Die Papstpredigt bei der Chrisammesse an Gründonnerstag

Hier lesen Sie die Papstpredigt bei der Chrisammesse in St. Peter von diesem Gründonnerstag in der offiziellen Übersetzung. (rv)

»Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn er hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze« (Lk 4,18). Der Herr, der vom Geist Gesalbte, bringt den Armen die „frohe Botschaft“ – die frohe Kunde. Alles, was Jesus und auch wir Priester verkünden, ist frohe Kunde. Sie ist freudig erfüllt von der Freude des Evangeliums: sie offenbart die Freude dessen, der in seinen Sünden mit dem Öl der Vergebung gesalbt wurde und in seinem Charisma mit dem Öl der Sendung, um die anderen zu salben. Und so wie Jesus verleiht der Priester der Verkündigung mit seiner ganzen Person freudige Gestalt. Wenn er die Homilie – wenn möglich kurz – hält, tut er dies mit der Freude, die das Herz der ihm anvertrauten Menschen mit dem Wort anrührt, durch das der Herr ihn selbst während seines Gebets angerührt hat. Wie jeder missionarische Jünger verleiht der Priester mit seinem ganzen Wesen der Verkündigung freudigen Ausdruck. Und andererseits sind es gerade die kleinsten Einzelheiten – wir alle haben die Erfahrung gemacht –, welche die Freude besser fassen und mitteilen: wenn jemand einen kleinen Schritt mehr macht und so bewirkt, dass die Barmherzigkeit ins Niemandsland überläuft; wenn jemand sich entscheidet, konkret Tag und Zeit des Treffens festzulegen; wenn jemand ruhig und bereitwillig zulässt, dass man seine Zeit in Anspruch nimmt …

Die frohe Kunde kann einfach als eine andere Weise erscheinen, um „Evangelium“ zu sagen, wie etwa „Frohbotschaft“ oder „Gute Nachricht“. Dennoch enthält sie etwas, was alles Übrige in sich schließt: die Freude des Evangeliums. Sie fasst alles zusammen, weil sie in sich selbst freudig ist.

Die frohe Kunde ist die kostbare Perle aus dem Evangelium. Sie ist kein Gegenstand, sie ist eine Sendung. Dies weiß derjenige, der »die innige und tröstliche Freude der Verkündigung des Evangeliums« (Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 10) erfährt.

Die frohe Kunde geht aus der Salbung hervor. Die erste „große priesterliche Salbung“ Jesu ist diejenige, die vom Heiligen Geist im Schoß Mariens gewirkt wurde.

In jenen Tagen ließ die frohe Kunde die jungfräuliche Mutter das Magnificat singen; sie erfüllte das Herz Josefs, ihres Bräutigams, mit heiligem Schweigen und ließ Johannes im Schoß seiner Mutter Elisabet vor Freude hüpfen.

Heute kehrt Jesus nach Nazaret zurück und die Freude des Geistes erneuert die Salbung in der kleinen Synagoge des Dorfes: Der Geist senkt sich auf ihn herab, er wird über ihn ausgegossen und salbt ihn mit dem Öl der Freude (vgl. Ps 45,8).

Die frohe Kunde. Ein einziges Wort – Evangelium –, das bei der Verkündigung selbst zu froher und barmherziger Wahrheit wird.

Niemand möge versuchen, diese drei Gnaden des Evangeliums voneinander zu trennen: seine Wahrheit – nicht verhandelbar –, seine Barmherzigkeit – vorbehaltlos für alle Sünder – und seine Freude – tief und einschließend.

Nie wird die Wahrheit der frohen Kunde nur eine jener abstrakten Wahrheiten sein, die im Leben der Personen nicht voll Gestalt annehmen, weil sie sich als gedruckter Buchstabe in Büchern angenehmer fühlen.

Nie wird die Barmherzigkeit der frohen Kunde eine falsche Bemitleidung sein, die den Sünder in seinem Elend zurücklässt, da es ihm nicht die Hand reicht, um aufzustehen, und ihn nicht in seinem Bemühen, einen Schritt vorwärts zu machen, begleitet.

Nie wird die Kunde traurig oder neutral sein, weil sie Ausdruck einer ganz persönlichen Freude ist, nämlich der »Freude eines Vaters, der nicht will, dass auch nur einer seiner Kleinen verloren geht« (Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 237): Es ist die Freude Jesu, wenn er sieht, dass den Armen das Evangelium verkündet wird und die Kleinen sich aufmachen, das Evangelium zu verkünden (vgl. ebd., 5).

 

Die Freuden des Evangeliums – ich verwende nun den Plural, weil es viele und verschiedene sind, je nachdem wie der Geist sie zu allen Zeiten jedem Menschen jeglicher einzelnen Kultur mitteilen will – sind besondere Freuden. Sie müssen in neue Schläuche gefüllt werden, in jene Schläuche, von denen der Herr spricht, um die Neuheit seiner Kunde zum Ausdruck zu bringen.

Ich möchte gemeinsam mit euch, liebe Priester und Brüder, drei „Ikonen“ von neuen Schläuchen betrachten, in denen sich die frohe Kunde gut hält und nicht zu Essig wird, sondern in Fülle ausgegossen werden kann.

Eine Ikone der frohe Kunde sind die Wasserkrüge bei der Hochzeit zu Kana (vgl. Joh 2,6). In einem Detail spiegeln sie gut jenen vollkommenen Schlauch wider, der die Muttergottes, die Jungfrau Maria, sie selbst ganz und gar ist. Im Evangelium heißt es: »Sie füllten sie bis zum Rand« (Joh 2,7). Ich stelle mir vor, dass manch einer der Diener Maria angeschaut haben wird, um zu sehen, ob es so ausreichend war, und es von ihr ein Zeichen gab, um zu sagen, dass ein weiterer Kübel hinzugefügt werden soll. Maria ist der neue Schlauch der ansteckenden Fülle. Sie ist »die Magd des Vaters, die in Lobpreis ausbricht« (Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 286), die Mutter Gottes der schnellen Hilfe. Nachdem sie eben erst in ihrem unbefleckten Schoß das Wort des Lebens empfangen hat, geht sie ihre Cousine Elisabet besuchen und dient ihr. Ihre ansteckende Fülle macht es uns möglich, die Versuchung der Angst zu überwinden: jenen Mangel an Mut, sich bis zum Rand füllen zu lassen; jenen Kleinmut, nicht hinzugehen und die anderen mit Freude anzustecken. Nichts von alledem, denn »die Freude des Evangeliums erfüllt das Herz und das gesamte Leben derer, die Jesus begegnen« (ebd., 1).

Die zweite Ikone der frohen Kunde ist der Krug, den die Samariterin mit ihrem hölzernen Schöpfgefäß in der prallen Mittagssonne auf dem Kopf trug (vgl. Joh 4,5-30). Hier kommt eine wesentliche Sache gut zum Ausdruck: die Konkretheit. Der Herr, der Quell des lebendigen Wasser, hatte kein Schöpfgefäß, um Wasser zu schöpfen und einen Schluck zu trinken. Und die Samariterin nahm mit dem Schöpfgefäß Wasser aus ihrem Krug und stillte den Durst des Herrn. Und sie stillte ihn noch mehr mit dem Bekenntnis ihrer konkreten Sünden. Da der Heilige Geist den Schlauch dieser samaritanischen Seele, vor Barmherzigkeit überfließend, schüttelte, ergoss er sich über alle Bewohner jenes kleinen Dorfs, die den Herrn einluden, bei ihnen zu verweilen.

Einen neuen Schlauch mit dieser einbeziehenden Konkretheit hat uns der Herr in der „samaritanischen“ Seele einer Mutter Teresa von Kalkutta geschenkt. Er rief sie und sagte ihr: »Mich dürstet«. „Meine Kleine, komm, trage mich in die Höhlen der Armen. Komm, sei mein Licht. Ich kann nicht allein gehen. Sie kennen mich nicht, deshalb wollen sie mich auch nicht. Trage mich zu ihnen.“ Und bei einer konkreten Tat beginnend hat sie mit ihrem Lächeln und ihrer Art, mit den Händen die Wunden zu berühren, allen die frohe Kunde gebracht.

Die dritte Ikone der frohen Kunde ist der unermessliche Schlauch des durchbohrten Herzens des Herrn: sanfte, demütige und arme Unversehrtheit, die alle zu sich zieht. Von ihm müssen wir lernen, dass man eine große Freude denen, die sehr arm sind, nur verkünden kann, wenn es auf respektvolle und demütige Weise bis hin zur Erniedrigung geschieht. Die Evangelisierung darf nicht überheblich sein. Die Unversehrtheit der Wahrheit darf nicht starr sein. Der Heilige Geist verkündet und lehrt »die ganze Wahrheit« (Joh 16,13) und fürchtet sich nicht, sie schluckweise trinken zu lassen. Der Geist sagt uns in jedem Augenblick, was wir unseren Gegnern sagen müssen (vgl. Mt 10,19) und erleuchtet den kleinen Schritt nach vorne, den wir in jenem Augenblick machen können. Diese sanfte Unversehrtheit gibt den Armen Freude, richtet die Sünder wieder auf und lässt die vom Teufel Unterdrückten Atem schöpfen.

Liebe Priester, wenn wir diese drei neuen Schläuche betrachten und aus ihnen trinken, so möge die frohe Kunde in uns die ansteckende Erfülltheit // Fülle, haben, welche die Muttergottes mit ihrem ganzen Wesen überträgt, sowie die einschließende Konkretheit der Verkündigung der Samariterin und die sanfte Unversehrtheit, mit der der Geist unablässig aus dem durchbohrten Herzen Jesu unseres Herrn hervorströmt und sich ergießt.

(rv 13.04.2017 mg)

Papstpredigt während der Chrisam-Messe

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Papst Franziskus bei der Predigt in der Chrisam-Messe

Predigt von Papst Franziskus bei der Feier der Chariam-Messe am Donnerstagmorgen im Petersdom.

Als nach der Lektüre einer Prophetie des Jesaja aus dem Munde Jesu die Worte zu hören waren: » Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt « (Lk 4,21), hätte in der Synagoge von Nazareth eigentlich ein Beifall losbrechen müssen. Und dann hätten sie vor Freude weinen können, wie das Volk weinte, als Nehemia und der Priester Esra das Buch des Gesetzes vorlasen, das sie beim Wiederaufbau der Mauern entdeckt hatten (vgl. Neh 8,9). Doch die Evangelien berichten uns, dass unter den Landsleuten Jesu ganz andere Gefühle aufkamen: Sie trieben ihn fort und verschlossen ihm ihr Herz. Anfangs hatte » seine Rede bei allen Beifall [gefunden]; sie staunten darüber, wie begnadet er redete « (Lk 4,22), doch dann verbreitete sich eine heimtückische Frage: » Ist das nicht der Sohn Josefs, [des Zimmermanns]? « (ebd.) Und schließlich » gerieten sie alle in Wut « (Lk 4,28). Sie wollten ihn vom Felsen hinabstürzen… So erfüllte sich, was der greise Simeon der Mutter Jesu geweissagt hatte: » Er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird « (Lk 2,34). Jesus bewirkt mit seinen Worten und seinen Gesten, dass offenbar wird, was jeder Mensch in seinem Herzen trägt.

Und dort, wo der Herr das Evangelium der bedingungslosen Barmherzigkeit des Vaters gegenüber den Ärmsten, den am weitesten Entfernten und den am meisten Unterdrückten verkündet, genau dort sind wir aufgerufen, uns zu entscheiden, » den guten Kampf des Glaubens « (1 Tim 6,12) zu kämpfen. Der Kampf des Herrn richtet sich nicht gegen die Menschen, sondern gegen den Dämon (vgl. Eph 6,12), den Feind der Menschheit. Aber der Herr geht » mitten durch die Menge [derer] hindurch « (Lk 4,30), die ihn aufhalten wollen und setzt seinen Weg fort. Jesus kämpft nicht, um einen Raum der Macht zu festigen. Wenn er Umzäunungen niederreißt und Sicherheiten zur Diskussion stellt, dann tut er das, um eine Bresche zu öffnen für den Strom der Barmherzigkeit, den er gemeinsam mit dem Vater und dem Heiligen Geist auf die Erde gießen möchte. Eine Barmherzigkeit, die vom Guten zum Besseren fortschreitet, die etwas Neues verkündet und bringt, die heilt, befreit und ein Gnadenjahr des Herrn ausruft.

Die Barmherzigkeit unseres Gottes ist grenzenlos und unsagbar erhaben. Und die Dynamik dieses Geheimnisses drücken wir aus als eine „immer noch größere“ Barmherzigkeit, als eine Barmherzigkeit auf dem Weg, eine Barmherzigkeit, die jeden Tag nach der Möglichkeit sucht, einen Schritt voranzukommen, einen kleinen Schritt durch das Niemandsland dorthin, wo Gleichgültigkeit und Gewalt herrschten.

Das war die Dynamik des Samariters, der » barmherzig […] gehandelt hat « (Lk 10,37): Er hatte Mitleid, ging zu dem Verletzten hin, verband seine Wunden, brachte ihn in die Herberge, blieb in der Nacht dort und versprach, bei seiner Rückkehr eventuell noch anfallende Mehrkosten zu begleichen. Das ist die Dynamik der Barmherzigkeit, die eine kleine Geste mit der anderen verbindet und, ohne irgendeine Schwachheit zu beleidigen, sich in ihrer Hilfe und ihrer Liebe immer ein bisschen weiter ausstreckt. Jeder von uns kann, wenn er mit dem gütigen Blick Gottes das eigene Leben betrachtet, eine Gedächtnisübung machen und entdecken, wie der Herr uns gegenüber Barmherzigkeit hat walten lassen, wie er viel barmherziger war, als wir glaubten. Und so können wir Mut fassen ihn zu bitten, noch einen weiteren kleinen Schritt zu tun, dass er sich in Zukunft als noch viel barmherziger erweisen möge. » Erweise uns, Herr, deine Huld « (Ps 85,8). Diese in sich widersprüchliche Art, zu einem immer noch barmherzigeren Gott zu beten, hilft, jene engen Schablonen zu durchbrechen, in die wir den Überfluss seines Herzens so oft einzwängen. Es tut uns gut, aus unseren Einzäunungen hinauszutreten, denn es ist dem Herzen Gottes eigen, von Erbarmen überzulaufen, im Ausgießen seiner Zärtlichkeit überzuströmen, so dass immer etwas übrig bleibt. Denn es ist dem Herrn lieber, dass etwas verloren geht, als dass ein Tropfen fehlt; es ist ihm lieber, dass viele Samen von den Vögeln gefressen werden, als dass bei der Aussaat auch nur ein einziges Samenkorn fehlt, da alle die Fähigkeit haben, reiche Frucht zu tragen: dreißigfach, sechzigfach und bis zu hundertfach.

Als Priester sind wir Zeugen und Ausspender dieser immer noch größeren Barmherzigkeit unseres Vaters; wir haben die sanfte und Trost bringende Aufgabe, sie zu verkörpern – wie Jesus, der » umherzog, Gutes tat und alle heilte « (Apg 10,38) –, und dies in tausenderlei Art, damit sie alle erreiche. Wir können dazu beitragen, sie zu „inkulturieren“, damit jeder Mensch sie in seinem eigenen Leben empfängt und persönlich erfährt, so dass er sie verstehen und kreativ so in die Praxis umsetzen kann, wie es der besonderen Eigenart seines Volkes und seiner Familie entspricht.

Heute, an diesem Gründonnerstag des Jubiläumsjahres der Barmherzigkeit, möchte ich über zwei Bereiche sprechen, in denen der Herr sein Erbarmen im Übermaß walten lässt. Da er es ist, der uns das Beispiel gibt, müssen auch wir keine Angst haben zu übertreiben. Ein Bereich ist der der Begegnung; der andere ist der seiner Vergebung, die uns beschämt und uns Würde verleiht.

Der erste Bereich, in dem wir sehen, dass Gott eine immer noch größere Barmherzigkeit im Übermaß walten lässt, ist der Bereich der Begegnung. Er schenkt sich ganz und gar und zwar so, dass er in jeder Begegnung unmittelbar dazu übergeht, ein Fest zu feiern. Im Gleichnis vom barmherzigen Vater verblüfft uns dieser Mann, der tief bewegt seinem Sohn entgegenläuft, um ihm um den Hals zu fallen; wir sind verblüfft, wenn wir sehen, wie er ihn umarmt, ihn küsst und dafür sorgt, dass ihm der Ring an den Finger gesteckt wird, der ihm das Gefühl der Ebenbürtigkeit vermittelt, und die Sandalen angezogen werden, die ihn als Sohn kennzeichnen und nicht als Untergebenen; wenn wir dann sehen, wie er alle in Bewegung bringt und beauftragt, ein Fest zu organisieren. Wenn wir – immer neu staunend – dieses Übermaß der Freude des Vaters betrachten, dem die Rückkehr seines Sohnes erlaubt, rückhaltlos und ohne auf Distanz zu bleiben seiner Liebe freien Lauf zu lassen, dann dürfen wir keine Angst haben, in unserer Danksagung zu übertreiben. Die richtige Haltung können wir von jenem armen Aussätzigen übernehmen: Als er sieht, dass er geheilt ist, verlässt er seine neun Gefährten, die gehen, um den Auftrag Jesu zu erfüllen, und kehrt zurück, um sich dem Herrn zu Füßen zu werfen und mit lauter Stimme Gott zu loben und ihm zu danken.

Die Barmherzigkeit stellt alles wieder her und versetzt die Menschen in ihre ursprüngliche Würde zurück. Darum ist die überströmende Danksagung die richtige Antwort: Man muss sofort zum Fest schreiten, das entsprechende Gewand anziehen, den Groll des älteren Sohnes hinter sich lassen, sich freuen und feiern… Denn nur so, wenn man sich voll und ganz in diese Feststimmung begibt, kann man sich danach gründlich besinnen, kann man um Vergebung bitten und deutlicher sehen, wie man das angerichtete Übel wiedergutmachen kann. Es kann uns gut tun, uns zu fragen: Nachdem ich gebeichtet habe, feiere ich da? Oder gehe ich schnell zu anderen Dingen über – wie wenn wir nach dem Arztbesuch sehen, dass die Analysen nicht allzu schlecht ausgefallen sind, diese in ihren Umschlag zurückstecken und uns anderen Dingen zuwenden? Und wenn ich ein Almosen gebe, lasse ich dem, der es empfängt, die Zeit, seinen Dank auszudrücken, feiere ich sein Lächeln und jenen Segen, den die Armen uns spenden, oder fahre ich eilig mit meinen Angelegenheiten fort, nachdem ich „eine Münze habe fallen lassen“?

Der andere Bereich, in dem wir sehen, dass Gott eine immer noch größere Barmherzigkeit im Übermaß walten lässt, ist die Vergebung selbst. Er erlässt nicht nur unermessliche Schulden – wie dem Diener, der ihn anfleht und sich dann seinem Gefährten gegenüber als kleinlich erweist –, sondern er lässt uns von der zutiefst beschämenden Schande unmittelbar zur größten Würde übergehen, ohne Zwischenstufen. Der Herr lässt zu, dass die Sünderin, der vergeben wurde, ihm in einer familiären Vertrautheit mit ihren Tränen die Füße wäscht. Kaum gesteht Simon Petrus ihm seine Sünde und bittet ihn, auf Abstand von ihm zu gehen, schon erhebt Jesus ihn zum Menschenfischer. Wir hingegen neigen dazu, die beiden Haltungen voneinander zu trennen: Wenn wir uns der Sünde schämen, verbergen wir uns und lassen den Kopf hängen wie Adam und Eva, und wenn wir zu irgendeiner Würde erhoben worden sind, versuchen wir, die Sünden zu verbergen, und es gefällt uns, uns sehen zu lassen, uns gleichsam ins Rampenlicht zu stellen.

Unsere Antwort auf die überreiche Vergebung des Herrn müsste darin bestehen, immer in jener heilsamen Spannung zu bleiben zwischen einer würdevollen Beschämung und einer Würde, die sich zu schämen weiß – der Haltung dessen, der von sich aus danach trachtet, sich zu demütigen und zu erniedrigen, der aber fähig ist anzunehmen, dass der Herr ihn zum Wohl seiner Aufgabe erhöht, ohne deswegen persönliche Genugtuung zu empfinden. Das Vorbild, das vom Evangelium gewürdigt wird und das uns dienlich sein kann, wenn wir beichten, ist das des Petrus: Er lässt sich ausführlich über seine Liebe befragen und bekräftigt zugleich seine Bereitschaft zu dem Dienst, die Schafe zu weiden, die der Herr ihm anvertraut.

Um tiefer einzudringen in diese „Würde, die sich zu schämen weiß“ und die uns davor bewahrt, uns für mehr oder für weniger zu halten als das, was wir aus Gnade sind, kann es uns helfen zu sehen, wie der Abschnitt aus dem Buch Jesaja weitergeht, den der Herr heute in seiner Synagoge von Nazareth vorliest. Der Prophet sagt dort: » Ihr alle aber werdet „Priester des Herrn“ genannt, man sagt zu euch „Diener unseres Gottes“ « (61,6). Das arme, hungrige Volk in Kriegsgefangenschaft, ohne Zukunft, ein ausgesonderter Rest – dieses Volk ist es, das der Herr in ein priesterliches Volk verwandelt.

Als Priester identifizieren wir uns mit jenem ausgesonderten Volk, das der Herr rettet, und wir erinnern uns daran, dass es unzählige Mengen armer, ungebildeter, gefangener Menschen gibt, die sich in jener Situation befinden, weil andere sie unterdrücken. Aber wir erinnern auch daran, dass jeder von uns weiß, in welchem Maß wir oft blind sind und ohne das schöne Licht des Glaubens – nicht etwa weil wir nicht das Evangelium zur Hand hätten, sondern wegen eines Übermaßes an komplizierten Theologien. Wir spüren, dass unsere Seele dahinschwindet vor Durst nach Spiritualität, aber nicht aus Mangel an „lebendigem Wasser“ – das wir nur schlückchenweise trinken –, sondern aus einem Übermaß an Formen „prickelnder“ Spiritualität, an Spiritualitäten mit dem Prädikat „light“. Wir fühlen uns auch als Gefangene, nicht – wie viele Völker – umgeben von unübersteigbaren Mauern aus Stein oder von Drahtzäunen aus Stahl, sondern von einer virtuellen Weltlichkeit, die man mit einem einfachen „mouse click“ öffnen und schließen kann. Wir sind unterdrückt, aber nicht von Drohungen und Fußtritten wie viele arme Menschen, sondern vom Reiz tausender Konsumangebote, die wir nicht abschütteln können, um frei auf den Wegen zu gehen, die uns zur Liebe führen – Liebe zu unseren Brüdern und Schwestern, zur Herde des Herrn, zu den Schafen, die auf die Stimme ihres Hirten warten.

Und Jesus kommt, um uns zu befreien, uns herauszuholen, um uns von Armen und Blinden, von Gefangenen und Unterdrückten zu verwandeln in Ausspender von Barmherzigkeit und Trost. Und mit den Worten des Propheten Ezechiel an das Volk, das sich zur Dirne gemacht und seinen Herrn schwer verraten hatte, sagt er uns: » Ich will meines Bundes gedenken, den ich mit dir in deiner Jugend geschlossen habe […] Du sollst dich an dein Verhalten erinnern und dich schämen, wenn ich deine älteren und jüngeren Schwestern nehme und sie dir zu Töchtern gebe, aber nicht deshalb, weil du den Bund gehalten hättest. Ich selbst gehe einen Bund mit dir ein, damit du erkennst, dass ich der Herr bin. Dann sollst du dich erinnern, sollst dich schämen und vor Scham nicht mehr wagen, den Mund zu öffnen, weil ich dir alles vergebe, was du getan hast – Spruch Gottes, des Herrn. «  (Ez 16, 60-63).

In diesem Jubiläumsjahr feiern wir mit all der Dankbarkeit, zu der unser Herz fähig ist, unseren himmlischen Vater und bitten ihn, dass er „immer an sein Erbarmen denke“. Mit der Würde, die sich zu schämen weiß, nehmen wir die Barmherzigkeit im verwundeten Leib unseres Herrn Jesus Christus an und bitten ihn, uns von jeder Sünde reinzuwaschen und von allem Bösen zu befreien. Und mit der Gnade des Heiligen Geistes setzen wir uns ein, die Barmherzigkeit Gottes an alle Menschen weiterzugeben, indem wir die Werke tun, die der Geist in jedem Einzelnen anregt, zum gemeinsamen Wohl des gesamten gläubigen Gottesvolkes.

(rv 24.03.2016 ord)

JOHANNES PAUL II. AN DIE PRIESTER ZUM GRÜNDONNERSTAG 2004

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SCHREIBEN DES HEILIGEN VATERS
JOHANNES PAUL II.
AN DIE PRIESTER
ZUM GRÜNDONNERSTAG 2004

 

Liebe Priester!

1. Mit Freude und Zuneigung schreibe ich Euch zum Gründonnerstag und setze damit die Tradition fort, die ich an meinem ersten Osterfest als Bischof von Rom vor 25 Jahren begonnen habe. Dieser briefliche Termin, dem wegen der gemeinsamen Teilhabe am Priestertum Christi ein besonders brüderlicher Charakter zu eigen ist, steht im liturgischen Kontext dieses heiligen Tages, den zwei bedeutende Riten kennzeichnen: die Chrisam-Messe am Morgen und die Liturgie in Cena Domini am Abend.

Ich denke an Euch, die Ihr zunächst in den Kathedralen Eurer Diözesen um Euren Bischof versammelt seid, um Eure Bereitschaftserklärung zum priesterlichen Dienst zu erneuern. Dieser ausdrucksvolle Ritus erfolgt vor der Weihe der heiligen Öle, insbesondere des Chrisams, und fügt sich gut in diese Feier ein, die das Bild der Kirche, des priesterlichen Volkes, hervorhebt. Es ist durch die Sakramente geheiligt und ausgesandt worden, den Wohlgeruch Christi, des Erlösers (vgl. 2 Kor 2,14-16), in der Welt zu verbreiten.

Wenn sich der Tag neigt, sehe ich Euch in den Abendmahlssaal eintreten, um das Oster- Triduum zu beginnen. Jeden Gründonnerstag lädt uns Jesus ein, in eben jenen »Raum im Obergeschoß« (Lk 22,12) zurückzukehren. Gerade dort treffe ich besonders gern mit Euch, geliebte Brüder im Priesteramt, zusammen. Beim Letzten Abendmahl sind wir als Priester geboren worden: Deswegen ist es schön und richtig, daß wir uns im Abendmahlssaal einfinden, um voller Dank das Gedächtnis des hohen Auftrags, der uns verbindet, miteinander zu teilen.

2. Wir sind aus der Eucharistie geboren. Was wir von der ganzen Kirche behaupten, daß sie nämlich von der Eucharistie lebt (de Eucharistia vivit), wie ich in der letzten Enzyklika bekräftigen wollte, können wir ebenso vom Amtspriestertum sagen: es hat seinen Ursprung in, lebt von, wirkt und bringt Frucht aus der Eucharistie (vgl. Konzil von Trient, 22. Sitzung, can. 2: DH 1752). »Ohne Priestertum gibt es keine Eucharistie, so wie es kein Priestertum ohne Eucharistie gibt« (Geschenk und Geheimnis. Zum 50. Jahr meiner Priesterweihe, Graz, 1996, S. 82f).

Das Weihepriestertum, das niemals auf den bloß funktionalen Aspekt reduziert werden kann, weil es der Seins-Ebene angehört, befähigt den Priester, in persona Christi zu handeln, und gipfelt im Augenblick, in dem er mittels der Wiederholung der Akte und Worte Jesu beim Letzten Abendmahl Brot und Wein verwandelt.

Angesichts dieser außergewöhnlichen Wirklichkeit sind wir voller Staunen und Bewunderung: So groß ist die sich selbst entäußernde Demut, mit der sich Gott an den Menschen binden wollte! Wenn wir schon bewegt vor der Krippe in der Betrachtung der Menschwerdung des Wortes verweilen, was empfinden wir dann erst gegenüber dem Altar, auf dem Christus sein Opfer durch die armseligen Hände des Priesters in der Zeit gegenwärtig setzt? Es bleibt uns nur, die Knie zu beugen und in Stille dieses höchste Glaubensgeheimnis anzubeten.

3. »Mysterium fidei« ruft der Priester nach der Wandlung. Ein Geheimnis des Glaubens ist die Eucharistie; folglich ist aber auch das Priestertum selbst ein Geheimnis des Glaubens (vgl. ebd.). Das gleiche Geheimnis der Heiligung und der Liebe, ein Werk des Heiligen Geistes, wodurch Brot und Wein zu Leib und Blut Christi werden, vollzieht sich ebenso in der Person des Priesters im Augenblick seiner Weihe. Daher besteht eine spezifische Wechselseitigkeit zwischen der Eucharistie und dem Priestertum, die auf den Abendmahlssaal zurückgeht: Es handelt sich um zwei gemeinsam geborene Sakramente, deren Los untrennbar bis ans Ende der Welt miteinander verbunden ist.

Hier berühren wir jenen Punkt, den ich die »Apostolizität der Eucharistie« genannt habe (vgl. Enzyklika Ecclesia de Eucharistia, 26-33). Das Sakrament der Eucharistie — wie jenes der Versöhnung — wurde von Christus den Aposteln anvertraut und von ihnen und ihren Nachfolgern von Generation zu Generation weitergegeben. Am Beginn seines öffentlichen Lebens rief und setzte der Messias die Zwölf ein, »die er bei sich haben« und aussenden wollte (vgl. Mk 3,14-15).

Beim Letzten Abendmahl erreichte das »Bei-Jesus- Sein« für die Apostel seinen Höhepunkt. In der Feier des Paschamahls und durch die Einsetzung der Eucharistie vollendete der göttliche Lehrer ihre Berufung. Mit den Worten »Tut dies zu meinem Gedächtnis«besiegelte er ihre Sendung mit der Eucharistie und erteilte ihnen den Auftrag, diese heiligste Handlung fortzusetzen, wobei er die Jünger in der sakramentalen Gemeinschaft mit sich verband.

Während er die Worte »Tut dies …« aussprach, richteten sich seine Gedanken auf die Nachfolger der Apostel, auf diejenigen, die ihre Sendung weiterzuführen hatten, um die Speise des Lebens bis an die äußersten Grenzen der Welt auszuteilen. So sind im Abendmahlssaal in einem gewissen Sinn auch wir persönlich, jeder einzelne, »in brüderlicher Liebe« (Präfation vom Gründonnerstag – Chrisam-Messe) gerufen worden, liebe Brüder im Priesteramt, um aus den heiligen und ehrwürdigen Händen des Herrn das eucharistische Brot zu empfangen, das dem auf den Straßen der Zeit zur ewigen Heimat pilgernden Volk Gottes zur Speise gebrochen wird.

4. Die Eucharistie, wie auch das Priestertum, ist eine Gabe Gottes, »die auf radikale Weise die Vollmacht der Gemeinde überragt« und die sie »durch die auf die Apostel zurückgehende Sukzession der Bischöfe empfängt« (Enzyklika Ecclesia de Eucharistia, 29). Das Zweite Vatikanische Konzil lehrt, daß »der Amtspriester … kraft seiner heiligen Gewalt … in der Person Christi das eucharistische Opfer vollzieht und es im Namen des ganzen Volkes Gott darbringt« (Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen Gentium, 10). Die Gemeinde der Gläubigen, eins im Glauben und im Geist und reich an vielfältigen Gaben, auch wenn sie den Ort bildet, an dem Christus »seiner Kirche immerdar gegenwärtig ist, besonders in den liturgischen Handlungen« (Konstitution über die heilige Liturgie Sacrosanctum Concilium, 7), kann allein weder die Eucharistie »machen«, noch sich selbst einen geweihten Priester »geben«.

Während das christliche Volk einerseits Gott für die Gabe der Eucharistie und des Priestertums dankt, bittet es daher andererseits mit Recht unablässig darum, daß in der Kirche niemals Priester fehlen mögen. Die Anzahl der Priester ist niemals ausreichend, um den wachsenden Anforderungen der Evangelisierung und der Seelsorge an den Gläubigen zu genügen. In einigen Teilen der Welt macht sich der Priestermangel heute in bedrängenderer Weise bemerkbar, da sich die Anzahl der Priester verringert, ohne daß es einen hinreichenden Generationenaustausch gäbe. Anderswo herrscht, Gott sei Dank, ein vielversprechender Frühling an Berufungen. Überdies nimmt im Volk Gottes immer mehr das Bewußtsein dafür zu, daß man um Priester- und Ordensberufungen beten und für sie aktiv wirken muß.

5. Ja, die Berufungen sind eine Gabe Gottes, um die wir unaufhörlich flehen müssen. Dem Aufruf Jesu folgend müssen wir vor allem den Herrn der Ernte bitten, Arbeiter für seine Ernte auszusenden (vgl. Mt 9,38). Das durch die stille Hingabe des Leidens im Wert erhöhte Gebet ist hierbei das erste und wirksamste Mittel der Berufungspastoral. Beten heißt den Blick fest auf Christus richten und darauf vertrauen, daß von ihm selbst, dem einzigen Hohenpriester, und aus seinem göttlichen Opfer durch das Wirken des Heiligen Geistes in überreichem Maß die in jeder Zeit für das Leben und die Sendung der Kirche nötigen Berufungskeime hervorgehen.

Verweilen wir im Abendmahlssaal und betrachten wir den Erlöser, wie er beim Letzten Abendmahl die Eucharistie und das Priestertum eingesetzt hat. In jener heiligen Nacht hat er jeden einzelnen Priester aller Zeiten beim Namen gerufen. Sein Blick wendet sich jedem von ihnen zu. Es ist ein liebevoller und aufmerksamer Blick wie jener, der auf Simon und Andreas, auf Jakobus und Johannes ruhte, auf Natanaël unter dem Feigenbaum und auf Matthäus, der am Zoll saß. So hat Jesus auch uns berufen und auf mannig- fachen Wegen fährt er fort, viele andere in seinen Dienst zu nehmen.

Aus dem Abendmahlssaal heraus wird Jesus nicht müde, zu suchen und zu berufen: hier liegen der Ursprung und die immerwährende Quelle einer echten Berufungspastoral für das Priestertum. Ihr fühlen wir uns, Brüder, zuvorderst verpflichtet. Seien wir bereit, denen beizustehen, die er für sein Priestertum ausersehen hat, auf daß sie großherzig seinem Ruf Folge leisten.

Zuallererst und mehr als jede andere Berufungsinitiative ist unsere persönliche Treue unerläßlich. In der Tat kommt es auf unsere Christusbindung an, auf unsere Liebe, die wir für die Eucharistie hegen, auf die Inbrunst, mit der wir sie feiern, auf die Andacht, mit der wir sie anbeten, und auf den Eifer, mit dem wir sie den Brüdern und Schwestern, insbesondere den Kranken spenden. Jesus Christus, der Hohepriester, fährt fort, persönlich Arbeiter in seinen Weinberg zu rufen, aber seit den Anfängen wollte er dazu auf unsere aktive Mitarbeit angewiesen sein. Priester, die von wahrer Liebe zur Eucharistie erfüllt sind, vermögen den Kindern und Jugendlichen das »Staunen über die Eucharistie« zu vermitteln, das ich mit der Enzyklika Ecclesia de Eucharistia neu zu wecken beabsichtigt habe (vgl. Nr. 6). Im allgemeinen sind es gerade solche Priester, die junge Menschen für den Weg zum Priestertum begeistern, wie es vielleicht auch die Geschichte unserer eigenen Berufung zeigen kann.

6. Gerade in diesem Licht sollt Ihr, liebe Brüder im Priesteramt, der Sorge für die Ministranten neben anderen Initiativen den Vorzug geben. Diese stellen sozusagen ein »Gewächshaus« für Priesterberufungen dar. Wenn die Ministrantenschar in der Pfarrgemeinde von Euch gut geführt und begleitet wird, kann sie einen echten Weg christlichen Wachsens durchlaufen und gewissermaßen eine Art Vorseminar bilden. Erzieht die Pfarrgemeinde, die gleichsam die Familie der Familien ist, dazu, in den Ministranten ihre Kinder zu erblicken, die »wie junge Ölbäume rings um den Tisch« Christi, des Brotes des Lebens, versammelt sind (vgl. Ps 128, 3).

Ihr begleitet mit fürsorglichem Eifer die Ministranten, indem Ihr Euch der Mitarbeit der dafür am meisten offenen Familien und der Katecheten bedient. So lerne jeder Ministrant durch den Dienst am Altar den Herrn Jesus Christus immer mehr lieben; er erkenne ihn in der Eucharistie als wahrhaft gegenwärtig und finde an der Schönheit der Liturgie Gefallen! Alle Initiativen für Ministranten auf diözesaner Ebene oder in Seelsorgeeinheiten sind zu fördern und zu unterstützen, wobei den verschiedenen Altersstufen Rechnung getragen werden muß. In den Jahren meines bischöflichen Dienstes in Krakau konnte ich feststellen, wie nutzbringend der Einsatz für ihre menschliche, geistliche und liturgische Bildung ist. Wenn Kinder und Jugendliche den Dienst am Altar mit Freude und Enthusiasmus verrichten, geben sie ihren Altersgenossen ein beredtes Zeugnis der Bedeutung und der Schönheit der Eucharistie. Dank des starken Vorstellungsvermögens, das ihr Alter auszeichnet, und mit der Hilfe der Erklärungen und Beispiele der Priester und ihrer älteren Kameraden können auch die Kleinsten im Glauben wachsen und sich für die geistliche Wirklichkeit begeistern.

Vergeßt schließlich nicht, daß Ihr die ersten »Apostel« des Hohenpriesters Jesus seid: Euer Zeugnis zählt mehr als jedes andere Hilfsmittel. In der Regelmäßigkeit Eurer sonntäglichen und werktäglichen Meßfeiern begegnen Euch die Ministranten: Durch Eure Hände sehen sie die Eucharistie »geschehen«, auf Eurem Gesicht lesen sie den Widerschein des Geheimnisses und in Euren Herzen erahnen sie den Anruf einer größeren Liebe. Seid ihnen Väter, Lehrer und Zeugen der eucharistischen Frömmigkeit und der Heiligkeit des Lebens!

7. Liebe Brüder im Priesteramt, Euer besonderer Auftrag in der Kirche erfordert, daß Ihr »Freunde« Christi seid, die sein Antlitz unablässig betrachten und sich lernbereit in die Schule Marias begeben. Betet ohne Unterlaß, wie der Apostel mahnt (vgl. 1 Thess5,17), und ladet die Gläubigen dazu ein, um Berufungen zu beten, wie auch um das Durchhalten der Berufenen im priesterlichen Leben und für die Heiligung aller Priester. Helft Euren Gemeinden, immer mehr das einzigartige »Geschenk und Geheimnis« des Weihepriestertums zu lieben.

In der Gebetsatmosphäre des Gründonnerstags kommen mir einige Anrufungen aus der Litanei zu Jesus Christus, dem Priester und Opfer, in den Sinn (vgl. Geschenk und Geheimnis. Zum 50. Jahr meiner Priesterweihe, S. 108-117), die ich seit vielen Jahren mit großem persönlichen Gewinn bete:

Iesu, Sacerdos et Victima,
Iesu, Sacerdos qui in novissima Cena formam sacrificii perennis instituisti,
Iesu, Pontifex ex hominibus assumpte,
Iesu, Pontifex pro hominibus costitute,
Iesu, Pontifex qui tradidisti temetipsum Deo oblationem et hostiam,
miserere nobis!

Ut pastores secundum cor tuum populo tuo providere digneris,
ut in messem tuam operarios fideles mittere digneris,
ut fideles mysteriorum tuorum dispensatores multiplicare digneris,
Te rogamus, audi nos!

8. Ich empfehle einen jeden von Euch sowie Euren täglichen Dienst Maria, der Mutter der Priester. Im Rosenkranzgebet leitet uns das fünfte lichtreiche Geheimnis dazu an, mit den Augen Marias das Geschenk der Eucharistie zu betrachten und über die »Liebe bis zur Vollendung« (Joh 13,1), die Jesus im Abendmahlssaal gezeigt hat, als auch über die Demut seiner Gegenwart in jedem Tabernakel zu staunen. Die heilige Jungfrau erwirke Euch die Gnade, daß Euch das in Eure Hände gelegte Geheimnis nie zur bloßen Gewohnheit werde. Wenn Ihr dem Herrn für diese außergewöhnliche Gabe seines Leibes und seines Blutes in einem fort dankt, werdet Ihr Euren priesterlichen Dienst stets in Treue vollziehen können.

Und Du, Mutter des Hohenpriesters Jesus Christus, erwirke der Kirche immer zahlreiche und heilige Berufungen, treue und großherzige Diener des Altares.

Liebe Brüder im Priesteramt, ich wünsche Euch und Euren Gemeinden ein heiliges Osterfest und erteile Euch allen von Herzen meinen Segen.

Aus dem Vatikan, am 28. März, dem fünften Fastensonntag des Jahres 2004, im sechsundzwanzigsten Jahr meines Pontifikates.

JOHANNES PAUL II.

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Quelle