Catholic youth issue their own pre-Synod text: Proclaim truth ‘without apology’

May 21, 2018 (LifeSiteNews) – On Sunday, group of Catholic youth released a response to the “pre-synod” document that has been given to Pope Francis, explaining in it they want “reverence in the liturgy,” wider availability of the Traditional Latin Mass, and for the Church to proclaim unpopular truths “boldly, without apology, and without adulteration or dilution.”

“I hope to see this document start an authentic, accurate dialogue about the wants and needs of the young church that can have a positive and lasting impact upon the Catholic Church as a whole,” Connor McLaughlin, a 20-year-old spearheading the initiative, told LifeSiteNews.

“We do not desire any watering down [or] alterations to the teachings of the Church,” says the document, which was prepared by orthodox young people concerned their participation in “pre-synod” discussions via Vatican-sanctioned Facebook groups was ignored.

“We reject utterly the notion that the Church needs to change her teaching to accommodate the world,” the youth wrote. “We desire that the Church fulfils her charism of teaching, preaching the truth boldly, unashamedly, and without redaction even if it means we are rejected by the world. The Church is not a Facebook page trying to get as many likes as possible by being ‘modern’ or ‘trendy;’ it is the teacher of truth.”

“The surest way to damage or even destroy the faith of young people is by promulgating a disingenuous or misguided alteration of the truth in a bid for popularity,” they continued. “We desire the Church to be popular, as we desire all to know the love of Christ. However, if the choice is between popularity and authenticity, we choose authenticity.”

“It is of utmost importance that the Church be a ‘light [which] shines in the darkness’ rather than a receptacle for the failures of the world,” the three-section document says. “The Church must inform the culture rather than the culture informing the Church.”

“The Holy Catholic Church has survived the threats and persecutions levied against Her by countless societies, emperors, kings, and governments; She has done this through holding fast to the rock upon which she was founded, the pillar of truth given by Christ at Her institution. We must not submit ourselves to the sinfulness of the modern era. The prince of this world, satan, desires nothing more than to have Christ’s mystical body bow down to his commands and ingest his wicked lies. We must stand strong against the forces demanding that we change our doctrine and our faith in order to be ‘relevant’ to modern man.”

Organizers say a second part of the document is forthcoming.

They do not want to be heard “as voices raised in chorus against the Church or against the Pre-Synod Meeting or English Language Group, but as faithful sons and daughters, speaking humbly and more fully on these topics which are near and dear to our hearts,” they concluded. “We express our abiding gratitude to Our Holy Father and the organizers and participants of the Pre-Synod and Synod Meeting, for without these people we would have no occasion to be heard. We submit this document and its forthcoming sister document once again to the care of our Blessed Mother as we offer it to the scrutiny of the Synod Fathers and the wider Catholic community.”

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Quelle

Die deutsche Übersetzung der Kreuzweg-Meditation zum Mitlesen

Kreuzweg beim Kolosseum (Vatican Media)

Wir dokumentieren hier die offizielle deutsche Übersetzung der Meditationen des Kreuzwegs beim Kolosseum in Rom, der am Karfreitag gehalten wird. Die Texte stammen diesmal von einer Gruppe junger Schüler und Studenten aus Rom. Der Kreuzweg steht unter dem Vorsitz von Papst Franziskus.

 

Betrachtungen und Gebete verfasst von

I          Valerio De Felice

II         Maria Tagliaferri und Margherita Di Marco

III        Caterina Benincasa

IV        Agnese Brunetti

V         Chiara Mancini

VI        Cecilia Nardini

VII      Francesco Porceddu

VIII     Sofia Russo

IX        Chiara Bartolucci

X         Greta Giglio

XI        Greta Sandri

XII      Dante Monda

XIII     Flavia De Angelis

XIV     Marta Croppo

 

Koordination:

Andrea Monda, Lehrer

Einleitung

Die Texte der Meditationen zu den vierzehn Stationen des diesjährigen Kreuzweges wurden von fünfzehn Jugendlichen im Alter von 16 bis 27 Jahren verfasst. Es gibt also zwei wesentliche Neuerungen: Die erste findet in den Kreuzwegandachten der Vergangenheit keine Entsprechung und betrifft das Alter der Autoren. Es sind Jugendliche und junge Erwachsene (neun von ihnen sind Schüler des Pilo-Albertelli-Gymnasiums in Rom). Neu ist auch die „Vielstimmigkeit“ dieses Werkes, es ist eine Symphonie vieler Stimmen mit unterschiedlichen Tonarten und Klangfarben. Es gibt keine „jungen Leute“ im Allgemeinen, sondern Valerio, Maria, Margherita, Francesco, Chiara, Greta…

Mit der für ihr Alter typischen Begeisterung nahmen sie diese Herausforderung an, vor die sie der Papst in diesem generell der jüngeren Generation gewidmeten Jahr 2018 gestellt hatte. Sie taten dies mit einer präzisen Arbeitsmethode. Sie versammelten sich um einen Tisch und lasen die Texte der Passion Christi nach den vier Evangelien. Sie führten sich die Szenen der Via Crucis vor Augen und „sahen“ sie. Nach der Lektüre und einer gewissen Zeit des Nachdenkens brachten die Jugendlichen dann zum Ausdruck, welches Detail der Szene sie jeweils besonders berührt hatte. So ergab sich die Zuteilung der einzelnen Kreuzwegstationen auf recht einfache und natürliche Weise.

Drei Schlüsselwörter, drei Verben, kennzeichnen die Ausarbeitung dieser Texte: zunächst, wie schon erwähnt, sehen, dann begegnen und schließlich beten.

Wenn man jung ist, will man sehen, die Welt sehen, alles sehen. Die Szene des Karfreitags ist gewaltig, auch in ihrer Grausamkeit: Sie zu sehen kann zu Abscheu oder zu Barmherzigkeit und damit zur Begegnung führen. Genauso, wie Jesus es im Evangelium tut, jeden Tag, auch an diesem letzten. Er trifft auf Pilatus, Herodes, die Priester, die Soldaten, seine Mutter, Simon aus Zyrene, die Frauen von Jerusalem, die beiden Verbrecher, die seine letzten Weggefährten sind. Wenn man jung ist, bietet sich täglich die Gelegenheit, jemanden zu treffen, und jedes Treffen ist neu und überraschend. Man wird alt, wenn man niemanden mehr sehen will, wenn ängstliche Verschlossenheit die vertrauensvolle Offenheit verdrängt. Meist steckt dahinter die Angst vor Veränderung, denn Begegnung bedeutet Veränderung, die Bereitschaft, sich mit neuen Augen wieder auf den Weg zu machen. Das Sehen und die Begegnung führen schließlich zum Gebet, weil das Sehen und die Begegnung Barmherzigkeit hervorrufen, auch in einer Welt, die gnadenlos erscheint, und an einem Tag wie diesem, an dem sinnloser Zorn, Feigheit und die gedankenlose Trägheit der Menschen den Ton angeben. Folgen wir Jesus mit dem Herzen, auch auf dem geheimnisvollen Weg des Kreuzes. Dann können Mut und Vertrauen wieder neu erstehen, und nachdem wir gesehen und uns der Begegnung geöffnet haben, werden wir die Gnade des Gebetes erfahren, nicht mehr allein, sondern gemeinsam.

Kreuzweg

Erste Station

Jesus wird zum Tode verurteilt

Aus dem Lukasevangelium . (Lk 23,22-25)

Zum dritten Mal sagte er zu ihnen: Was für ein Verbrechen hat er denn begangen? Ich habe nichts feststellen können, wofür er den Tod verdient. Daher will ich ihn auspeitschen lassen und dann werde ich ihn freilassen. Sie aber schrien und forderten immer lauter, er solle Jesus kreuzigen lassen, und mit ihrem Geschrei setzten sie sich durch: Da entschied Pilatus, dass ihre Forderung erfüllt werden solle. Er ließ den Mann frei, der wegen Aufruhrs und Mordes im Gefängnis saß und den sie gefordert hatten. Jesus aber lieferte er ihrem Willen aus.

Ich sehe dich, Jesus, vor dem Statthalter, der dreimal versucht, dem Willen des Volkes zu widerstehen, und sich schließlich dafür entscheidet, sich nicht zu entscheiden. Und ich sehe dich vor der Menschenmenge, die dreimal befragt wird und sich immer gegen dich entscheidet. Die Menge, das heißt, jeder – und das heißt niemand. Untergetaucht in der Masse verliert der Mensch seine eigene Persönlichkeit; er sagt das Gleiche wie tausend andere. Bevor er dich verleugnet, verleugnet er sich selbst, indem er seine Verantwortung in der schwankenden Verantwortung der gesichtslosen Menge verliert. Dennoch ist er verantwortlich. Von Agitatoren irregeführt, vom Bösen, das sich heimtückisch und ohrenbetäubend ausbreitet, verurteilt dich der Mensch.

Heute sind wir entsetzt über solche Ungerechtigkeit, und wir möchten uns davon gern distanzieren. Aber dabei vergessen wir all die Male, wo wir zuerst Barabbas retten wollten und nicht dich – nämlich immer dann, wenn unser Ohr für den Anspruch des Guten taub war, die Ungerechtigkeit vor unseren Augen lieber nicht sehen wollten.

Auf diesem überfüllten Platz hätte es gereicht, wenn nur ein einziges Herz gezweifelt hätte, wenn sich auch nur eine einzige Stimme gegen die tausend Stimmen des Bösen erhoben hätte. Jedes Mal, wenn das Leben uns vor eine Wahl stellt, sollten wir uns an jenen Platz und an jenen Fehler erinnern. Lassen wir unsere Herzen zweifeln und verpflichten wir uns dazu, unsere Stimme zu erheben.

Ich bitte dich, Herr, wache über unsere Entscheidungen,

erhelle sie mit deinem Licht,

wecke in uns die Fähigkeit Dinge zu hinterfragen:

denn nur der Böse zweifelt nie.

Bäume, die in bösem Boden wurzeln, verwelken,

du aber hast uns im Himmel verwurzelt

und unser Laubwerk reicht bis zur Erde.

Dort wollen wir dich suchen und dir folgen.

Pater noster…

 

Zweite Station

Jesus nimmt das Kreuz auf seine Schultern

Aus dem Markusevangelium (Mk 8,34-35)

Er rief die Volksmenge und seine Jünger zu sich und sagte: Wenn einer hinter mir hergehen will, verleugne er sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen und um des Evangeliums willen verliert, wird es retten.

Ich sehe dich, Jesus, mit Dornen gekrönt, während du dein Kreuz auf dich nimmst. Du nimmst es an, wie du immer alles und jeden angenommen hast. Sie beladen dich mit dem schweren rauen Holz, aber du lehnst dich nicht auf, du weist dieses Instrument ungerechter und schändlicher Folter nicht ab. Du nimmst es auf deine Schultern und gehst los. Wie oft habe ich rebelliert, wie oft war ich verärgert über die Aufgaben, die ich erhalten habe und die ich als schwierig oder ungerecht empfunden habe. Du tust das nicht. Du bist nur ein paar Jahre älter als ich, heute würde man sagen, dass du noch jung bist, aber du bist gelehrig, und du nimmst ernst, was das Leben für dich bereithält, jede Gelegenheit, die sich dir bietet, so als wolltest du den Dingen auf den Grund gehen und aufdecken, dass es immer etwas mehr gibt als das, was äußerlich sichtbar ist, dass alles eine verborgene und überraschende Bedeutung hat. Dank dir verstehe ich, dass dies ein Kreuz des Heils und der Befreiung ist, ein Kreuz, das Halt gibt in der Not, ein leichtes Joch, eine Last, die nicht belastet.

Aus dem Skandal des Todes des Sohnes Gottes, der den Tod als Sünder, als Verbrecher erlitt, erwächst die Gnade, im Schmerz die Auferstehung zu entdecken, im Leiden deine Herrlichkeit, in der Angst dein Heil. Eben dieses Kreuz, für uns ein Symbol der Erniedrigung und des Schmerzes, erweist sich nun, durch die Gnade deines Opfers, als Verheißung: Aus jedem Tod wird das Leben wieder auferstehen, und in jeder Finsternis wird ein Licht leuchten. Und wir können ausrufen: „Sei gegrüßt, o Kreuz, unsere einzige Hoffnung!”.

Ich bitte dich, Herr,

da das Kreuz das Zeichen unseres Glaubens ist,

lass uns in seinem Licht unsere Leiden akzeptieren

und hilf uns, durch deine Liebe erleuchtet,

unsere Kreuze auf uns zu nehmen, die durch deinen Tod und deine Auferstehung

verherrlicht wurden.

Schenke uns die Gnade, bei der Betrachtung unseres Lebensweges

wieder neu zu entdecken, wie sehr du uns liebst.

Pater noster…

 

Dritte Station

Jesus fällt zum ersten Mal unter dem Kreuz

Aus dem Buch Jesaja (Jes 53,4)

Aber er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen. Wir meinten, er sei von Gott geschlagen, von ihm getroffen und gebeugt.

Ich sehe dich leiden, Jesus, als du mit unserer Sünde beladen den Weg zum Kalvarienberg hinaufgehst. Und ich sehe dich fallen, schmerzhaft, mit Händen und Knien auf dem Boden. Mit wieviel Demut bist du gefallen! Wieviel Demütigung magst du dabei empfinden! Deine Natur als wahrer Mensch wird in diesem Bruchstück deines Lebens deutlich offenbar. Das Kreuz, das du trägst, ist schwer; du bräuchtest Hilfe, aber als du auf den Boden fällst, hilft dir keiner, im Gegenteil, die Menschen treiben ihren Spott mit dir, sie lachen beim Anblick eines fallenden Gottes. Vielleicht sind sie enttäuscht, vielleicht haben sie sich eine falsche Vorstellung von dir gemacht. Manchmal denken wir, dass der Glaube an dich bedeutet, nie im Leben zu fallen. Zusammen mit dir falle auch ich, und mit mir meine Vorstellungen, die ich von dir hatte: Wie zerbrechlich waren sie!

Ich sehe dich, Jesus, wie du die Zähne zusammenbeißt und ganz der Liebe des Vaters anheimgegeben wieder aufstehst und deinen Weg fortsetzt. Mit diesen ersten so unsicheren Schritten zum Kreuz hin, Jesus, erinnerst du mich an ein Kind, das seine ersten Schritte im Leben macht und sein Gleichgewicht verliert, hinfällt und weint, dann aber weitermacht. Es verlässt sich auf die Hand seiner Eltern und gibt nicht auf; es hat Angst, aber es geht weiter, denn sein Vertrauen ist stärker als seine Angst.

Mit deinem Mut lehrst du uns, dass Misserfolge und Stürze uns niemals davon abhalten sollen, unseren Weg zu gehen, und dass wir immer vor der Wahl stehen: aufzugeben oder mit dir wieder aufzustehen.

Ich bitte dich, Herr,

erwecke in uns jungen Menschen den Mut,

nach jedem Sturz wieder aufzustehen – so wie du auf deinem Weg ans Kreuz.

Ich bitte dich, lass uns das große und kostbare Geschenk des Lebens immer schätzen.

Lass uns erfahren, dass Misserfolge und Stürze nie ein Grund sind, es wegzuwerfen.

Mache uns bewusst, dass wir im Vertrauen auf dich wieder aufstehen können

und in dir immer die Kraft finden werden

weiterzumachen.

Pater noster…

 

Vierte Station

Jesus begegnet seiner Mutter

Aus dem Lukasevangelium (Lk 2,34-35)

Und Simeon segnete sie und sagte zu Maria, der Mutter Jesu: Siehe, dieser ist dazu bestimmt, dass in Israel viele zu Fall kommen und aufgerichtet werden, und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird, – und deine Seele wird ein Schwert durchdringen. So sollen die Gedanken vieler Herzen offenbar werden.

Ich sehe dich, Jesus, wie du deine Mutter triffst. Maria ist da, sie geht die überfüllte Straße entlang, wie viele andere Menschen auch. Das Einzige, was sie von den anderen unterscheidet, ist, dass sie dort ist, um ihren Sohn zu begleiten. Eine ganz alltägliche Situation: Mütter begleiten ihre Kinder zur Schule oder zum Arzt oder nehmen sie mit zur Arbeit. Maria unterscheidet sich jedoch von den anderen Müttern: Sie begleitet ihren Sohn auf dem Weg zum Sterben. Zu sehen, wie das eigene Kind stirbt, gehört zum Schlimmsten und Unnatürlichsten, was einem Menschen widerfahren kann. Noch grausamer ist es jedoch, wenn das Kind im Namen der Justiz unschuldig zu Tode kommt. Was für eine unnatürliche und ungerechte Szene habe ich hier vor meinen Augen! Meine Mutter hat mir Gerechtigkeitssinn und Vertrauen in das Leben anerzogen, aber das, was meine Augen heute sehen, hat nichts von alledem, es ist sinnlos und schmerzvoll.

Ich sehe dich, Maria, wie du deinen armen Sohn ansiehst: er trägt die Wundmale der Geißelung auf dem Rücken und ist gezwungen, die Last des Kreuzes zu tragen, wahrscheinlich wird er bald vor Erschöpfung zusammenbrechen. Du wusstest wohl, dass dies früher oder später geschehen würde, denn es war dir prophezeit worden, aber jetzt, da es geschehen ist, ist es ganz anders; und letztlich ist es ja immer so, wir sind nie vorbereitet auf die Härte des Lebens. Maria, du bist jetzt traurig, wie es jede Frau an deiner Stelle wäre, aber du bist nicht verzweifelt. Deine Augen sind nicht stumpf, sie schauen nicht in die Leere, du lässt den Kopf nicht hängen. Bei aller Traurigkeit strahlst du Hoffnung aus, du weißt, dass dein Sohn nicht für immer weggeht und du weißt, du fühlst, wie es nur Mütter fühlen, dass du ihn bald wiedersehen wirst.

Ich bitte dich, Herr,

führe uns stets das Beispiel Marias vor Augen,

die den Tod ihres Sohnes als großes Heilsgeheimnis

angenommen hat.

Hilf uns zum Wohl unserer Mitmenschen zu handeln.

Lass uns in der Hoffnung auf die Auferstehung sterben,

in der Gewissheit, dass wir nie allein sind,

weder von Gott noch von Maria verlassen,

der guten Mutter, der ihre Kinder immer am Herzen liegen.

Pater noster…

 

Fünfte Station

Simon von Zyrene hilft Jesus das Kreuz tragen

Aus dem Lukasevangelium (Lk 23,26)

Als sie Jesus hinausführten, ergriffen sie Simon, einen Mann aus Kyrene, der gerade vom Feld kam. Ihm luden sie das Kreuz auf, damit er es hinter Jesus hertrage.

Ich sehe dich, Jesus, niedergedrückt unter der Last des Kreuzes. Ich sehe, dass du es nicht alleine schaffst; gerade im Moment der größten Beschwernis bist du allein; die, die sich deine Freunde nannten, sind nicht da: Judas hat dich verraten, Petrus hat dich verleugnet, die anderen haben dich verlassen. Aber da kommt es zu einer unerwarteten Begegnung mit jemand, irgendeinem Unbekannten, der vielleicht einmal von dir gehört hat, dir dann jedoch nicht weiter gefolgt ist, aber jetzt ist er hier, an deiner Seite, Schulter an Schulter, um dein Joch mit dir zu teilen. Er heißt Simon und ist ein Fremder von weit her, aus Zyrene. Ein für ihn heute unerwartetes Ereignis, das dann zur Begegnung wird.

Jeden Tag erleben wir zahllose Begegnungen und Konfrontationen, vor allem wir Jugendliche kommen ständig mit neuen Realitäten, neuen Menschen, in Kontakt. Und gerade in der unerwarteten Begegnung, im Zufall, in der unvorhergesehenen Überraschung verbirgt sich die Gelegenheit zur Liebe, zur Erkenntnis des Guten im Mitmenschen, auch wenn er uns zunächst fremd erscheint.

Manchmal fühlen wir uns wie du, Jesus: verlassen von denen, die wir für unsere Freunde gehalten hatten, bedrückt von schwerer Last. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass es Menschen wie Simon von Zyrene gibt, die bereit sind, unser Kreuz auf sich zu nehmen. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir nicht allein sind, und aus diesem Bewusstsein können wir auch die Kraft schöpfen, das Kreuz unseres Nächsten mitzutragen.

Ich sehe dich, Jesus: es scheint jetzt, als verspürtest du ein wenig Erleichterung, du kommst für einen Moment zu Atem, jetzt, da du nicht mehr allein bist. Und ich sehe Simon: wer weiß, ob er dein Joch als leicht empfunden hat, wer weiß, ob er erkennt, welche Bedeutung dieser Zufall in seinem Leben hat.

Herr, ich bitte dich für uns alle

um den Mut eines Simon von Zyrene,

der das Kreuz auf sich nimmt und deinen Schritten folgt.

Lass uns alle so demütig und stark sein

und das Kreuz derer auf uns nehmen, denen wir begegnen.

Wenn wir uns auf unserem Weg einsam fühlen,

dann lass uns einen Simon von Zyrene finden,

der anhält und unsere Bürde auf sich nimmt.

Schenke uns die Fähigkeit, in jedem Menschen das Gute zu sehen,

und bei aller Verschiedenheit offen zu sein für jede Begegnung.

Ich bitte dich darum, denn jeder von uns

könnte sich unerwartet an deiner Seite wiederfinden.

Pater noster…

 

Sechste Station

Veronika reicht Jesus das Schweißtuch

Aus dem Buch Jesaja (Jes 53, 2-3)

Er hatte keine schöne und edle Gestalt, sodass wir ihn anschauen mochten. Er sah nicht so aus, dass wir Gefallen fanden an ihm. Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden, ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut. Wie einer, vor dem man das Gesicht verhüllt, war er verachtet; wir schätzten ihn nicht.

Ich sehe dich, Jesus, erbärmlich, fast unkenntlich; man hat dich behandelt wie den geringsten aller Menschen. Mühevoll gehst du auf den Tod zu mit deinem blutenden und entstellten Gesicht, auch wenn dein Blick wie immer mild und demütig und nach oben gerichtet ist. Eine Frau bahnt sich den Weg durch die Menge, um dein Gesicht aus der Nähe zu sehen, von dem sie sich vielleicht oft in ihrer Seele angesprochen fühlte und das sie geliebt hatte. Sie sieht dein leidendes Gesicht und will helfen. Man lässt sie nicht durch, es sind viele, zu viele und sie sind bewaffnet. Aber für die Frau spielt das keine Rolle, sie ist entschlossen, zu dir zu gelangen, und sie schafft es für einen Moment, dich zu berühren, dich mit ihrem Schleier zu liebkosen. Ihre Kraft ist die Kraft der Zärtlichkeit. Eure Blicke begegnen sich für einen Moment von Angesicht zu Angesicht.

Veronika, diese Frau, von der wir nichts wissen und deren Geschichte wir nicht kennen, sie erlangt das Paradies mit einer einfachen Geste der Nächstenliebe. Sie nähert sich dir, betrachtet dein zerschundenes Gesicht und liebt es noch mehr als zuvor. Veronika bleibt nicht bei der äußeren Erscheinung stehen, die heute in unserer Gesellschaft der Bilder so wichtig ist, sie liebt bedingungslos ein hässliches Gesicht, so ungepflegt, ungeschminkt und unvollkommen es auch ist. Dieses Gesicht, dein Gesicht, Jesus, zeigt gerade in seiner Unvollkommenheit die Vollkommenheit deiner Liebe zu uns.

Jesus, ich bitte dich, gib mir die Kraft,

auf andere Personen zuzugehen, auf jeden Menschen,

ob jung oder alt, ob arm oder reich, ob mir vertraut oder unbekannt.

Lass mich in ihren Gesichtern dein Antlitz erkennen.

Lass mich meinem Nächsten, in dem du selbst zugegen bist,

ohne Zögern beistehen, so wie Veronika dir auf dem Kreuzweg zu Hilfe eilte.

Pater noster…

 

Siebte Station

Jesus fällt zum zweiten Mal unter dem Kreuz

Aus dem Buch Jesaja (Jes 53, 8.10)

Durch Haft und Gericht wurde er dahingerafft, doch wen kümmerte sein Geschick? Er wurde vom Land der Lebenden abgeschnitten und wegen der Vergehen meines Volkes zu Tode getroffen. […] Doch der Herr hat Gefallen an dem von Krankheit Zermalmten.

Ich sehe dich, Jesus, wie du vor meinen Augen wieder hinfällst. Dadurch, dass du wieder fällst, zeigst du mir, dass du Mensch bist, ein wahrer Mensch. Und ich sehe, dass du wieder aufstehst, entschiedener als vorher. Du erhebst dich nicht hochmütig; es gibt keinen Stolz in deinem Blick, sondern Liebe. Und indem du deinen Weg fortsetzt, indem du nach jedem Fall wieder aufstehst, kündigst du deine Auferstehung an, zeigst du dich bereit, das Gewicht der Sünde des Menschen noch einmal und für immer auf deine blutenden Schultern zu laden.

In deinem erneuten Hinfallen richtest du eine klare Botschaft der Demut – lateinisch humilitas– an uns, du bist zu Boden gefallen, auf jenen humus, dem die Humanität entstammt. Wir sind Erde, wir sind Schlamm, wir sind nichts im Vergleich zu dir. Aber du wolltest so werden wie wir, und jetzt zeigst du dich uns nahe, mit der gleichen Erschöpfung, den gleichen Schwächen, mit dem gleichen Schweiß auf der Stirn. Jetzt, an diesem Freitag, bist du, wie es auch uns widerfährt, vom Schmerz niedergestreckt. Aber du hast die Kraft, weiterzugehen, du hast keine Angst vor den Schwierigkeiten, denen du begegnen könntest, und du weißt um das Paradies am Ende aller Not; du erhebst dich, um dich eben dorthin zu wenden und uns die Türen deines Königreiches zu öffnen. Ein seltsamer König bist du, ein König im Staub.

Ich spüre ein Schwindelgefühl: Wir sind es nicht wert, unsere Anstrengungen und unser Hinfallen mit deinem Leiden zu vergleichen. Deines ist ein Opfer, das größte Opfer, das meine Augen und die ganze Geschichte je sehen werden.

Ich bitte dich, Herr, lass uns nach jedem Hinfallen wieder aufstehen,

so dass wir etwas aus unseren Fehlern lernen können.

Wenn wir Fehler machen und fallen, so erinnere uns daran,

dass wir zusammen mit dir und an deiner Hand,

etwas lernen und wieder auf die Beine kommen können.

Hilf uns jungen Menschen allen deine Botschaft der Demut weiterzusagen.

Öffne den zukünftigen Generationen ihre Augen für dich

und lass sie deine Liebe begreifen.

Lehre uns den Leidenden beizustehen

und den Darniederliegenden Linderung zu verschaffen,

ihnen die Hand zu reichen und sie wiederaufzurichten.

Pater noster…

 

Achte Station

Jesus begegnet den weinenden Frauen

Aus dem Lukasevangelium (Lk 23,27-31)

Es folgte ihm eine große Menge des Volkes, darunter auch Frauen, die um ihn klagten und weinten. Jesus wandte sich zu ihnen um und sagte: Töchter Jerusalems, weint nicht über mich; weint vielmehr über euch und eure Kinder! Denn siehe, es kommen Tage, da wird man sagen: Selig die Frauen, die unfruchtbar sind, die nicht geboren und nicht gestillt haben. Dann wird man zu den Bergen sagen: Fallt auf uns! und zu den Hügeln: Deckt uns zu! Denn wenn das mit dem grünen Holz geschieht, was wird dann erst mit dem dürren werden?

Ich sehe dich und höre dir zu, Jesus, wie du zu den Frauen sprichst, denen du auf deinem Weg zum Tode begegnest. Alle Tage bist du umhergewandert und hast viele Menschen getroffen, du bist auf sie zugegangen und hast mit allen gesprochen. Nun sprichst du mit den Frauen von Jerusalem, die dich sehen und weinen. Auch ich bin eine dieser Frauen. Aber, Jesus, du benutzt bei deiner Ermahnung Worte, die mich treffen; es sind konkrete und direkte Worte; auf den ersten Blick mögen sie hart und streng erscheinen, weil sie unverblümt sind. Heute haben wir uns in der Tat an eine Welt voller Umschreibungen gewöhnt, an eine kalte Heuchelei, die das, was wir wirklich sagen wollen, verschleiert und filtert; Warnungen vermeidet man zusehends, lieber überlässt man den anderen seinem Schicksal, als dass man ihn aus Sorge um sein Wohlergehen ermahnt.

Jesus, du hingegen sprichst zu den Frauen wie ein Vater, auch wenn du sie rügst. Deine Worte sind Worte der Wahrheit, sie sind direkt, aber sie haben nur ein Ziel: Sie wollen korrigieren, nicht verurteilen. Deine Sprache ist von unserer verschieden, du sprichst immer in Demut und dringst mitten ins Herz.

In dieser Begegnung, der letzten vor dem Kreuz, wird noch einmal deine unermessliche Liebe zu den Geringsten und Ausgegrenzten sichtbar; tatsächlich hielt man damals Frauen einer Unterredung nicht für würdig, du aber bist in deiner Güte wirklich revolutionär.

Ich bitte dich, Herr, lass mich zusammen mit den Frauen und Männern dieser Welt

immer liebevoller zu den Bedürftigen sein, so wie du es uns vorgelebt hast.

Gib uns die Kraft, gegen den Strom zu schwimmen

und echten Kontakt mit anderen aufzunehmen,

indem wir Brücken bauen und uns nicht egoistisch verschließen,

denn dies führt in die Einsamkeit der Sünde.

Pater noster…

 

Neunte Station

Jesus fällt zum dritten Mal unter dem Kreuz

Aus dem Buch Jesaja (Jes 53,5-6)

Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Vergehen, wegen unserer Sünden zermalmt. Zu unserem Heil lag die Züchtigung auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt. Wir hatten uns alle verirrt wie Schafe, jeder ging für sich seinen Weg. Doch der Herr ließ auf ihn treffen die Schuld von uns allen.

Ich sehe dich, Jesus, wie du zum dritten Mal fällst. Zweimal bist du schon gefallen und zweimal bist du wieder aufgestanden. Deine Erschöpfung und deine Schmerzen sind unermesslich, du scheinst endgültig besiegt bei diesem dritten und letzten Sturz. Wie oft im täglichen Leben fallen wir! Wir fallen so oft, dass wir nicht mitzählen können, aber wir hoffen jedes Mal, dass es das letzte Mal war, denn es braucht den Mut der Hoffnung, um gegen das Leid anzukämpfen. Wenn man so oft fällt, brechen die Kräfte schließlich zusammen und alle Hoffnung schwindet.

Ich stelle mir vor, Jesus, wie ich dich auf deinem Weg zum Tode begleite. Es ist schwer zu glauben, dass gerade du der Sohn Gottes bist. Manche haben bereits versucht, dir zu helfen, aber inzwischen bist du am Ende; du bist regungslos, gelähmt, und es scheint, dass du nicht mehr weiterkommst. Aber dann sehe ich plötzlich, dass du dich wieder erhebst, deine Beine und deinen Rücken wieder streckst, soweit das mit einem Kreuz auf den Schultern überhaupt möglich ist, und weitergehst. Ja, du gehst auf den Tod zu, aber du willst deinen Weg bis zum Ende gehen. Vielleicht ist es das, was Liebe bedeutet. Was ich verstehe, ist, dass es, egal wie oft wir fallen, immer ein letztes Mal, diese vielleicht schlimmste und schrecklichste Prüfung geben wird, in der wir irgendwie die Kraft finden müssen, den Lauf zu vollenden. Für Jesus ist das Ende die Kreuzigung, die Sinnlosigkeit des Todes, die aber einen tieferen Sinn erkennen lässt, ein höheres Ziel: unser aller Erlösung.

Ich bitte dich, Herr, gib uns jeden Tag den Mut,

auf unserem Weg weiterzugehen.

Mache uns empfänglich für dein Geschenk der Hoffnung und der Liebe.

Lass uns die Herausforderungen des Lebens angehen

mit derselben Kraft und demselben Glauben,

aus dem du in diesen letzten Momenten deines Kreuzweges gelebt hast.

Pater noster…

 

Zehnte Station

Jesus wird seiner Kleider beraubt

Aus dem Johannesevangelium (Joh 19,23)

Nachdem die Soldaten Jesus gekreuzigt hatten, nahmen sie seine Kleider und machten vier Teile daraus, für jeden Soldaten einen Teil, und dazu das Untergewand. Das Untergewand war aber ohne Naht von oben ganz durchgewoben.

Ich sehe dich nackt, Jesus, wie ich dich noch nie zuvor gesehen habe. Sie haben dich deiner Kleider beraubt, Jesus, und sie würfeln darum. In den Augen dieser Menschen hast du das letzte Bisschen Würde verloren, das dir geblieben war, das einzige, was du auf diesem Leidensweg noch besessen hast. Zu Anbeginn der Zeiten hatte dein Vater den Menschen Gewänder gefertigt, um sie mit Würde zu bekleiden; jetzt reißen Menschen sie dir vom Leib. Ich sehe dich, Jesus, und ich sehe einen jungen Migranten, einen kaputten Körper, der in einem Land ankommt, das allzu oft grausam ist und wo man soweit geht, ihm seine Kleidung, sein einziges Hab und Gut, wegzunehmen und zu verkaufen; so lässt man ihn allein mit seinem Kreuz – so wie dich, allein mit seiner geschundenen Haut – so wie dich, allein mit seinen großen Augen des Schmerzes – so wie dich.

Aber ein wesentliches Merkmal der Würde vergessen die Menschen oft: Sie befindet sich unter deiner Haut, sie gehört zu dir und wird dir immer innewohnen, besonders jetzt, in dieser Nacktheit.

So nackt, wie wir das Licht der Welt erblicken, wird uns die Erde am Abend unseres Lebens wieder in Empfang nehmen. Von einer Mutter zur anderen. Und jetzt hier, auf diesem Hügel, ist auch deine Mutter, die dich wieder nackt sieht.

Ich sehe dich und verstehe die Größe und den Glanz deiner Würde, der Würde eines jeden Menschen, die niemand je vernichten kann.

Ich bitte dich, Herr, lass uns die unserer Natur innewohnende Würde erkennen,

auch dann, wenn wir entblößt und einsam vor den anderen dastehen.

Lass uns die Würde unserer Mitmenschen wahrnehmen,

achten und beschützen.

Wir bitten dich, gib uns den Mut, den wir brauchen,

um uns nicht allein über Äußerlichkeiten zu definieren.

Lass uns zu unserer Nacktheit stehen

die uns an unsere Armut erinnert,

in die du dich so sehr verliebt hast,

dass du dein Leben für uns hingegeben hast.

Pater noster…

 

Elfte Station

Jesus wird an das Kreuz genagelt.

Aus dem Lukasevangelium (Lk 23,33-34)

Sie kamen an den Ort der Schädelhöhe heißt; dort kreuzigten sie ihn und die Verbrecher, den einen rechts von ihm, den anderen links. Jesus aber betete: Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.

Ich sehe dich, Jesus, aller Dinge beraubt. Sie wollten dich, den Unschuldigen, bestrafen, indem sie dich ans Holz des Kreuzes nageln. Was hätte ich an ihrer Stelle getan? Hätte ich den Mut gehabt, deine Wahrheit, meine Wahrheit, zu erkennen? Du hast die Kraft gehabt, die Last eines Kreuzes zu tragen, die Last des dir entgegengebrachten Unglaubens, die Last für deine unbequemen Worte verurteilt zu werden. Heute können wir mit Kritik kaum umgehen, so, als würden kritische Worte nur ausgesprochen, um uns zu verletzen.

Du hast dich nicht einmal im Sterben aufhalten lassen, du hast zutiefst an deine Sendung geglaubt und deinem Vater vertraut. Heute, in der Welt des Internets, sind wir durch das, was im Netz kursiert, so sehr geprägt, dass ich manchmal sogar an meinen eigenen Worten zweifle. Aber deine Worte sind anders, sie sind stark trotz deiner Schwäche. Du hast uns vergeben, du hast keinen Groll gehegt, du hast uns gelehrt, die andere Wange hinzuhalten, und du bist noch darüber hinausgegangen, bis zur Ganzhingabe deines Lebens.

Ich schaue mich um und sehe Augen, die auf das Display eines Smartphones starren und damit beschäftigt sind, in den sozialen Netzwerken andere auf ihre Fehler festzunageln –gnadenlos. Ich sehe Menschen, die dort aus den nichtigsten Gründen zornerfüllt ihren Hass herausschreien.

Ich schaue auf deine Wunden und mir wird jetzt bewusst, dass ich deine Kraft nicht gehabt hätte. Aber ich sitze hier zu deinen Füßen und auch ich lege alles Zögern ab, ich erhebe mich vom Boden, um dir ein wenig näher zu sein, wenn es auch nur ein paar Zentimeter sind.

Ich bitte dich, Herr, schenke mir einen wachen Geist,

damit ich das Gute erkenne.

Schenke mir, wenn ich etwas als ungerecht empfinde,

den Mut, mich souverän anders zu verhalten.

Hilf mir, mich von meinen Ängsten zu befreien,

die mich wie Nägel blockieren

und mich von dem Leben fernhalten,

das du für uns erhofft und das du uns bereitet hast.

Pater noster…

 

Zwölfte Station

Jesus stirbt am Kreuz

Aus dem Lukasevangelium (Lk 23,44-47)

Es war schon um die sechste Stunde, als eine Finsternis über das ganze Land hereinbrach – bis zur neunten Stunde. Die Sonne verdunkelte sich. Der Vorhang im Tempel riss mitten entzwei. Und Jesus rief mit lauter Stimme: Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist. Mit diesen Worten hauchte er den Geist aus. Als der Hauptmann sah, was geschehen war, pries er Gott und sagte: Wirklich, dieser Mensch war ein Gerechter.

Ich sehe dich, Jesus, und diesmal möchte ich dich eigentlich nicht sehen. Du ringst mit dem Tod. Du warst schön anzusehen, als du zur Menge gesprochen hast, aber jetzt ist alles vorbei. Und ich will das Ende nicht sehen; zu oft habe ich weggeschaut, ich habe mich fast schon daran gewöhnt, vor Leid und Tod zu fliehen, ich habe mich betäubt.

Dein Schrei am Kreuz ist laut, herzzerreißend: Wir waren nicht bereit für so viel Qual, wir sind es nicht und werden es nie sein. Wir fliehen instinktiv und panisch vor Leid und Tod, wir lassen diese Wirklichkeiten nicht an uns heran und ziehen es vor, woanders hinzuschauen oder die Augen zu verschließen. Du hingegen bleibst dort am Kreuz, du erwartest uns mit offenen Armen und öffnest uns die Augen.

Es ist ein großes Geheimnis, Jesus: Sterbend liebst du uns, von allen verlassen, indem du uns deinen Geist schenkst, den Willen des Vaters erfüllst und dich zurückziehst. Du bleibst am Kreuz, das ist alles. Du versuchst nicht, das Geheimnis des Todes und der Vergänglichkeit aller Dinge zu erklären, du tust mehr: Du selbst machst dieses Geheimnis an Leib und Seele durch. Ein großes Geheimnis, das uns bis heute hinterfragt und beunruhigt; es fordert uns heraus, es lädt uns ein, unsere Augen zu öffnen, um deine Liebe auch im Tod, oder besser gesagt, vom Tod her zu erkennen. Gerade dort hast du uns geliebt: hineingestellt in unser ureigenstes, unauslöschliches und unausweichliches Los. Gerade dort begreifen wir, wenn auch noch unvollkommen, deine lebendige und wahrhafte Gegenwart. Danach werden wir immer dürsten: nach deiner Nähe, nach deinem Sein als Gott mit uns.

Ich bitte dich, Herr, öffne meine Augen,

dass ich dich auch im Leiden erkenne,

im Tod, am Ende, das nicht das wirkliche Ende ist.

Mit deinem Kreuz rüttle an meiner Gleichgültigkeit,

erschüttere meine Erstarrung.

Hinterfrage mich stets mit deinem schockierenden Geheimnis,

das den Tod überwindet und Leben schenkt.

Pater noster…

 

Dreizehnte Station

Jesus wird vom Kreuz abgenommen und in den Schoß seiner Mutter gelegt

Aus dem Johannesevangelium (Joh 19,38-40)

Josef aus Arimathäa war ein Jünger Jesu, aber aus Furcht vor den Juden nur im Verborgenen. Er bat Pilatus, den Leichnam Jesu abnehmen zu dürfen, und Pilatus erlaubte es. Also kam er und nahm den Leichnam ab. Es kam auch Nikodemus, der früher einmal Jesus bei Nacht aufgesucht hatte. Er brachte eine Mischung aus Myrrhe und Aloe, etwa hundert Pfund. Sie nahmen den Leichnam Jesu und wickelten ihn in Leinenbinden, zusammen mit den wohlriechenden Salben, wie es beim jüdischen Begräbnis Sitte ist.

Ich sehe dich, Jesus, immer noch dort am Kreuz. Einen Menschen von Fleisch und Blut, mit seinen Schwächen und seinen Ängsten. Wie sehr hast du gelitten! Es ist eine unerträgliche Szene, vielleicht gerade auch, weil sie so von Menschlichkeit durchdrungen ist: das ist das Schlüsselwort, die Chiffre deines von Leid und Erschöpfung gepflasterten Weges. Es ist genau diese Menschlichkeit, die wir in dir oft übersehen und der wir auch in uns selbst und in den anderen zu wenig Beachtung schenken, zu sehr in Beschlag genommen von einem Leben, das aufs Gaspedal drückt, blind und taub für die Schwierigkeiten und Schmerzen anderer Menschen.

Ich sehe dich, Jesus: Jetzt bist du nicht mehr dort am Kreuz; du bist dorthin zurückgekehrt, wo du hergekommen bist, auf dem Schoß der Erde liegend, auf dem Schoß deiner Mutter. Jetzt ist das Leiden vorbei und verschwunden. Dies ist die Stunde des Mitgefühls. Dein lebloser Körper spiegelt noch die Kraft wieder, mit der du dein Leid getragen hast; und in den Augen derer, die noch da sind, spiegelt sich der Sinn wieder, den du ihrem Leben gegeben hast. Sie sind bei dir geblieben und werden immer an deiner Seite bleiben, in empfangener und gebender Liebe. Ein neues Leben öffnet sich für dich, für uns, ein neues, himmlisches Leben im Zeichen der Liebe, die allem standhält und auch durch den Tod nicht zerstört wird. Du bist hier, mit uns, in jedem Moment, bei jedem Schritt, in jeder Ungewissheit, in jedem Dunkel. Während sich der Schatten des Grabes über deinen in den Armen der Mutter liegenden Körper breitet, sehe ich dich und ich habe Angst, aber ich verzweifle nicht, ich vertraue darauf, dass das Licht, dein Licht, wieder leuchten wird.

Ich bitte dich, Herr,

halte in uns die Hoffnung

und den Glauben an deine bedingungslose Liebe immer lebendig.

Schenke uns immer einen lebendigen und wachen Blick auf das ewige Heil,

und lass uns auf unserem Weg Erquickung und Frieden finden.

Pater noster…

 

Vierzehnte Station

Der heilige Leichnam Jesu wird in das Grab gelegt.

Aus dem Johannesevangelium (Joh 19,41-42)

An dem Ort, wo man ihn gekreuzigt hatte, war ein Garten und in dem Garten war ein neues Grab, in dem noch niemand bestattet worden war. Wegen des Rüsttages der Juden und weil das Grab in der Nähe lag, setzten sie Jesus dort bei.

Ich sehe dich nicht mehr, Jesus, jetzt ist es dunkel. Die Hügel werfen lange Schatten und überall auf den Straßen und in den Häusern von Jerusalem wimmelt es von Sabbatlampen. Sie sind wie ein Klopfen an die Tore des verschlossenen und uneinnehmbaren Himmels: Was soll so viel Einsamkeit? Wer kann in einer solchen Nacht schlafen? Die Stadt hallt wieder vom Weinen der Kinder, den Liedern der Mütter, den Patrouillen der Soldaten: Dieser Tag stirbt, und nur du bist eingeschlafen. Schläfst du? Und auf welcher Liegestatt? Was für eine Decke verbirgt dich vor der Welt?

Von weitem ist Josef von Arimathäa deinen Schritten gefolgt, und jetzt begleitet er dich auf Zehenspitzen in deinem Schlaf und entzieht dich den Blicken der empörten und bösen Menschen. Ein Laken umhüllt deine Kälte, trocknet das Blut, den Schweiß und die Tränen. Vom Kreuz steig schwerelos herab, Joseph nimmt dich auf seine Schultern, aber wie leicht du bist: An dir ist nichts von der Schwere des Todes, des Hasses und des Grolls. Du schläfst, wie damals, als du ins warme Stroh gehüllt warst und ein anderer Josef dich im Arm hielt. Wie es damals keinen Platz für dich gab, so hast du auch jetzt keinen Platz, wo du dein Haupt niederlegen kannst: Auf der Schädelhöhe aber, dem harten Nacken der Welt, gedeiht ein Garten, in dem noch nie jemand beigesetzt wurde.

Wo bist du hingegangen, Jesus? Wohin bist du hinabgestiegen, wenn nicht in die Tiefe? Wohin, wenn nicht an den noch unversehrten Ort, in die engste Zelle? Du steckst in derselben Schlinge wie wir, in derselben Betrübnis wie wir bist du gefangen: Wie wir bist du auf Erden gewandelt, und jetzt nimmst du einen Platz ein unter der Erde, wie wir.

Ich möchte gerne weit weglaufen, aber du bist in mir, ich muss nicht hinausgehen, um nach dir zu suchen, denn du klopfst an meine Tür.

Ich bete zu dir, Herr, der du dich nicht in deiner Herrlichkeit gezeigt hast,

sondern in der Stille einer dunklen Nacht.

Du, der du nicht auf die Oberfläche achtest,

sondern das Verborgene siehst und in die Tiefe gehst,

höre auf unsere Stimme aus der Tiefe:

Lass uns, wenn wir müde sind, Ruhe finden in dir,

lass uns in dir unser eigentliches Wesen erkennen,

und in der Liebe deines schlafenden Antlitzes

unsere verlorene Schönheit schauen.

Pater noster…

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Quelle

Siehe dazu auch:

Papst Franziskus: Die Jugendlichen, der Glaube und die Berufungsentscheidung

Papst Franziskus und die Jugend. @KNA

SCHREIBEN DES HEILIGEN VATERS
AN DIE JUGENDLICHEN ZUR VORSTELLUNG DES VORBEREITUNGSDOKUMENTS
DER 
 XV. ORDENTLICHEN GENERALVERSAMMLUNG
DER BISCHOFSSYNODE 

Meine lieben Jugendlichen,

mit großer Freude darf ich Euch ankündigen, dass im Oktober 2018 eine Bischofssynode zum Thema «Die Jugendlichen, der Glaube und die Berufungsentscheidung» stattfinden wird. Ich wollte, dass Ihr im Zentrum des Interesses steht, da ich Euch im Herzen trage. Heute wird das Vorbereitungsdokument vorgestellt, das ich auch Euch als „Kompass“ auf diesem Weg anvertraue.

Mir kommen die Worte in den Sinn, die Gott an Abraham richtete: «Zieh weg aus deinem Land, von deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde!» (Gen 12,1). Diese Worte sind heute auch an Euch gerichtet: Es sind Worte eines Vaters, der Euch einlädt, „hinauszugehen“, um Euch einer unbekannten Zukunft entgegenzuwerfen, die aber Träger sicherer Verwirklichungen ist und auf die hin Er selbst Euch begleiten wird. Ich lade Euch ein, auf die Stimme Gottes zu hören, die durch das Wehen des Heiligen Geistes in Euren Herzen wiederhallt.

Als Gott zu Abraham sagte «Zieh weg!», was wollte er ihm da sagen? Sicherlich nicht, dass er sich von den Seinen oder von der Welt fliehen sollte. An ihn erging eine gewaltige Einladung, eine Provokation, damit er alles verlasse und sich auf den Weg in ein neues Land mache. Welches ist für uns heute dieses neue Land, wenn nicht eine gerechtere und geschwisterlichere Welt, wie Ihr sie tief ersehnt und wie Ihr sie bis zu den Grenzen der Erde hin aufbauen wollt?

Heute aber nimmt das «Zieh weg!» leider auch eine andere Bedeutung an. Jene des Machtmissbrauchs, der Ungerechtigkeit und des Krieges. Viele von Euch Jugendlichen sind der Erpressung durch Gewalt ausgesetzt und gezwungen, aus ihrem Heimatland zu fliehen. Ihr Schrei steigt zu Gott auf wie jener der Israeliten, die Sklaven der Unterdrückung des Pharao waren (vgl. Ex 2,23).

Ich möchte Euch auch an die Worte erinnern, die Jesus eines Tages den Jüngern sagte, die ihn fragten: «Rabbi […], wo wohnst Du?» Er antwortete: «Kommt und seht» (vgl. Joh 1,38). Auch auf Euch richtet Jesus seinen Blick und lädt Euch ein, zu ihm zu kommen. Liebe Jugendlichen, hat Euch dieser Blick getroffen? Habt Ihr diese Stimme gehört? Habt Ihr diesen Impuls gespürt, Euch auf den Weg zu machen? Ich bin sicher: auch wenn in der Welt der Lärm und die Betäubung zu herrschen scheinen, klingt dieser Ruf noch immer in Eurer Seele, damit Ihr sie der Fülle der Freude öffnet. Dies wird in dem Maße möglich sein, in dem Ihr, auch durch die Begleitung erfahrener Führer, in der Lage seid, einen Weg der Unterscheidung zu gehen, um den Plan Gottes für Euer Leben zu entdecken. Wenn auch Euer Weg von der Vorläufigkeit und vom Fall gezeichnet ist, streckt Gott, der reich an Erbarmen ist, seine Hand aus, um Euch aufzuhelfen.

Bei der Eröffnung des letzten Weltjugendtages in Krakau habe ich Euch mehrfach gefragt: «Können sich die Dinge ändern?» Und Ihr habt gemeinsam ein lautes «Ja!» gerufen. Dieser Schrei entspringt Eurem jugendlichen Herzen, das die Ungerechtigkeit nicht erträgt und sich nicht der Wegwerfkultur beugen will, noch der Globalisierung der Gleichgültigkeit das Feld überlassen will. Hört auf diesen Schrei, der aus Eurem Inneren aufsteigt! Auch dann, wenn Ihr Euch, wie der Prophet Jeremia, der Unerfahrenheit Eures jugendlichen Altes bewusst werdet; Gott ermutigt Euch, dahin zu gehen, wohin Er Euch schickt: «Fürchte Dich nicht […]. Denn ich bin mit Dir, um Dich zu retten» (vgl. Jer 1,8).

Eine bessere Welt wird auch Dank Euch, Dank Eures Willens zur Veränderung und Dank Eurer Großzügigkeit, aufgebaut. Habt keine Angst, auf den Geist zu hören, der Euch zu mutigen Entscheidungen drängt, bleibt nicht stehen, wenn das Gewissen Euch einlädt, ein Risiko einzugehen, um dem Herrn zu folgen. Auch die Kirche möchte auf Eure Stimme hören, auf Eure Sensibilität, auf Euren Glauben, ja auch auf Eure Zweifel und Eure Kritik. Lasst Euren Schrei hören, lasst ihn in den Gemeinschaften erschallen und bis zu den Hirten gelangen. Der Hl. Benedikt empfahl den Äbten, vor jeder wichtigen Entscheidung auch die jungen Mönche zu hören, «weil der Herr oft einem Jüngeren offenbart, was das Bessere ist» (Regel des Hl. Benedikt III, 3).

Auf diese Weise wollen wir, meine Mitbrüder im Bischofsamt und ich, auch durch diesen synodalen Weg noch mehr «Mitarbeiter Eurer Freude» (2 Kor 1,24) werden. Ich vertraue Euch Maria von Nazareth an, einer Jugendlichen wie Ihr, auf die Gott seinen liebevollen Blick gerichtet hat. Er nehme Euch an der Hand und geleite Euch zu einem vollen und großzügigen «Ich bin bereit» (vgl.Lk 1,38).

Mit väterlicher Zuneigung

FRANZISKUS

Aus dem Vatikan, 13. Januar 2017

Papst lädt glaubende und nichtglaubende Jugendliche zu Vor-Synode

Der Vatikan wills wissen: Wie denkt ihr über Leben, Welt und Gott?

Papst Franziskus will hören, was junge Leute wirklich über das Leben und den Glauben denken. Im März 2018 lädt er katholische und nicht-katholische Jungen und Mädchen aus aller Welt zu einer Vor-Synode in den Vatikan ein, wie er selbst an diesem Mittwoch bekanntgab. Die Kirche wolle „die Stimme der Jugendlichen“ hören, „ihre Empfindlichkeiten, ihren Glauben und auch ihre Zweifel und Kritikpunkte“, sagte Franziskus auf dem Petersplatz. Die Anregungen der Jugendlichen würden im Vatikan gebündelt und dann den Teilnehmern der Bischofssynode vorgelegt, die sich im Oktober 2018 mit dem Thema „die Jugendlichen, der Glaube und die Berufungsunterscheidung“ beschäftigen.

Die Vor-Synode findet von 19. bis 24. März statt und steht wie die Synode selbst unter der organisatorischen Verantwortung des Generalsekretariats der Bischofssynode. Eingeladen würden, wie der Papst ausdrücklich sagte, sowohl katholische Jugendliche als auch solche anderer Konfessionen und Religionen sowie nichtglaubende.Die Jugendlichen werden so ausgewählt und eingeladen, dass sie repräsentativ stehen für eine große Bandbreite kirchlichen und gesellschaftlichen Lebens, wie Synodensekretär Kardinal Lorenzo Baldisseri in einer Mitteilung am Mittwoch erläuterte. Demzufolge werde man nicht nur mit Bischofskonferenzen, Ordensinstituten, geistlichen Bewegungen und Seminaren bei der Auswahl von Jugendlichen zusammenarbeiten, sondern auch mit der Welt der Schule, der Universität und der Kultur, der Arbeit, des Sports, der Künste, des Freiwilligendienstes „in den extremen Peripherien des Lebens“. Zudem würden Fachleute und Erziehende zum Zug kommen, erklärte Baldisseri. Wie viele Personen an der Vor-Synode teilnehmen werden, ließ seine Mitteilung offen. Das Datum sei so ausgewählt, dass die Teilnehmenden am Palmsonntagsgottesdienst mit Papst Franziskus auf dem Petersplatz teilnehmen könnten.„Vor-Synoden“ gab es in der gut 50-jährigen Geschichte dieses Instruments kirchlicher Vertiefung bereits, so 1987 vor der Synode über die Sendung von Laien und 1991 vor der Synode zu Europa, so Baldisseri. Noch bis Ende November 2017 sind Jugendliche dazu eingeladen, über einen vatikanischen Fragebogen – auch auf Deutsch – zur Vorbereitung der Synode beizutragen.

(rv 04.10.2017 gs)

In Maria das Geheimnis der Hoffnung entdecken

Botschaft von Papst Franziskus an die Teilnehmer des
Jugendtreffens im Nationalheiligtum von Aparecida

Liebe Jugendliche!

Sehr herzlich grüße ich euch, die Jugendlichen aus Brasilien, die ihr in Aparecida versammelt seid, um das Projekt »Rota 300« abzuschließen, in diesem Marianischen Jahr zum Gedenken an den 300. Jahrestag der Auffindung des Bildes Unserer Lieben Frau im Wasser des Rio Paraíba do Sul.

Aus diesem Anlass möchte ich einen Aspekt der Botschaft herausheben, die ich euch in diesem Jahr zum 32. Weltjugendtag geschrieben habe: Die Jungfrau Maria ist ein kostbares Vorbild für die Jugend und eine Hilfe auf dem Weg des Lebens. Damit ihr diese Wahrheit begreifen könnt, sind keine großen Reflexionen notwendig. Es reicht, auf der Pilgerfahrt zu ihrem Nationalheiligtum, die ihr unternehmen werdet, das Bild der Mutter von Aparecida zu betrachten. Ich selbst habe diese Erfahrung gemacht, als ich 2007 aus Anlass der Konferenz der Bischöfe Lateinamerikas und dann 2013 im Rahmen des Weltjugendtages von Rio de Janeiro dort war. Ich konnte dort im zärtlichen, mütterlichen Blick der »Virgen Morena« und in den Augen der einfachen Menschen, die sie betrachteten, das Geheimnis der Hoffnung entdecken, die das brasilianische Volk veranlasst, die Herausforderungen eines jeden Tages mit Glauben und Mut anzunehmen. Ich konnte auch die revolutionäre Kraft einer liebevollen Mutter sehen, die das Herz ihrer Kinder dazu bewegt, mit großem missionarischem Elan aus sich selbst herauszugehen, wie auch ihr es in dieser missionarischen Woche getan habt, die soeben in der Valle di Paraíba zu Ende gegangen ist. Ich beglückwünsche euch zu diesem Zeugnis!

Liebe Freunde, in der Ungewiss­heit und Unsicherheit des Alltags, in der von ungerechten Situationen in eurem Umfeld verursachten Prekarität, sollt ihr eine Gewissheit haben: Maria ist ein Zeichen der Hoffnung. Sie wird euch Mut schenken, verbunden mit einem großen missionarischen Impuls. Sie kennt die Herausforderungen, in denen ihr lebt. Mit ihrer Aufmerksamkeit und ihrem mütterlichen Geleit wird sie euch spüren lassen, dass ihr nicht allein seid. In dieser Hinsicht ist es lohnend, sich an die Geschichte jener armen Fischer zu erinnern, die nach einem ergebnislosen Fischfang im Fluss Paraíba do Sul nochmals ihre Netze ausgeworfen haben und überrascht wurden von der zerbrochenen, schlammbedeckten Statue Unserer Lieben Frau. Zuerst fanden sie den Körper, dann den Kopf. Wie ich dazu den brasilianischen Bischöfen 2013 gesagt habe, enthält diese Tatsache ein bedeutungsvolles Symbol: was geteilt war, wird wieder eine Einheit, wie das Herz jener Fischer, wie das von der Sklaverei geteilte Brasilien der Kolonialzeit, das seine Einheit im Glauben findet, der von jenem schwarzen Bild Unserer Lieben Frau angeregt wurde (vgl. Ansprache an die Bischöfe von Brasilien, 27. Juli 2013). Daher möchte ich auch euch einladen, eure Herzen von der Begegnung mit Unserer Mutter von Aparecida verwandeln zu lassen. Möge sie eure »Netze« des Lebens – Netze der Freundschaft, soziale Netze, materielle und virtuelle Netze, Wirklichkeiten, die so oft geteilt sind – verwandeln in etwas Bedeutsameres: Mögen sie sich in eine Gemeinschaft verwandeln können! In missionarische Gemeinschaften, »die hinausgehen«! Gemeinschaften, die Licht und Sauerteig einer gerechteren und brüderlicheren Gesellschaft sind.

So in eure Gemeinschaften eingefügt, sollt ihr keine Angst haben, etwas zu riskieren und euch für den Aufbau einer neuen Gesellschaft zu engagieren, indem ihr das soziale, politische, ökonomische und universitäre Umfeld mit der Kraft des Evangeliums durchdringt! Habt keine Angst, gegen Korruption zu kämpfen und lasst euch von ihr nicht verführen! Im Vertrauen auf den Herrn, dessen Gegenwart Quelle des Lebens in Fülle ist, und unter dem Schutzmantel Mariens könnt ihr die Kreativität und Kraft finden, um Protagonisten einer Kultur der Bündnisse zu sein, und so neue Paradigmata schaffen, die dem Leben Brasiliens Orientierung geben können (vgl. Botschaft an die Versammlung des CELAM, 8. Mai 2017).

Pope Francis kisses the statue of the Virgin of Aparecida, Brazil’s patron saint, during Mass in Aparecida Basilica, in Aparecida, Brazil, Wednesday, July 24, 2013. Reverence for the figure of the Virgin Mary runs particularly deep in Latin America. The Vatican says that Pope Francis personally insisted that a trip to the Aparecida Basilica be added to his Brazilian visit agenda. (AP Photo/Felipe Dana)

Möge der Herr auf die Fürsprache der Jungfrau von Aparecida in einem jeden von euch die Hoffnung und den missionarischen Geist erneuern. Ihr seid die Hoffnung Brasiliens und der Welt. Und das Neue, deren Träger ihr seid, beginnt sich bereits heute aufzubauen. Möge Unsere Liebe Frau, die in ihrer Jugend den Ruf Gottes mutig anzunehmen und auf die Bedürftigen zuzugehen wusste, vor euch sein und euch auf allen euren Wegen leiten! Und dafür sende ich einem jeden von euch einen Apostolischen Segen, in den ich auch eure Familienangehörigen und Freunde einschließe. Und ich bitte euch, auch für mich zu beten.

Aus dem Vatikan, 3. Juli 2017 (Orig. portugies.; ital. in O.R. 2.8.2017)

D: Bischof Oster lobt und kritisiert Jugendverbände

Lob und Tadel: Jugendbischof Stefan Oster

Jugendbischof Stefan Oster fordert von den kirchlichen Jugendverbänden, die Gottes- und Glaubensfrage stärker in den Mittelpunkt zu stellen. Die Verbände gäben sich teils mit einer „Lightversion des Evangeliums“ zufrieden, sagte Oster am Freitag bei der Hauptversammlung des Bundes der Katholischen Jugend (BDKJ) im bergischen Odenthal-Altenberg. Oster lobte das sozialpolitische Engagement der Verbände etwa für Flüchtlinge und dankte ihnen für die demokratische Beteiligungskultur. Kritik übte er aber an dem BDKJ-Positionspapier „Theologie der Verbände“, in dem Jesus „zu einer Karikatur“ verkommen sei. Er sei nicht „so ein Netter“, der die unterschiedlichen Wege, mit ihm zu leben, einfach bestätige. Vielmehr sei Jesus die „größte Herausforderung“ seit Menschengedenken.

Die Verbände hätten nach den Worten Osters vergessen, Jesus als denjenigen zu verkündigen, der den Einzelnen zu einer dramatischen persönlichen Entscheidung herausfordere und rette. Aus der Entscheidung für Jesus folge alles andere wie etwa gesellschaftliches Engagement. Als positives Beispiel nannte Oster die katholische Jugendorganisation Loretto Gemeinschaft in Österreich: Sie vertrete diese Botschaft beispielhaft.

Oster appellierte an die Verbände, gegen Abtreibungen aufzustehen. 90 Prozent der Embryonen mit Down Syndrom würden abgetrieben. Zudem rief er dazu auf, sich mehr mit dem Islam auseinanderzusetzen. Neben Wertschätzung müsse es auch kritische Anfragen an manche Erscheinungsformen geben. Auch sollten sich die Verbände für ein Familienrecht stark machen, bei dem Eltern für sich selbst und für ihre Kinder abstimmen können.

(kap 12.05.2017 gs)

Ansprache von Johannes Paul II. bei der Willkommenszeremonie zum Weltjugendtag 2000 – Petersplatz, 15. August 2000

diozesanwappen

Liebe Jungen und Mädchen des fünfzehnten Weltjugendtages, liebe Mitbrüder im Bischofsamt und im priesterlichen Dienst, liebe Ordensfrauen und -männer, liebe Erzieher, die ihr die jungen Leute begleitet! Willkommen in Rom! Ich danke Herrn Kardinal James Francis Stafford für die herzlichen Worte, die er an mich gerichtet hat. Mit ihm grüße ich Herrn Kardinal Camillo Ruini sowie die anwesenden anderen Kardinäle, Erzbischöfe und Bischöfe. Ich danke auch den beiden Jugendlichen, die so eindrücklich die Gefühle von euch allen zum Ausdruck brachten, die ihr aus vielen Teilen der Welt hier zusammengekommen seid.

Ich empfange euch mit Freude, nachdem ich an der Basilika San Giovanni am Lateran, der Kathedrale von Rom, Station gemacht habe, um die römischen und italienischen Jugendlichen zu grüßen. Sie vereinen sich mit mir, um Euch als Brüder und Schwestern herzlich willkommen zu heißen.

Eure Gesichter erinnern mich an die jungen Generationen – ja sie machen sie gleichsam gegenwärtig –, denen ich in diesen Jahren am Ende des Jahrtausends im Laufe meiner apostolischen Reisen rund um die Welt begegnen durfte. Jedem rufe ich zu: Der Friede sei mit dir!

Der Friede sei mit dir, junger Freund aus Afrika:
aus Algerien,
aus Angola,
aus Benin,
aus Burkina Faso,
aus Burundi,
aus Kamerun,
aus Kap Verde
aus Tschad,
aus Kongo,
von der Elfenbeinküste,
aus Ägypten,
aus Eritrea,
aus Gabun,
aus Gambia,
aus Ghana,
aus der Republik Guinea,
aus Djibouti,
aus Guinea-Bissau,
aus Kenia,
von den Komoren,
von Mauritius,
aus Lesotho,
aus Liberia,
aus Lybien,
aus Madagaskar,
aus Malawi,
aus Mali,
aus Marokko,
von Mocambique,
aus Namibia,
aus Nigeria,
von der Republik Zentralafrika,
von der Demokratischen Republik Kongo,
aus Rwanda,
aus Senegal,
von den Seychellen,
aus Sierra Leone,
aus Südafrika,
vom Sudan,
aus Swasiland,
aus Tansania,
aus Togo,
aus Uganda,
aus Sambia,
aus Simbabwe.

Der Friede sei mit dir, junger Freund aus Amerika:
von den Antillen,
aus Argentinien,
von den Bahamas,
aus Belize,
aus Bolivien,
aus Brasilien,
aus Kanada,
aus Chile,
aus Kolumbien,
aus Costa Rica,
aus Kuba,
aus Ecuador,
von der Republik Salvador,
aus Guatemala,
aus Haiti,
aus Honduras,
aus Mexiko,
aus Nicaragua,
aus Panama,
aus Paraguay,
aus Peru,
aus Puerto Rico,
von der Dominikanischen Republik,
aus St. Lucia,
aus St. Vincent,
aus den Vereinigten Staaten,
aus Surinam,
aus Uruguay,
aus Venezuela.

Der Friede sei mit dir, junger Freund aus Asien:
aus Saudi-Arabien,
aus Armenien,
aus Bangladesch,
aus Kambodscha,
aus Bahrain,
aus Südkorea,
von den Vereinigten Arabischen Emiraten,
von den Philippinen,
aus Georgien,
aus Japan,
aus Jordanien,
aus Hong Kong,
aus Indien,
aus Indonesien,
aus dem Irak,
aus Israel,
aus Kasachstan,
aus Kirgisien,
aus Laos,
aus dem Libanon,
aus Macau,
aus Malaysia,
aus der Mongolei,
aus Myanmar,
aus Nepal,
aus Oman,
aus Pakistan,
aus Katar,
aus Singapur,
aus Syrien,
aus Sri Lanka,
aus Taiwan,
von den Palästinensischen Gebieten,
aus Thailand,
aus Osttimor,
aus Turkmenien,
aus Usbekistan,
aus Vietnam.

Der Friede sein mit dir, junger Freund aus Europa:
aus Albanien,
aus Österreich,
aus Belgien,
aus Weißrußland,
aus Bosnien-Herzegowina,
aus Bulgarien,
aus Zypern,
aus Kroatien,
aus Dänemark,
aus Deutschland,
aus England,
aus Estland,
aus Finnland,
aus Frankreich,
aus Griechenland,
aus Irland,
aus Italien,
aus Lettland,
aus Liechtenstein,
aus Litauen,
aus Luxemburg,
aus Mazedonien,
aus Malta,
aus Moldawien,
aus den Niederlanden,
aus Norwegen,
aus Polen,
aus Portugal,
aus dem Fürstentum Monaco,
aus der Tschechischen Republik,
aus der Republik San Marino,
aus Rumänien,
aus Rußland,
aus Schottland,
aus der Slowakischen Republik,
aus Slowenien,
aus Spanien,
aus der Schweiz,
aus Schweden,
aus der Türkei,
aus der Ukraine,
aus Ungarn,
aus Jugoslawien.

Der Friede sei mit dir, junger Freund aus Ozeanien:
aus Australien,
aus Guam,
aus Neuseeland,
aus Papua-Neuguinea.

Besonders herzlich begrüße ich die Gruppe der Jugendlichen, die aus den Ländern kommen, in denen Haß, Gewalt und Krieg dem Leben ganzer Bevölkerungsgruppen noch den Stempel des Leids aufdrücken: Euer aller Solidarität ist es zu verdanken, daß sie heute Abend da sein können. Ich spreche ihnen, auch in eurem Namen, die geschwisterliche Nähe unserer Versammlung zu. Mit euch erbitte ich für sie und für ihre Landsleute Tage des Friedens in Gerechtigkeit und Freiheit.

Meine Gedanken wandern schließlich zu den Jugendlichen anderer Kirchen und kirchlicher Gemeinschaften, die an diesem Abend zusammen mit einigen ihrer Hirten hier sind: Der Welttag sei eine weitere Gelegenheit, um einander kennen zu lernen und gemeinsam den Geist des Herrn um das Geschenk der vollen Einheit unter allen Christen zu bitten!

Liebe Freunde aus den fünf Kontinenten! Ich freue mich, mit euch an diesem Abend das Jubiläum der Jugend feierlich zu eröffnen. Ihr Pilger auf den Spuren der Apostel, ahmt ihren Glauben nach!

Jesus Christus ist derselbe gestern, heute und in Ewigkeit!

* * * * *

1. Liebe Freunde! Ihr habt mit allen möglichen Verkehrsmitteln unzählige Kilometer zurückgelegt, um hierher nach Rom an die Gräber der Apostel zu kommen. Erlaubt mir, daß ich an den Anfang der Begegnung mit euch eine Frage stelle: Was sucht ihr hier? Ihr seid da, um euer Jubiläum zu feiern: das Jubiläum der jungen Kirche. Eure Reise ist etwas Besonderes: Ihr habt euch auf den Weg gemacht, nicht nur zum Zeitvertreib oder der Kultur wegen. So laßt mich die Frage wiederholen: Was sucht ihr hier? Oder besser: Wen sucht ihr?

Darauf kann es nur eine einzige Antwort geben: Ihr seid gekommen, um Jesus Christus zu suchen! Doch dieser Jesus Christus sucht zuerst euch! Das Jubiläum feiern heißt ja nichts anderes als Jesus Christus zu feiern und ihm zu begegnen, dem Wort, das Fleisch geworden ist und unter uns gewohnt hat.

Die Worte des Johannes-Prologs, die soeben verkündet wurden, sind gleichsam seine „Visitenkarte“. Sie laden uns dazu ein, den Blick auf sein Geheimnis zu lenken. Diese Worte sind eine Botschaft, die sich besonders an euch, liebe Jugendliche, richtet: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Im Anfang war es bei Gott“ (Joh 1,1-2).

Der Evangelist weist uns auf das Wort hin, das eines Wesens mit dem Vater von Ewigkeit her gezeugt ist als Gott von Gott und Licht vom Licht. So führt er uns ein in das Herz des göttlichen Lebens, aber er bringt uns auch zur Quelle der Welt: Denn dieses Wort steht am Anfang der ganzen Schöpfung: „Alles ist durch das Wort geworden, und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist“ (Joh 1,3). Die gesamte geschaffene Welt war, noch bevor sie Wirklichkeit wurde, von Gott gedacht und von Ihm im ewigen Plan seiner Liebe gewollt. Wenn wir also auf die Welt in ihrer Tiefe schauen und uns dabei von der Weisheit und Schönheit, die Gott darin hineingelegt hat, in Staunen versetzen lassen, dann können wir schon in der Welt einen Spiegel jenes Wortes erfassen, das uns die biblische Offenbarung im Antlitz Jesu von Nazaret vollends enthüllt. In gewisser Weise ist die Schöpfung die erste „Offenbarung“ des Wortes.

2. Der Prolog fährt fort: „In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfaßt“ (Joh 1,4-5). Das Leben ist für den Evangelisten das Licht, und der Tod als Gegensatz zum Leben steht für die Finsternis. Durch das Wort ist alles Leben auf der Erde entstanden und im Wort findet es seine endgültige Vollendung.

Wenn Johannes das Leben mit dem Licht gleichsetzt, dann denkt dabei auch jenes besondere Leben, das nicht einfach in den biologischen Abläufen des menschlichen Organismus besteht, sondern aus der Teilhabe am Leben Jesu Christi selbst schöpft. Der Evangelist sagt: „Das wahre Leben, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt“ (Joh 1,9). Diese Erleuchtung wurde der Menschheit in der Nacht von Betlehem gewährt, als das ewige Wort des Vaters aus der Jungfrau Maria Fleisch annahm und als Mensch in diese Welt hineingeboren wurde. Seitdem hat jeder Mensch durch den Glauben am Geheimnis jenes Ereignisses teil und erfährt in gewissem Maß diese Erleuchtung.

Jesus Christus selbst wird sich eines Tages als Licht der Welt vorstellen: „Solange ihr das Licht bei euch habt, glaubt an das Licht, damit ihr Söhne des Lichts werdet“ (Joh 12,36). Diese Mahnung geben Jesu Jünger von Generation zu Generation weiter und versuchen, sie im täglichen Leben umzusetzen. Im Hinblick auf diese Aufforderung wird Paulus schreiben: „Deshalb lebt als Kinder des Lichts! Das Licht bringt lauter Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit hervor“ (Eph 5,8-9).

3. Das Herz des Johannes-Prologs ist die Botschaft: „Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“ (1,14). Kurz zuvor hatte der Evangelist erklärt: „Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf. Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden“ (1,10-12). Meine Lieben! Gehört ihr zu denen, die Jesus Christus aufgenommen haben? Eure Anwesenheit hier ist schon eine Antwort. In diesem Jubiläum „2000 Jahre nach Christi Geburt“ seid ihr nach Rom gekommen, um die Kraft des Lebens, die ihm innewohnt, in euch aufzunehmen. Ihr seid gekommen, um die Wahrheit über die Schöpfung neu zu entdecken und wieder über die Schönheit und den Reichtum der geschaffenen Welt staunen zu lernen. Ihr seid gekommen, um euch neu bewußt zu machen, welche Würde der Mensch hat, der als Bild und Gleichnis Gottes geschaffen ist.

Und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit“ (Joh 1,14). Ein zeitgenössischer Philosoph hat die Bedeutung des Todes im menschlichen Leben so betont, daß er sagen konnte: „Der Mensch lebt für den Tod“. Das Evangelium unterstreicht das Gegenteil: Der Mensch lebt für das Leben. Der Mensch ist von Gott berufen, am göttlichen Leben Anteil zu haben. Der Mensch ist also ein Wesen, das zur Herrlichkeit berufen ist.

Diese Tage, die ihr im Rahmen des Weltjugendtages in Rom gemeinsam verbringen werdet, sollen jedem einzelnen von euch helfen, einen klareren Blick auf die Herrlichkeit zu bekommen, die dem Sohn Gottes eigen ist und zu der wir in Ihm vom Vater berufen sind. Dafür muß euer Glaube an Christus wachsen und sich festigen.

4. Für diesen Glauben will ich vor euch, liebe Jugendliche, Zeuge sein am Grab des Apostels Petrus, zu dessen Nachfolger als Bischof von Rom mich der Herr berufen hat. Heute möchte ich Euch zunächst sagen: Ich glaube fest an Jesus Christus, unseren Herrn. Ja, ich glaube und mache mir die Worte des Apostels Paulus zu eigen: „Soweit ich aber jetzt noch in dieser Welt lebe, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat“ (Gal 2,20).

Ich denke daran, wie ich von Kindesbeinen an in meiner Familie gelernt habe, zu beten und mich Gott anzuvertrauen. Ich erinnere mich an das Gemeindeleben meiner Pfarrei in Wadowice und an das der Pfarrei Debniki in Krakau, die den Namen des hl. Stanislaus Kostka trägt. In ihnen empfing  ich eine Art Grundausbildung für das christliche Leben. Dann kann ich die Erfahrung des Krieges ebenso wenig vergessen wie die Jahre, in denen ich in der Fabrik arbeitete. Endgültig reifte meine Berufung zum Priester in der Zeit des Zweiten Weltkrieges, als Polen besetzt war. Die Tragödie des Krieges ließ meine Lebensentscheidung reifen und gab ihr eine besondere Färbung. Dabei ging mir immer mehr ein Licht auf: Der Herr will, daß ich Priester werde! Bewegt denke ich an jenen Augenblick meines Lebens zurück, als ich am Morgen des 1. November 1946 die Priesterweihe empfing.

Mein Credo setzt sich fort in meinem gegenwärtigen Dienst an der Kirche. Als ich am 16. Oktober 1978 nach der Wahl auf den Stuhl Petri gefragt wurde: „Nimmst du an?“, da habe ich geantwortet: „Im Glaubensgehorsam gegenüber Christus, meinem Herrn, und im Vertrauen auf die Mutter Christi und seiner Kirche nehme ich ungeachtet der großen Schwierigkeiten an“ (Redemptor hominis, 2). Seitdem versuche ich, meiner Aufgabe nachzukommen, indem ich jeden Tag Licht und Kraft schöpfe aus dem Glauben, der mich an Christus bindet.

Doch ist mein Glaube – wie schon bei Petrus und bei jedem von uns – nicht nur mein eigenes Werk, meine Bindung an die Wahrheit Jesu Christi und der Kirche. Mein Glaube ist wesentlich und vor allem ein Werk des Heiligen Geistes, ein Geschenk seiner Gnade. Der Herr schenkt mir – wie auch euch – Seinen Geist, damit wir „Credo“ sagen können: Ich glaube. Dann nimmt uns der Herr in seinen Dienst, damit wir für ihn Zeugen sind in jedem Winkel der Erde.

5. Liebe Freunde! Warum wollte ich euch am Anfang eures Jubiläums dieses persönliche Zeugnis geben? Ich wollte dadurch klarmachen: Der Weg des Glaubens bahnt sich durch alle Erfahrung unseres Lebens. Gott wirkt durch die konkreten und persönlichen Ereignisse eines jeden von uns: durch sie zeigt sich uns das Wort, das Fleisch geworden ist und unter uns gewohnt hat. Manchmal geschieht das auf wahrhaft geheimnisvolle Weise.

Liebe Jungen und Mädchen! Laßt nicht zu, daß die Zeit, die der Herr Euch schenkt, vorbeigeht, als wäre alles nur ein Zufall. Der hl. Johannes hat uns gesagt, daß alles in Christus geworden ist. Deshalb glaubt ganz fest an ihn! Er lenkt die Geschichte der einzelnen ebenso wie die der Menschheit. Sicher: Jesus Christus achtet unsere Freiheit, aber in allem, was das Leben an Freuden und Bitterkeiten bringt, lädt er uns unaufhörlich dazu ein, an Ihn zu glauben, an sein Wort, an die Wirklichkeit der Kirche und an das ewige Leben!

Denkt also nie, in Jesu Augen unbekannt zu sein wie Nummern einer anonymen Menge. Jeder von euch ist für Christus wertvoll, jeder ist ihm persönlich bekannt, jeden hat er liebend gern, auch wenn er auf Gleichgültigkeit stößt.

6. Liebe Freunde, ihr seid mit der ganzen Leidenschaft eurer Jugend auf das dritte Jahrtausend hin ausgerichtet. Lebt die Gelegenheit intensiv, die euch der Weltjugendtag bietet in dieser Kirche von Rom, die heute mehr denn je eure Kirche ist. Laßt euch vom Heiligen Geist formen! Macht die Erfahrung des Gebetes, indem ihr den Heiligen Geist in eure Herzen sprechen laßt. Beten heißt: ein bißchen von der eigenen Zeit Christus zur Verfügung stellen, sich ihm anvertrauen, still bleiben und ganz Ohr sein für sein Wort, damit es im Herzen nachhallen kann.

Schneidet euch in diesen Tagen, Augenblicke der Stille, des Gebetes und der Sammlung heraus, als gehe es um eine große Woche geistlicher Exerzitien. Bittet den Heiligen Geist, eure Herzen und Sinne zu erleuchten. Bittet ihn um das Geschenk eines lebendigen Glaubens, der eurem Leben einen bleibenden Sinn zu geben vermag, indem er es in Jesus Christus einfügt, das fleischgewordene Wort.

Die heilige Jungfrau Maria, die Jesus Christus durch das Wirken des Heiligen Geistes hervorgebracht hat, Salus Populi Romani (Heil des römischen Volkes) und Mutter aller Völker, die heiligen Petrus und Paulus sowie alle anderen Heiligen und Märtyrer dieser Kirche und eurer Kirchen, mögen euren Weg begleiten.

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