ANSPRACHE VON PAPST BENEDIKT XVI. AN DEN DEUTSCHEN BUNDESTAG – 2011

German Economy Minister Philipp Roesler and Chancellor Angela Merkel look on as Pope Benedict XVI gives a speech to the German parliament in Berlin Sept. 22. Pope Benedict began a four-day visit to his homeland. (CNS photo/Thomas Peter, Reuters) (Sept. 22, 2011) See GERMANY-ARRIVE (UPDATED) Sept. 22, 2011.

APOSTOLISCHE REISE NACH DEUTSCHLAND
22.-25. SEPTEMBER 2011

BESUCH DES DEUTSCHEN BUNDESTAGS

ANSPRACHE VON PAPST BENEDIKT XVI.

Berliner Reichstagsgebäude
Donnerstag, 22. September 2011

 

Sehr geehrter Herr Bundespräsident!
Herr Bundestagspräsident!
Frau Bundeskanzlerin!
Frau Bundesratspräsidentin!
Meine Damen und Herren Abgeordnete!

Es ist mir Ehre und Freude, vor diesem Hohen Haus zu sprechen – vor dem Parlament meines deutschen Vaterlandes, das als demokratisch gewählte Volksvertretung hier zusammenkommt, um zum Wohl der Bundesrepublik Deutschland zu arbeiten. Dem Herrn Bundestagspräsidenten möchte ich für seine Einladung zu dieser Rede ebenso danken wie für die freundlichen Worte der Begrüßung und Wertschätzung, mit denen er mich empfangen hat. In dieser Stunde wende ich mich an Sie, verehrte Damen und Herren – gewiß auch als Landsmann, der sich lebenslang seiner Herkunft verbunden weiß und die Geschicke der deutschen Heimat mit Anteilnahme verfolgt. Aber die Einladung zu dieser Rede gilt mir als Papst, als Bischof von Rom, der die oberste Verantwortung für die katholische Christenheit trägt. Sie anerkennen damit die Rolle, die dem Heiligen Stuhl als Partner innerhalb der Völker- und Staatengemeinschaft zukommt. Von dieser meiner internationalen Verantwortung her möchte ich Ihnen einige Gedanken über die Grundlagen des freiheitlichen Rechtsstaats vorlegen.

Lassen Sie mich meine Überlegungen über die Grundlagen des Rechts mit einer kleinen Geschichte aus der Heiligen Schrift beginnen. Im ersten Buch der Könige wird erzählt, daß Gott dem jungen König Salomon bei seiner Thronbesteigung eine Bitte freistellte. Was wird sich der junge Herrscher in diesem Augenblick erbitten? Erfolg – Reichtum – langes Leben – Vernichtung der Feinde? Nicht um diese Dinge bittet er. Er bittet: „Verleih deinem Knecht ein hörendes Herz, damit er dein Volk zu regieren und das Gute vom Bösen zu unterscheiden versteht“ (1 Kön 3,9). Die Bibel will uns mit dieser Erzählung sagen, worauf es für einen Politiker letztlich ankommen muß. Sein letzter Maßstab und der Grund für seine Arbeit als Politiker darf nicht der Erfolg und schon gar nicht materieller Gewinn sein. Die Politik muß Mühen um Gerechtigkeit sein und so die Grundvoraussetzung für Friede schaffen. Natürlich wird ein Politiker den Erfolg suchen, ohne den er überhaupt nicht die Möglichkeit politischer Gestaltung hätte. Aber der Erfolg ist dem Maßstab der Gerechtigkeit, dem Willen zum Recht und dem Verstehen für das Recht untergeordnet. Erfolg kann auch Verführung sein und kann so den Weg auftun für die Verfälschung des Rechts, für die Zerstörung der Gerechtigkeit. „Nimm das Recht weg – was ist dann ein Staat noch anderes als eine große Räuberbande“, hat der heilige Augustinus einmal gesagt[1]. Wir Deutsche wissen es aus eigener Erfahrung, daß diese Worte nicht ein leeres Schreckgespenst sind. Wir haben erlebt, daß Macht von Recht getrennt wurde, daß Macht gegen Recht stand, das Recht zertreten hat und daß der Staat zum Instrument der Rechtszerstörung wurde – zu einer sehr gut organisierten Räuberbande, die die ganze Welt bedrohen und an den Rand des Abgrunds treiben konnte. Dem Recht zu dienen und der Herrschaft des Unrechts zu wehren ist und bleibt die grundlegende Aufgabe des Politikers. In einer historischen Stunde, in der dem Menschen Macht zugefallen ist, die bisher nicht vorstellbar war, wird diese Aufgabe besonders dringlich. Der Mensch kann die Welt zerstören. Er kann sich selbst manipulieren. Er kann sozusagen Menschen machen und Menschen vom Menschsein ausschließen. Wie erkennen wir, was recht ist? Wie können wir zwischen Gut und Böse, zwischen wahrem Recht und Scheinrecht unterscheiden? Die salomonische Bitte bleibt die entscheidende Frage, vor der der Politiker und die Politik auch heute stehen.

In einem Großteil der rechtlich zu regelnden Materien kann die Mehrheit ein genügendes Kriterium sein. Aber daß in den Grundfragen des Rechts, in denen es um die Würde des Menschen und der Menschheit geht, das Mehrheitsprinzip nicht ausreicht, ist offenkundig: Jeder Verantwortliche muß sich bei der Rechtsbildung die Kriterien seiner Orientierung suchen. Im 3. Jahrhundert hat der große Theologe Origenes den Widerstand der Christen gegen bestimmte geltende Rechtsordnungen so begründet: „Wenn jemand sich bei den Skythen befände, die gottlose Gesetze haben, und gezwungen wäre, bei ihnen zu leben …, dann würde er wohl sehr vernünftig handeln, wenn er im Namen des Gesetzes der Wahrheit, das bei den Skythen ja Gesetzwidrigkeit ist, zusammen mit Gleichgesinnten auch entgegen der bei jenen bestehenden Ordnung Vereinigungen bilden würde …“[2]

Von dieser Überzeugung her haben die Widerstandskämpfer gegen das Naziregime und gegen andere totalitäre Regime gehandelt und so dem Recht und der Menschheit als ganzer einen Dienst erwiesen. Für diese Menschen war es unbestreitbar evident, daß geltendes Recht in Wirklichkeit Unrecht war. Aber bei den Entscheidungen eines demokratischen Politikers ist die Frage, was nun dem Gesetz der Wahrheit entspreche, was wahrhaft recht sei und Gesetz werden könne, nicht ebenso evident. Was in bezug auf die grundlegenden anthropologischen Fragen das Rechte ist und geltendes Recht werden kann, liegt heute keineswegs einfach zutage. Die Frage, wie man das wahrhaft Rechte erkennen und so der Gerechtigkeit in der Gesetzgebung dienen kann, war nie einfach zu beantworten, und sie ist heute in der Fülle unseres Wissens und unseres Könnens noch sehr viel schwieriger geworden.

Wie erkennt man, was recht ist? In der Geschichte sind Rechtsordnungen fast durchgehend religiös begründet worden: Vom Blick auf die Gottheit her wird entschieden, was unter Menschen rechtens ist. Im Gegensatz zu anderen großen Religionen hat das Christentum dem Staat und der Gesellschaft nie ein Offenbarungsrecht, nie eine Rechtsordnung aus Offenbarung vorgegeben. Es hat stattdessen auf Natur und Vernunft als die wahren Rechtsquellen verwiesen – auf den Zusammenklang von objektiver und subjektiver Vernunft, der freilich das Gegründetsein beider Sphären in der schöpferischen Vernunft Gottes voraussetzt. Die christlichen Theologen haben sich damit einer philosophischen und juristischen Bewegung angeschlossen, die sich seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. gebildet hatte. In der ersten Hälfte des 2. vorchristlichen Jahrhunderts kam es zu einer Begegnung zwischen dem von stoischen Philosophen entwickelten sozialen Naturrecht und verantwortlichen Lehrern des römischen Rechts.[3] In dieser Berührung ist die abendländische Rechtskultur geboren worden, die für die Rechtskultur der Menschheit von entscheidender Bedeutung war und ist. Von dieser vorchristlichen Verbindung von Recht und Philosophie geht der Weg über das christliche Mittelalter in die Rechtsentfaltung der Aufklärungszeit bis hin zur Erklärung der Menschenrechte und bis zu unserem deutschen Grundgesetz, mit dem sich unser Volk 1949 zu den „unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt“ bekannt hat.

Für die Entwicklung des Rechts und für die Entwicklung der Humanität war es entscheidend, daß sich die christlichen Theologen gegen das vom Götterglauben geforderte religiöse Recht auf die Seite der Philosophie gestellt, Vernunft und Natur in ihrem Zueinander als die für alle gültige Rechtsquelle anerkannt haben. Diesen Entscheid hatte schon Paulus im Brief an die Römer vollzogen, wenn er sagt: „Wenn Heiden, die das Gesetz (die Tora Israels) nicht haben, von Natur aus das tun, was im Gesetz gefordert ist, so sind sie… sich selbst Gesetz. Sie zeigen damit, daß ihnen die Forderung des Gesetzes ins Herz geschrieben ist; ihr Gewissen legt Zeugnis davon ab…“ (Röm 2,14f). Hier erscheinen die beiden Grundbegriffe Natur und Gewissen, wobei Gewissen nichts anderes ist als das hörende Herz Salomons, als die der Sprache des Seins geöffnete Vernunft. Wenn damit bis in die Zeit der Aufklärung, der Menschenrechtserklärung nach dem Zweiten Weltkrieg und in der Gestaltung unseres Grundgesetzes die Frage nach den Grundlagen der Gesetzgebung geklärt schien, so hat sich im letzten halben Jahrhundert eine dramatische Veränderung der Situation zugetragen. Der Gedanke des Naturrechts gilt heute als eine katholische Sonderlehre, über die außerhalb des katholischen Raums zu diskutieren nicht lohnen würde, so daß man sich schon beinahe schämt, das Wort überhaupt zu erwähnen. Ich möchte kurz andeuten, wieso diese Situation entstanden ist. Grundlegend ist zunächst die These, daß zwischen Sein und Sollen ein unüberbrückbarer Graben bestehe. Aus Sein könne kein Sollen folgen, weil es sich da um zwei völlig verschiedene Bereiche handle. Der Grund dafür ist das inzwischen fast allgemein angenommene positivistische Verständnis von Natur. Wenn man die Natur – mit den Worten von H. Kelsen – als „ein Aggregat von als Ursache und Wirkung miteinander verbundenen Seinstatsachen“ ansieht, dann kann aus ihr in der Tat keine irgendwie geartete ethische Weisung hervorgehen.[4] Ein positivistischer Naturbegriff, der die Natur rein funktional versteht, so wie die Naturwissenschaft sie erkennt, kann keine Brücke zu Ethos und Recht herstellen, sondern wiederum nur funktionale Antworten hervorrufen. Das gleiche gilt aber auch für die Vernunft in einem positivistischen, weithin als allein wissenschaftlich angesehenen Verständnis. Was nicht verifizierbar oder falsifizierbar ist, gehört danach nicht in den Bereich der Vernunft im strengen Sinn. Deshalb müssen Ethos und Religion dem Raum des Subjektiven zugewiesen werden und fallen aus dem Bereich der Vernunft im strengen Sinn des Wortes heraus. Wo die alleinige Herrschaft der positivistischen Vernunft gilt – und das ist in unserem öffentlichen Bewußtsein weithin der Fall –, da sind die klassischen Erkenntnisquellen für Ethos und Recht außer Kraft gesetzt. Dies ist eine dramatische Situation, die alle angeht und über die eine öffentliche Diskussion notwendig ist, zu der dringend einzuladen eine wesentliche Absicht dieser Rede bildet.

Das positivistische Konzept von Natur und Vernunft, die positivistische Weltsicht als Ganze ist ein großartiger Teil menschlichen Erkennens und menschlichen Könnens, auf die wir keinesfalls verzichten dürfen. Aber es ist nicht selbst als Ganzes eine dem Menschsein in seiner Weite entsprechende und genügende Kultur. Wo die positivistische Vernunft sich allein als die genügende Kultur ansieht und alle anderen kulturellen Realitäten in den Status der Subkultur verbannt, da verkleinert sie den Menschen, ja sie bedroht seine Menschlichkeit. Ich sage das gerade im Hinblick auf Europa, in dem weite Kreise versuchen, nur den Positivismus als gemeinsame Kultur und als gemeinsame Grundlage für die Rechtsbildung anzuerkennen, alle übrigen Einsichten und Werte unserer Kultur in den Status einer Subkultur verweisen und damit Europa gegenüber den anderen Kulturen der Welt in einen Status der Kulturlosigkeit gerückt und zugleich extremistische und radikale Strömungen herausgefordert werden. Die sich exklusiv gebende positivistische Vernunft, die über das Funktionieren hinaus nichts wahrnehmen kann, gleicht den Betonbauten ohne Fenster, in denen wir uns Klima und Licht selber geben, beides nicht mehr aus der weiten Welt Gottes beziehen wollen. Und dabei können wir uns doch nicht verbergen, daß wir in dieser selbstgemachten Welt im stillen doch aus den Vorräten Gottes schöpfen, die wir zu unseren Produkten umgestalten. Die Fenster müssen wieder aufgerissen werden, wir müssen wieder die Weite der Welt, den Himmel und die Erde sehen und all dies recht zu gebrauchen lernen.

Aber wie geht das? Wie finden wir in die Weite, ins Ganze? Wie kann die Vernunft wieder ihre Größe finden, ohne ins Irrationale abzugleiten? Wie kann die Natur wieder in ihrer wahren Tiefe, in ihrem Anspruch und mit ihrer Weisung erscheinen? Ich erinnere an einen Vorgang in der jüngeren politischen Geschichte, in der Hoffnung, nicht allzusehr mißverstanden zu werden und nicht zu viele einseitige Polemiken hervorzurufen. Ich würde sagen, daß das Auftreten der ökologischen Bewegung in der deutschen Politik seit den 70er Jahren zwar wohl nicht Fenster aufgerissen hat, aber ein Schrei nach frischer Luft gewesen ist und bleibt, den man nicht überhören darf und nicht beiseite schieben kann, weil man zu viel Irrationales darin findet. Jungen Menschen war bewußt geworden, daß irgend etwas in unserem Umgang mit der Natur nicht stimmt. Daß Materie nicht nur Material für unser Machen ist, sondern daß die Erde selbst ihre Würde in sich trägt und wir ihrer Weisung folgen müssen. Es ist wohl klar, daß ich hier nicht Propaganda für eine bestimmte politische Partei mache – nichts liegt mir ferner als dies. Wenn in unserem Umgang mit der Wirklichkeit etwas nicht stimmt, dann müssen wir alle ernstlich über das Ganze nachdenken und sind alle auf die Frage nach den Grundlagen unserer Kultur überhaupt verwiesen. Erlauben Sie mir, bitte, daß ich noch einen Augenblick bei diesem Punkt bleibe. Die Bedeutung der Ökologie ist inzwischen unbestritten. Wir müssen auf die Sprache der Natur hören und entsprechend antworten. Ich möchte aber nachdrücklich einen Punkt ansprechen, der nach wie vor – wie mir scheint –ausgeklammert wird: Es gibt auch eine Ökologie des Menschen. Auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muß und die er nicht beliebig manipulieren kann. Der Mensch ist nicht nur sich selbst machende Freiheit. Der Mensch macht sich nicht selbst. Er ist Geist und Wille, aber er ist auch Natur, und sein Wille ist dann recht, wenn er auf die Natur achtet, sie hört und sich annimmt als der, der er ist und der sich nicht selbst gemacht hat. Gerade so und nur so vollzieht sich wahre menschliche Freiheit.

Kehren wir zurück zu den Grundbegriffen Natur und Vernunft, von denen wir ausgegangen waren. Der große Theoretiker des Rechtspositivismus, Kelsen, hat im Alter von 84 Jahren – 1965 – den Dualismus von Sein und Sollen aufgegeben. (Es tröstet mich, daß man mit 84 Jahren offenbar noch etwas Vernünftiges denken kann.) Er hatte früher gesagt, daß Normen nur aus dem Willen kommen können. Die Natur könnte folglich Normen nur enthalten – so fügt er hinzu –, wenn ein Wille diese Normen in sie hineingelegt hätte. Dies wiederum – sagt er – würde einen Schöpfergott voraussetzen, dessen Wille in die Natur miteingegangen ist. „Über die Wahrheit dieses Glaubens zu diskutieren, ist völlig aussichtslos“, bemerkt er dazu.[5] Wirklich? – möchte ich fragen. Ist es wirklich sinnlos zu bedenken, ob die objektive Vernunft, die sich in der Natur zeigt, nicht eine schöpferische Vernunft, einen Creator Spiritus voraussetzt?

An dieser Stelle müßte uns das kulturelle Erbe Europas zu Hilfe kommen. Von der Überzeugung eines Schöpfergottes her ist die Idee der Menschenrechte, die Idee der Gleichheit aller Menschen vor dem Recht, die Erkenntnis der Unantastbarkeit der Menschenwürde in jedem einzelnen Menschen und das Wissen um die Verantwortung der Menschen für ihr Handeln entwickelt worden. Diese Erkenntnisse der Vernunft bilden unser kulturelles Gedächtnis. Es zu ignorieren oder als bloße Vergangenheit zu betrachten, wäre eine Amputation unserer Kultur insgesamt und würde sie ihrer Ganzheit berauben. Die Kultur Europas ist aus der Begegnung von Jerusalem, Athen und Rom – aus der Begegnung zwischen dem Gottesglauben Israels, der philosophischen Vernunft der Griechen und dem Rechtsdenken Roms entstanden. Diese dreifache Begegnung bildet die innere Identität Europas. Sie hat im Bewußtsein der Verantwortung des Menschen vor Gott und in der Anerkenntnis der unantastbaren Würde des Menschen, eines jeden Menschen, Maßstäbe des Rechts gesetzt, die zu verteidigen uns in unserer historischen Stunde aufgegeben ist.

Dem jungen König Salomon ist in der Stunde seiner Amtsübernahme eine Bitte freigestellt worden. Wie wäre es, wenn uns, den Gesetzgebern von heute, eine Bitte freigestellt würde? Was würden wir erbitten? Ich denke, auch heute könnten wir letztlich nichts anderes wünschen als ein hörendes Herz – die Fähigkeit, Gut und Böse zu unterscheiden und so wahres Recht zu setzen, der Gerechtigkeit zu dienen und dem Frieden. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!

[1] De civitate Dei, IV, 4, 1.
[2] Contra Celsum GCS Orig. 428 (Koetschau); vgl. A. Fürst, Monotheismus und Monarchie. Zum Zusammenhang von Heil und Herrschaft in der Antike. In: Theol.Phil. 81 (2006) 321-338; Zitat S. 336; vgl. auch J. Ratzinger, Die Einheit der Nationen. Eine Vision der Kirchenväter (Salzburg – München 1971) 60.
[3] Vgl. W. Waldstein, Ins Herz geschrieben. Das Naturrecht als Fundament einer menschlichen Gesellschaft (Augsburg 2010) 11ff; 31-61.
[4] Waldstein, a.a.O., 15-21.
[5] Zitiert nach Waldstein, a.a.O., 19.

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Quelle

Messe in Cartagena: „Die Würde der Person und die Menschenrechte“

Cartagena, Messe, 10. September 2017 / © PHOTO.VA – OSSERVATORE ROMANO

Predigt von Papst Franziskus bei der Messe in Cartagena — Volltext

Wir übernehmen die offizielle Übersetzung der Predigt von Papst Franziskus bei der Abschlussmesse seiner Kolumbien-Reise, die er am gestrigen Sonntag, dem 10. September 2017, in Cartagena (de Indias) feierte.

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»Die Würde der Person und die Menschenrechte«

In dieser Stadt, die wegen ihrer Ausdauer bei der Verteidigung der errungenen Freiheit vor zweihundert Jahren die „Heldenhafte“ genannt wurde, feiere ich die letzte heilige Messe während dieser Reise. Zudem ist Cartagena de Indias seit 32 Jahren Sitz der Menschenrechte in Kolumbien, weil man als Volk hier würdigt, dass »dank der Gruppe von Missionaren, die von den jesuitischen Geistlichen Pedro Claver y Corberó und Alonso de Sandoval sowie Bruder Nicolás González gebildet wurde und der sich viele Söhne und Töchter der Stadt Cartagena de Indias im 17. Jahrhundert angeschlossen haben, die Bemühung entstand, die Situation der Unterdrückten jener Epoche leichter zu machen, vornehmlich der Sklaven, für die sie Respekt und Freiheit verlangten« (Kolumbien-Kongress 1985, Gesetz 95, Art. 1).

Hier am Gnadenort des heiligen Petrus Claver, wo auf kontinuierliche und systematische Weise die Besprechung, die Reflexion und die Überprüfung hinsichtlich der Fortschritte und der Gültigkeit der Menschenrechte in Kolumbien stattfinden, spricht das Wort Gottes heute von Vergebung, Korrektur, Gemeinschaft und Gebet.

In der vierten Rede des Matthäusevangeliums spricht Jesus zu uns, die wir uns entschieden haben, auf die Gemeinschaft zu setzen, die wir das Leben in Gemeinschaft schätzen und von einem Plan träumen, der alle einbezieht. Der vorausgehende Text ist die Stelle des Guten Hirten, der die neunundneunzig Schafe zurücklässt, um dem verlorenen nachzugehen, und dieser Duft durchzieht die ganze Rede, die wir gerade gehört haben: Es gibt keinen noch so Verlorenen, der nicht unsere Sorge verdiente, unsere Nähe und unsere Vergebung. Aus diesem Blickwinkel heraus versteht man also, dass ein Versagen, eine von jemandem begangene Sünde uns alle fragend macht, aber zunächst einmal das Opfer der Sünde des Bruders angeht; und dieser ist aufgerufen, die Initiative zu ergreifen, damit der, der ihm Böses getan hat, nicht verloren gehe. Die Initiative ergreifen: Wer die Initiative ergreift, ist immer der Mutigere.

In diesen Tagen habe ich viele Zeugnisse von Personen gehört, die auf jene zugegangen sind, die ihnen Böses getan haben. Furchtbare Verletzungen habe ich an ihren Körpern gesehen; nicht wieder gutzumachende Verluste, über die sie immer noch weinen. Und doch sind diese Menschen losgegangen und haben den ersten Schritt getan auf einer anderen Straße als denen, die schon beschrittenen wurden. Denn Kolumbien sucht seit Jahrzehnten den Frieden, und es war, wie Jesus lehrt, nicht genug, dass die beiden Parteien sich annäherten und einen Dialog führten. Es war nötig, dass sich viele andere Akteure in diesen Dialog der Wiedergutmachung der Sünden einschalteten. »Hört [dein Bruder] aber nicht auf dich, dann nimm einen oder zwei mit dir« (Mt 18,16), sagt uns der Herr im Evangelium.

Wir haben gelernt, dass diese Wege der Versöhnung, des Vorrangs der Vernunft über die Vergeltung, der zerbrechlichen Harmonie zwischen Politik und Recht nicht die Vorgänge im Volk umgehen können. Es genügt nicht, gesetzliche Rahmen und institutionelle Vereinbarungen zwischen politischen und wirtschaftlichen Gruppen guten Willens zu planen. Jesus findet die Lösung zum vollbrachten Bösen in der persönlichen Begegnung zwischen den Parteien. Zudem ist es immer wertvoll, in unsere Friedensprozesse die Erfahrungen von Bereichen einzubeziehen, die vielfach aus dem Blickfeld geraten sind, damit eben die Gemeinschaften die Abläufe des kollektiven Gedächtnisses färben mögen. »Der hauptsächliche Urheber und der historische Träger dieses Prozesses sind die Menschen und ihre Kultur, nicht eine Klasse, eine Fraktion, eine Gruppe, eine Elite – alle Menschen und ihre Kultur –. Wir brauchen keinen Plan einiger weniger für einige wenige, oder einer erleuchteten bzw. stellvertretenden Minderheit, die sich ein Kollektiv-Empfinden aneignet. Es geht um ein Abkommen für das Zusammenleben, um eine gesellschaftliche und kulturelle Übereinkunft« (Apost. Schreiben Evangelii gaudium, 239).

Wir können einen großen Beitrag zu dieser neuen Gangart leisten, die Kolumbien durchführen will. Jesus weist uns darauf hin, dass dieser Weg der Wiedereingliederung in die Gemeinschaft mit einem Dialog zu zweit beginnt. Nichts kann diese wiedergutmachende Begegnung ersetzen; kein kollektiver Prozess kann uns von der Herausforderung entbinden, sich zu begegnen, sich auszusprechen und zu verzeihen. Die tiefen Wunden der Geschichte erfordern notwendigerweise Instanzen, wo Gerechtigkeit walte; wo es den Opfern ermöglicht werde, die Wahrheit zu erfahren; wo der Schaden gebührend wiedergutgemacht werde und wo man eindeutig handeln möge, um eine Wiederholung derartiger Untaten zu vermeiden. Aber mit all dem stehen wir noch an der Schwelle der christlichen Erfordernisse. Uns Christen ist aufgegeben, „von unten her“ einen kulturellen Wandel zu vollbringen: Auf die Kultur des Todes und der Gewalt mit der Kultur des Lebens und der Begegnung zu antworten. Dies sagte schon jener Schriftsteller, der euch und ebenso allen gehört: »Jetzt ist es Zeit zu begreifen, dass man dieses kulturelle Unglück nicht mit Blei und nicht mit Geld beheben kann, sondern mit einer Erziehung zum Frieden, der mit Liebe auf den Trümmern eines erhitzten Landes aufgebaut wird, wo wir beizeiten aufstehen, um uns immer wieder gegenseitig abzuschlachten … eine legitime Revolution des Friedens, die die immense schöpferische Energie auf das Leben hin kanalisiert; jene Energie, die wir ungefähr zweihundert Jahre lang benutzt haben, um uns zu zerstören, und die jetzt einfordern und hervorheben möge die Vorherrschaft der Fantasie« (Gabriel García Márquez, Botschaft über den Frieden 1998).

Wieviel haben wir zugunsten der Begegnung und des Friedens unternommen? Wieviel haben wir unterlassen, als wir zuließen, dass die Barbarei im Leben unseres Volkes Gestalt annahm. Jesus gebietet uns, uns mit diesen Verhaltensmustern auseinanderzusetzen, jenen Lebensstilen, die dem Gemeinwesen weh tun und die Gemeinschaft zerstören. Wie oft werden Vorgänge der Gewalt und soziale Ausschließung „normalisiert“, als normal hingenommen, ohne dass sich unsere Stimme erhebt und unsere Hände prophetisch anklagen! Neben dem heiligen Petrus Claver gab es Tausende Christen, viele von ihnen waren Ordensleute … aber nur eine Handvoll Menschen begann eine Gegenkultur der Begegnung. Der heilige Petrus Claver vermochte es, Hunderttausenden von Schwarzen und von Sklaven, die unter absolut menschenunwürdigen Bedingungen völlig verängstigt und ihrer Hoffnungen beraubt ankamen, wieder Würde und Zuversicht zu geben. Er besaß keine namhaften akademischen Titel; man ging so weit zu behaupten, dass er nur von „mittelmäßiger“ Begabung wäre; er besäße aber den „Genius“, das Evangelium völlig zu leben und denen zu begegnen, die die anderen nur als Ausschuss betrachteten. Einige Jahrhunderte später ist die Spur dieses Missionars und Apostels der Gesellschaft Jesu von der heiligen María Bernarda Bütler aufgenommen worden. Sie hat ihr Leben den Armen und den Ausgestoßenen in dieser Stadt Cartagena gewidmet[1].

Bei der Begegnung, die sich unter uns vollzieht, entdecken wir unsere Rechte wieder und erschaffen unser Leben neu, damit es wieder echt menschlich sei. »Das gemeinsame Haus aller Menschen muss sich weiterhin über dem Fundament eines rechten Verständnisses der universalen Brüderlichkeit und der Achtung der Unantastbarkeit jedes menschlichen Lebens erheben – jedes Mannes und jeder Frau; der Armen, der Alten, der Kinder, der Kranken, der Ungeborenen, der Arbeitslosen, der Verlassenen und derer, die man meint „wegwerfen“ zu können, weil man sie nur als Nummern der einen oder anderen Statistik betrachtet. Das gemeinsame Haus aller Menschen muss auch auf dem Verständnis einer gewissen Unantastbarkeit der erschaffenen Natur errichtet werden« (Ansprache an die Mitglieder der UN-Vollversammlung, 25 September 2015).

Jesus weist uns im Evangelium auf die Möglichkeit hin, dass der andere sich verschließt, eine Veränderung verweigert und an seinem Übel festhält. Wir können nicht verhehlen, dass es Menschen gibt, die in Sünden verharren, welche das Zusammenleben und die Gemeinschaft verletzen. »Ich denke an das erschütternde Drama der Droge, mit der zum Hohn der moralischen und zivilen Gesetze Gewinn gemacht wird«. Dieses Übel bedroht direkt die Würde des Menschen und zerbricht fortschreitend das Abbild, das der Schöpfer in uns hineingelegt hat. Ich verurteile entschlossen diese Wunde, die so viele Menschenleben ausgelöscht hat und die von skrupellosen Zeitgenossen aufrecht erhalten und gefördert wird. Mit dem Leben unserer Brüder und Schwestern darf man nicht spielen, noch ihre Würde beeinträchtigen. Ich mache einen Appell, damit man nach Wegen sucht, dem Rauschgifthandel ein Ende zu bereiten, der nichts anderes tut als überall Tod zu säen, so viele Hoffnungen zunichte zu machen und so viele Familie zu zerstören. Ich denke auch an ein anderes Drama: »an die Zerstörung der natürlichen Ressourcen und die gegenwärtige Umweltverschmutzung, an die Tragödie der Ausbeutung der Arbeitskraft; ich denke an den illegalen Geldhandel wie an die Finanzspekulation, die oft räuberische Züge annimmt und schädlich ist für ganze Wirtschafts- und Gesellschaftssysteme, indem sie Millionen von Menschen der Armut aussetzt; ich denke an die Prostitution, die täglich unschuldige Opfer fordert, vor allem unter den Jüngsten, indem sie ihnen die Zukunft nimmt; ich denke an die Abscheulichkeit des Menschenhandels, an die Verbrechen gegen Minderjährige und die Missbräuche Minderjähriger, an die Sklaverei, die in vielen Teilen der Welt immer noch ihren Schrecken verbreitet, an die oft nicht gehörte Tragödie der Migranten, mit denen in der Illegalität in unwürdiger Weise spekuliert wird« (Botschaft zum Weltfriedenstag 2014, 8). Und man spekuliert sogar mit einer “aseptischen Legalität” des Pazifismus, die nicht auf das Fleisch des Bruders oder der Schwester achtet, welches das Fleisch Christi ist. Auch dafür müssen wir vorbereitet sein und unbeirrt Position beziehen auf den Prinzipien der Gerechtigkeit, die nichts von der Nächstenliebe wegnehmen. Es ist nicht möglich, in Frieden zusammenzuleben, ohne nichts mit dem zu tun zu haben, was das Leben korrumpiert und es gefährdet. In diesem Zusammenhang erinnere ich an alle, die mutig und unermüdlich für die Verteidigung und die Wahrung der Rechte der menschlichen Person und ihrer Würde gearbeitet und sogar ihr Leben gelassen haben. Wie von ihnen, so fordert die Geschichte auch von uns, die Verteidigung der Menschenrechte endgültig auf uns zu nehmen, hier in Cartagena de Indias, dem Ort, den ihr zum nationalen Sitz dafür gewählt habt.

Schließlich bittet uns Jesus, gemeinsam zu beten. Unser Gebet möge symphonisch sein, mit persönlichem Klang und verschiedenem Akzent, das aber auf einmütige Weise einen einzigen Schrei erhebt. Ich bin gewiss, dass wir heute gemeinsam für die Rettung jener beten, die im Irrtum waren, und nicht für ihre Vernichtung; dass wir für die Gerechtigkeit beten und nicht für die Rache, für den Wiederaufbau in der Wahrheit und nicht im Vergessen. Beten wir dafür, dass das Motto dieses Besuchs eingelöst werde: „Machen wir den ersten Schritt!“; und dass dieser erste Schritt in eine gemeinsame Richtung gehe.

„Den ersten Schritt machen“ heißt vor allem, den anderen mit Christus, dem Herrn, entgegenzugehen. Er bittet uns immer, einen entschiedenen und sicheren Schritt hin zu den Brüdern und Schwestern zu machen und dabei auf den Anspruch zu verzichten, Verzeihung zu erlangen, ohne zu verzeihen, und geliebt zu werden, ohne zu lieben. Wenn Kolumbien einen stabilen und dauerhaften Frieden will, muss es dringend einen Schritt in diese Richtung tun, die jene des Gemeinguts, der Chancengleichheit, der Gerechtigkeit, der Achtung der menschlichen Natur und ihrer Bedürfnisse ist. Nur wenn wir dabei helfen, die Knoten der Gewalt zu lösen, entwirren wir das komplizierte Knäuel der Zusammenstöße: Von uns wird verlangt, den Schritt zur Begegnung mit den Geschwistern zu tun und dabei den Mut zu einer Korrektur zu haben, die nicht zurückweisen, sondern einbeziehen will; von uns wird verlangt, in Liebe darin fest zu bleiben, was nicht verhandelbar ist; schließlich ist die Aufgabe, den Frieden aufzubauen, indem man »nicht mit dem Mund, sondern mit den Händen und den Werken« spricht (heiliger Petrus Claver) und indem man gemeinsam die Augen zum Himmel erhebt: Er ist imstande, jenes zu lösen, was uns unmöglich erscheint. Er hat uns verheißen, uns bis zum Ende der Zeiten zu begleiten, und Er wird eine so große Bemühung nicht ohne Frucht lassen.


Verabschiedung (nach der Kommunion)

Zum Abschluss dieser Feier möchte ich mich beim Erzbischof von Cartagena Jorge Enrique Jiménez Carvajal für die freundlichen Worte bedanken, die er im Namen seiner Brüder im Bischofsamt und des ganzen Volkes Gottes an mich gerichtet hat.

Ich danke dem Präsidenten Juan Manuel Santos für seine Einladungen, das Land zu besuchen, den Vertretern des öffentlichen Lebens sowie allen, die sich mit uns in dieser Eucharistiefeier hier oder durch die Medien verbunden haben.

Ich bin dankbar für den Einsatz und die Zusammenarbeit, die diesen Besuch möglich gemacht haben. Es sind so viele, die mitgearbeitet und ihre Zeit und ihre Verfügbarkeit geschenkt haben. Es waren intensive und schöne Tage, in denen ich so vielen Menschen begegnen und viele Aktivitäten kennenlernen konnte, die mein Herz berührt haben. Ihr habt mir viel Gutes getan.

Liebe Brüder und Schwestern, ich möchte euch noch ein letztes Wort sagen: Bleiben wir nicht dabei stehen, den „ersten Schritt zu tun“, sondern machen wir uns weiterhin täglich zusammen auf den Weg, um dem anderen auf der Suche nach Harmonie und Brüderlichkeit entgegenzugehen. Wir können nicht stillstehen. Am 8. September 1654 starb genau hier der heilige Petrus Claver. Er hatte vierzig Jahre der freiwilligen Sklaverei, der unermüdlichen Arbeit für die Ärmsten hinter sich. Er blieb nicht stehen; nach dem ersten Schritt folgten viele weitere. Sein Beispiel hilft uns, aus uns selbst herauszugehen, um dem Nächsten entgegenzugehen. Kolumbien, dein Bruder braucht dich. Geh ihm entgegen und bring ihm die Umarmung des Friedens, frei von aller Gewalt, „Sklaven des Friedens für immer“.

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FUSSNOTEN

[1] Auch sie hatte die Klugheit der Liebe und vermochte Gott im Nächsten zu finden. Keiner von beiden legte angesichts der Ungerechtigkeit und der Schwierigkeiten die Hände in den Schoß. Denn »wenn ein Konflikt entsteht, schauen einige nur zu und gehen ihre Wege, als ob nichts passiert wäre. Andere gehen in einer Weise darauf ein, dass sie zu seinen Gefangenen werden, ihren Horizont einbüßen und auf die Institutionen ihre eigene Konfusion und Unzufriedenheit projizieren. Damit wird die Einheit unmöglich. Es gibt jedoch eine dritte Möglichkeit, und dies ist der beste Weg, dem Konflikt zu begegnen. Es ist die Bereitschaft, den Konflikt zu erleiden, ihn zu lösen und ihn zum Ausgangspunkt eines neuen Prozesses zu machen« (Apost. Schreiben Evangelii gaudium, 227).

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Quelle

D: Bartholomaios kritisiert orthodoxe Fundamentalisten

Patriarch Bartholomaios in einer Aufnahme vom April

Das Ehrenoberhaupt der Weltorthodoxie, Patriarch Bartholomaios I. von Konstantinopel, hat das Konzept der Menschenrechte gegen Kritik aus fundamentalistischen orthodoxen Kreisen verteidigt. Menschenrechte seien „kein Menschenwerk“, sondern ein „Geschenk Gottes“, betonte der Ökumenische Patriarch am Donnerstag in Berlin bei einer Veranstaltung der Konrad-Adenauer-Stiftung. Ein Grundbegriff der orthodoxen Lehre vom Menschen sei der der Person; von dort aus ergäben sich Anknüpfungspunkte für die aus der Aufklärung stammenden Begriffe Freiheit und Autonomie.

Der historische Schritt der Bejahung der ausformulierten Menschenrechte war in der katholischen Kirche beim Zweiten Vatikanischen Konzil erfolgt, und die Orthodoxie zog beim Panorthodoxen Konzil von Kreta im Juni 2016 nach. Allerdings wurde das Konzil von mehreren Patriarchaten – darunter Moskau, Sofia und Tiflis – sabotiert.

Bartholomaios I. wandte sich in Berlin gegen die auch von manchen nichtchristlichen Religionen vorgebrachten Thesen, die Menschenrechte seien an die westliche Kultur gebunden und Ausdruck des westlichen Imperialismus. Auch wenn es von kirchlicher Seite zunächst „Animositäten“ gegen die Menschenrechtserklärungen gegeben habe, wurzelten sie doch tief in der christlichen Kultur, die auch in die humanistischen Bewegungen ausgestrahlt habe.

Zugleich betonte der Patriarch, unabhängig von ihrer Entstehung sei es wichtig, dass die Menschenrechte von verschiedenen Kulturen und Völkern in den lebendigen Zusammenhang ihrer eigenen Tradition integriert würden. Jedenfalls sei es inakzeptabel, wenn Religionen die Menschenrechte unterminierten statt zu ihrer Stärkung beizutragen. Letzteres sei umso wichtiger, als die Menschenrechte keine „sichere Realität“ seien, sondern der Einsatz für sie eine bleibende Aufgabe sei.

Wahrhaft globale Engagement

Der Erzbischof von Berlin, Heiner Koch, würdigte in einem Grußwort „das wahrhaft globale Engagement“ des Patriarchen im ökumenischen und interreligiösen Dialog. Zugleich erklärte er die „uneingeschränkte Solidarität“ der Berliner Katholiken mit den um ihres Glaubens willen verfolgten Christen vor allem im Nahen Osten. Im Anschluss an die Adenauerstiftungs-Veranstaltung hatte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier den Patriarchen von Konstantinopel zu einem gut einstündigen Gespräch empfangen. Bei der Unterregung mit dem Ehrenoberhaupt der Weltorthodoxie im Berliner Schloss Bellevue habe sich Steinmeier vor allem über die Lage der Flüchtlinge und der orthodoxen Kirche in der Türkei informiert, wie die deutsche Katholische Nachrichtenagentur KNA aus Teilnehmerkreisen erfuhr.

(kap 02.06.2017 mg)

Vatikan-Konferenz fordert weltweite Ächtung von Organhandel

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Debatte an der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften

Eine Konferenz im Vatikan ruft die Verantwortlichen weltweit zu schärferen Maßnahmen gegen Organhandel auf. „Die Verwendung der Organe hingerichteter Häftlinge und Geldzahlungen an Organspender oder die Hinterbliebenen verstorbener Organspender sollten als Verbrechen weltweit verurteilt und von der Justiz verfolgt werden.“ Das fordern die Teilnehmer der Konferenz, die von der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften ausgerichtet wurde, in ihrer Schlusserklärung.Organhandel und „Menschenhandel zum Zweck der Organentnahme“ seien „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, so die Erklärung. Vor allem arme und ausgebeutete Menschen würden in diesem Bereich leicht zu Opfern; zahlende „Transplantationstouristen“ dürften nicht die Augen vor den Schattenseiten dieses Geschäfts verschließen, bei dem „skrupellose Zwischenhändler“ und „korrupte Mitarbeiter im Gesundheitswesen“ die Menschenwürde mit Füßen träten.Die Erklärung rügt ungenannte Staaten, die zum Ziel von „Transplantationstouristen“ würden, weil ihre Gesetzgebung „zum Schutz der Armen und Verwundbaren“ nicht ausreiche oder nicht durchgesetzt werde. Vor allem Indien, China und die Philippinen werden in diesen Jahren zum Ziel von Menschen aus reichen Ländern, die auf der Suche nach einem für sie lebenswichtigen Organ alle Bedenken beiseiteschieben. Aus China haben zwei Regierungsvertreter an der Konferenz im Vatikan teilgenommen.

Religions- und Kirchenführer sollen nach den Empfehlungen der Konferenz zur Organspende ermutigen und Regierungen dafür sorgen, dass in ihren Ländern genug Organe bereit sind, damit sich gar nicht erst ein Schwarzmarkt entwickelt.

Bei der Konferenz im Vatikan war es zu teils hitzigen Debatten mit Blick auf die Praxis in China gekommen. Die Tagung zu Organhandel gehört zu einem Reigen von Vatikan-Initiativen gegen Menschenhandel und moderne Sklaverei. Damit hat Papst Franziskus die Päpstliche Akademie der Wissenschaften betraut.

(rv 09.02.2017 sk)

Frankreich: Papstbotschaft an Teilnehmer des ‪„Marsches für das Leben“

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„Marche Pour La Vie 2015“ / Wikimedia Commons – HazteOir.Org, CC BY-SA 2.0 (Cropped)

Sich unermüdlich für eine Kultur des Lebens einsetzen

Papst Franziskus ermutigt die Teilnehmer des Marsches für das Leben („Marche pour la vie“), der am Sonntag in Paris stattfinden wird, sich ‪„unermüdlich“ für eine Kultur des Lebens einzusetzen.

In seinem Brief an den Präsidenten der Veranstaltung, der vom Apostolischen Nuntius in Frankreich, Erzbischof Luigi Ventura, überreicht wurde, grüßt Franziskus die Teilnehmer „von Herzen“.

Der Papst erinnert sie daran, dass die Kirche nie aufhören solle, „Anwalt des Lebens“ zu sein, sowie den Schutz des menschlichen Lebens zu verkünden, „vom Augenblick der Empfängnis bis zum natürlichen Tod“, wie es in dem auf den 18. Januar datierten Schreiben heißt.

‪„Der Heilige Vater ermutigt die Teilnehmer des ‚Marsches für das Leben’‪‪ sich unermüdlich für den Aufbau einer Gesellschaft der Liebe und einer Kultur des Lebens einzusetzen“, erläuterte Ventura das Papstschreiben.

Der ‪„Marsch für das Leben 2017“ ist die elfte Veranstaltung in Folge, die von einem Kollektiv von Lebensrechtsvereinen organisiert wird, mit der Unterstützung des Nationalen Verbandes der katholischen Vereinigungen für die Familie.

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Quelle

Siehe auch:

Menschenrechtstag: Die Schweizer Kirchen erinnern an die Unverfügbarkeit der Menschenwürde

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Bönigen, Schweiz / Wikimedia Commons – Andrew Bossi, CC-BY-SA-2.5

Achtung und Schutz der Menschenwürde sind in vielen Bereichen eine bleibende Aufgabe: in Migration, Globalisierung und Welthandel, Klimawandel und Umweltschutz oder in schwierigen Situationen am Beginn und Ende des Lebens. Die Würde jedes Menschen ist dabei keine Frage von Selbstbestimmung, sondern geht dieser stets voraus. Weil kein Mensch seine Würde selbst garantieren kann, gilt Würdeschutz immer der und dem Anderen. Würdeschutz betrifft alle, überall auf der Welt. Diese Überzeugung betonen die römisch-katholische, die christkatholische und die reformierten Kirchen der Schweiz zum internationalen Menschenrechtstag am 10. Dezember.

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Zwischen Machen und Lassen

Zur Unverfügbarkeit der menschlichen Würde

«Er aber antwortete mir: Meine Gnade genügt dir; denn sie erweist ihre Kraft in der Schwachheit. Viel lieber also will ich mich meiner Schwachheit rühmen, damit die Kraft Christi auf mich herabkommt»
2. Korinther 12,9 

Die Globalisierung und die rasanten technologischen Entwicklungen haben uns die Welt verfügbar gemacht. Im «globalen Dorf» gibt es kaum noch Regionen, auf die nicht von jedem beliebigen Standort aus zugegriffen werden kann. Satelliten- und Informationstechnologien machen jeden Winkel der Erde sichtbar, Biotechnologien erlauben tiefe Einblicke in das Leben selbst. Kaum etwas bleibt unbemerkt, fast alles erscheint wissenschaftlich erklärbar. Wir sind dabei, uns und unsere Umwelt restlos zu entzaubern, getrieben von der Idee, nichts mehr dem Zufall zu überlassen.

So jedenfalls stellt sich im Grossen und Ganzen die Welt für die Menschen auf der nördlichen Erdhalbkugel dar. Wir profitieren von den Errungenschaften der wissenschaftlich-technologischen Neugierde. Nicht nur unsere Lebenserwartung ist ständig angestiegen, sondern mit ihr auch unsere Lebensqualität. Problematisch werden diese Entwicklungen, wenn sie auf Kosten anderer gehen, denen dadurch der Zugang zu einer menschenwürdigen, lebensfreundlichen und gedeihlichen Existenz verbaut und unmöglich gemacht wird. Erst im globalen Kontext zeigt sich die prekäre Voraussetzung unserer Lebensweisen, bei der allein der Geburtsort, die Herkunft und das soziale Milieu darüber entscheiden, ob jemandem ein Leben auf der Sonnen- oder Schattenseite bevorsteht. Für die, denen es am Grundlegendsten mangelt, ist diese Vorentscheidung auf grausame Weise unverfügbar, weil sie auf die Rahmenbedingungen ihres Lebens keinen Einfluss haben. Der fortschreitende Klimawandel macht die unverfügbaren äusseren Lebensbedingungen für immer mehr Menschen zur nackten Überlebensfrage. In den Wohlstands- und Technologiegesellschaften der nördlichen Erdhalbkugel, die kaum noch etwas dem Schicksal überlassen, werden Erfahrungen von Unverfügbarkeit zur Ausnahme. Und die ethische Forderung nach Unverfügbarkeit wird zumeist als Störung wissenschaftlich-technologischer und ökonomischer Betriebsamkeit zurückgewiesen. Den Preis für diese Verfügungsmacht zahlen diejenigen, die Unverfügbarkeit in pervertierter Form als politische und ökonomische Ohnmacht erleben müssen: als Opfer himmelschreiender Gewalt und Ungerechtigkeit, gegenüber den Folgen des Klimawandels und als Machtlosigkeit derjenigen, die nicht mitreden und entscheiden dürfen.

Das gilt für Menschen in den ärmsten und von politischem Terror, Gewalt und Korruption verwüsteten Regionen unserer Welt ebenso, wie in anderer Weise für Embryonen und Föten bei uns, denen die fortpflanzungsmedizinische Diagnostik ein Leben mit Behinderung prognostiziert. Denn in beiden Situationen masst sich ein Teil der Menschheit völlig selbstverständlich an, über die Leben eines anderen Teils zu entscheiden: die Satten über die Hungernden, die Mächtigen über die Ohnmächtigen, die Geborenen über die Ungeborenen. Und es ist vielleicht nur noch eine Frage der Zeit, wann sich die Hochbetagten rechtfertigen müssen, mit der gleichen Selbstverständlichkeit, dem gleichen Respekt und den gleichen Rechten in unserer Gesellschaft leben zu dürfen, wie diejenigen, die ein souveränes und ökonomisch attraktives Leben führen.

Angesichts dieser Bedrohungen reichen wechselseitige Appelle an die Menschenwürde nicht aus. Stattdessen ist ein Umdenken nötig, dem ein anderes Handeln folgt. Das Diktat der Verfügbarkeit bestreitet der Würde ihren Platz in der Welt. Denn Würde verweist gerade darauf, was der menschlichen Verfügbarkeit auf immer entzogen bleiben soll. Die fixe Idee, alles machen zu wollen, lässt den Gedanken nicht zu, etwas zu lassen, weil es, so wie es ist, gut ist. Die Würde der Menschen und der Kreatur kann gerade nicht gemacht, sondern muss gelassen – zugelassen – werden. Die Würde kann nur anerkannt und geschützt werden, wenn der Machbarkeitswahn von einer Lassensbesonnenheit durchbrochen wird.

Es ist ein menschliches Merkmal, sich nicht selbst zu genügen. Der moderne Mensch hat daraus die Strategie abgeleitet, sich selbst auf allen Ebenen verbessern zu wollen. Das Christentum hat aus der gleichen Einsicht die umgekehrte Konsequenz gezogen und lässt sich von Gott mit den Worten an den Apostel Paulus zusprechen: «Meine Gnade genügt dir». Darin steckt bereits ein komplettes Würdekonzept. Meine Gnade genügt dir, bedeutet zugleich: Gottes Gaben sind genug! Die Begabung eines jedes Menschen ist seine je eigene Würde und entzieht sie als Gabe Gottes der menschlichen Verfügung. Gottes Gaben brauchen keine menschliche Perfektionierung. Gerade das in unseren Augen Unperfekte erweist sich aus der Perspektive Gottes als das unverfügbar Gute. Die Würde ist kein Merkmal des Gemachten, sondern ausschliesslich des Gegebenen. Dem Geschöpflichen den Titel der Würde zuzusprechen fordert uns nicht dazu auf, es nach unseren Vorstellungen zuzurichten, sondern vor Verletzung und Missachtung zu schützen. Das Ende der Unverfügbarkeit ist der Anfang der Entwürdigung.

Der Schutz der Würde ist keine Frage von Selbstbestimmung, sondern geht dieser stets voraus. Weil kein Mensch seine Würde selbst garantieren kann, gilt Würdeschutz immer der und dem Anderen. Würdeschutz ist universal oder gar nicht. Geschützt wird die universale Würde dann, wenn nicht nur die Ressourcen der Erde unter allen Mitgliedern der Menschheitsfamilie gerecht verteilt werden, sondern wenn auch die Bedrohungen und Sorgen gemeinsam wahrgenommen und angepackt werden. Darin stimmen Würde und Klima überein: Sie kümmern sich nicht um von Menschen gezogene Grenzen.

Die Bibel bringt diese Einsicht auf den Begriff der und des Nächsten. Es ist die Person, die weder nach ihrem Pass, ihrer Herkunft, ihrem Glauben oder ihrer moralischen Integrität gefragt wird. Natürlich gilt das im Gleichnis vom barmherzigen Samaritaner für Menschen in Not. Aber diese produzieren unsere Machbarkeitslogiken täglich neu.

Bern und Freiburg, im Dezember 2016

(Quelle: Webseite der Schweizer Bischofskonferenz, 08.12.2016)

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Quelle

Schweiz: „Bei Verdacht auf Sterbehilfe kein Sterbesakrament“

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Priester am Sterbebett: Was tun?

Priester des Schweizer Bistums Chur sollen nach dem Willen von Bischof Vitus Huonder bei Verdacht auf Sterbehilfe auf die  Spendung des Sterbesakraments, der Krankensalbung, verzichten. Auch Palliativ-Fürsorge könne unter Umständen dem natürlichen Vorgang des Sterbens und damit Gottes Schöpferwillen widersprechen, schreibt der Bischof zum diesjährigen „Tag der Menschenrechte“ am kommenden 10. Dezember.

„Nicht wir bestimmen über Leben und Tod. Gott verfügt über unser Leben. Gott verfügt über unser Sterben“, schreibt Huonder. In seinem Hirtenbrief mit dem Titel „Humanes Sterben aus der Sicht des Glaubens“ beruft er sich auf den Katechismus der Katholischen Kirche und eine Vatikan-Erklärung zu Sterbehilfe aus dem Jahr 1980.

Angesichts eines „weit verbreiteten Gesinnungswandels bezüglich des humanen Sterbens“ stehe ein Priester heute nicht selten vor einer schwierigen seelsorgerlichen Situation, wenn er ans Sterbebett gerufen werde, so Huonder. Unter humanem Sterben verstehe man heute „die Bestimmung der Todesstunde durch die Vorkehrungen der sogenannten Sterbehilfe-Organisationen“.

Die „Bereitschaft zur Selbsttötung des Patienten und die Beihilfe Umstehender und Verwandter“ versetze einen Priester in eine „geradezu unmögliche Lage“, wenn er zur Spendung der Sakramente gerufen werde, schreibt der Bischof; „denn unter diesen Umständen sind die Voraussetzungen für deren Empfang nicht gegeben“. Oft könne der Seelsorger die Situation gar nicht mehr „genügend durchschauen“, wenn er zu einem späten Zeitpunkt zu einem Sterbenden gerufen werde. Der Priester solle sich dann dem Sterbenden im fürbittenden Gebet zuwenden und ihn Gottes Barmherzigkeit empfehlen.

(kna 03.12.2016 sk)

Siehe dazu: