Ist / war Joseph Ratzinger ein ARIANER?

Aus dem Kommentar von „Tomás“ gesendet am 10.11.2014 um 18:49:

Prof. Siebel wirft Ratzinger vor, ein Arianer zu sein, weil er in seinem Werk “Einführung in das Christentum” (1971), das in Wirklichkeit “Einführung in die Apostasie” heißen sollte, behauptet, Christus sei ein außergewöhnlicher Mensch, aber nur ein Mensch, gewesen, der von Gott im Augenblick des Todes am Kreuz als Sohn angenommen (“adoptiert”) wurde.
Der Aufsatz des Prof. Siebel erschien in SAKA-Informationen 1990, Dezember, S.233-239; 1991, Januar, S. 9-12.

Da es ungeheuerlich wäre, wenn dies so stimmte, ist es unser aller Pflicht, diese Behauptung gründlich zu verifizieren. Ich selber bin im Besitz aller Jahrgänge der SAKA-Informationen, auch jener vom Dezember 1990 und von Januar 1991. Ich veröffentliche deshalb hiernach den betreffenden Artikel von Prof. Dr. Wiegand Siebel aus dem Heft 15. Jahrgang Nr. 12, Dezember 1990 und Heft 16. Jahrgang Nr. 1, Januar 1991 (und verweise dazu auf die Online-Version des betreffenden Werkes Ratzingers „Einführung in das Christentum“):

 

Zur theologischen Position von Kardinal Ratzinger

Ist Ratzinger ein Arianer?

Von Professor Dr. Wigand Siebel

Bekanntlich ist Kardinal Ratzinger seit November 1981 Präfekt der vatikanischen Kongregation für die Glau­benslehre. Ihm obliegt die Aufgabe, über die Unversehrtheit und Integrität des Glaubens zu wachen. Hat er dazu die Voraussetzungen, das heisst, hat er selber den katholischen und apostolischen Glauben bewahrt? Diese für viele fast unglaubliche Frage, darf man sie überhaupt stellen? Sie ist zu stellen! Schon verschiedene Male mussten wir sie nicht nur stellen, sondern notgedrungen auch negativ beantworten. Im vorliegenden Ar­tikel, der im Januar 1991 seine Fortsetzung findet, müssen wir erneut fragen, und zwar im Hinblick auf den Kern des Christentums, die Christologie. Wir bitten besonders jene Leser, die unserem Standpunkt (noch) kritisch gegenüberstehen, die vorliegenden Ausführungen von Professor Siebel unvoreingenommen zu studieren. Es geht heute um zu viel, als dass man sich leichthin von einer solchen Auseinandersetzung dispensieren dürfte.

 

1. Einleitung

Wie in verschiedenen Beiträgen der SAKA-INFORMATIONEN dieses Jahres dargelegt wurde, gibt es in der römisch-ökumenischen Kirche eine größere Anzahl von Bischöfen, die in ihrer Lehre arianische Positionen vertreten.¹ Sie glauben nicht wahrhaft die christliche Lehre, daß Jesus Christus wahrer Gott von Ewigkeit ist. Für sie ist Jesus nur ein hervorragender Mensch, der durch sein Leben und Sterben be­wiesen hat, daß er Gott nahestand, so­mit die Gottheit zum Ausdruck brachte und schließlich mit der Gottheit be­lohnt wurde. Als Beispiele wurden die Bischöfe Walter Kasper, Karl Lehmann und Josef Stimpfle behandelt. Sie alle behalten die Sprache der christlichen Glaubensaussagen bei, unterlegen diesen aber einen neuen Sinn, der der christlichen Lehre zutiefst wider­spricht, ja die Grundlage des christli­chen Glaubens aufzuheben sucht.

Die Frage stellt sich, wie es möglich war, daß Priester, die diese Ansichten

* Unter anderem in der März-Nummer 1986: Athanasius Kröger, Trinität bei Ratzin­ger und Auferstehung bei Ratzinger. Dezem­ber 1987: Wolfgang Beranek, Die «Frucht­barkeit» der Trennung – Ratzingers ökume­nische Vorstellungen. Jahrgang 1989: Paul Hacker, Joseph Ratzinger und die Zerstörung des Dogmas, S. 188-190, S. 208f., S. 235-238.

vertreten, überhaupt Bischöfe werden konnten. Hätte man nicht in ihren Schriften mit Leichtigkeit feststellen können, daß sie die wahre Gottheit un­seres Schöpfers und Erlösers Jesus Christus leugnen? Für eine solche Prü­fung wäre die römische Glaubenskon­gregation zuständig gewesen, deren Präfekt Joseph Kardinal Ratzinger (geb. 1927) ist. Mindestens die Ernen­nung Kaspers zum Bischof von Rotten­burg-Stuttgart fällt unter die Verant­wortung Ratzingers. Hat Ratzinger hier versagt? Oder steht Ratzinger etwa selbst dem modernen Arianismus nahe, ist er gar selbst als Arianer anzu­sehen? Diese Frage stellt sich nach den bisherigen Ergebnissen der Un­tersuchungen mit aller Dringlichkeit. Und dies nicht zuletzt deswegen, weil Ratzinger einer der einflußreichsten Vertreter der römisch-ökumenischen Kirche ist. Nach 25 Jahren Lehrtätigkeit in Freising, Bonn, Münster, Tübingen und Regensburg wurde er 1977 Erzbi­schof von München und Freising, 1981 zum Präfekten der Glaubenskongre­gation unter Johannes Paul II. Die Frage nach dem Verhältnis Ratzingers zum Arianismus soll in erster Linie an­hand des Buches «Einführung in das Christentum», dann aber auch anhand weiterer Schriften und einer Erklärung der Glaubenskongregation beantwor­tet werden.

2. Ein Buch zur Einführung in das Christentum

a) Ein unverdächtiger Zeuge

Ratzingers Buch «Einführung in das Christentum»2 ist, wie es im Vorwort heißt, aus Vorlesungen hervorgegan­gen, die Ratzinger im Sommerseme­ster 1967 für Hörer aller Fakultäten in Tübingen hielt. Er selbst stellt sein Buch in eine besondere Bedeutungsli­nie. «Was Karl Adam vor fast einem hal­ben Jahrhundert an dieser Universität meisterhaft mit seinem ‚Wesen des Katholizismus‘ geleistet hatte, sollte auf diese Weise unter den veränderten Bedingungen unserer Generation von neuem versucht werden» (S.6). Ratzin­ger stellt sich also an die Seite des gros­sen rechtgläubigen Dogmatikers, Karl Adam, der für die Verteidigung der Wahrheit der katholischen Lehre mit seinem Buch3 Außerordentliches ge­leistet hat.

Was das Buch von Ratzinger bedeu­tet, hat ein unverdächtiger Zeuge in einer Besprechung4 herausgearbeitet. Es ist Walter Kasper. Bei ihm ist folgen­des zu lesen: «In Ratzingers ‚Einfüh­rung in das Christentum‘ ist der kon­fessionelle Akzent von K. Adams ‚We­sen des Katholizismus‘ völlig über­wunden. Damit ist ein vor 50 Jahren noch kaum erahnbarer theologischer und kirchlicher Fortschritt des ökume­nischen Gesprächs signalisiert. Damit ist freilich auch angedeutet, daß sich die Frage heute nicht mehr primär um das Problem katholisch – protestan­tisch, sondern um die Frage nach Glaube oder Nicht-Glaube dreht. Während K. Adams ‚Wesen des Katho­lizismus‘ in erster Linie ekklesiolo­gisch orientiert war, interpretiert Rat­zinger anthropologisch ( …). Er will helfen, ‚den Glauben als Ermögli­chung wahren Menschseins in unse­rer heutigen Welt neu zu verstehen‘.»

Was das Verhältnis Ratzingers zum Glauben betrifft, so schreibt Kasper: «Dem ‚konservativen‘ Leser werden sogar viele, erheblich von den traditio­nellen Glaubensvorstellungen abwei­chende Interpretationen zugemutet. Was Ratzinger in den Kapiteln über die Höllenfahrt, Auferstehung, Himmel­fahrt, Wiederkunft Christi, sowie über die Auferstehung des Fleisches schreibt, steht keiner Entmythologisie­rungstheologie auch nur im Gering­sten nach, und man fragt sich, weshalb er das Programm der Entmythologisie­rung mehrfach so einseitig polemisch abtut.»

Über die Christologie Ratzingers ist bei Kasper zu lesen: «Viele Interpreta­tionen Ratzingers wirken geradezu be­freiend; man stimmt ihnen um so lie­ber zu, als sie nicht in einen seichten Liberalismus, sondern in wirklich spi­rituelle Tiefen führen und damit so­wohl christlich wie theologisch berei­chernd sind. Das gilt vor allem von den beiden christologischen Kapiteln und ihrem vornehmlich an K. Barth orien­tierten Versuch, funktionale und onto­logische Christologie zu vermitteln; hier ist Ratzinger eine gültige Neuin­terpretation des christologischen Dog­mas der alten Kirche gelungen.» Der evangelische Theologie Karl Barth hat bekanntlich eine modalistische Posi­tion vertreten, für ihn sind die göttli­chen Personen nur «Gegebenheits weisen» Gottes. Bemerkenswert ist be­sonders die Feststellung Kaspers, daß es sich bei der Christologie Ratzingers um eine «Neuinterpretation» handelt.

Kasper hat aber auch Vorbehalte, so gegen Ratzingers Glaubensverständ­nis: «Im Anschluß an P. Hacker macht Ratzinger mit Recht gegen Luther gel­tend, daß die Loslösung der Liebe vom Glauben zur Säkularisierung führt, die alles Äußere vom Bereich des christlichen Glaubens ausschließt und den Glauben auf die reine Inner­lichkeit der Subjektivität reduziert (…). Aber auch hier gilt, daß die Ex­treme sich berühren! Die Ineinsset­zung von Glaube und Liebe, wie Rat­zinger sie vollzieht, ja die Aussage ‚Liebe ist Glaube‘ (…) muß logisch zu Ende gedacht ebenso zur Säkularisie­rung, zum ‚Ineinsfall von Anbetung und Brüderlichkeit‘ (…) führen; das macht den Glauben in letzter Konse­quenz, wenn auch gegen die erklärte Absicht Ratzingers (…), zu einem blo­ßen ideologischen und heilsge­schichtlichen Überbau über die Mit­menschlichkeit.»

Methodisch wendet Kasper ein: «Die Darstellung ist eher meditativ und in­tuitiv als argumentierend und reflek­tierend. Ratzinger umkreist sein Thema, spielt mit den verschiedenen Motiven und führt sie dann meist über­raschend zur Synthese (…). Auf diese Weise entwirft er ein eindruckstarkes Bild, aber die harten Konturen des lo­gischen Gedankengangs sind nicht immer leicht herauszufinden.» Ab­schließend führt Kasper aus: «So ist Ratzingers Werk ein notwendiges und hilfreiches Buch, das man nicht ohne sehr viel theologischen und spirituel­len Gewinn lesen wird. Aber ein im Ganzen durchdachter theologischer Entwurf dürfte es noch nicht sein. Sind seine Grundlagen nicht noch zu unge­klärt, seine Folgerungen zu zwiespäl­tig und widersprüchlich?»

Die fehlende theoretische Durchar­beitung der Probleme in Ratzingers Buch dürfte einer der Gründe dafür gewesen sein, daß Kasper wenige Jahre später (1972) seine «Einführung in den Glauben» veröffentlichte. Zwei­fellos hat er eine systematischere und in sich folgerichtigere Arbeit vorge­legt. Jedenfalls dürfte die neue, «funk­tionale und ontologische Christolo­gie» vermittelnde, Sicht Ratzingers für Kasper eine Anregung bedeutet ha­ben.

Ratzinger hat zu Kaspers Kritik Stel­lung genommen, Kasper antwortete, Ratzinger hatte schließlich das letzte Wort.5 Beide haben sich dabei immer stärker ihre wissenschaftliche Qualität bescheinigt und so eine Grundlage für ihre spätere Zusammenarbeit gelegt.

b) Glaube als Begegnung mit dem Menschen Jesus

Aus Ratzingers «Einführung in das Christentum» soll nur dessen Christo­logie behandelt werden, obwohl im einzelnen viel kritisch anzumerken wäre. Ratzingergs Christologie wird bereits sehr deutlich im Hinblick auf den Glaubensbegriff. Für Ratzinger ist der christliche Glaube «Begegnung mit dem Menschen Jesus und erfährt in solchem Begegnen den Sinn der Welt als Person. In Jesu Leben aus dem Vater, in der Unmittelbarkeit und Dichte seines betenden, ja, sehenden Umgangs mit ihm ist er der Zeuge Got­tes, durch den hindurch der Unbe­rührbare berührbar, der Ferne nahe geworden ist. Und mehr: Er ist nicht bloß der Zeuge, dem wir glauben, was er geschaut hat in einer Existenz, die wahrhaft die Wende vollzogen hatte von der falschen Bescheidung aufs Vordergründige in die Tiefe der gan­zen Wahrheit hinein; nein, er ist die Anwesenheit des Ewigen selbst in der Welt» (S. 44).

Es geht nach Ratzinger beim Glau­ben also um eine «Begegnung mit dem Menschen Jesus». Dieser hatte eine «Wende von der falschen Beschei­dung auf das Vordergründige» vollzo­gen in die Tiefe der Wahrheit hinein. Jesus ist damit nicht nur Zeuge, son­dern Mittel, durch das Gott erfahrbar und anwesend gemacht ist. Es geht folglich für uns um eine menschliche Beziehung. In Jesu «Leben, in der Vor­behaltlosigkeit seines Seins für die Menschen, ist der Sinn der Welt Ge­genwart, er gewährt sich uns als Liebe, die auch mich liebt und mit solch un­faßlichem Geschenk einer von keiner Vergänglichkeit, keiner egoistischen Trübung bedrohten Liebe das Leben lebenswert macht… So ist Glaube, Vertrauen und Lieben letztlich eines, und alle Inhalte, um die der Glaube kreist, sind nur Konkretisierungen der alles tragenden Wende, des ‚Ich glaube an Dich‘ – der Entdeckung Got­tes im Antlitz des Menschen Jesus von Nazareth» (S. 44 f.).

Ratzinger hat in den zitierten Sätzen im Grunde sein christologisches Pro­gramm, das er an späterer Stelle entfal­tet, vorweggenommen. Für ihn ist Je­sus der Mensch, in dem Gott er­scheint, diesem Menschen muß man glauben, d. h. seine Liebe erwidern. Das alles ist Ausdruck für einen deutli­chen Modalismus, der nur den vor­bildlichen Menschen Jesus sieht, durch den Gott erkennbar ist. Seine Göttlichkeit ist nicht einmal angedeu­tet, sie steht nicht im Mittelpunkt des Glaubens. Ja, sie gehört überhaupt nicht zum Glauben, der mit Vertrauen und Liebe gleichgesetzt wird. Das ist eine völlig unkatholische Sicht des Glaubens und der göttlichen Tugen­den. Die Liebe setzt den Glauben vor­aus, sie ist aber nicht mit ihm iden­tisch. Und Glaube ist in seinem Kern die Annahme der Wahrheit, nicht die Liebe zu einem, noch dazu nur menschlichen, Du.

c) Zwei Nicht-Wege zur Trinität

Zwei Auffassungen werden von Rat­zinger als «Nicht-Wege» zum Verständ­nis der Trinität bezeichnet. Es sind der Subordinationismus und der Monar­chianismus. Der Subordinationismus «sagt: Gott selbst ist nur ein einziger; Christus ist nicht Gott, sondern nur ein Gott besonders nahes Wesen» (S.114). Der Monarchianismus hält zwar «streng die Einheit Gottes fest, nimmt aber zugleich den begegnenden Gott ernst, der als Schöpfer und Vater zu­erst, als Sohn und Erlöser in Christus dann und endlich als Heiliger Geist auf uns zukommt. Doch werden diese drei Gestalten nur als Masken Gottes betrachtet, die etwas über uns, aber nichts über Gott selbst aussagen» (S.115). Mit diesem Verständnis des Mo­narchianismus wird der «Modalismus» ohne weiteres gleichgesetzt (ebd.). Diese enge Sicht des Modalismus er­möglicht es Ratzinger, seinen eige­nen, weiter gefaßten, Modalismus als die angemessene christliche Sicht auszugeben.

Vom Menschen Jesus ausgehend entfaltet Ratzinger seinen «Ansatz des Verstehens» folgendermaßen: «In Je­sus Christus trifft man auf einen Men­schen, der sich zugleich als Sohn Got­tes weiß und bekennt. Man findet Gott in der Gestalt des Gesandten, der ganz Gott und nicht irgendein Mittelwesen ist und der dennoch mit uns zu Gott ‚Vater‘ sagt. Damit ergibt sich eine ei­gentümliche Paradoxie: Einerseits nennt dieser Mensch Gott seinen Va­ter, spricht zu ihm als einem Du, das ihm gegenübersteht; wenn das nicht leeres Theater sein soll, sondern Wahrheit, wie sie allein Gottes würdig ist, muß er also ein anderer sein als dieser Vater, zu dem er und zu dem wir sprechen. Andererseits aber ist er selbst die wirkliche, uns begegnende Nähe Gottes; die Vermittlung Gottes an uns und dies gerade dadurch, daß er selbst Gott als Mensch, in Men­schengestalt und -wesen der Gott mit uns (‚Emmanuel‘) ist» (S.111). «So ergibt sich, daß er als der Vermittelnde Gott selber und ‚Mensch selber‘ – beides gleich wirklich und total – ist. Das aber bedeutet, daß Gott mir hier nicht als Vater, sondern als Sohn und als mein Bruder begegnet, womit – unbegreif­lich und höchst begreiflich in einem ­eine Zweiheit in Gott, Gott als Ich und Du in einem in Erscheinung tritt. Die­ser neuen Erfahrung Gottes folgt schließlich als drittes das Widerfahr­nis des Geistes, der Anwesenheit Got­tes in uns, in unserer Innerlichkeit. Und wiederum ergibt sich, daß dieser ‚Geist‘ weder mit dem Vater noch mit dem Sohn einfach identisch ist und doch auch nicht ein Drittes zwischen Gott und uns aufrichtet, sondern die Weise ist, wie Gott selbst sich uns gibt, wie er in uns eintritt» (ebd.).

Es wird hier zwar von Ratzinger be­hauptet, daß Jesus Gott und Mensch «wirklich und total» sei. Er ist es für ihn, aber nur «als der Vermittelnde». Die Gottheit Christi besteht jedoch unab­hängig von irgendeiner Vermittlung, was Ratzinger nicht zugibt. «Als Mensch» kann Jesus auch nicht Gott sein, wie Ratzinger behauptet, so we­nig der Heilige Geist nur «eine Weise ist, wie Gott sich uns gibt».

Mit der Idee der «Vermittlung» ver­fällt Ratzinger, wie sein Lehrer Karl Rahner, dem Modalismus, den er zu­vor abgelehnt hatte; Christus ist da­nach nur ein Sprachrohr Gottes. So kann er ausführen: «In dem Menschen Jesus aber hat Gott endgültig sich selbst gesagt: Er ist sein Wort und als sein Wort er selbst. Offenbarung en­det hier nicht, weil Gott sie positivi­stisch abschließt, sondern weil sie am Ziel ist oder, wie Karl Rahner es aus­drückt: ‚Es wird nichts Neues mehr ge­sagt, nicht obwohl noch viel zu sagen wäre, sondern weil alles gesagt, ja, al­les gegeben ist im Sohn der Liebe, in dem Gott und die Welt eins geworden sind‘ »6 (S. 190).

Ratzinger aber macht es nichts aus, aus seiner modalistischen Sichtweise gar noch die «Fleischwerdung» des Wortes Gottes abzuleiten. So sagt er: «Christus ist Mensch, ganz und gar: in­sofern ist in ihm die Frage anwesend, die wir Menschen sind. Aber er ist zu­gleich Anrede Gottes an uns, ‚Wort Gottes‘. Das Gespräch zwischen Gott und Mensch, das seit Anfang der Ge­schichte hin und her geht, ist in ihm in ein neues Stadium getreten: In ihm ist das Wort Gottes ‚Fleisch‘ geworden, real eingelassen in unsere Existenz. Wenn aber der Dialog Gottes mit dem Menschen Leben bedeutet, wenn wahr ist, daß der Dialogpartner Gottes eben durch sein Angesprochensein durch den, der ewig lebt, selbst Leben hat, dann bedeutet dies, daß Christus als die Rede Gottes an uns selber ‚die Auferstehung und das Leben‘ ist (Joh 11,25)» (S.261). Christus ist also «Fleisch» geworden, ist «die Auferstehung und das Leben», weil er als das «Wort Got­tes» das Gespräch zwischen Gott und Mensch vermittelt.

d) Das Paradox

«Una essentia tres personae»

Für Ratzinger gelten die großen Grundbegriffe der Trinitätslehre «nur, indem sie gleichzeitig als unbrauch­bar gekennzeichnet sind, um so als armseliges Gestammel – aber auch nichts mehr – zugelassen zu werden» (S. 117f.). Andererseits müssen die For­meln der Trinitätslehre «als sinnvolle Aussage verstanden werden, die frei­lich Hinweise auf das Unsagbare und nicht dessen Einfügung in unsere Be­griffswelt darstellen» (S.122).

Das Dogma «Una essentia tres perso­nae», nämlich die Aussage, daß Gott eine Wesenheit in drei Personen ist, bezeichnet er als «Paradox». Was Rat­zinger darunter versteht, wird nicht klar. Das griechische Wort bedeutet «gegen die Lehre» und meint heute im allgemeinen Widersprüchlichkeit, bei­des trifft nicht zu. So ist der Ausdruck unangemessen. Nach Ratzinger steht dieses Dogma «in Funktion zum Be­griff der Person und ist als innere Im­plikation des Personbegriffs zu verste­hen» (S. 123). Mit «innerer Implikation» meint Ratzinger so etwas wie eine Struktur. Der Personbegriff wird also angeblich durch das genannte Dogma ausgelegt. Das sieht so aus: «Wenn das Absolute Person ist, ist es nicht abso­lute Einzahl. Insofern ist die Über­schreitung der Einzahl im Personbe­griff notwendig eingeschlossen.» Rat­zinger sieht darin «das Bekenntnis, Gott sei Person in der Weise der Drei­persönlichkeit» (S.124). Gott ist also nach Ratzinger Person, die «in der Weise» von drei Personen «ist». Der of­fenbare Widerspruch, der darin liegt, daß eine Person in drei Personen strukturiert sein soll, wird also da­durch aufgelöst, daß Gott modalistisch verstanden wird. So gilt für Ratzinger, «daß die ‚drei Personen‘, die in Gott be­stehen, die Wirklichkeit von Wort und Liebe in ihrer inneren Zugewandtheit aufeinander hin sind. Sie sind nicht Substanzen, Persönlichkeiten im mo­dernen Sinn, sondern das Bezogen-sein, dessen reine Aktualität (‚Wellen­paket‘!) die Einheit des höchsten We­sens nicht aufhebt, sondern ausmacht» (S.126). Das bedeutet einen Wider­spruch gegen das Dogma. Dieses be­sagt: «Jede der drei Personen ist jenes Wesen, d.h. jene Substanz, Wesenheit oder göttliche Natur» (DS 804). Jede der drei Personen ist also Substanz, nämlich der eine wahre Gott, keines­wegs sind diese Personen nur «Bezo­gensein», wie Ratzinger fälschlich lehrt, um seinen Modalismus zu be­gründen.

Unter Ratzingers Voraussetzung wird Christus zum bloßen Mittel der Ver­kündigung Gottes. So schreibt er: Jesus «geht wirklich ganz darin auf, Gesandter zu sein; er allein ist Gesand­ter, der den anderen vertritt, ohne sein Eigenes dazwischenzuschieben. Und so ist er als der wahre Gesandte eins mit ihm, der ihn sendet» (S.130). Ent­sprechend deutet Ratzinger das Wort Logos im Hinblick auf seinen Jesus um: «Der, der hier ist, ist ‚Wort‘. Der Be­griff ‚Logos‘, der für die Griechen ‚Sinn‘ (ratio) bedeutet, wandelt sich hier wirklich zu ‚Wort‘ (verbum). Der, der hier ist, ist Wort; er ist folglich Ge­sprochensein und damit die reine Be­ziehung vom Sprechenden her auf die Angesprochenen zu. So ist Logos ­Christologie als Wort-Theologie aber­mals Eröffnung des Seins auf den Ge­danken der Beziehung hin. Denn wie­derum gilt: Wort ist wesentlich ‚von je­mand anders her‘ und ‚auf jemand an­deres hin‘, ist Existenz, die gänzlich Weg und Offenheit ist» (S.131). Wenn Je­sus die «reine» Beziehung vom Spre­chenden (Gott) auf die Angesproche­nen (Menschen) ist, wie kann er dann Gott sein?

e) Vom Sohnsein zum Gottsein

Ganz deutlich ist es bisher noch nicht geworden, wie das Gottsein im Sinne Ratzingers zu Jesus gehört, und wie dies zu begründen ist. Aus dem «Glauben an Jesus als Christus» ist für Ratzinger eine doppelte Konsequenz abzuleiten. Wenn das Ich Jesu «ge­glaubt wird als reine Offenheit, als to­tales Sein vom Vater her; wenn es mit seiner ganzen Existenz ‚Sohn‘ – actuali­tas des reinen Dienens – ist; wenn – an­ders ausgedrückt – diese Existenz Liebe nicht nur hat, sondern ist – muß sie dann nicht identisch sein mit Gott, der allein die Liebe ist? Ist Jesus, der Sohn Gottes, dann nicht selbst Gott? Gilt dann nicht: ‚Das Wort war auf Gott hin, und es war Gott‘ (Jo 1,1)? Aber auch die umgekehrte Frage entsteht, so daß wir sagen müssen: Wenn die­ser Mensch ganz ist, was er tut, wenn er ganz hinter dem steht, was er sagt, wenn er ganz für die andern und in sol­chem Sichverlieren doch ganz bei sich selber ist; wenn er der ist, der sich im Verlieren gefunden hat (vgl. Mk 8,35), ist er dann nicht der menschlichste der Menschen, die Erfüllung des Humanen schlechthin?» (S. 149).

So glaubt Ratzinger, zwei Folgerun­gen (oder Forderungen) feststellen zu können, die er dem Dogma zurechnet: «Das entfaltete christologische Dogma bekennt sich dazu, daß das radikale Christussein Jesu das Sohnsein postu­liert und daß das Sohnsein das Gott-sein einschließt; nur wenn es so ver­standen wird, bleibt es ‚logoshafte‘, verständige Aussage, während man ohne diese Konsequenz in Mythos ab­sinkt» (S. 150). Aus dem radikalen Chri­stussein Jesu ist also das Sohnsein zu «postulieren» (zu fordern), aus dem Sohnsein ergibt sich das Gottsein. Ratzinger ist überzeugt, «die Unaus­weichlichkeit der eben entwickelten Logik und damit die innere Konse­quenz des Dogmas» dargelegt zu haben. Tatsächlich liegt jedoch an die­ser Stelle nur Rahners «Christologie von unten» vor. Das wird nicht zuletzt durch den Mythologievorwurf gegen­über der – nicht direkt genannten – Christologie «von oben» bestätigt.

Besonders fraglich ist Ratzingers Be­hauptung, daß das menschliche Sohn-sein gegenüber Gott das Gottsein ein­schließe. Müßte dann nicht jeder Christ als Kind Gottes und damit auch Sohn Gottes das Gottsein besitzen? Es heißt ja in der Apokalypse (21,7) über den Sieger, der getreu bis in den Tod war, «Ich will ihm Gott sein, und er soll mein Sohn sein»? Wo liegt dann der Unterschied zu den übrigen Men­schen? Ist es nur die besonders voll­kommene Aktualität des «reinen Die­nens» bei Jesus?

f) Zeugung des Gottessohns am Kreuz

Ratzinger findet in Psalm 2,7 das klas­sische Beispiel für die Übernahme der altorientalischen Königstheologie und ihre biblische Entmythologisierung. In diesem Text, «der zugleich zu einem der entscheidenden Ausgangspunkte für das christologische Denken wur­de» (S. 154), heißt es: «Künden will ich die Satzung Jahwes. Er sprach zu mir: ‚Mein Sohn bist du, heute habe ich dich gezeugt. Verlange von mir, ich gebe dir Völker zum Erbe und die Welt zum Besitztum‘ ».

Ratzinger meint dazu: «In der Über­nahme der Formel durch den davidi­schen Hof ist der mythologische Sinn sicher völlig beiseite geschoben. Der Gedanke einer physischen Zeugung des Königs durch die Gottheit ist er­setzt durch die Vorstellung, der König werde hier und heute Sohn; der Zeu­gungsakt besteht im Akt der Erwäh­lung durch Gott. Der König ist Sohn, nicht weil er von Gott gezeugt, son­dern weil er von Gott erwählt ist» (ebd.). In dieser Interpretation, die durch nichts gerechtfertigt ist, zeigt sich ein beträchtliches Wunschden­ken. Woher weiß Ratzinger, daß der «mythologische Sinn» «sicher» beiseite geschoben ist? Dafür nennt er keinen einzigen Grund. Schließlich steht dort «gezeugt» und nicht «erwählt». Und selbst wenn der davidische Hof be­reits eine «Entmythologisierung» vor­genommen hätte, so bleibt das Pro­phetenwort für eine spätere passende Interpretation doch unangetastet.

Ohne jeden Beleg behauptet Ratzin­ger von der christlichen Urgemeinde, daß diese seine säkularisierte Version auf Jesus angewendet hätte: «Das Ge­schehen der Auferweckung Jesu von den Toten, an das diese Gemeinde glaubt, wird von den ersten Christen als jener Augenblick begriffen, in dem der Vorgang von Psalm 2 tatsächlich Wirklichkeit geworden ist» (S.155 f.). «Im Gekreuzigten wird für die Glau­benden sichtbar, was der Sinn jenes Orakels, was der Sinn von Erwählung ist: nicht Privileg und Macht für sich, sondern Dienst für die andern. In ihm wird sichtbar, was der Sinn der Erwäh­lungsgeschichte, was der wahre Sinn von Königtum ist, das immer schon Stellvertretung, ‚Repräsentation‘ sein wollte … Ihm, dem völlig Gescheiter­ten, der am Galgen hängend kein Stück Boden mehr unter den Füßen

hat, um dessen Gewänder gelost wird, und der selbst von Gott preisgegeben scheint, ihm, gerade ihm gilt das Orakel: ‚Mein Sohn bist du, heute – an dieser Stelle – habe ich dich gezeugt. Fordere von mir, und ich gebe dir Völ­ker zum Erbe und die Welt zum Besitz­tum‘ » (S. 156).

Jesus, dem «völlig Gescheiterten», gilt also nach Ratzinger das Orakel, er ist am Kreuz «gezeugt» worden, d.h. er ist dort erwählt worden. Ratzinger zieht die Schlußfolgerung: «Der frei­willig Gehorchende erscheint so als der wahrhaft Herrschende; der in die letzte Niedrigkeit des Sich-Entleerens Abgestiegene ist gerade dadurch der Herrscher der Welt. Was wir bei unse­ren Überlegungen über den dreieini­gen Gott bereits fanden, ergibt sich von einem anderen Ausgangspunkt her wieder: Derjenige, der gar nicht an sich festhält, sondern reine Bezie­hung ist, fällt darin mit dem Absoluten zusammen und wird so zum Herrn» (S. 157).

Jesus ist danach am Kreuz erwählt und zum Herrn geworden; Grund war der freiwillige Gehorsam, das Sich­von-sich-selbst-Entleeren, das Sein für andere. Gegenüber dieser Bewäh­rungschristologie, die aus dem Men­schen Christus kraft seiner Verdienste den Gottessohn werden läßt, hat die christliche Lehre eine andere Auffas­sung der Psalmstelle stets beibehal­ten. Danach ist hiermit die ewige Zeu­gung des Wortes und somit Christi aus dem Wesen des Vaters gemeint. Des­halb ist Jesus der Sohn Gottes, glei­chen Wesens mit dem Vater, Gott von Ewigkeit. Damit ist ein Dogma der Kirche angesprochen 7, das Ratzinger mit seinen Überlegungen zu unterlau­fen sucht. Dieses lautet: «Die zweite göttliche Person geht aus der ersten durch Zeugung hervor und verhält sich deshalb zu ihr wie der Sohn zum Vater». Das nizäno-konstantinopolitani­sche Glaubensbekenntnis sagt von Je­sus Christus «gezeugt, nicht geschaf­fen, eines Wesens mit dem Vater» (DS 150), entsprechend das Symbolum Quicumque (DS 75).

Von der Zeugung spricht auch Ps 109,3: «Ich habe dich gezeugt vor dem Morgenstern, gleichwie Tau in der Frühe.» Im Evangelium wird die be­sondere Sohnschaft Christi, die sich von der Kindschaft der Adoptivkinder Gottes wesentlich unterscheidet, deutlich hervorgehoben. So wird der Vater als «eigener Vater» (Joh 5,18), der Sohn als «eigener Sohn» (Röm 8,32), ferner als «eingeborener Sohn» (Joh 1,14.18; 1. Joh 4,9) und als «geliebter Sohn» (Mt 3,17; 17,5) bezeichnet. «Eine wahre und eigentliche Sohnschaft wird aber nur durch physische Zeu­gung begründet.»8 Gemeint ist damit eine Zeugung, die aus der Natur (dem Wesen) des Vaters geschieht.

g) Christus, der zu sich gekommene Mensch

Immer wieder betont Ratzinger, Je­sus sei «der exemplarische Mensch», der als Mensch seine Vollendung er­fahren habe, nämlich durch die Ver­göttlichung. Insofern überschneidet sich seine Entwicklungsvorstellung der Welt, die in Jesus ihren Höhepunkt erreichte, mit den Vorstellungen Teil­hards de Chardin und Karl Rahners, die er beide zustimmend zitiert. Der Ansatzpunkt für seine Menschwer­dungsidee liegt im Sozialen: «Der Mensch ist zuletzt auf den anderen, auf den wahrhaft anderen, auf Gott hin be­stimmt; er ist um so mehr bei sich, je mehr er bei dein ganz anderen, bei Gott ist. Er ist demnach ganz er selbst, wenn er aufgehört hat, in sich zu ste­hen, sich in sich abzuschließen und zu behaupten, wenn er die reine Eröffnet­heit auf Gott hin ist. Noch einmal an­ders gesagt: Der Mensch kommt zu sich, indem er über sich hinauskommt. Jesus Christus aber ist der ganz über sich hinausgekommene und so der wahrhaft zu sich gekommene Mensch» (S. 168). Folglich ist in Christus «der Schritt der Menschwerdung wahrhaft an sein Ziel gekommen» (S. 169).

Jesus kann nun aber nicht eine Aus­nahme sein, wie Ratzinger weiter aus­führt: «Wenn Jesus der exemplarische Mensch ist, in dem die wahre Gestalt des Menschen, die Idee Gottes mit ihm, vollends ans Licht tritt, dann kann er nicht dazu bestimmt sein, nur eine absolute Ausnahme zu sein, eine Ku­riosität, in der Gott uns demonstriert, was alles möglich ist. Dann geht seine Existenz die ganze Menschheit an». Es ist «eine innere Forderung dieser Exi­stenz, die nicht Ausnahme bleiben darf», daß sie «die ganze Menschheit ‚an sich ziehen‘ muß» (ebd.).

Es ist verständlich, daß Ratzinger schließlich bei seiner Zusammenfas­sung, die das «Wesen des Christen­tums» zu bestimmen sucht, auf die Menschlichkeit zurückkommt. Die von ihm entwickelten Prinzipien – wor­unter das Prinzip «Einzelner», das Prin­zip «Für», das Prinzip «Endgültigkeit» und das Prinzip «Positivität» zu zählen sind – lassen dieses Wesen zum Vor­schein kommen, wobei «die Prinzi­pien sich zuletzt in das eine Prinzip Liebe zusammenziehen». Und von da­her ergibt sich: «Nicht der konfessio­nelle Parteigenosse ist der wahre Christ, sondern derjenige, der durch sein Christsein wahrhaft menschlich geworden ist» (S.195). Der Christ darf also nicht seine Konfession verteidi­gen, dann erscheint er unter den Au­gen des Ökumenikers als «Parteige­nosse», sondern er soll, dem Prinzip «Liebe» folgend, zu wahrem Mensch­sein gelangen. Trägt das Christentum, wenn so sein Wesen bestimmt ist, denn noch zur Unterscheidung im Be­reich des Menschlichen bei? Oder geht es hier um eine Liebe, die von je­dem Menschen – gleich in welcher Konfession oder Religion er «Parteige­nosse» ist – vollzogen werden kann? Entscheidend wäre hier doch der wahre Glaube. Unerwartet schließt Ratzinger an dieser Stelle den Glau­ben in die Liebe ein: «Ohne den Glau­ben, den wir als Ausdruck für ein letz­tes Empfangenmüssen des Men­schen, für das Ungenügen aller eige­nen Leistung verstehen gelernt haben, wird Liebe zur eigenmächtigen Tat» (S.196). Wenn allerdings der Glaube nicht inhaltlich auf die christlichen Wahrheiten ausgerichtet, sondern nur «Ausdruck für das Ungenügen der ei­genen Leistung» ist, dann kann das Christliche vom Menschlichen nicht mehr unterschieden werden.

h) Christi Sein ist Dienst

Ratzinger bleibt bei seiner Bewäh­rungschristologie trotz des Zeugnisses des Johannes-Evangeliums. Für ihn ist zentraler Ansatzpunkt des Verstehens Jesu sein Gottesverhältnis, das beson­ders in der Anrede Gottes «Abba – Va­ter» zum Ausdruck kommt. «Die Intimi­tät, die ihm eignete, schloß im Juden­tum die Möglichkeit aus, das Wort auf Gott zu beziehen… Diese Gebetsan­rede aber findet, wie schon angedeu­tet, die ihr innerlich angemessene Ent­sprechung in der Selbstbenennung Jesu als Sohn. Beides zusammen drückt die eigentümliche Weise von Jesu Beten aus, sein Gottesbewußt­sein, in das er, wenn auch noch so ver­halten, seinen engsten Freundeskreis mit hineinblicken ließ» (S.159 f.). Von hier aus blicken wir, nach Ratzinger, «hinein in die Gebetserfahrung Jesu, in jene Nähe zu Gott, die seine Gottes­beziehung von der aller anderen Men­schen unterscheidet» (S. 159).

Ratzinger unterstellt damit dem Evangelisten seine eigene, das wahre Gottsein Jesu verleugnende, Sicht­weise: «Die Benennung Jesu als Sohn ist für Johannes nicht Ausdruck einer Eigenmacht, die Jesus sich zulegen würde, sondern Ausdruck der totalen Relativität seiner Existenz … Darin deckt sich der Titel ‚Sohn‘ mit den Be­zeichnungen ‚das Wort‘ und ‚der Ge­sandte‘. Und wenn Johannes den Herrn durch den jesajanischen Gottesspruch ‚Ich bin es‘ beschreibt, ist wieder das­selbe gemeint, die totale Einheit mit dem ‚Ich bin‘, die aus der völligen Hin­gegebenheit resultiert» (5. 160 f.).

Wer – nach Ratzinger – «den Vorgang richtig begriffen hat, muß sehen, daß das Frühere jetzt erst in seiner vollen Tiefe erfaßt wird. Das Knechtsein wird nicht mehr als eine Tat erklärt, hinter der die Person Jesu in sich stehen­bleibt, es wird in die ganze Existenz Jesu eingelassen, so daß sein Sein sel­ber Dienst ist. Und gerade darin, daß dieses Sein als Ganzes nichts als Dienst ist, ist es Sohnsein. Insofern ist die christliche Umwertung der Werte hier erst am Ziel angelangt, hier erst wird vollends deutlich, daß der, der sich ganz in den Dienst für die ande­ren, in die volle Selbstlosigkeit und Selbstentleerung hineingibt, sie förm­lich wird – daß eben dieser der wahre Mensch, der Mensch der Zukunft, der Ineinanderfall von Mensch und Gott ist» (S. 161).

Ratzinger scheut sich also nicht, das «Gottsein» Jesu aus dessen Knechtsein abzuleiten, die «totale Einheit» mit Gott resultiert angeblich «aus der völligen Hingegebenheit» des Menschen Je­sus. Der Arianismus, der Christus die wahre Gottheit nehmen will, die Be­währungschristologie und der Adop­tianismus, nach dem Christus als Mensch von Gott als Sohn angenom­men wird, sind hier bei Ratzinger eine deutliche Verbindung eingegangen. Zusätzlich soll Jesus gar noch der wahre Mensch sein, der «Ineinander-fall von Mensch und Gott ist». Hier ist nicht durch das Christentum eine «Um­wertung der Werte» vorgenommen, sondern durch Ratzinger, der die Grundlagen des Christentums aufzulö­sen sucht. Denn es ist etwas völlig an­deres, wenn der Gottessohn von Ewig­keit in der Zeit Mensch geworden ist, als wenn ein Mensch durch seine «völ­lige Hingegebenheit» angeblich zum «Ineinanderfall von Mensch und Gott» geworden ist, weil Gottsein in der «völ­ligen Hingegebenheit» oder «absolu­ten Relativität» gegeben sein soll. Nein, hier liegt eine freie Erfindung Ratzingers vor: das stellt weder christ­liche Lehre noch einen annehmbaren philosophischen Gottesbegriff dar. Des­halb ist Ratzinger selbst der Mytho­loge, der Märchenerzähler, nicht aber diejenigen sind es, die am überliefer­ten Glauben festhalten.

Die Sinnverfälschung der Glaubens­aussagen der Kirche durch Ratzinger zeigt sich besonders, wenn er behaup­tet: «Der Sinn der Dogmen von Nizäa und Chalcedon wird deutlich, die nichts anderes als diese Identität von Dienst und Sein aussagen wollten, in der der ganze Gehalt der Gebets­beziehung ‚Abba-Sohn‘ zutage tritt. Jene dogmatischen Formulierungen mit ihrer sogenannten ontologischen Christologie liegen nicht in der Verlän­gerung mythischer Zeugungsideen. Wer das annimmt, beweist nur, daß er weder eine Ahnung von Chalcedon noch von der wirklichen Bedeutung von Ontologie noch auch von den mythischen Aussagen hat, die dage­genstehen. Nicht aus mythischen Zeu­gungsideen sind jene Aussagen ent­wickelt worden, sondern aus dem johanneischen Zeugnis, das seiner­seits einfach die Verlängerung von Jesu Reden mit dem Vater und von Jesu Sein für die Menschen bis in die Preisgabe am Kreuze hinein darstellt» (S.161 f.).

Wollten die Dogmen von Nizäa und Chalcedon «nichts anderes als die Identität von Dienst und Sein» aus­sagen? Ratzinger macht es, wie den anderen arianischen Irrlehrern, nichts aus, Dinge zu behaupten, die der Lo­gik widersprechen. Hier ist aber auch die erst bei Kasper voll entwickelte Idee im Spiel, nach der die Funktion, der Dienst oder das Tun das Sein aus­machen soll. Wenn das wahr wäre, dann könnte man schließlich nicht mehr feststellen, wer eine Funktion ausübt, wer etwas leistet. Denn das Sein geht der Funktion insofern vor­aus, als es einer Handlungseinheit, nämlich der Person bedarf, damit Funktion, Dienst, Handeln geschehen kann. Weder das göttliche noch das menschliche Personsein darf auf Funk­tion reduziert werden, wie es Ratzin­ger verlangt, aber selbst nicht konse­quent durchführt.

Seiner Sicht entsprechend fällt es natürlich Ratzinger schwer, für seinen Menschen Jesus die Höllenfahrt und die Auferstehung aus eigener Kraft an­zunehmen. Denn beides sind ja Herr­schaftsakte, die nur einem wahren Gott angemessen sind. Aber Ratzinger weiß sich zu helfen – allerdings auf Ko­sten des Inhalts der beiden Glaubens­sätze. So besagt für Ratzinger der Satz vom Abstieg in die Hölle, «daß Chri­stus das Tor unserer letzten Einsamkeit durchschritten hat, daß er in seiner Passion eingetreten ist in diesen Ab­grund unseres Verlassenseins» (S.220). Und was die Auferstehung betrifft, so ist damit gemeint, «daß die totale Liebe Jesu zu den Menschen, die ihn ans Kreuz führt, sich in der totalen Überschreitung auf den Vater hin voll­endet und darin stärker wird als der Tod, weil sie darin zugleich totales Ge­haltensein von ihm ist» (S. 224). Ergän­zend dazu ist mitzuteilen, daß Ratzin­ger im Hinblick auf die Auferstehung des Fleisches behauptet, daß «das Wort ‚Fleisch‘ soviel wie ‚Menschen­welt‘ bedeutet (im Sinn biblischer Aus­drucksweise etwa: ‚Alles Fleisch wird schauen Gottes Heil‘ usw.); … hier ist das Wort nicht im Sinn einer von der Seele isolierten Körperlichkeit ge­meint…» (S. 260), denn Ratzinger lehrt, wie er sagt, «nicht die Auferstehung der Körper, sondern der Personen, und dies gerade nicht in der Wieder­kehr der ‚Fleischesleiber‘ » (S.266).

Anmerkungen

1 Vgl. SAKA-INFORMATIONEN Januar-März, Juli/August-September und Novem­ber 1990.

2 Joseph Ratzinger: Einführung in das Christentum. Vorlesungen über das Apo­stolische Glaubensbekenntnis, München 1968, 12. Auflage 1977. Übersetzungen in elf Sprachen. Zitiert wird nach der Taschen­buch-Ausgabe München 1971.

3 Karl Adam: Das Wesen des Katholizis­mus, 12. Auflage 1949; zuerst Tübingen 1924.

4 Walter Kasper: Besprechung von «Das Wesen des Christlichen» von Joseph Ratzin­ger, in: Theologische Revue 65 (1969), Sp. 182-188.

6 Joseph Ratzinger: Glaube, Geschichte und Philosophie. Zum Echo der «Einfüh­rung in das Christentum, in: Hochland 61 (1969), S. 533-543. Dazu Walter Kasper: Theo­rie und Praxis innerhalb einer Theologia crucis, in: ebd. 62 (1970), S.152-157. Joseph Ratzinger: Schlußwort zu der Diskussion mit W.Kasper, in: ebd., S.157-159.

6Vgl. Karl Rahner, Schriften zur Theolo­gie I, Einsiedeln 1954, S.60.

7 Vgl. Ludwig Ott: Grundriß der Dogma­tik, Freiburg 1957, S.76.

8 Ebd.

 

Weitere Ideen zur Christologie

a) Auferweckung als Ausgangspunkt

In einer späteren Schrift9 hat Ratzin­ger <Thesen zur Christologie» aufge­stellt. In diesen geht er ausdrücklich von der «Auferweckung» Christi aus. Leider teilt er an dieser Stelle nicht mit, was er darunter versteht. Seine Thesen könnten ja nur dann Sinn erge­ben, wenn er von seinem Verständnis der Auferstehung in der «Einführung» abgegangen wäre.

Die erste These Ratzingers lautet: «Den Ausgangspunkt der Christologie bildet im Neuen Testament die Tat­sache der Auferweckung Jesu Christi aus den Toten: Sie ist die offene Partei­nahme Gottes für ihn in dem Prozeß, den Juden und Heiden gegen ihn ver­anstaltet hatten. Diese Parteinahme Gottes für ihn bestätigt

a) seine Auslegung des Alten Testa­ments gegen den politischen Messia­nismus wie gegen die bloße Apoka­lyptik und

b) seinen eigenen Hoheitsanspruch, dessentwegen er zum Tod verurteilt worden war« (S. 133).

Hatte Christus nur einen Hoheitsan­spruch geltend gemacht? Ratzinger setzt jedenfalls fest: «Die Auferstehung Jesu begründet seine bleibende Herr­schaft» (ebd.). Dazu fragt man sich: Kann die Herrschaft des Gottmen­schen durch die Auferstehung «be­gründet» werden? Doch wohl nur durch seine von Ewigkeit bestehende Gottheit! Es sei denn, er wäre nur als Mensch zu verstehen und hätte seine Herrschaft erst durch Gott empfangen. In der Tat meint dies Ratzinger, wenn er sagt: «Die Formel ‚Mein Sohn bis Du, heute habe ich Dich gezeugt‘ er­scheint zunächst als Auslegung des Auferstehungsgeschehens: Die Aufer­stehung ist die Thronerhebung Jesu, seine Proklamation zum König und zum Sohn. Aber da die Auferstehung zugleich wesentlich als Bestätigung des Hoheitsanspruches gefaßt wurde, dessentwegen Jesus am Kreuz sterben mußte (These 1b), wird zusehens deut­lich, daß der Sohnestitel grundsätzlich auch schon vor der Auferstehung gilt und gültig beschreibt, wer Jesus war … Zugleich erhalten die in den synoptischen Evangelien überlieferten Hoheitsansprüche Jesu damit ihren umfassenden Kontext; es werden die Worte und Taten Jesu verständlich, in denen er faktisch an die Stelle Gottes tritt» (S.134 f.).

Man muß diesen Text genau lesen, um ihn zu verstehen. Ratzinger be­hauptet hier, daß die Auferstehung die Thronerhebung Jesu, seine Proklama­tion zum Sohne Gottes sei! Jesus hat also bis zur Auferstehung nicht auf dem Thron Gottes gesessen, Gott hat ihn erst jetzt zu seinem Sohn ernannt. Damit hat er sich an die Seite von Walter Künneth gestellt. Leider führt Ratzinger diese Vorstellung aber nicht so deutlich wie Künneth aus. Gegen Künneth und ähnlich Pannenbergaber besteht er darauf, daß der Sohnestitel auch schon vor der Auferstehung gilt. Mit umwerfender Logik wird auch das von der Auferstehung abgeleitet. Rat­zinger verläßt dazu den objektiven Standpunkt, von dem aus er den ersten Satz formuliert hatte und stellt sich auf den subjektiven Standpunkt einer da­mals vorhandenen Meinung (Auferste­hung wurde gefaßt als Bestätigung des Hoheitsstandpunkts). Von dort kehrt er unversehens auf den sich klärenden Standpunkt des objektiven Beobach­ters zurück (es wird zusehends deut­lich, daß der Sohnestitel vor der Aufer­stehung gilt). Entweder begründet die Auferstehung die Gottessohnschaft, dann kann zuvor keine Gottessohn­schaft gegeben gewesen sein oder Christus war wahrer Gott, dann ist die Auferstehung nur als Bestätigung sei­nes Hoheitsanspruches zu sehen. Wenn Ratzinger schließlich behaup­tet, daß Jesus «faktisch an die Stelle Gottes» getreten sei, dann war er eben nur ein Stellvertreter Gottes, aber nicht selber wahrer Gott von Ewigkeit.

b) Mit Jesus absteigen und ins Gottsein eintreten

Im Jahre 1976 veröffentlichte Ratzin­ger ein Buch mit dem Titel «Der Gott Jesu Christi».10 Dieser Titel ist in sich häresieverdächtig. Er wurde später, wie manches andere, von Ratzinger durch Walter Kasper übernommen. In diesem Buch geht Ratzinger vom Ge­bet Jesu aus und stellt folgendes fest: «Ein Jesus ohne das ständige Hinein­versenktsein in den Vater, ohne die ständige innerste Kommunikation mit ihm, wäre ein völlig anderes Wesen als der Jesus der Bibel, der wirkliche Jesus der Geschichte. Er hat aus der Mitte des Gebets gelebt, von da aus Gott und die Welt und die Menschen verstanden. Mit den Augen Gottes die Welt anschauen und so leben: das heißt ihm nachfolgen» (S.27). Jesus hat also durch sein Gebet Gott verstanden und dann mit dessen Augen die Welt angeschaut, was ausschließt, daß er selbst Gott war. Dennoch glaubt Rat­zinger, sagen zu dürfen: «Im Gebet Jesu wird uns das Innere Gottes selbst sichtbar, wie Gott selber ist. Glaube an den Dreieinigen Gott ist nichts ande­res als Auslegung dessen, was im Ge­bet Jesu geschieht. In seinem Gebet leuchtet Dreieinigkeit auf» (S.28).

Dies versucht Ratzinger am Beispiel des Satzes des Glaubensbekenntnis­ses «Descendit de coelis = Er ist vom Himmel herabgestiegen» aufzuzeigen. Wie kann Jesus vom Himmel herab­steigen, wenn er doch Mensch war? Was ist mit diesem Glaubenssatz nach Ratzinger gemeint?

Ratzinger gibt zunächst einige Ein­wände, die gegen den Satz geltend ge­macht werden können. So führt er aus: «Wird hier nicht das dreistöckige Welt­bild vorausgesetzt, das dem Mythos zugehört? Wird hier nicht unterstellt, daß Gott oben wohnt, über den Wol­ken, die Menschen aber unten und daß die Erde der Boden der Schöp­fung sei, auf den Gott herabsteigen muß» (S.48)? Darauf antwortet er: «Es gibt zwar nicht einen geographischen Abstieg aus einem oberen Stockwerk der Welt in ein unteres, aber es gibt et­was viel Tieferes, das durch das kos­mische Bild symbolisiert werden sollte: die Bewegung vom Wesen Got­tes in das Wesen Mensch hinein und mehr: die Bewegung aus der Herrlich­keit ins Kreuz, die Bewegung zu den Letzten hin, die eben dadurch Erste werden» (S.49). Es geht also nur um eine Bewegung von oben nach unten.

Um diese Bewegung deutlich zu ma­chen, verweist Ratzinger auf das Bei­spiel der Tiere und des Menschen­sohns in Daniel 7. Seine Interpretation ist folgende: «Die Mächte, die bisher über die Erde geherrscht haben, sind Tiere, die von unten kommen, aus dem Meer, das das Symbol des Unheimli­chen, des Gefährlichen, des Bösen ist. Ihnen gegenüber steht der Mensch ­steht Israel, der Mensch kommt von oben, aus dem Raume Gottes … Da­niels Bild vom Menschensohn, in dem das bedrängte Israel seine Hoffnung auf ein Ende der gotteslästerlichen Macht der hellenistischen Diadochen-reiche ausdrückt, sie als Tiere aus der Tiefe charakterisiert, ist zu einer der grundlegenden Voraussetzungen für das Glaubensbekenntnis zum Abstieg Gottes im Menschensohn Jesus Chri­stus geworden. Es gehört zum sinnge­benden Hintergrund dieses Satzes aus unserem Credo. Er besagt von hier aus dies: Gegenüber dem, was von unten kommt, der tierhaften Macht, deren prahlerische Brutalität die Welt verwü­stet, ist er der ‚Mensch‘, der von oben kommt» (S.51 f.).

So ergibt sich für Ratzinger: «Jesus, der Sohn Gottes, ist als Mensch unter die Tiere getreten. In der Schwachheit des Menschen richtet er die Hoheit Gottes auf. Gerade durch das Zeichen der Schwachheit, die sich der Brutali­tät entgegenstellt, verkörpert er die Hoheit Gottes. Er tritt unter die Tiere, ohne ein Tier zu werden, ohne ihre Methoden zu übernehmen. Und er wird aufgefressen. Aber gerade so be­siegt er sie. Gerade die angenom­mene Niederlage ist der Sieg des an­deren: Es gibt nicht nur das Tierhafte. Es gibt die ‚Liebe bis ans Ende‘ (Joh 13,1). Darin ist der Mensch wiederher­gestellt. Er geht unter die Tiere in Menschengestalt» (S.52 f.).

Dieses Bild von einem Jesus, der un­ter die Tiere geht und von ihnen aufge­fressen wird und durch das Aufgefres­senwerden sie besiegt, ist an Skurrili­tät kaum zu übertreffen. Das soll eine bildhafte Erklärung für den Himmel­sabstieg des Gottessohnes sein? Un­glaublich für einen Theologen.

Ratzinger findet aber noch einen zweiten Verständnisansatz, wobei der Himmelsabstieg als «geistiges Ge­schehen» gedeutet wird. Er bezieht sich dazu auf einen Psalmvers: «Darum spricht er (Christus) bei seinem Eintritt in die Welt: ‚Opfer und Gaben hast du nicht verlangt, einen Leib aber hast du mir bereitet; an Brand- und Sühne­opfern hast du kein Wohlgefallen. Da sprach ich: Siehe, ich komme – in der Buchrolle steht es von mir geschrie­ben -, deinen Willen, Gott, zu erfüllen‘ (Ps 40 (39), 7-9). Mit Hilfe eines Psalm­worts, das als Jesu Eingangsgebet in die Welt ausgelegt wird, gibt der Brief hier eine regelrechte Theologie der Inkarnation, in der sich nichts von kos­mischen Stockwerken findet; das ‚Her­absteigen‘, ‚Hereingehen‘ ist vielmehr als ein Gebetsvorgang gefaßt; Gebet freilich ist dabei als wirklicher Vor­gang begriffen, als Inanspruchnahme der ganzen Existenz, die im Gebet in Bewegung gerät und sich selbst weg­gibt» (S.53).

Daraus wird Ratzinger die «Inkar­nation als innertrinitarischer, als geisti­ger Vorgang erkennbar … An die Stelle der Ohren, des Gehörs, ist der Leib getreten – einen Leib hast du mir bereitet. Mit ‚Leib‘ ist dabei das Menschsein selber gemeint, das Mit­sein mit der natura humana. Der Ge­horsam wird inkarniert. Er ist in seiner höchsten Erfüllung nicht mehr bloß Hören, sondern Fleischwerdung …

Theologie des Wortes wird zur Theo­logie der Inkarnation. Die Hingabe des Sohnes an den Vater tritt aus dem innergöttlichen Gespräch heraus; sie wird Hinnahme und so Hingabe der im Menschen zusammengefaßten Schöp­fung. Dieser Leib, richtiger: das Menschsein Jesu ist Produkt des Ge­horsams, Frucht der antwortenden Liebe des Sohnes; er ist gleichsam konkret gewordenes Gebet. Das Menschsein Jesu ist in diesem Sinn schon ein ganz geistiger Sachverhalt, von seinem Herkommen her ‚göttlich’» (S. 54 f.).

Für Ratzinger wird dadurch «sicht­bar, daß die Erniedrigung der Men­schwerdung, ja, der Abstieg des Kreu­zes, in einer tiefen inneren Entspre­chung zum Sohnesgeheimnis selbst stehen: Sohn ist seinem Wesen nach die Freigabe und Rückgabe seiner selbst – das macht Sohnsein aus. Sohn in Schöpfung übersetzt, das heißt: ‚Ge­horsam geworden bis zum Tod am Kreuz‘ (Phil 2,8)» (S.55).

Der Himmelsabstieg Christi ist also nach Ratzinger im Gebet Christi gege­ben, das zur Inkarnation, zur Flei­schwerdung in seinem Gehorsam führt.Man faßt sich an den Kopf, wie es möglich ist, daß ein Professor der kat­holischen Dogmatik die Ereignisse von Mariae Empfängnis und Weih­nachten auf eine solche abstruse und hergesuchte Weise erklären kann. Und das nur, um den klaren Glaubens­aussagen nicht zustimmen zu müssen. Kann man dann, wenn man eine solche «Erklärung» annimmt, noch an die Er­eignisse glauben, die im Glaubensbe­kenntnis bezeugt sind? Da wird eher alles im Nebel der Unverbindlichkeit und Unklarheit verschwinden.

Aus dem ganzen Interpretations­gefüge über Himmelsabstieg und Menschwerdung zieht Ratzinger einen Schluß für uns: «Wir werden Gott, nicht indem wir uns selbst autark setzen; nicht indem wir die schrankenlose Autonomie des völlig Emanzipierten versuchen. Solche Versuche scheitern an ihrer inneren Widersprüchlichkeit, an ihrer letzten Unwahrheit. Wir wer­den Gott in der Teilhabe an der Ge­bärde des Sohnes. Wir werden Gott, indem wir ‚Kind‘, indem wir ‚Sohn‘ werden; das heißt, wir werden es im Hineingehen in Jesu Reden mit dem Vater und im Hineintreten dieses unse­res Gesprächs mit dem Vater in das Fleisch unseres täglichen Lebens: ‚Einen Leib hast du mir bereitet…‘

Unser Heil ist es, ‚Leib Christi‘ zu werden, so wie Christus selbst: im täg­lichen Annehmen unserer selbst von ihm her, im täglichen Zurückgeben; im täglichen Anbieten unseres Leibes als Stätte des Wortes. Wir werden es, in­dem wir ihm nachfolgen, absteigend und aufsteigend. Von alledem redet das schlichte Wort ‚descendit de cae­lis‘. Es redet von Christus, und es redet eben darin von uns.« (ebd.)

In Ratzingers Sicht steigen wir also wie Jesus vom Himmel herab, indem wir uns selbst von Christus her anneh­men und steigen zugleich dadurch auf und werden Gott…

c) Der Mensch soll Gott werden

Wird aber der Mensch wirklich Gott? Wenn der Mensch Jesus durch seinen Gehorsam Gott geworden ist, dann ist in der Tat eine Möglichkeit gegeben, daß auch andere Menschen ihm nachfolgend Gott werden. Es er­gäbe sich dann im Himmel allerdings Polytheismus – Vielgötterei. Ratzinger scheint das nicht zu stören, denn er be­findet: «Der Mensch will Gott werden und er soll es» (S.59). Aber hatte sich Satan nicht an die Stelle Gottes zu set­zen gesucht, und war ihm nicht ein Er­zengel mit dem Schlachtruf «Wer ist wie Gott?» (Michael) entgegengetre­ten (Offb 12,7)? Bleibt es also nicht im­mer dabei, daß es nur einen Gott gibt? Gewiß, diejenigen, an die das Wort Gottes erging, sind auch Götter (Joh 10,34), aber doch nur als die Kinder des einen Gottes.

Jedoch werden auch nach Ratzinger nicht alle Menschen Gott. So fügte er dem eben zitierten Satz folgendes hinzu: Wo der Mensch das Gottwer­den «aber, wie im ewigen Gespräch mit der Paradiesschlange, dadurch zu erreichen versucht, daß er sich von Gott und seiner Schöpfung emanzi­piert, sich auf und in sich selber stellt, wo er mit einem Wort ganz erwachsen, ganz emanzipiert wird und das Kind-sein als Weise des Existierens völlig beiseite wirft, endet er im Nichts, weil er gegen seine Wahrheit steht, die Verwiesenheit heißt. Nur wenn er den innersten Kern des Kindseins wahrt, die von Jesus vorgelebte Sohnes­existenz, tritt er mit dem Sohn ins Gott-sein ein.»

Um Gott zu werden, darf man sich danach nicht von Gott emanzipieren (befreien). Offenbar hantiert Ratzinger jetzt mit unterschiedlichen Gottesbe­griffen. Gibt es für ihn ein Gottsein zu­sammen mit dem Sohn in Gott? Dann wäre das Gottsein kein wahres Gott-sein und der Sohn wäre auch nicht wahrer Gott, wovon Ratzinger in der Tat ausgeht. Ratzinger hat also das In­Gott-Sein nicht klar von dem Gottsein getrennt. Fehlende begriffliche Klar­heit auf dieser Ebene wirkt sich für den Glauben notwendig katastrophal aus.

d) Chalcedon hat nur das Beten Jesu interpretiert

In seinem Buch «Schauen auf den Durchbohrten» 11, das 1984 erschien, hat Ratzinger eine Vielzahl der The­sen, die bereits im Voranstehenden behandelt wurden, wieder aufgenom­men. In einem Punkt konnte er jedoch zusätzliche Klarheit schaffen, nämlich im Hinblick auf das Konzil von Chalce­don (451). Dieses lehrte, daß unser Herr Jesus Christus «wesensgleich dem Vater der Gottheit nach und we­sensgleich auch uns seiner Mensch­heit nach ist und daß er vor aller Zeit seiner Gottheit nach aus dem Vater ge­zeugt» wurde (DS 301).

Ratzinger hat diese grundlegende Lehrbestimmung für das Wesen des Christentums aufgenommen und in seiner Weise ausgelegt. So sagt er («5. These»): «Der Kern des in den alt­kirchlichen Konzilien definierten Dog­mas besteht in der Aussage, daß Jesus wahrer Sohn Gottes ist, gleichen We­sens mit dem Vater und durch die Menschwerdung ebenso gleichen Wesens mit uns. Diese Definition ist im letzten nichts anderes als eine Inter­pretation des Lebens und Sterbens Jesu, das immerfort vom Sohnesge­spräch mit dem Vater bestimmt war. Deswegen kann man dogmatische und biblische Christologie nicht von­einander trennen oder einander ent­gegensetzen, so wenig sich Christolo­gie und Soteriologie voneinander tren­nen lassen. Ebenso bilden Christolo­gie ‚von oben‘ und ‚von unten‘, Inkar­nationstheologie und Kreuzestheolo­gie eine unlösliche Einheit.» Dieser These fügte er hinzu (Kursivsatz vom Verfasser): «Das Grundwort des Dog­mas ‚wesensgleicher Sohn‘, in dem sich das ganze Zeugnis der alten Kon­zilien zusammenfassen läßt, überträgt einfach das Faktum des Betens Jesu in philosophisch-theologische Fachspra­che, nichts sonst» (S. 29).

Es geht also nur um das Beten Jesu. Wie dies zu verstehen ist, hat Chalce­don ausgelegt. Nichts sonst. Wenn die Lehre von der Wesensgleichheit Jesu mit dem Vater sich allein aus dem Be­ten Jesu ergeben soll, dann hat die Kir­che vor Ratzinger geirrt. Denn aus dem Beten Jesu kann sich eine We­sensgleichheit im Hinblick auf das Gottsein von Vater und Sohn nicht er­geben. Dann muß etwas gänzlich an­deres gemeint sein. Die Göttlichkeit Jesu Christi von Ewigkeit her als das Wort Gottes aber ist das Grunddogma des Christentums, das sich aus Christi Lehre, aus seinem Handeln (so aus den Wundern) und aus seinem Leben, sei­nem Sterben und seiner Auferstehung ergibt. Das alles glaubt Ratzinger mit einer Handbewegung beiseitewischen zu können. Für ihn ist nur das Beten Jesu von Bedeutung für diese Frage. Nichts sonst.

Bemerkenswert ist, daß sich Ratzin­ger in diesem Buch nicht nur auf Karl Rahner, sondern auch auf Walter Kasper (dessen Werk «Jesus der Chri­stus» bezeichnet er als «grundlegend», S.14. Er erwähnt auch «Der Gott Jesu Christi»), Karl Lehmann und Wolfhart Pannenberg («Grundzüge der Christo­logie») bezieht.So wird auch von hier aus der Zusammenhang, in dem Rat­zingers Denken steht, beleuchtet.

Wie weit Ratzingers Sinnverfäl­schung der christlichen Lehre geht, kann man schließlich daran feststel­len, wie er das Wort «gleichwesent­lich» (homousios) seinen Lesern nahe-bringt. Ratzinger beantwortet die selbstgestellt Frage: «Was bedeutet also ‚gleichwesentlich‘ wirklich? Die Antwort lautet: Dieses Wort ist seiner sachlichen Intention nach nichts ande­res als eine Übersetzung des Wortes ‚Sohn‘ in die Sprache der Philosophie» (S.32). Ob das Ratzinger wenigstens ein Philosophiestudent im ersten Seme­ster glaubt? Die durch nichts begrün­dete Antwort dient aber jedenfalls dazu, diejenigen irrezuführen, die die wahre Bedeutung von «gleichwesent­lich» nicht kennen. Von gleichem We­sen, von gleicher Natur sein, kann ja im Hinblick auf Gott Vater nichts ande­res bedeuten, als Gott sein wie der Va­ter. Auch der Heilige Geist ist von glei­chem Wesen wie Gott Vater, ohne des­halb «Sohn» zu sein.

e) Auswirkungen auf die Lehre der Glaubenskongregation

Ratzingers arianische und modalisti­sche Ideen müßten sich auch in der Praxis der «Kongregation für die Glau­benslehre», deren Präfekt er ist, aus­wirken. Als Beispiel dafür soll das Schreiben der Kongregation über einige Aspekte der Meditation12 aus dem Jahre 1989 herangezogen wer­den.

Dieses Schreiben enthält eine Reihe von Merkwürdigkeiten. So heißt es darin: «Aufgrund der Worte und Taten, des Leidens und der Auferstehung Jesu Christi erkennt der Glaube im Neuen Testament in Ihm die endgül­tige Selbstoffenbarung Gottes, das menschgewordene Wort, das die in­nersten Tiefen seiner Liebe enthüllt» (Nr.5). Danach geschieht in Jesus die Selbstoffenbarung Gottes, ganz moda­listisch gedacht. Von der Göttlichkeit Jesu von Ewigkeit ist nicht die Rede. Aber vielleicht ist mit dem Ausdruck «menschgewordenes Wort» die Gött­lichkeit Jesu gemeint? Ein kurz darauf folgender Satz gibt die Antwort. Hier heißt es: «Das ganze Johannesevange­lium schöpft aus der Betrachtung des­sen, der von Anfang an das fleischge­wordene göttliche Wort ist.» Wenn Je­sus von Anfang an das fleischgewor­dene göttliche Wort ist, dann kann das nur von seinem Anfang als Mensch ausgesagt sein. Denn nach christli­cher Lehre ist das göttliche Wort nicht von Anfang an Fleisch geworden, son­dern erst unter dem römischen Kaiser Augustus. Also ist auch hier nicht zugegeben, daß Jesus Gott von Ewigkeit ist.

Eine weitere Merkwürdigkeit ist die Beschreibung der «trinitarischen Be­wegung in Gott» (Nr.7). Et diese Bewe­gung soll sich angeblich das Gebet einfügen. Worin besteht nun diese Be­wegung? Sie hat eine doppelte Rich­tung: «Im Heiligen Geist kommt der Sohn in die Welt, um diese mit dem Va­ter durch seine Werke und Leiden zu versöhnen; andererseits kehrt in die­ser Bewegung und im gleichen Geist der menschgewordene Sohn zum Va­ter zurück, indem er in Leiden und Auferstehung dessen Willen erfüllt» (Nr.8). Es geht also gerade nicht um die Bewegung in der Trinität. Viel­mehr soll die trinitarische Bewegung die Außenbewegung der Erlösung durch Jesus sein. Diese ist aber doch schon längst erfüllt. Gibt es seit der Er­lösung keine trinitarische Bewegung mehr? Hier kommt deutlich Ratzingers Trinitätsverständnis zum Ausdruck, das nur den funktionalen Bezug des Menschen Jesus, zumal im Gebet, zu Gott sieht. Dieser Bezug aber wird zur trinitarischen Bewegung in Gott er­klärt.

Von hier aus sind auch folgende Sätze zu verstehen: «Jesus lebt in kei­ner innigeren und engeren Vereini­gung mit dem Vater als dieser, die 13 sich für ihn ständig in tiefem Gebet vollzieht. Der Wille des Vaters sendet ihn zu den Menschen, zu den Sündern, ja zu seinen Mördern, und er kann, diesem Willen gehorsam, mit dem Va­ter nicht enger verbunden sein» (Nr. 13). Für den Christen stellt diese Behauptung Ratzingers beziehungs­weise der Glaubenskongregation eine unerhörte Unterstellung dar. Jesus soll in keiner engeren Vereinigung mit dem Vater leben als im Gebet? Lebt der Sohn in keiner engeren Verbin­dung mit Gott als im Gehorsam? Lebt der Sohn denn nicht in der Einheit des Heiligen Geistes mit dem Vater? Und ist Jesus nicht mit dem Vater auf das engste verbunden in der gemeinsa­men Wesenheit? Das alles ist der Glau­benskongregation entgangen. Und wieso lebt Jesus in ständigem Gebet zum Vater? Betet er auch nach seiner Himmelfahrt noch zum Vater, dem er doch von Angesicht zu Angesicht ge­genübersteht, ja, der in ihm ist und in dem er ist?

Gerade das aber gibt die Glaubens­kongregation, und mit ihr Ratzinger, nicht zu. Das Ineinandersein (die Peri­chorese) der göttlichen Personen wird nur modalistisch verstanden. Ausge­hend von Jesu Wort «Wer mich ge­sehen hat, hat den Vater gesehen» (Joh 14,9) heißt es im Text: «Bei diesem ‚Sehen‘ handelt es sich nicht um eine rein menschliche Abstraktion (‚ab­stractio‘) der Gestalt, in der sich Gott geoffenbart hat, sondern um das Erfas­sen der göttlichen Wirklichkeit in der menschlichen Gestalt Jesu, um das Er­fassen seiner göttlichen und ewigen Dimension in seiner zeitgebundenen Gestalt» (Nr.20). Auch hier ist wieder Ratzingers Handschrift zu spüren. Gott Vater ist nicht wirklich in Jesus, son­dern erscheint nur in ihm.

4. Zusammenfassung

Nach allem hat sich ergeben, daß der Präfekt der Glaubenskongrega­tion, Kardinal Ratzinger, das christli­che Glaubensbekenntnis an seiner entscheidenden Stelle nicht annimmt. Für ihn gilt nicht die Lehraussage des Konzils von Chalcedon, nach der Chri­stus von Ewigkeit aus Gott Vater ge­zeugt wurde und so gleicher Wesen­heit wie der Vater ist. Für ihn ist Jesus ein Mensch, der in Vorbildlichkeit den Willen des Vaters erfüllte und so das Gottsein offenbarte. Darin wurde er selbst vergöttlicht. Die «Zeugung» Jesu ereignete sich am Kreuz (oder bei der Auferstehung) und bedeutet seine Er­wählung aufgrund seiner Bewährung. Diese besteht darin, daß er nicht an sich festhielt, sondern sich ganz hin­gab und so reine Beziehung ist, wo­durch er mit dem Absoluten zusam­menfällt und so zum Herrn wurde. Die Auferstehung bedeutet schließlich die Thronerhebung Jesu durch Gott Vater, seine Proklamation zum Sohn Gottes. Bei all diesen Vorstellungen hält Rat­zinger äußerlich am katholischen Dogma fest. Er interpretiert seinen Sinn jedoch in schrankenloser Weise um, ohne daß ihn die entstehenden Widersprüche und Unklarheiten be­eindruckt haben.

Alles in allem muß man ihn zu den neuen Arianern rechnen. Zugleich ist er ein Modalist, der Jesus Christus als die Erscheinungsweise Gottes an­sieht. Diese Position ist nötig, damit Ratzinger äußerlich das Dogma bei­behalten kann. Entscheidend aber ist, daß er als Arianer die wahre Gott­heit Jesu Christi von Ewigkeit her nicht zugibt. Damit hat er sich von der grundlegenden christlichen Lehre, ja, vom Christentum selbst ge­löst. Er ist als ein Apostat anzusehen, der mit seiner Lehre eine Studenten­generation in vielen Universitäten verführt hat. Das Bemerkenswerteste ist jedoch, daß ihn seine Apostasie nicht gehindert hat, Präfekt der Glau­benskongregation zu werden. Über den katholischen Glauben soll ein vom Glauben gänzlich Abgefallener wachen. Es darf eine solche Feststel­lung aber nicht verwundern, denn der Glaubensabfall gehört zum neuen Rom. Dies konnte an dessen wichtig­ster Figur nach Johannes Paul II. er­neut dargelegt werden.

In seinen arianischen Auffassungen steht Ratzinger in enger Gemeinschaft mit den bisher behandelten Arianern, besonders aber mit Rahner, Pannen­berg, Lehmann und Kasper. Nur so ist es zu erklären, daß der «Katholische Erwachsenenkatechismus» eine Viel­zahl von Irrlehren, einschließlich aria­nischer Vorstellungen über unseren Herrn und Heiland Jesus Christus verbreiten konnte, trotz der römischen Prüfungen.14 Hier haben eben aria­nisch denkende Theologen zusammen­gearbeitet. Ratzinger nannte den Haupt­verfasser des Katechismus, Kasper, bekanntlich bei seiner Bischofsernen­nung «einen der führenden Theolo­gen der katholischen Kirche»; ferner äußerte er: «Die theologische Kom­petenz und der pastorale Weitblick Kaspers sind für die katholische Kir­che Deutschlands eine kostbare Gabe.»15 Es steht zu erwarten, daß die Verbindungen der arianischen Theo­logen auch in Zukunft das Geschehen in der römisch-ökumenischen Kirche beherrschen werden. Ganz besonders dürften sie sich gegenseitig gegen Kritik von außen absichern.

Im Hinblick auf die von Ratzinger und den anderen Arianern vertrete­nen Lehren ist das Wort des Völker­apostels Paulus an Timotheus (4,1) von Belang: «Der Geist sagt deutlich, daß in den letzten Zeiten einige vom Glau­ben abfallen und irreführenden Gei­stern und Teufelslehren Gehör geben werden.» Bei den neuen Arianern geht es aber nicht um irgendeine Irrlehre, sondern um den Eckstein der christli­chen Lehre, der verworfen wurde; es geht um die Gottheit Jesu Christi. Des­halb gilt hier das Wort des 2. Johannes­briefes (7.8): «Es sind viele Irrlehrer in die Welt ausgegangen, welche nicht bekennen, daß Jesus Christus im Flei­sche erschienen ist. Ein solcher ist der Verführer und der Antichrist. Sehet zu, daß ihr nicht verliert, was ihr schon er­reicht habt, sondern daß ihr den vollen Lohn empfangt.»

Anmerkungen

9 Joseph Ratzinger: Dogma und Verkün­digung, München und Freiburg 1973.

10 Joseph Ratzinger: Der Gott Jesu Christi. Betrachtungen über den Dreieinigen Gott, München 1976. 11

11 Joseph Ratzinger: Schauen auf den Durchbohrten, Einsiedeln 1984.

12 Kongregation für die Glaubenslehre: Schreiben an die Bischöfe der katholischen Kirche über einige Aspekte der christli­chen Meditation vom 15.10.1989, hrsg. vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonfe­renz, Bonn.

13 Im Text steht «der» statt «die».

14 Vgl. dazu SAKA-INFORMATIONEN vom März 1990.

15 Deutsche Tagespost vom 20. 4. 1989.

Unvergänglichkeit und Sichtbarkeit der Kirche zur Zeit des Grossen Abfalls

Von Abbé V M. Zins

Aus dem Französischen übersetzt von Johannes Rothkranz

(Red.) Im heutigen Glaubenskampf prä­sentiert sich Abbé Zins als mutiger Ver­fechter katholischer Positionen. Schon vor Jahren konnte in den SAKA-INFOR­MATIONEN (zusätzliche Sondernummer Oktober 1983, S. 3) vermerkt werden, dass er seine Gedanken «klar und ent­schieden» vortrage. Im nachfolgend wie­dergegebenen Aufsatz – in französischer Sprache erschienen in Nr. 23 seiner Zeit­schrift «Sub tuum praesidium» (Oktober 1990) – versucht Abbé Zins auf die be­sorgte Frage vieler Katholiken zu ant­worten, wie denn der derzeitige äussere Zustand der Kirche mit ihrem gottgege­benen Wesen vereinbar sei. Wir sind der Ansicht, dass diese Antwort auch einer deutschsprachigen Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollte. Viele werden die Abhandlung mit grossem In­teresse und Gewinn lesen. Dass sie in Dialogform gehalten ist, erleichtert das Nachvollziehen des Gedankenflusses.

Das behandelte Problem hat Abbé Zins noch weiter ausgeführt und belegt in seinem eben neu herausgegebenen Buch in französischer Sprache: «L’Antéchrist et le temps de la fin du monde, d’après les Ecritures commentées par les Pères»; 452 Seiten, broschiert, Preis: 150 F (französische Franken) plus 20 F für Porto und Verpackung. Es kann bestellt werden beim Sekretariat von «Sub tuum praesidium», 34, rue de la Californie, F-37000 Tours. Postgiro-Konto: La Source 2130 51 T.

Wir danken Abbé Zins für die Wieder­gabeerlaubnis und Johannes Rothkranz für die deutsche Übersetzung der Ab­handlung.

A: Viele Traditionalisten sehen über­haupt nicht, wie die gegenwärtige Krise mit der Unvergänglichkeit und der Sichtbarkeit der Kirche zu verein­baren ist, und behaupten deshalb, ihre äusseren Kennzeichen seien nur in der offiziellen, von Johannes Paul II. geleiteten Hierarchie zu finden; an­dere scheinen, zumindest ihrer prakti­schen Haltung nach, diese Kennzei­chen allein in den jungen Bischöfen wiederzuerkennen, die von Msgr. Le­febvre – unterstützt von Msgr. de Ca­stro Mayer – ungesetzlich geweiht wurden, oder auch in den ungesetz­lich von Msgr. Thuc geweihten tradi­tionalistischen Bischöfen. *

* Hierin gehen wir mit dem Autor nicht einig. Es ist nicht ungesetzlich, in der heuti­gen Situation, um den Glauben und das sakramentale Leben aufrecht zu erhalten, Bischöfe zu weihen. Göttliches Recht steht über menschlichem Recht, dem Kirchen­recht also. Bischofsweihen unter der Vor­aussetzung, dass eine päpstliche Autorität fehlt, sind berechtigte Notstandsmassnah­men. Mgr. Guérard des Lauriers hatte des­halb bei seinen Bischofsweihen ausdrück­lich erklärt, dass es darum gehe, die Missio fortzusetzen, das heisst, dass alle Sakra­mente gültig gespendet werden können für jeden Gläubigen, der danach verlangt, nicht darum, eine Parallel-Hierarchie zu er­richten; die von ihm geweihten Bischöfe besässen keine ordentliche Jurisdiktion.

Im übrigen verweisen wir auf den Kate­chismus des Oratoriums in seinem grossen Abschnitt «Der Christ in der Endzeit», zu­mal auf die Fragen 729-738. Hier wird die heutige Problematik kurz und bündig dar­gelegt und darauf auch klar und unmissver­ständlich geantwortet.

Wenn also die einen von den ande­ren hinsichtlich der Bestimmung der gegenwärtigen Mitglieder der legiti­men Hierarchie abweichen, so kom­men doch alle darin überein, dass sie die absolute Unverträglichkeit einer längeren Abwesenheit einer öffent­lich bekannten rechtmässigen Hierar­chie mit der Unvergänglichkeit und der Sichtbarkeit der katholischen Kir­che behaupten. Und tatsächlich, wenn es überhaupt keine bekannten recht­mässigen Bischöfe gibt, wie steht es dann um die Sichtbarkeit der streiten­den Kirche? Wenn sämtliche Bischöfe ihr Amt veruntreut haben, wie steht es dann um ihre Apostolizität?

B: Das ist sicherlich der springende Punkt dieser unerhörten Krise und zu­gleich dasjenige, was ihre noch nie da­gewesene Schwere ausmacht.

Vor der Beantwortung dieser grund­legenden Frage sollte man jedoch einen vollständigeren Überblick über sie haben. Alle Einwände dieser Art fallen in eins und betreffen mehr oder weniger ausdrücklich die göttliche und unwandelbare Natur der Kirche.

Sie können sich deshalb entweder auf ihre vier Kennzeichen: Einigkeit, Heiligkeit, Katholizität und Apostolizi­tät, oder auf ihre drei Eigenschaften als Gesellschaft: rechtmässig, voll­kommen und sichtbar, oder schliess­lich auf ihre beiden Vorrechte: Unver­gänglichkeit und Unfehlbarkeit, bezie­hen. Der konvergierende und zusam­menhängende Charakter aller dieser Eigenschaften und aller Einwände, die hier zum Zuge kommen, gestattet es, diese letzteren zu einer einzigen Frage zusammenzufassen, die alle umgreift, nämlich zu derjenigen nach der Ver­einbarkeit der göttlichen Natur der streitenden Kirche mit ihrem gegen­wärtigen äusseren Zustand in der heu­tigen Krise.

A:    Der springende Punkt, zweifellos. Denn offenbar haben viele den Glau­ben an die Kirche und mit ihm den Glauben überhaupt verloren, weil sie diese Frage nicht befriedigend zu be­antworten wussten, und viele andere sind auf dem Weg, ihn ihrerseits zu verlieren, indem sie sie falsch beant­worten.

Nichtsdestoweniger scheint es mir ziemlich schwierig zu sein, darauf klar und in anderer Weise zu antworten, als durch das Setzen eines Aktes des Glaubens an die Kirche, ohne zu sehr zu begreifen zu suchen, was für uns doch zu hoch ist.

B:    Dieser Glaubensakt ist gewiss vor­dringlich und wesentlich. Aber er hin­dert in keiner Weise den Versuch, sich über seine Grundlagen Rechenschaft zu geben gemäss dem Programm der Theologie selber, das der heilige An­selm so zusammengefasst hat: «fides quaerens intellectum», der Glaube auf der Suche nach der Einsicht in die Ge­gebenheiten, die er von vornherein als von Gott geoffenbart und von der Kir­che gelehrt annimmt.

Und in der Tat gibt es im wesentli­chen zwei Arten von Antworten auf diese Frage: die eine ist unvollständig und negativ, die andere vollständig und positiv, gegründet entweder auf der Wissenschaft der dogmatischen und mystischen Theologie oder auf dem prophetischen Wissen.

A:   Was wollen Sie damit sagen: eine negative Antwort?

B:   Dass sie mehr eine Zurückwei­sung der Argumentation der Kritiker als eine Erklärung im strengen Sinn ist.

A:   Der Kritiker, die behaupten, die Heiligkeit und die Unfehlbarkeit der Kirche oder ihre apostolische Lehre und ihre Katholizität in Johannes Paul II. und den Konzilsbischöfen, in den Häresien des II. Vatikanums und im Götterhimmel von Assisi wiederzufin­den, oder ihre Einheit und ihre Sicht­barkeit in den Bischöfen Lefebvres oder Thucs?

B:   Genau. Sie besteht lediglich im Aufzeigen dessen, dass, nachdem die einen wie die anderen öffentlich vom Glauben abgefallen sind, indem sie sich in einer Reihe von Punkten der Lehre der Kirche in Glaubens- und Sit­tensachen widersetzen, sie von daher weder rechtmässig, noch Träger des apostolischen Glaubens, noch katho­lisch usw. … sind; es sind also nicht sie, in denen uns der Glaube die göttliche, unfehlbare und unvergängliche Natur der katholischen Kirche erken­nen lässt. *

* Siehe Fussnote auf Seite 22.

A:   Aber wenn sich ihr Einwand durch diese Tatsache in ihren Augen und angesichts ihrer Weise, diese Frage zu klären, subjektiv widerlegt sieht, wird er nicht, objektiv betrach­tet, dadurch im Gegenteil noch ver­stärkt?

B:   Freilich, und das ganz einzigartig und um so mehr, wenn man weiss, dass die Kennzeichen der Unvergäng­lichkeit, der Unfehlbarkeit und der Einheit hauptsächlich auf der Unver­gänglichkeit und der Unfehlbarkeit des Ecksteins der katholischen und apostolischen Einheit beruhen, dem Römischen Heiligen Stuhl in der Per­son des Papstes.

Worin besteht die Prüfung des Glaubens?

A:   Was für eine schreckliche Prü­fung für den Glauben an unsere Mut­ter, die Heilige Römisch-Katholische Kirche!

B:   Eine Prüfung unseres Glaubens, die allein die geoffenbarten Tatsachen, die Tatsachen des Glaubens, beseiti­gen können.

A:   Mit Hilfe der dogmatischen Theo­logie und des prophetischen Wissens, sagten Sie?

B:   Jawohl. Auf der Ebene der dogma­tischen Theologie empfiehlt es sich, mit der negativen Antwort zu begin­nen, indem man aufzeigt, dass alle an­deren Erklärungen der Natur der Krise falsch sind und von daher dazu führen, dass man sich der Lehre der Kirche entgegenstellt, denn diese Widerlegung erlaubt es, genauer zu sehen, wo unser Glaube an die Kirche wirklich auf die Probe gestellt wird, und bereitet so darauf vor, das ge­offenbarte Fundament der positiven Antwort besser zu begreifen.

A:   Inwiefern zeigt sie besser auf, wo diese Prüfung des Glaubens liegt?

B:   Indem sie dafür sorgt, dass die Klippe der falschen Lösungen um­schifft wird, die die Apostolizität der Kirche oder die katholische Rechtmäs­sigkeit und Einheit dort sehen wollen, wo sie nicht ist, macht diese negative Antwort offenbar, dass die Prüfung des Glaubens in der Vereinbarkeit der öffentlichen allgemeinen Amtsverun­treuung aller bekannten Bischöfe mit der unvergänglichen Natur der Kirche und ganz besonders der Römischen Kirche liegt.

A:   Die Theologie bekräftigt tatsäch­lich, dass die streitende Kirche und vor allem die Römische Kirche bis zum Ende der Welt unvergänglich sein muss.

B:   Das ist der Grund, warum die theologische Wissenschaft im Ange­sicht dieser erstaunlichen Krise lo­gisch dazu führt, entweder eine göttli­che Lösung ins Auge zu fassen, die un­ser Fassungsvermögen übersteigt, oder anzunehmen, dass wir in die Zeit des Weltendes eingetreten sind.

A:   Trotzdem, unter Annahme des einen oder anderen, was die gegen­wärtige Zeit angeht, angesichts dieses allumfassenden Abfalls der bekannten Bischöfe, wie lässt sich die aktuelle Sichtbarkeit der Kirche aufrechterhal­ten, die doch eine wesentliche und folglich bleibende Eigenschaft ist!? Wie lässt sich die Behauptung recht­fertigen, dass, zumindest während der Zeitspanne dieser Krise, die Pforten der Hölle die streitende Kirche in kei­ner Weise überwältigt hätten?

B:   Was die Sichtbarkeit angeht, kann man von jetzt an antworten, dass die Kirche in ihrem Leib sichtbar ist durch ihre Glieder, die auf der Erde leben­den getauften Gläubigen, durch ihr äusserliches und öffentliches Glau­bensbekenntnis und die öffentlichen Riten und Gebete, die sie verrichten, in ihrer Seele aber durch die sichtba­ren Wirkungen der Heiligung, des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe, die ihren Gliedern zuteil wer­den, selbst wenn die gegenwärtige Krise ihre äussere Manifestation im grossen Massstab stark beeinträchtigt, wie es auch zur Zeit der Katakomben der Fall war.

Was die Unvergänglichkeit betrifft, kann man die Möglichkeit ins Auge fassen, dass es in den Katakomben der kommunistischen Länder verborgene gläubige Bischöfe gibt, wie das bei­spielsweise lange Zeit beim Erzbi­schof von Schanghai der Fall war, der dreissig Jahre lang in den maoisti­schen Gefängnissen eingekerkert war.

Nichtsdestoweniger verschafft uns, bevor wir die klare geoffenbarte Ant­wort in Augenschein nehmen, die uns zu diesem Gegenstand das propheti­sche Wissen liefert, die mystische Theologie eine befriedigendere Ant­wort.

A:   Und welche ist das?

B:   Sie besteht in einer Entfaltung oder Vertiefung der theologischen Wahrheit, die die heilige Johanna von Orleans so schön und prägnant vor ihren Richtern formuliert hat: «Über Christus und über die Kirche, das ist völlig eins!»

A:    Christus als das Haupt und die Kirche als sein mystischer Leib.

B:    Ganz genau. Diese Einheit des Wesens impliziert eine Einheit des Le­bens, die tatsächlich nicht bloss eine geistliche, sondern auch eine ge­schichtliche ist.

Sehen wir zu, wie Dom Gaspar Le­febvre das in seinem Messbuch zum täglichen Gebrauch der Gläubigen (1922, S. 997) erklärt, als eine «ge­schichtliche Darstellung» der «Zeit nach Pfingsten»:

«Seit dem Pfingstfest, von wo sie ihren Ausgang nahm, bildet die Kirche im Lauf der Jahrhunderte das gesamte Leben Christi nach, dessen mystischer Leib sie ist.

Jesus wird von Kindheit an verfolgt und muss nach Ägypten fliehen, wäh­rend man die unschuldigen Kinder er­mordet.

Die Kirche erleidet durch vier Jahr­hunderte die heftigsten Verfolgungen und muss sich in den Katakomben oder in der Wüste verbergen.

Der heranwachsende Jesus zieht sich nach Nazareth zurück und ver­bringt die längste Zeit seines Lebens in der Sammlung und im Gebet. Und die Kirche erlebt, beginnend mit Kon­stantin, eine lange Ära des Friedens. Überall wachsen Kathedralen und Klö­ster empor, in denen das Lob Gottes erschallt und wo sich Bischöfe und Äbte, Priester und Ordensleute durch Studium und unermüdlichen Eifer dem Eindringen der Häresie entge­genstellen.

Jesus, der vom Vater in die entlege­nen Regionen dieser Erde gesandte göttliche Missionar, beginnt mit dreis­sig Jahren sein Leben des Apostolats. Und die Kirche, beginnend mit dem 16. Jahrhundert, muss den Angriffen des wiederauflebenden Heidentums trotzen und das Evangelium Christi in den soeben entdeckten Teilen des Erdballs verbreiten. Und aus ihrem Schoss erstehen ohne Unterlass neue Kampftruppen und zahlreiche Legio­nen von Missionaren, die sie aussen­det, die frohe Botschaft in der ganzen Welt zu verkünden.

Am Ende beschliesst Jesus sein Le­ben durch das Opfer von Golgotha, dem alsbald der Triumpf seiner Auf­erstehung folgt. Und die Kirche wird am Ende der Zeiten, wie ihr göttlicher Meister am Kreuz, besiegt erscheinen, aber sie wird es sein, die den Sieg da­vonträgt. Der Leib Christi, der die Kir­che ist, war – wie der menschliche Leib – zunächst jung, und darum wird er am Ende der Welt als hinfällig erscheinen) , sagt der heilige Augustinus (zu Ps 26).»

A:    Siehe da, eine lichtvolle Erklä­rung, sicherlich. Anders formuliert, Sie halten dafür, dass die gegenwär­tige Krise des mystischen Leibes gleichsam die Erneuerung der vor­übergehenden Passion ihres Hauptes ist, was nun wirklich eine bemerkens­werte Entsprechung darstellt.

B:    Allerdings. Denn Unser Herr ist Gott, und somit unvergänglich und un­überwindlich: die höllischen Mächte werden ihn niemals besiegen. Er hat es durch seine Wunder und seine Pro­phezeiungen bewiesen, ebenso durch die Niederwerfung des Trupps Solda­ten, die kamen, um ihn festzunehmen (Joh 18,6) …

Und dennoch! Er wurde festgenom­men, gebunden, eingekerkert, vor Ge­richt gestellt, durchgeprügelt und mit Auswurf bedeckt, verurteilt, von allen seinen Jüngern verlassen, dem Spott des Volkes ausgesetzt, gekreuzigt! Und er ist gestorben …

A:    Angesichts dessen könnte man sich fragen, was denn damals mit sei­ner Gottheit los war.

B:    Sehr richtig. Nichtsdestoweniger: wenn seine Jünger die prophetischen Ankündigungen begriffen hätten, die das alles bis in die Einzelheiten be­schreiben, wenn sie sich seiner auf­sehenerregenden Wunder erinnert hätten – wenige Tage vorher die Auf­erweckung des Lazarus! -, wenn sie vor allem nicht taub gewesen wären, als Unser Herr ihnen mehrere Male und ausdrücklich seine Gefangen­nahme und seinen gewaltsamen Tod, dicht gefolgt von seiner Auferstehung (Mk 10, 32 ff; Mt 20, 17 ff; Lk 18, 31-34), vorausgesagt hatte, wären alle ver­trauensvoll und gläubig geblieben wie Unsere Liebe Frau, wenn auch geäng­stigt und mächtig angefochten; wie auch könnte man das nicht sein an­gesichts unseres Gottes, der – für uns ­zum Fluch am Holz geworden ist (Dtn 21, 33; Gal 3,13)!

A:    Wie können Sie so etwas erklä­ren?

B:    Ich kann es nicht vollständig er­klären, denn es handelt sich um ein Geheimnis, das Geheimnis der Erlö­sung der Sünder durch die Hinopfe­rung des unschuldigen Lammes Got­tes, des fleischgewordenen Wortes, am Kreuz. Ich kann nur durch den Glauben davon Rechenschaft ablegen. Unser Retter hat übernatürlich ge­siegt, indem er sich menschlicher-weise besiegen liess: «regnavit a ligno Deus» – «Gott herrscht vom Holz aus» (Ps 95, 10 n. d. Septuaginta; Passions­hymnus Vexilla Regis).

A: Die Propheten hatten diese Passion des Erlösers vorhergesagt, Unser Herr ebenso. Aber dieser allgemeine Abfall, den wir erleben, dieser nahezu totale Zusammenbruch, dieser An­schein von Unsichtbarkeit, von zeit­weiliger Auslöschung der streitenden Kirche, ist er denn auch vorhergesagt worden?

B: Jawohl. An erster Stelle vom heili­gen Paulus (2 Thess 2, 3), ausgefaltet durch den heiligen Thomas, der diese Apostasie als den nahezu allgemeinen Verlust des Glaubens, auf den Unser Herr im Evangelium (Lk 18, 8) anspielt, und den Bruch sämtlicher Völker mit der Römischen Kirche auslegt.

Gleichermassen von Unserer Lieben Frau von La Salette: «Rom wird seinen Glauben verlieren und der Sitz des Antichrist werden.»

A: Aber wie ist das mit der Unver­gänglichkeit der Römischen Kirche vereinbar? Man darf doch zum wenig­sten erwarten, dass der heilige Paulus und Unsere Liebe Frau den zumindest scheinbaren Gegensatz zwischen ihren Vorhersagen und denen Unseres göttlichen Meisters rechtfertigen, der gesagt hat: «Die Pforten der Hölle wer­den sie nicht überwältigen» (Mt 16,18), denn «ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt» (Mt 28,20)! Sie dür­fen es nicht versäumen, das zu tun, möchte ich meinen.

B: Gewiss, sie rechtfertigen es, aller­dings dadurch, dass sie, wie beim Ge­heimnis der Erlösung durch das Kreuz, nicht an die Vernunft ganz allein appellieren, sondern an die vom Glau­ben erleuchtete Vernunft.

A:    Was also sagt der heilige Paulus? Wie erklärt er es?

B:    Er erklärt es gar nicht; er rechtfer­tigt es lediglich, indem er von der Er­füllung des «Geheimnisses der Bos­heit» (2 Thess 2,7) spricht.

A:    «Wir können also nicht alle Wahr­heiten unseres Glauben begreifen?»

B:    Nein, wir können nicht alle Wahr­heiten unseres Glaubens begreifen, weil einige davon Geheimnisse sind.

A:    Was heisst das: Geheimnisse?

B:    Die Geheimnisse sind Wahrhei­ten, die den Verstand übersteigen und die wir glauben müssen, obwohl wir sie nicht begreifen können.

A: Warum müssen wir die Geheim­nisse glauben?

B: Weil sie von Gott geoffenbart wor­den sind, der als die Wahrheit selber und als die unendliche Güte weder sich noch uns zu täuschen vermag.

A:   Sind die Geheimnisse dem Ver­stand entgegengesetzt?

B:   Die Geheimnisse sind höher als der Verstand, ihm aber nicht entge­gengesetzt; und der Verstand selber bringt uns sogar dazu, sie anzuneh­men.

A:   Warum können die Geheimnisse dem Verstand nicht entgegengesetzt sein?

B:   Weil es Gott selber ist, «der uns das Licht des Verstandes gegeben und der die Geheimnisse geoffenbart hat, und weil er sich nicht selbst wider­sprechen kann.» (Katechismus St. Pius‘ X., 5. Teil, 1. Kap. 3)

A:   Sie sagen, dass die gegenwärtige Krise dem vom heiligen Paulus ange­kündigten «Geheimnis der Bosheit» entspricht. Kann man nicht desunge­achtet ausführlicher davon handeln, als es durch diese kurze Antwort ge­schieht, die sicherlich von sehr gros­sem Gewicht, weil dem Apostel vom Heiligen Geist geoffenbart und inspi­riert ist, von der aber unsere Vernunft sicher sein möchte, dass sie sich pas­send auf die gegenwärtige Krise an­wenden lässt und die sie obendrein mehr entfalten und ein wenig erhellen zu können wünschen würde?

B:   Doch, das ist durchaus möglich, indem man darlegt, was die heiligen Lehrer von diesem «Geheimnis der Bosheit» sagen.

Um das jedoch besser zu erfassen, lohnt es sich, zuvor einen anderen vom heiligen Paulus gegebenen Hinweis zu diesem Thema zu behandeln.

A:   Welchen?

B:   Der Apostel erklärt, dass dieses «Geheimnis der Bosheit» zu seiner Zeit «schon am Werk» (2 Thess 2,7) war, dass aber damals irgendetwas es noch zurückhielt (2 Thess 2,6), es zügelte, es an seiner öffentlichen Entfaltung und seinem äusseren Offenbarwerden hin­derte.

A:   Und was war dieses Hindernis, das es aufhielt und das es so lange Zeit gezügelt hat?

B:   Ohne sich hier damit aufzuhalten, es im einzelnen nachzuweisen, muss man wissen, dass dieses Hindernis hauptsächlich durch ein Element ge­bildet wurde, das von der göttlichen Allmacht abhing, das Gott aber gleich­wohl auch von menschlichen Elemen­ten abhängen lassen wollte.

A:   Worin bestand dieses göttliche Element?

B:   In der Fesselung des Teufels durch die göttliche Allmacht, die aus­drücklich durch den heiligen Apostel Johannes (Offb 20,1ff) geoffenbart ist.

A:   Ist denn auch vorhergesagt, dass diese Fesselung ein Ende haben werde?

B:   Ja, in der Apokalypse 20, 3 und 7 sowie 17, 18, wo enthüllt wird, dass er (der Teufel) am Ende der Herrschaft der streitenden Kirche hier unten, also zur Zeit des Weltendes, für eine kurze Zeit losgelassen und alle Nationen ver­führen werde.

A:   Wird auch angegeben, warum dieses göttliche Hindernis dann aus dem Weg geräumt werden wird?

B:   Ja, wegen des Versagens ver­schiedener menschlicher Elemente, an die Gott seine Aufhebung knüpfen wollte.

A:   Welches sind dann diese menschlichen Elemente?

B:      Es ist die Macht oder Kraft seines hochheiligen Opfers am Kreuz, durch die Unser Erlöser die teuflische Macht gefesselt hat; das hat die Gründung der Kirche, deren menschliche Ober­häupter die Macht zu binden und zu lösen empfangen haben, und die Evangelisation der Nationen, die so aus ihrer alten Versklavung an den Dämon befreit wurden, ermöglicht.

Diese menschlichen Elemente sind also das Fortbestehen der Schlüssel­gewalt und der Heiligen Messe als Verlängerung der Wirkungen des Kreuzesopfers sowie die Treue der Nationen zur Römisch-Katholischen Kirche.

A:   Weiter oben haben wir gesehen, dass der allgemeine Abfall der Natio­nen oder ihr Bruch mit der Römischen Kirche durch den heiligen Paulus (2 Thess 2, 3) vorhergesagt worden ist. Das Aufhören der Schlüsselgewalt, das der Apostolizität und der Unver­gänglichkeit der Kirche so entgegen­gesetzt zu sein scheint, und das Ver­schwinden der Heiligen Messe konn­ten hingegen nicht in gleicher Weise vorhergesagt werden, nicht wahr?

B:   Sie sind dennoch alle beide vor­hergesagt worden, und zwar durch den Propheten Daniel: das Aufhören der Schlüsselgewalt nur einschluss­weise und bloss relativ, der Wegfall des Heiligen Messopfers jedoch aus­drücklich.

A:   Nein! Erlauben Sir mir zu verlan­gen, dass Sie mir sofort die genauen Belegstellen für eine so erstaunliche und schwerwiegende Behauptung nennen.

B:   Es ist in der Tat wichtig, sich eher zehn- als nur einmal damit zu befassen! Beginnen wir mit der ausdrücklichen Ankündigung. Das Verschwinden des Heiligen Opfers wird in Daniel 8,13; 9,27; 11,31; 12,11 angekündigt.

Und das folgende schrieb Kardinal Billot in seinem Buch «Die Parusie» zu dieser letzten Belegstelle:

«Wir wissen, dass zur Zeit der schrecklichen Verfolgung jede Betäti­gung der wahren Religion verboten sein wird, und dass infolgedessen der Kult Gottes nicht mehr gefeiert wer­den wird, zumindest nicht mehr öffent­lich und im Tageslicht, nicht mehr im Angesicht der Sonne. tempore cum ablatum fuerit juge sacrificium> , lesen wir im elften Vers: . Das ist die Wieder­holung dessen, was man bereits vor­her (Dan 8, 13 und 11, 31) über die Ver­folgung des Antiochus lesen konnte, allerdings mit dem bemerkenswerten Unterschied, dass nun der Tempel nicht mehr erwähnt wird, und ebenso­wenig das Allerheiligste oder all das, was an eine weit zurückliegende und für immer verschwundene Vergan­genheit erinnern könnte. Das immer-währende Opfer, um das es hier geht, ist also das Opfer des Neuen Bundes, das auf jenes gefolgt ist, welches ge­mäss dem mosaischen Gesetz abends und morgens im Tempel von Jerusa­lem dargebracht wurde; ihm kommt die Bezeichnung „immerwährendes Opfer“ tausendmal eher zu, da es ge­mäss dem Gesetz seiner Einsetzung ohne jede Unterbrechung Tag und Nacht, vom Aufgang bis zum Unter­gang, an allen Orten und unter jedem Himmel dargebracht wird.

Es ist mit einem Wort das Opfer un­serer Altäre, das dann, in jenen furcht­baren Tagen, überall verboten, überall verfolgt, überall unterbrochen sein wird, ausgenommen dort, wo es im un­terirdischen Schatten der Katakomben gefeiert werden kann und werden wird.»

Dom Guéranger schreibt in seiner «Erklärung der Heiligen Messe» an der Stelle, wo er den Sinn des Aus­drucks «una cum» am Anfang des Rö­mischen Kanons darlegt, ähnlich:

«Das ist der Beginn dessen, was ge­schehen wird, wenn der Teufel und seine Werkzeuge, losgelassen auf der ganzen Erde, dort den Greuel und die Verwüstung aufrichten werden, wie Daniel uns warnend ankündigt. Um die heiligen Weihen zu verhindern und die Priester aussterben zu lassen, wird der Teufel zum Schluss die Feier des grossen Opfers unterbinden, und dann werden die Tage des Unglücks kommen … und das wird das Werk des Antichrist sein, der alle Mittel be­nutzen wird, um die Feier der Heiligen Messe abzustellen, damit dieses Ge­gengewicht vernichtet ist und Gott al­lem ein Ende setzt, weil er keinen Grund mehr hat, es weiter fortbeste­hen zu lassen.»

A:      Wie schrecklich! Und wie schmerzlich! Ist es wirklich genauso mit der Schlüsselgewalt?

B:      In Daniel 12,7 steht geschrieben: «Wenn die Zerstreuung der Hand des heiligen Volkes in Erfüllung gegangen sein wird, wird das vollendet sein» !

A:   Ich muss gestehen, nicht im min­desten zu verstehen, was der Prophet damit sagen will, und auch nicht, in welcher Beziehung dieser Vers zur Schlüsselgewalt in der streitenden Kir­che stehen soll!?

B:   Man muss vorausschicken, dass der Vers sich im selben Kontext befin­det wie die Ankündigung der Prüfung vor dem anschliessenden Aufhören des Heiligen Opfers, was zum vierten Mal vier Verse weiter unten wieder­holt wird. Sodann ist es wichtig, den Sinn der benutzten Ausdrücke zu er­fassen. Dass das «heilige Volk» die Kir­che bezeichnet, wird Sie kaum wun­dern.

A:    Natürlich nicht.

B:    «Das» bezieht sich auf die Prüfung, von der im Zusammenhang die Rede ist.

A:    Bleibt zu begreifen, was das heisst: «die Hand», und, was noch mehr ist, die Hand eines Volkes?

B:    In der Tat zeigt die Verbindung dieser beiden Wörter schon von selbst an, dass «Hand» nicht im eigent­lichen Sinn verstanden werden darf, sondern eine geistliche Bedeutung besitzt. In der Schrift bezeichnet «die Hand» hauptsächlich die Macht: « , das heisst eure Stärke», erklärt der heilige Kardinal Robert Bellarmin (zu Ps 43, 3). Spezieller ist ge­meint die Stärke oder die Macht der Führer eines Volkes (Ex 14, 21.26 f; Ps 76, 21; Is 63, 12).

Und ganz speziell bezeichnet sie die Macht Gottes (Ex 14, 31; Weish 36, 3; 2 Makk 6, 26). Von daher die Tatsache, dass in der Schrift oftmals die Rede ist I. von der Hand (Is 50,2; 59,1; Ps 43,3; 73,3; 88,22; 118,173; 2. von der Rechten (Ex 15,6f; Ps 43,4; 73,11; 88,26; 117,16) oder 3. vom Arm des Herrn (Is 33,2; 40,10; 51,5.9; 52,10; 53,1; 59,16; 62,8; Ps 43,4; 78,11; 88,11.14; 97,1), um die gött­liche Stärke zu bezeichnen: «Durch das Wort bezeichnet er die Macht Gottes» (hl. Johannes Chrysosto­mus zu Ps 43,3), «>die Rechte und der Arm> das heisst die Kraft oder Stärke und die Macht» (hl. Robert zu Ps 97,1), die durch sein Wort wirkt: « , das heisst die Kraft oder Stärke und die Macht des Sohnes Gottes …: tatsächlich wird der Sohn Gottes in den Schriften «der Arm des Herrn» oder «seine rechte Hand» ge­nannt, weil der Vater alles durch den Sohn getan und gewirkt hat (Joh 1,2; Hebr 1,2; Is 53,1; Lk 1,51)» (hl. Robert zu Ps 117,16; vgl. auch hl. Hieronymus zu Ps 43,4 und 118,173; hl. Gregor der Grosse zu Job 18,13 und 2. Homilie zu Ez 1,3), oder auch noch 4. vom Finger Gottes (Mt 12,28; Lk 11,20; Mk 7,33), um die Tätigkeit des Heiligen Geistes zu bezeichnen (vgl. hl. Gregor, 10. Homi­lie zu Ez).

Von daher die Tatsache, dass der Ausdruck «Hand» im weiteren Sinn auch die geistliche Kraft bezeichnet, die erfordert ist, um die Offenbarun­gen Gottes zu empfangen und zu durchdringen (2 Kön 3,15; Ez 1,3; 2,9; 3,22; 8,13; 33,22; 37,1; Dan 10,10; Offb 10,2.10): « Der (hier) im Griechischen anstelle von «Hand» verwendete Aus­druck lautet «energeian», was die Tä­tigkeit oder Arbeit bedeutet, die dazu notwendig ist, dass er (der Prophet) die Geheimnisse (sacramenta) der Vi­sion zu erkennen vermag» (hl. Hierony­mus zu Ez 8,1). «Damit wir die Visionen Gottes umfassen und verstehen kön­nen, müssen die Hand und die Kraft des Herrn über uns sein (1 Kor 1,4f. 24.271). Durch diese Hand und diesen Arm wurde das Volk Israel aus Ägyp­ten herausgeführt, und ihre Kraft ha­ben die Magier (des Pharao) teilweise selbst begriffen, da sie erklärten: (Ex 8,19).» (Hl. Hieronymus zu Ez 1,3; vgl. ders. zu Ez 3,22.) Auf der anderen Seite, aber im­mer im selben Sinn, bezeichnet «Hand» auch die Macht der Feinde (Ex 14,30; Dtn 32,27; Ps 88,43; 105,10).

Diese verschiedenen Nuancen der­selben positiven Bedeutung des Wor­tes «Hand» findet man zusammenge­fasst im Namen des Königs schlecht­hin, des Stellvertreters (als Anführer des auserwählten Volkes) und Vor­bilds des Gesalbten schlechthin, der Christus ist, nämlich im Namen David, was im Hebräischen bedeutet: «von starker Hand» (vgl. den hl. Hieronymus zu Os 3,4f).

A: Was will also dieser prophetische Vers sagen?

B:Wieder übertragen gemäss dem genauen mystischen Sinn dieser ver­schiedenen Ausdrücke ergibt das sehr genau: Wenn die Zerstreuung der Kraft oder der Macht der Führer der streitenden Kirche erfüllt sein wird, wird diese Heimsuchung oder «das Geheimnis der Bosheit» offen zutage getreten sein. Es in einem allgemeine­ren Sinn aufzufassen: Wenn die Kraft des Volkes Gottes zerstreut sein wird, kommt auf dasselbe heraus, denn es geschieht dann, wenn der oder die Hirten geschlagen sind, dass die Schafe sich zerstreuen, wie Unser göttlicher Meister erklärt (Mt 26, 31; Mk 14,27).

A:    Das wird spannend! Um so mehr, als es der Papst und die Bischöfe sind, denen es zukommt – entweder unmit­telbar selbst oder mittelbar durch die Priester, denen sie eine Teilhabe an ihrer Jurisdiktion übertragen -, die teuflische Macht zu fesseln und die Seelen, die sich ihr durch die Sünde unterworfen haben, daraus zu be­freien.

B:    Genau. Aus diesem Grund sahen wir oben den heiligen Augustinus, zitiert von Dom Lefebvre, die äusser­liche Hinfälligkeit des Leibes der Kir­che am Ende der Welt beschwören.

Was Dom Delatte, Abt von Solesme in der Nachfolge von Dom Guéranger, betrifft, so geht er so weit, in seinem Kommentar zum 2. Brief des heiligen Paulus an die Thessalonicher die Aus­löschung der hierarchischen Ordnung der streitenden Kirche ins Auge zu fas­sen: «Ja, es gibt eine gesellschaftliche Kraft, die dem Bösen eine Schranke setzt und es daran hindert, sich zum Chaos und zum Nichts zu steigern, es existiert eine beständige Waffe, hierar­chische Linien, die die Anstrengung des Bösen zurückhalten und min­dern … Es ist für jedermann evident, dass an dem Tag, an dem diese Macht der Ordnung und des Friedens, die aus den Händen des heidnischen Rom auf das christliche Rom übergegan­gen ist, nach langer Bedrohung durch die Justiz und geschüttelt durch die Reform und die Revolution, durch den Ansturm aller Elemente des entfessel­ten Bösen endgültig zerstört sein wird, dem Bösen Tür und Tor geöffnet sein werden. Nichts wird sie mehr aufhal­ten.» (Hervorhebungen hinzugefügt.)

Von daher auch das, was der hl. Papst Gregor der Grosse (siehe An­hang) erklärt und was gleichermassen seit dem ersten Jahrhundert in der «Didaché oder «Zwölfapostellehre», der einzigen bekannten Schrift der Apo­stel ausserhalb der heiligen Texte, vor­hergesagt wurde:

«In den letzten Tagen werden sich die falschen Propheten und die Ver­derber vervielfachen, die Schafe (die Bischöfe) werden sich in Wölfe ver­wandeln und die Liebe in Hass …

Dann werden die menschlichen Ge­schöpfe durch ein Prüfungsfeuer ge­hen, und viele werden Ärgernis neh­men und verloren gehen; jene jedoch, die bis ans Ende im Glauben verhar­ren werden, werden gerettet werden.» (Rouet de Journel, Enchiridion Patristi­cum, Nr. 10.)

A: Das wird also nach sich ziehen, dass der Teufel losgelassen werden kann?

B: Sicherlich. Aus diesem Grund fin­den sich Aussagen, über die man er­schrickt, in dem, was man in der Bot­schaft Unserer Lieben Frau von La Sa­lette (vom 19.9.1846) – deren Veröffent­lichung von Papst Pius IX. autorisiert wurde – lesen kann: «Im Jahr 64 wer­den Luzifer und eine grosse Zahl von Dämonen aus der Hölle losgelassen werden; sie werden den Glauben nach und nach abschaffen, selbst in den geweihten Personen; sie werden sie derartig verblenden, dass diese Personen ohne eine aussergewöhn­liche Gnade den Geist dieser bösen Engel annehmen werden … Rom wird seinen Glauben verlieren und der Sitz des Antichrist werden.» Das um so mehr, wenn man weiss, was die Stimme eines Engels dem heiligen Apostel Johannes diesbezüglich be­zeugt hat: «Wehe der Erde und dem Meer, denn der Teufel steigt zu euch hinab in grossem Zorn, weil er weiss, dass er nur wenig Zeit hat» (Offb 12,12).

A:  Darin sollte also das äusserliche Erscheinen des Geheimnisses der Bosheit bestehen, das verborgenerweise bereits zur Zeit des heiligen Pau­lus am Werk war?

B:  Das hat in der Tat schon der hei­lige Augustinus in seinem ganz be­rühmten «Gottesstaat (20,19) offen ins Auge gefasst:

«Andere (Lehrer) denken, dass diese Worte: «Ihr kennt das, was es auf­hält» (2 Thess 2,6) und: «Von nun an, in der Tat, ist das Geheimnis der Bosheit am Werk» (ebd. 2,7) sich einzig auf die Schlechten und auf die Heuchler be­ziehen, die in der Kirche sind, bis sie zu einer genügend hohen Zahl an­wachsen, um ein grosses Volk für den Antichrist zu bilden: das ist das Ge­heimnis der Bosheit, weil es versteckt ist. Der Apostel scheint also die Gläu­bigen zu ermahnen, fest im Glauben zu verharren, an dem sie festhalten, wenn er sagt: «Nur, dass derjenige, der gegenwärtig (am Glauben) festhält, daran festhalte, bis es sich aus der Mitte heraus ereignet», das heisst bis von der Mitte der Kirche das Geheim­nis der Bosheit ausgeht, das momen­tan (noch) verborgen ist.»

A:  Das ist verblüffend! Niemals hätte ich gedacht, dass ein heiliger Lehrer mit derartiger Präzision, so lange vor­her und zu einer Zeit, da das Evange­lium im Begriff stand, überall zu trium­phieren, die so unvorstellbare und ka­tastrophale Krise hätte beschreiben können, die wir erleben! … Wenn ich richtig verstanden habe, bedeutet das Offenbarwerden des «Geheimnisses der Bosheit» die Ankunft des Anti­christ.

B:  Nicht exakt. Es bedeutet genauer deren letzte Vorbereitung. Denn, wor­auf Cornelius a Lapide (zu 2 Thess 2,7) aufmerksam macht, «der folgende Vers (8) offenbart, dass der heilige Pau­lus unter dem «Geheimnis der Bos­heit» keineswegs den Antichrist ver­steht, sondern die Vorläufer des Anti­christ, weil er hinzufügt: «Und dann», nämlich nach der Erfüllung dieses Ge­heimnisses, «wird dieser Böse offen­bar werden», nämlich der Antichrist.»

A:  Da haben wir also einen weiteren grossen Lehrer, der dasselbe in Be­tracht gezogen hat!

B:  Ja, und das ist auch der Fall beim grössten von allen, dem heiligen Tho­mas von Aquin (zu 2 Thess 2,7), dem all­gemeinen Lehrer der Kirche: «Der Sinn ist: Ich sage, dass zu seiner Zeit das, was schon jetzt ist und ein Ge­heimnis darstellt, sofern es sich vor­bildlich vollzieht, dann durch falsche (Menschen oder Führer) geschehen wird, die als gut erscheinen und den­noch schlecht sein werden (operatur in fictis qui videntur boni et tarnen sunt mali).»

A:  Das ist wirklich sehr klar für uns, die wir gegenwärtig die Verwirkli­chung dessen erleben!

B:  Und die Darstellung, die Corne­lius (zu 2 Thess 2,7) von dieser vom hei­ligen Thomas wieder aufgegriffenen Erklärung des heiligen Augustinus gibt, macht die so lange im voraus ge­lieferte Beschreibung dessen, was sich gegenwärtig vor unseren Augen abspielt, noch klarer: «Mit Theodoret, dem heiligen Augustinus und dem heiligen Anselm kann dieser Ab­schnitt wie folgt verstanden werden: «das Geheimnis der Bosheit», das heisst die verborgene und geheimnis­volle Bosheit (iniquitas arcana et my­stica), das heisst die von der Frömmig­keit oder vom Titel und Namen einer (an sich) legitimen Macht und Autorität bedeckte (der von Cornelius verwen­dete lateinische Ausdruck lautet: «pal­liata», das heisst wörtlich: bedeckt (hier: wie) von einem Mantel!, was exakt das einzige äussere Zeichen der Macht ist, das der gegenwärtige Anti­papst überall mit sich führt) Bosheit, wirkt in verborgener Weise in der Per­son von boshaften und häretischen Heuchlern, schlängelt sich dahin und wächst soweit, dass es am grossen Tag plötzlich als eine öffentliche Bosheit, mit dem Antichristen, auftaucht.»

A:    Wie sollte man in einer so erstaun­lichen Genauigkeit nicht unbedingt den Finger Gottes, die Eingebung des Heiligen Geistes erkennen!?

B:    Gewiss, wenn man obendrein weiss, dass das zweite Tier der Gehei­men Offenbarung (13,11), das den un­mittelbaren Vorläufer des Antichrist darstellt, als im Besitz von «zwei Hör­nern ähnlich denen des Lammes» (was Cornelius auf die zweispitzige Mitra eines Bischofs bezieht: vgl. S.T. Nr. 14 p. 22) «und redend wie der Drache», anders formuliert: als lehrend die lü­genhaften Lehren des Dämons, be­schrieben wird, fragt man sich, wie die Kommentare der heiligen Lehrer zur Heiligen Schrift noch deutlicher hät­ten ausfallen können, wovon wir Zeu­gen sind !

A:      Da haben Sie vollkommen recht!

B:      Man sollte auch über die Lehre nachdenken, die der heilige Papst Gregor der Grosse (Moralia 28,7 zu Job 38,15) daraus zieht:

«Die Versuchungen der Verderbnis des Antichrist fehlen also keineswegs, selbst wenn die Kirche Frieden ge­niesst. Dass darum nur niemand allein diese Versuchung der letzten Zeiten fürchtet, als ob sie die einzige wäre.

Dem Tier wird gegeben, mit den Heiligen Krieg zu führen und sie zu besiegen! (Offb 13, 7)

Denn die Handlungsweise des Anti­christ findet sich tagtäglich in den Bösen, weil sein Geheimnis bereits in verborgener Weise in ihrem Herzen am Werk ist.

Und wenn in der Gegenwart zahl­reich jene sind, die – mitten in der Kir­che stehend – ihm ähnlich vorgeben, zu sein, was sie nicht sind, so wird bei der Ankunft des höchsten Richters enthüllt werden, was sie sind. Salomon hat sehr richtig von ihnen gesagt: «Ich sah begrabene Böse, die, sogar wäh­rend sie noch lebten, am heiligen Ort weilten, und sie wurden in der Stadt als solche gepriesen, die die Werke der Gerechten vollbringen» (Pred. 8,10) … Deshalb wird von den Bösen gesagt: «Man wird den Bösen ihr Licht wegnehmen» (Job 38,15). Denn sogar jetzt erleuchtet das Licht Gottes in kei­ner Weise jene, die wie mit einem Mantel (palliant) die Bosheit ihrer Fre­veltat unter dem Namen des Glaubens verbergen …

Was zu jeder Zeit in vielfacher Weise geschieht, wird sich vor allem in der letzten Verfolgung der heiligen Kirche ausbreiten, wenn das Haupt der Bösen selber sich erheben wird, dem es ge­stattet sein wird, sich all seiner Kräfte zu bedienen.

Dann, in dieser Verfolgung, wird das Herz eines jeden offenbaren, was er ist, und alles, was verborgen ist, wird am grossen Tag erscheinen: und jene, die gegenwärtig fromm ihrem Mund und böse ihrem Herzen nach sind, werden sich zu einer öffentlichen Bos­heit hinreissen lassen und den An­schein des Lichtes des Glaubens ver­lieren, den sie erweckten.

Das alles führt uns die Notwendig­keit vor Augen, dass ein jeder von uns in das Innere seines Herzens einkehre und einen gerechten Schrecken ange­sichts dessen erleide, was sich an Bö­sem in seinen Handlungen findet, da­mit er nicht unter die Zahl solcher Menschen falle, wenn einmal unsere Verdienste von der strengen Gerech­tigkeit des göttlichen Gerichts gewo­gen werden.»

A:   Dass Gott sich in der Tat würdige, uns die Gnade zu gewähren, unsere Laster und Fehler zu bessern, und uns gebe, Ihm treu zu bleiben bis zum Tod.

B:   Es ist auch angebracht, von Ihm eine grosse Geduld zu erbitten, denn «der Jünger steht nicht über seinem Meister» und der mystische Leib nicht über seinem Haupt; «haben sie also mich verfolgt», sagt Unser Erlöser, «werden sie auch euch verfolgen» (Joh 15, 20).

A:   Es war also doch vorhergesagt, dass der mystische Leib seinerseits seine Passion zu durchleiden haben würde …

B:   Das ist das, was wir soeben beim heiligen Paulus angekündigt gefun­den haben.

Allerdings ist der Lieblingsjünger in gewisser Weise noch klarer in der Ge­heimen Offenbarung.

A:   Was sagt er diesbezüglich vor­aus?

B:   «Es wird dem Tier gegeben wer­den, mit den Heiligen Krieg zu führen und sie zu besiegen» (Offb 13,7)! Die­ses erste Tier bezeichnet dabei den Antichrist und seine Anhänger und im weiteren Sinn seine Vorläufer; die Hei­ligen bedeuten im Sprachgebrauch der ersten Jahrhunderte die durch die Taufe, das Bewahren der rechten Lehre und der guten Sitten geheiligten Gläubigen.

A:   Aber wenn sämtliche Glieder des mystischen Leibes durch die Partei­gänger des Abfalls und des Teufels besiegt werden, inwiefern wird dann die streitende Kirche unvergänglich geblieben sein? Denn ein Leib kann nicht ohne die Elemente bestehen, aus denen er sich zusammensetzt.

B:   Diese Niederlage wird relativ, nicht absolut sein, von kurzer Dauer, nicht endgültig. Was den mystischen Leib als solchen angeht, wird sie eine vorübergehende Niederlage vor den Menschen und nach ihrer Sichtweise sein, nicht vor Gott, dessen Triumph und Verherrlichung sie herbeiführen wird.

Bezüglich der Glieder des mysti­schen Leibes muss man mit den Vä­tern sagen, dass sie «nur leiblich, wenn es sich um die Vorherbestimm­ten handelt, oder gewisse auch geist­lich, wenn sie nicht vorherbestimmt sind» (hl. Thomas v. Aquin, Opusculum 68) besiegt werden.

Dieses Tier «wird leiblich jene be­siegen, die im Geiste unbesiegt ge­blieben sein werden … oder es wird nach Belieben gewisse (Menschen) besiegen, die man für stark und heilig hielt» (hl. Gregor, Moralia 32,15 zu Job 40,11); «es wird sie besiegen, gewiss, nicht indem es sie überwindet, son­dern nur indem es sie tötet» (hl. Am­brosius zu Offb 13,7).

Von daher folgendes, das Kardinal Pie, Erzbischof von Poitiers, 1880 schrieb: «Was sicher ist, ist, dass die Bösen und die Verführer sich mehr und mehr im Vorteil befinden werden, je mehr die Welt sich ihrem Ende nä­hern wird. Man wird gleichsam keinen Glauben mehr auf der Erde finden, das heisst er wird fast vollständig aus sämtlichen irdischen Einrichtungen verschwunden sein.

Die Gläubigen selber werden es kaum noch wagen, öffentlich und ge­sellschaftlich ihren Glauben zu beken­nen. Die Spaltung, die Trennung, die Scheidung der Gesellschaften von Gott, die vom heiligen Paulus als ein dem Ende vorhergehendes Zeichen angegeben wird (nisi venerit discessio primum – wenn nicht zuerst der Abfall kommt), wird sich von Tag zu Tag ver­vollständigen. Die Kirche, eine zwei­fellos immer sichtbare Gesellschaft, wird mehr und mehr auf schlicht indi­viduelle und häusliche Proportionen zusammenschrumpfen. Sie, die in ihren Anfängen sprach: «Der Platz ist zu eng, gebt mir Raum, wo ich wohnen kann», wird sich Fuss um Fuss an Bo­den verlieren sehen, sie wird von allen Seiten eingeschlossen sein; so sehr die Jahrhunderte sie grossgemacht ha­ben, so sehr wird man sich bemühen, sie einzuengen.

Schliesslich wird es für die Kirche auf Erden eine wahrhaftige Niederlage geben: «und es wird dem Tier gege­ben werden, mit den Heiligen Krieg zu führen und sie zu besiegen» (Offb 13, 14). Die Frechheit des Bösen wird sich auf ihrem Höhepunkt befinden.

Aber was sollen die wahren Gläubi­gen, alle Menschen des Glaubens und der Tapferkeit, in dieser Extremsitua­tion noch tun? Gegen eine mehr denn je fühlbare Unmöglichkeit ankämp­fend werden sie mit doppelter Kraft, durch die Glut ihrer Gebete, durch ihre unermüdliche Tätigkeit und durch die Unerschrockenheit ihrer Kämpfe sprechen: «0 Gott, o Unser Vater, der du bist in den Himmeln, dein Name werde geheiligt wie im Himmel so auf Erden, dein Wille ge­schehe wie im Himmel so auf Erden, dein Reich komme wie im Himmel so auf Erden, sicut in coelo, et in terra!»

Sie werden diese Worte noch mur­meln, und der Boden wird unter ihren Füssen weichen. Und wie man schon andere Male im Gefolge einer unver­meidlichen Niederlage den römi­schen Senat und alle staatlichen Wür­denträger sich in Bewegung setzen sah, um dem besiegten Konsul entge­genzugehen und ihn zu beglückwün­schen, weil er nicht an der Republik verzweifelt war, so werden der himmli­sche Senat, alle Chöre der Engel, alle Ordnungen der Seligen vor den gross­zügigen Kämpfern erscheinen, die den Kampf bis zum Ende durchge­standen haben, hoffend selbst gegen alle Hoffnung, «contra spem in spem» (Röm 4,18).»

A:   Das ist also für den mystischen Leib als solchen das Gegenstück zum Geheimnis der Erlösung! … Das alles erhellt in einzigartiger Weise die uner­hörte Krise, die wir erleben.

B:   Gewiss. Dennoch: wenn auch alle diese Prophetien davon so treffend Re­chenschaft ablegen, wird man gleich­wohl dieses «Geheimnis der Bosheit» nicht gänzlich erklären können, das im anderen Fall auch nicht verdienen würde, ein Geheimnis genannt zu wer­den. Eine grosse Zahl von Elementen, aus denen es sich zusammensetzt, ent­gehen uns und lassen uns nur die all­gemeinen Umrisse dessen wahrneh­men, was geschieht.

A:   Allgemeine Umrisse, die jeden­falls bei weitem ausreichen, um auf der Ebene der geoffenbarten Tatsa­chen und des Glaubens zu beweisen, dass die aktuelle Krise keine dieser Tatsachen in Frage stellt, selbst wenn sie grosse Schwierigkeiten mit sich bringt, manche von ihnen zu rechtferti­gen.

B:   Ganz recht.

A:   Bleibt noch ein letzter Punkt. Wenn Sie aufgezeigt haben, dass Un­sere Liebe Frau das alles gleichfalls angekündigt hat, als sie sagte, Rom werde den Glauben verlieren, so ha­ben Sie doch noch nicht erklärt, wie sie das gerechtfertigt hat.

B:   Das ist wahr. Sie hat diesen An­schein von Schwäche und völliger Nie­derlage der streitenden Kirche eben­so wie ihre gegenwärtige scheinbare Auslöschung durch diese Worte der Botschaft von La Salette gerechtfertigt: «Die Kirche wird verfinstert sein, die Welt wird sich in Verwirrung befin­den. Aber da sind Henoch und Elias, erfüllt vom Geist Gottes …»

A:   Ich muss gestehen, die Tragweite davon nicht im geringsten zu begrei­fen.

B:   Man muss diese Worte zweifellos durchdenken und abwägen, um ihren grossen Reichtum zu entdecken. Sie wissen fraglos, was eine Sonnenfin­sternis ist?

A:   Selbstverständlich! Das ist ein augenblickliches Verschwinden der Sichtbarkeit der Sonne, die vollständig durch den Mond verdeckt wird, was die Erde in tiefe Dunkelheit taucht.

B:   Glauben Sie nicht, dass einige, so­bald sie das feststellen, meinen könn­ten, die Sonne sei zerstört worden, weil man ihr Licht nicht mehr sieht, zumal wenn die Finsternis Stunden dauert wie zum Zeitpunkt der Kreuzi­gung des Erlösers (Mt 27,45)?

A:     Man müsste wirklich sehr unwis­send sein, um das zu glauben, man dürfte die Natur der Sonne überhaupt nicht kennen und nicht wissen, dass eine Sonnenfinsternis immer nur vor­übergehend ist, selbst wenn sie manchmal mehrere Stunden dauern kann.

B:     Trotzdem, glauben Sie nicht, dass man, weil man ihr Leuchten nicht mehr sieht, versucht sein könnte, zu glau­ben, die Sonne habe ihren leuchten­den Charakter, ihre Sichtbarkeit ein­gebüsst? Denn dann würde man ihre Leuchtkraft nicht mehr wahrnehmen!?

A:   Sie verliert sie sicherlich in den Augen jener, die die Sonnenfinsternis erleben; das ist ja sogar die eigentüm­liche Wirkung einer Sonnenfinsternis!

Nichtsdestoweniger erlaubt uns jen­seits der Eindrücke unserer Sinne, die sie dann nicht wahrnehmen können, unser durch unsere astronomischen Kenntnisse erhellter Verstand mitnich­ten anzunehmen, die Sonne verlöre auch nur für einen Augenblick ihr Leuchtvermögen und ihre wesent­lichen Eigenschaften, selbst wenn sie zeitweilig unseren Augen nicht sicht­bar sind.

B:   Da sehen Sie, wie schön und tref­fend das Bild von Unserer Lieben Frau gewählt wurde! Und wenn Sie dort den unmittelbar anschliessenden Satz hin­zunehmen: «Aber da sind Henoch und Elias», klärt sich alles.

Denn Henoch und Elias, deren Wie­derkehr von der Geheimen Offenba­rung vorhergesagt wird, müssen kom­men, um die Rolle der beiden Prophe­ten zu erfüllen.

A: Das wird verblüffend. Denn die Propheten wurden nur zu der Zeit gesandt, wo es überhaupt kein bestän­diges und fortdauerndes Lehramt gab, dessen Rolle und Lehrfunktion sie darum übernahmen: Sprechen mit Autorität im Namen Gottes! «Wer euch hört, hört mich; wer euch verachtet, verachtet mich» (Lk 10, 16)!

B: Genau! Das ist der Grund, wes­halb, seit Unser Herr dieses Amt den Aposteln und ihren Nachfolgern an­vertraut hat, die Einrichtung des Pro­phetentums verschwunden ist oder vielmehr sich nurmehr mitten durch die Hierarchie der streitenden Kirche hindurch verlängert hat. Wenn also Gott dann seinen Auserwählten diese beiden Propheten schickt, um sie in seinem Namen und mit unwiderlegli­cher Autorität zu erleuchten, so gibt uns das zu verstehen, dass es bis dann niemanden mehr geben wird, der wirklich befugt wäre, es zu tun, zumin­dest öffentlich.

Von daher dieser Satz im von der hei­ligen Theresia vom Kinde Jesu so ge­schätzten Buch «Ende der gegenwärti­gen Welt und Geheimnis des zukünfti­gen Lebens» (S. 54-55), der durch seine Prägnanz und durch die Evidenz überrascht, die das im Geist seines Au­tors, des Abbé Arminjon, beinhaltet: «Im Augenblick, in dem der Sturm am heftigsten sein wird, in dem die Kirche ohne Führer sein wird, in dem das un­blutige Opfer allerorts aufgehört ha­ben wird, in dem menschlicherweise alles hoffnungslos scheint, wird man, sagt der heilige Johannes, zwei Zeu­gen erstehen sehen … Der eine … ist Henoch … Der andere ist der Prophet Elias …»

A:   Vollkommen einverstanden!

B:   Sicher. Und wenn Sie das Bündel von prophetischen Ankündigungen, über die Sie soeben einen guten Über­blick erhalten haben, die von der Zeit des Grossen Abfalls und von seinen Folgen berichten, Ankündigungen, die von den heiligen Lehrern präzise analysiert worden sind, im Buch über den «Antichrist und die Zeit des Welt­endes» gelesen haben, wird sich Ihnen gewiss ebenso wie mir das Herz zu­sammenziehen angesichts der stau­nenerregenden Übereinstimmung die­ser Vorhersagen mit den zeitgenössi­schen Ereignissen, die wir erlebt haben und zur Zeit noch erleben.

A:   Es stimmt, einzig diese eschatolo­gische Dimension kann eine so er­staunliche Verfinsterung rechtferti­gen.

B:   Zu diesem Punkt kann man eine weitere reichlich überraschende Ent­sprechung hinzufügen, falls Sie die dem heiligen Malachias zugeschrie­benen Papstweissagungen für echt halten, wie es Cornelius a Lapide tut.

Die dort erwähnten Devisen tragen sowohl den Päpsten als auch den Gegenpäpsten Rechnung. Nun lautet aber die für Johannes Paul II. be­stimmte: «de labore solis», was man exakt mit «von der Sonnenfinsternis» übersetzen muss! Darüber hinaus war die einzige vorangehende Bestim­mung, die das Wort Sonne enthält, die­jenige für den Gegenpapst Alexander V. zur Zeit des Grossen Abendländi­schen Schismas; genauso bezogen sich die beiden einzigen Bestimmun­gen vor der auf Johannes Paul I. ge­münzten, die das Wort Mond enthal­ten, gleichfalls auf zwei Gegenpäpste desselben Zeitabschnitts: Benedikt XIII. oder Pedro de Luna und Felix V.! …

Und es bleiben nur noch zwei! … auf dieser Liste … *

A:   Alles passt unbedingt zusammen! Wahrhaftig, man muss Gott Dank sa­gen, dass er uns so zahlreiche und prä­zise Prophetien an die Hand gegeben hat, die so erstaunlich übereinstim­men und uns beweisen, dass bei all dem, was sich gegenwärtig scheinbar in solchem Gegensatz zu seinen Ab­sichten abspielt, dennoch nichts aus dem Plan seiner göttlichen Vorsehung herausfällt.

B:   «Christus vincit. Christus regnat. Christus imperat. – Christus ist Sieger, Christus ist König, Christus ist Welten­herr.»

«Christus heri et hodie. Principium et finis. Alpha et Omega. Ipsius sunt tempora et saecula. Amen. – Christus gestern und heute, Anfang und Ende, Alpha und Omega; sein sind die Zei­ten und die Ewigkeit. Amen.»

Ideoque et Ecclesia vincit et vincet, usque in aeternum! – Darum siegt auch die Kirche und wird siegen auf ewig!

*

Anhang

St. Gregor der Grosse

Abwesenheit sichtbarer Zeichen zur Zeit des Grossen Abfalls

«Siehe, es kommen Tage, spricht der Herr, und ich sende den Hunger über die Erde, nicht den Hunger nach Brot, noch den Durst nach Wasser, sondern nach dem Hören des Wortes des Herrn.» (Amos 8,11)

«Und die Hungersnot wird seinem Angesicht vorausgehen» (Job 41,13). Wegen einer verborgenen schreckli­chen Anordnung (der Vorsehung) wird die Kirche, bevor dieser Levia­than (der Teufel) durch diesen ver­dammten Menschen (den Antichrist) hindurch, den er beseelen wird, er­scheinen wird, der Wunderzeichen beraubt sein.

In der Tat wird die Prophetie (Spre­chen mit Autorität im Namen Gottes) nicht mehr aufscheinen, die Gabe der Heilung wird weggenommen sein, die Tugend der Enthaltsamkeit wird mit Eifer auf nahezu Null reduziert wer­den, die Predigt der (wahren) Lehre wird man nicht mehr vernehmen, das Phänomen der Wunder wird ver­schwunden sein.

Zwar wird die übernatürliche Anord­nung es nicht erlauben, dass dies alles völlig unterdrückt wird, aber es wird nicht mehr so offenbar und so reich­lich erscheinen wie in den vorange­gangenen Zeiten.

Nichtsdestoweniger unterstreicht das die bewundernswerte Anordnung (der Vorsehung), um den göttlichen Charakter der gleichzeitigen Vollen­dung der Barmherzigkeit und der Ge­rechtigkeit zu offenbaren.

Denn während die Kirche, der Wun­derzeichen beraubt, um so niederge­schlagener erscheinen wird, wird die Belohnung der Guten um so mehr wachsen, je mehr sie ihr durch die Hoffnung auf die himmlischen Güter und nicht aufgrund sichtbarer Zeichen anhängen werden; der Geist der Bö­sen hingegen wird sich um so rascher offenbaren, je mehr sie es vernachläs­sigen, die unsichtbaren Güter zu su­chen, die sie (die Kirche) verspricht, sobald sie nicht mehr durch sichtbare Zeichen bei der Stange gehalten wer­den.

So werden also, während sich die Gläubigen wegen des fast vollständi­gen Verschwindens des offenkundi­gen und vielfachen Charakters der Zeichen im Zustand der Unterlegen­heit befinden werden, durch die Prü­fung dieser verborgenen schreckli­chen Anordnung einerseits die Barm­herzigkeit gegenüber den Guten und andererseits der gerechte Zorn gegen die Bösen umso grösser werden.

Auch deshalb, weil vor der sichtba­ren und offenkundigen Ankunft die­ses Leviathans die Wunderzeichen in der heiligen Kirche grösstenteils auf­hören werden, ist es höchst passend, dass hier gesagt wird: «die Hungers­not wird seinem Angesicht vorausge­hen».

In der Tat werden zuvor den Gläubi­gen die Reichtümer der Wunder ge­nommen werden, und dann wird sich dieser alte Feind gegen sie durch öf­fentliche Wunderzeichen offenbaren, aber dergestalt, dass, während seine Macht durch Zeichen vermehrt wer­den wird, er trotzdem in noch mächti­gerer und lobenswerterer Weise durch die Gläubigen besiegt werden wird, die ihrerseits ohne Zeichen sein werden.

Jedenfalls werden die Gläubigen in ihrem Kampf gegen ihn nicht ganz und gar der Zeichen beraubt sein*, aber im Verhältnis zur Vielzahl der seinigen werden die unseren als unbedeutend und gar nicht vorhanden erscheinen.

Sie, deren Kraft sicher stärker als alle Zeichen sein wird, werden durch ihre innere Festigkeit sämtliche überra­schenden Dinge verachten, die sie ihn verrichten sehen werden.

Aus diesem Grund wird dieser hin­terlistige Feind einen um so grösseren Zorn ihnen gegenüber an den Tag legen, je mehr er darüber verärgert sein wird, sich trotz seiner beein­druckenden Wunderzeichen verach­tet zu sehen.

Er wird also alle seine Kräfte sam­meln, um sie zu vernichten, und er wird alle Verworfenen in einmütiger Härte versammeln, um die Gläubigen zu bekriegen, um um so besser seine Grausamkeit (an ihnen) auslassen zu können, je mehr jene, die boshaft han­deln wollen, einen Leib bilden wer­den, unter dessen Gliedern keinerlei Uneinigkeit herrschen wird.

Von daher das, was in der Folge ge­sagt wird …»

(Hl. Papst Gregor der Grosse, Mora­lia 24, 3 zu Job 41, 13.)

* Wobei das beeindruckendste von de­nen, die uns geblieben sind, jenes der wunderbaren Einprägung des Bildes Jesu Christi auf dem heiligen Grabtuch ist.

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Quelle: SAKA-INFORMATIONEN, 16. Jahrgang Nr. 2, Februar 1991, Seiten 23-31

Spiegel-Interview mit Erzbischof Marcel Lefebvre vom 9. August 1976

Zur Dokumentation:

(Von der CH-SAKA kopiert mit Genehmigung der Spiegel-Redaktion)

SPIEGEL: Monseigneur, nach mehreren Warnungen hat Sie der Vatikan aller bischöflichen und priesterlichen Funktionen enthoben. Aufgrund dieser „suspensio a divinis“ dürften Sie keine Priester mehr weihen, keine Messen mehr lesen und nicht predigen. Und da Sie dieses Verbot mißachten, droht Ihnen die Exkommunikation. Damit wären Sie für den Vatikan kein wahrer Katholik mehr. Was für einen Glauben haben Sie?

LEFEBVRE: Ich nenne mich mehr denn je einen wahren Katholiken. Die Sanktionen gegen mich sind im übrigen null und nichtig. Denn das Verfahren ist rechtlich nicht korrekt durchgeführt worden. Außerdem habe ich fünfmal an den Papst geschrieben und vergeblich um eine Audienz gebeten. Alles, was ich zur Beilegung getan habe, wurde abgelehnt. Ich finde diese Behandlung schändlich.

SPIEGEL: Wird es in Zukunft zwei katholische Kirchen geben?

LEFEBVRE: In gewisser Weise ja: die von der Tradition abgewichene Kirche des Zweiten Vatikanischen Konzils und die der treu gebliebenen Katholiken.

SPIEGEL: Vielen Katholiken war das Konzil viel zuwenig reformistisch. Sie jedoch haben die Reformen als „progessistisch“ und „protestantisch“ abgelehnt und die Öffnung zum Pluralismus und zur Ökumene als Selbstzerstörung der katholischen Kirche verdammt. Was bekämpfen Sie eigentlich?

LEFEBVRE: Ganz generell die neue Haltung der Kirche der Welt gegenüber, die auf neue Prinzipien, den alten entgegengesetzte, baut. Diesem inneren Wandel entsprechen äußere Veränderungen. in der Liturgie, im Katechismus, bei den Bischofskonferenzen, an den Universitäten und in den Seminaren. Es hat ein fundamentaler Wechsel der eigenen Identität stattgefunden. Seit dem Konzil hat die katholische Kirche ihren Primat aufgegeben und ist jetzt eine beliebige Kirche neben den anderen, indem sie zum Beispiel die Religionsfreiheit propagiert.

SPIEGEL: Deshalb wohl werfen Sie dem Vatikan den „völligen Bankrott der Kirche“ vor und „Irrlehren“, die das „Innere der Kirche“ zerstören. Ist demnach die ganze offizielle Kirche mitsamt Kongregationen, Kurie und Heiligem Vater der Ketzerei anheimgefallen, während nur mehr Erzbischof Lefebvre und seine Getreuen den wahren Glauben predigen?

LEFEBVRE: Gewissensfreiheit, Religionsfreiheit, diese liberalen Thesen bewirken letztlich den Verlust des Seelenheils. In dem Maße also, in dem sich die Kardinäle, die Bischöfe und selbst der Papst für diese Ideen begeistern, verfallen sie tatsächlich der Ketzerei. Nach deren Auffassung kann man etwa heute glauben und tun, was man will. Dies ist der Weg des Verderbens — es ist der Weg des Zweiten Vatikanums.

SPIEGEL: Sie haben aber selbst am Zweiten Vatikanischen Konzil mitgearbeitet. Konnten Sie damals keinen Einfluß auf die Entwicklung nehmen?

LEFEBVRE: Ich meine, das ganze Konzil stand unter dem Druck einer Clique von Bischöfen, denen es vor allem um den Frieden mit den Freimaurern und den Protestanten ging. Nehmen Sie Kardinal Bea zum Beispiel! Vor dem Konzil hatten die reformistischen Bischofskonferenzen der Bundesrepublik und Hollands alles exakt organisiert. Sogar ein Informationsbüro, das „Idoc“, wurde installiert, um alle Bischöfe jeden Morgen mit Parolen zu indoktrinieren. Was dagegen von unserer Gruppe vorbereitet wurde, fiel unter den Tisch. So verlangten 450 Bischöfe die Verurteilung des Kommunismus; sie kam nicht mal auf die Tagesordnung. Nach einem Jahr war dann für jedermann klar, daß der Papst mit den Reformisten gemeinsame Sache machte. Am Schluß des Konzils gab es zwar nicht weniger Traditionalisten als Reformisten. Aber die Reformisten hatten den Papst, die Organisation und die Medien — und damit die Macht auf ihrer Seite. In Rom konnten wir also zur Rettung der Liturgie soviel wie nichts ausrichten.

SPIEGEL: 1970 haben Sie dann Ihr Priesterseminar im schweizerischen Ecône gegründet, um die „reine und unverfälschte Lehre“ gegen die neue „konziliare Kirche“ zu verteidigen. Sind Sie damit nicht von Anfang an auf Kollisionskurs gegangen?

LEFEBVRE: Ich mußte damit rechnen, daß die Konfrontation kommen würde. Damals hoffte ich allerdings, sie käme erst, wenn diejenigen nicht mehr leben, die dem Konzil diese unheilvolle Richtung gegeben haben. Dann wäre eine gegenseitige Verständigung leichter geworden. Aber der Konflikt ist leider jetzt schon da.

SPIEGEL: Im November 1974 haben zwei nicht gerade progressive Vatikanische Visitatoren Ihr Seminar besucht. Sie äußerten sich sehr zufrieden. Doch unmittelbar darauf haben Sie in einer „Erklärung“ öffentlich den Ungehorsam gegenüber Rom proklamiert. Was veranlaßte Sie zu dieser Kriegserklärung?

LEFEBVRE: Die zwei waren vielleicht keine Progressisten, kann sein. Aber sie sagten zu meinen Schülern völlig unannehmbare Dinge. Als man über den Glauben sprach, sagten sie: „Ja, der Glaube, das ist eben nichts Festes, der kann wechseln.“ Als ein Seminarist von der Auferstehung des Herrn als etwas unabwendbar Festem redete, meinten die beiden. „Oh, das ist nicht so einfach, wir sind da nicht so sicher.“ Und als es schließlich um die absolute Wahrheit ging, fanden beide: „Ja, die Wahrheit, die kann man nicht so einfach wie eine Schachtel in den Schrank legen und am nächsten Morgen unversehrt wieder herausnehmen. Das ändert sich eben.“ Ich war tief bestürzt. „Das Rom, aus dem ihr kommt, kenne ich nicht“, sagte ich ihnen und schrieb meine „Erklärung“ des Ungehorsams gegen Rom.

SPIEGEL: Im Mai 1975 wurde dann die Schließung Ihres Seminars verfügt und wenig später Ihr Einspruch abgelehnt. Trotzdem versuchte Papst Paul VI. in den folgenden Monaten, Sie durch Briefe und Gesandte umzustimmen. War der Vatikan etwa auch Ihnen gegenüber zu tolerant und liberal, wie Sie es ihm sonst vorwerfen? Hätte er nicht autoritärer sein müssen — gegen Sie?

LEFEBVRE: Ich bin absolut für die Autorität, das ist richtig. Aber verstehen Sie, die wahre Autorität ist väterlich und nicht despotisch. Von Rom wurde ich willkürlich behandelt. Gegen diese Tyrannei und Unrechtmäßigkeit wehre ich mich.

SPIEGEL: Ist der Konflikt nicht längst eine Prestigefrage geworden?

LEFEBVRE: Für den Papst möglicherweise ja. Denn zuerst will man mich fertigmachen und dann erst über einen Gesinnungswandel reden. Stellen Sie sich die Schande vor, wenn der Heilige Stuhl einem einfachen Bischof recht geben müßte!

SPIEGEL: In Ihrem Seminar wird die Messe nach Maßgabe des Konzils von Trient von 1545 bis 1563 gefeiert. Halten Sie jede Änderung der Messe-Feier für einen Glaubensverstoß?

LEFEBVRE: In der Messe ist der Priester jetzt nur mehr der Tagungs-Präsident einer Laien-Versammlung. Das sind protestantische Prinzipien!

SPIEGEL: Auch in der Liturgie läßt sich wohl unterscheiden zwischen wandlungsfähigen Vermittlungsformen und rein sakralen Handlungen. Ob zum Beispiel lateinisch, deutsch oder französisch gesprochen wird, kann für den Glaubensinhalt doch nicht maßgeblich sein.

LEFEBVRE: Man kann hier nicht einfach trennen zwischen Form und Inhalt. Mit dem Wechsel der Handlungen ändert man auch den Inhalt des Ritus. Und man hat tatsächlich alles geändert, selbst die Worte der „Heiligen Wandlung“ sind jetzt substantiell verändert. Im Vatikan heißt es, es seien nur Kleinigkeiten, nur unwichtige Formalien. Aber das ist nur eine Taktik, um den Substanzverlust zu verschleiern. Kanonisches Recht kann nicht einfach aufgehoben werden, wie es das Zweite Vatikanische Konzil will. Das wäre blinder kirchlicher Rechtspositivismus! Wenn jemand heiliggesprochen und kanonisiert worden ist, dann kann auch nicht ein späterer Papst kommen und sagen, der Betreffende sei gar nicht heilig und nicht im Himmel.

SPIEGEL: Soll sich denn in Zukunft die weltweite katholische Kirche am kleinen Ecône ausrichten, um zum „wahren“ Gottesdienst zurückzufinden? Beginnt mit Erzbischof Lefebvre eine Renaissance der Gegenreformation?

LEFEBVRE: Sehen Sie, der heilige Vinzenz hat gesagt: „Wenn ein Teil der Kirche vom Irrglauben befallen ist, dann muß man dem anderen, gesunden Teil folgen.“ Keine Gegenreformation also, sondern Kontinuität im katholischen Glauben. Wenn man aber davon ausgeht, daß wir gegen die neue Konzilskirche sind, dann kann man schon von einer Gegenbewegung sprechen.

SPIEGEL: Ihre Gegenbewegung gewinnt an Umfang und Einfluß. In Genf haben Sie und Ihre Schüler eine Protest-Messe gefeiert, zu der über 1500 Menschen kamen. Weitere „wilde“ Messen wurden angekündigt. In Frankreich, Großbritannien, der Bundesrepublik und der Schweiz entstehen neue Priesterschulen nach dem Vorbild von Ecône. Verschiedene mitgliederstarke Laien-Organisationen solidarisieren sich mit Ihnen. Wenn Rom nicht einlenkt, kommt es zu einer Gegenkirche der Traditionalisten unter dem Superior Lefebvre?

LEFEBVRE: Der Papst nannte mich schon „Chef der Traditionalisten“. Auch diesen Titel möchte ich nicht beanspruchen. Die Tatsache aber, daß ich Bischof bin, hat die Laien-Bewegung natürlich ermutigt. Tausende weigern sieh heute, die vatikanischen Reformen zu akzeptieren; sie wollen wahre Katholiken bleiben. Meine Hauptaufgabe sehe ich deshalb darin, für einen angemessenen Priester-Nachwuchs zu sorgen.

SPIEGEL: Sie haben sich bereits als David bezeichnet, der den „Goliath Rom“ erledigen wird. Heißt dies, daß Sie eine von Rom unabhängige Kirche aufbauen?

LEFEBVRE: Wir sind schon mitten drin. In vielen Ländern bauen Laien-Bewegungen unsere Organisation auf. Wir haben bereits vier Länder-Distrikte, in denen je ein Superior amtiert: in der Bundesrepublik, in England, in Frankreich und in den USA. Des weiteren bilden unsere Priester die Generalversammlung mit dem General-Superior, seinen zwei Assistenten, einem Ökonomen und einem Generalsekretär an der Spitze.

SPIEGEL: Sind Sie der General-Superior?

LEFEBVRE: Ja.

SPIEGEL; David gegen Goliath: Ob schließlich der General-Superior oder der Heilige Vater gewinnen wird — Verlierer ist doch allemal die katholische Kirche. Denn der Streit zwischen Rom und Ecône muß wohl zu einer weiteren Schwächung des innerlich zerstrittenen Katholizismus führen. Sie nehmen das in Kauf?

LEFEBVRE: Ich schwäche die Kirche nicht, sie hat sich selbst schwach gemacht. Jetzt müssen wir sie wieder stärken, so gut wir können. David hatte nur auf Gott vertraut. Und er hat gesiegt. Auch wir sind schwach und vertrauen auf Gott. Deshalb bringen wir das wahre Heil. Und sehen Sie, die Früchte sind auf unserer Seite: Unsere Seminare sind überfüllt, die der konziliaren Kirche stehen leer.

SPIEGEL: Monseigneur, welches wird der nächste Schritt in Ihrem Kampf gegen Rom sein?

LEFEBVRE: Bereits in den nächsten Tagen werden einige schwerwiegende Dinge, die den Papst betreffen, aufgedeckt werden. Viele Gläubige werden dann über die Kirche, zu der sie gehören, anders denken — und sich auch anders entscheiden.

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Quelle: CH-SAKA [Sammlung glaubenstreuer Katholiken in der Schweiz], Basel, 10. August 1976