Kardinal Burke: Die Erklärung des Papstes, wonach es „Gottes Wille sei, dass es eine Verschiedenheit von Religionen gebe“, ist nicht korrekt.


Es geht um folgende Passage im „Dokument über die Brüderlichkeit aller Menschen für ein friedliches Zusammenleben in der Welt“:

„Der Pluralismus und die Verschiedenheit in Bezug auf Religion, Hautfarbe, Geschlecht, Ethnie und Sprache entsprechen einem weisen göttlichen Willen, mit dem Gott die Menschen erschaffen hat.“


 

19. Februar 2019 ( LifeSiteNews ) – Kardinal Raymond Burke hält die umstrittene Erklärung in einer von Papst Franziskus in Abu Dhabi Anfang des Monats unterzeichneten gemeinsamen katholisch-muslimischen Erklärung, die besagt, dass Gott eine Vielfalt von Religionen will, falsch ist und entfernt werden sollte.

Die Aussage „muss aus dieser Vereinbarung entfernt werden, weil sie nicht korrekt ist“, sagte Burke.

Der emeritierte Präfekt der Apostolischen Signatur trat zahlreichen Theologen und Philosophen bei, die die Passage kritisiert haben, wonach die „Vielfalt der Religionen“ „von Gott gewollt“ sei.

Papst Franziskus unterzeichnete am 4. Februar zusammen mit Sheikh Ahmed el-Tayeb, dem großen Imam der ägyptischen al-Azhar-Moschee, das Dokument „Über die menschliche Brüderlichkeit für den Weltfrieden und das Zusammenleben“.

Die Unterzeichnung war Teil eines interreligiösen Treffens während des dreitägigen Besuchs von Francis in den Vereinigten Arabischen Emiraten vom 3. bis 5. Februar, dem ersten Besuch eines Papstes auf der Arabischen Halbinsel.

Während der Vatikan das Dokument „einen wichtigen Schritt nach vorne“ in den christlich-muslimischen Beziehungen und ein „mächtiges Zeichen für Frieden und Hoffnung für die Zukunft der Menschheit“ genannt hat, sagen einige, dass die Passage dem katholischen Glauben zu widersprechen scheint.

Andere haben die mit der Aussage verbundene Kontroverse heruntergespielt.

Die vollständige Passage lautet:

–    Die Freiheit ist ein Recht jedes Menschen: ein jeder genießt Bekenntnis-, Gedanken-, Meinungs-, und Handlungsfreiheit. Der Pluralismus und die Verschiedenheit in Bezug auf Religion, Hautfarbe, Geschlecht, Ethnie und Sprache entsprechen einem weisen göttlichen Willen, mit dem Gott die Menschen erschaffen hat. Diese göttliche Weisheit ist der Ursprung, aus dem sich das Recht auf Bekenntnisfreiheit und auf die Freiheit, anders zu sein, ableitet. Deshalb wird der Umstand verurteilt, Menschen zu zwingen, eine bestimmte Religion oder eine gewisse Kultur anzunehmen wie auch einen kulturellen Lebensstil aufzuerlegen, den die anderen nicht akzeptieren.

In den Kommentaren zum National Catholic Register beobachtete Burke, wie einige versucht haben, die Aussage zu erklären, indem sie sagten, der Papst beziehe sich auf den permissiven = zulassenden Willen Gottes – dass andere Religionen ein „Übel sind, das Gott erlaubt“.

Dem Kardinal zufolge heißt es in dem Dokument von Abu Dhabi jedoch nicht, dass „die Pluralität oder Vielfalt der Religionen gut ist“.

„Das ist eine falsche Vorstellung“, sagte Burke. „Es ist sicherlich verwirrend für die Gläubigen in Bezug auf die Erlösung, die nur durch Christus zu uns gelangt.“

Burke ist nicht alleine damit, dass die Aussage falsch ist und aus dem Dokument entfernt werden muss.

Die Passage widerspricht der Großen Kommission

Der österreichische katholische Philosoph Josef Seifert fragte: „Wie kann Gott, der seine Jünger zur ganzen Welt schickt, um zu predigen und sie taufen lassen will, jedwelche christliche Häresie gewollt haben, geschweige denn Religionen, die den Glauben ablehnen, von dem Jesus zu Nicodemus sagt, dass wer an ihn glaubt, gerettet wird, und wer nicht glaubt, verdammt werden wird (Johannes 3:18)?“

Die Passage widerspricht der Großen Aussendung, sagte Seifert. Dies ist die Anweisung Christi, aus allen Nationen Jünger zu machen, sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes zu taufen und seine Lehre zu verbreiten. Stattdessen wird aus Gott „ein Relativist“, sagte Seifert, der weder weiß, dass es nur eine Wahrheit gibt, noch sich darum kümmert, ob die Menschen „an die Wahrheit oder an das Falsche glauben“.

Seifert forderte Papst Franziskus auf, den Satz zu „widerrufen“, der „einen totalen Bruch mit der Logik sowie mit der biblischen und kirchlichen Lehre darstellt“.

„Scheint die Lehre des Evangeliums aufzuheben“

Der Historiker der Kirche, Professor Robert de Mattei, sagte, die problematische Aussage über den Pluralismus und die Vielfalt der Religionen, die „von Gott gewollt“ seien, und die damit verbundene Forderung seitens Francis, dass Christen und Muslime in die „Arche der Bruderschaft“ eintreten sollen, ein Hinweis auf die Genesis-Flut-Erzählung von der Arche Noahs, „die Lehre des Evangeliums aufzuheben scheint“.

Die Arche wird von St. Paul in Heb.11: 7 als eine Zuflucht der Erlösung für die Gläubigen und ein Zeichen des Verderbens für die Welt, sagte de Mattei.

„Die katholische Tradition hat daher in der Arche Noah immer das Symbol der Kirche gesehen, außerhalb derer es keine Erlösung gibt“, sagte er.

„Ein grundlegender Unterschied im Glauben an Gott und im Bild des Menschen von dem anderer Religionen“

In seinem Manifest, das vier Tage nach der umstrittenen Erklärung von Abu Dhabi freigegeben worden war, sagte der deutsche Kardinal Gerhard Müller, ehemaliger Leiter der Glaubenskongregation des Vatikans,:

Die Unterscheidung der drei Personen in der göttlichen Einheit (CCC 254) kennzeichnet einen grundlegenden Unterschied im Glauben an Gott und im Bild des Menschen von dem der anderen Religionen. Die Religionen stimmen genau hinsichtlich dieses Glaubens an Jesus, den Christus, nicht überein. … Daher bezieht sich der erste Brief von Johannes auf jemanden, der Seine Göttlichkeit als Antichrist leugnet (1. Johannes 2, 22), da Jesus Christus, der Sohn Gottes, von Ewigkeit her mit Gott, seinem Vater, vereinigt ist (CCC 663).

„Das Christentum ist die einzige von Gott gewollte Religion“

Bischof Athanasius Schneider, Weihbischof von Astana, Kasachstan, veröffentlichte nach der Veröffentlichung des Dokuments von Abu Dhabi eine Erklärung, in der er die Über-Betonung des Franziskus-Pontifikats auf Immigration und das umstrittene Konzept des angeblich vom Menschen verursachten Klimawandels hervorhob. Er sagte unter anderem: „Die dringlichste Aufgabe der Kirche in unserer Zeit ist es, sich um die Veränderung des geistigen Klimas und um die spirituelle Migration zu kümmern.“

„Das Christentum ist die einzige von Gott gewollte Religion“, sagte Schneider. „Deshalb kann es niemals komplementär neben anderen Religionen platziert werden. Diese würden gegen die Wahrheit der göttlichen Offenbarung verstoßen, wie es im Ersten Gebot des Dekalogs unmissverständlich bestätigt wird, der behaupten würde, dass die Vielfalt der Religionen der Wille Gottes ist.“

„Falsch … eigentlich ketzerisch“

Ein dominikanischer Theologe, der anonym bleiben möchte, teilte LifeSiteNews mit, dass die umstrittene Passage in der Erklärung von Abu Dhabi “ in ihrem offensichtlichen Sinn falsch und tatsächlich ketzerisch ist“.

„Die verschiedenen Religionen sagen unvereinbare Dinge darüber, wer Gott ist und wie er angebetet werden möchte. Deshalb können sie nicht alle wahr sein. Deshalb kann Gott, der die Wahrheit ist, nicht alle Religionen wollen“, sagte er.

„Gott lässt zu, dass nicht-katholische Religionen existieren“, fuhr der dominikanische Theologe fort. „Aber etwas zuzulassen ist keine Weise, es zu wollen, es ist eine Weise, es nicht verhindern zu wollen. So erlaubt Gott, dass viele unschuldige Menschen getötet werden, aber er will es nicht. Wir würden nicht über den permissiven Willen Gottes sprechen, zum Beispiel Juden zu vergasen.“

Der Theologe wies LifeSiteNews auf weitere problematische Formulierungen in der Erklärung hin, indem er den Begriff „Glaube an Gott“ verwendete, um die Behauptung zu bestätigen, dass Gott existiert oder an irgendeine Art angeblicher Offenbarung, auch an eine nichtchristliche, glaubt.

„Der Glaube ist die Tugend, durch die Gott uns dazu bewegt, dem zuzustimmen, was Er durch die Propheten des Alten Testaments und die Apostel des Neuen Testaments und vor allem durch Seinen Sohn offenbart hat“, sagte er. „Menschen, die an nichtchristliche Religionen glauben, tun dies also nicht aus Glauben… sondern aus menschlicher Sicht.“

Kontroversen um die gemeinsame katholisch-muslimische Erklärung wurden nicht durch die widersprüchlichen Berichte über die Unterschrift des päpstlichen Theologen gemildert.

Quellen sagten, der dominikanische Pater Wojciech Giertych sei zuvor im Ablauf konsultiert worden, habe den endgültigen Entwurf der Erklärung jedoch nicht gesehen, obwohl Papst Franziskus auf seinem Rückflug aus Abu Dhabi behauptet hatte, der päpstliche Theologe habe ihn „offiziell“ gelesen und „gebilligt“.

The National Catholic Register hatte den päpstlichen Sprecher Alessandro Gisotti gefragt, ob der päpstliche Theologe sich der Passage bewusst war und ob er dies als theologisch akzeptabel interpretieren konnte. Gisotti antwortete am 13. Februar, Giertych habe das Dokument über die „menschliche Fraternität“ im letzten Moment seiner Vorbereitung gesehen und es gebe „keine Grundlage, um die Worte des Papstes über die päpstliche Angelegenheit zu hinterfragen“.

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Quelle

Aus dem Englischen übersetzt von mir [POS]

Berufung zu Offenheit und Begegnung

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Am 2. Oktober traf Papst Franziskus in der „Heydar-Aliyev“-Moschee in Baku (Aserbaidschan) mit dem Scheich und Repräsentanten der anderen Religionsgemeinschaften des Landes zusammen. In seiner Ansprache betont der Heilige Vater die Bedeutung der Religionen als Sinnstifter. Von Papst Franziskus

Hier zusammen zu sein, ist ein Segen. Ich möchte dem Ratspräsidenten der kaukasischen Muslime, der uns mit seiner gewohnten Liebenswürdigkeit Gastfreundschaft gewährt, sowie den örtlichen religiösen Würdenträgern der russisch-orthodoxen Kirche und der jüdischen Gemeinden danken. Es ist ein bedeutendes Zeichen, dass wir uns hier an diesem Ort des Gebetes in brüderlicher Freundschaft begegnen – ein Zeichen, das jene Harmonie zum Ausdruck bringt, die die Religionen gemeinsam aufbauen können, ausgehend von den persönlichen Beziehungen und dem guten Willen der Verantwortlichen. Beweis dafür sind hier zum Beispiel die konkrete Hilfe, die der Ratspräsident der Muslime in mehreren Fällen der katholischen Gemeinschaft gewährt hat, und die weisen Ratschläge, die er ihr in familiärer Gesinnung mitteilt. Hervorzuheben sind auch das gute Verhältnis, das die Katholiken in konkreter Brüderlichkeit und täglicher liebevoller Zuneigung mit der orthodoxen Gemeinschaft verbindet – ein Vorbild für alle –, sowie die herzliche Freundschaft mit der jüdischen Gemeinde.

Von dieser Eintracht profitiert Aserbaidschan, das sich durch seine Aufnahmebereitschaft und Gastfreundschaft auszeichnet – Gaben, die ich an diesem denkwürdigen Tag, für den ich sehr dankbar bin, erfahren konnte. Hier ist man bestrebt, das bedeutende Erbe der Religionen zu bewahren, und zugleich sucht man nach einer größeren und fruchtbaren Öffnung. So findet zum Beispiel auch der katholische Glaube Raum und Harmonie unter den anderen, wesentlich zahlreicher vertretenen Religionen. Das ist ein konkretes Zeichen, das zeigt, wie nicht der Gegensatz, sondern die Zusammenarbeit hilft, bessere und friedliche Gesellschaften aufzubauen. Unser Zusammensein liegt auch in der Kontinuität mit den zahlreichen Begegnungen, die in Baku stattfinden, um den Dialog und die Multikulturalität zu fördern. Wenn man der Aufnahme und der Integrierung die Türen öffnet, dann öffnen sich die Türen der Herzen jedes Einzelnen und die Türen der Hoffnung für alle.

Ich bin zuversichtlich, dass dieses Land als „Tor zwischen Ost und West“ (Johannes Paul II., Ansprache bei der Begrüßungszeremonie [22. Mai 2002]: L?Osservatore Romano [dt.] Jg. 32, Nr. 22 [31. Mai 2002], S. 7) immer seine Berufung zu Offenheit und Begegnung pflegen wird; es sind dies unerlässliche Bedingungen, um haltbare Brücken des Friedens und eine menschenwürdige Zukunft aufzubauen. Die Brüderlichkeit und das Miteinander, die wir mehren möchten, werden bei denen, die Trennungen hervorheben, Spannungen neu entfachen und aus Gegensätzen und Streitigkeiten Gewinn ziehen wollen, keinen Beifall finden; von denen, die das Gemeinwohl anstreben, werden sie jedoch inständig erfleht und erwartet. Und vor allem sind sie dem mitleidigen und barmherzigen Gott wohlgefällig, der will, dass die Söhne und Töchter der einen Menschheitsfamilie enger miteinander verbunden und immer im Dialog sind. Ein großer Dichter, ein Sohn dieses Landes, hat geschrieben: „Wenn du Mensch bist, mische dich unter die Menschen, denn den Menschen geht es gut in gegenseitiger Gesellschaft“ (Nizami Ganjavi, Das Alexanderbuch, I, Über den eigenen Zustand und den Lauf der Zeit). Sich den anderen zu öffnen, macht nicht ärmer, sondern es bereichert, denn es hilft, menschlicher zu sein: sich als aktiven Teil eines größeren Ganzen zu erkennen und das Leben als ein Geschenk für die anderen zu verstehen; als Ziel nicht die eigenen Interessen zu betrachten, sondern das Wohl der Menschheit; ohne Schwärmereien und ohne Formen von Interventionismus zu handeln, ohne schädliche Einmischungen und Zwangsmaßnahmen zu vollziehen, sondern stattdessen immer die geschichtlichen Entwicklungen, die Kulturen und die religiösen Traditionen zu respektieren.

Gerade die Religionen haben eine große Aufgabe, nämlich die Menschen auf ihrer Suche nach dem Sinn des Lebens zu begleiten und ihnen zu helfen zu begreifen, dass die begrenzten Fähigkeiten des Menschen und die Güter dieser Welt niemals zu absoluten Größen werden dürfen. Wieder ist es Nizami, der schreibt: „Setze nicht endgültig auf deine Kräfte, solange du im Himmel keine Wohnung gefunden hast! Die Früchte der Welt sind nicht ewig, verehre nicht das Vergängliche!“ (Leila und Madschnun, Der Tod Madschnuns auf Leilas Grab). Die Religionen sind berufen, uns begreifen zu lassen, dass die Mitte des Menschen außerhalb seiner selbst liegt, dass wir auf die endlose Höhe hin ausgestreckt sind und zum anderen hin, der unser Nächster ist. Dorthin soll das Leben sich auf den Weg machen: zur erhabensten und zugleich konkretesten Liebe. Sie muss der Gipfel jedes echten religiösen Strebens sein, denn – wie noch einmal der Dichter sagt – „Liebe ist das, was sich nie ändert, Liebe ist das, was kein Ende hat“ (ebd. Die Verzweiflung des Madschnun). Die Religion ist also für den Menschen eine Notwendigkeit, um sein Ziel zu verwirklichen, ein Kompass, um ihn zum Guten hin zu orientieren und ihn vom Bösen abzuhalten, das immer an der Tür seines Herzens lauert (vgl. Gen 4, 7). In diesem Sinn haben die Religionen eine Erziehungsaufgabe, nämlich zu helfen, das Beste des Menschen zum Vorschein zu bringen.

Und wir tragen als Leiter eine große Verantwortung, der Suche des Menschen, der sich heute oft in den schwindelerregenden Paradoxien unserer Zeit verliert, echte Antworten zu bieten. Tatsächlich sehen wir, wie in unseren Tagen einerseits der Nihilismus derer grassiert, die an nichts mehr glauben, außer an die eigenen Interessen, Nutzen und Vorteile, und das Leben wegwerfen, indem sie sich nach dem Spruch richten: „Wenn es Gott nicht gibt, ist alles erlaubt“ (vgl. F. M. Dostojewski, Die Brüder Karamasow, XI, 4.8.9). Andererseits treten immer mehr die starren und fundamentalistischen Reaktionen derer zutage, die mit verbaler und tätlicher Gewalt extreme und radikalisierte Haltungen durchsetzen wollen, die denkbar weit entfernt sind vom lebendigen Gott.

Im Gegensatz dazu sind die Religionen, die ja helfen, das Gute zu erkennen und durch Werke, Gebet und die Mühe der Arbeit an sich selbst praktisch umzusetzen, dazu berufen, die Kultur der Begegnung und des Friedens aufzubauen, die aus Geduld, Verständnis und bescheidenen konkreten Schritten besteht. So wird der menschlichen Gesellschaft gedient. Diese ist ihrerseits stets gehalten, die Versuchung zu überwinden, sich des religiösen Faktors zu bedienen: Die Religionen dürfen niemals instrumentalisiert werden und dürfen nicht dafür herhalten, Konflikte und Gegensätze zu begünstigen.

Fruchtbar ist hingegen eine ehrbare Verbindung zwischen Gesellschaft und Religionen, eine respektvolle Allianz, die aufgebaut und gehütet werden muss und die ich mit einem Bild symbolisieren möchte, das diesem Land viel bedeutet. Ich beziehe mich auf die wertvollen, künstlerisch gestalteten Glasfenster, die es seit Jahrhunderten in dieser Gegend gibt und die nur aus Holz und buntem Glas bestehen (Shebeke). Bei ihrer handwerklichen Fertigung gibt es eine einzigartige Besonderheit: Es werden weder Klebstoff noch Nägel verwendet, sondern Holz und Glas werden zusammengehalten, indem sie in langer, sorgfältiger Arbeit ineinander verschachtelt werden. So hält das Holz das Glas, und das Glas lässt Licht einfallen. Genauso ist es Aufgabe jeder Zivilgesellschaft, die Religion zu unterstützen, die das Einfallen eines zum Leben unerlässlichen Lichtes ermöglicht. Und darum ist es notwendig, der Religion eine wirkliche und echte Freiheit zu garantieren. Es dürfen also nicht die künstlichen „Klebstoffe“ verwendet werden, die den Menschen zwingen zu glauben, indem man ihm ein bestimmtes Credo aufoktroyiert und ihn seiner Entscheidungsfreiheit beraubt, und es dürfen in die Religion auch nicht die äußeren „Nägel“ der weltlichen Interessen und der Macht- und Geldgier eindringen. Denn Gott darf nicht für partielle Interessen und egoistische Zwecke angerufen werden, er kann keine Form von Fundamentalismus, Imperialismus oder Kolonialismus rechtfertigen. Noch einmal erhebt sich von diesem so bedeutungsvollen Ort aus der herzzerreißende Ruf: Niemals mehr Gewalt im Namen Gottes! Sein heiliger Name werde angebetet, nicht geschändet und verschachert von Hass und menschlichen Gegensätzen.

Ehren wir dagegen die umsichtige göttliche Barmherzigkeit uns gegenüber mit dem beharrlichen Gebet und dem konkreten Dialog, der eine „notwendige Bedingung für den Frieden in der Welt und darum eine Pflicht für die Christen wie auch für die anderen Religionsgemeinschaften“ ist (Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 250). Gebet und Dialog stehen in einer engen Wechselbeziehung zueinander: Sie führen zur Öffnung des Herzens und streben dem Wohl der anderen zu, bereichern und stärken sich also gegenseitig. Fest überzeugt und in Kontinuität mit den Zweiten Vatikanischen Konzil „mahnt [die katholische Kirche] ihre Söhne [und Töchter], dass sie mit KIugheit und Liebe, durch Gespräch und Zusammenarbeit mit den Bekennern anderer Religionen sowie durch ihr Zeugnis des christlichen Glaubens und Lebens jene geistlichen und sittlichen Güter und auch die sozial-kulturellen Werte, die sich bei ihnen [den Bekennern anderer Religionen] finden, anerkennen, wahren und fördern“ (Erkl. Nostra aetate, 2). Kein „versöhnlicher Synkretismus“ und keine „diplomatische Offenheit, die zu allem Ja sagt, um Probleme zu vermeiden“ (Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 251), sondern mit den anderen sprechen und für alle beten: das sind unsere Mittel, um Lanzen in Winzermesser zu verwandeln (vgl. Jes 2, 4), um Liebe aufkommen zu lassen, wo Hass herrscht, und Vergebung, wo Verletzung schmerzt, damit wir nicht müde werden, Wege des Friedens zu erflehen und zu gehen.

Wege eines wahren Friedens, der auf gegenseitige Achtung, Begegnung und ein Miteinander-Teilen, auf den Willen, über Vorurteile und Schuld der Vergangenheit hinauszukommen, sowie auf die Absage an Heuchelei und parteiliche Interessen gegründet ist; eines dauerhaften Friedens, der beseelt ist von dem Mut, die Barrieren zu überwinden, die Situationen von Armut und Ungerechtigkeit auszurotten, die Verbreitung von Waffen und die ungerechten Profite auf Kosten der anderen anzuzeigen und ihnen Einhalt zu gebieten.

Allzu viel Blut schreit vom Boden der Erde, unseres gemeinsamen Hauses, zu Gott (vgl. Gen 4, 10). Jetzt sind wir aufgefordert, eine Antwort zu geben, die nicht mehr hinausgezögert werden kann, und gemeinsam eine Zukunft des Friedens aufzubauen: Es ist nicht der Moment gewaltsamer und schroffer Lösungen, sondern die drängende Stunde, geduldige Prozesse der Versöhnung einzuleiten. Die wirkliche Frage unserer Zeit ist nicht die, wie wir unsere Interessen verfolgen können – das ist nicht die wirkliche Frage! –, sondern welche Lebensperspektiven wir den kommenden Generationen bieten, wie wir eine Welt hinterlassen können, die besser ist als die, welche wir empfangen haben. Gott und die Geschichte selbst werden uns fragen, ob wir uns heute für den Frieden eingesetzt haben; schon jetzt fragen uns traurig danach die jungen Generationen, die sich eine andere Zukunft erträumen. Mögen die Religionen in der Nacht der Konflikte, die wir durchmachen, Morgenröte des Friedens, Samen der Wiedergeburt unter den Verwüstungen des Todes, unermüdlich tönender Widerhall des Dialogs und Wege der Begegnung und der Versöhnung sein, um dorthin zu gelangen, wo die offiziellen Vermittlungsversuche keinen Erfolg zu erzielen scheinen.

Mögen die Religionen besonders in dieser geschätzten kaukasischen Region, die zu besuchen ich so ersehnt habe und in die ich als Pilger des Friedens gekommen bin, aktive Mittel zur Überwindung der Tragödien der Vergangenheit und der Spannungen von heute sein. Mögen die unschätzbaren Reichtümer dieser Länder erkannt und genutzt werden: Die alten und immer neuen Schätze der Weisheit, Kultur und Religiosität der Kaukasusvölker sind eine reiche Ressource für die Zukunft der Region und insbesondere für die europäische Kultur – kostbare Güter, auf die wir nicht verzichten können. Danke.

Quelle – © Copyright – Libreria Editrice Vaticana

„Durst nach Frieden“ – Gemeinsam für den Frieden

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Assisi / Wikimedia Commons – Berthold Werner, Public Domain

Papst Franziskus reist heute zum Friedensgebet nach Assisi.
Unter den Teilnehmern auch der Erzbischof von Rouen

Papst Franziskus wird heute am Abschlußtag des Treffens der Weltreligionen, das in Assisi vom 18. bis 20. September 2016 unter dem Titel „Durst nach Frieden“ staffindet, am gemeinsamen Friedensgebet teilnehmen. Das offizielle Programm sieht u.a. Begegnungen des Heiligen Vaters mit offiziellen Würdenträgern und Oberhäuptern anderer Religionen vor.

Das offizielle Programm sieht folgenden Tagesablauf vor:

10.30 Uhr – Abreise vom Hubschrauberlandeplatz im Vatikan

11.05 Uhr – Ankunft auf dem Sportplatz „Migaghelli“; Begrüßung des Papstes durch Msgr. Domenico Sorrentino, Erzbischof-Bischof von Assisi–Nocera Umbra–Gualdo Tadino, die Präsidentin der Region Umbrien, Catiuscia Marini, den Präfekten von Perugia, Raffaele Cannizzaro, sowie die Bürgermeisterin von Assisi, Stefania Proietti.

11.30 Uhr – Ankunft im „Sacro Convento“ von Assisi. Der Papst wird von Pater Mauro Gambetti, dem Kustos des Konvents, Bartolomaios I., dem ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, einem muslimischen Vertreter, dem Erzbischof von Canterbury, Justin Welby, Efrem II., dem syrisch-orthodoxen Patriarchen von Antiochien, einem jüdischen Vertreter und dem Oberhaupt der Tendai (Japan) empfangen. Alle begeben sich gemeinsam zum „Chiostro“ von Sixtus IV., wo bereits die Vertreter der Weltkirchen- und religionen sowie die Bischöfe Umbriens warten.

12.00 Uhr – Begrüßung der einzelnen Vertreter durch den Papst

13.00 Uhr – Mittagessen im Refektorium des Konvents mit einigen Kriegsopfern. Marco Impagliazzo, Präsident der Gemeinschaft von „Sant’Egidio“, wird an das 25. Jubiläum des Patrairchen Bartlomaios I. erinnern.

15.15 Uhr – Papst Franziskus wird einzeln Bartolomaios I., einen muslimischen Vertreter, Erzbischof Justin Welby, Patriarch Efrem II. und einen jüdischen Vertreter treffen.

16.00 Uhr – Friedensgebet an verschiedenen Orten und Gebetsmoment für den Frieden in der „Basilica Inferiore di San Francesco“ (Unterkirche), ökumenisches Gebet der Christen

17.00 Uhr – Nach dem Friedensgebet verlassen alle Teilnehmer die Basilika und begegnen den Vertretern der anderen Religionen, die an anderen Orten gebetet haben, und nehmen auf dem Vorplatz Platz.

17.15 Uhr – Abschlußzeremonie auf der „Piazza San Francesco“ und Grußworte von Msgr. Domenico Sorrentino, Erzbischof-Bischof von Assisi–Nocera Umbra–Gualdo Tadino, sowie Botschaften eines Kriegsopfers, des Patriarchen Bartolomaios I., eines muslimischen Vertreters, eines jüdischen Vertreters, des buddhistischen japanischen Patriarchen sowie des Gründers der Gemeinschaft von „Sant’Egidio“, Prof. Andrea Riccardi; Ansprache des Heiligen Vaters; Verlesung eines Friedensappells, der von Kindern unterschiedlicher Nationalität überreicht wird; Schweigemoment für die Kriegsopfer; Unterzeichnung des Friedensaufrufs und Anzünden zweier Kandelaber; Friedensgruß.

18.30 Uhr – Fahrt zum Sportplatz

19.00 Uhr – Abflug

19.35 Uhr – Landung im Vatikan

An dem Treffen der Weltreligionen in Assisi nimmt auch Msgr. Dominique Lebrun, Erzbischof von Rouen, teil, nur wenige Wochen nach der grausamen Ermordung von P. Jacques Hamel. Das Martyrium von P. Jacques Hamel solle nicht wie eine Flagge erhoben werden, um zu kämpfen und zu verurteilen, sondern um Dank zu sagen, für einen Priester, der sein Leben wie Christus geschenkt habe. Msgr. Lebrun ist überzeugt, dass in der Gesellschaft und in den Familien ein Zusammenleben der Religionen möglich sei. Er erinnerte an den Besuch vieler Muslime beim Sonntagsgottesdienst am 31. Juli. Die Familie der Muslime habe die trauernde Familie der Christen besucht; wir gehörten alle derselben Menschenfamilie an, bekräftigt der Erzbischof von Rouen.

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Quelle

„Spiritueller Wegweiser für die ganze Menschheit“

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Assisi, Staatspräsident Sergio Mattarella / Quelle: Sanfrancescopatronoditalia.It

Assisi: Eröffnungsveranstaltung
des Treffens der Weltreligionen

Dreißig Jahre nach dem ersten weltweiten Gebetstreffen 1986 ist die Gemeinschaft Sant’Egidio zu den Ursprüngen zurückgekehrt. Papst Franziskus hat bereits ein Grußwort nach Assisi vorausgeschickt, das er am Dienstag besuchen wird: „Dem Beispiel des Heiligen Franziskus folgend, einem Mann des Glaubens und der Milde, sind wir alle gerufen, der Welt ein starkes Zeugnis unseres Einsatzes für den Frieden und die Versöhnung unter den Völkern anzubieten.“ UNO-Generalsekretärs Ban Ki-moon ließ per Grußbotschaft den Teilnehmern mitteilen, dass Sant’Egidio „mit ihrem interreligiösen und interkulturellen Charakter aufs Neue bestätigt, dass nur durch Dialog und Verhandlung nachhaltige Lösungen angesichts von Gewalt gefunden werden können.“

Der Geist von Assisi, so sagte der Gründer der Gemeinschaft Andrea Riccardi, habe einen Weg zurückgelegt, Geschwisterlichkeit geschaffen, Friedensinitiativen hervorgerufen, das Bewusstsein von der Verbundenheit der verschiedenen Religionsgemeinschaften aufkommen lassen und sich der Benutzung der Religionen für Krieg und Terrorismus entgegengestellt.

Bei der Eröffnungsfeier sprach auch der italienische Staatspräsident Sergio Mattarella: „Der Dialog zwischen den Religionen, den Gläubigen und Humanisten, der kulturelle Dialog kann sehr viel, mehr als es scheint, denn die Auseinandersetzung mit der extremistischen Gewalt ist auch eine kulturelle Auseinandersetzung. Deswegen kann die Kultur den Extremismus besiegen.“

Der polnische Philosoph Zygmunt Baumann riet in diesem Sinne zu einer Kultur des Dialogs, die es ins Zentrum der Bildung zu stellen gelte. Dies sei ein überaus langfristiger Prozess, den man mit Geduld, Beständigkeit und Planung durchlaufen müsse: „eine kulturelle Revolution angesichts einer Welt, in der man schneller alt wird und stirbt, noch bevor man wächst.“

Der Präsident der Zentralafrikanischen Republik Faustin Archange Touadéra, bezeugte, wie in seinem Land der Frieden möglich wurde. Gläubige Männer und Frauen hätten dort nicht die Logik einer religiösen Auseinandersetzung akzeptiert. Er zeigte sich dankbar für das Engagement der Gemeinschaft Sant’Egidio, die während der schwierigsten Jahre der Krise nie aufgehört habe, mit den religiösen Gemeinschaften, den bewaffneten Gruppen und den politischen Parteien zu sprechen. So hätte sie alle Menschen in Zentralafrika daran erinnert, dass ihre Geschichte im friedlichen Zusammenleben zwischen unterschiedlicher Glaubensrichtungen und Kulturen besteht.

„Papst Franziskus hat gezeigt, dass er ein spiritueller Wegweiser für die ganze Menschheit ist, als er erklärt hat, dass es keine kriminelle Religion gibt, sondern dass es in allen Religionen Kriminelle gibt“, ist Mohammad Sammak überzeugt, der politischer Berater des Großmufti im Libanon ist. Er sagte, dass „die Auseinandersetzung mit dem Thema des religiösen Extremismus vorwiegend eine Pflicht der Muslime“ sei, und dass sie ihre Religion befreien müssen aus der „Entführung“, derer die Extremisten den Islam unterworfen haben, indem sie ihn benutzen als „Rachinstrument, als totalitäre Bewegung im Namen der Religion“. Der Islam jedoch glaubt an den „Pluralismus und betrachtet die Unterschiedlichkeit der Menschen als Ausdruck göttlichen Willens“.

Schließlich betonte er mit einer deutlichen Bezugnahme auf sein Land, den Libanon, dass „die Beziehungen unter den Menschen unterschiedlicher Religionen nicht auf die Beseitigung des anderen gegründet werden dürfen – wie es der IS möchte – und auch nicht auf Toleranz. „Die Angehörigkeit zu einem Staat“, sagte er abschließend, „kann nicht auf Toleranz basieren, sondern auf Rechten“. (mk)

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Christlich-islamisches Jugendtreffen in Kairo

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Die Al-Azhar-Universität in Kairo

In Kairo hat am Donnerstag ein gemeinsames Jugendseminar des Weltkirchenrats und der Al-Azhar-Universität zum Thema „Jugendengagement, Religion und Gewalt“ begonnen. Es ist das erste Mal, dass der Weltkirchenrat bei einem Jugendseminar mit Al Azhar zusammenarbeitet, wie der Ökumenische Rat der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ) berichtet. An dem bis 22. August anberaumten Seminar nehmen 40 junge Leute aus 14 Ländern teil, je zur Hälfte Christen und Muslime. Im Verlauf des Seminars treffen die jungen Leute auch mit dem koptisch-orthodoxen Papst-Patriarchen Tawadros II., mit dem Großimam der Al Azhar, Ahmad Mohammad al-Tayyeb, und mit dem Generalsekretär der Arabischen Liga, Ahmed Abu al-Ghayt, zusammen.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Seminars setzen sich u.a. mit der Frage der Wirkung religiöser Botschaften auseinander und zwar unter dem Gesichtspunkt, ob diese Botschaften Beiträge zum Aufbau des Friedens sind oder zur Gewalt drängende Spannungen auslösen. Auch soll die Rolle religiöser Institutionen wie jene des Ökumenischen Instituts in Bossey oder der Al Azhar-Universität im Hinblick auf die Förderung des Friedens untersucht werden.

„Religion und Jugend stehen heute oft im Zentrum von Ereignissen, die mit Gewalt und Radikalisierung verbunden sind“, sagte Carla Khijoyan, die Jugendreferentin des Weltkirchenrats: „Unsere Antwort ist nicht Angst und Isolation, sondern die Einladung, miteinander zu arbeiten und miteinander auf dem Pilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens zu gehen.“

 

(kap 19.08.2016 cz)

BRIEF DES HEILIGEN VATERS FRANZISKUS AN DIE CHRISTEN IM NAHEN OSTEN

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Liebe Brüder und Schwestern,

»Gepriesen sei der Gott und Vater Jesu Christi, unseres Herrn, der Vater des Erbarmens und der Gott allen Trostes. Er tröstet uns in all unserer Not, damit auch wir die Kraft haben, alle zu trösten, die in Not sind, durch den Trost, mit dem auch wir von Gott getröstet werden« (2 Kor 1,3-4)

Diese Worte des Apostels Paulus sind mir in den Sinn gekommen, als ich daran dachte, an Euch, liebe christliche Brüder und Schwestern im Nahen Osten, zu schreiben. Ich tue es anlässlich des nahen Weihnachtsfestes, weil ich weiß, dass für viele von Euch die Klänge der Weihnachtslieder sich mit Tränen und Seufzern mischen werden. Und doch ist die Geburt des Sohnes Gottes in unserem menschlichen Fleisch ein unsagbares Geheimnis des Trostes: » Denn die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten « (Tit 2,11).

Leider fehlte es auch in der jüngsten Vergangenheit nicht an Trübsal und Bedrängnis im Nahen Osten. Diese haben sich in den letzten Monaten verschärft aufgrund der Konflikte, die die Region peinigen, vor allem aber durch das Wirken einer ganz neuen und besorgniserregenden terroristischen Organisation von bisher unvorstellbaren Ausmaßen, die alle Art von Gesetzwidrigkeiten begeht und menschenunwürdige Praktiken anwendet. Ganz besonders hat sie einige von Euch heimgesucht: Auf brutale Weise wurden sie aus ihrem Land vertrieben, in dem die Christen seit apostolischer Zeit heimisch sind.

Indem ich mich an Euch wende, kann ich nicht die anderen religiösen und ethnischen Gruppen außer Acht lassen, die ebenfalls unter der Verfolgung und den Konsequenzen dieser Konflikte leiden. Täglich verfolge ich die Nachrichten über das enorme Leiden vieler Menschen im Nahen Osten. Ich denke besonders an die Kinder, die Mütter, die alten Menschen, an die Vertriebenen und die Flüchtlinge, an alle, die Hunger leiden, an die, welche die Härte des Winters auf sich nehmen müssen ohne ein schützendes Dach über dem Kopf. Dieses Leiden schreit zu Gott und ruft uns alle zum Einsatz auf, im Gebet und in jeder Art von Initiative. Allen möchte ich meine Nähe und Solidarität wie auch die der ganzen Kirche bekunden und ihnen ein Wort des Trostes und der Hoffnung zusprechen.

Liebe Brüder und Schwestern, die Ihr in eurem vom Herrn gesegneten Land mutig Zeugnis für Jesus gebt, unser Trost und unsere Hoffnung ist Christus selber. Darum ermutige ich Euch, fest mit ihm verbunden zu bleiben wie die Rebzweige am Weinstock, in der Gewissheit, dass weder Bedrängnis, noch Not, noch Verfolgung Euch von ihm trennen können (vgl. Röm 8,35). Möge die Prüfung, die Ihr durchmacht, Euer aller Glauben und Treue stärken!

Ich bete, dass Ihr die brüderliche Gemeinschaft nach dem Vorbild der ersten Jerusalemer Gemeinde leben könnt. Die von unserem Herrn gewollte Einheit ist in diesen schwierigen Momenten nötiger denn je; sie ist ein Geschenk Gottes, das an unsere Freiheit appelliert und unsere Antwort erwartet. Mögen das Wort Gottes, die Sakramente, das Gebet und die Brüderlichkeit Eure Gemeinschaften ständig nähren und erneuern.

Die Situation, in der Ihr lebt, ist ein starker Aufruf zur Heiligkeit des Lebens, wie Heilige und Märtyrer aller kirchlichen Zugehörigkeiten beweisen. In Liebe und Verehrung denke ich an die Hirten und die Gläubigen, denen in letzter Zeit das Opfer des Lebens abverlangt wurde, oft nur aufgrund der Tatsache, dass sie Christen waren. Ich denke auch an die Entführten, unter denen einige orthodoxe Bischöfe und Priester verschiedener Riten sind. Mögen sie bald wohlbehalten in ihre Häuser und Gemeinschaften zurückkehren! Ich bitte Gott, dass so viel mit dem Kreuz des Herrn vereintes Leid Frucht zum Wohl der Kirche und der Völker des Nahen Ostens bringen möge.

Inmitten der Feindschaften und der Konflikte ist die unter Euch in Brüderlichkeit und Einfachheit gelebte Gemeinschaft ein Zeichen für das Reich Gottes. Ich freue mich über die guten Beziehungen und über die Zusammenarbeit zwischen den orthodoxen Patriarchen und denen der katholischen Ostkirchen wie auch zwischen den Gläubigen der verschiedenen Kirchen. Die von den Christen ertragenen Leiden leisten einen unschätzbaren Beitrag für das Anliegen der Einheit. Es ist die Ökumene des Blutes, die eine vertrauensvolle Hingabe an das Wirken des Heiligen Geistes erfordert.

Mögen die Schwierigkeiten Euch immer Anlass sein, Zeugnis für Jesus zu geben! Eure Gegenwart selbst ist für den Nahen Osten kostbar. Ihr seid eine kleine Herde, doch mit einer großen Verantwortung in dem Land, wo das Christentum entstanden ist und sich ausgebreitet hat. Ihr seid wie der Sauerteig in der Masse. An erster Stelle noch vor vielen, von allen gewürdigten Werken der Kirche im Bereich des Erziehungs- und Gesundheitswesens oder in den Hilfswerken sind die Christen, seid Ihr der größte Schatz für die Region. Danke für Eure Standhaftigkeit!

Euer Bemühen, mit Menschen anderer Religionen – Juden und Muslimen – zusammenzuarbeiten, ist ein weiteres Zeichen für das Reich Gottes. Je schwieriger die Situation ist, umso notwendiger ist der interreligiöse Dialog. Es gibt keinen anderen Weg. Der auf eine Haltung der Offenheit gegründete Dialog in Wahrheit und Liebe ist auch das beste Mittel gegen die Versuchung des religiösen Fundamentalismus, der eine Bedrohung für die Gläubigen aller Religionen darstellt. Zugleich ist der Dialog ein Dienst an der Gerechtigkeit und eine notwendige Voraussetzung für den so ersehnten Frieden.

Der größte Teil von Euch lebt in einem Umfeld mit muslimischer Mehrheit. Ihr könnt Euren muslimischen Mitbürgern helfen, mit Unterscheidungsvermögen ein authentischeres Bild des Islam zu zeigen, wie viele von ihnen es möchten, die immer wieder sagen, dass der Islam eine Religion des Friedens ist, dass er sich mit der Achtung der Menschenrechte vereinbaren lässt und das Zusammenleben aller fördern kann. Das wird ihnen und der ganzen Gesellschaft von Nutzen sein. Die dramatische Situation, die unsere christlichen Brüder und Schwestern im Irak, aber auch die Jesiden und die Anhänger anderer religiöser und ethnischer Gemeinschaften erleben, erfordert eine klare und mutige Stellungnahme aller religiösen Verantwortungsträger, um einstimmig und unzweideutig solche Verbrechen zu verurteilen und öffentlich die Praxis anzuklagen, sich zu deren Rechtfertigung auf die Religion zu berufen.

Meine Lieben, Ihr seid fast alle einheimische Bürger eurer Länder und habt somit die Pflicht und das Recht, vollgültig am Leben und am Wachstum eurer Nation teilzunehmen. In der Region seid Ihr berufen, Urheber von Frieden, Versöhnung und Entwicklung zu sein, den Dialog zu fördern, Brücken zu bauen gemäß dem Geist der Seligpreisungen (vgl. Mt 5,3-12), das Evangelium des Friedens zu verkünden und offen zu sein für die Zusammenarbeit mit allen nationalen und internationalen Entscheidungsträgern.

In besonderer Weise möchte ich meine Wertschätzung und meinen Dank Euch bekunden, liebe Mitbrüder im patriarchalen, bischöflichen und priesterlichen Dienst sowie Euch Brüdern und Schwestern im Ordensleben, die Ihr den Weg Eurer Gemeinschaften fürsorglich begleitet. Wie kostbar ist die Gegenwart und die Tätigkeit derer, die sich gänzlich dem Herrn geweiht haben und ihm in ihren Mitmenschen – vor allem in den am meisten Bedürftigen – dienen und so seine Größe und seine grenzenlose Liebe bezeugen! Wie wichtig ist die Gegenwart der Hirten bei ihrer Herde, vor allem in schwierigen Zeiten!

Euch, liebe Jugendliche, sende ich eine väterliche Umarmung. Ich bete für Euren Glauben, für Euer Wachstum als Menschen und als Christen und dass Eure besten Pläne sich verwirklichen mögen. Und ich wiederhole Euch: » Fürchtet oder schämt Euch nicht, Christen zu sein. Die Beziehung zu Jesus wird Euch die innere Bereitschaft zu einer vorbehaltlosen Zusammenarbeit mit Euren Mitbürgern schenken, welcher Religion sie auch angehören « (Benedikt XVI., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Ecclesia in Medio Oriente, 63).

Euch, liebe ältere Menschen, drücke ich meine Wertschätzung aus. Ihr seid das Gedächtnis Eurer Völker; ich hoffe, dass dieses Gedächtnis ein Anstoß zum Wachsen für die jungen Generationen sei.

Ich möchte diejenigen unter Euch ermutigen, die in den sehr wichtigen Bereichen der Nächstenliebe und des Erziehungswesens wirken. Ich bewundere die Arbeit, die Ihr besonders durch die Caritas und mit Hilfe der katholischen karitativen Organisationen verschiedener Länder leistet, indem Ihr allen ohne jede Bevorzugung helft. Durch das Zeugnis der Liebe bietet Ihr dem gesellschaftlichen Leben den wirksamsten Halt und tragt auch zum Frieden bei, nach dem die Region hungert wie nach Brot. Doch auch im Bereich des Erziehungswesens geht es um die Zukunft der Gesellschaft. Wie wichtig ist die Erziehung zur Kultur der Begegnung sowie zur Achtung der Menschenwürde und des unumschränkten Wertes eines jeden Menschen!

Meine Lieben, obwohl gering an Zahl, seid Ihr Protagonisten des Lebens der Kirche und der Länder, in denen Ihr lebt. Die ganze Kirche ist Euch nahe und unterstützt Euch, mit großer Liebe und Wertschätzung für Eure Gemeinschaften und eure Mission. Wir werden fortfahren, Euch zu helfen mit dem Gebet und mit den anderen verfügbaren Mitteln.

Zugleich rufe ich weiterhin die internationale Gemeinschaft auf, Euren Bedürfnissen und denen der anderen leidenden Minderheiten entgegenzukommen – an erster Stelle durch die Förderung des Friedens auf dem Weg über Verhandlungen und mit Hilfe diplomatischer Aktivitäten, in dem Bemühen, möglichst bald die Gewalt, die schon zu viel Schaden angerichtet hat, einzudämmen und zu stoppen. Ich bekräftige meine ganz entschiedene Missbilligung des Waffenhandels. Wir brauchen vielmehr Friedenspläne und -initiativen, um eine globale Lösung der Probleme der Region zu fördern. Wie lange soll der Nahe Osten noch unter der Friedlosigkeit leiden? Wir dürfen uns nicht mit den Konflikten abfinden, als sei ein Wechsel nicht möglich! Auf der Linie meiner Pilgerreise ins Heilige Land und des nachfolgenden Gebetstreffens im Vatikan mit dem israelischen und dem palästinensischen Präsidenten lade ich Euch ein, weiter für den Frieden im Nahen Osten zu beten. Dass diejenigen, die gezwungen waren, ihr Land zu verlassen, dorthin zurückkehren und in Frieden und Sicherheit leben können. Möge die humanitäre Hilfe gesteigert und dabei immer das Wohl des Menschen und jedes Landes in den Mittelpunkt gestellt werden, unter Achtung der jeweiligen Identität, ohne andere Interessen voranzustellen. Möge die gesamte Kirche und die internationale Gemeinschaft sich der Bedeutung Eurer Präsenz in der Region immer deutlicher bewusst werden.

Liebe christliche Schwestern und Brüder im Nahen Osten, Ihr habt eine große Verantwortung und seid nicht allein bei ihrer Bewältigung. Darum wollte ich an Euch schreiben, um Euch zu ermutigen und um Euch zu sagen, wie wertvoll Eure Gegenwart und Eure Mission in diesem vom Herrn gesegneten Land sind. Euer Zeugnis tut mir so gut. Danke! Jeden Tag bete ich für Euch und Eure Anliegen. Ich danke Euch, weil ich weiß, dass Ihr in Euren Leiden für mich und meinen Dienst für die Kirche betet. Ich hoffe sehr, dass mir die Gnade zuteil wird, persönlich zu kommen, um Euch zu besuchen und Euch zu trösten und zu stärken. Die Jungfrau Maria, die allheilige Mutter Gottes, die auch unsere Mutter ist, begleite und schütze Euch stets mit ihrer zärtlichen Liebe. Euch allen und Euren Familien sende ich den Apostolischen Segen und wünsche Euch, dass Ihr die heilige Weihnacht in der Liebe und im Frieden Christi, des Retters, lebt.

Aus dem Vatikan, am 21. Dezember 2014, dem vierten Adventssonntag

Franciscus

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Quelle

Papst Franziskus: Interreligiöse Generalaudienz vom 28. Oktober 2015

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PAPST FRANZISKUS

INTERRELIGIÖSE GENERALAUDIENZ

ZUM 50. JAHRESTAG
DER PROMULGATION DER KONZILSERKLÄRUNG
NOSTRA AETATE

Mittwoch, 28. Oktober 2015

[Multimedia]

 

Grußworte des Heiligen Vaters an die in der Aula Paolo VI versammelten Kranken:

Guten Tag euch allen! Ihr seid heute  hier, nicht weil wir euch ins Gefängnis verbannt hätten, sondern weil das Wetter schlecht war und es geregnet hat. Ich glaube, jetzt hat es aufgehört, aber es ist unbeständig, so habt ihr es hier bequemer und ruhiger und könnt die Audienz auf der Großleinwand sehen. Und ich werde den Leuten auf dem Platz sagen, dass ihr hier seid, und so grüßen wir uns und sind alle zusammen. Ich bitte euch, für mich zu beten, und ich bete für euch.

Ihr könnt Jesus die Schmerzen der Krankheit aufopfern: Krankheiten sind alle schlimm, alle; wir können sie Jesus aufopfern und vorangehen und um die Gnade bitten, in Traurigkeit und Schmerz nicht die Hoffnung zu verlieren.

Die Hoffnung wird uns Freude schenken. Jetzt beten wir gemeinsam ein Gegrüßet seist du, Maria, und ich gebe euch den Segen. [Ave Maria…]

Eine gute Audienz von hier aus und betet für mich!

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Bei den Generalaudienzen sind oft Personen oder Gruppen anwesend, die anderen Religionen angehören. Heute ist diese Anwesenheit jedoch von ganz besonderer Art, um gemeinsam des 50. Jahrestages der Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils Nostra aetate über das Verhältnis der katholischen Kirche zu den nichtchristlichen Religionen zu gedenken. Dieses Thema lag dem seligen Papst Paul VI. sehr am Herzen. Bereits ein Jahr vor Abschluss des Konzils hatte er am Pfingstfest das Sekretariat für die Nichtchristen errichtet, heute der Päpstliche Rat für den Interreligiösen Dialog. Ich bringe daher den Personen und Gruppen verschiedener Religionen, die heute hier anwesend sind, meinen Dank zum Ausdruck und begrüße sie sehr herzlich – besonders jene, die von weit her gekommen sind.

Das Zweite Vatikanische Konzil war eine außerordentliche Zeit der Reflexion, des Dialogs und des Gebets, um den Blick der katholischen Kirche auf sich selbst und auf die Welt zu erneuern. Eine Deutung der Zeichen der Zeit im Hinblick auf ein »Aggiornamento«, das an einer zweifachen Treue ausgerichtet ist: Treue zur kirchlichen Überlieferung und Treue zur Geschichte der Männer und Frauen unserer Zeit. Denn Gott, der sich in der Schöpfung und in der Geschichte offenbart hat, der durch die Propheten gesprochen hat und in ganzer Fülle in seinem menschgewordenen Sohn (vgl. Hebr 1,1), wendet sich an das Herz und den Geist eines jeden Menschen, der die Wahrheit sucht und nach Wegen, sie umzusetzen.

Die Botschaft der Erklärung Nostra aetate ist immer noch zeitgemäß. Ich rufe kurz einige Punkte in Erinnerung:

– die wachsende Abhängigkeit der Völker untereinander (vgl. Nr. 1);

– die menschliche Suche nach einem Sinn des Daseins, des Leidens, des Todes: Fragen, die unseren Weg stets begleiten (vgl. Nr. 1);

– der gemeinsame Ursprung und das gemeinsame Ziel der Menschheit (vgl. Nr. 1);

– die Einzigartigkeit der Menschheitsfamilie (vgl. Nr. 1);

– die Religionen als Suche nach Gott oder nach dem Absoluten in den verschiedenen Völkern und Kulturen (vgl. Nr. 1); – der wohlwollende und aufmerksame Blick der Kirche auf die Religionen: Sie lehnt nichts von  alledem ab, was in ihnen schön und wahr ist (vgl. Nr. 2); – die Kirche betrachtet die Gläubigen aller Religionen mit Hochachtung und schätzt ihr geistliches und sittliches Bemühen (vgl. Nr. 3); – die Kirche ist offen für den Dialog mit allen, und gleichzeitig ist sie der Wahrheit treu, an die sie glaubt, angefangen bei jener Wahrheit, dass das allen angebotene Heil seinen Ursprung in Jesus, dem einzigen Erlöser, hat und dass der Heilige Geist als Quelle des Friedens und der Liebe wirkt.

In diesen letzten 50 Jahren gab es viele Ereignisse, Initiativen, institutionelle und persönliche Beziehungen zu den nichtchristlichen Religionen, und man kann sie schwerlich alle in Erinnerung rufen. Ein besonders bedeutsames Ereignis war die Begegnung in Assisi am 27. Oktober 1986. Sie wurde vom heiligen Johannes Paul II. ins Leben gerufen und gefördert. Ein Jahr vorher – also vor 30 Jahren – hatte er in einer Ansprache an die jungen Muslime in Casablanca den Wunsch zum Ausdruck gebracht, dass alle an Gott Glaubenden Freundschaft und Einheit zwischen Menschen und Völkern fördern mögen (19. August 1985). Die in Assisi entzündete Flamme hat sich über die ganze Welt ausgebreitet und stellt ein bleibendes Zeichen der Hoffnung dar.

Besonders müssen wir Gott danken für den echten Wandel, den die Beziehung zwischen Christen und Juden in diesen 50 Jahren erfahren hat. Gleichgültigkeit und Gegnerschaft haben sich in Zusammenarbeit und Wohlwollen verwandelt. Von Feinden und Fremden sind wir zu Freunden und Brüdern geworden. Das Konzil hat durch die Erklärung Nostra aetate den Weg aufgezeigt: »Ja« zur Wiederentdeckung der jüdischen Wurzeln des Christentums; »Nein« zu jeder Form von Antisemitismus, Verurteilung jeder Beleidigung, Diskriminierung und Verfolgung, die daraus hervorgehen. Gegenseitige Kenntnis, Achtung und Wertschätzung sind der Weg, der in besonderer Weise für die Beziehung mit den Juden gilt, aber ebenso auf die Beziehungen zu den anderen Religionen zutrifft. Ich denke insbesondere an die Muslime, die – wie das Konzil in Erinnerung ruft – »den alleinigen Gott anbeten, den lebendigen und in sich seienden, barmherzigen und allmächtigen, den Schöpfer Himmels und der Erde, der zu den Menschen gesprochen hat« (Nostra aetate, 3). Sie nehmen Bezug auf die Vaterschaft Abrahams, verehren Jesus als Propheten, ehren seine jungfräuliche Mutter Maria, erwarten den Tag des Gerichts und üben Gebet, Almosen und Fasten (vgl. ebd.).

Der Dialog, den wir brauchen, muss offen und respektvoll sein: Dann erweist er sich als fruchtbar. Die gegenseitige Achtung ist die Voraussetzung und gleichzeitig das Ziel des interreligiösen Dialogs: das Recht des Anderen auf Leben achten, auf körperliche Unversehrtheit, auf die Grundfreiheiten, das heißt Gewissens-, Meinungs-, Gedanken- und Religionsfreiheit. Die Welt blickt auf uns Gläubige, sie mahnt uns, untereinander und mit den Männern und Frauen guten Willens, die sich zu keiner Religion bekennen, zusammenzuarbeiten. Sie bittet uns um konkrete Antworten zu zahlreichen Themen: Friede, Hunger, das Elend, von dem Millionen von Menschen betroffen sind, die Umweltkrise, die Gewalt – insbesondere jene, die im Namen der Religion ausgeübt wird –, die Korruption, der sittliche Verfall, die Krisen der Familie, der Wirtschaft, der Finanz und vor allem der Hoffnung. Wir Gläubige haben keine Patentrezepte für diese Probleme, aber wir haben eine große Ressource: das Gebet. Und wir Gläubige beten. Wir müssen beten. Das Gebet ist unser Schatz, aus dem wir den jeweiligen Traditionen gemäß schöpfen, um die Gaben zu erbitten, nach denen die Menschheit sich sehnt.

Aufgrund von Gewalt und Terrorismus hat sich eine Haltung des Misstrauens oder sogar der Verurteilung der Religionen verbreitet. Obgleich keine Religionsgemeinschaft vor der Gefahr fundamentalistischer oder extremistischer Verblendung bei Individuen oder Gruppen gefeit ist (vgl. Ansprache vor dem Kongress der Vereinigten Staaten von Amerika, 24. September 2015), muss  man auf die positiven Werte blicken, die sie leben und anbieten und die Quelle der Hoffnung sind. Es geht darum, den Blick zu erheben, um voranzukommen. Der auf vertrauensvolle Achtung gegründete Dialog kann Samen des Guten in sich tragen, die wiederum zu Keimen der Freundschaft und der Zusammenarbeit auf vielen Gebieten werden, vor allem im Dienst an den Armen, den Geringen, den alten Menschen, in der Aufnahme der Migranten, in der Aufmerksamkeit für die Ausgegrenzten. Wir können gemeinsam vorangehen, indem wir füreinander und für die Schöpfung Sorge tragen. Alle Glaubenden jeder Religion. Gemeinsam können wir den Schöpfer loben, dass er uns den Garten der Welt geschenkt hat, auf dass wir ihn als gemeinsames Gut bebauen und hüten. Wir können gemeinsame Pläne verwirklichen, um die Armut zu bekämpfen und jedem Mann und jeder Frau würdige Lebensbedingungen zu gewährleisten.

Das außerordentliche Jubiläum der Barmherzigkeit, das vor uns liegt, ist eine günstige Gelegenheit, um im Bereich der Werke der Nächstenliebe zusammenzuarbeiten. Und in diesem Bereich, in dem vor allem das Mitgefühl zählt, können sich uns viele Menschen anschließen, die sich nicht gläubig fühlen oder auf der Suche nach Gott und nach der Wahrheit sind – Menschen, die das Gesicht des Anderen, insbesondere das Gesicht des notleidenden Bruders oder der notleidenden Schwester, in den Mittelpunkt stellen. Die Barmherzigkeit, zu der wir berufen  sind, schließt jedoch die ganze Schöpfung ein, die Gott uns anvertraut hat, um ihre Hüter und nicht ihre Ausbeuter oder – noch schlimmer – ihre Zerstörer zu sein. Wir sollten uns stets vornehmen, die Welt besser zu hinterlassen, als wir sie vorgefunden haben (vgl. Enzyklika Laudato si’, 194), begonnen bei der Umwelt, in der wir leben, bei den kleinen Gesten unseres täglichen Lebens.

Liebe Brüder und Schwestern, was die Zukunft des interreligiösen Dialogs betrifft, so ist das Erste, was wir tun müssen: beten. Und füreinander beten: Wir sind Brüder! Ohne den Herrn ist nichts möglich; mit ihm wird alles möglich! Möge unser Gebet – jeder seiner eigenen Tradition gemäß –, möge es dem Willen Gottes vollkommen treu sein, der wünscht, dass alle Menschen einander als Brüder erkennen und als solche leben und in der Eintracht der Vielfalt die große Menschheitsfamilie bilden.

* * *

Einen herzlichen Gruß richte ich an die Pilger deutscher Sprache, besonders an die Offiziale der verschiedenen österreichischen, niederländischen, schweizerischen und deutschen Diözesen, die zu einer Konferenz nach Rom gekommen sind. Ich begrüße auch aus Bayern den Montinichor und die Schülerinnen und Schüler der Maria-Ward-Realschule aus Burghausen. Bitten wir den Herrn, dass eure Pilgerreise nach Rom euch eine lebendige Erfahrung der Menschheitsfamilie und ihrer Einheit in der Vielheit vermittle. Gott segne euch alle.