Eine neue Zeit brüderlicher Freundschaft

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Papst Franziskus hat am 29. Februar den Patriarchen der Äthiopisch-Orthodoxen Tewahedo Kirche, Seine Heiligkeit Abuna Matthias I., mit einer Delegation in Audienz empfangen. Er richtete die folgende Ansprache an die Anwesenden:

Heiligkeit,

liebe Brüder in Christus!

Es ist eine große Freude und ein Moment der Gnade, Sie alle, die Sie hier anwesend sind, willkommen heißen zu dürfen. Herzlich grüße ich Eure Heiligkeit und die nahmhaften Mitglieder der Delegation. Ich danke Ihnen für die Worte der Freundschaft und der geistlichen Nähe. Durch Sie möchte ich die Bischöfe, den Klerus und die gesamte Familie der Äthiopisch-Orthodoxen Tewahedo Kirche in der ganzen Welt herzlich grüßen. Die Gnade und der Friede unseres Herrn Jesus Christus sei mit Ihnen allen.

Der Besuch Eurer Heiligkeit stärkt die brüderlichen Bande, die unsere Kirchen bereits vereinen. Dankbar erinnern wir uns an den Besuch von Abuna Paulos bei Johannes Paul II. im Jahr 1993. Am 26. Juni 2009 kam Abuna Paulos erneut, um Benedikt XVI. zu begegnen, der ihn im Oktober desselben Jahres als besonderen Gast einlud, auf der zweiten Versammlung der Bischofssynode für Afrika über die Situation des afrikanischen Kontinents und die Herausforderungen der Völker Afrikas zu sprechen. In der Frühkirche war es übliche Praxis, dass eine Kirche ihre Vertreter zu den Synoden der anderen Kirchen sandte. Dieses Bewusstsein der kirchlichen Anteilnahme zeigte sich auch 2012 aus Anlass des Begräbnisses Seiner Heiligkeit Abuna Paulos, bei dem eine Delegation des Heiligen Stuhls anwesend war.

Seit 2004 haben sich die katholische Kirche und die orientalisch-orthodoxen Kirchen gemeinsam bemüht, ihre Gemeinschaft durch den theologischen Dialog zu vertiefen, der von der Gemeinsamen Internationalen Kommission vorangetragen wird. Wir freuen uns über die wachsende Teilnahme der Äthiopisch-Orthodoxen Tewahedo Kirche an diesem Dialog. Im Lauf der Jahre hat die Kommission den Grundbegriff der »Kirche als Gemeinschaft« untersucht, verstanden als Teilhabe an der Gemeinschaft zwischen Vater, Sohn und Heiligem Geist. So haben wir entdeckt, dass wir fast alles gemeinsam haben: ein Glaube, eine Taufe, ein Herr und Erlöser Jesus Christus. Wir sind vereint kraft der Taufe, die uns in den einen Leib Christi eingegliedert hat. Wir sind vereint durch verschiedene Elemente, die unseren reichen monastischen Traditionen und liturgischen Riten gemeinsam sind. Wir sind Brüder und Schwestern in Christus. Wie mehrfach bemerkt wurde, ist das, was uns vereint, sehr viel mehr als das, was uns trennt.

Wir spüren, dass die Worte des heiligen Paulus für uns wahr sind: »Wenn darum ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit; wenn ein Glied geehrt wird, freuen sich alle anderen mit ihm« (1 Kor 12,26). Das geteilte Leid hat bewirkt, dass die ansonsten unter vielen Aspekten getrennten Christen sich einander angenähert haben. Genauso wie das Blutvergießen der Märtyrer in der frühen Kirche Same neuer Christen wurde, so wird heute das Blut so vieler Märtyrer aus allen Kirchen zum Samen der Einheit der Christen. Die Märtyrer und Heiligen aller kirchlichen Traditionen sind in Christus bereits eins; ihre Namen sind im einzigen Martyrologium der Kirche Gottes verzeichnet. Die Ökumene der Märtyrer ist eine an uns hier und heute gerichtete Einladung, gemeinsam den Weg zu einer immer vollständigeren Einheit zu gehen.

Ihre Kirche war von Beginn an eine Kirche der Märtyrer, und noch heute sind Sie Zeugen einer verheerenden Gewalt gegen die Christen und andere Minderheiten im Nahen Osten und in einigen Teilen Afrikas. Wir kommen nicht umhin, erneut diejenigen, in deren Händen das politische und wirtschaftliche Schicksal der Welt liegt, aufzufordern, eine friedliche Koexistenz zu fördern, die auf gegenseitigen Respekt und Versöhnung, auf gegenseitige Vergebung und Solidarität gegründet ist.

Ihr Land unternimmt derzeit große Anstrengungen, um die Lebensbedingungen der Bevölkerung zu verbessern und eine immer gerechtere Gesellschaft aufzubauen, die gegründet ist auf den Rechtsstaat und die Achtung der Rolle der Frauen. Ich erinnere insbesondere an das Problem fehlenden Wassers mit seinen schweren sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen. Hier gibt es ein weites Feld für die Zusammenarbeit zwischen den Kirchen zugunsten des Gemeinwohls und der Bewahrung der Schöpfung, und ich zweifle nicht an der Bereitschaft der katholischen Kirche Äthiopiens, mit der Orthodoxen Tewahedo Kirche zusammenzuarbeiten, der Eure Heiligkeit vorsteht.

Heiligkeit, liebe Brüder, ich hege große Hoffnung, dass von dieser Begegnung eine neue Zeit brüderlicher Freundschaft zwischen unseren Kirchen ihren Ausgang nehmen möge. Wir sind uns bewusst, dass uns die Geschichte eine Bürde der schmerzlichen Missverständnisse und des Miss­trauens hinterlassen hat, für die wir um die Vergebung und Heilung Gottes bitten. Wir wollen füreinander beten und die Fürsprache der Märtyrer und Heiligen für alle Gläubigen anrufen, die unserer pastoralen Sorge anvertraut sind. Möge der Heilige Geist uns weiter erleuchten und uns zu Eintracht und Frieden führen, indem er in uns die Hoffnung auf jenen Tag lebendig erhält, an dem wir mit Gottes Hilfe in der Fülle der eucharistischen Gemeinschaft um den Altar des Opfers Christi vereint sein werden. Ich bitte Maria, die Mutter der Barmherzigkeit, für einen jeden von Ihnen mit Worten, die Ihrer schönen und reichen liturgischen Tradition entnommen sind: »O Jungfrau, Quelle des Urquells der Weisheit, tränke mich mit dem Strom des Evangeliums Christi, deines Sohnes, und verteidige mich mit seinem Kreuz. Bedecke mich mit seiner Barmherzigkeit, gürte mich mit seiner Milde, stärke mich mit seinem Wohlgeruch, umgib mich mit seinen Früchten. Amen.«

Eure Heiligkeit, möge der allmächtige Gott Ihre Sendung im Dienst des geliebten Volkes der Äthiopisch-Orthodoxen Tewahedo Kirche überreich segnen.

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(Orig. ital. in O.R. 29.2./1.3.2016)