Und führe uns nicht in Versuchung 

Benedikt XVI. – Licht des Glaubens: die Betrachtung zum Vaterunser im Buch ‚Jesus von Nazareth’. Im Gefolge von Ijob, als Apologie des Menschen, die zugleich Verteidigung Gottes ist. Von Armin Schwibach

Rom (kath.net/as) „Führe uns nicht in Versuchung“ – „wir sagen damit zu Gott: ,Ich weiß, dass ich Prüfungen brauche, damit mein Wesen rein wird. Wenn du diese Prüfungen über mich verfügst, wenn du – wie bei Ijob – dem Bösen ein Stück freien Raum gibst, dann denke, bitte, an das begrenzte Maß meiner Kraft. Trau mir nicht zu viel zu. Zieh die Grenzen, in denen ich versucht werden darf, nicht zu weit und sei mit deiner schützenden Hand in der Nähe, wenn es zu viel für mich wird’“.

kath.net veröffentlicht die dem Buch „Jesus von Nazareth I, 5. Kapitel: Das Gebet des Herrn“ entnommene Betrachtung Benedikts XVI. zur Bitte: „Und führe uns nicht in Versuchung“: 

Und führe uns nicht in Versuchung 

Die Formulierung dieser Bitte ist für viele anstößig: Gott führt uns doch nicht in Versuchung. In der Tat sagt uns der heilige Jakobus: ,,Keiner, der in Versuchung gerät, soll sagen: Ich werde von Gott in Versuchung geführt. Denn Gott kann nicht in Versuchung kommen, Böses zu tun, und er führt auch selbst niemand in Versuchung“ (1,13).

Einen Schritt vorwärts hilft es uns, wenn wir uns an das Wort des Evangeliums erinnern: ,,Damals wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt, um vom Teufel versucht zu werden“ (Mt 4,1). Die Versuchung kommt vom Teufel, aber zu Jesu messianischer Aufgabe gehört es, die großen Versuchungen zu bestehen, die die Menschheit von Gott weggeführt haben und immer wieder wegführen. Er muss, wie wir gesehen haben, diese Versuchungen durchleiden bis zum Tod am Kreuz und so den Weg der Rettung für uns öffnen. Er muss so nicht erst nach dem Tod, sondern mit ihm und in seinem ganzen Leben gleichsam „hinabsteigen in die Hölle“, in den Raum unserer Versuchungen und Niederlagen, um uns an die Hand zu nehmen und aufwärts zu tragen. Der Hebräer-Brief hat auf diesen Aspekt ganz besonderen Wert gelegt, ihn als wesentlichen Teil des Weges Jesu herausgestellt: ,,Denn da er selbst in Versuchung geführt wurde und gelitten hat, kann er denen helfen, die in Versuchung geführt werden“ (2,18). ,,Wir haben ja nicht einen Hohepriester, der nicht mitfühlen könnte mit unserer Schwäche, sondern einen, der in allem wie wir in Versuchung geführt worden ist, aber nicht gesündigt hat“ (4,15).

Der Blick auf das Buch Ijob, in dem sich in so vieler Hinsicht schon das Geheimnis Christi abzeichnet, kann uns zu weiteren Klärungen verhelfen. Satan verhöhnt den Menschen, um so Gott zu verhöhnen: Sein Geschöpf, das er nach seinem Bild geschaffen hat, ist eine erbärmliche Kreatur. Alles, was gut an ihm scheint, ist doch nur Fassade; in Wirklichkeit geht es dem Menschen – jedem – doch immer nur um das eigene Wohlbefinden. Das ist die Diagnose Satans, den die Apokalypse als den „Ankläger unserer Brüder“ bezeichnet, ,,der sie bei Tag und bei Nacht vor Gott verklagte“ (Offb 12,10). Die Verlästerung des Menschen und der Schöpfung ist im Letzten Verlästerung Gottes, Rechtfertigung für die Absage an ihn.

Satan will am gerechten Ijob seine These beweisen: Wenn ihm nur erst alles genommen werde, dann werde er schnell auch seine Frömmigkeit fallen lassen. So gibt Gott dem Satan die Freiheit zur Erprobung, freilich mit genau definierten Grenzen: Gott lässt den Menschen nicht fallen, aber prüfen. Hier scheint ganz leise, noch unausgesprochen, doch schon das Geheimnis der Stellvertretung auf, das in Jes 53 große Gestalt erhält: Die Leiden Ijobs dienen der Rechtfertigung des Menschen. Er stellt durch seinen im Leiden bewährten Glauben die Ehre des Menschen wieder her. So sind die Leiden Ijobs im Voraus Leiden in der Gemeinschaft mit Christus, der unser aller Ehre vor Gott wieder herstellt und uns den Weg zeigt, auch im tiefsten Dunkel den Glauben an Gott nicht zu verlieren.

Das Buch Ijob kann uns auch zu einer Unterscheidung verhelfen zwischen Prüfung und Versuchung. Um reif zu werden, um wirklich immer mehr von einer vordergründigen Frömmigkeit in ein tiefes Einssein mit Gottes Willen zu finden, braucht der Mensch die Prüfung. Wie der Saft der Traube vergären muss, um edler Wein zu werden, so braucht der Mensch Reinigungen, Verwandlungen, die ihm gefährlich sind, in denen er abstürzen kann, aber die doch die unerlässlichen Wege sind, um zu sich selbst und zu Gott zu kommen. Liebe ist immer ein Prozess der Reinigungen, der Verzichte, schmerzvoller Umwandlungen unserer selbst und so Weg der Reifung.

Wenn Franz Xaver betend zu Gott sagen konnte: ,,Ich liebe dich, nicht weil du Himmel oder Hölle zu vergeben hast, sondern einfach, weil du du bist – mein König und mein Gott“, so war gewiss ein langer Weg innerer Reinigungen bis zu dieser letzten Freiheit hin nötig gewesen; ein Weg der Reifungen, auf dem die Versuchung, die Gefahr des Absturzes lauerte – und doch ein nötiger Weg.

So können wir nun die sechste Vaterunser-Bitte schon etwas konkreter auslegen. Wir sagen damit zu Gott: ,,Ich weiß, dass ich Prüfungen brauche, damit mein Wesen rein wird. Wenn du diese Prüfungen über mich verfügst, wenn du – wie bei Ijob – dem Bösen ein Stück freien Raum gibst, dann denke, bitte, an das begrenzte Maß meiner Kraft. Trau mir nicht zu viel zu. Zieh die Grenzen, in denen ich versucht werden darf, nicht zu weit und sei mit deiner schützenden Hand in der Nähe, wenn es zu viel für mich wird.“

In diesem Sinn hat der heilige Cyprian die Bitte ausgelegt. Er sagt: Wenn wir bitten „und führe uns nicht in Versuchung“, dann drücken wir das Wissen aus, „dass der Feind nichts wider uns vermag, wenn es ihm nicht vorher gestattet wird, so dass unsere Furcht, unsere Hingabe und unsere Achtsamkeit sich auf Gott richten, weil ja dem Bösen nichts verstattet ist, wenn ihm nicht Vollmacht dazu gegeben wird“ (De dom or 25, a. a. 0., S. 285f).

Und er führt dann, die psychologische Gestalt der Versuchung abwägend, aus, dass es zwei unterschiedliche Gründe geben kann, warum Gott dem Bösen eine beschränkte Macht erteilt. Es kann geschehen uns zur Buße, um unseren Hochmut zu dämpfen, damit wir wieder die Armseligkeit unseres Glaubens, Hoffens und Liebens erfahren und uns nicht einbilden, aus Eigenem groß zu sein: Denken wir an den Pharisäer, der Gott von seinen eigenen Werken erzählt und keiner Gnade bedürftig zu sein meint. Cyprian führt dann leider nicht näher aus, was die andere Art der Prüfung bedeutet – die Versuchung, die uns Gott ad gloriam – auf seine Herrlichkeit hin – auferlegt. Aber sollten wir dabei nicht daran denken, dass Gott den ihm besonders nahen Menschen, den großen Heiligen, von Antonius in der Wüste bis zu Therese von Lisieux in der frommen Welt ihres Karmels, eine besonders schwere Last an Versuchung aufgebürdet hat?

Sie stehen sozusagen im Gefolge von Ijob, als Apologie des Menschen, die zugleich Verteidigung Gottes ist. Mehr noch: Sie stehen in ganz besonderer Weise in der Gemeinschaft mit Jesus Christus, der unsere Versuchungen durchlitten hat. Sie sind gerufen, die Versuchungen einer Periode sozusagen an ihrem eigenen Leib, in ihrer eigenen Seele zu bestehen, sie für uns, die gewöhnlichen Seelen, durchzutragen und uns hindurchzuhelfen zu dem hin, der unser aller Last auf sich genommen hat. In unserem Beten der sechsten Vaterunser-Bitte muss so einerseits die Bereitschaft enthalten sein, die Last an Prüfung auf uns zu nehmen, die uns zugemessen ist.

Andererseits ist es eben die Bitte darum, dass Gott uns nicht mehr zumisst, als wir zu tragen vermögen; dass er uns nicht aus den Händen lässt. Wir sprechen diese Bitte in der vertrauenden Gewissheit, für die uns der heilige Paulus die Worte geschenkt hat: ,,Gott ist treu; er wird nicht zulassen, dass ihr über eure Kraft hinaus versucht werdet. Er wird euch in der Versuchung Ausweg schaffen, so dass ihr sie bestehen könnt“ (1 Kor 10,13).

(Aus: Joseph Ratzinger-Benedikt XVI, Jesus von Nazareth I, Freiburg-Basel-Wien 2007, S. 195-199)

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Quelle

Enzyklika „Fides et Ratio“ – Vorstellung durch Kardinal Joseph Ratzinger

Kardinal Joseph Ratzinger – 1998

Der Präfekt der römischen Glaubenskongregation, Kardinal Joseph Ratzinger, hat am Donnerstagmittag (15. 10. 1998) im vatikanischen Pressesaal die Enzyklika „Fides et ratio“ von Papst Johannes Paul II. vorgestellt. Wir veröffentlichen den Wortlaut seiner Präsentation in einer Übersetzung von Claudia Reimüller aus dem italienischen Original („Deutsche Tagespost“ Nr. 126, Samstag, 17. Oktober 1998, S. 3).

Auf den ersten Blick mag das Thema der Enzyklika „Fides et ratio“ über die Beziehung zwischen Glauben und Vernunft ausgesprochen intellektuell erscheinen. Es scheint ein Thema zu sein, das Fachleuten vorbehalten ist: Theologen, Philosophen oder Gelehrten. Sicher sind die unmittelbaren Adressaten dieser Enzyklika außer den Bischöfen der katholischen Kirche die Theologen, die Philosophen und die Intellektuellen. Wenn man die Dinge jedoch in der Tiefe betrachtet. richtet sich die Enzyklika mit diesem Thema an alle Menschen, da jedem Menschen der Wunsch innewohnt, die Wahrheit kennenzulernen und eine Antwort auf die fundamentalen Fragen der Existenz zu finden: „Wer bin ich? Woher komme ich und wohin gehe ich? Warum gibt es das Böse? Was wird nach diesem Leben sein?“ (vgl. Einleitung, Nr.1).

Der erste Satz der Enzyklika enthält bereits das Motiv für dieses Dokument: „Glaube und Vernunft (Fides et ratio) sind wie die beiden Flügel, mit denen sich der menschliche Geist zur Betrachtung der Wahrheit erhebt.“ Das Kernproblem der Enzyklika „Fides et ratio“ ist die „Frage nach der Wahrheit“. Sie ist nicht einfach eine der zahlreichen und vielfältigen Fragen, denen sich der Mensch stellen muß, sondern die unausweichliche. „fundamentale Frage“, die sich durch das ganze Leben und die ganze Geschichte der Menschheit hindurchzieht.

Der Hintergrund der Enzyklika

Gemeinsam mit der Liebe ist die Wahrheit die Grundkategorie der christlichen Offenbarung. Die Universalität des Christentums resultiert aus seinem Anspruch, die Wahrheit zu sein, und sie schwindet, wenn die Überzeugung schwindet, daß der Glaube die Wahrheit ist. Aber die Wahrheit gilt für alle. Folglich gilt das Christentum, da es wahr ist, für alle. Auf dieser Grundlage ergibt sich das Motiv und die Pflicht der Kirche zur missionarischen Aktivität: wenn die menschliche Vernunft die Wahrheit kennenlernen möchte und wenn der Mensch für die Wahrheit geschaffen ist, dann appelliert die christliche Verkündigung an dieses Offen-Sein der Vernunft, um in das Herz des Menschen einzudringen. Daher kann es keinen Gegensatz, keine Trennung und keine Entfremdung zwischen christlichem Glauben und menschlicher Vernunft geben, denn beide sind auch in ihrem Anderssein in der Wahrheit vereint, beide stellen eine wichtige Rolle im Dienst an der Wahrheit dar, beide finden ihre ursprüngliche Grundlage in der Wahrheit.

In meinem Vortrag möchte ich mich darauf beschränken, kurz auf den Zusammenhang, auf die Originalität und auf die Aktualität der Enzyklika einzugehen, ohne dabei die Analyse einzelner Teile vorzunehmen, da dies über den Rahmen dieser Präsentation hinausginge.

Hundertzwanzig Jahre nach der Enzyklika „Aeterni Patris“ von Leo XIII. (1879) macht „Fides et ratio“ wieder die Beziehungen zwischen Glaube und Vernunft sowie zwischen Theologie und Philosophie zum Thema. Warum muß sich der Glaube mit der Philosophie beschäftigen und warum kommt die Philosophie nicht ohne den Beitrag des Glaubens aus? Diese Fragen bleiben nicht unbeantwortet. Und die Antwort beschränkt sich nicht einfach auf die Wiederholung von Behauptungen, welche die Tradition und das Lehramt der Kirche in der Vergangenheit bereits aufgestellt haben, wenngleich der Inhalt der Enzyklika in voller Kontinuität mit dem bereits erworbenen Gut steht.

Die Antwort wird in die aktuelle kulturelle Situation eingebunden, die sich, wenn man sie von ihrem Ursprung her betrachtet, durch zwei Faktoren auszeichnet: die bis ins Extreme getriebene Trennung zwischen Glaube und Vernunft sowie der Ausschluß der Frage nach der – absoluten und unbedingten – Wahrheit aus der kulturellen Forschung und dem rationalen Wissen des Menschen.

Das allgemeine kulturelle und philosophische Klima negiert heute die Fähigkeit der menschlichen Vernunft, die Wahrheit erkennen zu können. Die Rationalität wird einfach nur auf ihre instrumentalen, utilitaristischen, funktionalen, berechnenden und soziologischen Aspekte reduziert. Die Philosophie verliert auf diese Weise ihre metaphysische Dimension. Das Modell der Humanwissenschaften und der empirischen Wissenschaften wird zum Parameter und Kriterium für Rationalität.

Die Folge ist einerseits, daß die wissenschaftliche Vernunft dem Glauben nicht mehr feindselig gegenübersteht, da sie sich nicht mehr für die letzte und endgültige Wahrheit der Existenz interessiert. Sie beschränkt sich vielmehr auf experimentell erfahrbare Teilkenntnisse. Auf diese Weise wird alles, was sich nicht von der wissenschaftlichen Vernunft kontrollieren läßt, aus dem Bereich des Rationalen ausgeschlossen. Folglich wird objektiv der Weg zu einer neuen Form des Fideismus eröffnet. Wenn die einzige Art der „Vernunft“ die wissenschaffliche ist, wird der Glaube jeder Form der Rationalität und der Intelligibilität beraubt und dazu bestimmt, sich in einen nicht definierbaren Symbolismus oder in ein irrationales Gefühl zu flüchten.

Andererseits ist die Tatsache, daß die Vernunft auf den Anspruch, die Wahrheit zu erkennen, verzichtet, in ihrem ersten Schritt auch eine Option philosophischer Art und stellt die Forderung nach einer intrinsischen Beziehung zwischen Theologie und Philosophie auf. Das Sich-Zurückziehen aus der Wahrheitsfrage von Seiten der Vernunft bedeutet, einer bestimmten philosophischen Kultur nachzugeben, welche die Metaphysik aufgrund der Verabsolutierung des Paradigmas der wissenschaftlichen oder historischen Vernunft ausschließt. Die Folge dieser Kapitulation ist nur scheinbar ungefährlich für den Glauben, der in einen in sich geschlossenen Kreislauf abgedrängt wird. Er wird in den Subjektivismus, in die Privatsphäre, verbannt und ist nicht mehr in der Lage, sich den anderen mitzuteilen oder sich auf kultureller oder rationaler Ebene Geltung zu verschaffen.

Wenn die Vernunft sich in einem Zustand der „Schwäche“ befindet, ergibt sich daraus eine kulturelle Sicht des Menschen und der Welt, die relativistischer und pragmatistischer Art ist. Alles wird „auf Meinung reduziert“, und man gibt sich „mit provisorischen Teilwahrheiten“ (NL 5) zufrieden.

Was das Schreiben sagen will

Die Botschaft der Enzyklika reagiert auf diese kulturelle Situation und bringt kraftvoll und überzeugend die Fähigkeit der Vernunft wieder vor, Gott erkennen und – gemäß der begrenzten Natur des Menschen – die fundamentalen Wahrheiten der Existenz finden zu können: die Spiritualität und Unsterblichkeit der Seele; die Fähigkeit, Gutes zu tun und dem natürlichen Gesetz der Moral zu folgen; die Möglichkeit, wahre Urteile zu formulieren, die Behauptung der Freiheit des Menschen… Gleichzeitig bestätigt sie, daß diese metaphysische Fähigkeit der Vernunft eine notwendige Tatsache des Glaubens ist, bis zu dem Punkt, daß eine Glaubensauffassung, die vorgibt, sich abweichend oder alternativ zur Vernunft zu entwickeln, auch als Glaube ungenügend wäre.

Weiter stellt der Papst, indem er sich in den Dialog der Intellektuellen unserer Zeit einschaltet, eine ernsthafte Frage, die eine ebenso ernsthafte Reflexion und Diskussion hervorrufen muß: warum will die Vernunft sich selbst daran hindern, nach der Wahrheit zu streben, während sie doch durch ihre eigentliche Natur darauf ausgerichtet ist, diese zu erlangen?

An diesem Punkt wird offensichtlich, daß man – wenn die Fähigkeit der Vernunft, die Wahrheit Gottes, des Menschen und der Welt zu erkennen, gestützt werden soll – eine Philosophie benötigt, die in der Lage ist, begrifflich die metaphysische Dimension der Wirklichkeit zu erkennen. Es bedarf, in anderen Worten, einer Philosophie, die den fundamentalen Fragen der Existenz, der Integrität und Totalität des Wirklichen ohne Vorurteile und ohne reduktionistisches Vorverständnis „offen“ gegenübersteht.

Der christliche Glaube ist einerseits dazu verpflichtet, sich solchen Philosophien oder Theorien entgegenzustellen, welche die Neigung des Menschen, die metaphysische Wahrheit der Dinge erkennen zu wollen, ausschließen (Positivismus, Materialismus, Szientismus, Historismus, Problematizismus, Relativismus, Nihilismus). Andererseits verteidigt der Glaube, indem er die „Möglichkeit einer metaphysischen und rationalen Reflexion verteidigt verteidigt, welche in der Forschungsmethode autonom bleibt und ihre eigene Natur behält, die Würde des Menschen und fördert so die Philosophie, indem er sie dazu auffordert, sich mit dem tiefen und letzten Sinn des Seins, des Menschen und der Welt zu befassen. Den Menschen vom Zugang zur Wahrheit auszuschließen, ist der Ursprung jeder Entfremdung. In diesem Sinn knüpft „Fides et ratio“ an die erste, programmatische Enzyklika von Johannes Paul II., „Redemptor hominis“, an: die Kirche kann nicht allem gleichgültig gegenüberstehen, was den Menschen bewegt, das heißt seiner Unruhe, seinem Handeln und seinen Hoffnungen: „der Suche nach Wahrheit, dem unstillbaren Bedürfnis nach dem Guten, dem Hunger nach Freiheit, der Sehnsucht nach dem Schönen, der Stimme des Gewissens“ (vgl. Nr.18).

,,Fides et ratio“ will dem zeitgenössischen Menschen das Vertrauen und die Möglichkeit wiedergeben, eine sichere Antwort auf seine Unruhe und seine existentiellen Bedürfnisse zu finden. Sie fordert das menschliche Gewissen auf, sich dem Grundproblem der Existenz und des Lebens zu stellen und die Wahrheit Gottes als Prinzip der Wahrheit, der Person und der ganzen Welt anzuerkennen.

Das soll nicht heißen, daß die Kirche eine bestimmte philosophische Schule durchsetzen oder ein bestimmtes philosophisches oder „metaphysisches System kanonisieren“ metaphysisches System kanonisieren will. Die Enzyklika ist in diesem Punkt ganz klar. Es bedeutet jedoch, daß die christliche Lehre die Durchsetzung einer „recta ratio“ (einer gerade ausgerichteten philosophischen Vernunft) fordert, die, obwohl sie sich nicht mit einer bestimmten philosophischen Bewegung identifiziert, den wesentlichen Kern und die unverzichtbaren Eckpfeiler der rationalen Wahrheit des Seins, der Erkenntnis und des moralischen Handelns des Menschen ausdrückt, die sozusagen der Pluralität verschiedener Philosophien und Kulturen vorausgehen und ein Kriterium zur Beurteilung verschiedener Aussagen philosophischer Systeme bilden.

Hier sieht man die Bedeutung dieses Aufrufs der Enzyklika für die Theologen und (für gläubige und nicht gläubige) Philosophen. Besonders ursprünglich ist der Hinweis, daß die christliche „Offenbarung selbst der Vergleichs- und Verknüpfungspunkt“ Offenbarung selbst der Vergleichs- und Verknüpfungspunkt zwischen Philosophie und Glauben ist. Indem er die aktuellen Forderungen und Aufgaben umreißt (Kap. VII), zeigt der Papst den „Weg der Weisheit“ als den richtigen Weg an, um endgültige Antworten auf die Frage nach dem Sinn der Existenz zu finden. Er erinnert die Theologen daran. daß die Theologie ohne eine gesunde Philosophie dazu bestimmt ist, den Denkformen der postmodernen Kultur zu erliegen, die es aufgegeben hat, über die Frage der Wahrheit nachzudenken. Er lädt die Philosophen dazu ein, einer ständig gültigen Tradition zu folgen und die Dimensionen der Weisheit und der Wahrheit – auch der metaphysischen – im philosophischen Denken wiederzubeleben.

Die Aktualität von Fides et ratio

Die Enzyklika antwortet schließlich auf die wichtigste kulturelle Herausforderung, die in der heutigen Zeit aufgeworfen wird: es geht um den Sinn der Freiheit.

Wahrheit und Freiheit verbinden sich miteinander oder sie gehen gemeinsam elend zugrunde“ (Nr. 90). Das ist, wenn man so will, die wichtigste Forderung, die aus der Enzyklika „Fides et ratio“ hervorgeht.

In der heutigen Zeit ist die Idee der Freiheit bis zu dem Punkt gereift, daß sie als absolut autonom aufgefaßt wird. Man sieht keine Möglichkeit, sie mit der Idee der absoluten und unbedingten Wahrheit zu verknüpfen. Daraus folgt, daß die allgemeine Meinung es für möglich und legitim hält, lediglich einen gemeinsamen Bereich oder eine gemeinsame Plattform zu suchen, wo man ethische oder allgemein menschliche Werte ausmachen kann, um die herum sich in Konsens konstruieren läßt. Der „mögliche Konsens“ wird Prinzip und Ziel der kulturellen und philosophischen Reflexion und des Dialogs. Nicht die Zustimmung zur Wahrheit oder die Suche nach der Wahrheit, sondern eine realisierbare öffentliche Zustimmung, welche die Freiheit von allen und jedem respektiert, bildet das Ziel der Reflexion sowie der kulturellen und sozialen Bemühungen.

„Fides et ratio“ überwindet diesen Niedergang und diese Beschränktheit der Vernunft und der Freiheit und stellt stattdessen eine untrennbare Verbindung zwischen Wahrheit und Freiheit her. Die Freiheit ist nicht einfach die Fähigkeit, gleichgültige oder austauschbare Entscheidungen zu treffen. Sie ist auf Fülle ausgerichtet, ein erfülltes Leben, das die Person mit dem Ausüben ihrer Freiheit, aber in „richtiger Weise“ (Recta Ratio) erobern muß. Die Freiheit findet ihren Sinn und folglich ihre Wahrheit, indem sie sich selbst, in Übereinstimmung mit der Natur der menschlichen Person, auf ihr eigenes Ziel ausrichtet. Folglich ist die Freiheit untrennbar an die Wahrheit des nach dem Bilde Gottes geschaffenen Menschen gebunden und besteht vor allem in der Liebe zu Gott und dem Nächsten.

Es gibt schließlich die Korrelation zwischen Liebe und Wahrheit. Die Liebe zu Gott und zum Nächsten kann nur dann Bestand haben, wenn sie in der tiefen Liebe zur Wahrheit Gottes und des Nächsten gründet. Die wirkliche Liebe zum Menschen ist der Wunsch, ihm das zu geben, was er am nötigsten braucht: Erkenntnis und Wahrheit. Daher ist die Enzyklika „Fides et ratio“ aktuell, und zwar von einer tiefen und nicht nur einfach oberflächlichen oder der Mode entsprechenden Aktualität: sie ist aktuell, weil sie zeigt, daß der Glaube als Annahme der Wahrheit Gottes, die sich in Jesus Christus offenbart, weder für die Vernunft noch für die Freiheit eine Bedrohung darstellt. Der Glaube schützt die Vernunft, da er fragende und forschende Menschen braucht. Nicht das Fragen behindert den Glauben, sondern jene verschlossene Haltung, die nicht fragen will und die Wahrheit als etwas betrachtet, das unerreichbar oder nicht der Mühe wert ist. Der Glaube zerstört die Vernunft nicht, er bewahrt sie und bleibt sich dadurch selbst treu.

Auf die gleiche Weise beschützt der Glaube die Freiheit, denn wenn dem Menschen einmal die Wahrheit genommen wurde, wird er allmählich entweder zu einem zerstörerischen Machtwillen, welcher die Freiheit anderer unterdrückt oder in die Verzweiflung der Einsamkeit getrieben (Nr. 90). Die Freiheit – das ist die Botschaft von Johannes Paul II. – kann nur erlangt und gewährleistet werden, wenn der Weg zur Wahrheit allen immer und überall offen und zugänglich bleibt.

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Quelle

Die Papstrede bei der Ratzinger-Preisvergabe im Wortlaut

Papst Franziskus und Benedikt XVI.

Hier lesen Sie die Ansprache von Papst Franziskus, bei der Vergabe des Ratzinger-Preises an diesem Samstag in einer offiziellen deutschen Übersetzung. (rv)

Liebe Brüder und Schwestern,

ich freue mich über diese Begegnung mit Ihnen im Rahmen der alljährlichen Verleihung der Preise an die herausragenden Persönlichkeiten, die mir von der Vatikanischen Stiftung Joseph Ratzinger – Benedikt XVI. und ihrem Wissenschaftskomitee vorgestellt wurden. Mein besonderer Gruß geht an die Preisträger sowie an die Mitglieder und Freunde der Stiftung. Ich danke Kardinal Kurt Koch und Pater Lombardi, die uns die Bedeutung dieses Moments nahe gebracht haben, der den Höhepunkt unter Ihren Aktivitäten darstellt. Diese haben ja die Förderung der theologischen Forschung und des kulturellen Engagements, das vom Glauben und dem Streben der Seele zu Gott getragenen ist, zum Ziel.

In Ihrer aller Namen richte ich einen ganz herzlichen Gruß an den emeritierten Papst Benedikt. Sein Gebet und seine diskrete, Mut machende Präsenz begleiten uns auf unserem gemeinsamen Weg. Sein Lehramt und sein Werk sind der Kirche und unserem Dienst auch weiter ein lebendiges und wertvolles Erbe. Gerade deshalb lade ich Ihre Stiftung ein, nicht nachzulassen in ihrer Aufgabe, dieses Erbe zu studieren und zu vertiefen und gleichzeitig nach vorn zu blicken. So nämlich kann sie die Fruchtbarkeit dieses Erbes mit der Exegese der Schriften Joseph Ratzingers zur Geltung bringen als auch das Studium und die theologische und kulturelle Forschung in seinem Geist fortführen und dabei auch in neue Bereiche vordringen, in denen die heutige Kultur den Glauben zum Dialog auffordert. Das Bedürfnis nach diesem Dialog ist für den menschlichen Geist stets dringend und vital: der Glaube braucht ihn, denn er sondert sich ab, wenn er nicht Fleisch annimmt in der Zeit. Die Vernunft braucht ihn, denn sie verliert die Menschlichkeit, wenn sie sich nicht zum Transzendenten erhebt. Denn, so sagte der heilige Johannes Paul II., »Glaube und Vernunft sind wie die beiden Flügel, mit denen sich der menschliche Geist zur Betrachtung der Wahrheit erhebt« (Enzyklika Fides et ratio, Proömium).

Joseph Ratzinger ist nach wie vor ein Lehrmeister, Freund und Bezugspunkt für all jene, die sich das Geschenk der Vernunft zunutze machen, um der menschlichen Berufung der Wahrheitssuche entsprechen zu können. Als ihm der selige Paul VI. das verantwortungsvolle Amt des Erzbischofs von München und Freising übertragen hat, machte er „Cooperatores veritatis“ – „Mitarbeiter der Wahrheit“ zu seinem Wahlspruch. Dieses Wort aus dem Dritten Johannesbrief (Vers 8) bringt den inneren Sinn seines Wirkens und seines Dienstes ganz zum Ausdruck. Das Motto steht auch auf den Preisurkunden, die ich soeben verliehen habe, zum Zeichen dafür, dass auch die Preisträger ihr Leben der hohen Sendung gewidmet haben, der Wahrheit zu dienen, in den Dienst an der Wahrheit gestellt haben: veritatis diaconia.

Ich freue mich, dass die bedeutenden Persönlichkeiten, die heute ausgezeichnet wurden, aus drei christlichen Konfessionen kommen, darunter auch die lutherische, mit der wir dieses Jahr bedeutende Begegnungen und Momente des gemeinsamen Weges erlebt haben. Die Wahrheit Christi ist nichts für Solisten – sie ist symphonisch: was sie braucht, ist lernbereite Zusammenarbeit und einmütiger Austausch. Sie zu suchen, zu studieren, zu betrachten und – in der Liebe – gemeinsam in die Tat umzusetzen, lässt uns unweigerlich nach voller Gemeinschaft streben: so wird die Wahrheit zu einer lebendigen Quelle immer inniger werdender Bande der Liebe.

Mit Freude habe ich die Idee begrüßt, den Horizont der Preisverleihung zu erweitern und neben der Theologie und der mit ihr verwandten Wissenschaften auch die Künste zu prämieren. Diese „Horizonterweiterung“ ist ganz im Sinne Benedikts XVI., der so oft und auf so berührende Weise von der Schönheit als dem privilegiertem Weg gesprochen hat, der uns für die Transzendenz öffnet und zur Begegnung mit Gott führt. Besonders bewundert haben wir seine Sensibilität für die Musik – eine Kunst, die er auch selbst praktiziert hat als einen Weg der Unbeschwertheit und Erhebung des Geistes.

Mir bleibt nur noch, den verehrten Preisträgern meine Gratulation auszusprechen: Professor Theodor Dieter, Professor Karl-Heinz Menke und Maestro Arvo Pärt. Ihrer Stiftung und allen ihren Freunden wünsche ich, dass sie auch in Zukunft neue und immer weitere Wege beschreiten mögen, um zur Forschung, zum Dialog und zur Erkenntnis der Wahrheit beizutragen. Einer Wahrheit, die – wie uns Papst Benedikt XVI. immer wieder ins Gedächtnis gerufen hat – in Gott logos und agape, Vernunft und Liebe zugleich ist, Fleisch geworden in der Person Jesu.

Darbietung des “Pater Noster” von Arvo Pärt

Segen

(rv 18.11.2017 mg)

Summorum Pontificum: „Benedikt XVI. wollte nicht spalten“

Papst Benedikt XVI. erlaubte 2007 die lateinische Messfeier erneut

Der deutsche Schriftsteller Martin Mosebach hat das Motu Proprio „Summorum Pontificum“ von Papst Benedikt XVI gewürdigt. Er äußerte sich bei einem Symposium in Rom, das an das 10-jährige Jubiläums des Dokuments erinnerte. Papst Benedikt hatte 2007 die Feier der Messe in der alten Form wieder erlaubt. Mit seinem Schreiben, so Mosebach gegenüber Radio Vatikan, wollte der damalige Papst „eine Haltung zur Gegenwart der Kirche erreichen, in der das Zweite Vatikanische Konzil und die danach kommende Entwicklung, mit allem was sie bedeutete, nicht als Bruch mit der Tradition verstanden würde, sondern als eine Entwicklung.“

Benedikt habe die Kirche mit diesem Schreiben nicht spalten wollen, so der Schriftsteller, der dem derzeitigen Pontifikat von Papst Franziskus kritisch gegenübersteht. „Im Gegenteil“, so Mosebach, Papst Benedikt fand es „dringend erforderlich, dass ein über anderthalb Jahrtausende gepflegter Ritus nicht verschwindet, sondern fortgeführt wird.“

Das Zweite Vatikanische Konzil hatte mit seiner Liturgiekonstitution Sacrosanctum Concilium die Überarbeitung des römischen Ritus in den liturgischen Büchern angemahnt. Die alte Messe zeichnet sich durch den Gebrauch der lateinischen Sprache und durch einen anderen Ablauf der Feier aus. Mit seiner Entscheidung, sie als „außerordentliche Form des römischen Ritus“ wieder auf breiter Ebene zuzulassen, hatte Papst Benedikt Zuspruch im als konservativ geltenden Milieu der katholischen Kirche erhalten.

„Wir glauben mit den Knien oder wir glauben überhaupt nicht.“ Mit diesen Worten verteidigte Mosebach in seinem Buch „Häresie der Formlosigkeit“ die Feier der Heiligen Messe in römischer Form. Der sich selbst als Reaktionär bezeichnende Schriftsteller provoziert darin mit Aussagen, wonach bei heutiger Interpretation ein Jesus herauskäme, der „sozialdemokratisch“ und „ebenso frauenfreundlich wie Willy Brandt und dabei ebenso wenig auferstanden“ sei.

(rv 22.09.2017 ord)

ANSPRACHE VON PAPST BENEDIKT XVI. AN DEN DEUTSCHEN BUNDESTAG – 2011

German Economy Minister Philipp Roesler and Chancellor Angela Merkel look on as Pope Benedict XVI gives a speech to the German parliament in Berlin Sept. 22. Pope Benedict began a four-day visit to his homeland. (CNS photo/Thomas Peter, Reuters) (Sept. 22, 2011) See GERMANY-ARRIVE (UPDATED) Sept. 22, 2011.

APOSTOLISCHE REISE NACH DEUTSCHLAND
22.-25. SEPTEMBER 2011

BESUCH DES DEUTSCHEN BUNDESTAGS

ANSPRACHE VON PAPST BENEDIKT XVI.

Berliner Reichstagsgebäude
Donnerstag, 22. September 2011

 

Sehr geehrter Herr Bundespräsident!
Herr Bundestagspräsident!
Frau Bundeskanzlerin!
Frau Bundesratspräsidentin!
Meine Damen und Herren Abgeordnete!

Es ist mir Ehre und Freude, vor diesem Hohen Haus zu sprechen – vor dem Parlament meines deutschen Vaterlandes, das als demokratisch gewählte Volksvertretung hier zusammenkommt, um zum Wohl der Bundesrepublik Deutschland zu arbeiten. Dem Herrn Bundestagspräsidenten möchte ich für seine Einladung zu dieser Rede ebenso danken wie für die freundlichen Worte der Begrüßung und Wertschätzung, mit denen er mich empfangen hat. In dieser Stunde wende ich mich an Sie, verehrte Damen und Herren – gewiß auch als Landsmann, der sich lebenslang seiner Herkunft verbunden weiß und die Geschicke der deutschen Heimat mit Anteilnahme verfolgt. Aber die Einladung zu dieser Rede gilt mir als Papst, als Bischof von Rom, der die oberste Verantwortung für die katholische Christenheit trägt. Sie anerkennen damit die Rolle, die dem Heiligen Stuhl als Partner innerhalb der Völker- und Staatengemeinschaft zukommt. Von dieser meiner internationalen Verantwortung her möchte ich Ihnen einige Gedanken über die Grundlagen des freiheitlichen Rechtsstaats vorlegen.

Lassen Sie mich meine Überlegungen über die Grundlagen des Rechts mit einer kleinen Geschichte aus der Heiligen Schrift beginnen. Im ersten Buch der Könige wird erzählt, daß Gott dem jungen König Salomon bei seiner Thronbesteigung eine Bitte freistellte. Was wird sich der junge Herrscher in diesem Augenblick erbitten? Erfolg – Reichtum – langes Leben – Vernichtung der Feinde? Nicht um diese Dinge bittet er. Er bittet: „Verleih deinem Knecht ein hörendes Herz, damit er dein Volk zu regieren und das Gute vom Bösen zu unterscheiden versteht“ (1 Kön 3,9). Die Bibel will uns mit dieser Erzählung sagen, worauf es für einen Politiker letztlich ankommen muß. Sein letzter Maßstab und der Grund für seine Arbeit als Politiker darf nicht der Erfolg und schon gar nicht materieller Gewinn sein. Die Politik muß Mühen um Gerechtigkeit sein und so die Grundvoraussetzung für Friede schaffen. Natürlich wird ein Politiker den Erfolg suchen, ohne den er überhaupt nicht die Möglichkeit politischer Gestaltung hätte. Aber der Erfolg ist dem Maßstab der Gerechtigkeit, dem Willen zum Recht und dem Verstehen für das Recht untergeordnet. Erfolg kann auch Verführung sein und kann so den Weg auftun für die Verfälschung des Rechts, für die Zerstörung der Gerechtigkeit. „Nimm das Recht weg – was ist dann ein Staat noch anderes als eine große Räuberbande“, hat der heilige Augustinus einmal gesagt[1]. Wir Deutsche wissen es aus eigener Erfahrung, daß diese Worte nicht ein leeres Schreckgespenst sind. Wir haben erlebt, daß Macht von Recht getrennt wurde, daß Macht gegen Recht stand, das Recht zertreten hat und daß der Staat zum Instrument der Rechtszerstörung wurde – zu einer sehr gut organisierten Räuberbande, die die ganze Welt bedrohen und an den Rand des Abgrunds treiben konnte. Dem Recht zu dienen und der Herrschaft des Unrechts zu wehren ist und bleibt die grundlegende Aufgabe des Politikers. In einer historischen Stunde, in der dem Menschen Macht zugefallen ist, die bisher nicht vorstellbar war, wird diese Aufgabe besonders dringlich. Der Mensch kann die Welt zerstören. Er kann sich selbst manipulieren. Er kann sozusagen Menschen machen und Menschen vom Menschsein ausschließen. Wie erkennen wir, was recht ist? Wie können wir zwischen Gut und Böse, zwischen wahrem Recht und Scheinrecht unterscheiden? Die salomonische Bitte bleibt die entscheidende Frage, vor der der Politiker und die Politik auch heute stehen.

In einem Großteil der rechtlich zu regelnden Materien kann die Mehrheit ein genügendes Kriterium sein. Aber daß in den Grundfragen des Rechts, in denen es um die Würde des Menschen und der Menschheit geht, das Mehrheitsprinzip nicht ausreicht, ist offenkundig: Jeder Verantwortliche muß sich bei der Rechtsbildung die Kriterien seiner Orientierung suchen. Im 3. Jahrhundert hat der große Theologe Origenes den Widerstand der Christen gegen bestimmte geltende Rechtsordnungen so begründet: „Wenn jemand sich bei den Skythen befände, die gottlose Gesetze haben, und gezwungen wäre, bei ihnen zu leben …, dann würde er wohl sehr vernünftig handeln, wenn er im Namen des Gesetzes der Wahrheit, das bei den Skythen ja Gesetzwidrigkeit ist, zusammen mit Gleichgesinnten auch entgegen der bei jenen bestehenden Ordnung Vereinigungen bilden würde …“[2]

Von dieser Überzeugung her haben die Widerstandskämpfer gegen das Naziregime und gegen andere totalitäre Regime gehandelt und so dem Recht und der Menschheit als ganzer einen Dienst erwiesen. Für diese Menschen war es unbestreitbar evident, daß geltendes Recht in Wirklichkeit Unrecht war. Aber bei den Entscheidungen eines demokratischen Politikers ist die Frage, was nun dem Gesetz der Wahrheit entspreche, was wahrhaft recht sei und Gesetz werden könne, nicht ebenso evident. Was in bezug auf die grundlegenden anthropologischen Fragen das Rechte ist und geltendes Recht werden kann, liegt heute keineswegs einfach zutage. Die Frage, wie man das wahrhaft Rechte erkennen und so der Gerechtigkeit in der Gesetzgebung dienen kann, war nie einfach zu beantworten, und sie ist heute in der Fülle unseres Wissens und unseres Könnens noch sehr viel schwieriger geworden.

Wie erkennt man, was recht ist? In der Geschichte sind Rechtsordnungen fast durchgehend religiös begründet worden: Vom Blick auf die Gottheit her wird entschieden, was unter Menschen rechtens ist. Im Gegensatz zu anderen großen Religionen hat das Christentum dem Staat und der Gesellschaft nie ein Offenbarungsrecht, nie eine Rechtsordnung aus Offenbarung vorgegeben. Es hat stattdessen auf Natur und Vernunft als die wahren Rechtsquellen verwiesen – auf den Zusammenklang von objektiver und subjektiver Vernunft, der freilich das Gegründetsein beider Sphären in der schöpferischen Vernunft Gottes voraussetzt. Die christlichen Theologen haben sich damit einer philosophischen und juristischen Bewegung angeschlossen, die sich seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. gebildet hatte. In der ersten Hälfte des 2. vorchristlichen Jahrhunderts kam es zu einer Begegnung zwischen dem von stoischen Philosophen entwickelten sozialen Naturrecht und verantwortlichen Lehrern des römischen Rechts.[3] In dieser Berührung ist die abendländische Rechtskultur geboren worden, die für die Rechtskultur der Menschheit von entscheidender Bedeutung war und ist. Von dieser vorchristlichen Verbindung von Recht und Philosophie geht der Weg über das christliche Mittelalter in die Rechtsentfaltung der Aufklärungszeit bis hin zur Erklärung der Menschenrechte und bis zu unserem deutschen Grundgesetz, mit dem sich unser Volk 1949 zu den „unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt“ bekannt hat.

Für die Entwicklung des Rechts und für die Entwicklung der Humanität war es entscheidend, daß sich die christlichen Theologen gegen das vom Götterglauben geforderte religiöse Recht auf die Seite der Philosophie gestellt, Vernunft und Natur in ihrem Zueinander als die für alle gültige Rechtsquelle anerkannt haben. Diesen Entscheid hatte schon Paulus im Brief an die Römer vollzogen, wenn er sagt: „Wenn Heiden, die das Gesetz (die Tora Israels) nicht haben, von Natur aus das tun, was im Gesetz gefordert ist, so sind sie… sich selbst Gesetz. Sie zeigen damit, daß ihnen die Forderung des Gesetzes ins Herz geschrieben ist; ihr Gewissen legt Zeugnis davon ab…“ (Röm 2,14f). Hier erscheinen die beiden Grundbegriffe Natur und Gewissen, wobei Gewissen nichts anderes ist als das hörende Herz Salomons, als die der Sprache des Seins geöffnete Vernunft. Wenn damit bis in die Zeit der Aufklärung, der Menschenrechtserklärung nach dem Zweiten Weltkrieg und in der Gestaltung unseres Grundgesetzes die Frage nach den Grundlagen der Gesetzgebung geklärt schien, so hat sich im letzten halben Jahrhundert eine dramatische Veränderung der Situation zugetragen. Der Gedanke des Naturrechts gilt heute als eine katholische Sonderlehre, über die außerhalb des katholischen Raums zu diskutieren nicht lohnen würde, so daß man sich schon beinahe schämt, das Wort überhaupt zu erwähnen. Ich möchte kurz andeuten, wieso diese Situation entstanden ist. Grundlegend ist zunächst die These, daß zwischen Sein und Sollen ein unüberbrückbarer Graben bestehe. Aus Sein könne kein Sollen folgen, weil es sich da um zwei völlig verschiedene Bereiche handle. Der Grund dafür ist das inzwischen fast allgemein angenommene positivistische Verständnis von Natur. Wenn man die Natur – mit den Worten von H. Kelsen – als „ein Aggregat von als Ursache und Wirkung miteinander verbundenen Seinstatsachen“ ansieht, dann kann aus ihr in der Tat keine irgendwie geartete ethische Weisung hervorgehen.[4] Ein positivistischer Naturbegriff, der die Natur rein funktional versteht, so wie die Naturwissenschaft sie erkennt, kann keine Brücke zu Ethos und Recht herstellen, sondern wiederum nur funktionale Antworten hervorrufen. Das gleiche gilt aber auch für die Vernunft in einem positivistischen, weithin als allein wissenschaftlich angesehenen Verständnis. Was nicht verifizierbar oder falsifizierbar ist, gehört danach nicht in den Bereich der Vernunft im strengen Sinn. Deshalb müssen Ethos und Religion dem Raum des Subjektiven zugewiesen werden und fallen aus dem Bereich der Vernunft im strengen Sinn des Wortes heraus. Wo die alleinige Herrschaft der positivistischen Vernunft gilt – und das ist in unserem öffentlichen Bewußtsein weithin der Fall –, da sind die klassischen Erkenntnisquellen für Ethos und Recht außer Kraft gesetzt. Dies ist eine dramatische Situation, die alle angeht und über die eine öffentliche Diskussion notwendig ist, zu der dringend einzuladen eine wesentliche Absicht dieser Rede bildet.

Das positivistische Konzept von Natur und Vernunft, die positivistische Weltsicht als Ganze ist ein großartiger Teil menschlichen Erkennens und menschlichen Könnens, auf die wir keinesfalls verzichten dürfen. Aber es ist nicht selbst als Ganzes eine dem Menschsein in seiner Weite entsprechende und genügende Kultur. Wo die positivistische Vernunft sich allein als die genügende Kultur ansieht und alle anderen kulturellen Realitäten in den Status der Subkultur verbannt, da verkleinert sie den Menschen, ja sie bedroht seine Menschlichkeit. Ich sage das gerade im Hinblick auf Europa, in dem weite Kreise versuchen, nur den Positivismus als gemeinsame Kultur und als gemeinsame Grundlage für die Rechtsbildung anzuerkennen, alle übrigen Einsichten und Werte unserer Kultur in den Status einer Subkultur verweisen und damit Europa gegenüber den anderen Kulturen der Welt in einen Status der Kulturlosigkeit gerückt und zugleich extremistische und radikale Strömungen herausgefordert werden. Die sich exklusiv gebende positivistische Vernunft, die über das Funktionieren hinaus nichts wahrnehmen kann, gleicht den Betonbauten ohne Fenster, in denen wir uns Klima und Licht selber geben, beides nicht mehr aus der weiten Welt Gottes beziehen wollen. Und dabei können wir uns doch nicht verbergen, daß wir in dieser selbstgemachten Welt im stillen doch aus den Vorräten Gottes schöpfen, die wir zu unseren Produkten umgestalten. Die Fenster müssen wieder aufgerissen werden, wir müssen wieder die Weite der Welt, den Himmel und die Erde sehen und all dies recht zu gebrauchen lernen.

Aber wie geht das? Wie finden wir in die Weite, ins Ganze? Wie kann die Vernunft wieder ihre Größe finden, ohne ins Irrationale abzugleiten? Wie kann die Natur wieder in ihrer wahren Tiefe, in ihrem Anspruch und mit ihrer Weisung erscheinen? Ich erinnere an einen Vorgang in der jüngeren politischen Geschichte, in der Hoffnung, nicht allzusehr mißverstanden zu werden und nicht zu viele einseitige Polemiken hervorzurufen. Ich würde sagen, daß das Auftreten der ökologischen Bewegung in der deutschen Politik seit den 70er Jahren zwar wohl nicht Fenster aufgerissen hat, aber ein Schrei nach frischer Luft gewesen ist und bleibt, den man nicht überhören darf und nicht beiseite schieben kann, weil man zu viel Irrationales darin findet. Jungen Menschen war bewußt geworden, daß irgend etwas in unserem Umgang mit der Natur nicht stimmt. Daß Materie nicht nur Material für unser Machen ist, sondern daß die Erde selbst ihre Würde in sich trägt und wir ihrer Weisung folgen müssen. Es ist wohl klar, daß ich hier nicht Propaganda für eine bestimmte politische Partei mache – nichts liegt mir ferner als dies. Wenn in unserem Umgang mit der Wirklichkeit etwas nicht stimmt, dann müssen wir alle ernstlich über das Ganze nachdenken und sind alle auf die Frage nach den Grundlagen unserer Kultur überhaupt verwiesen. Erlauben Sie mir, bitte, daß ich noch einen Augenblick bei diesem Punkt bleibe. Die Bedeutung der Ökologie ist inzwischen unbestritten. Wir müssen auf die Sprache der Natur hören und entsprechend antworten. Ich möchte aber nachdrücklich einen Punkt ansprechen, der nach wie vor – wie mir scheint –ausgeklammert wird: Es gibt auch eine Ökologie des Menschen. Auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muß und die er nicht beliebig manipulieren kann. Der Mensch ist nicht nur sich selbst machende Freiheit. Der Mensch macht sich nicht selbst. Er ist Geist und Wille, aber er ist auch Natur, und sein Wille ist dann recht, wenn er auf die Natur achtet, sie hört und sich annimmt als der, der er ist und der sich nicht selbst gemacht hat. Gerade so und nur so vollzieht sich wahre menschliche Freiheit.

Kehren wir zurück zu den Grundbegriffen Natur und Vernunft, von denen wir ausgegangen waren. Der große Theoretiker des Rechtspositivismus, Kelsen, hat im Alter von 84 Jahren – 1965 – den Dualismus von Sein und Sollen aufgegeben. (Es tröstet mich, daß man mit 84 Jahren offenbar noch etwas Vernünftiges denken kann.) Er hatte früher gesagt, daß Normen nur aus dem Willen kommen können. Die Natur könnte folglich Normen nur enthalten – so fügt er hinzu –, wenn ein Wille diese Normen in sie hineingelegt hätte. Dies wiederum – sagt er – würde einen Schöpfergott voraussetzen, dessen Wille in die Natur miteingegangen ist. „Über die Wahrheit dieses Glaubens zu diskutieren, ist völlig aussichtslos“, bemerkt er dazu.[5] Wirklich? – möchte ich fragen. Ist es wirklich sinnlos zu bedenken, ob die objektive Vernunft, die sich in der Natur zeigt, nicht eine schöpferische Vernunft, einen Creator Spiritus voraussetzt?

An dieser Stelle müßte uns das kulturelle Erbe Europas zu Hilfe kommen. Von der Überzeugung eines Schöpfergottes her ist die Idee der Menschenrechte, die Idee der Gleichheit aller Menschen vor dem Recht, die Erkenntnis der Unantastbarkeit der Menschenwürde in jedem einzelnen Menschen und das Wissen um die Verantwortung der Menschen für ihr Handeln entwickelt worden. Diese Erkenntnisse der Vernunft bilden unser kulturelles Gedächtnis. Es zu ignorieren oder als bloße Vergangenheit zu betrachten, wäre eine Amputation unserer Kultur insgesamt und würde sie ihrer Ganzheit berauben. Die Kultur Europas ist aus der Begegnung von Jerusalem, Athen und Rom – aus der Begegnung zwischen dem Gottesglauben Israels, der philosophischen Vernunft der Griechen und dem Rechtsdenken Roms entstanden. Diese dreifache Begegnung bildet die innere Identität Europas. Sie hat im Bewußtsein der Verantwortung des Menschen vor Gott und in der Anerkenntnis der unantastbaren Würde des Menschen, eines jeden Menschen, Maßstäbe des Rechts gesetzt, die zu verteidigen uns in unserer historischen Stunde aufgegeben ist.

Dem jungen König Salomon ist in der Stunde seiner Amtsübernahme eine Bitte freigestellt worden. Wie wäre es, wenn uns, den Gesetzgebern von heute, eine Bitte freigestellt würde? Was würden wir erbitten? Ich denke, auch heute könnten wir letztlich nichts anderes wünschen als ein hörendes Herz – die Fähigkeit, Gut und Böse zu unterscheiden und so wahres Recht zu setzen, der Gerechtigkeit zu dienen und dem Frieden. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!

[1] De civitate Dei, IV, 4, 1.
[2] Contra Celsum GCS Orig. 428 (Koetschau); vgl. A. Fürst, Monotheismus und Monarchie. Zum Zusammenhang von Heil und Herrschaft in der Antike. In: Theol.Phil. 81 (2006) 321-338; Zitat S. 336; vgl. auch J. Ratzinger, Die Einheit der Nationen. Eine Vision der Kirchenväter (Salzburg – München 1971) 60.
[3] Vgl. W. Waldstein, Ins Herz geschrieben. Das Naturrecht als Fundament einer menschlichen Gesellschaft (Augsburg 2010) 11ff; 31-61.
[4] Waldstein, a.a.O., 15-21.
[5] Zitiert nach Waldstein, a.a.O., 19.

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Quelle

Das glorreiche Kreuz Christi: Maß der Liebe Gottes

Benedikt XVI. – Licht des Glaubens: Christsein, Priestertum und Sendung. Die übernatürliche Dimension des Lebens wiederentdecken. Von Armin Schwibach

Rom (kath.net/as) Das Wetter hatte einen Strich durch die Rechnung gemacht. Ursprünglich hätte Papst Benedikt XVI. im Rahmen seiner 27. Reise innerhalb Italiens am 13. Mai 2012 das Franziskus-Heiligtum auf dem Berg La Verna 45 Kilometer nördlich von Arezzo im Casentino-Tal besuchen sollen. Dort hatten ihn verschiedene Minoritengemeinschaften, die Klarissenschwestern der Toskana und die Ordensschwestern von Chiusi della Verna erwartet. Aufgrund heftiger Windböen und Nebel jedoch musste der Besuch nach langer Überlegung kurzfristig abgesagt werden. Der päpstliche Hubschrauber hatte den auf 1.283 Meter Höhe gelegenen Ort nicht anfliegen können.

Für Benedikt XVI. hat La Verna eine besondere Bedeutung, an die er noch als Kardinal bei einem früheren Besuch im Jahr 1988 erinnert hatte. Der Ort inspirierte den Kirchenlehrer Bonaventura von Bagnoreggio (1221-1274) und Lehrer Joseph Ratzingers zu seinem mystischen Hauptwerk „Itinerarium mentis in Deum“ („Reisebericht des Geistes zu Gott“. Der Papst hatte für seine Begegnung mit den Ordensleuten eine tiefgehende Meditation vorbereitet, in deren Mittelpunkt er in direkter Verbindung mit dem franziskanischen Pilgerort Christsein, Priestertum und Sendung stellte und über die Betrachtung des Kreuzes nachdachte.

„Das glorreiche Kreuz Christi fasst die Leiden der Welt zusammen, vor allem aber ist es ein greifbares Zeichen der Liebe, das Maß der Barmherzigkeit Gottes gegenüber dem Menschen“.

Nur wenn man sich von der Liebe Gottes erleuchten lasse, „können der Mensch und die gesamte Natur erlöst werden, kann die Schönheit endlich den Glanz des Antlitzes Christi widerspiegeln, wie der Mond die Sonne widerspiegelt“, so Benedikt XVI. Das Blut des Gekreuzigten, „das aus dem glorreichen Kreuz hervorquillt, belebt wieder die ausgetrockneten Gebeine des Adam, der in uns ist“.

Die Betrachtung des Gekreuzigten „ist ein Werk des Verstandes, der sich jedoch nicht in die Höhe aufschwingen kann ohne die Unterstützung, ohne die Kraft der Liebe“.

Die für den ausgefallenen Besuch beim Heiligtum von La Verna vorbereitete Ansprache Benedikts XVI., 13. Mai 2012): 

Der geplante Kurzbesuch beim Heiligtum von La Verna musste wegen Schlechtwetter ausfallen. Im folgenden die Ansprache, die Papst Benedikt XVI. vorbereitet hatte. 

Liebe Minderbrüder,
liebe Töchter der heiligen Mutter Klara,
liebe Brüder und Schwestern

Der Herr schenke euch Frieden! Das Kreuz Christi betrachten! Wir sind als Pilger auf den »Sasso Spicco« von La Verna gestiegen, wo sich dem hl. Franziskus »zwei Jahre vor seinem Tod« (Celano, Vita prima, III, 94: FF, 484) die Wundmale des glorreichen Leidens Christi in seinen Leib einprägten. Sein Weg als Jünger hatte ihn zu einer so tiefen Vereinigung mit dem Herrn geführt, daß er auch die äußeren Zeichen des höchsten Akts der Liebe am Kreuz mit ihm teilte. Dieser Weg hatte in San Damiano begonnen, vor dem Gekreuzigten, den er mit dem Verstand und mit dem Herzen betrachtete. Die beständige Betrachtung des Kreuzes an diesem heiligen Ort war der Weg zur Heiligung für viele Christen, die über acht Jahrhunderte hinweg niedergekniet sind, um in Stille und Sammlung zu beten.

Das glorreiche Kreuz Christi faßt die Leiden der Welt zusammen, vor allem aber ist es ein greifbares Zeichen der Liebe, das Maß der Barmherzigkeit Gottes gegenüber dem Menschen. An diesem Ort sind auch wir aufgerufen, die übernatürliche Dimension des Lebens wiederzuentdecken, die Augen von dem zu erheben, was unwesentlich ist, um uns wieder völlig dem Herrn anzuvertrauen, mit freiem Herzen und voll Freude, und den Gekreuzigten zu betrachten, auf daß er uns mit seiner Liebe verwunde. »Höchster, allmächtiger, guter Herr, dein sind der Lobpreis, die Herrlichkeit und Ehre und jeglicher Segen« (Sonnengesang: FF, 263).

Nur wenn wir uns vom Licht der Liebe Gottes erleuchten lassen, können der Mensch und die gesamte Natur erlöst werden, kann die Schönheit endlich den Glanz des Antlitzes Christi widerspiegeln, wie der Mond die Sonne widerspiegelt. Das Blut des Gekreuzigten, das aus dem glorreichen Kreuz hervorquillt, belebt wieder die ausgetrockneten Gebeine des Adam, der in uns ist, auf daß ein jeder wieder die Freude finde, sich auf den Weg zur Heiligkeit zu machen, aufzusteigen zu Gott. An diesem gesegneten Ort schließe ich mich dem Gebet aller Franziskaner und Franziskanerinnen der Erde an: »Wir beten dich an, o Christus, und preisen dich hier und in allen Kirchen der Welt, denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst. «

Hingerissen von der Liebe Christi! Man steigt nicht nach La Verna herauf, ohne sich durch das Gebet Absorbeat des hl. Franziskus leiten zu lassen, in dem es heißt: »Mit dem Feuer deiner überaus beglückenden Liebe, reinige mich, o Herr, von allem, was unter dem Himmel ist, damit ich all dem aus Liebe zu deiner Liebe absterbe, der du aus Liebe zu meiner Liebe zu sterben dich gewürdiget hast« (Gebet Absorbeat, 1: FF, 277). Die Betrachtung des Gekreuzigten ist ein Werk des Verstandes, der sich jedoch nicht in die Höhe aufschwingen kann ohne die Unterstützung, ohne die Kraft der Liebe.

Ebenfalls an diesem Ort verfaßte Bruder Bonaventura von Bagnoregio, ein berühmter Sohn des hl. Franziskus, sein Itinerarium mentis in Deum, in dem er uns den Weg aufzeigt, den man beschreiten muß, um sich aufzumachen zu den Höhen, wo man Gott findet. Dieser große Kirchenlehrer teilt uns seine eigene Erfahrung mit und lädt uns ein zum Gebet. Vor allem muß der Verstand auf das Leiden des Herrn ausgerichtet werden, denn das Kreuzesopfer löscht unsere Sünde aus, eine Verfehlung, die nur von der Liebe Gottes bedeckt werden kann. Er schreibt: »Ich ermahne den Leser vor allem zum inständigen Gebet durch den gekreuzigten Christus, dessen Blut die Makel unserer Schuld reinigt« (Itinerarium mentis in Deum, Prol. 4).

Um wirksam zu sein, bedarf unser Gebet jedoch der Tränen, also der inneren Anteilnahme, unserer Liebe, die auf die Liebe Gottes antwortet. Außerdem bedarf es jener »admiratio«, die der hl. Bonaventura in den Kleinen des Evangeliums erkennt, die über das Heilswerk Christi staunen können.

Und eben die Demut ist das Tor jeder Tugend. Denn nicht durch den intellektuellen Stolz der in sich selbstverschlossenen Suche kann man zu Gott gelangen, sondern durch die Demut, wie es in einem bekannten Wort des hl. Bonaventura heißt: »Niemand möge glauben, ihm genüge die Lesung ohne Salbung, die Spekulation ohne Hingabe, die Forschung ohne Verehrung, die Umsicht ohne Begeisterung, der Fleiß ohne Frömmigkeit, die Wissenschaft ohne Liebe, der Verstand ohne Demut, das Studium ohne die göttliche Gnade, die Beobachtungsgabe ohne die göttlich inspirierte Weisheit« (ebd.).

Die Betrachtung des Gekreuzigten hat eine außerordentliche Wirkkraft, weil sie uns von der Ebene der gedachten Dinge zur gelebten Erfahrung übergehen läßt, vom erhofften Heil zum seligen Vaterland. Der hl. Bonaventura sagt: »Wer [den Gekreuzigten] aufmerksam betrachtet … führt mit ihm das Pascha, also den Übergang aus« (ebd., VII, 2). Das ist das Herzstück der Erfahrung von La Verna, der Erfahrung, die der »Poverello« von Assisi hier gemacht hat. Auf diesem heiligen Berg lebt der hl. Franziskus in sich selbst die tiefe Einheit von »sequela«, »imitatio« und »conformatio Christi«.

Und so sagt er auch zu uns, daß es, um Christen zu sein, weder ausreicht, sich als Christen zu bekennen, noch zu versuchen, gute Werke zu tun. Man muß Christus ähnlich werden, durch ein langsames, fortschreitendes Bemühen, das eigene Sein nach dem Abbild des Herrn zu verwandeln, damit durch die göttliche Gnade jedes Glied seines Leibes, der Kirche, die nötige Ähnlichkeit mit dem Haupt, dem Herrn Christus, aufweist. Und auch diesen Weg beginnt man – wie uns die mittelalterlichen Meister nach dem Vorbild des großen Augustinus lehren – bei der Selbsterkenntnis, bei der Demut, aufrichtig in sich selbst hineinzuschauen.

Die Liebe Christi bringen! Wie viele Pilger haben diesen heiligen Berg bestiegen und besteigen ihn, um die Liebe des gekreuzigten Gottes zu betrachten und sich von ihm hinreißen zu lassen. Wie viele Pilger sind heraufgestiegen auf der Suche nach Gott, der der wahre Grund ist, warum es die Kirche gibt: um eine Brücke zwischen Gott und den Menschen zu schlagen. Und hier begegnen sie auch euch, den Söhnen und Töchtern des hl. Franziskus. Denkt immer daran, daß das geweihte Leben die besondere Aufgabe hat, durch das Wort und das Vorbild eines Lebens nach den evangelischen Räten die faszinierende Liebesgeschichte zwischen Gott und der Menschheit zu bezeugen, die die Geschichte durchzieht.

Das franziskanische Mittelalter hat ein unauslöschliches Zeichen in eurer Kirche von Arezzo hinterlassen. Das wiederholte Hindurchziehen des »Poverello« von Assisi und sein Aufenthalt in eurem Gebiet sind ein kostbarer Schatz. Außerordentlich und grundlegend war das Ereignis von La Verna durch die Einzigartigkeit der Wundmale, die sich in den Leib des seraphischen Paters Franziskus eingeprägt haben, aber auch durch die gemeinsame Geschichte seiner Ordensbrüder und der Menschen in eurem Gebiet, die beim »Sasso Spicco« noch immer die Zentralität Christi im Leben des Gläubigen wiederentdecken. Montauto di Anghiari, »Le Celle« in Cortona und die Einsiedeleien von Montecasale und von Cerbaiolo, aber auch andere kleinere Orte des toskanischen Franziskanertums prägen weiterhin die Identität der Gemeinschaft von Arezzo, Cortona und Sansepolcro.

Viele Lichter haben diese Gegend erleuchtet, wie die hl. Margareta von Cortona, eine kaum bekannte franziskanische Büßerin, die in der Lage war, in sich selbst mit außerordentlicher Lebendigkeit das Charisma des »Poverello« von Assisi nachzuerleben, indem sie die Betrachtung des Gekreuzigten mit der Nächstenliebe gegenüber den Geringsten vereinte.

Die Liebe zu Gott und zum Nächsten beseelt auch weiterhin das kostbare Werk der Franziskaner in eurer kirchlichen Gemeinschaft. Die Profeß der evangelischen Räte ist ein Königsweg, um die Liebe Christi zu leben. An diesem gesegneten Ort bitte ich den Herrn, auch weiterhin Arbeiter in seinen Weinberg zu senden, und vor allem an die jungen Menschen richte ich die dringende Einladung, daß jeder, der von Gott berufen ist, mit Großherzigkeit antworten und den Mut haben möge, sich im geweihten Leben und im Priesteramt hinzuschenken. Ich bin als Nachfolger Petri nach La Verna gepilgert, und ich möchte, daß jeder von uns noch einmal die Frage hört, die Jesus dem Petrus stellt: »Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese? … Weide meine Lämmer!« (Joh 21,15).

Die Liebe zu Christus liegt dem Leben des Hirten ebenso wie dem des Geweihten zugrunde: eine Liebe, die Einsatz und Mühe nicht scheut. Bringt diese Liebe dem Menschen unserer Zeit, der oft verschlossen ist in den eigenen Individualismus; seid Zeichen der unermeßlichen Barmherzigkeit Gottes.

Die priesterliche Frömmigkeit lehrt die Priester, das zu leben, was sie feiern, das eigene Leben zu brechen für jene, denen wir begegnen: im Teilen des Schmerzes, in der Aufmerksamkeit auf die Probleme, im Begleiten des Glaubensweges. Ich danke Generalminister José Carballo für seine Worte, der ganzen franziskanischen Familie und euch allen. Beharrt wie euer heiliger Vater in der Nachahmung Christi, damit alle, die euch begegnen, dem hl. Franziskus begegnen – und indem sie dem hl. Franziskus begegnen, dem Herrn begegnen.

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