„Ich danke dem Herrn“ – Generalaudienz von Mittwoch, dem 5. Oktober 2016 — Volltext

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Wir dokumentieren im Folgenden in einer eigenen Übersetzung
die vollständige Ansprache von Papst Franziskus
bei der heutigen Generalaudienz auf dem Petersplatz.

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Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Am vergangenen Wochenende habe ich eine apostolische Reise nach Georgien und Aserbaidschan unternommen. Ich danke dem Herrn, mir dies ermöglicht zu haben und erneuere den zivilen und religiösen Obrigkeiten dieser beiden Länder ein Zeichen meiner Dankbarkeit, insbesondere dem Patriarchen von ganz Georgien Ilia II. – dessen Zeugnis meinem Herzen und meiner Seele sehr gut getan hat – und dem Scheich der kaukasischen Muslime. Ein brüderlicher Dank gilt den Bischöfen, den Priestern und Ordensleute sowie allen Gläubigen, die mir ihre warme Zuneigung spüren ließen.

Diese Reise bildete die Fortsetzung und Vervollkommnung jener, die mich im Juni nach Armenien führte. Auf diese Weise konnte ich – Gott sei Dank – den Plan verwirklichen, alle drei kaukasischen Länder zu besuchen, um die in ihnen lebende katholische Kirche zu bestärken und den Weg in Richtung Frieden und Brüderlichkeit jener Bevölkerungen zu ermutigen. Dies verdeutlichten auch die beiden Mottos dieser letzten Reise: für Georgien lautete es: „Pax vobis“ und für Aserbaidschan „Wir sind alle Brüder“.

Beide Länder verfügen über sehr alte geschichtliche, kulturelle und religiöse Wurzeln. Zugleich durchleben sie jedoch eine neue Phase: So feiern beide in diesem Jahr ihre 25-jährige Unabhängigkeit, nachdem sie einen beträchtlichen Teil des 20. Jahrhunderts unter der sowjetischen Hegemonie gestanden waren. In dieser Phase sind sie in den verschiedenen Bereichen des sozialen Lebens mit zahlreichen Schwierigkeiten konfrontiert. Die katholische Kirche ist dazu aufgerufen, insbesondere im Zeichen der Nächstenliebe und der Förderung der Menschlichkeit gegenwärtig, nahe zu sein. In der Gewissheit, dass Gott der Vater aller ist und wir Brüder und Schwestern sind, versucht sie dies in Gemeinschaft mit den anderen Kirchen und christlichen Gemeinden und im Dialog mit den anderen Religionsgemeinschaften zu tun.

In Georgien verläuft diese Mission selbstverständlich über die Zusammenarbeit mit den orthodoxen Brüdern, die die große Mehrheit der Bevölkerung bilden. Der Umstand, dass mich bei meiner Ankunft am Flughafen von Tbilisi neben dem Präsidenten der Republik auch der verehrte Patriarch Ilia II. erwartete, war ein sehr wichtiges Zeichen. Die Begegnung mit ihm an jenem Nachmittag war bewegend ebenso wie der Besuch der Patriarchenkathedrale am Tag danach, in der die Reliquie der Tunika Christi als Symbol der Einheit der Kirche verehrt wird. Diese Einheit wird bestärkt vom Blut vieler Märtyrer der verschiedenen christlichen Konfessionen. Zu den am meisten geprüften Gemeinden zählt die assyro-chaldäische, mit der ich in Tbilisi einen innigen Gebetsmoment für den Frieden in Syrien, in Irak und im gesamten Mittleren Osten erlebte.

Die Messe mit den katholischen Gläubigen Georgiens – lateinischen, armenischen und assyro-chaldäischen – wurde im Gedenken an die hl. Therese vom Jesuskind, der Schutzpatronin der Missionen – gefeiert: Sie erinnert uns daran, dass wahre Mission nie Proselytismus ist, sondern die Anziehungskraft Christi ausgehend von der tiefen Einheit mit ihm im Gebet, in der Anbetung und der konkreten Nächstenliebe, die Dienst am im kleinsten der Brüder gegenwärtigen Jesus ist. Dies tun die Ordensleute, denen ich in Tbilisi und dann auch in Baku begegnet bin: Sie tun es mit dem Gebet und den karitativen und fördernden Werken. Ich ermutigte sie dazu, mit Gedächtnis, Mut und Hoffnung standhaft im Glauben zu sein. Und dann gibt es christliche Familien: Wie kostbar sind ihre empfangende Gegenwart, ihre Begleitung, ihr Urteilsvermögen und ihre Integration in die Gemeinschaft!

Dieser Stil evangelischer Gegenwart als Samen des Reiches Gottes ist, sofern möglich, noch notwendiger in Aserbaidschan, wo der Großteil der Bevölkerung muslimisch ist und sich die Zahl der Katholiken auf wenige Hunderte beschränkt. Gott sei Dank sind die Beziehungen zu allen jedoch gut. Insbesondere werden brüderliche Bindungen mit den orthodoxen Christen aufrechterhalten. Aus diesem Grund erlebten wir in Baku, der Hauptstadt Aserbaidschans, zwei Momente erlebt, die der Glaube im rechten Verhältnis zu halten vermag: die Eucharistie und die interreligiöse Begegnung. Die Eucharistie mit der kleinen katholischen Gemeinde, in der der hl. Geist die verschiedenen Sprachen in Einklang bringt und die Kraft des Zeugnisses spendet; und diese Gemeinschaft in Christi – anstatt hinderlich zu sein – drängt zur Suche nach der Begegnung und dem Dialog mit all jenen, die an Gott glauben, um gemeinsam eine gerechtere und brüderliche Welt zu bauen. In diesem Sinne äußerte ich den Obrigkeiten Aserbaidschans gegenüber die Hoffnung, dass man gute Lösungen für die offenen Fragen finden möge und alle kaukasischen Bevölkerungen im Frieden und in gegenseitiger Achtung leben.

Gott segne Armenien, Georgien und Aserbaidschan und begleite den Weg seines heiligen pilgernden Volkes in jenen Ländern.

[Übersetzt aus dem Italienischen von Sarah Fleissner]

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Generalaudienz, 5. Oktober 2016 / © PHOTO.VA – OSSERVATORE ROMANO

Die Papstansprache an Bischöfe und Diplomatisches Korps

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Am Rand des Papstbesuchs in Georgien

Die Ansprache des Papstes bei der Begegnung mit Bischöfen und Priestern,
Vertretern des öffentlichen Lebens und dem Diplomatischen Korps
in Mzcheta in der orthodoxen Swetizchoweli-Kathedrale,
am 1. Oktober 2016.

 

Heiligkeit,
Herr Premierminister,
sehr geehrte geistliche und zivile Würdenträger,
verehrte Mitglieder des Diplomatischen Korps,
liebe Bischöfe und Priester,
liebe Brüder und Schwestern,

auf dem Höhepunkt meiner Pilgerreise in das Land Georgien bin ich Gott dankbar, dass ich in diesem heiligen Gotteshaus in innerer Sammlung verweilen darf. Hier möchte ich auch von Herzen für die Aufnahme danken, die mir zuteil geworden ist, sowie für Ihr bewegendes Glaubenszeugnis und das gute Herz der Georgier. Heiligkeit, mir kommen die Psalmworte in den Sinn: » Seht doch, wie gut und schön ist es, wenn Brüder miteinander in Eintracht wohnen. Das ist wie köstliches Salböl, das vom Kopf hinabfließt « (Ps 133,1-2). Lieber Bruder, möge der Herr, der uns die Freude bereitet hat, einander zu begegnen und mit dem heiligen Kuss zu begrüßen, über uns das duftende Salböl der Eintracht ausgießen und unseren Weg und den Weg dieses geschätzten Volkes mit reichen Gnaden überströmen.

Die georgische Sprache ist reich an bedeutungsvollen Ausdrücken, welche die Brüderlichkeit, die Freundschaft und die Nähe zwischen den Menschen beschreiben. Darunter gibt es einen, der – ganz edel und echt –die Bereitschaft zeigt, den anderen zu vertreten, ihn gleichsam auf sich zu nehmen, ihm mit dem eigenen Leben zu sagen: Ich möchte an deiner Stelle stehen: shen genatsvale. In der Gebetsgemeinschaft und der geistigen Verbundenheit die Freuden und Ängste miteinander zu teilen und einer des anderen Last zu tragen (vgl. Gal 6,2) – diese brüderliche christliche Haltung möge den Weg unseres Miteinanders kennzeichnen.

Diese großartige Kathedrale, die viele Schätze des Glaubens und der Geschichte hütet, lädt uns ein, der Vergangenheit zu gedenken. Und das ist überaus notwendig, denn » der Niedergang des Volkes beginnt da, wo die Erinnerung an die Vergangenheit aufhört « (Ilia Tschawtschawadse, Das Volk und die Geschichte, in Iweria, 1888). Die Geschichte Georgiens ist wie ein altes Buch, das auf jeder Seite von heiligen Zeugen und christlichen Werten erzählt, welche die Seele und die Kultur des Landes geprägt haben. Gleichwohl erzählt dieses kostbare Buch auch von Gesten großer Offenheit, Aufnahme und Integration. Das sind unschätzbare und stets geltende Werte, für dieses Land und für die gesamte Region. Es sind Schätze, welche die christliche Identität gut zum Ausdruck bringen. Diese bleibt als solche erhalten, wenn sie fest im Glauben verankert und zugleich immer offen und ansprechbar ist, niemals starr und verschlossen.

Die christliche Botschaft – dieser heilige Ort erinnert daran – ist im Laufe der Jahrhunderte der Pfeiler der georgischen Identität gewesen: Sie hat inmitten vieler Erschütterungen Beständigkeit geschenkt, auch wenn das Land sich leider nicht selten in der Situation befand, bitter sich selbst überlassen zu sein. Doch der Herr hat das geliebte Land Georgien nie verlassen, denn er ist » treu in all seinen Worten, voll Huld in all seinen Taten. Der Herr stützt alle, die fallen, und richtet alle Gebeugten auf « (Ps 145,13-14).

Die zarte und mitfühlende Gegenwart des Herrn ist hier in besonderer Weise durch das Zeichen des Heiligen Rocks dargestellt. Das Geheimnis des Untergewands, » das von oben her ganz durchgewebt und ohne Naht war « (Joh 19,23), hat von Anfang an die Aufmerksamkeit der Christen angezogen. Ein antiker Kirchenvater, der heilige Cyprian von Karthago, hat gesagt, dass in dem ungeteilten Untergewand Jesu jenes » Band der Eintracht« aufscheint, » das untrennbar vereint «, jene » Einheit, die von oben kommt, das heißt vom Himmel und vom Vater, und die schlechterdings nicht zerrissen werden konnte « (De catholicae Ecclesiae unitate, 7: SCh 1 [2006], 193). Der Heilige Rock, ein Geheimnis der Einheit, ermahnt uns, tiefen Schmerz über die Spaltungen zu empfinden, die sich im Laufe der Geschichte zwischen den Christen vollzogen haben: Es sind regelrechte Risswunden, die dem Leib des Herrn zugefügt wurden. Doch die „Einheit, die von oben kommt“, und die Liebe Christi, der uns zusammengeführt hat, indem er uns nicht nur sein Gewand, sondern seinen eigenen Leib schenkte, drängen uns zugleich, nicht aufzugeben und uns nach seinem Beispiel selbst als Opfer darzubringen (vgl. Röm 12,1): Sie treiben uns an zu aufrichtiger Liebe und zu gegenseitigem Verständnis, dazu, die Risswunden wieder zu schließen, beseelt von einem Geist lauterer christlicher Brüderlichkeit. All das verlangt ein sicherlich geduldiges Voranschreiten, das in Vertrauen zum anderen und in Demut geübt werden muss, aber ohne Angst und ohne den Mut zu verlieren, sondern in der frohen Gewissheit, welche die christliche Hoffnung uns im Voraus genießen lässt. Sie spornt uns an zu glauben, dass die Gegensätze behoben und die Hindernisse beseitigt werden können; sie lädt uns ein, uns niemals Gelegenheiten zu Begegnung und Dialog entgehen zu lassen und das bereits Bestehende gemeinsam zu hüten und zu verbessern. Ich denke zum Beispiel an den laufenden Dialog in der Gemischten Internationalen Kommission und an andere nützliche Gelegenheiten zum Austausch.

Der heilige Cyprian sagte auch, dass das Untergewand Christi, » einzigartig, ungeteilt und ganz aus einem einzigen Stück bestehend, die untrennbare Einmütigkeit unseres Volkes – von uns Christen – bezeichnet, die wir uns mit Christus bekleidet haben « (ebd. 195). Der Apostel Paulus bestätigt ja, dass alle, die auf Christus getauft sind, Christus gleichsam als Gewand angezogen haben (vgl. Gal 3,27). Darum sind wir trotz unserer Grenzen und jenseits jeder späteren geschichtlichen und kulturellen Unterscheidung berufen, » „einer“ in Christus Jesus « (Gal 3,28) zu sein und nicht die Unstimmigkeiten und die Trennungen unter den Getauften an die erste Stelle zu setzen, denn was uns eint, ist wirklich viel mehr als das, was uns trennt.

In dieser Patriarchalbasilika empfangen viele Brüder und Schwestern die Taufe. Für dieses Sakrament hat die georgische Sprache ein Wort, das sehr schön das in Christus empfangene neue Leben zum Ausdruck bringt: Es bezeichnet eine Erleuchtung, die allem Sinn verleiht, weil sie aus der Dunkelheit herausführt. Auch das Wort für „Erziehung“ entspringt im Georgischen der gleichen Wurzel und ist daher eng mit der Taufe verwandt. So lässt der Adel der Sprache an die Schönheit eines christlichen Lebens denken, das von Anfang an lichtvoll ist und so bleibt, wenn es im Licht des Guten verharrt und die Finsternis des Bösen verwirft; wenn es durch die Bewahrung der Treue zu den eigenen Wurzeln sich nicht einem Sich-Verschließen beugt, welches das Leben verdunkelt, sondern immer bereit bleibt, aufzunehmen und zu lernen und sich von allem Guten und Wahren erleuchten zu lassen. Mögen die glänzenden Reichtümer dieses Volkes erkannt und gewürdigt werden; möchten wir doch immer mehr in der Lage sein, die Schätze, die Gott jedem schenkt, miteinander zu teilen und uns gegenseitig zum Wachstum im Guten zu verhelfen!

Von Herzen versichere ich Ihnen mein Gebet, dass der Herr, der alles neu macht (vgl. Offb 21,5), auf die Fürsprache der heiligen Brüder Petrus und Andreas, der Märtyrer und aller Heiligen die Liebe unter den Christgläubigen mehre und die erhellende Suche nach allem, was uns einander näher bringt und miteinander versöhnt und vereint, steigere! Mögen Brüderlichkeit und Zusammenarbeit auf allen Ebenen zunehmen; mögen das Gebet und die Liebe uns immer mehr dazu führen, den Herzenswunsch des Herrn anzunehmen, der allen gilt, die durch das Wort der Apostel an ihn glauben: » Alle sollen eins sein« (vgl. Joh 17,20-21).

(rv 01.10.2016 mg)

Papst: Spaltungen der Kirche sind Verletzungen am Leib Christi

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Papst Franziskus mit Patriarch Elia II.

Spaltungen in der Kirche sind Wunden am Leib Christi selber. Das sagte Papst Franziskus an diesem Samstag Nachmittag in Anwesenheit vom georgisch orthodoxen Patriarchen Elia II.. Franziskus besucht trotz aller Widrigkeiten das spirituelle Zentrum der orthodoxen Kirche des Landes, die Kathedrale von Patriarch Elia in Mtsketa, der historischen Hauptstadt Georgiens. Hier wird der orthodoxen Tradition zufolge die Tunika Christi aufbewahrt – eine Konkurrenz zum „Heiligen Rock“ von Trier also. Das ensprechende Fest wird alljährlich am 1. Oktober begangen, also genau am Tag des Papstbesuchs.

Hand in Hand betraten Papst und Patriarch die von Kerzenlicht und himmlischem Gesang erfüllte Kathedrale; Seite an Seite nahmen sie Platz. Elia II. ging mit keinem Wort auf die Gründe ein, aus denen er am Vormittag doch keine Delegation zur Papstmesse geschickt hatte, stattdessen sprach er von der hl. Sidonie, von der Unbill, die die georgische Kirche durch Invasoren im Lauf der Jahrhunderte erlitten hat, und er zitierte einen orthodoxen Denker mit den Worten: „Christus wurde gekreuzigt für alle, aber Georgien wurde gekreuzigt für Christus.“ Er versicherte dem Papst seine „Liebe“ und bemerkte abschließend: „Unsere Einheit besteht im wahren Glauben.“

Franziskus nannte dann bereits im ersten Satz seiner Ansprache seinen Besuch in dieser Kathedrale den „Höhepunkt“ seiner Pilgerreise nach Georgien. Er sprach Elia II. direkt an: „Heiligkeit, mir kommen die Psalmworte in den Sinn: ‚Seht doch, wie gut und schön ist es, wenn Brüder miteinander in Eintracht wohnen. Das ist wie köstliches Salböl, das vom Kopf hinabfließt‘ (Ps 133,1-2). Lieber Bruder, möge der Herr, der uns die Freude bereitet hat, einander zu begegnen und mit dem heiligen Kuss zu begrüßen, über uns das duftende Salböl der Eintracht ausgießen und unseren Weg und den Weg dieses geschätzten Volkes mit reichen Gnaden überströmen.“ Diesen Wunsch führte er weiter aus, indem er die georgische Sprache für ihre Vielfalt bewunderte. Es gebe so viele Ausdrücke für Brüderlichkeit, Freundschaft und die Nähe zwischen Menschen.

Nicht nur die Sprache Georgiens benutzte Franziskus, um für Offenheit füreinander zu plädieren. Auch die Geschichte eines der ältesten christlichen Landes nutzte er für seine Argumentation. Er verglich sie mit einem Buch, das auf jeder Seite von heiligen Zeugen berichtet, die das Land geprägt haben. „Gleichwohl erzählt dieses kostbare Buch auch von Gesten großer Offenheit, Aufnahme und Integration. Das sind unschätzbare und stets geltende Werte, für dieses Land und für die gesamte Region. Es sind Schätze, welche die christliche Identität gut zum Ausdruck bringen. Diese bleibt als solche erhalten, wenn sie fest im Glauben verankert und zugleich immer offen und ansprechbar ist, niemals starr und verschlossen.“ Hier spielte Franziskus auf die Tatsache an, dass das Volk der Georgier immer schon ein Händlervolk war, offen für andere Kulturen und Heimat für Minderheiten. Die christliche Kultur, die der Apostel Andreas selbst in das Land gebracht haben soll und die im 4. Jahrhundert Staatsreligion wurde, ist im Laufe der Jahrhunderte identitätsstiftend geworden, betonte Franziskus.

Dass in der Kathedrale die Tunika Christi verehrt wird, gab dem Papst dann die Vorlage, um auf die Einheit der Christen zu sprechen zu kommen. „Der Heilige Rock, ein Geheimnis der Einheit, ermahnt uns, tiefen Schmerz über die Spaltungen zu empfinden, die sich im Laufe der Geschichte zwischen den Christen vollzogen haben: Es sind regelrechte Risswunden, die dem Leib des Herrn zugefügt wurden. Doch die „Einheit, die von oben kommt“, und die Liebe Christi, der uns zusammengeführt hat, indem er uns nicht nur sein Gewand, sondern seinen eigenen Leib schenkte, drängen uns zugleich, nicht aufzugeben und uns nach seinem Beispiel selbst als Opfer darzubringen (vgl. Röm 12,1)“, appellierte Franziskus. Es gelte, die Ökumene zwischen den verschiedenen Konfessionen voranzutreiben, ohne die Schuld bei jemandem zu suchen.

Zum Schluss landete Franziskus’ Ansprache beim Ursprung des Christentums, beim ersten großen Völkermissionar: Paulus. „Der Apostel Paulus bestätigt ja, dass alle, die auf Christus getauft sind, Christus gleichsam als Gewand angezogen haben (vgl. Gal 3,27). Darum sind wir trotz unserer Grenzen und jenseits jeder späteren geschichtlichen und kulturellen Unterscheidung berufen, ‚ „einer“ in Christus Jesus ‚ (Gal 3,28) zu sein und nicht die Unstimmigkeiten und die Trennungen unter den Getauften an die erste Stelle zu setzen, denn was uns eint, ist wirklich viel mehr als das, was uns trennt.“ Und deswegen setze er, so der Papst, bei der Suche nach der Einheit auf die Fürsprache der heiligen Brüder Petrus und Andreas: der eine Patron der römisch-katholischen, der andere der Patron der georgisch-orthodoxen Kirche.

(rv 01.10.2016 pdy/sk)

Caritas-Zentrum ist ein Weg der Zusammenarbeit zwischen Christen

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Auch in einem Caritas-Zentrum der Camillianer-Patres war der Papst am Samstag, an der Peripherie der Hauptstadt. Auf 1.000 Quadratmetern bieten dort 70 Mitarbeiter Gesundheits-Dienstleistungen für jeweils etwa 400 Menschen. Die katholische Kirche wird in Georgien, auch wenn sie geradezu winzig klein ist, doch besonders wegen ihrer Caritas-Arbeit sehr geschätzt. Das Zentrum begrüßte Franziskus mit Blumen und Jubel. Am Fuße der kleinen Bühne, also zu Füßen des Papstes, saßen Kinder und haben vatikanische und georgische Fahnen geschwungen. Nach einer kleinen Ansprache des Direktor des Caritas-Zentrums sprach der Papst zu den Anwesenden.

Die Mitarbeiter dieses Caritas-Zentrums repräsentierten alle karitativen Einrichtungen des Landes, betonte Papst Franziskus in seinen Grußworten. Jedem dieser Mitarbeiter – auch in den anderen des Landes – gelte seine Wertschätzung. Er betont den ökumenischen Wert der Caritas in Georgien. Denn obwohl der Dialog zwischen der römisch-katholischen Kirche und der georgisch-orthodoxen eher schwierig ist, kommt in das Caritas-Zentrum unabhängig von Religion jeder, der Hilfe braucht. „Eure Tätigkeit ist ein Weg der geschwisterlichen Zusammenarbeit zwischen den Christen dieses Landes und zwischen Gläubigen verschiedener Riten. Dieses Zusammentreffen im Zeichen der Nächstenliebe des Evangeliums ist ein Zeugnis der Gemeinschaft und fördert den Weg zur Einheit. Ich ermutige euch, auf diesem anspruchsvollen und fruchtbaren Weg voranzuschreiten“, sagte Franziskus. Auch einer der Direktoren des Zentrums, der Papst Franziskus in einer Ansprache begrüßte, betonte den ökumenischen Wert ihrer Arbeit. Das Heilige Jahr der Barmherzigkeit zeige, dass sie keine Grenzen zwischen den Konfessionen kenne und sich im Zentrum alle um die Bedürftigen kümmerten, mit großem Herzen, auch ohne viele Mittel.

Die Armen und schwachen Menschen seien das „Fleisch Christi“, betont der Papst. Und genau deswegen rufen sie die Christen jeder Konfession auf den Plan, ohne Eigeninteressen zu handeln. „Daher, liebe Brüder und Schwestern, habt ihr eine große Sendung! Fahrt fort, die Nächstenliebe in der Kirche zu leben und sie in der gesamten Gesellschaft mit der Begeisterung der Liebe, die von Gott kommt, zum Ausdruck zu bringen.“

Doch Franziskus wäre nicht Franziskus wenn er nicht auch die Bedürftigen, die in das Caritas Zentrum kommen, persönlich ansprechen würde. Einen ganz besonderen Gruß richtete er an sie: „Ich freue mich, ein wenig bei euch sein zu können und euch zu ermutigen: Gott verlässt euch nie, er ist euch immer nahe und bereit, euch zuzuhören und euch in den schwierigen Momenten Kraft zu geben“, muntert er sie auf. Jesus liebe sie ganz besonders, versicherte Franziskus. Nach seiner Ansprache tanzte eine Gruppe von Jungs und Mädchen in traditioneller georgischer Tracht für den Papst, der vom Oberkörper sehr ruhig war, doch sich durch schnelle Beinarbeit auszeichnet. Doch der Höhepunkt war für Papst Franziskus sicher der Tanz eines kleinen Mädchen im roten Kleid mit vier Rollstuhlfahrern, die zum Abschluss alle Tänzer auf der Tanzfläche vereint. Ein sichtlich gerührter Papst sieht zum Abschluss aus der Mitte der Tänzer Tauben aufsteigen.

(rv 01.10.2016 pdy)

Papst besucht katholische Kirche in Tiflis – Absage an Gendertheorie

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Papst Franziskus schrieb bei der Begegnung eifrig mit.

So wichtig auch der ökumenische Akzent bei dieser Reise ist, gerade angesichts aller Widrigkeiten: Franziskus’ Visite gilt natürlich auch den Katholiken. Auch wenn das nicht viele sind, gerade mal zwei Prozent der georgischen Bevölkerung, in Zahlen: 112.000 Menschen. In einer der zwei katholischen Kirchen der Hauptstadt Tiflis hat sich der Papst am Samstagnachmittag mit Priestern, Ordensleuten und Seminaristen getroffen – und dabei frei gesprochen, ohne vorbereiteten Redetext.

Es war fast eine familiäre Atmosphäre: Franziskus saß auf einem Stuhl vor dem Hauptaltar der kleinen Kirche und hörte zunächst einigen katholischen Georgiern zu, die aus ihrem Leben erzählten. Vom Kirchesein in der Minderheit war da viel die Rede; eine Frau namens Irina sprach das Thema der gemischten katholisch-orthodoxen Ehen an, und welche Probleme es aufwirft, wenn solche Ehen zerbrechen. „Ich weiß, dass Sie von uns erwarten, dass wir mit der Zeit eine Ortskirche werden, die ganz auf eigenen Füßen steht“, bemerkte ein Priesteramtskandidat, „doch der Weg dahin ist meiner Meinung nach noch ziemlich lang.“ Der Papst saß nach vorn gebeugt und schrieb eifrig mit. In den Bänken: ein paar hundert Menschen; in den Fensternischen Blumenschmuck.

Franziskus erzählte zunächst eine Anekdote von seinem Besuch in Armenien Ende Juni; da habe er mehrmals in der Menge eine einfache Frau aus Georgien gesehen, eine armenische Katholikin, die eigens nach Armenien gereist sei, um ihn zu sehen. „Fest im Glauben stehen – das ist das Zeugnis, das diese Frau uns gegeben hat. Sie glaubte an das Zeugnis, das Petrus von Jesus Christus abgelegt hat, und sie wollte Petrus sehen! Fest im Glauben sein bedeutet, die Fähigkeit zu haben, den Glauben von anderen zu empfangen und ihn an andere weiterzureichen.“ Glaube sei wie „frisches Wasser“; man dürfe ihn nicht „in einem Kasten verstecken“, sondern solle andere daran teilhaben lassen.

Das Nebeneinander vieler verschiedener christlicher Riten und Konfessionen nannte der Papst „einen schönen Fruchtsalat“. Dem Proselytismus bei orthodoxen Christen erteilte er eine klare Absage: „Wir sind Brüder, wir glauben an die Dreifaltigkeit! Wir sollten die Freundschaft untereinander pflegen, gemeinsam vorwärtsgehen, füreinander beten und gemeinsam karitative Hilfe anbieten. Das ist Ökumene! Aber nie verurteilen.“

Eindringlich sprach er von „dunklen Momenten“, die jeden Christen, auch die gottgeweihten, irgendwann einmal heimsuchten. „Was man in diesem Moment tun sollte, ist: Stehenbleiben und sich erinnern – erinnern an den Moment, in dem ich vom Heiligen Geist berührt wurde.“ Alle Menschen seien Sünder, auch Priester und Ordensleute, „aber die Barmherzigkeit Gottes ist viel größer als unsere Sünden“.

Bezogen auf Irina bemerkte der Papst: „Die Ehe ist das Schönste, das Gott geschaffen hat.“ Mann und Frau zusammen seien nach dem Zeugnis des Buches Genesis „als Ebenbild Gottes geschaffen“ worden. Er wisse, wie viele Schwierigkeiten es in einer Ehe geben könne; doch wer sich von seinem Partner scheiden lasse, der verletze in gewisser Weise Gott selbst, denn Gott habe doch das Zueinander von Mann und Frau als sein Ebenbild gewollt.

„Man muss alles unternehmen, um eine Ehe zu retten! Dass man in der Ehe streitet, ist ganz normal, das kommt vor. Da fliegen auch schon mal die Teller! Aber wenn es eine wahre Liebe ist, dann schließt man sofort wieder Frieden.“ Natürlich gebe es „Situationen, die etwas komplexer sind“, räumte Franziskus ein. „Aber wenn diese Versuchung kommt, dann bemüht euch sofort um Hilfe!“ Die katholischen Gemeinschaften sollten mithelfen, „Ehen zu retten“.

„Der große Feind der Ehe ist die Gendertheorie. Es gibt heute einen Weltkrieg, um die Ehe zu zerstören. Er wird nicht mit Waffen geführt, sondern durch ideologische Kolonisierung. Darum ist es wichtig, die Ehe vor diesen Kolonisierungen zu verteidigen!“

 

(rv 01.10.2016 sk)

Papstmesse: Georgiens Frauen Vorbild einer Kirche des Trostes

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Franziskus bei der Messe im Stadion von Tiflis

Franziskus hat in Georgien zu einer Kirche der Nächstenliebe aufgerufen und die Katholiken des Landes zu Offenheit und Dialog aufgefordert. An der Messe im Micheil-Meschi-Stadion nahm entgegen den Ankündigungen doch keine offizielle Delegation der georgisch-orthodoxen Kirche teil, auch Patriarch Ilia II. blieb dem Gottesdienst fern. Es war das bislang größte Treffen des Papstes mit Katholiken in Georgien.

Herzlicher Empfang im überschaubaren Rahmen: Das für rund 30.000 Menschen ausgelegte Sportstadion war lange nicht bis auf den letzten Platz gefüllt, doch war die Freude der anwesenden Katholiken hör- und sichtbar: Franziskus-Rufe, viele Fotos und Winken begleiteten die Papst-Einfahrt ins Sportstadion im offenen Papamobil. In seiner Predigt zeichnete der Papst einmal mehr die Vision einer barmherzigen Kirche, die für die Menschen da sein und hinausgehen muss. Kirche soll Trost spenden – ausgehend vom Buch Jesaja erinnerte Franziskus an den Auftrag der Nächstenliebe und rief zur Gewissenserforschung auf. Jeder Christ solle sich fragen: „Ich bin in der Kirche, bin ich auch Überbringer des Trostes Gottes? Verstehe ich es, den anderen als Gast aufzunehmen und den zu trösten, den ich müde und enttäuscht sehe? Auch wenn er Betrübnis erleidet und auf Verschlossenheit stößt, ist der Christ immer aufgerufen, dem, der sich aufgegeben hat, Hoffnung zuzusprechen, den Entmutigten aufzurichten, das Licht Jesu zu bringen, die Wärme seiner Gegenwart, die Stärkung seiner Vergebung. (…) Den Trost Gottes empfangen und bringen: dieser Auftrag der Kirche ist dringend.“

Gleichgültigkeit angesichts menschlichen Leids erteilte Franziskus ebenso entschieden eine Absage wie einer negativen Weltsicht, die Menschen in Erstarrung verfallen lasse und den Glauben an Gott schwäche: „Wenn sich (…) die Tür des Herzens schließt, kommt Sein Licht nicht an und man bleibt im Dunkel. Dann gewöhnen wir uns an den Pessimismus, an die Dinge, die nicht in Ordnung sind, an die Gegebenheiten, die sich nie ändern werden. Und am Ende verschließen wir uns in der Traurigkeit, in den Katakomben der Angst, allein in uns selbst. Wenn wir hingegen die Türen des Trostes aufreißen, tritt das Licht des Herrn ein!“

Absage an kirchliches Mikroklima

Die Kirche und jeder Christ müssten Hoffnung spenden, schärfte Franziskus seinen Zuhörern ein. Wer Trost suche, müsse Gott in seinem Leben „die Türen öffnen“. In der Glaubenspraxis seien diese „Türen des Trostes“ das Evangelium, Gebet und Anbetung sowie Beichte und Eucharistie. Die Kirche dürfe sich bei ihrem Auftrag aber nicht in sich selbst verschließen, mahnte der Jesuit: „Es tut nicht gut, sich an ein in sich geschlossenes kirchliches „Mikroklima“ zu gewöhnen; es tut uns gut, weite und offene Horizonte der Hoffnung miteinander zu teilen, indem wir in unserem Leben den demütigen Mut aufbringen, die Türen zu öffnen und aus uns selbst hinauszugehen.“ Ebenso dürfe die Institution heute nicht zum Sklaven einer Unternehmenslogik werden, die am eigentlichen Auftrag der Kirche vorbeigehe: „Selig die Hirten, die sich nicht auf das hohe Ross der Logik des weltlichen Erfolgs setzen, sondern dem Gesetz der Liebe folgen: durch Aufnahme, Zuhören und Dienen. Selig die Kirche, die sich nicht auf die Kriterien des Funktionalismus und der Organisationseffizienz verlässt und sich nicht um Imagepflege kümmert.“

Voraussetzung für diesen Modus des Dienens sei Demut, so Franziskus, „Kleinheit im Herzen“. So bestehe die „wahre Größe“ des Menschen doch darin, „sich vor Gott klein zu machen“, klein wie ein Kind. „Die Kinder, die keine Probleme haben, Gott zu verstehen, können uns vieles lehren: Sie sagen uns, dass er große Dinge mit dem vollbringt, der ihm keinen Widerstand leistet, der einfach und ehrlich ist und ohne Falschheit. Das zeigt uns das Evangelium, wo große Wunder mit kleinen Dingen gewirkt werden.“

Georgiens Frauen machen es vor

Am Gedenktag der heiligen Theresia vom Kinde Jesu hob der Papst die große Bedeutung der georgischen Frauen für die Glaubensgemeinschaft hervor. In einer Region, die bis heute mit politischen und ethnischen Spannungen zu kämpfen hat, seien es „Großmütter und Mütter“, „die beständig den Glauben, der von der heiligen Nino in diesem Land ausgesät wurde, hüten und weitergeben und das frische Wasser der Tröstung Gottes in viele Situationen der Wüste und des Konflikts hineintragen.“ Theresia stehe für einen solchen „kleinen Weg“ zu Gott, führte der Papst aus. Die junge Heilige und Kirchenlehrerin habe mit Demut, Hingabe und Dankbarkeit für den Nächsten gewirkt und sei so zu einer Expertin in der „Wissenschaft der Liebe“ geworden. Und er appellierte an die Pilger: „Kleine, geliebte Herde von Georgien, die du dich so der Nächstenliebe und der Bildung widmest, nimm die Ermutigung des Guten Hirten an, vertrau dich ihm an, der dich auf die Schultern nimmt und dich tröstet!“

(rv 01.10.2016 pr)

Papstrede an Georgiens Patriarchen – Volltext

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Es ist für mich eine große Freude und eine besondere Gnade, Eurer Heiligkeit und Seligkeit sowie den ehrwürdigen Metropoliten, Erzbischöfen und Bischöfen des Heiligen Synods zu begegnen. Ich grüße den Herrn Ministerpräsidenten und Sie, werte Vertreter aus der Welt der Wissenschaft und der Kultur.

Eure Heiligkeit, Sie haben eine neue Seite in den Beziehungen zwischen der Orthodoxen Kirche Georgiens und der Katholischen Kirche aufgeschlagen, als Sie den ersten historischen Besuch eines georgischen Patriarchen im Vatikan machten. Bei diesem Anlass haben Sie und der Bischof von Rom einander den Friedenskuss gegeben und versprochen, füreinander zu beten. So konnten die bedeutsamen Bande, die seit den ersten Jahrhunderten des Christentums zwischen uns bestehen, gefestigt werden. Diese Bande haben sich entwickelt und sind weiter respektvoll und herzlich. Dies zeigen auch der herzliche Empfang, der hier meinen Gesandten und Vertretern bereitet wurde, die Studien- und Forschungstätigkeiten im Vatikanischen Archiv und an den Päpstlichen Universitäten seitens georgisch-orthodoxer Gläubiger, die Präsenz einer Ihrer Gemeinden in Rom, die in einer Kirche meiner Diözese zu Gast ist, und die Zusammenarbeit vor allem auf kulturellem Gebiet mit der örtlichen katholischen Gemeinde. Ich bin als Pilger und Freund in dieses gesegnete Land gekommen, während für die Katholiken das Heilige Jahr der Barmherzigkeit seinem Höhepunkt zugeht. Auch der heilige Johannes Paul II. war – als erster der Nachfolger Petri – in einem sehr bedeutenden Augenblick hierhergekommen, an der Schwelle zum Jubiläum des Jahres 2000. Er war gekommen, um die »engen und tiefen Bande« mit dem Stuhl von Rom zu festigen (vgl. Ansprache bei der Begrüßungszeremonie, 2 [Tiflis, 8. November 1999]: L’Osservatore Romano [dt.] Jg. 29, Nr. 50 [10. Dezember 1999], S. 8) und um daran zu erinnern, wie sehr am Anfang des dritten Jahrtausends »der Beitrag Georgiens – dieser uralten Wegscheide der Kulturen und Traditionen – bei der Errichtung […] einer Zivilisation der Liebe« notwendig ist (Ansprache im Patriarchenpalais, 3 [Tiflis, 8. November 1999]: L’Osservatore Romano [dt.] Jg. 29, Nr. 50 [10. Dezember 1999], S. 9).

Die göttliche Vorsehung lässt uns nun wieder zusammentreffen. Angesichts einer Welt, die nach Barmherzigkeit, Einheit und Frieden dürstet, verlangt sie von uns, dass diese Bande zwischen uns frischen Schwung und neues Feuer erhalten. Der Friedenskuss und unsere brüderliche Umarmung sind schon ein beredtes Zeichen davon. Die Orthodoxe Kirche Georgiens, die in der apostolischen Verkündigung wurzelt, insbesondere in der Gestalt des Apostels Andreas, und die Kirche von Rom, die auf das Martyrium des Apostels Petrus gegründet ist, haben so die Gnade, heute im Namen Christi und zu seiner Ehre die Schönheit der apostolischen Brüderlichkeit zu erneuern. Denn Petrus und Andreas waren Brüder: Jesus rief sie, die Netze liegenzulassen und gemeinsam Menschenfischer zu werden (vgl. Mk 1,16-17). Geliebter Bruder, lassen wir uns wieder neu vom Herrn Jesus anschauen, lassen wir uns weiter von seiner Einladung anziehen, das zurückzulassen, was uns davon abhält, gemeinsam Verkünder seiner Gegenwart zu sein.

Dabei unterstützt uns jene Liebe, die das Leben der Apostel veränderte. Es ist die Liebe ohnegleichen, die der Herr verkörperte: »Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt« (Joh 15,13), und die er uns geschenkt hat, damit wir einander lieben, so wie er uns geliebt hat (vgl. Joh 15,12). Diesbezüglich scheint der große Dichter dieses Landes manche seiner berühmten Worte auch an uns zu richten: » Hast du gelesen, wie die Apostel über die Liebe schreiben, von ihr sprechen, sie loben? Erkenne es, wende deinen Sinn diesen Worten zu: Die Liebe richtet uns auf « (SCHOTA RUSTAWELI, Der Recke im Tigerfell, Tiflis 1988, Stanze 785). Tatsächlich richtet uns die Liebe des Herrn auf, da sie uns erlaubt, uns über die Missverständnisse der Vergangenheit, über die Berechnungen der Gegenwart und über die Angst vor der Zukunft zu erheben.

Das georgische Volk hat die Jahrhunderte hindurch die Größe dieser Liebe bezeugt. In ihr hat es die Kraft gefunden, sich nach unzähligen Prüfungen wieder aufzurichten; in ihr hat es sich bis zu den Gipfeln einer außerordentlichen künstlerischen Schönheit erhoben. Denn ohne die Liebe, wie ein anderer großer Dichter geschrieben hat, » herrscht die Sonne nicht am Himmelszelt « und » gibt es weder Schönheit noch Unsterblichkeit « für den Menschen (G. TABIDZE, „Ohne Liebe“, in: Galaktion Tabidze, Tiflis 1982, 25). In der Liebe findet die unsterbliche Schönheit Ihres kulturellen Erbes, das sich auf vielfältige Weise ausdrückt – wie zum Beispiel in der Musik, der Malerei, der Architektur und dem Tanz –, ihren Seinsgrund. Sie, geschätzter Bruder, haben ihr einen würdigen Ausdruck verliehen, vor allem durch die Abfassung edler heiliger Hymnen; einige davon existieren sogar in lateinischer Sprache und sind der katholischen Tradition besonders teuer. Diese Hymnen bereichern Ihren Glaubens- und Kulturschatz, der ein einzigartiges Geschenk an die Christenheit und an die Menschheit darstellt und der allgemein eine größere Bekanntheit und Wertschätzung verdient.

Die ruhmreiche Geschichte des Evangeliums in diesem Land verdankt sich insbesondere der heiligen Nino, die den Aposteln gleichgestellt wird: Sie verbreitete den Glauben mit dem besonderen Zeichen eines aus dem Holz eines Weinstocks gefertigten Kreuzes. Es handelt sich nicht um ein nacktes Kreuz, denn das Bild des Weinstocks – neben seiner hervorragenden Frucht in diesem Land – repräsentiert den Herrn Jesus. Er ist ja »der wahre Weinstock« und er bat seine Apostel, in ihm fest eingepfropft zu bleiben wie die Reben, um Frucht zu bringen (vgl. Joh 15,1-8). Damit aber das Evangelium auch heute Frucht bringt, wird von uns verlangt, geliebter Bruder, dass wir noch fester im Herrn bleiben und untereinander eins sind. Die große Schar von Heiligen, die dieses Land zählt, ermutigt uns, das Evangelium über alles zu stellen und es zu verkündigen wie in der Vergangenheit, ja mehr als in der Vergangenheit, frei von den Schlingen vorgefasster Meinungen und offen gegenüber der ewigen Neuheit Gottes. Die Schwierigkeiten mögen keine Hindernisse darstellen, sondern Anreiz sein, uns besser kennen zu lernen, den Lebenssaft des Glaubens zu teilen, das Gebet füreinander zu intensivieren und in apostolischer Liebe im gemeinsamen Zeugnis zusammenzuarbeiten zur Ehre Gottes im Himmel und im Dienst des Friedens auf Erden.

Das georgische Volk liebt es, die kostbarsten Werte zu feiern und dabei mit der Frucht des Weinstocks anzustoßen. Gemeinsam mit der Liebe, die aufrichtet, wird der Freundschaft eine besondere Rolle vorbehalten. » Wer keinen Freund zu finden sich bemüht, der ist sich selbst der allerschlimmste Feind «, sagt wiederum der Dichter (SCHOTA RUSTAWELI, Der Recke im Tigerfell, Tiflis 1985,Stanze 847). Ich möchte ein echter Freund dieses Landes und seines geschätzten Volkes sein, welches das Gute nicht vergisst, das es empfangen hat, und dessen gastfreundliche Natur sich mit einem wirklich hoffnungsvollen Lebensstil verbindet, selbst inmitten der nie fehlenden Schwierigkeiten. Auch diese positive Haltung findet ihre Wurzeln im Glauben, der die Georgier dazu anleitet, am eigenen Tisch den Frieden für alle zu erbitten und sogar der Feinde zu gedenken.

Mit dem Frieden und der Vergebung sollen wir unsere wahren Feinde besiegen, die nicht aus Fleisch und Blut sind, sondern die bösen Geister außerhalb von uns und in uns (vgl. Eph 6,12). Dieses gesegnete Land ist reich an tüchtigen Helden gemäß dem Evangelium, die wie der heilige Georg das Böse zu überwinden wussten. Ich denke an die vielen Mönche und insbesondere an die zahlreichen Märtyrer, deren Leben »durch den Glauben und die Geduld« gesiegt hat (Ioane SABANISZE, Martyrium des Abo, III): Ihr Leben ist durch die Kelter des Leids gegangen und blieb doch mit dem Herrn vereint; so hat es österliche Frucht gebracht, als es den Boden Georgiens mit aus Liebe vergossenem Blut getränkt hat. Ihre Fürsprache bringe den vielen Christen, die auch heute noch in der Welt Verfolgung und Schmähung erleiden, Linderung und stärke in uns den edlen Wunsch, brüderlich vereint zu sein, um das Evangelium des Friedens zu verkünden.

(rv 30.09.2016 sk)