Vatikan nimmt zur „Gender-Frage“ im schulischen Umfeld Stellung

Der Vatikan kritisiert eine „Gender-Ideologie, die den Unterschied und die natürliche wechselseitige Ergänzung von Mann und Frau leugnet“. Gleichzeitig spricht er sich für einen Dialog mit der wissenschaftlich vorgehenden „Gender-Forschung“ aus. Das steht in einem Dokument der Bildungskongregation, das an diesem Montag veröffentlicht wurde.

Stefan von Kempis und Fabian Retschke – Vatikanstadt

In der Schule werde häufig ein Menschenbild vermittelt, das sich als neutral gebe, in Wirklichkeit aber dem Glauben und der richtig geleiteten Vernunft entgegenstehe. „Die anthropologische Desorientierung, die das kulturelle Klima unserer Zeit prägt, hat sicherlich dazu beigetragen, die Familie zu schwächen.“

Dabei wendet sich das etwa dreißigseitige Vatikanpapier vor allem gegen die „Tendenz, die Unterschiede zwischen Mann und Frau auszulöschen, indem man sie als bloße historisch-kulturelle Konditionierung versteht“. Wer für eine „Gesellschaft ohne Geschlechtsunterschiede“ eintrete, „zerstört die anthropologische Basis der Familie“, mahnt das Dokument.

Ermutigung zur Auseinandersetzung mit Gender-Studien

Die Bildungskongregation – und damit der Vatikan – lehnt Sexualerziehung an den Schulen nicht ab, besteht aber darauf, dass sie „positiv und vorsichtig“ erfolgen sowie auf die Unterschiede der Geschlechter hinweisen müsse. Sexualität sei eine „wesentliche Komponente der menschlichen Persönlichkeit“.

In Sachen Gender müsse man unterscheiden zwischen der „Gender-Ideologie“, die einer politischen Einflussnahme auf Lehrpläne verdächtigt wird, und der „Gender-Forschung“, mit welcher der Vatikan einen Dialog fortzusetzen wünsche. Dementsprechend heißt der Titel des Dokuments „Männlich und weiblich erschuf er sie: Für einen Weg des Dialogs bei der Genderfrage in der Schule“.

Natur vs. Kultur?

Kritisch wertet der Vatikan, dass „sexuelle Orientierung“ in der Mainstream-Kultur weitgehend vom biologischen Geschlecht losgelöst gesehen wird. „Natur und Kultur“ gerieten immer mehr „in einen Gegensatz“, wenn der Begriff Gender „von der subjektiven Haltung der Person abhängig gemacht wird, die auch ein Geschlecht wählen kann, das nicht ihrer biologischen Sexualität entspricht“.

Wer den Körper als „bloße Materie“ behandle und den menschlichen Willen hingegen „absolut“ setze, manipuliere den Körper und bereite „einer kulturellen und ideologischen Revolution“ den Boden, von der man im Schatten von Sankt Peter nicht viel hält. „Die menschliche Identität wird einem individualistischen Blickwinkel ausgeliefert“, Freiheit werde verwechselt mit der „Vorstellung, dass jeder machen kann, was er will“.

Die männlich-weibliche Zweideutigkeit

In Wirklichkeit stehe „die fiktive Konstruktion eines neutralen oder dritten Geschlechts“ dem Prozess der Bildung einer reifen Persönlichkeit im Weg. Intersexualität und Transgender „führen zu einer männlich-weiblichen Zweideutigkeit, die auf widersprüchliche Weise diesen sexuellen Unterschied voraussetzt, den sie zu leugnen oder zu überwinden trachtet“. „Dieses Oszillieren zwischen männlich und weiblich endet als bloße Provokation gegen die sogenannten traditionellen Vorstellungen“, urteilt das Dokument wörtlich. Entsprechend empfiehlt die Bildungskongregation Betroffenen „therapeutische Interventionen“.

Allerdings lasse sich von den Gender-Forschungen auch einiges lernen, vor allem die „Notwendigkeit, gegen jede ungerechte Diskriminierung zu kämpfen“. Man könne nicht leugnen, dass auch die Kirche in dieser Hinsicht im Lauf der Jahrhunderte zu große „Strenge“ an den Tag gelegt hat. Gerade in der Schule müsse zur „Fähigkeit, alle legitimen Ausdrucksweisen menschlicher Personalität mit Respekt willkommen zu heißen“, erzogen werden. Positiv wertet der Vatikan auch, dass Gender-Studien die „Werte des Weiblichen“ herausgearbeitet hätten. Die Autoren unterstreichen die Bedeutung von Frauen in Erziehung, Bildung, Pflege und Kirche.

Kein Judith-Butler-Zitat

Das Vatikanpapier, das das Datum 2. Februar (Fest der Darstellung Jesu im Tempel) trägt, zitiert päpstliche und konziliare Aussagen; Namen wie Simone de Beauvoir oder Judith Butler finden sich in dem Text allerdings nicht. Gestützt auf neuro- und biowissenschaftliche Erkenntnisse, die sie allerdings nicht zitieren, betonen die Autoren die biologische Zweigeschlechtlichkeit. Auf Basis von Franziskus‘ Schreiben Amoris laetitia oder den Weltkatechismus, skizzieren sie die christliche Sicht auf Sexualität und vermeiden die Gender-Begrifflichkeit weithin.

Das Dokument unterstreicht außerdem, dass die Ehe ein Bund zwischen Mann und Frau sei, und nennt die Familie „eine anthropologische Tatsache“, die man vor ideologisch motivierten Zersetzungsversuchen schützen sollte. Kinder hätten ein Recht darauf, „in einer Familie aufzuwachsen, mit einem Papa und einer Mama“. Katholische Lehrer sollten „eine Sensibilität für verschiedene Ausdrucksweisen der Liebe“ wecken und Schüler, die „schwierige und schmerzvolle Situationen erfahren“, vertraulich begleiten.

(vatican news)

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Genderprogrammierung durch Sexualerziehung

Die Vereinten Nationen sind zu einer Organisation geworden, welche sich in den Dienst der Zerstörung der Identität des Menschen gestellt hat –

Gastkommentar von Gabriele Kuby – 19 Dezember 2018, 13:00

München (kath.net) Die Vereinten Nationen, einst gegründet, um auf der blutgetränkten Erde nach dem Zweiten Weltkrieg die Würde und Freiheit des Menschen zu proklamieren und zu schützen, sind zu einer Organisation geworden, welche sich in den Dienst der Zerstörung der Identität des Menschen gestellt hat (besser: stellt). Wenn staatliche Autoritäten die Identität einer Gesellschaft durch Bewußtseinsmanipulation, Gesetzgebung, Sanktionierung politischer Unkorrektheit und Aushebelung des Elternrechts untergraben, dann etablieren sie eine neue, „weiche“ Form von Totalitarismus. Neu daran sind die hoch effizienten Mittel des „social engineering“, mit denen die Massen auf Linie gebracht und die Widerständigen „unschädlich“ gemacht werden, und neu ist der globale Zugriff durch die United Nations (UN) in Kooperation mit anderen „global players“: Wirtschaftsunternehmen, Milliarden-Stiftungen, NGOs.

Alle Revolutionäre, welche die Welt nach eigenen Vorstellungen in ein Gleichheitsparadies verwandeln wollen, greifen nach den Kindern, aus denen sie den neuen ideologiekonformen Menschen schmieden wollen. Identitätsbildende Tradition, Religion, Werte und soziale Normen werden in der Familie grundgelegt. Nun setzen die UN zum großen Sprung auf die Jugend dieser Welt an, um die kulturelle Software in den Hirnen der Kinder und Jugendlichen neu zu programmieren, nämlich durch den „International technical guidance on sexuality education“ (im weiteren „Guidance“) für Kinder und Jugendliche zwischen fünf und 18 Jahren. Sie soll in der Gesetzgebung und der Lehrerausbildung aller Staaten verankert werden. Verantwortlich zeichnet die Unesco, zusammen mit Unicef, UNAids, UN Women und WHO, welche ihren Namen bereits der BZgA für die Etablierung der „Standards for Sexuality Education in Europe“ geliehen hat. Die International Planned Parenthood Federation (IPPF), größter Abtreibungsunternehmer der Welt, wird nicht als Herausgeber genannt, aber zwanzigmal zitiert.

Die Codewörter, besser die sprachlichen Köderworte, heißen: Menschenrecht (auf Sex von der Wiege bis zur Bahre), Inklusion und Vielfalt (ein Schöpfungsprinzip, welches zur moralischen Deregulierung missbraucht wird).

Schulen seien der wichtigste Ort für „nachhaltiges Programmieren durch formalisierte Curricula“. Dies müsse früh beginnen, um die „Internalisierung von SRH“ (sexual reproductive health) zu bewirken. Das Hauptprinzip der Anleitung bestehe darin, dass „jeder das Recht auf korrekte Information und auf Dienstleistungen hat, um den höchst möglichen Standard von Gesundheit und Wohlergehen zu erreichen, ohne sexuelles Verhalten, sexuelle Orientierung, Genderidentität oder den Gesundheitsstatus zu beurteilen“. Der Guidance behauptet, keinen speziellen Lebensstil zu fördern, es ginge ihm ausschließlich um Gesundheit und Wohlergehen. Sehen wir uns die sprachlichen Joker näher an.

„Jeder“ hat das Recht auf „korrekte Information“, auch fünf- bis 8jährige Kinder. So lernen die Kleinen, dass sie selbst entscheiden können, wer wann und wo ihren Körper berühren darf und was „gute und schlechte Berührungen“ sind, „denn jeder verdient es, seine eigenen Entscheidungen zu treffen“. Sie sollen sich für Menschenrechte einsetzen und unfaire Gender-Rollen identifizieren. Neun- bis 12jährige erfahren, dass Masturbation völlig normal sei (in den „Standards for Sexuality Education in Europe“ der WHO und BZgA wurde Masturbation bereits für die unter 4jährigen empfohlen); sie werden aufgefordert „männliche und weibliche Reaktionen auf sexuelle Stimulation zu beschreiben“. Sie sollen erklären, was „sexuell explizite Medien“ (alias Pornographie) und „Sexting“ sind und warum diese oft „unrealistisch“ sind. Keine Altersgruppe wird über das Suchtpotential und sonstige Gefahren von Pornographie-Konsum aufgeklärt. Kinder ab neun Jahren werden mit sämtlichen „modernen Verhütungsmethoden“ inklusive der „Pille danach“ vertraut gemacht. Der Gebrauch von Kondomen wird eingeübt, und es wird ihnen die Lüge verkauft, Kondome böten nachhaltigen Schutz vor Schwangerschaft und Geschlechtskrankheiten.

Ab 15 Jahren besteht die Schlüsselbotschaft darin: „Das Einlassen auf sexuelle Aktivitäten sollte sich angenehm anfühlen und bringt Verantwortung für die eigene [!] Gesundheit und das Wohlbefinden mit sich.“ Entscheidungen über sexuelle Aktivitäten erforderten im Vorfeld eine Abwägung von Risiko-Reduktions-Strategien, um ungewollte Schwangerschaft, sexuell übertragbare Infektionen (STI) einschließlich HIV zu vermeiden. Auf den 140 Seiten des Dokuments erscheint Schwangerschaft fast ausschließlich als „ungewollt“ im Kontext von Geschlechtskrankheiten und HIV, so dass die emotionale Abwehr von schweren Gesundheitsrisiken durch promiskuitiven Sex im Gehirn mit Schwangerschaft verknüpft wird. Um diese Gefahren zu reduzieren, sollen die Jugendlichen mit Informationen über „comprehensive youth-friendly SRH services“ versorgt werden, womit der Zugang zu Beratungs- und Abtreibungszentren gemeint ist, die die IPPF weltweit betreibt.

All das soll geschehen, „ohne sexuelles Verhalten, sexuelle Orientierung, Genderidentität oder den Gesundheitsstatus [HIV] zu beurteilen“. Dem Dokument sind Definitionen dieser Begriffe angefügt. Es handelt sich um sorgfältig konstruierte Worthülsen, welche die Aufgabe haben, Widerstand gegen den systematischen Kulturbruch zu unterlaufen.

Gender bezeichnet „die Attribute und Gelegenheiten [?], die mit männlich und weiblich in Verbindung gebracht werden, und die Beziehungen zwischen Frauen und Männern und Mädchen und Jungen, wie auch die Beziehungen zwischen Frauen und jene zwischen Männern. All diese Attribute, Gelegenheiten und Beziehungen sind sozial konstruiert und werden durch Sozialisationsprozesse gelernt“.

Gender identity: „Die von einer Person tief innerlich empfundene und individuelle Erfahrung von Gender, welche mit dem ihr bei der Geburt zugeschriebenen Geschlecht [„sex“] übereinstimmen kann oder nicht. Dazu gehört die persönliche Körperempfindung, die mit einer Modifikation der körperlichen Erscheinung oder Funktion (durch medizinische, operative oder andere Mittel) einhergehen kann, sofern sie frei gewählt ist.“

Heteronormativität: „Der Glaube, dass Heterosexualität die normale und vorgegebene sexuelle Orientierung sei.“

Sexuelle Orientierung: „Die Fähigkeit jeder Person zu tiefer emotionaler und sexueller Anziehung und intimen sexuellen Beziehungen mit Individuen eines anderen Gender (heterosexuell) oder desselben Gender oder mehr als eines Gender (bisexuell oder pansexuell).“ (Diese Definitionen gehören zum Credo der Genderideologie, wie sie von 200 Professorinnen an deutschen Hochschulen gelehrt wird.)

Trotz aller Vernebelung wird klar, worum es den UN geht: Die Schaffung des neuen Gender-Menschen, der sein Geschlecht frei wählt, Sexualität als hedonistische Lustbefriedigung mit beliebig vielen Partnern beliebigen Geschlechts praktiziert, jede Beschränkung und Bewertung sexueller Aktivität, wie sie in allen Religionen und Traditionen besteht, als Diskriminierung verurteilt und Ehe und Familie auf den Schrotthaufen der Geschichte wirft.

Die auf der dauerhaften Bindung von Mann und Frau gründende Familie ist jedoch ein vorstaatliches Naturrecht, welches nicht vom Staat gewährt wird, sondern vom Staat anerkannt und geschützt werden muss (siehe „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ von 1948). Sie zu „dekonstruieren“ ist eine totalitäre Anmaßung der UN.

Wie treibt man durch obligatorische Sexualerziehung eine Kluft zwischen Eltern und Kinder, um sie auf Gender umzuprogrammieren?

• Kinder und Jugendliche ab fünf Jahren bis zum Ende der Schulzeit dazu anleiten, in Sachen Sex und Reproduktion ihr „Recht“ auf selbständige Entscheidungen wahrzunehmen.

• Ausdruck von Respekt für jede sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität einfordern und einüben: „Demonstriere Respekt!“

• Alle Arten von zerbrochenen Familien als gleichwertige Familientypen präsentieren und Respektsbezeugungen einfordern.

• Über die verschiedenen Wege informieren, wie man Eltern werden kann, Leihmutterschaft inklusive, und betonen, daß auch Personen mit HIV-Status das Recht auf Sex und Elternschaft haben.

• Ab fünf Jahren „Strategien einüben, wie die eigenen Vorurteile und die der anderen durchbrochen“ und „Gender-Stereotypen“ identifiziert werden können.

• Kinder mit „vertrauenswürdigen Erwachsenen“ und Orten vernetzen, wo sie „Hilfe“ bekommen können.

• Jugendliche zu Aktivisten gegen „Homophobie und Transphobie“ machen.

• Jugendliche ausbilden, um für Comprehensive Sexual Education (CSE) zu werben und sie in den Schulen durchzuführen.

Im Guidance wird festgestellt, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen „emotionalen und psychischen Gesundheitsproblemen und höheren Raten von unsicherem Sex, sexuell übertragbaren Krankheiten und frühen sexuellen Erfahrungen“. Die höchsten Raten für Geschlechtskrankheiten finden sich in der Altersgruppe der 20- bis 24jährigen, gefolgt von den 15- bis 19jährigen. Auch daß durch Analsex die Infektionsrate mit HIV steigt, wird erwähnt.

Welchen Schluss ziehen die UN aus diesen Statistiken, die auf einen ständig ansteigenden Pegel von physischem und psychischem Leid und einer Zerstörung der Lebensperspektiven durch die systematische Deregulierung der sexuellen Normen hinweisen? Die UN wissen die Antwort: „Abstinenz ist der sicherste Weg, um Schwangerschaft und Geschlechtskrankheiten, einschließlich HIV, zu vermeiden.“ Aber die Warnung folgt auf dem Fuß: Abstinence-only-Programme hätten sich als ineffektiv und potentiell schädlich für sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte herausgestellt. Wissenschaftliche Belege? Keine! Von Ehe ist im ganzen Dokument ausschließlich im Zusammenhang mit früher, erzwungener oder arrangierter Ehe die Rede.

Es gibt nur noch ein Prinzip, welches den Spielraum sexueller Aktivitäten begrenzen darf: das Konsensprinzip. Tu nur das, wozu dein/e Partner/in zustimmt. Um tatsächlich die emotionalen und physischen Grenzen des anderen wahren zu können, muss eine Person lernen, den mächtigen Sexualtrieb zu beherrschen. Dass das Konsensprinzip nicht greift, zeigen die Zahlen über sexuellen Missbrauch: 20 Prozent der Frauen und fünf bis zehn Prozent der Männer seien laut UN als Kinder sexuell mißbraucht worden. Dabei nehmen die sexuellen Übergriffe unter Kindern und Jugendlichen dramatisch zu. Haben all die Täter nie gehört, daß sexuelle Akte der Einvernehmlichkeit bedürfen, oder sind sie zu süchtigen Sklaven ihres Sexualtriebs geworden?

Man stelle sich vor, es ginge den UN tatsächlich um die Gesundheit und das Wohlergehen der nächsten Generation und sie würden ihre globale Macht dafür einsetzen, dass die nachwachsende Generation ihren Lebenstraum verwirklichen kann, und der heißt laut aller demoskopischen Jugenduntersuchungen immer noch Familie: Vater, Mutter, Kinder. Aber die UN wollen etwas anderes, und sie wissen, was sie wollen: „Die Institutionalisierung von umfassender Sexualerziehung ist ein Schlüsselfaktor für den sozialen Wandel, welcher die sozialen und Gender-Normen beeinflusst.“

Archivfoto Gabriele Kuby

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Die etwas andere Weihnachtspredigt: Paul Badde über die Ansprache Benedikts im Jahr 2008

20 November, 2018 / 7:25 AM

Gewaltig war – wieder einmal – die Empörung: Papst Benedikt habe gesagt, es sei „ebenso wichtig, die Menschheit vor homosexuellem oder transsexuellen Verhalten zu bewahren, wie den Regenwald zu schützen“, meldete im Jahr 2008 die BBC über die Ansprache Benedikts. Doch genau das hat er eben nicht gesagt, so Paul Badde, der – damals in der „Welt“ – diese heute brennend aktuelle Rede einordnete.

„Ausgelöscht sei der Tag, an dem ich geboren wurde“, ruft Hiob verzweifelt in der Bibel „und auch die Nacht, in der man sagte: ‚Es ist ein Junge!'“ – Das bestürzende Drama ist rund 2500 Jahre alt, doch dieser Schrei (Hiob, 3,3) speichert ganz nebenbei noch eine Erkenntnis ab, die wir uns kaum alt genug vorstellen können. Das ist die Ur-Unterscheidung des Menschen in der Sekunde seiner Geburt. Das ist der Unterschied, den jede Hebamme selbst in stockfinstrer Nacht wenn schon nicht mit einem einzigen Blick, dann doch mit einem ersten Griff des kleinen Geschöpfes wahrnimmt. Das ist die Unterscheidung des Menschen in Mann und Frau. Diese grundsätzliche Unterscheidung ist in allen Weltreligionen eine anthropologische Konstante – und sie gehört wesentlich zum christlichen Menschenbild. Vorbei allerdings die Zeit, in dem dieses überkommene Menschenbild als selbstverständlich oder gar noch als verbindlich gelten konnte.

Denn spätestens auf der Weltfrauenkonferenz der UNO 1995 in Peking  wurde ein synthetisches Menschenbild geweiht, das seitdem zum Herzstück einer neuen globalen Zivilreligion geworden ist. Nicht mehr Penis und Vagina oder Bart und Brüste bestimmen demnach das wahre Geschlecht eines Menschen, sondern allein dessen Empfindung und freie Wahl. Der Kernbegriff dieser Weltanschauung heißt Gleichstellung. Sie gilt als Wunderwerkzeug, mit der jeder ungerechten Behandlung der Frau (und jener Männer, die wie Frauen fühlen) de facto und de iure entgegengetreten werden kann. Weil Mann und Frau aber – siehe oben – traditionell als nicht identisch, schlimmer noch, als „nicht gleich“ galten, soll seit damals nicht mehr eine objektive Unterscheidung Kriterium des eigenen Geschlechts sein, sondern nur noch die subjektive und freie Entscheidung. Zu den fundamentalen Rechten des Menschen soll demnach also auch seine Freiheit gehören, das eigene Geschlecht ebenso wie die eigene sexuelle Orientierung zu wählen und selbst zu entscheiden, ob er/sie/es Mann oder Frau sein will, oder ob schwul, bi- oder transsexuell. Der Begriff „Gender“ unterscheidet seitdem das soziale Geschlecht von dem biologischen Geschlecht einer Person. Tatsächliche Unterschiede müssen dabei selbstverständlich empfindlich stören.

Eine Neukonstruktion des Menschenbildes nach diesen Vorgaben hat natürlich kaum weniger gewaltige Implikationen als der kommunistische Versuch der Schöpfung eines neuen Menschen, und schon jetzt zeitigt das so genannte „Gender Mainstreaming“ (das seit 1999 auch offiziell „Leitprinzip und Querschnittaufgabe“ der deutschen Politik geworden ist) fundamentale Konsequenzen. Die Gleichstellung der so genannten Schwulen-Ehe mit einer normalen Ehe zwischen Vater und Mutter etwa gehört tendenziell ebenso unabdingbar zu diesem neuen Konzept des Menschlichen dazu wie die völlige Freiheit der Entscheidung zur Abtreibung in jedem Monat der Schwangerschaft. Abtreibung ist hier ein Menschenrecht. Natürlich kann ein Embryo deshalb kein Mensch sein. Und so weiter. Es ist die moderne Welt, die uns da entgegenkommt – und es ist schon lange keine Morgenröte mehr. Es ist eine Geistesströmung, mächtiger als der Amazonas, die zum Mainstream der Medien, der Universitäten und Politik geworden ist. Wer seine Stimme zu einem Einwand erhebt, wird da rasch ein „Hassredner“, von einem Terroristen kaum noch zu unterscheiden. Ja, es ist gefährlich geworden, gegen die Gender-Ideologie zu sein, in Redaktionen, in Wahlkreisen, und natürlich auch auf den Kanzeln. Und es macht sich gut und zahlt sich aus, radikal dafür zu sein. Barack Obama ist nicht nur mit you-tube und dem Internet, sondern auch auf diesem höchst modernen Ticket an die Macht getragen worden.

„Ganz Gallien“ scheint also besiegt. Ganz Gallien? – Nein, in einem winzigen Winkel Europas, im Zwergstaat des Vatikans, hat der letzte Monarch der alten Welt es gestern Morgen noch einmal gewagt, in seinen weißen Gewändern jenes ältere Menschenbild Europas und der Christenheit in Erinnerung zu rufen, das es zu verteidigen gelte, wenn die Menschheit nicht insgesamt großen Schaden nehmen wolle. „Das, was oft mit dem Begriff ‚gender’ zum Ausdruck gebracht wird“, sagte Papst Benedikt XVI. den Mitgliedern der Römischen Kurie in einer Grundsatzrede zum Weihnachtsfest, komme am Ende einer Lösung „des Menschen von der Schöpfung“ gleich. So lebe der Mensch „aber gegen die Wahrheit, gegen den Schöpfergeist. Die Regenwälder verdienen durchaus unsern Einsatz zu ihrem Schutz, aber nichtsdestoweniger bedarf auch der Mensch als Geschöpf unsern Schutz, denn in ihn ist eine Botschaft eingeschrieben, die keineswegs die Freiheit des Menschen mindert, sondern deren Voraussetzung ist.“ Die Kirche müsse deshalb „nicht nur die Erde, das Wasser und die Luft als Gaben der Schöpfung verteidigen“, sondern sie „auch den Menschen vor der Selbstzerstörung schützen. Es ist eine im rechten Sinne verstandene Ökologie des Menschen notwendig.”– Anders als in Regensburg war ihm hier durchaus bewusst, auf welches Minenfeld er sich mit seinen wenigen Worten dieser in den „Menschen eingeschriebenen Botschaft“ begeben hat. Es ist auch die genetisch eingeschrieben Botschaft einer fundamentalen Ungleichheit des Menschen. Die Rede war nicht weniger brisant, diesmal jedoch nicht für das Verhältnis der Kirche zum Islam, sondern für das Verhältnis der Christen zum Imperium des Relativismus.

Es dauerte deshalb nur Stunden, bis dieses Imperium zurückschlug, nicht mehr wie zu Asterix’ Zeiten aus Rom, sondern heute aus London. Nur Stunden nach der Rede behauptete etwa BBC-World, der Papst habe gesagt, es sei „ebenso wichtig, die Menschheit vor homosexuellem oder transsexuellen Verhalten zu bewahren, wie den Regenwald zu schützen.“ Das aber hat er genau nicht gesagt. Benedikt XVI. hat nicht das Verhalten der Schwulen verteufelt, er hat es nicht einmal angesprochen. Er hat vom Menschenbild der Christenheit gesprochen, das es gegen das neue Menschenbild der allerneuesten Menschen zu verteidigen gelte. Nichts eignet sich freilich heute schon besser als Totschlagargument als die so genannte „Homophobie“, die – wenn es so weiter geht –  bald wohl allen anderen gesellschaftlichen Ächtungen den Rang abgelaufen hat. Jeder, der die katholische Kirche von Nahem kennt, ob in Rom oder an anderen Orten, weiß, dass in ihr de facto mehr Schwule wahre Heimat und ein respektiertes Unterkommen gefunden haben als in jeder anderen Groß-Organisation der Welt – wenn auch in einem fast ebenso aussichtslosen wie altertümlichen Bestreben nach Keuschheit, in dem viele Kleriker, ob Schwule wie Heteros, immer wieder auch der Versuchung der Unkeuschheit erliegen. Das freilich ist ein anderes Thema, um das es gestern in der etwas anderen Weihnachtsrede des Papstes noch weniger ging als um ordinäres Schwulen-Bashing. In seiner Verteidigung einer Schöpfungsordnung, nach der Mann und Frau verschieden und auf den Erhalt der Menschheit hin geschaffen sind, hat Benedikt sich vielmehr mitten in eine höchst dramatische Auseinandersetzung begeben, die noch als einer unserer wesentlichen Konflikte die nahe und fernere Zukunft bestimmen wird.

(Zuerst veröffentlicht in „Die Welt“ vom 23.12.2008).

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Selbstzerstörung des Menschen und so Zerstörung von Gottes Werk

Benedikt XVI. – Licht des Glaubens: es ist nicht ‚überholte Metaphysik’, wenn die Kirche von der Natur des Menschen als Mann und Frau redet und das Achten dieser Schöpfungsordnung einfordert.

Von Armin Schwibach

Rom (kath.net/as – 23 Juli 2018, 13:00) „Die Regenwälder verdienen unseren Schutz, ja, aber nicht weniger der Mensch als Geschöpf, dem eine Botschaft eingeschrieben ist, die nicht Gegensatz zu unserer Freiheit, sondern ihre Bedingung bedeutet.“

Vier Dimensionen der „Pneumatologie“, der Lehre vom Heiligen Geist: sie setzte Benedikt XVI. in seiner Weihnachtsansprache an die Römische Kurie vom 22. Dezember 2008 auseinander. Anlass dazu boten zwei besonderen Ereignisse des Heiligen Geistes, die in jenem Jahr stattfanden: der Weltjugendtag in Sydney sowie die Weltbischofssynode zum Wort Gottes, deren Inhalte dann im Nachsynodalen Apostolischen Schreiben „Verbum Domini“ (30. September 2010) zusammengefasst werden sollten:

„So wird mit dem Thema Heiliger Geist, das die Tage in Australien und hintergründig die Wochen der Synode prägte, die ganze Weite des christlichen Glaubens sichtbar, die von der Verantwortung für die Schöpfung und das schöpfungsgemäße Sein des Menschen über die Themen Schrift und Heilsgeschichte zu Christus führt und von da aus in die lebendige Gemeinschaft der Kirche hinein, in ihre Ordnungen und Verantwortungen wie in ihre Weite und Freiheit, die sich in der Vielzahl der Charismen ebenso wie im pfingstlichen Bild von der Vielzahl der Sprachen und Kulturen ausdrückt“.

Aber nicht nur das Thema „Heiliger Geist“ rückte der Papst in den Fokus. Vielmehr diente ihm die Reflexion über die Schöpfungsordnung dazu, die sogenannte Selbstemanzipation des Menschen herauszustellen. Er tat dies mit einer Reflexion über den Begriff des „Gender“, wo deutlich werde: es gehe um „Selbstzerstörung des Menschen und so Zerstörung von Gottes eigenem Werk“.

Benedikt XVI. ging davon aus, dass der Glaube an den Schöpfer ein wesentlicher Teil des christlichen Credo ist. Daher könne sich die Kirche nicht damit begnügen, ihren Gläubigen die Botschaft des Heils auszurichten: „sie trägt Verantwortung für die Schöpfung und muss diese Verantwortung auch öffentlich zur Geltung bringen. Und sie muss dabei nicht nur die Erde, das Wasser und die Luft als Schöpfungsgaben verteidigen, die allen gehören. Sie muss auch den Menschen gegen die Zerstörung seiner selbst schützen. Es muss so etwas wie eine Ökologie des Menschen im recht verstandenen Sinn geben“.

Es sei nicht „überholte Metaphysik“, wenn die Kirche von der Natur des Menschen als Mann und Frau rede und das Achten dieser Schöpfungsordnung einfordere: „da geht es in der Tat um den Glauben an den Schöpfer und das Hören auf die Sprache der Schöpfung, die zu missachten Selbstzerstörung des Menschen und so Zerstörung von Gottes eigenem Werk sein würde“.

Was in dem Begriff „Gender“ vielfach gesagt und gemeint werde, laufe letztlich auf die „Selbstemanzipation des Menschen von der Schöpfung und vom Schöpfer“ hinaus:

„Der Mensch will sich nur selber machen und sein Eigenes immer nur selbst bestimmen. Aber so lebt er gegen die Wahrheit, lebt gegen den Schöpfergeist. Die Regenwälder verdienen unseren Schutz, ja, aber nicht weniger der Mensch als Geschöpf, dem eine Botschaft eingeschrieben ist, die nicht Gegensatz zu unserer Freiheit, sondern ihre Bedingung bedeutet.

Große Theologen der Scholastik haben die Ehe, die lebenslange Verbindung von Mann und Frau als Schöpfungssakrament bezeichnet, das der Schöpfer selbst eingesetzt und das Christus dann – ohne die Schöpfungsbotschaft zu verändern – in die Heilsgeschichte als Sakrament des Neuen Bundes aufgenommen hat. Zur Verkündigungsaufgabe der Kirche gehört das Zeugnis für den Schöpfergeist in der Natur als Ganzer und gerade auch in der Natur des gottebenbildlichen Menschen. Von da aus sollte man die Enzyklika „Humanae vitae“ neu lesen: Papst Paul VI. ging es darin darum, die Liebe gegen Sexualität als Konsum, die Zukunft gegen den Alleinanspruch der Gegenwart und die Natur des Menschen gegen ihre Manipulation zu verteidigen“.

In Zeiten, in denen unter dem Vorwand des Wirkens des Heiligen Geistes und seiner „Überraschungen“ über alles Mögliche geredet und alles Mögliche „gerechtfertigt“ wird, lohnt es sich besonders, sich mit den entschlossenen und meditativen Ausführungen Benedikts XVI. auseinanderzusetzen.

Aus der Weihnachtsansprache an das Kardinalskollegium und die Mitglieder der Römischen Kurie am 22. Dezember 2008: 

Freude als Frucht des Heiligen Geistes – damit sind wir beim zentralen Thema von Sydney angelangt, das eben der Heilige Geist gewesen ist. Die Wegweisung, die darin liegt, möchte ich in diesem Rückblick noch einmal zusammenfassend andeuten. Wenn man sich das Zeugnis von Schrift und Überlieferung vor Augen hält, kann man unschwer vier Dimensionen des Themas Heiliger Geist erkennen.

1. Da ist zuerst die Aussage, die uns vom Anfang des Schöpfungsberichts her entgegenkommt: Er erzählt uns von dem Schöpfergeist, der über den Wassern schwebt, die Welt erschafft und immer wieder erneuert. Glaube an den Schöpfergeist ist ein wesentlicher Inhalt des christlichen Credo. Daß die Materie mathematische Struktur in sich trägt, geisterfüllt ist, ist die Grundlage, auf der die moderne Naturwissenschaft beruht. Nur weil Materie geistig strukturiert ist, kann unser Geist sie nachdenken und selbst gestalten. Daß diese geistige Struktur von dem gleichen Schöpfergeist kommt, der auch uns Geist geschenkt hat, bedeutet Auftrag und Verantwortung zugleich.

Im Schöpfungsglauben liegt der letzte Grund unserer Verantwortung für die Erde. Sie ist nicht einfach unser Eigentum, das wir ausnützen können nach unseren Interessen und Wünschen. Sie ist Gabe des Schöpfers, der ihre inneren Ordnungen vorgezeichnet und uns damit Wegweisungen als Treuhänder seiner Schöpfung gegeben hat. Daß die Erde, der Kosmos, den Schöpfergeist spiegeln, bedeutet auch, daß ihre geistigen Strukturen, die über die mathematische Ordnung hinaus im Experiment gleichsam greifbar werden, auch sittliche Weisung in sich tragen. Der Geist, der sie geformt hat, ist mehr als Mathematik – er ist das Gute in Person, das uns durch die Sprache der Schöpfung den Weg des rechten Lebens zeigt.

Weil der Glaube an den Schöpfer ein wesentlicher Teil des christlichen Credo ist, kann und darf sich die Kirche nicht damit begnügen, ihren Gläubigen die Botschaft des Heils auszurichten. Sie trägt Verantwortung für die Schöpfung und muß diese Verantwortung auch öffentlich zur Geltung bringen. Und sie muß dabei nicht nur die Erde, das Wasser und die Luft als Schöpfungsgaben verteidigen, die allen gehören. Sie muß auch den Menschen gegen die Zerstörung seiner selbst schützen. Es muß so etwas wie eine Ökologie des Menschen im recht verstandenen Sinn geben. Es ist nicht überholte Metaphysik, wenn die Kirche von der Natur des Menschen als Mann und Frau redet und das Achten dieser Schöpfungsordnung einfordert. Da geht es in der Tat um den Glauben an den Schöpfer und das Hören auf die Sprache der Schöpfung, die zu mißachten Selbstzerstörung des Menschen und so Zerstörung von Gottes eigenem Werk sein würde. Was in dem Begriff „Gender“ vielfach gesagt und gemeint wird, läuft letztlich auf die Selbstemanzipation des Menschen von der Schöpfung und vom Schöpfer hinaus.

Der Mensch will sich nur selber machen und sein Eigenes immer nur selbst bestimmen. Aber so lebt er gegen die Wahrheit, lebt gegen den Schöpfergeist. Die Regenwälder verdienen unseren Schutz, ja, aber nicht weniger der Mensch als Geschöpf, dem eine Botschaft eingeschrieben ist, die nicht Gegensatz zu unserer Freiheit, sondern ihre Bedingung bedeutet. Große Theologen der Scholastik haben die Ehe, die lebenslange Verbindung von Mann und Frau als Schöpfungssakrament bezeichnet, das der Schöpfer selbst eingesetzt und das Christus dann – ohne die Schöpfungsbotschaft zu verändern – in die Heilsgeschichte als Sakrament des Neuen Bundes aufgenommen hat. Zur Verkündigungsaufgabe der Kirche gehört das Zeugnis für den Schöpfergeist in der Natur als Ganzer und gerade auch in der Natur des gottebenbildlichen Menschen. Von da aus sollte man die Enzyklika „Humanae vitae“ neu lesen: Papst Paul VI. ging es darin darum, die Liebe gegen Sexualität als Konsum, die Zukunft gegen den Alleinanspruch der Gegenwart und die Natur des Menschen gegen ihre Manipulation zu verteidigen.

2. Nur noch ein paar kurze Andeutungen zu den anderen Dimensionen der Pneumatologie. Wenn der Schöpfergeist sich zunächst in der schweigenden Größe des Alls, in seiner geistigen Struktur zeigt, so sagt uns der Glaube darüber hinaus das Überraschende, daß dieser Geist sozusagen auch in Menschenwort redet, in die Geschichte eingetreten und als geschichtsgestaltende Kraft auch sprechender Geist ist, ja, Wort, das uns in den Schriften des Alten und des Neuen Testaments begegnet. Was das für uns bedeutet, hat der heilige Ambrosius in einem Brief wunderbar ausgedrückt: „Auch jetzt ergeht sich Gott im Paradies, während ich die göttlichen Schriften lese“ (Ep 49, 3). Die Schrift lesend können wir gleichsam auch heute im Paradiesesgarten Gottes herumgehen und dem dort wandernden Gott begegnen: Zwischen dem Thema des Weltjugendtags in Australien und dem Thema der Bischofssynode besteht ein tiefer innerer Zusammenhang.

Die beiden Themen Heiliger Geist und Wort Gottes gehören zusammen. Die Schrift lesend lernen wir aber auch, daß Christus und der Heilige Geist untrennbar voneinander sind. Wenn Paulus dramatisch zugespitzt sagt: „Der Herr ist der Geist“ (2 Kor 3, 17), so erscheint nicht nur hintergründig die trinitarische Einheit von Sohn und Heiligem Geist, sondern vor allem ihre heilsgeschichtliche Einheit: In der Passion und Auferstehung Christi werden die Schleier der bloßen Buchstäblichkeit zerrissen und die Gegenwart des jetzt sprechenden Gottes sichtbar. Die Schrift mit Christus lesend lernen wir, die Stimme des Heiligen Geistes in den Menschenworten zu hören, und entdecken die Einheit der Bibel.

3. Damit sind wir schon bei der dritten Dimension der Pneumatologie angelangt, die eben in der Untrennbarkeit von Christus und Heiligem Geist besteht. Vielleicht am schönsten erscheint sie im Bericht des heiligen Johannes über die erste Erscheinung des Auferstandenen vor der Jüngergemeinschaft: Der Herr haucht die Jünger an und schenkt ihnen so den Heiligen Geist. Der Heilige Geist ist der Atem Christi. Und wie Gottes Atem am Schöpfungsmorgen den Lehm zum lebendigen Menschen gemacht hatte, so nimmt uns Christi Atem in die Seinsgemeinschaft mit dem Sohn auf, macht uns zu neuer Schöpfung. Deshalb ist es der Heilige Geist, der uns mit dem Sohn sagen läßt: „Abba, Vater!“ (Joh 20, 22; Röm 8, 15).

4. So ergibt sich als vierte Dimension der Zusammenhang von Geist und Kirche ganz von selbst. Paulus hat in 1 Kor 12 und Röm 12 die Kirche als Leib Christi und gerade so als Organismus des Heiligen Geistes geschildert, in dem die Gaben des Heiligen Geistes die einzelnen zu einem lebendigen Ganzen zusammenformen. Der Heilige Geist ist der Geist des Leibes Christi. Im Ganzen dieses Leibes finden wir unsere Aufgabe, leben wir füreinander und voneinander, zutiefst von dem lebend, der für uns alle gelebt und gelitten hat und uns durch seinen Geist an sich zieht zur Einheit aller Kinder Gottes. „Willst auch du vom Geist Christi leben? So sei im Leib Christi“, sagt Augustinus dazu (Joh 26, 13).

So wird mit dem Thema Heiliger Geist, das die Tage in Australien und hintergründig die Wochen der Synode prägte, die ganze Weite des christlichen Glaubens sichtbar, die von der Verantwortung für die Schöpfung und das schöpfungsgemäße Sein des Menschen über die Themen Schrift und Heilsgeschichte zu Christus führt und von da aus in die lebendige Gemeinschaft der Kirche hinein, in ihre Ordnungen und Verantwortungen wie in ihre Weite und Freiheit, die sich in der Vielzahl der Charismen ebenso wie im pfingstlichen Bild von der Vielzahl der Sprachen und Kulturen ausdrückt.

Zum Fest gehört die Freude, hatten wir gesagt. Das Fest kann man organisieren, die Freude nicht. Sie kann nur geschenkt werden, und sie ist uns geschenkt worden in reichem Maß: Dafür sind wir dankbar. Wie Paulus die Freude als Frucht des Heiligen Geistes kennzeichnet, so hat auch Johannes in seinem Evangelium Geist und Freude ganz eng miteinander verknüpft. Der Heilige Geist schenkt uns die Freude. Und er ist die Freude. Die Freude ist die Gabe, in der alle anderen Gaben zusammengefaßt sind. Sie ist Ausdruck für das Glück, für das Einssein mit sich selbst, das nur aus dem Einssein mit Gott und mit seiner Schöpfung kommen kann.

Zum Wesen der Freude gehört es, daß sie ausstrahlt, daß sie sich mitteilen muß. Der missionarische Geist der Kirche ist nichts anderes als der Drang, die Freude mitzuteilen, die uns geschenkt wurde. Daß sie in uns allezeit lebendig sei und so auf die Welt in ihren Drangsalen ausstrahle, das ist meine Bitte am Ende dieses Jahres. Verbunden mit dem herzlichen Dank für all Ihr Mühen und Wirken wünsche ich Ihnen allen, daß diese von Gott kommende Freude uns auch im neuen Jahr reichlich geschenkt werde.

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Weihbischof Andreas Laun (Salzburg): Hinter der Gender-Ideologie steht die Lüge des Teufels!

Weihbischof Andreas Laun (Salzburg) auf der DEMO FÜR ALLE am 28.2.16 in Stuttgart

Ein Hirtenbrief an meine Diözese Libertina: Im Namen Gottes, um der bedrohten Menschen willen warne ich mit größter Eindringlichkeit vor der Gender-Ideologie! Ein kath.net-Klartext von Bischof Andreas Laun, Salzburg.

Aus dem Internet erfährt man: Die „Titularbistümer“ in der katholischen Kirche und Bischöfe, die ihnen zugeordnet werden, sollen „die Erinnerung an historische, aber verlorene Bistümer wachhalten“. Nun, mir wurde eine solche Diözese namens „Libertina“, im nördlichen Tunesien (oder in Libyen) gelegen, zugeteilt. Sie gehörte zur Kirchenprovinz von Karthago und ging wohl im 7. Jahrhundert, im muslimischen Eroberungssturm, zugrunde. Diese Art von Diözesen, die erloschen sind, gibt es, weil die katholische Kirche ihre „Verstorbenen“ nicht vergisst, auch nicht eine verstorbene Diözese. Zur Erinnerung an Libertina hat mir die Kirche den Titel eines „Titularbischofs von Libertina“ verliehen. Libertina liegt in Tunesien oder Libyen, ganz sicher scheint das nicht zu sein.

Liebe Christen, ich weiß, in „meiner Diözese“ gibt es vermutlich mehr Skorpione und Kamele als Christen und natürlich viele Muslime, die Jesus Christus leider noch nicht kennen. Wie komme ich dazu, einen „Hirtenbrief“ für Euch zu schreiben? Ich kann nichts für die dortigen Menschen tun, außer für sie zu beten! Aber heute schreibe ich diesen „Hirtenbrief“ in der Hoffnung, dass ihn auch „Nicht-Libertiner“ lesen werden. Damit möchte ich die warnende Stimme des Papstes, vieler Kardinäle (etwa Kardinal Sarah) und Bischöfe in der Weltkirche verstärken. Sollte diese „Stimme“ auch „echte Libertiner“ erreichen, umso besser.

Natürlich möchte ich beginnen mit der für jeden Menschen bestimmten Botschaft, dass Gott sich angesichts unserer Ausweglosigkeit „selbst überboten“ hat, indem Er selbst sich unter uns gemischt hat, um uns zu helfen. Er ist, wie die heilige Katarina von Siena zu sagen wagte, geradezu „verrückt“ geworden aus Sehnsucht nach und Liebe zu uns. Was da geschehen ist, konnte sich niemand vorstellen, hat sich keine Religion zu denken gewagt, aber es ist einfach wirklich geschehen! Das zu sagen, war der Grund auch für mich, Bischof zu werden. Ein Indianer, der einem Stamm im Brasilianischen Urwald angehörte und dem erst in unserer Zeit ein Missionar diese Geschichte erzählte, soll geantwortet haben: „Das war vor 2000 Jahren und ihr kommt erst jetzt, uns das zu erzählen?“

Na ja, dazu gäbe es viel zu sagen, aber heute möchte ich etwas ganz Wichtiges hinzufügen: Gott, könnte man sagen, ist nicht allein da, unter uns wirkt, im Grunde zwar unterlegen, aber viel Böses bewirkend, auch sein Gegenspieler, der Teufel, der zäh und grausam nicht aufhört, Menschen auf seine Seite zu ziehen, hinein in den Abgrund des Leidens und sogar ewigen Unglücks.

Gott hat uns zwar versichert, dass letztlich ER, Gott, den Kampf gewinnen wird, und das weiß auch der Teufel. Aber bis dahin geht der Kampf weiter, und wir Menschen müssen, ob wir Lust dazu haben oder auch nicht, uns entscheiden, mitkämpfen, mit den Waffen, die Gott uns gibt. Mit diesen sind wir unbesiegbar, aber nicht unverwundbar.

Auch darüber müsste ich länger sprechen, doch für heute nur dies: In unserer Zeit gab es bereits zwei besonders teuflische Auseinandersetzungen zwischen Gott und Seinem und unserem Feind gegeben, den Nationalsozialismus und den Kommunismus, die unendlich viel Leid über die Menschen brachten. Beide gründeten in gewaltigen Lügen über Gott und die Menschen.

Man hätte es bis vor einigen Jahren nicht geglaubt, aber heute ist wieder eine grauenhafte Lüge groß und mächtig geworden. Sie nennt sich Gender, sie greift die Menschen in ihrer Intimsphäre an. Papst Franziskus nannte diese Theorie „dämonisch“ und das ist sie auch! Sie greift vor allem auch nach den Kindern und zerstört die Liebe zwischen Mann und Frau, die Familie, die Gott sich als besonderes Geschenk für uns Menschen ausgedacht und erschaffen hat, vor allem auch, damit wir Menschen uns Seine Liebe zu uns besser vorstellen können!

Der Teufel ist ein Meister des Lügens und er hat durch seine Erfahrung mit uns längst begriffen, wie leicht und erfolgreich er uns Menschen belügen kann. Es gibt fast keine seiner Lügen, auf die die Menschen nicht schon hereingefallen wären. Im Reich Hitlers hat er behauptet, es gäbe Menschen-Rassen, die besser sind als andere Rassen. Vor allem die Juden hat er gehasst und sie als minderwertig hinstellen wollen und zwar nur, weil Gott die Juden besonders geliebt hat. Bei den Kommunisten hat er mit einer anderen Lüge gearbeitet, nämlich dass der Staat alle Menschen enteignen sollte, dass dadurch alle gleich werden und Gerechtigkeit entstehen werde. Aber die Folgen waren in beiden Systemen Diktatur und Ströme von Blut.

Jetzt, mit Gender, lautet die Lüge: Es gibt nicht wirklich Mann und Frau, sondern: Dass die Menschen Frauen oder Männer sind, ist nur Einbildung, in Wirklichkeit sei dieser Unterschied eine Erfindung der Menschen selbst. Daher könne jeder Mensch selbst entscheiden, was er sein will, Mann oder Frau, und nur deswegen gibt es Männer und Frauen. Zu sagen, es gäbe sie wirklich, nennen die Ideologen abschätzig „Zwangsheterosexualität“. Besonders gefällt dem Teufel bei dieser Lüge, dass es irgendwie gestörte Männer und Frauen gibt, die anatomisch eine kleine Missbildung haben oder eine sexuelle Anziehung zum eigenen Geschlecht verspüren und damit seine Lüge zu bestätigen scheinen.

Nimmt man seine Lüge ernst, gäbe es eine menschliche Gesellschaft ohne den Unterschied von Mann und Frau, weil dieser ja nur gemacht (konstruiert) worden wäre, und daher sozusagen auch wieder „abgerissen“ (dekonstruiert) werden könnte wie ein illegal gebautes Haus. Darüber, dass nur Frauen Kinder gebären können, schweigen sie, aber sie behaupten immerhin, dass Männer genauso gut wie Frauen für Kinder sorgen können und dass daher auch Homosexuellen erlaubt sein müsse, Kinder zu adoptieren. In dieser Lüge steckt auch eine uralte Verachtung des Leibes, der angeblich keine wirkliche, keine bestimmende Bedeutung habe, nur Material wäre, mit dem Menschen machen können, was immer sie wollen und können.

Die Menschen sind zu dieser „Religion des Teufels“ bereits scharenweise verführt worden. Das gelang unter anderem deswegen, weil die Lüge mit einem harmlosen, sogar guten Werbeslogan auftrat: Es gehe nur um Gleichberechtigung von Mann und Frau. Die Gleichberechtigung ist längst ein anerkanntes Prinzip, gerade auch für Christen. Aber bei Gender geht es eben um viel, viel mehr. Der „harte Kern“ der Ideologie wird oft nicht erkannt, wird nicht ernst genommen. Viele sind nur beunruhigt, denken aber: Nicht so schlimm, man werde schon durchtauchen. Natürlich hat auch diese Lüge ihr Ablaufdatum, die Frage aber bleibt: Wann – und was wird sie bis zu diesem Datum angerichtet haben?

Die Menschen durchschauen die Lüge auch deswegen nicht so leicht, weil der Kerngedanke so verrückt ist, dass die Menschen es eigentlich nicht für möglich halten, dass „das“ gemeint sein könnte, nämlich die Selbstbestimmung des Menschen, ob er Mann oder Frau sein wolle. Die Gender- Ideologie führt dann zu skurrilen Dummheiten wie die Ersetzung von Begriffen wie Vater und Mutter durch „Elter 1“ oder „Elter 2“. Oder, um noch ein Beispiel zu nennen, die Umrüstung von Verkehrszeichen auf männliche und weibliche Figürchen!

Etliche Regierungen haben beschlossen, diese Ideologie als „Gendermainstreaming“ zu unterstützen: Man hat Lehrstühle dafür errichtet, man zwingt Studenten und Schüler, Kurse zu machen und nur „gegenderte“ Prüfungsarbeiten abzugeben, man passt Formulare an, man passt die Sprache an, soweit dies geht. Auch die Anerkennung einer homosexuellen Beziehung als Ehe oder wenigstens als anerkannte Partnerschaft gehört dazu. Auch die massive Förderung der Kinderkrippen (Kitas) liegt auf dieser Linie, weil diese Einrichtung – für Notfälle wichtig –, zum Instrument einer Art Verstaatlichung der Kinder gemacht wird. Diese Maßnahmen setzen sich fort in einer „Sexualpädagogik der Vielfalt“, die den Kindern in der Schule aufgezwungen wird gegen den Willen der Eltern! Kinder sollen lernen, alle sexuelle Beziehungen und verschiedene Formen des Zusammenlebens als gleichwertig anzuerkennen! Das heißt dann logisch noch mehr: Während man Pädophilie angeblich ablehnt und bestraft, halten besonders radikale Ideologen wie J. Butler sogar inzestuöse Verbindungen für möglich und auch sonst jede Abweichung von bisher gültigen Normen. In Personalausweisen soll das Geschlecht nicht mehr genannt werden, Transvestismus und Geschlechtsumwandlungen gelten als denkbar und sogar wünschenswert.

Leider ist die Genderideologie auch in christliche Kreise eingedrungen; vor allem in die protestantischen Gemeinschaften (z. B. mit Studienzentren für feministische, geschlechterbewusste Theologie). Das ist wahr auch in bestimmten, angeblich katholischen Organisationen, die sich eine „geschlechtergerechte Kirche“ im Sinne von Gender fordern!

Aber katholische Kirche wehrt sich wie niemand sonst:

Papst Franziskus hat Gender verurteilt, ebenso Papst Benedikt XVI., der hl. Papst Johannes Paul II. kannte diese Irrlehre noch nicht, aber in seinem Lehren steckt schon alle Begründung für das Nein zu Gender! Inzwischen haben schon mehrere Bischofskonferenzen Stellung bezogen, auch afrikanische! Besonders klar gegen Gender ist auch die Stimme Kardinal Sarahs in seinem Buch „Gott oder nichts!“

Liebe Gläubige, hinter der Gender-Ideologie steht die Lüge des Teufels, und auch diese Lüge bringt Unglück über die Menschen, wie alle seine Lügen im Lauf der Geschichte.

Zu Eurer Hilfe setze ich noch einen Text über die Familie hinzu:

Familie

Was ist Ehe, was ist eine Familie? Bis vor kurzem hätte jeder Mensch diese Frage nicht für eine Frage gehalten, weil er sich der Antwort sicher gewesen wäre. Für Christen ist die Antwort zudem biblisch abgesichert und sie können mit Leichtigkeit antworten: „Gott schuf den Menschen als Mann und Frau, ihre Verbindung nennt man Ehe und daraus wird in den meisten Fällen durch die Kinder eine ‚Familie‘!“ Heute scheint das vielen Menschen das alles nicht mehr so klar zu sein, vor allem diejenigen, die in der Tradition des Marxismus stehen, bekämpfen die Familie sogar und wollen sie durch andere „Formen des Zusammenlebens“ ersetzt wissen. Spöttisch und abwertend sprechen sie von der „traditionellen“ Familie und wollen diese nur noch als eine eigentlich überholte Lebensform gelten lassen. Entsprechend schauen die neuen „Angebote“ aus, die an die Menschen herangetragen werden. Ganz allgemein wird die dauerhafte und treue eheliche Bindung von Mann und Frau hinausgeschoben, gelockert, angezweifelt, für unmöglich und unnötig gehalten.

Papst Johannes Paul II. (FC Nr. 4) hat diese Entwicklungen vorausgeahnt. Sie werden, sagte er schon 1981, „von mächtigen und weitverzweigten Organisation der Medien gestützt, welche die Freiheit und die Fähigkeit zur objektiven Beurteilung unterschwellig gefährden.“ Papst Johannes Paul II. (FC 6) sieht „Anzeichen einer „besorgniserregenden Verkümmerung fundamentaler Werte“ und die Gefahr „irriger theoretischer und praktische Auffassungen“ über Ehe und Familie. Darum müssen sich die Gläubigen, also die ganze Kirche, als kritisches Gewissen einer „Familienkultur“ (FC 7) erweisen und an dieser arbeiten.

Was die Kirche über Ehe und Familie sagt, hat Papst Johannes Paul II. so ausgedrückt:

„Gott ist Liebe… Indem er den Menschen nach seinem Bild erschafft, prägt Gott der Menschennatur des Mannes und der Frau die Berufung und daher auch die Fähigkeit und die Verantwortung zu Liebe und Gemeinschaft ein. Die Liebe ist demnach die grundlegende und naturgemäße Berufung jedes Menschen. Als Geist im Fleisch, das heißt als Seele, die sich im Leib ausdrückt, und als Leib, der von einem unsterblichen Geist durchlebt wird, ist der Mensch … zur Liebe berufen. Die Liebe schließt auch den menschlichen Leib ein, und der Leib nimmt an der geistigen Liebe teil.“

Daraus ergeben sich folgerichtig die Wesenselemente von Ehe und Familie: Die Treue, die Unauflöslichkeit, die Offenheit für Kinder, die Verbindung dieses Bundes mit Gott selbst!

Die genannte Bedrohung von Ehe und Familie sahen auch die nachfolgenden Päpste und in unseren Tagen motivierte sie Papst Franziskus, eine Synode dem Thema Familie zu widmen.

Worin besteht die Bedrohung konkret? Heute vor allem in der Gender-Bewegung, die Papst Franziskus in Gegenwart der Österreichischen Bischöfe „dämonisch“ genannt hat.

Bis vor nicht langer Zeit kannte die Öffentlichkeit diese Theorie noch nicht. Das englische Wort Gender heißt eigentlich nur „Geschlecht“. Die Gender-Theorie schaffte ihren Durchbruch auf der Weltfrauenkonferenz in Peking 1995. Viele Menschen glauben, es ginge dabei nur um „Gleichberechtigung von Mann und Frau“. Dagegen wäre nichts einzuwenden. Aber der Bewegung geht es um Anderes.

Jetzt wiederhole ich das schon Gesagte. Die „Genderbewegung“ behauptet: Es gibt nicht Männer und Frauen, wie man bisher glaubte! Nach einem Wort von Simone de Beauvoir kommt niemand als Mann oder Frau zur Welt, sondern wird erst im Lauf seines Lebens dazu „gemacht“ durch seine Eltern, durch die Umwelt, in der er aufwächst, durch die Gesellschaft und ihre Normen. Heute geht man noch einen großen Schritt weiter: Jeder Mensch, sagt man, könnte sein Geschlecht selbst bestimmen und habe darum auch das Recht dazu. Also gibt es kein von dem Leib vorgegebenes Geschlecht, sondern das Geschlecht bestimmt der Einzelne sich selbst mit seinem freien Willen. Darin enthalten ist logisch zwingend die Behauptung: Der Leib ist unwichtig, störend, ein Gefängnis, dessen Riegel unsere souveräne, gottgleiche Freiheit über alles und jedes aufbrechen muss!

Die Theologie des Leibes und der Liebe, wie sie vor allem der hl. Papst Johannes Paul II. entfaltet hat, will man nicht dulden, man stellt ihr die Theorie absoluter Freiheit entgegen. Es handelt sich bei diesem Menschenbild der Gendertheorie um die radikalste Leibfeindlichkeit, die es in der Geschichte gab: Der Leib ist nichts, die Selbstbestimmung alles!

Dieses „neue“ Menschenbild – Papst Benedikt sprach von einer „anthropologischen Revolution“ – will man nicht nur vertreten oder diskutieren, sondern allen Anders-Denkenden aufdrängen.

Um das durchzusetzen, entwickeln die Vertreter dieser „Meinung“ Pläne, um die Kinder möglichst früh in ihrem Sinn zu erziehen. Schon ab dem Kindergarten, spätestens aber in der Schule sollen sie lernen: Alle möglichen Praktiken der Sexualität sind gleichwertig und für normal zu halten. In diesem Sinn gilt die „sexuelle Vielfalt“ als Voraussetzung und Lernziel in der Schule und das gilt für alle Fächer. Zu all dem brauche es auf der einen Seite einen Sexualkunde-Unterricht für Kinder und Jugendliche, der sie auch zu sexuellem Experimentieren ermutigt, und auf der anderen Seite die weitgehende Abschaffung der Eltern-Rechte über ihre Kinder.

Dazu passt: Vom Religions-Unterricht können Eltern ihre Kinder abmelden, nicht aber von der Indoktrination durch Gender-Ideologen!

Der Staat zeigt totalitäre Züge, indem er bis ins Privatleben und ins Denken der Menschen hinein alles zu bestimmen und durch seine Gesetze durchzusetzen versucht. Auch die Religions-Gemeinschaften sollen oder müssen, wenn es nach dem Willen der Gender-Ideologen geht, dazu gebracht werden, diese Theorie anzuerkennen. Dazu setzt man nicht nur Dialoge ein, sondern erste Formen des Zwangs: Diejenigen, die sich widersetzen, sollen keine Unterstützungen mehr bekommen. Zugleich sollen sie der Lächerlichkeit preisgegeben werden, so eine Forderung auf der Weltfrauenkonferenz in Peking. Auch die „Antidiskriminierungsgesetze“ erweisen sich als hilfreich in diesem Kampf gegen die Denkfreiheit, indem man behauptet: Anders zu denken sei eine Diskriminierung derer, die die staatlich vorgeschriebene Gender-Theorie vertreten.

Wenn es in vielen Länder auch noch nicht so weit ist: Aber es gibt bereits Länder, in denen der Lehrer seine Stellung verliert, wenn er sich z. B. wehrt zu „lehren“, dass eine homosexuelle Partnerschaft „genauso gut und richtig“ sei wie eine Ehe von Mann und Frau. Und es gibt auch Länder, in denen man „Mutter“ und „Vater“ ersetzt durch „Elter 1“ und „Elter 2“. Es ist leicht zu verstehen: Wenn es nicht Männer und Frauen im üblichen Sinn gibt, dann gibt es auch keine Familie in dem Sinn, wie sie bis heute verstanden und auch in den Gesetzen vorausgesetzt wird.

Es gehört folgerichtig zur Ideologie der sexuellen Vielfalt, dass es, abgesehen von Pädophilie und sexueller Gewalt, im Bereich der Sexualität keine moralischen Grenzen geben kann. Aber wie sollte die Kirche dann noch von ihrer biblisch begründeten Auslegung der göttlichen Gebote bezüglich der ehelichen Liebe sprechen können?

Antwort der Kirche:

Im „Kompendium der Soziallehre der Kirche“ wird sie sachlich und knapp so beschrieben und zugleich der katholischen Lehre gegenübergestellt:

„Gegenüber denjenigen Theorien, die die Geschlechteridentität lediglich als ein kulturelles und soziales Produkt der Interaktion zwischen Gemeinschaft und Individuum betrachten, ohne die personale sexuelle Identität zu berücksichtigen oder die wahre Bedeutung der Sexualität in irgendeiner Weise in Betracht zu ziehen, wird die Kirche es nicht müde, ihre eigene Lehre immer wieder deutlich zu formulieren: Jeder Mensch, ob Mann oder Frau, muss seine Geschlechtlichkeit anerkennen und annehmen. Die leibliche, moralische und geistige Verschiedenheit und gegenseitige Ergänzung sind auf die Güter der Ehe und auf die Entfaltung des Familienlebens hingeordnet. Die Harmonie des Paares und der Gesellschaft hängt zum Teil davon ab, wie Gegenseitigkeit, Bedürftigkeit und wechselseitige Hilfe von Mann und Frau gelebt werden. Aus dieser Sicht ergibt sich die Verpflichtung, das positive Recht dem Naturgesetz anzugleichen, dem zufolge die sexuelle Identität als objektive Voraussetzung dafür, in der Ehe ein Paar zu bilden, nicht beliebig ist.“

Bei all dem ist zu beachten: Die Kirche erfindet nicht irgendeine eigene Gebote, sondern sie weiß sich dem Wort Gottes verpflichtet und der Vernunft! Die so abgesicherte Wahrheit kann und darf die Kirche nicht ändern wie dies eine Partei mit ihrem Programm tun kann. Sie hat das Wort Gottes zu bewahren und zu bezeugen vor der ganzen Welt, gelegen oder ungelegen! Eigentlich würde sogar der Hausverstand genügen, aber wenn er es nicht täte: In der Bibel steht, was der Mensch ist: Gott schuf den Menschen nicht als Einzelwesen, das aus sich selbst machen kann, was es sein will, sondern als Mann und Frau, berufen dazu, in ehelicher Liebe eins zu werden, Kindern das Leben zu schenken oder nach dem Plan Gottes die Liebe in anderer Form zu leben! Wenn nur die Verbindung von Mann und Frau Ehe ist und Ehe mit Kindern zur Familie wird, ist klar, dass eine wie immer genannte Gemeinschaft von zwei Männern oder zwei Frauen keine Ehe ist und dass dies auch die absolute Mehrheit einer Regierung nicht zu ändern vermag. Wenn man den Mond auch „Sonne“ nennen wollte, würde er doch bleiben, was er ist: Mond mit dem Licht des Mondes!

Im Lauf ihrer Geschichte hatte die Kirche schon oft mit Irrlehren zu kämpfen, aber noch nie mit einem solch absurden Angriff auf ihr jüdisch-christliches Menschenbild, wie er heute im Namen der Gender-Theorie vorgetragen wird.

Dabei geht es nicht nur um einen akademischen Streit um eine Theorie, es geht um das Wohl der Menschen, der Kinder vor allem, und um das Wohl aller Völker! Darum darf die Kirche nicht schweigen – wenn sie schweigt, sündigt sie! Gott wird Rechenschaft von jedem Menschen fordern für all sein Tun oder sein Nicht-Tun, vor allem für ein sündhaftes Schweigen derer, die berufen sind, Wächter zu sein. Nicht nur, aber vor allem den Bischöfen ist ein solches Wächteramt anvertraut.

Für alle Bischöfe, daher auch für mich heißt all das: Im Namen Gottes, um der bedrohten Menschen willen warne ich mit größter Eindringlichkeit vor der Gender-Ideologie!

Ich rufe alle Christen und alle vernünftigen Menschen auf, vor allem jene in politischer Verantwortung, sich zu wehren: im Privatleben, in öffentlichen Kundgebungen, in Leserbriefen und Internet Botschaften und vor allem als Eltern in den Schulen ihrer Kinder. Jeder Mann und jede Frau sollen nach ihren Möglichkeiten, je nach Umständen, mit Liebe und mit der Kraft ihres Verstandes mithelfen! Dazu müssen wir die Grundstruktur der irrigen Ideologie kennen. Und wir brauchen den Mut, um nicht zu schweigen, sondern um uns zu wehren!

Folgende Geschichte berichtet der Slowake Vladimir Palko: Präsident Obama sagte zu Kardinal Timothy Dolan, dem Vorsitzenden der US-amerikanischen katholischen Bischofskonferenz, auch die katholische Kirche müsse sich anpassen und in ihren Krankenhäusern Abtreibung ermöglichen. Dazu habe sie nur noch wenig Zeit. Der Kardinal antwortete: „Herr Präsident, wir brauchen keine Zeit, weil wir uns nicht anpassen werden!“

Diese Geschichte gilt auch für den Kampf gegen Gender. Der Kampf wird noch heftiger werden. Ich bitte euch alle mitzuhelfen. Wir müssen uns das mutige Wort der Apostel vor Augen halten: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen!“ (Apg 5,29). Wir erinnern an die Worte von Papst Benedikt XVI., der schon 2012 sagte: „Wo die Freiheit des Machens zur Freiheit des Sich-selbst-Machens wird, wird notwendigerweise der Schöpfer selbst geleugnet und damit am Ende auch der Mensch als göttliche Schöpfung, als Ebenbild Gottes im Eigentlichen seines Seins entwürdigt. Im Kampf um die Familie geht es um den Menschen selbst. Und es wird sichtbar, dass dort, wo Gott geleugnet wird, auch die Würde des Menschen sich auflöst. Wer Gott verteidigt, verteidigt den Menschen“. Ebenso Papst Franziskus: Im Anschluss an die Naturrechts-Tradition der Katholischen Kirche und an einen markanten Begriff von Papst Benedikt XVI. schreibt Papst Franziskus (in seinem Lehrschreiben „Laudato si“ Nr. 155): „Humanökologie beinhaltet auch einen sehr tiefgründigen Aspekt: die notwendige Beziehung des Lebens des Menschen zu dem moralischen Gesetz, das in seine eigene Natur eingeschrieben ist… Papst Benedikt XVI. sagte, dass es eine „Ökologie des Menschen“ gibt, denn „auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muss und die er nicht beliebig manipulieren kann.“ … Das Akzeptieren des eigenen Körpers als Gabe Gottes ist notwendig, um die ganze Welt als Geschenk des himmlischen Vaters und als gemeinsames Haus zu empfangen und zu akzeptieren… Ebenso ist die Wertschätzung des eigenen Körpers in seiner Weiblichkeit oder Männlichkeit notwendig, um in der Begegnung mit dem anderen Geschlecht sich selbst zu erkennen.“

Wir Christen müssen mit allen Menschen guten Willens und klaren Verstandes zusammenarbeiten, damit Ehe und Familie, wie Gott sie geschaffen hat, wieder erkannt und anerkannt werden!

Ein homosexuell orientierter Mensch schrieb mir neulich voll Wut: „Die Bibel wurde auch nur von Menschen geschrieben. Wir werden eine neue Weltordnung schaffen, die komplette Gleichstellung ist nahe!“ Man mag lächeln, aber in einem Punkt ist der Satz zutreffend: Das ist die Absicht, und „man“ will sie mit allen Mitteln durchsetzen. Der „Marsch durch die Institutionen hat schon begonnen! Wir müssen ihn stoppen. Es geht diesen Leuten um die Schaffung eines neuen Menschen, wir Christen bleiben vereint mit der großen Mehrheit der Menschheit bei dem Menschen, als den uns Gott erschaffen hat.

Und noch ein Zeugnis: „Die letzte Schlacht zwischen dem Herrn und der Herrschaft Satans wird um die Ehe und die Familie geschlagen.“ Dieser Satz steht in einem Brief, den Sr. Lucia dos Santos, eine der Seherinnen von Fatima, an Kardinal Carlo Caffarra, den emeritierten Erzbischof von Bologna, geschrieben hat. Ja, es gibt einen Kampf, aber wir katholische Christen wissen auch: Sie, Maria, wird auch in dieser Schlacht, der Schlange den Kopf zertreten!

Liebe Gläubige von Libertina und alle Andere, auch Muslime, die die Warnung hören, hier gilt ein oft wiederholtes biblisches Wort: fürchtet euch nicht!

Weiterführende Links:
– Papst Franziskus bezeichnet die Gendertheorie in „Amoris laetitia“ explizit als „Ideologie“

– Papst Franziskus: „Der große Feind der Ehe ist die Gendertheorie. Es gibt heute einen Weltkrieg, um die Ehe zu zerstören. Er wird nicht mit Waffen geführt, sondern durch ideologische Kolonisierung. Darum ist es wichtig, die Ehe vor diesen Kolonisierungen zu verteidigen!“

– Papst Franziskus: Gender-Ideologie für Kinder „ist schrecklich“

– Papst Franziskus sagt der polnischen Bischofskonferenz: Gender ist eine Form der „ideologischen Kolonialisierung“

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Quelle

Birgit Kelle Gender Mainstreaming: An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen

Ergänzungsheft I
zur Reihe „Wort des Bischofs“

Birgit Kelle

Gender Mainstreaming:
An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen 

Wort zum Tag der Menschenrechte

10. Dezember 2017

 

Mit einem Vorwort
von

Msgr. Dr. Vitus Huonder
Bischof von Chur

Wort zur Ehe und Familie 4 

Chur, 1. November 2017

Vorwort

Papst Franziskus schreibt in großer Sorge um eine gesunde gesellschaftliche Entwicklung: „Eine weitere Herausforderung ergibt sich aus verschiedenen Formen einer Ideologie, die gemeinhin ‘Gender’ genannt wird und die den Unterschied und die natürliche Aufeinander-Verwiesenheit von Mann und Frau leugnet. Sie stellt eine Gesellschaft ohne Geschlechterdifferenz in Aussicht und höhlt die anthropologische Grundlage der Familie aus. Diese Ideologie fördert die Erziehungs- pläne und eine Ausrichtung der Gesetzgebung, welche eine persönliche Identität und affektive Intimität fördern, die von der biologischen Verschiedenheit zwischen Mann und Frau radikal abgekoppelt sind“.1

Für den Heiligen Vater ist diese Entwicklung beunruhigend, und er fordert uns auf: „Verfallen wir nicht der Sünde, den Schöpfer ersetzen zu wollen!“2 Im Sinne dieses Aufrufs gelange ich heute an alle Menschen guten Willens, indem ich einer Frau die Stimme gebe, einer Ehefrau und Mutter. Ich habe Frau Birgit Kelle, die in Deutschland für ihre mutige publizistische Arbeit bekannt ist, gebeten, einen exklusiven Text für das Bistum Chur zum Tag der Menschenrechte 2017 zu verfassen. Ihre Ausführungen, gewonnen aus persönlicher

1 PAPST FRANZISKUS, Nachsynodales Apostolisches Schreiben Amoris Laetitia (19. März 2016), Nr. 56.

2 Ebd. Nr. 56.

Erfahrung, welche aus dem Leben einer starken Frau und Mutter kommen, sind beeindruckend. Es sind Worte, die mich als Bischof berühren.

Ich danke Frau Kelle für ihre Stellungnahme und hoffe, dass diese der Meinungsbildung, ja der Abwehr einer großen Gefahr für die Menschheit dient. Dabei möchte ich einen Blick auf die Gottesmutter, auf die Hilfe der Christen, werfen und ihrer Fürbitte die gesunde Entwicklung der Menschheit anvertrauen, damit wir begreifen, dass uns die Schöpfung vorausgeht und wir sie als Geschenk empfangen müssen, und dass wir unser Menschsein so behüten und akzeptieren und respektieren, wie es erschaffen worden ist 3.

+ Vitus Huonder, Bischof von Chur

 

3 Vgl. PAPST FRANZISKUS, Nachsynodales Apostolisches Schreiben Amoris Laetitia (19. März 2016), Nr. 56.

 

 

Gender Mainstreaming:

An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen

 

von Birgit Kelle

 

Wem beim Anblick eines leidenden Kindes nicht das Herz aufgeht, hat seine Menschlichkeit bereits eingebüßt. Kinder rühren unser Herz an. Instinktiv will man sie schützen, sich vor sie stellen, sie hüten, sie vor allem Bösen bewahren. Sei es vor Hunger und Kälte, oder auch nur vor den eingebildeten Monstern unter dem Kinderbettchen. Vor zwei Jahren rührte eine Fotografie halb Europa zu Herzen. Sie zeigte den kleinen Aylan Kurdi, mit drei Jahren auf der Flucht aus Syrien im Mittelmeer ertrunken. Diese Fotografie hat das Tor zu Europa damals noch ein Stück weit mehr aufgestoßen, als es sowieso schon offen stand. Das ist einerseits menschlich gut, zeigt aber auch anschaulich die Gefahr, wenn die Politik das «Wohl des Kindes» oder auch die «Rechte von Kindern» instrumentalisiert, um politische Entscheidungen zu rechtfertigen.

Oder um es deutlicher auszusprechen: Wenn die Definition des Kindeswohles  zum Spielball der Mächtigen wird, sind in der Regel viele Interessen im Spiel, und  oft sind es gar nicht jene der Kinder. Nicht umsonst versuchten alle totalitären politischen Ideen der vergangenen Jahrhunderte und alle diktatorischen Regimes weltweit, sich der Kinder eines Volkes zu bemächtigen. Man hat immer wieder versucht, einen Keil in die Familien zu treiben, Eltern und Kinder zu entzweien, Kinder von ihrem Glauben und der Kirche zu entfremden und sie so schnell wie möglich in staatlicher Obhut nach staatlichen Vorstellungen groß zu ziehen. Selbstverständlich geschah das nur zu ihrem «Wohl». Egal ob es sich Marxismus, Leninismus, Nationalsozialismus oder Kommunismus nannte. «Die Lufthoheit über den Kinderbetten gehört uns» – so formulierte es einst großherrlich ein bekannter deutscher Politiker, eingefärbt in sozialdemokratische Wolle. Der Staat sollte also definieren, was gut ist für Kinder, und nicht die Eltern. Wer mit den Rechten von Kindern argumentiert, steht in der öffentlichen Debatte moralisch wohlig warm auf der Seite der Guten. Wer Kindern etwas verweigert, auf der dunklen Seite der Macht. Schließlich wollen wir ja alle, dass sich Kinder frei entfalten, ihr ganzes Potenzial entdecken und ausleben und in ihrer Entwicklung nicht etwa behindert, sondern gefördert werden. Oder? So sicher wie das Amen in der Kirche ereilt uns alljährlich zum Weltkindertag die Debatte über die Verankerung von eigenen Kinderrechten in der Verfassung. So als wären Kinder nicht auch Menschen, und somit durch die universalen Menschenrechte bereits hinreichend berücksichtigt. Ein Schelm, wer Böses denkt, wenn der Staat ein eigenes «Schutzrecht» für die Kinder propagiert, neben den Eltern – und in Wahrheit im Zweifel gegen die Eltern.

Wie die Definition des «Kindeswohls» zu einem Instrument der Indoktrination von Kindern umgedeutet wird, zeigt sich nämlich gerade in allen europäischen Ländern, die unter dem Deckmantel von «Bildung»  die neue Ideologie des Gender Mainstreaming mit ihren unheiligen Beibooten, der «sexuellen Vielfalt», der «Gleichstellung der Geschlechter» und der «Bildung zu Toleranz» in unsere Klassenzimmer schleusen wollen. Da heißt es dann plötzlich, Kinder hätten ein eigenes Recht auf Sexualität, auch gegen den Willen ihrer Eltern. Ein Recht auf Wissen um diverse sexuelle Orientierungen bis hin zu Sexualpraktiken. Da sprießen zweifelhafte «Gender-Experten» aus dem Boden, mit Sexualkunde-Plänen schon für Kindergartenkinder. Hat nicht gar die WHO als weltweit tätige Gesundheitsorganisation definiert, dass man bei Kindern bereits ab vier Jahren (!) möglichst mit der sexuellen Bildung beginnen sollte? Längst existiert Lehrmaterial, das Kinder nicht etwa in ihrer gesunden Entwicklung als Mädchen und Jungen bestärken oder in ihrer Identitätsbildung festigen soll, sondern diese sogar explizit zerstören will. Wer sich nämlich eine Gender-Ideologie zu eigen macht, die im Unterschied zwischen Mann und Frau nicht etwa die wunderbare Schöpfung Gottes erkennt, sondern die Unterdrückung der Vielfalt von Geschlechtern, der hat den Boden der Realität schon lange verlassen. Wie Pilze sprießen derzeit Gender-Lehrstühle aus dem Boden, die ständig nicht nur neue «Geschlechter» schaffen, sondern statt Lösungen immer mehr Probleme. Längst hat sich eine Bewegung, die einst antrat, die Gleichberechtigung von Mann und Frau zu schaffen, zu Handlangern von Lobbyisten der so genannten «sexuellen Vielfalt» machen lassen. Nutzt es unseren Kindern, wenn wir in Zweifel ziehen, ob sie Junge oder Mädchen sind, wenn wir ihnen keine Moral, keinen Anstand auf den Weg geben, sondern sexuelle Freizügigkeit von Kindesbeinen an? Oder haben wir nicht gar als Eltern sogar die Pflicht, unsere Kinder vor solchen Einflüssen zu schützen? Weil sie unsere Kinder sind, und wir unsere Werte und unseren Glauben, un- sere Vorstellungen von Falsch und Richtig an sie weiterreichen wollen und im Sinn des Rechtes der Eltern auf Erziehung auch explizit dürfen?

«An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen» steht bei Matthäus (7,16). Deswegen dürfen wir nicht stehen bleiben bei den blumigen Formulierungen über Toleranz unter dem Regenbogen, die man uns zum Thema Gen- der vorsetzt. Wir sollten auf das schauen, was im Namen von «Gender» tatsächlich politisch umgesetzt  wird. Und da muss die Frage erlaubt sein, warum es eigentlich als Straftat gilt, wenn ein Erwachsener einem anderen Erwachsenen seine Sexualität ungefragt aufdrängt. Dann sprechen wir selbstverständlich von Belästigung und Nötigung. Wenn aber in den Kindergärten und Schulen Erwachsene den Kindern die Sexualität  von Erwachsenen aufdrängen in Wort und Bild, dann wird aus der Straftat plötzlich «kindliche Bildung».

Und dann gibt es da ja noch die guten Taten, die wir  als Gesellschaft gar nicht mehr leisten. Die Sünden, die wir durch unterlassene Hilfeleistung zulassen, während wir über Kinderrechte reden. Auch an diesen Unterlassungen sollten wir die Gesellschaft und ihre Ambitionen messen. Denn in welcher weltweiten Charta schützen wir eigentlich das Kinderrecht, geboren zu werden? Das Recht auf Leben von Anfang an? Wir schützen also das Recht von Vierjährigen, zu wissen, wie Kinder gezeugt werden, nicht aber ihr Recht auf die Welt zu kommen. Es ist noch freundlich, das als Zynismus zu bezeichnen. Wo ist das Recht von Kindern, nicht schon früh von ihren Eltern getrennt zu werden? Etwas, was wir im Namen von Tierschutz-Rechten jedenfalls Hundewelpen zugestehen. Es gibt kein Gesetz, dass Kinder davor schützt, zu jung von ihrer Mutter getrennt zu werden. Und wer schützt behinderte Kinder davor, im Mutterleib getötet zu werden, weil sie nicht den Ansprüchen einer perfekten Welt genügen? Wer schützt das Recht von Kindern, überhaupt bei ihren biologischen Eltern groß zu werden, bei Mutter und Vater, die es gezeugt haben und nicht in einer künstlich zusammengewürfelten modernen Familienkonstellation? Gerade  entsteht   nicht zuletzt im Namen von «Gender-Gerechtigkeit» eine neue Form von Kinderhandel, unter dem hübschen Pseudonym «Leihmutterschaft». Nur, dass die Mutter nicht geliehen wird, sondern ihr Bauch als Brutstätte ausgenutzt wird und das Kind danach an Fremde verkauft wird. Ein perfider Service, der gerne vor allem durch homosexuelle Paare genutzt wird, die naturgemäß kein Kind zeugen können. Aber durchaus bereit sind, eines zu kaufen.

Oh ja, Kinderrechte sind ein wichtiges Thema, und wir sollten sie schützen. Wir sollten mit dem elementarsten dieser Rechte anfangen: Das Recht der Kinder, überhaupt das Licht dieser wunderbaren Welt zu erblicken.

Zur Autorin:

Birgit Kelle, geboren 1975, verheiratet, Mutter von vier Kindern. Kolumnistin beim Meinungs- und Debattenportal «The European» und bei der Zeitung «WELT». Vorsitzende des Vereins «Frau 2000plus», Vorstandsmitglied des EU-Dachverbandes «New Women For Europe», Autorin der Bücher «Gendergaga» (adeo Verlag München, 2015) sowie «Muttertier – eine Ansage» (Fontis Verlag, Basel, 2017).

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Quelle

Was können wir der Gender-Ideologie entgegensetzen?

Reichstag / Wikimedia Commons – Lars Steffens, CC BY-SA 2.0

Impuls zum 13. Sonntag im Jahreskreis,
Lesejahr A — 2. Juli 2017

Ein entscheidendes Merkmal der neuen Ideologie, die die westliche Welt im Griff hält, ist ihre glatte Weichheit. Klingt es nicht ansprechend das Wort von der „Ehe für alle“? Ist es nicht mehr als nur gerecht, dass ein so wertvolles Gut wie die Ehe für jedermann zur Verfügung stehen soll?

Die Ideologien, die nach dem „Tod Gottes“ Europa und Nordamerika beherrschten, waren mit jeweils einem harten Zwangsstaat verbunden. Sowohl der Marxismus-Kommunismus im Osten wie die Nazi-Ideologie in Deutschland hatten die Menschen hart im Griff.

Die Gender-Ideologie, viel klüger als ihre Vorgängerinnen, macht es auf die sanfte Tour, aber im Griff hat sie die Menschen auch. Größtenteils mit semantischen Mitteln. Erstaunlich, wie viele Dinge heute mit anderen Namen belegt werden als früher, und in der Regel mit geschickteren Namen. Früher wurde man bei der Behörde abgefertigt, heute wird man bedient. Wer mit der Bahn fährt, ist immer wieder gerührt davon, dass man im Lautsprecher sehr zuvorkommend angesprochen wird, und der Sprecher sich für jede größere oder kleinere Unannehmichkeit entschuldigt. Oder: niemand wird von Krüppeln oder Verrückten sprechen, es sind geistig oder körperlich Behinderte.

Ist das etwas Schlimmes? Nein, im Gegenteil, unsere öffentliche Kommunikation hat sicher in den letzten Jahrzehnten dazu gelernt. Aber gerade durch die Kommunikation, die uns die Medien präsentieren, wird uns seit Jahren, ohne dass wir es merken, auch Gift in mancherlei Form eingeflößt. Man hat so lange, und gleichzeitig so besonnen und ruhig, für die Freigabe der Abtreibung plädiert, dass in wenigen Jahrzehnten eine echte „Umwertung der Werte“ im Sinne Friedrich Nietzsches stattgefunden hat. Danach kam die verständnisvolle Einstellung zur Euthanasie, von der wir Deutschland eigentlich noch üble Erinnerungen haben sollten – aus der vorhergehenden Ideologie.

All diese neuen „Erkenntnisse“ hätte man im kommunistischen Russland oder in Nazideutschland den Menschen mit dem Holzhammer eingebläut, was erfahrungsgemäß längst nicht so wirksam ist. Mit den sanften Mitteln einer angepassten Sprache (George Orwell nannte das „Neusprech“) wird auch die absurdeste Auffassung akzeptiert. Man muss sie nur häufig genug, wie bei der Werbung, wiederholen.

Konkret wird mit edlen Begriffen hantiert, wie Barmherzigkeit und Gerechtigkeit. Wer wird denn so unbarmherzig sein und von einem jungen Mädchen verlangen, dass sie ihr Kind austrägt, da ihre Karriere dadurch infrage gestellt sein wird. Auch bei der aktiven Sterbehilfe wird mit der Barmherzigkeit Schindluder getrieben: „Der arme Kranke, muss man ihn denn so leiden lassen?“. Bei der sog. Ehe für alle: „Ist es nicht ungerecht, den Homosexuellen das vorzuenthalten, was die Heterosexuellen haben?“ Die Abstimmung im Deutschen Bundestag ist folgerichtig genauso ausgefallen wie das Referendum in Irland vor einigen Monaten, wo sich sogar eine gewisse Euphorie ausbreitete, weil man es der katholischen Kirche mal gezeigt hatte.

Und da liegt der eigentlich Grund dafür, dass denjenigen, die die überlieferten Werte hochhalten, die Felle wegschwimmen. Seit dem 18. Jahrhundert hat sich Europa von Gott verabschiedet, zuerst die Intellektuellen und heute auch die breite Bevölkerung. Und wenn Gott keine Rolle spielt (höchstens noch für die „religiösen Bedürfnisse“ der Menschen), dann gibt es auch keinen Grund, die Bibel oder das überlieferte Lehramt der Kirche ernst zu nehmen.

Allerdings gab es bis jetzt immerhin einen gewissen Nachklang an die Lehre der Kirche im so genannten Naturrecht oder Naturgesetz. Bei den Juristen spielt es gelegentlich noch eine Rolle, indem sie sagen, es muss doch Werte geben, die von der Mehrheitsmeinung der Menschen  und vom positiven Recht unabhängig sind. So jedenfalls hat es der emeritierte Papst Benedikt XVI. seinerzeit im Deutschen Bundestag in Erinnerung gerufen. Aber machen wir uns nichts vor: das Naturrecht ist im Kern nur begründbar, wenn Gott der Schöpfer eine Rolle spielt. Wenn er ausgespielt hat, gibt es in der Tat keinen Grund, warum man gegen den demokratischen Willen der Mehrheit nicht auch wesentliche Dinge der Weltanschauung und der Moral verändern kann.

Dass jahrhundertelang die Ehe von Mann und Frau als größte Selbstverständlichkeit gegolten hat, auch bei Leuten, die nicht gläubig sind, hängt mit dem Gottesglauben – nicht nur dem christlichen – zusammen. Wir sehen es gerade heute, dass alle politischen Begründungen dafür, die Ehe von Mann und Frau höher zu bewerten als andere Verbindungen, weggepustet werden.

Bei vielen bleibt allerdings ein seltsames Gefühl, wenn er sieht, wie ein Mann einem Mann, eine Frau einer Frau das Jawort gibt. Aber man wird sich daran gewöhnen.

Diejenigen aber, die den christlichen Glauben in seiner kraftvollen, nicht angepassten Form, hochhalten, und die daher den Wunsch haben, anderen die absoluten Wahrheiten des Christentums weiterzugeben, müssen erschrecken. Denn was hier geschieht, ist nicht nur eine der sinnfreien Kapriolen der Tagespolitik, hier wird dem Schöpfer mitten ins Gesicht geschlagen. Im Ton der Gender-Mentalität wird aber auch hier ruhig und sachlich argumentiert: „Da Gott nicht existiert, gibt es auch keine vorgegebene Schöpfungsordnung. Wir nehmen das selbst in die Hand.“

Die deutschen Bischöfe haben dankenswerterweise Protest angemeldet, aber noch oder schon das Zentralkomité der Deutschen Katholiken (eine von niemandem gewählte Institution) lässt verlauten: „Sie [die eingetragenen Partnerschaften] sind gut und fruchtbar für unsere Gesellschaft und unser Zusammenleben,“ so Thomas Sternberg, der Vorsitzende des ZK.

Der hl. Paulus bringt einen ernsten Ton in die Debatte: „Irret euch nicht; Gott lässt seiner nicht spotten! Denn was der Mensch sät, das wird er ernten (Gal. 6,7)

Dennoch, zwar könnte man angesichts der Lage pessimistisch werden. Das aber will Gott nicht. Genau wie die vorher gegangenen Ideologien wird auch Gender einmal auf dem Kehrichthaufen der Geschichte landen.

Angesagt ist Widerstand statt Mitläufertum. Und vor allem Gebet. Schwester Lucia von Fatima sagte einmal, in unserer Zeit geht der Kampf vor allem um die Familie. Konsequenz für uns: die Familie – im überkommenen Sinne natürlich – stärken, junge Leute ermutigen, die Lehren der Kirche, vor allem Familiaris Consortio und Humanae Vitae, zu studieren, sich klar zu machen, nur in der Ehe von Mann und Frau erfahren Kinder die Schönheit der Schöpfung. Und eben nicht mit den Wölfen zu heulen. Damit spätere Generationen uns nicht, wie unseren Großvätern sagen können: „Wieso habt ihr damals dafür gestimmt?“

Der Trost schlechthin: in Fatima sagt die Gottesmutter „Am Ende wird mein Unbeflecktes Herz siegen!“

Msgr. Dr. Peter von Steinitz war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den hl. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt“, „Leo – Allah mahabba“ (auch als Hörbuch erhältlich) und „Katharina von Ägypten“.  Der Fe-Medienverlag hat einige ZENIT-Beiträge vom Autor als Buch mit dem Titel „Der Stein, den die Bauleute verwarfen“ herausgebracht.

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