Der interreligiöse Dialog als Weg zum Frieden

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ERÖFFNUNG EINES KURSES FÜR DIPLOMATEN
AUS ISLAMISCHEN LÄNDERN AN DER
PÄPSTLICHEN UNIVERSITÄT GREGORIANA

ANSPRACHE VON KARDINAL TARCISIO BERTONE

Montag, 7. Mai 2007

Der interreligiöse Dialog als Weg zum Frieden

Hochwürdige Patres,
verehrte Autoritäten,
meine Damen und Herren!

Ich möchte die Organisatoren und die Teilnehmer an dem Kurs »Die katholische Kirche und die internationale Politik des Heiligen Stuhls« für Diplomaten aus den Ländern des Mittelmeerraumes und des Nahen Ostens ehrerbietig begrüßen. Besonders danke ich dem Hw. Pater Franco Imoda, Präsident der Stiftung »La Gregoriana«, in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Kurses, und Professor Roberto Papini, Generalsekretär des internationalen Instituts »Jacques Maritain«, als ausführendem Direktor des Kurses. Meine Anerkennung gilt auch dem Hw. P. Gianfranco Ghirlanda, Rector Magnificus der Päpstlichen Universität Gregoriana, die uns Gastfreundschaft gewährt. Schließlich richte ich an Sie alle einen herzlichen und freundschaftlichen Gruß. Diese Initiative, an der angesehene Institutionen mitwirken, erscheint in der aktuellen geschichtlichen Situation notwendiger denn je, um qualifizierte Vertreter der muslimischen Welt in angemessener Weise mit dem Denken und der Tätigkeit der katholischen Kirche bekannt zu machen. Das gegenseitige Kennenlernen ist in der Tat der erste und notwendige Schritt, um eine harmonische Entwicklung des Dialogs und eine dauerhafte und gewinnbringende Zusammenarbeit sicherzustellen.

Das mir vorgeschlagene Thema – »Der interreligiöse Dialog als Weg zum Frieden« – ist anregend und aktueller denn je bei der Suche nach dem Dialog zwischen den Religionen sowie für die Zukunftsperspektiven der Welt. Darum bewahrt der Heilige Stuhl ständiges und aufrichtiges Interesse am Dialog.

Das hat der Heilige Vater Benedikt XVI. bei der Begegnung mit den Vertretern einiger muslimischer Gemeinden am 20. August 2005 in Köln klar ausgesprochen: »Der interreligiöse und interkulturelle Dialog zwischen Christen und Muslimen darf nicht auf eine Saisonentscheidung reduziert werden. Tatsächlich ist er eine vitale Notwendigkeit, von der zum großen Teil unsere Zukunft abhängt.« Hier sehen wir den religiösen Dialog im Dienst des Friedens. Die Suche nach Frieden liegt bekanntlich dem Heiligen Stuhl sehr am Herzen. Ich werde mich darauf beschränken, einige ausdrückliche Bezugnahmen auf dieses Thema anzuführen, welche in den Botschaften enthalten sind, die der Papst seit über dreißig Jahren anläßlich des Weltfriedenstages an die Staatsoberhäupter, an die Katholiken und an die Menschen guten Willens sendet.

1. Der Dialog für den Frieden, eine Herausforderung für unsere Zeit

Das Thema der Botschaft zum Weltfriedenstag 1983 lautete: »Der Dialog für den Frieden: eine Herausforderung für unsere Zeit.« Darin sagte der verehrte Papst Johannes Paul II., er sei zutiefst davon überzeugt, daß der Dialog – ein echter Dialog – eine wesentliche Bedingung für den Frieden ist, und bemerkte: »Ja, dieser Dialog ist notwendig, nicht nur opportun; er ist schwierig, aber möglich, trotz der Hindernisse, die wir, realistisch gesehen, dabei beachten müssen. Er stellt deshalb eine echte Herausforderung dar, die ich euch bitte, anzunehmen« (Insegnamenti Giovanni Paolo II, 1982/III, S. 1542). Und er fügte hinzu: ein echter Dialog geht aus »von der Suche nach dem Wahren, dem Guten und dem Gerechten für jeden Menschen, für jede Gruppe und jede Gesellschaft« (ebd., S. 1545). Der Dialog verlangt daher eine wirkliche Öffnung und gegenseitige Annahme in Respekt und Verständnis für die Verschiedenheit und die Besonderheit des anderen. Zugleich ist der Dialog Suche nach dem, was den Menschen gemeinsam ist und ihnen, auch inmitten von Spannungen, Widerständen und Konflikten, gemeinsam bleibt. Alles in allem ist der wahre Dialog die Suche nach dem Guten mit friedlichen Mitteln; er ist eine Anerkennung der unveräußerlichen Würde der Menschen und stützt sich auf die Achtung vor dem menschlichen Leben.

2. Dialog zwischen den Kulturen für eine Zivilisation der Liebe und des Friedens

Im Jahr 2001 hatte die Botschaft zum Weltfriedenstag als Thema »Dialog zwischen den Kulturen für eine Zivilisation der Liebe und des Friedens.« In einer Analyse über den Dialog zwischen den verschiedenen Kulturen und Traditionen der Völker zeigte der Heilige Vater im Dialog den notwendigen Weg für den Aufbau einer versöhnten Welt auf, die fähig ist, mit Gelassenheit in ihre Zukunft zu blicken. Die Kultur – schrieb er – ist die qualifizierte Äußerung des Menschen und seiner Geschichte. Menschsein bedeutet notwendigerweise Leben in einer bestimmten Kultur. Wenn es daher einerseits darauf ankommt, daß man die Werte der eigenen Kultur zu schätzen weiß, so ist andererseits das Bewußtsein erforderlich, daß jede Kultur, da sie ein typisch menschliches und geschichtlich bedingtes Produkt ist, notwendigerweise auch Grenzen einschließt. Ein wirksames Mittel dagegen, daß das kulturelle Zugehörigkeitsgefühl zur Abschottung wird, ist das unparteiliche, nicht von negativen Vorurteilen bestimmte Kennenlernen der anderen Kulturen (vgl. Nr. 7) (Insegnamenti Giov. Paolo II, 2000/II, S. 1066–1067). Wir können somit sagen – wie kürzlich von Seiner Exzellenz Francesco Follo bei der 176. Sitzung des Exekutivrates der UNESCO betont wurde –, daß die verschiedenen Kulturen, auch wenn sie von unterschiedlichen Interpretationen der Wirklichkeit geprägt sind, in der Grunderfahrung der menschlichen Situation, wo es um Fragen über Geburt und Tod, über Arbeit, Krankheit, soziale Ungerechtigkeit, die Erhaltung unseres Planeten geht, tief miteinander verbunden sind.

Unter diesem Aspekt erweist sich der Dialog zwischen den Kulturen als ein inneres Erfordernis der Natur des Menschen und der Kultur; er trägt dazu bei, den Reichtum der Unterschiedlichkeit anzuerkennen, indem er die Herzen zur gegenseitigen Annahme bereit macht, im Ausblick auf eine echte Zusammenarbeit, wie sie der ursprünglichen Berufung der ganzen Menschheitsfamilie zur Einheit entspricht. Der Dialog als solcher ist ein hervorragendes Werkzeug, um die Zivilisation der Liebe und des Friedens zu verwirklichen, die Papst Paul VI. als das Ideal bezeichnete, von dem sich das kulturelle, soziale, politische und wirtschaftliche Leben unserer Zeit inspirieren lassen sollte.

Angesichts der wachsenden Ungleichheiten in der Welt ist der erste gemeinsame Wert, dessen Bewußtmachung stärker gefördert werden muß, sicher die Solidarität. Aber im Mittelpunkt einer authentischen Kultur der Solidarität steht die Förderung der Gerechtigkeit, die eng mit dem Wert des Friedens verbunden ist, dem Hauptziel jeder Gesellschaft und gemeinsamen Gut für ein wirkliches nationales und internationales Zusammenleben. Außerdem ist zu betonen, daß ein echter Dialog zwischen den Kulturen auch eine lebendige Sensibilität für den Wert des Lebens nähren muß, das niemals als willkürlich verfügbares Objekt betrachtet werden darf, sondern als die heiligste und unantastbare Wirklichkeit. Wenn der Schutz eines so grundlegenden Gutes vernachlässigt wird, kann es keinen Frieden geben; man kann nicht zum Frieden aufrufen und das Leben mißachten.

3. Die Gläubigen vereint im Aufbau des Friedens: Der interreligiöse Dialog als Weg zum Frieden

Was die Rolle der Religion und des interreligiösen Dialogs zugunsten des Friedens betrifft, scheint mir die Botschaft zum Weltfriedenstag 1992 von großem Interesse. In ihr hebt Johannes Paul II. mehrmals die Aufgabe der Gläubigen hervor, die »ja auf Grund ihres Glaubens – als einzelne und alle zusammen – dazu berufen sind, Boten und Baumeister des Friedens zu sein« (Insegnamenti G.P. II, 1991/II, S. 1332). Das ist nicht die Aufgabe einer Elite, einer »Nische«, wie man heute sagt, sondern »sie betrifft jeden Menschen guten Willens« (ebd.), auch wenn diese »Verpflichtung allen dringend auferlegt ist, die sich zum Glauben an Gott bekennen« (ebd.).

In den heiligen Büchern der verschiedenen Religionen nimmt der Bezug zum Frieden im Rahmen des Lebens des Menschen und seiner Beziehung zu Gott einen wichtigen Platz ein. In diesem Zusammenhang bemerkt Papst Wojtyla: »Religiöses Leben muß, wenn es authentisch gelebt wird, Früchte des Friedens und der Brüderlichkeit hervorbringen« (ebd., Nr. 2, S. 1333).

Man versteht also leicht die Bedeutung des Gebets für den Frieden als Faktor der Begegnung und Einheit, »wo Ungleichheiten, Unverständnis, Groll und Feindseligkeiten überwunden werden, nämlich vor Gott, dem Herrn und Vater aller« (ebd., Nr. 4, S. 1335). Zur Friedensförderung müssen zusammen mit dem Gebet die interreligiösen Kontakte und der ökumenische Dialog in Gang gebracht werden. »Dank diesen Formen der Gegenüberstellung und des Austausches« – schreibt Johannes Paul II. – »konnten sich die Religionen ihrer gewiß nicht leichten Verantwortung hinsichtlich des wahren Wohles der ganzen Menschheit klarer bewußt werden … Ein solches Vorgehen der Gläubigen kann entscheidend sein für die Befriedung der Völker und die Überwindung der immer noch bestehenden Spaltungen zwischen ›Zonen‹ und ›Welten‹« (ebd., Nr. 5, S. 1335–1336). Und er schließt: »Die interreligiösen Kontakte scheinen neben dem ökumenischen Dialog nunmehr die vorgeschriebenen Wege zu sein, damit so viele schmerzliche Verletzungen, die im Laufe der Jahrhunderte geschehen sind, nicht mehr vorkommen und die noch vorhandenen schnell geheilt werden« (ebd., Nr. 6, S. 1336).

4. Das interreligiöse Gebetstreffen von Assisi

Als historisches Ereignis, als Meilenstein im interreligiösen Dialog im Dienst des Friedens hat sich das Treffen vom 27. Oktober 1986 in Assisi erwiesen. Im Abstand von zwanzig Jahren hat Papst Benedikt XVI. am 2. September 2006 in einem Schreiben zur Erinnerung an jenes Ereignis ausgeführt, daß die Einladung an die Führer der Weltreligionen zu einem vielstimmigen Zeugnis für den Frieden damals dazu diente, unmißverständlich klarzustellen, daß die Religion nichts anderes sein könne als Verkünderin des Friedens. Das ist eine Auffassung, die in der Erklärung Nostra aetate des II. Vatikanischen Konzils über die Beziehungen der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen nachdrücklich unterstrichen wird, wo es in Nr. 5 heißt: »Wir können aber Gott, den Vater aller, nicht anrufen, wenn wir irgendwelchen Menschen, die ja nach dem Ebenbild Gottes geschaffen sind, die brüderliche Haltung verweigern«. Und der Papst fährt fort: »Trotz der Unterschiede, die die verschiedenen religiösen Wege kennzeichnen, muß die Erkenntnis der Existenz Gottes, zu der die Menschen auch dann gelangen können, wenn sie von der Erfahrung der Schöpfung ausgehen (vgl. Röm 1,20), die Gläubigen veranlassen, die anderen Menschen als Brüder zu betrachten. Niemand darf also religiöse Unterschiede als Voraussetzung oder Vorwand für eine feindselige Haltung anderen Menschen gegenüber nehmen«. Und die Religionskriege? »Derartige Gewaltakte« – signalisiert Benedikt XVI. – »sind nicht der Religion als solcher zuzuschreiben, sondern vielmehr der kulturellen Begrenzung, mit der sie gelebt wird und sich im Laufe der Zeit entwickelt.«

Aber kommen wir für einen Augenblick auf Assisi, auf jenen 27. Oktober 1986 zurück, als der Diener Gottes Johannes Paul II. den Wert des Gebets bei der Friedensstiftung betonte, weil »der Friede zuallererst in den Herzen entstehen muß. Das Herz des Menschen ist der Ort des Eingreifens Gottes«. In einem Klima großen Interesses bat er alle um ein glaubwürdiges Gebet, das begleitet sein soll von Fasten und Ausdruck findet in der Wallfahrt, dem Symbol des Weges zur Begegnung mit Gott, und er erklärte, daß »das Gebet unsererseits die Umkehr des Herzens einschließt« (Insegnamenti G.P. II, 1986/II, S. 1253).

Um kein Mißverständnis über den Sinn dessen aufkommen zu lassen, was man bei diesem Treffen realisieren wollte, um das richtig zu verstehen, was man den »Geist von Assisi« zu nennen pflegt, ist es wichtig, nicht zu vergessen, wie sehr man darauf bedacht war, daß jenes interreligiöse Gebetstreffen keinen Anlaß zu synkretistischen Interpretationen auf relativistischer Grundlage gäbe. Um diesem Risiko vorzubeugen, erklärte Johannes Paul II. gleich zu Beginn: »Die Tatsache, daß wir hierhergekommen sind, beinhaltet nicht die Absicht, unter uns selbst einen religiösen Konsens zu suchen oder über unsere religiösen Überzeugungen zu verhandeln. Es bedeutet weder, daß die Religionen auf der Ebene einer gemeinsamen Verpflichtung gegenüber einem irdischen Projekt, das sie alle übersteigen würde, miteinander versöhnt werden könnten. Noch ist es eine Konzession an einen Relativismus in religiösen Glaubensfragen« (ebd., S. 1252).

5. Die Absage an den Terrorismus

Der aufrichtige Dialog zwischen den Religionen muß eine klare Absage an die Gewalt und an jede Art von Terrorismus enthalten. Nach den Geschehnissen vom 11. September 2001 hat Johannes Paul II. am 24. Januar 2002 noch einmal die Religionsführer nach Assisi zum Gebet für den Frieden zusammengerufen. Bei jener Gelegenheit sagte er klar und deutlich: »Darum ist es Pflicht, daß die Personen und religiösen Gemeinschaften der Gewalt, jeder Form von Gewalt, eine ganz klare und radikale Absage erteilen, angefangen von der Gewalt, die den Anspruch erhebt, sich als Religiosität zu bemänteln, indem sie sogar den heiligen Namen Gottes anruft, um den Menschen zu beleidigen. Die Beleidigung des Menschen ist letztlich eine Beleidigung Gottes. Niemals kann eine religiöse Zielsetzung die Gewaltanwendung des Menschen gegen den Menschen rechtfertigen« (Insegnamenti G.P. II, 2002/I, S. 1011). Und in der Botschaft zum Weltfriedenstag jenes Jahres 2002 hatte er als Thema gewählt: »Kein Friede ohne Gerechtigkeit, keine Gerechtigkeit ohne Vergebung«. In der Botschaft zu diesem jährlichen Anlaß verkündete er mit Nachdruck: »Der Terrorismus basiert auf der Verachtung des Lebens des Menschen. Deshalb bildet er nicht allein den Grund für unerträgliche Verbrechen, sondern stellt selbst ein wirkliches Verbrechen gegen die Menschheit dar, insofern er auf den Terror als politische und wirtschaftliche Strategie zurückgreift« (Insegnamenti G.P. II, 2001/II, S. 1083). Und an die religiösen Führer gewandt, fügte er hinzu: »Kein Verantwortlicher der Religionen kann daher dem Terrorismus gegenüber Nachsicht üben und noch weniger kann er ihn predigen« (ebd., S. 1085).

Auf den Terrorismus bezog sich auch Benedikt XVI. in der Botschaft zum Weltfriedenstag des Jahres 2006: »Bis zum heutigen Tag« – so schrieb er – »ist die Wahrheit des Friedens immer noch auf dramatische Weise gefährdet und geleugnet durch den Terrorismus, der mit seinen Drohungen und seinen kriminellen Handlungen imstande ist, die Welt im Zustand der Angst und der Unsicherheit zu halten« (Insegnamenti Benedetto XVI, 2005/I, S. 958). Und er fügt hinzu: »Es ist zu wünschen, daß man sich bei der Analyse der Ursachen des zeitgenössischen Phänomens des Terrorismus außer den Gründen politischen und sozialen Charakters auch die kulturellen, religiösen und ideologischen Motive vor Augen hält« (ebd., S. 959).

6. Förderung und Achtung der Menschenrechte

Die letzten Überlegungen meines Vortrags möchte ich der Förderung und Achtung der Menschenrechte widmen, ein Bereich, in dem der interreligiöse Dialog für den Aufbau des Friedens nützlicher denn je ist. Tatsächlich entsteht und festigt sich der Friede dann, wenn die Menschenrechte vollständig beachtet und respektiert werden. Der Heilige Stuhl ist der Überzeugung, daß dann feste und dauerhafte Fundamente für den Aufbau des Friedens gelegt werden, wenn die Förderung der Würde der menschlichen Person das inspirierende Leitprinzip darstellt, wenn die Suche nach dem Gemeinwohl die vorherrschende Aufgabe bildet. Wenn hingegen die Menschenrechte ignoriert oder mißachtet werden, wenn die Verfolgung von Sonderinteressen ungerechterweise über das Gemeinwohl gestellt werden, dann verbreiten sich unvermeidlich die Keime der Instabilität, der Auflehnung und der Gewalt.

Die »Allgemeine Erklärung der Menschenrechte« hat als grundlegende Präambel die Feststellung, nach welcher die Anerkennung der angeborenen Würde und der gleichen und unveräußerlichen Rechte aller Mitglieder der Menschheitsfamilie die Grundlage von Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden in der Welt bildet.

Papst Benedikt XVI. hat in der Botschaft zum Weltfriedenstag dieses Jahres, deren Thema »Der Mensch – Herz des Friedens« ist, bekräftigt, daß für den Aufbau einer friedlichen Gesellschaft und für die Gesamtentwicklung von Menschen, Völkern und Nationen die Verteidigung der Universalität und Unteilbarkeit der Menschenrechte wesentlich ist. Unter diesen Rechten möchte ich zwei herausgreifen, die heute besonders mehr oder weniger offenkundigen Verletzungen ausgesetzt sind: nämlich das Recht auf Leben und das Recht auf Religionsfreiheit. Das menschliche Leben ist heilig und muß von seiner Empfängnis bis zu seinem natürlichen Ende als solches betrachtet werden. Das ist ein unantastbares Recht, das die klare Ablehnung jeder Form von Gewalt einschließt.

Neben dem Recht auf Leben liegt der Kirche in gleicher Weise das Recht auf Religionsfreiheit am Herzen. In der Botschaft zum Weltfriedenstag 1999 schreibt Johannes Paul II.: »Die Religionsfreiheit bildet den Kern der Menschenrechte. Sie ist so unantastbar, daß sie fordert, daß der Person auch die Freiheit des Religionswechsels zuerkannt wird, wenn das Gewissen es verlangt. Denn jeder ist gehalten, dem eigenen Gewissen in jeder Situation zu folgen, und darf nicht gezwungen werden, gegen sein Gewissen zu handeln. Gerade deshalb darf niemand gezwungen werden, unbedingt eine bestimmte Religion anzunehmen, welche Umstände oder Beweggründe es auch immer dafür geben mag« (Insegnamenti G.P. II, 1998/II, S. 1218).

7. Schluß

In meinem Beitrag zur Eröffnung Ihrer Arbeiten wollte ich auf einige Stichworte aus den Überlegungen und der Aktivität des Heiligen Stuhls hinweisen, die den Lehren der Päpste über ein Thema von großer Aktualität entnommen sind.

Als Priester und jetzt als Kardinalstaatssekretär komme ich immer mehr zur Überzeugung, daß jedem Dialog zwischen Menschen das Einander- Zuhören und das gegenseitige Kennenlernen zugrunde liegen muß; es muß die Achtung vorhanden sein, die aus der Anerkennung des guten Willens des anderen und aus der Klarheit und Aufrichtigkeit bei der Darlegung der eigenen Positionen entsteht. Der interreligiöse Dialog im Dienst des Friedens macht eine »Reinigung« des Glaubens erforderlich, die das Herz für die Liebe öffnet; er erfordert letzten Endes eine ständige »Umkehr« zu Gott. Denn Gott allein kann das Herz des Menschen berühren und den Funken jener Liebe überspringen lassen, die zu Annahme und Vergebung und damit zur günstigen Voraussetzung für die Verteidigung und den Aufbau des Friedens wird.

Möge auch diese Begegnung zu einem gegenseitigen Kennenlernen und zur Achtung zwischen allen Teilnehmern werden und dazu dienen, die Tätigkeit des Heiligen Stuhls und den Geist, der ihn beseelt, besser kennenzulernen. Möge sie uns vor allem helfen, unermüdliche Friedensstifter in einer Welt zu werden, wo Gott nicht als fremd oder, schlimmer, als Feind des Glücks des Menschen gesehen wird, sondern als echter Freund der Menschheit, die er unter seinen Schutz nimmt. In der väterlichen Umarmung Gottes kann die Menschheitsfamilie nur zu einer freieren, gedeihlicheren und glücklicheren Menschheit wachsen.

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Quelle

DER RELIGIÖSE FAKTOR UND DIE ZUKUNFT EUROPAS

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ERÖFFNUNG DER STUDIENTAGUNG
„DER RELIGIÖSE FAKTOR UND DIE ZUKUNFT EUROPAS“

ANSPRACHE VON KARDINAL TARCISIO BERTONE

Aula des Europäischen Institutes der Jagellonen-Universität, Krakau
Samstag, 15. September 2007

Herr Kardinal,
verehrte Brüder im Bischofsamt,
werte Abgeordnete,
sehr geehrte Damen und Herren!

Ich danke Ihnen, daß Sie mich eingeladen haben, um diese Studientagung zu eröffnen, die sich einem Thema widmet, das nicht nur für die Hauptverantwortlichen des kirchlichen und politischen Lebens, sondern letztendlich für jeden Gläubigen und für alle europäischen Bürger von besonderem Interesse ist. Sehr herzlich grüße ich Herrn Kardinal Stanislaw Dziwisz, den Erzbischof von Krakau, den Präsidenten des Europäischen Parlaments, Herrn Pöttering, Bischof Tadeusz Pieronek, die einsatzbereiten Institutionen und die kirchlichen und zivilen Persönlichkeiten, die sich dafür verwendet haben, diesen siebten Internationalen Kongreß ins Leben zu rufen. Das Thema – »Der religiöse Faktor und die Zukunft Europas« – gibt Ihnen, den Kongreßteilnehmern aus verschiedenen Nationen, Gelegenheit, gemeinsam nachzudenken über die europäische Integration und über den Beitrag, den die christlichen Werte durch das Handeln der Katholiken dazu leisten können. In dem Wunsch, daß Ihre Arbeiten erfolgreich sein mögen, beginne ich meinen Einführungsvortrag mit einem kurzen Überblick über die gegenwärtige soziokulturelle und religiöse Lage in Europa.

1. Der religiöse Faktor im heutigen Europa

Tief geprägt von zwei großen historischen Ereignissen – dem Fall der Berliner Mauer im Jahre 1989 und dem Angriff auf die Zwillingstürme in New York im Jahre 2001 – hat der Westen in diesen Jahren in einem kulturellen Klima gelebt, das von einer verbreiteten, wenn auch oft vagen Suche nach dem Heiligen gekennzeichnet war. Dieses Phänomen betrifft besonders Europa, wo die religiöse Dimension der Existenz in eine große Krise gebracht worden war durch die vermassende antireligiöse Propaganda in den Ländern des Ostens und durch die um sich greifende Säkularisierung, die nicht nur die Oberschichten sondern auch die breiten Massen in den Nationen des Westens Europas berührt hat. Hier also hat – wie gesagt – die religiöse Dimension wieder begonnen, immer mehr das Interesse der öffentlichen Meinung zu wecken. Jüngste Statistiken belegen für unseren Kontinent ein Wiedererwachen des Glaubens an Gott und auch des Bekenntnisses der Zugehörigkeit zur christlichen Kultur und der Identifizierung mit ihr – wenn auch unterschieden wird zwischen »believing«, »belonging« und »behaving«, also zwischen Glauben, konfessioneller Zugehörigkeit und ethischem Verhalten.

Es sollte sofort gesagt werden, daß einige meinen – in Wirklichkeit handelt es sich dabei um eine Minderheit –, die Religion nehme im öffentlichen Leben zuviel Raum ein. Bei ihnen ruft jeder Hinweis auf die Religion eine Abwehr hervor, die manchmal gewaltsam ist. Jemand hat einmal geschrieben, daß ihre Haltung vergleichbar ist mit der des Stieres, der beim Stierkampf vor dem roten Tuch steht. Der katholischen Kirche Glauben zu schenken, käme für sie einer »Ghettoisierung« in einer überholten und beinahe im Aussterben begriffenen Einrichtung gleich. Dank der großen Resonanz der Massenmedien scheint die Kultur des Säkularismus in Europa vorherrschend zu sein, und einige kämpfen mit allen Mitteln dafür, daß die Religion als reine Privatangelegenheit betrachtet werde, die keinen Einfluß auf das Leben der Gesellschaft besitzt. Bei näherem Hinsehen ist es jedoch durchaus nicht einfach, den geistlichen Bedarf von den Gewissen der Personen und vom gesunden Menschenverstand zu trennen. Darüber hinaus ist der Prozeß der Säkularisierung nicht frei von Hindernissen: Wenn es nämlich wahr ist, daß manche Formen der Entinstitutionalisierung der Religion (believing without belonging) sich in einigen Gebieten Europas ausbreiten, so geschieht andernorts nicht unbedingt dasselbe. Angesichts eines so komplexen Phänomens, das die postmoderne Epoche, in der wir leben, kennzeichnet, darf man sich zu Recht fragen, ob wir dem Ende eines Europa, in dem die christliche Kultur und Spiritualität weit angelegt und tiefgreifend sind, entgegengehen und ob wir uns auf den Triumph des Säkularismus vorbereiten müssen. In diesem Zusammenhang werden Sie auf Ihrem Kongreß auch die Frage untersuchen, was die christlichen Gemeinschaften tun können und in welchem Geist sie handeln sollen. Es stellt sich folgende Frage: »Was sind letztendlich der Inhalt und der ›Mehrwert‹, die die Religion – ich meine damit in erster Linie das Christentum – zum Aufbau des Europa von heute und von morgen beitragen kann?«

2. Die Religion in der jüngsten Geschichte Polens

Ich werfe jetzt einen Blick auf eure Nation, die maßgeblich geprägt ist durch den Einfluß des Christentums und durch das Wirken heiliger Männer und Frauen, die ihre Kultur und ihre Entwicklung gestaltet haben. Ich habe nicht die Absicht, die Geschichte des polnischen Volkes darzulegen, auch wenn dies äußerst interessant wäre. Ich möchte mich nur darauf beschränken, liebe Freunde, daran zu erinnern, daß im Laufe der Jahrhunderte Polen seinen Weg unter dem ständigen Schutz der Schwarzen Madonna gegangen ist. Aus ihrer tröstlichen Gegenwart hat es den Mut und die Weisheit geschöpft, die notwendig waren, um schwierige und manchmal sogar dramatische Augenblicke zu überwinden. Der Diener Gottes, der geliebte Papst Johannes Paul II., hat zum Beispiel mehrmals die Brutalität des Nazismus und des Kommunismus hervorgehoben, zweier Formen der gesellschaftlichen Unterdrückung und der Religionsverfolgung, die Sie erfahren haben. Wenn Polen unter diesen beiden totalitären Regimen, die so fern und so verschieden voneinander waren und in gewisser Hinsicht einander dennoch so nahe und so ähnlich, enorm gelitten hat, hat es umgekehrt jedoch die tiefe Erfahrung der unüberwindbaren Kraft des Christentums machen können, die seinem Volk Zusammenhalt gegeben hat und es dem Evangelium treu bleiben ließ. Wer nämlich mit Christus ist, widersteht jedem Angriff. Wer ihn liebt, spürt die Notwendigkeit, den Menschen zu lieben und stets seine Achtung und Würde zu fördern. Er liebt das eigene Volk, dem er sich zugehörig fühlt, und lernt, es zu verteidigen als wäre es seine eigene »Familie«. Ihre Erfahrung bezeugt, daß man nur dann, wenn man dem im Herzen jedes Menschen vorhandenen Streben nach Wahrheit, Gerechtigkeit und Freiheit entgegenkommt, eine wirklich freie und solidarische Nation aufbauen kann – eine Nation, die die menschlichen und geistlichen Werte bewahrt, in deren Inneren Versöhnung und Einheit zwischen allen Menschen herrscht und die offen ist gegenüber den großen Aussichten auf Frieden und ganzheitliche Entwicklung im Dialog mit den anderen Völkern.

Wie wichtig ist doch in diesem Zusammenhang das Handeln der Kirche! Hierzu schreibt der Heilige Vater Papst Benedikt XVI. in seiner ersten Enzyklika Deus caritas est: »Die gerechte Gesellschaft kann nicht das Werk der Kirche sein, sondern muß von der Politik geschaffen werden. Aber das Mühen um die Gerechtigkeit durch eine Öffnung von Erkenntnis und Willen für die Erfordernisse des Guten geht sie zutiefst an« (Nr. 28). Es gehört zur Sendung der Kirche, die Gläubigen zu einer inneren Freiheit zu erziehen, die sich jeder Form der Unterdrückung widersetzt; in ihnen eine Liebe zu wecken und zu nähren, die den Haß und die Intoleranz besiegt; sie zu unterweisen, um sie fähig zu machen, ein konsequentes Zeugnis von den menschlichen und geistlichen Werten zu geben, die für jede Person und für jedes Volk grundlegend sind.

In Anlehnung an die christlichen Grundsätze, die in Polen sehr stark verankert sind, haben die derzeitigen Verantwortungsträger der Regierung Ihres Landes mit Nachdruck richtig gefordert, daß die Europäische Union keine Angst haben soll, ihr spezifisch christliches Erbe anzuerkennen. Europa besitzt eine unauslöschliche christliche Prägung, auch wenn viele seiner Einwohner, heute mehr als in der Vergangenheit, aufgrund des großen und anhaltenden Phänomens der Immigration anderen Religionen angehören. Auch dies, ich meine damit die gleichzeitige Anwesenheit mehrerer Religionen auf dem alten Kontinent, ist eine Tatsache, der große Beachtung geschenkt werden muß.

3. Die Religion als Schutz der Ethik

Ich nehme jetzt die anfangs gestellte Frage wieder auf: Was ist der »Mehrwert«, den das Christentum zum Aufbau eines Volkes, zur Verwirklichung des Europa von heute und von morgen beitragen kann? Deutlich und erhellend ist in diesem Zusammenhang die Lehre der Kirche, wie sie in ihrer Soziallehre dargelegt ist.

Indem die Jünger Christi ohne Zweideutigkeiten die grundlegenden Kriterien der Gerechtigkeit bewahren und bekräftigen, bemühen sie sich, diese der Willkür despotischer Herrschaft zu entreißen. Indem sie die Liebe zur Wahrheit und damit zur Freiheit lebendig erhalten sowie den Mut, ihrem Gewissen zu folgen, tragen sie auf qualifizierte Weise dazu bei, daß die Wahrheit nicht untergeht. Sie bemühen sich, in der Gesellschaft und in der öffentlichen Meinung jene Überzeugungen hervorzubringen, die geeignet sind, eine feste Grundlage für die Zivilisation zu bilden, auf der der Rechtsstaat aufgebaut und infolgedessen der Frieden gewährleistet werden kann.

Bereits vor einigen Jahren schrieb der damalige Kardinal Ratzinger, heute Papst Benedikt XVI.: »Wo Gott und die von ihm gesetzte Grundform menschlicher Existenz aus dem öffentlichen Bewußtsein verdrängt und ins Private, bloß Subjektive abgeschoben wird, löst sich der Rechtsbegriff auf und damit das Fundament des Friedens« (J. Ratzinger, Wendezeit für Europa? Diagnosen und Prognosen zur Lage von Kirche und Welt, Johannes Verlag Einsiedeln, Freiburg 1991, S. 39). Der Staat kann aus sich heraus keine Moral erzeugen: Die Geschichte ist durchzogen mit Dramen, die von Versuchen hervorgerufen wurden, das zu tun, und Gott verhüte, daß sie sich wiederholen mögen! Die Religionen – und an erster Stelledas Christentum – müssen daher dazu beitragen, jenen gemeinsamen und miteinander geteilten Ethos zu schaffen, der für das Leben jeglicher zivilen und politischen Gemeinschaft unverzichtbar ist. Gerade weil die Legalität letztendlich in der Moralität des Menschen verwurzelt ist, ist die wesentliche Voraussetzung für eine Entwicklung des Bewußtseins für die Legalität das Vorhandensein eines lebendigen Bewußtseins für die Ethik als grundlegende und unverzichtbare Dimension des Menschen. Die ethische Auffassung ihrerseits muß, um vollkommen menschlich zu sein, die Botschaft achten, die aus der Natur des Menschen kommt, weil in dieser auch ihr »Sein sollen« eingeschrieben ist. In der Tat ist das Naturrecht gleichzeitig moralisches Gesetz. Wenn es in Übereinstimmung mit dem Naturrecht steht, dann achtet das Handeln des Individuums und der Gemeinschaft die Würde des Menschen und die grundlegenden Rechte der Person. So können all jene Instrumentalisierungen vermieden werden, die den Menschen »erbarmungslos zum Sklaven des Stärkeren machen«, wie Johannes Paul II. im Apostolischen Schreiben Christifideles laici (Nr. 5) schrieb. Und er fuhr fort: »Dieses Stärkere kann verschiedene Namen tragen: Ideologie, wirtschaftliche Macht, unmenschliche politische Systeme, wissenschaftliche Technokratie, Überflutung durch die Massenmedien« (ebd.). Daher kann nur unter Beachtung gewisser Voraussetzungen der Wunsch nach Gerechtigkeit und Frieden, der sich im Herzen jedes Menschen befindet, Erfüllung finden und können die Menschen von »Untertanen« zu wahren »Bürgern« werden. In dieser Hinsicht besitzt folgender Satz des französischen Dichters Charles Péguy immer noch Gültigkeit: »Die Demokratie ist entweder moralisch oder sie ist keine Demokratie«.

4. Der Einsatz der Kirche

Die Kirche, die von Christus die Sendung erhalten hat, allen Völkern das Evangelium zu verkünden, bietet ihren Beitrag zur Lösung der vielen Probleme an, denen die menschliche Gemeinschaft gegenübersteht. Sie ist vollkommen davon überzeugt, daß es bei der Gerechtigkeit, der Legalität und der Moralität nicht nur um das Leben der Personen und um ihr friedliches Zusammenleben geht, sondern um die Auffassung vom Menschen selbst. Das meinte Johannes Paul II., als er sagte: »Eine wahre Demokratie ist nur in einem Rechtsstaat und auf der Grundlage einer richtigen Auffassung vom Menschen möglich« (Enzyklika Centesimus annus, 46). In Gesellschaften wie der unseren, in denen der Imperativ des Wandels herrscht – so merkte die belgische Soziologin Danièle Hervieu-Léger an – und in denen keine Tradition mehr als »Sinncode« fungiert, der Individuen und Gruppen auferlegt ist, bietet die Kirche mit ihrer Soziallehre ein System von Bedeutungen, in dem die menschlichen Grundwerte, die Rechte und die Pflichten – auch in ihrer zusammenhängenden historischen Entwicklung (denken wir nur an die Bürgerrechte) – die unverzichtbaren Bezugspunkte sind, um die persönlichen und gesellschaftlichen Verhaltensregeln zu erarbeiten. Eine der Prioritäten im heutigen Europa ist die Notwendigkeit, daß die Kirche, um ein nunmehr berühmtes Wort von Papst Benedikt XVI. aufzugreifen, jene »nicht verhandelbaren Werte« verteidigt und fördert, die mit der Würde des Menschen verbunden sind. Dadurch werden die Gewissen auf die unverzichtbaren Erfordernisse der Wahrheit und somit der Gerechtigkeit hin gebildet.

Darauf zielen die häufigen Eingriffe der Kirche zum Schutz des menschlichen Lebens ab, von seiner Empfängnis bis zu seinem natürlichen Ende, und auch die Förderung der auf der unauflöslichen Ehe zwischen einem Mann und einer Frau gründenden Familie. Wie Papst Johannes Paul II. am 3. Oktober 1997 in Rio de Janeiro anläßlich des II. Welttreffens der Familien hervorgehoben hat, findet heute um das Leben und um die Familie der grundlegende Kampf um die Würde des Menschen statt. Die ständigen Verletzungen dieser Werte machen die Sendung der Kirche äußerst aktuell, verbindlich und notwendig. Sie ist oft dazu aufgerufen, eine Stellvertreterfunktion auszuüben gegenüber den öffentlichen Einrichtungen. Es handelt sich hierbei gewiß um eine wesentliche, aber unpopuläre Aufgabe. Die Kirche jedoch sucht nicht den Beifall und die Popularität, da sie sich bewußt ist, daß Christus sie nicht in die Welt sendet, um »sich dienen zu lassen«, sondern »um zu dienen«. Die Kirche will nicht »um jeden Preis gewinnen«. Sie will vielmehr die Gläubigen und alle Menschen guten Willens von den Gefahren, denen der Mensch ausgesetzt ist, wenn er sich von Gott abwendet, »überzeugen« oder sie wenigstens »warnen«.

Die Ereignisse des letzten Jahrhunderts und auch diejenigen dieser Monate lassen uns darüber nachdenken, welche Art von Gesellschaft die Menschen aufbauen, wenn sie sich anmaßen, allein und unabhängig von Gott die Glückseligkeit zu erlangen. Wiederholt und sehr häufig wird auf den sogenannten modernen Werten bestanden, den individuellen Rechten und einer Gesamtvision der Gesellschaft, die im Gegensatz steht zu den ethischen, moralischen und geistlichen Grundsätzen, die die tausendjährige Geschichte und Tradition Europas beseelt und es in der Welt zum »Leuchtfeuer der Zivilisation« gemacht haben. Eben um vor der realen Gefahr zu warnen, der Europa heute ausgesetzt ist – dieser besonderen Berufung in der Völkergemeinschaft nicht mehr nachzukommen –, greift die katholische Kirche ein und macht sich zur »Stimme« derjenigen, die nicht den trügerischen Verlockungen des ethischen Relativismus und eines konkreten und materialistischen Atheismus nachgeben wollen, der den Menschen als Schöpfer des eigenen Schicksals betrachtet. Die ständige Bezugnahme in der heutigen Tagespolitik auf die modernen »Rechte« und ihre große Tragweite erklärt die Häufigkeit, mit der die Hirten gezwungen sind, in dieser Sache einzuschreiten. Die Hirten der Kirche greifen also nicht aus »Hobby« oder aus Engstirnigkeit gegenüber der Modernität so oft in immer wieder auftretende moralische Fragen ein, die auf der legislativen Tagesordnung Europas stehen. Sie werden vielmehr getrieben vom Bewußtsein um ihre ernste Pflicht, die Würde und letztendlich das Wohl des Menschen und der Gesellschaft vor Manipulierungen zu schützen, die einfach als Befreiungen dargestellt werden. Wenn sie in diesem Sinne handeln, dann werden die Glieder der Kirche, und vor allem die Hierarchie, sich immer stärker der Bedeutung ihrer Sendung bewußt. Sie führen keine Nachhutgefechte, sondern stehen an der Front; sie führen grundlegende ethische Kämpfe, durch die sie die gläubigen Laien unterstützen, die im sozialen und politischen Bereich engagiert sind. Es handelt sich daher nicht um eine ungebührliche Einmischung der Kirche in einen Bereich, der ihr nicht zusteht, sondern um eine Hilfe, die den Christen gegeben wird, damit in ihnen ein aufrechtes und erhelltes und eben daher freieres und verantwortungsbewußtes Gewissen heranreifen kann.

5. Die politisch engagierten Christen

Ich frage mich jetzt, welche konkrete Aufgabe heute in Europa den Christen im Bereich der Politik zukommt. Kann der Christ sich damit zufriedengeben, Ideale zu formulieren und allgemeine Grundsätze aufzustellen, oder muß er in die Geschichte eintreten und sich ihr in ihrer Vielschichtigkeit stellen, indem er nach Möglichkeit die Verwirklichung aller evangeliumsgemäßen und menschlichen Werte in einem einheitlichen und konsequenten Rahmen der Freiheit und der Gerechtigkeit fördert? Es steht außer Zweifel, daß er als Bürger und Angehöriger eines Volkes und einer Nation sich zum »Weggefährten« derer machen muß, die nach Kräften für die Verwirklichung des Gemeinwohls arbeiten. Insbesondere ist jeder gläubige Laie aufgerufen, eigenverantwortlich zum Aufbau der »Stadt der Menschen« mit seinem Fachwissen, mit seinem Zeugnis und mit seiner engagierten Teilnahme beizutragen und so mitzuhelfen, eine angemessene Gesetzgebung zu schaffen und in ihrer treuen Befolgung ein Vorbild zu sein.

In der derzeitigen kulturellen Debatte um den Aufbau der Europäischen Union muß man sich deutlich bewußt sein, daß es »Schwellen« des Respekts vor der Würde des Menschen gibt – die Schwellen der bereits erwähnten »nicht verhandelbaren Werte« –, die nicht unterschritten werden können und sollen. Wenn dies geschehen sollte, dann wäre ein politisch engagierter Christ – oder jeder, der die Würde des Menschen in den Mittelpunkt seines politischen und gesellschaftlichen Handelns stellt – dazu angehalten, Maßnahmen, die der Würde des Menschen abträglich sind, nicht zu unterstützen, um diese nicht über die Würde des Menschen selbst zu stellen. In demokratischen Verhältnissen ist es richtig, andere Meinungen zu respektieren; es ist jedoch ein Zeichen der Schwäche und des Gegenzeugnisses gegenüber der Würde der Person, sich Entscheidungen zu eigen zu machen oder zu unterstützen, die mit der menschlichen Natur unvereinbar sind. Europa ist das »Vaterland« der Werte, und es wäre widersinnig, es heute auf das reiche geistliche Erbe verzichten zu sehen, das seine tausendjährige Geschichte geprägt und es fähig gemacht hat, diese Werte herauszubilden. In der Politik muß man häufig den möglichen Weg anstelle des besten Weges wählen; man muß jedoch den Mut haben, nicht jeden Pfad einzuschlagen, nur weil er theoretisch gangbar ist. Der große Papst Johannes Paul II., der mit der Stadt Krakau so sehr verbunden war, bemerkte, daß der Wert der Demokratie mit jenen Werten steht und fällt, die sie verkörpert und fördert, und daß die Grundlage dieser Werte nicht vorläufige und wechselnde »Mehrheits«-meinungen bilden können, sondern nur die Anerkennung eines objektiven Sittengesetzes, das als dem Menschen ins Herz eingeschriebenes »Naturrecht« normgebender Bezugspunkt eben dieses staatlichen Gesetzes ist (vgl. Evangelium vitae, 70). Ich möchte daher die Wertschätzung des Heiligen Stuhls zum Ausdruck bringen für das, was die polnische Regierung – den Massenmedien zufolge – auf dem letzten europäischen Gipfeltreffen erklärt hat, um die eigene öffentliche Moral und seine Gesetzgebung vor möglichen Auslegungen einiger Verfügungen der Charta der Grundrechte der Europäischen Union zu schützen, die die oben erwähnten nicht verhandelbaren Werte verletzen würden.

6. Multikulturalität und religiöse Pluralität

Bevor ich schließe, möchte ich hervorheben, daß der heutige gesellschaftliche Kontext in Europa vom Zusammenleben verschiedener Völker und Kulturen geprägt ist. Dieses Phänomen wird sich vermutlich weiter verstärken. Durch die Globalisierung ist nämlich die Welt zu einem »Dorf« geworden, in dem die Menschen sich immer mehr miteinander vermischen. Dabei darf man nicht vergessen, daß die Begegnung zum Zusammenstoß wird, wenn sie die Grundprinzipien der Identität des Gastgebers in Gefahr bringt, indem sie die ethischen und rechtlichen Grundlagen der Staatsordnung beeinflußt. Die Kultur der Immigranten muß zweifellos Wertschätzung erfahren. Sie darf jedoch gleichzeitig nicht die ortsansässige Bevölkerung zwingen, auf die eigene Identität zu verzichten. Auch in diesem Zusammenhang bietet die Soziallehre der Kirche nützliche Hinweise. Sie lädt nämlich die Gläubigen ein, sich an der Heiligsten Dreifaltigkeit zu orientieren, dem höchsten Geheimnis des Christentums, Geheimnis der Einheit und der Gemeinschaft. Indem sie sich von der dreifaltigen Liebe verwandeln lassen, lernen die Christen, Erbauer einer Gesellschaft zu sein, in der die Unterschiede und das Anderssein nicht zu Trennung und Verwirrung führen, sondern zur Harmonie im gegenseitigen Verständnis und in der Solidarität gelangen.

Ich greife noch einmal auf, was ich bereits anmerken konnte, und es ist hilfreich, nochmals zu betonen, daß die Religion nicht in die Privatsphäre verbannt werden kann, sondern vielmehr ihre spezifische und wichtige Rolle innerhalb der Gesellschaft spielen muß. Es lohnt sich hervorzuheben, daß gerade die nichteuropäischen Kulturen, die nunmehr in beachtlichem Ausmaß in Europa vertreten sind, dazu beitragen, die Auffassung von der Religionsfreiheit als Privatangelegenheit, wie sie von einer gewissen säkularisierten Kultur lange Zeit gefördert wurde, zunichte machen. Für den Islam und andere Religionen, die heute auf unserem Kontinent stark vertreten sind, ist die Religion ihrem Wesen nach ein öffentlicher Faktor. Im Übrigen hat jede echte religiöse Tradition den Wunsch, die eigene Identität zu zeigen statt sie zu verstecken oder zu tarnen.

Wenn also Europa auf gesunde Weise laikal sein will, dann muß es das Erbe der Spiritualität und des Humanismus jeder Religion annehmen und gleichzeitig das ablehnen, was in ihnen im Gegensatz zur Würde des Menschen stehen sollte. Wie seltsam ist doch die widersprüchliche Haltung, die einige heute einnehmen: Sie fordern die Sichtbarkeit der Symbole und der Glaubenspraxis der Minderheitenreligionen, aber die Symbole und die Glaubenspraxis des Christentums, das die traditionelle Religion der Mehrheit ist, wollen sie abschaffen und verstecken. Nur die echte Religionsfreiheit ist Gewährleistung des Friedens und Voraussetzung für eine solidarische Entwicklung. Nur so kann der gefürchtete Konflikt der Zivilisationen vermieden werden, indem man durch den Dialog der unfruchtbaren Logik des gewaltsamen Zusammenstoßes die Kraft nimmt.

7. Schluß

Abschließend möchte ich hervorheben, daß das Christentum in tiefer Übereinstimmung mit einigen der wichtigsten Merkmale des Menschen unserer Zeit steht: Man denke nur an die Bedeutung, die heute den »Wünschen« und der »Freiheit« zugemessen wird. Jesus knüpft wiederholt beim Wunsch nach Sinn und Vollkommenheit sowie beim Verlangen nach Freiheit an, um sein Evangelium darzulegen. Könnte die derzeitige europäische Zivilisation, die von Wünschen, die oft unklar und maßlos sind, und von einer krampfhaften Suche nach Freiheit geprägt ist, nicht gerade in Christus die tiefste und erfüllende Antwort auf ihre Erwartungen finden? Gewiß kann man Europa nicht mit der Christenheit gleichsetzen und auch nicht die Christenheit auf Europa reduzieren, aber es steht außer Zweifel, daß das Christentum nicht nur eine der »Zutaten« des europäischen »Cocktails« ist. Wie könnte dieser Kontinent das Christentum also aufgeben und verlassen wie einen Reisegefährten, der einem fremd geworden ist? Wie könnte Europa die Werte verraten, die vom Christentum geformt wurden, ohne dabei Gefahr zu laufen, in eine dramatische Krise zu geraten, wie sie ein Mensch erlebt, der das, was ihm Leben und Hoffnung gibt, zurückweist? Das Christentum ist nicht in erster Linie eine Verbindung von Wahrheiten, die man glauben, und von Normen, denen man folgen muß: Es ist eine Person, Jesus Christus! Ihm zu begegnen und sein Freund zu werden, macht unsere Identität als Christen aus. Wir fordern, dieses Angebot eines Sinnes, einer vollen Selbstverwirklichung und einer Zivilisation unseren Zeitgenossen in freier und einfacher Weise anbieten zu können. Christus, nur er – das wiederholte Johannes Paul II. sehr gerne – kennt wirklich das Herz des Menschen. Jesus ist der wahre Freund des Menschen, der Erlöser des Menschen! Es ist zu wünschen, daß auch der moderne Mensch ihn erkennen und daraus die angebrachten Konsequenzen ziehen möge, sowohl für sein persönliches Leben als auch für das Leben der Gemeinschaften und der Völker.

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Quelle

KARDINAL TARCISIO BERTONE ZUR BOTSCHAFT VON FATIMA

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VORSTELLUNG DES BUCHES
„L’ULTIMA VEGGENTE DI FATIMA“ [DIE LETZTE SEHERIN VON FATIMA]
VON KARDINALSTAATSSEKRETÄR TARCISIO BERTONE
UND DR. GIUSEPPE DE CARLI

BEITRAG VON KARDINAL TARCISIO BERTONE

Aula Magna der Päpstlichen Universität Urbaniana
Freitag, 21. September 2007

Zum Abschluß der vielen Wortmeldungen danke ich aufrichtig den Referenten, die durch ihre verschiedenen, aber sich ergänzenden Ausführungen ein wunderbares – ich würde sagen »marianisches« – Gemälde gezeichnet haben, das in verschiedener Hinsicht für den Geist erhebend, für die Geschichte bedeutsam, für die Kultur beeindruckend und für die Information interessant war.

Ich selbst möchte zwei Punkte behandeln, die nur scheinbar gegensätzlich sind: die Bedeutung der Mariologie für die katholische Spiritualität, die auch übernatürliche Phänomene umfaßt, und die gebotene Vorsicht der Kirche bei der offiziellen Anerkennung derselben.

1. Im Laufe der Jahrhunderte haben sich in der Kirche verschiedene Erscheinungen ereignet, die vor allem der Mutter des Herrn und den Heiligen zugeschrieben wurden und Gegenstand eines verborgenen göttlichen Plans waren. Die Kirche hat manche als außerordentliche Zeichen der von der Vorsehung gewollten Begleitung der Jünger Christi oder als prophetische Zeichen anerkannt und aufgenommen. Aber sie wollte den Glauben der Gläubigen niemals an diese binden (das bezeugt schon Papst Benedikt XIV. in De servorum Dei beatificatione). Der Glaube bleibt immer nur in Jesus Christus verwurzelt und gegründet, der die wahre Prophetie des Vaters bis zum Ende der Zeiten ist.

Die Lehre des Konzils läßt Zeichen zu, die nicht den Charakter der biblischen Offenbarung besitzen, sondern an Privatpersonen gerichtet sind (vgl. KKK, 66). Diese Zeichen, die dem Glaubensinhalt nicht widersprechen dürfen, müssen auf den Kern der Verkündigung Jesu Christi ausgerichtet sein: die Liebe des Vaters, der in den Menschen die Umkehr weckt und die Gnade schenkt, damit sie sich ihm mit kindlicher Hingabe überlassen. Das ist auch die Botschaft von Fatima, die uns durch den eindringlichen Aufruf zur Umkehr und Buße wirklich ins Herz des Evangeliums führt. In diesem Sinn erhält die Erscheinung von Fatima gleichsam die Form eines großen kirchlichen Gemäldes, wie Kardinal Ratzinger in seinem theologischen Kommentar anläßlich der Veröffentlichung des dritten Teils des sogenannten Geheimnisses gezeigt hat.

Die Sendung der Jungfrau Maria im universalen Heilsplan und im Leben jedes Christen wird heute vom Katholizismus immer mehr ins Licht gestellt. Manche sind besorgt darüber und fürchten, daß dadurch die Spaltung, die uns von unseren protestantischen Brüdern trennt, noch vertieft wird. Aber wir betrachten die Entwicklung der Mariologie als einen Beweis der Treue zum Heiligen Geist, der im Lauf der Jahrhunderte so führt, daß die in der Heiligen Schrift enthaltene Wahrheit immer tiefer ins Bewußtsein dringt. Die Aufgabe, die Maria vom katholischen Glauben zuerkannt wird – ich spreche nicht von dieser oder jener Form der Verehrung –, ist keine der Schrift übergestülpte Lehre, sondern erwächst vielmehr aus der Verständlichkeit des Wortes Gottes selbst, das vom Glauben der Christengemeinde und von der Tradition des Lehramtes unter dem ständigen Einwirken des Heiligen Geistes in den Jahrhunderten besser verstanden wurde. Es handelt sich um die wunderbare Wirklichkeit, daß eine Frau erwählt wurde, Mutter Gottes zu sein. Alles, was im Herzen der Jungfrau Christus vorbereitet und vorwegnimmt, bleibt für uns noch heute eine gegenwärtige Wirklichkeit, weil sich vor unseren Augen in der Welt das Geheimnis der fortschreitenden Wiederkunft Christi in allen Herzen und Nationen vollzieht. »Wir befinden uns immer im Advent«, schrieb Kardinal Jean Danielou. »Er ist gekommen, aber sein Erscheinen ist noch nicht vollendet.«

Der Maßstab zur Unterscheidung der Wahrheit einer Privatoffenbarung ist also ihre Ausrichtung auf Christus und auf das Evangelium. Ausgehend von diesem grundlegenden Kriterium, können verschiedene Auslegungen angewendet werden, wie die Volksfrömmigkeit oder Volksreligiosität. Kardinal Ratzinger hat in seinem theologischen Kommentar auf die Volksfrömmigkeit und ihre sehr bedeutsamen Ausdrucksweisen Bezug genommen. Er bekräftigte, daß »eine Privatoffenbarung neue Akzente setzt, daß sie neue Weisen der Frömmigkeit herausstellt oder alte vertieft und verbreitet«. Aber in allem muß es um die Stärkung des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe gehen, die für alle der ständige Heilsweg sind. Volksfrömmigkeit bedeutet, daß der Glaube im Herzen der einzelnen Völker Wurzel faßt, so daß er in die Welt des Alltags eingeht. Die Volksfrömmigkeit ist die erste und grundlegende Form der »Inkulturation« des Glaubens.

2. Aber welche Gründe hat die Kirche zur Vorsicht bei der Anerkennung der Erscheinungen als wahre übernatürliche Zeichen? Wenn wir uns nicht so sehr auf die Vergangenheit, sondern mehr auf unsere Zeit beziehen, dann ist einer der Gründe mit der Zunahme dieser Phänomene verbunden, die wahrscheinlich verschiedene Ursachen hat: Zusammenbruch des Rationalismus, krampfhafte Suche nach dem Geheimnis, oberflächlicher und wenig gebildeter Glaube, wachsende Besorgnis oder Angst vor der unbekannten Zukunft …

Solche Phänomene setzen sich rascher durch als zuvor, und ihre Auswirkungen sind in allen Teilen der Welt zu spüren, vor allem auf Grund des Drucks der Medien. Tatsächlich ist eine weite und gezielte Verbreitung der mit ihnen verbundenen angeblichen »übernatürlichen Botschaften« festzustellen. Zugleich besteht im allgemeinen die Tendenz, die »Botschaften«, die im Verlauf bestimmter »Erscheinungen« empfangen wurden, mit denen anderer Erscheinungen zu verknüpfen – besonders wenn diese von der obersten kirchlichen Autorität als authentisch anerkannt wurden, aber sie werden auch mit nicht anerkannten Erscheinungen verbunden; ebenso verbunden werden mit ihnen die verschiedenen Bewegungen, die aus den einzelnen Phänomenen hervorgehen.

Hinsichtlich des Inhalts der »Botschaften« besteht die Gefahr, die Phänomene für authentisch zu halten, wenn die Botschaften keine Irrtümer in der Glaubenslehre, sondern Aufrufe und Einladungen zu Gebet und Umkehr beinhalten. Diese angeblichen Erscheinungen übermitteln nicht selten »apokalyptische« Botschaften, von denen auch ein Anstieg zu verzeichnen ist. Die Veröffentlichungen (Bücher, Zeitschriften), die sich auf das Thema übernatürlicher Phänomene spezialisiert haben, rufen großes Interesse hervor.

Besonders tiefen Eindruck erwecken solche Veröffentlichungen, wenn sie von einem Kleriker oder einem Theologen geschrieben wurden.

Bezeichnend für unsere Zeit ist auch ein starker Geltungsdrang seitens der »Seher«. Häufig entstehen neue »Bewegungen« oder Vereinigungen von Gläubigen im Umfeld eines bestimmten Phänomens, die einer Prüfung bedürfen, um zu vermeiden, daß in der Gemeinschaft und im kirchlichen Leben des Landes oder der Ortskirche Probleme entstehen.

Obwohl manchmal Mängel im Verhalten der Diözesanbischöfe und ihrer Mitarbeiter auftreten, muß man die Gefahr einer »Kirche der Erscheinungen« vermeiden, die der Hierarchie der Kirche mißtraut, als Variante der bekannten Gegenüberstellung »charismatische Kirche – institutionelle Kirche«. In diesem Fall haben wir nicht so sehr eine bestimmte ideologische Stellungnahme vor uns, sondern eine praktisch gelebte Haltung, die von einer etwas oberflächlichen Religiosität, einer geschwächten kirchlichen Gemeinschaft und einem nicht sehr tiefen Glauben bewirkt wird, der Wunder und Zeichen nötig hat.

Aus den oben angeführten Merkmalen ergibt sich die Notwendigkeit zu Besonnenheit und Vorsicht seitens der Bischöfe bei der Prüfung dieser Fälle, vor allem wenn es darum geht, die öffentliche Verehrung zu erlauben und, noch mehr, sich etwa für oder gegen die Übernatürlichkeit auszusprechen. Eine solche Verehrung gilt immer mehr als theologisches Statut mit bedeutsamen pastoralen Kehrseiten. Die internationale Tagung 2008 in Lourdes wird sich hauptsächlich mit der »theologischen Bedeutung« der Marienerscheinungen befassen.

Aber kehren wir zur Botschaft von Fatima zurück. In ihr verwirklicht sich die fruchtbringende Begegnung zwischen Charisma und Institution, zwischen trinitarischem und christologischem Geheimnis. Maria, Zeichen der göttlichen Barmherzigkeit, läßt die Christen nicht allein. Sie gibt uns Wegweisungen, um den gewaltigen Kampf zwischen Gut und Böse auszufechten. Maria ist die Ikone der Zuneigung Gottes zu uns.

In Fatima gibt es einige besondere Merkmale: vom Auftrag zur praktizierten Frömmigkeit bis hin zur Verehrung des Unbefleckten Herzens Mariens; von der Spiritualität bis hin zu einer geschichtlichen und politischen Vision (Rußland, Frieden und Krieg, Atheismus …); von einem geographisch begrenzten Einfluß hin zu einem universalen Einfluß, der sogar die Päpste, insbesondere Papst Wojtyla betrifft.

In einem Interview mit »Avvenire« sagte ich kürzlich, daß das Geheimnis von Fatima ein Ereignis ist, das wie keine andere Marienerscheinung auf unsere Zeitgeschichte zurückgreift und diese durchdringt, und die Dichtheit ihrer Botschaft – nicht nur des dritten Teils des Geheimnisses – trifft das Herz der Menschen, indem sie diese zur Umkehr und zur Mitverantwortung für die Rettung der Welt einlädt. Wir finden hier eine Interpretationsweise des 20. Jahrhunderts, und ihre Botschaft zwingt in gewisser Weise die Menschen unserer Zeit, mit einer übernatürlichen Dimension zu rechnen, an die man nicht gerne denkt. Der Gedanke einer übernatürlichen »Einmischung« in die weltlichen Geschehnisse ist auch für den, der glaubt, nicht leicht zu akzeptieren, im Gegensatz zu dem in gewisser Hinsicht beruhigenden Gedanken, der die Begegnung zwischen Mensch und Gott in die Eschatologie verdrängt. Wie Papst Benedikt XVI. wiederholt gesagt hat, ist ein weit entfernter Gott bequemer als ein naher und zugänglicher Gott.

Viele wissen nicht, daß der letzte Blick von Mutter Teresa von Kalkutta vor ihrem Tod einer Statue der Muttergottes von Fatima gegolten hat, die in ihrem Schlafzimmer stand. Pater Pio von Pietrelcina fühlte sich im September 1959 in dem Moment von der Jungfrau von Fatima »geheilt«, als ihre Statue San Giovanni Rotondo verließ. Der Heilige mit den Wundmalen litt damals unter einem gefährlichen »bronchopneumonalen Entzündungsherd mit blutender Pleuritis«. Die Diagnose stammt von seinem behandelnden Arzt Dr. Sala. Pater Pio wandte sich an die Jungfrau von Fatima, und am Tag danach konnte er wieder die heilige Messe feiern.

Das Buch, das heute vorgestellt wird, wurde vor allem in der Absicht geschrieben, von Sr. Lucia zu sprechen, von der anziehenden und aufrichtigen Menschlichkeit einer Frau, die eine außergewöhnliche Erfahrung gemacht hat. Und durch sie von Maria zu sprechen. Festzuhalten ist, daß Sr. Lucia, als Kind Analphabetin und unbelesen, erst im Kloster Lesen und Schreiben gelernt hat, und sie hat dann ihr ganzes Leben lang geschrieben. In den achtziger Jahren trafen durchschnittlich fünftausend Briefe im Jahr in Coimbra ein, die nach dem Fall der Berliner Mauer mehrere zehntausend erreichten. Die Wahrhaftigkeit der umfassenden Veröffentlichung des dritten Geheimnisses, das von ihr auf Anordnung des Bischofs niedergeschrieben wurde, hat man in Zweifel gezogen; wenn also die Wahrheit eine andere gewesen wäre, dann könnte sie in den Tausenden von Antwortbriefen gefunden werden, die Lucia, die täglich viele Stunden in ihrem Privatbüro verbrachte, an die Gläubigen schrieb, die aus allen Teilen der Welt bei ihr anfragten.

Zum Schluß kann ich nicht umhin, auf Papst Benedikt XVI. hinzuweisen. Einige seiner Reisen sind kennzeichnend für den »Papst als Pilger auf den Spuren Marias«. Da ist Tschenstochau in Polen, Altötting in Bayern, Ephesus in der Türkei, die »Virgen de los Desamparados« in Valencia in Spanien, Aparecida in Brasilien, Loreto mit den Jugendlichen und Mariazell in Österreich.

Die Marienverehrung des Papstes findet auch in diesem Jahr, dem 90. Jahrestag der Erscheinungen, konkreten Ausdruck in der Entsendung von zwei päpstlichen Legaten nach Fatima: von Kardinal Angelo Sodano am 13. Mai, dem Jahrestag der ersten Erscheinungen, und des Kardinalstaatssekretärs zum Jahrestag der letzten Erscheinung und zum Abschluß der Feierlichkeiten.

Wie bekannt, werde ich dem Weiheritus der neuen Dreifaltigkeitsbasilika am Abend des 12. Oktober vorstehen und am 13. Oktober auf dem Hauptplatz die Messe für die Pilger feiern. Am 14. Oktober werde ich dann noch einmal in direkter Übertragung des italienischen Fernsehens RAI zelebrieren.

Ich möchte die theologische Bedeutung der Weihe der Basilika an die Heilige Dreifaltigkeit hervorheben. Sie bedeutet die Bekräftigung der konkreten Gegenwart Gottes in der menschlichen Geschichte; gewiß eine Gegenwart, die Gericht, aber vor allem Rettung und Hoffnung bringt.

»In der Tat«, sagt Benedikt XVI., »liegt die Geschichte nicht in den Händen dunkler Gewalten, des Zufalls oder rein menschlicher Entscheidungen. Über den sich entfesselnden bösen Mächten, über dem mit Gewalt eindringenden Satan, über den vielen Plagen und Übeln, mit denen wir konfrontiert werden, steht der Herr, der höchste Richter der Geschichte. Er führt sie weise zum Aufgang des neuen Himmels und der neuen Erde« (Generalaudienz, 11. Mai 2005; O.R. dt., Nr. 20, 20.5.2005, S. 2).

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Quelle

KARDINAL TARCISIO BERTONE ZUR RELIGIONSFREIHEIT

Presentazione del libro ' La porta stretta '

KONGRESS DES ISTITUTO SUPERIORE
DI STUDI RELIGIOSI – FONDAZIONE AMBROSIANA PAOLO VI
ÜBER DIE RELIGIONSFREIHEIT : MEILENSTEIN DES NEUEN EUROPA
ANSPRACHE VON KARDINAL TARCISIO BERTONE

Villa Cagnola (Gazzada – Varese)
Freitag, 19. Oktober 2007

Exzellenzen,
verehrte Obrigkeiten,
sehr geehrte Damen und Herren!

Ich freue mich, einen Beitrag zu leisten zu diesem Kongreß, der unter dem Thema steht: »Die Religionsfreiheit: Meilenstein des neuen Europa«. Durch ihn sollen zwei Jahrestage begangen werden, welche die Geschichte von Villa Cagnola auf besondere Weise mit der Geschichte des Apostolischen Stuhls verbunden haben: der 60. Jahrestag der Schenkung der Villa an den Heiligen Stuhl und der 30. Gründungstag der »Fondazione Ambrosiana Paolo VI«. Ich danke daher Msgr. Luigi Mistò und den lombardischen Bischöfen für die freundliche Einladung und grüße ehrerbietig die verehrten Persönlichkeiten und alle Anwesenden.

1. Die Religionsfreiheit im Lehramt der Kirche und im europäischen Kontext

Mit der Erklärung Dignitatis Humanae des Zweiten Ökumenischen Vatikanischen Konzils hat das kirchliche Lehramt das Thema der Religionsfreiheit in ein neues Licht gerückt. Es ging in Wirklichkeit nicht darum, die vorherige Lehre zu »revolutionieren« oder zu korrigieren, sondern vielmehr darum, sie zu entfalten. Bereits im Jahre 300 n. Chr. sagte nämlich Lactantius: »Religio sola est, in qua libertas domicilium conlocavit«,(1) und der Codex des kanonischen Rechts von 1917 schrieb schlicht und einfach vor: »Ad amplexandam fidem catholicam nemo invitus cogatur« (Can. 1351).

Ich weiß, daß Msgr. Mistò später etwas zur Erklärung Dignitatis Humanae sagen wird. Daher beschränke ich mich darauf, in Erinnerung zu rufen, daß sie die Verankerung der Religionsfreiheit in der Würde und damit in der Natur der menschlichen Person selbst hervorhebt.(2) Infolgedessen ist sie ein unaufhebbares, unveräußerliches und unverletzliches subjektives Recht, das eine private und eine öffentliche, eine individuelle und eine kollektive und auch eine institutionelle Dimension besitzt.(3)

Ich möchte außerdem hervorheben, daß die Religionsfreiheit nicht nur »eines« der Grundrechte des Menschen ist. Vielmehr ist sie »vorrangig« unter diesen Rechten. Sie ist vorrangig, weil »die Verteidigung dieses Rechts eine Art ›Lackmustest‹ für die Achtung aller weiteren Menschenrechte« ist, wie Papst Johannes Paul II. am 10. Oktober 2003 in Erinnerung rief.(4) Vorrangig ist sie auch, weil sie historisch betrachtet eines der ersten Menschenrechte war, das geltend gemacht wurde. Vorrangig ist sie schließlich, weil andere Grundrechte auf einzigartige Weise mit ihr verbunden sind. Wo die Religionsfreiheit in Blüte steht, dort keimen auch alle anderen Rechte auf und entfalten sich; wenn sie in Gefahr ist, dann geraten auch diese ins Wanken. Gerade deshalb sollte sie ein Meilenstein des neuen Europa schlechthin sein!

Letzteres hat Umbrüche von großer Tragweite erlebt: den Zusammenbruch der kommunistischen Regime, das Anwachsen der Immigration und die Hervorhebung der Multikulturalität, die Schwächung der Systeme der sozialen Absicherung, das Schwinden konsolidierter Lebensstile und Kulturmodelle durch das Einwirken der Globalisierung und der Konfrontation mit einer »vernetzten« Welt – einer Welt der gegenseitigen Abhängigkeiten, der Integrationen und Wechselwirkungen, die die verschiedenen Systeme in einem globalen Mosaik miteinander verbinden.

Auf der Ebene der europäischen Gemeinschaft ist die Religionsfreiheit von der Europäischen Menschenrechtskonvention und von der Charta der Grundrechte anerkannt. In institutioneller Hinsicht gründen die Beziehungen zwischen Staaten und Religionsgemeinschaften auf der Voraussetzung – die in einigen Gesetzestexten und im zukünftigen »Reformvertrag« der Europäischen Union deutlich gemacht wird –, daß besagte Beziehungen innerhalb der Zuständigkeit der einzelnen Staaten liegen. Im übrigen ist die europäische Situation sehr vielgestaltig: von der Staatskirche der griechischen Orthodoxie bis hin zu den »Nationalkirchen« einiger nordischer Länder, vom französischen »Separatismus« bis hin zu den Konkordats- und Vertragssystemen zahlreicher Staaten, einschließlich der lateinischen. Das bedeutet nicht, daß in der europäischen Gesetzgebung und Rechtsprechung keine Stellungnahmen vorhanden sind, die die Religionsfreiheit betreffen. Gegenwärtig finden sich diese vor allem in einigen ethisch heiklen Bereichen, wo das Christentum Verhaltensweisen vorgibt, die anders sind als die vom veränderten europäischen Rechtssystem vorgeschriebenen oder gestatteten. Aufs Ganze gesehen gibt es im europäischen Umgang mit der Religionsfreiheit nicht wenige Wunden, die geheilt, Verkrustungen, die entfernt, und Garantien, die geleistet werden müssen. Die Förderung dieses Grundrechts muß noch mehr gepflegt, gefestigt und verstärkt werden.

Ich glaube, daß es in diesem Zusammenhang nützlich ist, bei einigen Herausforderungen von größerer Tragweite zu verweilen.

2. Öffnung zur Transzendenz

Die vielleicht radikalste Herausforderung besteht in der Leugnung der Grundlage der Religionsfreiheit, genauer gesagt der Öffnung der Person zur Transzendenz. Die gegenwärtige Kultur betrachtet gewöhnlich das Freiheitsbedürfnis als das Grundbedürfnis des Menschen. Infolgedessen ist die Kultur mehr auf Forderungen nach Freiheit als nach Wahrheit und Gerechtigkeit aufgebaut worden. Es wird jedoch immer deutlicher ersichtlich, daß die kantische Lösung, allen dieselbe Freiheit zu garantieren, unter der Bedingung, daß man dem anderen keinen Schaden zufügt, eine unzulängliche und vage Formel ist, weil es immer umstrittener und schwieriger wird festzulegen, wer der »andere« ist, oder wer der »andere« wird, weil man ihn als solchen festlegt.

Die Freiheit braucht daher eine Grundlage, auf der sie sich entfalten kann, ohne jedoch die Würde des Menschen und den sozialen Zusammenhalt zu gefährden. Diese Grundlage kann nur transzendent sein, denn nur sie ist so »groß«, daß die Freiheit auf ihr das größte Ausmaß erreichen kann, und gleichzeitig so »fest«, daß sie der Freiheit in jeder Lage Orientierung geben und sie qualifizieren kann. Wo hingegen die Transzendenz verleugnet oder relativiert wird – wo Gott also als sekundäre Größe betrachtet wird, die man vorübergehend oder für immer beiseite legen kann im Namen von Werten, die irrtümlich als wichtiger angesehen werden –, dort scheitern, eben diese angeblich wichtigeren Werte. Das zeigt der tragische Ausgang der politischen Ideologien des vergangenen Jahrhunderts, die Gott verleugnet und so die Wahrheit des Menschen verletzt und seine Freiheit »in Ketten gelegt« haben.

Oftmals leugnet man Gott nicht direkt, sondern im Namen eines absoluten Verständnisses von Toleranz oder einer privatistischen Sichtweise der Religionsfreiheit oder auch, indem man die Religion von der Vernunft trennt und sie ausschließlich in die Welt der Gefühle verbannt. Ich meine daher, daß es angebracht ist, auch einige Worte zu diesen Herausforderungen zu sagen.

3. Der Begriff der Toleranz

Das, was der Toleranz ihren Wert verleiht, ist die Sakralität des Gewissens. Dieses strebt immer zum Guten und zur Wahrheit, gegenüber denen die Toleranz daher ein zweitrangiger Wert ist. Wenn die Toleranz dagegen zum höchsten Wert wird, dann ist jede wirklich glaubhafte Überzeugung, die andere Überzeugungen ausschließt, Intoleranz. Wenn jede Überzeugung ebenso gut ist wie jede andere, ist man überdies am Ende auch tolerant gegenüber der Immoralität. Engelhardt hat diese Aporie bis zu den äußersten Konsequenzen weitergeführt und konnte folgendes Paradoxon aufzeigen: »Wenn man die Immoralität bestimmter Verhaltensweisen nicht beweisen kann, dann lassen sich die ärztliche Betreuung, die Albert Schweitzer geleistet hat, und das, was in den nazistischen Konzentrationslagern durchgeführt wurde, gleichermaßen verteidigen. […] Das Verhalten moralisch abstoßender Individuen läßt sich dann rechtfertigen oder nicht rechtfertigen, nicht mehr und nicht weniger als das der Heiligen«.(5)

Die Würde des Menschen gründet in seiner Fähigkeit zur Wahrheit. Die Toleranz zu verabsolutieren bedeutet dagegen, sich von dieser Würde zurückzuziehen. Dort, wo die Überzeugungen unter einen Bann gestellt werden und derjenige, der sie besitzt und nicht bereit ist, sie in einfache Hypothesen umzuwandeln, als unfähig zum Dialog betrachtet wird, dort wird der Dialog selbst unmöglich. Er kann nämlich nicht stattfinden und wirksam sein, wenn auf die Wahrheit verzichtet wird oder wenn man sie relativiert, im Namen einer angeblichen Achtung der Überzeugungen anderer. Der Verzicht auf die Wahrheit und auf die Überzeugung vereint und erhöht die Menschen nicht. Er überläßt den Menschen vielmehr der Berechnung des Nutzens oder des Unmittelbaren und beraubt ihn seiner Größe.

Der interreligiöse Dialog muß daher die tiefe Achtung vor dem Glauben des anderen ermutigen sowie die Bereitschaft, in dem, was fremd und anders ist, die Wahrheit zu suchen, die jeder Person helfen kann, Fortschritte zu machen. Andererseits kann es nicht darum gehen, »einander zu besseren Christen, Juden, Moslems, Hindus oder Buddhisten zu machen … Denn das wäre nun doch wieder die völlige Überzeugungslosigkeit, in der wir – unter dem Vorwand, uns je in unserem Besten zu bestärken – weder uns noch die anderen ernstnehmen und auf Wahrheit endgültig verzichten würden«.(6)

4. Der Dialog mit der Vernunft

Die höchste Toleranz ist daher die Achtung der Wahrheit; die Religionsfreiheit gründet auf dieser Achtung und öffnet sich so den Anforderungen der menschlichen Vernunft, die zur Wahrheit fähig ist. Die Religionsfreiheit erfordert also Unterscheidungsfindung, und zwar sowohl zwischen den einzelnen Formen der Religion, um diejenigen zu ermitteln, die dem Durst nach Wahrheit jedes Menschen vollkommen entsprechen, als auch innerhalb der Religion selbst, in Richtung auf ihre wahre Größe hin. Man darf nämlich nicht die Augen davor verschließen, daß der heutige Mensch oft nicht der Vernunft folgt, sondern nach Instinkten lebt. Das stellt für jede Religion eine Herausforderung dar, weil es sie dazu verleiten könnte, diesen Schwächen nachzugeben, um die Launen oder schlimmer noch die Egoismen ihrer Gläubigen zu befriedigen. Eine »säkularisierte« Religion hat jedoch am Ende ein »Antlitz«, das so gezeichnet ist von den »Furchen« der menschlichen Inkonsequenz, daß es ihm nicht mehr gelingt, das Göttliche durchscheinen zu lassen.

Im allgemeinen sollten daher die Protagonisten des neuen Europa und all seine Bürger die Religion als das ansehen, was sie ist, und jeden Druck vermeiden, sie in eine »Zivilreligion« umzuwandeln oder die Kirchen auf einfache Einrichtungen der sozialen Solidarität zu reduzieren. Solowjew schreibt dem Antichristen ein Buch mit dem Titel »Der offene Weg zum Frieden und zum Wohlstand der Welt« zu, dessen wesentlicher Inhalt die Anbetung des Wohlstands und der rationalen Planung ist. Gewiß muß die Religion eine soziale Funktion ausüben. Das geschieht jedoch vor allem, indem man den Sinn für Gott und für die Transzendenz lebendig erhält. Die Solidarität, die Annahme des anderen und die bürgerlichen Werte sind also wesentliche Faktoren, die die Religion stets gefördert hat, eben weil sie vom Sinn für Gott lebt. Mit Bezug auf die katholische Kirche hat Papst Benedikt XVI. geschrieben: »Die Kirche kann nicht und darf nicht den politischen Kampf an sich reißen, um die möglichst gerechte Gesellschaft zu verwirklichen. … Aber sie kann und darf im Ringen um Gerechtigkeit auch nicht abseits bleiben. Sie muß auf dem Weg der Argumentation in das Ringen der Vernunft eintreten, und sie muß die seelischen Kräfte wecken, ohne die Gerechtigkeit, die immer auch Verzichte verlangt, sich nicht durchsetzen und nicht gedeihen kann«.(7)

5. Die öffentliche Dimension der Religionsfreiheit

Ein derartiger Beitrag der Religion setzt natürlich die Anerkennung der öffentlichen Dimension der Religionsfreiheit voraus. Dieser Punkt wurde in den letzten Jahren von den Päpsten und ihren Mitarbeitern ebenso wie von bedeutenden Intellektuellen, auch nichtgläubigen, mehrmals behandelt.

Eine gesunde Laizität bringt die Unterscheidung zwischen Religion und Politik, zwischen Kirche und Staat mit sich, ohne daß Gott dadurch zu einer privaten Hypothese gemacht oder die Religion und die kirchliche Gemeinschaft vom öffentlichen Leben ausgeschlossen werden. Eine gesunde Laizität geht daher auf öffentlicher Ebene nicht systematisch so vor, »etsi Deus non daretur«. Es wäre, wie der damalige Kardinal Ratzinger mehrmals gesagt hat, im Gegenteil vernünftiger, wenn sie sich so gestaltete, »etsi Deus daretur«. Zur Zeit der Aufklärung versuchte man, die Grundlagen des Zusammenlebens dadurch zu gewährleisten, daß man die wesentlichen Werte der Moral von der Religion unabhängig hielt. Das schien umsetzbar zu sein, da die großen Grundüberzeugungen, die das Christentum geschaffen hatte, bestehen blieben und unleugbar erschienen. Aber so ist es nicht mehr. Überdies ist die Suche nach einer Gewißheit, die über die religiösen Überzeugungen hinaus unangefochten bestehen bliebe, gescheitert.

Daher sagte Kardinal Ratzinger in dem berühmten Vortrag, den er in Subiaco hielt, am Vorabend des Todes des Dieners Gottes Papst Johannes Paul II.: »Der zu Ende geführte Versuch, die menschlichen Dinge unter gänzlicher Absehung von Gott zu gestalten, führt uns immer näher an den Rand des Abgrunds – zur Abschaffung des Menschen hin. Sollten wir da nicht das Axiom der Aufklärer umkehren und sagen: Auch wer den Weg zur Bejahung Gottes nicht finden kann, sollte zu leben und das Leben zu gestalten versuchen ›veluti si Deus daretur‹ – als ob es Gott gäbe. Das ist schon der Rat, den Pascal dem ungläubigen Freund gegeben hatte; es ist der Rat, den wir auch heute unseren ungläubigen Freunden geben werden. Da wird niemand in seiner Freiheit beeinträchtigt, aber unser aller Dinge finden einen Anhalt und ein Maß, deren wir dringend bedürfen«.(8)

Auf einem kürzlich stattgefundenen Symposium der »Società Italiana di Filosofia Politica« zum Thema »Religion und Politik in der postsäkularen Gesellschaft« hat auch der bekannte Philosoph Habermas hervorgehoben, daß es ein Irrtum ist, wenn man meint, daß die Tendenz zur Privatisierung des »religiösen Faktums« bedeutet, daß dieses an Bedeutung und Einfluß verloren hat, sowohl in der Politik und in der Kultur einer Gesellschaft als auch im persönlichen Leben.

Es muß auch hinzugefügt werden, daß die bürgerliche Gleichheit dort nicht geachtet wird, wo man den Gläubigen die zusätzliche Last auferlegt, so zu argumentieren, »etsi Deus non daretur«. Wenn man sich öffentlich nicht auf theistische, wohl aber auf rationalistische und säkulare Argumente berufen darf, dann ist das eine klare Verletzung des Kriteriums der Gleichheit und der Gegenseitigkeit, das die Grundlage der politischen Gerechtigkeit ist.

Im positiven Sinne scheint mir, daß eine offenere und modernere Auffassung von Laizität, die alle Instanzen einschließt und achtet, durch den Art. 52 des Vertrags über eine Verfassung für Europa zum Ausdruck kommt, der sich im gegenwärtigen »Reformvertrag« der Europäischen Union erhalten hat. Diese Bestimmung sieht einen ständigen Dialog zwischen den Institutionen in Brüssel und den religiösen Gemeinschaften vor, in Anerkennung der Identität und des besonderen Beitrags letzterer. Ein solcher Dialog ist unter anderem notwendig, um die Grundsätze eines echten Pluralismus zu achten und eine wahre Demokratie aufzubauen. Hat nicht im Übrigen de Tocqueville hervorgehoben, daß der Despotismus keine Religion braucht, die Freiheit und die Demokratie dagegen schon? (9) Um die Öffnung des besagten Artikels gegenüber der Rolle der religiösen Bekenntnisse zu wahren, ist es natürlich wichtig, daß diese weiterhin auch individuell stets die eigenen Positionen den Einrichtungen der europäischen Gemeinschaft darlegen. Darüber hinaus muß ihre unterschiedliche Beschaffenheit angemessen beachtet werden, auf dieselbe Weise, in der man die Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern der Union im Stimmsystem der Einrichtungen berücksichtigt.

6. Die Erziehungsfreiheit

Im Hinblick auf den sozialen Beitrag der Religion möchte ich das Thema der Erziehung erwähnen, das auch auf diesem Kongreß behandelt wird. Die privatistische Auffassung der Religionsfreiheit erklärt, zumindest teilweise, die Feindseligkeit einiger Strömungen des laizistischen Denkens gegenüber den schulischen Einrichtungen der Katholiken, die als Werkzeug betrachtet werden, durch das die Kirche ihren Einfluß in der Gesellschaft behält. Für diese Feindseligkeit gibt es in Wirklichkeit keine wahren Argumente, vor allem seit das schulische Netz sich in allen europäischen Ländern stark ausgeweitet hat und diese allgemeine Normen festgelegt haben, denen sich die öffentlichen nichtstaatlichen Schulen und daher auch die katholischen Schulen anpassen müssen, um mit den staatlichen gleichgestellt zu sein.

Die privatistische Auffassung von der Religionsfreiheit beeinflußt außerdem die Feindseligkeit gegenüber dem Religionsunterricht in der öffentlichen staatlichen Schule, obgleich dieser unter Achtung des Willens der Familien und der Jugendlichen erteilt wird.(10) Wenn man jedoch die Erziehung als Fähigkeit auffaßt, die Person in eine bewußte Beziehung zur Wirklichkeit zu stellen, oder auch als »Provokation« der Freiheit durch die Wahrheit, dann wird deutlich, daß die Erziehungsfreiheit unverzichtbar ist – sowohl für eine wirklich freie Gesellschaft als auch für die religiösen Einrichtungen, die ihrem Wesen nach eine allumfassende und transzendente Sichtweise der Wirklichkeit aufzeigen.

7. Die Multikulturalität

Unter den Phänomenen, die heute die privatistische Auffassung von der Religionsfreiheit in Schwierigkeiten bringen, muß schließlich auch die sogenannte Multikulturalität erwähnt werden.

Es ist bekannt, daß die Globalisierung die Menschen drängt, sich einander zu nähern und sich zu vermischen. Insbesondere in Europa begegnen verschiedene Kulturen und Religionen einander, und das stellt auch für die Religionsfreiheit eine neue Herausforderung dar. Dieser Kontinent muß es nämlich vermeiden, daß sich Glaubensgemeinschaften bilden, in die man eintreten, aber aus denen man nicht austreten kann, und es muß verhindert werden, daß nur einige Religionen sich frei verbreiten können, während anderen nicht dieselben Rechte zuerkannt werden. Jede festgefügte religiöse Tradition will ihre eigene Identität offen darlegen; das heißt, sie will nicht versteckt oder getarnt werden. Andererseits ist die Ausprägung der Laizität in der Lage, den Reichtum der Spiritualität und des Humanismus, der in den verschiedenen Religionen vorhanden ist, anzunehmen und zu schützen, und das zurückzuweisen, was in ihnen der Würde des Menschen widerspricht.

Das neue Europa muß daher die notwendigen Maßnahmen zur Aufnahme der Immigranten und zur vollen Achtung für die Ausübung ihrer Religionsfreiheit von ungerechtfertigten Zugeständnissen unterscheiden, die die kulturelle und religiöse Identität der Gesellschaften, die sie aufnehmen, in Gefahr bringen. Es wäre nämlich seltsam und widersprüchlich, für Symbole und Praktiken von Minderheitenreligionen Sichtbarkeit zu verlangen und gleichzeitig zu versuchen, die Symbole und die Praktiken des Christentums, der traditionellen Religion der Mehrheit dieses Kontinents, zu verstecken oder zu relativieren.

Ich möchte außerdem hinzufügen, daß ohne pluralistische Gesellschaften, die kraft einer gesunden Laizität einen inneren Zusammenhalt besitzen, ganze Bevölkerungsschichten zu der Überzeugung gelangen könnten, daß es keine wirksame Alternative zum Konflikt der Zivilisationen gibt. Der Schutz der Religionsfreiheit dagegen ist eine Garantie für den Frieden und eine Voraussetzung für eine solidarische Entwicklung. Sie entkräftet nämlich die Logik des Zusammenstoßes, indem sie den Dialog fördert und vorher noch die Achtung jeder Person und ihrer religiösen Überzeugungen.

8. Das Christentum und das neue Europa

Abschließend möchte ich Bezug nehmen auf die Überzeugung einiger europäischer Bürger, für die die katholische Kirche mit ihrem Wahrheitsanspruch unfähig zum Dialog und sogar von einer gewissen Portion Fanatismus gekennzeichnet ist. In Wirklichkeit hat die Kirche feste Grundsätze, weil sie glaubt; in der Praxis ist sie stets tolerant und wohlwollend, denn trotz der Fehler ihrer Mitglieder liebt sie jeden Menschen. Umgekehrt sind die Anhänger der Säkularisierung oft aus Prinzip tolerant, weil sie nicht an unverzichtbare Werte glauben; andererseits kommt es vor, daß sie in der Praxis inkonsequent sind, weil sie nicht immer zu lieben wissen.

Wenn die Bürger des neuen Europa verantwortungsbewußt leben wollen, dann dürfen sie sich nicht dem Bemühen entziehen, die Wahrheit zu suchen, insbesondere die Wahrheit über sich selbst und daher über Gott als das Endziel der Existenz. Von seinen Anfängen an hat das Christentum das Beste der griechischen und römischen Weisheit angenommen, ausgearbeitet und vertieft und hat sich so als Sieg des menschlichen Denkens über die Welt der Mythologien und der religiösen Fanatismen offenbart. In gewisser Weise ist die Vernünftigkeit daher im Christentum Religion geworden: Gott hat die philosophische Erkenntnis nicht zurückgewiesen, sondern angenommen. Der hl. Justinus zum Beispiel hat, nachdem er alle Denksysteme studiert hatte, das Christentum als die wahre »philosophia« erkannt. Er war überzeugt, daß er, indem er Christ geworden war, die Philosophie nicht verleugnet hatte, sondern im Gegenteil erst durch diesen Schritt ganz Philosoph geworden war. Die Kraft, die das Christentum in eine Weltreligion verwandelt hat, liegt eben in seiner Synthese von Vernunft, Glauben und Leben. Diese Kombination, die so mächtig ist, daß sie die Religion, die sie aufzeigt, wahr macht, kann die Wahrheit des Christentums auch erglänzen lassen – nicht nur im neuen Europa, sondern ganz allgemein in der heutigen globalisierten Welt.

In der Tat gibt das Christentum sich nicht damit zufrieden, »jenen Teil des Antlitzes zu zeigen, den Gott Europa zugewandt hat«; das heißt, daß es sich nicht als die »Religion der Europäer«, sondern der Welt versteht, weil es eine vollkommene Antwort gibt auf das Verlangen nach Wahrheit, das im Herzen jedes Menschen wohnt, ganz gleich auf welchem Breitengrad er lebt. Die Religionsfreiheit ist also nicht nur der »Meilenstein« des neuen Europa, sondern ich möchte zum Schluß hinzufügen, daß das Christentum der »Weg« ist, auf dem Europa wirklich »neu« werden kann. Das Christentum hat nämlich Europa die Förderung der Religionsfreiheit als Maßnahme der Zivilisation und der Entwicklung angeboten, die unseren geliebten Kontinent einem »Dickicht« von Egoismen entreißen kann, das beinahe undurchdringlich ist, weil das Licht der Würde des Menschen nicht in es eindringen kann. Der christliche »Weg« gewährleistet also die Achtung der Religionsfreiheit und hilft beim Aufbau eines neuen Europa.


Anmerkungen

1) Lactantius, Epitome Divinarum Institutionum, 54.

2) Vgl. Zweites Vatikanisches Konzil, Erklärung Dignitatis Humanae, 2.

3) Vgl. Zweites Vatikanisches Konzil, ebd., 3 und 4

4) Johannes Paul II., Ansprache an die Teilnehmer der OSZE-Konferenz über Religionsfreiheit, 10. Oktober 2003, in O.R. dt., Nr. 46, 14.11.2007, S. 11

5) H. T. Engelhardt, Manuale di bioetica, Il Saggiatore, Mailand 1999, S. 22.

6) Joseph Ratzinger, Die Vielfalt der Religionen und der Eine Bund, Verlag Urfeld, Bad Tölz 1998 (2), S. 119–120.

7) Benedikt XVI., Enzyklika Deus caritas est, 28.

8) Joseph Ratzinger, Europa in der Krise der Kulturen (Subiaco, 1. April 2005), in: M. Pera, J. Ratzinger, Ohne Wurzeln. Der Relativismus und die Krise der europäischen Kultur, St. Ulrich Verlag, Augsburg 2005, S. 82.

9) Vgl. Alexis de Tocqueville, Über die Demokratie in Amerika, hg. v. J. P. Mayer, Reclam, Stuttgart, I, S. 9.

10) Vgl. Carlo Cardia, Le sfide della laicità: etica, multiculturalismo, islam, Edizioni San Paolo, Mailand 2007, S. 92–100.