Weihbischof Andreas Laun: Luther-Jubiläum — Seit wann feiert man eine Scheidung?

„Mir fällt ein Widerspruch auf: In einem Konsenspapier zu diesem Gedenken heißt es, man sehne sich nach der Einheit – aber zugleich feiert man mit großem Aufwand die Trennung?“  – kath.net-Klartext von Bischof Andreas Laun

Salzburg (kath.net) Liebe evangelische Freunde, verzeiht mir, dass ich angesichts Eurer Feierlichkeiten und Jubelstimmung nur traurig war. Das möchte ich euch erklären und hoffe, dass Ihr meine Trauer sogar teilen lernt:

Der Titel der Salzburger Kronenzeitung lautete groß und fett gedruckt: „Salzburg feiert ein großes Fest“, darüber hieß es erklärend 500 Jahre „nach Luthers Reformation“. Ich feierte nicht und verstehe auch nicht meine katholischen Mitbrüder, Bischöfe und Priester, die bei entsprechenden Gottesdiensten sogar Festpredigten hielten.

Ich frage mich bei solchen Meldungen: Seit wann feiert man eine Scheidung? Noch dazu eine, die viel mehr Elend in die Welt brachte als eine zwischen Mann und Frau, die Kinder mitgerechnet. Die Scheidung, die durch Luther entstand, auch wenn er das nicht wollte, führte zu grauenhaften Religionskriegen.

Auch verstehe ich nicht, warum in Salzburg von beiden Seiten ständig und schon wieder vor allem von der Vertreibung der Protestanten geredet wurde, obwohl dies doch längst besprochen worden ist und damals in ganz Europa der dumme und schlimme Satz galt: Der Landesfürst bestimmt die Religion der Untertanen. Damit will ich sagen: Der damalige Erzbischof hat gemacht, was man überall und auch von beiden Seiten her mehr oder weniger rigoros tat. Das macht es nicht besser, aber den geklärten Punkt könnte man endlich ruhen lassen und sich dem Heute zuwenden.

Und da fällt mir ein Widerspruch auf: In einem Konsenspapier zu diesem Gedenken heißt es, man sehne sich nach der Einheit – aber zugleich feiert man mit großem Aufwand die Trennung?

Und wenn man Einheit will – müsste man dann nicht Gräben zuschütten und nicht neue aufmachen durch Annahme von Positionen, die der katholischen Lehre radikal widersprechen? Positionen, die der öffentlichen Meinung schmeicheln, aber der doch gerühmten Bibel als absolutem Maßstab widersprechen?

Und, ich muss es sagen, ich habe von der angeblich so brennenden Sehnsucht nach Einheit noch wenig gespürt. Eine Merkwürdigkeit ist auch die behauptete Sehnsucht nach gemeinsamer Eucharistie: Wenn man bedenkt wie negativ und verächtlich Luther über die katholische Messe sprach, verstehe ich nicht, wie man sich zugleich nach ihr sehnen kann, ohne klar zu sagen, dass man sich von Luther trennt.

Und überhaupt, in der Berichterstattung habe ich eigentlich so gut wie nichts gehört von der unmenschlichen Stellungnahme Luthers gegen die nicht ohne Grund aufständischen Bauern und auch nichts von seinen bösartigen und ordinären Ausführungen gegen die Juden, die auch die Nazis noch für ihre anti-jüdische Propaganda nützen konnten. Wäre der Jahrestag nicht auch Gelegenheit gewesen, zu diesen „anderen“ Seiten Luthers klare Worte zu sagen?

Auch die Behauptung, dass Protestanten fester im Glauben seien, habe ich gelesen, aber wer solches sagt, weiß nichts von der heutigen Situation der evangelischen Christen, in der sogar manche evangelische Bischöfe und Pastoren elementare Inhalte der Bibel nicht mehr glauben und zum Beispiel behaupten, dass Jesus der Sohn von Josef gewesen und im Grab verwest sei, wie eben alle Toten verwesen.

Auch wäre es vernünftig gewesen, den historisch als Mythos erwiesenen Thesenanschlag Luthers dem Publikum nicht ständig als Tatsache zu präsentieren.

Unklar bleibt auch, wie ein prominenter Redner behaupten konnte, den „Rechtsstaat“ und die individuelle Menschenwürde hätten wir Luther zu verdanken. Natürlich ist so eine Zeit des Gedenkens nicht ein wissenschaftliches Symposion, und es ist richtig, Punkte zu nennen und zu würdigen, bezüglich derer Luther recht hatte und wo er Gutes tat. Aber dennoch sollte man Luther nicht gegen alle historische Wahrheit als einen Heiligen, Wohltäter der Welt und als Zeugen des Glaubens präsentieren, den er zugleich zerstörte.

Nach 500 Jahren Protest wäre es an der Zeit, den Protest endlich ruhen zu lassen, die Vergangenheit mit nüchterner Redlichkeit anzuschauen und wirklich aufeinander zuzugehen ohne der anderen Seite ständig alte Rechnungen hinzuhalten und zu streiten, wer damals mehr Unrecht tat. Das wäre passend, weil heute – schon wieder – vieles in der katholischen Kirche in Krise ist und es auch in der lutherischen Gemeinschaft wahrhaftig nicht besser ausschaut – wie damals, könnte man sagen, wo es unter den Christen viele Missstände gab, die man nicht der einen oder an anderen Seite zuordnen konnte, weil es diese Unterscheidung noch nicht gab.

Heute sollten wir alle getrieben von einer leidenschaftlichen, paulinischen Sehnsucht nach Einheit leben und denken, weil Jesus nicht Kirchen in der Mehrzahl gegründet hat und Ihm „versöhnte Verschiedenheit“ nicht genügt, sondern ER Seine Eine, Einzige Kirche auf dem Felsen Petri gebaut hat.

Angesichts der Menschlichkeit dieses Mannes und auch seiner Nachfolger, den Jesus trotzdem Petrus nannte, könnte man sagen: Nur Jesus konnte es gelingen, auf einem so brüchigem „Felsen“ eine unzerstörbare Kirche zu bauen. An uns liegt es, in dieser Kirche eins zu sein bzw. wieder zu werden und als Geeinte der Welt Zeugnis zu geben.

Wie sehr die Spaltung diesem Zeugnis geschadet hat und schadet, ist bis heute ein Grund zum Weinen, nicht zum Feiern!

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Quelle

Die Katholisch-lutherische Erklärung im Wortlaut

EKD-Ratsvorsitzender Heinrich Bedford-Strohm bei Papst Franziskus — 31/10/2017 12:00

Im Wortlaut: Katholisch-lutherische Erklärung zum Reformationsgedenkjahr

 

Gemeinsame Stellungnahme

des Lutherischen Weltbundes und des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen

zum Abschluss des gemeinsamen Reformationsgedenkjahres, 31. Oktober 2017

 

Am 31. Oktober 2017, dem letzten Tag des gemeinsamen ökumenischen Reformationsgedenkjahres, empfinden wir tiefe Dankbarkeit für die spirituellen und theologischen Gaben, die uns die Reformation geschenkt hat und derer wir gemeinsam sowie mit unseren ökumenischen Partnern weltweit gedacht haben. Ebenso haben wir auch um Vergebung gebeten für unser Versagen und dafür, wie Christen und Christinnen in den fünfhundert Jahren seit Beginn der Reformation bis heute den Leib des Herrn verletzt und einander gekränkt haben.

Als lutherische und katholische Christen und Christinnen sind wir zutiefst dankbar für den ökumenischen Weg, den wir in den vergangenen 50 Jahren gemeinsam gegangen sind. Dieser von unserem gemeinsamem Gebet, gemeinsamen Gottesdiensten und ökumenischem Dialog getragene Pilgerweg hat bewirkt, dass Vorurteile beseitigt wurden, das gegenseitige Verständnis gewachsen ist und entscheidende theologische Übereinstimmungen herausgearbeitet worden sind. Angesichts des vielfältigen Segens, der uns auf diesem Weg zuteilgeworden ist, erheben wir unsere Herzen und preisen den dreieinigen Gott für das Erbarmen, das er uns schenkt.

Am heutigen Tag blicken wir zurück auf ein Jahr der bemerkenswerten ökumenischen Ereignisse, das am 31. Oktober 2016 begann mit dem gemeinsamen lutherisch-katholischen ökumenischen Gottesdienst in Lund (Schweden) in Anwesenheit unserer ökumenischen Partner. Dem Gottesdienst standen Papst Franziskus und Bischof Munib A. Younan, der damalige Präsident des Lutherischen Weltbundes, vor, die in diesem Rahmen eine gemeinsame Erklärung unterzeichneten, die den Vorsatz formulierte, miteinander den ökumenischen Weg zu der Einheit hin fortzusetzen, für die Christus gebetet hat (vgl. Johannes 17,21). Am gleichen Tag wurde unser gemeinsamer Dienst an jenen, die unserer Hilfe und Solidarität bedürfen, ebenfalls gestärkt durch eine Absichtserklärung von Caritas Internationalis und dem Weltdienst des Lutherischen Weltbundes.

Papst Franziskus und Präsident Younan erklärten gemeinsam: „Viele Mitglieder unserer Gemeinschaften sehnen sich danach, die Eucharistie an einem Tisch zu empfangen als konkreten Ausdruck der vollen Einheit. Wir erfahren den Schmerz all derer, die ihr ganzes Leben teilen, aber Gottes erlösende Gegenwart am eucharistischen Tisch nicht teilen können. Wir erkennen unsere gemeinsame pastorale Verantwortung, dem geistlichen Hunger und Durst unserer Menschen, eins zu sein in Christus, zu begegnen. Wir sehnen uns danach, dass diese Wunde im Leib Christi geheilt wird. Dies ist das Ziel unserer ökumenischen Bemühungen. Wir wünschen, dass sie voranschreiten, auch indem wir unseren Einsatz im theologischen Dialog erneuern.“

Ein weiterer Segen, den dieses Gedenkjahr gebracht hat, besteht darin, dass zum ersten Mal die lutherische und die katholische Seite die Reformation aus ökumenischer Perspektive betrachtet haben. Das hat eine neue Sicht auf die Ereignisse des 16. Jahrhunderts ermöglicht, die zu unserer Trennung führten. Wir sind uns bewusst, dass die Vergangenheit zwar nicht zu ändern ist, aber ihr Einfluss auf uns heute umgewandelt werden kann in einen Impuls zur wachsenden Gemeinschaft und ein Zeichen der Hoffnung für die Welt im Sinne der Überwindung von Spaltung und Zersplitterung. Es ist aufs Neue deutlich geworden, dass das, was uns eint, sehr viel mehr ist als das, was uns noch trennt.

Wir sind voller Freude darüber, dass die „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre“, die der Lutherische Weltbund und die römisch-katholische Kirche 1999 feierlich unterzeichnet haben, im Jahr 2006 auch vom Weltrat Methodistischer Kirchen und, während des Reformationsgedenkjahres, von der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen unterzeichnet wurde. Am heutigen Tag nun wird sie von der Anglikanischen Kirchengemeinschaft in einem feierlichen Akt in der Westminster Abbey begrüßt und entgegengenommen. Auf dieser Grundlage können unsere christlichen Gemeinschaften eine immer engere Bindung des spirituellen Einvernehmens und des gemeinsamen Zeugnisses im Dienst am Evangelium aufbauen.

Wir nehmen mit Anerkennung die vielen gemeinsamen Andachten und Gottesdienste, die die lutherische und katholische Seite zusammen mit ihren ökumenischen Partnern in den verschiedenen Weltregionen feierten und feiern, sowie die theologischen Begegnungen und die bedeutenden Publikationen zur Kenntnis, die diesem Gedenkjahr Substanz verliehen haben.

Für die Zukunft verpflichten wir uns, unter der Führung von Gottes Geist unseren gemeinsamen Weg zur größeren Einheit fortzusetzen, gemäß dem Willen unseres Herrn Jesus Christus. Mit Gottes Hilfe wollen wir, getragen vom Gebet, unser Verständnis von Kirche, Eucharistie und Amt prüfen im Bemühen um einen wesentlichen Konsens mit dem Ziel der Überwindung der zwischen uns verbleibenden Differenzen. Mit tiefer Freude und Dankbarkeit vertrauen wir darauf, „dass er, der bei [uns] das gute Werk begonnen hat, es auch vollenden wird bis zum Tag Christi Jesu.“ (Phil 1,6)

(pm 31.10.2017 nh)

Was bedeutet Reform in der Kirche?

Gerhard Ludwig Kardinal Müller ist Kurienkardinal der römisch-katholischen Kirche. Er war von 2002 bis 2012 Bischof von Regensburg und von 2012 bis 2017 Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre. 25.10.2017 Foto: KNA

Nur der erste Schritt zur Selbstrelativierung der Wahrheit und des Heils? Eine Betrachtung zum Reformationsgedenken.

Von Gerhard Kardinal Müller

Als „Reformation“ bezeichnet in einer groß angelegten Studie der Oxforder Kirchenhistoriker Diarmaid MacCulloch die Epoche zwischen 1490–1700, als deren Ergebnis die religiöse und politische Zersplitterung der abendländischen Christenheit vor uns steht. Je nach Standpunkt fällt die Bewertung dieser geschichtlichen Vorgänge unterschiedlich und gegensätzlich aus. Manche sehen ganz vom Inhalt des christlichen Glaubens ab und deuten die protestantische Reformation zusammen mit der katholischen Reform und Gegenreformation als Pluralisierungsprozess am Übergang des Mittelalters zur Neuzeit. Im Sinne eines linearen Fortschrittsglaubens wird die historische Reformation zum Vorläufer und Ideengeber einer Entwicklung, die sich in der Aufklärung und Neuzeit vollendet. Was aber ist das Wesen der Neuzeit: Der Mensch ohne Gott oder der Mensch im freien Gegenüber zu Gott? Die Reformation führt demnach unter Absehung ihres eigentlichen religiösen Anliegens letztlich zu einer säkularen Weltsicht hin, in der die religiöse Option überhaupt und die christliche speziell selbst nur eine unter vielen ist.

Somit wäre die Reformation nur der erste Schritt zu einer Selbstrelativierung der Wahrheit und des Heils, die mit der eschatologischen Selbstoffenbarung Gottes ein für allemal in die Welt eingetreten ist. Die Reformatoren wollten dagegen nicht den Weg zu einer Entchristlichung der Gesellschaft und einer Entkirchlichung der Christengemeinde bahnen. Sie wollten die Erneuerung der Kirche gemäß dem Evangelium wie sie es verstanden. Damit traten sie zwar in einen Gegensatz zur katholischen Sicht auf Evangelium und Kirche, aber sie bildeten keine Koalition mit der beginnenden säkularen Kultur seit der Renaissance, wie sie kulturprotestantische Interpretation des historischen Ereignisses der protestantischen Reformation und der Revolution gegen die katholische Kirche es wollte.

Darum sind die alten konträren und polemischen Charakterisierungen einer evangelischen Kirche des Evangeliums, der Freiheit, des Gewissens, des Wortes gegenüber der katholischen Kirche des Gesetzes, des Gehorsams, der Autorität und der Sakramente, wie sie aus einer oberflächlichen Interpretation der Gerechtigkeit aus dem Glauben oder den Werken stammen, der Sache nach hinfällig.

Die Christen aller Konfessionen sind aber trotz aller Kontroversen, was Lehre, Leben und Verfassung der Kirche angeht, eins im Glauben an die endgültige und unüberholbare Selbstmitteilung Gottes in seinem Wort, dem Sohn des Vaters, der unser Fleisch angenommen und durch seinen Tod am Kreuz und seine Auferstehung von den Toten das Reich Gottes für immer aufgerichtet hat. Unter diesem Gesichtspunkt verbindet das gemeinsame Bekenntnis zur Gottessohnschaft und der einzigen Heilsmittlerschaft Christi das katholische und das evangelische Christentum und trennt die Kirche nicht in eine vermeintlich mittelalterlich rückständige und eine vermeintlich der Moderne kompatible Form ihrer geschichtlichen Realisierung. Die Kirche als sakramentales Zeichen und Werkzeug der gekommenen und sich im kommenden Christus erfüllenden Gottesherrschaft kann durch die Mächte des Todes und des Bösen nicht überwältigt werden. So hat Jesus es seinen Jüngern mit Simon Petrus an der Spitze einst bei Cäsarea Philippi verheißen (vgl. Matthäus 16, 18). Wenn in Christus die Fülle der Zeiten gekommen ist, kann es über ihn hinaus nichts Neues geben, das ihn überholt oder das seine Botschaft veralten lässt. Die Kirche ist aber als der Leib Christi mit ihrem Haupt so eng verbunden, dass sie immer an seinem Leben Anteil hat und durch seinen Geist verlebendigt wird, so dass sie nie völlig von ihm abgetrennt werden kann, und sozusagen einer Neugeburt und Neustiftung bedürfte. „Denn Christus hat die Kirche geliebt und sich für sie dahingegeben, um sie durch das Wasser und durch das Wort rein und heilig zu machen.“ (Epheser 5, 25f).

So wie die Ehe von Mann und Frau in Christus unauflösbar ist und trotz möglicher Krisen immer aus dem Quell der Liebe erneuert wird, so wendet sich Christus von der Kirche nicht ab trotz der Sünden und Verfehlungen ihrer Glieder. So wie der Ehemann mit seiner Frau ein Leib ist, so gilt auch von Christus, dem Haupt der Kirche, dass „er seinen eigenen Leib nicht hasst, sondern die Kirche nährt und pflegt, denn sie ist sein Leib“ (Epheser 5, 29). Reform bedeutet nicht Veränderung der von Christus seiner Kirche eingestifteten Lebensvollzüge in Martyria, Leiturgia und Diakonia, sondern die Erneuerung der Glieder des Leibes Christi im Leben, das vom Haupt auf den Leib seiner Kirche übergeht. Reform ist kein Weg zurück ad fontes im Sinne des Humanismus und der Renaissance mit dem Überlegenheitsdünkel derer, die die griechischen, hebräischen und lateinischen Urtexte der Bibel, der Kirchenväter und der heidnischen Autoren der Antike philologisch sich besser aneignen konnte als ihre Vorfahren auf den Lehrstühlen oder gar als das gemeine Volk. Erneuerung in Christus ist ein Weg nach vorn dem kommenden Herrn entgegen, damit wir wie die klugen Jungfrauen dem Bräutigam mit brennenden Lampen entgegengehen und zum Herrn in den Hochzeitssaal eintreten dürfen (vgl. Matthäus 25, 10).

Reform im theologischen Sinn hat nichts mit dem Mythos des Goldenen Zeitalters in grauer Vorzeit zu tun, das man wieder herstellen will. Auch jede Deutung der Kirchengeschichte nach dem Schema des Abfalls vom reinen Ursprung oder der bloß positiven Entfaltung nach vorne hin, scheitert am Glauben an die eschatologische Gegenwart des Heils in Christus und dem Wissen um die Dramatik von Welt- und Kirchengeschichte zwischen der civitas Dei und der civitas terrena. Christus ist das unvergängliche Licht Gottes in der Welt. Aber die Kirchengeschichte bewegt sich zwischen Licht und Schatten. „Die Kirche ,schreitet zwischen den Verfolgungen der Welt und den Tröstungen Gottes auf ihrem Pilgerweg dahin‘ und verkündet das Kreuz und den Tod des Herrn, bis er wiederkommt (vgl. 1 Korinther 11, 26). Von der Kraft des auferstandenen Herrn aber wird sie gestärkt, um ihre Trübsale und Mühen, innere gleichermaßen wie äußere, durch Geduld und Liebe zu besiegen und sein Mysterium, wenn auch schattenhaft, so doch getreu in der Welt zu enthüllen, bis es am Ende im vollen Lichte offenbar werden wird …“ (Lumen Gentium 8) Auf die Frage der Gnostiker, was denn mit Christus unüberbietbar Neues gekommen sei, antwortete Irenäus von Lyon im zweiten Jahrhundert: „Er hat nur Neues gebracht, indem er, der Angekündigte, sich selbst brachte, um den Menschen zu erneuern und zu beleben“. Omnem novitatem attulit semetipsum afferens… quoniam novitas veniet innovatura et vivificatura hominem. (Adversus haer. IV, 34, 1)

Christus kann durch innerweltlichen Fortschritt in Wissenschaft, Technik und Gesellschaftsordnung weder überboten noch eingeholt werden. Die Fülle des Heils und der Wahrheit ist allen Menschen in Christus von Gott seinem Vater für immer vermittelt worden. Im Heiligen Geist wird die Kirche zu einer immer tieferen Einsicht in die geoffenbarte Wahrheit eingeführt. Darum gibt es trotz der Fülle der Zeiten, die in Christus verwirklicht worden ist, einen gemeinschaftlichen und individuellen Fortschritt und eine jeweils andere Form der Inkulturation des Christentums und damit das Entstehen neuer christlicher Kulturformen. Er handelt sich – der inkarnatorischen und sakramentalen Präsenz der Wahrheit und des Heils gemäß – nicht um eine mechanische Weitergabe, sondern um eine lebendige Tradition der apostolischen Lehre, die lebt und geistiges und geistliches Leben weckt. Das kirchliche Lehramt hat darum weder eine konservative noch eine innovative Funktion je für sich. Im Zusammenwirken beider zeigen sich vielmehr die Treue zur Endgültigkeit der Offenbarung und das Wachstum der Kirche im lebendigen Glauben ihrer Glieder.

Das Zweite Vatikanische Konzil bringt dieses Spannungsgefüge auf den Begriff, wenn es in der Dogmatischen Konstitution über die göttliche Offenbarung „Dei verbum“ erklärt: „Damit das Evangelium in der Kirche für immer unversehrt und lebendig bewahrt werde, haben die Apostel Bischöfe als ihre Nachfolger zurückgelassen und ihnen ihr ,eigenes Lehramt überliefert‘ (Irenäus von Lyon, Adv. haer. II,3,1)… Diese apostolische Überlieferung kennt in der Kirche unter dem Beistand des Heiligen Geistes einen Progressus; es wächst das Verständnis der überlieferten Dinge und Worte durch das Nachsinnen und Studium der Gläubigen, die sie in ihrem Herzen erwägen (vgl. Lukas 2, 19.51), durch die innere Einsicht, die aus geistlicher Erfahrung stammt, durch die Verkündigung derer, die mit der Nachfolge im Bischofsamt das sichere Charisma der Wahrheit empfangen haben; denn die Kirche strebt im Gang der Jahrhunderte ständig der Fülle der göttlichen Wahrheit entgegen, bis an ihr sich Gottes Worte erfüllen.“ (DV 7 und 8)

Nach der in den Worten Jesu begründeten katholischen Glaubensüberzeugung widerspricht eine Vielheit von entgegengesetzten Konfessionen der Einheit der Kirche in der geoffenbarten Wahrheit. Da die Kirche der Leib Christi ist, der von Christus selbst als Haupt dieses Leibes in den vielen Glieder zusammengehalten wird, kann es im Glauben und im sakramentalen Leben nur eine Kirche geben. Die Kirche ist ein „Geist und Leib“ und es gilt: „Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater, der über allem und durch alles und in allem ist“ (Epheser 4, 4ff).

Auch Martin Luther, Huldrych Zwingli und Jean Calvin, die diese historische Epoche der Reformation wesentlich beeinflusst und auf den Weg gebracht haben und darum als „Reformatoren“ bezeichnet werden, wollten keineswegs die Einheit der Kirche zugunsten einer Vielzahl von Konfessionen aufgeben. Ihr Ziel war die Reform und Erneuerung der bestehenden und von Christus in der Geschichte gestifteten Kirche im Geiste ihres göttlichen Gründers und ihres lebendigen Hauptes. Ihre Methode war die Reinigung der Kirche Christi von dogmatischen Irrtümern, die eine das Heil gefährdende Praxis von Missständen und Missbräuchen hervorgebracht hätten. Nicht die Verbesserung des moralischen und geistlichen Lebens und die Modernisierung der menschlichen Einrichtungen der Kirche (Universitäten, Armenpflege, Auswahl und Ausbildung der geeigneten Kandidaten für das geistliche Amt) und der Kampf gegen die Verweltlichung der Kirche war Anlass zur Trennung der Anhänger Luthers, Zwinglis und Calvins von der Kirche um den Papst und die Bischöfe, sondern die Behauptung, die Kirche habe im Glauben schwer geirrt und habe durch ein falsches Sakramentenverständnis das Heil der Gläubigen in die größte Gefahr gebracht, bedeutete den Wendepunkt von einer Reform in der Kirche zur Reformation, die eine andere Kirche hervorbrachte.

Hier stehen wir an dem Punkt, an dem katholisches und protestantisches Verständnis von Reform der Kirche auseinandergehen. Wenn die Kirche von der Offenbarung abfallen kann und allein die Heilige Schrift das Kriterium für die rechte Lehre und Praxis ist, dann gilt es, die Kirche dem Wort Gottes gemäß zu reinigen und zu reformieren in Lehre, Leben und Verfassung. Wenn aber nach katholischer Lehre die Kirche nicht von der Offenbarung abfallen kann, dann kann es Reform nur geben in der Gestalt der Erneuerung und der Vertiefung. Protestantisch gibt es eine Reformation der Kirche, also eine tiefgreifende Umformung der Kirche nach Gottes Wort. Katholisch dagegen gibt es eine Reform in der Kirche, indem Papst und Bischöfe, Priester und Ordensleute und alle Laien in ihrem Leben aufgerufen sind, ihrer Berufung besser zu entsprechen. Weil die Reformatoren überzeugt waren, dass die Kirche mit dem Papst und den Bischöfe an der Spitze in der zentralen Lehre von der Erlösung und der Rechtfertigung des Sünders vom Evangelium Christi abweiche, kamen sie zur Überzeugung von der Notwendigkeit einer Reformation und substanziellen Umformung der Kirche, die einer ganz anderen Kategorie von Reform angehört, wie sie bisher in der Kirche durchgeführt worden waren.

Es sei erinnert an Reformen in der katholischen Kirche wie zum Beispiel die karolingische Renaissance, die im wesentlichen eine Reform der theologischen Bildungseinrichtungen bedeutete. Die Gregorianische Reform zielte auf die Befreiung der Kirche aus dem Korsett der Feudalgesellschaft und des Eigenkirchenwesens. Ihre Ziele waren der Kampf gegen Simonie, Laieninvestitur und für den Priesterzölibat. Es gab die großen Klosterreformen (Gorze, Cluny, Hirsau, Windsheim, Melk) und die neu entstehenden Orden, die einem spezifischen Charisma entsprechen und eine Antwort auf besondere Herausforderungen angesichts von kirchlichen und gesellschaftlichen Wandlungsprozessen entsprechen. Es sind bekannt die Reformen der Studienordnungen und Seminarien nach dem Trienter Konzil. Wir kennen die Bischöfe, die dem Trienter Ideal des Hirten mit apostolischem Eifer entsprechen wollten (Kardinal Carlo Borromäus von Mailand, Erzbischof Toribio von Mongrovejo; Kardinal Gregorio Barbarigo von Padua).

In den großen Ordensgründungen des heiligen Dominikus und des heiligen Franziskus ging es um die Erneuerung der apostolischen Predigt, eine angemessene Seelsorge in der aufstrebenden Stadtkultur und für die akademischen Jugend wie auch um das Lebensideal der evangelischen Armut und Demut. Im 19. und 20. Jahrhundert hat die Kirche mit neuen Orden und der Entwicklung ihrer Sozialllehre großartige Beispiele ihrer Anpassungsfähigkeit ihrer Mentalität und Struktur gegeben.

Fortsetzung folgt

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Quelle

Kardinal Müller: Luther handelte „wider den Heiligen Geist“

Kardinal Gerhard Ludwig Müller

Martin Luther handelte „wider den Heiligen Geist“. Zu diesem Ergebnis kommt der deutsche Kardinal Gerhard Ludwig Müller. Aus den Schriften des Reformators werde „absolut klar, dass Luther sämtliche Prinzipien des katholischen Glaubens hinter sich gelassen hat“, urteilt Müller in einem Onlinebeitrag für „La Nuova Bussola Quotidiana“. Von Luther werde heute oftmals zu enthusiastisch gesprochen, meint Müller. Das liege an einer Unkenntnis seiner Person und Theologie und der „desaströsen Folgen dieser Bewegung, die für Millionen Christen die Zerstörung der Einheit mit der katholischen Kirche bedeutete“.

Heute müsse man das Wirken des Heiligen Geistes auch in nichtkatholischen Christen wahrnehmen, so der ehemalige Chef der Glaubenskongregation. Sie hätten die „Sünde der Trennung von der katholischen Kirche nicht persönlich begangen“. Müller, der vor seinem Wechsel nach Rom auch der Ökumene-Verantwortliche der Deutschen Bischofskonferenz war, hat eine klare Vorstellung von Ökumene, diese kann für ihn nur eine volle Gemeinschaft mit der katholischen Hierarchie unter Annahme der „apostolischen Überlieferung gemäß der katholischen Lehre“ sein und darf „nicht auf Kosten der Wahrheit“ geschehen. Die Glaubenslehre selbst könne nicht diskutiert werden, andernfalls hieße dies, dass die Kirche „über tausend Jahre Glaubensirrtümer gelehrt hat“, betont der Kardinal, wobei „wir wissen …, dass die Kirche in der Heilsweitergabe in den Sakramenten nicht irren kann“.

Müller war seit seiner Berufung durch Benedikt XVI. im Juli 2012 als Präfekt der Glaubenskongregation für die Wahrung der katholischen Lehre zuständig. Papst Franziskus hatte nach Ablauf der fünfjährigen Amtszeit diese nicht verlängert und den Sekretär der Kongregation, Erzbischof Luis Ladaria, zum Nachfolger ernannt.

(kna 25.10.2017 nh)

Die „doppelte tiefgreifende Krise“ der Kirche: Der volle Wortlaut von Benedikt XVI.

Papst emeritus Benedikt XVI. am 15. Juni 2015 im Vatikan Foto: L’Osservatore Romano

Nur selten wendet sich Benedikt XVI. an die Öffentlichkeit. Wenn der emeritierte Papst einmal kommuniziert, und dabei auch noch über Franziskus und die Barmherzigkeit, horcht nicht nur die katholische Welt auf. Wenn im gleichen Interview dieser führende Theologe zudem über eine „doppelte tiefgreifende Krise“ und den Zusammenbruch der missionarischen Dynamik der Kirche mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil spricht, über eine „Evolution des Dogmas„, und die Frage des Christseins in der Moderne, dann haben diese Aussagen historische Relevanz – und sind gleichzeitig dem Risiko ausgesetzt, von Journalisten wie Klerikern selektiv zitiert zu werden.

CNA Deutsch dokumentiert im folgenden ungekürzt die Worte von Papst emeritus Benedikt XVI. im deutschen Original, wie sie Joseph Ratzinger formuliert hat. Die ursprünglichen Fragen von Pater Jacques Servais SJ, die auf französisch im Kontext eines Kolloquiums im Oktober 2015 gestellt worden waren, sind behutsam gekürzt und redigiert wiedergegeben, ohne deren Sinn zu entstellen. Die Antworten von Papst Benedikt waren bei der Konferenz durch den Präfekten des Päpstlichen Hauses, Kurienerzbischof Georg Gänswein, vorgelesen worden, und sind mittlerweile auch in anderen Sprachen in mehreren Medien übersetzt erschienen.

Eure Heiligkeit, die Frage, die diesem Jahr beschäftigt sich die Konferenz mit der Rechtfertigungslehre. Sie haben betont, dass der christliche Glaube nicht eine Idee ist, sondern ein Leben. Und mit Blick auf die Aussagen des heiligen Apostels Paulus in Römer 3:28, erwähnten Sie, in dieser Hinsicht, eine zweifache Transzendenz: „“Glaube ist Gabe durch die Gemeinschaft; die sich selbst gegeben wird,” gs iv, 512). Könnten Sie erklären, was Sie damit meinen?

BENEDIKT XVI.:  Es geht um die Frage, was Glaube ist und wie man zum Glauben kommt. Glaube ist einerseits eine höchst persönliche Berührung mit Gott, die mich ins Innerste hinein trifft und mich ganz unmittelbar dem lebendigen Gott gegenüberstellt, so daß ich ihn anreden, ihn lieben, mit ihm in Gemeinschaft treten kann. Aber dieses höchst Persönliche hat doch zugleich untrennbar mit Gemeinschaft zu tun: Zum Wesen des Glaubens gehört es, daß er mich in das Wir der Kinder Gottes, in die Weggemeinschaft mit den Brüdern und Schwestern hineinnimmt. Die Begegnung mit Gott bedeutet immer zugleich, daß ich selbst geöffnet, aus meiner Verschließung herausgerissen und in die lebendige Gemeinschaft der Kirche hineingenommen werde. Sie vermittelt mir auch die Begegnung mit Gott, der mich dann freilich ganz persönlich ins Herz trifft.

Der Glaube kommt vom Hören, sagt uns der heilige Paulus. Das Hören schließt also immer schon ein Gegenüber ein. Glaube ist nicht Produkt eines Nachdenkens und auch nicht einer Versenkung in die Tiefen meines Seins, obwohl beides hinzugehören kann. Aber beides bleibt unzulänglich ohne das Hören, durch das Gott von außen her, von einer durch ihn geschaffenen Geschichte her auf mich zutritt. Damit ich glauben kann, bedarf ich zuerst der Zeugen, die Gott begegnet sind und mich für ihn öffnen.

Wenn ich in meinem Artikel über die Taufe über die doppelte Transzendenz der Gemeinschaft gesprochen habe, so kommt darin nochmals ein wichtiges Element zum Vorschein: Die Gemeinschaft des Glaubens schafft sich nicht selbst. Sie ist nicht eine Vereinigung von Menschen, die eine gemeinsame Idee haben und sich entscheiden, zusammen für diese Idee zu wirken. Dann könnten sie nur persönliche Meinungen vertreten und gemeinsam nach Wegen suchen, um diese Ideen zu verwirklichen. Alles würde dann auf einen eigenen Entschluß und letztlich auf dem Mehrheitsprinzip basieren, letztlich also nur doch menschliche Meinung sein. Eine solche Kirche kann mir nicht Garant des ewigen Lebens sein und nicht Entscheidungen von mir fordern, die mich schmerzen und die gegen meine Wünsche stehen. Nein, die Kirche hat sich nicht selbst gemacht, sondern sie ist vom Herrn geschaffen und wird immer wieder von ihm gebildet. Dies drückt sich in den Sakramenten, zuallererst im Sakrament der Taufe aus: In die Kirche trete ich nicht mit einem bürokratischen Akt ein, sondern durch das Sakrament. Das bedeutet, ich werde in eine Gemeinschaft aufgenommen, die nicht von sich selbst kommt und die über sich selbst hinausreicht.

Die Pastoral, die die geistliche Erfahrung der Gläubigen formen will, muß von diesen Grundgegebenheiten ausgehen. Sie muß die Vorstellung einer sich selbst machenden Kirche überwinden und mir zeigen, daß Kirche Gemeinschaft am und im Leib Christi ist. Sie muß in die Begegnung mit Jesus Christus und in seine Anwesenheit im Sakrament hineinführen.

Als Sie Präfekt der Glaubenskongregation waren, kommentierten sie die Gemeinsame Erklärung der katholischen Kirche und des Lutherischen Weltbundes über die Rechtfertigungslehrer vom 31. Oktober 1999. Dabei wiesen Sie auf den Mentalitäts-Unterschied hin mit Blick auf Luther und die Frage der Erlösung. Das religiöse Erleben Luthers war dominiert von der Angst vor dem Zorn Gottes. Ein Gefühl, das dem modernen Menschen sehr fremd ist, der eher die Abwesenheit Gottes spürt (wie Sie in Communio, 2000, 430 geschrieben haben). Für den modernen Menschen ist die Frage nicht so sehr, wie er das ewige Leben erlangt, sondern eher, wie er in der prekären Situation unserer Welt eine gewisse Balance eines Lebens in Fülle.

BENEDIKT XVI.: Zunächst möchte ich noch einmal unterstreichen, was ich in „Communio“ im Jahr 2000 zur Rechtfertigungsproblematik gesagt hatte: Für den Menschen von heute haben sich die Dinge gegenüber der Zeit Luthers und gegenüber der klassischen Perspektive des christlichen Glaubens in gewisser Hinsicht umgekehrt: Nicht mehr der Mensch glaubt der Rechtfertigung vor Gott zu bedürfen. Er ist der Meinung, daß Gott sich rechtfertigen müsse angesichts alles Schrecklichen in der Welt und angesichts aller Mühsal des Menschseins, das letztlich doch alles auf sein Konto geht. Ich finde es in dieser Hinsicht bezeichnend, daß ein katholischer Theologe diese Umkehr auch förmlich behauptet: Christus habe nicht für die Sünden der Menschen gelitten, sondern gleichsam die Schuld Gottes abgetragen. Auch wenn eine so drastische Umkehrung unseres Glaubens den meisten Christen doch wohl noch fernliegt, so kommt darin doch eine Grundtendenz unseres Zeitalters zum Vorschein. Wenn Johann Baptist Metz davon spricht, daß die Theologie heute „theodizee-empfindlich“ sein müsse, so wird auf eine positive Art dasselbe Problem angesprochen. Abgesehen von dieser radikalen Infragestellung der kirchlichen Sicht des Verhaltens von Gott und Mensch, hat der Mensch von heute ganz generell das Bewußtsein, daß Gott nicht den größeren Teil der Menschheit in die Verdammung abgleiten lassen kann. Insofern ist die Heilssorge im alten Sinn weitgehend verschwunden.

Dennoch existiert meiner Überzeugung nach auf andere Weise das Wissen weiter, daß wir der Gnade und der Vergebung bedürfen. Es ist für mich ein „Zeichen der Zeit“, daß die Idee der Barmherzigkeit Gottes immer beherrschender in den Mittelpunkt rückt – angefangen von Schwester Faustina, deren Visionen irgendwie doch ganz grundlegend das Gottesbild des Menschen von heute und sein Verlangen nach Gottes Güte darstellen. Papst Johannes Paul II. war von diesem Impuls zutiefst erfüllt, auch wenn er nicht immer ganz offen zutage liegt. Aber es ist doch wohl kein Zufall, daß sein letztes Buch, das unmittelbar vor seinem Sterben erschien, von der Barmherzigkeit Gottes handelt. Aus seiner Lebenserfahrung heraus, die ihn in früher Stunde mit aller Grausamkeit des Menschen konfrontiert hatte, sagt er, daß die Barmherzigkeit die einzig wirkliche und letzte Gegenkraft gegen die Macht des Bösen sei. Erst da, wo Barmherzigkeit ist, endet die Grausamkeit, endet das Böse, endet die Gewalt. Papst Franziskus steht ganz in dieser Linie. Seine pastorale Erfahrung drückt sich gerade darin aus, daß er uns immerfort von Gottes Barmherzigkeit spricht. Es ist die Barmherzigkeit, die uns zu Gott hinzieht, während die Gerechtigkeit uns vor ihm erschrecken läßt. Dies zeigt nach meinem Dafürhalten, daß unter der Oberfläche der Selbstsicherheit und der Selbstgerechtigkeit des heutigen Menschen sich doch ein tiefes Wissen um seine Verwundung, um seine Unwürdigkeit Gott gegenüber verbirgt. Er wartet auf Barmherzigkeit. Es ist gewiß kein Zufall, daß das Gleichnis vom barmherzigen Samariter die Menschen von heute besonders anspricht – nicht nur weil dort die soziale Seite des Christseins stark betont ist und nicht nur weil dort der Samariter, der nicht religiöse Mensch, gegenüber den Religionsdienern sozusagen als der wirklich gottgemäß handelnde Mensch erscheint, während die amtlichen Diener der Religion sich gleichsam gegen Gott immunisiert haben. Beides ist natürlich dem modernen Menschen sympathisch. Aber ebenso wichtig scheint mir, daß im stillen doch die Menschen für sich selbst den Samariter erwarten, der sich zu ihnen niederbeugt, Öl in die Wunden gießt, sie umsorgt und in die Herberge bringt. Sie wissen im letzten doch, daß sie der Barmherzigkeit Gottes, seiner Zärtlichkeit bedürfen. In der Härte der technischen Welt, in der die Gefühle nicht mehr zählen, wächst dann doch die Erwartung nach einer heilenden Liebe, die umsonst geschenkt wird. Mir scheint, daß so im Thema der Barmherzigkeit Gottes auf eine neue Weise ausgedrückt ist, was Rechtfertigung durch Glauben heißt. Von der Barmherzigkeit Gottes her, nach der alle Ausschau halten, läßt sich der wesentliche Kern der Rechtfertigungslehre auch heute neu verstehen und erscheint wieder in seiner ganzen Wichtigkeit.

Der heilige Anselm verwendet eine Sprache, die für einen modernen Menschen nur schwer akzeptabel ist, wenn er darüber spricht, dass Gott am Kreuz sterben mußte, um die zerstörte Ordnung wieder herzustellen (vgl. Gs 215. Ss iv)

BENEDIKT XVI.: Die Begrifflichkeit des heiligen Anselm ist uns heute sicher unverständlich geworden. Was dahinter als Wahrheit steht, müssen wir auf neue Weise zu verstehen suchen. Ich möchte drei Anmerkungen zu diesem Punkt vorlegen:

a) Die Gegenüberstellung des Vaters, der unerbittlich auf der Gerechtigkeit besteht, mit dem Sohn, der dem Vater gehorcht und im Gehorsam die grausame Forderung der Gerechtigkeit aufnimmt, ist nicht nur für heute unverständlich, sondern in sich, von der Trinitätstheologie her völlig verfehlt. Vater und Sohn sind eins, und ihr Wille ist daher von innen her eins. Wenn der Sohn am Ölberg mit dem Willen Gottes ringt, so geht es nicht darum, daß er eine grausame Verfügung Gottes über sich annehmen muß, sondern darum, daß er das Menschsein in den Willen Gottes hinaufzieht. Auf das Verhältnis der beiden Willen von Vater und Sohn werden wir nachher noch einmal zurückkehren müssen.

b) Aber warum denn überhaupt das Kreuz, die Sühne? Nun, irgendwie ist in den Umkehrungen des modernen Denkens, von denen ich vorhin gesprochen hatte, dieses Warum auf eine neue Weise sichtbar. Stellen wir uns die ungeheuere schmutzige Masse des Bösen, der Gewalt, der Lüge, des Hasses, der Grausamkeit, des Hochmuts vor, die die ganze Welt verschmutzt und entstellt. Diese Masse des Bösen kann nicht einfach als inexistent erklärt werden, auch nicht von Gott. Sie muß aufgearbeitet, überwunden werden. Israel war davon überzeugt, daß das tägliche Sündopfer und besonders die große Liturgie des Versöhnungstages als Gegengewicht gegen die Masse des Bösen in der Welt notwendig waren und daß nur durch diesen Ausgleich die Welt gleichsam erträglich bleiben konnte. Als die Opferfeiern im Tempel erloschen, mußte es sich fragen, was denn nun den Übermächten des Bösen entgegengestellt werden könne, wie einigermaßen ein Gegengewicht gefunden werden könne. Die Christen wußten, daß der abgebrochene Tempel durch den auferstandenen Leib des gekreuzigten Herrn ersetzt war und daß in seiner radikalen, unermeßlichen Liebe ein Gegengewicht gegen die unermeßliche Masse des Bösen geschaffen war. Ja, sie wußten, daß das bisherige Opfer nur Ausgriff nach einem wirklichen Gegengewicht sein konnte. Und sie wußten, daß bei der Übermacht des Bösen nur eine unendliche Liebe, nur eine unendliche Sühne ausreichen konnte. Sie wußten, daß der gekreuzigte und auferstandene Christus die Gegenmacht zur Macht des Bösen ist und die Welt rettet. Von da aus konnten sie dann auch den Sinn ihrer eigenen Leiden verstehen als Hineingenommensein in Christi leidvolle Liebe und Teil der rettenden Macht dieser Liebe. Wenn ich vorhin einen Theologen zitiert hatte, der meint, Gott habe für seine Schuld an der Welt leiden müssen, so kommt in dieser Verkehrung der Perspektiven doch Wahrheit zum Vorschein: Gott kann die Masse des Bösen einfach nicht stehen lassen, die durch die Freiheit entstanden ist, die er selbst gegeben hat. Nur er selbst kann, ins Leiden der Welt eintretend, die Welt erlösen.

c) Von da aus wird nun noch einmal das Verhältnis zwischen Vater und Sohn deutlicher. Ich zitiere dazu einen Passus aus dem Buch von De Lubac über Origenes, der mir sehr klärend erscheint: „Der Erlöser ist zur Erde abgestiegen aus Mitleid für das Menschengeschlecht. Er hat unsere Erleidungen (passiones) auf sich genommen, ehe er das Kreuz erlitt, ja ehe er sogar unser Fleisch anzunehmen geruhte: hätte er sie nicht zuerst gespürt, so wäre er nicht gekommen, um an unserem Menschenleben teilzunehmen.

Welches war diese Erleidung, die er zuerst für uns litt? Es war die Leidenschaft der Liebe.

Aber der Vater selbst, der Gott des Alls, er, der voll ist von Langmut, Erbarmen und Mitleid, leidet nicht auch er in gewisser Weise? Oder weißt Du nicht, daß er, wenn er sich mit den menschlichen Dingen abgibt, ein menschliches Erleiden kennt? ‚Denn der Herr, Dein Gott, hat deine Sitten auf sich genommen, wie der, der sein Kind auf sich nimmt (Dt 1,31)’. Gott nimmt also unsere Sitten auf sich, wie der Sohn Gottes unsere Erleidungen auf sich nimmt. Der Vater selbst ist nicht leidenschaftslos! Wenn man zu ihm fleht, dann kennt er Erbarmen und Mitleiden. Er erleidet ein Leiden der Liebe (Ez. h 6, 6)“ [aus: Henri de Lubac, Geist aus der Geschichte. Das Schriftverständnis des Origenes. Übertragen und eingeleitet von Hans Urs von Balthasar. Johannes Verlag, Einsiedeln 1968, 284f.]

Es gab in Teilen Deutschlands eine sehr bewegende Frömmigkeit, die „die Not Gottes“ betrachtete. Mir ist da ein erschütterndes Bild vor der Seele, das den leidenden Vater darstellt, der das Leiden des Sohnes inwendig als Vater miterleidet. Und auch der „Gnadenstuhl“ gehört hierher: Der Vater hält das Kreuz und den Gekreuzigten, beugt sich liebevoll zu ihm herunter und ist gleichsam auf der anderen Seite mit am Kreuz. Was Barmherzigkeit Gottes ist, Mitleiden Gottes mit dem Menschen, ist da groß und rein empfunden worden. Es geht nicht um eine grausame Gerechtigkeit, nicht um den Fanatismus des Vaters, sondern um die Wahrheit und die Wirklichkeit der Schöpfung: um die wirklich innere Überwindung des Bösen, die nur im Leiden der Liebe letztlich geschehen kann.

In seinen Geistlichen Übungen verwendet der heilige Ignatius von Loyola nicht die alttestamentarischen Bilder von Rache, im Gegensatz zu Paulus (vgl. 2.Thessalonicher 1,5-9); dennoch schrieb und handelte er aus der Überzeugung, so viele „Ungläubige“ wie möglich vor dem schrecklichen Schicksal ewiger Verdammnis retten zu müssen. Diese Lehre, formalisiert im Konzil von Trient, wurde in stark gemäßigter Form in den Katechismus der Katholischen Kirche (vgl. Abschnitte 633, 1037) übernommen. Ist es richtig zu sagen, dass es in den vergangenen Jahrzehnten zu diesem Punkt eine „Entwicklung des Dogmas“ gegeben hat, welcher der Katechismus unbedingt Rechnung tragen sollte?

BENEDIKT XVI.: Zweifellos ist in diesem Punkt eine tiefgreifende Entwicklung des Dogmas in Gang. Während die Väter und die Theologen des Mittelalters noch der Meinung sein konnten, daß im wesentlichen die ganze Menschheit christlich geworden sei und nur noch am Rande Heidentum bestehe, hat die Entdeckung der neuen Welt zu Beginn der Neuzeit die Perspektiven radikal geändert. Das Bewußtsein, daß Gott nicht alle Ungetauften der Verdammnis verfallen lassen kann und auch eine bloß natürliche Seligkeit für sie keine wirkliche Antwort auf die Frage des Menschseins darstellt, hat sich im letzten halben Jahrhundert vollends durchgesetzt. Wenn die großen Missionare des 16. Jahrhunderts noch überzeugt waren, daß ungetaufte Menschen für immer verloren seien und von da aus sich die Dynamik ihres missionarischen Einsatzes erklärt, so ist dieses Bewußtsein in der katholischen Kirche mit dem II. Vaticanum endgültig zusammengebrochen. Daraus ergab sich eine doppelte tiefgreifenden Krise: Zum einen scheint es keinen Grund mehr für die Mission zu geben. Warum sollte man noch Menschen zum christlichen Glauben führen wollen, wenn sie auch ohne ihn gerettet werden können? Aber auch für die Christen selbst ergab sich eine Folge daraus: Die Verbindlichkeit des Glaubens und seiner Lebensform wurde fragwürdig. Wenn andere auf andere Weise gerettet werden können, ist am Ende auch nicht mehr einsichtig, warum der Christ selbst an die Forderungen des christlichen Glaubens und seiner Moral gebunden ist. Wenn aber Heil und Glaube nicht mehr zusammenhängen, wird der Glaube selbst grundlos.

Inzwischen haben sich verschiedene Versuche gebildet, um den universellen Anspruch des christlichen Glaubens mit der Möglichkeit des Heils ohne ihn in Einklang zu bringen. Ich erwähne zwei davon: Da ist zunächst die bekannte These von Karl Rahner von den anonymen Christen. Sie besagt, daß der wesentliche Grundakt der christlichen Existenz, der für das Heil entscheidend ist, in der transzendentalen Struktur unseres Bewußtseins als Ausgriff nach dem ganz anderen, nach dem Einssein mit Gott bestehe. Der christliche Glaube habe ins Bewußtsein gehoben, was strukturell im Menschen an sich da ist. Wenn also der Mensch sich in seinem wesentlichen Sein annimmt, vollzieht er das Wesentliche des Christseins, ohne es begrifflich zu kennen. Das Christliche fällt so mit dem Menschlichen zusammen, und in diesem Sinn ist jeder Mensch ein Christ, der sich selbst annimmt, auch wenn er es nicht weiß. Diese Theorie ist zwar beeindruckend, macht aber das Christentum selbst nur zu einer bewußten Darstellung dessen, was Menschsein an sich ist und läßt so das Drama der Verwandlung und der Erneuerung aus dem Spiel, um das es im Christsein wesentlich geht.

Noch weniger akzeptabel ist die Lösung der pluralistischen Religionstheorien, die uns sagen, daß alle Religionen je auf ihre Weise Heilswege seien und in diesem Sinn in ihrer Wirkung als gleichbedeutend angesehen werden müssen. Die Religionskritik, wie sie das Alte Testament, das Neue Testament und die frühe Kirche geübt haben, ist da wesentlich konkreter in ihrer Erkenntnis der verschiedenen Religionen. Eine so einfache Rezeptur ist der großen Frage nicht angemessen.

Schließlich haben vor allem Henri De Lubac und nach ihm manche andere den Gedanken der Stellvertretung betont. Die Proexistenz Christi sei Ausdruck für die Grundfigur christlicher Existenz und für die Kirche als solche. Damit ist zwar das Problem nicht völlig gelöst, aber ich denke, daß dies doch die wesentliche Einsicht ist, die dann auch die Existenz eines jeden Christen betrifft. Christus als der Eine war und ist für alle und die Christen, die mit ihm nach dem großen Bild des heiligen Paulus seinen Leib in dieser Welt bilden, nehmen an diesem Für-Sein teil. Christ ist man sozusagen nicht für sich selber, sondern mit Christus für die anderen. Es bedeutet nicht eine Art Sonderbillett zum Eintritt in die ewige Seligkeit, sondern die Sendung zum Mittragen des Ganzen. Was der Mensch zum Heil braucht, ist die innere Offenheit für Gott, das innere Warten und Zugehen auf ihn, und das bedeutet umgekehrt, daß wir mit dem Herrn, der uns begegnet ist, auf die anderen zugehen und ihnen das Zugehen Gottes in Christus sichtbar zu machen versuchen.

Man kann dieses Für-Sein auch etwas abstrakter verständlich machen. Es ist wichtig für die Menschheit, daß Wahrheit in ihr da ist, daß sie geglaubt und gelebt wird. Daß für sie gelitten wird. Daß geliebt wird. Diese Realitäten leuchten in die Welt als ganze hinein und tragen sie mit. Ich denke, daß in der gegenwärtigen Situation uns auch immer mehr das Wort des Herrn an Abraham verständlich wird, daß zehn Gerechte ausreichen würden, damit eine Stadt überleben kann, aber daß sie sich selbst zerstört, wenn diese kleine Zahl unterschritten wird. Es ist klar, daß an der Frage weiter gearbeitet werden muß.

In den Augen vieler säkularer Humanisten, geprägt vom Atheismus des 19. und 20. Jahrhunderts, wie Sie angemerkt haben, sollte Gott – wenn er denn existiert –verantwortlich gemacht werden, statt des Menschen, für die Ungerechtigkeit, das Leiden der Unschuldigen, den Zynismus der Macht derer wir Zeuge sind, machtlos, in der Welt und der Weltgeschichte (vgl. Spe Salvi Nr. 42). In Ihrem Buch „Jesus von Nazareth“ weisen Sie darauf hin, was für diese Menschen – und für uns – ein Skandal ist: Die Realität der Ungerechtigkeit, des Bösen, die nicht ignoriert werden kann, sondern überwunden und besiegt werden muss, damit es Barmherzigkeit gibt. Ist das Sakrament der Beichte einer der Ort, an denen das Böse „repariert“ werden kann? Wenn ja, wie?

BENEDIKT XVI.: Das Wesentliche zur Frage im ganzen habe ich bereits in der Antwort auf Frage 3 darzustellen versucht. Das Gegengewicht gegen die Übermacht des Bösen kann zunächst nur in der gottmenschlichen Liebe Jesu Christi bestehen, die immer größer ist als jede mögliche Macht des Bösen. Aber unser Eintreten in diese Antwort Gottes durch Jesus Christus ist notwendig. Auch wenn jeder einzelne selber einen Teil des Bösen zu verantworten hat und so an dessen Macht mitschuldig ist, kann er doch zugleich mit Christus zusammen „ergänzen, was an seinen Leiden noch fehlt“ (vgl. Kol 1, 24).

Das Bußsakrament spielt hier sicher eine wichtige Rolle. Es bedeutet, daß wir uns selber immer wieder neu von Christus umarbeiten, umwandeln lassen und immer wieder neu von der Seite der Zerstörer auf die rettende Seite treten.

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Quelle

Auf den Spuren der göttlichen Barmherzigkeit (Teil 2)

Feier des Westfälischen Friedens 1648, ein Gemälde von Bartholomeus van der Helst. Foto: Wikimedia (Gemeinfrei)

Europa, Islam und Reformation:

Zweiter Teil des großen EWTN-Interviews mit Erzbischof Marek Jedraszewski

Seit kurzem ist er dritter Nachfolger des heiligen Johannes Paul II. als neuer Erzbischof von Krakau: Der profilierte Oberhirte, langjährige Professor für christliche Philosophie und heute stellvertretende Vorsitzende der Polnischen Bischofskonferenz, Marek Jedraszewski. Im EWTN-Interview, aufgenommen mit Robert Rauhut im Umfeld des Weltjugendtages 2016, spricht er unter anderem über den Umgang mit dem Islam und dem Reformationsgedenken.

Den ersten Teil des Gesprächs lesen Sie hier. Der dritte und letzte Teil erscheint am morgigen Dienstag, 7. März. Das Interview ist auch in der Reihe „Polonia semper fidelis“ beim katholischen Fernsehsender EWTN zu sehen. Weitere Infos hierzu finden Sie auf www.ewtn.de und auf der Facebookseite von EWTN.

Robert Rauhut: Herr Erzbischof, was sind heute die größten Herausforderungen der katholischen Kirche in Polen?

Erzbischof Jedraszewski: Zweifellos könnte uns hier mögliche Selbstzufriedenheit drohen. Der Zustand des religiösen Lebens der Menschen in Polen ist viel besser als der der Menschen in Westeuropa. Das ist eine soziologische Tatsache, die allgemein beobachtbar ist. Allerdings ist ein gewisses Ringen vorhanden. Wir wissen nicht genau, was in zehn, zwanzig Jahren auf uns zukommt, in welche Richtung sich die Kirche entwickeln wird. Ob wir als Kirche und eine gläubige Nation dieser Vorstellung von einer Welt und von einem Leben ohne Gott nicht unterliegen werden, darüber haben Johannes Paul II. und Benedikt XVI. oft geschrieben, der Vorstellung, es gäbe keinen Gott. Die Möglichkeit einer Entwicklung in diese Richtung besteht. Dieses Ringen kann aber durchaus in eine andere Richtung umschlagen, so dass wir daraus gestärkt hervorgehen, mit der Wahrheit von Jesus Christus noch stärker verbunden. Also ist es eine Zeit des Ringens. Gott weiß, was in Zukunft kommt.

Kirche ein Raum von Freiheit und Liebe

Wenn wir aber vom Ringen sprechen, so müssen wir uns der Orte dieses Ringens bewusst sein, denn von den Ergebnissen des Ringens wird die Zukunft abhängen. Erstens sind es die Jugendlichen. Viele kennzeichnet ein Verlorenheitsgefühl. Es hat sich etwas ereignet, was einerseits interessant andererseits sehr wichtig ist. Wenn wir nämlich die Kirche in Polen in den letzten Jahrzehnten, zu kommunistischen Zeiten, betrachten, war die Kirche für die Menschen ein Raum der Freiheit. Auch für die Nichtgläubigen, die in der Kirche Schutz oder auch Unterstützung suchten. Diesen Freiheitsraum konnten auch die Jugendlichen erfahren. Heute wird die Kirche als ein Menschenkreis ohne Freiheit dargestellt, ja, ein Raum, wo gegen Freiheit gekämpft wird. Denn dies ist verboten, jenes ist verboten… Man versucht, die Kirchenlehre als Verbote zu deuten. Bis zu einem gewissen Grad ist es richtig, denn die meisten Gebote des Dekalogs sind als Verbote formuliert. Bis auf zwei – das dritte und das vierte.

Zu wenig wird darüber gesprochen, dass die Freiheit erstens auch ihre Grenzen hat. Und wenn sie als Freiheit gelten will, so muss sie auch diese Grenzen anerkennen. Zweitens wird vielleicht die positive Aussage des Evangeliums zu wenig akzentuiert. Jesus Christus sprach, wir sollen Gott und unsere Nächsten lieben. Da ist kein Verbot drin, es wird gesagt – du sollst lieben! Wir können auch sagen, liebe und mache, was du willst. Du sollst aber mit dieser Liebe lieben, die uns Jesus Christus beigebracht hat. Sehe nicht als Liebe dasjenige an, was oft Gegensatz der Liebe ist. Gegensatz der Liebe, die als Agape, Caritas, als selbstlose, opferbereite Liebe aufgefasst wird, die alles zu leiden bereit ist, wenn dadurch einem Menschen Gutes getan werden kann. Eine schwierige Liebe ist es. Das ist aber dasjenige, was das Christentum ausmacht. Den jungen Menschen diese Perspektive des Evangeliums und dadurch eine der Perspektive entsprechende Botschaft der Kirche zu zeigen, halte ich für eine der größten Herausforderungen unserer Zeit. Werden die jungen Menschen sie annehmen wollen, so besteht die Hoffnung, dass die Zukunft der Kirche in Polen besser als die Gegenwart sein wird.

Wenn wir die Herausforderungen im Jugendbereich in der Kirche und in der Gesellschaft vergleichen, so sehen wir, dass der Westen heute auch vor anderen großen Herausforderungen steht. Einerseits sind wir mit dem kämpfenden Atheismus, dem sich verbreitenden Agnostizismus konfrontiert, andererseits haben wird den stark wachsenden Islam. Was ist aus ihrer Sicht die Hauptschwäche des Westens bei der Begegnung dieser Herausforderungen?

Ich antworte auf Ihre Frage vielleicht etwas indirekt, glaube aber, dass es sich lohnt, diese Geschichte zu erzählen. Vor mehreren Jahren wurde ein heute schon etwas älterer Herr durch sein staatliches Unternehmen – damals hieß staatlich so viel wie kommunistisch – zur Arbeit in den Irak entsandt. Als er eine Umfrage ausfüllen musste, wurde er darauf hingewiesen, dass er unter Konfession unbedingt „katholisch“ eintragen sollte. Der Hinweis kam von jemandem, der die kommunistische Regierung vertrat. Dann kam von dem Mann nun die Frage: „Warum? Der Glaube wird doch bei uns verleugnet.“ Da kam die Antwort: „denn die Menschen im Irak behandeln Ungläubige wie Tiere, denen keine Rechte zustehen. Man behandelt sie wie Hunde“. Ich kannte das nicht. Ich kenne den Koran auch nicht gut genug, um dies entsprechend zu interpretieren. Ich schließe aber nicht aus, dass es in bestimmten Ländern, wo ein kämpferischer Islam herrscht, es Richtlinien gibt, wie sich ein gläubiger Muslim zu verhalten hat. Und jetzt komme ich auf Ihre Frage zurück – Menschen, wie sie diese Geschichte beschreibt, kommen nach Europa. Wie betrachten sie Atheisten, Agnostiker, diejenigen, die das Christentum bekämpfen? Sie betrachten sie nicht über die Würde einer Person, unabhängig davon, ob diese gläubig oder ungläubig ist, das heißt sie greifen nicht auf Kategorien zurück, die für uns offensichtlich sind.

„Das sprengt unsere Denkweise“

Ein grundsätzliches Betrachtungskriterium verläuft entlang dem Gegensatzpaar: gläubig – ungläubig. Bist du ungläubig, ja, bist du der Meinung, dass dies ein Ideal ist und dieses Ideal auch die Christen annehmen sollten, so schauen sie umso herablassender auf dich, auf die Länder des westlichen Europas, in denen sie angekommen sind. Es ist für sie keine Kultur, die sie imstande sind zu achten, geschweige denn zu akzeptieren. Das wird für sie eher der Gegenstand eines Kampfes sein, etwas, was vernichtet werden muss. Ich möchte es nochmals unterstreichen – das sprengt unsere Denkweise, eine europäische Denkweise, die auf der christlichen Kultur aufbaut. Aber so ist es und davor die Augen zu verschliessen bringt nichts. Und ich komme noch auf den anderen Teil ihrer Frage zurück: Was soll getan werden?

„Es herrscht eine axiologische Leere“

Sicherlich ist damit kein Versuch gemacht, diese Probleme zu lösen, wenn man gegen das Christentum scharf vorgeht, was heutzutage der Fall ist. Übrigens, vor dieser axiologischen Leere, vor dem Nihilismus im Bereich der Ideen, der zur Zeit herrscht, haben Johannes Paul II. und Benedikt XVI. Europa mehrmals gewarnt. Sie haben unterstrichen, dass es kein richtiger Weg zur Aufrechterhaltung der europäischen Identität ist. Und hier noch eine für uns sehr traurige aber treffende Aussage von Benedikt XVI. – Europa liebt sich nicht mehr, liebt SICH nicht mehr, seine Tradition, seine Wurzeln. Von denen will es sich um jeden Preis abkehren. Dies ist aber ein suizidaler Weg.

Benedikt XVI. sagte nicht nur, dass der Westen sich nicht liebt, sondern dass er sich geradezu hasst. Eine sehr scharfe Formulierung war das.

Wenn wir dabei an den kämpfenden Atheismus denken, dann ja, dann müssen wir vom Hass sprechen.

Das Fehlen der Liebe…

Ja, das Fehlen der Liebe. Mehr noch, denn mit „Fehlen“ wird es positiv umschrieben. Man will das vernichten, was einem nicht passt.

Das heißt, dass eine Antwort auf diese zwei Herausforderungen darin bestände, dass wir als Katholiken, Christen unsere Identität formen, leben und sich zu ihr öffentlich bekennen.

Das ist unsere Hauptaufgabe. Dazu hat Jesus Christus seine Jünger aufgefordert. So war auch die Kirche in den ersten Jahrhunderten, den ersten drei Jahrhunderten grausamster Verfolgungen der Kirche, ununterbrochener Kämpfe – so war es. Wollen wir an die Ursprünge zurückgehen, an die Ursprünge der Kirche, des eigenen Glaubens, so müssen wir zu diesem Bekenntnis zurückkehren: Wer bin ich? Wir müssen stets zeigen, dass das, was ich vertrete, dessen wert ist, dass man sich dafür interessiert, ja, es vielleicht sogar achtet und bewundert.

Ich komme kurz nochmal zurück auf die drei ersten Jahrhunderte der Christenverfolgung. Sie waren grausam, gekennzeichnet durch einen schwer nachvollziehbaren Hass gegenüber den Christen. Irrationalen Hass. Andererseits, dieselben Römer, die die Christen den Löwen zum Fraß vorwarfen, sagten: „seht, wie sie sich lieben“. Die Römer haben in den Christen etwas Außergewöhnliches gesehen, jene Kraft, die es ermöglicht bei Christus zu bleiben. Und die Christen haben es selbst begriffen, dass die Saat der jungen, kräftigen Kirche das Blut der Märtyrer ist.

Wenn wir das theologisch ausdrücken sollten, dann würden wir sagen, die Christen haben sakramental gelebt, sie waren ein Zeichen dessen, was vorangegangen ist. Das hat die anderen betroffen gemacht.

Anders hätte es nicht sein können. Wenn jemand das zutiefst lebt, dann sprechen wir von der Menschlichkeit in ihrer Vollendung, der der Tod keine Grenzen setzt. Eine Menschlichkeit, die sich auch nach dem Tod weiter verwandelt und als ehrenvolles Leben der Erlösten fortgesetzt wird.

Wie ist aber vor diesem Hintergrund die politische Korrektheit/political correctness gegenüber den Muslimen zu erklären? Das Bild des Islams wird oft entweder sehr märchenhaft gezeichnet, wie die Erzählungen aus „Tausend und eine Nacht“. Oder der Islamismus und Terrorismus werden vom Islam so strikt auseinander gehalten, dass der Eindruck entsteht, das eine hätte mit dem anderen überhaupt nichts zu tun.

Ich habe neulich einen Artikel über den Islam gelesen. Er berichtete darüber, dass Mohammed selbst seinen Anhängern beigebracht haben sollte, wie sie sich zu verhalten haben. Es hieß: seid ihr in der Minderheit, so achtet diejenigen, unter denen ihr lebt. Seid ihr auf gleicher Augenhöhe, so fordert Rechte für euch. Seid ihr in der Mehrheit, bekämpft sie.

Ich spreche darüber unter Bezug auf einen Artikel – persönlich habe ich es nicht überprüft. Aber vielleicht stimmt es. Damit wird gezeigt, dass der Islam kein einheitliches Gesicht hat. In der katholischen Kirche wird die Einheit gewahrt – durch das kirchliche Lehramt und eine strikt festgelegte Doktrin.

Der Islam ist sehr gespalten…

Ja, höchst gespalten. Jeder Imam kann seine Koraninterpretation verkünden, die etwas mehr oder etwas weniger von den politischen Faktoren abhängt. Es bestehen also Unterschiede. Es wäre falsch zu sagen, dass einerseits ein Islam wie aus dem Märchen „Tausend und eine Nacht“, ein guter Islam besteht und auf der anderen Seite haben wir den Terrorismus, der keine Verbindung zum Islam hat. Er ist mit einem Teil des Islams verbunden, so sind die Fakten.

Die politische Korrektheit ähnelt der Vogel-Strauß-Politik – ich ignoriere Probleme und stecke den Kopf in den Sand. Aber die Folgen dieser Politik können verheerend sein. Das Problem der Verantwortung in der Politik ist nämlich keins der aktuellen Unterstützung einer Partei oder dass um die Wählerstimmen um jeden Preis gekämpft wird, um in den nächsten Wahlen zu gewinnen. Umso weniger ist es der Versuch, über die Köpfe der wählenden Nationen, Gemeinschaften hinweg zu regieren. Wir haben neulich den Aufruf der europäischen Regierenden gehört, man solle die Stimmen der Wähler nicht zu ernst nehmen. Da drängt sich die Frage auf, wie ist das mit der Demokratie zu vereinbaren. Die große Politik ist ein Versuch die Gegenwart vor dem Hintergrund der Vergangenheit zu verstehen, und solche Maßnahmen für die Zukunft zu ergreifen, die den Bürgern zugute kommen.

„Europa der Vaterländer“

Wenn wir heute auf die Ursprünge der Europäischen Union zurückblicken, so sehen wir, dass ihr Entstehen keine einfache Geburt war. Sie entstand nach der Katastrophe des zweiten Weltkriegs, aus der Vision von drei Großen heraus: Konrad Adenauer, Schuman und de Gasperi. Drei großartige Politiker aus unterschiedlichen Ländern mit unterschiedlichen Traditionen. Aus Ländern, die in unterschiedlichem Grade in die Katastrophe – zuerst des ersten, dann des zweiten Weltkrieges – verwickelt waren. Sie haben aber eingesehen, dass wir zu den Ursprüngen zurückgehen müssen, wenn Europa erhalten bleiben sollte, und zwar in seiner Rolle als ein gewisses Zentrum, aus dem die anderen Nationen schöpfen können. Nicht im kolonialen Sinne, auch nicht im kulturkolonialen Sinne. Denn wenn man zurückblickt, dann sieht man, dass sich Europa von der Einwanderung der Barbaren im 7. und 8. Jahrhundert erholen konnte, dass Europa die Katastrophe der Reformation und der Religionskriege im 16. und 17. Jahrhundert überlebte, und dass darauf zurückgegriffen werden muss, und zwar in einer bestimmten Form – dafür hat de Gaulle geschwärmt – in Form eines Europas der Vaterländer.

Das heißt, wenn wir unsere europäische Identität betonen, dann meinen wir nicht nur den Glauben, sondern auch die Wahrheit. Man hört oft, es gäbe keine einzige Wahrheit. Das hat eine Reihe Konsequenzen, nicht zuletzt im Umgang mit den Flüchtlingen und Migranten und der Herausforderung, wie diese sich integrieren können, sofern sie denn das auch wollen.

Ich habe das schon erwähnt – wenn Sie eine Kultur per definitionem als schlecht betrachten, eine die es zu bekämpfen gilt, dann ist es kaum zu erwarten, dass Sie sich in diese Kultur integrieren. Sie können uns – ich spreche von Europa – achten, wenn es ein Europa der Menschen sein wird, die nicht tun und lassen, was sie wollen. Sondern ein Europa der Gemeinschaft von Nationen, die eine gemeinsame Welt der Werte teilen. Beständige Werte. Objektive Werte. Werte, die in Gott verankert sind. Das hat Benedikt XVI. oft wiederholt: dem Leben, als ob es keinen Gott gäbe hat er das gegenübergestellt, was zum Inhalt der Pascalschen Wette gehört: Lebe dein Leben so, als ob es Gott gäbe. Damit ist dein Überleben garantiert. Du betrittst die Welt beständiger Werte, die du nicht unbedingt mit Gott verbindest. Aber die Welt der Werte ist da. Die Welt der objektiven Wahrheit ist da. Gerade dies wird in der heutigen Kultur eliminiert, vor allem in der akademischen Kultur.

Wir kommen noch auf das Thema der akademischen Kultur zurück. Ich hätte noch eine abschließende Frage zu diesem Gesprächsteil: sollten wir uns als Katholiken in Westeuropa mehr mit den Christen bei uns aber auch im Nahen Osten solidarisieren?

Die Bischöfe aus diesen Ländern, aus dem Irak, aus Syrien, sagen: macht bitte alles, damit unsere Gläubigen dort bleiben. Wir dürfen nicht vergessen, dass in Palästina aber auch im heutigen Irak, in Syrien, Libanon – Christen leben, deren Geschichte auf die Anfänge des Christentums zurückgeht. Sie haben so viel Schrecken erfahren müssen. Es gab Zeiten einer prachtvollen Entwicklung, aber größtenteils mussten sie leiden. Und sie haben überlebt. Und plötzlich drohen sie zu erlöschen. Es gibt sie nicht mehr. Das ist tragisch. Das müssen wir, Christen in Europa, mitempfinden. Deshalb ist unsere Hilfe, unsere Solidarität erforderlich. Hilfe, die den Christen vor Ort, den dort lebenden Christen geliefert werden sollte. Übrigens, solche Hilfemaßnahmen liefert die Caritas Polen. Auch mehrere Besuche des Vorsitzenden der polnischen Bischofskonferenz, von Erzbischof Gądecki in Syrien, sind der beste Beweis dafür.

Wir haben darüber gesprochen, wie wir als Katholiken auf diese Herausforderung des Islams reagieren sollten, welche Maßnahmen wir ergreifen sollten, auch vor dem Hintergrund der säkularisierten westlichen Kultur. Ich stelle vielleicht noch eine zusätzliche Frage: inwiefern sollten wir uns als Kirche von der Welt abgrenzen, inwiefern sollten wir mit dieser Welt verschmelzen?

Beides ist falsch. Die Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils aus der Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute „Gaudium et spes“ äußert sich in dieser Hinsicht eindeutig. Freude und Hoffnung, aber auch Trauer und Angst dieser Welt, sind Freude, Hoffnung aber auch Trauer und Angst der Kirche. Wir dürfen uns nicht gettoisieren. Das macht das Christentum, vor allem die katholische Kirche so einzigartig – die Kirche wollte sich nie ghettoisieren lassen.

Als Johannes Paul II. 1991 in Polen, gleich nach der Wende, war, sagte er, dass wir als Nation in den letzten 50 Jahren die Erfahrung der Ghettoisierung machen mussten. Eine Nation, die – wie es ein prominenter kommunistischer Politiker mal gesagt hat – in der Sakristei abgesperrt werden muss. Betet so viel wie ihr wollt, sprecht Litaneien, weint vor den Bildnissen der Gottesmutter, aber wehe denen, die es wagen, diesen Glauben außerhalb von der Kirche zu tragen, zu leben und durch diesen Glauben die Welt zu verändern.

Kommt hier der Aspekt der Tapferkeit hinzu? Geschichtlich gesehen, zum Beispiel die Schlacht bei Wien 1683, früher die Seeschlacht von Lepanto…

Die beiden Schlachten, die Sie erwähnt haben, stehen als Symbole für ständige Kämpfe an der polnisch, ja, europäisch-osmanischen Grenze. Diese Siege waren jeweils eine Antwort auf eine enorme Gefahr des Einmarsches durch die Türken. Es schien, als ob dem Christentum in Europa ein Ende gesetzt wird. Natürlich hing dies zusammen mit der geistigen Schwäche des damaligen Europa. Und plötzlich kommt eine enorme Mobilisierung; die Mobilisierung durch das Gebet, durch das Gebet zur Gottesmutter.

Zu Christus im Alltag stehen ist Tapferkeit

Es war der Fall bei Lepanto, genauso war es bei der Schlacht unter Führung von Jan III. Sobieski. Und dann kommt der Sieg, die Freude. Das stärkt. Die Tapferkeit ist eine Eigenschaft, die mit dem Mut zusammenhängt. Sie ist einerseits eine natürliche Eigenschaft, sie ist aber auch ein Beweis für die Reife einer Person. Ich würde sie auch im Kontext der Fähigkeit sehen, ein Zeugnis für Christus im Alltag zu geben. Ein Zeugnis für die Treue. Das ist oft viel schwieriger als ein einmaliges Tapferkeitszeichen, selbst bei einer sehr dramatischen Schlacht.

Der Fernsehsender, in dem dieses Gespräch ausgestrahlt wird, hat viele deutsche Zuschauerinnen und Zuschauer. Nun wird die protestantische Kirche das 500-jährige Jubiläum der Reformation im Jahre 1517 feiern. Meine Frage wäre, wie wir als Katholiken diese 500 Jahre betrachten sollen? Das war nicht nur ein buntes Ereignis, sondern auch ein etwas brutales Ereignis, das viele Menschen betroffen hat.

Ich wage zu sagen, dass es eine Tragödie für den Westen war. Ich denke dabei an die Folgen. Ich möchte jetzt nicht von den Absichten von Luther, Calvin oder anderer großer Väter der Reformation sprechen, das ist eine andere Angelegenheit. Dafür würde ich gerne ein paar Worte zu den für Europa verheerenden Folgen sagen. Erstens kam es zu Religionskriegen, die sehr grausam waren, so auf der einen, wie auf der anderen Seite. Bis auf Polen, auf dessen Gebiet die Kriege gar nicht stattfanden. Das möchte ich sehr deutlich unterstreichen. Ich komme noch darauf zurück. Nach meiner Ansicht hätte es weder die Aufklärung gegeben, noch den deistischen Begriff von Gott, wenn es zu den Religionskriegen und zu der schrecklichen Trennung Europas in ein katholisches und protestantisches nicht gekommen wäre. Denn bei den Menschen, die dieses Böse irgendwie abwehren wollten, musste die folgende Frage aufkommen: Wie ist es möglich, dass die beiden Parteien im Namen von Christus so grausam töten? Kann man die Religionen noch als wahr bezeichnen?

„Im Namen des Menschen gegen das Christentum“

Vielleicht können Sie sich daran erinnern, was Jesus Christus beim letzten Abendmahl gesagt hat: Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr eins seid. Hier, in der sogenannten Reformation, wurde die Einheit brutal zerstört. Mit verheerenden Folgen. Und es wundert mich nicht, dass viele auf die Frage, ob das Christentum die wahre Religion ist, eine verneinende Antwort gaben und sich sagten: lasst uns etwas konzipieren, was uns einigen könnte, was die Religion der Vernunft wäre. So ist der Deismus entstanden. Und die Aufklärung. Und all das, was die Aufklärung mit sich brachte, indem sie im Namen des Menschen gegen das Christentum kämpfte. Im gewissen Grad kehrt das immer wieder zurück, bis heute.

Sie wollten aber auch an die Toleranz in Polen anknüpfen, die war da, auch wenn es zu keiner Konfrontation mit dem Protestantismus kam.

Richtig, es kam zu keiner Konfrontation. Sie müssen wissen, dass der polnische König Sigismund II. August, der letzte der Jagiellonen, sehr schnell die Beschlüsse des Konzils von Trient angenommen hat, das in der Geschichte als Ausdruck der Gegenreformation gilt. Er hat die Beschlüsse genehmigt, damit sie in Polen gelten können, gleichzeitig jedoch sagte derselbe König: „ich bin nicht der Herr eurer Gewissen. Ihr seid es, die sich entscheiden.“  So etwas, wie in Deutschland nach dem Westfälischen Frieden von 1648 – Cuius regio, eius religio – gab es nicht. Dass von einem Tag auf den anderen die Religion des Herrschers zur Religion aller Bewohner seines Landes wurde. Es war doch in gewissem Grad ein extremer Ausdruck der Intoleranz.

„Pogrome sind kein polnischer Geist“

Freilich ging es darum, weitere Konflikte und Spannungen zu vermeiden. Durch rationales Vorgehen. Es wurden aber Maßnahmen herangezogen, die mit der Achtung des persönlichen Glaubens eines jeden Bürgers bzw. der Untertanen eines konkreten Herrschers nichts zu tun hatten. In Polen war dies nicht der Fall. Die Königliche Republik der polnischen Krone und des Großfürstentums Litauen war ein großes europäisches Land, wohl das flächengrößte Land des damaligen Europa. Sie umfasste die heutige Ukraine, Litauen, Livland, das heißt Lettland und Estland, bis hin zur Moldau. Es war ein großer Organismus , in dem ein Mosaik von Ethnien und Religionen lebte. Wohl gefühlt haben sich hier die Juden, die in Westeuropa verfolgt wurden. Hier fanden sie den Ort der Zuflucht. Sie waren es, die den Ausdruck Paradisus Iudaeorum, Polen – Paradies der Juden geprägt haben. Das dauerte bis zur Teilung Polens und bis das orthodoxe Russland mit Pogromen vorging – das geschah zwar auf dem ehemaligen polnischen Gebiet, dahinter stand aber kein polnischer Geist. Das möchte ich ausdrücklich unterstreichen. So was war Polen – das Phänomen der Religionskriege war Polen, einem katholischen Land, nicht bekannt.

Ich gebe Ihnen noch ein anderes Beispiel. Das, was wir in unserer Geschichte die Schwedische Sintflut nennen. Die Invasion des schwedischen Heeres auf Polen im Jahre 1655. Laut der schwedischen Propaganda sollte damit die Befreiung der Protestanten von der Macht der scheußlichen Katholiken ermöglicht werden. Dabei fanden sie vor Ort zu ihrer großen Überraschung keine Unterstützung. Keine Unterstützung im folgenden Sinne: sie haben hier keine Protestanten vorgefunden, die in Unterdrückung gelebt hätten.

Sie haben dieses Problem nicht gesehen, weil es ein künstlich geschaffenes Problem war…

Ja. Ich gebe Ihnen aber noch ein anderes Beispiel. In unserer Geschichtsschreibung, sicherlich nicht nur in unserer, gilt als Gipfel der polnischen Intoleranz die Vertreibung der Arianer 1658. Arianer ist die polnische Bezeichnung für Böhmische Brüder, eine – wie soll ich sagen – Sekte bzw. religiöse Gemeinschaft, die historisch mit Jan Hus und den Hussiten zu assoziieren ist. Sie wurde aus Böhmen vertrieben und hat Zuflucht in Polen gefunden. Einer ihrer Hauptvertreter war Johann Comenius, der schließlich in Holland eintraf. Und so begrüßten Comenius und die Brüder, dort wo sich gerade aufgehalten haben, zum Beispiel im polnischen Lissa, also dem großpolnischen Leszno, die Schweden als Erlöser. Sie öffneten den Schweden die Stadttore, und Comenius selbst stiftete die große Kanone, mit der die Mauern von Jasna Góra zerstört werden sollten.

„Invasion von allen Seiten“

Und nun meine Frage: was wurde im damaligen Europa mit eindeutigen Verrätern von Europa, Verzeihung, Verrätern ihres Landes gemacht? Tod durch Erschießen war die mildeste Strafe. Was wurde in Polen gemacht? Im besagten Jahr 1658, während der kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Schweden aber andererseits auch mit dem zaristischen Russland; Polen hat zu dieser Zeit eine Invasion von fast allen Seiten erlebt. Also in Polen hat man sie gebeten, sich zu entscheiden. Sind sie Polen, dann müssen sie ihr Vaterland verteidigen, sind sie keine Polen, dann müssen sie das Land verlassen. Und auf diese Weise kamen Comenius und die anderen nach Holland. Ist das ein Beispiel für Intoleranz, für den Kampf gegen andere Religionen? Ich füge noch zu der Frage hinzu: unter Berücksichtigung der damaligen Mentalität.

Es gab verschiedene weitere gute Beispiele in der Geschichte Polens. Nennen wir Paweł Włodkowic und seine Rede über die Evangelisierung…

Ja, auf dem Konzil von Konstanz, ja…

…und seine Auseinandersetzung mit dem Deutschen Orden. Kommen wir aber auf einen bereits kurz angesprochenen Aspekt zurück: der Westfälische Frieden 1648 und die Spaltung. Die dort getroffenen Entscheidungen waren vor allem politischer Natur, aber auch geistiger. Wie sollte das Verhältnis zwischen dem Sacrum, dem geistigen Aspekt und der Politik heute aussehen?

Ich glaube, man müsste sich hier wieder auf die Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils beziehen, insbesondere auf die Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute. Dort steht ausdrücklich geschrieben, dass die öffentliche Wirklichkeit, das heißt auch die staatliche und die kirchliche Wirklichkeit, zwei unterschiedliche autonome Wirklichkeiten sind. Allerdings, Autonomie, Abgesondertheit kann als Feindlichkeit aufgefasst werden. So war es der Fall in der Französischen Revolution 1789. Es war auch der Fall während der kommunistischen Zeit in unserem Teil Europas.

„Staatsbürger und Mitglied der Kirche“

Diese zwei Wirklichkeiten – des Staates und der Kirche – können aber auch, bei (gleichzeitiger) jeweiliger Autonomie, als Wirklichkeiten aufgefasst werden, die bereit sind in allen Fragen zusammenzuarbeiten, die das Wohl des Menschen betreffen. Denn ein und derselbe Mensch kann gleichzeitig Bürger eines Staates und Mitglied der Kirche sein. Und als Bürger hat er das Recht, im Lichte seiner unantastbaren Rechte als Mensch, sich zu seinem Glauben zu bekennen, auch im öffentlichen Raum, im Einklang mit dem Glauben zu leben und auf diese Weise das gemeinsame Wohl aufzubauen. Ich glaube, bei diesem Modell des Verhältnisses Kirche-Staat, ja, durch die Umsetzung dieses Modells, würde Europa sehr viel gewinnen.

Bedeutet es, dass auf der innerkirchlichen Ebene die Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils vertieft werden muss, damit der Begriff der Autonomie besser verstanden werden kann? Das ist sicherlich die Frage der Implementierung der Beschlüsse des 2. Vatikanischen Konzils und der Diskussion um diese Implementierung, um die Hermeneutik des Konzils.

Seit dem Abschluss dieses Konzils ist bereits ein halbes Jahrhundert verstrichen und immer wieder zeigt sich, dass es schwierig ist nicht so sehr die konkreten Empfehlungen oder Beschlüsse des Konzils anzuwenden, sondern einen bestimmten Geist des Konzils, der in diesen Dokumenten präsent ist, zu implementieren. Das letztere stellt für uns eine große Verpflichtung dar, die Beschlüsse des Konzils ins Leben umzusetzen.

Umsetzung in neuer Wirklichkeit

Wenn Sie genauer hinschauen, müssen Sie feststellen, dass das Programm, das Johannes Paul II. am Anfang seines Pontifikats vorgestellt hat, im Grunde genommen auf die Umsetzung der Beschlüsse des Konzils abzielte. Die Umsetzung in einer neuen Wirklichkeit, in der sich die Welt vorfand oder vorfinden sollte. Es hieß aber – konstanter Rückgriff auf die Ideen, die während des Konzils reiften und ihren Ausdruck in unterschiedlichen Dokumenten fanden. Leider haben wir damit immer wieder Probleme.

Das ist natürlich ein weites Feld. Aber bedeutet es, dass wir die Dokumente des 2. Vatikanischen Konzils als Fortsetzung der früheren Tradition des kirchlichen Lehramtes lesen sollten?

Es ist nicht so, dass die jüngste Geschichte der Katholischen Kirche mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil beginnt. Und dass es früher nur eine Leere bzw. nur das Böse gab. Wenn wir uns die großen Dokumente des Konzils näher anschauen, so finden wir unter den Formulierungen vielerlei Bezüge auf die frühere Lehre der Kirche…

…zum Beispiel auf Pius XII.

Ja, auch auf Pius XII., einen großen Papst, einen Papst, der in gewissem Grade dazu beigetragen hat, vielleicht nicht mit Absicht, vielleicht nicht unmittelbar, aber trotzdem dazu beigetragen hat, dass sein Nachfolger, Johannes XXIII. das Konzil letztlich einberufen hat. Es ist also nicht so, dass alles seinen Beginn in dem Konzil nimmt. Das wäre eine verfehlte Perspektive auf das, was die Kirche ist. Übrigens, widmete sich das Konzil vor allem den pastoralen und nicht so sehr den dogmatischen Fragen, auch wenn es zwei dogmatische Konstitutionen beschlossen hat. Also vor allem seelsorgerisch, das heißt, der Versuch die Verortung der Kirche und ihre Mission zu verstehen, zu verstehen, wie die Kirche mit der gegenwärtigen Welt sprechen soll, so dass die Botschaft des Evangeliums verständlich ist und angenommen werden kann. Es ist wahrhaftig etwas paradox – das Konzil endet 1965 und drei Jahre später kommt es zur Revolution von 1968. Damit wird – so könnte man sagen – die Kirche als eventueller Partner bei der Gestaltung der Zukunft der Welt vollständig abgelehnt.

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Quelle

Premiere: Eine ökumenische Doppel-Audienz

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Heinrich Bedford-Strohm beim Papst

Es war ein besonderer Moment für die Ökumene: Eine Delegation der evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) war an diesem Montag bei Papst Franziskus zu Gast – und der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, nahm ebenfalls an der Papstaudienz teil. Eine Premiere und ein Highlight des Jahres, in dem an den Beginn der Reformation vor fünfhundert Jahren erinnert wird.

Franziskus würdigte in seiner Ansprache die „langjährige Zusammenarbeit“ und „gereifte ökumenische Beziehung“ der deutschen Kirchen. „Ich wünsche Ihnen, dass Sie auf diesem segensreichen Weg des geschwisterlichen Miteinanders vorankommen und mutig und entschlossen auf eine immer vollkommenere Einheit hin fortschreiten. Wir haben die gleiche Taufe: Wir müssen zusammen gehen, ohne müde zu werden!“

Es sei „bedeutsam“, dass sich evangelische und katholische Christen im Jahr des Reformationsgedenkens vorgenommen hätten, „Christus erneut ins Zentrum ihrer Beziehungen zu stellen“, sagte der Papst. Martin Luthers Frage nach dem gnädigen Gott sei – damit zitierte er seinen Vorgänger Benedikt XVI. – „die tiefe Leidenschaft und Triebfeder“ von Luthers Denken und Handeln gewesen. „Was die Reformatoren beseelte und beunruhigte, war im Grunde der Wunsch, den Weg zu Christus zu weisen. Das muss uns auch heute am Herzen liegen, nachdem wir dank Gottes Hilfe wieder einen gemeinsamen Weg eingeschlagen haben.“

„Nicht grollend auf die Vergangenheit schauen“

Das Gedenkjahr biete die Chance, „einen weiteren Schritt vorwärts zu tun“, fuhr Franziskus fort. Statt „grollend auf die Vergangenheit zu schauen“, sollten die Kirchen „den Menschen unserer Zeit wieder die radikale Neuheit Jesu und die grenzenlose Barmherzigkeit Gottes vor Augen stellen“. Das sei doch „genau das, was die Reformatoren in ihrer Zeit anregen wollten“.

„Dass ihr Ruf zur Erneuerung Entwicklungen auslöste, die zu Spaltungen unter den Christen führten, war wirklich tragisch. Die Gläubigen erlebten einander nicht mehr als Brüder und Schwestern im Glauben, sondern als Gegner und Konkurrenten. Allzu lange haben sie Feindseligkeiten gehegt und sich in Kämpfe verbissen, die durch politische Interessen und durch Machtstreben genährt wurden…“

Zum Glück sei das heute vorbei, urteilte Papst Franziskus. Allerdings müsse man die schmerzhafte Vergangenheit „in Demut und mit Freimut angehen“; darum sei es richtig, dass die Kirchen bald einen Buß- und Versöhnungsgottesdienst feiern wollten, um die „Erinnerung zu heilen“.

„So werden Sie – Katholiken und Protestanten in Deutschland – betend auf den starken Ruf antworten können, den Sie im Ursprungsland der Reformation gemeinsam vernehmen: in Gott das Gedächtnis zu reinigen, um innerlich erneuert und vom Heiligen Geist ausgesandt, dem Menschen von heute Jesus zu bringen.“

Der Papst lobte die gemeinsamen Initiativen von EKD und katholischer Kirche in Deutschland im Jahr des Reformationsgedenkens. Dabei erwähnte er u.a. die gemeinsame Pilgerreise von Bischöfen verschiedener Konfessionen ins Heilige Land. „Mögen die Wiederentdeckung der gemeinsamen Glaubensquellen, die Heilung der Erinnerung in Gebet und Nächstenliebe sowie die praktische Zusammenarbeit bei der Verbreitung des Evangeliums und dem Dienst an den Mitmenschen Impulse sein, um noch rascher auf dem Weg voranzukommen!“

„Wir wissen die Gaben der Reformation zu schätzen“

Jahrzehnte des „ökumenischen Miteinanders“ in Deutschland haben nach Ansicht des Papstes eine „geistliche Verbundenheit gefestigt“. Das mache es heute möglich, „das beiderseitige Versagen an der Einheit im Kontext der Reformation und der nachfolgenden Entwicklungen heute gemeinsam zu beklagen“. „Zugleich wissen wir – in der Wirklichkeit der einen Taufe, die uns zu Brüdern und Schwestern macht, und im gemeinsamen Hören auf den Geist – in einer bereits versöhnten Verschiedenheit die geistlichen und theologischen Gaben zu schätzen, die wir von der Reformation empfangen haben.“

Versöhnte Verschiedenheit ist eine Formulierung des reformierten Theologen und Konzils-Beobachters Oscar Cullmann, die das Ziel einer christlichen Einheit beschreibt. Der Lutherische Weltbund hat sich die „versöhnte Verschiedenheit“ als ökumenisches Leitbild auf die Fahnen geschrieben, und Franziskus hat sich schon in seiner Zeit als Erzbischof von Buenos Aires dazu bekannt.

Der Papst erinnerte an seine Teilnahme am Start des offiziellen Reformations-Gedenkjahres im schwedischen Lund Ende Oktober letzten Jahres. Er habe dort „für die Vergangenheit um Vergebung gebeten“, erinnerte er. „Für die Zukunft möchte ich unsere unwiderrufliche Verpflichtung bekräftigen, gemeinsam das Evangelium zu bezeugen und auf dem Weg zur vollen Einheit voranzuschreiten. Indem wir dies gemeinsam tun, kommt auch der Wunsch auf, neue Wege einzuschlagen. Immer mehr lernen wir, uns zu fragen: Können wir diese Initiative mit unseren Brüdern und Schwestern in Christus teilen? Können wir zusammen eine weitere Wegstrecke zurücklegen?“

„Dialog und Zusammenarbeit intensivieren“

Auf den Wunsch vieler Christen, vor allem konfessionsverschiedener Ehepaare, nach einer eucharistischen Gastfreundschaft (Interkommunion) ging Franziskus nicht ausdrücklich ein. Er erwähnte aber die „weiter bestehenden Differenzen in Fragen des Glaubens und der Ethik“, die eine „sichtbare Einheit“ immer noch blockierten – zum Frust vieler Gläubiger.

„Der Schmerz wird besonders von den Eheleuten empfunden, die verschiedenen Konfessionen angehören. Besonnen müssen wir uns mit inständigem Gebet und all unseren Kräften darum bemühen, die noch bestehenden Hindernisse zu überwinden durch eine Intensivierung des theologischen Dialogs und durch eine Stärkung der praktischen Zusammenarbeit unter uns,  vor allem im Dienst an denen, die am meisten leiden, und in der Fürsorge für die bedrohte Schöpfung.“

Zum Abschluss der Audienz betete der Papst mit seinen Besuchern aus Deutschland ein Vaterunser: auch das ein Zeichen dafür, was schon geht unter Christen verschiedener Konfessionen.

(rv 06.02.2017 sk)


Im Wortlaut:
Franziskus an deutsche ökumenische Delegation

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Radio Vatikan dokumentiert im vollen Wortlaut die Ansprache von Papst Franziskus an eine deutsche ökumenische Delegation, die anlässlich des Luther-Gedenkens nach Rom kommt.

Liebe Brüder und Schwestern,

mit Freude heiße ich Sie willkommen und begrüße Sie herzlich. Ich danke Herrn Landesbischof Bedford-Strohm für seine freundlichen Worte und freue mich über die Anwesenheit von Kardinal Marx: Dass der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz die Delegation der evangelischen Kirche in Deutschland begleitet, ist eine Frucht langjähriger Zusammenarbeit und Ausdruck einer im Laufe der Jahre gereiften ökumenischen Beziehung. Ich wünsche Ihnen, dass Sie auf diesem segensreichen Weg des geschwisterlichen Miteinanders vorankommen und mutig und entschlossen auf eine immer vollkommenere Einheit hin fortschreiten. Wir haben die gleiche Taufe: Wir müssen zusammen gehen, ohne müde zu werden!

Es ist bedeutsam, dass anlässlich des 500. Jahrestags der Reformation  evangelische und katholische Christen das gemeinsame Gedenken der geschichtsträchtigen Ereignisse der Vergangenheit zum Anlass nehmen, um Christus erneut ins Zentrum ihrer Beziehungen zu stellen. Gerade » die Frage nach Gott «, die Frage: » Wie kriege ich einen gnädigen Gott? «  war » die tiefe Leidenschaft und Triebfeder [des] Lebens und [des] ganzen Weges « von Martin Luther (Benedikt XVI., Begegnung mit den Vertretern der evangelischen Kirche in Deutschland, 23. September 2011). Was die Reformatoren beseelte und beunruhigte, war im Grunde der Wunsch, den Weg zu Christus zu weisen. Das muss uns auch heute am Herzen liegen, nachdem wir dank Gottes Hilfe wieder einen gemeinsamen Weg eingeschlagen haben. Dieses Gedenkjahr bietet uns die Gelegenheit, einen weiteren Schritt vorwärts zu tun, indem wir nicht grollend auf die Vergangenheit schauen, sondern im Sinne Christi und in der Gemeinschaft mit ihm, um den Menschen unserer Zeit wieder die radikale Neuheit Jesu und die grenzenlose Barmherzigkeit Gottes vor Augen zu stellen: genau das, was die Reformatoren in ihrer Zeit anregen wollten. Dass ihr Ruf zur Erneuerung Entwicklungen auslöste, die zu Spaltungen unter den Christen führten, war wirklich tragisch. Die Gläubigen erlebten einander nicht mehr als Brüder und Schwestern im Glauben, sondern als Gegner und Konkurrenten. Allzu lange haben sie Feindseligkeiten gehegt und sich in Kämpfe verbissen, die durch politische Interessen und durch Machtstreben genährt wurden, und scheuten bisweilen nicht einmal davor zurück, einander Gewalt anzutun, Bruder gegen Bruder. Heute hingegen sagen wir Gott Dank, dass wir endlich » alle Last […] abwerfen« und brüderlich » mit Ausdauer in dem Wettkampf laufen, der uns aufgetragen ist, und dabei auf Jesus blicken « (Hebr 12,1-2).

Ich bin Ihnen dankbar, weil Sie vorhaben, mit diesem Blick gemeinsam in Demut und mit Freimut eine Vergangenheit anzugehen, die uns schmerzt, und in Kürze miteinander einen bedeutenden Akt der Buße und der Versöhnung zu vollziehen: einen ökumenischen Gottesdienst unter dem Leitwort „Erinnerung heilen – Jesus Christus bezeugen“. So werden Sie – Katholiken und Protestanten in Deutschland – betend auf den starken Ruf antworten können, den Sie im Ursprungsland der Reformation gemeinsam vernehmen: in Gott das Gedächtnis zu reinigen, um innerlich erneuert und vom Heiligen Geist ausgesandt, dem Menschen von heute Jesus zu bringen. Mit diesem Zeichen und weiteren für dieses Jahr vorgesehenen Initiativen – der gemeinsamen Pilgerreise ins Heilige Land, der gemeinsamen Bibeltagung zur Vorstellung der neuen Bibelübersetzungen und dem ökumenischen Tag zum Thema der gesellschaftlichen Verantwortung der Christen – beabsichtigen Sie, dem Christusfest, das Sie anlässlich des Reformationsgedenkens gemeinsam feiern wollen, eine konkrete Gestalt zu verleihen. Mögen die Wiederentdeckung der gemeinsamen Glaubensquellen, die Heilung der Erinnerung in Gebet und Nächstenliebe sowie die praktische Zusammenarbeit bei der Verbreitung des Evangeliums und dem Dienst an den Mitmenschen Impulse sein, um noch rascher auf dem Weg voranzukommen.

Dank der geistlichen Verbundenheit, die sich in diesen Jahrzehnten des ökumenischen Miteinanders gefestigt hat, können wir das beiderseitige Versagen an der Einheit im Kontext der Reformation und der nachfolgenden Entwicklungen heute gemeinsam beklagen. Zugleich wissen wir – in der Wirklichkeit der einen Taufe, die uns zu Brüdern und Schwestern macht, und im gemeinsamen Hören auf den Geist – in einer bereits versöhnten Verschiedenheit die geistlichen und theologischen Gaben zu schätzen, die wir von der Reformation empfangen haben. In Lund habe ich am vergangenen 31. Oktober dem Herrn dafür gedankt und für die Vergangenheit um Vergebung gebeten. Für die Zukunft möchte ich unsere unwiderrufliche Verpflichtung bekräftigen, gemeinsam das Evangelium zu bezeugen und auf dem Weg zur vollen Einheit voranzuschreiten. Indem wir dies gemeinsam tun, kommt auch der Wunsch auf, neue Wege einzuschlagen. Immer mehr lernen wir, uns zu fragen: Können wir diese Initiative mit unseren Brüdern und Schwestern in Christus teilen? Können wir zusammen eine weitere Wegstrecke zurücklegen?

Die weiter bestehenden Differenzen in Fragen des Glaubens und der Ethik bleiben Herausforderungen auf dem Weg zur sichtbaren Einheit, nach der sich unsere Gläubigen sehnen. Der Schmerz wird besonders von den Eheleuten empfunden, die verschiedenen Konfessionen angehören. Besonnen müssen wir uns mit inständigem Gebet und all unseren Kräften darum bemühen, die noch bestehenden Hindernisse zu überwinden durch eine Intensivierung des theologischen Dialogs und durch eine Stärkung der praktischen Zusammenarbeit unter uns,  vor allem im Dienst an denen, die am meisten leiden, und in der Fürsorge für die bedrohte Schöpfung. In einer Zeit, in der die Menschheit durch tiefe Risse verwundet ist und neue Formen von Ausschließung und Ausgrenzung erfährt,  ruft die dringende Aufforderung Jesu zur Einheit (vgl. Joh 17,21) uns wie auch die gesamte Menschheitsfamilie auf den Plan. Auch daher ist unsere Verantwortung groß!

In der Hoffnung, dass diese Begegnung die Gemeinschaft zwischen uns weiter stärkt, bitte ich den Heiligen Geist, der Einheit schafft und erneuert, Sie auf Ihrem gemeinsamen Weg mit dem Trost, der von Gott kommt (vgl. 2 Kor 1,4), zu kräftigen und Ihnen seine prophetischen und kühnen Wege aufzuzeigen. Von Herzen rufe ich den Segen Gottes auf Sie alle und auf Ihre Gemeinschaften herab und bitte Sie, im Gebet an mich zu denken. Ich danke Ihnen sehr [und möchte Sie einladen, jetzt zusammen das Vaterunser zu sprechen].

(rv 06.02.2017 gs)