Österreich: „Vorherrschend war Eindruck des Bravseins“

Ist schon wieder Geschichte: Ein menschenleeres Wien am 15. März (ANSA)

War das kirchliche Agieren seit Ausbruch der Corona-Pandemie allzu „brav“?

Der Leiter der Wiener Theologischen Kurse, Erhard Lesacher, hat zu dieser Frage auf den Eindruck vieler Gläubiger verwiesen, „dass hier relativ schmerzfrei Wesentliches wie z. B. der Gemeindebezug des Gottesdienstes aufgegeben wurde, dass staatliche Vorgaben vorauseilend übererfüllt wurden, dass sich die Kirche hinter ihre sicheren Mauern zurückgezogen habe“.

Kirche sei plötzlich zur „Kleruskirche“ geworden. Dass es in der Kirchenleitung ein Ringen um diese theologisch problematischen Entscheidungen gab, sei anzunehmen, aber nach außen nicht wirklich deutlich geworden, so Lesacher in einem Beitrag für „theocare.network“, den Corona-Blog der Wiener Katholisch-Theologischen Fakultät. „Vorherrschend war der Eindruck der Schmerzfreiheit und des Bravseins. Für letzteres wurde die Kirche von der Regierung ja auch ausdrücklich gelobt.“

Entscheidungen mit „teilweise eminenten theologischen Implikationen“

Der Theologe, der in der Erzdiözese Wien seit fast 30 Jahren für theologische Erwachsenenbildung verantwortlich ist, bezeichnete es als „zweifellos absolut zu begrüßen“, dass die Kirche Richtlinien auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse beschließt. Da Virologen, Juristen usw. in ihrer Beratung tendenziell auf „Nummer sicher“ setzen, seien manche Entscheidungen eher vorsichtig ausgefallen.

Auch die Kirche habe unter Zeitdruck rasch Maßnahmen treffen müssen, anerkannte Lesacher. Er teile die Ansicht Kardinal Christoph Schönborns, der gegenüber „Strafe-Gottes-Theorien“ festhielt, dass Seuchen einen natürlichen Ursprung haben und mit medizinischem Sachverstand bekämpft werden müssen. Der Fortsetzung des Erzbischofs: „Da kann die Theologie nicht mitreden …“ könne er aber nicht zustimmen, so Lesacher. Auf der Basis von z. B. virologischen Erkenntnissen treffe die Kirchenleitung notwendige Entscheidungen, die „teilweise eminente theologische Implikationen“ hätten. Virologen könnten im Kontext der Kirche somit keine exklusive Deutungshoheit haben, merkte der Wiener Theologe an.

„Leibloser Glaube“ ist unchristlich

Lesacher hielt fest: „Social distancing steht diametral gegen die christliche Grundüberzeugung, dass Gott Communio (Gemeinschaft, Anm.) ist.“ Ein „leibloser Glaube“ sei fragwürdig, die Kirche – auch „Leib Christi“ genannt – als ganze sowie all ihre Sakramente hätten eine physische, leiblich erfahrbare Komponente. Es sei somit ein erhebliches Problem für eine Glaubensgemeinschaft, wenn auf längere Zeit gerade diese physische Komponente nicht gelebt werden kann. Lesacher berief sich auf Papst Franziskus, demzufolge eine Gottesbeziehung ohne Kirche, ohne Gemeinschaft der Gläubigen und ohne Sakramente „gefährlich“ sei.

Skeptische Frage des Theologen: „Werden die Gläubigen wieder in die Kirche strömen, oder werden sie das eingeübte Social distancing gegenüber der Kirche aufrechterhalten?“ Wenn die gegenwärtige Neuausrichtung der Kultur als irreversibler Schritt hin zur künftigen „Digital-Tele-Ferngesellschaft“ gedeutet wird, könne das für die Kirche „sicher kein Zukunftsmodell“ sein. Jenen, die sich zuletzt von gestreamten Gottesdiensten begeistern ließen, stehen laut Lesacher jene gegenüber, die auf Hauskirche setzen „und sich nicht digital abspeisen lassen wollen“. Nachbemerkung: „Allerdings setzt Hauskirche ein gewisses Maß an Kenntnis von (biblischen) Texten und liturgischen Abläufen voraus, das aber nicht allgemein verbreitet ist.“

Krise verschärft Ungleichheit

Für den Leiter der Theologischen Kurse stellen sich im Zusammenhang mit der Corona-Krise auch Fragen jenseits gelebter Religiosität, die theologische Reflexion erforderten. So die Tatsache, dass die Pandemie Ärmere härter treffe als Reiche: Arbeitslos etwa würden weniger jene, die ins Home-Office ausweichen können, sondern überwiegend weniger Qualifizierte. Anfängliche Rufe nach Grundeinkommen, Schuldenerlass und weltweites Ende aller Kriege seien rasch verhallt. „Werden die Heldinnen und Helden des Corona-Alltags wirklich nachhaltige, auch finanzielle Anerkennung erhalten, wie zuletzt von Bundeskanzler Kurz angedeutet?“, fragte Lesacher.

Das Ende der Globalisierung?

Manche sähen mit der Corona-Krise das Ende der Globalisierung, der Massenmobilität und des „Mythos (Wirtschafts-)Wachstum“ gekommen, demgegenüber Hoffnung im Kampf gegen den Klimawandel und neue Chancen für den vom Neoliberalismus zerrütteten Sozialstaat. Lesacher bleibt demgegenüber skeptisch: Vielleicht werde ja der Finanzmarkt als erster gerettet, und vielleicht setze der Staat mehr auf digitale Kontrolle als auf Stärkung von Eigenverantwortung und Zivilgesellschaft? Der Theologe sieht durchaus die Gefahr, „dass das Klima und die globale Gerechtigkeit auf der Strecke bleiben“.

Der bald 80-jährige Kursbetrieb der Theologischen Kurse war nur in den letzten Kriegstagen 1945 für ein paar Wochen unterbrochen, erinnerte deren Leiter. Die jetzige Pause werde vermutlich länger dauern als die damalige. Auch wenn die Anfang Oktober geplante 80-Jahr-Feier coronabedingt beeinträchtigt sein sollte, werden die Theologischen Kurse unbeirrt zur Reflexion über die großen Fragen des Lebens und des Glaubens einladen, kündigte Lesacher an: „Ich bin davon überzeugt, dass Bildung, Nachfragen, Infragestellen und Lernen auch nach Corona stark gefragt sein wird.“

(kap – sk)

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Dreifaches Nein zum Leben

Kardinal Schönborn kritisiert erneut die Erklärungen von Königstein und Mariatrost. Von Stephan Baier

Gravierende Folgen für Verkündigung und Seelsorge: Die deutschen Bischöfe versuchten 1968 in Königstein, eine unpopuläre lehramtliche Entscheidung über die persönliche Gewissensentscheidung auszuhebeln.

21. November 2018

Europa stirbt, weil es Nein zum Leben sagt!“ Und Vertreter der Kirche seien mitverantwortlich für die Krise Europas. Mit dieser These hatte der Wiener Kardinal Christoph Schönborn bereits vor einem Jahrzehnt für Aufsehen gesorgt. Nun erläuterte er in einem Vortrag am „Internationalen Theologischen Institut“ (ITI) im niederösterreichischen Trumau, worin das mehrfache Nein Europas zum Leben besteht und welche Schuld manche Repräsentanten der Kirche dabei auf sich geladen hätten: Dreimal habe Europa Nein zum Leben gesagt, nämlich 1968 mit der Zurückweisung der Enzyklika „Humanae vitae“, 1975 mit der Legalisierung der Abtreibung und in unseren Tagen mit der Zustimmung zur Ehe für homosexuelle Paare.

Schönborn kritisierte, dass die Bischöfe in Deutschland und Österreich 1968 „nicht den Mut hatten, ein klares Ja zu ,Humanae vitae‘ zu sagen“, mit Ausnahme des Berliner Kardinals Alfred Bengsch, dessen „prophetischer Text in der Schublade verschwunden“ sei. Schönborn sieht einen dramatischen Zusammenhang: Die „Königsteiner Erklärung“ habe die deutsche Kirche geschwächt, im Ringen um die Abtreibung ein klares Ja zum Leben zu sagen. „Wir Bischöfe waren, wie die Apostel, furchtsam hinter verschlossenen Türen“, sagte der Wiener Kardinal in Trumau, und bezog dies auf die deutschen und österreichischen Bischöfe im Jahr 1968. „Als dann die Welle der Abtreibung kam, war die Kirche geschwächt“, so Schönborn in seinem englischen Vortrag. Der Episkopat habe nicht den Mut gehabt, Paul VI. zu unterstützen. „Wenn wir um die Konsequenzen gewusst hätten, hätten wir nicht Nein gesagt zu ,Humanae vitae‘.“

Vor mehr als einem Jahrzehnt, am 27. März 2008, hatte Schönborn im Abendmahlssaal in Jerusalem vor Bischöfen, Priestern und Laien des Neokatechumenats auf Italienisch darüber gepredigt. Bei der ITI-Expertentagung über die Enzykliken „Humanae vitae“ und „Veritatis splendor“ erläuterte er nun in Trumau, seine damalige Predigt sei zunächst ganz anders konzipiert gewesen und dann ohne sein Wissen im Internet verbreitet worden. Angesichts der „dramatischen Umstände“ der Gegenwart erklärte Schönborn neuerlich seine These, die Hauptschuld Europas bestehe im dreifachen Nein zum Leben. In Jerusalem bereits hatte er erklärt: „Europa ist im Begriff zu sterben, weil es Nein zum Leben gesagt hat.“ Dies sei nicht zuerst eine moralische Frage, sondern eine Frage der Fakten. Im Zusammenhang mit den Erklärungen der Bischofskonferenzen in Königstein und Mariatrost, die als Relativierung von „Humanae vitae“ gelesen wurden, sprach Schönborn von einer „Sünde des europäischen Episkopats… der nicht den Mut hatte, Paul VI. kraftvoll zu unterstützen“. Und weiter: „Heute tragen wir alle in unseren Diözesen die Last der Konsequenzen dieser Sünde.“

Wie 2008 in Jerusalem erinnerte Schönborn in der Vorwoche in Trumau daran, dass eine Gruppe von Theologen unter Führung des damaligen Krakauer Erzbischofs, Kardinal Karol Wojtyla, ein Memorandum verfasste, das Paul VI. ermutigte, „Humanae vitae“ zu veröffentlichen. Wie ein Jahrzehnt zuvor stellte Kardinal Schönborn in Trumau die Frage: „Wo soll man priesterliche Vaterschaft lernen, wenn es keine Beispiele von Vaterschaft in der Familie gibt?“ Er selbst stamme aus einer geschiedenen Familie und kenne die Wirklichkeit von Scheidungen. Ohne Familien gebe es kein Ja zum Leben und keine Zukunft in der Kirche. Der Kardinal stellte eine Verbindung her zwischen kinderreichen Familien und der Zahl geistlicher Berufungen. Er nannte in diesem Zusammenhang die Priesterseminare „Redemptoris Mater“ des Neokatechumenalen Wegs, die sich auf kinderreiche Familien stützen.

Ergänzend zu seinen vor zehn Jahren geäußerten Gedanken meinte Schönborn in Trumau: „Weil der Herr auferstanden ist, haben Christen immer Hoffnung.“ Es gebe aber keine Garantie, dass das Christentum in Europa überlebt. Auch Kleinasien und Nordafrika seien einst geschlossen christliche Gesellschaften gewesen. Viele in der islamischen Welt würden Europa heute als eine reife Frucht betrachten, die für den Islam gepflückt werden könne.

Große Hoffnung setzt der Wiener Kardinal auf Konversionen. In Österreich hätten im Vorjahr gut 600 ehemalige Muslime die Taufe empfangen. Dafür gebe es viele Gründe, etwa die Lektüre der Bibel, Filme über Jesus und Begegnungen mit Christen. Schönborn verwies darauf, dass viele Muslime von Jesus-Träumen berichten würden.

Der Wiener Kardinal zeigte sich überzeugt, dass die Natur alle Ideologien überleben werde. Insofern sei die Schöpfung der größte Verbündete des christlichen Verständnisses von Ehe und Familie. „Die Wahrheit bleibt!“ Gleichwohl könne man den Eindruck haben, die Christen verlören eine Schlacht nach der anderen. Machtvoller als das Wort sei das Beispiel. So würden Familien mit vielen Kindern allein durch ihre Sichtbarkeit andere ermutigen, sich für das Leben zu öffnen. Mit ihrem Leben könnten christliche Familien die Lehre bewerben.

Die destruktiven Folgen der sexuellen Revolution skizzierte der Rektor des ITI, Christiaan Alting von Geusau: Die Verhütungs-Ideologie habe Sex und Nachkommenschaft separiert, die Scheidungs-Ideologie die Eheleute getrennt und die Gender-Ideologie lasse die Komplementarität von Mann und Frau vergessen. Der Westen habe nicht nur eine neue, groteske Vision der Menschheit, sondern verbreite seine Agenda in anderen Teilen der Welt. Die Folgen seien ein weltweiter Rückgang der Fertilitätsrate, die im Westen seit langem unter der Reproduktionsrate liegt, sowie ein Anstieg der Abtreibungen auf 40 bis 50 Millionen weltweit.

Der Rektor des ITI forderte dazu auf, sich der ideologisch konstruierten Sprachregelungen zu enthalten und korrekte Bezeichnungen zu verwenden. Über Homo-„Ehe“ zu sprechen sei so absurd, wie von „trockenem Wasser“ zu reden. Auch „reproduktive Gesundheit“ sei ein falscher Ausdruck für die propagierte Abtreibung. „Nennen wir die Dinge beim Namen!“, so Alting von Geusau. Pseudo-Wissenschaften sollten entlarvt und echte Bildung verbreitet werden. Es gehe darum, auf die „Sprache der Natur“ zu hören. Die Lehre der Kirche zeige, was wahrhaft menschengemäß ist. Was Papst Paul VI. und der heilige Papst Johannes Paul II. in ihren Enzykliken „Humanae vitae“ und „Veritatis splendor“ lehrten, sei heute relevanter denn je.

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Schönborn: Christentums-Sicht Ratzingers gibt Freiheit

Kardinal Schönborn wandte sich zudem gegen die Redeweise vom progressiven Theologieprofessor Joseph Ratzinger und vom konservativen Benedikt XVI. „Ratzinger ist ein sehr freier Mann. Man kann ihn nicht als Konservativen oder Progressiven etikettieren,“ so Schönborn.

Kardinal Christoph Schönborn gab am Wochenende ein ausführliches TV-Interview für italienischen Fernsehsender TV2000 zur Person und zum Denken Benedikts XVI.

Kardinal Christoph Schönborn hat Benedikt XVI. zu dessen 90. Geburtstag für sein Lebenswerk gedankt. „Ich möchte ihm nur ein großes und demütiges Danke für sein gesamtes Werk sagen: als Theologe, als Kardinal, als Präfekt und als Papst“, sagte Schönborn am Wochenende in einem ausführlichen Interview dem katholischen italienischen Fernsehsender TV2000. Benedikt XVI. wurde am Ostersonntag 90 Jahre alt.

Schönborn wandte sich zudem gegen die Redeweise vom progressiven Theologieprofessor Joseph Ratzinger und vom konservativen Benedikt XVI. „Ratzinger ist ein sehr freier Mann. Man kann ihn nicht als Konservativen oder Progressiven etikettieren,“ so Schönborn.

Benedikt XVI. habe in seiner Predigt zum Pontifikatsbeginn im April 2005 gesagt, das Christentum bestehe nicht in einer Moral, sondern in der Freundschaft zu Jesus. Diese einfache und demütige Freundschaft atme aus allen seinen Schriften und Predigten, und diese Sicht gebe ihm Freiheit.

Entschieden wies Schönborn die Bezeichnung Kardinal Joseph Ratzingers als „Panzerkardinal“ zurück, die während seiner Zeit als Präfekt der Glaubenskongregation von Kritikern in Umlauf gebracht wurde. Dies sei die aller unzutreffendste Bezeichnung für Ratzinger. Der Konzilstheologe Ratzinger sei alles andere als ein Panzerkardinal. Vielmehr sei er eine sanftmütige Person mit einem feinen, nie sarkastischen Humor und einer schönen Ironie, berichtete Schönborn. Er verwies darauf, dass Ratzinger auch ein Mann sei, der auch Tiere sehr liebe, etwa Katzen.

Der Wiener Erzbischof betonte die Kontinuität zwischen Franziskus und seinen beiden Vorgängern Benedikt XVI. und Johannes Paul II. Alle drei hätten einen ausgeprägten Sinn für Volksfrömmigkeit und die Herausforderungen der modernen Welt gehabt, auch wenn sie unterschiedliche Akzente gesetzt hätten. In ihrer Frömmigkeit seien sich Franziskus und Benedikt XVI. denkbar nahe. Der bayerische Katholizismus, der sehr stark in der Volksfrömmigkeit gründe, und die Frömmigkeit von Franziskus ähnelten sich stark.

Spekulationen, Benedikt XVI. sei von einflussreichen Lobbygruppen im Vatikan zum Rücktritt genötigt worden, bezeichnete Schönborn als „lächerlich“. Ratzinger sei ein freier Mann und nicht auf äußeren Druck hin zurückgetreten.

Zugleich widersprach der Kardinal Auffassungen, Benedikt XVI. hätte nach seinem Rücktritt wieder auf den Status eines Kardinals zurückgestuft werden müssen. Diese Ansicht teil er nicht. Wenn der Bischof von Rom zurücktrete, bleibe er emeritierter Bischof von Rom, so der Kardinal.

Der Ratzinger-Schüler Schönborn erinnerte auch daran, wie er 1972 den damaligen Theologie-Professor Joseph Ratzinger als Doktorand in Regensburg kennenlernte. Als Ratzinger dann Erzbischof von München-Freising geworden sei, sei er zu seinem „Adoptivsohn“ geworden, so Schönborn.

erstellt von: red/kap
19.04.2017
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Österreich: Schönborn hofft auf Änderung im Islam

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Muslime in Lahore/Pakistan

Die gegenwärtigen gewaltsamen Konflikte im Nahen Osten können nur gelöst werden, wenn es zu innerislamischen Entwicklungen kommt. „Die Religionsparteien im Islam müssen einander tolerieren lernen“ und islamische Zuwanderer müssen die Religionsfreiheit ohne Abstriche akzeptieren. Das betonte Kardinal Christoph Schönborn im Interview mit dem „Kurier“ am Sonntag. Im Blick auf weit verbreitete Vorbehalte gegenüber Muslimen sagte der Wiener Erzbischof: „Gegen etwas sein, ist noch keine Lösung. Wenn wir überzeugt sind, dass die christlichen die lebenswerten Werte sind, dann werden wir jenen, die zu uns kommen, diese Überzeugung anbieten.“ Es sei ja auch „kein Zufall, dass viele Muslime bei uns Christen werden wollen“, so der Kardinal.

Die jetzige Situation im Islam könne mit dem dreißigjährigen Religionskrieg vor 500 Jahren verglichen werden, so Schönborn. Am Ende habe es nach einem mühsamen und zugleich reinigenden sowie heilsamen Prozess Aufklärung und Toleranz zwischen Protestanten und Katholiken gegeben, was auch für den Islam zu hoffen sei. Schönborn wörtlich: „Warum soll es nicht auch im Islam Regenerationskräfte geben, die eine wirkliche spirituelle Erneuerung und ein klares Nein gegenüber der Gewaltanwendung bringen? Ich hege zumindest diese Hoffnung.“

Zugleich dämpfte der Kardinal verfrühten Optimismus, indem er sagte: „Der Krieg zwischen Schiiten und Sunniten ist – in der Zuspitzung, die es zur Zeit gibt – erst am Anfang.“ Erschwerend komme hinzu, dass es sich um einen globalisierten Konflikt handle, weswegen Experten derzeit die „tiefste Krise“ sehen, die der Islam in seiner Geschichte durchlebe.

Zentral sei im Verhältnis zum Islam der Wert der Religionsfreiheit, zumal Konversion im Islam größtenteils nicht vorgesehen sei. „Da müssen wir ganz klar sagen: Hinter die Forderung der Religionsfreiheit können wir nicht zurückgehen. Das ist Charta der Vereinten Nationen. Da hat der Islam Nachholbedarf“, so der Vorsitzende der Bischofskonferenz.

Das Christentum habe eine „Botschaft des Friedens und der Versöhnung: Liebe deinen Nächsten, liebe deine Feinde“, führte der Kardinal weiter aus und sagte im Blick auf Terroristen: „Ich muss nicht lieben, was er tut, aber ich muss ihn dennoch als Menschen achten. Die Feindesliebe heißt nicht, dass ich den Feind nicht als Feind betrachte oder die Klugheit vergesse.“ Von daher wandte sich der Kardinal entschieden gegen eine Haltung, die sich in den USA und in Europa immer mehr breitmache und auf den Philippinen offiziell als Staatsdoktrin laute: „Der Terrorist wird einfach erschossen.“

(kap 18.12.2016 sk)

Österreich: Wissenschaft, ein Gespräch mit Gott

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Kardinal Christoph Schönborn

Auf einmal war es wieder wie zu Zeiten von Benedikt XVI. Vielleicht, weil es um das Thema Glaube und Vernunft ging, eines der zentralen Themen des mittlerweile emeritierten Papstes. Die Wissenschaft sei „immer ein Gespräch mit dem Schöpfer“, formulierte an diesem Wochenende der Wiener Kardinal Christoph Schönborn, ein Ratzinger-Schüler.

Auch wenn der Forscher nicht daran denke oder nicht bewusst religiös sei, finde bei seiner Tätigkeit immer ein Dialog statt zwischen der geheimnisvollen und erforschbaren Welt, „die hinter sich einen Schöpfer hat, der den Menschen anspricht“, und dem menschlichen Forschergeist, der zu verstehen versuche. Das sagte der Wiener Erzbischof bei der Verleihung der Kardinal-Innitzer-Preise in Wien. Dieser ständige Dialog sei das Faszinierendste an der Wissenschaft.

Wissenschaft und Glaube „gehören unbedingt zusammen“ und würden völlig zu Unrecht als Gegensatz gesehen, betonte Schönborn. Weder treffe die Annahme mancher Wissenschaftler zu, „dass Glauben nichts wissen heißt“, noch die Angst mancher Gläubigen, „dass die Wissenschaft vielleicht den Glauben infrage stellen könnte“.

Die Wissenschaft müsse sich „genügend tiefe Fragen“ stellen, betonte der Kardinal. Dazu gehörten die Fragen danach, warum man überhaupt forschen könne, woher die dafür nötige Vernunft des Menschen komme und warum die Natur Antworten auf Fragen des Menschen geben könne. Schönborns Antwort: „Weil sie erforschbar und vernünftig ist.“ Grund dafür könne nur jener sein, dass Gott die Welt in und mit Vernunft geschaffen habe. Dass am Anfang reiner Zufall, Beliebigkeit und Unsinn stehe, sei somit auszuschließen. „Die Bibel sagt uns: Am Anfang war der Logos, das Wort, die Vernunft“, verdeutlichte der Erzbischof.

Schönborn verlieh am Samstag den Kardinal-Innitzer-Preis 2016 an den Immunologen Christoph H. Huber (72). Mit dem in Wien geborenen Spezialist für Tumorabwehr, Onkologie und Stammzelltransplantation werde ein heimischer Top-Wissenschaftler, der Bahnbrechendes für die Medizin weit über sein Forschungsgebiet hinaus geleistet habe, für sein Lebenswerk geehrt, sagte sein Laudator, Verfassungsrichter Christoph Grabenwarter. Huber ist emeritierter Ordinarius für Innere Medizin und Leiter der III. Medizinischen Klinik und Poliklinik der Universitätsmedizin Mainz.

Angesehener Preis

Der nach dem Wiener Erzbischof Kardinal Theodor Innitzer (1875-1955) benannte Wissenschaftspreis ist eine der angesehensten Auszeichnungen dieser Art in Österreich. Er wird seit 1962 von der Erzdiözese Wien verliehen und vom Wissenschaftsministerium, mehreren Bundesländern sowie von Banken, Versicherungen und der Wirtschaftskammer unterstützt. Neben dem Großen Preis für ein Lebenswerk werden auch Würdigungspreise in den Kategorien Geisteswissenschaft, Naturwissenschaft und Publizistik vergeben sowie acht Förderpreise für junge österreichische Wissenschaftler ausgelobt.

(kap 14.11.2016 sk)

Kardinal Schönborn besucht „Müllmenschen“ von Kairo

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Der Wiener Erzbischof bei Treffen mit den christlichen Müllmenschen
vom Mukattam von deren Glauben tief beeindruckt.

Kardinal Christoph Schönborn hat bei seinem Besuch in Ägypten am Dienstag, 25. Oktober 2016 die „Zabbaleen“, die christlichen Müllsammler, von Kairo besucht. Am Fuße des Mukattam, einem Steinplateau im Südosten Kairos, leben rund 30.000 dieser Menschen. Sie tragen die Hauptlast der Müllentsorgung in der mit knapp acht Millionen Einwohnern größten Stadt der arabischen Welt. Der gesammelte Müll wird von den Menschen in und vor ihren Wohnhäusern meist mit bloßen Händen sortiert und danach einer Wiederverwertung zugeführt. Die hygienischen Bedingungen in der Stadt der Müllmenschen ist denkbar schlecht, Krankheiten sind entsprechend häufig.

Insgesamt gibt es in Kairo sieben solcher christlicher Siedlungen wie am Mukattam. Die Besonderheit der von Kardinal Schönborn besuchten Ansiedlung der „Zabbaleen“: Sie haben in das umliegende Kalksteinmassiv beeindruckende Kirchen und Grotten gegraben. Am größten ist die Grottenkirche der Jungfrau Maria und des Heiligen Sama’an. Sie bietet Platz für mehr als 10.000 Gläubige. Insgesamt gibt es in dem Komplex fünf Kirchen und mehrere weitere unterirdische Versammlungsräume. 25 koptische Priester mit einem eigenen Bischof an der Spitze sorgen für die Seelsorge. Alle Kirchen und Grotten entstanden zwischen 1974 und 1992.

Kardinal Schönborn zeigte sich von den Kirchen und Grotten beeindruckt, noch mehr aber von der tiefen Frömmigkeit der Menschen. „Sie alle leben davon, was andere wegwerfen“, so der Wiener Erzbischof bei der Begegnung mit mehreren hundert Müllsammlern. Dass diese Menschen trotz ihrer so schwierigen Lebensbedingungen nicht verzweifeln, sondern so tief im Glauben verwurzelt sind, sei ein wertvolles Zeugnis für alle Christen, sagte Schönborn.

Bekannt wurden die Müllsammler von Kairo durch die belgisch-französische katholische Ordensfrau Sr. Emmanuelle Cinquin (1908-2008). Sie hat für die „Zabbaleen“ ein großes Sozialwerk ins Leben gerufen, das heute von der koptisch-orthodoxen Ordensfrau Sr. Sarah geleitet wird. Sr. Emmanuelle wurde als „Mutter der Müllmenschen“ bekannt, mehr als zwei Jahrzehnte lang lebte sie zwischen 1971 und 1993 in einer Müllsiedlung mit den Menschen.

Ägyptische Wüstenklöster

Kardinal Schönborn hält sich derzeit zu einem mehrtägigen Besuch in Ägypten auf. Begleitet wird er u.a. vom koptischen Bischof von Österreich Anba Gabriel. Die Reise dient vor allem der Vertiefung der Beziehungen zwischen der katholischen und koptischen Kirche.

Auf dem Besuchsprogramm standen auch mehrere der bis ins 4. Jahrhundert zurückreichenden Wüstenklöster, darunter das Kloster Mar Mina westlich von Alexandrien. Das heutige Kloster wurde ab 1959 nahe den Ruinen der einstigen „Stadt des Heiligen Minas“ errichtet, die in der Spätantike eine der wichtigsten christlichen Pilgerstätten des Mittelmeerraums war. Im 13. Jahrhundert wurde der umfangreiche Klosterkomplex zerstört. Die Ausgrabungen der historischen Stätte begannen Anfang des 20. Jahrhunderts.

Das neu errichtete Kloster dürfte seinem antiken Vorgänger aber kaum nachstehen. Der Klosterkomplex umfasst zahlreiche Kirchen, Beherbergungsgebäude und Wirtschaftsbetriebe. 120 Mönche leben in Mar Minas, das jedes Jahr von hunderttausenden Gläubigen verschiedener Konfessionen besucht wird. An hohen Feiertagen werden in den zahlreichen Kirchen bis zu 50 Gottesdienste gefeiert.

Der Wiener Erzbischof war auch im Makarius-Kloster im Wadi Natrun zu Gast. Dieses Mitte des 4. Jahrhunderts gegründete Kloster zählt ebenfalls zu den ältesten und bedeutendsten Klöstern Ägyptens. Vor rund 50 Jahren lebten nur mehr sechs alte Mönche in der umfangreichen Klosteranlage, bevor es ab Ende der 1960er-Jahre wiederbelebt wurde. Heute gehören dem Kloster rund 150 Mönche an, es besitzt Betriebe sowie große landwirtschaftliche Flächen und beschäftigt hunderte Arbeitnehmer.

Kardinal Schönborn besuchte außerdem die Bibliothek von Alexandria sowie die koptische Markuskathedrale in der zweitgrößten Stadt Ägyptens. Der erste Vorgängerbau der Kathedrale geht auf das Jahr 311 zurück. Im Verlauf der Zeit wurde das Gotteshaus immer wieder zerstört und wiederaufgebaut. Alexandria ist der historische Sitz des Papst-Patriarchen der koptischen Kirche. Das jeweilige Oberhaupt – derzeit ist es Papst-Patriarch Tawadros II. – trägt deshalb auch offiziell den Titel „Patriarch von Alexandria“.

Die koptisch-orthodoxe Kirche ist eine der ältesten Kirchen der Welt. Ihre Wurzeln liegen in Ägypten, weltweit gehören ihr laut Schätzungen bis zu 14 Millionen Gläubige, von denen 12 Millionen in Ägypten leben. Der Sitz des Patriarchats ist Kairo. In Österreich, wo die koptisch-orthodoxe Kirche staatlich seit April 2003 anerkannt ist, gibt es aktuell etwas mehr als 10.000 koptisch-orthodoxe Christen – die meisten davon in Wien – mit mittlerweile rund 15 Priestern, elf Kirchen sowie einem Kloster im niederösterreichischen Obersiebenbrunn.

erstellt von: red/kap, 26.10.2016
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Kardinal Schönborn: Christliches Erbe Europas erneuern!

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Eindringlicher Aufruf von Kardinal Schönborn an die Europäer: Wir sind wie der verlorene Sohn, der sein Erbe verschleudert hat. Islamisten sind an unserer Schwäche nicht schuld, können sie aber ausnützen. Hoffnung liege in der Rückbesinnung Europas auf Christus, das Evangelium und die Nächstenliebe.


Bei der Maria-Namen-Feier im Wiener Stephansdom am Sonntag, 11. September 2016, hat Erzbischof Kardinal Christoph Schönborn in deutlichen Worten zum Verlust des christlichen Erbes Europas gepredigt. In den Sozialen Medien wurde das aber auch als Kampfansage an Muslime, sogar an Flüchtlinge generell missverstanden.

Situation in Europa

Kardinal Schönborn ging in seiner Predigt vom Gleichnis vom verlorenen Sohn aus, der das Erbe seines Vaters verschleudert. Mit Blick auf „unsere Situation in Europa“ sagte der Kardinal: „Wir sind ein wenig wie er. Wir haben das Erbe durchgebracht, wir haben das christliche Erbe durchgebracht, wir haben es verschleudert. Und jetzt wundern wir uns, wie es in Europa ausschaut …, dass es uns hinten und vorne fehlt, dass wir in Not geraten. Nicht nur wirtschaftlich… aber vor allem menschlich, religiös, glaubensmäßig. Was wird aus Europa werden?“

Wir selber seien also die, die das christliche Erbe Europas in Gefahr gebracht haben. Der Islamismus könnte freilich der Nutznießer sein, denn, so Schönborn: „Wird es jetzt einen dritten islamischen Versuch der Eroberung Europas geben? Viele Muslime denken das und wünschen sich das, und sie sagen, dieses Europa ist am Ende.“

Erinnerung an christliches Erbe

Aber die Hoffnung liege in der Barmherzigkeit Gottes: „Das erbitten wir heute für Europa: Herr, gib uns noch einmal eine Chance! Vergiss nicht, dass wir dein Volk sind So wie Moses ihn daran erinnert, es ist doch DEIN Volk, DU hast es herausgeführt, DU hast es geheiligt, es ist DEIN Volk. So bitten wir: Herr, erinnere dich daran, es ist DEIN Volk. Und wenn wir in die Irre gegangen sind und wenn wir das Erbe durchgebracht haben, Herr, verstoß uns nicht! Verstoß nicht dieses Europa, das so viele Heilige hervorgebracht hat. Verstoß uns nicht, weil wir im Glauben lau geworden sind.“

Es geht nicht um die Abwehr von Flüchtlingen

Aus dem Kontext wird auch klar, dass dem Kardinal nicht darum ging, in einem Abwehrkampf christliche Werte gegen den Islam zu verteidigen. Der Zeitung der Erzdiözese Wien, dem SONNTAG, hat Kardinal Schönborn folgende Präzisierung gegeben: „Europas christliches Erbe ist in Gefahr, weil wir Europäer es verschleudert haben. Mit dem Islam oder gar den Flüchtlingen hat das nichts zu tun. Es ist klar, dass viele Islamisten gerne unsere Schwäche ausnützen würden, aber sie sind für unsere Schwäche nicht verantwortlich. Das sind wir Europäer selber.“

Der Kardinal macht deutlich: „Man darf daher meine Predigt nicht als Aufruf zur Abwehr der Flüchtlinge verstehen, darum ging es mir überhaupt nicht. Die Chance auf eine christliche Erneuerung Europas liegt bei uns: wenn wir uns auf Christus besinnen, sein Evangelium verbreiten und mit unseren Mitmenschen, auch den Fremden, so umgehen, wie er es uns ans Herz legt – in Liebe und Verantwortung.“

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