„Ich danke dem Herrn“ – Generalaudienz von Mittwoch, dem 5. Oktober 2016 — Volltext

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Wir dokumentieren im Folgenden in einer eigenen Übersetzung
die vollständige Ansprache von Papst Franziskus
bei der heutigen Generalaudienz auf dem Petersplatz.

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Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Am vergangenen Wochenende habe ich eine apostolische Reise nach Georgien und Aserbaidschan unternommen. Ich danke dem Herrn, mir dies ermöglicht zu haben und erneuere den zivilen und religiösen Obrigkeiten dieser beiden Länder ein Zeichen meiner Dankbarkeit, insbesondere dem Patriarchen von ganz Georgien Ilia II. – dessen Zeugnis meinem Herzen und meiner Seele sehr gut getan hat – und dem Scheich der kaukasischen Muslime. Ein brüderlicher Dank gilt den Bischöfen, den Priestern und Ordensleute sowie allen Gläubigen, die mir ihre warme Zuneigung spüren ließen.

Diese Reise bildete die Fortsetzung und Vervollkommnung jener, die mich im Juni nach Armenien führte. Auf diese Weise konnte ich – Gott sei Dank – den Plan verwirklichen, alle drei kaukasischen Länder zu besuchen, um die in ihnen lebende katholische Kirche zu bestärken und den Weg in Richtung Frieden und Brüderlichkeit jener Bevölkerungen zu ermutigen. Dies verdeutlichten auch die beiden Mottos dieser letzten Reise: für Georgien lautete es: „Pax vobis“ und für Aserbaidschan „Wir sind alle Brüder“.

Beide Länder verfügen über sehr alte geschichtliche, kulturelle und religiöse Wurzeln. Zugleich durchleben sie jedoch eine neue Phase: So feiern beide in diesem Jahr ihre 25-jährige Unabhängigkeit, nachdem sie einen beträchtlichen Teil des 20. Jahrhunderts unter der sowjetischen Hegemonie gestanden waren. In dieser Phase sind sie in den verschiedenen Bereichen des sozialen Lebens mit zahlreichen Schwierigkeiten konfrontiert. Die katholische Kirche ist dazu aufgerufen, insbesondere im Zeichen der Nächstenliebe und der Förderung der Menschlichkeit gegenwärtig, nahe zu sein. In der Gewissheit, dass Gott der Vater aller ist und wir Brüder und Schwestern sind, versucht sie dies in Gemeinschaft mit den anderen Kirchen und christlichen Gemeinden und im Dialog mit den anderen Religionsgemeinschaften zu tun.

In Georgien verläuft diese Mission selbstverständlich über die Zusammenarbeit mit den orthodoxen Brüdern, die die große Mehrheit der Bevölkerung bilden. Der Umstand, dass mich bei meiner Ankunft am Flughafen von Tbilisi neben dem Präsidenten der Republik auch der verehrte Patriarch Ilia II. erwartete, war ein sehr wichtiges Zeichen. Die Begegnung mit ihm an jenem Nachmittag war bewegend ebenso wie der Besuch der Patriarchenkathedrale am Tag danach, in der die Reliquie der Tunika Christi als Symbol der Einheit der Kirche verehrt wird. Diese Einheit wird bestärkt vom Blut vieler Märtyrer der verschiedenen christlichen Konfessionen. Zu den am meisten geprüften Gemeinden zählt die assyro-chaldäische, mit der ich in Tbilisi einen innigen Gebetsmoment für den Frieden in Syrien, in Irak und im gesamten Mittleren Osten erlebte.

Die Messe mit den katholischen Gläubigen Georgiens – lateinischen, armenischen und assyro-chaldäischen – wurde im Gedenken an die hl. Therese vom Jesuskind, der Schutzpatronin der Missionen – gefeiert: Sie erinnert uns daran, dass wahre Mission nie Proselytismus ist, sondern die Anziehungskraft Christi ausgehend von der tiefen Einheit mit ihm im Gebet, in der Anbetung und der konkreten Nächstenliebe, die Dienst am im kleinsten der Brüder gegenwärtigen Jesus ist. Dies tun die Ordensleute, denen ich in Tbilisi und dann auch in Baku begegnet bin: Sie tun es mit dem Gebet und den karitativen und fördernden Werken. Ich ermutigte sie dazu, mit Gedächtnis, Mut und Hoffnung standhaft im Glauben zu sein. Und dann gibt es christliche Familien: Wie kostbar sind ihre empfangende Gegenwart, ihre Begleitung, ihr Urteilsvermögen und ihre Integration in die Gemeinschaft!

Dieser Stil evangelischer Gegenwart als Samen des Reiches Gottes ist, sofern möglich, noch notwendiger in Aserbaidschan, wo der Großteil der Bevölkerung muslimisch ist und sich die Zahl der Katholiken auf wenige Hunderte beschränkt. Gott sei Dank sind die Beziehungen zu allen jedoch gut. Insbesondere werden brüderliche Bindungen mit den orthodoxen Christen aufrechterhalten. Aus diesem Grund erlebten wir in Baku, der Hauptstadt Aserbaidschans, zwei Momente erlebt, die der Glaube im rechten Verhältnis zu halten vermag: die Eucharistie und die interreligiöse Begegnung. Die Eucharistie mit der kleinen katholischen Gemeinde, in der der hl. Geist die verschiedenen Sprachen in Einklang bringt und die Kraft des Zeugnisses spendet; und diese Gemeinschaft in Christi – anstatt hinderlich zu sein – drängt zur Suche nach der Begegnung und dem Dialog mit all jenen, die an Gott glauben, um gemeinsam eine gerechtere und brüderliche Welt zu bauen. In diesem Sinne äußerte ich den Obrigkeiten Aserbaidschans gegenüber die Hoffnung, dass man gute Lösungen für die offenen Fragen finden möge und alle kaukasischen Bevölkerungen im Frieden und in gegenseitiger Achtung leben.

Gott segne Armenien, Georgien und Aserbaidschan und begleite den Weg seines heiligen pilgernden Volkes in jenen Ländern.

[Übersetzt aus dem Italienischen von Sarah Fleissner]

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Generalaudienz, 5. Oktober 2016 / © PHOTO.VA – OSSERVATORE ROMANO

Berufung zu Offenheit und Begegnung

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Am 2. Oktober traf Papst Franziskus in der „Heydar-Aliyev“-Moschee in Baku (Aserbaidschan) mit dem Scheich und Repräsentanten der anderen Religionsgemeinschaften des Landes zusammen. In seiner Ansprache betont der Heilige Vater die Bedeutung der Religionen als Sinnstifter. Von Papst Franziskus

Hier zusammen zu sein, ist ein Segen. Ich möchte dem Ratspräsidenten der kaukasischen Muslime, der uns mit seiner gewohnten Liebenswürdigkeit Gastfreundschaft gewährt, sowie den örtlichen religiösen Würdenträgern der russisch-orthodoxen Kirche und der jüdischen Gemeinden danken. Es ist ein bedeutendes Zeichen, dass wir uns hier an diesem Ort des Gebetes in brüderlicher Freundschaft begegnen – ein Zeichen, das jene Harmonie zum Ausdruck bringt, die die Religionen gemeinsam aufbauen können, ausgehend von den persönlichen Beziehungen und dem guten Willen der Verantwortlichen. Beweis dafür sind hier zum Beispiel die konkrete Hilfe, die der Ratspräsident der Muslime in mehreren Fällen der katholischen Gemeinschaft gewährt hat, und die weisen Ratschläge, die er ihr in familiärer Gesinnung mitteilt. Hervorzuheben sind auch das gute Verhältnis, das die Katholiken in konkreter Brüderlichkeit und täglicher liebevoller Zuneigung mit der orthodoxen Gemeinschaft verbindet – ein Vorbild für alle –, sowie die herzliche Freundschaft mit der jüdischen Gemeinde.

Von dieser Eintracht profitiert Aserbaidschan, das sich durch seine Aufnahmebereitschaft und Gastfreundschaft auszeichnet – Gaben, die ich an diesem denkwürdigen Tag, für den ich sehr dankbar bin, erfahren konnte. Hier ist man bestrebt, das bedeutende Erbe der Religionen zu bewahren, und zugleich sucht man nach einer größeren und fruchtbaren Öffnung. So findet zum Beispiel auch der katholische Glaube Raum und Harmonie unter den anderen, wesentlich zahlreicher vertretenen Religionen. Das ist ein konkretes Zeichen, das zeigt, wie nicht der Gegensatz, sondern die Zusammenarbeit hilft, bessere und friedliche Gesellschaften aufzubauen. Unser Zusammensein liegt auch in der Kontinuität mit den zahlreichen Begegnungen, die in Baku stattfinden, um den Dialog und die Multikulturalität zu fördern. Wenn man der Aufnahme und der Integrierung die Türen öffnet, dann öffnen sich die Türen der Herzen jedes Einzelnen und die Türen der Hoffnung für alle.

Ich bin zuversichtlich, dass dieses Land als „Tor zwischen Ost und West“ (Johannes Paul II., Ansprache bei der Begrüßungszeremonie [22. Mai 2002]: L?Osservatore Romano [dt.] Jg. 32, Nr. 22 [31. Mai 2002], S. 7) immer seine Berufung zu Offenheit und Begegnung pflegen wird; es sind dies unerlässliche Bedingungen, um haltbare Brücken des Friedens und eine menschenwürdige Zukunft aufzubauen. Die Brüderlichkeit und das Miteinander, die wir mehren möchten, werden bei denen, die Trennungen hervorheben, Spannungen neu entfachen und aus Gegensätzen und Streitigkeiten Gewinn ziehen wollen, keinen Beifall finden; von denen, die das Gemeinwohl anstreben, werden sie jedoch inständig erfleht und erwartet. Und vor allem sind sie dem mitleidigen und barmherzigen Gott wohlgefällig, der will, dass die Söhne und Töchter der einen Menschheitsfamilie enger miteinander verbunden und immer im Dialog sind. Ein großer Dichter, ein Sohn dieses Landes, hat geschrieben: „Wenn du Mensch bist, mische dich unter die Menschen, denn den Menschen geht es gut in gegenseitiger Gesellschaft“ (Nizami Ganjavi, Das Alexanderbuch, I, Über den eigenen Zustand und den Lauf der Zeit). Sich den anderen zu öffnen, macht nicht ärmer, sondern es bereichert, denn es hilft, menschlicher zu sein: sich als aktiven Teil eines größeren Ganzen zu erkennen und das Leben als ein Geschenk für die anderen zu verstehen; als Ziel nicht die eigenen Interessen zu betrachten, sondern das Wohl der Menschheit; ohne Schwärmereien und ohne Formen von Interventionismus zu handeln, ohne schädliche Einmischungen und Zwangsmaßnahmen zu vollziehen, sondern stattdessen immer die geschichtlichen Entwicklungen, die Kulturen und die religiösen Traditionen zu respektieren.

Gerade die Religionen haben eine große Aufgabe, nämlich die Menschen auf ihrer Suche nach dem Sinn des Lebens zu begleiten und ihnen zu helfen zu begreifen, dass die begrenzten Fähigkeiten des Menschen und die Güter dieser Welt niemals zu absoluten Größen werden dürfen. Wieder ist es Nizami, der schreibt: „Setze nicht endgültig auf deine Kräfte, solange du im Himmel keine Wohnung gefunden hast! Die Früchte der Welt sind nicht ewig, verehre nicht das Vergängliche!“ (Leila und Madschnun, Der Tod Madschnuns auf Leilas Grab). Die Religionen sind berufen, uns begreifen zu lassen, dass die Mitte des Menschen außerhalb seiner selbst liegt, dass wir auf die endlose Höhe hin ausgestreckt sind und zum anderen hin, der unser Nächster ist. Dorthin soll das Leben sich auf den Weg machen: zur erhabensten und zugleich konkretesten Liebe. Sie muss der Gipfel jedes echten religiösen Strebens sein, denn – wie noch einmal der Dichter sagt – „Liebe ist das, was sich nie ändert, Liebe ist das, was kein Ende hat“ (ebd. Die Verzweiflung des Madschnun). Die Religion ist also für den Menschen eine Notwendigkeit, um sein Ziel zu verwirklichen, ein Kompass, um ihn zum Guten hin zu orientieren und ihn vom Bösen abzuhalten, das immer an der Tür seines Herzens lauert (vgl. Gen 4, 7). In diesem Sinn haben die Religionen eine Erziehungsaufgabe, nämlich zu helfen, das Beste des Menschen zum Vorschein zu bringen.

Und wir tragen als Leiter eine große Verantwortung, der Suche des Menschen, der sich heute oft in den schwindelerregenden Paradoxien unserer Zeit verliert, echte Antworten zu bieten. Tatsächlich sehen wir, wie in unseren Tagen einerseits der Nihilismus derer grassiert, die an nichts mehr glauben, außer an die eigenen Interessen, Nutzen und Vorteile, und das Leben wegwerfen, indem sie sich nach dem Spruch richten: „Wenn es Gott nicht gibt, ist alles erlaubt“ (vgl. F. M. Dostojewski, Die Brüder Karamasow, XI, 4.8.9). Andererseits treten immer mehr die starren und fundamentalistischen Reaktionen derer zutage, die mit verbaler und tätlicher Gewalt extreme und radikalisierte Haltungen durchsetzen wollen, die denkbar weit entfernt sind vom lebendigen Gott.

Im Gegensatz dazu sind die Religionen, die ja helfen, das Gute zu erkennen und durch Werke, Gebet und die Mühe der Arbeit an sich selbst praktisch umzusetzen, dazu berufen, die Kultur der Begegnung und des Friedens aufzubauen, die aus Geduld, Verständnis und bescheidenen konkreten Schritten besteht. So wird der menschlichen Gesellschaft gedient. Diese ist ihrerseits stets gehalten, die Versuchung zu überwinden, sich des religiösen Faktors zu bedienen: Die Religionen dürfen niemals instrumentalisiert werden und dürfen nicht dafür herhalten, Konflikte und Gegensätze zu begünstigen.

Fruchtbar ist hingegen eine ehrbare Verbindung zwischen Gesellschaft und Religionen, eine respektvolle Allianz, die aufgebaut und gehütet werden muss und die ich mit einem Bild symbolisieren möchte, das diesem Land viel bedeutet. Ich beziehe mich auf die wertvollen, künstlerisch gestalteten Glasfenster, die es seit Jahrhunderten in dieser Gegend gibt und die nur aus Holz und buntem Glas bestehen (Shebeke). Bei ihrer handwerklichen Fertigung gibt es eine einzigartige Besonderheit: Es werden weder Klebstoff noch Nägel verwendet, sondern Holz und Glas werden zusammengehalten, indem sie in langer, sorgfältiger Arbeit ineinander verschachtelt werden. So hält das Holz das Glas, und das Glas lässt Licht einfallen. Genauso ist es Aufgabe jeder Zivilgesellschaft, die Religion zu unterstützen, die das Einfallen eines zum Leben unerlässlichen Lichtes ermöglicht. Und darum ist es notwendig, der Religion eine wirkliche und echte Freiheit zu garantieren. Es dürfen also nicht die künstlichen „Klebstoffe“ verwendet werden, die den Menschen zwingen zu glauben, indem man ihm ein bestimmtes Credo aufoktroyiert und ihn seiner Entscheidungsfreiheit beraubt, und es dürfen in die Religion auch nicht die äußeren „Nägel“ der weltlichen Interessen und der Macht- und Geldgier eindringen. Denn Gott darf nicht für partielle Interessen und egoistische Zwecke angerufen werden, er kann keine Form von Fundamentalismus, Imperialismus oder Kolonialismus rechtfertigen. Noch einmal erhebt sich von diesem so bedeutungsvollen Ort aus der herzzerreißende Ruf: Niemals mehr Gewalt im Namen Gottes! Sein heiliger Name werde angebetet, nicht geschändet und verschachert von Hass und menschlichen Gegensätzen.

Ehren wir dagegen die umsichtige göttliche Barmherzigkeit uns gegenüber mit dem beharrlichen Gebet und dem konkreten Dialog, der eine „notwendige Bedingung für den Frieden in der Welt und darum eine Pflicht für die Christen wie auch für die anderen Religionsgemeinschaften“ ist (Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 250). Gebet und Dialog stehen in einer engen Wechselbeziehung zueinander: Sie führen zur Öffnung des Herzens und streben dem Wohl der anderen zu, bereichern und stärken sich also gegenseitig. Fest überzeugt und in Kontinuität mit den Zweiten Vatikanischen Konzil „mahnt [die katholische Kirche] ihre Söhne [und Töchter], dass sie mit KIugheit und Liebe, durch Gespräch und Zusammenarbeit mit den Bekennern anderer Religionen sowie durch ihr Zeugnis des christlichen Glaubens und Lebens jene geistlichen und sittlichen Güter und auch die sozial-kulturellen Werte, die sich bei ihnen [den Bekennern anderer Religionen] finden, anerkennen, wahren und fördern“ (Erkl. Nostra aetate, 2). Kein „versöhnlicher Synkretismus“ und keine „diplomatische Offenheit, die zu allem Ja sagt, um Probleme zu vermeiden“ (Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 251), sondern mit den anderen sprechen und für alle beten: das sind unsere Mittel, um Lanzen in Winzermesser zu verwandeln (vgl. Jes 2, 4), um Liebe aufkommen zu lassen, wo Hass herrscht, und Vergebung, wo Verletzung schmerzt, damit wir nicht müde werden, Wege des Friedens zu erflehen und zu gehen.

Wege eines wahren Friedens, der auf gegenseitige Achtung, Begegnung und ein Miteinander-Teilen, auf den Willen, über Vorurteile und Schuld der Vergangenheit hinauszukommen, sowie auf die Absage an Heuchelei und parteiliche Interessen gegründet ist; eines dauerhaften Friedens, der beseelt ist von dem Mut, die Barrieren zu überwinden, die Situationen von Armut und Ungerechtigkeit auszurotten, die Verbreitung von Waffen und die ungerechten Profite auf Kosten der anderen anzuzeigen und ihnen Einhalt zu gebieten.

Allzu viel Blut schreit vom Boden der Erde, unseres gemeinsamen Hauses, zu Gott (vgl. Gen 4, 10). Jetzt sind wir aufgefordert, eine Antwort zu geben, die nicht mehr hinausgezögert werden kann, und gemeinsam eine Zukunft des Friedens aufzubauen: Es ist nicht der Moment gewaltsamer und schroffer Lösungen, sondern die drängende Stunde, geduldige Prozesse der Versöhnung einzuleiten. Die wirkliche Frage unserer Zeit ist nicht die, wie wir unsere Interessen verfolgen können – das ist nicht die wirkliche Frage! –, sondern welche Lebensperspektiven wir den kommenden Generationen bieten, wie wir eine Welt hinterlassen können, die besser ist als die, welche wir empfangen haben. Gott und die Geschichte selbst werden uns fragen, ob wir uns heute für den Frieden eingesetzt haben; schon jetzt fragen uns traurig danach die jungen Generationen, die sich eine andere Zukunft erträumen. Mögen die Religionen in der Nacht der Konflikte, die wir durchmachen, Morgenröte des Friedens, Samen der Wiedergeburt unter den Verwüstungen des Todes, unermüdlich tönender Widerhall des Dialogs und Wege der Begegnung und der Versöhnung sein, um dorthin zu gelangen, wo die offiziellen Vermittlungsversuche keinen Erfolg zu erzielen scheinen.

Mögen die Religionen besonders in dieser geschätzten kaukasischen Region, die zu besuchen ich so ersehnt habe und in die ich als Pilger des Friedens gekommen bin, aktive Mittel zur Überwindung der Tragödien der Vergangenheit und der Spannungen von heute sein. Mögen die unschätzbaren Reichtümer dieser Länder erkannt und genutzt werden: Die alten und immer neuen Schätze der Weisheit, Kultur und Religiosität der Kaukasusvölker sind eine reiche Ressource für die Zukunft der Region und insbesondere für die europäische Kultur – kostbare Güter, auf die wir nicht verzichten können. Danke.

Quelle – © Copyright – Libreria Editrice Vaticana

Franziskus in Aserbaidschan: Religionen müssen Weg zum Frieden ebnen

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Franziskus und der Scheich in der größten Moschee von Baku

Recht gelebte Religionen können den Weg zum Frieden ebnen, wo Politik und Diplomatie scheitern. Das sagte Papst Franziskus zum Abschluss seiner Kaukasusreise vor Muslimen, Juden und orthodoxen Christen in Baku, der Hauptstadt Aserbaidschans. Bei der herausragenden Begegnung in der „Heydar Aliyev“-Moschee würdigte Franziskus den Stand des Dialogs und die herzliche Zusammenarbeit der Religionen im Großen und im Kleinen in dem Kaukasus-Land.

Es war das erste Mal, dass ein Oberhaupt der katholischen Kirche in einer Moschee vor Muslimen, Juden und Christen eine Rede hielt. Bereits Franziskus‘ Vorgänger Johannes Paul II. und Benedikt XVI. hatten Moscheen besucht. Franziskus war in Istanbul und in Bangui, der Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik in einer Moschee gewesen. Doch bisher fanden solche Besuche stets ohne offizielle Rede statt.

„Hier zusammen zu sein, ist ein Segen“, sagte der Papst eingangs und dankte dem Scheich der kaukasischen Muslime als Gastgeber sowie den Würdenträgern der orthodoxen Kirche und der jüdischen Gemeinden. Vor ihnen skizzierte Franziskus die gemeinsamen Aufgaben, die Religionen – alle Religionen – haben: den Menschen zu begleiten und ihm begreiflich zu machen, dass seine eigenen Fähigkeiten „und die Güter dieser Welt niemals zu absoluten Größen werden dürfen“. Religion, das sei für den Menschen ein Kompass. Sie habe zugleich „eine Erziehungsaufgabe, nämlich zu helfen, das Beste des Menschen zum Vorschein zu bringen. Und wir tragen als Leiter eine große Verantwortung, der Suche des Menschen, der sich heute oft in den schwindelerregenden Paradoxien unserer Zeit verliert, echte Antworten zu bieten.“

Zwei extremistische Strömungen des Areligiösen treten in unseren Tagen hervor, führte Franziskus aus. Zum einen der Nihilismus, der Glaube an nichts außerhalb des eigenen Vorteils, zum anderen der Fundamentalismus jener, „die mit verbaler und tätlicher Gewalt extreme und radikalisierte Haltungen durchsetzen wollen, die denkbar weit entfernt sind vom lebendigen Gott“. Eine wachsame Gesellschaft könne beide Gefahren in Schach halten.

Um seine Vorstellung einer solchen „ehrbaren Verbindung zwischen Gesellschaft und Religionen“ zu illustrieren, griff Franziskus auf ein in Aserbaidschan weit verbreitetes Kulturgut zurück: jene alten und kostbaren Glasfenster namens Shebeke, die allein aus Holz und Glas bestehen, nicht aber aus Leim oder Nägeln.

„Holz und Glas werden zusammengehalten, indem sie in langer, sorgfältiger Arbeit ineinander verschachtelt werden. So hält das Holz das Glas, und das Glas lässt Licht einfallen. Genauso ist es Aufgabe jeder Zivilgesellschaft, die Religion zu unterstützen, die das Einfallen eines zum Leben unerlässlichen Lichtes ermöglicht. Und darum ist es notwendig, der Religion eine wirkliche und echte Freiheit zu garantieren. Es dürfen also nicht die künstlichen „Klebstoffe“ verwendet werden, die den Menschen zwingen zu glauben, indem man ihm ein bestimmtes Credo aufoktroyiert und ihn seiner Entscheidungsfreiheit beraubt, und es dürfen in die Religion auch nicht die äußeren „Nägel“ der weltlichen Interessen und der Macht- und Geldgier eindringen.“

Gott dürfe unter keinen Umständen für egoistische Zwecke angerufen werden, fuhr der Papst fort. „Noch einmal erhebt sich von diesem so bedeutungsvollen Ort aus der herzzerreißende Ruf: Niemals mehr Gewalt im Namen Gottes! Sein heiliger Name werde angebetet, nicht geschändet und verschachert von Hass und menschlichen Gegensätzen.“

Und Franziskus rief die Angehörigen anderer Religionen und Konfessionen zu Gebet und Dialog auf. Es gehe da nicht um einen „versöhnlichen Synkretismus“ noch um eine „diplomatische Offenheit, die zu allem Ja sagt, um Probleme zu vermeiden“, sagte der Papst unter Rückgriff auf sein Lehrschreiben „Evangelii gaudium“, sondern es gehe einzig darum, mit den anderen zu sprechen und für alle zu beten: „das sind unsere Mittel, um Liebe aufkommen zu lassen, wo Hass herrscht, und Vergebung, wo Verletzung  schmerzt, damit wir nicht müde werden, Wege des Friedens zu erflehen und zu gehen.“

Es sei „nicht der Moment gewaltsamer und schroffer Lösungen, sondern die drängende Stunde, geduldige Prozesse der Versöhnung einzuleiten. Die wirkliche Frage unserer Zeit ist nicht die, wie wir unsere Interessen verfolgen können, sondern welche Lebensperspektiven wir den kommenden Generationen bieten, wie wir eine Welt hinterlassen können, die besser ist als die, welche wir empfangen haben. Gott und die Geschichte selbst werden uns fragen, ob wir uns heute für den Frieden eingesetzt haben.“

Und der Papst äußerte die Hoffnung, dass die Religionen „in der Nacht der Konflikte, die wir durchmachen, Morgenröte des Friedens, Samen der Wiedergeburt unter den Verwüstungen des Todes“ seien. Sie solle „Wege der Begegnung und der Versöhnung“ beschreiten, „um dorthin zu gelangen, wo die offiziellen Vermittlungsversuche keinen Erfolg zu erzielen scheinen“.

Der Großmufti des Kaukasus, Scheich Allahschükür Paschazade, war dem Papst davor in einer privaten Unterredung begegnet. Bei seiner Ansprache dankte er Franziskus für seine Versuche, die im Westen gerne gezogene Verbindungslinie zwischen Islam und Terrorismus aufzubrechen. Auch der Scheich verwies auf das gute Zusammenleben der Religionen in Aserbaidschan. Er würdigte darüber hinaus den Einsatz der Regierung, das Erbe der Religionen für die zukünftigen Generationen zu erhalten.

Als Gastgeschenk überreichte der Scheich dem Papst einen Koran und einen Gebetsteppich. Das heilige Buch der Muslime  der küsste der Scheich ehrfüchtig, ehe es sie dem Gast gab. Franziskus nahm den Koran mit einer Verneigung an. Als zweites Geschenk erhielt der Papst einen Teppich. „Zum Beten?“, fragte Franziskus. Darauf antwortete der Großmufti mit einer Geste in die Gebetsnische der Moschee: „Der hier ist für uns, dieser für Ihre Heiligkeit.“ – Franziskus revanchierte sich mit einem kleinen Mosaik der römischen Engelsburg.

(rv/kna 02.10.2016 ah)

Der Papst im Patriarchenpalais: „Die Liebe richtet uns auf“

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Franziskus mit seinem Geschenk, dem Codex Pauli für den georgischen Patriarchen.

Papst Franziskus hat bei seinem Besuch am Sitz des orthodoxen Patriarchen in Tiflis die Brüderlichkeit zwischen katholischer und orthodoxer Kirche bekräftigt. „Angesichts einer Welt, die nach Barmherzigkeit, Einheit und Frieden dürstet, verlangt sie von uns, dass diese Bande zwischen uns frischen Schwung und neues Feuer erhalten. Der Friedenskuss und unsere brüderliche Umarmung sind schon ein beredtes Zeichen davon.“

Das Verhältnis der georgisch-orthodoxen Kirche zu den orthodoxen Schwesterkirchen und anderen christlichen Konfessionen gilt als schwierig. Bei seiner Ankunft am Flughafen von Tiflis war Papst Franziskus von mehreren Dutzend Demonstranten mit Transparenten empfangen worden, die ihn als „nicht willkommen“ bezeichneten. Bereits in den vergangenen Tagen hatten ultrakonservative Anhänger der georgisch-orthodoxen Kirche vor der diplomatischen Vertretung des Heiligen Stuhls in Tiflis gegen den Papstbesuch protestiert. Patriarch Ilia II. verurteilte diese Kundgebungen.

Der 83-jährige Patriarch, seit 1977 an der Spitze der georgisch-orthodoxen Kirche, sprach seinerseits von einer brüderlichen Verbundenheit der Kirchen von Tiflis und Rom. Die Anwesenheit des Papstes nannte er einen „historischen Besuch“ und eine Stärkung für ganz Georgien. Der Begegnung wohnten auch Vertreter anderer Konfessionen wie etwa der armenischen Kirche sowie Repräsentanten nichtchristlicher Religionen bei.

Papst Franziskus nannte den orthodoxen Patriarchen in seiner Ansprache mehrfach „geliebter Bruder”. „Geliebter Bruder, lassen wir uns wieder neu vom Herrn Jesus anschauen, lassen wir uns weiter von seiner Einladung anziehen, das zurückzulassen, was uns davon abhält, gemeinsam Verkünder seiner Gegenwart zu sein,“ fuhr Franziskus fort.

Unterstützt würden die Kirchen von der Liebe, die der Herr verkörpere. Auch der große Dichter Georgiens aus dem 12. Jahrhundert, Schota Rustaweli, habe von dieser Liebe geschrieben: „Hast du gelesen, wie die Apostel über die Liebe schreiben, von ihr sprechen, sie loben? Erkenne es, wende deinen Sinn diesen Worten zu: Die Liebe richtet uns auf“. Franziskus: „Tatsächlich richtet uns die Liebe des Herrn auf, da sie uns erlaubt, uns über die Missverständnisse der Vergangenheit, über die Berechnungen der Gegenwart und über die Angst vor der Zukunft zu erheben.“

Franziskus schenkte dem Patriarchen einen über 400-seitigen „Codex Pauli“ anlässlich des 2.000. Geburtstages des Völkerapostels Paulus. Darin sind zahlreiche Illustrationen insbesondere aus Manuskripten der Abtei von Sankt Paul vor den Mauern abgebildet. Franziskus hob das kulturelle Erbe Georgiens hervor, das sich auf dieser Liebe gründe, sei es in der Musik, der Malerei, der Architektur und dem Tanz. „Sie, geschätzter Bruder, haben ihr einen würdigen Ausdruck verliehen, vor allem durch die Abfassung edler heiliger Hymnen; einige davon existieren sogar in lateinischer Sprache und sind der katholischen Tradition besonders teuer. Diese Hymnen bereichern Ihren Glaubens- und Kulturschatz, der ein einzigartiges Geschenk an die Christenheit und an die Menschheit darstellt und der allgemein eine größere Bekanntheit und Wertschätzung verdient.“

Franziskus erinnerte an die vielen Mönche und die zahlreichen Märtyrer Georgiens, deren Fürsprache auch heute noch die verfolgten Christen in der Welt tröste. Er erinnerte an die heilige Nino, deren besonderes Zeichen das Kreuz aus dem Holz eines Weinstocks war. „Damit aber das Evangelium auch heute Frucht bringt, wird von uns verlangt, geliebter Bruder, dass wir noch fester im Herrn bleiben und untereinander eins sind.“

(rv 30.09.2016 cz)

Franziskus erneut im Kaukasus

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Besucht Georgien und Aserbaidschan: Papst Franziskus nach seiner Ankunft auf dem Rollfeld des Flughafens von Tiflis. Foto: CNA

Der Papst lobt Georgien als „Brücke zwischen Europa und Asien“
und mahnt zum Frieden unter den Völkern.

Von Stephan Baier

 

Tiflis (DT) Mit einer Rede im Präsidentenpalast Georgiens hat Papst Franziskus am Freitagnachmittag in Tiflis (Tbilisi) seine zweite Kaukasus-Reise begonnen. Die erste führte ihn im Juni nach Armenien, nun besucht der Heilige Vater innerhalb von drei Tagen das orthodox geprägte Georgien und das mehrheitlich muslimische Aserbaidschan. Georgien füge sich „auf fruchtbare und besondere Weise in den Schoß der europäischen Zivilisation ein“, sagte Franziskus vor Vertretern der Regierung, der Zivilgesellschaft und der Diplomatie. Das Land sei „eine natürliche Brücke zwischen Europa und Asien, ein Scharnier“. Der Papst mahnte zugleich eine „Gesinnung gegenseitiger Wertschätzung“ und – mit Blick auf die russische Aggression gegen Georgien und die gewaltsame Abspaltung zweier Gebiete – die „Achtung der souveränen Sonderrechte jedes Landes im Rahmen des internationalen Rechts“ sowie ein „friedliches Zusammenleben unter den Nationen“ an.

Auch auf die ökumenisch angespannte Lage ging Franziskus im Präsidentenpalast ein. Die katholische Kirche sei seit Jahrhunderten im Land präsent und teile „die Freuden und die Sorgen des georgischen Volkes“, sagte der Papst, der die Orthodoxie daran erinnerte, dass „das gemeinsame Zeugnis der christlichen Tradition uns vereint“. Die georgische Orthodoxie gehört zu den Ökumene-Skeptikern unter den 14 autokephalen orthodoxen Kirchen und war aus diesem Grund dem Panorthodoxen Konzil auf Kreta ferngeblieben. Wenige Tage vor dem Papstbesuch sagte Patriarch Elias II. nun in Tiflis das ursprünglich geplante gemeinsame Gebet mit dem Papst ab. Dogmatische Verschiedenheiten stünden dem noch entgegen, meinte der kranke und gebrechliche, seit 1977 amtierende Patriarch, den Kenner des Landes für den am meisten Aufgeschlossenen unter den orthodoxen Hierarchen Georgiens halten. „In der Tradition der georgischen Gastfreundschaft“ wolle man den Papst empfangen, „und zwar wie einen Staatsführer“, teilte das Patriarchat mit.

Bischof Giuseppe Pasotto, der als Apostolischer Administrator für die Katholiken des lateinischen Ritus in der Kaukasus-Region zuständig ist, sagte am Donnerstag im Gespräch mit der „Tagespost“ in Tiflis, es habe eine „sehr kleine Demonstration gegen den Papstbesuch gegeben“, von rund 40 oder 50 Personen, begleitet von orthodoxen Priestern. Das sei für die Stimmung im Lande nicht repräsentativ. Der Patriarch habe daraufhin einen Brief an die Priester geschrieben, sie sollten nicht gegen den Papstbesuch demonstrieren: „Er hat uns nicht sehr verteidigt, aber doch ein wenig“, so Pasotto. Der Bischof räumte ein, dass „die georgisch-orthodoxe Kirche eine der am meisten verschlossenen in der orthodoxen Welt“ sei. Darum habe sie nicht am Panorthodoxen Konzil auf Kreta teilgenommen. Auch das jüngst verabschiedete Dokument von Chieti, das sogar die Zustimmung der russischen Orthodoxie fand, sei von der georgischen Orthodoxie nicht angenommen worden.

Von größter Bedeutung sei die katholische Universität in Tiflis, wo auch orthodoxe Laien Theologie studieren. Das seien „Samen für einen Wandel in der Zukunft“. Als Papst Johannes Paul II. Georgien 1999 besuchte, habe das Patriarchat den Gläubigen noch ausdrücklich verboten, zur Messe mit dem Papst zu gehen, diesmal jedoch seien rund die Hälfte der 60 000 Besucher der Papst-Messe am Samstag orthodox. Es gebe unter den Orthodoxen ein sehr großes Interesse am Besuch des Papstes. Er glaube aber, dass die Früchte dieses Papstbesuchs erst in fünf oder zehn Jahren sichtbar sein werden.

Pasotto berichtete im Gespräch mit dieser Zeitung von Diskriminierungen, etwa beim Bau von katholischen Kirchen: Wo der orthodoxe Priester sich dagegenstelle, wage der örtliche Bürgermeister nicht, den Katholiken die Zustimmung zum Kirchenbau zu geben. Auf die Frage, warum der Papst eine Region mit so wenigen Katholiken besuche, meinte Pasotto: „Um zu sehen, wie es dem Herzen geht, misst der Arzt den Puls an der Hand, also an der Peripherie des Körpers. Der Papst macht es genauso, wenn er an die Peripherie der Kirche geht.“ Als er vor zwei Jahren gehört habe, dass Franziskus Armenien besuchen werde, habe er im Vatikan deponiert, der Papst könne nicht nach Armenien gehen, ohne auch nach Georgien und Aserbaidschan zu reisen. „Das sind drei völlig verschiedene Länder derselben Region: Armenien ist armenisch-apostolisch, Georgien orthodox, Aserbaidschan ist muslimisch. Aber diese Länder bilden eine Einheit in ihrer Verschiedenheit.“

Der armenisch-katholische Erzbischof Raphael Minassian meinte am Donnerstagabend im Gespräch mit der „Tagespost“, beim Papstbesuch im Juni in Armenien sei die mit Rom verbundene Kirche an den Rand gedrängt worden. „Wir sollten gar nicht existieren“, so der unierte Erzbischof des armenischen Ritus mit Blick auf die Dominanz der armenisch-apostolischen Kirche beim Besuch von Franziskus in Armenien. Ähnliches drohe jetzt auch in Georgien, wo die armenisch-katholische Kirche mit rund 120 000 Gläubigen die größte unter den katholischen Ritengemeinschaften sei: „die Mehrheit in der Minderheit“. Unter den Katholiken des armenischen, chaldäischen und lateinischen Ritus gebe es allerdings keinerlei Spannungen.

Georgiens Staatspräsident Giorgi Margwelaschwili begrüßte den Papst am Freitag ausdrücklich als „Staatsoberhaupt der Vatikanstadt“ und rühmte die „besonderen Beziehungen unserer beider Länder“. Georgien sei sich stets der Unterstützung bewusst, die es vom Vatikan „auch in schwierigen Zeiten, nicht zuletzt während der jüngsten militärischen Aggression Russlands im August 2008“ erhalten habe. Der Präsident erinnerte auch daran, dass bereits die Apostel das Evangelium in Georgien predigten. „Georgien ist nicht nur ein Teil der europäischen Zivilisation, sondern einer der Architekten dieser Zivilisation“, so Margwelaschwili. Der Besuch des Papstes solle auch „eine kraftvolle Botschaft für die Sicherung von Frieden und Wohlstand in unserer Region“ sein.

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Der Papst im Kaukasus: „Wo es offene Wunden gibt“

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Coat of Arms of Georgia

Er geht mal wieder in die Peripherie: Franziskus verbringt das Wochenende im Kaukasus. Am Freitag bricht der Papst, der bisher weder in Paris noch in London oder Berlin zu sehen war, zu seiner 16. Auslandsreise nach Georgien und Aserbaidschan auf.

„Das wird eine wichtige Reise, weil sie de fakto die Papstreise in den Kaukasus komplett macht“, sagt der Jesuit Antonio Spadaro im Interview mit Radio Vatikan über Georgien, die erste Etappe. Der enge Vertraute des Papstes sieht den Trip als ideelle Fortsetzung von Franziskus’ Armenienvisite vom letzten Juni. „Der Kaukasus ist eine offene Wunde – auf der einen Seite ein Ort großen Reichtums, vor allem was das Christentum betrifft, auf der anderen Seite aber ein Ort, der immer schon starke Konflikte erlebt hat und auch jetzt erlebt, wegen sich kreuzender Wirtschafts- und Polit-Interessen. Der Papst liebt es nun mal, an Orte zu gehen, wo es offene Wunden gibt, die geheilt werden müssen; die Dimension der Kirche als Feldlazarett steht auch für die therapeutische Dimension Jesu.“

Es war Pater Spadaro, dem gegenüber der Papst in einem programmatischen Interview seines ersten Amtsjahres 2013 von der Kirche als „Feldlazarett“ gesprochen hat.

„Der Papst besucht auch einen Ort, der gleichsam ein tiefer Brunnen christlicher Geschichte ist; es gibt dort ein immer noch aktives Mönchsleben, allerdings fehlt es nicht an Problemen, weil die Beziehungen zur orthodoxen Kirche Georgiens komplex sind. Die orthodoxe Kirche Georgiens verweigert zum Beispiel die Anerkennung der Gültigkeit einer katholischen Taufe; doch wird an den Beziehungen konstant und geduldig gearbeitet. Wenn wir so wollen, bedeutet die Präsenz des Papstes auch eine sehr klare Botschaft in Richtung Einheit der Christen, indem sie an diese tiefen Wurzeln appelliert, die Georgien so eifersüchtig hütet. Kultur und Sprache des georgischen Volkes sind ja vom Christentum durchdrungen…“

Und dann diese andere, Franziskus-typische Dimension: „Das ist eine Grenzregion. Wir würden sagen: Asien. Aber gleichzeitig ist das doch eine Kultur mit starkem Bezug auf Europa. In dieser Hinsicht wird das also eine interessante Reise zu den christlichen Wurzeln Europas.“

„Papstflüsterer“ Spadaro wird Franziskus nach Tiflis begleiten; er war auch schon mal in Georgien, vorab. „Mein Eindruck war, dass es vor allem bei jungen Leuten viel Interesse (am Papstbesuch) gibt. Bei jungen Orthodoxen. Man sieht daraus, dass die Gesellschaft sich in einer Entwicklung befindet. Patriarch Ilia II. ist eine historische Figur, die gleichsam den Übergang vom Sowjetsystem in die heutige Lage repräsentiert. In gewisser Weise ist da also die Erwartung einer Zukunft für die georgische Kirche, die es vielleicht neu zu denken gilt, und die Generation, die diese Änderungen miterlebt, ist sehr interessiert am Papstbesuch.“

(rv 28.09.2016 sk)

Was den Papst im Kaukasus erwartet

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Logo der Papstreise in Aserbaidschan

Vom 24. bis 26. Juni hat der Papst Armenien besucht, ab dem 30. September will er nun zwei weitere Staaten des Kaukasus bereisen: Georgien und Aserbaidschan. Der Vatikanische Pressesaal hat an diesem Montag Einzelheiten der bevorstehenden Visite vorgestellt; sie wird Franziskus 16. Auslandsreise sein.

Es soll vor allem um drei Themen gehen: um Frieden, um Ökumene und um den interreligiösen Dialog. Das machte der neue Vatikansprecher Greg Burke vor den beim Vatikan akkreditierten Journalisten deutlich. „Natürlich wird es eine Friedensreise, der Papst hat eine Botschaft der Versöhnung für die ganze Region im Gepäck. Zum ersten Mal wird eine Delegation der orthodoxen Kirche an der Messfeier des Heiligen Vaters teilnehmen. Und auch der orthodoxe Patriarch wird am Flughafen sein, wenn der Papst eintrifft.“

Georgien ist eines der christlichsten Länder: Der Apostel Andreas soll hier missioniert haben, und schon 337 wurde das Christentum Staatsreligion. Die georgisch-orthodoxe Kirche und eine eigene Sprache mit eigener Schrift, die in den Klöstern auch über Jahrhunderte der Fremdherrschaft bewahrt wurde, sind auch heute noch identitätsstiftend. Umso mehr liegt dem Papst an einem guten Auskommen mit der traditionell konservativen orthodoxen Kirche des Landes. Ein Teil des Klerus hat vor der Päpstlichen Nuntiatur in Tiflis gegen den Besuch von Franziskus demonstriert.

Wichtig wird der Besuch des Papstes in der assyrisch-chaldäischen Gemeinde in Tiflis am Freitagabend. 13 Bischöfe aus dem Irak reisen zu diesem Termin eigens an. „Der Papst will eine geistliche Begegnung mit dieser Pfarrei von etwa dreihundert Menschen, darum sind keine Reden vorgesehen. Es wird auf aramäisch gesungen und gebetet werden, und der Papst will ein Gebet für den Frieden in Syrien und im Irak sprechen.“

Am Sonntag fliegt der Gast aus dem Vatikan weiter nach Baku, der Hauptstadt von Aserbaidschan – und spätestens ab diesem Moment kann man kaum noch von einer Pastoralreise sprechen, denn es gibt nur sehr wenige Katholiken im Land des Aseris: eine einzige Pfarrei in Baku, und außerhalb ein paar Niederlassungen der Mutter-Teresa-Schwestern.

In Baku wird der Papst eine Moschee besuchen und den Scheich der Muslime des Kaukasus treffen. Ob er dann auch eine Friedensbotschaft für den Zwist zu Nagorny-Karabach lancieren wird, wollte Greg Burke einem russischen Reporter bei der Pressekonferenz nicht verraten. „Es steht mir nicht zu, vorwegzunehmen, was der Papst sagen wird. Man weiß, dass der Heilige Stuhl sich gemeinhin nicht in solche Konflikte einmischt, aber warten wir’s ab.“

Zehn Ansprachen, davon zwei Predigten und ein Gebet, wird Franziskus im Kaukasus sprechen – auf Italienisch, ausnahmslos. Beim Rückflug von Baku nach Rom plant er, wie bei ihm mittlerweile üblich, wieder eine „Fliegende Pressekonferenz“.

Im Gefolge des Papstes befinden sich u.a. sein argentinischer Landsmann, Kardinal Leonardo Sandri von der Ostkirchenkongregation, und der vatikanische Ökumene-Verantwortliche, der Schweizer Kardinal Kurt Koch.

(rv 26.09.2016 sk)