„Sind wir Wohnzimmerchristen?“

Messe Hochfest Peter & Paul, 29. Juni 2017

Predigt von Papst Franziskus
am Hochfest Peter und Paul — Volltext

Wir veröffentlichen im Folgenden in der offiziellen Übersetzung die Predigt, die Papst Franziskus am heutigen Donnerstag, dem 29. Juni 2017, Hochfest Peter und Paul, während der Eucharistiefeier auf dem Petersplatz gehalten hat.

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Die heutige Liturgie legt uns drei Worte vor, die wesentlich für das Leben des Apostels sind: Bekenntnis, Verfolgung, Gebet.

Das Bekenntnis ist das des Petrus im Evangelium, als die Frage des Herrn vom Allgemeinen ins Besondere geht. In der Tat fragt Jesus zunächst: »Für wen halten die Menschen den Menschensohn?« (Mt 16,13). Bei dieser „Umfrage“ ergibt sich von vielen Seiten, dass das Volk Jesus als Prophet ansieht. Und so stellt der Meister an die Jünger die wirklich entscheidende Frage: »Ihr aber, für wen haltet ihr mich?« (V. 15). Da antwortet nur Petrus: »Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!« (V. 16). Das ist das Bekenntnis: in Jesus den erwarteten Messias sehen, den lebendigen Gott und den Herrn des eigenen Lebens.

Diese grundlegende Frage richtet Jesus heute an uns, an uns alle, aber besonders an uns Hirten. Es ist die entscheidende Frage, vor der keine Höflichkeitsantworten bestehen können, weil das Leben auf dem Spiel steht: Eine lebenswichtige Frage erfordert eine Antwort fürs Leben. Denn es nützt wenig, die Glaubensartikel zu kennen, wenn man nicht Jesus, den Herrn, im eigenen Leben bekennt. Er schaut uns heute in die Augen und fragt: „Wer bin ich für dich?“ Als würde er sagen: “Bin ich noch der Herr deines Lebens, die Ausrichtung deines Herzens, der Grund deiner Hoffnung, dein unerschütterliches Vertrauen?“ Mit dem heiligen Petrus erneuern auch wir heute unsere Lebensentscheidungals Jünger und Apostel. Gehen wir erneut von der ersten zur zweiten Frage über, um „die Seinen“ nicht nur mit Worten zu sein, sondern mit Taten und im Leben.

Fragen wir uns, ob wir Wohnzimmerchristen sind, die darüber schwatzen, wie die Dinge in der Kirche und in der Welt laufen, oder Apostel auf dem Weg, die Jesus mit dem Leben bekennen, weil sie ihn im Herzen haben. Wer Jesus bekennt, weiß, dass er nicht bloß gehalten ist, Meinungen abzugeben, sondern das Leben hinzugeben. Er weiß, dass er nicht auf laue Weise glauben kann, sondern gerufen ist, aus Liebe zu „brennen“. Er weiß, dass er im Leben nicht auf dem Wohlbefinden „dahintreiben“ und es sich gut gehen lassen kann. Er muss vielmehr das Risiko eingehen, auf die hohe See hinauszufahren, indem er sich jeden Tag neu selbst hingibt. Wer Jesus bekennt, macht es wie Petrus und Paulus: Er folgt ihm bis zum Ende; nicht nur bis zu einem bestimmten Punkt, sondern bis zum Äußersten; er folgt ihm auf der Straße des Herrn, nicht auf unseren Straßen. Seine Straße ist der Weg des neuen Lebens, der Freude und der Auferstehung, der aber auch über das Kreuz und die Verfolgungen geht.

Damit sind wir beim zweiten Wort: den Verfolgungen. Nicht nur Petrus und Paulus haben ihr Blut für Christus vergossen, sondern die gesamte Urgemeinde wurde verfolgt, wie uns die Apostelgeschichte (vgl. 12,1) berichtet hat. Auch heute werden in verschiedenen Teilen der Welt, zuweilen in einem Klima des Schweigens – nicht selten eines mitschuldigen Schweigens –, viele Christen ausgegrenzt, verleumdet, diskriminiert, zum Ziel von mitunter tödlichen Gewaltakten. Nicht selten fehlen die nötigen Bemühungen derer, die dafür sorgen könnten, dass ihre legitimen Rechte geachtet werden.

Ich möchte jedoch vor allem hervorheben, was der Apostel Paulus zum Ausdruck gebracht hat, bevor er, wie er schreibt, »geopfert« wurde (2 Tim 4,6). Für ihn war Christus das Leben (vgl. Phil 1,21), und zwar als der Gekreuzigte (vgl. 1 Kor 2,2), der sich für ihn hingegeben hat (vgl. Gal 2,20). So ist Paulus als treuer Schüler dem Meister gefolgt, indem auch er sein Leben hingegeben hat. Christus gibt es nicht ohne das Kreuz, und ohne das Kreuz gibt es auch keinen Christen. Denn es ist der christlichen Tugend eigen, »nicht nur Gutes zu tun, sondern auch Böses zu ertragen« (Augustinus, Sermo 46,13), wie bei Jesus. Das Böse ertragen heißt nicht nur, Geduld zu haben und mit Ergebung weiterzumachen; ertragen bedeutet Jesus nachzuahmen, bedeutet die Last zu tragen, sie für ihn und für die anderen auf den Schultern zu tragen. Es heißt das Kreuz anzunehmen und vertrauensvoll weiterzugehen, weil wir nicht allein sind, der gekreuzigte und auferstandene Herr ist mit uns. So können wir mit Paulus sagen: »Von allen Seiten werden wir in die Enge getrieben und finden doch noch Raum; wir wissen weder aus noch ein und verzweifeln dennoch nicht; wir werden gehetzt und sind doch nicht verlassen« (2 Kor 4,8-9).

Ertragen heißt mit Jesus siegen zu können, nämlich in der Weise Jesu, nicht in der Weise der Welt. Deshalb sieht sich Paulus als Sieger – wir haben es gehört –, der einen Kranz erhält (vgl. 2 Tim 4,8). Er schreibt: »Ich habe den guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet, die Treue bewahrt« (V. 7). Sein guter Kampf war allein auf ein Leben fürausgerichtet – nicht für sich selbst, sondern für Jesus und für die anderen leben. Er hat „im Lauf“ gelebt: er schonte sich nicht, ja vielmehr verzehrte er sich. Eines habe er bewahrt, so sagt er, nicht die Gesundheit, sondern den Glauben, also das Bekenntnis zu Christus. Aus Liebe zu ihm hat die Prüfungen durchlebt, die Demütigungen und die Leiden, die nie zu suchen, sondern anzunehmen sind. Und so, im Geheimnis der aus Liebe dargebrachten Schmerzen, in diesem Geheimnis, das so viele verfolgte, arme und kranke Brüder und Schwestern auch heute verkörpern, erstrahlt die heilbringende Kraft des Kreuzes Jesu.

Das dritte Wort ist das Gebet. Das Leben des Apostels, das aus dem Bekenntnis entspringt und in die Hingabe mündet, strömt jeden Tag weiter im Gebet. Das Gebet ist das unerlässliche Wasser, welches die Hoffnung nährt und das Vertrauen wachsen lässt. Das Gebet schenkt uns die Erfahrung, dass wir geliebt sind, und erlaubt uns zu lieben. Es lässt uns in den dunklen Augenblicken weitergehen, weil es ein Licht Gottes anzündet. In der Kirche ist es das Gebet, das uns alle trägt und die Prüfungen meistern lässt. Das sehen wir schon in der ersten Lesung: »Petrus wurde also im Gefängnis bewacht. Die Gemeinde aber betete inständig für ihn zu Gott« (Apg 12,5). Eine Kirche, die betet, wird vom Herrn behütet und schreitet in seiner Begleitung voran. Beten bedeutet ihm den Weg anzuvertrauen, auf dass er sich um ihn kümmert. Das Gebet ist die Kraft, die uns vereint und aufrichtet; das Heilmittel gegen die Isolierung und die Selbstgenügsamkeit, die zum geistlichen Tod führen. Denn wenn man nicht betet, weht der Geist des Lebens nicht, und ohne das Gebet öffnen sich nicht die inneren Verließe, in denen wir gefangen sind.

Die heiligen Apostel mögen uns helfen, ein Herz wie das ihre zu erhalten, das von der Mühe und dem Frieden des Gebets geprägt ist: von seiner Mühe, weil es bittet, anklopft, sich fürbittend einsetzt und die Last der Anliegen vieler Menschen und Situationen trägt; aber zugleich von seinem Frieden, weil der Heilige Geist Trost und Kraft gibt, wenn man betet. Wie braucht die Kirche so dringend Meister des Gebets, aber zuallererst betende Männer und Frauen, die wirklich im Gebet leben!

Der Herr greift ein, wenn wir beten; er erweist sich treu gegenüber der Liebe, die wir ihm bekannt haben, und er ist uns nahe in den Prüfungen. Er hat den Weg der Apostel begleitet und er wird auch euch, liebe Kardinäle, begleiten, die ihr hier in der Liebe der Apostel versammelt seid, die ihren Glauben mit dem Blut bekannt haben. Er wird auch euch nahe sein, liebe Erzbischöfe, die ihr durch die Auflegung des Palliums bestärkt werdet, für die Herde zu leben und dabei den Guten Hirten nachzuahmen, der euch erhält, da er euch auf den Schultern trägt. Dieser Herr, der sehnlich danach verlangt, seine Herde ganz vereint zu sehen, segne und beschütze auch die Delegation des Ökumenischen Patriarchats und den geliebten Bruder Bartholomaios, der sie hierher geschickt hat zum Zeichen der apostolischen Gemeinschaft.

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Quelle

Syrien: Für Christen keine Alternative zum Assad-Regime

Syriens Präsident Assad

Die Christen in Syrien unterstützen das Regime von Präsident Bashar Assad allein aus dem Grund, weil sie keine Alternative haben. Das betont der Salzburger Ostkirchenexperte Dietmar Winkler. „Wenn Assad fällt, was passiert dann? Der Einfluss des fundamentalistischen Islam ist im Land bereits so stark, dass es für die Christen dann ganz düster aussehen würde“, so Winkler wörtlich in einem Interview in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Information Christlicher Orient“. Sogenannte „gemäßigte“ Rebellen gibt es laut Winkler in Syrien de facto nicht.„Im Krieg gibt es keine Waisenknaben“, so Winkler. Kriegsverbrechen würden von allen Seiten begangen. Und wenn von mancher Seite das Assad-Regime als unschuldig dargestellt wird, stimme das natürlich auch nicht. Aber, so Winkler: „Die lokalen Bischöfe sagten und sagen mir immer wieder in Gesprächen: Was ist die Alternative für die Christen? Wer schützt die Christen, wenn nicht das Assad-Regime? Welche Perspektiven gibt es überhaupt?“Natürlich sei das Assad-Regime eine Diktatur mit einer „gefürchteten und brutalen“ Geheimpolizei. Und trotzdem: „Vor dem Krieg war Syrien ein relativ stabiler Staat unter der Herrschaft des säkularen Baath-Regimes. Wer sich an den vorgegebenen politischen Rahmen hielt, konnte seine Religion frei leben.“ Das Verhältnis zwischen den Religionen – Sunniten, Alawiten, Christen oder Drusen – sei ein relativ gutes Nebeneinander und oft auch ein Miteinander gewesen.

Dazu komme die Beobachtung: „Dort, wo das Assad-Regime nach wie vor oder nun wieder an der Macht ist, so wie beispielsweise in Aleppo, dort ist die Lage wieder stabiler geworden.“ Nachdem die Assad-Truppen ganz Aleppo unter Kontrolle gebracht hatten, konnten die Christen dort wieder relativ sicher Ostern feiern. „Das war vorher so nicht der Fall. Und das ist auch der Blickpunkt der Christen“, so Winkler.

Christen sind nicht Kollaborateure, sondern Spielball

Dabei dürfe man aber auf keinen Fall sagen, dass die Christen mit dem Assad-Regime kollaborieren. Dafür seien sie auch eine viel zu kleine Minderheit. „Eigentlich sind sie seit vielen Jahrhunderten ein Spielball in Händen der jeweiligen Herrscher vor Ort. Und irgendwie mussten sie immer das Auskommen mit den Herrschenden suchen.“ Deshalb sei es auch nur allzu verständlich, dass Christen an der Gründung der säkularen Baath-Bewegung in Syrien in den 1940er und 1950er-Jahren beteiligt waren. Eine säkulare Politik, die weitgehend Religionsfreiheit einräumt, sei schließlich in einem muslimischen Umfeld die beste Variante für die Christen, zeigte sich Winkler überzeugt.

Das sei natürlich keine Freiheit bzw. Demokratie nach westlichem Muster, räumte der Ostkirchenexperte ein, Man müsse aber vorsichtig sein, westliche demokratische Vorstellungen auf Länder im Nahen Osten zu projizieren. Winkler: „Europa hat 500 Jahre Aufklärung und Reformation inklusive der damit verbundenen Religionskriege durchgemacht. Das Ergebnis dieser europäischen Entwicklung kann man nicht einem anderen Land und seiner Bevölkerung einfach von heute auf morgen überstülpen. Das funktioniert nicht.“ Die Schaffung eines demokratischen Bewusstseins in der Bevölkerung sei ein langer und schwieriger Prozess.

Kein Bürgerkrieg in Syrien

Die Frage, ob der Syrien-Krieg ein Bürgerkrieg sei, verneinte Winkler. Der Krieg sei von außen in das Land getragen worden. „Und es sind die vielen Mächte von außen, die ihre eigenen Interessen verfolgen: die Amerikaner, denen es um Öl geht, die Russen, die ihre Basis im Mittelmeerraum nicht verlieren wollen, der Iran, der seinen Einfluss zum Mittelmeer ausdehnen will; Saudi Arabien, das seine Art des sunnitischen Islam in Syrien und sich als Regionalmacht etablieren will, oder auch die Türkei, die vor allem auch gegen die Kurden operiert.“

Und von allen Seiten würden Waffen geliefert und werde der Krieg nach wie vor befeuert. Winkler: „Der Unterschied ist, dass wir es bei den Russen genau wissen, dass und wie sie Assad unterstützen. Bei den anderen internationalen Akteuren, militärischen Beratern, Spezialeinheiten und Rebellengruppen ist das nicht so deutlich zu erkennen.“ Deutlich sei aber, „dass der Waffennachschub von außen für alle Seiten nach wie vor funktioniert, sonst wäre der Krieg längst zu Ende.“ Ganz klar sei auch, „dass sich die christlichen Führer wieder und wieder für ein Ende der Gewalt und ein Ende der Interventionen von außen ausgesprochen haben“.

(kap 22.05.2017 pr)

Hindunationalisten streben gewaltsam nach Einschränkung der Freiheit der Christen

Indien, Fahne / Wikimedia Commons – SKopp, Public Domain

Im laufenden Jahr 2017 kam es bereits bis Mitte Mai zu 260 Vorfälle

Immer häufiger werden Christen wegen ihres Glaubens in Indien angegriffen. „Das ist eine alarmierende Situation für uns“, erklärte Shibu Thomas, der 2015 die ökumenische Organisation Persecution Relief gegründet hat. Die Einrichtung bietet Opfern von Übergriffen in Indien Unterstützung an und dokumentiert diese. Für das laufende Jahr 2017 legte sie bereits Zahlen vor.

Demnach kam es bereits bis Mitte Mai zu 260 Vorfällen, die bekannt wurden. Im gesamten letzten Jahr waren dies 348 Übergriffe. Die Organisation zählt dazu körperliche Gewalt, Zerstörung von Kirchen, Nachstellungen, Bedrohungen, gesellschaftlichen Boykott, Hasskampagnen und sogar Entführungen sowie Mordversuche.

Indische Medien berichteten Anfang der Woche, dass zweimal, jeweils am Samstag sowie am Montag, evangelische Christen in Vororten von Bangalore, der Hauptstadt des südwestlichen Bundesstaats Karnataka, zur Zielscheibe gewalttätiger Hindunationalisten wurden. Zuvor hatten die Angreifer sie beschuldigt, Menschen zur Konversion gedrängt zu haben. Daraufhin steckten die Täter Kisten mit christlichem Informationsmaterial in Brand, das die Christen an öffentlichen Plätzen Passanten angeboten hatten.

Das Recht auf Mission wird von den Vereinten Nationen anerkannt und dessen Schutz wird unter den Bedingungen einer umfänglichen Religionsfreiheit gewährleistet. Jedoch ist in einigen indischen Bundesstaaten Mission unter Hindus verboten, Karnataka, wo viele Christen leben, gehört noch nicht dazu. Der Vorwurf, gegen die Anti-Konversionsgesetze verstoßen zu haben, führte mehrfach in Vergangenheit zu Spannungen und zu Gewalt zwischen den Religionsgruppen.

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Bischof von Aleppo: „Es gibt ein Projekt, Syrien zu teilen“

Bischof Antoine Audo

Mit seinem Militärschlag in Syrien hat US-Präsident Donald Trump alle überrascht – vielleicht sogar sich selbst. Aber was sagen eigentlich die Menschen in Syrien zu dieser neuen Lage? Macht ihnen Trumps Eingreifen Hoffnung oder eher Sorgen? Das fragten wir den chaldäischen Bischof von Aleppo, Antoine Audo.

„Es war wirklich für alle eine Überraschung! Das ist etwas Neues – es wirkt wie ein Wandel in der Militärpolitik auf internationalem Level. Aber keiner weiß, wohin die Reise geht. Hier in Syrien fragen sich die Leute (ich selbst nicht, aber die Leute): War vielleicht diese Sache mit den Chemiewaffen nur eine Vorbereitung für dieses Eingreifen? Um die öffentliche Meinung in der Welt darauf vorzubereiten? So etwas sagen sie.“

Das muss man sich mal vorstellen: Als wäre Assads Einsatz von Chemiewaffen sozusagen mit den Amerikanern abgesprochen oder ihnen jedenfalls willkommen gewesen, um einen Vorwand zum Angriff zu haben! Einem Beobachter aus dem Westen mag das absurd erscheinen. Aber ist es nicht auch verständlich, dass viele Syrer nach sechs Jahren Bürgerkrieg und Verwicklungen nicht mehr wissen, was sie denken und glauben sollen?

„Die Menschen, die zu den bewaffneten Gruppen halten, sind zufrieden, weil (Trumps Luftschlag) dem syrischen Staat Zerstörungen eingebracht hat. Viele denken so. Die anderen dagegen warten jetzt ab, wie es weitergeht.“ Und was denkt Bischof Audo selbst? Der Jesuit, der auch Caritaschef für Syrien ist, antwortet unumwunden: „Es gibt ein Projekt, Syrien zu teilen. All das bereitet dem irakischen Modell den Boden – das ist eine ständige Mahnung für uns. Wir dachten ja früher immer: Das, was im Irak passierte, kann bei uns nicht passieren. Aber jetzt sehen wir das alles.“

Audo meint damit: Den Christen droht die Vertreibung aus Syrien. Tatsächlich drohen sie in Syrien in eine ähnliche Falle zu geraten wie im Irak. Als Minderheit, die nach Schutz sucht, haben sie sich lange – vielleicht zu lange – an das jeweilige Regime gehalten, Saddam im Irak, Assad in Syrien. Gerät allerdings das Regime ins Wanken, dann schützt niemand mehr die Christen vor dem Zorn der lange unterdrückten sunnitischen Muslime.

„Offenbar hat die syrische Regierung die Kontrolle der Linie wiedererlangt, die sich von Damaskus bis nach Aleppo zieht. Damit hat sie die wichtigsten Städte unter Kontrolle: Damaskus, Aleppo, Homs, Hama und die Städte an der Mittelmeerküste. Aber gleichzeitig gehen die Angriffe weiter. Immer wieder mal gibt es Bombardements in Damaskus, auch in Aleppo und in Homs. Es ist noch nicht vorbei!“„Wir Christen haben schon alles verloren“

Bischof Audo ist fest davon überzeugt, dass der Krieg schon lange vorüber wäre, hätten sich nicht ausländische Akteure eingemischt. Syrer unter sich würden sich schon einig, glaubt er. Aber leider sei der Krieg an Euphrat und Tigris längst ein Bündel aus widerstreitenden internationalen Interessen.

„Ich glaube, es geht da vor allem um wirtschaftliche Interessen. Alles dreht sich um die Frage von Gas und Öl. Das ist das eine. Das andere ist der islamische Level. Da wird dieser Kampf zwischen Schiiten und Sunniten im ganzen Nahen Osten am Leben gehalten, um den Waffenhandel voranzubringen. Innerhalb Syriens wird dann dieses Ungleichgewicht zwischen Minderheiten und Mehrheiten ausgenutzt – ich denke, das ist das Problem.“ Da ist ja nicht nur die christliche Minderheit: Auch Staatschef Baschar al-Assad gehört zu einer islamischen Minderheit, mit der er die Mehrheitsbevölkerung in Schach hält.

In Aleppo können die chaldäischen Christen jetzt zum ersten Mal seit Jahren Ostern ohne Belagerungsring und Bombardements feiern. Dass das Regime die Kontrolle über Aleppo wiedererlangt hat, erlebten die Christen in der früheren Wirtschaftsmetropole als Befreiung. „Ich war am letzten Freitag sehr überrascht: Wir haben da immer nach der Messe noch einen Kreuzweg, und die Kirche war viel voller als sonst! Das war früher, während der Bombardements und der Unruhe und Angst, so gewesen – aber jetzt kommen die Leute wieder en masse in die Kirche. Dieser Glaube ist etwas Außerordentliches… Er ist alles, was wir noch haben, denn wir sind ja ohne politische oder wirtschaftliche Mittel. Wir tun alles, um die christliche Präsenz hier zu sichern. Wir verfolgen keinerlei Eigeninteresse. Alle anderen haben ihre Interessen in diesem syrischen Krieg: international, regional, lokal. Nur wir Christen, wir haben schon als erste alles verloren.“

(rv 11.04.2017 sk)

Gebetsmeinung März: Hilfe für die verfolgten Christen

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Franziskus am Aschermittwoch in der Kirche Santa Sabina

Der Papst ruft zum Gebet für verfolgte Christen auf – die Gebetsmeinung des Heiligen Vaters für den Monat März veröffentlichte der Vatikan an diesem Donnerstag. Eingeschlossen darin sind Katholiken, Orthodoxe und Protestanten.„Wie viele Menschen werden aufgrund ihres Glaubens verfolgt! Sie werden gezwungen, ihr Zuhause, ihre Kirchen, ihr Land und alles, was ihnen teuer und lieb ist, zu verlassen. Sie werden verfolgt und hingerichtet, weil sie Christen sind. Ihre Verfolger machen keinen Unterschied, welcher Konfession sie angehören. Ich möchte Ihnen eine Frage stellen: Wie viele von Ihnen beten für die verfolgten Christen? Lassen Sie sich dazu ermutigen, es mit mir zu tun: Damit unsere Brüder und Schwestern die Hilfe aller Kirchen und Gemeinschaften erfahren, durch Gebet und materielle Hilfe!“

(rv 02.03.2017)

Der Westen muss die verfolgten Christen retten

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Zerstörte Kirche / © KiN – KIRCHE IN NOT

Der weltliche, egalitäre Westen
leugnet seine christliche Vergangenheit und sein Erbe

Christen sind seit den Anfängen ihres Glaubens verfolgt worden und dies wird sich wohl so fortsetzen. Aber so paradox dies auch klingen mag: Das Christentum hat sich auch durch das Zeugnis der Märtyrer verbreitet. Obgleich sie in diesen Tagen nicht mehr den Löwen zum Fraß vorgeworfen werden, erfahren einige harte Strafen für den Besitz einer Bibel, etwa in Saudi-Arabien; in Nordkorea werden sie deswegen sogar hingerichtet. Oder sie werden durch den Islamischen Staat in Syrien und im Irak gekreuzigt. Ihre Geschichten verdienen es, erzählt zu werden.

Es ist schwer zu schätzen, wie viele Christen in den früheren Jahrhunderten für ihren Glauben gestorben sind, aber die absoluten Zahlen sind in unserer Zeit gewiss höher. Der emeritierte Papst Benedikt XVI. erklärte im Jahr 2010 zu Recht, dass die Christen aktuell die am meisten verfolgte Glaubensgruppe sind, und auch Papst Franziskus erwähnt diese Tatsache häufig.

Dies ist kein neues Phänomen. Im Jahre 1860 griffen Muslime Christen in Damaskus an und töteten Zehntausende von Zivilisten und zerstörten Hunderte von christlichen Dörfern und Kirchen. Der Kirchenstaat und westlichen Konsulate begannen sofort mit Maßnahmen zur Rettung des Christentums in der Levante. Allmählich intervenierten vor allem die westlichen Mächte Frankreich und Großbritannien, aber auch Russland, und drohten dem osmanischen Sultan mit Sanktionen, wenn er nicht sofort die Massaker aufhöre. Kriegsschiffe schossen im östlichen Mittelmeer und die Massaker stoppten innerhalb einer Woche.

Im Gegensatz dazu, als 21 koptische Christen in Libyen voriges Jahr enthauptet wurden, war die Reaktion des Westens beschämend, was jedoch nicht überraschte. Das Weiße Haus und der Élyséepalast verurteilten die Gewalt und die Verbrechen gegen Unschuldige. Aber in den Erklärungen wurde weder explizit erwähnt, dass die Mörder islamistische Extremisten waren, noch dass die Opfer, einfache Arbeiter, schlicht nur getötet wurden, weil sie Christen waren. Die Islamisten haben selbst ein Video herausgegeben, in dem sie unverblümt ihre Gefangenen als koptisch-orthodox identifizierten.

Nach dem Massaker verhängte die ägyptische Regierung drei Tage Staatstrauer und bombardierte die Positionen der Terrorgruppe in Libyen. Ägyptens Präsident versprach, dass eine Kirche in Erinnerung an die Märtyrer im Gouvernement Minya, der Heimat der Opfer, gebaut werden würde.

In Frankreich marschierten 3,5 Millionen Menschen, darunter rund 50 Staatsoberhäupter, aus Solidarität mit den Opfern von Charlie Hebdo, währenddessen kein Massenlauf wegen der libyschen Märtyrer organisiert wurde. Sogar nur wenige politische oder religiöse Führer drückten ihre Solidarität mit den verfolgten Christen aus.

Der weltliche, egalitäre Westen leugnet seine christliche Vergangenheit und sein Erbe und spielt sich selbst vor, dass Freiheit die Freiheit von christlichen Elementen bedeute. Die Zeichen der Entchristlichung sind im Alltag offensichtlich, indem christliche Stimmen aus dem öffentlichen Raum ausgeschlossen und – im Namen der Toleranz – sogar als Hassreden bezeichnet werden. Das kann nicht so weitergehen, wenn der Westen keinen Selbstmord begehen will.Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg brachte Wohlstand in Westeuropa, was zu einem Rückgang der Geburtenraten und einem wachsenden Bedarf an billigen Arbeitskräften führte. Die konsequente Liberalisierung der Einwanderungspolitik und die Bemühungen um die Wiedervereinigung der Familien führten zu einem starken Anstieg der Zahl der muslimischen Zuwanderer in Westeuropa – weit mehr als in Nordamerika. Die aktuelle demographische Entwicklung zeigt, dass Muslime in vielen europäischen Städten innerhalb einiger Jahrzehnte zur Mehrheit der Jugendlichen werden können.

Ölreiche arabische Monarchien liefern die Mittel, um den Einfluss islamischer Interessengruppen in der Bildung und in der Innen- und Außenpolitik der EU-Mitgliedstaaten zu erhöhen. Die Identitätskrise und die Säkularisierung der Christen machen das Thema noch schwieriger.

Europäische Christen reagieren nicht, auch wenn die Wahrheit auf ihrer Seite ist. Wann haben Sie etwa das letzte Mal von den vielen historischen Angriffen der Muslime gegen den Westen gehört?

Dies sind nur einige der vielen Gründe, warum einige der Muslime mit Migrationsgeschichte in der zweiten Generation durch extremistische muslimische Prediger radikalisiert wurden, die – Gegensatz zu Christen – wirklich Hass predigen. Der Westen sollte mehr über die Opfer christenfeindlicher Diktaturen (Nationalsozialismus, Kommunismus) reden, um dem säkularen Narrativ zu begegnen. Gerade christliche Medien sollten beständig die zahlreichen Menschen rund um den Erdkreis in den Fokus rücken, die mit alltäglichen Schwierigkeiten konfrontiert oder mit dem Tode bedroht sind, weil sie Christen bleiben wollen.

Vom Westen, post-christlich wie er hofft zu sein, kann aktuell nicht wirklich gesagt werden, dass er Menschenrechte schütze, wenn er nicht sicherstellt, dass Menschen ihren Glauben frei ausüben können. Wir, die wir in Europa leben, versagen in dieser Hinsicht und auch Staaten in den USA erweisen sich als unfähig, das Recht auf Gewissensfreiheit zu verteidigen. Die Alte und die Neue Welt, beide sollten aufwachen, da Islamisten Enthauptungen wie die in Libyen in den Strassen von London und Paris oder sogar in Nordamerika wiederholen könnten. Wer wird dann übrig sein, um zu den verfolgten Christen im Westen zu stehen?

Youssef Fakhouri (29) ist Ungar, dessen Großeltern aus dem Libanon nach Europa kamen. ZENIT hat den Beitrag, erstmals erschienen in „The Catholic Thing“, aus dem Englischen übersetzt und gekürzt.

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Quelle

2016 wurden etwa 90.000 Christen getötet

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Helfen Sie Christen! Gebäude-Beleuchtung in Norditalien

Das ist eine Zeit der Märtyrer – Papst Franziskus hat an diesem Montag erst wieder daran erinnert. 90.000 Christen sind im Jahr 2016 um ihres Glaubens willen ermordet worden, sagt der italienische Forscher Massimo Introvigne, der ein internationales Netzwerk namens „Studienzentrum Neue Religionen“ leitet.

„Nächsten Monat erscheint eine neue Statistik. Aus ihr ergibt sich, dass alle sechs Minuten ein Christ um seines Glaubens willen umgebracht wird. Diese Zahl ist etwas zurückgegangen im Vergleich zu den 105.000 Getöteten vor zwei Jahren. Die meisten Morde an Christen, siebzig Prozent bzw. 63.000 Menschen, geschehen bei Stammeskonflikten in Afrika. Das US-„Center for Study of Global Christianity“ nimmt sie mit auf in seine Statistik, weil man bei den meisten Christen davon ausgeht, dass sie sich aus Gewissensgründen geweigert haben, zu den Waffen zu greifen. Die übrigen dreißig Prozent, also 27.000 Menschen, rühren aus Terroranschlägen her, aus der Zerstörung christlicher Dörfer oder Verfolgungen durch eine Regierung wie etwa die nordkoreanische.“

Hauptgrund: Stammeskonflikte

Und was sagen die Schätzungen zur Zahl der weltweit verfolgten Christen? Auch darauf hat Introvigne eine Antwort: „Wenn man die Statistiken von mindestens drei US-Forschungszentren und meinem eigenen Netzwerk zusammensieht, kommt man auf etwa 500 bis 600 Millionen Christen, die ihren Glauben nicht völlig frei leben können. Ohne die Leiden von Mitgliedern anderer Religionen in irgendeiner Weise herunterzuspielen, sind doch die Christen die bei weitem am stärksten verfolgte religiöse Gruppe in der Welt.“

Zurück zur Zahl der um ihres Glaubens willen ermordeten Christen im Jahr 2016: „Man kann sich über die Statistiken wundern; das „Center for Study of Global Christianity“ spricht nämlich von 90.000 Christen, andere hingegen von nur einigen Tausend, wieder andere nur von einigen Hundert. Wenn die Diskrepanzen so groß sind, ist klar, dass da verschiedene Dinge gezählt werden. Wer die Menschen zählt, die bewußt vor die tragische Wahl gestellt werden: Verleugne deinen Glauben oder stirb!, der kommt jedes Jahr auf einige Hundert. Andere sehen die Sache weniger eng: Da werden nicht nur Kandidaten für eine Seligsprechung gezählt, sondern auch die Christen, die wegen bestimmter Glaubensgesten oder –praktiken getötet werden, das sind dann einige Tausend. Spricht man hingegen in weiterem Sinn von Menschen, die umgebracht werden, weil sie Christen sind, dann kommt man auf 90.000 Menschen – das heißt, ein Toter alle sechs Minuten.“

Statistiken und Schicksale

Hinter den blanken Zahlen sind natürlich einzelne Schicksale besonders anrührend. Wie etwa die der Christen im Herrschaftsbereich der Terrorgruppe „Islamischer Staat“.

„Ja, auf dem Gebiet des sogenannten Islamischen Staats gibt es verschiedene Fälle, die die Kirche auch schon mit Blick auf eine mögliche Seligsprechung untersucht. Es gibt Christen, die bewußt in diesen Gebieten geblieben sind, um dort so gut wie möglich ihren Glauben zu bezeugen. Allerdings tötet der IS auch viele Muslime; für 2016 liegt die Zahl der Christen und die der Muslime, die um ihres jeweiligen Glaubens willen umgebracht wurden, in etwa gleichauf – wenn wir Afrika ausnehmen. Muslime werden in der Regel von anderen Muslimen getötet: die Schiiten durch Sunniten, das ist der häufigste Fall. In einigen Fällen werden Muslime, die mit einer bestimmten Ausrichtung des Islams nicht einverstanden sind, von extremistischen Muslimen umgebracht. So verhält sich das auch beim IS.“

(rv 27.12.2016 sk)