Elisabeth von Thüringen – unbeirrbare Helferin der Armen

Kolossales Mosaikbildnis der Elisabeth von Thüringen in der Mexikokirche (Elisabethkapelle) in Wien

Elisabeth wurde als Tochter des ungarischen Königs Andreas II. im Jahr 1207 geboren, einer Zeit, als der oströmische Kaiser von aus reiner Machtgier fehlgeleiteten Kreuzfahrern aus seiner Hauptstadt Konstantinopel vertrieben worden war und somit Ungarn die bedeutendste Macht im Südosten Europas darstellte. Ihre Mutter Gertrud von Andechs stammte aus einer sehr einflussreichen deutschen Adelsfamilie, deren Geschwister einflussreiche Positionen in Politik und Kirche einnahmen. Es verwundert daher nicht, dass diese Eltern schon früh konkrete Pläne für die Zukunft ihrer Tochter schmiedeten, mit denen sie Macht und Einfluss ihres Hauses stärken wollten. Bereits als vierjähriges Kind wurde sie Hermann, dem Sohn und designierten Nachfolger des gleichnamigen Landgrafen von Thüringen versprochen und zur Erziehung an deren Hof geschickt, um von Anfang an mit deutscher Muttersprache aufzuwachsen. Schon fünf Jahre danach starb ihr vorgesehener Ehegatte Hermann, ein Jahr später auch sein Vater. Elisabeth sollte wieder zurück zu ihren Eltern geschickt werden, aber Hermanns jüngerer Bruder Ludwig, der 1218 volljährig und damit Landgraf wurde, verliebte sich in das liebenswerte Mädchen, das so ganz und gar nichts von höfischem Prunk hielt sondern mehr durch Bescheidenheit und Frömmigkeit auffiel, und schon mit 14 Jahren heiratete sie ihn.

Die Ehe war glücklich, aber leider nur recht kurz. Das Paar hatte in den ihm vergönnten sechs Ehejahren drei Kinder und war viel zusammen. Selbst auf Reisen begleitete Elisabeth ihren Mann, wann immer es ihr möglich war. Umgekehrt brachte auch Ludwig seiner jungen Frau viel Liebe und Verständnis entgegen. Ihre Hilfe für Arme und Kranke unterstützte er, so gut er konnte und gab ihr gegen ihre Gegner bei Hofe die notwendige Rückendeckung. Auch ihre groß angelegte Hilfsaktion im Hungerwinter 1225/26, die sie während Ludwigs Aufenthalt in Italien beim Kaiser ohne ihn organisierte, um eine Hungernot in der Bevölkerung zu verhindern, hieß er bei seiner Rückkehr gegenüber allen Kritikern eindeutig gut. Weitere Unterstützung fand sie bei ihrem geistlichen Berater, dem Franziskaner Rodeger, auf den 1226 Konrad von Marburg folgte. Das franziskanische Armutsideal entsprach genau der Haltung Elisabeths. Nie konnte sie sich damit abfinden, dass der Adel in Saus und Braus lebte, während das einfache Volk ums nackte Überleben kämpfen musste. Sie verzichtete daher auf den standesüblichen Luxus, kleidete sich schlicht und kümmerte sich persönlich um Arme und Kranke, für die sie eigens ein Spital auf der Wartburg einrichten ließ. Während ihrer Ehe mit Ludwig hatte sie für diese Lebensführung die optimalen Voraussetzungen.

Doch schon 1227 endete diese glückliche Zeit. Ludwig brach mit seinem Heer auf, um Kaiser Friedrich II. im 5. Kreuzzug Folge zu leisten. Schon unterwegs starb er an einer Seuche. Für Elisabeth brach eine Welt zusammen. Sie war gerade einmal 20 Jahre alt, hatte die Sorge für zwei kleine Kinder und trug ein drittes noch in ihrem Leib. Als wäre das nicht schon genug, musste sie sich zudem in einem ihr feindselig gesinnten Umfeld behaupten. Da ihr Sohn erst 5 Jahre alt war, übernahm ihr Schwager Heinrich Raspe die Regentschaft, und als eine seiner ersten Amtshandlungen zog er Elisabeths Güter ein. Auf der Wartburg war sie nur noch geduldet. Unter diesen Umständen wollte sie hier auf keinen Fall länger bleiben und verließ zusammen mit ihren drei Kindern, aber völlig mittellos, die Burg und begab sich in die Stadt Eisenach. Doch dort wurde die ehemalige Wohltäterin kühl empfangen. Niemand traute sich, sie in sein Haus aufzunehmen und so musste sie den Winter in einem Schuppen, der vorher ein Schweinestall gewesen war verbringen. Sie selbst konnte sich mit ihrer Lage abfinden, sah darin gar ihr Armutsideal in reinster Form verwirklicht, doch Konrad von Marburg fand dies nicht akzeptabel und wandte sich direkt an den Papst, mit der Bitte, Elisabeth unter seinen Schutz zu stellen, was dieser auch tat. Der Schutzbrief traf allerdings erst nach dem Winter in Thüringen ein. Darin wurde jedem, der Elisabeths Rechte nicht achtete mit der Exkommunikation gedroht. Doch Elisabeth selbst wollte weder Rechte noch Besitz, und es kam zu einem ernsten Konflikt mit Konrad. Er konnte ihr zwar den Verzicht auf ihren Besitz ausreden, indem er ihr klar machte, dass es den Armen nichts nütze, wenn die Verwandten ihres verstorbenen Mannes all ihr Gut erhielten, aber für sich persönlich verzichtete sie in einem feierlichen Gelübde auf jeden Luxus und sogar auf ihre eigenen Kinder. Sie sollten nicht zu dem Leben in Armut gezwungen sein, zu dem sie sich selbst in aller Entschlossenheit entschieden hatte. Dies konnte sie noch so durchsetzen, aber sie konnte sich nicht mehr erfolgreich dagegen wehren, dass ihre Tante, die Äbtissin Mechthild von Kitzingen sie zu ihrem Onkel, dem Bischof von Bamberg bringen ließ. Dieser wollte sie erneut verheiraten und hatte als künftigen Gemahl keinen geringeren als Kaiser Friedrich II. von Hohenstaufen im Sinn. Elisabeth, die felsenfest zu einem Leben in Armut entschlossen war, sollte die Gemahlin des mächtigsten Mannes der damaligen Welt werden: Deutscher König, Kaiser des Heiligen Römischen Reichs, König von Sizilien und von Jerusalem. Wie sollte das zusammen passen? Nicht noch einmal wollte die junge Witwe zum Spielball der Mächtigen werden. Sie wehrte sich so heftig gegen die Pläne ihres Onkels, dass er sein Vorhaben aufgeben musste. Schließlich bot ihr die Überführung des Leichnams ihres Mannes nach Thüringen und seine Beisetzung eine günstige Gelegenheit, sich dem Einflussbereich ihrer Familie zu entziehen.

Sie ging nach Marburg, wo ihr Konrad einen gewissen Schutz bieten konnte, wenngleich auch er ihr immer wieder unerbittlich seinen Willen aufzwang. Aber zumindest akzeptierte er ihren tiefsten Wunsch nach einem Leben in Enthaltsamkeit. Konrad erreichte für sie bei den Verwandten ihres Mannes eine Entschädigung für ihr eingezogenes Erbe und mit diesem Geld gründete sie bei Marburg ein Spital, welches sie dem von ihr so verehrten Franz von Assisi weihte und wo sie selbst als einfache Spitalschwester arbeitete. Ohne Rücksicht auf sich selbst opferte sie sich für die Kranken auf. So hart und entbehrungsreich dieses Leben war – für Elisabeth war es die Erfüllung. Wie Franz von Assisi hatte sie sich völlig entäußert, um Christus nachzufolgen. Selbst ihr eigenes Leben gab sie im Dienst für die Kranken hin. Im Alter von 24 Jahren war ihre Widerstandskraft aufgezehrt; sie erkrankte und verstarb schon nach wenigen Tagen in der Nacht vom 16. auf den 17. November 1231.

Was bleibt ist die Erinnerung an eine außergewöhnliche junge Frau, die sich durch nichts und niemand von ihrem Weg der Nachfolge Christi in der gänzlichen Fürsorge für die Benachteiligten der Gesellschaft abbringen ließ.

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Papst Franziskus: „Der verlorene Sohn musste nicht erst durch den Zoll“

Audienz Missionare der Barmherzigkeit

Dass der Papst dermaßen auf dem Begriff und der Praxis der Barmherzigkeit insistiert, ist kein Hobby von ihm, sondern führt ins Herz des Evangeliums. Das hat Franziskus an diesem Dienstag bei einer Audienz für mehrere hundert „Missionare der Barmherzigkeit“ aus aller Welt betont.

Stefan von Kempis – Vatikanstadt

„Ich möchte die Lehre unterstreichen, die hinter eurem Dienst steht! Das ist nicht nur so eine Idee: Jetzt machen wir mal diese pastorale Erfahrung, und dann gucken wir mal, wie das läuft – nein. Es ist eine pastorale Erfahrung, die eine wirkliche, eigene Lehre hinter sich hat!“, so der Papst bei dem Treffen am Dienstagvormittag im Vatikan. Gleich nach dem Treffen feierte Franziskus mit den Missionaren der Barmherzigkeit, die sich seit Sonntag im Vatikan aufhalten, einen Gottesdienst, doch zuvor sagte er ihnen bei dem Treffen, dass „Missionare der Barmherzigkeit“ „Mitarbeiter Gottes“ seien. „Die Botschaft, die wir im Namen Christi weitertragen, besteht darin, Frieden mit Gott zu machen. Unser Apostolat ist ein Appell, die Vergebung des Vaters zu suchen und zu empfangen. Gott braucht Menschen, die seine Vergebung und seine Barmherzigkeit in die Welt tragen.“

„Missionare der Barmherzigkeit“ sind Beichtväter mit besonderen Vollmachten. Sie dürfen in der Beichte von Sünden lossprechen, von denen laut Kirchenrecht eigentlich nur der Papst lossprechen darf. Ursprünglich wurde diese Vollmacht nur für die Dauer des „Heiligen Jahres der Barmherzigkeit“ 2015-16 erteilt. Doch Franziskus hat sie über das Ende des Heiligen Jahres hinaus verlängert – bis auf weiteres unbefristet.

Auch an diesem Dienstag machte er keine Anstalten, das Mandat auslaufen zu lassen. Stattdessen schrieb er den „Missionaren der Barmherzigkeit“, die in diesen Tagen an einem Kongress im Vatikan teilgenommen haben, ins Stammbuch, „dass die Barmherzigkeit Gottes keine Grenzen kennt“ und dass ihr Dienst „keine Barriere aufstellen darf, die den Zugang zur Vergebung durch den Vater behindern könnte“. „Der verlorene Sohn musste nicht erst den Zoll passieren – er wurde gleich vom Vater aufgenommen, ohne Hindernisse.“

Diese Mission verlange von allen „einen kohärenten Lebensstil“, mahnte Franziskus. „Missionare der Barmherzigkeit“ seien „keine Richter“, sondern selbst Sünder. Wie jeder Christ machten auch sie die Erfahrung, dass Gott sie „mit Barmherzigkeit“ behandle: „Das ist der Schlüssel, um Mitarbeiter Gottes zu werden. Man erfährt Barmherzigkeit und wird in einen Diener der Barmherzigkeit verwandelt.“

Primat der Gnade

Eindringlich wies Papst Franziskus auf den „Primat der Gnade in unserem und im Leben aller Menschen“ hin. Gott warte mit seiner Gnade immer schon auf uns, noch bevor wir auf ihn zugingen – „nicht in universeller Art, sondern in jedem Einzelfall, er geht jedem Einzelnen voraus“. „Wenn sich uns ein Beichtender nähert, dann ist es wichtig und tröstlich zu denken, dass wir da schon die erste Frucht einer Begegnung mit der Liebe Gottes vor uns haben, zu der es schon gekommen ist. Gott hat dem Beichtenden mit seiner Gnade das Herz geöffnet und ihn offen zur Bekehrung gemacht.“ Der Beichtvater müsse nun dafür sorgen, „dass dieses Handeln der Gnade Gottes nicht umsonst war“.

„Leider kann es manchmal passieren, dass ein Priester mit seinem Benehmen den Beichtenden abschreckt, statt ihn näher zu holen. Etwa, indem er die Schritte übersieht, die ein Mensch Tag für Tag macht, und stattdessen nur daran denkt, die Integrität des evangelischen Ideals zu verteidigen. Auf so eine Weise kann man die Gnade Gottes nicht unterstützen! Die Reue des Sünders zu erkennen ist gleichbedeutend damit, ihn mit offenen Armen zu empfangen… Mich hat das immer beeindruckt: Der Vater lässt den verlorenen Sohn noch nicht einmal ausreden – er hat ihn einfach umarmt. Der Sohn hatte sich schon eine Rede zurechtgelegt, aber der Vater hat ihn einfach umarmt!“

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Papst Franziskus: Barmherzigkeit ist Gottes Herzschlag selbst

Schweizergardist bewacht die Heilige Messe zum Sonntag der Göttlichen Barmherzigkeit mit Papst Franziskus (AFP or licensors)

Papst Franziskus hat am Sonntag der Göttlichen Barmherzigkeit eine große Messe auf dem Petersplatz mit 550 Missionaren der Barmherzigkeit aus aller Welt gefeiert. Dabei benannte er „drei verschlossene Türen“, die uns von der Gnade der Barmherzigkeit trennen – die sich aber öffnen lassen.

Zur Beichte zu gehen, sei freilich nicht immer einfach, räumte der Papst ein. Angst und Scham führten oft genug dazu, dass man sich lieber „hinter verschlossenen Türen“ verschanze wie die Jünger im Evangelium. Franziskus riet zu einer Neubewertung der Scham:  Man solle „sie nicht als eine verschlossene Tür sehen, sondern als den ersten Schritt der Begegnung. Wenn wir Scham verspüren, müssen wir dankbar sein: Es bedeutet nämlich, dass wir das Böse nicht annehmen, und das ist gut. Die Scham ist eine versteckte Einladung der Seele, die den Herrn braucht, um das Böse zu besiegen. Das Drama ist, wenn man sich für nichts mehr schämt. Haben wir keine Angst, Scham zu empfinden! Und gehen wir von der Scham zur Vergebung über!“

Als zweite „verschlossene Tür für die Vergebung  des Herrn“ benannte der  Papst die Resignation, das Aufgeben aller Hoffnung aus Enttäuschung. Für die Jünger schien mit Ostern zunächst alles zu Ende, das „Kapitel Jesu“ vorbei, es hatte sich nichts verändert. In ähnlicher Haltung denken viele Christen heute: „Es ändert sich nicht, ich begehe doch immer die gleichen Sünden“. Dann, so Franziskus „verzichten wir verzagt auf die Barmherzigkeit“. Die Erfahrung der Beichte aber zeige: „Es ist nicht wahr, dass alles beim Alten bleibt. Bei jeder Vergebung werden wir bestärkt, ermutigt, weil wir uns mit jedem Mal geliebter fühlen. Und wenn wir als Geliebte erneut fallen, empfinden wir mehr Schmerz als vorher. Es ist ein wohltuender Schmerz, der uns allmählich von der Sünde trennt. Wir entdecken dann, dass die Kraft des Lebens darin liegt, die Vergebung Gottes zu empfangen und weiter zu gehen, von Vergebung zu Vergebung.“

Die dritte „verschlossene Tür“ sei die Sünde – eine große Sünde, die der betreffende Mensch sich vielleicht selber nicht vergeben kann – und warum sollte sie dann Gott vergeben? „Diese Tür aber ist nur von einer Seite verschlossen, von unserer; für Gott ist sie nie unüberwindlich“, sagte Franziskus. „Wenn wir beichten, geschieht das Unerhörte: Wir entdecken, dass gerade diese Sünde, die uns vom Herrn fernhielt, zum Ort der Begegnung mit ihm wird.“

Am Ende seiner Messe auf dem Petersplatz gratulierte Papst Franziskus den Kirchen des Ostens zu ihrem Osterfest. Er wandte er sich an die weltweit rund 350 Millionen orthodoxen und altorientalischen Gläubigen, die das höchste christliche Fest nach dem Julianischen Kalender begehen. Der auferstandene Christus möge sie „mit Licht und Frieden erfüllen“ und die Gemeinschaften in schwierigen Situationen stärken, sagte Franziskus.

Der unterschiedliche Ostertermin für Katholiken und Orthodoxe geht auf verschiedene Berechnungsarten zurück. So bestimmen die Ostkirchen den Ostertermin nach dem alten Julianischen Kalender und nach einer anderen Methode als die Westkirchen, die dem Gregorianischen Kalender folgen.

(Vatican News – gs)

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Generalaudienz: Gottes Liebe hat keinen Rückwärtsgang

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Generalaudienz mit Papst Franziskus

„Das Heilige Jahr ist zu Ende, kehren wir zurück zur Normalität“: So begrüßte der Papst an diesem Mittwoch die Teilnehmer an seiner Generalaudienz, drei Tage nachdem er die Heilige Pforte des Petersdoms feierlich geschlossen hatte. „Nicht verschlossen“ habe sich allerdings „das barmherzige Herz Gottes für uns Sünder“, bemerkte Franziskus: „Und genauso mögen sich auch unsere Herzen niemals schließen und mögen auch wir nicht aufhören, Werke der Barmherzigkeit zu tun!“

Um solche Werke der Barmherzigkeit drehte sich ansonsten alles, was der Papst den Pilgern sagte. Über zwei Werke speziell sprach Franziskus: Zweifelnden recht raten und Unwissende lehren – beide seien eng miteinander verbunden. „Denken wir doch zum Beispiel daran, wieviele Kinder heutzutage noch Analphabeten sind – das ist nicht zu begreifen, dass es in einer so fortgeschrittenen Welt immer noch Kinder gibt, die nicht lesen und schreiben können! Das lässt sich nicht begreifen, es ist eine Ungerechtigkeit!“

Seit jeher habe sich die Kirche im Bereich der Bildung engagiert. Ihr Auftrag, das Evangelium zu verkünden, schließe nämlich mit ein, den Armen und Benachteiligten ihre Würde zurückzugeben, und dazu gehörten gerade auch Schule und Erziehung. „Wieviele Christen, ob Laien, Ordensleute oder Priester, haben doch ihr ganzes Leben dem Unterrichten, dem Erziehen von Kindern und jungen Leuten verschrieben! Das ist großartig! Ich lade Sie ein, Ihnen einmal zu applaudieren!“ Franziskus selbst war früher selbst einmal Lehrer an Jesuitenschulen in Argentinien.

Viele Heilige zu allen Zeiten, etwa Don Bosco, seien „Pioniere der Bildung“ gewesen und hätten so die Gesellschaft selbst verändert. Die Bildung sei, so formulierte der Papst, „eine besondere Form der Evangelisierung“.

Zweites Werk der Barmherzigkeit, das an diesem Mittwoch im Fokus stand: Zweifelnden recht raten. Das bedeute, „Schmerz und Leid zu lindern, die von der Angst und Furcht als Folge des Zweifels kommen, und den Mitmenschen in seiner Schwäche und Unsicherheit zu unterstützen“. Franziskus kam hier auch auf Zweifel am Glauben zu sprechen: Das lasse sich „positiv als Zeichen annehmen, dass wir Gott und seine Geheimnisse besser kennen lernen wollen“.

„Jemand könnte mich fragen: Padre, aber ich habe soviele Zweifel am Glauben, was soll ich tun? Zweifeln Sie denn niemals? – Na ja… Ich habe auch viele solcher Zweifel, viele… In bestimmten Momenten beschleichen doch jeden Zweifel! Zweifel, die an den Glauben rühren… Ich suche, studiere, frage um Rat… Solche Zweifel lassen einen wachsen. Es ist etwas Gutes, wenn wir uns Fragen zu unserem Glauben stellen, denn dadurch werden wir gedrängt, ihn zu vertiefen. Allerdings muss man die Zweifel dann auch überwinden. Dazu ist es nötig, auf das Wort Gottes zu hören und zu begreifen, was er uns lehrt.“

Dabei solle der Zweifelnde aber nicht stehenbleiben; Franziskus riet zum Sprung ins Praktische. „Machen wir den Glauben nicht zu einer abstrakten Theorie, bei der sich die Zweifel vervielfältigen – machen wir aus dem Glauben lieber unser Leben! Versuchen wir ihn zu praktizieren, indem wir unseren Geschwistern helfen, vor allem den Bedürftigen. Dann werden sich viele Zweifel verflüchtigen, weil wir in der Liebe, die wir mit anderen teilen, die Präsenz Gottes spüren und die Wahrheit des Evangeliums.“

Da sehe man doch, dass auch diese zwei Werke der Barmherzigkeit „nicht weit weg sind von unserem Leben“, fuhr der Papst fort. Jeder könne sie tun. „Die tiefste Lehre, die wir anderen also weitergeben können, ist die Liebe Gottes – eine große, unentgeltliche Liebe. Aber Gott legt bei seiner Liebe nie den Rückwärtsgang ein, nie!“

(rv 23.11.2016 sk)

„Die Sünder warnen und die Unwissenden lehren“

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Generalaudienz, 16. November 2016

Generalaudienz von Mittwoch, dem 16. November 2016 — Volltext

Wir dokumentieren im Folgenden in einer eigenen Übersetzung die vollständige Ansprache von Papst Franziskus bei der heutigen Generalaudienz auf dem Petersplatz.

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36. Geduldig die Lästigen ertragen

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Die heutige Katechese widmen wir einem Werk der Barmherzigkeit, das uns allen gut bekannt ist, das wir aber vielleicht nicht so in die Praxis umsetzen, wie wir sollten: die Lästigen geduldig ertragen. Wir alle sind sehr gut darin, eine Gegenwart zu erkennen, die uns stören kann: Dies geschieht, wenn wir jemandem auf der Straße begegnen oder wenn wir einen Anruf erhalten … Manchmal sind lästige Menschen die, die uns am nächsten stehen: Unter den Verwandten ist stets jemand darunter; am Arbeitsplatz und nicht einmal in der Freizeit fehlen sie. Wie sollen wir mit den lästigen Menschen umgehen? Aber auch wir sind anderen gegenüber oft lästig. Warum wurde das geduldige Ertragen der Lästigen unter die Werke der Barmherzigkeit gereiht?

In der Bibel sehen wir, dass Gott selbst barmherzig sein muss, um das Klagen seines Volkes zu ertragen. Beispielsweise war das Volk im Buch Exodus tatsächlich unerträglich: Zuerst weinte es über seine Knechtschaft in Ägypten und wurde von Gott befreit; in der Wüste beklagte es sich dann, weil keine Nahrung vorhanden war (vgl. 16,3) und Gott speiste es mit Wachteln und Manna (vgl. 16,13-16). Dennoch hörte das Klagen nicht auf. Moses fungierte als Mediator zwischen Gott und dem Volk und auch er war dem Herrn gegenüber manchmal lästig. Gott hatte jedoch Geduld und so lehrte er Moses und dem Volk diese wesentliche Dimension des Gebetes.

In diesem Zusammenhang drängt sich eine erste Frage aus: Führen wir jemals eine Gewissensprüfung durch um zu sehen, ob auch wir manchmal den anderen gegenüber lästig sind? Es ist einfach, mit dem Finger auf die Fehler und Mängel anderer zu zeigen, aber wir müssen auch lernen, uns in die Lage der anderen hineinzuversetzen.

Blicken wir vor allem auf Jesus: Wie viel Geduld musste er in den drei Jahren seines öffentlichen Lebens an den Tag legen! Einmal wurde er, während er mit seinen Jüngern ging, von der Mutter des Jakobus und des Johannes aufgehalten, die zu ihm sagte: „Versprich, dass meine beiden Söhne in deinem Reich rechts und links neben dir sitzen dürfen“ (Mt 20,21). Die Mutter vertrat die Interessen ihrer beiden Kinder, doch sie war ihre Mutter … Auch diese Situation verwendet Jesus als Ausgangspunkt einer grundlegenden Lehre: Sein Reich ist kein Reich der Macht, es ist kein Reich der Herrlichkeit wie die irdischen, sondern des Dienstes und des Schenkens zugunsten der anderen. Jesus lehrt, stets zum Wesentlichen vorzudringen und den Blick zu weiten, um Verantwortung für die eigene Sendung zu übernehmen. Wir könnten hier den Aufruf zu anderen Werken der geistlichen Barmherzigkeit erkennen: die Sünder zu warnen und die Unwissenden zu lehren. Denken wir an den großen Einsatz, den man anwenden kann, wenn man den Menschen hilft, im Glauben und im Leben zu wachsen. Ich denke beispielsweise an die Katecheten – unter denen sich viele Mütter und viele Ordensfrauen befinden -, die Zeit dafür verwenden, um den jungen Menschen die Grundbausteine des Glaubens zu vermitteln. Wie viel Mühe kostet dies, vor allem, wenn die jungen Menschen lieber spielen würden, als den Katechismus zu vernehmen!

Auf der Suche nach dem Wesentlichen zu begleiten ist schön und wichtig, denn es lässt uns die Freude am Auskosten des Lebenssinns teilen. Oft kommt es zur Begegnung mit Menschen, die auf oberflächlichen, flüchtigen und banalen Dingen verweilen; oft, weil sie niemandem begegnet sind, der sie dazu anregte, nach anderem zu suchen, die wahren Kostbarkeiten zu schätzen. Zu lehren, den Blick auf das Wesentliche zu richten, ist eine entscheidende Hilfe, vor allem in einer Zeit wie der unseren, die die Orientierung verloren zu haben scheint und kurzlebigen Formen der Befriedigung nachgeht. Zu lehren zu erkennen, was der Herr von uns will und wie wir dem entsprechen können bedeutet, den Weg des Wachstum  in der persönlichen Berufung einzuschlagen, den Weg der wahren Freude. So zeigen die Worte Jesu an die Mutter des Jakobus und des Johannes und an die gesamte Gruppe von Jüngern den Weg der Vermeidung des Verfalls in den Neid, den Ehrgeiz, die Schmeichelei, die Versuchung, die stets auch unter uns Christen auf der Lauer sind. Die Notwendigkeit des Beratens, der Warnung und der Lehre darf uns nicht dazu veranlassen, uns den anderen überlegen zu fühlen, sondern verpflichtet uns vor allem dazu, in uns selbst zurückzukehren um zu überprüfen, ob wir all unseren Ansprüchen an die anderen entsprechen. Vergessen wir in diesem Zusammenhang nicht auf die folgenden Worte Jesu: „Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem eigenen Auge bemerkst du nicht?“ (Lk 6,41). Möge uns der Heilige Geist dabei helfen, geduldig im Ertragen  und demütig und einfach im Beraten zu sein.

[Übersetzt aus dem Italienischen von Sarah Fleissner]

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Papst: „Reform der Kirche beginnt im Beichtstuhl“

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Petersdom

„Lasst euch von der göttlichen Barmherzigkeit umformen!“ Das hat Papst Franziskus niederländischen Rom-Pilgern an diesem Dienstag im Petersdom mit auf den Weg gegeben. Priester, Bischöfe und Gläubige aus allen Bistümern der Niederlande waren kurz zuvor feierlich durch die Heilige Pforte der Barmherzigkeit gezogen.

„Das Heilige Jahr bringt uns in eine tiefere Beziehung zu Jesus Christus, dem Antlitz der Barmherzigkeit des Vaters. Wir werden dieses große Geheimnis der Liebe Gottes nie ausschöpfen können! Sie ist die Quelle unseres Heils: Die ganze Welt, wir alle brauchen die göttliche Barmherzigkeit. Sie rettet uns, gibt uns Leben, schafft uns neu als wahre Söhne und Töchter Gottes.“

Der Papst warb auch für eine Neuentdeckung des Beichtsakraments: Hier lasse sich Gottes rettende Güte „ganz besonders erfahren“. „Sie ist der Ort, wo man Gottes Vergebung und Barmherzigkeit geschenkt bekommt. Hier beginnt die Verwandlung eines jeden von uns, und auch die Reform des Lebens der Kirche!“

Sie sollten „Werkzeuge der göttlichen Barmherzigkeit“ im Alltag werden, sagte der Papst den Pilgern weiter. „Die Männer und Frauen von heute dürsten nach Gott, dürsten nach seiner Güte und Liebe! Und ihr könnt als Kanäle der Barmherzigkeit mithelfen, diesen Durst zu stillen. Ihr könnt so vielen Menschen helfen, Christus wiederzuentdecken…“

(rv 15.11.2016 sk)

Vatikan: Ältestes Kruzifix wird zum Denkmal des Jubiläums

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Das älteste Kruzifix in St. Peter

Wenn am 20. November das Heilige Jahr zu Ende gehen wird, soll im Petersdom zur „Erinnerung“ an dieses außerordentliche Jubiläumsjahr das älteste Kruzifix von St. Peter für alle Gläubigen wieder sichtbar angebracht werden. Das kündigte an diesem Freitag der Erzpriester der vatikanischen Basilika an, Kardinal Angelo Comastri. Er stellte der Presse das frisch restaurierte Kruzifix vor. 15 Monate lang haben die Arbeiten gedauert, rund 60.000 Euro hat das Ganze gekostet, so Kardinal Comastri.

„Es handelt sich um ein hölzernes Kruzifix, der aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts stammt, also aus der Zeit von Dante Alighieri, und ist bei weitem das älteste Kreuz dieser Größe, das wir hier im Petersdom haben“, so der Erzpriester von St. Peter. Doch in den vergangenen achtzig Jahren war es an einer „ungünstigen“ Stelle platziert, abseits von der Öffentlichkeit. Davor stand ein Aufzug, den nur die Päpste und ihre Begleiter benützten und immer noch exklusiv verwenden. Das Kruzifix ist über 2,15 Meter groß und ist aus dem Stamm eines Nussbaumes erstellt worden. Doch trotz verschiedener Restaurierungsarbeiten im Lauf der Jahrhunderte befand es sich in einem ziemlich schlechten Zustand, wie die Restauratorin Lorenza D’Alessandro erläutert. „Wir mussten jede einzelne Schicht mit speziellen Lasergeräten entfernen“, sagt sie bei der Vorstellung des „neuen“ Kruzifixes. Die Arbeiten fanden im Kapitelsaal der Sakristei von St. Peter statt, wo das frisch restaurierte Kreuz auch der Presse vorgestellt wurde.

„Das Kruzifix wird dann erstmals am 6. November zum Anlass des Gottesdienstes mit dem Papst für das Jubiläumsjahr der Gefängnisinsassen wieder der Öffentlichkeit gezeigt. Gerade für die Gefängnisinsassen als Pilger in St. Peter wird das ein besonderes Zeichen der Hoffnung und eine Botschaft der Barmherzigkeit sein“, so Kardinal Comastri. Übrigens, Franziskus selber hat das Kreuz noch nicht gesehen und wird es wie die Pilger erst am 6. November sehen.

Danach soll es als „Denkmal für das Heilige Jahr der Barmherzigkeit“ in der Sakramentskapelle – also unmittelbar neben dem Grabmal des heiligen Papstes Johannes Paul II. – aufgestellt werden. „Der Pilger, der in jene Seitenkapelle zum Beten kommt, wird dann als erstes den Anblick des Gekreuzigten sehen“, fügt der Erzpriester an.

(rv 28.10.2016 mg)