II. Vatikanum: die Hermeneutik der Reform in der Kontinuität

Text des Vortrags von Mons. Guido Pozzo, Sekretär der Päpstlichen Kommission „Ecclesia Dei“ , am 2 Juli 2010, für die europäischen Priester der Priesterbruderschaft, in Wigratzbad. Am Vormittag hatte Mons. Pozzo ein feierliches Levitenamt in der Kirche Maria Thann, im Gegenwart von mehr als hundert Priester und Seminaristen, zelebriert (zu den Bildern). Am darauffolgenden Tag fanden die Priesterweihen statt, die von S. Eminenz, Kardinal Canizares Llovera, fünf Diakone gespendet wurden (Bilder der Priesterweihe).

Aspekte der katholischen Ekklesiologie
in Bezug auf die Rezeption des II. Vatikanischen Konzils

Einleitung

pozzo01Wenn man die Dogmatische Konstitution des II. Vatikanischen Konzils über die Kirche betrachtet, wird sofort die Größe und die Weite der Vertiefung des Geheimnisses der Kirche und der inneren Erneuerung dieses Geheimnisses, als Werk der Konzilsväter sichtbar.

Wenn man hingegen vieles von dem liest oder hört, was von gewissen Theologen, darunter einigen berühmten, und anderen, die eine dilettantische Theologie lehren, oder auch von einer verbreiteten nachkonziliaren katholischen Publizistik gesagt worden ist, wird man ergriffen von einer tiefen Traurigkeit und ernste Bedenken werden genährt.

Es ist in der Tat schwierig, sich einen größeren Gegensatz vorzustellen als jenen, der existiert zwischen den offiziellen Dokumenten des II. Vatikanischen Konzils, dem nachfolgenden päpstlichen Lehramt, den Interventionen der Kongregation für die Glaubenslehre einerseits und den vielen Ideen oder zweideutigen Darstellungen, die fragwürdig und oft der geraden katholischen Lehre zuwider sind und die sich im katholischen Raum und allgemein in der öffentlichen Meinung verbreitet haben, andererseits.

Wenn man vom II. Vatikanischen Konzil und seiner Rezeption spricht, muß der Bezugspunkt jetzt ein einziger sein, nämlich jener, den das päpstliche Lehramt selbst in äußerst klarer und unzweideutiger Weise formuliert hat. In der Ansprache des 22. Dezember an die Römische Kurie hat sich Papst Benedikt XVI. wie folgt ausgedrückt: „Die Frage taucht auf, warum die Rezeption des Konzils in einem großen Teil der Kirche so schwierig gewesen ist. Nun ja, alles hängt ab von einer korrekten Auslegung des Konzils oder – wie wir heute sagen würden – von einer korrekten Hermeneutik, von seiner korrekten Deutung und Umsetzung. Die Probleme der Rezeption entsprangen der Tatsache, daß zwei gegensätzliche Hermeneutiken miteinander konfrontiert wurden und im Streit lagen. Die eine hat Verwirrung gestiftet, die andere hat Früchte getragen, was in der Stille geschah, aber immer deutlicher sichtbar wurde, und sie trägt auch weiterhin Früchte. Auf der einen Seite gibt es eine Auslegung, die ich“ – fügt der Hl. Vater hinzu – „‘Hermeneutik der Diskontinuität und des Bruches‘ nennen möchte; sie hat sich nicht selten das Wohlwollen der Massenmedien und auch eines Teiles der modernen Theologie zunutze machen können. Auf der anderen Seite gibt es die ‘Hermeneutik der Reform‘, der Erneuerung des einen Subjekts Kirche, die der Herr uns geschenkt hat, unter Wahrung der Kontinuität; die Kirche ist ein Subjekt, das mit der Zeit wächst und sich weiterentwickelt, dabei aber immer sie selbst bleibt, das Gottesvolk als das eine Subjekt auf seinem Weg.“ (im italienischen Original cf. Benedetto XVI., Insegnamenti, vol. I, 2005, Ed. Vaticana., Città del Vaticano 2006, S. 1023 ff.).

Wenn der Hl. Vater von zwei abweichenden Interpretationen oder Leseschlüsseln spricht, einer Interpretation der Diskontinuität oder des Bruches mit der katholischen Tradition, und einer der Erneuerung in der Kontinuität, dann bedeutet dies offenbar, daß die entscheidende Frage oder der wahrhaft ausschlaggebende Punkt zu Beginn der Schwierigkeiten, der Desorientierung und der Konfusion, die unsere Zeiten geprägt haben und noch prägen, nicht das II. Vatikanische Konzil als solches ist, nicht die objektive Lehre in seinen Dokumenten, sondern die Interpretation dieser Lehre.

In dieser Darstellung nehme ich mir vor, kurz zwei besondere Aspekte mit dem Ziel herauszuarbeiten, die sicheren Grundlagen einer korrekten Interpretation der konziliaren Lehre ins Licht zu rücken: Diese werden den Abweichungen und den Missverständnissen gegenüber gestellt, die von der Hermeneutik der Diskontinuität verursacht sind:
I. Die Einheit und Einzigkeit der katholischen Kirche
II. Die katholische Kirche und die Religionen in Bezug zum Heil

In der Konklusion am Ende möchte ich einige Überlegungen über die Ursachen der Hermeneutik der Diskontinuität mit der Tradition, vorlegen, indem ich vor allem die forma mentis hervorhebe, die dieser Hermeneutik zugrunde liegt.

I. Die Einheit und Einzigkeit der katholischen Kirche

pozzo021. Entgegen der Meinung, die von vielen Theologen vertreten wird, daß das II. Vaticanum radikale Änderungen in Bezug auf das Kirchenverständnis eingeführt habe, muß man vor allem feststellen, daß das Konzil für das, was die Lehre von der Kirche betrifft, auf dem Boden der Tradition bleibt. Dies schließt trotzdem nicht aus, daß das Konzil neue Ausrichtungen vorlegte und bestimmte Aspekte verdeutlichte. Die Neuheit gegenüber den Erklärungen vor dem Konzil besteht schon darin, daß das Verhältnis der katholischen Kirche gegenüber den orthodoxen Kirchen und den evangelischen Gemeinschaften, die durch die lutherische Reformation entstanden sind, als eigenes Thema behandelt wird und in einer förmlich positiven Art, während die Enzyklika Mortalium animos Pius XI. (1928), zum Beispiel, das Ziel verfolgte, die katholische Kirche von den christlichen, nicht katholischen Konfessionen klar abzugrenzen und zu unterscheiden.

2. Und trotzdem hält das II. Vaticanum entschieden an der Einheit und Einzigkeit der wahren Kirche fest, indem es sich auf die bestehende katholische Kirche bezieht: „Dies ist die einzige Kirche Christi, die wir im Glaubensbekenntnis als die eine, heilige, katholische und apostolische bekennen.“ (LG 8). An zweiter Stelle antwortet das Konzil auf die Frage, wo es möglich sei, die wahre Kirche zu finden: „Diese Kirche, in dieser Welt als Gesellschaft verfaßt und geordnet, ist verwirklicht in der katholischen Kirche“ (LG 8). Und um jedes Mißverständnis in Bezug auf die Identifikation der wahren Kirche Christi mit der katholischen Kirche zu vermeiden, wird hinzugefügt, daß es sich um die Kirche handle, „die vom Nachfolger Petri und von den Bischöfen in Gemeinschaft mit ihm geleitet wird“ (LG 8). Die einzige Kirche Christi hat also in der der katholischen Kirche ihre Verwirklichung, ihre Existenz, ihren Bestand. Es gibt keine andere Kirche Christi neben der katholischen Kirche. Damit wird bestätigt – zumindest implizit – daß die Kirche Jesu Christi nicht in sich selbst oder in ihrem Wesen gespalten ist und daß ihre unzertrennte Einheit nicht ausgelöscht worden ist durch die vielen Spaltungen der Christen.

Diese Lehre über die Unteilbarkeit der Kirche Christi, über ihre wesentliche Identifikation mit der katholischen Kirche, wurde unterstrichen in den Dokumenten der Kongregation für die Glaubenslehre Mysterium Ecclesiae (1973), Dominus Iesus, 16 und 17 (2000) und in denAntworten auf Fragen zu einigen Aspekten bezüglich der Lehre über die Kirche (2007).

Die Formulierung subsistit in von Lumen gentium 8 bedeutet, daß die Kirche Christi nicht verloren ging in den Ereignissen der Geschichte, sondern als einziges und ungeteiltes Subjekt in der katholischen Kirche fortbesteht. Die Kirche Christi subsistiert, findet sich und lässt sich erkennen in der katholischen Kirche. In diesem Sinn herrscht hier volle Kontinuität zu der Lehre, wie sie zuvor vom Lehramt vorgelegt worden ist (Leo XIII., Pius XI. und Pius XII.)

3. Mit der Formulierung „subsistit in“ wollte die Lehre des Konzils – in Übereinstimmung mit der katholischen Tradition – gerade jede Form des ekklesiologischen Relativismus ausschließen. Zugleich beabsichtigt die Ersetzung des „est“, wie es von der Enzyklika Mystici Corporis von Pius XII. gebraucht wurde, durch das „subsistit in“, sich dem ökumenischen Problem in einer direkteren und ausdrücklicheren Weise zu stellen, als dies in der Vergangenheit geschehen war. Obwohl die Kirche nur eine ist und sich in einem einzigen Subjekt findet, existieren dennoch außerhalb dieses Subjekts wahre und wirkliche kirchliche Elemente, die jedoch, da sie der katholischen Kirche gehören, zur katholischen Einheit drängen.

Das Verdienst des Konzils besteht einerseits darin, die Einzigkeit, die Unteilbarkeit und die Nicht-Multiplizierbarkeit der katholischen Kirche zum Ausdruck gebracht zu haben, andererseits darin, anerkannt zu haben, daß auch in den christlichen, nicht katholischen Konfessionen Gaben und Elemente existieren, die kirchlichen Charakter haben. Diese rechtfertigen es und drängen dazu, sich um die Wiederherstellung der Einheit aller Jünger Christi zu mühen. Der Anspruch, die einzige Kirche Christi zu sein, darf tatsächlich nicht dahingehend interpretiert werden, den wesentlichen Unterschied nicht zu würdigen, der zwischen den christlichen, nicht katholischen Gläubigen und den Nichtgetauften besteht. Was die Zugehörigkeit zur Kirche betrifft, ist es nämlich nicht möglich, die nicht katholischen Christen und jene, die nicht die Taufe erhalten haben, auf die gleiche Stufe zu stellen. Die Beziehung der christlichen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften mit der katholischen Kirche existiert nicht zwischen alles oder nichts, sondern zwischen teilweiser und voller Gemeinschaft.

4. In dem Paradox, sozusagen, des Unterschieds zwischen Einzigkeit der katholischen Kirche und Existenz von wirklich kirchlichen Elementen außerhalb dieses einzigen Subjekts, spiegelt sich der Widerspruch der Spaltung und der Sünde. Aber diese Teilung ist etwas ganz Anderes als jene relativistische Sicht, die die Teilung zwischen den Christen nicht als schmerzlichen Bruch, sondern als Ausdruck der verschiedenen doktrinellen Variationen ein und desselben Themas sieht, bei dem alle Variationen oder Abweichungen in gewisser Weise gerechtfertigt wären und sich untereinander als Unterschiede oder Abweichungen anerkennen und annehmen müßten. Daher kommt dann die Idee, daß die Ökumene in der wechselseitigen und respektvollen Anerkennung der Verschiedenheit bestehen müsse, und das Christentum am Ende das Gesamte der Fragmente der christlichen Wirklichkeit sei. Eine solche Interpretation des konziliaren Gedankengutes ist gerade Ausdruck jener Diskontinuität oder jenes Bruches mit der katholischen Tradition und stellt eine schwere Verfälschung des Konzils dar.

5. Um eine authentische Interpretation des Konzils auf der Linie einer Entwicklung in der wesentlichen Kontinuität mit der traditionellen Lehre der Kirche wiederzugewinnen, ist es notwendig zu unterstreichen, daß die Elemente der „Heiligung und der Wahrheit“, die die anderen Kirchen oder Gemeinschaften mit der katholischen Kirche gemeinsam haben, zusammen die Basis für die gegenseitige kirchliche Gemeinschaft und das Fundament bilden, das diese Kirche beziehungsweise Gemeinschaften in wahrhafter, authentischer und wirklicher Weise charakterisiert. Es wäre dennoch für die Vollständigkeit notwendig hinzuzufügen, daß insofern jene etwas zu eigen haben, das nicht von der katholischen Kirche geteilt wird und das so diese Gemeinschaften von ihr trennt, diese Gemeinschaften als nicht-Kirche kennzeichnet. Jene also sind „Werkzeuge des Heils“ (UR 3) für jenen Teil, den sie mit der katholischen Kirche gemeinsam haben und ihre Gläubigen können das Heil erlangen, indem sie diesem gemeinsamen Teil folgen; für jenen Teil jedoch, der der katholischen Kirche fremd oder ihr entgegengesetzt ist, sind sie nicht Werkzeuge des Heils (außer es handelt sich um das unüberwindbar irrende Gewissen; in diesem Fall ist ihr Irrtum nicht ihnen zuzuschreiben, obgleich man dennoch das Gewissen als irrend bezeichnen muß) [vgl. z. B. das Faktum der Weihe von Frauen zum Priestertum oder Episkopat oder die Weihe von homosexuellen Personen in gewissen anglikanischen oder altkatholischen Gemeinschaften].

6. Das II. Vaticanum lehrt daß alle Getauften als solche in Christus eingegliedert sind (UR 3), aber zugleich stellt es fest, daß man nur von einer aliqua communio, etsi non perfecta, zwischen den an Christus glaubenden und getauften nicht Katholiken einerseits und der katholischen Kirche andererseits sprechen könne (UR 3).

Die Taufe begründet das sakramentale Band der Einheit der Glaubenden in Christus. Dennoch ist sie per se sozusagen nur der Beginn und Anfang, weil die Taufe innerlich danach strebt, das ganze Leben in Christus zu erlangen. Deshalb ist die Taufe auf das unversehrte Bekenntnis des Glaubens hingeordnet, auf die vollständige Gemeinschaft in der von Christus gewollten Institution des Heils, die die Kirche ist, und schließlich auf die vollständige Einfügung in die eucharistische Gemeinschaft (UR 22). Es ist also evident, daß die Zugehörigkeit zur Kirche nicht vollständig bewahrt sein kann, wenn das Leben der Taufe ein objektiv defektes und verfälschtes sakramentales und doktrinelles Gefolge hat. Eine Kirche ist im vollen Sinne nur da auszumachen, wo sich die notwendigen und unverzichtbaren „heiligen“ Elemente vereint finden, die sie als Kirche begründen: Die apostolische Sukzession (die die Gemeinschaft mit dem Nachfolger Petri einschließt), die Sakramente, die Heilige Schrift. Wenn eines dieser Elemente fehlt oder mangelhaft vorhanden ist, wird die kirchliche Wirklichkeit in Proportion zum entsprechenden Mangel verfälscht. Insbesondere kann der Begriff „Kirche“ legitim auf die getrennten Ostkirchen angewandt werden, hingegen nicht auf die Gemeinschaften, die aus der Reformation hervorgegangen sind, weil bei jenen das Fehlen der apostolischen Sukzession und der Verlust des größten Teils der Sakramente und speziell der Eucharistie, einen wesentlichen Teil ihrer Kirchlichkeit verwunden und schwächen (cf. Dominus Iesus, 16 e 17).

7. Die katholische Kirche trägt alle Wahrheit in sich, weil sie Leib und Braut Christi ist. Trotzdem umfaßt sie diese ganze Wahrheit nicht in vollkommener Weise. Deshalb bedarf sie der Führung des Heiligen Geistes, dier sie „in die ganze Wahrheit“ führt (Joh 16, 13). Das Sein ist eines, ein anderes die volle Erkenntnis des Seins. Deshalb schreiten die Suche und die Erkenntnis voran und entwickeln sich. Auch die Glieder der katholischen Kirche leben nicht immer auf der Höhe ihrer Wahrheit und Würde. Deshalb kann die katholische Kirche im Verständnis der Wahrheit wachsen, im Sinn eines sich bewußt und reflektierten Aneignens von etwas, was sie ontologisch und daseinsmäßig schon ist. In diesem Kontext versteht man, dass der Nutzen und die Notwendigkeit des ökumenischen Dialogs darin besteht, wiederzugewinnen, was eventuell in gewissen Epochen an den Rand gedrängt oder vernachlässigt worden ist, und um Erkenntnisse in die Gesamtheit der christlichen Existenz zu integrieren, die zum Teil vergessen waren. Der Dialog mit den Nichtkatholiken ist weder steril noch formal, hat aber immer zur Voraussetzung, daß die Kirche sich bewußt ist, in ihrem Herrn die Fülle der Wahrheit und der Heilsmittel zu haben.

Diese genannten doktrinellen Akzentuierungen erlauben, eine Theologie zu entwickeln, die in voller Kontinuität zur Tradition steht und zugleich in einer Linie mit der Ausrichtung und der Vertiefung, die vom II. Vatikanischen Konzil und dem nachfolgenden Lehramt bis heute gewollt ist.

II. Die katholische Kirche und die Religionen im Bezug zum Heil

Es ist normal, daß in einer Welt, die immer mehr zusammenwächst bis dahin, ein globales Dorf hervorzubringen, auch die Religionen einander begegnen. So prägt heute die Koexistenz verschiedener Religionen immer mehr das tägliche Leben der Menschen. Dies führt nicht nur zu einer äußeren Annäherung von Anhängern verschiedener Religionen, sondern fördert das Interesse an Religionssystemen, die bislang unbekannt waren. Im kollektiven Bewußtsein des Westens überwiegt immer mehr die Tendenz des modernen Menschen, Toleranz und Freiheit zu kultivieren, indem man immer mehr den Anspruch des Christentums aufgibt, die „wahre“ Religion zu sein. Dieser Absolutheitsanspruch des Christentums, überliefert in der traditionellen Formulierung der einzigen Kirche, in der allein das Heil ist, stößt heute bei Katholiken und Protestanten auf Unverständnis und Ablehnung. Die klassische Formulierung „extra Ecclesiam nulla salus“ ersetzt man heute oft mit „extra Ecclesiam multa salus“.

Die Konsequenzen dieses religiösen Relativismus bleiben nicht nur auf der theoretischen Ebene, sondern sie haben zerstörerische Wirkungen pastoraler Art. Immer mehr verbreitet ist die Idee, daß die christliche Mission nicht mehr die Konversion der Heiden zum Christentum verfolgen dürfe, sondern die Mission sich darauf zu beschränken sollte, entweder Zeugnis des eigenen Glaubens zu geben und sich in der Solidarität oder in der brüderlichen Liebe einzusetzen für die Verwirklichung des Friedens unter den Völkern und der sozialen Gerechtigkeit.

In diesem Kontext kann man einen fundamentalen Mangel bemerken, nämlich den Verlust der Frage nach der Wahrheit. Indem die Frage nach der Wahrheit fehlt, d.h. nach der wahren Religion, unterscheidet sich das Wesen der Religion nicht mehr von seiner Verfälschung, d.h. der Glaube lässt sich nicht mehr vom Aberglauben unterscheiden, die authentische religiöse Erfahrung nicht mehr von der Illusion, die Mystik nicht mehr vom falschen Mystizismus. Ohne den Wahrheitsanspruch wird schließlich auch die Wertschätzung dessen, was richtig und gültig in den verschiedenen Religionen ist, widersprüchlich, weil das Kriterium der Wahrheit fehlt, um festzustellen, was es an Wahrem und Guten in den Religionen gibt.

Deswegen ist es heute dringend notwendig , die Grundlagen der katholischen Lehre über das Verhältnis zwischen Kirche und Religionen unter Berücksichtigung der Frage nach der Wahrheit und nach dem Heil in Erinnerung zu rufen. Dabei gilt es die tiefe Identität der christlichen Mission zur Evangelisierung zu schützen. Ich möchte hier die grundlegenden Aussagen des Lehramts zu diesem Themenkreis darlegen, um damit herauszustellen, wie auch in diesem Aspekt eine wesentliche Kontinuität des katholischen Denkens existiert, und dabei auch die verschiedenen Akzentuierungen und und Perspektiven hervorheben, die sich aus dem II. Vatikanischen Konzil und dem jüngeren päpstlichen Lehramt ergeben.

1. Der Missionsbefehl. Christus hat seine Apostel gesandt, damit sie „in seinem Namen“ „allen Völkern die Umkehr und die Vergebung der Sünden verkündigten“ (Lk 24, 47). „Lehret alle Völker, taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ (Mt 28, 19). Die Sendung zu taufen und damit die sakramentale Sendung ist inbegriffen in der Sendung zu evangelisieren, denn das Sakrament wird vorbereitet durch das Wort Gottes und durch den Glauben, der diesem Wort zustimmt (cf. KKK, 1122).

2. Ursprung und Ziel der christlichen Mission. Der Missionsbefehl des Herrn hat seinen letzten Ursprung in der ewigen Liebe der Allerheiligsten Dreifaltigkeit und das letzte Ziel der Mission ist nichts anderes als die Menschen teilhaben zu lassen an der Gemeinschaft, die zwischen Vater, Sohn und Heiligem Geist existiert. (cf. KKK, 850).

3. Heil und Wahrheit. „Gott will, daß alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen“ (1Tim 2, 4). Das bedeutet, daß „Gott will, dass alle durch die Erkenntnis der Wahrheit das Heil erlangen. Das Heil liegt in der Wahrheit.“ (Erklärung Dominus Iesus, 22). „Die Pflicht und die Dringlichkeit, das Heil und die Bekehrung zum Herrn Jesus Christus zu verkünden, wird durch die Gewissheit des universalen Heilswillens Gottes nicht gelockert, sondern verstärkt.“ (ebendort).

4. Die wahre Religion. Das II. Vatikanische Konzil „bekennt(…), Gott selbst hat dem Menschengeschlecht Kenntnis gegeben von dem Weg, auf dem die Menschen, ihm dienend, in Christus erlöst und selig werden können. Diese einzige wahre Religion, so glauben wir, ist verwirklicht in der katholischen, apostolischen Kirche, die von Jesus dem Herrn den Auftrag erhalten hat, sie unter allen Menschen zu verbreiten.“ (Erklärung Dignitatis humanae, 1).

5. Mission ad gentes und interreligiöser Dialog. Der inter-religiöse Dialog ist Teil der Sendung der Kirche zur Verkündigung des Evangeliums. „Wenn er als Methode und Mittel zur wechselseitigen Kenntnis und Bereicherung verstanden wird, steht er nicht in Gegensatz zur Missio ad gentes sondern hat vielmehr eine besondere Bindung zu ihr und ist sogar Ausdruck davon“ (Enzyklika Redemptoris missio, 55). „Der Dialog dispensiert nicht von der Evangelisierung“ (ebendort), noch kann er sie ersetzen, sondern er begleitet die Missio ad gentes. (cf. Kongregation für die Glaubenslehre, Erklärung Dominus Iesus, 2 und Lehrmäßige Note zu einigen Aspekten der Evangelisierung). Die Gläubigen können selbst von diesem Dialog profitieren, indem sie besser kennenlernen, „was immer an Wahrheit und Gnade schon bei den Heiden sich durch eine Art von verborgener Gegenwart Gottes findet“ (Erklärung Ad gentes, 9). Wenn die Gläubigen jenen die frohe Botschaft verkünden, die sie noch nicht kennen, tun sie es, um das Wahre und Gute, das Gott unter den Menschen und Völkern verbreitet hat, zu kräftigen, zu ergänzen und zu erhöhen und um diese Menschen von Irrtum und Bosheit zu reinigen „zur Herrlichkeit Gottes, zur Beschämung des Satans und zur Seligkeit des Menschen“ (ebendort). (KKK, 856).

6. Was die Beziehung zwischen Christentum, Judentum und Islam betrifft, bekräftigt das Konzil keinesfalls die Theorie, die sich im Bewußtsein der Gläubigen verbreitet, nach der alle drei monotheistischen Religionen (Judentum, Islam und Christentum) drei Zweige der gleichen göttlichen Offenbarung seien. Die Achtung vor den monotheistischen Religionen verkleinert und beschränkt in keiner Weise den Missionsauftrag der Kirche: „Unablässig verkündet die Kirche und muß sie verkündigen Christus, der ist ‚der Weg, die Wahrheit und das Leben‘ (Joh 14,6), in dem die Menschen die Fülle des religiösen Lebens finden“ (Nostra aetate, 2).

7. Die Verbindung der Kirche zu den anderen nichtchristlichen Religionen

„Die Kirche anerkennt bei den anderen Religionen, wenn auch erst ‚in Schatten und Bildern‘, (Dogmatische Konsitution Lumen gentium, 16) ihre Suche nach ‚einem unbekannten Gott‘, der aber nahe ist, ‚da er allen Leben, Atem und alles gibt.‘ Somit betrachtet die Kirche alles, was sich in den Religionen an Wahrem und Gutem findet, ‚als Vorbereitung für die Frohbotschaft und als von dem gegeben (…)‚ der jeden Menschen erleuchtet, damit er schließlich das Leben habe‘ (ebendort)“ (KKK, 843).

„Das religiöse Verhalten der Menschen weist aber auch Grenzen und Irrtümer auf, die das Gottesbild entstellen“ (KKK, 844): „Vom Bösen getäuscht, wurden freilich die Menschen oft eitel in ihren Gedanken, vertauschten die Wahrheit Gottes mit der Lüge und dienten der Schöpfung mehr als dem Schöpfer oder sind, ohne Gott in dieser Welt lebend und sterbend, der äußersten Verzweiflung ausgesetzt“ (Dogmatische Konstitution Lumen gentium, 16).

8. Die Kirche – das universale Heilssakrament. „Das Heil kommt von Christus durch die Kirche, die sein Leib ist“ (cf. KKK, 846). „Es ist vor allem fest zu glauben, daß die ‚pilgernde Kirche zum Heile notwendig ist. In der Tat ist Christus der alleinige Mittler und Heilsweg; er macht sich uns gegenwärtig in seinem Leib, der die Kirche ist‘ (Dogmatische Konstitution Lumen gentium, 14)“ (Dominus Iesus, 20). „Die Kirche ist das universale Heilssakrament“ (Dogmatische Konstitution Lumen gentium, 48), weil sie ihrem Haupt, dem Heiland Jesus Christus, immer auf geheimnisvolle Weise geeint und ihm unterstellt ist, hat sie im Plan Gottes einen unabdingbaren Bezug zum Heil jedes Menschen.

9. Die Bedeutung und Funktion der Religionen in der Heilsordnung. „Was immer der Geist im Herzen der Menschen und in der Geschichte der Völker, in den Kulturen und Religionen bewirkt, hat die Vorbereitung der Verkündigung zum Ziel (Praeparatio evangelica)“ (Enzyklika Redemptoris missio, 29). „Es ist demnach legitim aufrecht zu erhalten, daß der Heilige Geist das Heil bei den Nichtchristen auch durch jene Elemente der Wahrheit und des Guten wirkt, die in den anderen Religionen vorhanden sind; aber es ist vollkommen irrig und der katholischen Lehre zuwider ‚diese Religionen, in sich betrachtet, als Heilswege zu sehen, auch weil es in ihnen Lücken, Mängel und Irrtümer gibt, die fundamentale Wahrheiten über Gott, den Menschen und die Welt betreffen“ (Kongregation für die Glaubenslehre, Notifikation bezüglich des Buches von P. Jacques Dupuis, S.J., ‚ „Verso una teologia del pluralismo religioso“, 8).

Zusammenfassend tritt klar hervor, daß die authentische Verkündigung der Kirche in Bezug auf ihren Absolutheitsanspruch sich nicht wesentlich mit der Lehre des II. Vaticanums geändert hat. Das Konzil verdeutlicht einige Motive die jene Lehre vervollständigen, indem ein polemischer und streitsüchtiger Kontext vermieden und die doktrinellen Elemente, in ihrer Integrität und Ganzheit betrachtet, ins Gleichgewicht gerückt werden.

Konklusion

Was steht am Ursprung der Interpretation der Diskontinuität oder des Bruches mit der Tradition?

Hier steht das, was wir als nachkonziliare oder genauer gesagt para-konziliare Ideologie bezeichnen können, die sich seit Beginn des Konzils bemächtigt hatte, indem sie sich ihm überstülpte. Dieser Ausdruck bezieht sich nicht etwa auf die Texte des Konzilsund noch weniger auf die Intention der handelnden Subjekte, sondern auf den Interpretationsrahmen, in den das Konzil gestellt wurde und der wie eine Art innere Konditionierung bei der weiteren Lektüre der Fakten und Dokumente des Konzils gewirkt hat. Das Konzil ist keinesfalls die para-konziliare Ideologie, aber in der Geschichte der kirchlichen Ereignisse und der Massenkommunikationsmittel hat eben zu einem großen Teil die Verfälschung des Konzils gewirkt, das heißt die para-konziliare Ideologie. Um alle Konsequenzen der para-konziliaren Ideologie als historisches Ereignis deutlich hervortreten zu lassen, müßte man die 68er Revolution untersuchen, die als Prinzip die Haltung des Bruchs mit der Vergangenheit und die radikale Änderung der Geschichte angenommen hat. In der para-konziliaren Ideologie bedeutet 1968 eine neue Gestalt der Kirche im Bruch mit der Vergangenheit, auch wenn sich die Wurzeln dieses Bruches bereits in älteren kirchlichen Gruppierungen finden lassen.

Dieses Interpretationsrahmen, der sich von außen dem Konzil überstülpt, kann hauptsächlich durch folgende drei Faktoren charakterisiert werden:

1) Der erste Faktor ist der Verzicht auf das Anathem, das heißt auf die klare Gegenüberstellung von Orthodoxie und Häresie.

Im Namen der sogenannten pastoralen Ausrichtung des Konzils kommt die Idee auf, daß die Kirche auf die Verurteilung des Irrtums, auf die Definition der Orthodoxie in Gegenüberstellung zur Häresie verzichten würde. Man stellt die Verurteilung der Irrtümer und das Anathem, das in der Vergangenheit von der Kirche über alles verkündet worden war, was mit der christlichen Wahrheit unvereinbar ist, , dem pastoralen Charakter der Lehre des Konzils gegenüber, das jetzt nicht darauf aus wäre, zu verurteilen oder Irrtümer deutlich zu machen, sondern nur zu ermahnen, zu veranschaulichen oder zu bezeugen.

In Wirklichkeit gibt es keinen Widerspruch zwischen der entschlossenen Verurteilung oder Widerlegung der Irrtümer auf dem Gebiet der Lehre oder Moral und den Haltungen der Liebe gegenüber dem, der dem Irrtum verfällt, und des Respekts vor seiner Würde als Person. Im Gegenteil, gerade weil der Christ großen Respekt für die menschliche Person hat, setzt er sich über alle Grenzen hinweg dafür ein, sie vom Irrtum und von falschen Interpretationen der religiösen oder moralischen Wirklichkeit zu befreien.

Die Anhänglichkeit an die Person Jesu Christi, den Sohn Gottes, an sein Wort und sein Heilsgeheimnis, erfordert eine einfache und klare Antwort des Glaubens, wie sie sich in den Glaubensbekenntnissen und in der regula fidei findet. Die Verkündigung der Glaubenswahrheit schließt immer auch die Widerlegung des Irrtums und seine Kenntlichmachung, also die (früher) so genannten „theologischen Zensuren“ jener doppeldeutigen und gefährlichen Positionen ein, die Unsicherheit und Verwirrung unter den Gläubigen verbreiten.

Es wäre demnach falsch und unbegründet, zu meinen, daß nach dem II. Vatikanischen Konzil das dogmatische Reden und Verurteilungen von Seiten des Lehramtes aufgegeben oder ausgeschlossen werden müssen. Genauso wäre es andererseits falsch, zu meinen, daß der erklärende und pastorale Charakter der Dokumente des II. Vatikanischen Konzils keine Lehre einschlösse, die eine Zustimmung von Seiten der Gläubigen erforderte, gemäß dem unterschiedlichen Grad der Autorität der vorgetragenen Lehren.

2) Der zweite Faktor ist die Übersetzung des katholischen Denkens in die Kategorien der Moderne. Die Öffnung der Kirche für die Ansprüche und Erfordernisse der Moderne (siehe Gaudium et Spes) wird von der para-konziliaren Ideologie als Notwendigkeit einer Versöhnung zwischen dem Christentum und dem philosophischen und ideologischen Denken in der modernen Kultur interpretiert. Es handelt sich hierbei um ein theologisches und intellektuelles Unterfangen, das im Wesentlichen die Idee des Modernismus wieder hervorholt, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts vom heiligen Pius X. verurteilt worden war.

Die neo-modernistische und säkularisierende Theologie hat sich um eine Begegnung mit der modernen Welt gemüht, genau am Vorabend des Zerfalls der „Moderne“. Mit dem Niedergang des sogenannten „realen Sozialismus“ 1989 sind diese Mythen der Moderne und der Irreversibilität der Emanzipation von der Geschichte gefallen, die die Postulate des Soziologismus und Säkularismus dargestellt haben. Auf das Paradigma der Moderne folgt in der Tat heute das post-moderne Paradigma des „Chaos“ oder der „pluralistischen Vielschichtigkeit“, dessen Fundament der radikale Relativismus ist. In der Homilie zur Feier der Liturgie „Pro eligendo Pontifice“ (18/04/2005) des damaligen Kardinals Joseph Ratzinger am Tag, bevor er zum Papst gewählt wurde, wird der Kern der Frage klar umrissen: „Wie viele Glaubensmeinungen haben wir in diesen letzten Jahrzehnten kennengelernt, wie viele ideologische Strömungen, wie viele Denkweisen… Das kleine Boot des Denkens vieler Christen ist nicht selten von diesen Wogen zum Schwanken gebracht, von einem Extrem ins andere geworfen worden: vom Marxismus zum Liberalismus bis hin zum Libertinismus; vom Kollektivismus zum radikalen Individualismus; vom Atheismus zu einem vagen religiösen Mystizismus; vom Agnostizismus zum Synkretismus, und so weiter. (…) Einen klaren Glauben nach dem Credo der Kirche zu haben, wird oft als Fundamentalismus abgestempelt, wohingegen der Relativismus, das sich ‚vom Windstoß irgendeiner Lehrmeinung Hin-und-hertreiben-lassen‘, als die heutzutage einzige zeitgemäße Haltung erscheint. Es entsteht eine Diktatur des Relativismus, die nichts als endgültig anerkennt und als letztes Maß nur das eigene Ich und seine Gelüste gelten läßt“.

In Anbetracht dieses Prozesses muß man vor allem den metaphysischen Sinn der Wirklichkeit wiedergewinnen (vgl. die Enzyklika Fides et ratio von Papst Johannes Paul II.) und eine Vision des Menschen und der Gesellschaft, die sich auf absolute, überzeitliche und dauerhafte Werte gründet. Diese metaphysische Sicht darf nicht absehen von einer Reflexion der Rolle der Gnade in der Geschichte, das heißt des Übernatürlichen, dessen Verwalter die Kirche, der Mystische Leib Christi, ist. Die Wiedergewinnung des metaphysischen Sinns mit demlumen rationis (Licht des Verstandes) muß parallel einhergehen mit jener des übernatürlichen Sinns mit dem lumen fidei (Licht des Glaubens).

Im Gegensatz dazu meint die para-konziliare Ideologie, daß die christliche Botschaft nach den Kategorien der modernen außerkirchlichen und gegen die Kirche gerichteten Kultur säkularisiert und neuinterpretiert werden müsse, indem man die Integrität des Glaubens aufs Spiel setzt, und sei unter dem Vorwand einer „angemessenen Anpassung“ an die Zeit. Das Resultat sind Säkularisierung der Religion und Verweltlichung des Glaubens.

Eines der Instrumente zur Verweltlichung der Religion gründet sich auf der Forderung, sie zu modernisieren, indem man sie dem modernen Geist anpaßt. Diese Forderung hat die katholische Welt dazu gebracht, sich für ein „aggiornamento“ (eine Aktualisierung) einzusetzen, das in Wirklichkeit dazu führte, die kirchliche Denkweise immer mehr und teils unbewusst dem herrschenden Subjektivismus und Relativismus anzugleichen. Dieses Nachgeben hat zu einer Verunsicherung unter den Gläubigen geführt, indem es sie der Sicherheit des Glaubens und der Hoffnung auf das ewige Leben als vorrangiges Ziel der menschlichen Existenz beraubte.

3) Der dritte Faktor ist die Interpretation des vom II. Vatikanischen Konzil gewollten „Aggiornamento“ (der vom II. Vatikanischen Konzil gewollten Aktualisierung).

Mit dem Begriff „aggiornamento“ („Aktualisierung“) wollte Papst Johannes XXIII. die vorrangige Aufgabe des II. Vatikanischen Konzils bezeichnen. Dieser Begriff jedoch drückte im Denken des Papstes und des Konzils nicht das aus, was dagegen in seinem Namen bei der ideologischen Rezeption der Nachkonzilszeit geschehen ist. „Aggiornamento“ wollte in der päpstlichen und konziliaren Bedeutung die pastorale Absicht der Kirche zum Ausdruck bringen, die am besten angemessenen und angebrachten Mittel zu finden, um das gesellschaftliche Bewußtsein der heutigen Welt dahin zu führen, die ewige Wahrheit der heilbringenden Botschaft Christi und der Lehre der Kirche zu erkennen. Liebe zur Wahrheit und missionarischer Eifer für das Heil der Menschen sind die zugrundeliegenden Prinzipien der Durchführung des „aggiornamento“, wie es vom II. Vatikanischen Konzil und dem nachfolgenden päpstlichen Lehramt gewollt und gedacht war.

Von der para-konziliaren Ideologie hingegen, die vor allem durch die neomodernistischen katholischen intellektuellen Gruppierungen und die Zentren der säkularen Massenmedien verbreitet wurde, wird der Begriff „aggiornamento“ verstanden und vorgestellt als Umkehrung der Kirche angesichts der modernen Welt: vom Antagonismus zur Aufgeschlossenheit. Die ideologische Modernität – die sicher nicht mit der legitimen und positiven Autonomie der Wissenschaft, der Politik, der Künste, des technischen Fortschritts verwechselt werden darf – hat sich auf das Prinzip der Ablehnung Gottes, der christlichen Offenbarung und der Gnade gegründet. Sie ist also gegenüber dem Glauben nicht neutral. Das, was an eine Versöhnung der Kirche mit der modernen Welt denken ließ, führt so paradoxerweise dazu, zu vergessen, daß der antichristliche Geist der Welt fortwirkt in der Geschichte und in der Kultur. Die nachkonziliare Situation wurde schon von Paul VI. wie folgt beschrieben:

„Durch eine Ritze ist der Rauch Satans in den Tempel Gottes eingedrungen: Es gibt den Zweifel, die Unsicherheit, die Problemstellung, die Unruhe. Der Zweifel ist in unser Bewußtsein eingedrungen und er ist eingedrungen durch Fenster, die hingegen hätten geöffnet sein sollen für das Licht. Auch in der Kirche regiert dieser Status der Unsicherheit. Man glaubte, nach dem Konzil sei ein Sonnentag für die Geschichte der Kirche gekommen. Gekommen ist hingegen ein Tag, der vernebelt ist, ein Tag mit Unwetter, Finsternis, Suche und Unsicherheit. Wie ist dies geschehen? Wir vertrauen Euch einen Unserer Gedanken an: Es gab den Eingriff einer widrigen Macht: Sein Name ist der Teufel, dieses mysteriöse Sein, auf das man auch im Brief des hl. Petrus anspielt.“ (italienisches Original in Paolo VI., Insegnamenti, Ed. Vaticana, vol. X., 1972, p. 707).

Leider sind die Wirkungen, die von Paul VI. festgestellt wurden, nicht verschwunden. Ein fremdes Denken ist in die katholische Welt eingedrungen, das Verwirrung hervorbringt, viele Seelen verführt und die Gläubigen desorientiert. Hier ist ein „Geist der Selbstzerstörung“, der den Modernismus erfüllt, der sich – unter anderem – zu einem großen Teil der katholischen Publizistik bemächtigt hat. Dieses der katholischen Lehre fremde Denken kann man zum Beispiel unter zwei Aspekten feststellen:

Ein erster Aspekt ist die soziologische Sicht des Glaubens, das heißt, eine Interpretation, die das Soziale als Schlüssel zur Bewertung der Religion nimmt und die zu einer Verfälschung des Verständnisses der Kirche nach einem demokratischen Modell geführt hat. Wenn man die heutigen Diskussionen über die Disziplin, das Recht, über die Art, die Liturgie zu feiern, beobachtet, kann man nicht vermeiden, festzustellen, daß dieses falsche Kirchenverständnis unter den Theologen und Laien verbreitet ist, gemäß dem Slogan: Wir sind das Volk, wir sind die Kirche. Das Konzil bietet tatsächlich keinerlei Fundament zu dieser Interpretation, weil das Bild vom Volk Gottes, das auf die Kirche angewandt wird, immer gebunden ist an das Verständnis der Kirche als Geheimnis, als sakramentale Gemeinschaft des Leibes Christi, der sich zusammensetzt aus einem Volk, das ein Haupt hat und aus einem sakramentalen Organismus, der sich aus hierarchisch geordneten Gliedern zusammensetzt. Die Kirche kann daher keine Demokratie werden, in der die Macht und die Souveränität vom Volk ausgehen, weil die Kirche eine Wirklichkeit ist, die von Gott kommt und gegründet wurde von Jesus Christus. Sie ist Mittlerin des göttlichen Lebens, des Heils und der Wahrheit und sie hängt ab von der Souveränität Gottes, die eine Souveränität der Gnade und der Liebe ist. Die Kirche ist zugleich Gabe der Gnade und institutionelle Struktur, weil es so ihr Gründer gewollt hat: Indem er die Apostel berief, „setzte Jesus die Zwölf ein“ (Mk 3, 14).

Eine zweiter Aspekt, auf den ich Ihre Aufmerksamkeit lenken möchte, ist die Ideologie des Dialogs. Dem Konzil und der Enzyklika Pauls VI.Ecclesiam suam gemäß, ist der Dialog ein wichtiges und unverzichtbares Mittel für das Gespräch der Kirche mit den Menschen der eigenen Zeit. Aber die para-konziliare Ideologie wandelt den Dialog um, von einem Mittel zu einem Zweck und dem hauptsächlichen Ziel der pastoralen Tätigkeit der Kirche. Sie ist sinnentleerend und verdunkelt die Dringlichkeit und den Aufruf zur Bekehrung zu Christus und zur Zugehörigkeit zu Seiner Kirche.

Gegen solche Verirrungen, ist es notwendig, das spirituelle und kulturelle Fundament der christlichen Zivilisation wiederzufinden und wiederzugewinnen, das heißt den Glauben an Gott, den Transzendenten und den Schöpfer, an seine Vorsehung und sein Gericht, an seinen eingeborener Sohn, der Mensch geworden, gestorben und auferstanden ist für die Erlösung der Welt und der die Gnade des Heiligen Geistes ausgegossen hat zur Vergebung der Sünden und um die Menschen der göttlichen Natur teilhaft zu machen. Die Kirche, Leib Christi, göttlich-menschliche Institution, ist das universale Heilssakrament, und die Einheit der Menschen, deren Zeichen und Werkzeug die Kirche ist, geschieht in dem Sinn, die Menschen mit Christus zuvereinen mittels seines Leibes, der die Kirche ist.

Die Einheit des ganzen Menschengeschlechtes, von dem LG 1 spricht, darf also nicht in dem Sinne verstanden werden, die Einheit oder Wiedervereinigung der verschiedenen Ideen oder Religionen oder Werte in einem „gemeinsamen und übereinstimmenden Reich“ zu erlangen, sondern sie wird erreicht, indem alle zur einzigen Wahrheit zurückgeführt werden, deren Verwalterin die katholische Kirche ist, weil Gott selbst sie ihr anvertraut hat. Keine Harmonisierung von „verschiedenen und fremden Lehren“, sondern unverkürzte Verkündigung des Schatzes der christlichen Wahrheit. Dies im Respekt der Gewissensfreiheit und unter Würdigung der Strahlen der Wahrheit, die ausgestreut sind im Universum der kulturellen Traditionen und der Religionen der Welt, indem man sich aber zugleich den Sichtweisen widersetzt, die nicht mit der Wahrheit übereinstimmen, die Gott in Christus geoffenbart hat, und nicht mit ihr kompatibel sind.

Ich schließe, indem ich zu den Interpretationskategorien zurückkehre, die von Papst Benedikt in der Ansprache an die Römische Kurie vorgeschlagen wurden und die ich am Beginn zitiert habe. Sie beziehen sich nicht auf das gewöhnliche und obsolete Dreierschema: Konservative, Progressive, Gemäßigte, sondern sie gründen sich auf ein ausgezeichnetes theologisches Gleis: zwei Hermeneutiken, jene des Bruchs und jene der Reform in der Kontinuität. Es ist notwendig, jene letztgenannte Richtung zu nehmen, um die kontroversen Punkte anzugehen, indem man gleichsam das Konzil vom Para-Konzil befreit, das sich mit ihm vermischt hat und indem man das Prinzip der Integrität der katholischen Lehre und der vollkommenen Treue zum depositum des Glaubens bewahrt, der durch die Tradition überliefert und vom Lehramt der Kirche treu ausgelegt wird.

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Quelle

[„Kardinal“] Hans Urs von Balthasar: KLARSTELLUNGEN: TRADITION [2]

Wie es in der Kirchengeschichte konkret zugeht, zeigt ansatzweise die Apostelgeschichte, die ein Anfang ist; zeigen die Apostelbriefe, die — mitten in der Problematik der einzelnen Gemeinden, an denen es viel zu rügen und zu reformieren gibt — das Prinzip der lebendigen Einheit von Christus und Kirche im gemeinsamen Heiligen Geist versichtbaren. Wir heben drei Punkte heraus.

a) Das Mysterium der Menschwerdung Gottes in Christo, seines Leidens für die Welt im ganzen, seines Sieges in der Rückkehr zum Vater, ist so unerschöpflich, daß es nach immer neuer Betrachtung ruft, neu umdacht, umforscht, reicher und wenn möglich präziser formuliert werden will. Wo es offensichtlich, rechts oder links, ver­fehlt wird, müssen richtunggebende Formeln jenen Weg der Mitte weisen, der das Mysterium unangetastet läßt. Das ist der Sinn der „Ausführungsbestimmungen“, wie sie die ersten ökumenischen Konzilien geben. Es ist ferner sinnvoll, daß vom Hintergrund des alttestamentlichen Geschichtshandelns Gottes her, das konzentrisch auf Jesus Christus zuläuft, der Versuch gedanklicher Ausfächerung der in der neutestamentlichen Spitze geballten göttlichen Wahrheit unternommen wird, in theologisch-dogmatischer Arbeit. Diese Entfaltungen werden zwar zeitbedingt bleiben, aber wo sie beim Wesentlichen verharren, auch Wesentliches und Unverlierbares zei­tigen, das auf den weiteren Weg mitgenommen werden muß. Die Theologie der Kirchenväter und Scholastiker läßt sich nicht einzig an den expliziten Aussagen der Heiligen Schrift messen, und die Ausfaltung ist nicht als entbehrliche, ja schädliche Zutat fallen­zulassen. Man würde sonst den Jüngling am Kind, den wachsenden Strauch am Samenkorn messen. Nur wer die große Tradition nicht oder bloß oberflächlich (und damit eben doch nicht) kennt, sie nach Schlagworten beurteilt, nie von ihrer theologischen Fülle überwältigt wurde, kann die Schrift gegen die Tradition ausspielen. Freilich muß man immer den ganzen Geschichtsgang im Blick be­halten: man muß neben Irenäus Origenes sehen, diesen neben Au­gustinus, darf sich auch nicht auf Augustinus als „Vater des Abend­landes“ festlegen, sondern erkennen, wie sich in Thomas von Aquin eine neue Öffnung zur „weltlichen Welt“ anbahnt, sich wiederum nicht auf Thomas als unüberholbaren Höhepunkt versteifen, son­dern seine Bezogenheit nach rückwärts und vorwärts im Auge be­halten. Aber nicht weil bei Thomas gewisse biblische Dimensionen fehlen (doch wer liest seine Bibelkommentare?) und bei Augustinus einige spätantike Relikte nicht völlig abgestreift sind, können wir heute (als Zwerge neben diesen Riesen) ihre gewaltige Leistung verachten und von vorn anfangen. Die Riesen waren demütig; wir Zwerge sind überheblich.

b) Christentum ist nicht bloße Theorie, sondern Praxis — Gott handelt, nur handelnd kann der Mensch antworten —, deshalb gibt es hier eine nur durch Handeln zu gewinnende Erfahrung und Gewißheit. Wer den Willen des sendenden Vaters tut, „wird in­newerden, ob meine Lehre von Gott stammt oder ob ich aus mir selber rede“ (Jo 7, 17). Wer ihn nicht tut, dem schaut aus dem Spie­gel nur das eigene Gesicht entgegen, und sobald er sich abwendet, vergißt er schon wieder dieses Gesicht (so unbedeutend ist es): Jak 1, 24. Seit Abraham hört Gott selber nicht auf, den Glauben der Seinen zu „erproben“; wie werden sie sich verhalten, wenn es ernst gilt?, da kommt die Wahrheit ans Licht. Kirchliche Tradition ist eine Kette von weitergereichter christlicher Erfahrung, deshalb auch von erfolgten Unterscheidungen — Bewährung oder Entlarvung ­im Ernstfall. Diesen gibt es sowohl im verborgenen Alltag wie im öffentlichen Bekenntnis wie schließlich im Blutzeugnis. Der verbor­gene Ernstfall ist für die lebendige Tradition nicht weniger wichtig als das spektakuläre Martyrium, er ereignet sich täglich, wo Eltern ihren Kindern ihre christliche Erfahrung vorleben und sie mit oder ohne Worte überliefern, wo ein christliches Beispiel bewußt oder unbewußt zündet und der Funke des Glaubens, der Hoffnung, der Liebe überspringt, wo aus gelebtem Christsein (und nicht nur am grünen Tisch der Pastoralsoziologen!) christliche Phantasie schöpferisch neue Wege der Kirche zu den Menschen ausdenkt. Die Wege werden nicht primär aufgrund von Enttäuschungen mit den alten ungangbar gewordenen entdeckt, sondern aus geheimnis­vollen gelebten Erfahrungen der Wirklichkeit Jesu Christi. Und weil man Erfahrungen entweder macht oder nicht macht, läßt sich darüber kaum disputieren; Erfahrungen beweist man nicht, kann höchstens einladen, sie mitzuvollziehen. Wer das nicht will, hat leichtes Spiel: er braucht nur zu behaupten, „nach seiner Erfahrung“ sei „Gott tot“, er jedenfalls sei ihm nie lebendig begegnet; wenn Christen früherer Zeiten solche Begegnungen massenhaft wider­fahren seien, so gehe ihn das nichts an (er als Psychologe vermute hier Massensuggestion), und wenn Erfahrung ein Kriterium christ­licher Wahrheit sein solle, so werde jede Volksabstimmung eindeu­tig beweisen, daß die Zeit dieser Wahrheit um sei, und so fort. Der Ton verrät, daß der Redende sich nicht die Mühe nehmen wird, in den Kreis von Gabe und Empfang einzutreten. Man kann es nicht leugnen: das Katholisch-Allgemeine war in seiner ganzen Tradition doch zuletzt esoterisch. Erfahrung endgültiger Hingabe zwischen Mann und Frau (gemeint ist nicht jeder zufällige Geschlechtsakt) ist immer einmalig, lebenbesiegelnd. Der Bund zwischen Gott und Mensch, der in Jesus Christus bis ins Innerste dringt und dort ver­siegelt wird, ist in der Schrift öfter mit dem Ehebund verglichen worden. Die Christen überliefern einander dieses „heilig-öffentliche Geheimnis“; sie wissen, was die kostbare Perle wert ist und weshalb man sie nicht vor die Schweine wirft.

c) Die großen Erfahrer waren stets die Heiligen. Kirchenge­schichte ist doch wohl vor allem Geschichte der Heiligen. Der be­kannten und unbekannten. Sie, die alles auf eine Karte gesetzt haben und durch ihr Wagnis zu lauteren Spiegeln wurden, haben in rei­chem Spektrum das Licht von innen in unser dunkles Außen ge­worfen. Sie sind die große Auslegungsgeschichte des Evangeliums, echter und beweiskräftiger als alle Exegese. Sie sind Beweis sowohl der Fülle wie der Präsenz. Man sollte sich hüten, Dinge, die sie von Jahrhundert zu Jahrhundert immer neu erfuhren, als überholt abzutun (etwa ihre Begegnungen mit den Engeln Gottes und mit dem Dämon: bis hin zu Vianney und Don Bosco). Oder den reinen Spiegel Bernadettes und was er von der Wahrheit Marias aufstrahlen läßt, geringzuachten neben irgendwelchen exegetischen Fündlein. Es wird heute viel über die Zeitbedingtheit des Weltbilds der Heili­gen gesagt und geschrieben, und manches davon ist richtig. Das enthebt uns nicht der Aufgabe, uns ihrem zentralen Anliegen zu stellen: ihrem unbedingten Ernstmachen mit der Liebe zu Gott in Christus und — aus dieser Enteignung in die absolute Liebe — ihrem Sich-übereignenlassen an die Mitmenschen. So, in dieser Reihen­folge, nicht umgekehrt. Nächstenliebe war bei ihnen nie ein Ersatz für die Gottes- und Christusliebe. Ihre Liebe entzündet sich daran, daß sie sich absolut geliebt wissen und der absoluten Liebe mit ihrer ganzen Existenz antworten möchten. Man braucht, um das Modell zu haben, nur auf Paulus zu sehen, der sich insofern als „Vorbild“ hinstellt, als er ganz zum Modell Christus enteignet ist. Oder fast noch besser auf „den Jünger, den Jesus liebte“ und für den Christus- und Nächstenliebe untrennbar sind vom Glauben an den absoluten Vorrang der Liebe des dreieinigen Gottes zu uns (1 Jo 3, 16; 4, 10). Verzagen wir nicht, als ob es in unserer Zeit solche Liebende und Bekennende nicht mehr gebe. Die Tradition bricht nicht ab.

Die Tradition ist ebenso nötig wie die Schrift. Diese legt sich (oder besser ihren Inhalt: Christus) immer neu in die, christliche Existenz hinein aus. Jene entfernt sich nicht vom Ursprung, sondern läßt ihn (hinblickend auf die Schrift) je-jetzt kraft des geschenkten Heiligen Geistes Gegenwart sein. Kirche wächst als Leib, wenn auch nicht nach den feststellbaren Gesetzen innerweltlicher Evolution. Aber wäre Maria nicht durch dreiunddreißig Jahre gewachsen, so hätte sie schwerlich unter dem Kreuz stehen können. Wäre Kirche diese zweitausend Jahre nicht beharrlich gewandert, so fehlte ihr die Erfahrung, eine Situation wie die heutige zu bestehen. Wir Chri­sten sind keine Individuen, die, ohne Eltern oder im Aufstand gegen sie, die nicht nachkommen, uns allein in der Gegenwart zurecht­finden müßten. Wir sind und bleiben Glieder der Kirche, Zweige an ihrem Baum, genährt von den Säften ihrer gesamten Erfahrungen, die zuletzt aus den unergründlichen Erfahrungen Jesu Christi aufsteigen. Diesen in uns wirkenden Kräften sollen wir trauen, auch sie vermitteln uns — unentbehrlich — in das Unmittelbare hinein.

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Quelle: Hans Urs von Balthasar: Klarstellungen – Zur Prüfung der Geister, Herderbücherei, Band 393, 1971

Bischof Antonio de Castro Mayer: „AGGIORNAMENTO“ UND TRADITION

Hirtenbrief von Ostern 1971 von S. Exz. Antonio de Castro Mayer, Bischof von Campos/Brasilien

(Von mir, Paul O. Schenker, aus dem Portugiesischen übersetzt aus „Catholicismo“, Nr. 246, Juni 1971 [siehe „DAS ZEICHEN MARIENS“, 5. Jg. Nr. 5, September 1971, Seiten 1337-1341/1343])

D. Antonio de Castro Mayer, durch die Barmherzigkeit Gottes und die Gnade des Heiligen Stuhles Bischof von Campos (Brasilien), an den hochwürdigsten Welt- und Ordensklerus, an die Ordensfrauen des Ehrwürdigen Dritten Ordens Unserer Lieben Frau vom Berge Karmel, an die frommen Gebets-Bruder­schaften und Apostolatsvereinigungen, und an die Gläubigen der Diözese von Campos im allgemeinen, Heil, Friede und Segen in Unserem Herrn Jesus Christus.

Eifrige Mitarbeiter und geliebte Söhne,

Am 21. November des vergangenen Jahres, in dem an Unsere vielgeliebten Priester gerichteten Rundschreiben, versuchten Wir, einmal mehr, in ihnen und in den Gläubigen die Wachsamkeit den Gefahren gegenüber zu beleben, welche durch ein falsches „Aggiornamento“ die Unversehrtheit des Glaubens und die Reinheit der christlichen Sitten bedrohen. Bereits in vorausgehenden Dokumenten befassten Wir Uns mit den Versuchungen, welchen euer Glaube, geliebte Söhne, ausgesetzt ist, und wir rufen euch dringend auf zur Wachsamkeit und zum Gebet. Im Rundschreiben vom 21. November bezogen Wir Uns insbesondere auf die Ehrfurcht, die den Heiligen Sakramenten gebührt, mit welcher wir öffentlich Zeugnis ablegen für unseren Glauben an die Geheimnisse, die wir anbeten. Wir hoben damals  die Wichtigkeit der Warnung hervor, in Anbetracht dessen, daß der Glaube zum Heil unbedingt erforderlich ist, da es ohne ihn unmöglich ist, Gott zu gefallen —„sine fide impossibile est placere Deo“ (Heb. 11,6).

Am 8. Dezember des selben verflossenen Jahres, anlässlich des 5. Jahrestages des Abschlußes des II. Vatikanischen Konzils, legte der Heilige Vater, Paul VI., in denkwürdiger Exhortation den katholischen Bischöfen der ganzen Welt die Pflicht ans Herz, über die Rechtgläubigkeit in der Unterweisung der katholischen Lehre zu wachen.

Da seht ihr, geliebte Söhne, daß Unsere Sorgen nicht unbegründet waren. Die Übel, die wir in Unserer Diözese befürchteten, bedrohen in der Tat die Gläubigen der ganzen Welt. Sonst hätte das päpstliche Mahnschreiben, das an sämtliche katholischen Bischöfe des Erdenrunds gerichtet ist, keinen Sinn.

I.

DIE DEM BISCHOF OBLIEGENDE PFLICHT:
ÜBER DIE RECHTGLÄUBIGKEIT ZU WACHEN

In Anbetracht der kapitalen Wichtigkeit der Sache — die Reinheit des Glaubens — und die Aufgabe, die Uns obliegt, die Schafe Christi, die uns anvertraut wurden, gut zu weiden, halten Wir es für unsere Pflicht, auf die Sache zurückzukommen und unserer Herde die Befürchtungen und Ermahnungen des Papstes kundzutun. Dazu fordert uns der Oberste Hirte selbst auf, da er daran erinnert, daß es allen jenen, die „durch die Auflegung der Hände die Verantwortung erhielten, das Glaubensvermächtnis rein und unverletzt zu bewahren und die Sendung, das Evangelium ohne Unterlaß zu verkünden“ (AAS, 63, p. 99), obliegt, Zeugnis abzulegen von ihrer Treue zum Herrn, im Gebet, im Unterricht, in der Lebensweise.

Anderseits entspricht dem unabdingbaren Recht, das der Gläubige besitzt, die heilige Unterweisung zu erhalten, auf seiten der Bischöfe „die ernste und dringliche Pflicht, das Wort Gottes unermüdlich zu predigen, damit das Volk (Gottes) im Glauben und in der Erkenntnis der christlichen Botschaft wachse“ (p. 100).

TIEFGREIFENDE GLAUBENSKRISE
IM SCHOSSE DER KIRCHE

Diese Aufgabe des Bischofsstandes ist heute gebieterischer, weil sich im Schoße der Kirche eine alles umfassende und beispiellose Krise ausbreitet, wie es die vorliegende Apostolische Exhortation bestätigt, eine Krise der Selbstzerstörung, wie sie der Papst nennt, weil sie, durchgeführt von Gliedern der Kirche, zutiefst das Bewußtsein der Gläubigen erschüttert, da sie sie verwirrt in dem, was sie für das Wesentlichste der Religion betrachten.

In der Tat bestätigt Paul VI. im Dokument, das wir hier vorstellen, daß heute „sich viele Gläubige verwirrt fühlen in ihrem Glauben, aufgrund einer Zunahme von Zweideutigkeiten, Ungewißheiten und von Zweifeln, welche diesen Glauben selbst in dem angreifen, was er an Wesentlichstem enthält. Es sind solcherart betroffen die Dogmen von der Dreifaltigkeit und der Christologie, des Mysteriums der Eucharistie und der wirklichen Gegenwart, des Wertes des Gebetes und der Sakramente, der sittlichen Gebote, die beispielsweise aus der Unauflöslichkeit der Ehe hervorgehen oder aus der Ehrfurcht vor dem Leben. Mehr noch: sogar die göttliche Autorität der Heiligen Schrift wird in Frage gestellt im Namen einer radikalen ‹Entmythologi­sierung›“ (p. 99).

Wie ihr seht, geliebte Söhne, könnte die Krise in der Kirche nicht schwerwiegender sein. Wenn wir die Worte des Papstes lesen, fragen wir uns: was bleibt unversehrt am Christentum? Denn, wenn wir keine Gewißheit haben können über das Dogma der Dreifaltigkeit, das fundamentale Geheimnis der christlichen Offenbarung, wenn Zweideutigkeiten über der anbetungswürdigen Person des Gott-Menschen Jesus Christus schweben, wenn wir innerlich schwanken vor der Heiligsten Eucharistie, wenn wir die Kirche nicht als Heilsanstalt verstehen, wenn man nicht weiß, was der Priester den Gläubigen voraushat, dann gibt es auch keine Gewißheit in sittlichen Verpflichtungen; wenn das Gebet keinen Wert hat, noch die Heilige Schrift, was bleibt vom Christentum, von der christlichen Offenbarung? Wir verstehen deshalb, daß der Papst sich angetrieben fühlt, den Eifer der Bischöfe zu wecken, der Hüter des Glaubens, die geweiht wurden, damit sie authentische Hirten seien, welche die Schafe des Göttlichen Seelenhirten mit Liebe, Wachsamkeit und Strenge weiden.

BEMÜHUNGEN ZUM AUFBAU
EINER NEUEN PSYCHOLOGISCHEN
UND SOZIOLOGISCHEN KIRCHE

Umsomehr, als die Exhortation des Heiligen Vaters durchbli­cken läßt, daß eine wahrhaftige Verschwörung existiert, die Kirche zu zerstören. Es ist dies das, was man aus dem Abschnitt herausliest, der dem obenzitierten nachfolgt, in welchem der Oberste Hirte bemerkt, daß zum Zweifel, zu den Zweideutigkei­ten und Ungewißheiten in der positiven Darlegung des Dogmas hinzukommen: das Schweigen „über gewiße fundamentale Mysterien des Christentums“ und die „Tendenz, ein neues Christentum aufzubauen auf der Grundlage psychologischer und soziologischer Gegebenheiten“ in welchen „das christliche Leben entblößt wäre von religiösen Elementen“ (p. 99).

Es herrscht daher unter den Gläubigen eine Bewegung der doppelten Aktion, die zur Bildung einer neuen Kirche zusam­menläuft, die nur eine falsche Religion sein kann: einerseits schafft man Ungewißheiten über die geoffenbarten Mysterien, anderseits baut man ein christliches Leben auf nach dem Geschmack des Zeitgeistes.

II.

ANLASS UND URSACHEN
DER GEGENWÄRTIGEN RELIGIÖSEN KRISE

Wie war es möglich, zu diesem Tatbestand zu gelangen?

Paul VI. macht diesbezüglich zwei Überlegungen:

Die erstere zur besonderen Zwecksetzung für das II. Vatikani­sche Konzil durch Papst Johannes XXIII., wie sie aus der Ansprache deutlich hervorgeht, die er bei der Eröffnung der ersten Sitzung an die große Synode gehalten hat:

„Es drängt sich — entsprechend der lebendigen Sehnsucht jener, die sich in einer Haltung aufrichtiger Anhänglichkeit an alles das, was christlich, katholisch und apostolisch ist, befinden, ­eine vollständigere und tiefere Erfassung dieser (christlichen) Lehre auf, sowie die Durchdringung und Umformung der Seelen durch sie. Es ist erforderlich, daß diese Lehre, die gewiß ist und unveränderlich, und die treu hochgeachtet werden muß, vertieft und dargelegt werde in einer Weise, die den Erfordernissen unserer Epoche gerecht wird“. Und indem er seine Gedanken noch genauer erklärt, führt der Roncalli-Papst weiter aus: „Eine Sache, tatsächlich, ist die Glaubenshinterlage in sich, d.h. das Gesamt der Wahrheiten, die in unserer verehrenswerten Lehre enthalten sind, eine andere Sache (aber) ist die Art und Weise, in der diese Wahrheiten erörtert werden, immer jedoch im gleichen Sinn und mit demselben Inhalt“ (p. 101).

Das Konzil, und im Gefolge davon das kirchliche Lehramt unter Mitwirkung der Theologen, müßte zwei Dinge zu verbinden suchen: die geoffenbarte Lehre ohne Fehl und Abstrich weiterzugeben, und sich zu bemühen, sie in solcher Weise darzulegen, daß sie zur Gänze und in vollkommener Reinheit von den Menschen unserer Zeit empfangen werden kann. Darunter sind gemeint die Menschen guten Willens, „jene, die sich in einer Haltung aufrichtiger Anhänglichkeit an all das befinden, was christlich, katholisch und apostolisch ist“, wie Johannes XXIII. sagt. Also von den Menschen, die wahrhaft den Wunsch haben, zur Wahrheit zu gelangen; denn auf diejenigen, die die Grundsätze dieser Welt vorziehen und damit das Kreuz Christi verwerfen, beziehen sich die Worte des hl. Paulus: es ist unmöglich eine Verbindung von Licht und Finsternis, von Gerechtigkeit und Bosheit, von Christus und Belial (cf. 2 Cor. 6,14s.).

Darin also besteht das „Aggiornamento“ des Papstes Roncalli — in seiner besten Auslegung: eine Anpassung in der Art und Weise der Darlegung der katholischen Lehre, so daß sie den modernen Menschen guten Willens anzuziehen vermag.

Ein solches Unterfangen, stellt Paul VI. fest, und dies ist seine zweite Bemerkung, ist kein leichtes. Er sagt: „Das bischöfliche Lehramt war verhältnismässig einfach in einer Epoche, in der die Kirche in engstem Zusammenleben mit der Gesellschaft ihrer Zeit ihre Kultur inspirierte und ihre Ausdrucksweisen übernahm; heute, hingegen, werden von uns ernsthafte Anstrengungen verlangt, damit die Glaubenslehre die Fülle ihres Sinnes und ihres Gehaltes bewahre und sie sich dennoch ausdrückt in einer Form, die fähig ist, den Geist und das Herz der Menschen zu erreichen, an die sie sich richtet“ (pp. 101-102).

MERKMAL DER NEUEN KIRCHE: MENSCHENRELIGION

Entweder durch die Schwierigkeit des Unternehmens oder durch ein Zugeständnis an den Zeitgeist ist es zur Tatsache geworden, daß in der Ausführung des vom Konzil vorgezeichne­ten Planes in weiten kirchlichen Kreisen die Anpassungsmaß­nahmen über die bloße der zeitgenössischen Mentalität entspre­chendere Ausdrucksweise hinausgingen. Sie erfassten die Sub­stanz selbst der Offenbarung. Man sorgt sich nicht um eine Darlegung der geoffenbarten Wahrheit in Begriffen, in denen die Menschen sie leicht verstehen; man versucht (vielmehr), mittels einer zweideutigen und gesuchten Sprache, eigentlicher eine neue Kirche vorzuschlagen, dem Geschmacke des Menschen gemäß, der gebildet ist nach den Grundsätzen der Welt von heute. Damit verbreitet man, mehr oder weniger überall, die Idee, daß die Kirche eine radikale Wandlung in ihrer Moral, ihrer Liturgie und sogar in ihrer Lehre durchführen müße. In den Schriften wie in der Vorgehensweise, wie sie in katholischen Kreisen nach dem Konzil aufkamen, schärft man die These ein, daß die traditionelle Kirche, wie sie vor dem II. Vatikanum bestanden hat, schon (längst) nicht mehr auf der Höhe der modernen Zeiten sei. So sehr, daß sie sich vollständig umbilden müsse.

Und ein flüchtiger Blick über das, was in katholischen Kreisen vor sich geht, führt zu der Überzeugung, daß in Wirklichkeit nach dem Konzil eine neue Kirche existiert, die sich wesentlich von jener vor der großen Synode bekannten, als der einzigen Kirche Christi, unterscheidet. In der Tat exaltiert man als absolutes, unberührbares Prinzip die Menschenwürde, deren Rechten man die Wahrheit und das Gute unterwirft. Eine solche Auffassung bringt die Eröffnung der Religion des Menschen. Sie läßt die christliche Strenge und die ewige Seligkeit des Himmels vergessen. In den Sitten läßt das nämliche Prinzip die christliche Aszese außer Acht und übt alle Nachsicht mit dem Verlangen nach Vergnügen, selbst dem sinnlichen, wenn einmal eingeräumt wird, daß der Mensch auf Erden seine volle Entfaltung erreichen soll. Im ehelichen und familiären Leben preist die Religion des Menschen die Liebe und stellt das Vergnügen über die Pflicht und legitimiert zu diesem Zwecke die empfängnisverhütenden Methoden, indem sie den Widerstand gegen die Ehescheidung vermindert und der Homosexualität und der Koedukation (geschlechtlich gemischte Erziehung) wohlwollend ist, ohne die Folgen der moralischen Unordnung, die ihr infolge der Erbschuld eigen sind, zu fürchten. Im öffentlichen Leben anerkennt die Menschenreligion keine Hierarchie; sie kämpft für die Egalität (Gleichheit — Gleichschaltung), die der marxisti­schen Ideologie eigen ist und im Gegensatz steht zur Natur- und Offenbarungslehre, welche die Existenz einer sozialen Ordnung bestätigt, wie sie die Natur selber fordert. Im religiösen Leben empfiehlt dasselbe Prinzip einen Ökumenismus, welcher, zum Vorteil des Menschen, sämtliche Religionen aussöhnt und zu einer Gesellschaftskirche der sozialen Hilfe rät und das Sakrale unverständlich macht, welches nur begreifbar ist in einer hierarchischen Gesellschaft. Daher die übermässige Beschäfti­gung mit der Frage des sozialen Fortschritts, als ob die Kirche ein bloßer und größerer Organismus des Sozialdienstes wäre. Daher gleichfalls die Verweltlichung des Klerus, dessen Zölibat man als etwas Absurdes betrachtet, wie auch den Inhalt des einzelnen priesterlichen Lebens, das aufs engste gebunden ist an das Merkmal einer ausschließlich zum Dienste des Altares geweihten Person. In der Liturgie erniedrigt man den Priester zum bloßen Volksvertreter, und die Veränderungen sind so zahlreich und derart, daß sie (die Liturgie) in den Augen der Gläubigen aufhört, das Bild der Braut des Lammes angemessen darzustellen, der einen, heiligen, unbefleckten. Es ist klar, daß die sittliche Zügellosigkeit und die liturgische Auflösung nicht mit der Unveränderlichkeit des Dogmas koexistieren können. Überdies weisen jene Umwandlungen bereits Veränderungen auf im Begriffe der geoffenbarten Wahrheiten. Eine Lektüre der neuen Theologen, die als Sprecher des Konzils gelten, macht klar, wie in der Tat in gewißen katholischen Kreisen die Worte, mit welchen man die Glaubensgeheimnisse erwähnt, Begriffe enthalten, die gänzlich verschieden sind von jenen der traditio­nellen Theologie.

WICHTIGKEIT DER SCHOLASTISCHEN PHILOSOPHIE

Das Mahnschreiben Pauls VI. spricht von der Schwierigkeit, die Erneuerung der (sprachlichen) Einkleidung zu erreichen, in welcher die göttlichen Geheimnisse den Menschen von heute übermittelt werden. Und er gesteht ein, daß es die neuen Ausdrücke für die Glaubenswahrheiten waren, die Angst der Ungewißheiten, Zweideutigkeiten und Zweifel herbeiführten. Wie es auch die neuen Begriffe waren, die den Begründern einer neuen Kirche die Verbreitung einer neuen und fremden Auffassung der christlichen Religion ermöglichten.

Vom heiligen Papst Pius X. stammt die Aussage, daß das Verlassen der Scholastik, insbesondere des Thomismus, eine der Ursachen war der Apostasie der Modernisten (Enzyilika „Pascendi“). Nach dem II. Vatikanischen Konzil fallen viele Katholiken in den gleichen Irrtum, in den gleichen Unwillen gegenüber der Philosophie, die Leo XIII. die „einzige Festung und Ehre der Kirche“ genannt hat (Enzyklika „Aeterni Patris“). In der Tat ist es einer der Sophismen der Theologen des neuen Christentums, die traditionelle Formulierung der Dogmen des Aristotelismus zu zeihen, während doch die Kirche keinerlei philosophischem System verpflichtet sein darf. Sie fügen hinzu, daß solcherlei Formulierungen nützlich und gültig gewesen sein mögen zu ihrer Zeit, d.h. innerhalb der kulturellen Gegebenhei­ten des Mittelalters. Heute, hingegen, in gänzlich andersgearteter Kultur, hätten sie keinen Wert mehr. Sie seien vielmehr schädlich. Sie blockierten den Fortschritt der Gläubigen, und sie seien verantwortlich für die Entchristlichung der jetzigen Welt. Die Kirche, wenn sie wiedererstehen wolle, wenn sie ihre Unvergänglichkeit bewahren wolle, müße die alten Formulie­rungen aufgeben und andere annehmen, die mit der Philosophie von heute, mit dem Denken und der Mentalität unserer Zeit übereinstimmten. Nur so werde sie das Ideal verwirklichen, welches von Johannes XXIII. und vom II. Vatikanischen Konzil vorgenommen wurde. Und, um in ihrer Rolle als Theologen nicht für nachlässig zu gelten, schreiten sie zur Anwendung des von ihnen selbst aufgestellten Prinzips, und es werden den geoffenbarten Wahrheiten neue Formulierungen gegeben, im Rahmen der Begriffswelt der zeitgenössischen Philosophie.

Das Geschwätz ist nicht neu. Im Altertum taten die Gnostiker nichts anderes, die die Offenbarung entstellten, um sie in das Gefüge der neuplatonischen Philosophie einzuschlie­ßen; im verflossenen Jahrhundert war es der Hegelianismus, der gewiße katholische Theologen irreführte. Jene der neuen Kirche wollen dem Marxismus, dem Existentialismus und den übrigen anthropozentrischen Philosophien dienen, die in der herrschen­den intellektuellen Angst — einer Charakteristik unserer Epoche — nur so emporschiessen.

DIE STÄRKE DES THOMISMUS

Der Irrtum, geliebte Söhne, der Falschmünzer des neuen Christentums liegt in der Vergessenheit, der sie eine Wahrheit des gesunden Menschenverstandes anheimfallen lassen, ohne welche die Erkenntnis unmöglich ist, unmöglich auch die Wissenschaft und sogar selbst das menschliche Leben. Diese Wahrheit des gesunden Menschenverstandes befindet sich an der Basis einer jeden Philosophie, die nicht bloße willkürliche Konstruktion des Geistes ist. Sie besteht in der Überzeugung, daß die Erkenntnis bestimmt wird durch das äußer(lich)e Objekt. Sie ist eine wahre (Erkenntnis), wenn man die Sache so faßt, wie sie ist; sie ist eine falsche, wenn sie mit der Wirklichkeit nicht übereinstimmt. Die philosophischen Systeme können variieren. Sie werden mehr oder weniger wahr sein in dem Maße, als ihre Schlüße das Prinzip des gesunden Menschen­verstandes, welches oben erwähnt wurde, berücksichtigen. In der Befolgung dieses Prinzips findet der Thomismus seine Stärke. Leo XIII. hebt dies hervor, wenn er sagt, daß der Thomismus eine Philosophie ist, die „solide feststeht auf den Prinzipien der Dinge“ (Enzyklika „Aeterni Patris“). Oder auch: es ist kein willkürliches System, keine Frucht der Einbildung oder subjektive Schöpfung des Philosophen. Ganz im Gegenteil: die thomistische Philosophie beugt sich unter die Wirklichkeit, um sie zu erfassen, wie sie ist.

Wenn sie ihre Dogmen ausspricht und sich (dabei) der Ausdrucksweise bedient, die in der Scholastik üblich ist, so tut dies die Kirche nicht, weil solcherlei Ausdrucksformen diejeni­gen eines bestimmten philosophischen Systems wären, sondern vielmehr, weil sie der Philosophie aller Zeiten angehören.

RELIGIÖSER RELATIVISMUS UND MODERNISMUS DER THEOLOGEN DER NEUEN KIRCHE

Es gehen die Theologen der neuen Kirche bereits nicht mehr auf diese (gleiche) Weise vor. Sie berücksichtigen die Wirklichkeit nicht, deren Ausdruck sich wohl ändern kann, sobald man sie (nur) darstellt, wie sie ist. Ihr Wunsch ist es, der modernen Mentalität entgegenzukommen. Für sie besteht die Aktualisie­rung der Kirche darin, ihre Lehre dieser Mentalität anzuglei­chen. Und da der moderne Mensch sein Denken in einem kulturellen Klima bildet, das gänzlich hingewandt ist auf den (An-)Schein, die Phänomene, und überdies im Widerstreit zur Metaphysik, braucht die Kirche, um nicht unterzugehen, sagen die neuen Theologen, eine Anpassung ihrer Lehre an eben diese Art des Denkens. Es läßt sich nicht sehen, wie eine solche Verhaltensweise dem modernistischen Irrtum entgehen kann, gemäß welchem das Dogma von einem Sinn zu einem anderen sich entwickeln könne, in Übereinstimmung mit den kulturellen Erfordernissen der Epoche, in welcher sie erörtert werden.

UNVERÄNDERLICHKEIT UND ENTWICKLUNGSFÄHIGKEIT DER GEOFFENBARTEN WAHRHEIT

Wir erinnern daran, daß sich die geoffenbarte Wahrheit der Welt mittels menschlicher Sprache mitteilt. Eine solche Sprache, wenn auch unzulänglich, ist nicht bloßer Symbolismus; sie muß objektiv aussagen, was das Geheimnis Gottes ist, auch wenn sie es nicht in seinem vollen Reichtum aufzeigt. Das ist der Grund, weshalb die dogmatischen Formulierungen sich nicht mit neuer Sinngebung entwickeln können. Der Glaube, einmal übermittelt, sagt der hl. Judas Thaddäus, ist dies „ein für allemal“ (vers. 3). Er ist unabänderlich und unveränderlich. Er duldet keine Hinzufügung, Verkürzung oder Veränderung. Er kann sich klären, er läßt sich (aber) nicht umgestalten. Er ist wie ein lebendiges Wesen, das wächst und vollkommener wird, jedoch bei stets gleichbleibender Natur, die es (gerade) ausmacht, daß ein Individuum immer das gleiche bleibt.

WICHTIGKEIT DER TRADITIONELLEN DOGMATISCHEN FORMULIERUNGEN

Deswegen ist es von höchster Wichtigkeit, die Formulierungen aufrechtzuerhalten, welche die Kirche konstituiert hat und mit dem Beistand des Heiligen Geistes von der Tradition und von den Konzilien festgelegt wurden, damit sie mit Genauigkeit den geoffenbarten Begriff ausdrücken. Eine solche dogmatische Sprache kann zufällige Veränderungen erfahren; sie kann jedoch nicht als Ganzes modifiziert werden.

Nun aber ist das, was wir unter dem Zeichen des „Aggiorna­mentos“ seit dem Konzil in verschiedenen katholischen Kreisen erleben, die Geringschätzung sowohl der Gebräuche wie der überkommenen Formulierungen. Wir geben das eine oder andere Beispiel.

Das Konzil von Nizäa, nach Jahren des Kampfes gegen die Arianer, hielt mit dem Wort CONSUBSTANTIAL den Begriff fest der Einheit der Wesenheit der Drei Göttlichen Personen. Heute wird dieser Begriff in gewißen katholischen Kreisen bewußt aufgegeben. Daher die Ungewißheit, die Zweifel, die vom Papst beklagt werden, über die Dogmen der Allerheiligsten Dreifaltigkeit und des Göttlichen Erlösers. Das Konzil von Trient heiligte gegen den protestantischen Symbolismus die Vokabel TRANSSUBSTANTIATION, um die vollständige Ver­wandlung der Substanz des Brotes und der Substanz des Weines in den Leib und das Blut Jesu Christi anzuzeigen. Dieses Wort vermittelt uns die Idee dessen, was im Moment der Wandlung der Heiligen Messe objektiv auf dem Altar geschieht, und versichert uns der wirklichen und wesentlichen Gegenwart von Jesus Christus im Heiligsten Sakrament, auch nach Vollendung des Heiligen Opfers. Als aristotelischer Begriff, der mit den gegenwärtigen philosophischen Strömungen nicht übereinstim­men soll, wird das Wort Transsubstantiation von den Theologen der neuen Kirche verworfen. Sie ersetzen es durch ein anderes — „Transsignifikation“ oder „Transfinalisation“ — und geben damit der Aussage des Papstes recht, daß man „das Geheimnis der Heiligsten Eucharistie und der Realpräsenz“ in Zweifel ziehe (p. 99). Auf praktischer Ebene entfernt man (dann) die Zeichen der Anbetung, der Ehrfurcht gegenüber dem Heiligsten Sakra­ment, so wie die knieende Kommunion mit Schleier, den Eucharistischen Segen, den Besuch des Allerheiligsten, usf.

SUBVERSION DER LEHRE

Wenn sich das Wort wandelt, und nicht synonym ist, verändert sich natürlicherweise auch das Verständnis. Die neuen Begriffe der „aggiornierten“ Theologen sind genau auf diese Weise verändert, und die Konsequenz davon ist die Erschütterung des Glaubens selbst. Da haben wir’s, daß die neue Terminologie tatsächlich eine neue Religion einführt. Wir befinden uns nicht mehr im authentischen Christentum. Überdies bleiben die Neuerungen kaum nur Worte. Sie gehen weiter. In Wirklichkeit beschwören sie eine totale Subversion in der Kirche herauf. Wie die moderne Philosophie den Menschen überschätzt, den sie zum Richter über alle Dinge macht, errichtet die neue Kirche, wie wir sagten, die Menschenreligion. Sie beseitigt alles, was Eintrag tun könnte der Freiheit oder eine Repression wäre für die menschliche Spontaneität. Sie verkennt solcherweise den Ur-Sündenfall und löscht den Begriff der Sünde (überhaupt) aus. Sie begreift nicht „den Sinn der evangelischen Entsagung“ (p. 105), und kämpft für eine natürliche Basis-Religion der „psychologischen und soziologischen“ Erfahrungen (p. 99).

III.

HEILMITTEL FÜR DAS ÜBEL:
TREUE ZUR ÜBERLIEFERUNG

a. HINWEIS PAULS VI.

Als Ursache der Verwirrung, welche die Gläubigen erleiden, die deshalb verängstigt sind, weil sie darüber keine Gewißheit mehr haben, was sie zu glauben haben und wie sie handeln sollen, bezeichnet Paul VI. den Bruch mit der Tradition. Folglich finden wir das Gegenmittel zu solch tiefer Krise der Sprache, des Denkens und des Handelns nur in der Treue zur Tradition.

Das Dokument Pauls VI. besteht auf diesem Punkt. Die gegenwärtigen Umstände, so sagt der Papst, erfordern von uns größere Anstrengungen, damit „das Wort Gottes in seiner Fülle zu unseren Zeitgenossen hingelange, und damit die Werke, die von Gott ins Leben gerufen wurden, ihnen vorgestellt werden OHNE VERFÄLSCHUNG und mit jener Intensität der Liebe zur Wahrheit, die uns erlöst“ (p. 98 — kursiv von uns). Solch edle Obliegenheit ist nur ausführbar mittels der Treue zur ununterbrochenen Tradition, die (unser Christentum) mit dem Glauben der Apostel verbindet“ (p. 99). Es muß demnach jeder Bischof in seiner Diözese wachsam sein, damit das neue Sinnen und Trachten „nicht dazu gelange, die Wahrheit und die Fortdauer der Glaubenslehre jemals zu verleugnen“ (p. 101 — kursiv von uns). Überdies, die ganze Arbeit der Theologen muß im Sinne der „Treue zur großen Strömung der christlichen Überlieferung“ sein (p. 102), da ja „die wahre Theologie sich auf das Wort Gottes als auf ein immerwährendes Fundament stützt, welches von der heiligen Überlieferung nicht zu trennen ist“ (p. 103).

Schließlich faßt Paul VI. (p. 18) die Norm des Kirchlichen Lehramtes im Worte des hl. Paulus zusammen: „und sollte auch jemand — und seien wir es selbst oder ein Engel vom Himmel ­euch ein anderes Evangelium verkünden als wir es (bisher) getan haben, so sei er im Banne“ (Gal. 1,8), und der Papst fährt fort: „Nicht wir sind es, in der Tat, die das Wort Gottes richten; Es ist es, das uns richtet und unsere weltlichen Konformismen an den Tag bringt. Die Schwäche der Christen, selbst derjenigen, die das Amt des Predigens innehaben, wird in der Kirche nie Grund sein, den absoluten Charakter des Wortes zu verzuckern. Es wird niemals gestattet sein, die Schneide ihres Schwertes abzustumpfen (cf. Heb. 4,12; Apoc. 1,16; 2,16). Der Kirche wird es nie erlaubt sein, von der Heiligkeit, von der Jungfräu­lichkeit, von der Armut und vom Gehorsam anders zu sprechen als in der Weise Christi“ (p. 101).

b) GESCHICHTLICHES BEISPIEL: NESTORIUS UND DIE HEILIGE GOTTESMUTTER

Die Worte des Papstes könnten nicht klarer sein, noch auch einschneidender, genauso wie die Worte des von ihm zitierten Apostels bestimmt sind. Übrigens sind sie nicht mehr als ein Echo der Handlungsweise der Kirche unter dem belebenden Impuls des Heiligen Geistes. Es ist das, was mit Nestorius dem Patriarchen von Konstantinopel geschehen ist, in jeder religiösen Unterweisung eine vielkommentierte Tatsache. Wir schreiben das Vorgefallene hier nieder gemäß der Erzählung von D. Prosper Guéranger in seinem bekannten Werk „L’Année Liturgique“, wo er das Fest des hl. Zyrillus von Alexandrian, am 9. Februar, kommentiert: „Im selben Jahre seiner Wahl auf den bischöflichen Stuhl, am Weihnachtstag des Jahres 428, indem er die (günstige) Gelegenheit der Anwesenheit einer großen Volksmenge, die sich in der bischöflichen Basilika versammelt hatte, wahrnahm, erklärte Nestorius von der Kanzel herab diese Blasphemie: Maria gab nicht Gott das Licht der Welt; ihr Sohn war nichts weiteres als ein Mensch, ein Werkzeug der Gottheit. Ein Schauer des Schreckens ging durch die Menge, und ein Laie, Eusebius, erhob sich aus der Mitte des Volkes und protestierte gegen diese Gottlosigkeit. Die ganze Geschichte vermag bis heute zu erfreuen, wegen dieser Haltung. Sie rettete den Glauben von Byzanz“.

  1. ALLGEMEINE REGEL

D. Guéranger gibt dann das allgemeine Prinzip: „ Wenn der Hirte sich in einen Wolf verwandelt, steht es in erster Linie der Herde zu, sich zu verteidigen. Normalerweise, zweifellos, kommt die Lehre von den Bischöfen auf das gläubige Volk herab, und die Untergebenen sollen in Glaubensangelegenheiten nicht über ihre Vorgesetzten urteilen. Es gibt hingegen im Schatze der Offenbarung wesentliche Punkte, deren notwendige Kenntnis und wachsame Bewahrung jedem Christ obliegt, kraft seines Titels eines Christen. Das Prinzip ändert nicht; ob es sich nun um den Glauben oder das Verhalten, um die Moral oder um das Dogma handelt. Verräte wie jener von Nestorius sind selten in der Kirche, nicht jedoch das Schweigen gewißer Hirten, die aus irgendwelchen Gründen nicht zu sprechen wagen, wenn die Religion in Gefahr ist. Die wahren Gläubigen sind diejenigen Menschen, die unter solchen Umständen die Inspiration einer Verhaltensweise aus ihrer Taufe ziehen; nicht die Kleinmütigen, die unter dem hübschen Vorwand der Unterwürfigkeit unter die eingesetzte Macht zuwarten, den Feind in die Flucht zu schlagen oder sich seinen Unternehmungen entgegenzustellen, ein (Aktions- )Programm, das unnötig ist, das ihnen (den Gläubigen) nicht gegeben werden darf“.

  1. WICHTIGKEIT DER TRADITION

Wir möchten das von Paul VI. in Erinnerung gerufene Kriterium illustrieren, wegen der besonderen Wichtigkeit, die ihm inne-w ohnt, in den Tagen, die wir durchleben, wie es demjenigen bewußt ist, der beobachtet, was in gewißen katholischen Kreisen vor sich geht. Überdies, so groß ist der Wert der Tradition, daß selbst die Enzykliken und anderen Dokumente des gewöhnlichen Lehramtes des Obersten Hirten nur dann unfehlbar sind, wenn ihre Lehren bekräftigt werden durch die Tradition, oder m.a.W. durch eine kontinuierliche Lehraussage über verschiedene Päpste  hinweg und durch einen weiten Zeitraum hindurch. In der Weise, daß der Akt des gewöhnlichen Lehramtes eines Papstes, der mit der Lehrweise kollidiert, die durch die lehramtliche Tradition von verschiedenen Päpsten über eine beachtliche Zeit hinweg kautioniert ist, nicht angenommen werden darf.

Unter den Beispielen, die die Geschichte an ähnlichen Tatsachen aufweist, tritt dasjenige von Honorius I. hervor. Dieser Papst lebte in der Zeit, da die monotelitische Häresie in der Kirche des Orients große Verheerungen anrichtete. Da sie das Vorhandensein der zwei Willen in Jesus Christus leugneten, erneuerten die Monotelisten die Absurdität, die Eutiches in das Dogma hineinbrachte, als er vorgab, daß in Jesus Christus nur eine Natur vorhanden sei, zusammengesetzt aus der göttlichen Natur und aus der menschlichen. Geschickt gab der Patriarch Sergius von Konstantinopel dem Geiste Honorius‘ I. die Zuflüsterung, daß die Predigt von den zwei Willen im Heiland bloß Entzweiung im gläubigen Volk verursache. Und indem er sich mit den Wünschen des Patriarchen einverstanden erklärte, die auch jene des Herrschers waren, verbot Papst Honorius, daß man über die zwei Willen des menschgewordenen Gottessohnes spreche. Der Pontifex sah nicht ein, daß sein Akt das Feld für die Verbreitung der Häresie offen ließ. Schon deswegen hätte man ihm kein Gehör schenken sollen. Unter denjenigen, welche den Akt Honorius‘ I. beklagten, sind: das VI. Ökumenische Konzil, welches das dritte in Konstantinopel versammelte war, und der hl. Papst Leo II., der dieses Konzil bestätigte. Unter denjenigen, welche fortfuhren, die Lehre von den zwei Willen in Jesus Christus (dennoch) zu verkünden, befindet sich der große hl. Maximus, den man den Bekenner nennt, weil er seine Treue zur katholischen traditionellen Lehre mit dem Martyrium besiegelte.

e.) NORM ZUR BEURTEILUNG DER NEUERUNGEN

Wahren wir also mit höchstem Respekt und mit Aufmerksam­keit das Kriterium des Maßstabes für die Neuerungen, die in der Kirche aufkommen:

—  Fügen sie sich ein in die Tradition? — Dann sind sie willkommen.

—  Fügen sie sich nicht ein, stehen sie im Gegensatz zur Tradition? Oder lösen sie sie gar auf? — Dann dürfen sie nicht akzeptiert werden.

Tradition, gewiß, ist nicht Immobilismus. Sie ist Wachstum, jedoch stets auf der gleichen Linie, in der gleichen Richtung, im gleichen Sinne, Wachstum von lebenden Wesen, die immer die nämlichen bleiben. Aus diesem Grunde können Formen und Gebräuche nicht als traditionell betrachtet werden, welche die Kirche nicht in die Darstellungsweise ihrer Lehre oder in ihre Disziplin inkorporiert hat. Diese Tendenz wurde von Pius XII. als „tadelnswerter Archäologismus“ bezeichnet (Enzyklika „Mediator Dei“). Dies gesagt, nehmen wir als Norm das folgende Prinzip: wenn es offensichtlich ist, daß die Neuerung abweicht von der traditionellen Lehre, ist es sicher, daß sie nicht angenommen werden darf.

VERSCHIEDENE WEISEN, DIE TRADITION ZU VERNICHTEN

Es können gleichzeitig verschiedene Arten der Zerstörung der Tradition zusammenwirken. Es gibt ihrer sogar eine ganze Skala, die von der offenen Gegnerschaft bis zur fast unwahrnehmbaren Abweichung geht. Ein Beispiel der offenen Opposition haben wir in den verschiedenen Standpunkten, die die Theologen eingenommen haben, ja selbst kirchliche Autoritäten, welche die Entscheidungen der Enzyklika „Humanae Vitae“ verworfen haben. In der Tat fügt sich der Akt Pauls VI., der den Gebrauch von empfängnisverhütenden Mitteln als unstatthaft bezeichnet, in eine ununterbrochene Tradition des kirchlichen Lehramtes. Ihn nicht anzunehmen und das Gegenteil dessen was er vorschreibt zu lehren oder Praktiken zu empfehlen, die von ihm verurteilt wurden, stellt ein typisches Beispiel der Verleugnung einer traditionellen Lehre dar.

Gewundener ist das Geschwätz derer, die die Tradition verletzen durch dogmatische Erklärungen, die, ohne die überkommenen Ausdrücke zu leugnen, in der Tat unvereinbar sind mit den geoffenbarten Tatsachen; zum Beispiel weiterhin den Glauben an das Mysterium der Heiligsten Dreifaltigkeit zu bekennen, jedoch systematisch den Begriff CONSUBSTAN­TIAL zu ersetzen durch einen anderen, der nicht denselben Sinn hat, wie das Wort Natur.

Es gibt auch Abirrungen zur Häresie in den Schlußfolgerun­gen, welche den Inhalt der Prämissen (Obersätze) erweitern. Zu erklären, daß, kraft der Kollegialität, der Papst nichts lösen könne ohne das Bischofskollegium (vorher) anzuhören, bedeu­tet, in den Konziliarismus zu fallen, der die Kirche Christi unterwühlt.

Subtiler sind die neuen Bräuche, vor allem in der Liturgie, welche sich an die Stelle der bisherigen setzen, und die nicht nur nicht ausgestattet sind mit gleichem Reichtum, sondern fremde religiöse Begriffe unterstellen. In Unserem Hirtenbrief vom 19. März 1966 haben Wir die Wichtigkeit unterstrichen; welche die Bräuche und Sitten haben, sowohl für die Glaubensbegeisterung wie auch im gegenteiligen Sinne, für die Unterhöhlung dieses selben Glaubens, immer weil ein solches Vorgehen irrige Begriffe über die geoffenbarten Wahrheiten voraussetzt und deshalb verbreitet.

Offensichtlich ist dies nicht die persönliche Verantwortung, die in diesen verschiedenen Arten der Kontestation gegenüber der Tradition zum Zuge kommt. In den gegenwärtigen Umständen indessen bilden alle diese eine Gefahr für den Glauben, und vielleicht mehr noch jene, die weniger in Opposition zu sein scheinen mit der traditionellen Kirche. Es folgt daraus, daß von uns sorgfältigste Aufmerksamkeit gefor­dert ist, damit wir nicht halb unbewußt das Giftige gleichstellen mit dem Gesunden. Es gibt gutwillige Leute, die aus Unwissen­heit oder Naivität kaum beabsichtigen, mit den Neuerungen, die sie akzeptieren, einen neuen Begriff der wahren Kirche zu erlangen; es gibt ebenfalls und vor allem die Verschlagenheit des Teufels, der sich dieser selben Absichten bedient, um die Gläubigen der katholischen Orthodoxie vom Wege abzubringen.

DIE FALSCHEN PROPHETEN
UND DIE NEUEN KATECHISMEN

In dem apostolischen Mahnschreiben, welches diese Betrachtun­gen anregt, besteht der Papst darauf, trete die Aktion der falschen Lehrer hervor, die, mitten im Gottesvolke lebend, den Glauben und die Religion verderben. So sagt er, gilt „für uns Bischöfe“ jene Mahnung, die sich beim hl. Paulus findet: „es wird eine Zeit kommen, in der die Menschen die gesunde Lehre des Heils nicht mehr ertragen werden, sondern nach eigenen Gelüsten sich Lehrer über Lehrer nehmen werden, lüstern nach dem, was den Ohren angenehm, und das Gehör von der Wahrheit abwenden, den Fabeln dagegen sich zuwenden werden“ (2 Tim. 4,3-4), und weiter hinten schlägt Paul VI. die gleiche Sturmglocke, immer noch mit den Worten des Apostels: „aus der Mitte von uns selbst wie es bereits zu den Zeiten des hl. Paulus geschah, werden Männer auferstehen, die Perverses lehren, um Jünger nach sich zu ziehen (Act 20,30)“ (p. 105).

Wenn die Feinde im eigenen Hause sind, wie es hier der Papst beklagt, ist derjenige ungemein töricht, welcher die Wachsam­keit nicht verdoppelt. In der gegenwärtigen Krise der Kirche, so können wir sagen, hängt unser Heil von der Verwendung aller Mittel ab, welche die Unversehrtheit unseres Glaubens zu bewahren vermögen.

Deshalb ist es nötig, heute erhöhte Aufmerksamkeit aufzubrin­gen, um die bewaffneten Hinterhalte gegen die Authentizität unseres Christentums zu meiden.

In Unserem Lehrbrief über die Kirche vom 2. März 1965 begründen wir diese Mahnung, indem wir zeigen, wie der modernistische Geist, der in die Mitte der Katholiken eindrang, unter den Gläubigen den religiösen Relativismus und Naturalis­mus einführt, indem er das geoffenbarte Dogma und die Moral unterwühlt. Mit der Verbreitung dieses Geistes beschäftigen sich gegenwärtig die neuen Katechismen. Hier ist es, daß uns die Pflicht ruft, eure Aufmerksamkeit, geliebte Söhne, auf diese neuen Werke der religiösen Unterweisung und Schulung zu lenken, die mit dem Anstrich der Glaubensvermittlung für Erwachsene oder für den modernen Menschen (ganz allgemein) die traditionelle Lehre vernichten, bald durch Verschweigung, bald durch Auslassung, bald auf positive Weise, durch der Wahrheit entgegengesetzte Begriffe, die von der Kirche immer verwendet wurden. Die neuen Katechismen sind das Mittel, in den Geist der Gläubigen die neue Religion einzuträufeln, im Einklang mit den evolutionistischen und rationalistischen Strömungen des modernen Denkens.

Wir massen uns kein Urteil an über die Absichten der Verfasser der neuen Katechismen. Wir vergessen indessen nicht, daß der „Menschenfeind“, d.h. der Teufel, der alles tut, um die Seelen zu verderben, sich die Wirren, die in der Kirche durch den Kitzel nach Neuheiten verursacht wurden, zu nutzen macht und in sie selbst die Sophismen einschleust, mit welchen er den Glauben zerstört und die Gebräuche verdirbt. Da die Katechis­men, was ihnen nun eben einmal eignet, Instrumente sind, die neuen Generationen in der Religion heranzubilden, wäre es töricht zu denken, daß der Engel der Finsternisse sich ihrer nicht zu bedienen suchte zur Verwirklichung seiner dunklen Werke. So müssen also in der Tat objektiv die neuen Katechismen unter die Anreger der Selbstzerstörung der Kirche gerechnet werden, von der der Papst spricht.

Niemals kann man die Wichtigkeit des Katechismus zu sehr betonen.*) Und infolgedessen wird es auch nie übertrieben sein, die Gläubigen gegen diejenigen Texte des (neuen) Katechismus zu warnen, die die Religion Unseres Herrn Jesus Christus um stürzen.

IV.
DAS GLAUBENSBEKENNTNIS
IN DEN LITURGISCHEN UND
RELIGIÖSEN PRAKTIKEN

In seiner apostolischen Exhortation belastet Paul VI. das Gewißen der Bischöfe damit, daß sie besorgt seien, daß die Lehre rein übermittelt werde, nicht nur in der Unterweisung, sondern auch im Beispiel, welches das Wort zu beleben hat.

Der Papst bezieht sich auf die Hilfsmittel der Bischöfe in der Verbreitung der gesunden Lehre. Seine Bestätigung, indessen, enthält eine weitergehende Interpretation, einmal vorausgesetzt, daß wir in unseren Frömmigkeitswerken lebendiges Bekenntnis für unseren Glauben ablegen. Mit anderen Worten: das, was wir mit der Intelligenz glauben, das verwirklichen wir in unserem katholischen Leben, besonders in den religiösen Werken. In umgekehrtem Sinne ist es durch die alltäglichen Akte, daß wir entweder unseren Glauben nähren oder ihn abkühlen, je nach unserer Handlungsweise, ob sie mit dem übereinstimmt, was wir glauben oder davon abweicht.

Und da habt ihr, geliebte Söhne, die ganze Wichtigkeit der traditionellen frommen Werke. Es nährte sich durch sie der Glaube der vergangenen Generationen, welche uns mit ihrem Beispiel die Liebe zu Jesus Christus, zu seiner Lehre und zu seinen Geboten, weitergegeben haben. Sie stärken auch heute unseren Glauben und geben uns die Kraft, dem Beispiele unserer Brüder zu folgen, die uns in der heiligen Gottesfurcht vorangegangen sind. In dieser gleichen Ideenordnung müssen wir Unsere geliebten Söhne warnen vor den religiösen Praktiken, in welchen sich entweder der Geist der neuen Kirche inkarniert oder der Festhaltewille an den geoffenbarten Geheimnissen abgeschwächt wird. Da es sich um eine kapitale Frage handelt, die das Ewige Heil betrifft, empfehlen Wir Unseren geliebten Söhnen aufs wärmste, daß sie treu bleiben mögen den aszetischen Übungen, die ihnen von der Kirche ans Herz gelegt werden: Betrachtung, Gewissenserforschung, Abtötung, Besuch des Allerheiligsten, öftere Beichte und Kommunion, fortgesetz­tes Gebet und, in besonderer Weise, den täglichen Rosenkranz Unserer lieben Frau.

DER KULT ZU EHREN DER
HEILIGSTEN EUCHARISTIE

In besonderer Weise erinnern Wir Unsere geliebten Söhne erneut an die Ehrfurcht, die traditionellerweise der Heiligsten Euchari­stie gebührt, eine Ehrerbietung, mit welcher wir unseren Glauben an die wirkliche und wesentliche Gegenwart des menschgewordenen Gottes im Sakrament des Altares bekennen. In Übereinstimmung mit dem überlieferten Brauch, der gemäß der Heiligen Kongregation für den Gottesdienst, wo er existiert, erhalten bleiben muß, empfangen die Gläubigen die Heilige Kommunion immer knieenderweise und die Frauen und Mädchen (zudem) mit bedecktem Kopf, und nie nähert man sich den Heiligen Sakramenten in einer Kleidung, die im Widerspruch steht zur Ehrfurcht angesichts der heiligen Dinge.

ENTHEILIGUNG

Wir haben stets den vollumfänglichen erforderlichen Respekt für den heiligen Ort. Eine der Haupteigenschaften der neuen Kirche ist die Entheiligung. Sie verurteilt die ausschließlich für den Kult errichteten Gebäulichkeiten und wünscht, daß die Religion sich in das gemeine Leben des Individuums auflöse. Unter dem Vorwand, daß alles heilig sei, zieht sie in Wirklichkeit alles auf das Profane herab. Jesus Christus beachtete sehr die Unterschei­dung zwischen dem Geheiligten und dem Profanen. In seinem Kommentar zu einem Abschnitt aus dem heiligen Johannes, in welchem der Göttliche Meister die Verkäufer (Krämer) aus dem Tempel jagte, erklärt der hl. Augustinus, daß das Übel nicht darin bestand, daß man Tiere verkaufte, nachdem man zurecht das verkauft, was man zurecht im Tempel opfert. Das Übel bestand darin, daß der Verkauf aus bloßem Interesse, an einem heiligen Ort stattfand, der in sich bestimmt ist zum Gebet und Gottesdienst (cf. in Jo. tr. X).

SCHUTZ UND MITTLERSCHAFT
DER HEILIGSTEN JUNGFRAU MARIA

Wir sind, geliebte Söhne, von einigen Praktiken bedroht, durch welche man versucht, in der Kirche ein neues Christentum einzuführen, welches von jenem durch Jesus Christus auf die Erde gebrachten abweicht. In unserem Hirtenbrief vom 19. März 1966 über die Anwendung der Konzilsdokumente hoben Wir die große Gefahr hervor, die aus solchen Praktiken fließt für den Glauben, vergiftet wie sie sind von der weitverbreiteten Häresie, die in der relativistischen Mentalität der modernen Welt Nachsicht findet. Die Lage ist eine so ernste, das Übel so tief, daß heute, mehr als in vergangenen Zeiten, die Notwendigkeit besteht, an die übernatürlichen Gnadenmittel zu appellieren. Uns selbst überlassen sind wir unfähig, der durch die falschen Propheten erhobenen Sturzwelle zu widerstehen und weniger noch, sie zu beruhigen, so daß die Seelen getrost auf dem Weg der Nachfolge des Göttlichen Erlösers weiterschreiten könnten.

Wir nehmen also Zuflucht zum Gebet und besonders zur Verehrung Unserer lieben Frau. Die Tradition ist einstimmig in ihrer Darstellung als der Mittlerin aller Gnaden, als mildeste Mutter der Christen, die stets in Sorge ist um das Heil ihrer Söhne, wie auch interessiert an der Unverletztheit des Werkes Ihres Göttlichen Sohnes. In den schwierigen Situationen, in denen sie sich befunden hat, hat die Kirche uns daran gewöhnt, die wertvolle und wirksame Hilfe der Heiligen Mutter Gottes anzurufen, sei es, um Häresien auszurotten, sei es, um zu verhüten, daß das Joch der Ungläubigen auf die Christen drücke. Wir können sagen, daß die Kirche sich noch nie in einer so ernsten und radikalen Krise befunden hat wie jene, die heute ihre Grundmauern bis herab zu den ersten Grundsteinen erschüttert. Es ist das Signal dafür, daß der Schutz der Heiligsten Jungfrau Maria notwendiger wird. Uns obliegt es, ihn wirksam zu machen, mittels unserer Anrufungen an die Heilige Mutter Gottes. In diesem Sinne erneuern Wir die Mahnung, die Wir gaben zum täglichen Verrichten des heiligen Rosenkranzes, dessen Wert wir mit der Nachahmung der Tugenden erhöhen werden, von welchen uns die Jungfrau Mutter ein besonderes Beispiel gibt: die Bescheidenheit, die Zurückgezogenheit, die Reinheit, die Demut, der Bußgeist in dem Verzicht auf uns selbst, und die Liebe, mit welcher wir als Jünger Christi durch das gute Beispiel „mit seinem Geist die Mentalität, Brauchtum und Leben der Irdischen Stadt durchtränken“ (p. 105). Wir vertrauen darauf, daß der Schutz der Heiligen Mutter Gottes uns treu erhalte zur Tradition in unserem Glaubensbekenntnis und in unseren religiösen Übungen, wie auch in den Gewohnheiten unseres katholischen Lebens. Mit der Gewißheit, daß ein so erhabener Schutz uns nie fehlen wird, schicken Wir Unseren eifrigen Mitarbeitern und geliebten Söhnen Unseren herzlichen Hirtensegen, im Namen des Va+ters, und des Soh+nes, und des HeiligentGeistes. Amen.

Gegeben und unterfertigt in unserer Bischofsstadt von Campos, unter Unserem Zeichen und dem Siegel Unseres Wappens, am elften Tage des Monats April des Jahres (des Herrn) Eintausendneunhundertundeinundsiebzig, am Feste der  Auferstehung Unseres Herrn.

L+S        +Antonio, Bischof von Campos

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Quelle: „Aggiornamento“ und Tradition, Broschüre der Schriftenreihe „Salz der Erde“ Nr. 1, herausgegeben in meinem Petrus-Verlag, 1. Auflage, Oktober 1971

Pater Matthias Gaudron FSSPX versus Pater Engelbert Recktenwald FSSP

Ich drucke im Nachfolgenden einen Artikel aus dem Mitteilungsblatt der FSSPX (November 2013) ab, dem ich vollends zustimme.

Vieles verbindet mich gewiss in Dankbarkeit persönlich mit der Petrusbruderschaft, vor allem ihr pastorales Wirken auf St. Pelagiberg/TG (derzeit Pater Stefan Dreher) und in der Klosterkirche Wonnenstein, Niederteufen/AR bei St. Gallen (Patres des Distriktsitzes in Wigratzbad) und im Kleinen Kongresshaus in Gossau/SG (Pater Bernhard Kaufmann). Das heißt aber nicht, dass ich mit allem einverstanden bin, was Autoren der FSSP an theologischen Stellungnahmen u.a. auf dem „Portal zur katholischen Geisteswelt“ veröffentlicht haben. Vor allem Pater Dr. Martin Lugmayr hat sich schon „mit vollkommenem Unsinn“ ausgezeichnet.

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Tradition und Lehramt

Eine Antwort auf P. Recktenwald von P. Matthias Gaudron

Fortsetzung

Die Religionsfreiheit

Die Erklärung über die Religionsfreiheit Dignitatis humanae des II. Vatikanums lehrt in der Nr. 2 ein Recht aller Menschen auf Nichtbehinderung bei der privaten und öffentlichen Ausübung der Religion. Dieses Recht auf freie öffentliche Religionsausübung wird im „Katechismus der katholischen Kirche“ Nr. 2106 sogar als Naturrecht bezeichnet. Während nach der traditionellen Lehre der Kirche der Staat das Recht hatte, das öffentliche Auftreten einer Sekte oder falschen Religion einzuschränken oder zu verbieten, hat er dieses Recht nach dem II. Vatikanum nicht, sondern würde damit sogar gegen ein menschliches Grundrecht verstoßen. Genau hierin liegt der Widerspruch.

P. Recktenwald macht es sich sehr einfach, wenn er der Piusbruderschaft vorwirft, nur „eine Momentaufnahme der Lehrentwicklung aus dem 19. Jahrhundert“ als unaufgebbar festhalten zu wollen. In Wirklichkeit hat die Kirche ihre ganze Geschichte lang es als normal betrachtet, dass der Staat mit ihr zusammenarbeitet. Prof. Georg May schrieb darum 1993 in einer Rezension: „Mit der Erklärung ,Dignitatis humanx‘ desavouiert die Kirche [… ] ihre ganze Geschichte.“ In der Tat folgt aus der Erkhumanae der Religionsfreiheit und der Lehre des „Katechismus der katholischen Kirche“, dass die Kirche vom 4. Jahrhundert an das Menschenrecht auf Religionsfreiheit verletzt hat. Nachdem die Kirche unter Kaiser Konstantin die Freiheit erlangt hatte, hat sie nämlich versucht, die Irrlehrer auch mit Hilfe der staatlichen Gewalt zurückzudrängen. Die Kirchenväter waren einmütig der Meinung, dass die Staatsmänner die Kirche schützen und verteidigen sollten. Der Apostel Deutschlands, der hl. Bonifatius, hätte ohne die Hilfe der weltlichen Gewalt sein Missionswerk nicht in der Weise vollbringen kön­nen, wie er es faktisch getan hat. Es war erst Recht die allgemeine Lehre im Mittelalter, dass der christliche Fürst die Kirche schützen und fördern soll.

Zweifellos gab es Zeitbedingtes in den verschiedenen Formen, in denen sich die Zusammenarbeit von Kirche und Staat verwirklichte. Aber die neueren Päpste, wie Leo XIII. in Immortale Dei, Pius XI. in Quas primas oder Pius XII. in der Ansprache Ecco che gia un anno, haben gerade die nicht zeitbedingten Prinzipien des Verhältnisses von Kirche und Staat herausgearbeitet.

Hier wird nun wirklich die Unfehlbarkeit der Kirche berührt. Ist es möglich, dass die Kirche in einer so wichtigen Frage des Naturrechts fast ihre ganze Geschichte lang irrte und die christlichen Fürsten zu Unrechtstaten aufrief? Die konservativen Verteidiger der Religionsfreiheit scheuen diese KonsequenZ, die aber eine Forderung der Logik ist: Wenn die Erklärung über die ReligionsfrKonsequenz II. Vatikanums Recht hat, dann hat die Kirche ihre ganze Geschichte hindurch in dieser Frage wenigstens objektiv — subjektive Entschuldigungsgründe sind natürlich möglich — gegen die Gerechtigkeit gesündigt. P. Recktenwald ist bereit, die gesamte Kirchengeschichte ins Unrecht zu setzen, um eine „Erklärung“ des Konzils — wohl der geringste Autoritätsgrad, mit dem sich ein Konzil äußern kann — zu retten.

Das Mindeste, was man zugeben muss, ist doch, dass hier ein Problem besteht. Prof. Brunero Gherardini gab deshalb dem entsprechenden Kapitel seines Buches „Das Zweite Vatikanische Konzil — ein ausstehender Diskurs“ den Titel: „Das große Problem der Religionsfreiheit“. Dieses Problem zeigt sich auch in dem uneinheitlichen Bild, das die Befürworter der Reli­gionsfreiheit abgeben, wenn es um die Frage geht, ob die neue Lehre des Konzils einen Bruch mit der Vergangenheit der Kirche darstellt oder nicht, und wenn nicht, wie der scheinbare Widerspruch zu lösen ist. Während die einen diesen Bruch offen zugeben, wie z. B. Yves Congar, Courtnay Murray oder Hans Küng, behaupten andere entweder bruchlose Kontinuität oder versuchen die Lehre des 2. Vatikanums mit der Lehre der früheren Päpste zu harmonisieren, wie Basil Valuet oder Bertrand de Margerie. Der Opus Dei Theologe Martin Rhonheimer verwirft diese Vermittlungsversuche wieder und behauptet eine „Kontinuität der Reform“, d. h. einen Bruch bei gleichzeitiger Bewahrung der tieferen Prinzipien. Wieso gehen die Verteidiger der Religionsfreiheit so unterschiedliche Wege, wenn es hier kein Problem gibt?

Wenn P. Recktenwald gegen Ende seiner Ausführungen zudem nahe legt, die traditionelle Lehre würde die blutige Verfolgung Andersgläubiger gutheißen, ist das eine billige Polemik, wie man sie sonst nur von kirchenfeindlichen Journalisten kennt. Pius XII. hat Tausende von Juden gerettet und trotzdem die traditionelle Lehre über das Verhältnis von Kirche und Staat aufrechterhalten. Angesichts solcher haarsträubender Äußerungen fragt man sich, ob P. Recktenwald die traditionelle Lehre überhaupt verstanden hat.

Der Ökumenismus

Die neue positive Sicht der anderen Konfessionen und Religionen steht nicht nur im Gegensatz zu einer einzigen Enzyklika von 1928, wie P. Reckenwald verharmlosend meint, sondern im Widerspruch zur Heiligen Schrift und der gesamten Tradition der Kirche. Wo findet sich in der Heiligen Schrift ein Lob auf die positiven Elemente der heidnischen Religionen?

Schon die Apostel warnen vor den Irrlehrern, die in die christlichen Gemeinden einzudringen versuchten, und diese Warnung hat die Kirche ihre gesamte Geschichte hindurch fortgesetzt. Gegen das Argument, dass die Häretiker doch in vielen Punkten mit uns übereinstimmen, schrieb schon Augustinus: „In vielem sind sie mit mir, in wenigem sind sie nicht mit mir; aber wegen dieses Wenigen, in dem sie nicht mit mir einig gehen, nützt ihnen das Viele nichts, worin sie mit mir sind.“

Wenn es im Ökumenismusdekret Nr. 3 heißt: „Der Geist Christi hat sich gewürdigt, sie [gemeint sind die getrennten Kirchen und Gemeinschaften] als Mittel des Heils zu gebrauchen“, dann ist das eine Ungeheuerlichkeit. Die getrennten Gemeinschaften sind niemals Mittel des Heils. Wenn der Heilige Geist in Mitgliedern dieser Gemeinschaften wirkt und diese Menschen in der Gnade sind, dann nur, weil sie es nicht besser wissen und darum schuldlos an ihrer Trennung vom Leib der Kirche sind. Nach katholischer Lehre können diese Andersgläubigen zur Seele der wahren Kirche gehören. Hier handelt es sich aber immer nur um Einzelne, die nichtkatholischen Konfessionen als solche führen nicht zur wahren Kirche hin, sondern von ihr weg.

Noch weiter geht das Dokument Dialog und Mission des päpstlichen Sekretariats für die Nichtchristen vom 10. Juni 1984, also immerhin ein offizielles Dokument des Vatikans. Hier heißt es in Nr. 1, mit dem 2. Vatikanischen Konzil, habe „ein neuer Abschnitt“ in den Beziehungen der Kirche zu den Anhängern der anderen Religionen begonnen. Diese neue Haltung habe den Namen „Dialog“ erhalten (Nr. 3). Der Dialog bezeichne „nicht nur das Gespräch, sondern auch das Ganze der positiven und konstruktiven Beziehungen zwischen den Religionen, mit Personen und Gemeinschaften anderen Glaubens, um sich gegenseitig kennenzulernen und einander zu bereichern“. In Nr. 13 heißt es: „Dann ist da der Dialog, bei dem die Christen den Anhängern anderer religiöser Überlieferungen begegnen, um gemeinsam auf die Wahrheit zuzustreben(!) und bei Werken von gemeinsamem Interesse zusammenzuarbeiten.“ Wenn sich Gott also auch in anderen Religionen geoffenbart hat, wenn die Katholiken mit den Nichtchristen gemeinsam auf die Wahrheit zustreben und es hier eine gegenseitige Bereicherung gibt, dann hat die Kirche offenbar ihren Absolutheitsanspruch aufgegeben!

Der ganze Ökumenismus hat die Protestanten der katholischen Kirche nicht näher gebracht, sondern im Gegenteil die Katholiken protestantisiert. Auch unter Katholiken ist heute die Meinung weit verbreitet, es sei letztlich egal, welcher Konfession oder Religion man angehöre.

Oft genug wird zudem deutlich gesagt, dass es beim Ökumenismus nicht um die Rückkehr der Getrennten zur Kirche geht: Im ökumenischen Katechismus, zu dem Erzbischof Degenhardt ein Geleitwort schrieb und der auch von anderen katholischen Bischöfen hohes Lob erhielt, heißt es z. B.: „Ziel ist nicht Rückkehr, vielmehr Gemeinschaft von Schwesterkirchen; Einheit in versöhnter Verschiedenheit; Einheit der Kirchen — die Kirchen bleiben und eine Kirche werden.“ Der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller bezeichnete am 11. Oktober 2011 die „Rückkehrökumene“ sogar als „abwegig“. Er ist heute Präfekt der Glaubenskongregation. Im selben Monat sprach auch der zum Erzbischof von Berlin berufene Bischof Rainer Maria Woelki davon, dass „die katholische Seite sich von einer Rückkehrökumene“ verabschiedet habe.

Die neue Messe

P. Recktenwald gibt zu, dass „die Liturgiereform auch von ökumenischen Motiven bestimmt“ war. Man kann das auch noch deutlicher ausdrücken. So stellt der neue Messritus von 1969 nach dem Urteil der Kardinäle Ottaviani und Bacci „sowohl im Ganzen wie in den Einzelheiten ein auffallendes Abrücken von der katholischen Theologie der hl. Messe dar“. Alle Änderungen sind darauf hingeordnet, den Gedanken an das Opfer zu unterdrücken und sich dafür einer Abendmahlfeier im protestantischen Sinn anzunähern.

Auch der Liturgiewissenschaftler Alcuin Reid sagte in einem Interview 2011: „Der Ordo Missae von 1969 […] ist eine Neuschöpfung des Consiliums. Er bewahrt zwar noch mehr, als man eigentlich bewahren wollte, denn Paul VI. lehnte das Ansinnen des Consiliums ab, den Römischen Kanon, das Orate Fratres sowie das Kreuzzeichen am Anfang der Messe abzuschaffen. […] Ich bin kein ‚Traditionalist‘. Ich bin katholisch. Außerdem bin ich Liturgiehistoriker. Und in dieser Eigenschaft kann ich sagen, dass es Anzeichen gibt, die darauf hindeuten, dass die für die Reform Verantwortlichen einen Bruch im Sinn hatten — sowohl in theologischer als auch in ritueller Hinsicht. Das, was durch die Tradition überliefert war, wollten sie nicht. Sie wollten das auch nicht weiterentwickeln. Sie wollten etwas Neues, etwas, das den ,modernen Menschen‘ der sechziger Jahre widerspiegelte und was dieser ihrer Meinung nach brauchte. Das ist eine historische Realität und kein kirchenpolitischer Standpunkt. Daher stimmen Liturgiker ,beider Seiten‘ darin überein, dass die Reform eine radikale und ein Bruch gewesen ist. Als Katholik betrachte ich das als ein erhebliches Problem, da es in der Liturgiegeschichte beispiellos dasteht und eben nicht das ist, wozu das Konzil — aus Achtung vor der liturgischen Tradition — aufgerufen hat.“

Es ist richtig, dass der neue Messritus nicht in sich häretisch ist, aber dass er unzählige Katho­liken in die Häresie geführt hat, ist unbestreitbar. Wie viele Katholiken glauben noch an das Opfer der Messe, die wirkliche Gegenwart Christi in der Eucharistie, die besondere Gewalt des Weihepriestertums? Zweifellos sind die schlechten Tendenzen des neuen Messritus in der Praxis noch verstärkt worden, aber zu behaupten, die Reformen hätten mit den schlechten Früchten nichts zu tun, heißt, die Augen vor der Realität verschließen.

Das Wort Christi vom Baum und seinen Früchten kann man sowohl auf das Konzil als auf die Liturgiereform anwenden: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Sammelt man etwa von Dornen Trauben oder von Disteln Feigen? Jeder gute Baum bringt gute Früchte, ein schlechter Baum aber bringt schlechte Früchte. Ein guter Baum kann keine schlechten Früchte tragen, und ein schlechter Baum trägt keine guten Früchte“ (Mt 7,16 ff). Im Gegensatz dazu behaupten die konservativen Verteidiger von Konzil und Liturgiereform ständig, dass die schlechten Früchte doch Früchte eines guten Baums seien.

Die Pflicht zum Widerstand

P. Recktenwald empört sich darüber, dass die Piusbruderschaft ihren Widerstand gegen die kirchlichen Autoritäten damit begründet, dies sei eine Notwendigkeit, um katholisch zu bleiben. Betrachten wir dazu ganz konkret, was es denn bedeutet hätte, wenn Erzbischof Lefebvre 1975 der Aufhebung der Priesterbruderschaft St. Pius X. Folge geleistet hätte. Er hätte sein Seminaristen an Seminare schicken müssen, in denen sie häretischen Vorlesungen ausgesetzt gewesen und in keiner Weise in ein priesterliches Leben des Gebets und Opfers eingeführt worden wären. Die Gläubigen, die angefangen hatten, sich um die Priorate und Kapellen der Priesterbruderschaft zu scharen, weil sie den Modernismus in ihren Pfarreien nicht mehr aushielten, hätte er damit im Stich gelassen. Es gab für ihn hier nicht nur ein Recht, sondern geradezu eine Pflicht zum Widerstand.

Noch heute ist es so, dass man wenigstens im europäischen und nordamerikanischen Raum keine Universität findet, in der man vollkommen katholische Vorlesungen hören kann. Bestenfalls gibt es den einen oder anderen Professor, auf den man sich verlassen kann. Ebenso ist es bis heute unmöglich, Menschen, die am katholischen Glauben interessiert sind, einfach an den für sie zuständigen Pfarrer zu verweisen, denn man muss damit rechnen, dass dieser Pfarrer überhaupt kein Interesse hat, jemanden für den katholischen Glauben zu gewinnen, und sich vielleicht selbst schon innerlich längst vom katholischen Glauben verabschiedet hat.

P. Recktenwald würde hierauf vielleicht antworten, inzwischen gebe es die Priesterseminare und Kapellen der Priesterbruderschaft St. Petrus, aber abgesehen davon, dass hier der Versuch gemacht wird, Unvereinbares zu vereinbaren, Tradition und Modernismus zu harmonisieren, die alte Messe zu feiern und gleichzeitig zu beteuern, dass man nichts gegen die neue Messe habe, ist die Petrusbruderschaft völlig auf das Wohlwollen der zum Teil modernistischen Autoritäten angewiesen. Viele Diözesen sind ihr daher verschlossen und ihre Seelsorge ist zahlreichen Schikanen und Behinderungen ausgeliefert. Proteste gegen unkatholische Ansprachen und Maßnahmen der Amtsträger sind von der Petrusbruderschaft naturgemäß fast nie zu hören — man würde sonst ihr Apostolat noch mehr einschränken.

Selbst Rom hat jahrelang ver­sucht, die Petrusbruderschaft und die anderen von der römischen Kommission Ecclesia Dei abhängigen Gemeinschaften zur neuen Messe zu führen. Das ging so weit, dass sich am 23. Juli 1999 der Generalobere der Petrusbruderschaft, P. Josef Bisig, und der Generalprior der Bruderschaft vom hl. Vinzenz Ferrier, P. Louis-Marie de Blignières, in einer Bittschrift an den Heiligen Stuhl wandten, in der sie schrieben, das Verhalten Roms sehe wie ein Wortbruch gegenüber den Zusagen von 1988 aus und werde Rom in den Augen der „Lefebvristen“ unglaubwürdig machen.

Im Jahr 2000 verbot der Präfekt der Kommission Ecclesia Dei, Kardinal Castrillón-Hoyos, dem Generalkapitel der Petrusbruderschaft die Wiederwahl von P. Bisig in das Amt des Generaloberen und setzte statt dessen einen Generaloberen ein, der wegen seiner liberalen Haltung nicht das Vertrauen der Mehrheit der Bruderschaft hatte.

Unter dem Pontifikat von Benedikt XVI. ging es der Petrusbruderschaft zweifellos besser, aber noch im Jahre 2006 bekannte der Direktor des Remnant, einer in den USA erscheinenden Zeitschrift, die auf der Linie der Petrusbruderschaft liegt, die Priesterbruderschaft St. Pius X. sei das Gegengewicht, das es den Ecclesia Dei-Gemeinschaften erlaube, zu existieren und sich zu entwickeln. Ohne die Priesterbruderschaft St. Pius X. hätten diese Gemeinschaften also nie das Recht erlangt, die überlieferte Liturgie zu feiern bzw. wären längst gezwungen worden, ganz auf die neue Messe einzuschwenken.

Wie es der Petrusbruderschaft unter dem neuen Pontifikat ergehen wird, kann noch niemand sagen. Noch unter Benedikt XVI. sprachen die Gegner der traditionellen Liturgie ganz offen davon, dass das Wohlwollen für die alte Messe nur eine vorübergehende Phase sei. Eine der ersten Amtshandlungen von Papst Franziskus bestand nun darin, den Volksaltar wieder in die Sixtinische Kapelle bringen zu lassen und wenn man Bilder von seinen Messen betrachtet, gewinnt man nicht den Eindruck, dass er ein Freund der tridentinischen Messe sein könnte. Vielleicht wird also die Petrusbruderschaft bald wieder froh sein, wenn sie ihre Existenzbe­rechtigung gegenüber den kirchlichen Autoritäten damit rechtfertigen kann, dass die Gläubigen sonst zur Piusbruderschaft laufen würden.

Die Petrusbruderschaft möge ihre Arbeit für den katholischen Glauben tun, aber sie möge ihre dauernden Angriffe gegen die Gemeinschaft unterlassen, aus der sie hervorgegangen ist und der sie bis heute einen guten Teil ihrer Wirkungsmöglichkeit verdankt.

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Hervorhebung des letzten Absatzes durch mich (POS)!