, dass man leugnet, dass jedwede menschliche Handlung als eine Klasse ungeachtet der Umstände und Konsequenzen intrinsisch falsch ist). Daher kann ich angesichts dieses Umschwungs von Kardinal Müller’s Position, dessen zweiter und dritter Punkt ich für falsch halte, nur meine völlige Verwirrung über die Aussagen von Kardinal Müller bekennen und hoffe, dass die Lektüre des vollständigen Textes etwas Licht auf das Rätsel bringt, dass er seine Autorität mit Buttiglione verband.

ENDE

* Paragraph 303 von Amoris Laetitia lautet wie folgt: „Natürlich sollten alle Anstrengungen unternommen werden, um die Entwicklung eines aufgeklärten Bewusstseins zu fördern, das durch die verantwortungsvolle und ernste Unterscheidung des eigenen Pastors geformt und geleitet wird und zu einem immer größeren Vertrauen in Gottes Gnade zu ermutigen. Doch das Gewissen kann mehr als nur erkennen, dass eine gegebene Situation den Gesamtanforderungen des Evangeliums objektiv nicht entspricht. Es kann auch mit Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit erkennen, was für jetzt die großzügigste Antwort ist, die Gott gegeben werden kann, und mit einer gewissen moralischen Sicherheit sehen, dass es das ist, was Gott selbst in der konkreten Komplexität seiner Grenzen fordert, wenn auch noch nicht zur Gänze das objektive Ideal. „

Aus „Amoris Laetitia“ (deutsche Version) zitiert:

303. Aufgrund der Erkenntnis, welches Gewicht die konkreten Bedingtheiten haben, können wir ergänzend sagen, dass das Gewissen der Menschen besser in den Umgang der Kirche mit manchen Situationen einbezogen werden muss, die objektiv unsere Auffassung der Ehe nicht verwirklichen. Selbstverständlich ist es notwendig, zur Reifung eines aufgeklärten, gebildeten und von der verantwortlichen und ernsten Unterscheidung des Hirten begleiteten Gewissens zu ermutigen und zu einem immer größeren Vertrauen auf die Gnade anzuregen. Doch dieses Gewissen kann nicht nur erkennen, dass eine Situation objektiv nicht den generellen Anforderungen des Evangeliums entspricht. Es kann auch aufrichtig und ehrlich das erkennen, was vorerst die großherzige Antwort ist, die man Gott geben kann, und mit einer gewissen moralischen Sicherheit entdecken, dass dies die Hingabe ist, die Gott selbst inmitten der konkreten Vielschichtigkeit der Begrenzungen fordert, auch wenn sie noch nicht völlig dem objektiven Ideal entspricht. Auf jeden Fall sollen wir uns daran erinnern, dass diese Unterscheidung dynamisch ist und immer offen bleiben muss für neue Phasen des Wachstums und für neue Entscheidungen, die erlauben, das Ideal auf vollkommenere Weise zu verwirklichen.

[1] „Droht die reine Logik, die gesamte Morallehre der katholischen Kirche zu zerstören? „Aemaet, Wissenschaftliche Zeitschrift für Philosophie und Theologie http://aemaet.de , Bd. 6 (2017), 2-9.

[2] „Amoris Laetitia. Freude, Traurigkeit und Hoffnungen „. Aemaet Bd. 5, Nr. 2 (2016) 160-249, http://aemaet.de urn: nbn: de: 0288-2015080654.

[3] Aemaet, Wissenschaftliche Zeitschrift für Philosophie und Theologie http://aemaet.de , Bd. 6 (2017), 2-9.

Interview: Josef Seifert über die Amoris Laetitia-Debatte mit Rocco Buttiglione — Fortsetzung 2

Aus dem Englischen übersetzt von mir [POS]

Hickson: Können Sie uns hier die Frage des unfehlbaren außerordentlichen Lehramtes und des unfehlbaren allgemeinen ordentlichen Lehramtes erklären?

Seifert: Ich denke, dass das unfehlbare außerordentliche Lehramt nur für solche zentralen Fragen der Lehre und des Glaubens gilt, die entweder der Papst „ex cathedra“ definiert (was nur zwei oder dreimal in der Geschichte der Kirche geschehen ist) oder die ein Konzil, in Einheit mit dem Papst, als ein Dogma und de fide definiert in der Weise, dass jeder, der ihr widersprochen hat als „anathem“ erklärt wurde. Das unfehlbare Ordentliche Lehramt der Kirche ist nur in Lehren des ordentlichen Lehramtes präsent, die mit dem übereinstimmen, was die Kirche immer und überall gelehrt hat, nicht mit völlig neuen Lehren. Keines dieser Unfehlbarkeitskriterien gilt für die Neuheiten von AL.

Hickson: Ist Amoris Laetitia von so großem magistralem Gewicht, dass man seiner Lehre nicht widersprechen kann, ohne in die Kategorie ungehorsam, ketzerisch oder schismatisch zu fallen, zumindest im Geiste?

Absolut nicht, aus den angegebenen Gründen. Deshalb ist es eine schwerwiegende Ungerechtigkeit, Katholiken, die AL in der Tat oder im Geiste widersprechen, als Häretiker, Schismatiker oder als ungehorsam gegenüber dem Papst zu behandeln.

Hickson: Ist es in diesem Zusammenhang wichtiger, dass wir dem Papst und seiner neuen Lehre um des Gehorsams willen folgen (was an sich ein großes Gut ist) oder dass wir die traditionelle Lehre der Kirche bewahren?

Seifert: Ich denke, sobald wir feststellen, dass eine neue Lehre falsch ist, dass wir verpflichtet sind, ihr nicht zu gehorchen. Und sobald wir eine neue pastorale Entscheidung des Papstes vorfinden, die bei gutem Gewissen nicht anwendbar ist, wie die Sakramente unbußfertigen Sündern auf der Grundlage eines (für uns unmöglich) „Unterscheidungsvermögens“ zu geben, ob ihre Sünde mit ihrem Im-Gnadenstand-Sein aus subjektiven Gründen kompatibel ist, sind wir ebenfalls moralisch verpflichtet, ihm nach dem vom Petrus formulierten Prinzip nicht zu gehorchen, und Robert Spaemann hat vor kurzem daran erinnert, dass wir Gott mehr gehorchen müssen als Menschen. Dies gilt umso mehr, wenn wir davon überzeugt sind, dass die Gewährung der Absolution und der heiligen Eucharistie an die öffentlichen Sünder (auch wenn sie im Zustand der Gnade waren) ungeachtet ihrer persönlichen Unschuld falsch ist, wie dies im Familiaris Consortio 84 impliziert wird. FC spricht von einer objektiven Disharmonie der ehebrecherischen Beziehungen zum Gesetz Christi und zur Bedeutung der Ehe – und der tiefen analogen und symbolischen Bedeutung der Ehe in Bezug auf die Beziehung zwischen Christus und der Kirche als Grund, warum ein Paar, das im Widerspruch zu den Göttlichen Geboten lebt, die Sakramente nicht empfangen sollte. Diese objektive Diskrepanz reicht aus für das Urteil der Kirche, dass sie keinen Zugang zu den Sakramenten erhalten dürfen. (In diesem Punkt habe ich Buttiglione in Briefen und meinen früheren Schriften über AL einige unrichtige Zugeständnisse gemacht.) FC und kirchliche Tradition verlangen nicht, dass Sünder, die ernsthaft vom göttlichen Gesetz abweichen, subjektiv in Todsünde leben müssen (was Gott allein weiß), weil ihnen der Zugang zu den Sakramenten verweigert wird. Wenn dies anders wäre, müssten wir auch Abtreibungsbefürworter, Mörder ersten Grades usw. zu den Sakramenten zulassen, weil wir niemals mit Sicherheit wissen können, dass sie die heiligmachende Gnade verloren haben .

Hickson: Sie selbst haben in Ihrer eigenen höflichen Kritik an Amoris Laetitia besonders auf Paragraph 303* dieses päpstlichen Dokuments hingewiesen und die potentielle Gefahr hervorgehoben, absolute moralische Normen irrelevant zu machen. Wie haben Sie und Prof. Buttiglione über diesen Aspekt der Debatte gesprochen?

Seifert: Prof. Buttiglione sagte über meinen zweiten Artikel, Droht pure Logik, die gesamte moralische Lehre der katholischen Kirche zu zerstören?, dass „ich irre, auch wenn ich recht habe“ aus den Gründen, (1) die Verpflichtung zu haben, allem zuzustimmen, was das Ordentliche Päpstliche Lehramt uns sagt (worauf ich geantwortet habe), (2) dass ein Grund, den der Papst für eine Lehre anbietet, falsch sein kann, während die Lehre selbst richtig ist. Mit anderen Worten, Buttiglione glaubt, dass die Behauptung, „dass wir in unserem Gewissen wissen können, dass Gott selbst es wünscht, dass wir weiterhin im Ehebruch leben, die beste und großzügigste Antwort ist, die wir ihm in unserer Situation geben können“, nicht die Lehre von Papst Franziskus ist, die wir (nach Buttiglione) glauben müssen. Vielmehr müssten wir nur der wahren Lehre von AL Glauben schenken, nämlich, dass nach rechter Unterscheidung reuelose ehebrecherische und homosexuelle Paare zu den Sakramenten zugelassen werden können. Ich denke im Gegenteil, was Nr. 303* sagt (und viele andere Teile von AL implizieren), dass der bedeutendste Lehrinhalt und der Hauptgrund für die pastorale Lehre von AL der ist, der (in Anbetracht meiner Antwort Nr. 1, 2 und 3 zu Ihrer zweiten Frage), nicht als eine „lehramtliche Lehre“ betrachtet werden kann.

Hickson: In diesem Zusammenhang eines Sünders, der Gott gefallen könnte, obwohl er immer noch in seiner Sünde verbleibt: Ist es katholisch, eine Position aufrechtzuerhalten, dass Gott mit uns zufrieden sein könnte, vielleicht weil wir in unserem Leben eine Sünde heilten, während wir jedoch noch in einer anderen schweren Sünde verbleiben? Das heißt, könnte es in Gottes Augen genügen, in den Zustand der heiligenden Gnade zurückzukehren, indem man ein Zeichen des guten Willens setzt, während man zum Beispiel immer noch eine sündige Beziehung aufrecht erhält?

Seifert: Ich denke, dass Gott natürlich von uns, nach einer Scheidung von unserer sakramentalen Ehefrau, damit zufrieden sein könnte, unsere einzige zivil verheiratete zweite Frau oder unsere Kinder zu verprügeln und zu verleumden, selbst wenn wir in einer sündhaften Beziehung fortfahren. Aber er kann oder wird sich nie darüber freuen, dass wir weiter im Ehebruch leben. Es ist sicher möglich, dass unbesiegbare Ignoranz oder Willensschwäche nicht dazu führt, dass eine Person den Zustand der heiligmachenden Gnade verliert, selbst wenn diese Person objektiv in schwerer Sünde lebt. Aber ich denke, dass a) dies sehr selten ist, besonders wenn sich der Priester in der Beichte seiner Pflicht entledigt, dem Sünder die Wahrheit zu sagen, und 2) dass niemand darin sicher sein kann, und 3) dass im Zustand der Gnade zu leben nicht genug ist, um die Sakramente würdig zu empfangen, während mit objektiv in schwerer Sünde lebt, wie ich erklärt habe.

Hickson: Würde Gott von irgendeinem Sünder irgendwann in seinem Leben verlangen, in seiner Sünde zu bleiben? Wie würden Sie diese Behauptung angesichts des Konzils von Trient kommentieren?

Ich halte das für eindeutig unmöglich und als eine vom Konzil von Trient dogmatisch erklärte Ketzerei.

Hickson: Wo verlässt Prof. Buttiglione in Ihren Augen die solide Grundlage der katholischen Morallehre, vielleicht um die Loyalität gegenüber Papst Franziskus zu wahren?

Ich denke (1) in Bezug auf seine „zwei Prinzipien“, die uns trennen, dass sie nicht der gesunden katholischen Lehre entsprechen, weil es die katholische Lehre (und die Grundlage für jede Verurteilung von Häresien in der Geschichte der Kirche) ist, dass a) Wahrheit Vorrang hat vor der Einheit und b) dass kein Katholik die absolute Pflicht hat, alles anzunehmen, was ein Papst oder Konzil sagt, wenn es nicht dogmatisch und de fide ist, und wenn er guten Grund hat zu glauben, dass es der natürlichen oder geoffenbarten Wahrheit widerspricht oder zu beidem (etwas Anderes zu verlangen wäre Papolatrie). (2) Ich glaube, dass Professor Buttiglione’s konkrete und brillante, aber erfolglose Bemühungen, die Neuheiten von Amoris Laetitia mit Familiaris Consortio , Veritatis Splendor , Evangelium Vitae , Humanae Vitae und der Tradition der Kirche in Einklang zu bringen, alle scheitern und ihn in die Gefahr der Verwendung komplizierter und sophistischer Gründe und widersprüchlicher kirchlicher Dogmen bringt, wie (a) dass Gott niemals Dinge befiehlt, denen wir nicht gehorchen können mit Hilfe der Gnade (eine lutherische Häresie bestritt dies und wurde im Konzil von Trient verurteilt) oder (b) dass außermoralisches Übel (wie dass der Partner einer zweiten „Ehe“ mich verlassen wird) niemals ein größeres Übel als eine Sünde sein kann und die Absicht, sie zu verhindern, niemals eine Sünde rechtfertigen kann (VS und Trient bekräftigten dies und verurteilten seine Negation als ketzerisch), oder (c) daß das Abwägen des Guten gegen die schlechten Wirkungen einer Handlung niemals die Begehung einer der vielen an sich bösen Handlungen rechtfertigen kann (Veritatis Splendor hat dies sehr feierlich deutlich gemacht).

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Fortsetzung folgt!

Interview: Josef Seifert über die Amoris Laetitia-Debatte mit Rocco Buttiglione — Fortsetzung 1

Aus dem Englischen übersetzt von mir [POS]

(2) Die zweite fundamentale Meinungsverschiedenheit zwischen uns betrifft die jeweilige Rolle der „Einheit mit dem Papst“ und der Wahrheit in der Wertehierarchie, die wir respektieren müssen. Buttiglione bestand wiederholt darauf, dass für ihn das wichtigste Ziel „Einheit mit dem Papst“ sei, während ich denke, dass die Frage der Wahrheit absolute Priorität hat. Wenn also, wie ich in meinem letzten Artikel über AL [1] als eine Frage an den Papst vorschlage, die reine Logik zeigt, dass man aus einer einzigen Behauptung der AL, die unten zitiert wird, die Negation von an sich bösen Taten ableiten kann, und diese Behauptung dem Naturgesetz und der ganze katholische Morallehre, besonders Veritatis Splendor, widerspricht, dann ist diese Behauptung offensichtlich falsch, und das muss klar gesagt werden, und die Behauptung sollte zurückgezogen werden. Dem Papst zustimmen, Einigkeit mit dem Papst haben in Bezug auf einen Irrtum, hat keinen Wert. Im Gegenteil: Wie der hl. Thomas und die Apostelgeschichte deutlich machen, hat der Untergebene in einem solchen Fall die Pflicht, seinen Vorgesetzten sogar öffentlich zu kritisieren, wie der hl. Paulus den hl. Petrus kritisiert hat. Gegen mein Beharren auf der absoluten Priorität der Wahrheit über die Einigkeit schrieb Buttiglione, dass ich in meinem kurzen zweiten Artikel über AL falsch liege, auch wenn ich recht hätte – mit dieser rätselhaften Behauptung, dass „Einigkeit mit dem Papst“ wichtiger ist als die Wahrheit, oder dass wir nicht die Wahrheit sagen müssen, wenn die Wahrheit unsere Einigkeit mit dem Papst gefährdet – eine Position, mit der ich absolut nicht einverstanden bin, oder dass die Aussage, aus der verheerende Konsequenzen logisch folgen, wirklich falsch sein könnte, wie ich suggeriere, während der Hauptinhalt AL von diesem Irrtum nicht berührt werden würde, weil dieser Fehler sich nur auf einen Grund für die Lehre von AL beziehen würde, nicht auf diese Lehre selbst (ich werde auf diesen zweiten Punkt zurückkommen).

Hickson: Genauer gesagt, was ist die Meinungsverschiedenheit mit Prof. Buttiglione bezüglich der Frage des magistralen Gewichts von Amoris Laetitia?

Seifert: Buttiglione und ich sind uns nicht einig, ob das, was der Papst in Amoris Laetitia sagt, eine Ausübung seines Ordentlichen Lehramtes ist, was Buttiglione für unbestreitbar hält, während ich es aus vier (meiner Meinung nach entscheidenden) Gründen ernstlich bezweifle:

  1. Weil die entscheidenden neuen Punkte von AL hauptsächlich in bloßen Fußnoten gefunden werden, die die Sakramentsdisziplin der Kirche von 2000 Jahren nicht umkehren können, überdies feierlich neu bestätigt durch die Apostolische Ermahnung Familiaris Consortio des Heiligen Papstes Johannes Paul II. Solche Fußnoten können nicht als Ausübung des Ordentlichen Lehramtes angesehen werden, wie auch die Kardinäle Brandmüller und Burke sowie die anderen Dubia-Kardinäle und viele andere bemerkten.
  2. Darüber hinaus sagt der Papst ausdrücklich im Kapitel III von Amoris Laetitia, dass er die entscheidende Neuheit in AL nicht durch sein Lehramt festlegen will, sondern es offen lässt, sie von den verschiedenen nationalen und kulturell unterschiedlichen und dezentralisierten Bischofskonferenzen beurteilen zu lassen.
  3. Er bestätigte diese Position, indem er sowohl die Entscheidung des polnischen Episkopats billigte, FC zur Gänze zu folgen, als auch Geschiedene und zivil Wiederverheiratete oder aktive Homosexuelle, die ihr Leben nicht ändern wollen, nicht zu den Sakramenten zuzulassen und indem er gleichzeitig auch die entgegengesetzte Position bestätigt und lobt: die Verkündigung der argentinischen Bischöfe der Region Buenos Aires, die mit derjenigen vieler anderer Bischöfe übereinstimmt, darunter auch der Erzbischof von Granada. Diese Bischöfe nahmen die genau entgegengesetzte Interpretation an. Der Papst lobte sogar die weitaus radikalere Äußerung der Bischöfe von Malta gegenüber AL, die eine völlig situationsethische Interpretation von AL vorschlugen. So folgt Franziskus der Idee, die er anregt, von einem „dezentralisierten Lehramt“ oder einer anderen „Magisteria“ in der Kirche – alles, was er billigte – eine Idee, die Karl Rahner vor einem halben Jahrhundert in München zum Ausdruck brachte. Nun, reine Logik sagt uns, dass die Position der Bischöfe von Buenos Aires oder Malta und die der Polnischen Bischofskonferenz, die diametral widersprüchlich gegen die der Bischöfe von Buenos Aires (verteidigt von Buttiglione) ist, und von denen beide vom Papst in seinem neuen „magisterialen Pluralismus“ zugelassen sind, nicht beide dem „ordentlichen Lehramt des Papstes“ entsprechen können. Daher können die neuartigen Lehren von AL (d.h. die Lesart in Buenos Aires) nicht das „Lehramt des Papstes“ sein.
  4. Die Neuheiten von AL sind nicht in erster Linie doktrinell, sondern pastoral und daher eher den Kategorien der Klugheit oder Unklugheit als des Wahren und Falschen zuzuordnen; zum Beispiel, wenn Päpste in der Vergangenheit in der Ausübung ihres ordentlichen Lehramtes in päpstlichen Bullen oder Enzykliken verlangt haben, dass Häretiker, Magier und Hexen auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden sollten, oder wenn sie ganze Städte in Bullen exkommunizierten, weil ihr Prinz gegen den Vatikan einen Krieg führte, bin ich sicherlich nicht verpflichtet zu glauben, dass dies eine umsichtige Pastoralentscheidung war. Buttiglione selbst sagt etwas widersprüchlich, dass die neue Lehre von AL eine rein pastorale ist, und er hat auch zumindest in Briefen an mich gesagt, dass wir nicht mit der Weisheit einer pastoralen Entscheidung eines Papstes einverstanden sein müssen, die nicht an sich wahr oder falsch, aber klug oder unklug sein kann. Aber in diesem Fall bin ich keineswegs verpflichtet, AL zuzustimmen (gemäß der Logik, die auf Buttigliones Eingeständnis angewandt wird), noch zuzustimmen, dass seine neue Pastoralrichtlinie weise ist.

(Ich unterscheide mich in anderer Hinsicht mit Buttiglione: indem ich behaupte, dass die neuartige Lehre von AL nicht bloß pastoral, sondern auch doktrinal ist. )

Insofern sie aber pastoral ist (und daher nicht wahr oder falsch, sondern klug oder unvorsichtig), unterscheiden sich Buttiglione und ich, zumindest scheinbar, als ob Buttiglione die neue Pastoralleitlinie von AL nicht kritisiert und versucht, ihre Kompatibilität mit der gegenteiligen Pastoralrichtlinie von FC zu erklären, die mit Papst Johannes Paul II. im Evangelium verwurzelt ist. Ich halte jedoch, auch wenn ich irgendeine Lehrfrage ausschließe, die neue pastorale Richtlinie von AL nicht nur für unvorsichtig, sondern für völlig unanwendbar. In meinem ersten Artikel über AL [2] habe ich, glaube ich, überzeugende Argumente für die praktische Unmöglichkeit gegeben, zwischen Ehebrechern „zu unterscheiden“, die die Sakramente empfangen können oder nicht, ohne ihr Leben zu verändern. Mein Argument deckt sich völlig mit einem Argument des polnischen Episkopats für ihre Entscheidung, FC zu befolgen: Es ist unmöglich für einen Priester in einem 5-Minuten-Gespräch im Beichtstuhl zu bestimmen, ob ein reueloser Sünder unüberwindlich unwissend und im Zustand der Gnade ist, obwohl er beabsichtigt, weiterhin zu begehen, was objektiv gesprochen schwere Sünden sind. Aus dieser praktischen Unmöglichkeit der Anwendung des Urteilsvermögens, die kaum mit einer allgemeinen Öffnung der Beichte und der Eucharistie für reuelose ehebrecherische und homosexuelle Paare enden kann, folgt unmittelbar die Unklugheit der Entscheidung, die „irregulären Paare“ zu den Sakramenten zuzulassen.

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Fortsetzung folgt!

The full text of Father Weinandy’s letter to Pope Francis – mit Übersetzung ins Deutsche

July 31, 2017
Feast of St. Ignatius of Loyola

Your Holiness,

I write this letter with love for the Church and sincere respect for your office.  You are the Vicar of Christ on earth, the shepherd of his flock, the successor to St. Peter and so the rock upon which Christ will build his Church.  All Catholics, clergy and laity alike, are to look to you with filial loyalty and obedience grounded in truth.  The Church turns to you in a spirit of faith, with the hope that you will guide her in love.

Yet, Your Holiness, a chronic confusion seems to mark your pontificate.  The light of faith, hope, and love is not absent, but too often it is obscured by the ambiguity of your words and actions.  This fosters within the faithful a growing unease.  It compromises their capacity for love, joy and peace.  Allow me to offer a few brief examples.

First there is the disputed Chapter 8 of Amoris Laetitia.  I need not share my own concerns about its content.  Others, not only theologians, but also cardinals and bishops, have already done that.  The main source of concern is the manner of your teaching.  In Amoris Laetitia, your guidance at times seems intentionally ambiguous, thus inviting both a traditional interpretation of Catholic teaching on marriage and divorce as well as one that might imply a change in that teaching.  As you wisely note, pastors should accompany and encourage persons in irregular marriages; but ambiguity persists about what that “accompaniment” actually means.  To teach with such a seemingly intentional lack of clarity inevitably risks sinning against the Holy Spirit, the Spirit of truth.  The Holy Spirit is given to the Church, and particularly to yourself, to dispel error, not to foster it.  Moreover, only where there is truth can there be authentic love, for truth is the light that sets women and men free from the blindness of sin, a darkness that kills the life of the soul.  Yet you seem to censor and even mock those who interpret Chapter 8 of Amoris Laetitia in accord with Church tradition as Pharisaic stone-throwers who embody a merciless rigorism.   This kind of calumny is alien to the nature of the Petrine ministry.  Some of your advisors regrettably seem to engage in similar actions.  Such behavior gives the impression that your views cannot survive theological scrutiny, and so must be sustained by ad hominem arguments.

Second, too often your manner seems to demean the importance of Church doctrine.  Again and again you portray doctrine as dead and bookish, and far from the pastoral concerns of everyday life.  Your critics have been accused, in your own words, of making doctrine an ideology.  But it is precisely Christian doctrine – including the fine distinctions made with regard to central beliefs like the Trinitarian nature of God; the nature and purpose of the Church; the Incarnation; the Redemption; and the sacraments – that frees people from worldly ideologies and assures that they are actually preaching and teaching the authentic, life-giving Gospel.  Those who devalue the doctrines of the Church separate themselves from Jesus, the author of truth.  What they then possess, and can only possess, is an ideology – one that conforms to the world of sin and death.

Third, faithful Catholics can only be disconcerted by your choice of some bishops, men who seem not merely open to those who hold views counter to Christian belief but who support and even defend them.  What scandalizes believers, and even some fellow bishops, is not only your having appointed such men to be shepherds of the Church, but that you also seem silent in the face of their teaching and pastoral practice.  This weakens the zeal of the many women and men who have championed authentic Catholic teaching over long periods of time, often at the risk of their own reputations and well-being.  As a result, many of the faithful, who embody the sensus fidelium, are losing confidence in their supreme shepherd.

Fourth, the Church is one body, the Mystical Body of Christ, and you are commissioned by the Lord himself to promote and strengthen her unity.  But your actions and words too often seem intent on doing the opposite.  Encouraging a form of “synodality” that allows and promotes various doctrinal and moral options within the Church can only lead to more theological and pastoral confusion.  Such synodality is unwise and, in practice, works against collegial unity among bishops.

Holy Father, this brings me to my final concern.  You have often spoken about the need for transparency within the Church.  You have frequently encouraged, particularly during the two past synods, all persons, especially bishops, to speak their mind and not be fearful of what the pope may think.  But have you noticed that the majority of bishops throughout the world are remarkably silent?  Why is this?  Bishops are quick learners, and what many have learned from your pontificate is not that you are open to criticism, but that you resent it.  Many bishops are silent because they desire to be loyal to you, and so they do not express – at least publicly; privately is another matter – the concerns that your pontificate raises.  Many fear that if they speak their mind, they will be marginalized or worse.

I have often asked myself: “Why has Jesus let all of this happen?”   The only answer that comes to mind is that Jesus wants to manifest just how weak is the faith of many within the Church, even among too many of her bishops.  Ironically, your pontificate has given those who hold harmful theological and pastoral views the license and confidence to come into the light and expose their previously hidden darkness.  In recognizing this darkness, the Church will humbly need to renew herself, and so continue to grow in holiness.

Holy Father, I pray for you constantly and will continue to do so.  May the Holy Spirit lead you to the light of truth and the life of love so that you can dispel the darkness that now hides the beauty of Jesus’ Church.

Sincerely in Christ,

Thomas G. Weinandy, O.F.M., Cap.

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Quelle

Read also:

Chapter 8 of Amoris Laetitia

Fr. Thomas G. Weinandy explains his critical letter to Pope Francis


 

Übersetzungentwurf ins Deutsche von mir [POS]:

31. Juli 2017
Fest des heiligen Ignatius von Loyola

Eure Heiligkeit,

Ich schreibe diesen Brief mit Liebe für die Kirche und aufrichtigen Respekt für Ihr Amt. Sie sind der Stellvertreter Christi auf Erden, der Hirte seiner Herde, der Nachfolger des heiligen Petrus und so der Fels, auf dem Christus seine Kirche bauen wird. Alle Katholiken, Geistliche und Laien gleichermaßen, sollen mit kindlicher Loyalität und Gehorsam auf Sie blicken. Die Kirche wendet sich im Glauben an Sie, mit der Hoffnung, dass Sie sie in Liebe führen werden.

Dennoch, Eure Heiligkeit, scheint eine chronische Verwirrung Ihr Pontifikat zu kennzeichnen. Das Licht des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe ist nicht abwesend, aber zu oft wird es durch die Mehrdeutigkeit Ihrer Worte und Handlungen verdeckt. Dies fördert innerhalb der Gläubigen ein wachsendes Unbehagen. Es beeinträchtigt ihre Fähigkeit zu Liebe, Freude und Frieden. Erlauben Sie mir ein paar kurze Beispiele.

Zuerst gibt es da das umstrittene Kapitel 8 von Amoris Laetitia. Ich muss meine eigenen Bedenken über seinen Inhalt nicht mitteilen. Andere, nicht nur Theologen, sondern auch Kardinäle und Bischöfe, haben das bereits getan. Die Hauptquelle der Besorgnis ist die Art und Weise Ihres Unterrichts. In Amoris Laetitia scheint Ihre Führung absichtlich mehrdeutig zu sein und lädt sowohl zu einer traditionellen Interpretation der katholischen Lehre über Ehe und Scheidung als auch zu einer Veränderung in dieser Lehre ein. Wie Sie wohl bemerkt haben, sollten Hirten Personen in unregelmäßigen Ehen begleiten und ermutigen; unklar bleibt jedoch, was diese „Begleitung“ eigentlich bedeutet. Mit solch einem scheinbar absichtlichen Mangel an Klarheit zu lehren, riskiert man unvermeidlich, gegen den Heiligen Geist, den Geist der Wahrheit, zu sündigen. Der Heilige Geist wird der Kirche und insbesondere Ihnen selbst gegeben, um Fehler zu verbannen, nicht um sie zu fördern. Überdies kann nur dort, wo Wahrheit ist, wahre Liebe sein, denn die Wahrheit ist das Licht, das Frauen und Männer von der Blindheit der Sünde befreit, einer Finsternis, die das Leben der Seele tötet. Dennoch scheinen Sie diejenigen zu zensieren und gar als pharisäische Steinwerfer, die einen gnadenlosen Rigorismus verkörpern, zu verhöhnen, die Kapitel 8 von Amoris Laetitia in Übereinstimmung mit der Tradition der Kirche interpretieren. Diese Art von Verleumdung ist der Natur des Petrusdienstes fremd. Einige Ihrer Berater scheinen sich bedauerlicherweise an ähnlichen Aktionen zu beteiligen. Solches Verhalten erweckt den Eindruck, dass Ihre Ansichten die theologische strenge Prüfung nicht überleben können und daher von Argumenten ad hominem getragen werden müssen.

Zweitens scheint Ihre Art zu oft die Bedeutung der kirchlichen Lehre herabzusetzen. Immer wieder schildern Sie die Lehre als tot und buchstäblich und weit entfernt von den pastoralen Sorgen des Alltags. Ihre Kritiker wurden in Ihren eigenen Worten beschuldigt, die Doktrin zu einer Ideologie gemacht zu haben. Aber es ist genau die christliche Lehre – einschließlich der feinen Unterscheidungen, die im Hinblick auf zentrale Überzeugungen wie die trinitarische Natur Gottes getroffen wurden; das Wesen und der Zweck der Kirche; die Inkarnation; die Erlösung; und die Sakramente – was die Menschen von weltlichen Ideologien befreit und sicherstellt, dass sie tatsächlich das authentische, lebenspendende Evangelium predigen und lehren. Diejenigen, die die Lehren der Kirche abwerten, trennen sich von Jesus, dem Urheber der Wahrheit. Was sie dann besitzen und nur besitzen können, ist eine Ideologie – eine, die der Welt der Sünde und des Todes entspricht.

Drittens können gläubige Katholiken durch Ihre Wahl einiger Bischöfe nur verunsichert werden, von Männern, die nicht nur offen für diejenigen zu sein scheinen, die Ansichten gegen den christlichen Glauben halten, sondern die sie unterstützen und sogar verteidigen. Was die Gläubigen und sogar einige Mitbischöfe schockiert, ist nicht nur, dass Sie solche Männer zu Hirten der Kirche ernannt haben, sondern dass Sie auch angesichts ihrer lehrenden und pastoralen Praxis schweigen. Dies schwächt den Eifer der vielen Frauen und Männer, die sich über lange Zeiträume für die authentische katholische Lehre eingesetzt haben, oft auf eigenes Risiko und Wohlbefinden. Infolgedessen verlieren viele der Gläubigen, die den Sensus fidelium verkörpern, das Vertrauen in ihren obersten Hirten.

Viertens ist die Kirche ein Leib, der mystische Leib Christi, und Sie sind vom Herrn selbst beauftragt, ihre Einheit zu fördern und zu stärken. Aber Ihre Handlungen und Worte scheinen zu oft das Gegenteil zu beabsichtigen. Die Förderung einer Form von „Synodalität“, die verschiedene lehrmäßige und moralische Optionen innerhalb der Kirche ermöglicht und fördert, kann nur zu mehr theologischer und pastoraler Verwirrung führen. Eine solche Synodalität ist unklug und wirkt in der Praxis gegen die kollegiale Einheit der Bischöfe.

Heiliger Vater, das bringt mich zu meiner letzten Sorge. Sie haben oft über die Notwendigkeit von Transparenz innerhalb der Kirche gesprochen. Sie haben häufig, besonders während der beiden letzten Synoden, alle Personen, besonders die Bischöfe, ermutigt, ihre Meinung zu sagen und sich nicht zu fürchten vor dem, was der Papst denkt. Aber haben Sie bemerkt, dass die Mehrheit der Bischöfe auf der ganzen Welt merklich still ist? Warum ist das so? Bischöfe lernen schnell, und was viele von Ihrem Pontifikat gelernt haben, ist nicht, dass Sie offen sind für Kritik, sondern dass Sie ihnen diese übel nehmen. Viele Bischöfe sind still, weil sie loyal sein wollen Ihnen gegenüber, und deswegen äußern sie – mindestens öffentlich; privat ist es anders – ihre Bedenken nicht, die Ihr Pontifikat hervorruft. Viele befürchten, dass, wenn sie reden, sie an den Rand gedrängt werden oder schlimmer.

Ich habe mich oft gefragt: „Warum hat Jesus dies alles geschehen lassen?“ Die einzige Antwort, die mir in den Sinn kommt ist, dass Jesus offenlegen will, wie schwach der Glaube Vieler in der Kirche ist, selbst unter so manchen ihrer Bischöfe. Ironischerweise hat Ihr Pontifikat jenen, die schädliche theologische und pastorale Ansichten vertreten, erlaubt, ins Licht zu treten und ihre vormals verborgene Finsternis offen zu bekunden. Durch das Erkennen dieser Finsternis wird die Kirche es nötig haben, sich selber demütig zu erneuern und so weiter in der Heiligkeit zu wachsen.

Heiliger Vater, ich bete dauernd für Sie und werde dies weiter tun. Möge der Heilige Geist Sie zum Licht der Wahrheit und dem Leben der Liebe führen, so dass Sie die Finsternis vertreiben können, die jetzt die Schönheit der Kirche Jesu Christi verbirgt.

Hochachtungsvoll,

Thomas G. Weinandy, O.F.M., Cap.