EIN BRIEF VON JUNGEN KLERIKERN von Various – 19.9.2018

Dieser Brief an die Mitglieder der Bischofssynode für Jugend, Glauben und Berufsbildung dient einem doppelten Zweck: erstens der Solidarität mit den Katholiken, insbesondere den jungen Menschen, die sich um die jüngsten Ereignisse in der Kirche Sorgen machen, insbesondere den sexuellen Missbrauchsskandalen; zweitens, um die Diskussion der Synode ebenso wie das Gespräch darüber aus dem Blickwinkel neuerer Mitglieder des römisch-katholischen Klerus zu informieren, derjenigen, die nach dem öffentlichen Ausbruch der sexuellen Mißbrauchskandale ins Priesterseminar eintraten, oder sich einer Religionsgemeinschaft anschlossen.
Unterzeichner sprechen für sich allein; Zugehörigkeiten wurden nur zu Identifikationszwecken aufgeführt.

 

Hochwürdige Synoden-Väter,

Am Tage unserer Priesterweihe wurde jeder von uns von seinem ordinierenden Bischof gefragt: „Versprichst du mir und meinen Nachfolgern Respekt und Gehorsam?“ Jeder von uns bejahte dies und vertraute nicht auf seine eigenen Verdienste, sondern auf die Gnade Gottes , der jeden von uns zum priesterlichen Dienst in seiner Kirche berufen hat. Wir sind junge katholische Geistliche, und so haben wir diese Frage erst vor kurzem beantwortet – einige von uns im vergangenen Jahr. Und wir schreiben heute in demselben Geist des Respekts und des Gehorsams. Wir möchten unsere Besorgnis über die sich ausbreitende Krise des sexuellen Missbrauchs in der Kirche, insbesondere der Kirche in den Vereinigten Staaten, zum Ausdruck bringen. Insbesondere sind wir besorgt darüber, wie sich diese Krise auf die Synode über den Glauben, die Jugend und die Berufsbildung auswirkt, die im Oktober in Rom stattfinden soll.

Obwohl der Synodalrat dies bei der Wahl des Themas vor drei Jahren nicht vorhersehen konnte, kommt die Synode für junge Menschen zu einem unpassenden Zeitpunkt, zumindest gelinde gesagt. Die Ereignisse des vergangenen Jahres zeigen, dass die Skandale, die 2002 begannen – als viele von uns noch Jugendliche waren – , noch lange nicht vorbei sind. Wir glauben, dass das Ans-Licht-Bringen dieser Skandale, so schmerzlich es auch sein mag, der einzige Weg zur Heilung für die Kirche ist.

Die Laiengläubigen, denen wir bei unseren Ordinationen versprochen haben, unaufhörlich im Namen Christi und seiner Kirche zu beten und zu dienen, werden durch diese Skandale verwundet und fragen sich, wem sie vertrauen sollen. Viele junge Katholiken sind besonders erschüttert. Wir stehen vereint mit ihnen in ihrem Zorn, Entsetzen und ihrer Bestürzung. Wir haben auch bei unseren Ordinationen versprochen, unsere priesterlichen Pflichten als würdige Mitarbeiter mit den Bischöfen zu erfüllen. Wir hoffen, Sie werden verstehen, dass dies in kurzer Zeit viel schwieriger geworden ist. Wir sehen die Wut und Frustration derer, denen wir dienen, und wir selbst sind unsicher, was sonst noch im Dunkeln wartet.

Väter, einige schlagen vor, dass die Jugend-Synode verschoben sogar annulliert werden sollte, anstatt damit unter einem Skandal bezüglich des klerikalen sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen fortzufahren. Für den Fall, dass es weitergeht, haben wir Bedenken hinsichtlich des wahrscheinlichen Tenors der Diskussion. Aber wir haben auch Hoffnung, denn die Synode bietet eine Chance, wenn Sie bereit sind, sie zu ergreifen.

Das Instrumentum Laboris (Arbeitsdokument) der Synode zediert der sexuellen Revolution zuviel Raum, die den jungen Menschen so großen Schaden zugefügt hat. Unsere Generation kommt aus der „liquiden“ Moderne. Wir sind in einer Kultur aufgewachsen, die allem feindlich gesinnt ist, was die Kirche vorschlägt: Leben, Tod und Auferstehung Jesu Christi; die Wahrheiten, die in der Schrift enthalten sind; und die Tradition der Kirche, die bis heute von den Aposteln weitergegeben wurde, einschließlich ihres moralischen Zeugnisses. Wir tun unser Bestes, um diese Realitäten zu lehren, zu predigen, zu verkünden und zu leben. So auch viele unserer jungen Kollegen.

Wenn wir das Instrumentum Laboris lesen, finden wir keine umfassende Analyse von Modellen, die sich als erfolgreich erwiesen haben, junge Menschen im Glauben zu formen. Wir finden auch keine Anleitung, wie die soziokulturellen Anliegen junger Menschen auf ein übernatürliches Ziel hin ausgerichtet werden können. Wir finden stattdessen vage Hinweise auf „einige junge Menschen“, die wünschen, dass sich dieser oder jener Teil der Lehre der Kirche ändert. Aber wir wissen von vielen jungen Menschen, die nicht wollen, dass sich die Lehren der Kirche ändern, sondern dass sie energischer verkündet werden – gerade weil sie sie als Gegenmittel gegen die kulturelle Öde sehen, in der wir leben. Aus diesem Grund glauben wir, dass das Instrumentum ein erhebliches Umdenken und eine Überarbeitung nötig hat. Nur eine kraftvolle Begegnung mit Jesus Christus und eine freudige Verkündigung des orthodoxen Glaubens der Kirche kann junge Herzen inspirieren und junge Menschen zur Mission anfeuern. Soziologische Analyse kann dies nicht erreichen.

Wir, als junge Menschen, kennen den Preis der sexuellen Revolution auf eine viszerale Art: Scheidung, das unkontrollierte Streben nach Vergnügen, Objektivierung von Frauen, Sexhandel, Pornographie, all die Schrecken, die die #MeToo-Bewegung ausgelöst haben, Lustlosigkeit, Verzweiflung, Sucht. Wir sehen bereits, wie sich durch die Smartphone-Sucht, Depressionen und Ängste bei Teenagern und Mobbing in den sozialen Medien auf die nächste Generation auswirken. Wir betrachten diese Effekte nicht als befreiend; wir betrachten sie als Fesseln. Und wir denken, dass unsere Kollegen mit uns einig sind.

Wir sind in einer Welt aufgewachsen, die vor allem radikale Autonomie schätzt. Wir sind alle auf diese oder jene Weise kompromittiert worden. Aber es ist eine Lüge. Und wenn junge Leute merken, dass sie belogen worden sind, suchen sie nach Antworten. Dann offenbart sich das Evangelium Jesu Christi erneut als Befreiung, als Befreiung von den Fesseln unserer Zeit, so dass wir stattdessen Gefangene für den Herrn werden, missionarische Jünger, deren Herzen in ihnen brennen. Wir beten, dass der primäre Effekt dieser Synode eine unverfrorene Verkündigung dieses authentischen Evangeliums für die jungen Menschen von heute sein wird.

Unsere Kultur ist allzu eifrig, uns falsche Idole zu verkaufen. Nur das Evangelium, das in seiner radikalen Kraft gelebt wird, kann befriedigen. Christus allein ist die Antwort auf die Herausforderungen unserer Generation. Mögen wir ihn und seinen Ruf zur Heiligkeit in dieser Stunde neu annehmen.

UNTERZEICHNET VON:

Rev. Steven J. Arena
Pfarrvikar, Johannes-Neumann-Gemeinde, Lancaster, PA
Diözese von Harrisburg

Rev. Eric J. Banecker
Pfarrvikar, Pfarrei St. Pius X, Broomall, PA
Erzdiözese von Philadelphia

Rev. Christopher Coffie
Pfarrvikar, St. John the Beloved Parish, Wilmington, DE
Diözese Wilmington

Reverend Michael G. DeSaye
Pfarrvikar, heilige Johanna von Arc Parish, Marlton, NJ
Diözese von Trenton

Rev. Richard W. James
Graduate Studies, Universität St. Thomas, Rom
Diözese Allentown

Rev. Bryan J. Kerns, OSA
Theologische Fakultät, St. Augustine Preparatory School, Richland, NJ
Orden des Heiligen Augustinus

Rev. Aleksandr J. Schrenk
Parochial Vikar pro tem , St. Peter, St. Paul und St. Michael Pfarreien, Butler, PA
Diözese von Pittsburgh

Rev. Stephen W. Spencer, OSJ
Parochial Vicar, unsere Dame der Guadalupe-Gemeinde, Bakersfield, CA
Oblaten des heiligen Joseph

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Quelle

Bischof Stefan Oster SDB: Missbrauch – Bitte um Vergebung

Es war Verrat! Die Missbrauchskrise, die Bitte um Vergebung und der Weg der Wahrheit.

Eine Botschaft von Bischof Stefan Oster zu den dramatischen Zahlen von Missbrauch in der Katholischen Kirche in Deutschland, die im September 2018 bekannt wurden.

Bischof Stefan Oster SDB: Gottesvergessenheit und Sexualität

Unzeitgemäße Gedanken zu einem biblischen Zusammenhang

1. EINE DER WIEDERKEHRENDEN KERNFRAGEN:
WELCHER SEX IST RECHT VOR GOTT?

Die  Debatten in und außerhalb der Kirche zum Thema Sexualität und allem, was damit zusammen hängt, reißen nicht ab. Sie scheinen in medialen Wellenbewegungen immer neu auf die Kirche zuzurollen – in wechselnden Themen: Mal sind es die wiederverheirateten Geschiedenen, mal der Zölibat, mal der Umgang der Kirche mit Menschen, die homosexuelle Neigungen haben – um nur die am meisten diskutierten Themen aufzugreifen. Und ist es nicht paradox? Da nimmt sich der Papst mit der Bischofssynode des Themas der Familie an und das Wesentliche, was Monate vor, während und nach der Synode vordringlich zum Thema wird, sind zwei Menschengruppen, die gerade nicht in Verhältnissen leben, die den Normalfall von Familie bilden: wiederverheiratete Geschiedene und Homosexuelle. In beiden Fällen geht es aber im Kern der Debatte letztlich um die Praxis gelebter Sexualität, die nicht dem entspricht, was die Kirche in diesem Bereich seit jeher für Weisung und Willen Gottes hält.

Und man muss es ehrlich sagen, auch im Blick auf viele andere Themen, die immer neu diskutiert werden: Ein Kernproblem, eine Kernfrage, um die es sich dann ausgesprochen oder unausgesprochen immer wieder dreht, hängt tatsächlich genau damit zusammen: Was sagen der Glaube, die Schrift, die Tradition, die Kirche über menschliche Sexualität? Und vor allem, was sagen sie über recht vollzogene sexuelle Praxis, die dann dem entspricht und gerecht wird, was Christen für den Willen Gottes und seine Offenbarung halten? Die Tatsache, dass die Kirche hier in ihren Antworten immer ziemlich klar war, ist deshalb beständiger Stein des Anstoßes, beständiger  Stachel im Fleisch. Die öffentlichen Einwände dagegen gehen konsequent immer in die Richtung  nach einer Forderung von veränderter Lehre über genau diese Frage: Welcher Sex ist recht? Die Argumente: „Die Zeiten haben sich geändert, die Menschen haben sich geändert, die Gesellschaft hat sich geändert, die Beziehungsformen haben sich geändert, die Einsichten über die Sexualität des  Menschen haben sich geändert, also muss sich endlich auch die Lehre der Kirche ändern.“

Freilich, die Tatsache, dass das Thema und seine Klarheit bereits in der Hl. Schrift schon so präsent ist, weist eher das Gegenteil nach, nämlich dass es im Christentum bereits von Anfang an eine heftig angefragte Lehre war und nicht erst heute. Auch in der Zeit der Entstehung des christlichen Glaubens stehen dessen Lehren über menschliche Sexualität quer zu vielem von dem, was in der damaligen Gesellschaft, vor allem in einer griechisch-römisch geprägten Kultur, aber auch in einem jüdischen Kontext (hier etwa die Möglichkeit zur Mehrehe) gängig oder möglich war.

2. IST DIE KIRCHE SEXFIXIERT?

Der Kirche wird heute häufig vorgeworfen, sie sei manchmal allzu fixiert auf das Sexthema. Dabei scheint es mir auch hier eher umgekehrt. Wann etwa hat der durchschnittliche Kirchgänger zuletzt eine Predigt gehört, in der der Pfarrer so mutig war, die Sexualmoral der Kirche tatsächlich und wahrhaftig und ohne Abstriche zu erläutern oder sich dazu zu bekennen? Es passiert vermutlich eher in seltenen Ausnahmen. Ist es also nicht eher anders herum? Ist nicht die Gesellschaft eher so fixiert auf sexuelle Liberalisierung, dass ihr gerade die Kirche mit ihrer vermeintlich sturen Beharrung so sehr ein Dorn im Auge ist, dass Sie das immer und immer wieder, vor allem medial zum Thema machen muss? Und das, obwohl sich der größere Teil derjenigen, die diese Themen medial so sehr ventilieren, für die wirklichen Kernthemen des kirchlichen Glaubens in der Regel kaum mehr interessieren: Erlösung, Sündenvergebung, Versöhnung mit Gott, Kreuz, Auferstehung….?

Der mediale, der öffentliche und gesellschaftliche Druck auf die Kirche wächst also oder er kommt eben wellenartig wieder. Gleichzeitig sinken bei uns die Mitglieder‐ und Kirchenbesucherzahlen; gleichzeitig auch geht man durch verschiedene Krisen der Glaubwürdigkeit (vgl. Missbrauch, Limburg, Kölner Krankenhausaffäre etc.). Und so neigen wir als Kirchenverantwortliche vielleicht allzu leicht zu der Ansicht, wir könnten endlich einmal „punkten“, wenn sich  am innerkirchlich im Grunde wenig geliebten Sexthema endlich mal ein paar, wenigstens kleine „Fortschritte“ zeigen könnten.

3. WAS SAGEN SCHRIFT, TRADITION UND DER GLAUBE?

Aber wie befragen wir die Möglichkeit von vermeintlichen „Fortschritten“ auf diesem Gebiet? Wie befragen wir, welche Formen gelebter Sexualität gut und recht sind in Gottes Augen? Wir blicken auf das Evangelium und erkennen: Es gibt im Grunde keine einzige Form vollzogener Sexualität außerhalb der Ehe, die von der Hl. Schrift nicht entweder Unzucht oder Ehebruch genannt würde. Wir lesen aber auch, dass das Thema in der Schrift immer wieder prominent behandelt wird. Und wir lesen vor allem, dass da ein geheimnisvoller Zusammenhang hergestellt wird zwischen dem, wie Gott den Menschen sieht und will einerseits und sittlicher und sexueller Reinheit andererseits (vgl. Mt 5,28, Eph 5,3f, 1 Kor 6, 18‐20, Röm 1,21ff, 1 Thess 4,3f, Hebr 12, 14ff). In der Bergpredigt preist Jesus die Menschen selig, die ein reines Herz haben, sie würden Gott schauen (Mt  5,8),um nur wenige Zeilen später zu sagen, dass schon der lüsterne Blick auf eine Frau eben diese Menschenherz in seiner Reinheit eintrübe und in eine quasi ehebrecherische Verfassung bringe  (Mt  5,28)!

Gott will den Menschen seinem Sohn ähnlich machen. Er will ihm die Gnade und Kraft schenken, ein heiliges Leben zu leben. Dabei ist Heiligkeit freilich nicht misszuverstehen als eine Art religiöser Leistungssport, gepaart mit außergewöhnlichen Anstrengungen in der Übung der Tugenden. Heiligkeit ist zunächst das Erfüllt sein des Menschen mit Gottes Gegenwart, das Geschenk überfließender Gnade, die aus ihm, aus Gott selbst kommt. Erst sekundär folgt aus dieser Erfahrung des Beschenktseins von Gott und des Lebens aus dieser Gegenwart die Fähigkeit, in der Freiheit des Christenmenschen gut und selbstlos, also auch tugendhaft zu leben.

4. DAS KERNPROBLEM: GOTTESVERGESSENHEIT

Aber meines Erachtens rühren wir genau hier am entscheidenden Problem: Es ist das Ernstnehmen der Gegenwart Gottes. Und zwar zuerst in seiner Heiligkeit, Majestät, abgründigen Unterschiedenheit von jedem Geschöpf. Er ist der Schöpfer des Alls, er ist der Herr aller Welten. Und er gibt uns die Erlaubnis, ihm nahe zu kommen. Israel hat gewusst, dass solches Näherkommen gefährlich ist. Der Israelit des Alten Bundes wusste, dass er grundsätzlich vor Gottes Angesicht vergehen musste (Ex  33,20); und ganz besonders dann, wenn er sich Gott in einer unangemessenen Weise näherte. Die zahlreichen Reinigungsvorschriften des Volkes für den Vollzug des Kultes hatten eben auch diesen Ursprung, nämlich das Bewusstsein, dass man dem Heiligen Israels nur nahen kann, wenn man selbst rein, heil, ganz ist, eben reingewaschen (z.B.  Ex  30,20‐21).

Das Anliegen Jesu liegt auch ganz auf dieser Linie, aber er weiß, dass die Fülle an Vorschriften, dass „das Gesetz“ dazu tendiert, veräußerlicht verstanden zu werden: „Ich wasche mich (äußerlich), dann bin ich schon rein.“ Doch bereits die Propheten des Alten Bundes kündigen einen neuen Bund an, einen der ein „neues Herz“ (Ez 36,26) schenken will, einen Bund, in dem der Mensch seinen Gott nicht nur durch veräußerlichtes Ritual und Gesetz kennt, sondern persönlich, von Herz zu Herz. Die Taufe des Neuen Bundes rettet uns, sagt der Autor des ersten Petrusbriefes: Und „sie dient nicht dazu, den Körper von Schmutz zu reinigen, sondern sie ist eine Bitte an Gott um ein reines Gewissen aufgrund der Auferstehung Jesu Christi.“ (1 Petr 3,21). Freilich: Es bleibt auch im Neuen Bund derselbe majestätische Gott, der ganz Andere. Aber Jesus macht in seiner Person deutlich, dass eben dieser andere, der furchteinflößende, der Herr des Alls zugleich der Allliebende ist, derjenige der sich abgründig niederbeugt, konkret zu jedem von uns, der sich klein macht, um den Menschen wieder aufzurichten zu sich selbst und zurück in seine Beziehung zum Vater. In jeder Hl. Messe feiern wir Wandlung. Christus wandelt sich der Welt ein – in den Gestalten von Brot und Wein. Aber er tut es, um uns zu wandeln und zu neuen Menschen zu machen. Lassen wir es zu, halten wir das überhaupt für möglich?

Und genau hier liegt meines Erachtens unser Problem: Der Glaube daran, dass Gott in Christus wirklich da ist, dass er uns real und schon in diesem Leben, berühren, heilen, verwandeln kann in ein neues, besseres, gottbezogenes und gottgefälliges Leben, dieser Glaube scheint in unseren Breiten in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr zu verdunsten. Wie viele glauben wirklich noch, dass Christus das Leben eines Einzelnen tatsächlich im Hier und Jetzt spürbar erneuern kann? Wie viele glauben wirklich noch, dass sie durch Christus „neu geboren“ (Joh 3,3) sind, tatsächlich „neue Schöpfung“ (2 Kor 5,17) sind? Und zwar so, dass sie es an realen und konkreten Lebensvollzügen festmachen können? Die Schrift ist aber voll davon, dass die Brüder und Schwestern jetzt wo sie den Glauben angenommen haben, ihrem alten Leben entronnen sind, ihrer Gefangenschaft in solchen Bedürfnissen, Trieben und Egoismen, die auf alles mögliche, aber nicht auf Gott hin orientiert waren (vgl. 1 Petr 1,14; 2 Petr 1,9, Hebr 10,32; 1 Thess 1,9; Kol 3,7; Eph 4,17-20 u.a.). Wer hat in volkskirchlichen Breiten, in denen der Glaube von Jahr zu Jahr, von Generation zu Generation schwindet, denn noch die reale Erfahrung von Bekehrung und wer hätte konsequent auch noch zusätzlich das Bestreben, kraft einer geduldigen, beständigen, alltäglichen Bekehrung mit der Hilfe Gottes ein neuer Mensch, ein echter Christ zu werden? Einer, der Gott, der Christus kennt, der ihm wirklich nachfolgen, der sein Kreuz tragen will? Einer, der von ihm die Fülle und die Freude erwartet und diese nicht leicht verwechselt mit den Freuden, die nur diese Welt gibt? All das ist der Kern einer christlichen Anthropologie und des christlichen Menschenbildes, von dem wir – ohne diesen Kern wahrzunehmen – all zu schnell und damit oft auch allzu weich gespült in unserem gesellschaftlichen Diskurs reden.

Wer hätte denn noch wirklich Ehrfurcht vor der Gegenwart Gottes in einem Gotteshaus? Wer fällt hier wirklich angesichts seiner Gegenwart noch voller ernsthafter Demut auf die Knie, weil er weiß, wer Gott ist und wer er selbst im Verhältnis zu diesem Gott ist? Und wer blendet umgekehrt nicht gerne die Tatsache aus, dass der vermeintlich so liebe Jesus in etwa einem Drittel seiner Worte im Neuen Testament Gerichtsworte spricht oder Gerichtsgleichnisse erzählt? Es sind Worte, in denen er den Menschen zur Entscheidung auffordert für ihn und zwar ganz und entschieden. Wer müht sich denn noch „mit Furcht und Zittern“ (Phil 2,12) um sein Heil, wie es Paulus nahe legt, weil nach der Schrift und aus der Sicht Jesu völlig ohne Zweifel die Möglichkeit besteht, auch verloren zu gehen? Viel mehr aber noch ist Paulus von der Hoffnung getragen, dass er, der Allmächtige, uns aus Liebe zu neuen Menschen machen will und schon damit begonnen hat.

In dem Augenblick aber, wo all diese Erfahrungen eben keine mehr sind, nicht mehr nachvollziehbar sind, nicht mehr im Kirchenvolk erlebt, erzählt, tradiert werden, in dem Augenblick kann es im Grunde auch gar nicht mehr sein, dass wir einen Anspruch von Gott selbst an uns wahrnehmen. Einen Anspruch von dem, der uns heiligen will. Der Anspruch wird verdünnt und reduziert auf ein nur mehr gedachtes Gesetz, und von hier ist der nächste Schritt nur ein ganz kleiner, der dann sagt: „Das gedachte Gesetz hat sich die Kirche aus-gedacht, um uns zu knechten. Und jetzt wo die Zeiten sich ändern, muss sie das Gesetz auch ändern!“ Der Anspruch, in der Kirche durch Gottes Gegenwart geheiligt zu werden, ist fast gänzlich in Vergessenheit geraten. Gutes Leben ist jetzt, was alle gut finden; die Gesellschaft als Messlatte für einen, hoffentlich nicht allzu zu anspruchsvollen Humanismus. Und nur die Kirche ist dann schlecht und von gestern, weil sie uns unser gutes, heutiges Leben nicht gönnt!

Wenn diese Diagnose zutrifft, dann können auch wir Amtsträger uns nicht aus der Verantwortung nehmen. Es ist nämlich ein Grundgesetz des geistlichen Lebens, dass das spirituelle Niveau einer christlichen Gemeinschaft oder Gemeinde – nicht nur aber auch – vom geistlichen Leiter abhängt. Ich habe den Verdacht (und schließe mich ein): Womöglich haben wir selbst die leidenschaftliche, gläubige Proklamation und Deutung der Gegenwart Gottes nicht allzu intensiv gepflegt – und vielleicht auch gar nicht mehr recht geglaubt? Und womöglich haben wir auch die Liturgie nicht allzu oft derart mit den Gläubigen gefeiert, dass unser Beten darin sehr real und voll liebender Ehrfurcht und Freude auf diese Gegenwart bezogen wäre.

5. DER WILLE GOTTES FÜR JEDEN: VERWANDLUNG UND HEILIGUNG DES GANZEN MENSCHEN, EINSCHLIESSLICH SEINER SEXUALITÄT DURCH GÖTTLICHE LIEB

Die Heiligung, in der Gott sich uns ähnlich machen will, ist vor allem eine Heiligung in und durch Liebe. Und Gott als unsere Antwort auf seine Liebe mit ganzem Herzen und ganzer Seele und allen Gedanken zu lieben und den Nächsten wie uns selbst ist die „Erfüllung des ganzen Gesetzes“ (vgl. Mt 22,40), es ist die Erfüllung dessen, wozu der Mensch in Gott geschaffen ist. Aber die Liebe, um die es hier geht, ist in der Tiefe absichtslos, sie ist umsonst. Und man kann Gott auch nur lieben, wenn man ihn kennengelernt hat, so wie er sich uns eben in Christus zu erkennen gibt; wenn man in einem Leben der Suche nach Gott, im Gebet, im Meditieren der Schrift wirklich immer wieder auf ihn selbst gestoßen ist. Eine Liebe, die aus Gott kommt, meint dann den anderen Menschen wirklich um seinet- und um Gottes Willen. Sie manipuliert nicht hintergründig und will den Geliebten nicht wie einen Besitz „haben“. Zu dieser Liebe will uns Gott nach dem Zeugnis der Schrift befähigen und die Schrift erklärt auch, dass da der ganze Mensch dazu gehört, mit Leib und Seele und Geist.

Deshalb ist die menschliche Sexualität in diese Bewegung der Heilung und Heiligung mit hineingenommen und bleibt gerade nicht davon unberührt. Und von diesem Anspruch her gibt es von Gott bejahte und konkret vollzogene sexuelle Aktivität in ihrer ganzheitlichen Zielrichtung auch nur ganz oder gar nicht. Das heißt nur und ausschließlich in einer Ehe zwischen einem Mann und einer Frau, mit der Offenheit auf Lebensweitergabe, mit Verbindlichkeit und Treue und der Sorge um das gegenseitige Wohl der Ehepartner – bis zum Lebensende wenigstens eines der Partner.

Katholische Christen glauben ja, dass Gott in und durch Christus diese Kraft zur Treue schenken kann und will, ja dass er darin selbst als der Treue gegenwärtig ist und bleibt. Das ist, knapp gesagt, der Inhalt dessen, was sie Sakrament nennen. Sie glauben auch, dass Christus darin die Kraft und Schönheit der Sexualität auch reifen lassen und ebenfalls tiefer und heiler machen will. Immer mehr weg von der Möglichkeit bloßer Triebabfuhr oder Triebbefriedigung, hin zu einer ganzheitlichen Erfahrung, in der der eine ganze Mensch in Leib und Seele auf den einen Partner ebenfalls als ganzen Menschen liebend ausgerichtet ist und bleibt.

Das Bemerkenswerte ist also: Schon für den konkreten Weg der Ehe sieht Gott einen Weg der Verwandlung vor – und zwar auch der Sexualität der Partner und ihrer Ausrichtung und Integration. Ehrliche Liebe, die sich von Gott begnadet weiß, verwandelt, heilt und integriert auch das sexuelle Begehren, die Sehnsucht, die Bedürfnisse. Wie gesagt, alles das setzt voraus, dass ich überhaupt an die Gegenwart Christi in meinem Leben glaube und vertraue, dass er mein Leben schon jetzt verwandeln kann und will und wird. Unser christliches Nachdenken über Sexualität hat nur unter dieser Voraussetzung überhaupt Sinn! Anders werden Christen in dem, was sie über Sexualität sagen, gar nicht (mehr) verstanden werden können. Schon gar nicht in stark säkularisierten Zeiten.

Und Christen, die diesen Hintergrund sehen, müssten ihrerseits auch ein mitgehendes Verständnis dafür aufbringen können, dass diese Debatten in gottvergessenen Zeiten immer wieder aufbrechen und womöglich auch noch intensiver werden. Denn dort, wo es Gott nicht mehr gibt, dort ist (nach einem herausforderndem Wort Dostojewskis) im Grunde alles erlaubt, aber in sittlichen Fragen insbesondere das, was mehrheitlich Zustimmung findet. Zustimmende Mehrheit ist freilich noch kein hinreichendes Kriterium für Wahrheit. Das Problem ist nur: Wo Gott „fehlt“, dort gibt es auch gar keinen letzten Orientierungspunkt mehr als entscheidendes Wahrheitskriterium. Und in so einem Fall scheint dann Mehrheit eben doch meist der plausibelste Bezugspunkt.

Das erste in der christlichen Verkündigung – auch über diese Themen – wäre also aus meiner Sicht nicht zuerst die Bekanntgabe von moralischen Vorschriften, sondern das Hineinhelfen in die Berührung mit der Gegenwart eines Gottes, der uns liebt und dem es gerade deshalb nicht egal ist, wie wir leben und zwar auch als sexuelle Wesen.

6. WAS IST MIT DENEN, DIE NICHT HEIRATEN WOLLEN ODER KÖNNEN?

Analoges zu dem, was eben über christliche Ehe gesagt wurde, gilt nun aber auch für diejenigen, die an Christus glauben, die seine Realpräsenz in unserer Welt bejahen, und beispielsweise keinen Partner finden oder etwa einen gleichgeschlechtlichen Partner ersehnen, weil sie Menschen mit homosexuellen Neigungen sind. Die Kirche hat stets daran festgehalten, dass der Glaube an die heiligende Gegenwart Christi, dass der Weg in beständiger Verbundenheit mit ihm selbst hilft, aus dieser Kraft zu leben und sein Leben so zu gestalten, dass es dem Willen Gottes gemäß ist. Christus verwandelt und heilt unsere Sexualität hinein in ein Leben vor ihm und mit ihm selbst. In ein Leben, das von ihm auch die Kraft bezieht, sich selbst und seine sexuelle Kraft verwandeln zu lassen in eine Liebe, die der Seinen ähnlich ist – die im rechten Sinn verstanden immer absichtsloser und lauterer wird. Ehrlicher, tiefer Glaube kann also beispielsweise dem Single helfen, ein froher Single zu bleiben, und er kann dem Menschen mit homosexueller Neigung helfen, auch ohne die volle sexuelle Erfahrung erfüllt zu leben bzw. sich von Gott in ein Leben hinein führen zu lassen, das seinem Willen entspricht. Und er kann auch einem von seinem Partner getrennt lebenden Verheirateten die Kraft geben, diese Situation mit ihm zu tragen. Und all das ist nicht zuerst eine moralische Forderung, das ist nach der Überzeugung von Schrift und Tradition und von zahllosen geistlichen Menschen zuerst ein Geschenk. Wir sprechen von Gnade, von der zuvorkommenden geschenkten Gnade, die dem Menschen Kraft und Vertrauen schenkt, dass er seinen Weg mit Gott gehen kann, auch und gerade dann, wenn es ein Kreuzweg ist.

Freilich ist es auch ein Weg, auf dem keiner von Anfang an fertig ist. Jeder ernsthaft geistlich Suchende, zumal die Erfahrenen, wissen, dass der Weg mit Gott und auf ihn hin ein Ringen bleibt, ein Reifen, ein Suchen, auch ein Kampf. Und auch auf diesem Weg wird und kann es Versagen und Scheitern geben. Gott will ja auf unser Ringen und tiefstes Sehnen nach ihm und auf unser Herz viel eher schauen als auf die Schuld. Und er vergibt immer neu jedes Versagen, das aufrichtig vor ihn gebracht wird.

7. DIE REALE ANWESENHEIT GOTTES REDUZIERT AUF EIN ABSTRAKTES KIRCHENGESETZ

Ich bin daher der Ansicht, dass der Glaube an die reale Gegenwart des Herrn und ihre real verändernde Kraft der alles entscheidende Aspekt ist. Steht dieser Glaube fest in vielen Herzen der Menschen, wird das Verständnis für die Lehre der Kirche zur menschlichen Sexualität verständlich sein und ebenso fest stehen. Verdunstet er aber, dann verdunstet mit ihm auch das Verständnis für das, was Bekehrung, Umkehr, Gnade, Heiligung des Lebens bedeuten. Der Verlust des Beichtsakraments ist dann eine weitere notwendige Folge. Und zugleich damit verschwindet ebenfalls notwendig das Verständnis für die von Gott geschenkte Fähigkeit und Herausforderung, seinem Gebot gemäß Sexualität zu leben und von ihm verwandeln zu lassen. Die Folge ist: Ein von Gottes Präsenz losgelöstes, bloßes „Gesetz der Kirche“ wird dann automatisch wie ein Stachel im Fleisch meiner sexuellen Bedürfnisse betrachtet, das zuerst knechten und nicht befreien will. Der Ruf nach Veränderung wird dann von selbst immer lauter: „Nicht mehr Gott will und kann mich verwandeln, sondern ich will ein ärgerliches Gesetz so gewandelt wissen, dass es mir und meiner Lebensweise nun passt.“ Der Glaube an die Realpräsenz, an die konkrete Vergebung der Sünden und das ernsthafte Ringen um sittliche Qualität des menschlichen Lebens auch in sexueller Hinsicht bilden damit einen unauflöslichen Zusammenhang.

Umgekehrt kann man sagen: Eine beständig vorgetragene Anfrage an die Lehre des kirchlichen Glaubens zur Sexualität ist damit bewusst oder unbewusst zugleich eine Anfrage an die Überzeugung von der verwandelnden Gegenwart Gottes in unserem Leben. Denn wenn er, Gott selbst, und seine Präsenz aus der persönlichen Wahrnehmung und dem kollektiven Gedächtnis der Menschen oder einer Gesellschaft endlich verschwunden ist, dann kann der Mensch gerade in diesem Bereich endlich und erst recht tun, was er will und bleiben, wie er ist.

Das sind meines Erachtens einige geistliche Hintergründe und Zusammenhänge dafür, dass die Wellen des gesellschaftlichen Diskurses über die Sexuallehre der Kirche bei abnehmendem Glauben mit zunehmender Frequenz auf uns zurollen werden. Der kirchliche Stachel im buchstäblichen Fleisch liberalisierter Sexualität will endlich beseitigt werden. Und als Christen werden wir solchen Wellen aus meiner Sicht mit Sicherheit nicht dadurch fruchtbar begegnen können, dass wir der Vielzahl der Bedürfnisse in einer glaubensloser werdenden Welt entgegenkommen und ein paar Lockerungen zulassen. Denn es ist vorhersehbar: Man wird dann mehr nicht ruhen, bis endlich alles gleich-gültig ist. Die hier angesprochenen Themen samt ihren medial vorgetragenen Forderungen wären nur ein Anfang, der dem Zeugnis der Schrift und der Überlieferung zwar schon klar widerspricht. Aber wenn die Tür erst einmal im Namen vermeintlicher Barmherzigkeit geöffnet ist, dann wird wohl kaum ein Thema und am Ende womöglich auch nicht einmal manche sexuelle Perversion im selben Namen ausgespart bleiben. Die Geschichte der Internet-Pornographie und ihrer Ausbreitung dürfte hier ruhig als Lehrstück dienen, aber damit verbunden auch die gesellschaftlich-politische Geschichte sexueller Liberalisierung in vielen Ländern der Welt. Freilich, nicht jede gesellschaftliche Liberalisierung ist schon in sich schlecht, vor allem dann nicht, wenn sie Heucheleien überwindet. Aber umgekehrt gilt noch mehr, dass längst nicht jede Liberalisierung automatisch sinnvoll und gut wäre, nur weil sie liberal ist: „Ihr seid zur Freiheit berufen, Brüder. Nur nehmt die Freiheit nicht zum Vorwand für das Fleisch, sondern dient einander in Liebe!“, sagt Paulus (Gal 5,13).

8. DIE NÖTIGE UMKEHR SCHEINT HEUTE ALLZU WELTFREMD.

Der stimmigere und notwendigere Weg aus meiner Sicht heißt biblische Bekehrung, also die erneute Hinwendung zum Gott des Lebens, um ihn tiefer im Glauben zu finden und überzeugender zu bekennen, dass Gott in Christus real gegenwärtig ist und bleibt; dass er uns wahrhaftig liebt und unser eigenes, konkretes, oft erbärmliches Leben tatsächlich verwandeln will und kann.

Und um gleich auf die Frage zu antworten, ob das alles nicht ein wenig weltfremd sei? Ja, natürlich, weil es von der Erfahrung ausgeht, dass Gott selbst dieser Welt und womöglich auch vielen Menschen in seiner Kirche ziemlich fremd geworden ist. Nicht von sich, von Gott selbst her, denn er will ja nach dem Zeugnis der Schrift uns nahe sein. Aber von uns Menschen her bedeutet Säkularisierung auch, dass der innere Abstand der Menschen von Gott heute offenbar wieder größer geworden ist. Paulus sieht das genau, die Problemlagen bleiben nämlich von der menschlichen Konstitution her betrachtet, weitgehend konstant: Die Menschen, schreibt Paulus, haben Gott zwar irgendwie „erkannt, ihn aber nicht als Gott geehrt und ihm nicht gedankt. Sie verfielen in ihrem Denken der Nichtigkeit und ihr unverständiges Herz wurde verfinstert.“ (Röm 1,21f) Die Folge: „Darum lieferte Gott sie durch die Begierden ihres Herzens der Unreinheit aus, so dass sie ihren eigenen Leib durch ihr eigenes Tun entehrten.“ Der tatsächliche Hintergrund zur Debatte um die sexuelle Liberalisierung in der Kirche ist also aus meiner Sicht zuerst geistlicher Natur, weshalb dann auch die Antworten auf die angesprochenen Fragen ebenfalls zuerst theologisch-geistlich sein müssen und gerade nicht zuerst nur als pragmatisches Eingehen auf geänderte gesellschaftliche Verhältnisse. Nicht nur die je neue Kultur soll dem Evangelium immer wieder ein neues konkretes Gesicht für diese jeweilige Zeit geben, sondern auch die umgekehrte Bewegung ist nötig: das Evangelium (besser: Christus selbst!) will in die Kultur hinein inkarniert werden, damit die Kultur selbst verändert, verwandelt und erneuert wird.

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LEITLINIEN FÜR DIE BEHANDLUNG VON FÄLLEN SEXUELLEN MISSBRAUCHS

Papst Franziskus betet in Irland in einer Kapelle, die dem Gedenken an von Priestern missbrauchten

KONGREGATION FÜR DIE GLAUBENSLEHRE       

RUNDSCHREIBEN,
UM DEN BISCHOFSKONFERENZEN ZU HELFEN,
LEITLINIEN FÜR DIE BEHANDLUNG VON FÄLLEN SEXUELLEN MISSBRAUCHS VON MINDERJÄHRIGEN DURCH KLERIKER ZU ERSTELLEN

 

Zu den wichtigen Verantwortlichkeiten des Diözesanbischofs im Hinblick auf die Sicherung des Gemeinwohls der Gläubigen und insbesondere auf den Schutz von Kindern und Jugendlichen gehört es, auf eventuelle Fälle sexuellen Missbrauchs Minderjähriger durch Kleriker in seiner Diözese angemessen zu reagieren. Dies beinhaltet sowohl die Festsetzung von geeigneten Verfahren, um den Opfern derartiger Missbräuche beizustehen, als auch die Bewusstseinsbildung der kirchlichen Gemeinschaft im Blick auf den Schutz Minderjähriger. Dabei ist für die rechte Anwendung des einschlägigen kanonischen Rechts zu sorgen; zugleich sind die entsprechenden staatlichen Rechtsvorschriften zu beachten.

I. Allgemeine Aspekte

a. Die Opfer sexuellen Missbrauchs

Die Kirche muss, in der Person des Bischofs oder eines von ihm Beauftragten, die Bereitschaft zeigen, die Opfer und ihre Angehörigen anzuhören und für deren seelsorgerlichen und psychologischen Beistand zu sorgen. Im Verlauf seiner Apostolischen Reisen hat Papst Benedikt XVI. durch seine Bereitschaft, Opfer sexuellen Missbrauchs zu treffen und anzuhören, ein besonders wichtiges Beispiel gegeben. Anlässlich dieser Begegnungen hat sich der Heilige Vater mit einfühlsamen und aufbauenden Worten an die Opfer gewandt, so auch in seinem Hirtenbrief an die Katholiken in Irland (Nr. 6): „Ihr habt schrecklich gelitten, und das tut mir aufrichtig leid. Ich weiß, dass nichts das von Euch Erlittene ungeschehen machen kann. Euer Vertrauen wurde missbraucht und Eure Würde wurde verletzt.“

b. Der Schutz Minderjähriger

In einigen Ländern wurden im kirchlichen Bereich Erziehungsprogramme zur Prävention gestartet, die „geschützte Räume“ für Minderjährige gewährleisten sollen. Diese Programme versuchen sowohl den Eltern als auch den in Pastoral und Schule Tätigen zu helfen, Anzeichen sexuellen Missbrauchs zu erkennen und geeignete Maßnahmen zu ergreifen. Oftmals haben die genannten Programme Anerkennung gefunden als Modelle dafür, wie der sexuelle Missbrauch Minderjähriger in der heutigen Gesellschaft wirkungsvoll eingegrenzt werden kann.

c. Die Ausbildung zukünftiger Priester und Ordensleute

Im Jahr 2002 sagte Papst Johannes Paul II.: „Im Priestertum und Ordensleben ist kein Platz für jemanden, der jungen Menschen Böses tun könnte“1. Diese Worte erinnern an die spezifische Verantwortung der Bischöfe, der höheren Oberen und derer, die für die Ausbildung der zukünftigen Priester und Ordensleute Sorge tragen. Die einschlägigen Hinweise im Nachsynodalen Apostolischen Schreiben Pastores dabo vobis sowie die Instruktionen der zuständigen Dikasterien des Heiligen Stuhls lenken in zunehmendem Maß den Blick auf die Wichtigkeit einer korrekten Berufungsklärung und einer gesunden menschlichen und spirituellen Ausbildung der Kandidaten. Dabei geht es insbesondere darum, dass die Kandidaten die Keuschheit und den Zölibat der Kleriker sowie deren Verantwortung in der geistlichen Vaterschaft wertschätzen und ihr Wissen um die diesbezügliche Ordnung der Kirche vertiefen können. Genauere Angaben können in die Ausbildungsprogramme der Seminare und der Ausbildungshäuser in jedem Land, jedem Institut des geweihten Lebens und jeder Gesellschaft des apostolischen Lebens mittels der jeweiligen Ratio institutionis sacerdotalis eingefügt werden.

Darüber hinaus muss besondere Aufmerksamkeit auf den gebotenen Informationsaustausch gerichtet werden, vor allem im Zusammenhang mit Priesteramts- oder Ordenskandidaten, die von einem Seminar zu einem anderen, zwischen verschiedenen Diözesen oder zwischen Ordensgemeinschaften und Diözesen wechseln.

d. Die Begleitung der Priester

1. Der Bischof hat die Pflicht, alle seine Priester wie ein Vater und Bruder zu behandeln. Auch soll der Bischof sich mit besonderer Aufmerksamkeit um die ständige Weiterbildung des Klerus sorgen, vor allem in den ersten Jahren nach der Priesterweihe, und dabei auf die Wichtigkeit des Gebets und der gegenseitigen Unterstützung in der priesterlichen Gemeinschaft hinweisen. Die Priester sollen über den Schaden, den ein Kleriker bei Opfern sexuellen Missbrauchs anrichtet, und über die eigene Verantwortung vor dem kirchlichen und staatlichen Recht informiert werden. Auch sollte ihnen geholfen werden, Anzeichen für einen eventuellen Missbrauch Minderjähriger erkennen zu können, von wem auch immer dieser begangen wurde.

2. Die Bischöfe müssen in der Behandlung von möglichen Fällen sexuellen Missbrauchs, die ihnen gemeldet wurden, jeden erdenklichen Einsatz, unter Beachtung der kanonischen und staatlichen Vorschriften und unter Wahrung der Rechte aller Parteien, zeigen.

3. Bis zum Erweis des Gegenteils steht der angeklagte Kleriker unter Unschuldsvermutung. Als Vorsichtsmaßnahme kann der Bischof aber die Ausübung des Weiheamtes bis zur Klärung der Anschuldigungen einschränken. Für den Fall, dass ein Kleriker zu Unrecht beschuldigt wurde, soll man alles unternehmen, um seinen guten Ruf wieder herzustellen.

e. Die Zusammenarbeit mit den staatlichen Behörden

Der sexuelle Missbrauch Minderjähriger ist nicht nur eine Straftat nach kanonischem Recht, sondern stellt auch ein Verbrechen dar, das staatlicherseits verfolgt wird. Wenngleich sich die Beziehungen zu staatlichen Behörden in den einzelnen Ländern unterschiedlich gestalten, ist es doch wichtig, mit den zuständigen Stellen unter Beachtung der jeweiligen Kompetenzen zusammenzuarbeiten. Insbesondere sind die staatlichen Rechtsvorschriften bezüglich einer Anzeigepflicht für solche Verbrechen immer zu beachten, freilich ohne das Forum internum des Bußsakraments zu verletzten. Selbstverständlich beschränkt sich diese Zusammenarbeit nicht nur auf die von Klerikern begangenen Missbrauchstaten, sondern erfolgt auch bei Delikten, die Ordensleute oder in kirchlichen Einrichtungen tätige Laien betreffen.

II. Eine kurze Zusammenfassung zur geltenden kirchlichen Gesetzgebung bezüglich der Straftat des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger durch Kleriker

Am 30. April 2001 hat Papst Johannes Paul II. das Motu proprio Sacramentorum sanctitatis tutela [SST] promulgiert, durch das der von einem Kleriker begangene sexuelle Missbrauch eines Minderjährigen unter 18 Jahren in die Liste der delicta graviora aufgenommen wurde, die der Kongregation für die Glaubenslehre vorbehalten sind. Die Verjährungsfrist für dieses Delikt wurde auf 10 Jahre festgesetzt, beginnend mit der Vollendung des 18. Lebensjahres des Opfers. Die Bestimmungen des Motu proprio gelten für Kleriker der Lateinischen Kirche wie auch für jene der Orientalischen Kirchen, für den Weltklerus wie auch für den Ordensklerus.

Im Jahr 2003 erteilte Papst Johannes Paul II. dem damalige Präfekten der Glaubenskongregation, Kardinal Joseph Ratzinger, einige Sondervollmachten, um eine größere Flexibilität in der Durchführung von Strafprozessen bei diesen delicta graviora zu ermöglichen. So wurde etwa die Möglichkeit geschaffen, Verwaltungsstrafverfahren durchzuführen, oder in besonders schweren Fällen um Entlassung aus dem Klerikerstand ex officio zu ersuchen. Diese Vollmachten wurden in die von Papst Benedikt XVI. am 21. Mai 2010 approbierte überarbeitete Fassung des Motu proprio aufgenommen. In den neuen Normen wurde im Fall des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger die Verjährungsfrist, die mit der Vollendung des 18. Lebensjahres des Opfers zu laufen beginnt, auf 20 Jahre festgesetzt. In besonderen Fällen kann die Glaubenskongregation gegebenenfalls von der Verjährung derogieren. In der revidierten Fassung des Motu proprio wurde auch ausdrücklich Kauf, Besitz und Verbreitung kinderpornografischen Materials als Straftatbestand des kanonischen Rechts spezifiziert.

Für die Behandlung von Fällen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger sind an erster Stelle die Bischöfe und höheren Oberen verantwortlich. Sofern eine Anzeige nicht völlig abwegig erscheint, muss der Bischof, der höhere Obere oder ein von ihnen Beauftragter eine kanonische Voruntersuchung gemäß can. 1717 CIC bzw. can. 1468 CCEO sowie Art. 16 SST durchführen.

Wenn sich die Anschuldigung als glaubwürdig erweist, muss der Fall an die Glaubenskongregation übermittelt werden. Nach Studium der Angelegenheit wird die Glaubenskongregation den Bischof oder höheren Oberen anweisen, wie weiter zu verfahren ist. Zugleich wird sie Hilfestellung leisten, um zu gewährleisten, dass geeignete Maßnahmen ergriffen werden. Dabei wird sowohl für ein gerechtes Verfahren für die beschuldigten Kleriker gesorgt, in dem ihr fundamentales Verteidigungsrecht gewahrt wird, als auch das Wohl der Kirche, einschließlich des Wohls der Opfer, sichergestellt. In diesem Zusammenhang ist daran zu erinnern, dass die Verhängung einer unbefristeten Strafe, wie etwa die Entlassung aus dem Klerikerstand, normalerweise ein gerichtliches Strafverfahren erfordert. Nach kanonischem Recht (vgl. can. 1342 CIC) können die Ordinarien unbefristete Strafen nicht durch außergerichtliches Dekret verhängen. Zu diesem Zweck müssen sie sich an die Glaubenskongregation wenden, der es zukommt, ein endgültiges Urteil über die Schuld und über eine eventuelle Ungeeignetheit des Klerikers für den pastoralen Dienst zu fällen und die entsprechende unbefristete Strafe zu verhängen (SST Art. 21 § 2).

Die kanonischen Maßnahmen, die gegenüber einem Kleriker Anwendung finden, der des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger schuldig befunden wurde, sind grundsätzlich zweifacher Art: 1.) Auflagen, die die öffentliche Ausübung des geistlichen Amtes vollständig oder zumindest insoweit einschränken, dass ein Kontakt mit Minderjährigen ausgeschlossen wird. Diese Auflagen können mit einem Strafgebot (praeceptum poenale) versehen werden. 2.) Kirchliche Strafen, unter denen die schwerste die Entlassung aus dem Klerikerstand ist. In einigen Fällen kann auf Antrag des Klerikers selbst die Dispens von den Verpflichtungen des klerikalen Standes, einschließlich der Zölibatspflicht, pro bono Ecclesiae gewährt werden.

Die Voruntersuchung und das gesamte Verfahren müssen so durchgeführt werden, dass die Privatsphäre der beteiligten Personen geschützt und ihrem guten Ruf die gebotene Aufmerksamkeit zuteil wird.

Sofern nicht gewichtige Gründe entgegenstehen, muss ein beschuldigter Kleriker über die gegen ihn erhobene Anklage informiert werden, um ihm die Möglichkeit zu einer Stellungnahme zu geben, ehe der Fall der Glaubenskongregation gemeldet wird. Der Klugheit des Bischofs oder des höheren Oberen obliegt es, zu entscheiden, welche Informationen während der Voruntersuchung an den Beschuldigten weitergegeben werden.

Es kommt dem Bischof oder dem höheren Oberen zu, für das Gemeinwohl zu sorgen und festzulegen, welche der in can. 1722 CIC bzw. can. 1473 CCEO genannten Vorsichtsmaßnahmen ergriffen werden müssen. Nach Art. 19 SST kann dies geschehen, sobald die Voruntersuchung begonnen wurde.

Schließlich ist festzuhalten: Wenn eine Bischofskonferenz beabsichtigt, Spezialnormen zu erlassen, müssen diese Partikularnormen, unbeschadet der notwendigen Approbation durch den Heiligen Stuhl, stets als Ergänzung, nicht jedoch als Ersatz der universalkirchlichen Gesetzgebung verstanden werden. Deshalb müssen Partikularnormen sowohl mit dem CIC bzw. CCEO als auch mit dem Motu proprio Sacramentorum sanctitatis tutela (30. April 2001) in seiner überarbeiteten Fassung vom 21. Mai 2010 übereinstimmen. Im Fall, dass eine Bischofskonferenz sich entscheiden sollte, verbindliche Normen zu erlassen, ist es notwendig, bei den zuständigen Dikasterien der Römischen Kurie um die recognitio anzusuchen.

III. Hinweise für die Ordinarien zum Verfahrensablauf

Die von der Bischofskonferenz erarbeiteten Leitlinien sollten den Diözesanbischöfen und höheren Oberen Orientierungshilfen bieten für den Fall, dass diese von möglichen Taten sexuellen Missbrauchs Minderjähriger Kenntnis erlangen, die von Klerikern auf dem Gebiet ihrer Jurisdiktion begangen wurden. Solche Leitlinien sollten daher folgende Gesichtspunkte berücksichtigen:

a. Der Gebrauch des Begriffs „sexueller Missbrauch Minderjähriger“ muss mit der Definition in Art. 6 SST („Die von einem Kleriker begangene Straftat gegen das sechste Gebot mit einem Minderjährigen unter achtzehn Jahren“) und mit der Auslegungspraxis und der Rechtsprechung der Kongregation für die Glaubenslehre übereinstimmen und auch die gesetzlichen Regelungen des jeweiligen Landes berücksichtigen.

b. Die Person, die eine Straftat anzeigt, muss mit Respekt behandelt werden. In den Fällen, bei denen sexueller Missbrauch mit einer Straftat gegen die Heiligkeit des Bußsakramentes (Art. 4 SST) verbunden ist, hat diese Person das Recht zu fordern, dass ihr Name nicht dem beschuldigten Priester mitgeteilt wird (Art. 24 SST).

c. Die kirchlichen Autoritäten sollten sich dazu verpflichten, den Opfern seelsorgerliche und psychologische Hilfe anzubieten.

d. Die Ermittlungen zu den Beschuldigungen sind unter gebührender Wahrung des Grundsatzes der Vertraulichkeit und des guten Rufs der beteiligten Personen durchzuführen.

e. Sofern nicht schwerwiegende Gründe dem entgegenstehen, sollte der beschuldigte Kleriker schon in der Phase der Voruntersuchung über die Anschuldigungen informiert werden und ihm dabei auch die Gelegenheit gegeben werden, dazu Stellung zu nehmen.

f. Die mancherorts vorgesehenen Beratungsorgane und -kommissionen zur Überprüfung und Bewertung einzelner Fälle dürfen nicht das Urteil und die potestas regiminis der einzelnen Bischöfe ersetzen.

g. Die Leitlinien müssen die staatliche Gesetzgebung im Konferenzgebiet beachten, insbesondere was eine eventuelle Unterrichtungspflicht staatlicher Behörden anbelangt.

h. In jedem Moment des Disziplinar- oder Strafverfahrens ist für den beschuldigten Kleriker ein gerechter und ausreichender Unterhalt sicher zu stellen.

i. Die Rückkehr eines Klerikers in den öffentlichen Seelsorgsdienst ist auszuschließen, wenn dieser Dienst eine Gefahr für Minderjährige darstellt oder ein Ärgernis in der Gemeinde hervorruft.

Schluss

Die von den Bischofskonferenzen erarbeiteten Leitlinien haben zum Ziel, Minderjährige zu schützen und den Opfern zu helfen, Unterstützung und Versöhnung zu finden. Sie müssen darüber hinaus deutlich machen, dass in erster Linie der zuständige Diözesanbischof bzw. höhere Obere für die Behandlung von Straftaten sexuellen Missbrauchs Minderjähriger durch Kleriker zuständig ist. Schließlich werden die Leitlinien innerhalb einer Bischofskonferenz zu einem einheitlichen Vorgehen führen, das dazu beiträgt, die Bemühungen der einzelnen Bischöfe zum Schutz Minderjähriger besser aufeinander abzustimmen.

Rom, am Sitz der Kongregation für die Glaubenslehre am 3. Mai 2011.

William Kardinal Levada
Präfekt

+ Luis F. Ladaria, S.I.
Titularerzbischof von Thibica
Sekretär

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1 Ansprache beim interdikasterialen Treffen mit den Kardinälen und führenden Vertretern der Bischofskonferenz der USA, 23. April 2002, Nr. 3.

[00714-05.01] [Originalsprache: Italienisch]

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Quelle

Erzbischof Gänswein über das „Nine-Eleven“ der katholischen Kirche und die Benedikt-Option

ROM , 11 September, 2018 / 2:01 PM (CNA Deutsch).-

Zur Vorstellung des Buches „Die Benedikt-Option“ in Rom hat Erzbischof Georg Gänswein am heutigen 11. September einen Vortrag über „Das ‚Nine-Eleven‘ der katholischen Kirche“ gehalten.

CNA dokumentiert den Wortlaut der Rede mit freundlicher Genehmigung.

 

Das „Nine-Eleven“ der Katholischen Kirche

Vielen Dank für die Einladung in dieses Hohe Haus, die ich gern angenommen habe, um das Buch von Rod Dreher aus Amerika vorzustellen, von dem ich schon viel gehört hatte. Der Mönchsvater aus Norcia, dem das Buch seinen programmatischen Titel verdankt, hatte mich sehr gereizt, hierher zu kommen. Aber auch das Datum hat mich sehr berührt und bewegt, an dem wir heute Abend mit dem kühnen Autor hier in Rom zusammen zu treffen.

Denn es ist ja der 11. September, der in Amerika seit dem Herbst 2001 nur noch als „Nine/Eleven“ bezeichnet wird, um an jenes apokalyptische Unheil zu erinnern, in dem damals Mitglieder der Terrororganisation Al Khaida in New York und Washington die Vereinigten Staaten von Amerika vor den Augen aller Welt angriffen – wobei sie voll besetzte Passagiermaschinen, die sie im Flug gekapert hatten, als Granaten benutzten.

Je mehr ich mich im Hurrikan der Nachrichten der letzten Wochen über das Buch Rod Drehers beugte, musste ich nach der Veröffentlichung des Berichts der Grand Jury von Pennsylvania unser Zusammentreffen heute Abend nur noch als einen Akt göttlicher Fügung begreifen, wo nun auch die katholische Kirche voller Entsetzen auf ein eigenes „Nine/Eleven“ schauen muss, auch wenn diese Katastrophe leider nicht nur mit einem Datum, sondern mit vielen Tagen und Jahreszahlen und mit zahllosen Opfern verbunden ist.

 

Verstehen Sie das nicht falsch. Ich will weder die Opfer noch die Zahlen der Missbräuche im Raum der katholischen Kirche mit den insgesamt 2.996 unschuldigen Menschen vergleichen, die am 9. September 2001 bei den Terrorangriffen auf das World Trade Center und das Pentagon ihr Leben verloren.

Keiner hat die Kirche Christi (bisher) mit vollbesetzten Passagierflugzeugen angegriffen.  Der Petersdom steht noch und all die Kathedralen Frankreichs, Deutschlands oder Italiens, die immer noch die Wahrzeichen vieler Städte der westlichen Welt von Florenz über Chartres bis Köln und München sind.

Und dennoch: die Nachrichten, die uns in letzter Zeit aus Amerika darüber Auskunft erteilen, wie viele Seelen von Priestern der katholischen Kirche unheilbar und tödlich verletzt worden sind, vermitteln eine schlimmere Botschaft, als seien alle Kirchen Pennsylvanias auf einmal eingestürzt – zusammen mit der „Basilika der Unbefleckten Empfängnis Unserer Lieben Frau“ in Washington D.C..

 

Dabei erinnere mich, als sei es gestern gewesen, wie ich Papst Benedikt XVI. am 16. April 2008 in dieses  Nationalheiligtum der katholischen Kirche in den  Vereinigten Staaten von Amerika begleiten durfte, wo er die Bischöfe des Landes herzergreifend aufzurütteln versuchte und gebeugt von der „tiefen Scham“ über den  „sexuellen Missbrauch von Minderjährigen durch Priester“ sprach und „von dem enormen Schmerz , den eure Gemeinden erlitten haben, als Kleriker ihre priesterlichen Pflichten und Aufgaben durch ein so schwerwiegend unsittliches Verhalten verraten haben“.

Es war wohl vergeblich, wie wir heute sehen. Die Klage des Heiligen Vaters hat dem Bösen nicht Einhalt bieten können und auch nicht die Lippenbekenntnisse von einem Großteil der Hierarchie.

Und nun ist Rod Dreher unter uns, der sein Buch mit den Worten beginnt: „Niemand hatte die große Flut kommen sehen.“ In seiner Danksagung hat er es auf besondere Weise Papst Benedikt XVI gewidmet. Und er hat es – wie mir scheint – in weiten Teilen quasi im stillen Dialog mit dem schweigenden Papa emerito verfasst, unter Berufung auf dessen analytisch-prophetische Kraft, wo er sagt:

„Im Jahr 2012 sagte der damalige Pontifex, die spirituelle Krise, die den Westen ergreift, sei die gravierendste seit dem Untergang des Römischen Reiches gegen Ende des fünften Jahrhunderts. Das Licht des Christentums ist überall im Westen am Verlöschen.“  

Erlauben Sie im Folgenden deshalb bitte auch mir, die Vorstellung der „Benedikt-Option“ Rod Drehers mit einigen Worten aus dem Mund Benedikt XVI zu begleiten, die mir in seinem Dienst unvergesslich wurden und im Lauf der Lektüre wieder durch den Kopf gegangen sind, etwa aus jener Stunde am 11. Mai 2010, als er auf dem Flug nach Fatima den mitfliegenden Journalisten folgendes anvertraute:

„Der Herr hat uns gesagt, dass die Kirche auf verschiedene Weise immer leiden würde bis zum Ende der Welt… Unter dem Neuen, das wir heute (im dritten Geheimnis der Botschaft von Fatima) entdecken können, ist auch die Tatsache, dass die Angriffe gegen den Papst und die Kirche nicht nur von außen kommen. Sondern die Leiden der Kirche kommen gerade aus dem Inneren der Kirche. Sie kommen von der Sünde, die in der Kirche existiert. Auch das war immer bekannt, aber heute sehen wir es auf wahrhaft erschreckende Weise: Die größte Verfolgung der Kirche kommt nicht von den äußeren Feinden, sondern erwächst aus der Sünde innerhalb der Kirche.“

Da war er schon fünf Jahre lang Papst. Mehr als fünf Jahre zuvor – am 25. März 2005 – hatte Kardinal Ratzinger auf dem Kreuzweg am Karfreitag am Kolosseum vor dem sterbenden Johannes Paul II. an der 9. Station schon folgende Worte gefunden:

Müssen wir beim dritten Fall Jesu unter dem Kreuz nicht auch daran denken, wie viel Christus in seiner Kirche selbst erleiden muss? Wie oft wird das heilige Sakrament seiner Gegenwart missbraucht, in welche Leere und Bosheit des Herzens tritt er da oft hinein? Wie oft feiern wir nur uns selbst und nehmen ihn gar nicht wahr? Wie oft wird sein Wort verdreht und missbraucht? Wie wenig Glaube ist in so vielen Theorien, wie viel leeres Gerede gibt es? Wie viel Schmutz gibt es in der Kirche und gerade auch unter denen, die im Priestertum ihm ganz zugehören sollten? Wie viel Hochmut und Selbstherrlichkeit? All das ist in seiner Passion gegenwärtig. Der Verrat der Jünger, der unwürdige Empfang seines Leibes und Blutes, muss doch der tiefste Schmerz des Erlösers sein, der ihn mitten ins Herz trifft. Wir können nur aus tiefster Seele zu ihm rufen: Kyrie, eleison – Herr, rette uns!“

Vom heiligen Johannes Paul II. hatten wir davor gelernt, dass in unserer geschichtlichen Stunde die wahre und vollendete Ökumene die Ökumene der Märtyrer sei, wo wir die heilige Edith Stein neben Dietrich Bonhoeffer als Fürsprecher im Himmel in unseren Nöten anrufen dürfen. Doch wie wir inzwischen wissen, gibt es auch eine Ökumene der Not und der Verweltlichung und eine Ökumene des Unglaubens und der gemeinsamen Flucht vor Gott und aus der Kirche quer durch alle Konfessionen. Und eine Ökumene der allgemeinen Gottesverfinsterung.  Jetzt erleben wir deshalb nur die Wasserscheide eines Epochenwandels, den Dreher vor einem Jahr schon in Amerika prophetisch vorgestellt hat. Er hatte die große Flut kommen sehen!

Er hält aber auch fest, dass Gottesfinsternis eben nicht heißt, dass es Gott nicht mehr gibt, sondern dass viele Gott nicht mehr erkennen, weil sich Schatten vor den Herrn geschoben haben.  Heute sind es die Schatten der Sünden und Vergehen und Verbrechen aus dem Raum der Kirche, die seine leuchtende Gegenwart für viele verdunkeln.

Die Volkskirche, in die wir noch hinein geboren wurden, und die es in Amerika nie so gab wie in Europa, ist im Prozess dieser Verfinsterung schon lange gestorben. Klingt Ihnen das zu dramatisch?

Die Austrittzahlen sind dramatisch. Noch dramatischer erscheint allerdings ein anderes.  Von den Katholiken, die in Deutschland noch nicht aus der Kirche ausgetreten sind, treffen sich nach jüngsten Erhebungen nur noch 9,8 Prozent am Sonntag in ihren Gotteshäusern zur gemeinsamen Feier der Allerheiligsten Eucharistie.

Das erinnert mich wieder an die erste Reise Papst Benedikts nach seiner Wahl, als er den großenteils jugendlichen Zuhörern am 29. Mai 2005 am Ufer der Adria folgende Erinnerung ans Herz legte: Der Sonntag sei als ein »wöchentliches Ostern« Ausdruck der Identität der christlichen Gemeinschaft und Mittelpunkt ihres Lebens und ihrer Sendung. Das Thema des Eucharistischen Kongresses (»Ohne den Sonntag können wir nicht leben«) führe aber zurück in das Jahr 304, als Kaiser Diokletian den Christen unter Todesstrafe verbot, die Heilige Schrift zu besitzen, am Sonntag zur Feier der Eucharistie zusammenzukommen und Räume für ihre Versammlungen zu errichten.

„In Abitene aber, einem kleinen Dorf im heutigen Tunesien, wurden eines Sonntags 49 Christen, die im Haus des Octavius Felix zusammengekommen waren, überrascht, als sie die Eucharistie feierten und sich damit den kaiserlichen Verboten widersetzten. Sie wurden festgenommen und nach Karthago gebracht, um vom Prokonsul Anulinus verhört zu werden. Bedeutsam war unter anderem die Antwort eines gewissen Emeritus an den Prokonsul, der ihn fragte, warum sie dem strengen Befehl des Kaisers zuwidergehandelt hätten. Er antwortete: »Sine dominico non possumus«. Das bedeutet: Ohne uns am Sonntag zur Feier der Eucharistie zu versammeln, können wir nicht leben. Es würden uns die Kräfte fehlen, uns den täglichen Schwierigkeiten zu stellen und nicht zu unterliegen. Nach grausamer Folter wurden diese 49 Märtyrer von Abitene getötet. So bezeugten sie mit dem Vergießen ihres Blutes ihren Glauben. Sie starben, haben aber gesiegt: Wir gedenken ihrer jetzt in der Herrlichkeit des auferstandenen Christus.“

Das heißt: was wir als Kinder in den so genannten Volkskirchen noch als so genannte „Sonntagspflicht“ kennen gelernt haben, ist in Wahrheit das kostbare Alleinstellungsmerkmal der Christen. Und es ist viel älter als alle Volkskirchen. Es ist also eine wahrhaft endzeitliche Krise, in der sich die katholische Kirche inzwischen seit langem schon befindet wie sie aber auch schon meine Mutter und mein Vater in ihren Tagen wahrzunehmen vermeinten – mit „Gräueln der Verwüstung an heiliger Stätte“ – und die ja vielleicht jede Generation der Kirchengeschichte an ihrem Horizont erkannte,

Zuletzt aber fühlte ich mich an manchen Tagen in die Tage meiner Kindheit versetzt – zurück in die Schmiede meines Vaters im Schwarzwald, wo die Hammerschläge auf den Amboss kein Ende nahmen, doch ohne meinen Vater, dessen sicheren Händen ich wie den Händen Gottes vertraute.

Dabei bin ich offensichtlich nicht allein. Im Mai hat auch der Erzbischof von Utrecht in Holland, Kardinal Willem Jacobus Eijk, gestanden, dass ihn die gegenwärtige Krise an „die letzte Prüfung der Kirche“ erinnere, wie sie der Katechismus der katholischen Kirche im Absatz 675 mit den Worten beschreibt, dass die Kirche sie vor der Wiederkehr Christi durchmachen müsse, als Prüfung, „die den Glauben vieler erschüttern wird“.  Und wo es im selben Katechismus weiter heißt: „Die Verfolgung, die die Pilgerschaft der Kirche auf Erden begleitet, wird das ‚Mysterium der Bosheit‘ enthüllen.“

Mit diesem „Mysterium iniquitatis“ ist auch Rod Dreher vertraut wie ein Exorzist, wie er mit seinen Berichten der letzten Monate bewiesen hat, wo auch er die Aufklärung der Skandalgeschichte des ehemaligen Erzbischofs von Newark und Washington wie vielleicht kaum sonst ein Journalist befördert hat. Dennoch ist er kein Enthüllungsreporter. Er ist auch kein Phantast, sondern ein nüchterner Analytiker, der den Zustand der Kirche und Welt seit langem wach und kritisch verfolgt und sich dennoch einen fast kindlich-liebenden Blick auf die Welt bewahrt hat.

Deshalb legt Dreher auch keinen apokalyptischen Roman vor wie den berühmten „Herrn der Welt“, mit dem der britische Geistliche Robert Hugh Benson im Jahr 1906 die angelsächsische Welt erschütterte. Eher gleicht Drehers Buch einer praktikablen Anleitung zum Bau einer Arche, weil er weiß, dass es keinen Staudamm gibt, mit dem sich die große Flut noch aufhalten ließe, die nicht erst seit gestern dabei ist, das alte christliche Abendland zu überschwemmen, zu dem für ihn wie selbstverständlich auch Amerika gehört

Das macht auch gleich einen dreifachen Unterschied zwischen Dreher und Benson deutlich: Als waschechter Amerikaner ist Dreher erstens praktischer als der etwas spleenige Brite aus Cambridge in der Epoche vor dem I. Weltkrieg. Zweitens ist Dreher als Bürger Louisianas hurrikan-erprobt.  Und drittens ist er überhaupt kein Geistlicher, sondern ein Laie, der nicht in fremdem Auftrag, sondern aus ureigenem Willen und Eifer für das Reich Gottes wirbt, das Jesus Christus für uns ausgerufen hat. In dem Sinn ist er ein Mann ganz nach dem Gefallen und Geschmack von Papst Franziskus, der wie wohl kaum ein zweiter in Rom weiß, dass die Krise der Kirche in ihrem Kern eine Krise des Klerus ist. Und dass nun die Stunde der souveränen Laien geschlagen hat, vor allem in den neuen und unabhängigen katholischen Medien, wie sie Rod Dreher geradezu verkörpert.

 

Die Leichtigkeit seiner Darstellung hat wohl mit den noblen Erzähltraditionen der Südstaaten Amerikas zu tun, denen Mark Twain einmal globalen Rang verliehen hat. Und wenn ich vorhin sagte, dass ich mich zuletzt wiederholt als Kind in der Schmiede vor den Hammerschlägen meines Vaters auf den Amboss wiedergesehen habe, dann muss ich gestehen, dass mich die unkomplizierte Lektüre dieses gewichtigen Buches auch immer wieder in die Abenteuerwelt meiner Kindheit entführt hat, wo ich Tom Sawyer und seinem Freund Huck‘ Finn hinterher träumte.

Bei Rod Dreher hingegen geht es nicht um Träume, sondern um Fakten und um Analysen, die er zu Sätzen wie diesem verdichtet: „Der psychologische Mensch hat auf ganzer Linie gesiegt und beherrscht nun unsere Kultur – einschließlich der meisten Kirchen – so sicher, wie einst die Ostgoten, Westgoten, Vandalen und andere Eroberungsvölker die Überreste des Weströmischen Imperiums beherrschten.“

Oder: „Unsere Wissenschaftler, unsere Richter, unsere Fürsten, unsere Gelehrten und Schriftsteller arbeiten daran, den Glauben, die Familie, die Geschlechterordnung, ja sogar die Definition, was es heißt, Mensch zu sein, niederzureißen. Die Barbaren unserer Zeit haben die Tierfelle und Speere der Vergangenheit gegen Designeranzüge und Smartphones eingetauscht.“

 

Kapitel 3 seines Buches beginnt er mit den Worten: „Man kann nicht in die Vergangenheit zurückreisen, aber man kann nach Norcia reisen.“

Kurz danach fährt er dann – prophetisch aktuell, doch überhaupt nicht hämisch – folgendermaßen fort: „Eine Legende besagt, in einem Streitgespräch mit einem Kardinal habe Napoleon darauf hingewiesen, dass es in seiner Macht stünde, die Kirche zu vernichten.“

„Majestät“, entgegnete der Kardinal, „wir – die Geistlichkeit – haben seit 1800 Jahren unser Möglichstes getan, die Kirche zu zerstören. Es ist uns nicht gelungen. Und Euch wird es auch nicht gelingen.“

„Vier Jahre, nachdem die Benediktiner aus ihrem Kloster in Norcia vertrieben worden waren, lag Napoleons Reich dann in Trümmern, und der anmaßende Kaiser selbst war im Exil. Heute sind in der Heimatstadt des heiligen Benedikt hingegen erneut gregorianische Choräle zu hören …“

Im selben Norcia war allerdings zuletzt auch das Brüllen aus der Tiefe in jenem großen Erdbeben zu hören, das im August 2016 die Stadt erschütterte und die Basilika des heiligen Benedikt in wenigen Sekunden bis auf die Frontfassade in Trümmer legte. Zur etwa gleichen Zeit setzten Wolkenbrüche aber auch die Heimatstadt Rod Drehers am Oberlauf des Mississippi unter Hochwasser. Es sind zwei dramatische Schlüsselszenen, die nun wie nach einem himmlischen Drehbuch am Anfang und am Ende seines Buches stehen – und wie zur Illustration einer These, die Dreher im 1. Kapitel so formuliert: „Die Realität unserer Situation ist in der Tat alarmierend, aber wir können es uns nicht leisten, in eine Untergangshysterie zu verfallen. Es steckt ein verborgener Segen in dieser Krise, wenn wir ihn nur wahrnehmen wollten. … Der kommende Sturm könnte das Mittel sein, mit dem Gott uns rettet.“

Der Begriff des Erdbebens war in den letzten Tagen häufig innerhalb der Kirche zu hören für jenen Zusammenbruch, von dem ich sage, dass damit nun auch die katholische Kirche ihr „Nine/Eleven“ erlebt hat.

Rod Dreher beschreibt die Antwort der Mönche von Norcia auf die Katastrophe, die ihre Abtei am Geburtsort des heiligen Benedikt in Trümmer gelegt hat, hingegen mit wenigen Worten, die ich Ihnen vorlesen muss, weil sie so sprechend sind:

„Die Benediktinermönche von Norcia sind auf eine Weise zum Zeichen für die Welt geworden, die ich nicht vorhersehen konnte, als ich begann, dieses Buch zu schreiben. Das Beben schlug mitten in der Nacht zu, aber die Mönche waren wach, um die Matutin zu beten. Sie verließen das Kloster fluchtartig und brachten sich auf der offenen Piazza des Ortes in Sicherheit.

Rückblickend merkte Pater Cassian an, das Erdbeben könne als Symbol für den Zusammenbruch der christlichen Kultur im Westen gesehen werden, aber es habe in jener Nacht noch ein zweites, hoffnungsvoll stimmendes Symbol gegeben. Dieses zweite Symbol war die Versammlung der Menschen rund um die Statue des heiligen Benedikt auf der Piazza und ihr gemeinsames Gebet. Das ist der einzige Weg zum Wiederaufbau.“

Nach diesem Zeugnis Pater Cassians darf ich Ihnen verraten, dass sich auch Benedikt XVI. seit seinem Rücktritt als alter Mönch versteht, der sich nach dem 28. Februar 2013 vor allem dem Gebet für die Mutter Kirche und seinen Nachfolger Papst Franziskus und das von Christus selbst gestiftete Petrusamt verpflichtet weiß.

Aus dem Kloster MATER ECCLESIAE hinter der Petersbasilika würde der alte Mönch im Blick auf das Werk Drehers deshalb wohl auf eine Ansprache verweisen, die er als amtierender Papst am 12. September 2008 im Collège des Bernardins in Paris vor der geistigen Elite Frankreichs gehalten hat. Das ist morgen vor genau zehn Jahren gewesen, und diese Rede will auch ich Ihnen deshalb in Auszügen noch einmal hier kurz vorstellen:

Im großen Kulturbruch der Völkerwanderung und der sich bildenden neuen staatlichen Ordnungen waren die Mönchsklöster der Ort, an dem die Schätze der alten Kultur überlebten und zugleich von ihnen her eine neue Kultur langsam geformt wurde, sagte Benedikt XVI. damals und fragte: „Aber wie ging das zu? Was hat die Menschen bewegt, die sich an diesen Orten zusammenfanden? Was wollten sie? Wie haben sie gelebt? Da ist zunächst und als erstes ganz nüchtern zu sagen, dass es nicht ihre Absicht war, Kultur zu schaffen oder auch eine vergangene Kultur zu erhalten. Ihr Antrieb war viel elementarer. Ihr Ziel hieß: quaerere Deum – Gott suchen. In der Wirrnis der Zeiten, in der nichts standzuhalten schien, wollten sie das Wesentliche tun – sich bemühen, das immer Gültige und Bleibende, das Leben selber zu finden. Sie waren auf der Suche nach Gott. Sie wollten aus dem Unwesentlichen zum Wesentlichen, zum allein wirklich Wichtigen und Verlässlichen kommen. Sie suchten das Endgültige hinter dem Vorläufigen…

Quaerere Deum – Gott suchen und sich von ihm finden lassen, das ist heute nicht weniger notwendig denn in vergangenen Zeiten. Eine bloß positivistische Kultur, die die Frage nach Gott als unwissenschaftlich ins Subjektive abdrängen würde, wäre die Kapitulation der Vernunft, der Verzicht auf ihre höchsten Möglichkeiten und damit ein Absturz der Humanität, dessen Folgen nur schwerwiegend sein könnten. Das, was die Kultur Europas gegründet hat, die Suche nach Gott und die Bereitschaft, ihm zuzuhören, bleibt auch heute Grundlage wahrer Kultur.“

Soweit Papst Benedikt XVI. am 12. September 2008 über die wahre „Option“ des heiligen Benedikt von Nursia.  – Danach bleibt mir nur noch dies über Drehers Buch zu sagen: Es enthält keine fertige Antwort. Es findet sich hier kein Patentrezept oder ein Generalschlüssel für alle Tore, die so lange für uns offenstanden und nun wieder krachend ins Schloss gefallen sind. Zwischen diesen beiden Buchdeckeln findet sich aber ein authentisches Beispiel für das, was Papst Benedikt vor zehn Jahren über den benediktinischen Geist des Anfangs gesagt hat. Es ist ein wahres „Quaerere Deum“. Es ist jene Suche nach dem wahren Gott Isaaks und Jakobs, der in Jesus von Nazareth sein menschliches Gesicht gezeigt hat.

Deshalb kommt mir hier noch ein Satz aus dem Kapitel 4,21 der Regel des heiligen Benedikt in den Sinn, der ebenfalls und unausgesprochen das gesamte Buch Drehers als Cantus Firmus durchzieht und beseelt. Das ist das legendäre „Nihil amori Christi praeponere“. Das heißt übersetzt: nichts der Liebe zu Christus vorziehen. Es ist der Schlüssel, dem sich das ganze Wunderwerk des abendländischen Mönchstums verdankt.

Benedikt von Nursia war ein Leuchtturm in der Völkerwanderung, als er die Kirche durch die Wirren der Zeit rettete und damit die europäische Zivilisation im gewissen Sinn neu begründete.

Nun aber erleben wir nicht nur in Europa, sondern auf der ganzen Erde seit Jahrzehnten wieder eine Völkerwanderung, die niemals mehr an ein Ende kommen wird, wie Papst Franziskus klar erkannt hat und uns allen eindringlich ins Gewissen redet. Deshalb ist diesmal auch nicht alles anders als damals.

Wenn die Kirche sich dieses Mal nicht wieder mit Gottes Hilfe zu erneuern versteht, steht deshalb auch wieder das ganze Projekt unserer Zivilisation auf dem Spiel. Für viele sieht es wohl schon so aus, als würde und könne sich die Kirche Jesu Christi nie mehr von der Katastrophe ihrer Sünde erholen, die sie gerade fast zu verschlingen droht.

 

Und genau dies ist nun die Stunde, in der Rod Dreher aus Baton-Rouge in Louisiana heute sein Buch in der Nähe der Apostelgräber vorstellt, und mitten in der Gottesfinsternis, vor der wir weltweit erschrecken, hier vor uns tritt und sagt: „Die Kirche ist nicht tot, sie schläft und ruht nur“.

Und nicht nur dies. Die Kirche „ist jung“, scheint er auch noch zu sagen, und er sagt es so froh und frei, wie Benedikt XVI. es bei der Übernahme des Petrusamtes am 24. April 2005 schon sagte, als er damals noch einmal an das Leiden und Sterben des heiligen Papstes Johannes Paul erinnerte, dessen Mitarbeiter er so viele Jahre lang war. Er rief uns allen auf dem Petersplatz zu:

„Durch alle Traurigkeit von Krankheit und Tod des Papstes hindurch ist uns dies auf wunderbare Weise sichtbar geworden: Die Kirche lebt. Und die Kirche ist jung. Sie trägt die Zukunft der Welt in sich und zeigt daher auch jedem einzelnen den Weg in die Zukunft. Die Kirche lebt. Wir sehen es, und wir spüren die Freude, die der Auferstandene den Seinen verheißen hat. Die Kirche lebt – sie lebt, weil Christus lebt, weil er wirklich auferstanden ist. Wir haben an dem Schmerz, der auf dem Gesicht des Heiligen Vaters in den Ostertagen lag, das Geheimnis von Christi Leiden angeschaut und gleichsam seine Wunden berührt. Aber wir haben in all diesen Tagen auch den Auferstandenen in einem tiefen Sinn berühren dürfen. Wir dürfen die Freude verspüren, die er nach der kurzen Weile des Dunkels als Frucht seiner Auferstehung verheißen hat.“

Diese Wahrheit über den Ursprung ihrer Gründung durch den auferstandenen Herrn und Sieger kann auch das satanische „Nine/Eleven“ der Katholischen Weltkirche weder schwächen noch zunichte machen.

Deshalb muss ich ehrlich gestehen, dass ich diese Zeit der großen Krise, die heute keinem mehr verborgen ist, vor allem auch als eine Zeit der Gnade wahrnehme, weil uns am Schluss ja nicht irgendeine besondere Anstrengung, sondern nur „die Wahrheit frei machen“ wird, wie uns der Herr versichert hat. In dieser Hoffnung schaue ich die jüngsten Berichte Rod Drehers zur „Reinigung der Erinnerung“ an, die Johannes Paul II. uns aufgetragen hat, und so habe ich auch seine „Benedikt-Option“ dankbar als eine in vieler Hinsicht wunderbare Inspiration gelesen. In den letzten Wochen hat mir kaum etwas so viel Trost gespendet.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

(Erzbischof Dr. Georg Gänswein, Präfekt des Päpstlichen Hauses)

 

Rod Drehers „Die Benedikt-Option: Eine Strategie für Christen in einer nachchristlichen Gesellschaft“ ist in der deutschen Übersetzung von Tobias Klein erschienen im fe-medienverlag und hat 400 Seiten.

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Kardinal O´Malley: Missbrauchsopfer müssen an Kirchenspitze gehört werden

Berät den Papst in Sachen Missbrauchsprävention: Sean Patrick O’Malley

Die Stimme von Missbrauchsüberlebenden bis in die höchsten Kirchenkreise zu tragen, ist von entscheidender Bedeutung. Das betonte gegenüber Vatican News der wichtigste Berater von Papst Franziskus auf dem Feld des Kinderschutzes, Kardinal Sean Patrick O´Malley. Er äußerte sich nach der jüngsten Vollversammlung der vatikanischen Kinderschutzkommission, die an diesem Sonntag zu Ende gegangen ist.

Christine Seuss und Sergio Centofanti – Vatikanstadt

„Sicherlich haben die jüngsten Ereignisse in der Kirche die Aufmerksamkeit von uns allen auf die dringende Notwendigkeit einer klaren Antwort seitens der Kirche auf den Missbrauch von Minderjährigen gelenkt“, so der Bostoner Kardinal. Es sei zweifelsohne eine der „Hauptaufgaben“ der Kommission, Missbrauchsüberlebende selbst anzuhören, so der Kirchenmann weiter. Dies sei auch bei der aktuellen Vollversammlung geschehen, mit den Zeugnissen einer Frau aus Lateinamerika, die von einem Priester missbraucht worden sei, sowie einer Mutter zweier erwachsener Missbrauchsüberlebender aus den Vereinigten Staaten, gab er Einblick in die Arbeit der Kommission.

Auch neu ernannte Bischöfe, die jeweils zu ihrem Einführungskurs in den Vatikan kommen, würden durch Schilderungen von Missbrauchsopfern wie Marie Collins – die selbst Mitglied der Kinderschutzkommission war – für die Thematik sensibilisiert, betonte O´Malley. Die Führungspersönlichkeiten der Kirche müssten aus Sicht eines Missbrauchsüberlebenden erfahren, wie es sei, „diesen Horror im eigenen Leben zu erleiden“ und was dieser für Auswirkungen auf das Opfer, seine Familie und die gesamte Gemeinschaft sei. Zahlreiche Bischöfe kämen im Nachhinein auf ihn zu mit der Feststellung, dass diese Zeugnisse „die wichtigsten Beiträge des gesamten einwöchigen Seminars“ seien.

“ Es ist von grundlegender Bedeutung, die Stimme der Opfer an die Spitze der Kirchenhierarchie zu tragen ”

„Deshalb ist es von grundlegender Bedeutung, die Stimme der Opfer an die Spitze der Kirchenhierarchie zu tragen, so dass die Menschen verstehen, wie wichtig es für die Kirche ist, Antworten schnell und korrekt zu geben, jedes Mal, wenn eine Situation von Missbrauch aufgedeckt wird. Insbesondere mit Blick auf die aktuelle Situation sehen wir: wenn die Kirche sich unfähig zeigt, aus tiefem Herzen zu antworten und aus diesem Thema eine Priorität zu machen, dann werden all unsere anderen Aktivitäten wie Evangelisierung, Wohltätigkeit und Erziehung, darunter leiden. Das muss die Priorität sein, auf die wir uns heute konzentrieren.“

“ Die Kommissionsmitglieder leisten unermüdlich Aufklärungsarbeit auf der ganzen Welt ”

Dabei zähle die Kommission stark auf die Zusammenarbeit und die Selbstständigkeit in den Ortskirchen, betont der Kardinal weiter. Die Kommission habe zu diesem Zweck „unermüdlich“ Aufklärungsarbeit auf der ganzen Welt geleistet, insbesondere in Gegenden, in denen Missbrauch noch ein neues Thema sei und die lokale Kirche wenig eigene Ressourcen zu Verfügung habe, wie beispielsweise in Missionsgebieten. Man arbeite auch intensiv an neuen Richtlinien und Best Practise-Beispielen, genauso wie an Instrumenten, die es den einzelnen Bischofskonferenzen ermöglichen, zu messen, wie erfolgreich diese Richtlinien in ihrem Land eingeführt worden sind, erläutert der Kinderschutzfachmann. „Auf diese Weise können die Bischöfe, wenn sie zu ihren Ad-limina-Besuchen in den Vatikan kommen, zeigen, inwieweit es ihnen gelungen ist, die Richtlinien umzusetzen, die jede Bischofskonferenz, auf Ersuchen des Heiligen Stuhles und des Papstes selbst, erstellen sollte,“ nimmt O´Malley die Kollegen aus den Ortskirchen in die Pflicht.

Eine Hilfe für die einzelnen Bischofskonferenzen solle dabei durch die neue Initiative der „Survivors’ Advisory Panels” (Beratungsgruppen, die aus Missbrauchsüberlebenden zusammengesetzt sind) gegeben werden, kündigt der Kardinal an. Diese sollten in den verschiedenen Kontinenten tätig werden (zunächst in Brasilien, anschließend in Afrika und Asien) und die lokalen Bischofskonferenzen beraten, aber auch die Arbeit der Kommission selbst unterstützen.

“ Wir versuchen, die Zukunft zu ändern, so dass sich diese traurigen Geschichten nicht wiederholen ”

Keineswegs hilfreich sei das Missverständnis, die Kommission arbeite bereits geschehene Missbrauchsfälle auf, so der Kardinal weiter. Denn deren Arbeit ziele vor allem auf die Prävention von Missbrauch, erläutert er: „Wir sind kein Gremium, das sich um bereits geschehene Missbrauchsfälle oder spezielle Situationen von Missbrauch kümmert. Wir versuchen, die Zukunft zu ändern, so dass sich diese traurigen Geschichten nicht wiederholen; und wir nehmen diese Aufgabe mit der Erstellung von Empfehlungen wahr, die wir dem Heiligen Vater vorlegen. Unsere Aufgabe ist es sicherlich auch, Best Practises und Richtlinien zu fördern, die den Schutz und die Prävention im Fokus haben. Außerdem realisieren wir Ausbildungsprogramme für diejenigen, die an der Spitze der Kirche stehen, so dass unsere Bischöfe, Priester und Ordensleute sich des Ernstes des Problems bewusstwerden und die Mittel an der Hand haben, darauf so zu antworten, dass sie dem Schutz Minderjähriger und der pastoralen Sorge um die Opfer absolute Priorität einräumen.“

“ Unsere Arbeit betrifft die Verhütung von Missbrauch, und den Versuch, die Kirche zum sichersten Platz für Kinder und gefährdete Erwachsene zu machen ”

Andere Dikasterien des Heiligen Stuhls hätten wiederum die Aufgabe, die einzelnen Fälle von Missbrauch und damit zusammenhängende Versäumnisse zu untersuchen und zu ahnden, so der Kardinal, der betont, dass seine Kommission nicht für die Arbeit anderer Dikasterien in die Pflicht genommen werden könne: „Wir haben unsere Zuständigkeiten, und ich denke, dass sie sehr wichtig sind,“ so O´Malley. „Unsere Arbeit betrifft die Verhütung von Missbrauch, und den Versuch, die Kirche zum sichersten Platz für Kinder und gefährdete Erwachsene zu machen,“ umreißt er die Ziele der Kommission.

“ Mission der Kirche ist es, Schutz zu bieten ”

Dabei komme auch der Zusammenarbeit mit anderen Kurieneinrichtungen eine wichtige Stellung zu, betont der Erzbischof von Boston. Viele Schulungen und Konferenzen seien bereits in den einzelnen Dikasterien organisiert worden, wo über das Thema gesprochen worden sei: „Bei diesen Gelegenheiten begleitet mich immer ein Missbrauchsüberlebender und ich spreche über die Mission der Kirche, Schutz zu bieten. Ich denke, dass diese Treffen ein großer Erfolg gewesen sind. In dieser Woche treffen wir die wichtigsten Vertreter der Italienischen Bischofskonferenz und der Glaubenskongregation.“

Von vergangenem Freitag an hatten sich die Mitglieder der Kommission zu ihrer 9. Ordentlichen Vollversammlung getroffen.

(vatican news)

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„Homosexuellen-Tabu ist Teil der Vertuschung“

05 September 2018, 08:00

Statement des Churer Weihbischofs Marian Eleganti: Er erwarte „das öffentliche Eingeständnis, dass wir es im Klerus der Kirche seit Jahrzehnten mehrheitlich mit homosexuellen Straftätern zu tun haben“.

Chur (kath.net/pbc) kath.net dokumentiert das vom Bistum Chur veröffentlichte Statement von Weihbischof Marian Eleganti im Wortlaut:

Der John Jay Report von 2010 zum sexuellen Missbrauch in der Kirche in den USA zeigt: in einem Zeitraum von 60 Jahren waren 81% aller Opfer männlich. Folglich handelt es sich bei der weit überwiegenden Mehrheit der Täter um Homosexuelle. Der Final Report der Royal Commission in Australien von 2017 kommt zu ähnlichen Ergebnissen.

Dies sind Fakten, die öffentlich nicht ausgesprochen werden dürfen, ein Tabu, dem sich viele Verantwortliche in der Kirche beugen und den Klerikalismus als Wurzel des Phänomens ins Feld führen. Niemand leugnet, dass Klerikalismus eine Rolle spielt, trotzdem geht es in der Kirche erwiesenermassen vorwiegend um homosexuelle Täter. Das Verschweigen dieser Tatsache ist eine weitere Form der Vertuschung, die leider auch Kirchenverantwortliche in der Schweiz betreiben. Wer immer diese Tatsache öffentlich ausspricht, wird diffamiert und als homophob psychopathologisiert.

In einem 2016 publizierten Dokument hält Papst Franziskus daran fest, keine Männer, die Homosexualität praktizieren, tiefsitzende homosexuelle Tendenzen haben oder die sogenannte „homosexuelle Kultur“ unterstützen, in Priesterseminare aufzunehmen. Diese Weisung wurde bereits unter Papst Benedikt im Jahr 2005 festgeschrieben.

Ich erwarte, dass die Verantwortlichen in der Kirche sich an diese Weisung halten und entsprechende Massnahmen treffen. Dazu gehört das öffentliche Eingeständnis, dass wir es im Klerus der Kirche seit Jahrzehnten mehrheitlich mit homosexuellen Straftätern zu tun haben. Bei allem Respekt gegenüber homosexuell veranlagten Menschen, die keine sexuellen Übergriffe begehen, hilft es nicht weiter, bei der Aufarbeitung der sexuellen Übergriffe die Augen vor den Fakten zu verschliessen. Ohne volle Transparenz und Wahrhaftigkeit gibt es weder glaubwürdige Aufklärung noch wirksame Prävention.

+ Marian Eleganti
Weihbischof von Chur

Fußnoten
– John Jay Report (vgl. S. 9-11)
http://www.usccb.org/issues-and-action/child-and-youth-protection/upload/The-Causes-and-Context-of-Sexual-Abuse-of-Minors-by-Catholic-Priests-in-the-United-States-1950-2010.pdf (Seiten 9-11)
– Final Report Royal Commission (vgl. S. 47 & 60)
https://www.childabuseroyalcommission.gov.au/sites/default/files/final_report_-_preface_and_executive_summary.pdf
– Dokument von Papst Franziskus zur Priesterausbildung (PDF, vgl. Nr. 199)

Kleruskongregation – Dokument von Papst Franziskus zur Priesterausbildung vom 8. Dez. 2016

Foto Weihbischof Eleganti (c) Bistum Chur