Berufung zu Offenheit und Begegnung

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Am 2. Oktober traf Papst Franziskus in der „Heydar-Aliyev“-Moschee in Baku (Aserbaidschan) mit dem Scheich und Repräsentanten der anderen Religionsgemeinschaften des Landes zusammen. In seiner Ansprache betont der Heilige Vater die Bedeutung der Religionen als Sinnstifter. Von Papst Franziskus

Hier zusammen zu sein, ist ein Segen. Ich möchte dem Ratspräsidenten der kaukasischen Muslime, der uns mit seiner gewohnten Liebenswürdigkeit Gastfreundschaft gewährt, sowie den örtlichen religiösen Würdenträgern der russisch-orthodoxen Kirche und der jüdischen Gemeinden danken. Es ist ein bedeutendes Zeichen, dass wir uns hier an diesem Ort des Gebetes in brüderlicher Freundschaft begegnen – ein Zeichen, das jene Harmonie zum Ausdruck bringt, die die Religionen gemeinsam aufbauen können, ausgehend von den persönlichen Beziehungen und dem guten Willen der Verantwortlichen. Beweis dafür sind hier zum Beispiel die konkrete Hilfe, die der Ratspräsident der Muslime in mehreren Fällen der katholischen Gemeinschaft gewährt hat, und die weisen Ratschläge, die er ihr in familiärer Gesinnung mitteilt. Hervorzuheben sind auch das gute Verhältnis, das die Katholiken in konkreter Brüderlichkeit und täglicher liebevoller Zuneigung mit der orthodoxen Gemeinschaft verbindet – ein Vorbild für alle –, sowie die herzliche Freundschaft mit der jüdischen Gemeinde.

Von dieser Eintracht profitiert Aserbaidschan, das sich durch seine Aufnahmebereitschaft und Gastfreundschaft auszeichnet – Gaben, die ich an diesem denkwürdigen Tag, für den ich sehr dankbar bin, erfahren konnte. Hier ist man bestrebt, das bedeutende Erbe der Religionen zu bewahren, und zugleich sucht man nach einer größeren und fruchtbaren Öffnung. So findet zum Beispiel auch der katholische Glaube Raum und Harmonie unter den anderen, wesentlich zahlreicher vertretenen Religionen. Das ist ein konkretes Zeichen, das zeigt, wie nicht der Gegensatz, sondern die Zusammenarbeit hilft, bessere und friedliche Gesellschaften aufzubauen. Unser Zusammensein liegt auch in der Kontinuität mit den zahlreichen Begegnungen, die in Baku stattfinden, um den Dialog und die Multikulturalität zu fördern. Wenn man der Aufnahme und der Integrierung die Türen öffnet, dann öffnen sich die Türen der Herzen jedes Einzelnen und die Türen der Hoffnung für alle.

Ich bin zuversichtlich, dass dieses Land als „Tor zwischen Ost und West“ (Johannes Paul II., Ansprache bei der Begrüßungszeremonie [22. Mai 2002]: L?Osservatore Romano [dt.] Jg. 32, Nr. 22 [31. Mai 2002], S. 7) immer seine Berufung zu Offenheit und Begegnung pflegen wird; es sind dies unerlässliche Bedingungen, um haltbare Brücken des Friedens und eine menschenwürdige Zukunft aufzubauen. Die Brüderlichkeit und das Miteinander, die wir mehren möchten, werden bei denen, die Trennungen hervorheben, Spannungen neu entfachen und aus Gegensätzen und Streitigkeiten Gewinn ziehen wollen, keinen Beifall finden; von denen, die das Gemeinwohl anstreben, werden sie jedoch inständig erfleht und erwartet. Und vor allem sind sie dem mitleidigen und barmherzigen Gott wohlgefällig, der will, dass die Söhne und Töchter der einen Menschheitsfamilie enger miteinander verbunden und immer im Dialog sind. Ein großer Dichter, ein Sohn dieses Landes, hat geschrieben: „Wenn du Mensch bist, mische dich unter die Menschen, denn den Menschen geht es gut in gegenseitiger Gesellschaft“ (Nizami Ganjavi, Das Alexanderbuch, I, Über den eigenen Zustand und den Lauf der Zeit). Sich den anderen zu öffnen, macht nicht ärmer, sondern es bereichert, denn es hilft, menschlicher zu sein: sich als aktiven Teil eines größeren Ganzen zu erkennen und das Leben als ein Geschenk für die anderen zu verstehen; als Ziel nicht die eigenen Interessen zu betrachten, sondern das Wohl der Menschheit; ohne Schwärmereien und ohne Formen von Interventionismus zu handeln, ohne schädliche Einmischungen und Zwangsmaßnahmen zu vollziehen, sondern stattdessen immer die geschichtlichen Entwicklungen, die Kulturen und die religiösen Traditionen zu respektieren.

Gerade die Religionen haben eine große Aufgabe, nämlich die Menschen auf ihrer Suche nach dem Sinn des Lebens zu begleiten und ihnen zu helfen zu begreifen, dass die begrenzten Fähigkeiten des Menschen und die Güter dieser Welt niemals zu absoluten Größen werden dürfen. Wieder ist es Nizami, der schreibt: „Setze nicht endgültig auf deine Kräfte, solange du im Himmel keine Wohnung gefunden hast! Die Früchte der Welt sind nicht ewig, verehre nicht das Vergängliche!“ (Leila und Madschnun, Der Tod Madschnuns auf Leilas Grab). Die Religionen sind berufen, uns begreifen zu lassen, dass die Mitte des Menschen außerhalb seiner selbst liegt, dass wir auf die endlose Höhe hin ausgestreckt sind und zum anderen hin, der unser Nächster ist. Dorthin soll das Leben sich auf den Weg machen: zur erhabensten und zugleich konkretesten Liebe. Sie muss der Gipfel jedes echten religiösen Strebens sein, denn – wie noch einmal der Dichter sagt – „Liebe ist das, was sich nie ändert, Liebe ist das, was kein Ende hat“ (ebd. Die Verzweiflung des Madschnun). Die Religion ist also für den Menschen eine Notwendigkeit, um sein Ziel zu verwirklichen, ein Kompass, um ihn zum Guten hin zu orientieren und ihn vom Bösen abzuhalten, das immer an der Tür seines Herzens lauert (vgl. Gen 4, 7). In diesem Sinn haben die Religionen eine Erziehungsaufgabe, nämlich zu helfen, das Beste des Menschen zum Vorschein zu bringen.

Und wir tragen als Leiter eine große Verantwortung, der Suche des Menschen, der sich heute oft in den schwindelerregenden Paradoxien unserer Zeit verliert, echte Antworten zu bieten. Tatsächlich sehen wir, wie in unseren Tagen einerseits der Nihilismus derer grassiert, die an nichts mehr glauben, außer an die eigenen Interessen, Nutzen und Vorteile, und das Leben wegwerfen, indem sie sich nach dem Spruch richten: „Wenn es Gott nicht gibt, ist alles erlaubt“ (vgl. F. M. Dostojewski, Die Brüder Karamasow, XI, 4.8.9). Andererseits treten immer mehr die starren und fundamentalistischen Reaktionen derer zutage, die mit verbaler und tätlicher Gewalt extreme und radikalisierte Haltungen durchsetzen wollen, die denkbar weit entfernt sind vom lebendigen Gott.

Im Gegensatz dazu sind die Religionen, die ja helfen, das Gute zu erkennen und durch Werke, Gebet und die Mühe der Arbeit an sich selbst praktisch umzusetzen, dazu berufen, die Kultur der Begegnung und des Friedens aufzubauen, die aus Geduld, Verständnis und bescheidenen konkreten Schritten besteht. So wird der menschlichen Gesellschaft gedient. Diese ist ihrerseits stets gehalten, die Versuchung zu überwinden, sich des religiösen Faktors zu bedienen: Die Religionen dürfen niemals instrumentalisiert werden und dürfen nicht dafür herhalten, Konflikte und Gegensätze zu begünstigen.

Fruchtbar ist hingegen eine ehrbare Verbindung zwischen Gesellschaft und Religionen, eine respektvolle Allianz, die aufgebaut und gehütet werden muss und die ich mit einem Bild symbolisieren möchte, das diesem Land viel bedeutet. Ich beziehe mich auf die wertvollen, künstlerisch gestalteten Glasfenster, die es seit Jahrhunderten in dieser Gegend gibt und die nur aus Holz und buntem Glas bestehen (Shebeke). Bei ihrer handwerklichen Fertigung gibt es eine einzigartige Besonderheit: Es werden weder Klebstoff noch Nägel verwendet, sondern Holz und Glas werden zusammengehalten, indem sie in langer, sorgfältiger Arbeit ineinander verschachtelt werden. So hält das Holz das Glas, und das Glas lässt Licht einfallen. Genauso ist es Aufgabe jeder Zivilgesellschaft, die Religion zu unterstützen, die das Einfallen eines zum Leben unerlässlichen Lichtes ermöglicht. Und darum ist es notwendig, der Religion eine wirkliche und echte Freiheit zu garantieren. Es dürfen also nicht die künstlichen „Klebstoffe“ verwendet werden, die den Menschen zwingen zu glauben, indem man ihm ein bestimmtes Credo aufoktroyiert und ihn seiner Entscheidungsfreiheit beraubt, und es dürfen in die Religion auch nicht die äußeren „Nägel“ der weltlichen Interessen und der Macht- und Geldgier eindringen. Denn Gott darf nicht für partielle Interessen und egoistische Zwecke angerufen werden, er kann keine Form von Fundamentalismus, Imperialismus oder Kolonialismus rechtfertigen. Noch einmal erhebt sich von diesem so bedeutungsvollen Ort aus der herzzerreißende Ruf: Niemals mehr Gewalt im Namen Gottes! Sein heiliger Name werde angebetet, nicht geschändet und verschachert von Hass und menschlichen Gegensätzen.

Ehren wir dagegen die umsichtige göttliche Barmherzigkeit uns gegenüber mit dem beharrlichen Gebet und dem konkreten Dialog, der eine „notwendige Bedingung für den Frieden in der Welt und darum eine Pflicht für die Christen wie auch für die anderen Religionsgemeinschaften“ ist (Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 250). Gebet und Dialog stehen in einer engen Wechselbeziehung zueinander: Sie führen zur Öffnung des Herzens und streben dem Wohl der anderen zu, bereichern und stärken sich also gegenseitig. Fest überzeugt und in Kontinuität mit den Zweiten Vatikanischen Konzil „mahnt [die katholische Kirche] ihre Söhne [und Töchter], dass sie mit KIugheit und Liebe, durch Gespräch und Zusammenarbeit mit den Bekennern anderer Religionen sowie durch ihr Zeugnis des christlichen Glaubens und Lebens jene geistlichen und sittlichen Güter und auch die sozial-kulturellen Werte, die sich bei ihnen [den Bekennern anderer Religionen] finden, anerkennen, wahren und fördern“ (Erkl. Nostra aetate, 2). Kein „versöhnlicher Synkretismus“ und keine „diplomatische Offenheit, die zu allem Ja sagt, um Probleme zu vermeiden“ (Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 251), sondern mit den anderen sprechen und für alle beten: das sind unsere Mittel, um Lanzen in Winzermesser zu verwandeln (vgl. Jes 2, 4), um Liebe aufkommen zu lassen, wo Hass herrscht, und Vergebung, wo Verletzung schmerzt, damit wir nicht müde werden, Wege des Friedens zu erflehen und zu gehen.

Wege eines wahren Friedens, der auf gegenseitige Achtung, Begegnung und ein Miteinander-Teilen, auf den Willen, über Vorurteile und Schuld der Vergangenheit hinauszukommen, sowie auf die Absage an Heuchelei und parteiliche Interessen gegründet ist; eines dauerhaften Friedens, der beseelt ist von dem Mut, die Barrieren zu überwinden, die Situationen von Armut und Ungerechtigkeit auszurotten, die Verbreitung von Waffen und die ungerechten Profite auf Kosten der anderen anzuzeigen und ihnen Einhalt zu gebieten.

Allzu viel Blut schreit vom Boden der Erde, unseres gemeinsamen Hauses, zu Gott (vgl. Gen 4, 10). Jetzt sind wir aufgefordert, eine Antwort zu geben, die nicht mehr hinausgezögert werden kann, und gemeinsam eine Zukunft des Friedens aufzubauen: Es ist nicht der Moment gewaltsamer und schroffer Lösungen, sondern die drängende Stunde, geduldige Prozesse der Versöhnung einzuleiten. Die wirkliche Frage unserer Zeit ist nicht die, wie wir unsere Interessen verfolgen können – das ist nicht die wirkliche Frage! –, sondern welche Lebensperspektiven wir den kommenden Generationen bieten, wie wir eine Welt hinterlassen können, die besser ist als die, welche wir empfangen haben. Gott und die Geschichte selbst werden uns fragen, ob wir uns heute für den Frieden eingesetzt haben; schon jetzt fragen uns traurig danach die jungen Generationen, die sich eine andere Zukunft erträumen. Mögen die Religionen in der Nacht der Konflikte, die wir durchmachen, Morgenröte des Friedens, Samen der Wiedergeburt unter den Verwüstungen des Todes, unermüdlich tönender Widerhall des Dialogs und Wege der Begegnung und der Versöhnung sein, um dorthin zu gelangen, wo die offiziellen Vermittlungsversuche keinen Erfolg zu erzielen scheinen.

Mögen die Religionen besonders in dieser geschätzten kaukasischen Region, die zu besuchen ich so ersehnt habe und in die ich als Pilger des Friedens gekommen bin, aktive Mittel zur Überwindung der Tragödien der Vergangenheit und der Spannungen von heute sein. Mögen die unschätzbaren Reichtümer dieser Länder erkannt und genutzt werden: Die alten und immer neuen Schätze der Weisheit, Kultur und Religiosität der Kaukasusvölker sind eine reiche Ressource für die Zukunft der Region und insbesondere für die europäische Kultur – kostbare Güter, auf die wir nicht verzichten können. Danke.

Quelle – © Copyright – Libreria Editrice Vaticana

„Durst nach Frieden“ – Gemeinsam für den Frieden

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Assisi / Wikimedia Commons – Berthold Werner, Public Domain

Papst Franziskus reist heute zum Friedensgebet nach Assisi.
Unter den Teilnehmern auch der Erzbischof von Rouen

Papst Franziskus wird heute am Abschlußtag des Treffens der Weltreligionen, das in Assisi vom 18. bis 20. September 2016 unter dem Titel „Durst nach Frieden“ staffindet, am gemeinsamen Friedensgebet teilnehmen. Das offizielle Programm sieht u.a. Begegnungen des Heiligen Vaters mit offiziellen Würdenträgern und Oberhäuptern anderer Religionen vor.

Das offizielle Programm sieht folgenden Tagesablauf vor:

10.30 Uhr – Abreise vom Hubschrauberlandeplatz im Vatikan

11.05 Uhr – Ankunft auf dem Sportplatz „Migaghelli“; Begrüßung des Papstes durch Msgr. Domenico Sorrentino, Erzbischof-Bischof von Assisi–Nocera Umbra–Gualdo Tadino, die Präsidentin der Region Umbrien, Catiuscia Marini, den Präfekten von Perugia, Raffaele Cannizzaro, sowie die Bürgermeisterin von Assisi, Stefania Proietti.

11.30 Uhr – Ankunft im „Sacro Convento“ von Assisi. Der Papst wird von Pater Mauro Gambetti, dem Kustos des Konvents, Bartolomaios I., dem ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, einem muslimischen Vertreter, dem Erzbischof von Canterbury, Justin Welby, Efrem II., dem syrisch-orthodoxen Patriarchen von Antiochien, einem jüdischen Vertreter und dem Oberhaupt der Tendai (Japan) empfangen. Alle begeben sich gemeinsam zum „Chiostro“ von Sixtus IV., wo bereits die Vertreter der Weltkirchen- und religionen sowie die Bischöfe Umbriens warten.

12.00 Uhr – Begrüßung der einzelnen Vertreter durch den Papst

13.00 Uhr – Mittagessen im Refektorium des Konvents mit einigen Kriegsopfern. Marco Impagliazzo, Präsident der Gemeinschaft von „Sant’Egidio“, wird an das 25. Jubiläum des Patrairchen Bartlomaios I. erinnern.

15.15 Uhr – Papst Franziskus wird einzeln Bartolomaios I., einen muslimischen Vertreter, Erzbischof Justin Welby, Patriarch Efrem II. und einen jüdischen Vertreter treffen.

16.00 Uhr – Friedensgebet an verschiedenen Orten und Gebetsmoment für den Frieden in der „Basilica Inferiore di San Francesco“ (Unterkirche), ökumenisches Gebet der Christen

17.00 Uhr – Nach dem Friedensgebet verlassen alle Teilnehmer die Basilika und begegnen den Vertretern der anderen Religionen, die an anderen Orten gebetet haben, und nehmen auf dem Vorplatz Platz.

17.15 Uhr – Abschlußzeremonie auf der „Piazza San Francesco“ und Grußworte von Msgr. Domenico Sorrentino, Erzbischof-Bischof von Assisi–Nocera Umbra–Gualdo Tadino, sowie Botschaften eines Kriegsopfers, des Patriarchen Bartolomaios I., eines muslimischen Vertreters, eines jüdischen Vertreters, des buddhistischen japanischen Patriarchen sowie des Gründers der Gemeinschaft von „Sant’Egidio“, Prof. Andrea Riccardi; Ansprache des Heiligen Vaters; Verlesung eines Friedensappells, der von Kindern unterschiedlicher Nationalität überreicht wird; Schweigemoment für die Kriegsopfer; Unterzeichnung des Friedensaufrufs und Anzünden zweier Kandelaber; Friedensgruß.

18.30 Uhr – Fahrt zum Sportplatz

19.00 Uhr – Abflug

19.35 Uhr – Landung im Vatikan

An dem Treffen der Weltreligionen in Assisi nimmt auch Msgr. Dominique Lebrun, Erzbischof von Rouen, teil, nur wenige Wochen nach der grausamen Ermordung von P. Jacques Hamel. Das Martyrium von P. Jacques Hamel solle nicht wie eine Flagge erhoben werden, um zu kämpfen und zu verurteilen, sondern um Dank zu sagen, für einen Priester, der sein Leben wie Christus geschenkt habe. Msgr. Lebrun ist überzeugt, dass in der Gesellschaft und in den Familien ein Zusammenleben der Religionen möglich sei. Er erinnerte an den Besuch vieler Muslime beim Sonntagsgottesdienst am 31. Juli. Die Familie der Muslime habe die trauernde Familie der Christen besucht; wir gehörten alle derselben Menschenfamilie an, bekräftigt der Erzbischof von Rouen.

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„Spiritueller Wegweiser für die ganze Menschheit“

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Assisi, Staatspräsident Sergio Mattarella / Quelle: Sanfrancescopatronoditalia.It

Assisi: Eröffnungsveranstaltung
des Treffens der Weltreligionen

Dreißig Jahre nach dem ersten weltweiten Gebetstreffen 1986 ist die Gemeinschaft Sant’Egidio zu den Ursprüngen zurückgekehrt. Papst Franziskus hat bereits ein Grußwort nach Assisi vorausgeschickt, das er am Dienstag besuchen wird: „Dem Beispiel des Heiligen Franziskus folgend, einem Mann des Glaubens und der Milde, sind wir alle gerufen, der Welt ein starkes Zeugnis unseres Einsatzes für den Frieden und die Versöhnung unter den Völkern anzubieten.“ UNO-Generalsekretärs Ban Ki-moon ließ per Grußbotschaft den Teilnehmern mitteilen, dass Sant’Egidio „mit ihrem interreligiösen und interkulturellen Charakter aufs Neue bestätigt, dass nur durch Dialog und Verhandlung nachhaltige Lösungen angesichts von Gewalt gefunden werden können.“

Der Geist von Assisi, so sagte der Gründer der Gemeinschaft Andrea Riccardi, habe einen Weg zurückgelegt, Geschwisterlichkeit geschaffen, Friedensinitiativen hervorgerufen, das Bewusstsein von der Verbundenheit der verschiedenen Religionsgemeinschaften aufkommen lassen und sich der Benutzung der Religionen für Krieg und Terrorismus entgegengestellt.

Bei der Eröffnungsfeier sprach auch der italienische Staatspräsident Sergio Mattarella: „Der Dialog zwischen den Religionen, den Gläubigen und Humanisten, der kulturelle Dialog kann sehr viel, mehr als es scheint, denn die Auseinandersetzung mit der extremistischen Gewalt ist auch eine kulturelle Auseinandersetzung. Deswegen kann die Kultur den Extremismus besiegen.“

Der polnische Philosoph Zygmunt Baumann riet in diesem Sinne zu einer Kultur des Dialogs, die es ins Zentrum der Bildung zu stellen gelte. Dies sei ein überaus langfristiger Prozess, den man mit Geduld, Beständigkeit und Planung durchlaufen müsse: „eine kulturelle Revolution angesichts einer Welt, in der man schneller alt wird und stirbt, noch bevor man wächst.“

Der Präsident der Zentralafrikanischen Republik Faustin Archange Touadéra, bezeugte, wie in seinem Land der Frieden möglich wurde. Gläubige Männer und Frauen hätten dort nicht die Logik einer religiösen Auseinandersetzung akzeptiert. Er zeigte sich dankbar für das Engagement der Gemeinschaft Sant’Egidio, die während der schwierigsten Jahre der Krise nie aufgehört habe, mit den religiösen Gemeinschaften, den bewaffneten Gruppen und den politischen Parteien zu sprechen. So hätte sie alle Menschen in Zentralafrika daran erinnert, dass ihre Geschichte im friedlichen Zusammenleben zwischen unterschiedlicher Glaubensrichtungen und Kulturen besteht.

„Papst Franziskus hat gezeigt, dass er ein spiritueller Wegweiser für die ganze Menschheit ist, als er erklärt hat, dass es keine kriminelle Religion gibt, sondern dass es in allen Religionen Kriminelle gibt“, ist Mohammad Sammak überzeugt, der politischer Berater des Großmufti im Libanon ist. Er sagte, dass „die Auseinandersetzung mit dem Thema des religiösen Extremismus vorwiegend eine Pflicht der Muslime“ sei, und dass sie ihre Religion befreien müssen aus der „Entführung“, derer die Extremisten den Islam unterworfen haben, indem sie ihn benutzen als „Rachinstrument, als totalitäre Bewegung im Namen der Religion“. Der Islam jedoch glaubt an den „Pluralismus und betrachtet die Unterschiedlichkeit der Menschen als Ausdruck göttlichen Willens“.

Schließlich betonte er mit einer deutlichen Bezugnahme auf sein Land, den Libanon, dass „die Beziehungen unter den Menschen unterschiedlicher Religionen nicht auf die Beseitigung des anderen gegründet werden dürfen – wie es der IS möchte – und auch nicht auf Toleranz. „Die Angehörigkeit zu einem Staat“, sagte er abschließend, „kann nicht auf Toleranz basieren, sondern auf Rechten“. (mk)

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Christlich-islamisches Jugendtreffen in Kairo

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Die Al-Azhar-Universität in Kairo

In Kairo hat am Donnerstag ein gemeinsames Jugendseminar des Weltkirchenrats und der Al-Azhar-Universität zum Thema „Jugendengagement, Religion und Gewalt“ begonnen. Es ist das erste Mal, dass der Weltkirchenrat bei einem Jugendseminar mit Al Azhar zusammenarbeitet, wie der Ökumenische Rat der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ) berichtet. An dem bis 22. August anberaumten Seminar nehmen 40 junge Leute aus 14 Ländern teil, je zur Hälfte Christen und Muslime. Im Verlauf des Seminars treffen die jungen Leute auch mit dem koptisch-orthodoxen Papst-Patriarchen Tawadros II., mit dem Großimam der Al Azhar, Ahmad Mohammad al-Tayyeb, und mit dem Generalsekretär der Arabischen Liga, Ahmed Abu al-Ghayt, zusammen.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Seminars setzen sich u.a. mit der Frage der Wirkung religiöser Botschaften auseinander und zwar unter dem Gesichtspunkt, ob diese Botschaften Beiträge zum Aufbau des Friedens sind oder zur Gewalt drängende Spannungen auslösen. Auch soll die Rolle religiöser Institutionen wie jene des Ökumenischen Instituts in Bossey oder der Al Azhar-Universität im Hinblick auf die Förderung des Friedens untersucht werden.

„Religion und Jugend stehen heute oft im Zentrum von Ereignissen, die mit Gewalt und Radikalisierung verbunden sind“, sagte Carla Khijoyan, die Jugendreferentin des Weltkirchenrats: „Unsere Antwort ist nicht Angst und Isolation, sondern die Einladung, miteinander zu arbeiten und miteinander auf dem Pilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens zu gehen.“

 

(kap 19.08.2016 cz)

BRIEF DES HEILIGEN VATERS FRANZISKUS AN DIE CHRISTEN IM NAHEN OSTEN

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Liebe Brüder und Schwestern,

»Gepriesen sei der Gott und Vater Jesu Christi, unseres Herrn, der Vater des Erbarmens und der Gott allen Trostes. Er tröstet uns in all unserer Not, damit auch wir die Kraft haben, alle zu trösten, die in Not sind, durch den Trost, mit dem auch wir von Gott getröstet werden« (2 Kor 1,3-4)

Diese Worte des Apostels Paulus sind mir in den Sinn gekommen, als ich daran dachte, an Euch, liebe christliche Brüder und Schwestern im Nahen Osten, zu schreiben. Ich tue es anlässlich des nahen Weihnachtsfestes, weil ich weiß, dass für viele von Euch die Klänge der Weihnachtslieder sich mit Tränen und Seufzern mischen werden. Und doch ist die Geburt des Sohnes Gottes in unserem menschlichen Fleisch ein unsagbares Geheimnis des Trostes: » Denn die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten « (Tit 2,11).

Leider fehlte es auch in der jüngsten Vergangenheit nicht an Trübsal und Bedrängnis im Nahen Osten. Diese haben sich in den letzten Monaten verschärft aufgrund der Konflikte, die die Region peinigen, vor allem aber durch das Wirken einer ganz neuen und besorgniserregenden terroristischen Organisation von bisher unvorstellbaren Ausmaßen, die alle Art von Gesetzwidrigkeiten begeht und menschenunwürdige Praktiken anwendet. Ganz besonders hat sie einige von Euch heimgesucht: Auf brutale Weise wurden sie aus ihrem Land vertrieben, in dem die Christen seit apostolischer Zeit heimisch sind.

Indem ich mich an Euch wende, kann ich nicht die anderen religiösen und ethnischen Gruppen außer Acht lassen, die ebenfalls unter der Verfolgung und den Konsequenzen dieser Konflikte leiden. Täglich verfolge ich die Nachrichten über das enorme Leiden vieler Menschen im Nahen Osten. Ich denke besonders an die Kinder, die Mütter, die alten Menschen, an die Vertriebenen und die Flüchtlinge, an alle, die Hunger leiden, an die, welche die Härte des Winters auf sich nehmen müssen ohne ein schützendes Dach über dem Kopf. Dieses Leiden schreit zu Gott und ruft uns alle zum Einsatz auf, im Gebet und in jeder Art von Initiative. Allen möchte ich meine Nähe und Solidarität wie auch die der ganzen Kirche bekunden und ihnen ein Wort des Trostes und der Hoffnung zusprechen.

Liebe Brüder und Schwestern, die Ihr in eurem vom Herrn gesegneten Land mutig Zeugnis für Jesus gebt, unser Trost und unsere Hoffnung ist Christus selber. Darum ermutige ich Euch, fest mit ihm verbunden zu bleiben wie die Rebzweige am Weinstock, in der Gewissheit, dass weder Bedrängnis, noch Not, noch Verfolgung Euch von ihm trennen können (vgl. Röm 8,35). Möge die Prüfung, die Ihr durchmacht, Euer aller Glauben und Treue stärken!

Ich bete, dass Ihr die brüderliche Gemeinschaft nach dem Vorbild der ersten Jerusalemer Gemeinde leben könnt. Die von unserem Herrn gewollte Einheit ist in diesen schwierigen Momenten nötiger denn je; sie ist ein Geschenk Gottes, das an unsere Freiheit appelliert und unsere Antwort erwartet. Mögen das Wort Gottes, die Sakramente, das Gebet und die Brüderlichkeit Eure Gemeinschaften ständig nähren und erneuern.

Die Situation, in der Ihr lebt, ist ein starker Aufruf zur Heiligkeit des Lebens, wie Heilige und Märtyrer aller kirchlichen Zugehörigkeiten beweisen. In Liebe und Verehrung denke ich an die Hirten und die Gläubigen, denen in letzter Zeit das Opfer des Lebens abverlangt wurde, oft nur aufgrund der Tatsache, dass sie Christen waren. Ich denke auch an die Entführten, unter denen einige orthodoxe Bischöfe und Priester verschiedener Riten sind. Mögen sie bald wohlbehalten in ihre Häuser und Gemeinschaften zurückkehren! Ich bitte Gott, dass so viel mit dem Kreuz des Herrn vereintes Leid Frucht zum Wohl der Kirche und der Völker des Nahen Ostens bringen möge.

Inmitten der Feindschaften und der Konflikte ist die unter Euch in Brüderlichkeit und Einfachheit gelebte Gemeinschaft ein Zeichen für das Reich Gottes. Ich freue mich über die guten Beziehungen und über die Zusammenarbeit zwischen den orthodoxen Patriarchen und denen der katholischen Ostkirchen wie auch zwischen den Gläubigen der verschiedenen Kirchen. Die von den Christen ertragenen Leiden leisten einen unschätzbaren Beitrag für das Anliegen der Einheit. Es ist die Ökumene des Blutes, die eine vertrauensvolle Hingabe an das Wirken des Heiligen Geistes erfordert.

Mögen die Schwierigkeiten Euch immer Anlass sein, Zeugnis für Jesus zu geben! Eure Gegenwart selbst ist für den Nahen Osten kostbar. Ihr seid eine kleine Herde, doch mit einer großen Verantwortung in dem Land, wo das Christentum entstanden ist und sich ausgebreitet hat. Ihr seid wie der Sauerteig in der Masse. An erster Stelle noch vor vielen, von allen gewürdigten Werken der Kirche im Bereich des Erziehungs- und Gesundheitswesens oder in den Hilfswerken sind die Christen, seid Ihr der größte Schatz für die Region. Danke für Eure Standhaftigkeit!

Euer Bemühen, mit Menschen anderer Religionen – Juden und Muslimen – zusammenzuarbeiten, ist ein weiteres Zeichen für das Reich Gottes. Je schwieriger die Situation ist, umso notwendiger ist der interreligiöse Dialog. Es gibt keinen anderen Weg. Der auf eine Haltung der Offenheit gegründete Dialog in Wahrheit und Liebe ist auch das beste Mittel gegen die Versuchung des religiösen Fundamentalismus, der eine Bedrohung für die Gläubigen aller Religionen darstellt. Zugleich ist der Dialog ein Dienst an der Gerechtigkeit und eine notwendige Voraussetzung für den so ersehnten Frieden.

Der größte Teil von Euch lebt in einem Umfeld mit muslimischer Mehrheit. Ihr könnt Euren muslimischen Mitbürgern helfen, mit Unterscheidungsvermögen ein authentischeres Bild des Islam zu zeigen, wie viele von ihnen es möchten, die immer wieder sagen, dass der Islam eine Religion des Friedens ist, dass er sich mit der Achtung der Menschenrechte vereinbaren lässt und das Zusammenleben aller fördern kann. Das wird ihnen und der ganzen Gesellschaft von Nutzen sein. Die dramatische Situation, die unsere christlichen Brüder und Schwestern im Irak, aber auch die Jesiden und die Anhänger anderer religiöser und ethnischer Gemeinschaften erleben, erfordert eine klare und mutige Stellungnahme aller religiösen Verantwortungsträger, um einstimmig und unzweideutig solche Verbrechen zu verurteilen und öffentlich die Praxis anzuklagen, sich zu deren Rechtfertigung auf die Religion zu berufen.

Meine Lieben, Ihr seid fast alle einheimische Bürger eurer Länder und habt somit die Pflicht und das Recht, vollgültig am Leben und am Wachstum eurer Nation teilzunehmen. In der Region seid Ihr berufen, Urheber von Frieden, Versöhnung und Entwicklung zu sein, den Dialog zu fördern, Brücken zu bauen gemäß dem Geist der Seligpreisungen (vgl. Mt 5,3-12), das Evangelium des Friedens zu verkünden und offen zu sein für die Zusammenarbeit mit allen nationalen und internationalen Entscheidungsträgern.

In besonderer Weise möchte ich meine Wertschätzung und meinen Dank Euch bekunden, liebe Mitbrüder im patriarchalen, bischöflichen und priesterlichen Dienst sowie Euch Brüdern und Schwestern im Ordensleben, die Ihr den Weg Eurer Gemeinschaften fürsorglich begleitet. Wie kostbar ist die Gegenwart und die Tätigkeit derer, die sich gänzlich dem Herrn geweiht haben und ihm in ihren Mitmenschen – vor allem in den am meisten Bedürftigen – dienen und so seine Größe und seine grenzenlose Liebe bezeugen! Wie wichtig ist die Gegenwart der Hirten bei ihrer Herde, vor allem in schwierigen Zeiten!

Euch, liebe Jugendliche, sende ich eine väterliche Umarmung. Ich bete für Euren Glauben, für Euer Wachstum als Menschen und als Christen und dass Eure besten Pläne sich verwirklichen mögen. Und ich wiederhole Euch: » Fürchtet oder schämt Euch nicht, Christen zu sein. Die Beziehung zu Jesus wird Euch die innere Bereitschaft zu einer vorbehaltlosen Zusammenarbeit mit Euren Mitbürgern schenken, welcher Religion sie auch angehören « (Benedikt XVI., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Ecclesia in Medio Oriente, 63).

Euch, liebe ältere Menschen, drücke ich meine Wertschätzung aus. Ihr seid das Gedächtnis Eurer Völker; ich hoffe, dass dieses Gedächtnis ein Anstoß zum Wachsen für die jungen Generationen sei.

Ich möchte diejenigen unter Euch ermutigen, die in den sehr wichtigen Bereichen der Nächstenliebe und des Erziehungswesens wirken. Ich bewundere die Arbeit, die Ihr besonders durch die Caritas und mit Hilfe der katholischen karitativen Organisationen verschiedener Länder leistet, indem Ihr allen ohne jede Bevorzugung helft. Durch das Zeugnis der Liebe bietet Ihr dem gesellschaftlichen Leben den wirksamsten Halt und tragt auch zum Frieden bei, nach dem die Region hungert wie nach Brot. Doch auch im Bereich des Erziehungswesens geht es um die Zukunft der Gesellschaft. Wie wichtig ist die Erziehung zur Kultur der Begegnung sowie zur Achtung der Menschenwürde und des unumschränkten Wertes eines jeden Menschen!

Meine Lieben, obwohl gering an Zahl, seid Ihr Protagonisten des Lebens der Kirche und der Länder, in denen Ihr lebt. Die ganze Kirche ist Euch nahe und unterstützt Euch, mit großer Liebe und Wertschätzung für Eure Gemeinschaften und eure Mission. Wir werden fortfahren, Euch zu helfen mit dem Gebet und mit den anderen verfügbaren Mitteln.

Zugleich rufe ich weiterhin die internationale Gemeinschaft auf, Euren Bedürfnissen und denen der anderen leidenden Minderheiten entgegenzukommen – an erster Stelle durch die Förderung des Friedens auf dem Weg über Verhandlungen und mit Hilfe diplomatischer Aktivitäten, in dem Bemühen, möglichst bald die Gewalt, die schon zu viel Schaden angerichtet hat, einzudämmen und zu stoppen. Ich bekräftige meine ganz entschiedene Missbilligung des Waffenhandels. Wir brauchen vielmehr Friedenspläne und -initiativen, um eine globale Lösung der Probleme der Region zu fördern. Wie lange soll der Nahe Osten noch unter der Friedlosigkeit leiden? Wir dürfen uns nicht mit den Konflikten abfinden, als sei ein Wechsel nicht möglich! Auf der Linie meiner Pilgerreise ins Heilige Land und des nachfolgenden Gebetstreffens im Vatikan mit dem israelischen und dem palästinensischen Präsidenten lade ich Euch ein, weiter für den Frieden im Nahen Osten zu beten. Dass diejenigen, die gezwungen waren, ihr Land zu verlassen, dorthin zurückkehren und in Frieden und Sicherheit leben können. Möge die humanitäre Hilfe gesteigert und dabei immer das Wohl des Menschen und jedes Landes in den Mittelpunkt gestellt werden, unter Achtung der jeweiligen Identität, ohne andere Interessen voranzustellen. Möge die gesamte Kirche und die internationale Gemeinschaft sich der Bedeutung Eurer Präsenz in der Region immer deutlicher bewusst werden.

Liebe christliche Schwestern und Brüder im Nahen Osten, Ihr habt eine große Verantwortung und seid nicht allein bei ihrer Bewältigung. Darum wollte ich an Euch schreiben, um Euch zu ermutigen und um Euch zu sagen, wie wertvoll Eure Gegenwart und Eure Mission in diesem vom Herrn gesegneten Land sind. Euer Zeugnis tut mir so gut. Danke! Jeden Tag bete ich für Euch und Eure Anliegen. Ich danke Euch, weil ich weiß, dass Ihr in Euren Leiden für mich und meinen Dienst für die Kirche betet. Ich hoffe sehr, dass mir die Gnade zuteil wird, persönlich zu kommen, um Euch zu besuchen und Euch zu trösten und zu stärken. Die Jungfrau Maria, die allheilige Mutter Gottes, die auch unsere Mutter ist, begleite und schütze Euch stets mit ihrer zärtlichen Liebe. Euch allen und Euren Familien sende ich den Apostolischen Segen und wünsche Euch, dass Ihr die heilige Weihnacht in der Liebe und im Frieden Christi, des Retters, lebt.

Aus dem Vatikan, am 21. Dezember 2014, dem vierten Adventssonntag

Franciscus

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Papst Franziskus: Interreligiöse Generalaudienz vom 28. Oktober 2015

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PAPST FRANZISKUS

INTERRELIGIÖSE GENERALAUDIENZ

ZUM 50. JAHRESTAG
DER PROMULGATION DER KONZILSERKLÄRUNG
NOSTRA AETATE

Mittwoch, 28. Oktober 2015

[Multimedia]

 

Grußworte des Heiligen Vaters an die in der Aula Paolo VI versammelten Kranken:

Guten Tag euch allen! Ihr seid heute  hier, nicht weil wir euch ins Gefängnis verbannt hätten, sondern weil das Wetter schlecht war und es geregnet hat. Ich glaube, jetzt hat es aufgehört, aber es ist unbeständig, so habt ihr es hier bequemer und ruhiger und könnt die Audienz auf der Großleinwand sehen. Und ich werde den Leuten auf dem Platz sagen, dass ihr hier seid, und so grüßen wir uns und sind alle zusammen. Ich bitte euch, für mich zu beten, und ich bete für euch.

Ihr könnt Jesus die Schmerzen der Krankheit aufopfern: Krankheiten sind alle schlimm, alle; wir können sie Jesus aufopfern und vorangehen und um die Gnade bitten, in Traurigkeit und Schmerz nicht die Hoffnung zu verlieren.

Die Hoffnung wird uns Freude schenken. Jetzt beten wir gemeinsam ein Gegrüßet seist du, Maria, und ich gebe euch den Segen. [Ave Maria…]

Eine gute Audienz von hier aus und betet für mich!

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Bei den Generalaudienzen sind oft Personen oder Gruppen anwesend, die anderen Religionen angehören. Heute ist diese Anwesenheit jedoch von ganz besonderer Art, um gemeinsam des 50. Jahrestages der Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils Nostra aetate über das Verhältnis der katholischen Kirche zu den nichtchristlichen Religionen zu gedenken. Dieses Thema lag dem seligen Papst Paul VI. sehr am Herzen. Bereits ein Jahr vor Abschluss des Konzils hatte er am Pfingstfest das Sekretariat für die Nichtchristen errichtet, heute der Päpstliche Rat für den Interreligiösen Dialog. Ich bringe daher den Personen und Gruppen verschiedener Religionen, die heute hier anwesend sind, meinen Dank zum Ausdruck und begrüße sie sehr herzlich – besonders jene, die von weit her gekommen sind.

Das Zweite Vatikanische Konzil war eine außerordentliche Zeit der Reflexion, des Dialogs und des Gebets, um den Blick der katholischen Kirche auf sich selbst und auf die Welt zu erneuern. Eine Deutung der Zeichen der Zeit im Hinblick auf ein »Aggiornamento«, das an einer zweifachen Treue ausgerichtet ist: Treue zur kirchlichen Überlieferung und Treue zur Geschichte der Männer und Frauen unserer Zeit. Denn Gott, der sich in der Schöpfung und in der Geschichte offenbart hat, der durch die Propheten gesprochen hat und in ganzer Fülle in seinem menschgewordenen Sohn (vgl. Hebr 1,1), wendet sich an das Herz und den Geist eines jeden Menschen, der die Wahrheit sucht und nach Wegen, sie umzusetzen.

Die Botschaft der Erklärung Nostra aetate ist immer noch zeitgemäß. Ich rufe kurz einige Punkte in Erinnerung:

– die wachsende Abhängigkeit der Völker untereinander (vgl. Nr. 1);

– die menschliche Suche nach einem Sinn des Daseins, des Leidens, des Todes: Fragen, die unseren Weg stets begleiten (vgl. Nr. 1);

– der gemeinsame Ursprung und das gemeinsame Ziel der Menschheit (vgl. Nr. 1);

– die Einzigartigkeit der Menschheitsfamilie (vgl. Nr. 1);

– die Religionen als Suche nach Gott oder nach dem Absoluten in den verschiedenen Völkern und Kulturen (vgl. Nr. 1); – der wohlwollende und aufmerksame Blick der Kirche auf die Religionen: Sie lehnt nichts von  alledem ab, was in ihnen schön und wahr ist (vgl. Nr. 2); – die Kirche betrachtet die Gläubigen aller Religionen mit Hochachtung und schätzt ihr geistliches und sittliches Bemühen (vgl. Nr. 3); – die Kirche ist offen für den Dialog mit allen, und gleichzeitig ist sie der Wahrheit treu, an die sie glaubt, angefangen bei jener Wahrheit, dass das allen angebotene Heil seinen Ursprung in Jesus, dem einzigen Erlöser, hat und dass der Heilige Geist als Quelle des Friedens und der Liebe wirkt.

In diesen letzten 50 Jahren gab es viele Ereignisse, Initiativen, institutionelle und persönliche Beziehungen zu den nichtchristlichen Religionen, und man kann sie schwerlich alle in Erinnerung rufen. Ein besonders bedeutsames Ereignis war die Begegnung in Assisi am 27. Oktober 1986. Sie wurde vom heiligen Johannes Paul II. ins Leben gerufen und gefördert. Ein Jahr vorher – also vor 30 Jahren – hatte er in einer Ansprache an die jungen Muslime in Casablanca den Wunsch zum Ausdruck gebracht, dass alle an Gott Glaubenden Freundschaft und Einheit zwischen Menschen und Völkern fördern mögen (19. August 1985). Die in Assisi entzündete Flamme hat sich über die ganze Welt ausgebreitet und stellt ein bleibendes Zeichen der Hoffnung dar.

Besonders müssen wir Gott danken für den echten Wandel, den die Beziehung zwischen Christen und Juden in diesen 50 Jahren erfahren hat. Gleichgültigkeit und Gegnerschaft haben sich in Zusammenarbeit und Wohlwollen verwandelt. Von Feinden und Fremden sind wir zu Freunden und Brüdern geworden. Das Konzil hat durch die Erklärung Nostra aetate den Weg aufgezeigt: »Ja« zur Wiederentdeckung der jüdischen Wurzeln des Christentums; »Nein« zu jeder Form von Antisemitismus, Verurteilung jeder Beleidigung, Diskriminierung und Verfolgung, die daraus hervorgehen. Gegenseitige Kenntnis, Achtung und Wertschätzung sind der Weg, der in besonderer Weise für die Beziehung mit den Juden gilt, aber ebenso auf die Beziehungen zu den anderen Religionen zutrifft. Ich denke insbesondere an die Muslime, die – wie das Konzil in Erinnerung ruft – »den alleinigen Gott anbeten, den lebendigen und in sich seienden, barmherzigen und allmächtigen, den Schöpfer Himmels und der Erde, der zu den Menschen gesprochen hat« (Nostra aetate, 3). Sie nehmen Bezug auf die Vaterschaft Abrahams, verehren Jesus als Propheten, ehren seine jungfräuliche Mutter Maria, erwarten den Tag des Gerichts und üben Gebet, Almosen und Fasten (vgl. ebd.).

Der Dialog, den wir brauchen, muss offen und respektvoll sein: Dann erweist er sich als fruchtbar. Die gegenseitige Achtung ist die Voraussetzung und gleichzeitig das Ziel des interreligiösen Dialogs: das Recht des Anderen auf Leben achten, auf körperliche Unversehrtheit, auf die Grundfreiheiten, das heißt Gewissens-, Meinungs-, Gedanken- und Religionsfreiheit. Die Welt blickt auf uns Gläubige, sie mahnt uns, untereinander und mit den Männern und Frauen guten Willens, die sich zu keiner Religion bekennen, zusammenzuarbeiten. Sie bittet uns um konkrete Antworten zu zahlreichen Themen: Friede, Hunger, das Elend, von dem Millionen von Menschen betroffen sind, die Umweltkrise, die Gewalt – insbesondere jene, die im Namen der Religion ausgeübt wird –, die Korruption, der sittliche Verfall, die Krisen der Familie, der Wirtschaft, der Finanz und vor allem der Hoffnung. Wir Gläubige haben keine Patentrezepte für diese Probleme, aber wir haben eine große Ressource: das Gebet. Und wir Gläubige beten. Wir müssen beten. Das Gebet ist unser Schatz, aus dem wir den jeweiligen Traditionen gemäß schöpfen, um die Gaben zu erbitten, nach denen die Menschheit sich sehnt.

Aufgrund von Gewalt und Terrorismus hat sich eine Haltung des Misstrauens oder sogar der Verurteilung der Religionen verbreitet. Obgleich keine Religionsgemeinschaft vor der Gefahr fundamentalistischer oder extremistischer Verblendung bei Individuen oder Gruppen gefeit ist (vgl. Ansprache vor dem Kongress der Vereinigten Staaten von Amerika, 24. September 2015), muss  man auf die positiven Werte blicken, die sie leben und anbieten und die Quelle der Hoffnung sind. Es geht darum, den Blick zu erheben, um voranzukommen. Der auf vertrauensvolle Achtung gegründete Dialog kann Samen des Guten in sich tragen, die wiederum zu Keimen der Freundschaft und der Zusammenarbeit auf vielen Gebieten werden, vor allem im Dienst an den Armen, den Geringen, den alten Menschen, in der Aufnahme der Migranten, in der Aufmerksamkeit für die Ausgegrenzten. Wir können gemeinsam vorangehen, indem wir füreinander und für die Schöpfung Sorge tragen. Alle Glaubenden jeder Religion. Gemeinsam können wir den Schöpfer loben, dass er uns den Garten der Welt geschenkt hat, auf dass wir ihn als gemeinsames Gut bebauen und hüten. Wir können gemeinsame Pläne verwirklichen, um die Armut zu bekämpfen und jedem Mann und jeder Frau würdige Lebensbedingungen zu gewährleisten.

Das außerordentliche Jubiläum der Barmherzigkeit, das vor uns liegt, ist eine günstige Gelegenheit, um im Bereich der Werke der Nächstenliebe zusammenzuarbeiten. Und in diesem Bereich, in dem vor allem das Mitgefühl zählt, können sich uns viele Menschen anschließen, die sich nicht gläubig fühlen oder auf der Suche nach Gott und nach der Wahrheit sind – Menschen, die das Gesicht des Anderen, insbesondere das Gesicht des notleidenden Bruders oder der notleidenden Schwester, in den Mittelpunkt stellen. Die Barmherzigkeit, zu der wir berufen  sind, schließt jedoch die ganze Schöpfung ein, die Gott uns anvertraut hat, um ihre Hüter und nicht ihre Ausbeuter oder – noch schlimmer – ihre Zerstörer zu sein. Wir sollten uns stets vornehmen, die Welt besser zu hinterlassen, als wir sie vorgefunden haben (vgl. Enzyklika Laudato si’, 194), begonnen bei der Umwelt, in der wir leben, bei den kleinen Gesten unseres täglichen Lebens.

Liebe Brüder und Schwestern, was die Zukunft des interreligiösen Dialogs betrifft, so ist das Erste, was wir tun müssen: beten. Und füreinander beten: Wir sind Brüder! Ohne den Herrn ist nichts möglich; mit ihm wird alles möglich! Möge unser Gebet – jeder seiner eigenen Tradition gemäß –, möge es dem Willen Gottes vollkommen treu sein, der wünscht, dass alle Menschen einander als Brüder erkennen und als solche leben und in der Eintracht der Vielfalt die große Menschheitsfamilie bilden.

* * *

Einen herzlichen Gruß richte ich an die Pilger deutscher Sprache, besonders an die Offiziale der verschiedenen österreichischen, niederländischen, schweizerischen und deutschen Diözesen, die zu einer Konferenz nach Rom gekommen sind. Ich begrüße auch aus Bayern den Montinichor und die Schülerinnen und Schüler der Maria-Ward-Realschule aus Burghausen. Bitten wir den Herrn, dass eure Pilgerreise nach Rom euch eine lebendige Erfahrung der Menschheitsfamilie und ihrer Einheit in der Vielheit vermittle. Gott segne euch alle.

DER HEILIGE JOHANNES PAUL II. AM 24. JANUAR 2002 IN ASSISI

Assisi-skyline

WELTGEBETSTAG FÜR DEN FRIEDEN

ANSPRACHE VON JOHANNES PAUL II .
AN DIE REPRÄSENTANTEN DER WELTRELIGIONEN

Assisi, 24. Januar 2002

1. In einer Friedenswallfahrt sind wir nach Assisi gekommen. Als Vertreter der verschiedenen Religionen sind wir hier, um uns vor Gott zu prüfen im Hinblick auf unseren Einsatz für den Frieden. Zugleich wollen wir Ihn um das Geschenk des Friedens bitten und unsere gemeinsame Sehnsucht nach einer gerechteren und solidarischeren Welt bezeugen.

Wir wollen unseren Beitrag dazu leisten, daß die Wolken des Terrorismus, des Hasses, der bewaffneten Konflikte vertrieben werden, denn in den vergangenen Monaten haben sich diese Wolken am Horizont der Menschheit besonders verdichtet. Deshalb wollen wiraufeinander hören, weil das schon ein Zeichen des Friedens ist, das fühlen wir. Darin liegt ja schon eine Antwort auf die besorgten Fragen, die uns beunruhigen. Das dient bereits dazu, die Nebel des Mißtrauens und Unverständnisses zu lichten.

Die Finsternis kann nicht mit Waffen aufgehellt werden; die Finsternis weicht, wenn Lichter angezündet werden. Haß wird nur durch Liebe besiegt, das betonte ich vor einigen Tagen vor dem beim Hl. Stuhl akkreditierten Diplomatischen Korps.

2. Wir haben uns hier in Assisi eingefunden, wo alles von einem einzigartigen Propheten des Friedens Zeugnis gibt, der Franziskusgenannt wird. Er wird nicht nur von den Christen, sondern auch von vielen Andersgläubigen geliebt, von Menschen, die der Religion fernstehen, aber sich zu seinen Idealen der Gerechtigkeit, der Versöhnung und des Friedens bekennen.

Der »Poverello« von Assisi lädt uns hier zunächst ein, Gott für alle seine Gaben zu danken. Wir loben Gott für die Schönheit des Kosmos und der Erde, des wunderbaren »Gartens«, den er dem Menschen anvertraut hat, damit er ihn bebaue und hüte (vgl. Gen2, 15). Es ist gut, wenn die Menschen sich daran erinnern, daß sie sich in einem von Gott für sie geschaffenen »Gartenstück« des Weltalls befinden. Es ist wichtig, daß sie sich dessen bewußt sind, daß weder sie noch die Dinge, um die sie sich so sehr mühen, das »Ganze« sind. Nur Gott ist »das Ganze«, und am Ende muß jeder vor ihn hintreten und Rechenschaft ablegen.

Wir loben Gott, den Schöpfer und Herrscher über das All, für das Geschenk des Lebens und besonders das des menschlichenLebens, das einem geheimnisvollen Plan seiner Güte entsprechend auf der Erde entstanden ist. Das Leben in all seinen Formen ist in ganz besonderer Weise der Verantwortung der Menschen anvertraut.

Jeden Tag stellen wir mit neuem Staunen die große Verschiedenheit fest, in der das menschliche Leben sich kundtut, angefangen von der weiblichen und männlichen Polarität bis hin zu einer Vielfalt von charakteristischen Gaben, die den einzelnen Kulturen und Traditionen eigen sind, die einen mannigfaltigen und vielfältigen Kosmos im Hinblick auf Sprache, Kultur und Kunst bilden. DieseVielfältigkeit ist dazu berufen, sich zur Bereicherung und Freude aller durch die Gegenüberstellung und den Dialog zu ergänzen.

Gott selbst hat dem Menschenherzen den instinktiven Antrieb, in Frieden und Harmonie zu leben, eingepflanzt. Dieser Wunsch sitzt tiefer und fester als irgendein Antrieb zu Gewalt. Und diesen Wunsch wollen wir hier in Assisi bekräftigen. Wir tun es in dem Bewußtsein, dem tiefsten Gefühl jedes Menschen Ausdruck zu verleihen.

Im Lauf der Geschichte gab und gibt es Männer und Frauen, die sich gerade aufgrund ihres Glaubens als Zeugen des Friedensauszeichneten. Durch ihr Beispiel lehren sie uns, daß es möglich ist, zwischen den einzelnen und zwischen den Völkern Brücken zu bauen, um einander zu begegnen und zusammen den Weg des Friedens zu gehen. Wir wollen auf sie schauen und uns von ihnen inspirieren lassen für unseren Einsatz im Dienst an der Menschheit. Sie ermutigen uns in der Hoffnung, daß es auch in dem soeben begonnenen neuen Jahrtausend nicht an Männern und Frauen des Friedens fehlen wird, die imstande sind, das Licht der Liebe und der Hoffnung in die Welt auszustrahlen.

3. Der Friede! Die Menschheit braucht immer den Frieden, aber heute braucht sie ihn mehr denn je, das heißt nach den tragischen Ereignissen, die ihr Vertrauen erschüttert haben und die Welt durch die fortdauernden Brandherde und leidvollen Konflikte in Angst versetzen. In der Botschaft vom 1. Januar des Jahres habe ich besonders zwei »Stützpfeiler« hervorgehoben, auf denen der Frieden gründet:den Einsatz für die Gerechtigkeit und die Bereitschaft zur Vergebung.

An erster Stelle die Gerechtigkeit, denn es gibt keinen wahren Frieden ohne die Achtung der Würde der Personen und der Völker, der Rechte und der Pflichten eines jeden und der gleichen Verteilung von Wohltaten und Lasten zwischen den einzelnen und der Gesamtheit. Nicht zu vergessen ist, daß den Akten von Gewalt und Terrorismus oft Situationen von Unterdrückung und Ausgrenzung zugrunde liegen. Und dann auch die Vergebung, weil die menschliche Gerechtigkeit der Brüchigkeit und den Grenzen der Egoismen von Einzelpersonen und Gruppen ausgesetzt ist. Nur die Vergebung heilt die Wunden der Herzen und stellt die gestörten menschlichen Beziehungen im Innern wieder her.

Erforderlich sind Demut und Starkmut, um in dieser Richtung fortzuschreiten. Der Kontext der heutigen Begegnung, das heißt des Dialogs mit Gott, bietet uns die Gelegenheit, zu bekräftigen, daß wir in Gott die herausragende Vereinigung der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit finden. Er ist sich selbst und dem Menschen in höchstem Maß treu, auch wenn sich der Mensch von Ihm entfernt.Die Religionen dienen deshalb dem Frieden. Sie und vor allem ihre Führer haben die Aufgabe, in den Menschen unserer Zeit ein neues Bewußtsein zu wecken hinsichtlich der Dringlichkeit, den Frieden aufzubauen.

4. Das haben die Teilnehmer der Interreligiösen Konferenz anerkannt, die im Oktober 1999 im Vatikan stattfand; sie bekräftigten, daß die religiösen Traditionen die notwendigen Fähigkeiten besitzen, um die Spaltungen zu überwinden und die gegenseitige Freundschaft und Achtung unter den Völkern zu fördern. Bei dieser Gelegenheit wurde auch anerkannt, daß die tragischen Konflikte oft aus der unrechten Verbindung der Religion mit nationalistischen, politischen, wirtschaftlichen oder anderen Interessen erwachsen. Wir, die hier versammelt sind, bekräftigen noch einmal, daß derjenige, der die Religion dazu benützt, um die Gewalt zu schüren, ihrem eigentlichen inneren Antrieb widerspricht.

Darum ist es Pflicht, daß die Personen und religiösen Gemeinschaften der Gewalt, jeder Form von Gewalt, eine ganz klare und radikale Absage erteilen, angefangen von der Gewalt, die den Anspruch erhebt, sich als Religiosität zu bemänteln, indem sie sogar den heiligen Namen Gottes anruft, um den Menschen zu beleidigen. Die Beleidigung des Menschen ist letztlich eine Beleidigung Gottes. Niemals kann eine religiöse Zielsetzung die Gewaltanwendung des Menschen gegen den Menschen rechtfertigen.

5. Jetzt wende ich mich in besonderer Weise an euch Christen, Brüder und Schwestern. Unser Lehrer und Herr Jesus Christus beruft uns dazu, Apostel des Friedens zu sein. Er hat sich die goldene Weisheit der Alten zu eigen gemacht: »Alles was ihr von anderen erwartet, das tut auch ihnen!« (Mt 7, 12; vgl. Lk 6, 31), und das Gebot Gottes an Mose: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (vgl. Lev 19, 18; Mt 22, 39 und Parallelstellen), indem er sie in dem neuen Gebot zur Vollendung führte: »Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben« (Joh 13, 34).

Durch den Tod auf Golgota hat er in sein Fleisch die Wundmale des göttlichen Leidens für die Menschheit eingedrückt. Als Zeuge des Liebesplans des himmlischen Vaters ist er »unser Friede. Er vereinigte die beiden Teile und riß durch sein Sterben die trennende Wand der Feindschaft nieder« (Eph 2, 14).

Mit Franziskus, dem Heiligen, der die milde Luft dieser hügeligen Landschaft geatmet und dieses Gebiet durchquert hat, schauen wir auf das Geheimnis des Kreuzes, den Baum der Erlösung, der vom heilbringenden Blut Christi getränkt ist. Das Geheimnis des Kreuzes war kennzeichnend für das Leben des »Poverello«, der hl. Klara und so vieler anderer Heiligen und christlicher Märtyrer. Ihr Geheimnis war genau dieses Zeichen des Sieges der Liebe über den Haß, der Vergebung über die Rache, des Guten über das Böse. In ihren Fußstapfen sollen wir fortschreiten, damit der Friede Christi zum brennenden Wunsch für das Leben der Welt werde.

6. Wenn der Friede ein Geschenk Gottes ist und in ihm seinen Ursprung hat, wo könnten wir ihn suchen, und wie könnten wir ihn bauen, wenn nicht in einer engen und tiefen Beziehung zu Ihm? Den Frieden in der Ordnung, Gerechtigkeit und Freiheit aufzubauen, erfordert deshalb an erster Stelle das Bemühen des Gebets, das Offenheit, Hören, Dialog und zuletzt Vereinigung mit Gott ist, dem eigentlichen Ursprung des wahren Friedens.

Beten heißt nicht, vor der Geschichte und den Fragen, die sie aufwirft, zu fliehen. Im Gegenteil, es bedeutet die Entscheidung, die Wirklichkeit nicht allein, sondern mit der Kraft, die von oben kommt, mit der Kraft der Wahrheit und der Liebe, anzugehen, deren ursprüngliche Quelle in Gott ist. Der religiöse Mensch weiß, daß er angesichts der Nachstellungen des Bösen auf Gott, den absoluten Willen zum Guten, zählen kann; er weiß, daß er Ihn um den Starkmut bitten kann, die Schwierigkeiten zu überwinden, auch die härtesten, mit persönlicher Verantwortlichkeit und ohne in Fatalismus oder impulsive Reaktionen zu fallen.

7. Brüder und Schwestern, die ihr aus so vielen Teilen der Welt hierhergekommen seid! In Kürze begeben wir uns an die vorbereiteten Plätze, um von Gott das Geschenk des Friedens für die ganze Menschheit zu erflehen. Bitten wir, daß es uns gegeben sei, den Weg des Friedens, der rechten Beziehungen zu Gott und zwischen uns zu erkennen. Bitten wir Gott, unsere Herzen zu öffnen für die Wahrheit über Ihn und über den Menschen. Das Ziel ist eines, und das Anliegen ist das gleiche, aber wir werden in unterschiedlichen Formen beten und die religiösen Traditionen der anderen achten. Auch das ist im Grunde genommen eine Botschaft: Wir wollen der Welt zeigen, daß der aufrichtige Gebetsimpuls nicht zur Gegenüberstellung und noch weniger zur Verachtung des andern antreibt, sondern zum konstruktiven Dialog, in dem jeder, ohne in irgendeiner Weise dem Relativismus oder Synkretismus nachzugeben, sich noch stärker der Pflicht der Zeugenschaft und Verkündigung bewußt wird.

Es ist Zeit, diese Versuchungen zur Anfeindung, an denen es auch in der Religionsgeschichte der Menschheit nicht gefehlt hat, entschlossen zu überwinden. Wenn sie sich auf die Religion berufen, zeigen sie in Wirklichkeit eine sehr unreife Seite von ihr. Denn das ehrliche religiöse Empfinden leitet dazu an, in irgendeiner Weise das Geheimnis Gottes zu spüren, jenes Ursprungs der Güte, und das ist eine Quelle der Achtung und des Verstehens zwischen den Völkern: genau darin liegt das wichtigste Gegenmittel gegen Gewalt und Konflikte (vgl. Botschaft, Nr. 14).

Und Assisi wird heute wie am 27. Oktober 1986 wieder das »Herz« einer zahllosen Schar, die um den Frieden bittet. Mit uns vereinigen sich viele Menschen, die seit gestern bis heute abend in Gotteshäusern, zu Hause, in den Gemeinschaften, in der ganzen Welt für den Frieden beten. Es sind alte Menschen, Kinder, Erwachsene und Jugendliche: ein Volk, das nicht müde wird, an die Kraft des Gebets zu glauben, um den Frieden zu erlangen.

Der Friede soll vor allem in den Herzen der jungen Generationen wohnen. Jugend des dritten Jahrtausends, junge Christen, Jugend aller Religionen, ich bitte euch, wie Franz von Assisi fügsame und mutige »Wächter« des wahren Friedens zu sein, der auf der Gerechtigkeit und Vergebung, auf der Wahrheit und Barmherzigkeit gründet!

Schreitet der Zukunft entgegen, und haltet die Fackel des Friedens hoch. Die Welt verlangt nach diesem Licht!

© Copyright 2002 – Libreria Editrice Vaticana

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Quelle


GEBETSTAG FÜR DEN WELTFRIEDEN

STELLUNGNAHMEN DER VERTRETER DER RELIGIONEN
BEIM GEBETSTREFFEN IN ASSISI

Donnerstag, 24. Januar 2002

 

Beiträge:


Ökumenischer Patriarch Bartholomaios I.

»Der wahre Friede kommt von Gott« (vgl. hl. Johannes Chrysostomus, PG 61, 14).

Der Friede Gottes und der Friede auf Erden stehen in einem Mutter-Tochter-Verhältnis zueinander.

Unser Herr Jesus Christus, den der Prophet Jesaja als »Fürst des Friedens« bezeichnet (vgl.Jes 9, 6),  machte zwar einen Unterschied zwischen dem Frieden Gottes und dem Frieden auf Erden (vgl. Joh 14, 27), aber er nannte auch all jene selig, die Frieden stiften, und versprach ihnen, daß sie »Söhne Gottes genannt werden« (Mt 5, 9).

Der Friede Gottes wird all denen angeboten, die durch Jesus Christus mit Gott versöhnt sind und durch Liebe, Tugend, vollkommenen Glauben und Vertrauen zu ihm ihre Gemeinschaft mit ihm auch tatsächlich unter Beweis stellen.

Der Friede Gottes ist der vollkommenste Segen und stellt die zuverlässige Führung des Menschen dar (vgl. Basilius d. Gr., PG 30, 305). Als solcher übersteigt er alles Verstehen (vgl. Phil 4, 7) und hat kein Ende (vgl. Jes 9, 7). »Er erstreckt sich auf jedes Jahrhundert, denn er ist unbegrenzt und unendlich« (vgl. Basilius d. Gr., PG 30, 513). Einen solchen Frieden kann es nicht geben, »wenn man nicht zuerst die Tugend erreicht hat« (vgl. hl. Johannes Chrysostomus, PG 62, 73), denn er ist eine Frucht der Gnade. Diese wirkt in jenen, die von bösen Absichten und innerem Zwist frei sind. Die bösen Leidenschaften verursachen innere Unruhe, und wenn sie den Willen dazu veranlassen, sie in die Tat umzusetzen, führen sie zum äußeren Krieg (vgl. Jak 4, 1).

Um also Frieden in der Welt zu haben, muß man im Frieden mit Gott und demzufolge mit sich selbst und untereinander sein. Das Wort Christi an die Stadt Jerusalem: »Wenn doch auch du an diesem Tag erkannt hättest, was dir Frieden bringt« (Lk 19, 42), ist heute gleichermaßen an die ganze Welt gerichtet. Wir haben die Pflicht, vor allem jetzt, nach der Ermordung so vieler Opfer und nach furchtbaren Massakern, uns in erster Linie die spirituellen, aber auch die wirtschaftlichen und die anderen Voraussetzungen des Friedens auf Erden bewußt zu machen. Diese Voraussetzungen sind: Gerechtigkeit; Achtung des heiligen Charakters der menschlichen Person unseres Nächsten, seiner Freiheit und Würde; Versöhnung;wohlwollende und selbstlose Einstellung gegenüber den Mitmenschen und gegenüber dem von Gott gewollten tugendhaften Leben, in dem auch die Gerechtigkeit enthalten ist;eine gerechte Beteiligung aller Menschen an den Gütern der Erde, an Wissenschaft und Technologie. Damit sich die von Christus vorhergesehene und in damaliger Zeit geschehene Zerstörung einer einzigen Stadt nicht in weltumspannenden Ausmaßen für unsere Generationen wiederholt, müssen wir Reue zeigen, zu Gott zurückkehren und seinen heiligen Willen erkennen und erfüllen. Dann wird Gott, der nicht ein Gott des Krieges und Kampfes, sondern ein Gott des Friedens ist, unser Gebet erhören und uns selbst sowie der ganzen Welt auch den Frieden auf Erden geben. Wenn wir hingegen in den sündigen und bösen Leidenschaften, in habgierigen, eigennützigen und selbstsüchtigen persönlichen Bestrebungen beharren, werden die Stimmen des Krieges lauter werden, und Unheil wird die Erde und die Menschheit treffen.

Der Herr des Friedens gewähre uns seinen Frieden. Amen.

Erzbischof von Canterbury, George Carey

(Vorgelesen von Bischof Richard Garrard.)

Mit großer Freude begrüße ich die führenden Repräsentanten der Glaubensgemeinschaften, die sich auf Einladung Seiner Heiligkeit Papst Johannes Paul II. in Assisi versammelt haben. Es tut mir sehr leid, daß ich nicht persönlich bei euch sein kann, besonders weil die Verantwortlichen der Religionen in unserer zunehmend unsicheren und gefährlichen Welt einen wichtigen Beitrag zum Frieden und zur Versöhnung leisten können.

In den vergangenen Monaten haben wir aufs neue erkannt, wie sehr wir einander brauchen. Wir haben Gewalt, Krieg und Haß erlebt und haben gesehen, wie die Fehler einer Generation von den Kindern und Kindeskindern wiederholt werden können. Wir benötigen die Gnade Gottes, um unsere Hände in übermenschlicher Großherzigkeit auszustrecken und um uns selbst sowie unsere Nächsten von den Fesseln der Vergangenheit zu befreien.

Das ist weder ein rascher noch ein schmerzloser Weg. Wo Menschen Feindschaft und Mißtrauen gelernt haben, braucht es lange, um Freundschaft und Vertrauen aufzubauen. Jesus Christus, der inspirierende Führer aller Christen, hat uns gelehrt, daß die Trauernden selig sind, weil sie getröstet werden. Er lehrte, daß die Barmherzigen selig sind, weil sie Erbarmen finden werden, und daß die Friedensstifter selig sind, weil sie Söhne Gottes genannt werden. Wir sind aufgerufen, voller Hoffnung zu bleiben und nicht den Mut zu verlieren.

Die religiösen Organisationen und wir als religiöse Verantwortungsträger sind mit einem sehr heiklen und schwierigen Auftrag betraut. Trotz unserer Unvollkommenheit sind wir Zeugen der Güte Gottes. Wir versuchen, Worte der Wahrheit, der Liebe und der Vergebung zu sprechen und dabei am Guten festzuhalten. Wir sind uns dessen bewußt, daß unsere Traditionen mißbraucht werden können, um die Menschen zu entzweien, anstatt sie zu vereinen. Manchmal haben wir uns eher über die trennenden als über die gemeinsamen Elemente festgelegt.

Wir geben zu, daß wir einander mißverstanden und verletzt haben; deshalb müssen wir den Frieden auf unserem inneren Bedürfnis aufbauen, die Vergebung anzunehmen und anzubieten.

Unsere Bemühungen müssen allerdings realistisch, im Gebet verwurzelt und prophetisch sein. Wir können nicht den Gefangenen die Freiheit verkünden, ohne auch diejenigen freizulassen, die durch erdrückende Schulden in Armutssituationen geraten. Wenn wir einträchtig mit unseren Nächsten zusammenleben wollen, bedeutet dies, daß wir den Hungrigen zu essen geben und die Kranken medizinisch betreuen müssen. Wenn wir uns als Mitglieder einer einzigen Menschenfamilie betrachten, müssen wir die guten Dinge, die manche von uns besitzen, mit den vielen Menschen, die all dies nicht besitzen, teilen.

Wir müssen dies auf eine Art und Weise tun, die für alle Menschen ehrenhaft ist, ihre Menschenwürde achtet und sie in die Lage versetzt, sich am wirtschaftlichen und politischen Leben der Welt zu beteiligen.

Brüder und Schwestern, auch wenn ich nicht persönlich bei euch bin, wird euer Treffen sehr stark in meinen Gedanken und Gebeten präsent sein. Dieser Tag ist eine neue Etappe unserer Reise, ein Zeichen unserer Verpflichtung untereinander und gegenüber Gott, der uns gemeinsam nach vorn führt.

Dr. Ishmael Noko (Lutherischer Weltbund)

Heute ist ein Tag, an dem wir uns mit unseren Bitten für die Zukunft der Welt an Gott, unseren mächtigen göttlichen Lebensquell mit vielen Namen, wenden. Er bietet die Gelegenheit, darüber nachzudenken, was religiöser Glaube in einer Welt der Gewalt bedeutet. Folgende Frage stellt sich uns: Wem gilt unsere letztendliche Treue? Wie können wir zuerst und vor allem Zeugnis geben für einen Gott, der die ganze Welt liebt, und nicht für einen, der an bestimmte nationale, kulturelle oder politische Treueversprechen gebunden ist?

Der interreligiöse Dialog und die Beziehungen zwischen Menschen unterschiedlichen Glaubens sind schon an sich Ausdruck eines wahren Glaubens an Gott. Sie bauen Brücken des gegenseitigen Vertrauens und der Achtung und reißen die Mauern der Feindseligkeit nieder. Die interreligiösen Beziehungen können nicht von ihren möglichen sozialen und politischen Auswirkungen getrennt werden. Durch Dialog, Selbsterforschung, Gebet und Betrachtung können wir die Situationen der Verzweiflung in vielen Teilen der Welt, die zur Anfachung von Haß und Gewalt beitragen, besser verstehen und fähig werden, eine Antwort auf sie zu geben. Ich bete dafür, daß wir durch diese Mittel die richtigen Wege finden zur Bekämpfung der Armut, der wirtschaftlichen Ungleichheiten, der Verletzungen der Menschenrechte, der Strukturen des Machtmißbrauchs und anderer schwerwiegender Ungerechtigkeiten, die eine solche Verzweiflung noch verstärken.

In einer Welt, die erschüttert wurde von der Schärfe der von religiösem Fundamentalismus angefachten Haßgefühle, wurde dem Dialog zwischen den Religionen neue Aufmerksamkeit und Priorität eingeräumt. Das höchste Ziel dieses Dialogs – sowie des Gebets und der Überlegungen, die wir nun anstrengen werden – besteht im Hören auf das, was Gott uns durch unsere verschiedenen Traditionen sagen möchte. Auf diese Weise können wir die Gnade und den Willen Gottes erkennen und jenen Einstellungen eine Absage erteilen, die religiös motivierte Konflikte legitimieren.

Die Vereinten Nationen, denen verdientermaßen im vergangenen Jahr der Friedensnobelpreis zuerkannt worden ist, müssen sich in Zukunft noch weiter in die schon zu Beginn anvisierte Struktur hineinentwickeln, damit sie die Freundschaft unter allen Nationen immer besser fördern können. Sie sollen sich dazu verpflichten und mit Entschlossenheit dafür einsetzen, Maßnahmen im Hinblick auf die internationale Gerechtigkeit, den Frieden und die Unversehrtheit der Schöpfung Gottes zu ergreifen. Die Rolle der Diplomatie muß gestärkt werden, um die dem Terrorismus und der Gewalt zugrundeliegenden Ursachen direkt angehen zu können. Die Zielsetzung diplomatischer Beziehungen ist in der gegenwärtigen Situation von größerer Bedeutung als die Schaffung eines Bündnisses für militärische Aktionen. Die Diplomatie muß wesentlich zur Berichtigung und Heilung vergangener Ungerechtigkeit sowie zum Aufbau gemeinsamer Visionen für eine bessere Zukunft beitragen.

Auf den Politikern der ganzen Welt lastet derzeit eine schwere Verantwortung. Gleiches gilt für die Religionsgemeinschaften, die Finanzwelt, die Bereiche von Wissenschaft und Erziehung, die Einrichtungen und Organisationen des Informationssektors und die Unterhaltungsbranche. Die globalisierte Welt darf nicht ein Schauplatz brutaler Auseinandersetzungen sein, sondern sie muß ein Ort der Suche nach einer gemeinsamen Zukunft der Menschheit werden.

Zu diesem kritischen Zeitpunkt werden die Kirchen des Lutherischen Weltbundes versuchen, ihre Aufgabe als Partner für die Brüderlichkeit unter den Menschen und Gerechtigkeit in den verschiedenen Bereichen zu erfüllen; besonders durch Dialog und gemeinsame Initiativen mit den Mitgliedern anderer Glaubensgemeinschaften.

Mögen wir alle – durch unseren Gottesdienst und unser Gebet –Werkzeuge sein, durch die Gott für die Heilung der Welt wirken kann.  

Dr. Setri Nyomi (Weltbund der Reformierten Kirchen)

Der barmherzige Samariter.
Und wer ist mein Nächster?

Als Kirchen der reformierten Tradition können wir nicht umhin, eine solche Stunde des Zeugnisses mit dem Wort Gottes zu beginnen. Bei der vertrauten Geschichte des barmherzigen Samariters wurde immer die Betonung auf den unerwarteten Helfer gelegt, der sich als Nächster verhielt – oft ohne eine tiefere Erforschung der religiösen und kulturellen Unterschiede, die zwischen demjenigen, der hilft, und demjenigen, dem geholfen wird, bestehen. Es ist interessant, daß unser Herr Jesus diese Geschichte zur Antwort gab, als man ihm eine Frage über die Voraussetzungen für das Heil stellte; in ihr finden sich Worte der Liebe, Achtung, Sorge und Anteilnahme gegenüber den Menschen, die vielleicht einer ganz anderen Kultur oder Religion angehören – anstatt achtlos an ihnen vorüberzugehen, sie zu ignorieren oder gar als Feinde zu behandeln.

Solche Erzählungen zeigen uns die Grundlage für unseren Auftrag zum Aufbau einer Kultur des Friedens in unserer heutigen Welt auf. Leider haben wir gegenwärtig eine Welt geerbt, in der Menschen mit andersartigen (oftmals politischen oder wirtschaftlichen) Intentionen die Religionen als Werkzeuge zu ihren eigenen Kriegen verwenden und auf diese Weise die Welt in einen Zustand der Friedlosigkeit stürzen. Wenn wir die Geschichte des barmherzigen Samariters nur noch einmal hören könnten!

In dieser Stunde des Zeugnisgebens sind wir nicht hier, um zu klagen. Wir sind vor allem hier, um die positiven Beispiele der Nächstenliebe zu preisen. Dankbar erinnern wir uns an die Erfahrung des Christlichen Rates von Liberia und des Obersten Islamischen Rates in Liberia, die sich zusammengetan haben, um das Interreligiöse Komitee zu bilden. Dies war der Ausgangspunkt des Weges zum Frieden in Liberia. Ja, der Friede ist in Liberia noch nicht vollständig zur Wirklichkeit geworden, aber der Beschluß dieser beiden Gemeinschaften zur Zusammenarbeit war ein wichtiger Meilenstein, und diese Entscheidung führt Liberia weiter auf einen beständigeren Frieden zu. Ähnliches kann von Sierra Leone gesagt werden. Aus Indonesien erreichen uns Nachrichten über Gemeinschaften, in denen Christen und Muslims über Jahre friedlich zusammengelebt haben – bis in die jüngste Vergangenheit, als teilweise von außen gesteuerte Kräfte auf manchen Inseln damit begannen, Christen und Muslims gegeneinander aufzubringen. In den vergangenen Monaten wurden wir jedoch auch darüber unterrichtet, daß es auf beiden Seiten dieser Gemeinschaften Menschen gibt, die sich zum Dialog zusammenfinden und sich gegen alle zerstörerischen Kräfte stellen wollen. Dies sind Zeichen der Hoffnung, die wir ermutigen und für die wir beten müssen.

Unsere Aufgabe ist, dafür zu beten, daß diese Saat des Friedens weiter aufkeimt. Wir brauchen mehr Samariter, die sich von ihrem Glauben anregen lassen und die nicht durch Religionsunterschiede dazu verleitet werden, die anderen zu ignorieren oder gar zu hassen. Wir sind Mitglieder derselben Gemeinschaften auf derselben Erde. Wenn wir uns für den Aufbau des Friedens in unseren eigenen Gemeinschaften einsetzen, so ist dies keine Unredlichkeit gegenüber unseren Religionen und kein Widerspruch zum Geist unserer Religion. Dieser Einsatz ist Teil unserer Berufung.

Laßt uns alle daher immer mehr zur Einheit finden und für den Frieden beten.

Geshe Tashi Tsering (Buddhismus)

Möge ich doch in jedem Augenblick, jetzt und allezeit, zu einem Beschützer der Schutzlosen werden, zu einem Führer für diejenigen, die vom Weg abgekommen sind, zu einem Schiff für alle, die Ozeane überqueren müssen, zu einer Brücke für diejenigen, die Flüsse durchqueren möchten, zu einem Schutzraum für die Menschen in Gefahr, zu einer Lampe für die, die Licht brauchen, zu einer Zuflucht für die Menschen, die eine Herberge suchen, und zu einem Diener aller Bedürftigen.

So lange der Weltraum besteht, so lange es empfindungsfähige Wesen gibt, so lange möge auch ich bleiben und das Elend der Welt vertreiben. (Ein Leitfaden zur Lebensform des Bodhisattva, Shantideva).

Chef Amadou Gasseto (Afrikanische Naturreligionen)

Die Initiative von Papst Johannes Paul II. zugunsten des Friedens hat in mir große Freude und Hoffnung für die Zukunft unserer oft von Gewalt und Kriegen zerrissenen Welt geweckt. Die an mich ergangene Einladung zur Teilnahme am Friedensgebet in Assisi ehrt mich sehr, und sie ehrt auch alle gläubigen Anhänger des Vodun Avélélékété, dessen Hoherpriester ich bin. Durch die Annahme der Einladung zu diesem Gebet verpflichte ich mich, bei meinen Gläubigen einen Geist und ein Verhalten des Friedens zu fördern, die sich positiv auf die Gesellschaft in Benin auswirken können.

Zunächst erkenne ich aber, daß der Friede ein Geschenk ist, das Gott den Menschen macht. Dennoch ist dieses Geschenk der Verantwortung des Menschen anheimgestellt, der von seinem Schöpfer dazu aufgerufen ist, den Frieden in dieser Welt aufzubauen. Es handelt sich dabei um eine universale Verantwortung, die die gesamte Schöpfung betrifft.

Für mich als Verantwortlichen der Naturreligion Vodun ist der Friede nicht möglich, solange Risse, Spaltungen und Feindschaften zwischen den Menschen bestehen. Wir müssen damit beginnen, uns selbst zu beherrschen, um nicht Worte zu gebrauchen, die Gefühle der Gegensätzlichkeit, Ausgrenzung und Gewalt hervorrufen. Wir müssen die Verantwortung übernehmen für den Geist, der unsere Worte prägt. Es sollte ein Geist sein, der Eintracht, Gemeinsamkeit und Brüderlichkeit schafft. Dann wird der Friede einen guten Nährboden finden, um sich unter den Menschen auszubreiten.

Von einer Sache bin ich überzeugt: Der Friede in der Welt hängt vom Frieden zwischen den einzelnen Menschen ab. Die Verantwortlichkeit des Menschen in der Welt hat einen Einfluß nicht nur auf die Gesellschaft, sondern auf die ganze Schöpfung. Wenn es keinen Frieden zwischen den Menschen gibt, gibt es auch keinen Frieden zwischen der übrigen Schöpfung und dem Menschen. Die Jahreszeiten werden durcheinandergebracht, und der Boden bringt keine Früchte mehr hervor, die die Menschen ernähren können. Wenn aber in einer Nation die Menschen auf den Frieden hinarbeiten, wird ihre Erde fruchtbar, und die Herden vervielfachen sich zum größeren Wohl des Menschen. Dies ist ein vom Schöpfer gegebenes Naturgesetz, denn er hat das Schicksal der Schöpfung an das Verantwortungsgefühl des Menschen gebunden.

Deshalb ist es gut, die Menschen jedes Jahr aufzufordern, ihr Herz zu bekehren und Haß, Gewalt und Ungerechtigkeit zurückzuweisen. Die Verantwortlichen der Religionen in der Welt dürfen diese Praxis weder vergessen noch vernachlässigen. Es handelt sich darum, das Böse wiedergutzumachen, das durch die Verantwortungslosigkeit des Menschen der Schöpfung zugefügt wurde, die Schutzgeister der Gegenden, die von menschlicher Gewalt und Bösem getroffen wurden, um Vergebung zu bitten, Opfer zur Wiedergutmachung und Läuterung zu bringen und auf diese Weise den Frieden wiederherzustellen. Ich erkläre, daß diese Läuterung der Natur von grundlegender Wichtigkeit ist, um den Frieden zwischen den Menschen und der übrigen Schöpfung wiederherzustellen. Vormals, zur Zeit der Könige, hielt sich Benin ganz streng an diese Praxis, und das Land erfreute sich einer Zeit des Friedens und der Wohltaten der Natur. Die heutigen Verantwortlichen müssen sich darum kümmern. Und wir wollen sie nach unserer Rückkehr aus Assisi daran erinnern; hierdurch soll all das, was wir gemeinsam auf Weltebene in Italien erlebt haben, auch auf nationaler Ebene in Benin verwirklicht werden.

Auch möchte ich auf einen weiteren wesentlichen Aspekt hinweisen: die Achtung der »Manen« unserer Vorfahren. Wir müssen daran denken, daß die Vorfahren, die uns in dieser Welt vorangegangen sind, in einer Beziehung des Respekts gegenüber Gott und der Natur lebten, um uns eine noch bewohnbare und dem Menschen wohltuende Welt zu hinterlassen. Die Welt, wie sie damals von ihnen gestaltet worden war, war nicht in all ihren Bestandteilen vollkommen, aber sie hatte den Vorteil, einen starken Zusammenhalt zwischen den Menschen und der Natur zu gewährleisten. Verbote schützten die Quellen, Wälder und Landschaften zur Erneuerung von Flora und Fauna. Verbote bestimmten die zwischenmenschlichen Beziehungen innerhalb der Familie und der Gesellschaft. Der Schutz des Ökosystems und eines allgemeinen Gleichgewichts in der Gesellschaft trug wirksam zur Wahrung dieses Zusammenhalts zwischen Natur und Menschen bei. Ohne ausreichende Achtung vor dieser von unseren Vorfahren ererbten Welt und ohne das ständige Bemühen, sie für die Menschen unserer Zeit zu verbessern, kann man nicht von Frieden sprechen.

Zu den sozialen Praktiken, die uns unsere Vorfahren im afrikanischen Land Benin hinterlassen haben, gehört auch die Kunst der mündlichen Verhandlungen, des »Palavers«, zur Lösung von zwischenmenschlichen und sozialen Konflikten. Dort lernt man die Kunst, den Gegner zu respektieren, seine Verschiedenheit zu tolerieren und die Überzeugungen der anderen zu verstehen. Diese Praxis sollte auch die verschiedenen Verantwortungsträger für den Frieden in der Welt anspornen, daß sie die Gegner wieder zum Dialog zurückführen, denn nur der Dialog kann es ermöglichen, den Frieden in den Herzen und Nationen wiederherzustellen. Nichts ist so wertvoll wie ein Dialog, der es ermöglicht, in gegenseitigem Einvernehmen auseinanderzugehen. Dann geht man von Haß zu beiderseitiger Achtung über. Diese wichtige Rolle des »Palavers« muß auch in den internationalen Einrichtungen, die über den Frieden zwischen den Nationen und – innerhalb der Nationen – zwischen den Einzelpersonen entscheiden, bewahrt werden. Das »Palaver« muß heute dazu beitragen, daß wir in die Lage versetzt werden, unsere gegenwärtige Welt zu verwalten mit all ihren Schwierigkeiten, die immer im Verantwortungsbereich der Menschen liegen.

In dem, was ihr gerade vorgelesen habt, habe ich meine religiösen Überzeugungen über das Engagement zugunsten des Friedens in meinem Land und in der Welt dargelegt. Ich kann hier nicht schließen, ohne nachdrücklich zu betonen, daß Gerechtigkeit und brüderliche Liebe die beiden unumstößlichen Stützpfeiler des echten Friedens unter den Menschen sind. Italien, wohin ich mich für dieses spirituelle Treffen von Assisi begeben habe, ist ein Land bedeutender religiöser Traditionen. Wir, die Verantwortlichen der Religionen, müssen in unseren Ländern auf die Achtung der anderen Nationen und auf die Solidarität zwischen den Völkern hinarbeiten. Das Problem der Entwicklung der armen Länder, darunter auch des meinigen, stellt ohne Zweifel die größte Bedrohung für den Frieden in der Welt dar. Die Solidarität zwischen den Völkern muß zu einem gerechteren Teilen der Reichtümer der Erde führen. Die hochentwickelten Länder müssen die weniger entwickelten Länder in ihren Bemühungen um den Fortschritt unterstützen. Der internationale Handel darf nicht nur diejenigen begünstigen, die über eine starke Wirtschaft verfügen, sondern muß auch die tatsächlichen Anstrengungen jedes Volkes hinsichtlich Arbeit und Produktion respektieren. Das 21. Jahrhundert, in das wir nun eingetreten sind, muß ein Jahrhundert des Aufbaus einer gerechteren und brüderlicheren Welt werden. Die Werte, die wir als religiöse Leiter fördern müssen, sind die der Liebe und des Miteinanders – in einer Welt, in der wir in Wirklichkeit alle Geschwister sind. Wenn wir uns dafür einsetzen, werden wir den Frieden in unserer Welt schaffen. Gott segne das Treffen von Assisi, und gewähre unserer Welt den Frieden.

 Didi Talwalkar (Hinduismus)

Zunächst möchte ich dem Päpstlichen Rat für den Interreligiösen Dialog danken für seine Einladung, meine Überlegungen über den Weltfrieden den hier Anwesenden mitzuteilen. Durch die Gegenwart Seiner Heiligkeit Papst Johannes Paul II. fühle ich mich wirklich geehrt und gesegnet.

Der Hinduismus ist für mich ein tiefer Quell der Inspiration. Ich kann aber lediglich von mir behaupten, nichts als die Schülerin einer Tradition zu sein, die schon mehrere Jahrtausende zurückreicht. Ich hoffe daher auf die Nachsicht Seiner Heiligkeit und der anderen verehrten Brüder und Schwestern, die hier versammelt sind.

Die mit dem Begriff Frieden verbundenen Vorstellungen sind vielfältiger Natur. Für die meisten weltlichen Denker ist Friede das Fehlen von Gewalt und die gewaltlose Lösung von Konflikten. Dies scheint jedoch eine sehr eingeschränkte Auffassung vom Frieden zu sein. Natürlich ist das Nichtvorhandensein von Gewalt durchaus willkommen und wünschenswert. Verschiedene Institutionen auf allen Ebenen – politische Organisationen, vielfältige Gruppierungen im Bereich der Religion und der bürgerlichen Gesellschaft usw. – leisteten und leisten lobenswerte Arbeit zur friedlichen Konfliktbeilegung innerhalb und zwischen verschiedenen Gemeinschaften. Immer wieder jedoch gerät dieser Friede aus dem Gefüge, und bisher war es nicht möglich, eine dauerhafte Grundlage für den Frieden zu finden. Für mich ist der Friede die Aufrechterhaltung von Gleichgewicht und Harmonie nach innen und nach außen. In dem Maße, wie es uns nicht gelingt, diese Art des Einvernehmens zu erreichen, werden wir weiterhin Intoleranz, Elend, Ausbeutung, Zwietracht und Ungerechtigkeit erleben.

Richtig verstanden ist die Religion die treibende Kraft, die Eintracht und Holismus zwischen der inneren und äußeren Welt wiederherstellen kann. Obwohl die Religionen für sich in Anspruch nehmen – was auch von ihnen erwartet wird –, die verbindende Kraft zu sein, gab es in der Geschichte wiederholte Fälle, wo selbsternannte Retter der Religion die Religion selbst in den Dienst der Macht und entzweiender Kräfte gestellt haben.

Wir haben gesehen, wie oft man versucht, die religiöse Orientierung der Menschen zu verdrehen. Die wahre Botschaft der Religion ist nicht Bigotterie; sie darf dies nicht sein.

Ich komme aus einer Kultur, in der die »Religion« am ehesten unserem »dharma« entspricht. Es handelt sich um eine universale Tradition, die Bezug nimmt auf eine sittliche Ordnung zur Bestimmung der Beziehung zwischen dem »Ich« und dem »anderen« sowie der göttlichen Energie. Dieses gegenseitige Verhältnis beeinhaltet eine »Ordnung«, die es ermöglicht, das persönliche Bewußtsein von einer in sich selbst verschlossenen Existenz zu einer Beziehung mit dem Göttlichen zu erweitern.

Eine solche Vergöttlichung der Menschenwesen gibt uns eine Vorstellung vom Wert des Lebens. Nicht nur bin ich dem Wesen nach göttlich, sondern auch jeder andere Mensch ist in seinem Wesen genauso göttlich, und dies verbindet uns miteinander in der Vaterschaft Gottes (»vasudhaiva kutumbhakam«). Wenn wir das erkennen, werden unterschiedliche Zugehörigkeiten nicht mehr Ursache von Konflikten sein. Was der Päpstliche Rat heute vorschlägt, hat modellhaften Charakter für interreligiöse Beziehungen. Es ist eine Verpflichtung, die einen Dialog zwischen verschiedenen religiösen Traditionen im Hinblick auf die Entwicklung des Verständnisses eines spirituellen Humanismus eröffnen kann.

Für mich als Mitglied der Swadhyaya »parivar« (Familie), die inspiriert ist vom verehrten Pandurang Shastri Athawale, ist diese universale Brüderlichkeit etwas ganz Natürliches, weil er uns die Idee der Akzeptanz aller religiösen Traditionen gelehrt hat (»sarva dharma sweekaar«). Sie schließen sich nicht gegenseitig aus. Der Swadhyaya liegt die Auffassung zugrunde, daß Gott allen Menschen innewohnt und wir alle Kinder desselben Gottes sind. Durch eine tiefgehende Auseinandersetzung mit dem klassischen Erbe Indiens hat er versucht, die Barrieren zwischen den Menschen zu entfernen und die Idee der Religion von Dogmatismus, Engstirnigkeit und Zwängen zu befreien.

Für uns ist das Engagement im sozialen Bereich zur Wiederherstellung und Heilung der Gesellschaft nicht ein Akt sozialer Reformen, sondern eine Möglichkeit, dem Höchsten Wesen unsere Dankbarkeit zu zeigen. Wir nennen dies »bhakti«, also Hingabe an Gott. Wir bezeichnen dies als soziale Kraft, denn es erlaubt dem einzelnen, Kleinlichkeit, Zorn und Habgier (»kshudrata«, »krodh« und »lobha«)zu überwinden. Diese Entwicklung des Menschen hilft ihm, seine alltäglichen Verrichtungen in Kräfte der Befreiung von allen Arten der Unterjochung zu verwandeln und über Schwierigkeiten, Komplexe und Gefühle der Isolation, Unsicherheit und Wertlosigkeit hinwegzukommen. Es ermöglicht uns den Übergang von einer einfachen Gewährleistung der Menschenrechte zur höheren Ebene einer Sicherung der Würde und Pflicht des Menschen.

Meine verehrten Brüder und Schwestern! Von einer höheren Perspektive aus als meiner eigenen Stellung im Leben wage ich – aus dieser erlauchten Versammlung und in der segensreichen Gegenwart Seiner Heiligkeit Papst Johannes Paul II. – an die Menschheit zu appellieren, sich über ihre Isolierung zu erheben, eine absolute, selbstlose und bedingungslose Liebe zu Gott und seiner Schöpfung zu entwickeln, um ständige Krisensituationen zu überwinden. Dies ist kein theoretisches Konstrukt. Wir haben im Kleinen gezeigt, daß die Erreichung einer sozialen Ordnung möglich ist. Lassen wir unsere innerlichen Ressourcen für die Sache des Friedens nicht ungenutzt. Unser Dialog, der die Einheit unterschiedlicher religiöser Tradition herausstellt, ist nicht einen Tag zu früh gekommen. Von hier können wir uns auf eine Koalition der Religionen der Welt zubewegen, zum Schutz einer gemeinsamen und von Gott gesegneten Zukunft.

Scheich Al-Azhar Mohammed Tantawi (Islam)

(vorgelesen von Dr. Ali Elsamman)  

Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen.

Zunächst möchte ich Seiner Heiligkeit Papst Johannes Paul II. danken, der heute die Vertreter der verschiedenen Religionen zusammengerufen hat, die alle erfüllt sind von dem gleichen innigen Wunsch, eine bessere Welt aufzubauen. Zu unserer Erleuchtung auf dem Weg zum Frieden bietet uns der muslimische Glaube einige Anhaltspunkte, die ich hier kurz erläutern möchte:

Erstens:

Allah erschuf die Menschheit, von einem Vater und einer Mutter ausgehend. In der Heiligen Schrift erklärt Allah: »O ihr Menschen, fürchtet euren Herrn, der euch erschaffen aus einem Wesen und aus ihm erschuf seine Gattin und aus ihnen viele Männer und Weiber entstehen ließ. Und fürchtet Allah, in dessen Namen ihr einander bittet, und eurer Mutter Schoß. Siehe, Allah wacht über euch« (Sure 4, Weiber, 1).

Zweitens:

Alle monotheistischen Religionen, die Gott seinen ehrwürdigen Propheten offenbarte, stimmen in zwei wesentlichen Punkten überein:

– in der hingebungsvollen Verehrung des Einen und Einzigen, wie Allah sagt: »Er hat euch den Glauben verordnet, den Er Noah vorschrieb, und was Wir (Mohammed) dir offenbarten und Abraham und Moses und Jesus vorschrieben: ›Haltet den Glauben und trennet euch nicht in ihm.‹ Groß ist für die Götzendiener das, wozu du sie einladest. Allah erwählt dazu, wen Er will, und leitet dazu, wer sich reuig bekehrt« (Sure 42, Die Beratung, 13);

– in der Achtung der Werte: Allah offenbarte die monotheistische Religion für die Glückseligkeit der Menschheit. Die Religionen verkündigen alle ethischen Werte wie Rechtschaffenheit, Gerechtigkeit, Frieden, Wohlstand, den Austausch aller von Allah gebilligten guten Taten sowie die Zusammenarbeit aller Völker zur Förderung von Güte und Barmherzigkeit, nicht aber von Beleidigung und Aggression.

Drittens:

Allah hat uns für dieses Leben erschaffen, damit wir uns gegenseitig kennenlernen, denn er sagt: »O ihr Menschen, siehe, Wir erschufen euch von einem Mann und einem Weib und machten euch zu Völkern und Stämmen, auf daß ihr einander kennet. Siehe, der am meisten Gelehrte von euch vor Allah ist der Gottesfürchtigste unter euch; siehe, Allah ist wissend und kundig« (Sure 49, Die Gemächer, 13).

Viertens:

Alle monotheistischen Religionen verkünden, daß der Mensch für Gesetz und Gerechtigkeit eintreten und den rechtmäßigen Anspruch des Eigentümers verteidigen muß. Gerne nimmt Al-Azhar al Sharif diese Gelegenheit wahr, um dem Vatikan seine Anerkennung auszudrücken und ihm für die lobenswerte Unterstützung des palästinensischen Volkes zu danken.

Fünftens:

In Ägypten haben Moslems und Christen vierzehn Jahrhunderte lang in brüderlicher Gemeinschaft unter dem gleichen Himmel, auf dem gleichen Boden, als Gleichberechtigte vor dem Gesetz und mit gleichen Verantwortungen gelebt. Wie der Heilige Koran sagt, möge jeder seine eigene Religion leben: »Es sei kein Zwang im Glauben. Klar ist nunmehr unterschieden das Rechte vom Irrtum; und wer den Tagut verleugnet und an Allah glaubt, der hält sich an der stärksten Handhabe, in der kein Spalt ist; und Allah ist hörend und wissend« (Sure 2, Die Kuh, 256).

* * *

An diesem Tag des gemeinsamen Gebets teilen Al-Azhar und seine Ulema [islamische Rechts- und Religionsgelehrte, Anm. d. Red.] in tiefer Überzeugung den Aufruf für den unmittelbar und untrennbar mit der Gerechtigkeit verbundenen Frieden.

Rabbi Israel Singer (Judentum)

Nur Sie konnten etwas derartiges ermöglichen. Johannes Paul II., nur Sie konnten dieses Ereignis verwirklichen; wir müssen Sie dabei unterstützen.

»Groß ist der Friede,
denn Friede lautet der Name Gottes.«

Die Geschichte beweist, daß, während die Verantwortlichen der Religionen in aller Welt vom Frieden sprechen und in unzähligen Predigten vom Frieden als dem eigentlichen Ziel der Religionen die Rede war, diese in Wirklichkeit dazu dienten, Tausende von entsetzlichen und blutigen Kriegen zu schüren. Alle, die sich mit Geschichte und Religion befassen, kennen die zahllosen Kriege, die die großen Religionen Europas und Asiens gegeneinander geführt haben, und die im Lauf der Geschichte zwischen den verschiedenen Sekten dieser Religionen ausgetragenen Kämpfe. Bis heute bekämpfen die Menschen einander in Nordirland, in Kaschmir und Pakistan sowie im Nahen Osten.

Wir alle erinnern uns deutlich an den 11. September des vergangenen Jahres, als Wahnsinnige im Namen der Religion mit drei Flugzeugen in beide Türme des World Trade Centers und in das Pentagon rasten. In wenigen Minuten töteten sie Tausende von Menschen und lösten den ersten internationalen Militärkonflikt des 21. Jahrhunderts aus.

Wir Juden betonen, daß das Konzept des Religionskriegs in unserer religiösen Tradition keine zentrale Rolle einnimmt. Dennoch machen wir uns nichts vor – in unserer zutiefst blutigen und tragischen Vergangenheit haben wir uns notwendigerweise gelegentlich verteidigen und unsere Feinde bekämpfen müssen. Doch im Kampf sahen wir unsere Heiligen Schriften nicht als Rechtfertigung für den Krieg, sondern als die religiöse Grundlage unserer Handlungen. An zahlreichen Stellen in der Bibel befiehlt Gott den Juden, den Feind im Notfall zu bekämpfen. Unsere Religion richtet sich nach dem Konzept »lo’ tehayyun kol neshamah«, demzufolge bestimmte Gruppen unerbittlich und erbarmungslos bekämpft werden müssen. Auch in dem immerwährenden Gebot »mah eni meheh et zakar ‘amalek« kommt dieses Thema deutlich zum Ausdruck, in jenem Befehl zum vernichtenden Krieg gegen das von Amalek verkörperte größte Übel – ein Kampf, in dem es keine Gefangenen geben darf, sondern alle getötet werden müssen.

Dennoch ist der militärische Kampf kein wesentlicher Aspekt des Judentums. Die jüdische Bibel, unser mündliches Gesetz, unser Talmud, unsere Midraschim und unser rabbinisches Schrifttum, sie alle betonen die hohe Bedeutung des Friedens – sowohl untereinander wie mit unseren Nachbarn. Wir Juden sind an eine Ideologie, eine Religion und Philosophie gebunden, die auf Konzepten wie Friede, Güte und Brüderlichkeit gründen, Auffassungen, die auch andere Weltreligionen teilen, insbesondere das Christentum, das zahlreiche Aspekte der jüdischen Religion übernommen und angepaßt hat. Ebenso wie das Neue Testament der Christen lehren auch unsere jüdischen Schriften, keinen Groll gegen diejenigen zu hegen, die uns verletzt haben, und stets nach Wegen der Versöhnung und brüderlicher Liebe zu suchen. Auch wenn wir ausgesandt werden, unsere Feinde zu bekämpfen, verlangt Gott von uns, sie zunächst zu unblutiger, friedlicher Übergabe zu bewegen. Erst dann, wenn dieses Angebot ausgeschlagen wird, dürfen wir unsere Waffen gegen sie erheben. Ferner haben uns die Propheten wiederholt mit einer Vision vom Ende der Zeiten konfrontiert, in der Schwerter in Pflugscharen verwandelt und alle Nationen in Frieden leben werden.

Krieg entspricht somit weder unserer Kultur noch unserer Aufgabe, weder unserer Sendung noch unserem Ziel als Juden, und letzten Endes ist er auch nicht die Aufgabe anderer Religionen in der Welt. Die im Namen der Religion geführten Friedensgespräche dürfen nicht eingestellt werden, denn sie gründen auf der Wirklichkeit all unserer religiösen Ideale und sind das von uns allen angestrebte höchste Ziel. Wir müssen jene Verzerrungen religiöser Lehren zurückweisen, von denen in der Vergangenheit Gebrauch gemacht worden ist, und wir dürfen nicht die Annahme unterstützen, Gewalttätigkeit gegenüber Mitgliedern anderer Religionen oder religiöser Gruppen sei religiös begründet.

Wir sollten daran erinnern, daß keine Religion zu wahllosem Töten auffordert, und diejenigen, die das Gegenteil lehrten, haben die Religionen, in deren Namen sie sprachen, mißbraucht und verfälscht. Papst Johannes Paul II. verurteilte den im Lauf der Geschichte so häufigen Mißbrauch zur Rechtfertigung von Gewalttätigkeit gegenüber Nichtchristen.

Nur durch einen ernsthaften Dialog und die aufrichtige Bereitschaft der Verantwortlichen der großen Religionen, sich konkret für den Frieden einzusetzen, nicht allein durch Erklärungen, sondern durch konkrete Opfer für den Frieden, können wir versuchen, die augenblickliche Situation der Menschheit zu verändern. Eine solche innere Haltung bewies auch Papst Johannes Paul II. in seinen Bemühungen um die Wiederversöhnung mit dem Judentum, durch die er der jüdisch-christlichen Geschichte eine Wende gab. Der Weg der Pilger auf der Suche nach Frieden könnte zweifellos ein Beispiel sein, dem wir alle folgen sollten.

»Im Hinblick auf das Gebet sagt der Midrasch: kein Segen ist vollkommen ohne das Wort FRIEDE« (Bamidbar Raba).

Seine Seligkeit Teoctist (Rumänisch-Orthodoxe Kirche)

Der Patriarch der rumänisch-orthodoxen Kirche sandte die von Seiner Exzellenz Ioan Salagean, Bischof von Harghita und Covasna, verlesene Botschaft mit dem folgenden Text:

Heiligkeit,
Seligkeiten,
Eminenzen und Exzellenzen,
verehrte Vertreter anderer Religionen,
liebe Zuhörer! 

Der Herr wird seinem Volk Kraft geben und es mit Frieden segnen. Die christlichen Kirchen haben ebenso wie andere Religionen die Pflicht, gemeinsam die Stimme zu erheben, um auf die Verletzung jener moralischen und spirituellen Grundsätze hinzuweisen, die alle Religionen bekräftigen und alle Gläubigen täglich leben. Unter diesen spirituellen Werten nimmt der Friede eine vorrangige Stellung ein, denn der Glaube kommt nur in einem von Frieden geprägten Klima zum Ausdruck. Für die Christen ist die Menschwerdung Gottes in der Person Christi, der Mensch und Gott zugleich ist, ein Moment des Friedens und universaler Versöhnung, verkündet von den Engeln, die diese Geburt vom Himmel aus verkünden: »Ehre sei Gott hoch im Himmel und Frieden auf Erden den Menschen, die er liebt.« (Lk 2, 14)

Mit der Hoffnung auf Erlösung durch den Frieden des Himmels begrüßen wir diesen Tag des Gebets für den Frieden, zu dem Seine Heiligkeit Papst Johannes Paul II. in dieser Zeit weltweiter Unruhen und Besorgnis aufgerufen hat, einer Zeit, in der die Religionen uns zeigen müssen, daß sie die komplexen Phänomene verstehen und jeweils auf ihre spezielle Art und Weise zur Erhaltung der Schöpfung Gottes beitragen und den Menschen zu jener Würde erheben, die Gott ihm anvertraut hat. (Ital. in O. R. 25. 1. 2002)

Quelle