Seligsprechungsverfahren modifiziert

Öffentliches Konsistorium, 20. April 2017 / © PHOTO.VA – OSSERVATORE ROMANO

Apostolisches Schreiben in Form eines Motu Proprio
„maiorem hac dilectionem“ vom 11. Juli 2017

Der Heilige Stuhl veröffentlichte am 11. Juli 2017 ein Apostolisches Schreiben von Papst Franziskus in Form eines Motu Proprio „maiorem hac dilectionem“ zum Seligsprechungsverfahren.

Nach den neuen Normen können Christen, die ihr Leben aus freier Entscheidung und willentlich aus Nächstenliebe geschenkt haben, seliggesprochen werden. Ihr Verhalten sei eine wahre, vollkommene und beispielhafte Nachahmung Jesu.

Der Fall wurde am 27. September 2017 von der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse aufmerksam studiert, und fünf Artikel dazu festgesetzt, die die bisher gültige Apostolische Verfassung modifizieren.

Artikel 1 fügt entsprechend den „iter“ [lat. iter, itineris n, der Weg] der freiwilligen Hingabe des eigenen Lebens hinzu. Bis dato waren die Anerkennung eines Martyriums oder christlicher Tugenden und eines Wunders auf Fürsprache die Voraussetzungen für die Seligsprechung. Während das Martyrium eine Verfolgung voraussetzt, kann die Hingabe des eigenen Lebens auch ohne diese bejaht werden. Ein Beispiel ist die aufopferungsvolle Pflege von Patienten mit hochinfektiösen gefährlichen Krankheiten.

Gemäß dem Johannesevangelium (Joh 15,13), „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt“, das in dem Schreiben zitiert wird, soll den Christen Ehre zuteil werden, die ihr Leben hingeben. Der Tod muss kurz danach eintreten und in Zusammenhang mit der Hingabe stehen. Ein Wunder ist – wie auch bei der Anerkennung christlicher Tugenden – erforderlich.

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Quelle

Die zentrale Stellung der Eucharistie im Leben der Kirche

Am Gründonnerstag, dem 17. April 2003, hat der Heilige Vater Johannes Paul II. bei der abendlichen Eucharistiefeier »in Coena Domini« die Enzyklika Ecclesia de Eucharistia über die Eucharistie in ihrer Beziehung zur Kirche unterzeichnet. Sowohl wegen der Gewichtigkeit als auch wegen der dringenden Aktualität seines reichen lehrhaften und pastoralen Inhalts handelt es sich hier um ein Dokument von großer kirchlicher Bedeutung. Es muß als ein neuerliches Geschenk des Papstes an die Kirche zu Beginn des neuen Jahrtausends und im 25. Jahr seines fruchtbaren Pontifikates angesehen werden.

Diese neue Enzyklika bietet jedem, der das uns vom Herrn als sein kostbarstes Vermächtnis hinterlassene »Mysterium fidei« genauer vertiefen und intensiver leben möchte, hervorragende Denkanstöße und sichere Orientierungen.

1. Eine neue Enzyklika über die Eucharistie

Die Eucharistie ist die heilbringende Gegenwart des gestorbenen und auferstandenen Christus inmitten seines Volkes. Er wollte in besonderer Weise im Sakrament der Eucharistie bei uns bleiben. Deshalb hat die Eucharistie im Leben des neuen messianischen Volkes ihre zentrale Stellung. Diesen besonderen Stellenwert unterstreicht die Enzyklika Ecclesia de Eucharistia (EdE) nachdrücklich. Als Sakrament des Ostermysteriums schlechthin, so ist dort zu lesen, »steht die Eucharistie im Mittelpunkt des kirchlichen Lebens« (EdE, Nr. 3); und weiter: »Die Eucharistiefeier ist Mitte und Höhepunkt des Lebens der Kirche« (Nr. 31). Das bedeutet, daß »die Eucharistie die Kirche auferbaut und die Kirche die Eucharistie vollzieht« (Nr. 26).

Die zentrale Stellung des Altarsakramentes im Leben der Kirche erklärt die große Aufmerksamkeit, die diese dem Sakrament der Eucharistie widmet. Denken wir zum Beispiel an die diesbezüglichen lehramtlichen Dekrete des Konzils von Trient, die in den nachfolgenden Jahrhunderten sowohl die Theologie als auch die Katechese bestimmt haben und noch heute dogmatischer Bezugspunkt für die Erneuerung und für das Wachstum der Gläubigen in ihrer Liebe zur Eucharistie sind (vgl. Nr. 9). Aus jüngerer Zeit sind drei große Enzykliken über die Eucharistie zu erwähnen: Mirae caritatis von Leo XIII., Mediator Dei von Pius XII. und Mysterium fidei von Paul VI. Der Inhalt dieser Enzykliken ist dann in die Dokumente des II. Vatikanischen Konzils, vor allem in die Konstitutionen Lumen gentium und Sacrosanctum Concilium eingeflossen.

In diesen Rahmen fügt sich die Lehre des jetzigen Papstes über die Eucharistie ein. Gleich in den ersten Jahren seines Petrusamtes hatte er in dem Apostolischen Schreiben Dominicae Cenae vom 24. Februar 1980 einige Aspekte des eucharistischen Mysteriums und seiner Bedeutung im Leben derer behandelt, die seine Diener sind. In der vorliegenden Enzyklika nimmt er den Faden jenes Themas wieder auf, um einige Punkte klarzustellen und Zweifel zu zerstreuen, die in bezug auf das Mysterium der Eucharistie da und dort aufgetaucht sind.

Es gibt heute zweifellos viele positive Zeichen des Glaubens und der Liebe zur Eucharistie. So ist als Frucht der vom II. Vatikanischen Konzil in die Wege geleiteten Liturgiereform in der Tat eine bewußtere und aktivere Teilnahme der Gläubigen an der Feier der Eucharistie zu beobachten; ein immer breiterer Raum wird der eucharistischen Anbetung gewidmet; auch nehmen die Gläubigen in wachsender Zahl an der eucharistischen Prozession des Fronleichnamsfestes teil und machen sie jedes Jahr zu einem ergreifenden öffentlichen Bekenntnis der Liebe zu dem in der Eucharistie gegenwärtigen Jesus. Aber man muß zugeben, daß »es neben diesen Lichtstrahlen leider nicht an Schatten fehlt« (Nr. 10).

Und unter diesen hebt der Papst vor allem die folgenden hervor: Der Kult der eucharistischen Anbetung sei mancherorts allmählich nahezu aufgegeben worden; in einigen Bereichen gebe es Mißbräuche, die zur Entstellung der rechten katholischen Lehre über die Eucharistie beitragen; bisweilen führe ein stark verkürzendes Verständnis des eucharistischen Geheimnisses dazu, daß es seines Opfercharakters beraubt und mehr oder weniger als ein bloßes brüderliches Mahl angesehen wird. Hinzu komme dann noch eine gewisse Verdunkelung bezüglich des Wesens und der Notwendigkeit des Amtspriestertums. Und schließlich fehle es in dem einen oder anderen kirchlichen Bereich auch nicht an ökumenischen Initiativen, »die zwar gut gemeint sind, aber zu eucharistischen Praktiken verleiten, die der Disziplin widersprechen, mit der die Kirche ihren Glauben zum Ausdruck bringt« (ebd.).

So besteht also der direkte und unmittelbare Zweck der neuen Enzyklika genau darin, »wirksam dazu beizutragen, die Schatten nicht annehmbarer Lehren und Praktiken zu vertreiben, damit das Mysterium der Eucharistie weiterhin in seinem vollen Glanz erstrahle« (ebd.).

2. »Die Kirche lebt von der Eucharistie«

Die zentrale Stellung des Sakramentes der Eucharistie im Leben der kirchlichen Gemeinschaft, die, wie gesagt, die Schlüsselidee der Enzyklika ist, kommt vor allem in der unwiderlegbaren Tatsache zum Ausdruck, daß »die Kirche von der Eucharistie lebt« (EdE, 1). Es ist äußerst bedeutsam, daß der Text mit diesen Worten beginnt, die dann den Titel des Dokumentes bilden. Die Feststellung wird später wieder aufgegriffen: »Die Kirche lebt vom eucharistischen Christus« (Nr. 6; vgl. Nr. 7).

Die Enzyklika Ecclesia de Eucharistia spricht von der Eucharistie natürlich in ihren zwei grundlegenden Aspekten von Opfer und Mahl, die im übrigen untrennbar miteinander verbunden sind, weil sie zum eigentlichen Wesen der Eucharistie gehören. Sie ist ein Mahlopfer oder, besser gesagt, ein Opfermahl. Die Eucharistie ist ihrem Wesen nach Abendmahl und Kreuz. Tisch und Altar. Altar, der Tisch ist.

Tisch, der Altar ist. Die beiden Elemente zu trennen, um das eine oder das andere unbeachtet zu lassen oder abzuwerten, käme einer völligen Verzerrung des eucharistischen Mysteriums gleich. Daran erinnert der Katechismus der Katholischen Kirche mit den Worten: »Die Messe ist zugleich und untrennbar das Opfergedächtnis, in welchem das Kreuzesopfer für immer fortlebt, und das heilige Mahl der Kommunion mit dem Leib und dem Blut des Herrn« (KKK, 1382). Und genau das betont auch der Papst in der Enzyklika, wenn er schreibt, daß Jesus »nicht nur bekräftigte, daß das, was er ihnen zu essen und zu trinken gab, sein Leib und sein Blut war, sondern auch dessen Opfercharakter zum Ausdruck brachte und damit sein Opfer, das einige Stunden später am Kreuz für das Heil aller dargebracht werden sollte, auf sakramentale Weise gegenwärtig werden ließ« (Nr. 12).

Die Eucharistie, Opfer und Gastmahl, ist das Kostbarste, was die Kirche auf ihrem Pilgerweg durch die Zeit und die Geschichte besitzen kann; sie ist die kostbarste Gabe, »die sie von ihrem Herrn erhalten hat, die Gabe schlechthin, da sie die Gabe seiner selbst ist, seiner Person in seiner heiligen Menschheit wie auch seines Erlösungswerkes« (Nr. 11); darum ist sie »Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens« (Lumen gentium, 11; EdE, 1).

Denn die Eucharistie ist die Quelle aller von Gott geschenkten Gnadengaben. Es ist wahr, daß alle Sakramente als heiligende Akte der Verehrung Christi und der Kirche für alle, die sie gläubig empfangen, unerschöpfliche Gnadenquellen sind. Aber genauso wahr ist es, daß die Eucharistie die Quelle jeder Gnade ist, da im Heilsplan jede Gnade immer einen – expliziten oder impliziten – Bezug zur Eucharistie hat. Das sagt der hl. Thomas von Aquin, der vortreffliche Theologe, der den eucharistischen Jesus mit leidenschaftlichen Worten besungen hat (EdE, 62): »Nec aliquis habet gratiam ante susceptionem huis sacramenti nisi ex aliquali voto ipsius« [»und niemand hat die Gnade vor dem Empfang des Sakramentes, außer infolge irgendwelchen Verlangens nach ihm« (Summa Theol., III, q. 79, a. 1, ad 1; Summa Theologica, Bd. 30, Salzburg/Leipzig 1938). Ein Verlangen, das im Empfang der anderen Sakramente enthalten ist, die auf die Eucharistie als deren Ziel hingeordnet sind. Daher kann man sagen, daß im gegenwärtigen Heilsplan jede Gnade christlich, sakramental und eucharistisch ist, da sie eine zumindest implizite Beziehung zu Christus, zu den Sakramenten und zur Eucharistie, dem eigentlichen Zentrum und Anziehungspunkt des neuen messianischen Volkes, hat.

Und die Eucharistie ist die Quelle jeder Gnade, weil sie »das Heilsgut der Kirche in seiner ganzen Fülle enthält, Christus selbst, unser Osterlamm und das lebendige Brot. Durch sein Fleisch, das durch den Heiligen Geist lebt und Leben schafft, spendet er den Menschen das Leben« (Presbyterorum ordinis, 5; EdE, 1). Das heißt, er selbst ist der Urheber der Gnade; er ist »voll Gnade und Wahrheit« (Joh 1,14); er ist also die Gnadenquelle.

3. Die Eucharistie, »schöpferische Kraft« der kirchlichen Gemeinschaft

Die Eucharistie, in der das Handeln des Sohnes und des Heiligen Geistes wirksam ist (EdE, 23), ist auch die Quelle der Einheit der Kirche. Die Enzyklika spricht in diesem Zusammenhang von der »einheitsstiftenden Wirkung der Teilnahme am eucharistischen Mahl« (ebd.) und von der »schöpferischen Kraft der Einheit des Leibes Christi« (ebd., 24).

Mit diesen Formulierungen nimmt der Text den Gedanken des Konzils wieder auf – und unterstreicht ihn nochmals –, wonach »durch das Sakrament des eucharistischen Brotes die Einheit der Gläubigen, die einen Leib in Christus bilden, dargestellt und verwirklicht wird« (Lumen gentium, 3; EdE, 21; vgl. 1 Kor 10,17).

Die Eucharistie ist daher das Sakrament der christlichen koinonia, das »sacramentum unitatis«, wie es der Doctor Angelicus (Thomas von Aquin) nennt (Supplementum, q. 71, a. 9).

Das Letzte Abendmahl, dessen Vergegenwärtigung in der Zeit die Eucharistie ist, hat sich mit Sicherheit in einem Klima der Einheit, der innigen Gemeinschaft der Liebe ereignet. Das geht aus den Umständen, unter denen es stattgefunden hat, sowie aus den Worten und Gesten Jesu bei diesem feierlichen Anlaß hervor: das große Verlangen, vor seinem Leiden mit seinen Jüngern das Paschalamm zu essen, das mit der Fußwaschung gesetzte Beispiel der Demut und Liebe, das Gebet um Einheit für seine Jünger und für alle, die an ihn glauben … Das alles bringt den Wunsch Christi zum Ausdruck, daß sein Letztes Abendmahl von einer aufrichtigen Liebe, von einer innigen Einheit der Herzen beseelt und belebt sein sollte. Die Schwere der Sünde des Judas besteht gerade darin, daß er sich durch den Verrat an Christus nicht nur vom Messias, sondern auch von der Gemeinschaft des ganzen messianischen Volkes entfernt hat, und das genau in dem Augenblick, wo diese ihre definitive Gestalt erhalten sollte.

Dieselbe Atmosphäre wie beim Letzten Abendmahl soll auch bei jeder Eucharistiefeier gegeben sein. Denn das Letzte Abendmahl war ja die erste christliche Eucharistie. Die Kirche tut in Wirklichkeit nichts anderes als getreu der empfangenen Weisung: »Tut dies zu meinem Gedächtnis «, von Generation zu Generation durch das Priesteramt das zu wiederholen, was im Abendmahlssaal geschehen ist (vgl. Nr. 5). Und dadurch, daß sie es wiederholt, macht sie es auf geheimnisvolle, aber reale Weise gegenwärtig, damit alle daran teilhaben können.

Im besonderen ist die Eucharistie Quelle der Einheit der Christen, weil in ihr diese Einheit nicht nur dargestellt, sondern verwirklicht ist (Nr. 21). Sie ist ihr Prinzip, ihre Wurzel. Die Kirche ist »eine«, weil die Eucharistie »eine« ist. Der hl. Paulus ist diesbezüglich äußerst klar, wenn er an die Gläubigen von Korinth schreibt: »Ist das Brot, das wir brechen, nicht Teilhabe am Leib Christi? Ein Brot ist es. Darum sind wir viele ein Leib; denn wir alle haben teil an dem einen Brot« (1 Kor10,16–17).

Die Einheit als Folge der Eucharistie zeichnet sich auch in der Selbstoffenbarungsrede Jesu ab, von der Johannes berichtet.

In der Eucharistie teilt Christus denen, die ihn in der Gestalt von Brot und Wein empfangen, sein eigenes Leben mit: »Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, der bleibt in mir, und ich bleibe in ihm…

Jeder, der mich ißt, wird durch mich leben« (Joh 6,56–57). Nun müssen jene, die dasselbe Leben wie Christus leben, miteinander verbunden sein und einen einzigen Leib bilden – den Leib Christi, der die Kirche ist.

Die »einheitsstiftende Wirkung« der Teilnahme an der Eucharistie wird von den Kirchenvätern nachdrücklich hervorgehoben, die zu diesem Zweck sehr schöne und einprägsame bildhafte Stilfiguren und Formulierungen verwendeten. Aber wahrscheinlich hat niemand so auf dieser »vis unitiva« des »sacramentum amoris« bestanden wie Augustinus: »Die Wirkungskraft dieser Speise ist die Einheit: Diese Einheit ist so beschaffen, daß wir, in seinem Leib vereint und zu seinen Gliedern geworden, bereits das sind, was wir empfangen… Deshalb muß in dieser Speise und in diesem Trank die Gesellschaft seines Leibes und seiner Glieder, das heißt die heilige Kirche, gesehen werden« (Augustinus, Sermo 57: PL, 38, 389).

Bevor er diese Welt verließ, betete Christus zum Vater für die Einheit aller seiner Jünger (Joh 17,21). Das verwirklicht sich voll in der Eucharistie. Die ersten christlichen Gemeinden waren »ein Herz und eine Seele«, weil sie »Gäste waren am Tisch des Herrn« (1 Kor 10,21) und festhielten »am Brechen des Brotes« (Apg 2,42; EdE, 3).

In diesem Zusammenhang denken wir an die Worte des großen Theologen der Eucharistie, Maurice De La Taille: »Nach der Einsetzung des Abendmahles hinterließ Christus das Gebot der Bruderliebe als ›sein‹ Gebot und als das ›neue‹ Gebot, da er selbst in der Eucharistie sowohl das neue Ursprungsprinzip brüderlicher Liebe ist als auch der neue verbindliche Grund, der durch die Einverleibung für sich und die Glieder ›eine‹ Liebe erfordert. Wenn du die Liebe verletzt, beleidigst du die Eucharistie. Wenn du die Liebe suchst, findest du sie in der Eucharistie. Das ist das Gesetz des Neuen Testamentes, das aufgebaut ist … auf dem Leib (in Gestalt der Hostie), der beim Abendmahl Gott geweiht und an die Jünger ausgeteilt wird« (M. De La Taille, Mysterium fidei, 487).

4. Ein Gastmahl des Dankes

Die neue Enzyklika des Papstes betont die im wesentlichen österliche Dimension der Eucharistie. Sie wurde im Abendmahlssaal während des Letzten Abendmahles eingesetzt (EdE, 5). Damit wollte Jesus mit den Zwölfen das (jedes Jahr zum Gedächtnis an den Auszug aus Ägypten begangene) jüdische Paschafest feiern. Es war also sein Paschamahl.

Das an den Exodus erinnernde Pascha war ein Mysterium, das alle Söhne Israels einbezog, die sich versammelten, um ihrer Befreiung aus der ägyptischen Knechtschaft zu gedenken und Jahwe für das Geschenk der Freiheit zu danken.

Im Haggãdhãh (»Erzählung«, hebräisches Zeremonienbuch für die Feier des Pascha-Abends) heißt es in der Einführung zum Gesang des Hallel: »In jeder Generation ist jeder verpflichtet, sich zu betrachten, als wäre er selber aus Ägypten ausgezogen…, denn der Heilige – er sei gesegnet – hat nicht nur unsere Väter befreit, sondern zusammen mit ihnen befreite er auch uns. Darum ist es unsere Pflicht, dem zu danken, den zu loben, zu feiern, zu verherrlichen, zu preisen…, der an uns und unseren Vätern alle diese Wunder vollbracht hat, der uns aus der Knechtschaft zur Freiheit, aus der Unterdrückung zur Erlösung, aus dem Schmerz zur Freude, aus der Trauer zum Fest, aus der Finsternis zu strahlendem Licht geführt hat. So sprechen wir denn vor ihm: Halleluja!« (Haggãdhãh, 34,40).

Freude, Lob und Dank für das Geschenk der Befreiung waren also die Wesensmerkmale des jüdischen Pascha. Sie sind – in einem völlig neuen Zusammenhang – auch die eigentlichen Gefühle im Hinblick auf das christliche Osterfest, seit jenem Paschamahl, das Jesus mit seinen Jüngern im Abendmahlssaal gefeiert hat.

Denn, wie aus den Berichten von der Einsetzung der Eucharistie hervorgeht, »nahm Jesus den Kelch, sprach das Dankgebet und reichte ihn den Jüngern« (Mk 14,23).

Der Grund, warum Jesus in jener feierlichen Stunde dem Vater dankt, liegt auf der Hand: Er dankt für die Erlösung derer, die ihm vom Vater anvertraut worden waren; für das Geschenk des von den Propheten vorhergesagten und der Menschheit endgültig durch den Messias zuteil gewordenen Heils. Er dankt also, weil schon eingetreten ist, worauf man wartete, weil sich erfüllt hat, was verheißen worden war, weil sich vollzogen hat, was im Alten Testament angekündigt worden war. Die Endzeit, die Zeit der Erfüllung, der Gnade, der göttlichen Nähe ist schon angebrochen. Die menschliche Geschichte hat eine radikale Erneuerung erfahren. Eine neue Welt, tief davon geprägt, daß das fleischgewordene Wort Gottes in ihr anwesend ist, hat begonnen. Für all das dankt Jesus beim Letzten Abendmahl, das die erste Eucharistiefeier gewesen ist (vgl. EdE, 2).

Und das ist noch heute die Eucharistie, die durch die Jahrhunderte in den Kirchen der christlichen Gemeinden gefeiert wurde. Als Vergegenwärtigung des Letzten Abendmahles ist sie im wesentlichen ein Festmahl der Freude und des Dankes an den Herrn für das Geschenk der Befreiung aus der Knechtschaft der Sünde. Diesen grundlegenden Aspekt der Eucharistie unterstreicht die Liturgie nachdrücklich. Der zelebrierende Priester fordert die Gläubigen auf, »dem Herrn, unserm Gott, zu danken«. »In Wahrheit ist es würdig und recht, dir, Herr, heiliger Vater, allmächtiger und ewiger Gott, immer und überall zu danken …« (Römisches Meßbuch).

Das ganze neue Gottesvolk versammelt sich in der Liebe, um mit tiefer, grenzenloser Freude für den ersehnten Anbruch der messianischen Erlösung zu danken. Und damit verlängert es in die Zeit und in die Geschichte hinein die Danksagung Christi beim Letzten Abendmahl mit seinen Jüngern »priusquam pateretur«, bevor er seinen Leidensweg antrat.

Aus dem oben Gesagten geht die enge und tiefe, untrennbare Beziehung zwischen der Eucharistie und der Kirche hervor. Die Eucharistie ist in der Tat das dynamische Lebenszentrum der Kirche. Sie ist ihr »Herz«. Ja. Die Kirche hat ein im wesentlichen eucharistisches Herz. Als Gedächtnis des Pascha Christi gehört die Eucharistie zum Leben, zur eigentlichen Identität der Kirche. Es ist wirklich so, daß »die Eucharistie die Kirche auferbaut und die Kirche die Eucharistie vollzieht « (EdE, 26).

Das ist das Mysterium fidei, das mit neuem Eifer zu leben die kirchliche Gemeinschaft am Beginn des neuen Jahrtausends aufgerufen ist. Dabei soll sie sich immer mehr dessen bewußt werden, daß dieses Mysterium der größte Schatz der Kirche ist, weil diese in ihm alles hat: das Erlösungsopfer Christi, seine Auferstehung, die Gabe des Geistes; weil es in ihm Christus selbst ist, der unter der Gestalt der schlichten eucharistischen Elemente mit seiner noch auf Erden pilgernden Braut voranschreitet, während er sie erleuchtet und zur Zeugin der unerschütterlichen Hoffnung für seine Kinder und für die Welt macht; weil es das Unterpfand des Zieles ist, nach dem sich jeder Mensch, und sei es auch unbewußt, sehnt (vgl. Nr. 59 und 62): Denn die Eucharistie hat eine ganz wesentliche eschatologische Dimension, die von der Enzyklika stark hervorgehoben wird.

Um mit immer größerer Tiefe und Intensität das Geheimnis der Eucharistie zu leben, lädt uns der Papst ein, uns »in die Schule der Heiligen, der großen Interpreten der wahren eucharistischen Frömmigkeit, zu begeben. In ihnen erlangt die Theologie der Eucharistie den vollen Glanz gelebter Wirklichkeit, sie ›steckt uns an‹, sie ›entflammt‹ uns gewissermaßen«. Aber vor allem lädt uns der Papst ein, »… auf die selige Jungfrau Maria [zu hören], in der das eucharistische Mysterium mehr als in jedem anderen Menschen als Geheimnis des Lichtes offenbar wird. Im Blick auf sie erkennen wir die verwandelnde Kraft, die der Eucharistie innewohnt « (Nr. 62) und die nichts anderes ist als die verwandelnde und erneuernde Kraft dessen, der gekommen ist, »um alle Dinge neu zu machen«.


GEDANKEN VON KARDINAL JOSÉ SARAIVA MARTINS (KONGREGATION FÜR DIE SELIG- UND HEILIGSPRECHUNGEN)