Christenverfolgung in Zeiten der Selbstverachtung

Gemäß dem aktuellen Verfolgungsindex der Hilfsorganisation „Open Doors“ werden weltweit bis zu 200 Millionen Christen verfolgt. Lebensbedrohlich ist das Leben für Protestanten, Katholiken oder Orthodoxe in Nordkorea, wo etwa 300.000 Christen ihre Religion verleugnen müssen, während 70.000 Gläubige in Gulags interniert sind. In Afghanistan, Ägypten, Somalia, Sudan, Pakistan, Eritrea, Libyen, Irak, im Jemen und im Iran gibt es täglich Gewalt gegen Christen, Diskriminierung, Ausgrenzung, Benachteiligung und Schikane durch den Staat oder gesellschaftlichen Druck.

Die Organisation „ADF International“, vernetzt mit den Vereinten Nationen, der OECD und dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, hilft verfolgten Christen mit juristischen Experten. In Indien etwa gewannen Partneranwälte schon mehr als 200 Fälle, in denen sie Pastoren, Bischöfe, Missionare oder Familien pro bono verteidigten, die aufgrund ihres Glaubens vor Gericht standen. Das Hilfswerk „Kirche in Not“ spricht von der „grössten Christenverfolgung seit 2000 Jahren“.

Einige Fachleute und Organisationen interpretieren die Entwicklung rein geopolitisch, andere machen islamistische und nationalistische Bewegungen in Afrika, Asien und im Mittleren Osten dafür verantwortlich. „In vielen Ländern treiben Islamisten die Radikalisierung größerer Bevölkerungsteile voran und stürzen sie in Krieg und Chaos,“ schreibt „Open Doors“. Nach den neusten Terroranschlägen in Sri Lanka betonte Volker Kauder, Ex-Fraktionschef im Deutschen Bundestag: „Das ist leider kein Einzelfall. Ich sehe mit großer Besorgnis die wachsende Christenverfolgung im gesamten asiatischen Raum. Nationalistische Bewegungen von Buddhisten, Hindus und Muslimen werden immer militanter.“

Neben dieser physischen, rohen Form der Christenverfolgung gibt es aber auch in den USA oder in Europa eine subtile Form der Verfolgung. Dies zeigt ein aktueller Bericht des “Observatory on Intolerance and Discrimination against Christians”, eine Dokumentationsstelle, die von der OSCE konsultiert wird. Jährlich werden Hunderte von Fällen gesammelt, vom Arzt, der sich weigert, Abtreibungen durchzuführen und deswegen keinen Job mehr hat, über den Politiker, der gegen die Homoehe votiert und dessen Karriere daraufhin stillsteht.

Gebet als „grobes Fehlverhalten“

Der Bericht zeigt auch, wie christentumsfeindlich das Klima etwa an Deutschen Universitäten geworden ist. Christlichen Gruppen, die nicht missionieren, sondern nur ihre Perspektive in politische, geistesgeschichtliche oder gesellschaftliche Debatten einbringen wollen, wird nicht nur die Anerkennung in Studentenräten verweigert, sondern man verbietet ihnen den Gebrauch von Campuseinrichtungen, das Verteilen von Flyern oder die Durchführung von Veranstaltungen.

Ein Beispiel aus Frankreich: 2017 hat die Nationalversammlung ein Gesetz gegen das „Verbreiten von irreführenden Informationen“ zur Abtreibung verabschiedet. Seither darf man nicht mehr sagen, das werdende Leben sei von Beginn weg menschlich oder man müsse Frauen vor dem „Post Abortion Syndrom“ warnen. Im Grunde muss man per Gesetz „Pro Choice“ statt „Pro Life“ sein, womit alle Websites von Lebensschutzbewegungen kriminalisiert werden.

Ein Beispiel aus England: eine christliche Krankenschwester wurde trotz langjähriger Verdienste wegen „groben Fehlverhaltens“ aus dem staatlichen Gesundheitsdienst entlassen, nachdem sie mit Einverständnis der Patienten über den Glauben gesprochen oder gelegentlich Gebete als Hilfe für die Vorbereitung auf Operationen angeboten hatte. In Schweden darf in einem christlichen Privatkindergarten auf Druck der regionalen Regierung vor dem Essen überhaupt nicht mehr gebetet werden.

„Die Ausgrenzung und das negative Stereotypisieren von Christen sind inakzeptabel. Christentumsfeindlichkeit darf in Europa nicht salonfähig werden,“so Martin Kugler, Präsident des „Observatory”. Interessant dabei ist, dass auch Papst Franziskus von einer „höflichen“ Christenverfolgung in Europa gesprochen hat. Diese sei „verkleidet als Kultur, getarnt als Moderne, als Fortschritt“. Eine Einschätzung, die der päpstliche Gesandte in Bern, Erzbischof Thomas Gullickson, auf Anfrage bestätigt: „Es gibt in Europa Diskriminierung von Christen. Man kämpft gegen die christliche Idee von Ehe und Familie, die natürlichen Unterschiede von Mann und Frau, gegen den Lebensschutz für Kinder im Mutterbauch oder vor Euthanasie am Lebensende. Es ist ein Kampf gegen das Christentum als geistige Wurzel des Westens.“

„Eine fast unheimliche Nichtbeachtung“

Trotz der dramatischen Zunahme der weltweiten Christenverfolgung behandeln viele westliche Medien und Politiker das Thema entweder gar nicht oder nur am Rande. Gemäß dem Linzer Bischof Manfred Scheuer handelt es sich um „eine fast unheimliche Nichtbeachtung.“ Und der Chefredakteur der Catholic News Agency Deutschland, Anian Christoph Wimmer, sagt: „Die Christenverfolgung ist eine blutige Realität, die westliche Politiker und leider auch Bischöfe und andere Katholiken ausblenden, ja, mit wohlfeilen Worten abspeisen. Ich fürchte, es werden viele Kirchen brennen, auch in Europa, bis dieses eigentliche Problem eingestanden und angepackt wird.“

Auffällig ist, dass man in öffentlichen Debatten, aber auch in populären Filmen oder Serien  glaubenstreue Christen oft als rückständig und fundamentalistisch darstellt. So, wie die Medien auch den „Marsch fürs Leben“ oft mit verblendeten Reaktionären und „Abtreibungshassern“ gleichsetzen. Da passt es ins Schema, wenn in Schweden eine sozialdemokratische Politikerin 2017 kein Problem damit hat, Djihadisten mit Abtreibungsgegnern zu verglichen, während in Deutschland der ZDF-Moderator Klaus Kleber den Katechismus der katholischen Kirche auf die gleiche Stufe wie die Scharia stellt. Das fördert ein Klima, in dem Christen, die einen Job zu verlieren haben, sich hüten, öffentlich zu ihrem Glauben zu stehen oder entsprechende Artikel auch nur zu liken.

Vielleicht ist das einer der Gründe, warum Kardinal Francis George, Erzbischof von Chicago, vor einigen Jahren sagte: „Ich erwarte, im Bett zu sterben, mein Nachfolger wird im Gefängnis sterben und dessen Nachfolger wird als Märtyrer auf einem öffentlichen Platz sterben.“ Eine düstere Prognose, die man natürlich nicht teilen muss. Sicher aber ist, dass das Ermorden, Vergewaltigen, Verbrennen, Attackieren, Stigmatisieren und Ausgrenzen von Christen kaum je einen medialen Aufschrei auslöst, einen Mahnmarsch, eine große Solidaritätskundgebung. Einen Aufschrei, der andererseits selten ausbleibt, wenn es nicht um Christen geht, sondern um bedrohte Muslime, um «Me too», Donald Trump oder den Klimawandel.

Es herrschen offensichtlich Doppelstandards. Ein Phänomen, das der deutsch-israelische Psychologe und Autor Ahmad Mansour nach den islamistischen Anschlägen in Sri Lanka so kommentierte:

„Bei den Anschlägen in Neuseeland (Christchurch) sucht man die Zusammenhänge zwischen den Tätern und der rechtsradikalen Ideologie! Muslimfeindlichkeit und sogar Islamkritiker sollen mögliche Ursache für die Gewalt sein. Und jetzt in Sri Lanka? Jetzt haben die islamistischen Attentäter gar nichts mit der Religion zu tun? Obwohl sie sich darauf berufen? Obwohl manche Theologie mehrfach Gründe für den Hass und die Abwertung von Anderen (Christen, Juden) liefert. Man ist nicht bereit, bei islamistischen Anschlägen überhaupt Zusammenhänge zu erwähnen, sie dürfen nicht existieren!“

Diese beobachtete Ungleichbehandlung ist nichts Neues und gereicht in der öffentlichen Wahrnehmung fast immer den Christen zum Nachteil und nährt den Verdacht, dass große Teile unseres Establishments tatsächlich einen „Kampf gegen das Christentum als geistige Wurzel des Westens“ führen. Die Frage ist nur, warum eigentlich?

Es läuft auf kulturelle Selbstverachtung hinaus

Könnte es mit dem sogenannten Multikulturalismus zusammenhängen, der nach wie vor viele Anhänger hat? Zu dieser Weltanschauung gehört die Vorstellung, dass alle Kulturen gleichwertig sind. Das Problem: wie soll man auf dieser Grundlage die Tatsache erklären, dass die westliche Zivilisation für den Rest der Welt seit Jahrzehnten offenbar so attraktiv ist, dass immer wieder Millionen von Migranten aus nicht-westlichen Kulturen herkommen, aber nicht umgekehrt? Hat es damit zu tun, dass nur im christlich geprägten Westen die Menschenrechte entstehen konnten und heute ein Grad an Freiheit und Massenwohlstand existiert, wie die Geschichte ihn noch nie erlebt hat?

Doch Anhänger des Multikulturalismus lassen keine Überlegenheit der freien Welt gelten. Vielmehr kritisieren sie einen militärisch-ökonomischen Imperialismus, mit dem andere Kulturen angeblich seit Jahrhunderten an den Rand der Weltgeschichte gedrückt und ausgebeutet werden. Deswegen gehört zur Weltanschauung des Multikulturalismus immer ein Schuldeingeständnis für die „verbrecherische“ Vorherrschaft des Westens – und eine entsprechende Suche nach den Opfern dieser bösen, patriarchalen Kultur.

Populäre Opfergruppen sind Frauen, Menschen mit nicht-weißer Hautfarbe und nicht-heterosexueller Orientierung. Diese Gruppen werden regelmäßig nicht nur von westlichen Soziologen, Historikern oder Politikern dazu benutzt, den Westen anzuprangern, sondern auch von Kulturschaffenden und Journalisten. Das Ganze läuft auf eine kulturelle Selbstverachtung hinaus, bei gleichzeitiger Idealisierung fremder Kulturen und Ethnien. Man könnte sagen: es handelt sich um eine kollektive Depression von Leuten, die es nicht als Privileg und Verdienst ihrer Vorfahren ansehen, der westlichen Gesellschaft angehören zu dürfen, sondern die damit ein Problem haben.

Was aber bedeutet das am Ende für die Christen selber? Für die Familien, die Gemeinschaften, die Kirchen? Sie müssen damit rechnen, dass man ihr brutales Leiden und Sterben in Afrika, Asien und dem Mittleren Osten seitens Europa weiterhin mehrheitlich ignoriert, ja dass man dieses Leiden insgeheim sogar als Sühne für den bösen, patriarchalen Westen ansieht. Und dass die Diskriminierung und Ausgrenzung von bekennenden Christen in Europa weiter zunehmen wird. Vielleicht müssen sich die Christen schließlich schmerzhaft daran erinnern, dass Verfolgung und Kreuz seit jeher zum Christentum gehört haben. Schon im römischen Reich wurden die Christen, eine kleine, damals fremdartig anmutende Minderheit, von Römern wie Griechen belächelt, verachtet und auch gehasst.

Auf eindrückliche Weise ist dies festgehalten im „Brief an Diognet“, eine von einem Unbekannten verfasste Schrift aus der frühchristlichen Literatur, wahrscheinlich aus dem 2. oder 3. Jahrundert. Darin wird erklärt, dass die Christen der Antike weder durch Heimat noch durch Sprache oder Sitten von den übrigen Menschen verschieden gewesen sind, dass sie sich an allem wie Bürger beteiligt haben. Es wird erklärt, dass jede Fremde für den Christen damals ein Vaterland und jedes Vaterland eine Fremde gewesen ist, und dass diese Leute wie alle andern geheiratet und Kinder gezeugt, die Geborenen aber nicht ausgesetzt haben, wie das damals offenbar üblich gewesen ist. Zum Schluss heißt es im Brief: „Sie weilen auf Erden, aber ihr Wandel ist im Himmel (…) Sie werden missachtet und in der Missachtung verherrlicht; sie werden geschmäht und doch als gerecht befunden. Sie werden gekränkt und segnen, werden verspottet und erweisen Ehre. Sie tun Gutes und werden wie Übeltäter gestraft. Sie werden angefeindet wie Fremde und verfolgt; aber einen Grund für ihre Feindschaft vermögen die Hasser nicht anzugeben.“

Giuseppe Gracia (51) ist Schriftsteller und Medienbeauftragter des Bistums Chur. 

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Weltwoche (Schweiz).

Indien – Nonnen verprügelt und katholische Schule angezündet

Indien –  Mitglieder der radikalen Bewegungen Rashtriya Swayamsevak Sangh, einer hinduistischen, paramilitärischen Gruppe, attackierten Anfang der Woche eine katholische Schule und Kapelle. Dabei zerstörten sie Statuen der Jungfrau Maria und verletzten die Nonnen dort.

Unfassbare Mobgewalt entfesselten hinduistische Extremisten gegen eine katholische Schule, die von Nonnen betrieben wurden. Die Frauen wurden geschlagen und man versuchte sie sogar zu strangulieren. Eine Statue der Jungfrau Maria wurde enthauptet und zerstört, nachdem bereits der Altar der Kapelle mit einer Hacke demoliert und in Brand gesteckt wurde. Die Extremisten verwüsteten die Schule und machten auch nicht vor dem Personal halt, das zum Teil schwer verletzt in die örtlichen Krankenhäuser verbracht wurde, berichtet Asianews.com.

Es ist nicht der erste Angriff auf religiöse Minderheiten in Indien. Das Land ist bekannt für häufig ausbrechende interreligiöse Gewalt. Sowohl Muslime als auch Hindus sind dabei häufig Täter, die sich entweder aneinander oder an Minderheiten wie Christen und Buddhisten vergreifen. Angriffe gegen Christen erlebten in den letzten Jahren in Indien neue Höchstwerte. Allein in den ersten zwei Monaten des Jahres 2019 stieg die Anzahl um 57% Prozent, so Breitbart.

Die Franziskaner, die die Schule betreiben, sprechen von einer koordinierten Attacke auf die christliche Gemeinde. Die etwa 2150 Schüler dort sind teilweise Kinder aus sehr ärmlichen Familien, die im indischen Kastensystem ganz unten angesiedelt sind.

Obwohl die Schule direkt neben einer Polizeistation war, griffen die Polizisten nicht ein und ließen das Pogrom geschehen.  Gewalt gegen Christen ist weltweit auf einem Höchstand, berichtet die NGO Open-Doors, die sich auf den Schutz der Christen spezialisiert hat. Vorreiter bei der Christenverfolgung sind mehrheitlich muslimische Länder. Aber auch Indien, China und Nordkorea gehören zu den besonders christenfeindlichen Nationen. (CK)

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Quelle

„Anpassungsschlau: Stromlinienform statt prophetische Kraft“

31 Januar 2019, 09:20

„Weltweit befindet sich das Christentum zwischen fundamentalistischen und gewaltbereiten ‚Religionen‘ und totalitären Ideologien des dechristianisierten Westens, die uns vor Wahl Anpassung oder Marginalisierung stellen.“ Von Gerhard Kardinal Müller

Köln (kath.net) kath.net dokumentiert das (nach wie vor aktuelle) Kurzreferat bei der Diskussion über Christenverfolgung bei „Kirche in Not“ in Mariä Einsiedeln/Schweiz am 26.5.2018 in voller Länge und dankt S.E. für die freundliche Erlaubnis, den Text veröffentlichen zu dürfen:

In der Abschiedsrede vor seinem Tod am Kreuz, aus dem das Leben der Welt entspringt, sagte Jesus zu seinen Jüngern: „Denkt an das Wort, das ich euch gesagt habe: der Knecht ist nicht größer als sein Herr. Wenn sie mich verfolgt haben, werden sie auch euch verfolgen; wenn sie an meinem Wort festgehalten haben, werden sie auch an eurem Wort festhalten.“ (Joh 15,20). Das entspricht der 8. Seligpreisung in der Bergpredigt: „Selig seid ihr, wenn man euch schmäht und verfolgt und alles Böse über euch redet um meinetwillen. Freut euch und jubelt. Denn euer Lohn wird groß sein im Himmel. So wurden schon vor euch die Propheten verfolgt.“ (Mt 5,11).

1)
In der Gegenwart wird der Kampf gegen den Glauben an Christus generalstabsmäßig organisiert und international durchgeführt in dem von einzelnen Staaten und NGO’s finanzierten Programm der Ent-Christianisierung der vom christlichen Glauben geprägten Kulturen. Der Glaube an Gott als Ursprung und Ziel allen Seins und jeder Person soll ausgelöscht und ersetzt werden durch eine materialistische Konsumhaltung, in der die Befriedigung des sinnlichen Genusses sich als das heimliche Heiligtum dieser Ersatzreligion enthüllt. Der Materialismus ist ein philosophischer Aberglaube.

Das Projekt der Aufklärungsphilosophie des 18. Jahrhunderts, das letztlich auf einen „Humanismus ohne Gott“ (Henri de Lubac) abzielte, scheint aktuell im Programm der vollständigen De-Christianisierung der europäischen Kultur und Zivilisation ihrem Ziel ganz nahe gekommen zu sein. Ich erinnere an den Anfang dieses antichristlichen Tsunami, der die europäische Kultur verwüstet hat, mit den Jakobinern der französischen Revolution. In seinem Kampfblatt “ Le Père Duchesne“ hatte Jacques-René Hébert, der dann aber am 24. März 1794 selbst auf der Guillotine endete, die radikale Auslöschung aller Erinnerungszeichen an die christliche Geschichte Frankreichs verlangt. Die erste Nummer des extrem antiklerikalen Blattes erschien unter dem Titel „Runter mit den Glocken“. Christliche Symbole, Feste und Namen sollten aus der Öffentlichkeit verschwinden nach dem Motto „aus den Augen und aus dem Sinn“. Anstelle des Glaubens an Gott, trat der „Kult der Vernunft, des Fortschritts und der Wissenschaft“. Das sind die Götzen der sogenannten „Moderne, auf deren Altären Millionen Menschenopfer dahin geschlachtet worden sind. Die Jakobiner waren die nur willigen Vollstrecker der Religionskritik der Aufklärung. Aber jede Revolution bringt solche Ungeheuer hervor. Wir Deutsche haben auch so eine schauerliche Symbolfigur gehabt in dem antichristlichen und antisemitischen Nazi-Demagogen Julius Streicher mit seiner Hetzschrift „Der Stürmer“. Auch er endete unrühmlich in Nürnberg am 16. Oktober 1946 am Galgen.

Ähnlich brutal stellte der militante Atheismus in der Sowjetunion sich das Ziel einer totalen Vernichtung des Christentums. Leo Trotzki, den sein Genosse Stalin am 21. August 1940 in Mexiko hatte ermorden lassen, schrieb in einem Artikel in der Regierungszeitung Iswestija (13. Oktober 1922, Nr. 231,s): „Die Religion ist Gift, insbesondere in einer revolutionären Epoche.., weil es die Frage ist, ob ein Mensch, dem man eine jenseitige Welt verspricht, ein Reich ohne Ende, noch sein Blut und das seiner Mitmenschen vergießt, um ein Reich auf dieser Erde aufzubauen Wir müssen ins Volk gehen mit der Propaganda des Atheismus, weil eine solche Propaganda den Platz des Menschen im Weltganzen bestimmt und ihm den Bereich seiner bewussten Tätigkeiten hier auf der Erde umreißt.“ (Georg Siegmund, Der Kampf um Gott. Zugleich eine Geschichte des Atheismus, Buxheim/Allgäu 1976, 396)

Dies ist ja die typische Denkfigur des neuzeitlichen Atheismus mit seiner primitiven Gegenüberstellung von Jenseits und Diesseits. In Wirklichkeit bedingen sich gerade die umfassende Gottorientierung und konkrete Weltverantwortung wechselseitig. Eine grundlegendere Kritik an den Auswüchsen des Kapitalismus, der mit dem Kommunismus im Wurzelgrund des Materialismus verwandt ist, als die katholische Soziallehre, gibt es nicht. Ihre unerschütterliche Basis ist Gottebenbildlichkeit des Menschen. „Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, du hast ihn mit Ehre und Herrlichkeit gekrönt. Du hast ihn als Herrscher eingesetzt über die Werke deiner Hände, alles hast du gelegt unter seine Füße… Herr, unser Herr, wie gewaltig ist dein Name auf der ganzen Erde.“ (Ps 8,5-10).

Das ist das Leitwort der Kultur des Lebens, die der Antikultur des Todes so weit überlegen ist wie Gott dem Teufel. Wir verteidigen das von Gott jedem Menschen gegebene Recht des Lebens und seiner positiven persönlichen Entfaltung gegen die Unkultur des Todes. Der Mensch hat seine unverlierbaren Würde vom ersten Augenblick seines Lebens an in der Zeugung bis zu seinem letzen Atemzug.

Ich komme gerade zurück von einem Besuch in der größten Pfarrei der Welt in Sibirien mit 1 Million Quadratkilometern und 500 Katholiken. Wir besuchten auch ein Gulag-Gefängnis, wo während der Stalinistischen Säuberungen jede Nacht 300 Menschen auf das brutalste gefoltert und dann erschossen wurden. Auch die Enkelin eines Opfers war da. Und wir beteten für ihre ermordete Großmutter vor den Gedenktafeln mit all den Namen der unzähligen Opfer. Allein in der Sowjetunion wurden von 1917 bis zu ihrem unrühmlichen Ende im Namen des sozialistischen Fortschritts und des wissenschaftlichen Atheismus 80.000 Priester und Ordensleute brutal ermordet. Das Schwarzbuch des Kommunismus kommt auf über 100 Millionen Gewaltopfer dieser Gegenreligion. Aber trotz der Spuren der totalitären Ideologie überall im Land und der Mentalität, sind Frühlingszeichen eines neu aufbrechenden Glaubens an Christus nicht zu übersehen; sowohl in den tiefgläubigen Menschen wie auch im Landschaftsbild mit den neu errichteten Kirchen und Klöstern

Während man in den politischen Atheismen den sicher erwarteten Tod der Religion durch die Ausrottung ihrer Anhänger beschleunigen will, wird in den liberalen Kreisen der natürliche Tod der Religion in Kürze erwartet. Mit der Heraufkunft von Wissenschaft und Technik habe der irreversible Prozess der „Entzauberung der Welt“ begonnen, wie der große Soziologe Max Weber formulierte, der die Religion zum Aussterben verurteilt. In einer von Wissenschaft und Technik bestimmten Welt habe der Glaube keine Chance von einem aufgeklärten Menschen als wahr angenommen zu werden. Allerdings ist in neuerer Zeit angesichts der gegenteiligen Faktenlage, die Plausibilität der Säkularisierungsthese in Frage gestellt worden. Denken wir an das Buch von Charles Taylor „A Secular Age“ (2007). Einen großen Wurf in Auseinandersetzung mit Max Weber ist Hans Joas gelungen mit seinem Buch: „Die Macht des Heiligen. Eine Alternative zur Geschichte der Entzauberung“ (2014). Ich möchte nicht den Versuch einer Neubegründung der rationalen Theologie bei Volker Gerhardt in seinem Buch: „Der Sinn des Seins. Versuch über das Göttliche“ (2015) nicht vergessen.

2)
Eine ganz andere Herausforderung besteht in den Ländern mit einer totalitären Interpretation der Religion im militanten Islamismus, aber auch in Teilen des Hinduismus und Buddhismus. Wenn Religion, die eine Konstante am Geistvollzug des Menschen ist, wesentlich Verehrung Gottes und Dankbarkeit für das empfangene Leben bedeutet, dann ist es mit dem Glauben an den einen Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde, völlig unvereinbar, den Urheber des Lebens zum Auftraggeber seiner Vernichtung in Anspruch zu nehmen.

Religiös begründeter Terrorismus ist ein Widerspruch in sich selbst. Entweder ist jemand religiös, dann ist er kein Terrorist, oder ist Terrorist, und dann ist er nicht religiös. Der Offenbarungsbegriff ist im Islam einerseits und im Judentum und Christentum andererseits wesensverscheiden. Das hat seine Konsequenzen für die Auslegung einzelner Stellen in ihren heiligen Schriften, an denen von destruktiver Gewalt im Zusammenhang mit Gott die Rede ist. Die Bibel des Alten und Neuen Testaments enthält nicht übergeschichtliche Informationen und Befehle Gottes, die von einem Religionsstifter übermittelt werden und in blindem Buchstabengehorsam auszuführen wären.

Vielmehr haben es zu tun mit dem Zeugnis der geschichtlichen Selbstmitteilung Gottes. Das Wesen dessen, der sich in seinem Namen „Ich bin, der Ich bin“ (Ex 3, 14) offenbart, bewirkt es auch, dass seine Erkenntnis im Glaubensbekenntnis des Gottesvolkes durch die dichten Nebel und Blindheiten der Menschen durchbricht und dass er am Ende erkannt wird als der Gott der dreifaltigen Liebe. „Das Wort das im Anfang bei Gott war und Gott ist, ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit geschaut, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit. Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht.“ (Joh 1,14.18). Offenbarung ist hier Selbstmitteilung Gottes als Wahrheit und Leben. Rückwirkend wird die Offenbarungsgeschichte und ihr Zeugnis im Alten Testament im Lichte Christi interpretiert. Gott hat alle destruktive Gewalt der Welt überwunden, die aus der Sünde herkommt, und sogar die Gewalt aufgrund des Missbrauchs oder Missverständnisses seines Namens im Leiden und Tod seines Sohnes am Kreuz überwunden. Wenn uns Christen einige Gewaltszenen im Alten Testament anklagend unter die Nase gehalten werden, weisen wir zum Verhältnis von Gott und Macht auf den gekreuzigten Herrn: „Jesus war Gott gleich, er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich… er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod am Kreuz. Darum hat ihn Gott über alle erhöht…“ (Phil 2,6-11)

Das Geheimnis des Kreuzes müssen wir als Christen im Auge behalten. Es reicht nicht, dass wir als Priester und Laien in einigen Ländern relativ sicher leben und uns die Religionsfreiheit garantiert wird. Wir sehen uns in brüderlicher Gemeinschaft mit all den Millionen Christen, die weltweit verfolgt werden und ihre Treue zu Christus mit dem Leben bezahlen, „die hingeschlachtet worden waren wegen des Wortes Gottes und wegen des Zeugnisses, das sie abgelegt hatten“ (Offb 6,9). Jedes Jahr geben auch viele Priester ihr Leben hin im Zeugnis für Christus, in dem das gemeinsame Priestertum aller Gläubigen und das Priestertum der geweihten Amtsträger ihre einzige Wurzel haben.

3)
Im weltweiten Maßstab befindet sich also das Christentum in der Zange zwischen fundamentalistischen und gewaltbereiten „Religionen“ und den totalitären Ideologien des dechristianisierten Westens, die uns vor die Wahl der Anpassung oder Marginalisierung stellen. Unter diesem enormen Druck bietet sich die Selbstsäkularisierung der Kirche an als bequemer Ausweg an. Man rechtfertigt die Existenz der Kirche als Volk Gottes, Leib Christi und Tempel des Heiligen Geistes nicht mit ihrer Stiftung durch Gott, der ihr verheißen hat, dass die Pforten der Hölle sie nicht überwältigen, sondern mit ihrer Nützlichkeit für die Gesellschaft. Statt auf prophetische Kraft setzt man anpassungsschlau auf die Stromlinienform. Paulus warnte aber die Römer vor einer Angleichung an die Welt und fordert sie zur „Reform ihres Denkens auf, damit sie erkennen, was der Wille Gottes ist“ (Röm 12, 2). Wenn die Kirche sich verweltlicht, ist es wie mit dem Salz, das seinen Geschmack verloren hat. Es wird von den Menschen zertreten. Wozu dient es noch und was soll ein Leuchter unter dem Scheffel? „Die Kirche muss die Stadt auf dem Berge bleiben, die nicht verborgen bleiben kann“, denn die Jünger Christi sind „Licht der Welt.“ (Mt 5,13-16).

Die Kirche ist weder eins mit der Welt noch der Gegenentwurf zu ihr. Aber sie ist von Christus gestiftet als Zeichen und Werkzeug seines universalen Heilswillens, die Welt von Leiden und Gewalt, und die Menschen von Entwürdigung und Ausbeutung zu befreien und von Sünde, Tod und Teufel zu erlösen.

Das II. Vatikanum beschreibt den irdischen Pilgerweg der Kirche im Hinblick auf Christus so: „Wie aber Christus das Werk der Erlösung in Armut und Verfolgung vollbrachte, so ist auch die Kirche berufen, den gleichen Weg einzuschlagen, um die Heilsfrucht den Menschen mitzuteilen.“
Und das Konzil nimmt Bezug auf ein Wort des hl. Augustinus in seiner großen Geschichtstheologie, in der Civitas Dei (18,51,2) und fährt fort: „Die Kirche ’schreitet zwischen den Verfolgungen der Welt und den Tröstungen Gottes auf ihrem Pilgerweg dahin‘ und verkündet das Kreuz und den Tod des Herrn, bis er wiederkommt.“ (LG 8).

Die Kirche hat sich immer auf die verschiedenen Sprachen, Mentalitäten und Kulturen eingestellt und in ihnen auch authentische Formen ihres Ausdrucks in Liturgie und Theologie gefunden. Das ist sie ihrer pfingstlichen Entstehung schuldig. Aber gerade deshalb ist sie in allen Völkern das eine und selbe Volk Gottes auf dem Weg zum gemeinsamen Ziel der Menschheit. Sie verkündet „Jesus Christus, derselbe gestern, heute und in Ewigkeit“ (Hebr 13,8). Und so vereint sie die Menschen in dem einen Glauben an Jesus den Sohn Gottes, weil in keinem andern Namen das Heil zu finden ist.“ (Apg 4, 12 ).

Christliche Mission ist das Gegenteil von Propaganda, die nur auf die Manipulation der Gewissen zielt und Anhänger für eine Ideologie rekrutiert. „Meine Botschaft und Verkündigung war nicht Überredung durch gewandte und kluge Worte, sondern war mit dem Erweis von Geist und Kraft verbunden, damit sich euer Glaube nicht auf Menschenweisheit stützte, sondern auf die Kraft Gottes.“ (1 Kor 2,4f). So wie Jesus vom Vater gesandt war als Retter der Welt, so ist die Kirche gesandt, um in seinem Auftrag die Menschen zum Glauben zu führen. Denn durch den Glauben haben wir das Leben Gottes in uns und damit sind wir für die Ewigkeit prädestiniert. Im Glauben gibt sich ein Mensch ganz Gott hin und tritt als Sohn und Tochter Gottes ein in die Sohnesbeziehung Jesu zum Vater; und im Geist des Vaters und des Sohnes werden wir Freunde Gottes. Da der Glaube aber in seinem innersten Wesen Liebe ist, die uns mit dem Gott der dreifaltigen Liebe verbindet, darum kann er nur in der äußeren und -noch wichtiger- in der inneren Freiheit vollzogen werden. Wir sind nur die äußeren Lehrer und Vermittler. Das ist missionarische Dienst der ganzen Kirche und in spezifischer Weise der Bischöfe und Priester als Amtsnachfolger der Apostel. Aber der innere Lehrer, der die Herzen bewegt, ist allein Christus. Der Heilige Geist gießt, wenn wir uns freiwillig vorbereiten und öffnen, in unsere Herzen die göttlichen Tugenden von Glaube, Hoffnung und Liebe ein, durch die wir Gott erkennen und ihm danken können.

Als Petrus und Johannes das bedrohliche Verhör vor dem Hohen Rat überstanden hatten, beteten sie mit der versammelten Urkirche von Jerusalem: „Herr du hast Himmel und Erde und das Meer geschaffen und alles, was sie erfüllt. Du hast durch den Mund unseres Vaters David, deines Knechtes, durch den Heiligen Geist gesagt: Warum toben die Heiden, warum machen die Nationen nichtige Pläne. Die Könige der Erde standen auf und ihre Herrscher haben sich verbündet gegen den Herrn und seinen Christus… Doch jetzt, Herr, sieh auf ihre Drohungen und gib deinen Knechten, mit allem Freimut dein Wort zu verkünden! Streck deine Hand aus, damit Heilungen, Zeichen und Wunder geschehen durch den Namen deines heiligen Knechtes Jesus!“ (Apg 4,24-30).

Und um alle Christen, die nach ihnen kommen, zu erbauen und ihnen jede Menschenfrucht zu nehmen, schließt der Evangelist Lukas seinen Bericht in der Apostelgeschichte folgendermaßen ab: „Als sie gebetet hatten, bebte der Ort, an dem sie versammelt waren, und alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und sie verkündeten freimütig das Wort Gottes.“ (Apg 4,21).

Kardinal Gerhard Müller vor dem Petersdom


Foto Kardinal Müller (c) Paul Badde

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Quelle

Bericht: Christenverfolgung erreicht neuen Höchststand

Im Zeitraum von 2015 bis 2017 hat die Christenverfolgung in vielen Ländern weltweit einen neuen Höchststand erreicht. Ursache sind die zunehmenden Übergriffe durch religiös oder politisch fundamentalistische Gruppen. Zu diesem Ergebnis kommt der neue Bericht „Persecuted and forgotten?“ („Verfolgt und vergessen?“), den das britische Nationalbüro des weltweiten katholischen Hilfswerks „Kirche in Not“ nun vorgestellt hat. Die Untersuchung nimmt 13 Länder in den Blick, in dem es in den vergangenen Jahren zu besonders schweren Übergriffen auf Christen kam und zeigt den Grad der Religionsfreiheit in diesen Ländern auf.
„Blickt man auf die Schwere und die Auswirkungen der begangenen Verbrechen und die Anzahl der betroffenen Personen wird deutlich: Die Verfolgung nimmt weiter zu“, betonte Autor John Pontifex. Brennpunkte seien vor allem muslimisch geprägte Länder sowie autoritär regierte Staaten, zum Beispiel Eritrea und Nordkorea. Fundamentalistische Gruppierungen wie der sogenannte „Islamische Staat“ im Nahen Osten oder „Boko Haram“ in Nigeria und den Nachbarländern richteten sich zwar nicht ausschließlich gegen Christen, diese seien jedoch die am stärksten betroffene Gruppe.

So hätten staatliche Stellen wie die Vereinten Nationen oder die Europäische Union wiederholt von einem versuchten Völkermord an Christen im Irak gesprochen. Rund die Hälfte von ihnen seien nach den IS-Eroberungen 2014 zu Binnenflüchtlingen geworden. Auch in Syriens zweitgrößter Stadt Aleppo, die bis 2011 eine der größten christlichen Gemeinschaften des Landes zählte, sei die Zahl der Christen von über 150 000 auf knapp 35 000 Gläubige im Frühjahr 2017 gesunken – ein Rückgang um mehr als 75 Prozent.

Auch in Afrika werde der religiöse Extremismus zum zunehmendem Problem, stellt der Bericht fest. So seien etwa in Nigeria rund 1,8 Millionen Menschen durch die Gewalt der islamistischen Sekte „Boko Haram“ vertrieben worden, darunter viele Christen.

Religiöse und politische Verfolgung nimmt zu

Aber nicht nur die religiöse, auch die politische Verfolgung nimmt zu: Der Bericht „Persectued and forgotten?“ zeigt auf, dass auch die vermutlich über 100 Millionen Christen im kommunistischen China nach einer Phase leichter Öffnung wieder verstärkt unter Verfolgung zu leiden hätten. So seien etwa in der Küstenprovinz Zhejang über 2000 Kreuze auf Kirchen demontiert und einige Gotteshäuser sogar ganz zerstört wurden. Immer wieder komme es vor, dass Kleriker verhaftet und festgehalten würden, um sie auf die staatliche Religionspolitik einzuschwören.
Alle diese Schlaglichter ließen laut John Pontifex ein bedrückendes Resümee zu: „Christen werden mehr verfolgt als jede andere Glaubensgruppe, immer mehr Menschen erleben schlimmste Formen der Diskriminierung und Gewalt.“

(pm 16.10.2017 cs)

Ungarn: Orban als Herold des Christlichen

Ministerpräsident Orban

Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orban hat Christenverfolgung im Nahen Osten scharf verurteilt, eine Aufnahme von Flüchtlingen und Vertriebenen in seinem Land aber abgelehnt. Stattdessen müsse alles dafür getan werden, damit diese Menschen in ihre Heimat zurückkehren könnten, sagte er in Budapest auf einer internationalen Konferenz über Christenverfolgung, die seine Regierung ausgerichtet hatte. Orban hat sich den Unmut der EU zugezogen, weil er allen Absprachen entgegen keine Migranten, die in anderen EU-Ländern Zuflucht gesucht haben, in Ungarn aufnehmen will.

In seiner Rede ging der Ministerpräsident auf den anhaltenden Zwist mit Brüssel nicht direkt ein. Stattdessen geißelte er Europas „apathisches Schweigen, das seine christlichen Wurzeln verneint“. Die gewaltsame Verfolgung von Christen, die derzeit in Nahost stattfinde, könne schon bald auf Teile Europas übergreifen. Die europäischen Führer verfolgten „mit Gewalt eine Einwanderungspolitik, die dazu führt, dass gefährliche Extremisten auf das EU-Territorium gelangen“. Er hingegen trete dafür ein, dass Europa ein „christlicher Kontinent“ bleibe.

(rv 14.10.2017 sk)

Siehe dazu u.a. z.B. auch:

„Sind wir Wohnzimmerchristen?“

Messe Hochfest Peter & Paul, 29. Juni 2017

Predigt von Papst Franziskus
am Hochfest Peter und Paul — Volltext

Wir veröffentlichen im Folgenden in der offiziellen Übersetzung die Predigt, die Papst Franziskus am heutigen Donnerstag, dem 29. Juni 2017, Hochfest Peter und Paul, während der Eucharistiefeier auf dem Petersplatz gehalten hat.

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Die heutige Liturgie legt uns drei Worte vor, die wesentlich für das Leben des Apostels sind: Bekenntnis, Verfolgung, Gebet.

Das Bekenntnis ist das des Petrus im Evangelium, als die Frage des Herrn vom Allgemeinen ins Besondere geht. In der Tat fragt Jesus zunächst: »Für wen halten die Menschen den Menschensohn?« (Mt 16,13). Bei dieser „Umfrage“ ergibt sich von vielen Seiten, dass das Volk Jesus als Prophet ansieht. Und so stellt der Meister an die Jünger die wirklich entscheidende Frage: »Ihr aber, für wen haltet ihr mich?« (V. 15). Da antwortet nur Petrus: »Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!« (V. 16). Das ist das Bekenntnis: in Jesus den erwarteten Messias sehen, den lebendigen Gott und den Herrn des eigenen Lebens.

Diese grundlegende Frage richtet Jesus heute an uns, an uns alle, aber besonders an uns Hirten. Es ist die entscheidende Frage, vor der keine Höflichkeitsantworten bestehen können, weil das Leben auf dem Spiel steht: Eine lebenswichtige Frage erfordert eine Antwort fürs Leben. Denn es nützt wenig, die Glaubensartikel zu kennen, wenn man nicht Jesus, den Herrn, im eigenen Leben bekennt. Er schaut uns heute in die Augen und fragt: „Wer bin ich für dich?“ Als würde er sagen: “Bin ich noch der Herr deines Lebens, die Ausrichtung deines Herzens, der Grund deiner Hoffnung, dein unerschütterliches Vertrauen?“ Mit dem heiligen Petrus erneuern auch wir heute unsere Lebensentscheidungals Jünger und Apostel. Gehen wir erneut von der ersten zur zweiten Frage über, um „die Seinen“ nicht nur mit Worten zu sein, sondern mit Taten und im Leben.

Fragen wir uns, ob wir Wohnzimmerchristen sind, die darüber schwatzen, wie die Dinge in der Kirche und in der Welt laufen, oder Apostel auf dem Weg, die Jesus mit dem Leben bekennen, weil sie ihn im Herzen haben. Wer Jesus bekennt, weiß, dass er nicht bloß gehalten ist, Meinungen abzugeben, sondern das Leben hinzugeben. Er weiß, dass er nicht auf laue Weise glauben kann, sondern gerufen ist, aus Liebe zu „brennen“. Er weiß, dass er im Leben nicht auf dem Wohlbefinden „dahintreiben“ und es sich gut gehen lassen kann. Er muss vielmehr das Risiko eingehen, auf die hohe See hinauszufahren, indem er sich jeden Tag neu selbst hingibt. Wer Jesus bekennt, macht es wie Petrus und Paulus: Er folgt ihm bis zum Ende; nicht nur bis zu einem bestimmten Punkt, sondern bis zum Äußersten; er folgt ihm auf der Straße des Herrn, nicht auf unseren Straßen. Seine Straße ist der Weg des neuen Lebens, der Freude und der Auferstehung, der aber auch über das Kreuz und die Verfolgungen geht.

Damit sind wir beim zweiten Wort: den Verfolgungen. Nicht nur Petrus und Paulus haben ihr Blut für Christus vergossen, sondern die gesamte Urgemeinde wurde verfolgt, wie uns die Apostelgeschichte (vgl. 12,1) berichtet hat. Auch heute werden in verschiedenen Teilen der Welt, zuweilen in einem Klima des Schweigens – nicht selten eines mitschuldigen Schweigens –, viele Christen ausgegrenzt, verleumdet, diskriminiert, zum Ziel von mitunter tödlichen Gewaltakten. Nicht selten fehlen die nötigen Bemühungen derer, die dafür sorgen könnten, dass ihre legitimen Rechte geachtet werden.

Ich möchte jedoch vor allem hervorheben, was der Apostel Paulus zum Ausdruck gebracht hat, bevor er, wie er schreibt, »geopfert« wurde (2 Tim 4,6). Für ihn war Christus das Leben (vgl. Phil 1,21), und zwar als der Gekreuzigte (vgl. 1 Kor 2,2), der sich für ihn hingegeben hat (vgl. Gal 2,20). So ist Paulus als treuer Schüler dem Meister gefolgt, indem auch er sein Leben hingegeben hat. Christus gibt es nicht ohne das Kreuz, und ohne das Kreuz gibt es auch keinen Christen. Denn es ist der christlichen Tugend eigen, »nicht nur Gutes zu tun, sondern auch Böses zu ertragen« (Augustinus, Sermo 46,13), wie bei Jesus. Das Böse ertragen heißt nicht nur, Geduld zu haben und mit Ergebung weiterzumachen; ertragen bedeutet Jesus nachzuahmen, bedeutet die Last zu tragen, sie für ihn und für die anderen auf den Schultern zu tragen. Es heißt das Kreuz anzunehmen und vertrauensvoll weiterzugehen, weil wir nicht allein sind, der gekreuzigte und auferstandene Herr ist mit uns. So können wir mit Paulus sagen: »Von allen Seiten werden wir in die Enge getrieben und finden doch noch Raum; wir wissen weder aus noch ein und verzweifeln dennoch nicht; wir werden gehetzt und sind doch nicht verlassen« (2 Kor 4,8-9).

Ertragen heißt mit Jesus siegen zu können, nämlich in der Weise Jesu, nicht in der Weise der Welt. Deshalb sieht sich Paulus als Sieger – wir haben es gehört –, der einen Kranz erhält (vgl. 2 Tim 4,8). Er schreibt: »Ich habe den guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet, die Treue bewahrt« (V. 7). Sein guter Kampf war allein auf ein Leben fürausgerichtet – nicht für sich selbst, sondern für Jesus und für die anderen leben. Er hat „im Lauf“ gelebt: er schonte sich nicht, ja vielmehr verzehrte er sich. Eines habe er bewahrt, so sagt er, nicht die Gesundheit, sondern den Glauben, also das Bekenntnis zu Christus. Aus Liebe zu ihm hat die Prüfungen durchlebt, die Demütigungen und die Leiden, die nie zu suchen, sondern anzunehmen sind. Und so, im Geheimnis der aus Liebe dargebrachten Schmerzen, in diesem Geheimnis, das so viele verfolgte, arme und kranke Brüder und Schwestern auch heute verkörpern, erstrahlt die heilbringende Kraft des Kreuzes Jesu.

Das dritte Wort ist das Gebet. Das Leben des Apostels, das aus dem Bekenntnis entspringt und in die Hingabe mündet, strömt jeden Tag weiter im Gebet. Das Gebet ist das unerlässliche Wasser, welches die Hoffnung nährt und das Vertrauen wachsen lässt. Das Gebet schenkt uns die Erfahrung, dass wir geliebt sind, und erlaubt uns zu lieben. Es lässt uns in den dunklen Augenblicken weitergehen, weil es ein Licht Gottes anzündet. In der Kirche ist es das Gebet, das uns alle trägt und die Prüfungen meistern lässt. Das sehen wir schon in der ersten Lesung: »Petrus wurde also im Gefängnis bewacht. Die Gemeinde aber betete inständig für ihn zu Gott« (Apg 12,5). Eine Kirche, die betet, wird vom Herrn behütet und schreitet in seiner Begleitung voran. Beten bedeutet ihm den Weg anzuvertrauen, auf dass er sich um ihn kümmert. Das Gebet ist die Kraft, die uns vereint und aufrichtet; das Heilmittel gegen die Isolierung und die Selbstgenügsamkeit, die zum geistlichen Tod führen. Denn wenn man nicht betet, weht der Geist des Lebens nicht, und ohne das Gebet öffnen sich nicht die inneren Verließe, in denen wir gefangen sind.

Die heiligen Apostel mögen uns helfen, ein Herz wie das ihre zu erhalten, das von der Mühe und dem Frieden des Gebets geprägt ist: von seiner Mühe, weil es bittet, anklopft, sich fürbittend einsetzt und die Last der Anliegen vieler Menschen und Situationen trägt; aber zugleich von seinem Frieden, weil der Heilige Geist Trost und Kraft gibt, wenn man betet. Wie braucht die Kirche so dringend Meister des Gebets, aber zuallererst betende Männer und Frauen, die wirklich im Gebet leben!

Der Herr greift ein, wenn wir beten; er erweist sich treu gegenüber der Liebe, die wir ihm bekannt haben, und er ist uns nahe in den Prüfungen. Er hat den Weg der Apostel begleitet und er wird auch euch, liebe Kardinäle, begleiten, die ihr hier in der Liebe der Apostel versammelt seid, die ihren Glauben mit dem Blut bekannt haben. Er wird auch euch nahe sein, liebe Erzbischöfe, die ihr durch die Auflegung des Palliums bestärkt werdet, für die Herde zu leben und dabei den Guten Hirten nachzuahmen, der euch erhält, da er euch auf den Schultern trägt. Dieser Herr, der sehnlich danach verlangt, seine Herde ganz vereint zu sehen, segne und beschütze auch die Delegation des Ökumenischen Patriarchats und den geliebten Bruder Bartholomaios, der sie hierher geschickt hat zum Zeichen der apostolischen Gemeinschaft.

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Syrien: Für Christen keine Alternative zum Assad-Regime

Syriens Präsident Assad

Die Christen in Syrien unterstützen das Regime von Präsident Bashar Assad allein aus dem Grund, weil sie keine Alternative haben. Das betont der Salzburger Ostkirchenexperte Dietmar Winkler. „Wenn Assad fällt, was passiert dann? Der Einfluss des fundamentalistischen Islam ist im Land bereits so stark, dass es für die Christen dann ganz düster aussehen würde“, so Winkler wörtlich in einem Interview in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Information Christlicher Orient“. Sogenannte „gemäßigte“ Rebellen gibt es laut Winkler in Syrien de facto nicht.„Im Krieg gibt es keine Waisenknaben“, so Winkler. Kriegsverbrechen würden von allen Seiten begangen. Und wenn von mancher Seite das Assad-Regime als unschuldig dargestellt wird, stimme das natürlich auch nicht. Aber, so Winkler: „Die lokalen Bischöfe sagten und sagen mir immer wieder in Gesprächen: Was ist die Alternative für die Christen? Wer schützt die Christen, wenn nicht das Assad-Regime? Welche Perspektiven gibt es überhaupt?“Natürlich sei das Assad-Regime eine Diktatur mit einer „gefürchteten und brutalen“ Geheimpolizei. Und trotzdem: „Vor dem Krieg war Syrien ein relativ stabiler Staat unter der Herrschaft des säkularen Baath-Regimes. Wer sich an den vorgegebenen politischen Rahmen hielt, konnte seine Religion frei leben.“ Das Verhältnis zwischen den Religionen – Sunniten, Alawiten, Christen oder Drusen – sei ein relativ gutes Nebeneinander und oft auch ein Miteinander gewesen.

Dazu komme die Beobachtung: „Dort, wo das Assad-Regime nach wie vor oder nun wieder an der Macht ist, so wie beispielsweise in Aleppo, dort ist die Lage wieder stabiler geworden.“ Nachdem die Assad-Truppen ganz Aleppo unter Kontrolle gebracht hatten, konnten die Christen dort wieder relativ sicher Ostern feiern. „Das war vorher so nicht der Fall. Und das ist auch der Blickpunkt der Christen“, so Winkler.

Christen sind nicht Kollaborateure, sondern Spielball

Dabei dürfe man aber auf keinen Fall sagen, dass die Christen mit dem Assad-Regime kollaborieren. Dafür seien sie auch eine viel zu kleine Minderheit. „Eigentlich sind sie seit vielen Jahrhunderten ein Spielball in Händen der jeweiligen Herrscher vor Ort. Und irgendwie mussten sie immer das Auskommen mit den Herrschenden suchen.“ Deshalb sei es auch nur allzu verständlich, dass Christen an der Gründung der säkularen Baath-Bewegung in Syrien in den 1940er und 1950er-Jahren beteiligt waren. Eine säkulare Politik, die weitgehend Religionsfreiheit einräumt, sei schließlich in einem muslimischen Umfeld die beste Variante für die Christen, zeigte sich Winkler überzeugt.

Das sei natürlich keine Freiheit bzw. Demokratie nach westlichem Muster, räumte der Ostkirchenexperte ein, Man müsse aber vorsichtig sein, westliche demokratische Vorstellungen auf Länder im Nahen Osten zu projizieren. Winkler: „Europa hat 500 Jahre Aufklärung und Reformation inklusive der damit verbundenen Religionskriege durchgemacht. Das Ergebnis dieser europäischen Entwicklung kann man nicht einem anderen Land und seiner Bevölkerung einfach von heute auf morgen überstülpen. Das funktioniert nicht.“ Die Schaffung eines demokratischen Bewusstseins in der Bevölkerung sei ein langer und schwieriger Prozess.

Kein Bürgerkrieg in Syrien

Die Frage, ob der Syrien-Krieg ein Bürgerkrieg sei, verneinte Winkler. Der Krieg sei von außen in das Land getragen worden. „Und es sind die vielen Mächte von außen, die ihre eigenen Interessen verfolgen: die Amerikaner, denen es um Öl geht, die Russen, die ihre Basis im Mittelmeerraum nicht verlieren wollen, der Iran, der seinen Einfluss zum Mittelmeer ausdehnen will; Saudi Arabien, das seine Art des sunnitischen Islam in Syrien und sich als Regionalmacht etablieren will, oder auch die Türkei, die vor allem auch gegen die Kurden operiert.“

Und von allen Seiten würden Waffen geliefert und werde der Krieg nach wie vor befeuert. Winkler: „Der Unterschied ist, dass wir es bei den Russen genau wissen, dass und wie sie Assad unterstützen. Bei den anderen internationalen Akteuren, militärischen Beratern, Spezialeinheiten und Rebellengruppen ist das nicht so deutlich zu erkennen.“ Deutlich sei aber, „dass der Waffennachschub von außen für alle Seiten nach wie vor funktioniert, sonst wäre der Krieg längst zu Ende.“ Ganz klar sei auch, „dass sich die christlichen Führer wieder und wieder für ein Ende der Gewalt und ein Ende der Interventionen von außen ausgesprochen haben“.

(kap 22.05.2017 pr)