Generalaudienz: Gottes Liebe hat keinen Rückwärtsgang

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Generalaudienz mit Papst Franziskus

„Das Heilige Jahr ist zu Ende, kehren wir zurück zur Normalität“: So begrüßte der Papst an diesem Mittwoch die Teilnehmer an seiner Generalaudienz, drei Tage nachdem er die Heilige Pforte des Petersdoms feierlich geschlossen hatte. „Nicht verschlossen“ habe sich allerdings „das barmherzige Herz Gottes für uns Sünder“, bemerkte Franziskus: „Und genauso mögen sich auch unsere Herzen niemals schließen und mögen auch wir nicht aufhören, Werke der Barmherzigkeit zu tun!“

Um solche Werke der Barmherzigkeit drehte sich ansonsten alles, was der Papst den Pilgern sagte. Über zwei Werke speziell sprach Franziskus: Zweifelnden recht raten und Unwissende lehren – beide seien eng miteinander verbunden. „Denken wir doch zum Beispiel daran, wieviele Kinder heutzutage noch Analphabeten sind – das ist nicht zu begreifen, dass es in einer so fortgeschrittenen Welt immer noch Kinder gibt, die nicht lesen und schreiben können! Das lässt sich nicht begreifen, es ist eine Ungerechtigkeit!“

Seit jeher habe sich die Kirche im Bereich der Bildung engagiert. Ihr Auftrag, das Evangelium zu verkünden, schließe nämlich mit ein, den Armen und Benachteiligten ihre Würde zurückzugeben, und dazu gehörten gerade auch Schule und Erziehung. „Wieviele Christen, ob Laien, Ordensleute oder Priester, haben doch ihr ganzes Leben dem Unterrichten, dem Erziehen von Kindern und jungen Leuten verschrieben! Das ist großartig! Ich lade Sie ein, Ihnen einmal zu applaudieren!“ Franziskus selbst war früher selbst einmal Lehrer an Jesuitenschulen in Argentinien.

Viele Heilige zu allen Zeiten, etwa Don Bosco, seien „Pioniere der Bildung“ gewesen und hätten so die Gesellschaft selbst verändert. Die Bildung sei, so formulierte der Papst, „eine besondere Form der Evangelisierung“.

Zweites Werk der Barmherzigkeit, das an diesem Mittwoch im Fokus stand: Zweifelnden recht raten. Das bedeute, „Schmerz und Leid zu lindern, die von der Angst und Furcht als Folge des Zweifels kommen, und den Mitmenschen in seiner Schwäche und Unsicherheit zu unterstützen“. Franziskus kam hier auch auf Zweifel am Glauben zu sprechen: Das lasse sich „positiv als Zeichen annehmen, dass wir Gott und seine Geheimnisse besser kennen lernen wollen“.

„Jemand könnte mich fragen: Padre, aber ich habe soviele Zweifel am Glauben, was soll ich tun? Zweifeln Sie denn niemals? – Na ja… Ich habe auch viele solcher Zweifel, viele… In bestimmten Momenten beschleichen doch jeden Zweifel! Zweifel, die an den Glauben rühren… Ich suche, studiere, frage um Rat… Solche Zweifel lassen einen wachsen. Es ist etwas Gutes, wenn wir uns Fragen zu unserem Glauben stellen, denn dadurch werden wir gedrängt, ihn zu vertiefen. Allerdings muss man die Zweifel dann auch überwinden. Dazu ist es nötig, auf das Wort Gottes zu hören und zu begreifen, was er uns lehrt.“

Dabei solle der Zweifelnde aber nicht stehenbleiben; Franziskus riet zum Sprung ins Praktische. „Machen wir den Glauben nicht zu einer abstrakten Theorie, bei der sich die Zweifel vervielfältigen – machen wir aus dem Glauben lieber unser Leben! Versuchen wir ihn zu praktizieren, indem wir unseren Geschwistern helfen, vor allem den Bedürftigen. Dann werden sich viele Zweifel verflüchtigen, weil wir in der Liebe, die wir mit anderen teilen, die Präsenz Gottes spüren und die Wahrheit des Evangeliums.“

Da sehe man doch, dass auch diese zwei Werke der Barmherzigkeit „nicht weit weg sind von unserem Leben“, fuhr der Papst fort. Jeder könne sie tun. „Die tiefste Lehre, die wir anderen also weitergeben können, ist die Liebe Gottes – eine große, unentgeltliche Liebe. Aber Gott legt bei seiner Liebe nie den Rückwärtsgang ein, nie!“

(rv 23.11.2016 sk)

„Die Sünder warnen und die Unwissenden lehren“

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Generalaudienz, 16. November 2016

Generalaudienz von Mittwoch, dem 16. November 2016 — Volltext

Wir dokumentieren im Folgenden in einer eigenen Übersetzung die vollständige Ansprache von Papst Franziskus bei der heutigen Generalaudienz auf dem Petersplatz.

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36. Geduldig die Lästigen ertragen

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Die heutige Katechese widmen wir einem Werk der Barmherzigkeit, das uns allen gut bekannt ist, das wir aber vielleicht nicht so in die Praxis umsetzen, wie wir sollten: die Lästigen geduldig ertragen. Wir alle sind sehr gut darin, eine Gegenwart zu erkennen, die uns stören kann: Dies geschieht, wenn wir jemandem auf der Straße begegnen oder wenn wir einen Anruf erhalten … Manchmal sind lästige Menschen die, die uns am nächsten stehen: Unter den Verwandten ist stets jemand darunter; am Arbeitsplatz und nicht einmal in der Freizeit fehlen sie. Wie sollen wir mit den lästigen Menschen umgehen? Aber auch wir sind anderen gegenüber oft lästig. Warum wurde das geduldige Ertragen der Lästigen unter die Werke der Barmherzigkeit gereiht?

In der Bibel sehen wir, dass Gott selbst barmherzig sein muss, um das Klagen seines Volkes zu ertragen. Beispielsweise war das Volk im Buch Exodus tatsächlich unerträglich: Zuerst weinte es über seine Knechtschaft in Ägypten und wurde von Gott befreit; in der Wüste beklagte es sich dann, weil keine Nahrung vorhanden war (vgl. 16,3) und Gott speiste es mit Wachteln und Manna (vgl. 16,13-16). Dennoch hörte das Klagen nicht auf. Moses fungierte als Mediator zwischen Gott und dem Volk und auch er war dem Herrn gegenüber manchmal lästig. Gott hatte jedoch Geduld und so lehrte er Moses und dem Volk diese wesentliche Dimension des Gebetes.

In diesem Zusammenhang drängt sich eine erste Frage aus: Führen wir jemals eine Gewissensprüfung durch um zu sehen, ob auch wir manchmal den anderen gegenüber lästig sind? Es ist einfach, mit dem Finger auf die Fehler und Mängel anderer zu zeigen, aber wir müssen auch lernen, uns in die Lage der anderen hineinzuversetzen.

Blicken wir vor allem auf Jesus: Wie viel Geduld musste er in den drei Jahren seines öffentlichen Lebens an den Tag legen! Einmal wurde er, während er mit seinen Jüngern ging, von der Mutter des Jakobus und des Johannes aufgehalten, die zu ihm sagte: „Versprich, dass meine beiden Söhne in deinem Reich rechts und links neben dir sitzen dürfen“ (Mt 20,21). Die Mutter vertrat die Interessen ihrer beiden Kinder, doch sie war ihre Mutter … Auch diese Situation verwendet Jesus als Ausgangspunkt einer grundlegenden Lehre: Sein Reich ist kein Reich der Macht, es ist kein Reich der Herrlichkeit wie die irdischen, sondern des Dienstes und des Schenkens zugunsten der anderen. Jesus lehrt, stets zum Wesentlichen vorzudringen und den Blick zu weiten, um Verantwortung für die eigene Sendung zu übernehmen. Wir könnten hier den Aufruf zu anderen Werken der geistlichen Barmherzigkeit erkennen: die Sünder zu warnen und die Unwissenden zu lehren. Denken wir an den großen Einsatz, den man anwenden kann, wenn man den Menschen hilft, im Glauben und im Leben zu wachsen. Ich denke beispielsweise an die Katecheten – unter denen sich viele Mütter und viele Ordensfrauen befinden -, die Zeit dafür verwenden, um den jungen Menschen die Grundbausteine des Glaubens zu vermitteln. Wie viel Mühe kostet dies, vor allem, wenn die jungen Menschen lieber spielen würden, als den Katechismus zu vernehmen!

Auf der Suche nach dem Wesentlichen zu begleiten ist schön und wichtig, denn es lässt uns die Freude am Auskosten des Lebenssinns teilen. Oft kommt es zur Begegnung mit Menschen, die auf oberflächlichen, flüchtigen und banalen Dingen verweilen; oft, weil sie niemandem begegnet sind, der sie dazu anregte, nach anderem zu suchen, die wahren Kostbarkeiten zu schätzen. Zu lehren, den Blick auf das Wesentliche zu richten, ist eine entscheidende Hilfe, vor allem in einer Zeit wie der unseren, die die Orientierung verloren zu haben scheint und kurzlebigen Formen der Befriedigung nachgeht. Zu lehren zu erkennen, was der Herr von uns will und wie wir dem entsprechen können bedeutet, den Weg des Wachstum  in der persönlichen Berufung einzuschlagen, den Weg der wahren Freude. So zeigen die Worte Jesu an die Mutter des Jakobus und des Johannes und an die gesamte Gruppe von Jüngern den Weg der Vermeidung des Verfalls in den Neid, den Ehrgeiz, die Schmeichelei, die Versuchung, die stets auch unter uns Christen auf der Lauer sind. Die Notwendigkeit des Beratens, der Warnung und der Lehre darf uns nicht dazu veranlassen, uns den anderen überlegen zu fühlen, sondern verpflichtet uns vor allem dazu, in uns selbst zurückzukehren um zu überprüfen, ob wir all unseren Ansprüchen an die anderen entsprechen. Vergessen wir in diesem Zusammenhang nicht auf die folgenden Worte Jesu: „Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem eigenen Auge bemerkst du nicht?“ (Lk 6,41). Möge uns der Heilige Geist dabei helfen, geduldig im Ertragen  und demütig und einfach im Beraten zu sein.

[Übersetzt aus dem Italienischen von Sarah Fleissner]

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Quelle

Papst: „Reform der Kirche beginnt im Beichtstuhl“

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Petersdom

„Lasst euch von der göttlichen Barmherzigkeit umformen!“ Das hat Papst Franziskus niederländischen Rom-Pilgern an diesem Dienstag im Petersdom mit auf den Weg gegeben. Priester, Bischöfe und Gläubige aus allen Bistümern der Niederlande waren kurz zuvor feierlich durch die Heilige Pforte der Barmherzigkeit gezogen.

„Das Heilige Jahr bringt uns in eine tiefere Beziehung zu Jesus Christus, dem Antlitz der Barmherzigkeit des Vaters. Wir werden dieses große Geheimnis der Liebe Gottes nie ausschöpfen können! Sie ist die Quelle unseres Heils: Die ganze Welt, wir alle brauchen die göttliche Barmherzigkeit. Sie rettet uns, gibt uns Leben, schafft uns neu als wahre Söhne und Töchter Gottes.“

Der Papst warb auch für eine Neuentdeckung des Beichtsakraments: Hier lasse sich Gottes rettende Güte „ganz besonders erfahren“. „Sie ist der Ort, wo man Gottes Vergebung und Barmherzigkeit geschenkt bekommt. Hier beginnt die Verwandlung eines jeden von uns, und auch die Reform des Lebens der Kirche!“

Sie sollten „Werkzeuge der göttlichen Barmherzigkeit“ im Alltag werden, sagte der Papst den Pilgern weiter. „Die Männer und Frauen von heute dürsten nach Gott, dürsten nach seiner Güte und Liebe! Und ihr könnt als Kanäle der Barmherzigkeit mithelfen, diesen Durst zu stillen. Ihr könnt so vielen Menschen helfen, Christus wiederzuentdecken…“

(rv 15.11.2016 sk)

Vatikan: Ältestes Kruzifix wird zum Denkmal des Jubiläums

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Das älteste Kruzifix in St. Peter

Wenn am 20. November das Heilige Jahr zu Ende gehen wird, soll im Petersdom zur „Erinnerung“ an dieses außerordentliche Jubiläumsjahr das älteste Kruzifix von St. Peter für alle Gläubigen wieder sichtbar angebracht werden. Das kündigte an diesem Freitag der Erzpriester der vatikanischen Basilika an, Kardinal Angelo Comastri. Er stellte der Presse das frisch restaurierte Kruzifix vor. 15 Monate lang haben die Arbeiten gedauert, rund 60.000 Euro hat das Ganze gekostet, so Kardinal Comastri.

„Es handelt sich um ein hölzernes Kruzifix, der aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts stammt, also aus der Zeit von Dante Alighieri, und ist bei weitem das älteste Kreuz dieser Größe, das wir hier im Petersdom haben“, so der Erzpriester von St. Peter. Doch in den vergangenen achtzig Jahren war es an einer „ungünstigen“ Stelle platziert, abseits von der Öffentlichkeit. Davor stand ein Aufzug, den nur die Päpste und ihre Begleiter benützten und immer noch exklusiv verwenden. Das Kruzifix ist über 2,15 Meter groß und ist aus dem Stamm eines Nussbaumes erstellt worden. Doch trotz verschiedener Restaurierungsarbeiten im Lauf der Jahrhunderte befand es sich in einem ziemlich schlechten Zustand, wie die Restauratorin Lorenza D’Alessandro erläutert. „Wir mussten jede einzelne Schicht mit speziellen Lasergeräten entfernen“, sagt sie bei der Vorstellung des „neuen“ Kruzifixes. Die Arbeiten fanden im Kapitelsaal der Sakristei von St. Peter statt, wo das frisch restaurierte Kreuz auch der Presse vorgestellt wurde.

„Das Kruzifix wird dann erstmals am 6. November zum Anlass des Gottesdienstes mit dem Papst für das Jubiläumsjahr der Gefängnisinsassen wieder der Öffentlichkeit gezeigt. Gerade für die Gefängnisinsassen als Pilger in St. Peter wird das ein besonderes Zeichen der Hoffnung und eine Botschaft der Barmherzigkeit sein“, so Kardinal Comastri. Übrigens, Franziskus selber hat das Kreuz noch nicht gesehen und wird es wie die Pilger erst am 6. November sehen.

Danach soll es als „Denkmal für das Heilige Jahr der Barmherzigkeit“ in der Sakramentskapelle – also unmittelbar neben dem Grabmal des heiligen Papstes Johannes Paul II. – aufgestellt werden. „Der Pilger, der in jene Seitenkapelle zum Beten kommt, wird dann als erstes den Anblick des Gekreuzigten sehen“, fügt der Erzpriester an.

(rv 28.10.2016 mg)

„Die Werke der Barmherzigkeit bilden das Antlitz Jesu“

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Generalaudienz, 12. Oktober 2016

Generalaudienz von Mittwoch, dem 12. Oktober 2016 — Volltext

Wir dokumentieren im Folgenden in einer eigenen Übersetzung die vollständige Ansprache von Papst Franziskus bei der heutigen Generalaudienz auf dem Petersplatz.

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32. Die leiblichen und geistigen Werke der Barmherzigkeit

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

In den vorangegangenen Katechesen wurden wir nach und nach in das große Geheimnis der Barmherzigkeit Gottes eingeführt. Wir betrachteten das Wirken des Vaters im Alten Testament. Anschließend haben uns die Erzählungen in den Evangelien vor Augen geführt, dass Jesus durch seine Worte und Gesten die Barmherzigkeit verkörpert. Seinerseits hat er seinen Jüngern die folgende Lehre erteilt: „Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist!“ (Lk 6,36). Dieser Einsatz richtet Fragen an das Gewissen und das Handeln eines jeden Christen. So genügt es nicht, die Barmherzigkeit Gottes im eigenen Leben zu erfahren; jeder, der sie empfängt, muss auch deren Zeichen und Werkzeug für die anderen Menschen werden. Darüber hinaus ist die Barmherzigkeit nicht besonderen Momenten vorbehalten. Vielmehr umschließt sie unsere gesamte tägliche Erfahrung.

Wie können wir daher als Zeugen der Barmherzigkeit wirken? Lasst uns nicht denken, dass dazu große Anstrengungen oder übermenschliche Gesten vollbracht werden müssen. Nein, so ist es nicht. Der Herr weist uns einen viel einfacheren Weg der kleinen Gesten, die in seinen Augen jedoch von derart großem Wert sind, dass er uns gesagt hat, dass wir nach ihnen beurteilt werden. So zeigt uns eine der schönsten Schilderungen im Matthäusevangelium die Lehre, die wir gewissermaßen als „Testament Jesu“ seitens des Evangelisten betrachten könnten, der das Wirken der Barmherzigkeit direkt an sich selbst erfahren hat. Jedes Mal, wenn wir Hungrige speisen, Durstigen zu trinken geben, Nackte kleiden, Fremde aufnehmen und Kranke oder Gefangene besuchen, tun wir dies Jesus zufolge für ihn (vgl. Mt 25,31-46). Die Kirche nannte diese Gesten „leibliche Werke der Barmherzigkeit“, denn sie helfen den Menschen in ihren Materiellen Nöten.

Ebenso existieren weitere sieben Werke der Barmherzigkeit, die als die „geistigen“ bezeichnet werden. Diese betreffen andere, vor allem heute ebenso wichtige Bedürfnisse, denn sie berühren das Innere der Person und lassen oft mehr leiden. Sicherlich erinnern wir uns alle an eine, die in den allgemeinen Sprachgebrauch Eingang gefunden hat: „Lästige geduldig ertragen“. Und diese gibt es; es gibt lästige Menschen! Dabei handelt es sich scheinbar um einen wenig wichtigen Sachverhalt, der uns ein Lächeln entlockt. Allerdings ist darin eine Gesinnung tiefer Nächstenliebe enthalten; ebenso verhält es sich mit den verbleibenden sechs Werken, die wir uns gut merken sollen: Zweifelnden recht raten, Unwissende lehren, Sünder zurechtweisen, Trauernde trösten, Beleidigern verzeihen, für Lebende und Verstorbene zu Gott beten. Es sind alltägliche Dinge! „Aber ich trauere …“ – „Aber Gott wird dir helfen, ich habe keine Zeit …“. Nein, Ich halte inne, höre zu, nehme mir die Zeit um ihn zu trösten, das ist eine Geste der Barmherzigkeit und sie gilt nicht nur ihm, sondern Jesus!

In den nächsten Katechesen widmen wir uns der Betrachtung dieser Werke, die die Kirche uns als eine konkrete Weise des Lebens der Barmherzigkeit vorlegt. Im Laufe der Jahrhunderte haben sie viele einfache Menschen in die Tat umgesetzt und so ein authentisches Glaubenszeugnis abgelegt. Im Übrigen nährt die Kirche in Treue zu ihrem Herrn eine besondere Liebe zu den Schwächsten. Oft brauchen die uns an nächsten stehenden Menschen unsere Hilfe. Wir müssen uns nicht auf die Suche nach großen zu verwirklichenden Unternehmungen machen. Besser ist es, mit den einfachsten zu beginnen, die der Herr uns als die dringendsten zu erkennen gibt. In einer bedauerlicherweise mit dem Virus der Gleichgültigkeit infizierten Welt sind die Werke der Barmherzigkeit das beste Gegenmittel. Tatsächlich erziehen sie uns zur Aufmerksamkeit den grundlegendsten Bedürfnissen unserer „geringsten Brüder“ gegenüber (Mt 25,40), in denen Jesus gegenwärtig ist. Jesus ist stets in ihnen gegenwärtig. Wo ein Bedürfnis vorliegt, wo ein Mensch ein materielles oder geistiges Bedürfnis hat, ist Jesus. Sein Antlitz in jenem zu erkennen, der bedürftig ist, ist eine wahre Herausforderung gegen die Gleichgültigkeit. Sie verleiht uns die Fähigkeit, stets wachsam zu sein, zu vermeiden, dass Jesus an uns vorbeigeht, ohne dass wir ihn erkennen. Dies ruft uns den folgenden Satz des hl. Augustinus in Erinnerung: „Timeo Iesum transeuntem” (Serm. 88, 14, 13). „Ich habe Angst davor, dass der Herr vorbeigeht” und ich ihn nicht erkenne, dass der Herr in einem dieser geringen, bedürftigen, Menschen vor mir vorbeigeht und ich nicht bemerke, dass es Jesus ist. Ich habe Angst davor, dass Jesus vorbeigeht und ich ihn nicht erkenne! Ich fragte mich, warum der hl. Augustinus von der Angst vor dem Vorbeigehen Jesu gesprochen hat. Die Antwort findet sich leider in unserem Verhalten: Oft sind wir zerstreut, gleichgültig, und wenn der Herr und nahe kommt, lassen wir die Gelegenheit einer Begegnung mit ihm aus.

Die Werke der Barmherzigkeit erwecken in uns das Bedürfnis und die Fähigkeit, den Glauben mit der Nächstenliebe lebendig und wirksam zu machen. Ich bin überzeugt davon, dass wir durch diese einfachen täglichen Gesten eine wahre kulturelle Revolution wie in der Vergangenheit vollbringen können. Wenn ein jeder von uns jeden Tag eine davon ausführt, können wir die Welt revolutionieren! Wir alle, ein jeder von uns, muss sich jedoch daran beteiligen. An wie viele Heilige erinnern wir uns heute noch nicht aufgrund ihrer großen Werke, sondern aufgrund der Nächstenliebe, die sie zu vermitteln vermochten! Denken wir an Mutter Teresa, die vor kurzem heiliggesprochen wurde: An sie erinnern wir uns nicht wegen der vielen Häuser, die sie in aller Welt eröffnet hat, sondern da sie sich über jeden Menschen beugte, den sie auf der Straße fand, um ihm seine Würde zurückzugeben. Wie viele verlassene Kinder hat sie in die Arme genommen; wie viele Sterbende begleitete sie an der Schwelle zur Ewigkeit und hielt sie an der Hand! Diese Werke der Barmherzigkeit bilden das Antlitz Jesu, der sich seiner geringsten Brüder annimmt, um einem jeden die Zärtlichkeit und die Nähe Gottes zu bringen. Möge der Heilige Geist uns helfen, möge der Heilige Geist in uns den Wunsch entzünden, mit diesem Lebensstil zu leben: zumindest ein Werk pro Tag zu vollbringen! Lasst uns die leiblichen und geistigen Werke der Barmherzigkeit wieder auswendig lernen und den Herrn darum bitten, uns bei der täglichen praktischen Umsetzung und dann zu helfen, wenn wir in einem bedürftigen Menschen Jesus sehen.

[Übersetzt aus dem Italienischen von Sarah Fleissner]

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Quelle

„Eine zärtliche Geste genügt“

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Audienz Hospitalerinnen, 24. September 2016 / © PHOTO.VA – OSSERVATORE ROMANO

Papstaudienz für die Kongregation der
Hospitalerinnen der Barmherzigkeit

Im Heiligen Jahr dürften die Hospitalerinnen der Barmherzigkeit („Congregatio Sororum a Misericordia pro Infirmis“, abgekürzt SOM) sicher nicht fehlen.

„Mit Freude“ empfing Papst Franziskus tatsächlich am Samstag im Vatikan eine Gruppe von mehr als hundert Schwestern der 1831 von Teresa Orsini Doria Pamphili Landi gegründeten Kongregation. Ihre Arbeit – so sagte der Papst – sei ein konkretes Zeichen dafür, wie sich die Barmherzigkeit des Vaters ausdrücke.

Gegenüber der Schwäche der Krankheit könne es keine Unterschiede des sozialen Ranges, Rasse, Sprache sowie Kultur geben, weil alle schwach würden und sich den anderen anvertrauen müssen, so unterstrich Jorge Bergoglio.

Es sei die Pflicht und Verantwortung der Kirche, den Leidenden beizustehen und ihnen Trost, Beistand und Freundschaft zu schenken, so betonte der Papst, während er die Schwestern daran erinnerte, dass es in der Krankenhilfe keine lange Reden brauche. Es genügten schon eine zärtliche Geste, ein Kuss, einfach still daneben stehen oder ein Lächeln, so sagte er.

Die Schwestern sollten nie aufgeben in diesem so wertvollen Dienst, und dies trotz der Schwierigkeiten, den man begegnen könne. „Manchmal in unserer Zeit zielt eine säkuläre Kultur darauf ab, auch jeden religiösen Bezug aus den Krankenhäusern zu entfernen, beginnend mit den Schwestern“, sagte der Papst mit Bedauern.

Er lud die Schwestern ein, nie müde zu werden, Freundinnen, Schwestern und Mütter der Kranken zu sein. „Das Gebet sei immer das Herzblut, das ihre evangelisierende Sendung ünterstütze“, so fuhr er fort.

Die Schwestern sollten auch nie vergessen, dass auf dem Krankenhausbett immer Jesus selbst liege, anwesend in jeder Person die leide. „Er ist es, der jede von euch um Hilfe bittet“, so betonte der Papst.

„Möge die Nähe zu Jesus und zu den schwächsten ihre Stärke sein“, so wünschte der Papst den Schwestern am Ende seiner Ansprache.

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Quelle

Audienz: „Es ist falsch, den Bruder zu verurteilen, der gesündigt hat“

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„Barmherzig wie der Vater“: Über dieses Motto des laufenden Heiligen Jahres der Barmherzigkeit hat Papst Franziskus bei der Generalaudienz an diesem Mittwoch gesprochen. Das Leitwort aus dem Lukasevangelium (Lk 6,36) ist „nicht einfach ein Slogan, sondern eine Lebensaufgabe“, sagte der Papst. Dabei heiße barmherzig sein nicht perfekt sein: „Wenn Jesus uns bittet, barmherzig zu sein wie der Vater, dann denkt er nicht an die Quantität! Er bittet seine Freunde, Zeichen, Kanäle und Zeugen seiner Barmherzigkeit zu werden.“Zwei Wörter kennzeichneten die Barmherzigkeit der Menschen, fuhr Franziskus fort: vergeben und geben. „Barmherzigkeit drückt sich vor allem in Vergeben aus“, so der Papst in Erinnerung an Jesu Gebot: Richtet nicht, dann werdet ihr nicht gerichtet, vergebt, und euch wird vergeben werden. „Jesus hat da nicht vor, den Lauf der menschlichen Justiz umzukehren, er erinnert aber seine Schüler daran, dass man Urteile und Verurteilungen aussetzen muss, um brüderliche Beziehungen zu haben. Es ist falsch, den Bruder zu beurteilen und zu verurteilen, der eine Sünde begangen hat. Nicht deshalb, weil man die Sünde nicht anerkennen will, sondern weil ein Verurteilen des Sünders die Bindung der Brüderlichkeit mit ihm bricht und die Barmherzigkeit Gottes missachtet, der aber seinerseits auf keines seiner Kinder verzichten will. Wir haben nicht die Macht, unseren irregehenden Bruder zu verurteilen, wir stehen nicht über ihm: wir haben stattdessen die Pflicht, ihn zurückzuholen zur Würde des Kindes des Vaters, und wir müssen ihn begleiten auf seinem Weg der Umkehr.“Der zweite Pfeiler menschlicher Barmherzigkeit: das Geben. Gott gebe weit über das hinaus, was Menschen verdienen, sagte Franziskus, und er werde noch großzügiger sein mit jenen, die auf Erden selbst großzügig waren. „In dem Maß der Liebe, die wir geben, entscheiden wir selbst, wie wir von ihm beurteilt werden.“ Darin liege auch eine Logik, so der Papst: „In dem Maß, wie man von Gott empfängt, gibt man dem Bruder, und in dem Maß, wie man dem Bruder gibt, empfängt man von Gott.“

Keiner habe in seinem Leben jemals auf die Vergebung Gottes verzichten können, fügte der Papst in freier Rede ein. „Wir alle, die wir hier auf dem Platz stehen: uns allen ist vergeben worden. Und weil uns vergeben wurde, müssen wir vergeben. Und das beten wir jeden Tag im Vaterunser: Vergib uns unsere Schuld, damit auch wir vergeben unseren Schuldigern. Es ist leicht zu vergeben: wenn Gott mir vergeben hat, warum soll nicht auch ich den anderen vergeben? Stehe ich denn über Gott? Versteht ihr das? Die Säule der Vergebung zeigt uns die Größe der Liebe Gottes.” Und nochmals wurde der Papst konkret: „Wie sehr wir das alle brauchen, ein wenig barmherziger zu sein, nicht schlecht über die anderen zu reden, nicht zu verurteilen, den anderen nicht mit Neid und Eifersucht zu sehen. Nein! Vergeben, barmherzig sein, und geben.“

Vor der Generalaudienz begrüßte und segnete Franziskus etliche hundert Kranke und ihre Begleiter, die sich wegen des drohenden Regens in der Audienzhalle eingefunden hatten. In der Audienz selbst erinnerte der Papst zum Welt-Alzheimertag an alle Menschen, die an Demenz leiden, und rief zum Gebet auch für ihr Angehörigen auf.

(rv 21.09.2016 gs)