Pressebericht des Vorsitzenden der DBK zum Abschluss der Herbst-Vollversammlung in Fulda — Volltext

Fuldaer Dom / Wikimedia Commons – Sfintu1, CC BY-SA 4.0

„Nationalismus und der Wunsch nach Abgrenzung und Abschottung
sind mit der christlichen Botschaft keinesfalls zu verbinden.“

Wir dokumentieren im Folgenden die vollständige Fassung des Presseberichtes des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, anlässlich der heutigen Pressekonferenz zum Abschluss der Frühjahrs-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz am 28. September 2017 in Fulda.

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1. Einleitung

2. „Mission und Evangelisierung – Perspektiven für den Weg der Kirche heute“

3. Grußwort des Apostolischen Nuntius

4. Wahl zum Deutschen Bundestag

5. Studienhalbtag „Schöpfungsverantwortung nach Laudato siʼ – Umwelt und integrale Entwicklung als Aufgabe der Kirche“

6. XV. Ordentliche Generalversammlung der Bischofssynode 2018: „Die Jugendlichen, der Glaube und die Berufungsunterscheidung“

7. Islamistischer Terror oder „Kampf der Kulturen“? Herausforderung für die Christen

8. Christusfest im Reformationsjahr 2017 – Bilanz und Ausblick

9. „Zwischen Jerusalem und Rom“ – Erklärung orthodoxer Rabbiner zum Christentum

10. Mentoring-Programm des Hildegardis-Vereins e. V.

11. Verbreitung der neuen Einheitsübersetzung

12. Motu Proprio Magnum principium

13. Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt

14. Versöhnung zwischen Polen und Deutschen

15. Nuklearwaffen – internationale politische und kirchliche Prozesse

16. Sonderbeauftragter für Flüchtlingsfragen

17. Personalien

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1. Einleitung

Die diesjährige Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz stand ganz im Zeichen des 150. Jahrestages der ersten Sitzung der Fuldaer Bischofskonferenz. Dieses historische Ereignis werden wir später noch mit einem Festakt würdigen. Traditionell beginnen wir unsere Beratungen mit dem Gebet am Grab des hl. Bonifatius.

2. „Mission und Evangelisierung – Perspektiven für den Weg der Kirche heute“

Zu Beginn unserer Beratungen habe ich einige Ausführungen zum Thema „Mission und Evangelisierung – Perspektiven für den Weg der Kirche heute“ gemacht. Ausgehend von der Geschichte des Christentums und der Mission zeigt sich, dass das Christentum von Anfang an das Potential hatte, sich in alle Kulturen einzuwurzeln. Die Botschaft Jesu kann geographische, ethnische, soziale und kulturelle Grenzen überschreiten, weil der gemeinsame Glaube das neue, alle Unterschiede übergreifende Einheitsprinzip bildet.

Die Krise des Missionsbegriffs, der bisweilen mit dem westlichen Kolonialismus, Eurozentrismus und Paternalismus gleichgesetzt wurde, konnte auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil überwunden werden. Es wurden dort neue Grundlagen für die Mission der Kirche formuliert. Die Mission wird als Verkündigung des Reiches Gottes verstanden und rückt in das Zentrum der Kirche. Mit dieser Neubestimmung des Missionsbegriffs wird auch der Begriff der Evangelisierung als eine sprachliche, existentielle und kulturelle Übersetzung und Aneignung der Frohen Botschaft in die gegenwärtige Gesellschaft neu entdeckt.

Das Verständnis der Evangelisierung wird im Apostolischen Schreiben Papst Paul VI. Evangelii nuntiandi (1975) und in der Missionsenzyklika Papst Johannes Paul II. Redemptoris missio (1990) weiterentwickelt. Papst Paul VI. konstatiert einen Bruch zwischen Evangeliumund Kultur als das „Drama unserer Zeitepoche“ und fordert eine Erneuerung der Kulturen durch die Begegnung mit der Frohen Botschaft – sozusagen eine Evangelisierung der Kultur. Sie beginnt mit dem persönlichen Lebenszeugnis als Anfang eines mehrstufigen Evangelisierungsprozesses. So gelingt es, den alten Begriff der Mission zu weiten. Papst Johannes Paul II. systematisiert den neuen Evangelisierungsbegriff in drei Bereiche: die Erstevangelisierung, die Verantwortung für die Weltmission und die Neuevangelisierung in Ländern mit alter christlicher Tradition. Die deutschen Bischöfe haben in ihren Dokumenten Zeit zur Aussaat (2000) und in Allen Völkern sein Heil. Die Mission der Weltkirche (2004) diese Weitung des Evangelisierungsbegriffes nachvollzogen. Ihr Ziel besteht darin, die universale Heilszusage, die Gott durch seinen Sohn gegeben hat, kultur- und nationenübergreifend zu verkündigen. Die Welt braucht diese Heilszusage Gottes als Alternative zu den vielen nicht tragfähigen Heilsversprechen und ebenso zu den im Aufschwung begriffenen Fundamentalismen. Dabei ist die Kirche kein Selbstzweck, sondern universales Sakrament des Heils. Papst Franziskus führt diese Linie im Apostolischen Schreiben Evangelii gaudium entschieden fort. Aufgrund seiner Erfahrung rät er der Kirche, an die Ränder zu gehen und das Reich Gottes in der Welt gegenwärtig zu machen.

In unserer Diskussion wurde deutlich, wie vielfältig die Situationen und Bedingungen sind, in denen Evangelisierung versucht, aber nicht immer fruchtbar wird. Über diese Bedingungen, über die Voraussetzungen für Evangelisierung, muss weiter nachgedacht werden, in einer Welt, in der sich die Kommunikationsformen und Lebensweisen und damit auch die Ansprechbarkeit der Menschen verändert.

3. Grußwort des Apostolischen Nuntius

Der Apostolische Nuntius in der Bundesrepublik Deutschland, Erzbischof Dr. Nikola Eterović, hat in seinem Grußwort ausführlich Bezug genommen auf die Enzyklika Laudato si von Papst Franziskus. Er würdigte dabei auch das schon seit Langem präsente Engagement der Kirche in Deutschland im Bereich von Umweltschutz, Klimawandel und Ökologie. Ausdrücklich dankte er allen Gläubigen und Organisationen der Kirche, die auf diesem Gebiet tätig sind. Der Dank galt weit über den kirchlichen Raum hinaus allen, die sich um den Schutz der Schöpfung bemühen, nicht zuletzt den Verantwortlichen in den Regierungen des Bundes und der Länder. Er riet dazu, alle Anstrengungen noch stärker in die internationalen Strategien zu integrieren.

4. Wahl zum Deutschen Bundestag

Wir haben uns mit den Ergebnissen der Wahl zum Deutschen Bundestag befasst. Eine verbale Abrüstung erscheint dringend notwendig. Ich möchte betonen, dass das Parlament eine besondere Würde hat und bei aller politischen Auseinandersetzung der Respekt vor dem anderen Vorrang haben muss. Im gemeinsamen Ringen um einen guten Weg sind Schwarz-Weiß-Schablonen sowie Hass und Ausgrenzung nicht angebracht.

Für die Christen, die es in allen Parteien geben wird, sind aus meiner Sicht folgende Themen von grundlegender Bedeutung: der Umgang mit den Fremden, die bei uns Schutz suchen, und ebenso mit den Armen und Benachteiligten in unserer Gesellschaft, Friedensfragen, eine positive Sicht auf das große europäische Projekt, Lebensschutz sowie der besondere Schutz von Ehe und Familie. Grundlage für Christen, die sich politisch engagieren, ist die Katholische Soziallehre. Besorgt bin ich über den starken tendenziell rechtsradikalen Populismus in Europa. Nationalismus und der Wunsch nach Abgrenzung und Abschottung sind mit der christlichen Botschaft keinesfalls zu verbinden. Nach dem Evangelium hat jeder Mensch vor Gott den gleichen Wert – unabhängig von Herkunft oder Hautfarbe.

5. Studienhalbtag „Schöpfungsverantwortung nach Laudato siʼ – Umwelt und integrale Entwicklung als Aufgabe der Kirche“

Unser Studienhalbtag stand unter dem Leitthema „Schöpfungsverantwortung nach Laudato si – Umwelt und integrale Entwicklung als Aufgabe der Kirche“. Ziel war, im Blick auf die Mitverantwortung der Christen für die Bewahrung der Schöpfung die Ursachen der ökologischen Krise und die Dringlichkeit nachhaltiger Entwicklung zu reflektieren. Wir verstehen Laudato si’ als kraftvollen Aufruf und Kompass für die Wahrnehmung unserer Schöpfungsverantwortung. Diesem Anspruch müssen wir gerecht werden. In diesem Kontext haben wir erfasst, welchen Einsatz es in unseren Diözesen, kirchlichen Einrichtungen und Organisationen bereits gibt und prüfen, wie wir dieses Engagement noch ausbauen können.

Wir haben uns vergegenwärtigt, dass ökologische Nachhaltigkeit neben Solidarität, Subsidiarität und Personalität als Element in der Katholischen Soziallehre verstanden wird. Im Blick allgemein auf die Schöpfungsverantwortung und insbesondere die Agenda 2030 der Vereinten Nationen, die darauf ausgerichtet ist, niemanden zurückzulassen, treten wir zunächst einmal dafür ein, klimaschädliches Verhalten zu überwinden. Diözesen, Orden, Bewegungen, Werke und Verbände sind eingeladen, ihr eigenes Handeln an den Leitlinien einer „integralen Ökologie“, am sozial-ökologischen Wandel auszurichten. Sodann sind Unternehmen und Gewerkschaften, Wissenschaft und politische Parteien, besonders aber Bundestag und Bundesregierung herausgefordert, die nationale Nachhaltigkeitsstrategie auf der Basis der Agenda 2030 und des Pariser Klimaabkommens sozial, global und intergenerationell gerecht auszurichten und umzusetzen, damit „alle Leben haben“. Doch auch jeder Einzelne von uns muss sein Verhalten reflektieren. Auch der kleinste Beitrag dient der Bewahrung der Schöpfung.

In seiner Einführung wies der Vorsitzende der Kommission Weltkirche, Erzbischof Dr. Ludwig Schick (Bamberg), darauf hin, dass weltweit wirtschaftliches Handeln, soziale Gerechtigkeit und die Sicherung der natürlichen Lebensgrundlagen in einem engen Verhältnis zueinander stehen. Insofern bilden auch die „Agenda 2030“, die ein neues globales Wohlstandsverständnis skizziert, und die Schutzziele der Pariser UN-Klimakonferenz den Rahmen und Bezugspunkt der Enzyklika.

Unter dem Titel „Laudato si’ – ein Aufruf zur Bewahrung der Schöpfung“ beschrieb Professor DDr. Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, das Ausmaß und die Ursachen der ökologischen Krise. Er diskutierte die Einwände gegen die Feststellung eines Klimawandels unter Bezugnahme auf die spürbaren Auswirkungen der Klima- und Umweltproblematik und vor allem die messbare globale Erderwärmung. Als Verdienst der Enzyklika hob er dabei hervor, dass sie Klimawandel als menschengemacht darstellt und dabei deutlich den Anstieg der Treibhausgasemissionen als Verursacher benennt. Prof. Schellnhuber ging dabei auch ausführlich auf die Folgen einer globalen Erderwärmung ein. Professor DDr. Johannes Wallacher, Präsident der Hochschule für Philosophie (München), erläuterte Laudato si’ als „Kompass für eine nachhaltige Entwicklung“. Das Leitmotiv einer ganzheitlichen Ökologie stütze sich auf eine umfassende Betrachtung der Wirklichkeit und impliziere auch eine ganzheitliche Idee des Fortschritts. Diese entfaltete Prof. Wallacher vom Prinzip des Gemeinwohls her, das sich als globales Gemeinwohl sowohl auf alle heutigen wie auch auf die zukünftigen Generationen beziehen muss. Darüber hinaus diskutierte er die von Papst Franziskus vertretene These von der Gemeinbestimmung der Güter, weshalb niemand von deren Nutzung ausgeschlossen werden dürfe. Als Gemeingüter betrachtet Papst Franziskus auch die Erdatmosphäre, die Weltmeere und andere Ökosysteme. Um sie einer fairen Nutzung durch alle zuzuführen, bedarf es institutioneller Vereinbarungen.

Beim Studienhalbtag standen auch Beispiele aus der ökologischen Praxis der Kirche im Fokus. Mattias Kiefer aus dem Erzbistum München und Freising erläuterte dessen Bildungs-und Befähigungskonzept für ehren- und hauptamtliche Mitarbeiter, das einen Beitrag für eine ökologische Identität kirchlicher Einrichtungen leisten soll. Benedikt Schalk aus dem Erzbistum Freiburg stellte die bereits 2006 gestartete Energie-Offensive seines Erzbistums vor. Dr. André Witthöft-Mühlmann von der Evangelischen Landeskirche in Baden informierte über die Initiative „Wir kaufen anders“. Das Projekt verfolgt den Anspruch, kirchlichen Gemeinden und Einrichtungen mittels eines Einkaufsportals einen einfachen Zugang zu Produkten zu ermöglichen, die ökologischen, fairen und sozialen Kriterien entsprechen. Auch katholische Diözesen prüfen zurzeit, sich an dieser Beschaffung zu beteiligen.

Weihbischof Dr. Bernd Uhl (Freiburg), Vorsitzender der ökologischen Arbeitsgruppe unserer Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen, plädierte dafür, nicht beim bisher Erreichten stehenzubleiben. Er nannte Handlungsziele, die auf eine Weiterentwicklung des ökologischen Engagements der Kirche abzielen. Dazu gehören unter anderem die systematische Reduktion von CO2-Emissionen bei Gebäuden und in der Mobilität, die Stärkung der Rolle von Umweltbeauftragten, der Ausbau entsprechender Bildungsangebote, die gottesdienstliche Berücksichtigung ökologischer Themen, Kriterien des ethischen Investments und die Thematisierung von Lebensstilfragen. Angesichts der globalen Bedrohung bedarf es eines glaubwürdigen Zeugnisses und entschiedenen Handelns der Kirche. Darüber hinaus wurde der gesellschaftspolitische Auftrag der Kirchen unterstrichen. Angesichts der notwendigen Weichenstellungen in der kommenden Legislaturperiode müssen wir die Dringlichkeit des Klima- und Umweltschutzes – die Bewahrung unseres gemeinsamen Hauses – immer wieder betonen.

Die Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen wird mit ihrem Vorsitzenden, Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck (Essen), die von Weihbischof Uhl genannten Handlungsziele federführend in Zusammenarbeit mit anderen bischöflichen Kommissionen und Vertretern aus der kirchlichen Praxis ermitteln. Diese Orientierungen sollten einer der nächsten Vollversammlungen zur Beratung vorgelegt werden, damit wir einen gemeinsamen Leitfaden für die ökologische Praxis in den Diözesen erarbeiten können. Es geht darum, die Anliegen von Laudato si’ weiter voranzubringen und zwar innerhalb und außerhalb des kirchlichen Kontextes.

6. XV. Ordentliche Generalversammlung der Bischofssynode 2018: „Die Jugendlichen, der Glaube und die Berufungsunterscheidung“

Die XV. Weltbischofssynode wird im Oktober 2018 unter dem Leitthema „Die Jugendlichen, der Glaube und die Berufungsunterscheidung“ stattfinden. Zur inhaltlichen Vorbereitung auf die Synode veröffentlichte der Vatikan am 13. Januar 2017 ein Vorbereitungsdokument, dem ein Fragebogen angehängt war. Dieser richtet sich an die nationalen Bischofskonferenzen und Ordensobernkonferenzen. Wir haben zur Beantwortung dieser Umfrage durch die Deutsche Bischofskonferenz Antworten aus allen Bistümern zusammengetragen und den Entwurf unseres Schreibens nach Rom in der Vollversammlung erörtert. Nach der Einarbeitung einiger Hinweise aus der Diskussion werden wir diese Antwort der Deutschen Bischofskonferenz an den Vatikan senden und in den nächsten Wochen veröffentlichen.

Zeitgleich wandte sich Papst Franziskus in einem Brief an die Jugendlichen selbst. Diese direkte Ansprache, die der Papst verfolgt, wird auch mit dem Online-Fragebogen des Vatikans aufgegriffen, der sich an alle jungen Menschen zwischen 16 und 29 Jahren wendet. Das Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz hat ihn in Zusammenarbeit mit der Arbeitsstelle für Jugendseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz (afj) und dem Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) sowie der Initiative „Nightfever“ ins Deutsche übersetzt. Jeder Jugendliche ist herzlich eingeladen, daran teilzunehmen und seine Stimme bis zum 30. November 2017 einzubringen! Diesen Appell möchte ich noch einmal mit Nachdruck im Namen unserer Bischofskonferenz aussprechen: Liebe Jugendliche, mischt Euch ein und macht mit!

Zur Vorbereitung der Synode und zur Auseinandersetzung mit dem Fragebogen hat die Jugendkommission der Deutschen Bischofskonferenz in der Zielrichtung des Hörens auf junge Menschen am 17. Juli 2017 in Köln ein „Youth Hearing“ veranstaltet. Ebenfalls positiv empfinden wir sodann die Tagung mit Jugendlichen aus aller Welt, die Mitte September in Rom unter der Leitung des Synodensekretariats stattgefunden hat. Hier hatten junge Menschen die Gelegenheit, ihren Blick auf den jeweiligen kirchlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Kontext zu lenken und Erwartungen an die Synodenvorbereitung zu äußern.

Den Organisatoren der Synode geht es in ihrer Vorbereitung um eine selbstkritische Analyse des kirchlichen Kontaktes und Einsatzes für junge Menschen. Ein Schwerpunkt wird dabei auch die Frage bilden, ob und wie vermehrt die Bereitschaft geweckt werden kann, ein besonderes Lebenszeugnis abzulegen, wie es beispielsweise für die Mitglieder von Orden und geistlichen Gemeinschaften kennzeichnend ist.

7. Islamistischer Terror oder „Kampf der Kulturen“? Herausforderung für die Christen

Die Vollversammlung hatte den stellvertretenden ZDF-Chefredakteur und anerkannten Terrorismus-Experten Elmar Theveßen zu Gast, der den Bischöfen einen Einblick in die Strukturen des internationalen Terrorismus und seiner Bekämpfung gegeben hat. Dass solcher Terror nicht als der vorhergesagte „Kampf der Kulturen“ interpretiert werden sollte, sondern als Destruktion, für die viele Begründungen gegeben werden, hat Herr Theveßen besonders hervorgehoben. Insofern kann unser Wort Terrorismus als ethische Herausforderung. Menschenwürde und Menschenrecht, das 2011 – genau zehn Jahre nach den Anschlägen auf New York und Washington – veröffentlicht wurde, nach wie vor als hilfreicher Kompass für die Sicherheitsbemühungen im Inneren wie in den Außenbeziehungen gelten. Es ist unbezweifelbar: Die Staaten und die Staatengemeinschaft müssen sich gegen den Terrorismus wehren und ihre Bürger schützen. Dabei sind alle Maßnahmen zum einen am Prinzip der Effektivität und Effizienz, zum anderen am Grundsatz des Rechts zu messen. Wenn Regierungen in der Terrorismusbekämpfung außerhalb der strikten Grenzen der Rechtsstaatlichkeit operieren, fügen sie den Schäden, die die Gewalttäter verursachen, weitere Schäden am Gemeinwesen hinzu. Auch darf das völkerrechtliche Gewaltverbot nicht umgangen oder missachtet werden.

Die Geschichte der vergangenen 15 Jahre – besonders der Irak-Krieg – lehrt: Eine maßlose Politik, die sich über verabredete Grenzen hinwegsetzt, befördert regelmäßig ein Chaos, das Terroristen zusätzliche Legitimation und Rekrutierungsmöglichkeiten verschafft. Für Menschen des Glaubens ist es eine bedrängende Erfahrung, dass mit dem islamistischen Gotteskriegertum eine Ideologie an Einfluss gewonnen hat, die Gewalt (selbst gegen Unbeteiligte) religiös begründet. Die muslimischen Autoritäten können nicht genug tun, um dieser Pervertierung von Religion entgegenzutreten. Die christlichen Kirchen müssen ihrerseits der in Teilen der Bevölkerung gängigen, falschen Gleichsetzung von Islam und islamistischer Gewalt unüberhörbar widersprechen. Nicht zuletzt der interreligiöse Dialog hilft bei dem Bemühen, Stereotype zu überwinden und Gewalt zu verhindern.

Immer wieder werden wir nach der Sicherheit von unseren Kirchengebäuden gefragt. Die gewaltsamen Anschläge der vergangenen Wochen und Monaten zeigen uns: Es gibt keine absolute Sicherheit und es ist nicht möglich, über 24.000 katholische Kirchengebäude in Deutschland zu schützen. Wir brauchen erhöhte Wachsamkeit im Alltag, die von jedem von uns in der freien Gesellschaft gefordert ist. Wir nehmen die Ängste der Menschen ernst. Gleichzeitig werben wir dafür, uns nicht einschüchtern zu lassen. Unsere Kirchen müssenoffene Orte sein: Was wäre in unserem Land los, wenn die Kirchen verschlossen sind und der Trauer nicht mehr ein Raum angeboten wird?

An dieser Stelle möchte ich an das Pressegespräch mit Bischof Dr. Georg Bätzing (Limburg), Vorsitzender der Unterkommission für den Interreligiösen Dialog, vom vergangenen Dienstag erinnern. Millionen Muslime in Deutschland und Europa sind dankbar für die politischen, religiösen und individuellen Freiheiten, die Demokratie und Rechtsstaat ihnen garantieren. Die Entwicklungen in der arabischen Welt haben gezeigt, dass sich die Menschen auch dort gerechtere soziale Verhältnisse, mehr individuelle Rechte und letztlich mehr Demokratie wünschen. Wir müssen allerdings sehen, dass die Demokratie, wie wir sie heute kennen, in den Augen vieler Muslime nicht nur attraktiv, sondern durchaus auch historisch belastet ist. Schließlich wurde sie in dem Weltteil geboren, von wo aus die islamische Welt noch bis weit in das vergangene Jahrhundert hinein kolonisiert und erniedrigt worden ist.

Im Zeichen der auch bei uns spürbaren Rückbesinnung vieler Muslime auf die islamischen Überlieferungen, die häufig mit traditionalistischen oder islamistischen Deutungsmustern verbunden wird, kommt es für die Zukunft darauf an, dass die Muslime ihre ihnen heiligen Überlieferungen im Lichte der heutigen Lebenswelten neu deuten und damit den Islam auch auf der theoretischen Ebene auf das Prinzip staatsbürgerlicher Rechtsgleichheit und auf die moderne Demokratie hin weiterentwickeln und öffnen.

8. Christusfest im Reformationsjahr 2017 – Bilanz und Ausblick

Nachdem es im Vorfeld des Reformationsjahres 2017 während der Luther-/ Reformationsdekade von 2008 bis 2017 zu einigen Irritationen im ökumenischen Verhältnis bezüglich des Feiergehaltes des Jahres 2017 gekommen war, ist es dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und mir gelungen, durch einen offiziellen Briefwechsel ein ökumenisches Modell für die gemeinsame Gestaltung des Reformationsgedenkens zu verabreden. Die theologische und atmosphärische Vorarbeit hatte unsere Ökumenekommission unter Leitung von Bischof Dr. Gerhard Feige (Magdeburg) geleistet. Weil die Reformatoren vor allem die Erneuerung des Glaubens an Jesus Christus in den Mittelpunkt gerückt haben, wurde vereinbart, das Reformationsjubiläum ökumenisch als „Christusfest“ zu begehen. Konkret fanden unter anderem eine gemeinsame Pilgerreise von Vertretern der Deutschen Bischofskonferenz und des Rates der EKD ins Heilige Land statt sowie der Bibelkongress zur Präsentation der beiden neuen Übersetzungen der Heiligen Schrift in Stuttgart, die Papstaudienz des Rates der EKD unter meiner Teilnahme, der Buß-und Versöhnungsgottesdienst in Hildesheim am 11. März 2017, ein Gottesdienst in Trier am Fest der Kreuzerhöhung (14. September 2017) und der gemeinsame Blick auf die Herausforderungen in der Gesellschaft beim Ökumenischen Fest in Bochum gegen Ende des Reformationsjahres. Ich freue mich, dass auf diese Weise immer wieder auch die reiche Gebets- und Gottesdiensterfahrung unserer Kirchen in Erscheinung traten und gut angenommen wurden. Diese Initiativen haben neben den von Papst Franziskus gemeinsam mit dem Lutherischen Weltbund gegebenen Impulsen dazu geführt, dass das Reformationsjahr 2017 erstmals als ein Jahr ökumenischer Verständigung und ökumenischer Bewegung aufeinander zu wahrgenommen wurde. Dafür sind wir sehr dankbar.

Erwähnen möchte ich noch auf internationaler Ebene das 2013 veröffentlichte Dokument Vom Konflikt zur Gemeinschaft. Gemeinsames lutherisch-katholisches Reformationsgedenken. Es hat wesentlich dazu beigetragen, dass Katholiken und Lutheraner gemeinsam die Geschichte der Reformation erzählen konnten. Damit hatte es zu einem neuen Umgang mit der teilweise schuldbeladenen Vergangenheit geführt. Dass in der Folge ein Papst mit Vertretern des Lutherischen Weltbundes am 31. Oktober 2016 im schwedischen Lund ein Reformationsjahr eröffnete, ist ein bedeutsames Zeichen in der ökumenischen Entwicklung.

Eine unüberschaubare Fülle an ökumenischen Veranstaltungen und Begegnungen hat auf der Ebene der Bistümer und Landeskirchen sowie der Gemeinden stattgefunden. In unterschiedlichen Formaten setzte man sich mit der Reformation und den Reformatoren auseinander und fragte nach dem weiteren Weg der Ökumene. Damit konnte das Christusfest deutschlandweit eine beträchtliche Wirkung entfalten. Hinzu kommen wissenschaftliche Symposien, bei denen katholische und evangelische Theologen sich um eine Deutung Martin Luthers und der Reformation im Horizont kirchen- und theologiegeschichtlicher sowie gesellschaftspolitischer Entwicklungen der damaligen Zeit bemühten. Außerdem hat sich die katholische Kirche an Projekten beteiligt, deren Vorbereitung und Durchführung ausschließlich in evangelischer Hand lagen. Ich denke aber auch an unsere Präsenz „Katholisch in Lutherstadt“ während der Weltausstellung in Wittenberg.

Wie kann es nun in der Ökumene weitergehen? Trotz aller Gemeinsamkeiten stehen manche Bewährungsproben noch aus. In unseren Gesprächen mit der Leitung der EKD haben wir diese Fragen kürzlich ein erstes Mal aufgegriffen und dabei verabredet, sie zeitnah konkreter zu klären. Klar ist: Die beim Buß- und Versöhnungsgottesdienst in Hildesheim ausgesprochenen Selbstverpflichtungen und die Vorbereitungen für den Dritten Ökumenischen Kirchentag 2021 in Frankfurt verlangen konkretes Handeln. Ich denke dabei etwa an liturgische Anregungen wie die wechselseitige Fürbitte in den sonntäglichen Gottesdiensten, die Erarbeitung eines Werkbuches für ökumenische Gottesdienste oder die Idee einer liturgischen Handreichung für die gemeinsame Feier der Taufe. Die Ökumenekommission der Deutschen Bischofskonferenz wird versuchen, diese Fragen jetzt zu beantworten, damit das für die Kirchen so fruchtbare Jahr über den 31. Oktober 2017 hinausgeht.

9. „Zwischen Jerusalem und Rom“ – Erklärung orthodoxer Rabbiner zum Christentum

Bischof Dr. Ulrich Neymeyr (Erfurt), der die Unterkommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum leitet, hat der Vollversammlung die Papst Franziskus jüngst übergebene Erklärung orthodoxer Rabbiner zum Christentum Zwischen Jerusalem und Romvorgestellt. Es ist die erste offizielle Erklärung zum Christentum, insbesondere zu den Beziehungen zur katholischen Kirche, die die Europäische Rabbinerkonferenz gemeinsam mit dem Israelischen Oberrabbinat und dem Rabbinical Council of America unterzeichnet hat. Sie gibt somit den jüdisch-orthodoxen Konsens im Verhältnis zum Christentum wieder. Die Rabbiner betonen die besonderen Beziehungen zwischen Juden und Christen und erklären vor allem ihren Willen, den christlich-jüdischen Dialog und die Zusammenarbeit mit den Kirchen zu fördern. Die deutschen Bischöfe sehen in dieser Erklärung eine Bestätigung und Ermutigung, den Dialog mit dem Judentum ihrerseits weiterhin engagiert fortzuführen. Darüber hinaus halten wir es für ratsam, die theologischen Aussagen der rabbinischen Erklärung eingehender zu studieren. Wir haben deshalb die Unterkommission um eine theologische Auswertung gebeten, die auch andere jüdische Stellungnahmen wie die Erklärung Den Willen unseres Vaters im Himmel tun (2015) berücksichtigen soll.

10. Mentoring-Programm des Hildegardis-Vereins e. V.

Die deutschen Bischöfe haben sich in der Frühjahrs-Vollversammlung 2013 mit der Situation von Frauen in kirchlichen Leitungsaufgaben befasst und konkrete Ziele formuliert, um das Miteinander von Frauen und Männern in der Kirche zu stärken. In der Erklärung unserer Vollversammlung in Trier am 21. Februar 2013 über Das Zusammenwirken von Frauen und Männern im Dienst und Leben der Kirche haben wir zugesichert: „Der derzeitige Anteil von Frauen an den Leitungsaufgaben in den Ordinariaten und Generalvikariaten von bis zu 19 Prozent weist in eine gute Richtung, ist aber noch nicht hinreichend. Wir werden daher verstärkt nach Möglichkeiten suchen, den Anteil von Frauen in Leitungspositionen weiter zu erhöhen. Die Entwicklungen in diesem Bereich werden wir in fünf Jahren erneut prüfen.“

Die Bischöfe wollen sich einsetzen: für die Geschlechtergerechtigkeit, damit auch in der Kirche Rahmenbedingungen geschaffen werden, „die eine echte Wahlfreiheit für Frauen und Männer gewährleisten, die Rollen und Aufgaben in Ehe, Familie, Beruf und Ehrenamt gerecht aufzuteilen“; gegen „jegliche Diffamierung von Frauen“ und für die Wertschätzung ihrer unterschiedlichen Berufs- und Lebenswahl; für eine geschlechtersensible Pastoral und ein gelingendes Miteinander von Frauen und Männern in der Seelsorge, Verkündigung, Liturgie und Caritas; für eine Vielfalt von Diensten und Ämtern in der Kirche, indem der Leitungs-und Führungsbegriff in der Kirche theologisch weiter geklärt wird; für die Unterstützung der wissenschaftlichen Laufbahn von Theologinnen an den theologischen Fakultäten.

Der Hildegardis-Verein e. V., der als Einrichtung der Frauenförderung seit mehr als 100 Jahren die akademische Ausbildung und Qualifizierung von Katholikinnen unterstützt, hat sich als ein erfahrener Anbieter von Mentoring-Programmen angeboten, dieses Anliegen durch ein Programm zur nachhaltigen Förderung von Frauen in der katholischen Kirche zu unterstützen. Das Mentoring-Programm zur Steigerung des Anteils von Frauen in Leitungspositionen in der katholischen Kirche wurde vom Hildegardis-Verein e. V. zusammen mit den deutschen (Erz-)Bistümern und in Kooperation mit der Deutschen Bischofskonferenz durchgeführt. Das Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken unterstützt das Programm und insbesondere die Teilnahme der Bistümer in Ostdeutschland. Ziel war, weibliche Nachwuchskräfte auf Führungspositionen in den verschiedenen Einrichtungen und in den unterschiedlichen Handlungsfeldern der katholischen Kirche vorzubereiten und zu einer geschlechtergerechten Personal- und Organisationsentwicklung beizutragen. Das Programm wirbt für ein berufliches Engagement in der Kirche, will den Anteil von Frauen in Leitungspositionen steigern und eine nachhaltige Nachwuchssicherung ermöglichen. Das vom Hildegardis-Verein e. V. entwickelte Mentoring-Programm wurde von der Deutschen Gesellschaft für Mentoring „mit Auszeichnung und ohne Auflagen“ zertifiziert.

An dem Programm 2016/17 haben sich 14 (Erz)Bistümer in zwei Gruppen mit insgesamt 40 Tandems (je eine Mentee und ein/e Mentor/in) beteiligt. In jedem Tandem arbeitete eine erfahrene Leitungsperson (Mentor/in) aus den (Erz-)Bistümern mit einer Nachwuchskraft (Mentee) zusammen und ermöglichte ihr Einblicke in eine kirchliche Leitungstätigkeit. Als Mentoren werden in dem Programm Frauen und Männer, darunter auch Priester, eingesetzt. In drei gemeinsamen Weiterbildungsveranstaltungen wurde zu den Themen „Führung und Person“, „Führen als Frau“ und „Führen in der Kirche“ gearbeitet. Die Nachwuchskräfte haben in einer Projektarbeit die erworbenen Kompetenzen anwenden können. Nach Abschluss des Mentoring-Programms haben sich die ersten Teilnehmerinnen bereits erfolgreich auf leitende Stellen in Generalvikariaten und Verbänden beworben. Das Mentoring-Programm trägt so dazu bei, dass vor allem auf der mittleren Leitungsebene ein Pool von Frauen entsteht, die fähig und bereit sind, Leitung in der Kirche wahrzunehmen. Für den guten Erfolg des Projektes spricht auch die Nachfrage aus den (Erz-)Bistümern nach einem weiteren Durchgang 2018/2019, um weitere Frauen auf eine Leitungsaufgabe vorzubereiten.

11. Verbreitung der neuen Einheitsübersetzung

Der Vorsitzende der Pastoralkommission, Bischof Dr. Franz-Josef Bode (Osnabrück), hat uns über den Stand der Verbreitung der neuen Einheitsübersetzung informiert. Vor einem Jahr haben wir die neue Bibel ja hier in Fulda der Öffentlichkeit vorgestellt. Bisher wurde die Heilige Schrift in 25 verschiedenen Ausgaben vom Verlag Katholisches Bibelwerk produziert und vertrieben. Mit den Standardausgaben konnten allein im vergangenen Jahr 70.500 Exemplare verkauft werden. Bis Ende August 2017 waren es 200.000 Exemplare. Ab Oktober wird der Gesamttext der neuen Einheitsübersetzung auch digitalisiert auf der Internetseite www.bibelwerk.de verfügbar sein. Eine Bibel-App ist bereits zugänglich.

12. Motu Proprio Magnum principium

Die Vollversammlung hat das Motu Proprio Magnum principium, das Papst Franziskus am 3. September 2017 erlassen hat, dankbar aufgenommen. Das Dokument fasst can. 838 CIC neu, der die Erstellung und Herausgabe liturgischer Bücher in der Volkssprache regelt, und wird am 1. Oktober 2017 in Kraft treten. Es räumt den Bischofskonferenzen eine größere Eigenverantwortung im Prozess der Übersetzung ein. Wir Bischöfe freuen uns über das Vertrauen, das hier den Ortskirchen entgegengebracht wird und diese zugleich in Mitverantwortung nimmt. Papst Franziskus unterstreicht damit, was er bereits im Apostolischen Schreiben Evangelii gaudium dargelegt hat, wonach die Bischofskonferenzen Subjekte mit „konkreten Kompetenzbereichen“ und einer „gewissen authentischen Lehrautorität“ sein sollen (EG 32). Die Liturgiekommission wird sich eingehend mit dem Dokument befassen, auch im Austausch auf Ebene des deutschen Sprachgebiets.

13. Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt

Die Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt (KUEI) wurde 1980 als Katholische Universität Eichstätt errichtet und 2001 um den Studienstandort Ingolstadt erweitert. Magnus Cancellarius der KUEI ist der Erzbischof von München und Freising. Der Vorsitzende des Stiftungsrats ist Weihbischof Dr. Dr. Anton Losinger. Seit Oktober 2016 ist Prof. Dr. Gabriele Gien Präsidentin der KUEI (seit Oktober 2014 interimistisch). Weihbischof Losinger hat uns einen aktuellen Sachstand zur Universität gegeben.

Im Jahr 2016 waren an der KU Eichstätt-Ingolstadt 5.330 Studierende in rund 80 Studiengängen an acht Fakultäten immatrikuliert. Es wurden 114 Professoren, 334 Mitarbeiter im wissenschaftlichen Personal und 351 im wissenschaftsunterstützenden Bereich sowie 324 Lehrbeauftragte beschäftigt. Acht Forschungseinrichtungen sind an die KUEI angegliedert.

Die heutige gesellschaftliche und kulturelle Heterogenität ist eine signifikante Herausforderung für das Selbstverständnis einer Katholischen Universität und für ihren Auftrag. Eine zukunftsfähige Aufstellung in Forschung und Lehre und eine entschiedene Initiative zur Entwicklung und Stärkung der Forschungsprofile und der wissenschaftlichen Exzellenz sowie die Etablierung der Wertestruktur des christlichen Menschenbildes und eines entsprechenden K-Profils („Third mission“) sind erklärte Ziele der Universitätsleitung und der Stiftung.

Im Blick auf die Entwicklung von konkurrierenden Wissenschaftsstandorten in Deutschland, insbesondere von theologischen, philosophischen und religionspädagogischen Instituten und Fakultäten (gerade auch vor dem Horizont der verstärkten wissenschaftlichen Präsenz der katholischen Kirche in Berlin) sieht sich die Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt als ein zukunftsfähiger und funktionierender Platz kirchlichen Engagements in der Wissenschaft.

14. Versöhnung zwischen Polen und Deutschen

Die Vollversammlung hat uns Gelegenheit gegeben, einen Blick auf aktuelle Entwicklungen im deutsch-polnischen Verhältnis zu werfen. Bischof Dr. Jan Kopiec aus dem Bistum Gleiwitz, der als Gast an unserer Vollversammlung teilnahm, hat ein Grußwort der Polnischen Bischofskonferenz gesprochen. Über Fragen des Rechtsstaats und über die Verpflichtung, Flüchtlinge aufzunehmen, gibt es ja derzeit einen Konflikt zwischen der polnischen Regierung und der Europäischen Union. Die angespannte Lage lässt auch die Beziehungen zwischen Deutschland und Polen nicht unberührt. Aus Regierungskreisen wurde darüber hinaus eine Diskussion über Reparationen, die von Deutschland gefordert werden sollen, in Gang gesetzt.

In dieser Situation haben die mit Fragen der Beziehungen zwischen unseren Ländern befassten polnischen Bischöfe am 8. September 2017 eine viel beachtete Erklärung abgegeben. Darin heißt es: „Das über Jahre hinweg angesammelte Kapital der gegenseitigen Beziehungen zwischen Gesellschaften, Völkern und Staaten darf aufgrund oberflächlicher Intrigen und kurzfristiger politischer Vorteile nicht vergeudet und verspielt werden.“ Die deutschen Bischöfe sind dankbar für dieses klare Wort der polnischen Mitbrüder.erade in der momentanen Situation, in der auch in Deutschland nationalistisches und antieuropäisches Gedankengut verstärkten Zuspruch findet, bekennt sich die Deutsche Bischofskonferenz einmal mehr mit großer Entschiedenheit zum Versöhnungswerk zwischen Polen und Deutschen und zur Einigung der europäischen Völker. Nachdrücklich mahnen wir zur Sensibilität für die Belange und Befindlichkeiten der Nachbarn. Probleme müssen im Geist von Fairness, Gerechtigkeit und Freundschaft gelöst werden. Die Kirche in Polen und Deutschland hat in den zurückliegenden Jahrzehnten wichtige Impulse für die Aussöhnung der Staaten und der Gesellschaften geleistet. Diesem Erbe fühlen wir uns auch heute verpflichtet.

15. Nuklearwaffen – internationale politische und kirchliche Prozesse

Die internationale Entwicklung im Bereich der Nuklearwaffen ist ein Thema, das für die kirchliche Friedenslehre seit Jahrzehnten große Bedeutung hat und aktuell wieder auf die globale politische Agenda gerückt ist. Bekanntlich haben die Vereinten Nationen am 7. Juli 2017 ein generelles Atomwaffenverbot auf den Weg gebracht. 122 Staaten haben diesem Projekt, das auch Papst Franziskus und die vatikanische Diplomatie intensiv begleitet und vorangetrieben haben, zugestimmt. Die von der übergroßen Mehrheit der Staaten verkündete Ächtung der Atomwaffen wird allerdings keine unmittelbaren Auswirkungen haben, da sich alle Länder, die nukleare Waffen besitzen, der Initiative nicht angeschlossen haben. Auch Deutschland trägt den Vorstoß bislang nicht mit.

Auch in Zukunft ist darauf hinzuweisen, dass die Atomwaffen-Staaten ihre Verpflichtungen aus dem Nichtverbreitungsvertrag von 1968 bis heute nicht erfüllen. Damals war festgelegt worden, dass diejenigen Länder, die bis dato über keine Nuklearwaffen verfügen, deren Besitz auch nicht anstreben, und diejenigen, die über solche Waffensysteme verfügen, einen Prozess atomarer Abrüstung in Gang setzen. Tatsächlich aber betrachten alle Atomwaffen-Staaten ihren nuklearen Status bis heute als selbstverständliches Vorrecht und haben in den zurückliegenden Jahren gigantische Modernisierungsprojekte angeschoben. Auf diese Weise untergraben sie den Nichtverbreitungsvertrag für Atomwaffen und motivieren faktisch manche Nichtnuklearstaaten, große Anstrengungen zu unternehmen, um selbst in den Besitz dieser Waffen zu gelangen.

Dem Heiligen Stuhl und ebenso den deutschen Bischöfen geht es darum, dieser den Weltfrieden gefährdenden Dynamik entgegenzutreten. Die Kirche lehrt, dass Atomwaffen niemals eingesetzt werden dürfen. Sie hat aber – vor allem im Vorzeichen des Ost-West-Konflikts – der nuklearen Abschreckung eine begrenzte und vorübergehende Legitimität zugebilligt. Wir haben festzustellen: Dieses Fenster der Legitimität schließt sich heute mehr und mehr. In der Kirche in Deutschland ist vor allem die Kommission Justitia et Pax in die internationalen kirchlichen Bemühungen um eine substanzielle atomare Abrüstung aktiv einbezogen.

An dieser Stelle möchte ich eine Anmerkung zur Lage in Nordkorea machen: Die gesamte Staatengemeinschaft – auch Russland und China – erachtet das nordkoreanische Atomwaffenprogramm als Gefahr für Stabilität und Frieden in Asien. Eine nukleare Bewaffnung Nordkoreas (einschließlich der Fähigkeit, Atomsprengköpfe über lange Distanzen zu transportieren) könnte zu einem atomaren Rüstungswettlauf Anlass geben, an dem sich möglicherweise gleich mehrere bisherige Nicht-Atomwaffenmächte (Südkorea, Japan und eventuell noch andere) beteiligen. Die auf Vorschlag der USA vom Sicherheitsrat der Vereinten Nationen beschlossenen Sanktionen sind deshalb gut vertretbar. Es ist allerdings irritierend und gefährlich, wenn der US-amerikanische Präsident (wie zuletzt vor der UN-Vollversammlung) mit der „vollständigen Zerstörung“ Nordkoreas droht. Solche rhetorische Eskalation kann dazu beitragen, dass die ohnehin kritische Situation außer Kontrolle gerät. Ein Krieg auf der koreanischen Halbinsel wäre mit fürchterlichen Opfern verbunden. Er muss auf jeden Fall vermieden werden.

16. Sonderbeauftragter für Flüchtlingsfragen

Fragen von Flucht und Migration haben die Bischöfe auch bei dieser Vollversammlung beschäftigt. Der Sonderbeauftragte für Flüchtlingsfragen, Erzbischof Dr. Stefan Heße (Hamburg), gab einen eindrücklichen Bericht über seine Reise nach Sizilien, wo er sich Anfang September über die schwierige Lage an den EU-Außengrenzen informiert hat. Europäische Erstaufnahmeländer stehen unter hohem Druck; sie haben Probleme, den Geflüchteten und den europäischen Rechtsnormen gerecht zu werden. Für die deutschen Bischöfe steht fest: Europa muss zu einer solidarischen Flüchtlingspolitik finden, in der Lasten und Verantwortung fair geteilt werden. Und eine Kooperation mit afrikanischen Staaten ist letztlich nur dann vertretbar, wenn dort rechtsstaatliche und humanitäre Standards gewährleistet werden können.

Wir haben uns auch erneut über die kirchliche Flüchtlingsarbeit in Deutschland ausgetauscht. Dabei wurde deutlich: Das ehrenamtliche Engagement in unseren Kirchengemeinden und katholischen Organisationen bewegt sich weiterhin auf einem sehr hohen Niveau. Immer noch sind etwa 100.000 Katholiken in diesem Bereich aktiv. Von einer Desillusionierung oder Resignation der Helfer kann aufs Ganze gesehen keine Rede sein. Dabei hat sich der Fokus der Aufmerksamkeit mittlerweile von der Erstaufnahme zu Fragen der Integration verschoben. Auch rücken die Erfordernisse der Seelsorge in den Vordergrund; der dritte Katholische Flüchtlingsgipfel (6. November 2017 in Köln) wird sich diesem Themenfeld intensiv widmen. Schließlich beschäftigt uns in zunehmendem Maße die Situation abgelehnter Asylbewerber. Wir verstehen, dass sich die Politik hier in einem besonderen Spannungsfeld bewegt. Gleichzeitig ist es den Bischöfen wichtig, immer wieder daran zu erinnern, dass die Würde und die Sicherheit eines jeden Menschen – auch derjenigen ohne Bleibeperspektive – stets Vorrang vor anderen Interessen haben müssen.

17. Personalien

    • Bischof Dr. Franz-Josef Bode (Osnabrück) ist für eine Amtszeit von sechs Jahren zum stellvertretenden Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz gewählt worden.
    • Bischof Dr. Stephan Ackermann (Trier) ist zum Vorsitzenden der Liturgiekommission gewählt worden.
    • Bischof Dr. Peter Kohlgraf (Mainz) ist zum Mitglied der Kommission für Ehe und Familie gewählt worden.
    • Weihbischof Matthäus Karrer (Rottenburg-Stuttgart) ist zum Mitglied der Pastoralkommission gewählt worden.
    • Weihbischof Rolf Lohmann (Münster) ist zum Mitglied der Pastoralkommission und der Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen gewählt worden.
    • Weihbischof Franz Josef Gebert (Trier) ist zum Mitglied der Glaubenskommission und der Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen gewählt worden.
    • Weihbischof Jörg Michael Peters (Trier) ist zum Nationalen Delegierten für denInternationalen  Eucharistischen  Kongress  in  Budapest  ernannt  worden (13. bis 20. September 2020)
    • Prälat Dr. Karl Jüsten (Berlin) ist erneut zum Leiter des Kommissariats der deutschen Bischöfe – Katholisches Büro in Berlin – gewählt worden.
    • Katharina Jestaedt (Berlin) ist erneut zur Stellvertreterin des Leiters des Kommissariats der deutschen Bischöfe – Katholisches Büro in Berlin – gewählt worden.
    • Msgr. Pirmin Spiegel (Aachen) ist erneut zum Hauptgeschäftsführer des Bischöflichen Hilfswerkes Misereor berufen worden.

(Quelle: DBK)

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Quelle

Kard. Bagnasco: “Europa: ein lebendiger Körper, eine Lebens- und Schicksalsgemeinschaft”

Kard. Bagnasco & Vorstand CCEE / © PHOTO.VA – OSSERVATORE ROMANO

Vorrede des Präsidenten des CCEE
bei der Eröffnung der Vollversammlung
in Minsk, Weißrussland — Volltext

Wir dokumentieren im Folgenden die Vorrede des Präsidenten des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE) bei der Eröffnung der Vollversammlung, die vom 28. September bis zum 1. Oktober 2017 in MinskWeißrussland, stattfindet.

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Einführung

„Der weltlich-profane Humanismus ist schließlich in seiner schrecklichen Statur erschienen und hat, in gewissem Sinn, das Konzil herausgefordert. Die Religion Gottes, der Mensch geworden ist, begegnete der Religion (denn das ist sie) des Menschen, der sich zum Gott macht“.  Die Worte, die  Paul VI. zum Abschluss des II. Vatikanischen Konzils sprach (07.12.1965) klingen immer noch aktuell und helfen uns und  unseren Arbeiten auf den Weg. Welchen Ausgang hatte diese Begegnung, die auch zum Zusammenprall hätte werden können? „Die alte Geschichte des barmherzigen Samariters war das Paradigma der Spiritualität des Konzils. Eine grenzenlose Sympathie hat es ganz durchdrungen“, lautet die Antwort des seligen Papstes (ibid.).

Dieser Geist evangelischer Sympathie fand seinen Widerhall auch in den häufigen Appellen von Johannes Paul II. und Benedikt XVI. an Europa, und Papst Franziskus hat in verschiedenen Reden eben diesen pastoralen und prophetischen Blickwinkel wieder aufgenommen und „diesem geliebten Kontinent einen neuen und kräftigen Schwung“ gewünscht. Der geliebte Kontinent ist Europa, und die Gelegenheit war die Verleihung des prestigeträchtigen Karlspreises am 16.05.2016. Wir, die wir die Ehre und die Aufgabe haben, die Hirten der katholischen Kirche in Europa zu repräsentieren, schließen uns diesem Wunsch an und stellen ihn in den Mittelpunkt besonders unseres Gebets, in dem Bewusstsein, dass die Spaltung zwischen dem Glauben und dem täglichen Leben  „zu den schweren Verirrungen unserer Zeit gehört“ (Conc. Vat. II, GS 43). Gleichzeitig bestätigen wir unseren größtmöglichen Einsatz zur Verkündung des Evangeliums Christi mit Wahrhaftigkeit und Offenheit, und so erneuern wir die Liebe, die ein jeder von uns nicht nur zu seinem eigenen Volk, sondern zu jedem Volk und jeder Nation hegt, in dem universellen Atemhauch, der dem Evangelium eigen ist.

Auch sind wir, zusammen mit dem Papst, der festen Überzeugung, dass Europa „eine Kraft, eine Kultur, eine Geschichte hat, die nicht vergeudet werden dürfen“ (Papst Franziskus, Pressekonferenz auf dem Rückflug von Mexiko am 17.02.2016); dass „die Kirche am Wiederaufblühen eines zwar müden, aber immer noch an Energien und Kapazitäten reichen Europas mitwirken kann und soll. Ihre Aufgabe fällt mit ihrer Mission zusammen“ (Papst Franziskus, Karlspreiscit.), und dass der unverzichtbare Reichtum der „beiden Lungenflügel des Kontinents, des östlichen und des westlichen“ (Papst Franziskus, Grußbotschaft an die Vollversammlung 2016) immer wieder von neuem hervorgehoben werden muss.

Europa darf sich also nicht vergeuden, und nicht die zweitausendjährige Geschichte, die es mit dem Christentum verbindet und die – ungeachtet der Schatten, die die Menschen werfen – Früchte der Zivilisation und der Kultur hervorgebracht hat; Europa muss sich selbst mehr mögen, es muss an seine Möglichkeiten glauben in dem Bewusstsein, „dass seine Geschichte in großen Teilen noch geschrieben werden muss“ (Papst Franziskus, Ansprache an das Europaparlament am 25.11.2014). Auch wenn Europa ein wenig müde und vielleicht auch heimlich desillusioniert ist, so darf es sich doch nicht geschlagen geben, sondern muss die Begeisterung seiner Ursprünge wiederfinden – sicherlich nicht die Wahrnehmung der Vergangenheit, nämlich der Mittelpunkt der Welt zu sein, sondern die Vorstellung, der Menschheit etwas Schönes und Besonderes zu bieten zu haben. Jede Region der Erde hat etwas Großes und Eigenes, das sie anderen bringen kann: Alle müssen lernen, sich innerhalb eines Geflechts von Beziehungen zu den anderen zu sehen, in einer positiven Dynamik von Geben und Nehmen.

1. Die Vollversammlung

Eines der zentralen Themen unserer Vollversammlung bildet, wie von der Vollversammlung in Monaco im vergangenen Jahr vorgeschlagen, das Verhältnis zwischen dem CCEE und dem Kontinent: Ein Verhältnis, das wir zwar anhand unserer Statuten kennen, das wir aber angesichts des Flusses der historischen Gegebenheiten  von neuem in den Fokus rücken sollten, um einen wirkungsvollen Dienst leisten zu können – im Geiste Jesu, der den Aposteln die Füße wäscht. Das zweite Thema der Vollversammlung und Gegenstand unserer Überlegungen und vergleichenden Beobachtungen, sind die Jugendlichen, auch schon im Hinblick auf die Synode im nächsten Jahr.

Liebe Mitbrüder, erlauben Sie mir, Ihnen am Beginn der ersten Vollversammlung, bei der ich die Ehre habe, den Vorsitz zu führen, meine Dankbarkeit – und die der Vizepräsidenten – auszusprechen,  und zwar für das Vertrauen, das Sie uns entgegen bringen, indem Sie uns für unsere jeweiligen Aufgaben gewählt haben. Wir möchten Ihnen sagen, dass wir uns unverzüglich an die Arbeit gemacht haben, mit Begeisterung und Überzeugung, um im Dienste des Rates unser Bestes zu tun. Auch wollen wir einen Gruß an Kardinal Peter Erdö richten, der unsere Organisation 10 Jahre lang mit Hingabe und Sachkenntnis geführt hat, und ebenso an diejenigen Mitbrüder, die sich im Amt des Vizepräsidenten abgewechselt haben.

2. Der Säkularismus, der isoliert

Um auf Europa zurückzukommen: Die Erfahrung der Hirten, die das Gnadenprivileg haben, unter den Menschen zu leben, zeigt uns, dass der Säkularismus überall auf dem Vormarsch ist und jene „allgegenwärtige Kultur, jenen einzigen und gleichmachenden Gedanken“ bildet, von dem der Heilige Vater oft spricht und den er als eine „ideologische Kolonisierung“ bezeichnet. Auf den Synoden des letzten Jahrzehnts haben die Hirten dieses Phänomen überall festgestellt, in jedweder Gesellschaft und Kultur. Zeitpunkt und Modus mögen verschieden sein, aber die Absicht ist immer die gleiche: Ein Leben ohne Gott zu führen und nicht selten auch glauben zu machen, Religion stehe dem Glück des Menschen im Weg; sie verhindere seine Freiheit, die Demokratie und die gesunde Laizität des Staates. Was ist das Ziel dieser Ideologie, die sich als absolute Autonomie des Individuums präsentiert? Die von jedem menschlichen und religiösen Bezugspunkt abgekoppelt ist? Die alle zwischenmenschlichen, sozialen und internationalen Beziehungen auflöst? Welche Früchte trägt ein solcher Baum? Ist der Mensch denn heute glücklicher, sind die Gesellschaften humaner und unseren Lebensbedürfnissen angemessener? In Wirklichkeit, so zahlreiche Beobachter, wohnt Verlorenheit, wenn nicht gar Angst in vielen Herzen: „Europa ist der Orientierungslosigkeit müde“, sagt Papst Franziskus (Ansprache an die Vollversammlung des CCEE 2014). Und die Geschichte lehrt, dass Orientierungslosigkeit, wenn sie weit verbreitet und anhaltend ist, sehr weit führen kann!

Trotzdem kennen wir Hirten auch eine andere Wirklichkeit, die wir als „Volkskultur“ bezeichnen könnten – nicht nur im Sinne des Volkes oder des ganzen Volkes, sondern in dem Sinne, dass sie sich hauptsächlich im Empfinden des Volkes zu finden scheint, in seinen grundlegenden, einfachsten Befindlichkeiten, die vielleicht gerade deshalb der Wirklichkeit und dem Menschsein am nächsten kommen. In der Tat: Wenn wir einerseits sehen, dass eine bestimmte Darstellung der Dinge glauben machen will, alles sei schlecht und es gebe keine Hoffnung mehr, so sehen wir andererseits auch, dass die schlimmen Nachrichten kaum die konkreten Lebenserfahrungen der Menschen abbilden. Ja, wenn wir den Schleier all der Angst erregenden Narrative lüften, so finden wir darunter das wimmelnde, das echte Leben, das Leben zahlloser einfacher Menschen, die jeden Tag mit Würde angehen, sich liebe- und aufopferungsvoll mit ihrer Familie beschäftigen, sich gewissenhaft der Erziehung ihrer Kinder widmen, die in bewundernswerter Weise ihre Kranken pflegen und sich um die Nachbarn kümmern… Kurz gesagt, unter der schäumenden Oberfläche liegt ein normales, alltägliches Heldentum, und wir Hirten halten dieses edle Erbe in Ehren, das zwar keine Schlagzeilen, dafür aber Geschichte macht.

3. Wieder Hoffnung machen

Was können wir tun, die wir Hirten der Kirchen in Europa sind? Mit unterschiedlichen Worten haben die Päpste uns den Weg gewiesen und von einer „neuen Evangelisierung“ gesprochen. Nun spricht Papst Franziskus von der „Kirche, die aus sich herausgeht“: Leidenschaft, Glut und Dringlichkeit bilden den Nährboden, aus dem die fortgesetzten, kummervollen Aufforderungen an eine in der Welt präsente Kirche aufsteigen.

Wenn wir auf unseren Kontinent schauen, so können wir vielleicht sagen, dass der Auftrag zur Evangelisierung heute von einem Ton der Hoffnung beherrscht sein muss. Europa kann nicht so deprimiert, sich seiner Seele so unsicher, so beschwert von tragischen Erinnerungen sein, dass es seine Vergangenheit zugunsten einer unmöglichen, traurigen Wiedergeburt auslöschen will, im Zuge derer man vorgibt, alles neu denken und schreiben zu wollen, auch das menschliche Alphabet. Das Christentum hat, wie die Seele für den Körper, die Aufgabe, die europäischen Wurzeln wiederzubeleben; es sind sehr alte Wurzeln, die aber immer noch, auch heute noch, fruchtbar keimen können. Es muss wieder Hoffnung machen!

Wenn der Papst so aufschlussreich Bezug nimmt auf den Brief an Diognet, so stellt er damit die Kirche sozusagen wie die Hefe im Teig dar, und zeigt uns ein Bild voller Anregungen und Richtungsweisung. Unsere Hoffnung stellt keine menschliche Weisheit dar; sie ist Jesus Christus, das ewige Wort des Mensch gewordenen Gottes, des Retters der Welt. Aus der Hoffnung entsprangen Jahrtausende lang die besten Energien, die Macht der Ideale, unsere Fähigkeit, Opfer zu bringen und die Unternehmungslust, mit der man die Natur untersuchte und technologische Eroberungen machte; aus ihr gingen der Geschmack an Philosophie, Literatur und Wissenschaft ebenso hervor wie das kollektive Bewusstsein, sie inspirierte unsere Art des Zusammenlebens und legte den Keim zur Demokratie, sie fand ihren Ausdruck in den Meisterwerken von Schönheit und Kunst. Allerdings leugnet auch niemand, dass all dies das Entstehen von Schatten und Verzögerungen nicht verhindern konnte.

Dem allen scheint heute ein Kontinent den Rücken zu drehen, der wohl vergesslich geworden ist, steril, unfähig, Kinder zu zeugen, die sich als Brüder und Schwestern innerhalb einer „Familie von Völkern“ sehen (Papst Franziskus, Rede vor dem Europaparlament, cit.).

4. „Jesus“ sagen

„Das ist nicht das Ende. Ich glaube, Europa hat viele Ressourcen, um weiterzumachen (…) Und die größte Ressource ist Jesus. Europa, kehr zurück zu Jesus! Kehr zurück zu jenem Jesus, von dem du gesagt hast, er gehöre nicht zu deinen Wurzeln. Das ist die Aufgabe der Hirten: Jesus zu predigen“ (Papst Franziskus, Ansprache an die Vollversammlung des CCEE,03.10. 2014, cit.).

Lässt der Säkularismus es noch zu, dass Jesus als der Herr verkündet wird? Oder hat er das Gewissen der Einzelnen und der Völker schon soweit verdunkelt und eingeschläfert, dass sie nicht mehr sehen und hören können? Hat sich die vom kirchlichen Lehramt bestätigte gesunde Laizität vielleicht schon in einen ideologischen Laizismus verwandelt? Stehen wir vor etwas Verhängnisvollem und nicht mehr Umkehrbarem? Vielleicht halten gewisse Strömungen den Säkularismus für ein unumkehrbares Phänomen, aber er repräsentiert sicherlich keinen verhängnisvollen, das heißt zufälligen und daher unaufhaltsamen Prozess. Wie können wir es also zuwege bringen, dass der Name Jesu von neuem im Herzen unserer Zeitgenossen Widerhall findet? Und was können wir tun, damit klar wird, dass Gott Jemand ist und dass der Glaube nicht mit freundlichen Gefühlen zu verwechseln ist? Dass es noch Dinge gibt, für die es sich zu leiden lohnt? Unsere Auseinandersetzung hier wird fruchtbar sein, angefangen bei dem Wort des Apostels Paulus: „Fürchte dich nicht, sondern rede und schweige nicht! Denn ich bin mit dir (…) denn ich habe ein großes Volk in dieser Stadt“ (Apostelgesch.18, 9-10).

Ja, liebe Mitbrüder, diese Worte richten sich auch an uns, damit nicht die Entmutigung angesichts der Schwierigkeit des Auftrags siegt, denn wir wissen, dass unsere Schwäche, wenn sie zu Gott ruft, zum Ort des starken Gottes wird. In dem Bewusstsein, dass wir nicht Eroberer, sondern Eroberte sein müssen; dass wir in die Welt geschickt wurden, aber nicht von der Welt sind; dass es Liebe braucht, um die Welt zu sehen und Freiheit, um nicht von ihr vereinnahmt zu werden. Und in dem Bewusstsein, dass der entscheidende Blick auf die Menschheit nur Christi Blick ist. Er ist es, der uns erlaubt, in der Welt zu sein und nicht von der Weltlichkeit assimiliert zu werden.

5. Die Stunde des Erwachens

Die besten Verbündeten des Evangeliums sind nicht unsere Organisationen, Ressourcen oder Programme, sondern es sind die Menschen – zu jeder Zeit, in jeder Kultur. Die heutige Kultur mag keine Ideen hören, die von ihren eigenen abweichen – sie ist überzeugt, dass die gesamte Zivilisation neu zu erfinden und auch die elementarsten Wahrheiten wie Leben und Tod, Liebe und Freiheit, neu zu definieren seien. Die Menschen jedoch haben einen heimlichen Wunsch: Sie hoffen darauf, jemandem zu begegnen, der ihr Gewissen wach ruft, der die entscheidenden Fragen stellt nach der Existenz, dem Schicksal und der Zukunft über den Tod hinaus, jenseits des den Menschen verletzenden  Bösen und jenseits der Übel, die das Leben und den Kosmos vergewaltigen: „Angesichts des Todes wird das Rätsel des menschlichen Daseins am größten (…) Der Keim der Ewigkeit im Menschen läßt sich nicht auf die bloße Materie zurückführen und wehrt sich gegen den Tod“ (Conc. Vat. II, GS 18).

Auch angesichts der schönsten Dinge des Lebens, mitten in den freudigsten Erfahrungen und der innigsten Zuneigung spürt der Mensch, dass ihm immer zwei Dinge entgleiten: das „alles“ und das „für immer“. Er wünscht sich eine unverfälschte und immerwährende Freude und spürt vielleicht gerade deshalb, dass er Teil einer großartigen, aber unvollendeten Symphonie ist, eine Kreatur an der Grenze zwischen Zeit und Ewigkeit, gezeichnet von einer unterschwelligen Sehnsucht nach „noch etwas“, das er nicht immer entziffern kann und von dem er weiß, dass es nicht in seinen Händen liegt. Eine Sehnsucht, die keine Strafe, sondern eine Gnade ist!

Wir können sagen, dass der westliche Mensch unsicher zu sein scheint, was seine Identität und den Sinn seines Lebens betrifft, aber inmitten all der Verwirrung tut sich auch eine Möglichkeit auf, gibt es einen Raum, der, obzwar vielleicht noch klein, aber doch existiert und ein Erwachen signalisiert, oft langsam und unsicher, manchmal unverhofft wie ein Blitz. Der Prozess ist nunmehr eingeleitet und niemand wird ihn aufhalten können, denn der Mensch kann nicht leben ohne Wahrheit, in radikaler Einsamkeit. Es ist das Erwachen der Seele! Ist das etwa nicht der kairòs der Stunde? Hier dürfen wir nicht fehlen, hier wollen wir die Frühwache sein, wachsam und bereit, den neuen Tag anzuzeigen.

Vielleicht spüren wir jedoch noch ein weiteres Signal, das auf die Gegenwart des Geistes hindeutet: Die Menschen, und ganz besonders die Kinder, beginnen Phänomene zu hinterfragen, die so ungewöhnlich sind, dass sie spirituelle, ethische, kulturelle und soziale Fragestellungen mit sich bringen. Auch dies ist ein Zeichen und ein Appell an uns Hirten. Der Heilige Vater erinnert daran, dass der Mensch, der die Schöpfung von Gott erhalten hat, damit er sie beherrsche und zur „Kultur“ werden lasse, irgendwann „beginnt, sich selbst zum Schöpfer einer anderen, eigenen Kultur zu machen, und den Platz des göttlichen Schöpfers einnimmt“; „der selbstgenügsame Mensch“ gelangt so zu einem Laizismus „wie jener, den uns die Aufklärung als Erbe hinterlassen hat“ (Papst Franziskus, Pressekonferenz auf dem Rückflug von Schweden am 01.11.2016). An der Wurzel der heutigen Situation macht Papst Franziskus zwei Faktoren aus: „ein wenig die Selbstgenügsamkeit des Menschen als Schöpfer von Kultur, der aber die Grenzen überschreitet und sich als Gott fühlt; und dann auch etwas eine Schwäche bei der Evangelisierung, die lau wird. Und die Christen sind lau“ (ibid.). Und daher besteht er auf der Notwendigkeit, den Sinn der „gesunden Autonomie“ zu klären, von der das letzte Konzil spricht, und erwähnt die Schönheit „der Abhängigkeit, dass wir Geschöpf und nicht Gott sind“ (ibid.).

Zusammenfassend gesagt, handelt es sich darum, jene Fragen wachzurufen, die auf dem Grund der Seele schlummern; sie können zwar betäubt werden, aber sie werden niemals sterben, denn der Schöpfer hat sie uns ins Gewissen geschrieben wie einen wohltätigen Schmerz, sodass der Mensch sich nicht mit weniger als Gott selbst zufriedengeben kann.  Zur Evangelisierung gehört es also, sowohl die entscheidenden Fragen wachzurufen, als auch den Herrn des Lebens und der Hoffnung zu verkünden.

Ebenfalls im Fokus unserer Arbeiten stehen die Jugendlichen; wir werden das Thema sowohl in den Arbeitsgruppen als auch gemeinsam intensiv besprechen. Hier sei nur daran erinnert, dass die jungen Generationen bereits am Horizont des europäischen Kontinents stehen; auf sie schaut die Kirche mit besonderer Zuneigung, nicht aus Eigeninteresse, sondern um ihres Lebens und der europäischen Zivilisation willen. Wir werden Gelegenheit haben zu einer kurzen Vorstellung bei dieser faszinierenden Altersgruppe, um die es uns hier geht und die die Zukunft in ihren Händen hält.

6. Die Europäische Union

Auch die Europäische Union liegt uns allen am Herzen, die wir Hirten dieses Kontinents sind. Und so wenden wir uns mit Respekt und Überzeugung an alle Bürger dieses großen Landes, welches auch immer die Rolle eines jeden sein mag. Der Traum von der Union, die als „Familie von Völkern“, als „Haus der Nationen“, ist immer noch aktuell, umso mehr, wenn wir die Welt und die „alten und neuen Giganten“ betrachten. Es steht uns nicht zu, Berechnungen wirtschaftlicher oder kommerzieller Art anzustellen, aber wir haben die Pflicht, alle daran zu erinnern, dass Europa kein rein geografischer Komplex und auch nicht nur eine Gruppe von Völkern ist, sondern eine spirituelle und ethische Aufgabe; es ist kein Organigramm, sondern ein lebendiger Körper, eine Lebens- und Schicksalsgemeinschaft.

Das europäische Menschenbild ist zutiefst durch das Christentum geprägt: Das Evangelium war das Bett, in dem die verschiedenen Beiträge der Geschichte des Kontinents zur Synthese gerieten. Indem er den Menschen zum Kind Gottes machte, hat Jesus der Herr ihm eine einzigartige Würde verliehen und ihm als Kriterium der Freiheit die Wahrheit gegeben, sodass die Menschenwürde – sollte die alles verwandelnde Wurzel Jesus Christus gekappt werden – ihre Grundlage zu verlieren droht. Daher insistiert der Heilige Vater auf der „transzendenten Würde“ des Menschen  (Papst Franziskus, Ansprache an das Europaparlament am 25.11.2014, cit.), wobei „transzendent“ die Quelle und die Garantie des unwiederholbaren Wertes eines jeden Menschen meint, und auch seine Eigenschaft als relationales, jeder Kultur  der Exklusion widersprechendes Wesen mit einbezieht.

Am Ursprung Europas finden wir also nicht nur eine allgemein spirituelle, sondern vielmehr die spezifisch christliche Dimension. Aus diesem Grunde schrieb Novalis bereits 1799: „Wenn Europa sich ganz und gar von Christus lösen würde, dann gäbe es kein Europa mehr“ (Die Christenheit oder Europa. Ein Fragment) (1). Und der jüdische Philosoph Karl Löwith stellt mit Weitsicht fest: „Die historische Welt, in der sich das ‚Vorurteil‘ bilden konnte, dass jedermann mit einem menschlichen Gesicht auch die ‚Würde‘ und das ‚Schicksal‘, Mensch zu sein, besäße, ist ursprünglich nicht die Welt (…) der Renaissance, sondern die des Christentums, in der der Mensch – durch den Gott-Menschen, Jesus Christus – seine Position vor sich selbst und vor dem Nächsten wieder gefunden hat (…) Mit dem Schwächerwerden des Christentums ist auch das Menschsein problematisch geworden“ (Von Hegel zu Nietzsche, 1941) (2).

Wird der europäische David er selbst sein können? Wir glauben: Ja – wenn der Traum der echten Gründerväter wieder zum Tragen kommt, der Traum von Männern, die in der Wahrheit frei und daher realistisch waren, ohne jedwedes Vorurteil, auch nicht gegen die Religion. Wir glauben: Ja – nicht, damit Europa die anderen überwältigen kann, sondern weil es der Völkergemeinschaft dank seiner immer noch fruchtbaren Geschichte etwas Entscheidendes zu bieten hat.

Liebe Freunde, unsere bescheidenen Stimmen tragen das Echo der Jahrhunderte: Gerade deshalb können wir zu dem modernen Menschen sprechen, der auch inmitten von epochalen Veränderungen immer derselbe bleibt.

Ich bedanke mich, dass ihr mir in Brüderlichkeit zugehört habt. Gehen wir nun voller Vertrauen und mit Überzeugung an die Arbeit, unter den Augen Marias, der Mutter der Kirche und der Schutzheiligen dieses geliebten Kontinents.

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FUSSNOTEN

(1)   Anm. d. Ü: Der Novalis-Text heißt in der italienischen Übersetzung: La Cristianità, ossia l’Europa, auf Deutsch: Die Christenheit oder Europa. Ein Fragment. Weder hier noch dort habe ich die von S. E. Kardinal Bagnasco zitierte Textstelle gefunden. Sie wurde daher von mir selbst übersetzt.

(2)  Anm. d. Ü: Übersetzung der Textstelle aus dem Italienischen von der Übersetzerin.

(Quelle: CCEE)

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Papst an Kolumbiens Bischöfe: Keine „Kaste von Funktionären“

Papst Franziskus spricht zu Kolumbiens Bischöfen

Papst Franziskus hat die Bischöfe Kolumbiens dazu aufgerufen, Hirten zu sein und nicht Funktionäre, sich nicht den Machthabenden anzubiedern, auf geheime Vorhaben zu verzichten und dem Land zu helfen, „mutig den ersten Schritt auf dem Weg zum endgültigen Frieden zu tun“. In einer langen und artikulierten Rede äußerte sich der Papst vor den 130 Bischöfen Kolumbiens in Bogota; es war das erste Mal bei einer Reise von Franziskus, dass die Ansprache an den Episkopat eins zu eins öffentlich übertragen wurde.

Franziskus machte das Motto seiner Kolumbienreise, „Tun wir den ersten Schritt“, zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen. Der erste Schritt, das sei jener Gottes auf den Menschen zu. Diesen ersten Schritt müssten die Bischöfe „mit heiliger Furcht und Ergriffenheit“ behüten, keinesfalls dürfe der Weg hin zur Logik einer weltlichen Macht führen.

„Gott geht uns voraus; wir sind die Reben, nicht der Weinstock. Deshalb bringt nicht die Stimme dessen zum Schweigen, der uns gerufen hat. Glaubt nicht, dass die Summe eurer armseligen Tugenden oder die Schmeicheleien der jeweiligen Mächtigen den Erfolg der euch von Gott anvertrauten Aufgabe garantieren. Im Gegenteil: Bettelt im Gebet, damit ihr denen etwas schenken könnt, die sich immerfort an euer Herz als Hirte wenden.“

Um ihre Identität als „Sakrament des ersten Schrittes Gottes greifbar zu machen“, sei es Aufgabe der Bischöfe, ständig aus sich selbst „herauszugehen“. Franziskus nannte dies geradezu eine „Bedingung für die Ausübung des apostolischen Dienstes“: die „Bereitschaft, sich Jesus zu nähern und alles hinter uns zu lassen, was wir waren“.

Bischöfe sind keine „Kaste von Funktionären“

„Passt euch nicht dem Maßstab derer an, die gerne möchten, ihr wärt bloß eine Kaste von Funktionären, die sich dem Diktat der Gegenwart beugen. Heftet hingegen euren Blick auf die Ewigkeit dessen, der euch erwählt hat, und seid bereit, das endgültige Urteil aus seinem Mund zu hören.“

Franziskus würdigte die Kirche Kolumbiens als besonders vielfältig. Unterschiedliche pastorale Sensibilitäten und regionale Eigenheiten seien bereichernd. Zugleich mahnte der Papst die kolumbianischen Bischöfe zu Einheit und Transparenz. „Bemüht euch ständig um die Bewahrung der Gemeinschaft unter euch. Werdet nicht müde, sie durch den offenen und brüderlichen Dialog aufzubauen, und meidet heimliche Projekte wie die Pest.“

Kolumbien braucht seine Bischöfe

Kolumbien brauche seine Bischöfe besonders für die Arbeit am Frieden, fuhr der Papst sinngemäß fort. Die Bischöfe sollten „ohne Angst das verwundete Fleisch eurer Geschichte und eures Volkes“ berühren – „in Demut, ohne Geltungssucht und mit ungeteiltem Herzen, frei von Kompromissen und Unterwürfigkeiten“. Gott allein sei der Herr, „wir Bischöfe dürfen keinem anderen Zweck dienen“.

Und Franziskus nannte eine Reihe von Herausforderungen für Kolumbien: der Weg zum endgültigen Frieden, Versöhnung, Ablehnung der Gewalt, „Überwindung der Ungleichheiten, welche die Wurzel vielen Leidens ist“, Verzicht auf Korruption, Festigung der Demokratie, „wofür Armut und Ungleichheit überwunden werden müssen“. Zum Meistern all dieser Herausforderungen brauche Kolumbien seine Bischöfe, sagte der Papst; Bischöfe, denen das Gewissen ihrer Gläubigen ein Anliegen ist.

„Ihr seid weder Fachleute noch Politiker, ihr seid Hirten. Christus ist das Wort der Versöhnung, das in unsere Herzen eingeschrieben ist. Ihr habt die Kraft, es nicht nur von den Kanzeln, in kirchlichen Dokumenten oder in Zeitschriftenartikeln verkünden zu können, sondern noch mehr in den Herzen der Menschen, im verborgenen Heiligtum ihrer Gewissen, in der glühenden Hoffnung, dass es sie dazu führt, die Stimme des Himmels zu hören, die sagt: Friede.“

Bischöfe sollen auf konkreten Menschen schauen und nicht auf ihre Idee von Menschen

Ebenso bat der Papst die Bischöfe, „steht auf den konkreten Menschen zu blicken“ und nicht „einem Begriff vom Menschen“ zu dienen. Menschen seien gebildet aus Fleisch und Knochen, aber auch aus „Geschichte, Glaube, Hoffnung, Empfindungen, Enttäuschungen, Frustrierungen, Schmerzen, Wunden“. Franziskus rief die Bischöfe dazu auf, für die Bildung von Laien zu sorgen, die kolumbianische Familie zu stärken, die Jugendlichen wertzuschätzen und ihren Fragen großherzige Räume zu öffnen. Überdies sollten sie ihren Priestern Väter sein und darauf achten, ob diese wirklich Jesus nachfolgten oder eher auf wirtschaftliches Auskommen, Doppelleben oder Karriere aus seien. Auch die Ordensleute sollten die Bischöfe nicht vernachlässigen, die in ihrer Lebensform eine „Ohrfeige für jede Form von Weltlichkeit“ seien.

Am Ende seiner Rede ging Franziskus – eher überraschend an dieser Stelle – auf den Schatz ein, den das Amazonasgebiet und die dort beheimateten Indigenen für Kolumbien und die Kirche darstellen. Er forderte die Bischöfe dazu auf, „die Kirche in Amazonien nicht sich selbst zu überlassen“ und würdigte die „arkane Weisheit“ der Indigenen, von der es zu lernen gelte. „Ich frage mich, ob wir noch fähig sind, von ihnen die Unantastbarkeit des Lebens und die Achtung der Natur zu lernen sowie das Bewusstsein, dass die instrumentelle Vernunft nicht genügt, um das Leben des Menschen zu erfüllen und auf die tiefe Suche, die ihn anfragt, zu antworten.“

(rv 07.09.2017 gs)

Schweiz: Bischöfe erinnern zur Bundesfeier an Bruder Klaus

Bruder Klaus – RV

Wir leben „außenorientiert“, sind in der Welt ständig von Reizen umgeben. Aber macht uns das glücklich? Diese Frage stellt die Schweizer Bischofskonferenz zum Auftakt der Wallfahrt in den Flüeli Ranft, die dem Nationalheiligen der Schweiz gilt. Dort im Flüeli lebte von 1467 bis 1487 Niklas von Flüe, genannt „Bruder Klaus“. In einer Videobotschaft zur schweizerischen Bundesfeier am 1. August erinnert der Weihbischof des Bistums Chur, Marian Eleganti, an den Heiligen, der vor 600 Jahren geboren wurde.

„Ein Aussteiger. Und ein Heiliger. Wohlhabend, Bauer, Familienvater, Politiker; nach eigenen Worten ‚angesehen und mächtig‘. Aber er war auch ein Visionär, ein Gottsucher. Er kannte sie gut, die Welt. Nur zu gut, um sich für immer in ihr einzurichten.“

Deshalb gab Niklaus von Flüe sein weltliches Leben auf und begann ein Leben in der Stille, als Einsiedler im Flüeli-Ranft. Er fastete, betete und wurde zum Ratgeber für zahlreiche Menschen, die ihn auf dem Ranft besuchten und nach Antworten auf ihre spirituellen Fragen suchten. Beim Stanser Verkommnis, einer Übereinkunft zwischen streitenden Stadt- und Landorten, spielte „Bruder Klaus“ eine wichtige Rolle als Friedensstifter.

Schon zu Lebzeiten wurde er als Heiliger verehrt; später bezogen sich die Reformatoren Zwingli und Bullinger auf die politischen Lehren des Niklaus von Flüe. Katholiken heben eher seine religiöse und mystische Lehre hervor. Während seiner neunzehneinhalb Jahre im Ranft soll er komplett ohne Nahrung ausgekommen sein – das wird als ein Zeichen der Liebe Gottes gewertet.

Für Weihbischof Eleganti können auch Menschen heute viel von Bruder Klaus lernen: „Irgendwie bleibt sich der Mensch gleich – er wird versucht, abgelenkt vom Wesentlichen. Wir hören das nicht so gerne, denn wir lieben die Welt. Trotzdem wahr.“

Sich wieder auf das Wesentliche zu besinnen, das wahre Freiheit eröffnet – das sind Ziele der Wallfahrt zum Flüeli Ranft, zu der die Bischofskonferenz im Anschluss an ihre nächste ordentliche Vollversammlung einlädt. Der Weg wird am 6. September 2017 um 10.15 Uhr beim Gästehaus Kloster Bethanien in St. Niklausen/Obwalden beginnen und um 11.15 Uhr mit einer öffentlichen Eucharistiefeier im Ranft abschließen.

Im 600. Jahr nach der Geburt des Heiligen finden außerdem Ausstellungen in katholischen und protestantischen Kirchen, Vorträge und szenische Gottesdienste zu Ehren von Niklaus von Flüe statt. Bis September wird auf einer Wiese in St. Niklausen auch ein Visionsgedenkspiel aufgeführt, inspiriert von Bruder Klaus‘ Pilgervision.

(rv 31.07.2017 jm)

Venezuela: „Dringende Botschaft an die Katholiken und alle Menschen guten Willens“

Venezuela / Pixabay CC0 – OpenClipart-Vectors, Public Domain

Für den 21. Juli ist ein Tag des Gebets und des Fastens angesagt

Nach Beendigung der Arbeiten der 108. Vollversammlung der Bischöfe Venezuelas, die vom 7. bis 12. Juli in Caracas stattfand, haben die Bischöfe eine „Dringende Botschaft an die Katholiken und alle Menschen guten Willens in Venezuela“ gerichtet.

„In unserem Land spürt man ganz klar, dass die Gewalt inzwischen strukturellen Charakter angenommen hat. Hierzu ein paar Beispiele: von irrationaler Unterdrückung mit der schweren Bilanz von Toten und Verletzten, Beschädigung von Wohnungen und Wohnstrukturen bis hin zu Misshandlungen und sogar Vernachlässigung der Grundbedürfnisse der Bevölkerung. Die offizielle Repression schafft manchmal gewaltsame Antworten und trägt so zum Entstehen von Spannung und Anarchie bei, mit gefährlichen Konsequenzen. Die Verachtung der Menschenwürde findet ihren Ausdruck in der Negation und Verletzung der Menschenrechte seitens der Behörden“, heißt es im ersten Teil der Fides zugesandten Mitteilung.

„Es ist dies der Moment für einen Orientierungswechsel in der Regierungspolitik“, hießt es weiter, „die Initiative der Regierung, eine Nationale Verfassunggebende Versammlung einzuberufen, die vom Volk mehrheitlich abgelehnt wurde, hat völlig unbeachtet gelassen, dass es das Volk in Ausübung seiner Souveränität ist, der die Versammlung einberufen kann und muss“. „Alles deutet darauf hin, dass die Festigung eines sozialistischen, marxistischen und militaristischen Staates angestrebt wird, wodurch Gewaltenautonomie und insbesondere die Legislative verschwinden werden“.

„Als Hirten der Kirche in Venezuela erheben wir unsere Stimme und fordern: von der Nationalregierung, dass sie den Plan der Verfassunggebenden Versammlung zurückzieht; von den Streitkräften, dass sie dem Volke dienen und nicht dem Regime oder der Regierungspartei; von allen Politikern, dass sie sich zusammen mit der Bevölkerung um die Überwindung der Krise bemühen“, so die Mitglieder der CEV („Conferencia Episcopal Venezolana“).

„Wir als Hirten verpflichten uns unser Volk zu unterstützen und bitten alle Mitglieder der Kirche und alle Menschen guten Willen solidarisch zu sein mit den Schwächsten der Gesellschaft“.

Die Botschaft endet mit der Aufforderung am Tag des Gebets und des Fastens teilzunehmen, der für den 21. Juli angesagt ist. (CE)

(Quelle: Fides, 13.07.2017)

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Papst Franziskus: „Lassen wir uns schütteln, reinigen und trösten“

Neue Synodenaula / © Mazur/Catholicnews.Org.Uk, CC BY-NC-SA 2.0

Eröffnung der 70. Versammlung der
Italienischen Bischofskonferenz (C.E.I.)
am 22. Mai 2017

Eine „offene, demütige und direkte“ Begegnung wünschte Papst Franziskus am 22. Mai 2107 den Bischöfen bei der Eröffnung der 70. Versammlung der Italienischen Bischofskonferenz (C.E.I.).; die Tagung wird bis zum 25. Mai dauern.

Der Papst erinnerte die Bischöfe in seiner vorbereiteten Ansprache, die er nicht hielt, sondern den Bischöfen am Ende ihrer Begegnung austeilen ließ, an die Kraft des Heiligen Geistes, ohne den der Mensch Gefangener seiner Ängste bleibe und sich von Gott entferne. Der Heilige Geist öffne für die Verschiedenheit und versöhne in Brüderlichkeit. Der gemeinsame Weg sei der Weg der Kirche.

Papst Franziskus sprach Schwierigkeiten an, wie Verschlossenheit und Widerstand, Müdigkeit, Einsamkeit und Beunruhigung über die Zukunft, und wünschte, dass die Bischöfe dem Heiligen Geist Gehör schenkten.

Glauben und weltlicher Spiritualität könne man nicht gleichzeitig dienen. Nur die Wahrheit mache wirklich frei. Glaube, Liebe zum Herrn, den Dienst mit Freude und kostenlos verrichten, seien die wahrhaft wichtigen Dinge. Barmherzige Werke, Gehorsam, gelebter Glaube, Freundschaft zu den Schwachen und Teilen mit den Bedürftigen bezeichnete Papst Franziskus als richtiges Verhalten. Mutig das Geschenk und die Mission annehmen, sich bei jeder Gelegenheit zum Nächsten machen, Einsatz für das Gemeinwohl, Gerechtigkeit, Brüderlichkeit und Frieden verkünden, benannte der Papst als christliches Verhalten und ermutigte die Bischöfe: „Lassen wir uns schütteln, reinigen und trösten.“ Niemand solle ihren Augen verborgen bleiben, nur Liebe lasse die Mitglieder der Kirche handeln.

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Venezuela: Bischöfe lehnen verfassungsgebende Versammlung ab

Venezuela, Protestbewegung / Wikimedia Commons – Andrés E. Azpúrua, CC BY-SA 3.0

„Gefahr für die Demokratie“

Die Bischofskonferenz von Venezuela (CEV) veröffentlichte gestern die Schlussbotschaft zur Ordentlichen Vollversammlung (16. bis 18. Mai).

In ihrer Botschaft äußern sich die Bischöfe auch zur der von Präsident Maduro vorgeschlagenen Verfassungsgebenden Versammlung: „Nachdem wir viele Mitglieder des Gottesvolkes gehört haben, sind wir der Ansicht, dass die Versammlung nicht notwendig ist, sondern vielmehr eine Gefahr für die Demokratie in Venezuela, für die ganzheitliche Entwicklung der Menschen und den sozialen Frieden ist.“

Sodann befassen sich die Bischöfe mit der aktuellen Lage der Bevölkerung, die von Hunger, Gewalt und Menschenrechtsverstößen geprägt ist. „Angesichts dieser Situation sehen wir uns mit verschiedenen Herausforderungen konfrontiert“, so die Bischöfe. „Es sind Engagement für den Frieden, prophetische Anklage, Solidarität und Gebet erforderlich“, so heißt es.

In einem weiteren gemeinsamen Schreiben wenden sich die Bischöfe an den Präsidenten des vorbereitenden Ausschusses für die Verfassungsgebende Versammlung, Elias Jaua Milano: „Notwendig ist eine Vervollständigung der Verfassung und nicht deren Reform“, so der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Erzbischof Diego Padrón von Cumaná.

Der ständige Rat der Bischofskonferenz hat sich unterdessen bereit erklärt, Elias Jaua Milano, am heutigen 19. Mai zu einem Gespräch über die Beweggründe der Bischöfe zu empfangen. Bei der Begegnung soll die Position der Kirche erläutert werden. „Wir werden unsere Sorge über die schwerwiegenden Probleme darlegen, mit denen sich unser Land heute konfrontiert sieht und auf die traurigen und schmerzlichen Folgen hinweisen und die Toten, die es konkret unter der Bevölkerung bereits gegeben hat“, so die CEV.

Bereits am 9. Mai hatte Elias Jaua Milano die Bischöfe um ein klärendes Gespräch gebeten, nachdem diese bekannt gaben, dass keine Vertreter der Kirche an der Versammlung teilnehmen werden. (CE)

(Quelle: Fides, 19.05.2017)

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