Corona: Ostafrika steht vor der Katastrophe

ARCHIV – 20.02.2020, Kenia, Mwingi: Ein Schwarm von Wüstenheuschrecken bedecket fast vollständig den Boden. Seit Monaten überziehen Schwärme aus Millionen Wüstenheuschrecken Landstriche in Ostafrika. Ihre Vermehrung wurde durch den starken Regen in der Region in den vergangenen Monaten begünstigt. (zu dpa: «Helfer warnen vor neuem Ausbruch von Heuschrecken in Ostafrika») Foto: Zhang Yu/XinHua/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Sie kommen in riesigen Schwärmen und verdunkeln den Himmel über Ostafrika. Hunderte  fingerlanger Heuschrecken fallen über die Ernten und Weiden in Somalia, Kenia, Äthiopien, Eritrea, Uganda, Tansania und weiteren Ländern der Region her. Die Existenzen von Millionen von Menschen sind durch die seit mehreren Jahrzehnten schlimmste Plage von Wüstenheuschrecken bedroht. Hinzugekommen ist eine weitere, unsichtbare Plage: das Coronavirus. Es erschwert Landwirten und Helfern, gegen die Heuschrecken vorzugehen. Geschlossene Grenzen, Importbeschränkungen, eingeschränkter Flugverkehr und Ausgangssperren behindern diesen Wettlauf gegen die Zeit. Die Heuschrecken sind nicht aufzuhalten wie auch das Coronavirus, das keine Grenzen kennt. Die Pandemie und die Heuschreckenplage bedingen sich gegenseitig. Es droht ein gefährlicher Kreislauf aus Armut, Hunger und Krankheit. Covid-19 hat die Not der Ärmsten auf der Welt noch verschärft.

Hunger droht zur nächsten Herausforderung der weltweiten Corona-Krise zu werden. Das Hilfswerk des Deutschen Caritasverbandes mahnt, dass durch die Mobilitäts-Beschränkungen der Hunger das Leben verarmter Menschen in immer mehr Ländern mittlerweile stärker als das Coronavirus bedrohe. „Viele Länder des globalen Südens haben sehr schnell auf die medizinischen Herausforderungen reagiert. Das war angemessen und lebensrettend. Wir erleben jetzt jedoch von Tag zu Tag in vielen unserer Projektländer, dass die aus medizinischer Sicht notwendigen Restriktionen insbesondere in den verarmten Bevölkerungsschichten großes Leid verursachen“, sagt Oliver Müller, Leiter von Caritas international. Der Generalsekretär von Malteser International, Ingo Radtke, ergänzt: „In all unseren Projektgebieten stehen wir wegen der Corona-Krise vor einer humanitären Krise. In den Ländern, in denen wir arbeiten, verdienen viele Menschen als Tagelöhner schon in normalen Zeiten gerade einmal so viel Geld, dass sie am Abend eine warme Mahlzeit für ihre Familien haben. Durch die strikten Ausgangssperren haben diese Familien nun keine Einkünfte mehr und müssen hungern.“

Misereor hilft vor Ort

Misereor, das als weltweit größtes kirchliches Entwicklungshilfswerk für Menschen in Asien, Afrika und Lateinamerika gilt, hat auf Anfrage der „Tagespost“ Informationen zur Hungerkrise aus einigen Projektgebieten zusammengestellt. Der Leiter der Misereor-Verbindungsstelle in Johannesburg, Désiré Nzisabira, schreibt: „In Südafrika, dem am meisten urbanisierten und reichsten Land Afrikas, herrscht ein sogenannter harter Lockdown, um die Pandemie zu verlangsamen. In den wohlhabenden Vierteln der Metropolen des Landes wie Johannesburg, Kapstadt, Durban oder Port Elisabeth klappt das ohne Probleme, die Bewohnerinnen und Bewohner dort können in guten Häusern oder Appartements wochenlang ausharren, sie haben Geld (dauere es, so lange es wolle), um einzukaufen, zum Arzt oder zur Apotheke zu gehen; dies ist ja erlaubt.

Gleichzeitig sind in denselben Städten und überall im Lande direkt nach der Verhängung dieser Ausgangssperre Millionen von Armen und Taglohnarbeiterinnen und -arbeitern von Hunger bedroht. Für sie ist der Lockdown eine Frage von Leben und Tod. Die Ausgangssperre wird von Armee und Polizei mit aller Gewalt durchgesetzt, manche Townships gleichen heute militärischen Sperrzonen. Seitdem leben die Menschen von Essenshilfen des guten Samariters. Zwar hat der Staat auch Hilfe zugesagt und versprochen, diese schnell an die Bedürftigen zu bringen, aber diese Schnelligkeit lässt auf sich warten, schlimmer noch, es gibt Berichte von Korruption der Volksvertreterinnen und -vertreter, die das Essen der Hungernden in die eigene Tasche stecken… Die meisten Bewohnerinnen und Bewohner in Elends-Siedlungen leben von informellen kommerziellen Aktivitäten und Taglohnarbeit. Wenn das Virus kommt, sind sie vom Hunger schon so geschwächt, dass ihre Überlebenschance noch zusätzlich gesunken ist. Oder sie sterben bereits ohne Corona-Infektion an Hunger.“

Corona legt alles lahm

Georg Krekeler, Berater von Misereor in Bolivien, nennt ein Beispiel für die angespannte Ernährungslage in seinem Land: „Sausalito ist der Name eines der Stadtrandviertel, im Norden der bolivianischen Zwei-Millionenmetropole Santa Cruz. Kaum jemand in Sausalito verdient derzeit etwas, da die Coronavirus-Pandemie alles lahmgelegt hat – seit nunmehr sechs Wochen. Im November letzten Jahres kam es zu einem dreiwöchigen Generalstreik aus Protest gegen den Wahlbetrug des ehemaligen Präsidenten Evo Morales. Das Leben stand damals drei Wochen still. Um eine notdürftige Ernährungssicherung hinzubekommen, entstanden damals als Selbsthilfeinitiativen Ollas Comunes, übersetzt etwa ,Kollektive Kochtöpfe‘. Im Rahmen der jetzt drastischen Einschränkungen des öffentlichen Lebens war schnell die Idee geboren, diese Ollas Comunes wiederzubeleben.

Seit fünf Wochen funktionieren mittlerweile drei solcher Ollas Comunes, die in drei Stadtvierteln mehr als 300 Familien mit einer warmen Mahlzeit für alle Familienmitglieder versorgt. Die am nördlichen Stadtrand gelegenen Mittelklassesiedlungen wurden von den Ollas Comunes um solidarische Nahrungsmittelhilfe gebeten. Nicht alle, die es könnten, geben, aber die, die geben, geben viel und, glücklicherweise, immer wieder. Auch Ladenbesitzer und Gemüsehändler zeigen sich solidarisch und steuern kleine Nahrungsmittelhilfen bei. e. ,Wenn den bisher solidarischen Mittelklassehaushalten die Einkünfte wegbrechen, wird es eng werden. In vielen städtischen  Armenvierteln ist schon jetzt in Sachen Ollas comunes Fehlanzeige.“

Teuerungsdynamiken stellen Bedrohung dar

Ist es korrekt, von drohenden Hungersnöten zu sprechen? Die Vereinten Nationen warnen bereits vor Hungersnöten „biblischen Ausmaßes“. Sabine Dorlöchter-Sulser, Ernährungs- und Landwirtschaftsexpertin aus der Afrika-Abteilung von Misereor, merkt jedoch gegenüber dieser Zeitung an: „Die Betroffenheit wird wesentlich davon abhängen, wie groß die Eigenversorgung über die eigene Produktion ist und wie viele Monate sie ungedeckt ist und nur durch Tagelohnarbeit abgedeckt werden kann. Wesentlich wird auch sein, auf wie viele Rücklagen die ländlichen Haushalte zurückgreifen können und ob die letzte und nächste Ackerbausaison zufriedenstellend verläuft oder Ertragseinbrüche zu verzeichnen sind.“ Da viele landwirtschaftliche Haushalte auf Zukäufe mit Nahrungsmitteln angewiesen seien, stellten Teuerungsdynamiken für Grundnahrungsmittel eine Bedrohung dar, die nicht ohne Folgen für die Ernährungssituation bleiben würden. .

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UNO schlägt Alarm: Heuschreckenplage überzieht Ostafrika

Ein Farmer in Kenia versucht, den Heuschreckenschwarm von seinem Feld zu vertreiben (ANSA)

Im östlichen Afrika verschärft sich die Lage: Immer größere Heuschreckenschwärme fallen über Äthiopien, Somalia und Kenia her und hinterlassen eine Schneise der Verödung. Internationale Hilfsorganisationen und die Vereinten Nationen zeigen sich beunruhigt.

„Eine nie da gewesene Situation“: so beschreiben die Vereinten Nationen die Heuschreckenplage, die seit Monaten Ostafrika heimsucht. Eine Katastrophe ähnlichen Ausmaßes erlebten Somalia und Äthiopien das letzte Mal vor rund 25 Jahren, in Kenia ist es gar 70 Jahre her, dass Wanderheuschrecken in vergleichbarer Stärke auftraten. Auch Südsudan und Uganda müssen fürchten, ihre Ernten an die Parasiten zu verlieren.

Starke Regenfälle Ende des vergangenen Jahres hatten ideale Bedingungen für eine rapide Vermehrung der Heuschrecken geschaffen – und die Situation könnte sich noch weiter verschlimmern. Neben Ostafrika haben sich die Wanderheuschrecken auch in Indien, Iran und Pakistan spürbar vermehrt, so dass bereits im Frühjahr mit dem Auftreten neuer Schwärme zu rechnen ist.

Lokale Autoritäten stoßen an ihre Grenzen

Auch die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen schlägt Alarm: „Die Geschwindigkeit, mit der sich die Parasiten ausbreiten und das Ausmaß des Befalles gehen derart über das Normalmaß hinaus“, so eine Stellungnahme der FAO, „dass die lokalen und nationalen Autoritäten an die Grenzen ihrer Möglichkeiten gestoßen sind.“ Die Sonderorganisation der Vereinten Nationen schätzt, dass die Anzahl der Heuschrecken bis zum kommenden Juni um das 500-fache gestiegen sein könnte.

50 Millionen Dollar Kosten nur für die Schädlingsbekämpfung

„Die Dimensionen der Schwärme sind enorm, man spricht von rund 150 Millionen Insekten pro Schwarm, was etwa einer Ausdehnung von 2,5 Quadratkilometern entspricht“, erläutert der Agronom Riccardo Bubbolini von der christlichen Hilfsorganisation CEFA, die sich der landwirtschaftlichen Ausbildung in benachteiligten Landstrichen wie Afrika und Lateinamerika verschrieben hat. „Die Schwärme ziehen von Somalia in Richtung Kenia und befinden sich 400 Kilometer vor Nairobi.“

Die Parasiten befallen insbesondere Felder, auf denen Weizen, Bohnen und Hirse angebaut werden. Der Schaden, den sie bislang angerichtet haben, ist kaum bezifferbar, doch vor allem wächst wegen der ausgefallenen Ernten die Angst vor einer Hungerkrise in den betroffenen Regionen. „Bislang hat man nur eine Berechnung darüber angestellt, was es kosten würde, die Anzahl der Insekten zu reduzieren. Allein die Kosten für die Pestizide, die verteilt werden müssten, um die Schwärme zu reduzieren, belaufen sich auf etwa 50 Millionen.“

„Die Zonen, durch die die Schwärme bereits gekommen sind, sind praktisch blattlos“

Um ein Vielfaches höher dürften jedoch die Kosten für die ausgefallenen Ernten ausfallen, schildert der Experte die drastischen Auswirkungen eines vorbeiziehenden Heuschreckenschwarms: „Die Zonen, durch die die Schwärme bereits gekommen sind, sind praktisch blattlos. Die Tiere befallen landwirtschaftliche Anbaugebiete und Buschwälder, zerhacken mit ihren Kauapparaten alle Blätter und lassen die Bäume komplett kahl zurück.“  Damit sei auch ungewiss, ob in den kommenden Monaten ausreichend Nahrung für die Bevölkerung zu Verfügung stehen werde, gibt Bubbolini zu bedenken.

„In Kenia kommt all das zu einem weiteren Problem hinzu, nämlich dass es zwischen den kleinen und den großen Regenfällen keine Pause gab. Das heißt, die Bevölkerung hatte schon Schwierigkeiten, die Lebensmittel zu lagern, die leider anfällig für Schimmel sind und damit ungenießbar werden können. Das verschlimmert dieses Problem nochmals.“

(vatican news – cs)

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Hungerkrise in der Sahelzone: „Missio“ schlägt Alarm

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Alleine in Kenia seien 2,5 Millionen Menschen vom Hunger und Wasser- und Nahrungsmittelknappheit betroffen, warnt Missio.

„Missio“-Direktor Wallner fordert Europa zum Handeln auf.

Die Österreich-Sektion der Päpstlichen Missionswerke, „Missio Austria“, warnt vor einer dramatischen Verschärfung der Hungerkrise in der Sahelzone. Millionen Menschen seien derzeit von Dürre und Hungertod bedroht, heißt es in einer Aussendung vom Freitag, 24. Februar 2017. „Wenn jetzt nicht geholfen wird, werden wir Zeugen einer humanitären Katastrophe“, warnte Missio-Direktor Pater Karl Wallner. Die aktuelle Dramatik sei in Europa viel zu wenig bewusst, forderte er zum raschen Handeln auf.

Alleine in Kenia seien 2,5 Millionen Menschen vom Hunger und Wasser- und Nahrungsmittelknappheit betroffen. Der Regenmangel habe den Turkana-See, das große Wasserreservoir Kenias, beinahe austrocknen lassen, das restliche Wasser sei verseucht. Flüchtlinge aus dem Südsudan, wo Bürgerkrieg herrscht, verschärfen die Situation laut Missio noch. Seit Sommer hätten die Kämpfe dort zugenommen, der Konflikt zwischen Nuer und Dinka habe sich auf alle Stämme ausgebreitet. Die meisten Männer stünden unter Waffen oder seien gefallen, kaum jemand bleibe übrig, um die Felder zu bestellen.

Über zwei Millionen Menschen sind derzeit im Südsudan selbst auf der Flucht. Weitere 1,3 Millionen bereits nach Uganda aufgebrochen, hieß es. Über 700.000 Betroffene sind in dem ohnehin armen Land im Norden in Flüchtlingslagern untergebracht, berichtete Missio. 19 Camps gibt es in Nord-Uganda, die meisten Flüchtlinge sind unbegleitete Minderjährige, die ihre Angehörigen im Camp suchen. Dort herrsche zumeist „völliges Chaos“, da die Organisatoren des Camps mit dem Ansturm überfordert seien. In Bidi Bidi, dem weltweit größten Flüchtlingscamp, das erst vor einem halben Jahr eröffnet wurde, leben 250.000 Menschen bei 40 Grad Hitze ohne Wasser.

 

Spendenkonto: PSK, IBAN: AT96 6000 0000 0701 5500, Kennwort: Südsudan

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Papst Franziskus: Besuch des Elendsviertels von Kangemi/Nairobi (Kenia)

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Bewohner des Kangemi-Slums warten auf den Papstbesuch

APOSTOLISCHE REISE VON PAPST FRANZISKUS
NACH KENIA, UGANDA UND IN DIE ZENTRALAFRIKANISCHE REPUBLIK

(25.-30. NOVEMBER 2015)

ANSPRACHE DES HEILIGEN VATERS

Nairobi (Kenia)
Freitag, 27. November 2015

[Multimedia]

 

Danke, dass ihr mich in eurem Viertel empfangt. Ich danke auch Erzbischof Kivuva und Pater Pascal für ihre Worte. Tatsächlich fühle ich mich wie zu Hause, da ich diesen Moment mit Brüdern und Schwestern teile, die – ich schäme mich nicht, das zu sagen – in meinem Leben und in meinen Entscheidungen einen bevorzugten Platz haben. Ich bin hier, weil ich möchte, dass ihr wisst, dass mir eure Freuden und Hoffnungen, eure Ängste und Traurigkeiten nicht gleichgültig sind. Ich weiß um die Schwierigkeiten, die ihr Tag für Tag durchmacht! Wie könnte ich die Ungerechtigkeiten, die ihr erleidet, nicht anprangern!

Vor allem aber möchte ich mich bei einem Aspekt aufhalten, den die ausschließenden Reden nicht zu erkennen vermögen oder zu verkennen scheinen. Ich möchte mich auf die Weisheit der Armenviertel beziehen, eine Weisheit, die aus dem »zähen Widerstand des Echten hervorsprießt« (Enzyklika Laudato si [24. Mai 2015], 112), aus den Werten des Evangeliums, welche die durch den zügellosen Konsum eingeschlummerte Wohlstandswelt zu vergessen haben scheint. Ihr seid fähig, »Bande der Zugehörigkeit und des Zusammenlebens zu knüpfen, die das Gedränge in eine Gemeinschaftserfahrung verwandeln, wo die Wände des Ichs durchbrochen und die Schranken des Egoismus überwunden werden« (ebd., 149).

Die Kultur der Armenviertel, die von dieser besonderen Weisheit durchdrungen ist, »besitzt sehr positive Eigenschaften, die ein Beitrag für die Zeit sind, in der wir leben. Sie drückt sich aus in Werten, die darin bestehen, Solidarität zu üben; das Leben für den anderen hinzugeben; die Geburt dem Tod vorzuziehen; den eigenen Verstorbenen ein christliches Begräbnis zu geben; dem Kranken einen Platz im eigenen Haus zu bieten; mit dem Hungrigen zu teilen – „Wo zehn essen, da essen auch zwölf“, sagen sie –; Geduld und Stärke gegenüber großen Widrigkeiten zu zeigen usw.« (Equipo de Sacerdotes para las Villas de Emergencia (Argentinien), Reflexiones sobre la urbanisación y la cultura villera [2010]). Werte, die sich darauf stützen, dass jeder Mensch wichtiger ist als der Götze Geld. Danke, dass ihr uns daran erinnert, dass eine andere Art von Kultur möglich ist!

Ich möchte diese Werte, die ihr praktiziert, an erster Stelle fordern – Werte, die nicht an der Börse gehandelt werden, Werte, mit denen nicht spekuliert wird und die keinen Marktwert besitzen. Ich beglückwünsche euch, ich begleite euch und möchte, dass ihr wisst, dass der Herr euch nie vergisst. Der Weg Jesu begann in den Randgebieten, er geht aus von den Armen und geht mit den Armen zu allen.

Diese Anzeichen für ein gutes Leben, die sich täglich unter euch entwickeln, anzuerkennen bedeutet in keiner Weise, sich keine Vorstellung von der abscheulichen Ungerechtigkeit der städtischen Ausgrenzung zu machen. Es sind die Wunden, die Minderheiten verursachen, welche Macht und Reichtum konzentrieren und egoistisch verschwenden, während wachsende Mehrheiten sich in verwahrloste, verseuchte, ausgesonderte Randzonen flüchten müssen.

Das verschärft sich, wenn wir die ungerechte Verteilung des Bodens sehen (vielleicht nicht in diesem Quartier, in anderen aber sehr wohl), die in vielen Fällen dazu führt, dass ganze Familien überhöhte Mieten zahlen für Behausungen in ungeeignetem baulichen Zustand. Ich weiß auch um das schwerwiegende Problem des Hamsterkaufs von Ländereien durch gesichtslose „private Entwickler“, die sogar versuchen, sich den Pausenhof der Schulen ihrer Kinder anzueignen. Das geschieht, weil man vergisst, dass »Gott […] die Erde dem ganzen Menschengeschlecht geschenkt [hat], ohne jemanden auszuschließen oder zu bevorzugen, auf dass sie alle seine Mitglieder ernähre« (Johannes Paul II., Enzyklika Centesimus annus[1. Mai 1991], 31).

In diesem Sinn stellt der mangelnde Zugang zu Infrastrukturen und den wichtigsten Serviceleistungen ein schwerwiegendes Problem dar. Ich meine damit Toiletten, Abwasserkanäle, Abflüsse, Müllabfuhr, Elektrizität, Wege, aber auch Schulen, Krankenhäuser, Erholungs- und Sportzentren und Kunstwerkstätten. Im Besonderen möchte ich mich auf Trinkwasser beziehen. »Der Zugang zu sicherem Trinkwasser [ist] ein grundlegendes, fundamentales und allgemeines Menschenrecht, weil es für das Überleben der Menschen ausschlaggebend und daher die Bedingung für die Ausübung der anderen Menschenrechte ist. Diese Welt lädt eine schwere soziale Schuld gegenüber den Armen auf sich, die keinen Zugang zum Trinkwasser haben, denn das bedeutet, ihnen das Recht auf Leben zu verweigern, das in ihrer unveräußerlichen Würde verankert ist« (Enzyklika Laudato si, 30). Einer Familie unter irgendeinem bürokratischen Vorwand das Wasser zu verweigern, ist eine große Ungerechtigkeit, vor allem, wenn aus dieser Not ein Nutzen gezogen wird.

Dieser Kontext von Gleichgültigkeit und Feindseligkeit, unter dem die Armenviertel leiden, verschlimmert sich, wenn sich die Gewalt einbürgert und die kriminellen Organisationen im Dienst von wirtschaftlichen oder politischen Interessen Kinder und Jugendliche als „Kanonenfutter“ für ihre blutigen Machenschaften benutzen. Ich kenne auch die Leiden der Frauen, die heldenhaft kämpfen, um ihre Söhne und Töchter vor diesen Gefahren zu schützen. Ich bitte Gott, dass die Verantwortungsträger zusammen mit euch den Weg der sozialen Inklusion, den Weg der Erziehung, des Sports, des gemeinschaftlichen Handelns und des Schutzes der Familien einschlagen mögen, denn das ist die einzige Garantie für einen gerechten, wirklichen und dauerhaften Frieden.

Diese Wirklichkeiten, die ich aufgezählt habe, sind keine zufällige Kombination von Einzelproblemen. Sie sind vielmehr die Folge neuer Formen von Kolonialismus, der behauptet, die afrikanischen Länder seien »Teile einer gewaltigen Maschinerie« (Johannes Paul II., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Ecclesia in Africa [14. September 1995], 52). Tatsächlich fehlt es nicht an Druck, damit sie politische Maßnahmen der Aussonderung ergreifen wie zum Beispiel die zur Geburtenbeschränkung – eine Art „Wegwerfpolitik“, die danach trachtet, »das gegenwärtige Modell der Verteilung zu legitimieren, in dem eine Minderheit sich für berechtigt hält, in einem Verhältnis zu konsumieren, das unmöglich verallgemeinert werden könnte« (Enzyklika Laudato si, 50).

In diesem Zusammenhang schlage ich vor, die Idee einer respektvollen städtischen Eingliederung wieder aufzugreifen. Weder Ausmerzung, noch Paternalismus, noch Gleichgültigkeit, noch bloße Zügelung. Wir brauchen Städte, die integriert und für alle da sind. Wir müssen die bloße Proklamation von Rechten, die in der Praxis nicht respektiert werden, überwinden, systematische Aktionen konkretisieren, welche den Lebensraum des Volkes verbessern, und neue wertvolle Siedlungen planen, um die kommenden Generationen zu beherbergen. Die soziale Schuld, die Umwelt-Schuld gegenüber den Armen der Städte bezahlt man, indem man das unantastbare Recht auf die „drei T“ (tierra, techo y trabajo – Land, Wohnung und Arbeit) verwirklicht. Das ist keine Philanthropie, es ist eine moralische Verpflichtung aller.

Ich möchte alle Christen, besonders die Hirten, aufrufen, den missionarischen Schwung zu erneuern, gegenüber so vielen Ungerechtigkeiten die Initiative zu ergreifen, in die Probleme der Nächsten einzugreifen, sie in ihrem Ringen zu begleiten, die Früchte ihrer Gemeinschaftsarbeit zu schützen und gemeinsam jeden kleinen und großen Sieg zu feiern. Ich weiß, dass sie schon viel tun, aber ich bitte sie, sich daran zu erinnern, dass es nicht eine zusätzliche Aufgabe, sondern jedes Mal die wichtigste Aufgabe ist, denn »die Armen sind die ersten Adressaten des Evangeliums« (Benedikt XVI., Ansprache anlässlich der Begegnung mit den Bischöfen Brasiliens [São Paulo, 11. Mai 2007], 3).

Liebe Bewohner dieses Viertels, liebe Brüder und Schwestern, beten, arbeiten und engagieren wir uns gemeinsam dafür, dass jede Familie eine würdige Wohnung hat, Zugang zum Trinkwasser hat, ein Bad hat und sichere Elektrizität, um Licht anzuzünden und zu kochen, und dass sie ihre Behausungen verbessern können…dass jedes Viertel Wege, Plätze, Schulen, Krankenhäuser, Sportplätze, Erholungszonen und Raum für Kunst hat; dass die wichtigsten Serviceleistungen jeden von euch erreichen; dass eure Forderungen und euer Ruf nach Chancen Gehör finden; dass alle den Frieden und die Sicherheit genießen können, die sie entsprechend ihrer unendlichen Menschenwürde verdienen.

Mungu awabariki!   (Gott segne euch!)

Und ich bitte euch von Herzen, vergesst nicht, für mich zu beten!

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Papst Franziskus beendet seine Afrikareise

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Erst angekommen und schon wieder weg: Nach sechs intensiven Tagen und drei afrikansichen Ländern fliegt Franziskus wieder zurück nach Rom

Papst Franziskus hat seine erste Afrikareise beendet. Von Bangui, der Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik aus, brach er an diesem Montagmittag auf in Richtung Rom. Dort wird er am Abend gegen 19 Uhr zurückerwartet. Auf dem Flughafen von Bangui wurde Franziskus von der Übergangspräsidentin der Zentralafrikanischen Republik, Catherine Samba-Panza, verabschiedet; dabei wurden die Hymnen des Landes und des Vatikans gespielt, Reden wurden nicht gehalten. Vor seiner Abreise aus Bangui hatte der Papst im Stadion der Hauptstadt mit Zehntausenden von Menschen eine Messe gefeiert. Dabei rief er sie dazu auf, dem „Lockruf des Satans“ zu widerstehen und für eine „Erneuerung eures Landes“ zu arbeiten.

Es war die elfte Auslandsreise von Franziskus seit seinem Amtsantritt vom März 2013 gewesen. Vom 25. bis 30. November besuchte er Kenia, Uganda und die Zentralafrikanische Republik. Von Kenias Hauptstadt Nairobi aus rief der Papst im Hauptsitz des UNO-Umweltprogramms den Klimagipfel von Paris zu mutigen Entscheidungen auf. In Bangui öffnete er am Sonntagabend die erste Heilige Pforte des bevorstehenden Heiligen Jahres der Barmherzigkeit. Offiziell startet dieses Heilige Jahr erst am 8. Dezember in Rom.

(rv 30.11.2015 sk)

Papst an Kenias Jugend: Nein zu Tribalismus, Ja zum Gebet

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Der Papst mit Jugendlichen

Kenias Jugend sollte sich vor Spaltungen und Stammesdenken hüten. Das riet der Papst in einer engagierten, improvisierten Rede vor mehreren zehntausend Jugendlichen im Kasarani-Stadion der Hauptstadt Nairobi. Gleichzeitig prangerte der Papst am Freitagmorgen die Korruption als „Weg des Todes“ an.

Das einstündige Treffen begann mit den Berichten und Fragen von zwei jungen Leuten. Sie brachten den Papst dazu, sein vorbereitetes Redemanuskript beiseitezulegen und frei zu sprechen – auf Spanisch. Ein Vatikan-Mitarbeiter übersetzte das dann ins Englische.

Krieg und Spaltungen

Beim Thema „Krieg und Spaltungen“ wies Franziskus darauf hin, dass bereits auf den ersten Seiten der Bibel ein Brudermord beschrieben werde, „gleich nach den wunderbaren Dingen, die Gott erschaffen hat“. Der Geist des Bösen stifte die Menschen zur Zerstörung und zur Zerstrittenheit an, zum Tribalismus, zur Korruption, zur Drogenabhängigkeit. Das Gegenmittel dazu sei, so der Papst, das Gebet. „Das Leben ist voller Schwierigkeiten, aber es gibt zwei Möglichkeiten, darauf zu schauen: als etwas, das dich blockiert und bremst, oder als eine Chance. Ihr habt die Wahl!“

Stammesdenken

Eine große Herausforderung sei der Tribalismus, also das Stammesdenken. Man überwinde ihn nur durch „das Ohr, das Herz und durch die Hand“, also durch das Nachdenken, den Respekt und die Zuwendung. „Wenn ihr keinen Dialog führt und anderen nicht zuhört, dann bleibt ihr im Tribalismus stecken! Das ist wie ein Wurm, der in der Gesellschaft immer fetter wird“, fuhr Franziskus fort. Kenias Jugend solle die vielen Formen von Fanatismus überwinden und durch Dialog zu Einheit gelangen. „Wir sind eine Nation“, wiederholte der Papst in seiner improvisierten Ansprache; und er lud er die Anwesenden ein, sich die Hände zu reichen. Vielleicht eines der stärksten, symbolgeladenen Bilder dieser Afrikareise.

Korruption

Dann kam der Papst auf das Thema Korruption, die sich schlechthin nie rechtfertigen lasse. In der Politik und im täglichen Leben sei sie verbreitet, sogar im Vatikan gebe es Korruptionsfälle, so der Papst. Korruption sei etwas, das sich in den Menschen einniste; „wie Zucker, ganz süß, etwas das schmeckt und einfach ist“. Aber zu viel Zucker führe zu Diabetes, und das könne auch einem ganzen Land passieren. „Bitte: Gewöhnt euch nicht an diesen Zucker namens Korruption! Korruption ist kein Weg des Lebens, sie ist ein Weg des Todes.“

Familie

Ausdrücklich rief der Papst die Jugendlichen auf, die Familie zu schützen, die auch die älteren Menschen einschließen müsse. Überall gebe es verlassene Kinder, bei der Geburt verlassen oder vom Leben verlassen – sie spürten keine Familienliebe um sich herum. Das sei der Grund, warum Familie so wichtig sei. „Fleisch heilt Fleisch: Darum ist Gott Fleisch geworden, um sich uns anzunähern.“

Fanatismus

Franziskus prangerte auch ausdrücklich jede Form von Fanatismus an. Es sei nicht hinnehmbar, dass Jugendliche sich gegenseitig verletzten und vernichteten. Dazu brauche es den Geist der Einheit. „Fanatismus darf uns nicht den Bruder rauben!“ Man dürfe sich von Herausforderungen nicht überrollen lassen, sondern sie als Chance für einen Neuanfang begreifen. Vor allem sollten die Jugendlichen sich für die Armen einsetzen, aber auch für andere Jugendliche auf Abwegen, die etwa von kriminellen Gruppen rekrutiert würden.

Die beste Art und Weise, um die Radikalisierung von jungen Leuten zu verhindern, sei Ausbildung und Arbeit. Es bestehe eine soziale Gefahr, wenn ein Land von einem internationalen System abhänge, welches ungerecht sei. Da stehe nicht der Mensch im Mittelpunkt, sondern der Geld-Gott. „Was kann ich tun, um diesem jungen Menschen zu helfen und ihn zurückzubringen? Als erstes: Beten, aber kräftig! Gott ist stärker als jedwede Rekrutierungskampagne. Und dann: mit ihm voller Liebe und Sympathie sprechen – und mit viel Geduld. Ihn einladen zu einem Fußballmatch, zu einem Spaziergang, in deine Gruppe zu kommen. Lass ihn nicht allein!“

Kommunikation

Sogar zum Umgang mit den Medien sprach der Papst: Um die Botschaft Christi zu verbreiten und gute Initiativen zu fördern, sei vor allem Freundschaft nötig. „Wenn ihr euch einander annähert und euch anlächelt, auch wenn ihr aus verschiedenen Stämmen kommt, und wenn ihr euch den Armen, den Kranken, den Verlassenen, den Alten annähert, dann sind diese Kommunikationsgesten ansteckender als alle Fernsehkanäle!“

Glaube und Hoffnung

Der Papst erzählte auch etwas Persönliches, was vielen noch nicht bekannt war: In seiner Tasche trage er immer zwei Dinge mit sich, und zwar einen Rosenkranz, um zu beten, „und etwas Merkwürdiges: das hier!“ Er zeigte auf einen kleinen Taschen-Kreuzweg. „Mit diesen beiden Dingen in der Tasche tue ich, was ich kann. Dank dieser beiden Dingen verliere ich nie die Hoffnung.“

Nach der Begegnung mit den Jugendlichen traf der Papst in einem Nebenraum des Stadions mit den Bischöfen des Landes zu einer kurzen Begegnung zusammen. Für den Nachmittag steht die Weiterreise nach Uganda, der zweiten Station seiner ersten Afrika-Reise, auf dem Programm. Der rund 500 Kilometer weite Flug von Nairobi nach Entebbe dauert etwas über eine Stunde.

(rv 27.11.2015 mg)

Papst Franziskus bei der UNO in Nairobi (Kenia)

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Papst Franziskus bei den Vereinten Nationen in Nairobi

Papst Franziskus Ansprache bei den Büros der Vereinten Nationen
in Nairobi am 26. November 2015

 

Wir dokumentieren im Wortlaut.

Ich möchte mich bedanken für die freundliche Einladung und für die Worte, mit denen die Generaldirektorin des Büros der Vereinten Nationen in Nairobi, Frau Sahle-Work Zewde, wie auch der Exekutiv-Direktor des Umwelt-Programms der Vereinten Nationen, Herr Achim Steiner, und der Exekutiv-Direktor des Programms UN-HABITAT, Herr Joan Clos, mich willkommen geheißen haben. Ich nutze die Gelegenheit, um das gesamte Personal zu grüßen sowie alle, die mit den hier gegenwärtigen Institutionen zusammenarbeiten.

Auf dem Weg zu diesem Saal wurde ich eingeladen, im Park des Zentrums der Vereinten Nationen einen Baum zu pflanzen. Ich habe mich gerne auf diese symbolische und einfache Geste eingelassen, die in vielen Kulturen reich an Bedeutung ist.

Einen Baum zu pflanzen, ist an erster Stelle eine Einladung, weiter gegen Phänomene wie die Entwaldung und die Wüstenbildung zu kämpfen. Es erinnert uns an die Wichtigkeit, die »an biologischer Vielfalt überreichen Lungen des Planeten« zu schützen und verantwortlich zu verwalten, wie wir das auf diesem Kontinent anhand des Kongobeckens gut beurteilen können. Es ist ein »für die Gesamtheit des Planeten und für die Zukunft der Menschheit« wesentlicher Ort. Hohe Wertschätzung und Ermutigung gilt deshalb stets der »Aufgabenstellung von internationalen Organisationen und Vereinigungen der Zivilgesellschaft, welche die Bevölkerungen sensibilisieren und kritisch mitwirken – auch unter Einsatz legitimer Druckmittel –, damit jede Regierung ihre eigene und nicht delegierbare Pflicht erfüllt, die Umwelt und die natürlichen Ressourcen ihres Landes zu bewahren, ohne sich an unehrliche lokale oder internationale Interessen zu verkaufen« (Enzyklika Laudato si’, 38).

Andererseits veranlasst uns das Pflanzen eines Baumes, weiter zu vertrauen, zu hoffen und besonders dazu, uns mit eigenen Händen dafür zu engagieren, all die Situationen von Ungerechtigkeit und Verfall, unter denen wir heute leiden, umzukehren.

In wenigen Tagen wird in Paris ein wichtiges Treffen über den Klimawandel beginnen, wo die internationale Gemeinschaft als solche sich erneut mit dieser Problematik auseinandersetzen wird. Es wäre traurig – und ich wage zu sagen: sogar katastrophal –, wenn die Partikularinteressen über das Gemeinwohl siegen und dazu führen würden, die Information zu manipulieren, um die eigenen Planungen zu schützen.

In diesem internationalen Kontext, wo sich uns die Alternative stellt, die wir nicht ignorieren können, nämlich die Umwelt zu verbessern oder sie zu zerstören, weist jede kleine oder große individuelle oder kollektive Initiative zum Schutz der Schöpfung den sicheren Weg zu jener »großherzigen und würdigen Kreativität, die das Beste des Menschen an den Tag legt« (ebd., 211).

»Das Klima ist ein gemeinschaftliches Gut von allen und für alle […] Der Klimawandel ist ein globales Problem mit schwerwiegenden Umwelt-Aspekten und ernsten sozialen, wirtschaftlichen, distributiven und politischen Dimensionen; er stellt eine der wichtigsten aktuellen Herausforderungen an die Menschheit dar« (ebd., 23. 25), deren Bewältigung »eine soziale Perspektive einbeziehen [muss], welche die Grundrechte derer berücksichtigt, die am meisten übergangen werden« (ebd., 93). Denn »der Missbrauch und die Zerstörung der Umwelt gehen zugleich mit einem unaufhaltsamen Prozess der Ausschließung einher« (Ansprache an die UN-Generalversammlung [25. September 2015]).

Die COP21 ist ein wichtiger Schritt in dem Prozess der Entwicklung eines neuen Energiesystems, das so wenig wie möglich von den fossilen Kraftstoffen abhängt, Energieeffizienz anstrebt und sich auffächert durch den Gebrauch von Energie mit niedrigem oder gar keinem CO2-Ausstoß. Wir stehen vor der großen politischen und wirtschaftlichen Verpflichtung, das Versagen und die Verzerrungen des aktuellen Entwicklungsmodells neu zu überdenken und zu korrigieren.

Die Vereinbarung von Paris kann ein deutliches Zeichen in dieser Richtung setzen, vorausgesetzt – wie ich bereits vor der Generalversammlung der UNO sagte – dass wir »jede Versuchung meiden […], einem Nominalismus zu verfallen, der sich in Deklarationen erschöpft und einen Beruhigungseffekt auf  das Gewissen ausübt. Wir müssen dafür sorgen, dass unsere Institutionen wirklich effektiv sind« (ebd.). Darum hoffe ich, dass die COP21 zum Abschluss einer globalen und „verwandelnden“ Vereinbarung gelangt, die auf den Grundsätzen von Solidarität, Gerechtigkeit, Fairness und Beteiligung basiert und auf die Verfolgung dreier Ziele ausgerichtet ist, die zugleich vielschichtig und interdependent sind: Linderung der Auswirkung des Klimawandels, Kampf gegen die Armut und Achtung der Menschenwürde.

Trotz vieler Schwierigkeiten setzt sich zur Zeit die »Tendenz« durch, »den Planeten als Heimat zu begreifen und die Menschheit als ein Volk, das ein gemeinsames Haus bewohnt« (Enzyklika Laudato si’, 164). Kein Land kann sich bei seinem Handeln »einer allgemeinen Verantwortung entziehen. Wenn wir wirklich eine positive Veränderung wollen, müssen wir demütig unsere wechselseitige Abhängigkeit akzeptieren« (Ansprache an die Volksbewegungen [9. Juli 2015]). Das Problem entsteht, wenn wir meinen, Interdependenz sei gleichbedeutend mit einem Aufoktroyieren oder mit der Unterwerfung einiger im Hinblick auf die Interessen anderer – Unterwerfung des Schwächeren zugunsten des Stärkeren.

Es bedarf eines ehrlichen und offenen Dialogs in verantwortlichem Zusammenwirken aller: der politischen Verantwortungsträger, der Welt der Wissenschaft, des Unternehmertums und der Zivilgesellschaft. Es fehlt nicht an positiven Beispielen, die uns beweisen, dass eine wirkliche Zusammenarbeit von Politik, Wissenschaft und Wirtschaft fähig ist, bedeutende Ergebnisse zu erzielen.

Wir wissen andererseits, dass »die Menschen, die fähig sind, sich bis zum Äußersten herabzuwürdigen, […] sich auch beherrschen, sich wieder für das Gute entscheiden und sich bessern [können]« (Enzyklika Laudato si’, 205). Diese tiefe Einsicht lässt uns hoffen: Wenn die Menschheit des post-industriellen Zeitalters vielleicht als eine der verantwortungslosesten der Geschichte in der Erinnerung bleiben könnte, dann möge »die Menschheit vom Anfang des 21. Jahrhunderts in die Erinnerung eingehen […], weil sie großherzig ihre schwerwiegende Verantwortung auf sich genommen hat« (ebd., 165). Dazu ist es notwendig, dass die Wirtschaft und die Politik in den Dienst der Völker gestellt werden, wo »der Mensch im Einklang mit der Natur das gesamte System von Produktion und Distribution so gestaltet, dass die Fähigkeiten und die Bedürfnisse jedes Einzelnen einen angemessenen Rahmen im Gemeinwesen finden« (Ansprache an die Volksbewegungen [9. Juli 2015]). Es handelt sich nicht um eine phantastische Utopie, sondern im Gegenteil um eine realistische Perspektive, die den Menschen und seine Würde als Ausgangspunkt nimmt und als das Ziel, dem alles zufließen muss.

Der Kurswechsel, den wir brauchen, kann nicht verwirklicht werden ohne einen wesentlichen Einsatz für die Erziehung und die Ausbildung. Nichts wird möglich sein, wenn die politischen und technischen Lösungen nicht mit einem Erziehungsprozess einhergehen, der neue Lebensstile fördert. Einen neuen kulturellen Stil. Das verlangt eine Erziehung, die darauf ausgerichtet ist, Kindern, Frauen und Männern, Jugendlichen und Erwachsenen eine Kultur der Achtsamkeit nahezubringen – Achtsamkeit gegenüber sich selbst, gegenüber dem anderen, gegenüber der Umwelt – anstelle der Kultur des Verfalls und des Wegwerfens, in der man sich selbst, den anderen und die Umwelt „wegwirft“. Die Förderung des »Bewusstsein[s] des gemeinsamen Ursprungs, einer wechselseitigen Zugehörigkeit und einer von allen geteilten Zukunft […] würde [uns] die Entwicklung neuer Überzeugungen, Verhaltensweisen und Lebensformen erlauben. [Das ist] eine große kulturelle, spirituelle und erzieherische Herausforderung […], die langwierige Regenerationsprozesse beinhalten wird« (Enzyklika Laudato si’, 202), die wir noch rechtzeitig in Gang setzen können.

Die Verfalls- und Wegwerfkultur hat dazu geführt, den Götzen des Gewinns und des Konsums viele Gesichter, Geschichten und offensichtliche Folgen bei Tausenden von Menschen zu opfern. Wir müssen uns vor einem traurigen Zeichen der „Globalisierung der Gleichgültigkeit“ hüten: davor, uns allmählich an das Leiden der anderen zu gewöhnen, als wäre es etwas Normales (Vgl. Botschaft zum Welternährungstag 2013 [16. Oktober 2013], 2) oder – noch schlimmer – uns mit den extremen und skandalösen Formen des „Wegwerfens“ und der sozialen Ausschließung abzufinden, wie sie uns in den neuen Formen der Sklaverei, in Menschenhandel, Zwangsarbeit, Prostitution und dem Handel mit Organen begegnen. »Tragisch ist die Zunahme der Migranten, die vor dem Elend flüchten, das durch die Umweltzerstörung immer schlimmer wird, und die in den internationalen Abkommen nicht als Flüchtlinge anerkannt werden; sie tragen die Last ihres Lebens in Verlassenheit und ohne jeden gesetzlichen Schutz« (Enzyklika Laudato si’, 25). Es sind viele Leben, viele Geschichten, viele Träume, die in unserer gegenwärtigen Zeit Schiffbruch erleiden. Davor dürfen wir nicht gleichgültig bleiben. Wir haben kein Recht dazu.

Parallel zur Unachtsamkeit gegenüber der Umwelt sind wir seit langem Zeugen einer schnell fortschreitenden Urbanisierung, die bedauerlicherweise häufig »das maßlose und ungeordnete Wachsen vieler Städte [verursacht], die für das Leben ungesund geworden sind« (ebd., 44) und sich als unwirtschaftlich erweisen. Zudem sind es Orte, wo sich besorgniserregende Symptome eines tragischen Zerreißens der Bande von Integration und sozialer Gemeinschaft ausbreiten. Das führt zur »Zunahme der Gewalt und [zum] Aufkommen neuer Formen sozialer Aggressivität, [zu] Rauschgifthandel und steigende[m] Drogenkonsum unter den Jüngsten, [zum] Verlust der Identität« (ebd., 46), zu Entwurzelung und zu sozialer Anonymität (vgl. ebd., 149).

Ich möchte allen Mut zusprechen, die auf lokaler und internationaler Ebene dafür arbeiten sicherzustellen, dass der Prozess der Urbanisierung sich in ein wirksames Mittel für Entwicklung und Integration verwandelt, um allen – und besonders den in den Randvierteln Lebenden – würdige Lebensbedingungen zu gewährleisten, indem man ihnen die Sicherheit der Grundrechte auf Land, Wohnung und Arbeit bietet. Es ist notwendig, Initiativen der Städteplanung und der Pflege der öffentlichen Plätze zu fördern, die in diese Richtung gehen und die Beteiligung der Menschen vor Ort vorsehen. Dabei geht es darum, den vielen Ungleichheiten und den Inseln städtischer Armut entgegenzuwirken, die nicht nur den wirtschaftlichen, sondern auch den gesellschaftlichen und ökologischen Bereich betreffen. Die kommende HABITAT-III-Konferenz, die für Oktober 2016 in Quito vorgesehen ist, könnte ein wichtiger Moment sein, um Wege ausfindig zu machen, wie man diesen Problemkreisen begegnen kann.

In wenigen Tagen wird diese Stadt Nairobi Sitz der 10. Ministerkonferenz der Welthandelsorganisation sein. 1967 stellte mein Vorgänger Paul VI. angesichts einer immer stärker interdependenten Welt – und indem er der aktuellen Wirklichkeit der Globalisierung um Jahre zuvorkam – Überlegungen darüber an, wie die Handelsbeziehungen zwischen den Staaten ein grundlegendes Element für die Entwicklung der Völker oder aber Ursache von Elend und Ausschließung sein könnten (Vgl. Enzyklika Populorum progressio, 56-62). Auch wenn man anerkennt, dass vieles auf diesem Gebiet bereits getan wurde, scheint doch noch kein internationales Handelssystem erreicht zu sein, das gerecht ist und ganz im Dienst des Kampfes gegen Armut und Ausschließung steht. Die Handelsbeziehungen zwischen den Staaten, die ein unerlässlicher Teil der Beziehungen zwischen den Völkern sind, können ebenso dazu dienen, die Umwelt zu schädigen, wie dazu, sie zurückzugewinnen und für die kommenden Generationen zu sichern.

Ich äußere meinen Wunsch, dass die Beschlüsse der kommenden Konferenz von Nairobi nicht nur ein bloßer Ausgleich von entgegengesetzten Interessen seien, sondern ein wirklicher Dienst an der Sorge für das gemeinsame Haus und an der ganzheitlichen Entwicklung der Menschen, speziell derer, die am meisten übergangen werden. Im Besonderen möchte ich mich den Sorgen weiter Kreise anschließen, die sich in der Mitarbeit an der Entwicklung und im Gesundheitswesen engagieren – unter ihnen auch die Ordensgemeinschaften, die sich um die Ärmsten und die am meisten Ausgeschlossenen kümmern – den Sorgen in Bezug auf die Vereinbarungen über das geistige Eigentum und den Zugang zu Medikamenten und zur medizinischen Grundversorgung. Die regionalen Freihandelsabkommen über den Schutz des geistigen Eigentums, besonders auf pharmazeutischem und biotechnologischem Gebiet, dürfen nicht nur die den Staaten bereits erteilten Befugnisse für multilaterale Vereinbarungen nicht begrenzen, sondern müssten im Gegenteil ein Mittel sein, um allen ein Minimum an Gesundheitsfürsorge und an Zugang zu den Basisheilmitteln zu gewähren. Die multilateralen Diskussionen müssen ihrerseits den ärmsten Ländern die Zeit, die Flexibilität und die notwendigen  Ausnahmen gewähren für eine geordnete und nicht traumatische Anpassung an die Handelsnormen. Die Interdependenz und die Integration der Ökonomien dürfen nicht die geringste Beeinträchtigung der bestehenden Gesundheitssysteme und der Sozialfürsorge beinhalten; sie müssen, im Gegenteil, ihre Schaffung und ihr Funktionieren begünstigen. Einige Gesundheits-Themen wie die Beseitigung der Malaria und der Tuberkulose, die Pflege der sogenannten „seltenen Krankheiten“ (orphan diseases) und die vernachlässigten Sektoren der Tropenmedizin verlangen eine primäre politische Beachtung, vor jeglichen anderen wirtschaftlichen oder politischen Interessen.

Afrika bietet der Welt eine Schönheit und einen natürlichen Reichtum, der uns veranlasst, den Schöpfer zu loben. Dieses Erbe Afrikas und der gesamten Menschheit ist ständig in Gefahr, aufgrund menschlicher Egoismen aller Art und aufgrund des Missbrauchs von Armut und Ausschließung zerstört zu werden. Im Kontext der Wirtschaftsbeziehungen zwischen den Staaten und den Völkern darf man nicht unterlassen, von Formen illegalen Handels zu sprechen, die in einem Milieu der Armut zunehmen und ihrerseits die Armut und die Ausschließung nähren. Der illegale Handel von Diamanten und Edelsteinen, von seltenen oder strategisch sehr wertvollen Metallen, von Hölzern und biologischem Material und von tierischen Produkten – wie im Fall des Elfenbeinhandels und des damit verbundenen Abschlachtens von Elefanten – fördert die politische Instabilität, das organisierte Verbrechen und den Terrorismus. Diese Situation ist auch ein Schrei der Menschen und der Erde, der von der internationalen Gesellschaft gehört werden muss.

Bei meinem jüngsten Besuch des Sitzes der UNO in New York konnte ich meinen Wunsch und meine Hoffnung zum Ausdruck bringen, dass das Werk der Vereinten Nationen und aller multilateralen Entwicklungen »Unterpfand einer sicheren und glücklichen Zukunft für die kommenden Generationen sein [möge]. Und das wird es sein, wenn die Vertreter der Staaten verstehen, sektorale Interessen und Ideologien auszublenden, und aufrichtig nach dem suchen, was dem Gemeinwohl dienlich ist« (Ansprache an die UN-Generalversammlung [25. September 2015]).

Ich bekräftige noch einmal die Unterstützung der katholischen Gemeinschaft und meine eigene durch Gebet und Zusammenarbeit, damit die Früchte des regionalen Zusammenwirkens, die heute in der Afrikanischen Union und in den vielen afrikanischen Vereinbarungen über Handel, Zusammenarbeit und Entwicklung ihren Ausdruck finden, lebendig und kraftvoll sind und immer das Gemeinwohl der Söhne und Töchter dieses Landes im Auge haben.

Der Segen des Allmächtigen sei mit allen und mit jedem bzw. jeder Einzelnen von Ihnen sowie mit Ihren Völkern. Danke.

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