Und führe uns nicht in Versuchung 

Benedikt XVI. – Licht des Glaubens: die Betrachtung zum Vaterunser im Buch ‚Jesus von Nazareth’. Im Gefolge von Ijob, als Apologie des Menschen, die zugleich Verteidigung Gottes ist. Von Armin Schwibach

Rom (kath.net/as) „Führe uns nicht in Versuchung“ – „wir sagen damit zu Gott: ,Ich weiß, dass ich Prüfungen brauche, damit mein Wesen rein wird. Wenn du diese Prüfungen über mich verfügst, wenn du – wie bei Ijob – dem Bösen ein Stück freien Raum gibst, dann denke, bitte, an das begrenzte Maß meiner Kraft. Trau mir nicht zu viel zu. Zieh die Grenzen, in denen ich versucht werden darf, nicht zu weit und sei mit deiner schützenden Hand in der Nähe, wenn es zu viel für mich wird’“.

kath.net veröffentlicht die dem Buch „Jesus von Nazareth I, 5. Kapitel: Das Gebet des Herrn“ entnommene Betrachtung Benedikts XVI. zur Bitte: „Und führe uns nicht in Versuchung“: 

Und führe uns nicht in Versuchung 

Die Formulierung dieser Bitte ist für viele anstößig: Gott führt uns doch nicht in Versuchung. In der Tat sagt uns der heilige Jakobus: ,,Keiner, der in Versuchung gerät, soll sagen: Ich werde von Gott in Versuchung geführt. Denn Gott kann nicht in Versuchung kommen, Böses zu tun, und er führt auch selbst niemand in Versuchung“ (1,13).

Einen Schritt vorwärts hilft es uns, wenn wir uns an das Wort des Evangeliums erinnern: ,,Damals wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt, um vom Teufel versucht zu werden“ (Mt 4,1). Die Versuchung kommt vom Teufel, aber zu Jesu messianischer Aufgabe gehört es, die großen Versuchungen zu bestehen, die die Menschheit von Gott weggeführt haben und immer wieder wegführen. Er muss, wie wir gesehen haben, diese Versuchungen durchleiden bis zum Tod am Kreuz und so den Weg der Rettung für uns öffnen. Er muss so nicht erst nach dem Tod, sondern mit ihm und in seinem ganzen Leben gleichsam „hinabsteigen in die Hölle“, in den Raum unserer Versuchungen und Niederlagen, um uns an die Hand zu nehmen und aufwärts zu tragen. Der Hebräer-Brief hat auf diesen Aspekt ganz besonderen Wert gelegt, ihn als wesentlichen Teil des Weges Jesu herausgestellt: ,,Denn da er selbst in Versuchung geführt wurde und gelitten hat, kann er denen helfen, die in Versuchung geführt werden“ (2,18). ,,Wir haben ja nicht einen Hohepriester, der nicht mitfühlen könnte mit unserer Schwäche, sondern einen, der in allem wie wir in Versuchung geführt worden ist, aber nicht gesündigt hat“ (4,15).

Der Blick auf das Buch Ijob, in dem sich in so vieler Hinsicht schon das Geheimnis Christi abzeichnet, kann uns zu weiteren Klärungen verhelfen. Satan verhöhnt den Menschen, um so Gott zu verhöhnen: Sein Geschöpf, das er nach seinem Bild geschaffen hat, ist eine erbärmliche Kreatur. Alles, was gut an ihm scheint, ist doch nur Fassade; in Wirklichkeit geht es dem Menschen – jedem – doch immer nur um das eigene Wohlbefinden. Das ist die Diagnose Satans, den die Apokalypse als den „Ankläger unserer Brüder“ bezeichnet, ,,der sie bei Tag und bei Nacht vor Gott verklagte“ (Offb 12,10). Die Verlästerung des Menschen und der Schöpfung ist im Letzten Verlästerung Gottes, Rechtfertigung für die Absage an ihn.

Satan will am gerechten Ijob seine These beweisen: Wenn ihm nur erst alles genommen werde, dann werde er schnell auch seine Frömmigkeit fallen lassen. So gibt Gott dem Satan die Freiheit zur Erprobung, freilich mit genau definierten Grenzen: Gott lässt den Menschen nicht fallen, aber prüfen. Hier scheint ganz leise, noch unausgesprochen, doch schon das Geheimnis der Stellvertretung auf, das in Jes 53 große Gestalt erhält: Die Leiden Ijobs dienen der Rechtfertigung des Menschen. Er stellt durch seinen im Leiden bewährten Glauben die Ehre des Menschen wieder her. So sind die Leiden Ijobs im Voraus Leiden in der Gemeinschaft mit Christus, der unser aller Ehre vor Gott wieder herstellt und uns den Weg zeigt, auch im tiefsten Dunkel den Glauben an Gott nicht zu verlieren.

Das Buch Ijob kann uns auch zu einer Unterscheidung verhelfen zwischen Prüfung und Versuchung. Um reif zu werden, um wirklich immer mehr von einer vordergründigen Frömmigkeit in ein tiefes Einssein mit Gottes Willen zu finden, braucht der Mensch die Prüfung. Wie der Saft der Traube vergären muss, um edler Wein zu werden, so braucht der Mensch Reinigungen, Verwandlungen, die ihm gefährlich sind, in denen er abstürzen kann, aber die doch die unerlässlichen Wege sind, um zu sich selbst und zu Gott zu kommen. Liebe ist immer ein Prozess der Reinigungen, der Verzichte, schmerzvoller Umwandlungen unserer selbst und so Weg der Reifung.

Wenn Franz Xaver betend zu Gott sagen konnte: ,,Ich liebe dich, nicht weil du Himmel oder Hölle zu vergeben hast, sondern einfach, weil du du bist – mein König und mein Gott“, so war gewiss ein langer Weg innerer Reinigungen bis zu dieser letzten Freiheit hin nötig gewesen; ein Weg der Reifungen, auf dem die Versuchung, die Gefahr des Absturzes lauerte – und doch ein nötiger Weg.

So können wir nun die sechste Vaterunser-Bitte schon etwas konkreter auslegen. Wir sagen damit zu Gott: ,,Ich weiß, dass ich Prüfungen brauche, damit mein Wesen rein wird. Wenn du diese Prüfungen über mich verfügst, wenn du – wie bei Ijob – dem Bösen ein Stück freien Raum gibst, dann denke, bitte, an das begrenzte Maß meiner Kraft. Trau mir nicht zu viel zu. Zieh die Grenzen, in denen ich versucht werden darf, nicht zu weit und sei mit deiner schützenden Hand in der Nähe, wenn es zu viel für mich wird.“

In diesem Sinn hat der heilige Cyprian die Bitte ausgelegt. Er sagt: Wenn wir bitten „und führe uns nicht in Versuchung“, dann drücken wir das Wissen aus, „dass der Feind nichts wider uns vermag, wenn es ihm nicht vorher gestattet wird, so dass unsere Furcht, unsere Hingabe und unsere Achtsamkeit sich auf Gott richten, weil ja dem Bösen nichts verstattet ist, wenn ihm nicht Vollmacht dazu gegeben wird“ (De dom or 25, a. a. 0., S. 285f).

Und er führt dann, die psychologische Gestalt der Versuchung abwägend, aus, dass es zwei unterschiedliche Gründe geben kann, warum Gott dem Bösen eine beschränkte Macht erteilt. Es kann geschehen uns zur Buße, um unseren Hochmut zu dämpfen, damit wir wieder die Armseligkeit unseres Glaubens, Hoffens und Liebens erfahren und uns nicht einbilden, aus Eigenem groß zu sein: Denken wir an den Pharisäer, der Gott von seinen eigenen Werken erzählt und keiner Gnade bedürftig zu sein meint. Cyprian führt dann leider nicht näher aus, was die andere Art der Prüfung bedeutet – die Versuchung, die uns Gott ad gloriam – auf seine Herrlichkeit hin – auferlegt. Aber sollten wir dabei nicht daran denken, dass Gott den ihm besonders nahen Menschen, den großen Heiligen, von Antonius in der Wüste bis zu Therese von Lisieux in der frommen Welt ihres Karmels, eine besonders schwere Last an Versuchung aufgebürdet hat?

Sie stehen sozusagen im Gefolge von Ijob, als Apologie des Menschen, die zugleich Verteidigung Gottes ist. Mehr noch: Sie stehen in ganz besonderer Weise in der Gemeinschaft mit Jesus Christus, der unsere Versuchungen durchlitten hat. Sie sind gerufen, die Versuchungen einer Periode sozusagen an ihrem eigenen Leib, in ihrer eigenen Seele zu bestehen, sie für uns, die gewöhnlichen Seelen, durchzutragen und uns hindurchzuhelfen zu dem hin, der unser aller Last auf sich genommen hat. In unserem Beten der sechsten Vaterunser-Bitte muss so einerseits die Bereitschaft enthalten sein, die Last an Prüfung auf uns zu nehmen, die uns zugemessen ist.

Andererseits ist es eben die Bitte darum, dass Gott uns nicht mehr zumisst, als wir zu tragen vermögen; dass er uns nicht aus den Händen lässt. Wir sprechen diese Bitte in der vertrauenden Gewissheit, für die uns der heilige Paulus die Worte geschenkt hat: ,,Gott ist treu; er wird nicht zulassen, dass ihr über eure Kraft hinaus versucht werdet. Er wird euch in der Versuchung Ausweg schaffen, so dass ihr sie bestehen könnt“ (1 Kor 10,13).

(Aus: Joseph Ratzinger-Benedikt XVI, Jesus von Nazareth I, Freiburg-Basel-Wien 2007, S. 195-199)

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Bischof Kohlgraf zum Vaterunser: Gottesbild nicht weichspülen

Bischof Peter Kohlgraf

In die aktuelle Vaterunser-Debatte hat sich jetzt auch der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf eingeschaltet. Er sagt, warum Gott den Menschen durchaus in Versuchung führen könne – und widerspricht damit indirekt dem Papst.

Der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf hat sich in die Vaterunser-Debatte eingeschaltet. „Es führt kein Weg an der Feststellung vorbei, dass die deutsche Übersetzung dem griechischen Urtext im Matthäus- und Lukasevangelium entspricht“, schrieb er am Sonntag auf seiner Facebook-Seite. Frühere Versuche, die griechische Version ins Aramäische, die Sprache Jesu, zurückzuübersetzen, seien nicht eindeutig gelungen. „Wir werden also den griechischen Text als das Gebet Jesu nehmen müssen“, so Kohlgraf. Wegen der derzeitigen Diskussion über eine mögliche Neuformulierung der Vaterunser-Bitte „Führe uns nicht in Versuchung“ hätten besorgte und interessierte Gläubige ihn um eine Stellungnahme gebeten, schreibt der Bischof.

Bei der Bitte, dass Gott die Menschen nicht in Versuchung führen möge, gehe es nicht um kleine Versuchungen, „sondern um die Situation einer Grundentscheidung für oder gegen Gott“, so Kohlgraf. Solche Versuchungen gebe es gleichermaßen im Alten wie im Neuen Testament. Jesus werde in der Wüste zwar vom Teufel in Versuchung geführt. Es sei aber der Geist Gottes selbst, der Jesus in die Situation führe, sich für oder gegen den Vater entscheiden zu müssen. Eine entsprechende Situation wiederhole sich vor seinem Leiden im Garten Getsemani. „Gott ist offenbar nicht nur ‚lieb‘, vieles bleibt in seinem Ratschluss uns Menschen verborgen“, schlussfolgert Kohlgraf.

Dunkle und unverständliche Seiten Gottes

Auch die Menschen heute könnten in solche existenziellen Prüfungssituationen kommen. Dabei kämen sie um die grundlegende Frage nicht herum, ob sie Gott vertrauen oder sich von ihm lossagen wollten, so der Bischof. „Die Bibel lässt zumindest die Möglichkeit zu, dass Gott Menschen eine solche Situation nicht erspart, ja sogar herbeiführt.“ Man tue ihnen keinen Gefallen, wenn man die dunklen und unverständlichen Seiten Gottes ausblende. Es sei demnach nicht sinnvoll, das Gottesbild weich zu spülen und alles wegzustreichen, was man nicht verstehe, schreibt Kohlgraf. „Allein, dass über ein Gebet so diskutiert wird wie derzeit, spricht dafür, die Übersetzung zu belassen.“

Papst Franziskus hatte in der vergangenen Woche die unter anderem auch in Deutschland verwendete Fassung der Vaterunser-Bitte „Führe uns nicht in Versuchung“ kritisiert. Dies sei „keine gute Übersetzung“, sagte er in einem Interview des italienischen Senders TV2000. Es sei nicht Gott, der den Menschen in Versuchung stürze, um zu sehen, wie er falle. „Wer dich in Versuchung führt, ist Satan“, so der Papst. Franziskus nahm damit Bezug auf einen Beschluss der französischen Bischöfe, die offizielle Übersetzung zu ändern. Die freie Übersetzung lautet dort nun: „Lass uns nicht in Versuchung geraten.“ Im Zusammenhang mit der französischen Initiative hatten auch Theologen im deutschen Sprachraum eine Anpassung verlangt. Der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer warnte hingegen vor einer „Verfälschung der Worte Jesu“. (tmg)

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D: „Führe uns nicht in Versuchung“ ist präzise Übersetzung

Professor Thomas Söding

Nach Papst Franziskus Einlassung zur Vaterunser-Übersetzung kocht die Diskussion um den Passus „Und führe uns nicht in Versuchung“ wieder hoch: Wird Gott hier missverstanden? In Frankreich haben die Bischöfe beschlossen, diese Stelle in „Und lass uns nicht in Versuchung geraten“ zu übersetzen. Der Bibelforscher und Professor an der Ruhr Universität Bochum, Thomas Söding, sagt im Gespräch mit dem Kölner Domradio, dass die Diskussion eines aufzeige: das Gebet dürfe nicht einfach „heruntergeleiert werden“. „Die Übersetzung ist älter als nur 50 Jahre und es ist die richtige Übersetzung des griechischen Wortlauts, der für uns die älteste Traditionsgestalt ist – das heißt, wenn man daran etwas ändern will, muss man im Grunde an der gesamten Jesus-Tradition des Neuen Testaments etwas ändern“, so Söding. Die Übersetzung aus dem Griechischen sei „sehr genau im Deutschen“. Man könne leichte Varianten überlegen, aber „Führe uns nicht in Versuchung“ sei präzise. „Es ist auch der lateinischen Bibelübersetzung entsprechend, die an dieser Stelle ebenfalls sehr genau ist. Das heißt, sie ist provokativ, sie ist herausfordernd und genau deswegen reden wir darüber“, fügt Söding an.

Nun hatte Franziskus selber auf einen Beschluss der französischen Bischöfe verwiesen, die offizielle Übersetzung zu ändern. In französischen Gottesdiensten heißt es seit dem ersten Adventssonntag eben: „Lass uns nicht in Versuchung geraten.“ Söding:

„Das ist meines Erachtens keine Übersetzung, sondern eine Paraphrase. Man muss dazu sagen, dass es in den französischen Kirchen früher hieß: ,Unterwerfe uns nicht der Versuchung´ – und das wäre in der Tat ein brutales Gottesbild. Das war nötig, es zu verändern. Aber meines Erachtens hat man da des Guten zu viel getan und das Gottesbild ein wenig weichgezeichnet. Die Sache ist ja sehr ernst. Wenn ich an Gott eine Bitte richte, so wie Jesus mich zu beten gelehrt hat, dann versuche ich Gott nicht zu etwas zu bewegen, was er nicht von sich aus auch täte. So wie Jesus das in Gethsemane gebetet hat: Nicht mein Wille geschehe, sondern deiner. Das ist die Grundhaltung des Gebets. Das heißt, wenn gebetet wird ,Führe uns nicht in Versuchung´, ist nicht Gott als Monster gezeichnet, sondern es wird zum Ausdruck gebracht: Würdest du mich in Versuchung führen, ich würde nicht bestehen. Aber danke, dass du es nicht tust, und das bringe ich dir gegenüber zum Ausdruck.“

(domradio 08.12.2017 mg)

Dein Wille geschehe – wollen wir das wirklich?

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4. Advent / Pixabay CC0 – Myriams-Fotos, Public Domain

Impuls zum 4. Adventssonntag im Jahreskreis A — 18. Dezember 2016

Im Evangelium des 4. Adventssonntags wird von den wenigen Perikopen, die von Maria handeln, die vornehmste und für unser Heil so wichtige vorgelegt: „Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft“ (Lk  1,26-38).

Bei allen vorbereitenden Impulsen, die die Liturgie der Kirche im Advent präsentiert, ist dieser die entscheidende Voraussetzung für das Weihnachtsfest. Hätte Maria, die genauso frei war wie alle Menschen, zu der Botschaft nein gesagt, wäre der Gottessohn nicht in unsere Welt gekommen, wir wären nicht erlöst.

Die Worte des Erzengels Gabriel gaben der Kirche sehr bald Anlass, ihr Gebet – nächst dem trinitarischen Gott – auch an Maria zu richten, um ihre Fürsprache anzurufen, zu der uns der Herr selbst auffordert, wenn er am Kreuz sagt: „Siehe da deine Mutter!“

Nach dem Vaterunser ist das Gegrüßet seist du, Maria das beliebteste Gebet, das Christen sprechen.

Zu allen Zeiten, in allen Religionen, haben Menschen den Zugang zu Gott im Gebet gesucht, und es gibt wunderbare Gebete aus allen Sprachen und Religionen.

Um uns nun aber die Sicherheit zu geben, dass unser Gebet überhaupt bei Gott ankommt, wollte Jesus selbst uns ein Gebet schenken, von dem wir mit Sicherheit sagen können: das hört Gott gern. Das gleiche lässt sich vom Avemaria sagen, enthält es doch im ersten Teil Worte vom Himmel und im zweiten Teil Worte der Demut und des Vertrauens vonseiten des Beters.

Dieser Umstand, wie auch die Art und Weise, wie Jesus uns zu beten empfiehlt, nämlich mit Beharrlichkeit, ist für unsere Zeit besonders wichtig, denn viele Christen sind in ihrem Denken und Handeln dem Irrtum des sog. Modernismus aufgesessen, jener schon von Pius X. abgelehnten Lehre, die in der Praxis dazu führt, dass man nicht Gott sucht, wie er unabhängig von mir selber wirklich ist, sondern dass ich mir letztlich ‚meinen Herrgott selber mache’. In dieser Haltung baut man dann die Kirchen nicht mehr zur Ehre Gottes, sondern für die „religiösen Bedürfnisse“ der Menschen, wobei es dann auch nicht so wichtig ist, ob man Kirchen, Moscheen oder Tempel baut.

Aufgrund der von Christus angezeigten Vorgaben versucht die Kirche seit nunmehr zweitausend Jahren den Menschen zu vermitteln, worauf es ankommt, damit der einzelne Mensch zum ewigen Leben findet. Dass er sich außerdem hier auf Erden wohlfühlt, kann nur begrüßt werden, aber es wäre nicht im Sinne Christi, wenn das die Hauptsache wäre. „Suchet zuerst das Reich Gottes, und alles andere wird euch dazu gegeben werden!“

Oft genug ist es dem Herrn selbst passiert, dass die Leute etwas anderes wollten als er, aber er konnte ihnen nicht immer zu willen sein, denn wir Menschen sind da manchmal wie kleine Kinder, die auch oft Wünsche haben nach etwas, das ihnen gar nicht gut tut. Gott ist der „je ganz andere“, er ist nicht der gute Onkel, der immer tun muss, was wir gerade wünschen. Wenn wir so beten, werden wir häufig enttäuscht, denn wir sind seine Geschöpfe, während wir oft – unbewusst – so tun, als wäre er unser Geschöpf. Das heißt Gotteskindschaft nicht, dass wir über Gott verfügen können.

Immer wieder wird, auch in der Kirche, versucht, größere Probleme einer Volksabstimmung vorzulegen. Das mag im politischen Bereich sinnvoll sein – wenngleich es auch einige Beispiele in letzter Zeit gibt, wo das gründlich daneben gegangen ist – im kirchlichen Milieu ist das aber meistens nicht der richtige Weg, vor allem, wenn es sich um von Gott geoffenbarte Dinge handelt.

Anhänger dieser Richtung meinen, dass das Volk darüber abstimmen sollte, wie bestimmte Probleme zu lösen sind, einschließlich all der Fragen, die schon gelöst sind, die nur nicht immer leicht zu leben sind.

Der Zölibat kommt manchen, vor allem denen, die nichts damit zu tun haben, als schwer erträglich vor. Also soll man diskutieren und beschließen, dass er abgeschafft wird. Gerade in dieser Frage hat Jesus selbst gesagt „Wer es fassen kann, der fasse es“: im Klartext: nicht jeder kann es verstehen, vor allem nicht derjenige, der keine Berufung zur Ehelosigkeit „um des Himmelreiches willen“ hat. Da das die Mehrheit ist, wäre eine solche Frage, wenn sie mehrheitlich entschieden würde, bereits anders beantwortet, als Christus selbst sie gesehen hat. Wenn der Herr nicht so feinfühlig wäre, hätte er vielleicht hinzugefügt: „Und wer es nicht fassen kann, der halte sich da heraus“.

Im Augenblick befinden sich die meisten angesprochenen Probleme noch auf der Ebene des menschlichen Rechtes, d.h. in Zusammenhängen, zu denen Christus nicht direkt Verbindliches gesagt hat. Aber mit Sicherheit würden die Promotoren dieser Bewegung nicht bei Fragen des Zölibats und des Frauendiakonats stehen bleiben. Bei dem heutigen Stil der öffentlich gelenkten Diskussion ist damit zu rechnen, dass im Rahmen eines kirchlichen Volksbegehrens dann auch Probleme der chemischen und mechanischen Geburtenbeschränkung und dann der Abtreibung ‚positiv’ entschieden werden.

Später würde man in einer demokratischen Diskussion auch einzelne Glaubenssätze in Frage stellen können, die Dogmen. Es dürfte nicht schwer sein, einer Mehrheit plausibel zu machen, dass man die Theologie von mythischen und legendären Elementen freimachen müsse, dass Wunder dem modernen (‚gesunden’?) Volksempfinden nicht mehr entsprechen, und man viele Dinge neu interpretieren muss.

Aber verlieren wir uns nicht in Einzelheiten! Es genügt sich grundsätzlich zu fragen: hat Christus die Kirche so gewollt?

Auch im Altertum gab es Demokratie, er hätte die Kirche demokratisch einrichten können. Er hat es aber nicht getan. Er hat das Lehramt, die Aufgabe, das Reich Gottes in seinem Auftrag richtig zu deuten, nicht den Schriftgelehrten, sprich Theologen, Spezialisten, Ausschussvorsitzenden etc. anvertraut, sondern nur den Aposteln. Nur zu ihnen und ihren Nachfolgern, den Bischöfen hat er gesagt: „Wer euch hört, der hört mich, wer euch verwirft, der verwirft mich“ (Lk 10,16). An der Spitze der Apostel Petrus, an der Spitze des Bischofskollegiums der Nachfolger Petri, der Bischof von Rom.

Im Vaterunser beten wir nicht nur: gib uns täglich das Brot, das wir brauchen – gegen diese Bitte hat ganz gewiss niemand etwas einzuwenden. Aber wir beten auch: dein Name werde geheiligt, dein Wille geschehe! Wenn Gott wirklich der Herr ist und nicht wir selber, dann müssen wir auch dahinterstehen: Herr, es kann sein, dass du etwas anderes willst als wir – dann müssen wir uns fügen nicht umgekehrt.

Wir müssen uns auch dieser Frage stellen: will ich überhaupt, dass der Name Gottes geheiligt werde, dass sein Reich komme? Wir leben in einer Welt, die sich fast perfekt ohne Gott eingerichtet hat. Man hat ihn aus allem herauskomplimentiert, oft sogar aus der Kirche. Das ist wahrscheinlich die größte Sünde unserer Zeit: eine Gesellschaft ohne Gott, eine Umwelt ohne Schöpfer, eine Kirche des sozial-karitativen Engagements. Wo wird der Name Gottes denn geheiligt?

Das bevorstehende Weihnachtsfest gibt uns einen guten Anlass, dafür dankbar zu sein, dass Gott die Menschwerdung seines Sohnes in Demut und Armut keinem demokratisch gewählten Gremium vorgelegt hat. Demokratie ist im Prinzip gut, aber das Beispiel zeigt, dass auch gut meinende Parlamentarier diesem Plan Gottes wohl nicht zugestimmt hätten. Denn so hätte sich kaum einer den Erlöser der Welt vorgestellt: in einem Stall geboren, in einer Futterkrippe liegend. Oder gar wie ein Verbrecher hingerichtet.

Nehmen wir das Weihnachtsgeschehen in jenem einfachen Kinderglauben, wie es die Heiligen getan haben!

Der jüngst verstorbene Prälat des Opus Dei, Bischof Echeverría, schrieb in seinem letzten Brief, den er im Monat Dezember veröffentlichte:

„Vom 17. Dezember an erfüllt eine heiligmäßige Ungeduld unser Warten auf Jesus: Der Herr wird kommen, er lässt nicht auf sich warten. Es wird keine Angst mehr sein in der Welt, denn er ist unser Heiland.[9] ‚Wenn wir also von der Geburt Christi reden hören, wollen wir im Schweigen verharren und jenes Kind sprechen lassen; prägen wir seine Worte in unser Herz ein, ohne den Blick von seinem Antlitz abzuwenden. Wenn wir es in die Arme nehmen und uns von ihm umarmen lassen, wird es uns den Herzensfrieden geben, der niemals endet. Dieses Kind lehrt uns, was wirklich wesentlich ist in unserem Leben. Jesus wird in der Armut der Welt geboren, weil für ihn und seine Familie kein Platz in der Herberge ist. In einem Stall findet er Unterschlupf und Rückhalt und wird in eine Futterkrippe für Tiere gelegt. Und doch leuchtet aus diesem Nichts das Licht der Herrlichkeit Gottes auf.‘ (Papst Franziskus, Homilie, 24.12.2015)“

Fest davon überzeugt, dass es uns am besten geht, wenn der Wille Gottes geschieht, fährt der Prälat fort:

„Wenn der Umgang mit Gott so gelassen und froh wird, wie er im Stall zu Bethlehem war, strahlt er – gleichsam als eine reife Frucht – in unsere Familie aus und steckt sie mit der starken mitreißenden Freude an, die so typisch für diese Tage ist. Darum auch drängt uns die Kirche, unser Herz während des Advents gut zu bereiten, und sie ermahnt uns, über jedes wertlose Angebot, jeden ablenkenden Lärm und die Oberflächlichkeit des Soforthinweg zu gehen. Vielleicht treiben uns viele Angelegenheiten um, jedoch fehlt es uns an Gelassenheit im Umgang mit Gott. Wenn wir es schaffen, mit frohem Gleichmut unsere Beziehung zu Gott zu pflegen, dann werden wir diesen auch den anderen vermitteln können; das enge Zusammenleben an den Weihnachtstagen wird uns nicht zu Streitereien, Ärger, Ungeduld oder Hetze verleiten, und wir werden voll Freude zusammen beten und uns erholen, schöne Augenblicke im Kreis der Familie verbringen und alle Vorurteile oder geheimen Groll, die wir noch im Herzen tragen, entschärfen.“

Msgr. Dr. Peter von Steinitz war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den hl. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt“, „Leo – Allah mahabba“ (auch als Hörbuch erhältlich) und „Katharina von Ägypten“.

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