Papst an Kurie: Evangelisierung als Kern der Reform

Papst Franziskus beim Weihnachtsempfang für die Kurie an diesem Samstag (Vatican Media)

Der Kern der Kurienreform ist Evangelisierung. Daran hat Papst Franziskus in seiner diesjährigen Weihnachtsansprache an die römische Kurie erinnert. Um auf Veränderungen in der Welt reagieren zu können, sei auch einen Wandel im Inneren der Kirchenzentrale vonnöten, bekräftigte er am Samstagmorgen im Vatikan.

Anne Preckel – Vatikanstadt

In seinen Weihnachtsansprachen an die Kurie hat sich Papst Franziskus schon öfters zur Kurienreform geäußert: er hat Missstände benannt, vor Abwegen gewarnt und Kriterien umrissen, die den Prozess leiten sollten. In seiner diesjährigen Ansprache an seine engsten Mitarbeiter erinnerte Franziskus an „den Kern der Reform“: Evangelisierung.

„Tatsächlich besteht das Ziel der gegenwärtigen Reform darin, dass ,die Gewohnheiten, die Stile, die Zeitpläne, der Sprachgebrauch und jede kirchliche Struktur ein Kanal werden, der mehr der Evangelisierung der heutigen Welt als der Selbstbewahrung dient. Die Reform der Strukturen, die für die pastorale Neuausrichtung erforderlich ist, kann nur in diesem Sinn verstanden werden: dafür zu sorgen, dass sie alle missionarischer werden‘ (Evangelii gaudium, 27).“

Evangelisierung als Kern der Reform

Nicht den kirchlichen Selbsterhalt, sondern den Dienst an der Welt stellt Franziskus damit in den Vordergrund. Entsprechend definiert er die Kurie als „lebendigen Körper“, der im Austausch mit der Welt stehen muss. Diese Sicht bekräftigte er in seiner Ansprache:

„Die Kurie ist nicht ein von der Wirklichkeit losgelöster Körper – auch wenn diese Gefahr immer besteht. Vielmehr muss sie im Heute des von den Männern und Frauen zurückgelegten Weges, in der Logik des Epochenwandels verstanden und erfahren werden. Die römische Kurie ist kein Gebäude oder ein Schrank voller Kleider, die angezogen werden, um eine Veränderung zu rechtfertigen. Die römische Kurie ist ein lebendiger Körper, und sie ist es umso mehr, je mehr sie das Evangelium in seiner Vollständigkeit lebt.“

Der Titel der neuen Kirchenverfassung, die im Frühjahr 2020 veröffentlicht werden soll, ist ein Aufruf: „Praedicate evangelium“ – Verkündet das Evangelium. Papst Franziskus lässt das Regelwerk seit 2013 von einem Kardinalsrat und unter Einbezug von Anregungen der Bischofskonferenzen erarbeiten. Es soll das bisherige vatikanische Grundgesetz „Pastor bonus“ von 1988 ersetzen.

Im Einzelnen ging der Papst in seiner Ansprache auf die Aufgaben von vier Vatikanbehörden ein, die beiden traditionsreichen Kongregationen für die Glaubenslehre und für die Evangelisierung der Völker sowie die jüngeren Dikasterien für Kommunikation sowie für die ganzheitliche Entwicklung des Menschen, die er ausdrücklich mit der Evangelisierung in Bezug setzte.

Wandel im pastoralen Denken

Die Glaubensweitergabe finde heute unter anderen Voraussetzungen statt als in der Kirchengeschichte, hielt der Papst fest. Auch in der westlichen Welt lebten heute viele Nicht-Christen, die es zu erreichen gelte. Säkularisierung und Glaubensverlust haben vor allem in urbanen Räumen zum Bedeutungsverlust der Kirche geführt. Dies mache eine „spezifische Pastoral“ notwendig, so der Papst:

„Wir sind heute nicht mehr die Einzigen, die Kultur prägen und wir sind weder die ersten noch die, denen am meisten Gehör geschenkt wird. Wir brauchen daher einen Wandel im pastoralen Denken, was freilich nicht heißt, zu einer relativistischen Pastoral überzugehen. Das Christentum ist keine dominante Größe mehr, denn der Glaube – vor allem in Europa, aber auch im Großteil des Westens – stellt keine selbstverständliche Voraussetzung des allgemeinen Lebens mehr dar, sondern wird oft sogar geleugnet, belächelt an den Rand gedrängt und lächerlich gemacht.“

Die Kirche müsse heute mit einem „Epochenwandel“ umgehen, der sich in Lebensweisen und menschlichen Beziehungen, Kommunikation und Denkweisen, Glaube und Wissenschaft niederschlügen, hielt der Papst in seiner Ansprache grundlegend fest. Dabei geschehe es oft, „dass man die Veränderung lebt, indem man sich darauf beschränkt, ein neues Kleid zu tragen, aber in Wirklichkeit so bleibt, wie man vorher war“, warnte der Papst. Es brauche hingegen eine innerliche Veränderung, Umkehr, schärfte er ein.

Es gelte, „sich von den Herausforderungen der heutigen Zeit befragen zu lassen und auf sie mit den Tugenden der Unterscheidung, der parrhesia und der hypomoné, mit Freimut und Beharrlichkeit aufzugreifen“, so der Papst. Dies bringe auch eine Veränderung der kirchlichen Strukturen mit sich, betonte der Papst: „All dies führt zwangsläufig zu Veränderungen und neuen Schwerpunkten in den oben genannten Dikasterien sowie in der gesamten Kurie.“

Synergien in der Kommunikation

Mit Blick auf das im Jahr 2015 eingerichtete Dikasterium für Kommunikation, das heute alle Vatikanorgane umfasst, die mit Kommunikation zu tun haben,  betonte der Papst die Notwendigkeit von mehr Synergie, Zusammenarbeit und einer kohärenten redaktionellen Linie. Der Zusammenschluss sei im Zeichen eines verbesserten Dienstes erfolgt, erinnerte der Papst, Multimedialität sei hier das Gebot der Stunde:

„Die neue Kultur, die von Konvergenz und multimedialen Faktoren geprägt ist, erfordert vonseiten des Apostolischen Stuhls eine angemessene Antwort im Bereich der Kommunikation. Im Vergleich zu spezialisierten Diensten überwiegt heute die multimediale Form, und das prägt auch die Art und Weise, wie diese dann konzipiert, gedacht und umgesetzt werden. All dies impliziert, zusammen mit dem kulturellen Wandel, eine institutionelle und personelle Neuausrichtung von einer Arbeit in getrennten Abteilungen – die bestenfalls ein wenig koordiniert waren – zu einer Arbeit, die wesentlich und synergetisch miteinander verbunden ist.“

Das Dikasterium für Kommunikation ist ein Zusammenschluss des Päpstlichen Rates für Soziale Kommunikationsmittel, dem Presseamt des Heiligen Stuhles, der Vatikandruckerei, der Vatikanischen Verlagsbuchhandlung, der Vatikanzeitung l’Osservatore Romano, Radio Vatikan, dem Vatikanfernsehen, dem vatikanischen Internetdienst und dem Fotodienst.

Migration ein menschliches Gesicht geben

Das Dikasterium für den Dienst an der ganzheitlichen Entwicklung des Menschen war 2016 ebenfalls aus dem Zusammenschluss mehrerer Vatikanabteilungen entstanden, und zwar der Päpstlichen Räte für Gerechtigkeit und Frieden, Cor Unum, für die Seelsorge für die Migranten sowie für die Pastoral im Krankendienst. Es fördert die integrale Entwicklung des Menschen durch seinen Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden, den Schutz der Schöpfung, die Schwächsten und Ausgegrenzten.

Franziskus benannte als eine Hauptaufgabe dieses Organs die Sorge um Migranten, die aufgrund von Krieg und Not zur Flucht gezwungen sind und „die gegenwärtig einen Schrei in der Wüste unserer Menschheit darstellen“.

„Die Kirche ist daher gerufen, alle daran zu erinnern, dass es nicht bloß um soziale Fragen oder Migrationsthematiken geht, sondern um Personen, um Brüder und Schwestern, die heute für alle Menschen stehen, die von der globalisierten Gesellschaft ausgesondert werden. Sie ist gerufen, Zeugnis dafür zu geben, dass es für Gott niemanden gibt, der ,fremd‘ oder ,ausgeschlossen‘ ist. Sie ist gerufen, die eingeschlafenen Gewissen derer zu wecken, die der Wirklichkeit des Mittelmeers, das für viele, zu viele zu einem Friedhof geworden ist, gleichgültig gegenüberstehen.“

Auf Anfragen der Menschen antworten

Ganzheitliche Entwicklung müsse auch ein Maßstab der Kirchenreform sein, betonte der Papst weiter. Die Kirche müsse letztlich auf die Menschheit und ihre Anfragen antworten: „Die Menschheit also ist der besondere Schlüssel, mit dem die Reform zu lesen ist. Die Menschheit ruft auf, fragt an und ruft hervor, das heißt sie ruft dazu auf, hinauszugehen und die Veränderung nicht zu fürchten.“

Einfach sei der Reformprozess aus verschiedenen Gründen nicht, räumte Franziskus ein. Er nannte hier die „Dimension der Zeit“ und „den menschlichen Irrtum“ sowie „rechtliche und institutionelle Fragen, die Schritt für Schritt gelöst werden müssen, ohne magische Formeln oder Abkürzungen.“

Seine Zuhörer ermutigte er, keine Angst vor den Neuerungen zu haben. Franziskus warnte hier vor der „Versuchung, eine Haltung der Starrheit anzunehmen“:

„Die Starrheit kommt von der Angst vor Veränderung und übersät am Ende den Boden des Gemeinwohls mit Pflöcken und Hindernissen und macht ihn so zu einem Minenfeld der Kontaktunfähigkeit und des Hasses. Denken wir immer daran, dass hinter jeder Starrheit irgendeine Unausgeglichenheit liegt. Die Starrheit und die Unausgeglichenheit nähren sich gegenseitig in einem Teufelskreis. Heute ist diese Versuchung der Starrheit sehr akut geworden.“

Reform greift auf Bewährtes zurück

„Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben“ (Joh 13,24-35): Mit dem Gebot Jesu an seine Jünger rief der Papst die Kurie zur Eintracht und Geschwisterlichkeit auf. Er bat sie auch um Geduld und einen langen Atem. Statt „Räume der Macht“ zu besetzen, solle die Kirche vielmehr auf „langwierige Prozesse“ setzen, so Franziskus. In dieser Optik sei auch die Kurienreform zu verstehen – als ein „Weg in ständiger Entwicklung“. Dabei halte man auch am Bewährten fest, verteidigte Franziskus die Reform.

Er bekräftigte, „dass sich diese Reform niemals angemaßt hat, so zu tun, als ob vorher nichts existiert hätte; im Gegenteil, man hat darauf abgezielt, all das Gute zu würdigen, das in der komplexen Geschichte der Kurie getan worden ist. Wir müssen ihre Geschichte würdigen, um eine Zukunft aufzubauen, die feste Grundlagen hat, die Wurzeln besitzt und deshalb Frucht tragen kann. Sich auf die Erinnerung zu berufen heißt nicht, sich an der Selbstbewahrung festzuklammern, sondern auf das Leben und die Lebendigkeit eines Weges in ständiger Entwicklung hinzuweisen. Die Erinnerung ist nicht statisch, sie ist dynamisch. Sie bringt von Natur aus Bewegung mit sich. Auch die Tradition ist nicht statisch, sie ist dynamisch.“

(vatican news – pr)

Kardinal Müller kritisiert Kurienreform: Theologische Ahnungslosigkeit

6. Mai 2019, 19:17

Bei der Beschreibung der Aufgaben der neuen Behörde für die Glaubenslehre zeige sich „eine erschütternde theologische Ahnungslosigkeit der Verfasser dieses Abschnitts“.
Rom (kath.net)

Kardinal Gerhard Ludwig Müller,der ehemalige Präfekt der Glaubenskongregation, hat den Entwurf für die römische Kurienreform scharf kritisiert. Im Interview mit der PNP spricht Müller von „theologischer Ahnungslosigkeit“. In den in verschiedenen Medien sei „kein schlüssiges Konzept von Ursprung, Wesen und Sendung der Kirche erkennbar“. Statt sich deutlicher am Kirchenbegriff des Zweiten Vatikanischen Konzils zu orientieren, bleibe „die Kurie in einem ortlosen Schwebezustand, weil sie nicht mehr eindeutig dem Dienst des Papstes für die Universalkirche zugeordnet“ werde. Das Dokument war vom Kardinalsrat des Papstes beschlossen worden und liegt derzeit führenden Kirchenstellen zur Begutachtung vor.

Kritisch sieht Müller auch, dass die Sonderrolle der Glaubenskongregation relativiert werden soll. „Im Entwurf handelt es sich um eine planlose Aneinanderreihung von 16 Ministerien, die irgendwie im Dienst des Papstes, der Einzelbischöfe und der Bischofskonferenzen stehen.“ Die Evangelisierung komme „an erster Stelle, obwohl sie eine Aufgabe der ganzen Kirche und keine spezifische des Papstes ist“. Müller findet deutliche Worte: „Es handelt sich bei dieser Skizze für eine künftige Apostolische Konstitution um ein Konglomerat von subjektiven Einzelideen, frommen Wünschen, moralischen Appellen mit einzelnen Zitaten aus Konzilstexten und Verlautbarungen des derzeitigen Papstes.“

Der ehemalige Regensburger Bischof kritisiert auch, dass der Entwurf zur Kurienreform „nicht klar“ zwischen den weltlichen und geistlichen Aufgaben des Papstes unterscheide. Die weltlichen Aufgaben seien „nur sekundär und keineswegs wesentlich mit dem Papsttum verbunden“. Die „höchste Mission des Papstes“ sei „sein Lehramt als Mitglied und Haupt des Bischofskollegiums“. Doch obwohl „das universalkirchliche Lehramt der Existenzgrund des päpstlichen Primates“ sei, erscheine die Glaubenslehre nun nur noch als „beliebige Aufgabe des Papstes unter vielen anderen“.

Gerade bei der Beschreibung der Aufgaben der neuen Behörde für die Glaubenslehre zeige sich, so Müller, „eine erschütternde theologische Ahnungslosigkeit der Verfasser dieses Abschnitts“. So würden Grundbegriffe der katholischen Theologie wie Offenbarung, Evangelium oder Lehramt „falsch oder schief verwendet“. Es bleibe deshalb zu hoffen, „dass dieser Abschnitt von einem ausgewiesenen Theologen und Kanonisten von Grund auf neu formuliert wird“.

_______

Quelle