Kreuzwegandacht von Joseph Kardinal Ratzinger zum Karfreitag 2005

Das Leitmotiv dieses Kreuzwegs erscheint zu Beginn, im Vorbereitungsgebet, und dann von neuem in der 14. Station. Es ist das Wort Jesu vom Palmsonntag, mit dem er – unmittelbar nach seinem Einzug in Jerusalem – auf die Bitte einiger Griechen antwortet, die Jesus sehen wollten: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht“ (Joh 12, 24). Der Herr deutet damit seinen ganzen irdischen Weg als Weg des Weizenkorns, der nur durch den Tod hindurch zur Frucht führt. Er deutet sein irdisches Leben, sein Sterben und 

Auferstehen auf die heiligste Eucharistie hin, in der sein ganzes Geheimnis zusammengefasst erscheint. Weil er seinen Tod als einen Akt der Hingabe, der Liebe vollzogen hat, darum ist sein Leib in das neue Leben der Auferstehung hinein verwandelt worden. Darum ist er, das fleischgewordene Wort, nun unsere Nahrung zum wirklichen, zum ewigen Leben hin. Das ewige Wort – die schöpferische Kraft des Lebens – ist vom Himmel herabgestiegen und so wirklich „Manna“ geworden, Brot, das sich den Menschen in Glaube und Sakrament mitteilt. So wird Kreuzweg zu einem Weg ins eucharistische Geheimnis hinein: Die Volksfrömmigkeit und die sakramentale Frömmigkeit der Kirche verbinden sich und gehen ineinander. Das Beten des Kreuzwegs ist so verstanden als ein Weg in die innere, geistliche Kommunion mit Jesus hinein, ohne die die sakramentale Kommunion leer bliebe. Der Kreuzweg erscheint als „mystagogischer“ Weg.

Diese Sicht steht einem bloss sentimentalen Verstehen des Kreuzwegs entgegen, deren Gefahr der Herr in der 8. Station den weinenden Frauen von Jerusalem entgegenhält. Blosses Gefühl reicht nicht; der Kreuzweg soll eine Schule des Glaubens sein – jenes Glaubens, der seinem Wesen nach „in der Liebe wirksam“ wird (Gal 5, 6). Aber das bedeutet doch keinen Ausschluss der Gefühle. Die Väter haben als ein Grundlaster der Heiden ihre Fühllosigkeit angesehen; sie führen damit die Vision Ezechiels weiter, der dem Volk Israel die Verheissung Gottes weitergibt, dass er das Herz von Stein aus ihrer Brust nehmen und ihnen ein Herz von Fleisch geben werde (Ez 11, 19). Der Kreuzweg zeigt uns den Gott, der selbst mit den Menschen mit-leidet, dessen Liebe nicht in einer fernen Höhe unberührt bleibt, sondern heruntersteigt zu uns, bis in den Tod am Kreuz hinein (vgl. Phil 2, 8). Der mit-leidende Gott, der Mensch wurde, um unser Kreuz zu tragen, will unser steinernes Herz verwandeln und uns zum Mit-leiden rufen, uns das „Herz von Fleisch“ geben, das nicht an der Not des anderen vorübergehen kann, sondern sich verwunden lässt und zur heilenden und helfenden Liebe führt. Damit kehren wir wieder zurück zu Jesu Wort vom Weizenkorn, das er selber in die Grundformel christlicher Existenz übersetzt, die so lautet: „Wer an seinem Leben hängt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es bewahren ins ewige Leben“ (Joh 12, 25; vgl. Mt 16, 25; Mk 8, 35; Lk 9, 24; 17, 33: „Wer sein Leben zu bewahren sucht, wird es verlieren; wer es dagegen verliert, wird es gewinnen“). Damit sagt er uns zugleich, was der Satz bedeutet, der in den synoptischen Evangelien diesem Zentralwort seiner Botschaft vorangeht: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach“ (Mt 16, 24). In all diesen Worten zusammen deutet er uns selber, was „Kreuzweg“ ist – wie wir ihn beten und gehen sollen: Der Kreuzweg ist der Weg des Sichverlierens, das heisst der Weg der wahren Liebe. Diesen Weg ist er uns vorangegangen, diesen Weg will uns der gebetete Kreuzweg lehren. Und damit sind wir wieder beim gestorbenen Weizenkorn – bei der heiligsten Eucharistie angelangt, in der immerfort die Frucht von Jesu Sterben und Auferstehen unter uns gegenwärtig wird. In ihr geht er mit uns wie einst mit den Jüngern von Emmaus und wird uns immerfort von neuem gleichzeitig.

 

Vorbereitungsgebet

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Amen.

Herr Jesus Christus, du hast für uns das Geschick des Weizenkorns auf dich genommen, das in die Erde fällt und stirbt, um so reiche Frucht zu tragen (Joh 12, 24). Du lädst uns ein, dir nachzufolgen auf diesem Weg, wenn du uns sagst: „Wer an seinem Leben hängt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben“ (12, 25). Wir aber hängen an unserem Leben. Wir wollen es nicht weggeben, sondern ganz für uns selber haben. Wir wollen es besitzen, nicht hingeben. Du aber gehst uns voraus und zeigst uns, dass wir das Leben nur gewinnen, indem wir es geben.
Im Mitgehen auf deinem Kreuzweg willst du uns auf den Weg des Weizenkorns mitnehmen, der der Weg zur Fruchtbarkeit ist, die in die Ewigkeit hineinreicht. Das Kreuz – das Geben unserer Selbst – lastet schwer auf uns. Aber du hast auf deinem Kreuzweg auch mein Kreuz getragen – nein, du hast es nicht irgendwann in der Vergangenheit getragen, denn deine Liebe ist meinem Leben gleichzeitig. Du trägst es heute mit mir und für mich, und wunderbarer Weise willst du, dass nun ich wie einst Simon von Zyrene auch meinerseits dein Kreuz mittrage und im Mitgehen mit dir in den Dienst der Erlösung der Welt trete.
Hilf mir, dass mein Kreuzweg nicht bloss das fromme Gefühl eines Augenblicks sei.
Hilf uns, nicht nur mit hohen Gedanken mit dir mitzugehen, sondern uns mit dem Herzen, ja mit den ganz praktischen Schritten unseres Alltags deinen Weg zu gehen.
Hilf, dass wir im Kreuzweg uns mit unserem ganzen Sein auf den Weg machen und so immerfort auf deinem Weg bleiben. Nimm uns die Furcht vor dem Kreuz, die Furcht vor dem Spott der anderen, die Furcht, wir könnten das eigene Leben verpassen, wenn wir nicht alles an uns reissen, was Leben verspricht.
Hilf uns, die Verführungen zu durchschauen, die uns Leben verheissen, deren Geschenke uns am Ende aber nur leer und enttäuscht zurücklassen.
Hilf uns, Leben nicht zu nehmen, sondern zu geben. Hilf uns, im Mitgehen auf dem Weg des Weizenkorns, im „Verlieren des Lebens“ den Weg der Liebe zu finden – den Weg, der uns wahrhaft Leben, Leben in Fülle schenkt (Joh 10, 10).

ALLE 14 STATIONEN: Siehe unter diesem Link!

PREDIGT BENEDIKT XVI.: CHRISAM-MESSE 1. APRIL 2010

CHRISAM-MESSE

PREDIGT VON BENEDIKT XVI.

Petersdom
Gründonnerstag, 1. April 2010

(Video)

Bilder von der Feier

Liebe Brüder und Schwestern!

Das Zentrum des Gottesdienstes der Kirche ist das Sakrament. Sakrament bedeutet, dass zuallererst nicht wir Menschen etwas tun, sondern dass Gott uns im voraus mit seinem Handeln entgegengeht, uns ansieht und zu sich hinführt. Und da ist noch einmal etwas Besonderes: Gott rührt uns an durch materielle Wirklichkeiten, durch Gaben der Schöpfung hindurch, die er in seinen Dienst nimmt, zu Instrumenten der Begegnung zwischen uns und sich selber macht. Es sind vier Elemente der Schöpfung, aus denen der Kosmos der Sakramente gebaut ist: das Wasser, das Weizenbrot, der Wein und das Olivenöl. Das Wasser als das Grundelement und die Grundbedingung allen Lebens ist das wesentliche Zeichen der Christwerdung in der Taufe, der Geburt ins neue Leben hinein. Während das Wasser das Lebenselement überhaupt ist und so den gemeinsamen Zugang aller zur neuen Geburt ins Christsein hinein darstellt, gehören die drei anderen Elemente der Kultur des Mittelmeerraums an. Sie verweisen so auf den konkreten geschichtlichen Raum, in dem das Christentum geworden ist. Gott hat an einer ganz bestimmten Stelle der Erde gehandelt, wirklich Geschichte mit den Menschen gemacht. Diese drei Elemente sind einerseits Gaben der Schöpfung und andererseits doch auch Ortsbezeichnungen der Geschichte Gottes mit uns. Sie sind eine Synthese von Schöpfung und Geschichte: Gaben Gottes, die uns immer an jene Orte der Welt knüpfen, in denen Gott mit uns in der Zeit der Geschichte handeln, einer von uns werden wollte.

In diesen drei Elementen gibt es wieder eine Stufung. Das Brot verweist auf den Alltag. Es ist die grundlegende Gabe des Lebens Tag um Tag. Der Wein verweist auf das Fest, auf die Köstlichkeit der Schöpfung, in der sich zugleich auf besondere Weise die Freude der Erlösten ausdrücken kann. Das Öl des Olivenbaumes hat umfassende Bedeutung. Es ist Nahrung, es ist Medizin, es gibt Schönheit, es rüstet zum Kampf und gibt Stärke. Die Könige und die Priester werden mit Öl gesalbt, das so Zeichen von Würde und Verantwortung wie auch der Kraft von Gott her ist. In unserem Namen „Christen“ ist das Geheimnis des Öls anwesend. Denn das Wort „Christen“, mit dem die Jünger Christi schon zu Beginn des Heidenchristentums benannt werden (vgl. Apg 11, 20f.), ist von dem Wort Christus her genommen – der griechischen Übersetzung des Wortes Messias, das „der Gesalbte“ bedeutet. Christsein heißt: Von Christus herkommen, zu Christus gehören, zu dem Gesalbten Gottes, zu dem, dem Gott das Königtum und das Priestertum geschenkt hat. Zu dem, den Gott selbst gesalbt hat – nicht mit materiellem Öl, sondern mit dem, wofür das Öl steht: mit seinem Heiligen Geist. Das Öl der Olive ist so in ganz besonderer Weise Symbol für das Durchdrungensein des Menschen Jesus mit dem Heiligen Geist.

In der Chrisam-Messe des Gründonnerstags stehen die heiligen Öle im Mittelpunkt der liturgischen Handlung. Sie werden in der Kathedrale vom Bischof geweiht für das ganze Jahr. So drücken sie auch die Einheit der Kirche aus, die durch das Bischofsamt gewährleistet wird und verweisen auf Christus, den wahren „Hirten und Bischof unserer Seelen“, wie der heilige Petrus ihn nennt (1 Petr 2, 25). Und sie halten zugleich das ganze liturgische Jahr zusammen, verankert im Geheimnis des Gründonnerstags. Endlich verweisen sie auf den Ölgarten, in dem Jesus sein Leiden von innen her angenommen hat. Der Ölgarten ist aber auch der Ort, von wo aus er zum Vater aufgestiegen ist und so der Ort der Erlösung: Gott hat Jesus nicht im Tod gelassen. Jesus lebt für immer beim Vater und ist eben deshalb allgegenwärtig, immer bei uns. Dieses doppelte Geheimnis des Ölbergs ist immer mit anwesend im sakramentalen Öl der Kirche. In vier Sakramenten ist das Öl Zeichen der Güte Gottes, die uns anrührt: in der Taufe, in der Firmung als dem Sakrament des Heiligen Geistes, in den verschiedenen Stufen des Weihesakraments und schließlich in der Krankensalbung, in der das Öl uns gleichsam als Medizin Gottes angeboten wird – als die Medizin, die uns jetzt seiner Güte versichert, uns stärken und trösten soll, die aber zugleich über den Augenblick der Krankheit hinaus auf die endgültige Heilung verweist, auf die Auferstehung (vgl. Jak 5, 14). So begleitet das Öl in seinen verschiedenen Formen uns das ganze Leben hindurch: vom Katechumenat und der Taufe angefangen bis in den Augenblick, da wir uns auf die Begegnung mit dem richtenden und rettenden Gott bereiten. Die Chrisam-Messe, in der uns das sakramentale Zeichen des Öls als Schöpfungssprache Gottes vor Augen gestellt wird, spricht schließlich in besonderer Weise uns Priester an: Sie spricht uns von Christus, den Gott zum König und zum Priester gesalbt hat – von Ihm, der uns an seinem Priestertum, an seiner „Salbung“ teilhaben lässt in unserer Weihe zum Priestertum.

So möchte ich versuchen, das Geheimnis dieses heiligen Zeichens nun noch kurz in seiner wesentlichen Beziehung zur priesterlichen Berufung auszulegen. In volkstümlichen Ethymologien hat man schon im Altertum das griechische Wort Elaion – Öl – mit dem Wort Eleos – Erbarmen – in Verbindung gebracht. In der Tat: Das geweihte Öl ist in den verschiedenen Sakramenten immer Zeichen der Barmherzigkeit Gottes. Die Salbung zum Priestertum bedeutet daher immer auch den Auftrag, das Erbarmen Gottes zu den Menschen zu bringen. In der Ampel unseres Lebens sollte das Öl des Erbarmens nie ausgehen. Holen wir es uns immer rechtzeitig beim Herrn – in der Begegnung mit seinem Wort, im Empfangen der Sakramente, im betenden Verweilen bei ihm.

Durch die Geschichte von der Taube mit dem Ölzweig, die das Ende der Flut und so den neuen Frieden Gottes mit der Welt der Menschen verkündete, ist nicht nur die Taube, sondern auch der Ölzweig und das Öl selber zum Symbol des Friedens geworden. Die Christen der ersten Jahrhunderte liebten es, die Grabstätten ihrer Toten mit Siegeskranz und Olivenzweig, dem Symbol des Friedens, zu schmücken. Sie wussten, dass Christus den Tod besiegt hat und dass ihre Toten im Frieden Christi ruhten. Dass sie selber von Christus erwartet wurden, der ihnen seinen Frieden verheißen hatte, den die Welt nicht geben kann. Sie erinnerten sich daran, dass das erste Wort des Auferstandenen an die Seinen lautete: Friede sei mit euch (Joh 20, 19). Er selbst bringt gleichsam den Ölzweig, trägt seinen Frieden in die Welt herein. Er verkündet Gottes rettende Güte. Er ist unser Friede. So sollten Christen Menschen des Friedens sein, die das Geheimnis des Kreuzes als Geheimnis der Versöhnung erkennen und leben. Christus siegt nicht durch das Schwert, sondern durch das Kreuz. Er siegt, indem er den Hass überwindet. Er siegt durch die Kraft seiner größeren Liebe. Das Kreuz Christi drückt das Nein zur Gewalt aus. Und gerade so ist es das Siegeszeichen Gottes, das den neuen Weg Jesu verkündigt. Der Leidende war stärker als die Inhaber der Gewalt. In der Hingabe am Kreuz hat Christus die Gewalt besiegt. Als Priester sind wir berufen, in der Gemeinschaft mit Jesus Christus Menschen des Friedens zu sein, der Gewalt entgegenzustehen und der größeren Macht der Liebe zu vertrauen.

Zur Symbolik des Öls gehört es auch, dass es stark macht zum Kampf. Das steht nicht gegen das Thema Friede, sondern ist ein Teil davon. Der Kampf der Christen bestand und besteht nicht im Gebrauch der Gewalt, sondern darin, dass sie für das Gute, für Gott zu leiden bereit waren und sind. Er besteht darin, dass die Christen sich als gute Staatsbürger an das Recht halten, das Rechte und das Gute tun. Er besteht darin, dass sie nicht tun, was in den geltenden Rechtsordnungen nicht Recht, sondern Unrecht ist. Der Kampf der Märtyrer bestand in ihrem konkreten Nein zum Unrecht: Indem sie sich dem Götzenkult, der Anbetung des Kaisers versagten, haben sie sich geweigert, sich vor der Unwahrheit zu beugen, vor der Anbetung von Menschen und ihrer Macht. Sie haben mit dem Nein zur Unwahrheit und zu allen ihren Folgen die Macht des Rechts und der Wahrheit aufgerichtet. So haben sie dem wirklichen Frieden gedient. Auch heute ist es für Christen wichtig, dem Recht zu folgen, das die Grundlage des Friedens ist. Auch heute ist es für Christen wichtig, Unrecht, das zu Recht erhoben wird, nicht anzunehmen – etwa wenn es um die Tötung unschuldiger ungeborener Kinder geht. Gerade so dienen wir dem Frieden, und gerade so sind wir auf der Spur Jesu Christi, von dem der heilige Petrus sagt: „Er wurde geschmäht, schmähte aber nicht; er litt, drohte aber nicht, sondern überließ seine Sache dem gerechten Richter. Er hat unsere Sünden mit seinem Leib auf das Holz des Kreuzes getragen, damit wir tot seien für die Sünde und für die Gerechtigkeit leben“ (1 Petr 2, 23f).

Die Kirchenväter waren fasziniert von einem Wort aus Ps 45 (44) – nach der Überlieferung der Hochzeitspsalm Salomons, der von den Christen neu gelesen wurde als der Hochzeitspsalm des neuen Salomon Jesus Christus mit seiner Kirche. Da wird dem König – Christus – gesagt: „Du liebst das Recht und hasst das Unrecht, darum hat Gott, dein Gott, dich gesalbt mit dem Öl der Freude wie keinen deiner Gefährten“ (v. 8). Was ist das – das Öl der Freude, mit dem der wahre König, Christus, gesalbt wurde? Die Kirchenväter hatten keinen Zweifel darüber: Das Öl der Freude ist der Heilige Geist selbst, der ausgegossen ist über Jesus Christus. Der Heilige Geist ist die von Gott kommende Freude. Von Jesus strömt diese Freude auf uns über in seinem Evangelium, in der frohen Botschaft, dass Gott uns kennt, dass er gut ist, dass seine Güte Macht ist über allen Mächten. Dass wir gewollt und geliebt sind von ihm. Die Freude ist Frucht der Liebe. Das Öl der Freude, das über Christus ausgegossen ist und von ihm zu uns kommt, ist der Heilige Geist, die Gabe der Liebe, die uns des Seins froh werden lässt. Weil wir Christus und in Christus den wahren Gott kennen, wissen wir, dass es gut ist, ein Mensch zu sein. Es ist gut zu leben, weil wir geliebt sind. Weil die Wahrheit selbst gut ist.

In der alten Kirche ist das geweihte Öl in besonderer Weise als Zeichen für die Gegenwart des Heiligen Geistes angesehen worden, der sich uns von Christus her mitteilt. Er ist das Öl der Freude. Diese Freude ist etwas anderes als der Spaß oder die äußere Lustigkeit, die sich die moderne Gesellschaft wünscht. Spaß ist an seinem rechten Ort durchaus etwas Gutes und Erfreuliches. Lachen zu können, ist gut. Aber Spaß ist nicht alles. Er ist nur ein kleiner Teil unseres Lebens, und wo er das Ganze sein will, wird er zur Maske, hinter der sich die Verzweiflung verbirgt oder doch mindestens der Zweifel, ob das Leben wirklich gut ist, ob es nicht besser wäre, nicht zu sein als zu sein. Die Freude, die von Christus auf uns zukommt, ist anders. Sie gibt uns Fröhlichkeit, ja, aber sie kann sehr wohl auch mit dem Leid zusammengehen. Sie gibt uns die Fähigkeit zu leiden und im Leiden doch zuinnerst froh zu bleiben. Sie gibt uns die Fähigkeit, das Leiden anderer mitzutragen und so im Füreinandersein das Licht und die Güte Gottes spürbar zu machen. Mir gibt immer die Erzählung in der Apostelgeschichte zu denken, dass die Apostel, nachdem der Hohe Rat sie hatte auspeitschen lassen, „sich freuten, dass sie gewürdigt worden waren, für seinen Namen Schmach zu erleiden“ (Apg 5, 41). Wer liebt, ist bereit, für den Geliebten und um seiner Liebe willen zu leiden und erfährt gerade so eine tiefere Freude. Die Freude der Märtyrer war stärker als die Qualen, die ihnen angetan wurden. Diese Freude hat letztlich gesiegt und Christus die Tore der Geschichte geöffnet. Als Priester sind wir, wie der heilige Paulus sagt, „Diener eurer Freude“ (2 Kor 1, 24). In der Frucht des Ölbaums, im geweihten Öl rührt uns die Güte des Schöpfers, die Liebe des Erlösers an. Bitten wir darum, dass seine Freude uns immer tiefer durchdringt und dass wir sie neu hineinzutragen vermögen in eine Welt, die der aus der Wahrheit kommenden Freude so dringend bedarf. Amen.

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PAPST BENEDIKT XVI. IN DER KATHEDRALE NOTRE-DAME, PARIS, 2008

APOSTOLISCHE REISE
NACH FRANKREICH ANLÄSSLICH DES 150. JAHRESTAGES
DER ERSCHEINUNGEN VON LOURDES
(12. – 15. SEPTEMBER 2008)

VESPER

PREDIGT VON BENEDIKT XVI.

Paris, Notre-Dame

Freitag, 12. September 2008

 

Meine lieben Brüder Kardinäle und Bischöfe,
verehrte Kanoniker des Kathedralkapitels,
verehrte Vikare von Notre-Dame
liebe Priester und Diakone,
liebe Freunde aus den nicht-katholischen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften,
liebe Brüder und Schwestern!

Gepriesen sei Gott, der uns diese Begegnung an einem Ort erlaubt, der dem Herzen der Pariser, aber auch aller Franzosen so teuer ist! Gepriesen sei Gott, der uns die Gnade schenkt, daß wir Ihm unser abendliches Gebet widmen dürfen, um Ihm den gebührenden Lobpreis darzubringen mit den Worten, welche die Liturgie der Kirche vom Synagogengottesdienst geerbt hat, an der Christus und seine ersten Jünger teilgenommen haben! Ja, gepriesen sei Gott, daß er uns so zu Hilfe kommt – in adiutorium nostrum –, um uns zu helfen, das Opfer unserer Lippen zu Ihm aufsteigen zu lassen!

Wir sind hier versammelt in der Mutterkirche der Diözese Paris, in der Kathedrale Notre-Dame, die sich im Herzen der Stadt erhebt als ein lebendiges Zeichen der Gegenwart Gottes mitten unter den Menschen. Mein Vorgänger Papst Alexander III. hat ihren Grundstein gelegt, die Päpste Pius VII. und Johannes Paul II. haben sie mit ihrem Besuch beehrt, und ich freue mich, ihren Spuren zu folgen, nachdem ich vor einem Vierteljahrhundert hierhergekommen war, um einen Vortrag über die Katechese zu halten. Wie sollte man nicht Ihm, der die Materie wie den Geist erschaffen hat, danken für die Schönheit des Gebäudes, das uns umgibt? Die Christen von Lutetia hatten bereits eine dem heiligen Stephanus, dem ersten Märtyrer, geweihte Kathedrale errichtet, die zu klein geworden war und im Laufe des 12. bis 14. Jahrhunderts durch die Kathedrale ersetzt worden ist, die wir heute bewundern können. Der Glaube des Mittelalters hat die Kathedralen erbaut, und eure Vorfahren sind hierhergekommen, um Gott zu loben, ihm ihre Hoffnungen anzuvertrauen und ihre Liebe zum Ausdruck zu bringen. Große kirchliche und weltliche Ereignisse haben in diesem Heiligtum stattgefunden, wo Architekten, Maler, Bildhauer und Musiker das Beste ihrer selbst gegeben haben. Es möge genügen unter vielen anderen an den Namen des Architekten Jean de Chelles, des Malers Charles Le Brun, des Bildhauers Nicolas Coustou und der Organisten Louis Vierne und Pierre Cochereau zu erinnern. Die Kunst als Weg zu Gott und das gemeinschaftliche Gebet als Lob der Kirche an den Schöpfer haben Paul Claudel geholfen, den Weg zu einer persönlichen Erfahrung mit Gott zu finden, als er 1886 hier am Weihnachtstag an der Vesper teilnahm. Es ist bezeichnend, daß Gott seine Seele gerade während des Gesangs des Magnifikat erleuchtet hat, in dem die Kirche den Gesang der Jungfrau Maria, der heiligen Patronin dieses Ortes, hört, der die Welt daran erinnert, daß der Allmächtige die Niedrigen erhöht hat (vgl. Lk 1,52). Als Schauplatz von Bekehrungen, die weniger bekannt, aber nicht weniger wirklich sind, und als Kanzel, von der aus Verkünder des Evangeliums wie Lacordaire, Monsabré und Samson die Flamme ihrer Leidenschaft einer sehr unterschiedlichen Zuhörerschaft zu übermitteln wußten, bleibt die Kathedrale Notre-Dame weiterhin zu Recht eines der berühmtesten Denkmäler des Kulturerbes eures Landes. Die Reliquien des heiligen Kreuzes und der Dornenkrone, die ich vorhin verehrt habe, wie es seit dem heiligen Ludwig Brauch ist, haben hier heute einen ihnen würdigen Schrein gefunden, der die Gabe des menschlichen Geistes an die schöpferische Liebe Gottes darstellt.

Unter den Gewölben dieser geschichtsträchtigen Kathedrale ist soeben als Zeuge des unablässigen Austauschs, den Gott zwischen den Menschen und Ihm selbst herstellen wollte, das Wort Gottes erklungen. Das Wort Gottes soll unser Abendopfer sein, wie es die Darbringung des Weihrauchs, der unser Lob an Gott sichtbar werden läßt, deutlich macht. Es fügt sich, daß die Worte des Psalmisten die Stimmung unserer Seele auf eine so treffliche Weise beschreiben, wie wir es uns nicht vorzustellen gewagt hätten: „Ich freute mich, als man mir sagte: »Zum Haus des Herrn wollen wir pilgern«“ (Ps 122,1). Laetatus sum in his quae dicta sunt mihi: Die Freude des Psalmisten, die in den Worten des Psalms enthalten ist, erfüllt unsere Herzen und findet dort tiefen Widerhall. Unsere Freude ist es, zum Haus des Herrn zu pilgern, denn – die Väter haben es uns gelehrt – dieses Haus ist nichts anderes als das konkrete Symbol für das himmlische Jerusalem, das zu uns herabkommt (vgl. Offb 21,2), um uns die schönste Wohnstatt anzubieten. „Wenn wir dort wohnen“, schreibt Hilarius von Poitiers, „sind wir Mitbürger der Heiligen und Mitglieder der Familie Gottes, denn es ist das Haus Gottes“ (Tractatus in Psalmos 121,2). Und der heilige Augustinus fügt hinzu: „Dieser Psalm ist ausgerichtet auf das himmlische Jerusalem. Es ist ein Stufenpsalm, Stufen, die nicht gemacht sind, um hinabzusteigen, sondern um hinaufzusteigen. … In unserer Verbannung seufzen wir, aber manchmal begegnen wir Weggenossen, die die heilige Stadt gesehen haben und uns einladen, dorthin zu eilen“ (Enarratio in Psalmos 121,2). Liebe Freunde, in dieser Vesper schließen wir uns mit unseren Gedanken und unserem Gebet den unzähligen Stimmen derer an, die diesen Psalm vor uns, auch an diesem Ort, seit Jahrhunderten gesungen haben. Wir schließen uns den Pilgern an, die nach Jerusalem und die Stufen des Tempels hinaufgestiegen sind, wir schließen uns den Tausenden Männern und Frauen an, die erkannt haben, daß ihre irdische Pilgerreise ihr Ziel im Himmel finden wird, im ewigen Jerusalem, und die auf Christus vertraut haben, daß er sie dorthin führe. In der Tat, welche Freude zu wissen, daß wir unsichtbar von einer solchen Fülle von Zeugen umgeben sind!

Unser Weg zur heiligen Stadt wäre nicht möglich, wenn wir ihn nicht in der Kirche gingen, die Keim und Vorausbild des himmlischen Jerusalem ist. „Wenn nicht der Herr das Haus baut, müht sich jeder umsonst, der daran baut“ (Ps 127,1). Wer ist dieser Herr, wenn nicht unser Herr Jesus Christus? Er ist es, der seine Kirche gegründet hat, der sie auf den Felsen gebaut hat, auf den Glauben des Apostels Petrus. Wie es der bereits zitierte heilige Augustinus ausdrückt: „Es ist Jesus Christus, unser Herr, der selbst seinen Tempel errichtet. Viele mühen sich ab bei dem Bau, aber wenn es nicht der Herr ist, der den Tempel errichtet, mühen sich die Bauleute vergebens“ (Enarratio in Psalmos 126,2). Nun, liebe Freunde, stellt sich Augustinus die Frage, wer diese Bauleute sind. Und er selbst antwortet darauf: „Diejenigen, die in der Kirche das Wort Gottes verkünden, die die Sakramente spenden. Wir laufen jetzt alle, wir arbeiten alle, wir bauen alle“, aber Gott allein ist es, der in uns „baut, der ermahnt, der den Verstand weitet, der unseren Geist den Glaubenswahrheiten zuwendet“ (ebd.). Wie wunderbar ist unser Wirken im Dienst am Wort Gottes! Wir sind die Werkzeuge des Heiligen Geistes; Gott ist so demütig, daß er uns gebraucht, um sein Wort zu verbreiten. Wir werden seine Stimme, nachdem wir unser Ohr seinem Mund zugewandt haben. Wir legen sein Wort auf unsere Lippen, um es der Welt zu geben. Das Opfer unseres Gebetes ist ihm wohlgefällig und dient ihm dazu, sich all denen mitzuteilen, denen wir begegnen. Er hat uns wirklich, wie Paulus im Epheserbrief sagt, „mit allem Segen seines Geistes gesegnet durch unsere Gemeinschaft mit Christus im Himmel“ (1,3), denn er hat uns erwählt, seine Zeugen zu sein bis an die Grenzen der Erde, und er hat uns schon vor unserer Empfängnis durch ein geheimnisvolles Geschenk seiner Gnade berufen.

Sein Wort, der Logos, der von Anfang an bei Ihm war (vgl. Joh 1,1), wurde von einer Frau geboren, wurde geboren, dem Gesetz unterstellt, „damit er die freikaufe, die unter dem Gesetz stehen, und damit wir die Sohnschaft erlangen“ (Gal 4,5). Gott hat Fleisch angenommen im Schoß einer Frau, einer Jungfrau. Eure Kathedrale ist ein lebendiger Gesang aus Steinen und Licht zum Lob dieses in der Menschheitsgeschichte einmaligen Ereignisses: Das ewige Wort Gottes tritt in der Fülle der Zeiten in die Geschichte der Menschen ein, um sie durch seine Selbsthingabe im Kreuzesopfer freizukaufen. Unsere irdische Liturgie, die ganz auf die Feier dieses in der Geschichte einmaligen Ereignisses ausgerichtet ist, wird niemals vollständig dessen unendliche Fülle zum Ausdruck bringen können. Die Schönheit der Riten wird sicherlich niemals erlesen, gepflegt und durchdacht genug sein können, weil nichts zu schön sein kann für Gott, der die unendliche Schönheit ist. Unsere irdischen Liturgiefeiern können immer nur ein blasser Abglanz jener Liturgie sein, die im himmlischen Jerusalem, dem Ziel unserer irdischen Pilgerreise, gefeiert wird. Mögen unsere Gottesdienste ihr dennoch möglichst nahe kommen und Vorgeschmack auf sie sein!

Schon jetzt ist uns das Wort Gottes gegeben, um die Seele unseres Apostolats zu sein, die Seele unsers priesterlichen Lebens. Jeden Morgen weckt uns das Wort. Jeden Morgen „öffnet“ der Herr selbst uns „das Ohr“ (Jes 50,5) durch die Psalmen der Lesehore und der Laudes. Den ganzen Tag lang ist das Wort Gottes der Gegenstand des Gebetes der gesamten Kirche, die so ihre Treue zu Christus bezeugen will. Nach dem berühmten Wort des heiligen Hieronymus, das im Lauf der XII. Bischofssynode im nächsten Oktober aufgegriffen werden wird, heißt nämlich „die Schrift nicht kennen Christus nicht kennen“ (Prolog zum Jesajakommentar). Liebe Brüder im priesterlichen Dienst, habt keine Angst, viel Zeit der Lesung, der Meditation der Heiligen Schrift und dem Stundengebet zu widmen! Das mit der Kirche gelesene und meditierte Wort wirkt, fast ohne daß ihr es merkt, auf euch ein und verwandelt euch. Wenn es als Offenbarung der Weisheit Gottes die „Gefährtin“ eures Lebens wird, „gibt“ sie euch „guten Rat“ und ist euer „Trost in Sorge und Leid“ (Weish 8,9).

„Denn lebendig ist das Wort Gottes, kraftvoll und schärfer als jedes zweischneidige Schwert“, schreibt der Autor des Hebräerbriefes (4,12). Euch, liebe Seminaristen, die ihr euch auf den Empfang des Weihesakraments vorbereitet, um an der dreifachen Aufgabe des Lehrens, des Leitens und der Heiligung teilzuhaben, ist dieses Wort als ein kostbares Gut übergeben. Durch dieses Wort, das ihr täglich meditiert, tretet ihr ein in das Leben Christi, das ihr eurer Berufung entsprechend in eurer Umgebung verbreiten sollt. Durch sein Wort hat Jesus, der Herr, das allerheiligste Sakrament seines Leibes und Blutes eingesetzt; durch sein Wort hat er die Kranken geheilt, die Dämonen ausgetrieben und Sünden vergeben; durch sein Wort hat er den Menschen die verborgenen Geheimnisse des Reiches Gottes offenbart. Ihr seid dazu berufen, Bewahrer dieses wirksamen Wortes zu werden, welches das bewirkt, was es sagt. Erhaltet in euch immer den Geschmack am Wort Gottes lebendig! Lernt durch dieses Wort, alle Menschen zu lieben, die auf euren Weg gestellt werden. Niemand ist in der Kirche überflüssig, niemand! Jeder kann und muß dort seinen Platz finden.

Und ihr, liebe Diakone, die ihr wirksame Mitarbeiter der Bischöfe und der Priester seid, liebt auch weiterhin das Wort Gottes: Ihr verkündet das Evangelium im Herzen der Eucharistiefeier. Ihr legt es in der Katechese für eure Brüder und Schwestern aus: Stellt es in den Mittelpunkt eures Lebens, eures Dienstes am Nächsten, eures gesamten Diakonats. Seid lebendige Zeugen der unendlich großen Macht des Wortes Gottes, ohne die Priester ersetzen zu wollen, sondern um ihnen freundschaftlich und wirksam zu helfen!

Die Ordensmänner und -frauen und alle Gottgeweihten leben in besonderer Weise aus der Weisheit Gottes, die in seinem Wort ausgedrückt ist. Das Gelübde der evangelischen Räte hat euch, liebe Gottgeweihte, Ihm ähnlich gemacht, der für uns arm, gehorsam und keusch geworden ist. Euer einziger Reichtum – der einzige, der in Wahrheit die Jahrhunderte und die Schwelle des Todes überdauern wird – ist das Wort Gottes. Er ist es, der gesagt hat: „Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen“ (Mt 24,35). Euer Gehorsam ist von der etymologischen Herkunft des Wortes her gesehen ein Hören, denn das Wort „obéir“ (französisch für „gehorchen“) kommt vom lateinischen obaudire, das bedeutet: jemandem oder etwas sein Ohr zuneigen. Indem ihr gehorcht, wendet ihr eure Seele dem zu, der der Weg, die Wahrheit und das Leben ist (vgl. Joh 14,6) und der zu euch spricht, wie der heilige Benedikt seine Mönche lehrte: „Höre, mein Sohn, auf die Weisung des Meisters, neige das Ohr deines Herzens“ (Prolog der Benediktusregel). Laßt euch schließlich täglich durch den läutern, der uns gesagt hat: „Jede Rebe, die Frucht bringt, reinigt mein Vater, damit sie mehr Frucht bringt“ (Joh 15,2). Die Reinheit des göttlichen Wortes ist das Vorbild eurer eigenen Keuschheit; sie bürgt für deren geistliche Fruchtbarkeit.

Mit einem unverbrüchlichen Vertrauen in die Macht Gottes, der uns „auf Hoffnung hin“ (vgl. Röm 8,24) gerettet hat und der uns zu einer einzigen Herde unter dem Stab des einen Hirten – Jesus Christus – machen will, bete ich für die Einheit der Kirche. Ich grüße erneut voll Hochachtung und Zuneigung die Vertreter der christlichen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften, die gekommen sind, um als Brüder die Vesper mit uns in dieser Kathedrale zu beten. Die Macht des Wortes Gottes ist so groß, daß wir ihm alle anvertraut werden können, wie es ehemals der heilige Paulus getan hat, unser besonderer Fürsprecher in diesem Jahr. Als er sich in Milet von den Ältesten der Stadt Ephesus verabschiedete, zögerte er nicht, sie „Gott und dem Wort seiner Gnade“ (Apg 20,32) anzuvertrauen, indem er sie auch vor jeder Form der Spaltung warnte. Das ist die Bedeutung dieser Einheit des Wortes Gottes, Zeichen, Unterpfand und Garant der Einheit der Kirche, um deren Wachstum in uns ich den Herrn inständig bitte: Es gibt keine Liebe in der Kirche ohne Liebe zum Wort Gottes; es gibt keine Kirche ohne die Einheit um Christus, den Erlöser; es gibt keine Früchte der Erlösung ohne Liebe zu Gott und zum Nächsten, gemäß den beiden Geboten, die die ganze Heilige Schrift zusammenfassen!

Liebe Brüder und Schwestern, in Unserer Lieben Frau haben wir das schönste Beispiel der Treue zum göttlichen Wort vor Augen. Diese Treue war so groß, daß sie sich in der Menschwerdung erfüllte: „Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast“ (Lk 1,38), sagt Maria mit einem absoluten Vertrauen. Unser Abendgebet wird das Magnifikat derjenigen aufnehmen, die alle Geschlechter selig preisen werden, weil sie geglaubt hat, daß sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ (vgl. Lk 1,45); sie hat gegen alle Hoffnung die Auferstehung ihres Sohnes erhofft; sie hat die Menschheit so sehr geliebt, daß sie ihr zur Mutter gegeben wurde (vgl. Joh 19,27). „So wird sichtbar, daß sie im Wort Gottes wirklich zu Hause ist, darin aus- und eingeht. Sie redet und denkt mit dem Wort Gottes, das Wort Gottes wird zu ihrem Wort, und ihr Wort kommt vom Wort Gottes her“ (Enzyklika Deus caritas est, 41). Wir können voll Zuversicht zu ihr sagen: „Heilige Maria, Mutter Gottes, unsere Mutter, lehre uns mit dir glauben und hoffen und lieben. Zeige uns den Weg zu seinem Reich!“ (Enzyklika Spe salvi, 50). Amen.

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„Das sind Leute, die weder glauben noch denken“

Foto Kardinal Müller (c) Paul Badde

13 April 2019, 12:10

Kardinal Müller übt im kath.net-Interview schwere Kritik an den Kritikern des Missbrauchs-Textes von Papst em. Benedikt XVI. und am (offiziell inoffiziellen) DBK-Internetportal

Von Roland Noé

Vatikan (kath.net/rn) „Es ist ein Skandal, dass katholische Bischöfe Plattformen finanzieren und so die Kirchensteuer zweckentfremden, die eindeutig Positionen vertreten, die mit der katholischen Glaubens- und Sittenlehre im Widerspruch stehen.“ Derart grundsätzlich kritisiert Kardinal Gerhard Ludwig Müller, Präfekt der Glaubenskongregation, das “offiziell inoffizielle DBK-Internetportal und seine Reaktionen auf das Schreiben des emeritierten Papstes Benedikt XVI. zum sexuellen Missbrauch in der Kirche. Das Schreiben Benedikts stuft Müller als „die tiefgründigste Analyse der Genese der Glaubwürdigkeitskrise der Kirche in Fragen der Sexualmoral und intelligenter als alle Beiträge beim Gipfel der Vorsitzenden der Bischofskonferenzen zusammen“ ein.

kath.net: Eminenz, wie werten Sie den Text des emeritierten Papstes über den sexuellen Missbrauch in der Kirche?

Kardinal Müller: Es ist die tiefgründigste Analyse der Genese der Glaubwürdigkeitskrise der Kirche in Fragen der Sexualmoral und intelligenter als alle Beiträge beim Gipfel der Vorsitzenden der Bischofskonferenzen zusammen.

Es gibt Missbrauch der geistlichen Autorität, wenn kirchliche Obere ihren autoritären oder manipulierenden Stil pseudoreligiös begründen und als den Willen Gottes ausgeben.

Aber Sünden gegen das 6. Gebot des Dekalogs haben ihre Ursache im Missbrauch der uns von Gott gegebenen männlichen oder weiblichen Sexualität.

Diese beiden Sünden miteinander zu vermischen, nur um sexuellen Fehlverhalten zu vertuschen, wäre ein schweres Versagen der kirchlichen Autorität.

Nicht mit Worthülsen wie Klerikalismus oder Forderung nach einer Sexualmoral nach dem egoistischen Lustprinzip kommen wir aus der Krise, sondern nur wenn das Übel beim Namen genannt wird.

Der Zusammenbruch der schon porös gewordenen bürgerlichen Moral in der „globalen sexuellen Revolution“ (Buchtitel von Gabriele Kuby) und der missglückte Versuch einer katholischen Moralbegründung ohne das Naturrecht und die Offenbarung haben bei vielen zu einer Zerrüttung des sittlichen Gewissens geführt.

Gott sei es geklagt auch bei denen, die von Christus den Auftrag erhielten, die Menschen alles zu lehren, was der Herr selbst den Apostel und damit auch ihren Nachfolgern im Bischofs- und Priesteramt geboten hat. (Mt 28,19).

kath.net: Es vergingen nach der Veröffentlichung nur wenige Stunden, bis die altbekannten innerkirchlichen Ratzinger-/Benedikt-Kritiker wieder lautstark ihre Einschätzungen in die Medien brachten. Was denken Sie dazu?

Kardinal Müller: Von Kritikern kann man nicht sprechen, denn das Wort Kritik heißt, geistig anspruchsvolle Dinge zu unterscheiden, um damit einen Beitrag im Verständnis wichtiger Fragen zu leisten.

Das sind Leute, die weder glauben noch denken. Vor allem fehlt ihnen der geringste Anstand.

Es wiederholt sich immer das gleiche Spiel wie bei Stephanus, der Zeugnis von der Wahrheit Christi ablegte: „Und als sie das hörten, wurden sie in ihren Herzen aufs Äußerste empört und knirschten mit den Zähnen gegen ihn“ (Apg 7, 54).

Man spricht von Erneuerung und Reform der Kirche und meint nur die Anpassung an die eigene Dekadenz.

Wer auch nur einen Funken christlicher Liebe in sich hat, kann sich nicht zu solchen unflätigen Pamphleten hinreißen lassen.

Aber wie kann die Liebe die innere Gestalt des Glaubens sein, wenn man den Glauben an den Gott der Offenbarung in Jesus Christus aufgegeben hat, oder höchstens einige Elemente davon noch als Füllmaterial für seine eigene selbstreferentielle Weltanschauung missbraucht.

Es ist ein Skandal, dass katholische Bischöfe Plattformen finanzieren und so die Kirchensteuer zweckentfremden, die eindeutig Positionen vertreten, die mit der katholischen Glaubens- und Sittenlehre im Widerspruch stehen.

Es ist mir natürlich klar, dass die das anders sehen, weil sie nach eigenem Gutdünken definieren, was katholisch ist. Ihr Weltbild besteht in der primitiven Unterscheidung von progressiv und konservativ.

Den bisher formulierten katholischen Glauben qualifizieren sie als konservativ ab und meinen, nur ihre „progressive“ Sicht wäre die Zukunft der Kirche so wie in den anderen von dieser Ideologie verwüsteten ehemaligen katholischen Ländern.

Also muss man die nach ihrem Maß „konservativen“ Katholiken, die der Heiligen Schrift, der Apostolischen Tradition und dem Lehramt treu sind, entweder kaltstellen oder mundtot machen. Dazu ist ihnen jedes Mittel, auch der Verleumdung und Ehrabschneidung, recht.

Denn sittlich erlaubt ist alles, was dem eigenen Interesse nützt, das ja identisch ist mit dem Gemeinwohl.

Auf der besagten Plattform wurde in gleicher Manier mein Glaubensmanifest“ als eine Sammlung von Halbwahrheiten, der Heiligen Schrift fernen, subjektiven Auswahl, von aus dem Zusammenhang gerissenen Meinungen angeprangert, als ob die Trinität, die Inkarnation, die Sakramentalität der Kirche, die Göttliche Liturgie, die Einheit von Glauben und Moral, das Gericht und das ewige Leben in der „Hierarchie der Wahrheiten“ (II. Vatikanum, Dekret über den Ökumenismus, 11) nicht „das Fundament des Glaubens“ wären.

Die infame Gottlosigkeit, die sich hier aufspreizt, ist nicht zu überbieten, wenn man das Verbrechen und die Todsünde des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen benutzt, um zu ihrer angeblichen Vermeidung homosexuelle Handlungen unter Erwachsenen zu segnen, den Zölibat der Priester und Gelübde der Ordensleute lächerlich zu machen und die Sünden gegen die von Gott verfügte Unauflöslichkeit der Ehe zu bagatellisieren.

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Die Quadratur des Kreises

Pressefoto Martin Lohmann

Pressefoto Martin Lohmann

13 April 2019, 11:15

„Diejenigen, die jetzt empört auf Papst em. Benedikt XVI. reagieren, sind vielleicht eine besonders eindringliche Bestätigung seiner Wortmeldung.“ Gastkommentar von Martin Lohmann

Bonn-Vatikan (kath.net) Papst em. Benedikt XVI. hat es gewagt, die Quadratur des Kreises aufzuzeigen, die derzeit von Teilen der Gesellschaft und der Kirche versucht wird. Damit hat er ein wichtiges Zeichen gesetzt, auf das viele gewartet haben; zugleich legt er den Finger auf eine immer größer werdende Wunde. Ein sich als „tolerant“ präsentierender Mainstream stellt immer mehr Denkverbote auf und versperrt den Blick auf die Wirklichkeit und damit auf die Wahrheit. Neue Dogmen entstehen, die keine Kritik dulden, um sich durch Verunglimpfungen einem rationalen Diskurs zu verweigern. Gerade den hat aber Papst em. Benedikt gesucht, als er den Schritt in die Öffentlichkeit gewagt hat.

In seinem Schreiben erinnert er daran, dass eine Gesellschaft ohne Gott orientierungslos wird, was sich tagtäglich immer mehr bewahrheitet, wie nicht zuletzt die aktuellen Debatten zu bioethischen Themen zeigen. Gleiches gilt auch für die Theologie und die Morallehre der Kirche, die geradezu zur Ideologie degradiert oder den Moden des Zeitgeistes angepasst werden, wenn nicht mehr die göttliche Offenbarung der Orientierungspunkt ist. Dabei weiß sich der emeritierte Papst ganz in einer Linie mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil, in dem vor eben dieser Entwicklung gewarnt wurde, denn „das Geschöpf sinkt ohne den Schöpfer ins Nichts“ (GS 36).

Der Glaube ist nicht nur ein Ritual, bestehend aus zeremoniellen Gesten, sondern ein konkreter Weg, ein Weg, der durch das Kreuz zum Ewigen Leben führt. Erst im Kreuzesopfer ereignet sich Erlösung (vgl. LG 3). Ein Christentum entkoppelt von diesem heilbringenden Ereignis, darauf hat der Papa em. ganz zu Recht hingewiesen, würde eine Quadratur des Kreises entstehen lassen und eine „neue“ Kirche schaffen, die eben nicht mehr die Kirche Jesu Christi ist. Wenn nicht mehr Christus der Maßstab der Kirche ist, dann wird alles willkürlich, dann löst sie sich auf. Das Schreiben bringt es auf den Punkt: „Müssen wir etwa eine andere Kirche schaffen, damit die Dinge richtig werden können? Nun, dieses Experiment ist bereits gemacht worden und bereits gescheitert. Nur der Gehorsam und die Liebe zu unserem Herrn Jesus Christus kann den rechten Weg weisen.“

Es ist eben die Kirche Jesu Christi, und es ist keine Kirche, die wie ein Verein ganz neu erfunden werden kann. Christus ist und bleibt der Maßstab, er ist die Wahrheit, die er den Menschen treuhänderisch anvertraut hat. Eine sogenannte autonome Moral, die sich vom Naturrecht und der göttlichen Ordnung abkoppeln würde, kann es eben nicht wirklich geben.

Schließlich weist der em. Papst auf eine weitere Quadratur des Kreises hin, die vielen sehr lieb geworden zu sein scheint. Vom Verbrechen des Missbrauchs zu sprechen ist in aller Munde, aber eigenartiger Weise wird nicht von Sünde gesprochen. Die Sünde als Abweichung vom Weg Gottes ist die Ursache für jeden Missbrauch und zerstört die Glaubwürdigkeit der Kirche. Dies beim Namen zu nennen gilt in gewissen theologischen Zirkeln als Tabu, wobei doch gerade das Zweite Vatikanische Konzil bekräftigt hat, dass die Gestalt dieser Welt durch die Sünde missgestaltet wird (GS 39).

Der em. Papst ist seinem Motto Mitarbeiter der Wahrheit zu sein treu geblieben und dafür gebührt ihm nicht nur Dank, sondern höchste Anerkennung. Die Wahrheit befreit (vgl. Joh 8,32) auch aus der Quadratur des Kreises, denn die Wahrheit hat sich in Jesus Christus offenbart (vgl. Joh 14,6). Für diese Wahrheit hat Jesus Christus Zeugnis abgelegt und jeder, der aus der Wahrheit ist, hört seine Stimme (vgl. Joh 18,37). Er allein ist DER Weg, DIE Wahrheit und DAS Leben. Das war so, ist so und muss so bleiben. Nur in dieser Treue kann es Erlösung und Rettung geben.

PS: Diejenigen, die jetzt empört auf Papst Benedikt reagieren, sind vielleicht eine besonders eindringliche Bestätigung seiner Wortmeldung.

Martin Lohmann (62) ist Theologe und Historiker. Der Journalist kennt Papst Benedikt seit mehr als einem halben Jahrhundert persönlich, ist mit seiner Theologie vertraut und hat über ihn auch Bücher geschrieben.

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Benedikt im Wortlaut: Die Kirche und der Skandal des sexuellen Mißbrauchs

Papst Benedikt XVI. im August 2010 Foto: Vatican Media

CNA Deutsch dokumentiert den Aufsatz von Papst emeritus Benedikt XVI. zur Kirchenkrise im vollen Wortlaut

Vom 21. – 24. Februar 2019 hatten sich auf Einladung von Papst Franziskus im Vatikan die Vorsitzenden aller Bischofskonferenzen der Welt versammelt, um über die Krise des Glaubens und der Kirche zu beraten, die weltweit durch erschütternde Informationen über den von Klerikern verübten Missbrauch an Minderjährigen zu spüren war. Der Umfang und das Gewicht der Nachrichten über derlei Vorgänge haben Priester und Laien zutiefst erschüttert und für nicht wenige den Glauben der Kirche als solchen in Frage gestellt. Hier musste ein starkes Zeichen gesetzt und ein neuer Aufbruch gesucht werden, um Kirche wieder wirklich als Licht unter den Völkern und als helfende Kraft gegenüber den zerstörerischen Mächten glaubhaft zu machen.

Da ich selbst zum Zeitpunkt des öffentlichen Ausbruchs der Krise und während ihres Anwachsens an verantwortlicher Stelle als Hirte in der Kirche gewirkt habe, musste ich mir – auch wenn ich jetzt als Emeritus nicht mehr direkt Verantwortung trage – die Frage stellen, was ich aus der Rückschau heraus zu einem neuen Aufbruch beitragen könne. So habe ich in der Zeit von der Ankündigung an bis hin zum Zeitpunkt des Zusammentreffens der Vorsitzenden der Bischofskonferenzen Notizen zusammengestellt, mit denen ich den ein oder anderen Hinweis zur Hilfe in dieser schweren Stunde beitragen kann. Nach Kontakten mit Staatssekretär Kardinal Parolin und dem Heiligen Vater selbst scheint es mir richtig, den so entstandenen Text im „Klerusblatt“ zu veröffentlichen.

Meine Arbeit ist in drei Teile gegliedert. In einem ersten Punkt versuche ich ganz kurz, den allgemeinen gesellschaftlichen Kontext der Frage darzustellen, ohne den das Problem nicht verständlich ist. Ich versuche zu zeigen, dass in den 60er Jahren ein ungeheuerlicher Vorgang geschehen ist, wie es ihn in dieser Größenordnung in der Geschichte wohl kaum je gegeben hat. Man kann sagen, dass in den 20 Jahren von 1960 – 1980 die bisher geltenden Maßstäbe in Fragen Sexualität vollkommen weggebrochen sind und eine Normlosigkeit entstanden ist, die man inzwischen abzufangen sich gemüht hat.

In einem zweiten Punkt versuche ich, Auswirkungen dieser Situation in der Priesterausbildung und im Leben der Priester anzudeuten.

Schließlich möchte ich in einem dritten Teil einige Perspektiven für eine rechte Antwort von seiten der Kirche entwickeln.

 

I.

1. Die Sache beginnt mit der vom Staat verordneten und getragenen Einführung der Kinder und der Jugend in das Wesen der Sexualität. In Deutschland hat die Gesundheitsministerin Frau Strobel einen Film machen lassen, in dem zum Zweck der Aufklärung alles, was bisher nicht öffentlich gezeigt werden durfte, einschließlich des Geschlechtsverkehrs, nun vorgeführt wurde. Was zunächst nur für die Aufklärung junger Menschen gedacht war, ist danach wie selbstverständlich als allgemeine Möglichkeit angenommen worden.

Ähnliche Wirkungen erzielte der von der österreichischen Regierung herausgegebene „Sexkoffer“. Sex- und Pornofilme wurden nun zu einer Realität bis dahin, dass sie nun auch in den Bahnhofskinos vorgeführt wurden. Ich erinnere mich noch, wie ich eines Tages in die Stadt Regensburg gehend vor einem großen Kino Menschenmassen stehen und warten sah, wie wir sie vorher nur in Kriegszeiten erlebt hatten, wenn irgendeine Sonderzuteilung zu erhoffen war. Im Gedächtnis ist mir auch geblieben, wie ich am Karfreitag 1970 in die Stadt kam und dort alle Plakatsäulen mit einem Werbeplakat verklebt waren, das zwei völlig nackte Personen im Großformat in enger Umarmung vorstellte.

Zu den Freiheiten, die die Revolution von 1968 erkämpfen wollte, gehörte auch diese völlige sexuelle Freiheit, die keine Normen mehr zuließ. Die Gewaltbereitschaft, die diese Jahre kennzeichnete, ist mit diesem seelischen Zusammenbruch eng verbunden. In der Tat wurde in Flugzeugen kein Sexfilm mehr zugelassen, weil in der kleinen Gemeinschaft der Passagiere Gewalttätigkeit ausbrach. Weil die Auswüchse im Bereich der Kleidung ebenfalls Aggression hervorriefen, haben auch Schulleiter versucht, eine Schulkleidung einzuführen, die ein Klima des Lernens ermöglichen sollte.

Zu der Physiognomie der 68er Revolution gehörte, dass nun auch Pädophilie als erlaubt und als angemessen diagnostiziert wurde. Wenigstens für die jungen Menschen in der Kirche, aber nicht nur für sie, war dies in vieler Hinsicht eine sehr schwierige Zeit. Ich habe mich immer gefragt, wie junge Menschen in dieser Situation auf das Priestertum zugehen und es mit all seinen Konsequenzen annehmen konnten. Der weitgehende Zusammenbruch des Priesternachwuchses in jenen Jahren und die übergroße Zahl von Laisierungen waren eine Konsequenz all dieser Vorgänge.

2. Unabhängig von dieser Entwicklung hat sich in derselben Zeit ein Zusammenbruch der katholischen Moraltheologie ereignet, der die Kirche wehrlos gegenüber den Vorgängen in der Gesellschaft machte. Ich versuche ganz kurz den Hergang dieser Entwicklung zu skizzieren. Bis hin zum II. Vaticanum wurde die katholische Moraltheologie weitgehend naturrechtlich begründet, während die Heilige Schrift nur als Hintergrund oder Bekräftigung angeführt wurde. Im Ringen des Konzils um ein neues Verstehen der Offenbarung wurde die naturrechtliche Option weitgehend abgelegt und eine ganz auf die Bibel begründete Moraltheologie gefordert. Ich erinnere mich noch, wie die Jesuiten-Fakultät in Frankfurt einen höchst begabten jungen Pater (Schüller) für den Aufbau einer ganz auf die Schrift gegründeten Moral vorbereiten ließ. Die schöne Dissertation von Pater Schüller zeigt einen ersten Schritt zum Aufbau einer auf die Schrift gegründeten Moral. Pater Schüller wurde dann nach Amerika zu weiteren Studien geschickt und kam mit der Erkenntnis zurück, daß von der Bibel allein her Moral nicht systematisch dargestellt werden konnte. Er hat dann eine mehr pragmatisch vorgehende Moraltheologie versucht, ohne damit eine Antwort auf die Krise der Moral geben zu können.

Schließlich hat sich dann weitgehend die These durchgesetzt, dass Moral allein von den Zwecken des menschlichen Handelns her zu bestimmen sei. Der alte Satz „Der Zweck heiligt die Mittel“ wurde zwar nicht in dieser groben Form bestätigt, aber seine Denkform war bestimmend geworden. So konnte es nun auch nichts schlechthin Gutes und ebensowenig etwas immer Böses geben, sondern nur relative Wertungen. Es gab nicht mehr das Gute, sondern nur noch das relativ, im Augenblick und von den Umständen abhängige Bessere.

Die Krise der Begründung und Darstellung der katholischen Moral erreichte in den ausgehenden 80er und in den 90er Jahren dramatische Formen. Am 5. Januar 1989 erschien die von 15 katholischen Theologie-Professoren unterzeichnete „Kölner Erklärung„, die verschiedene Krisenpunkte im Verhältnis zwischen bischöflichem Lehramt und der Aufgabe der Theologie im Auge hatte. Dieser Text, der zunächst nicht über das übliche Maß von Protesten hinausging, wuchs ganz schnell zu einem Aufschrei gegen das kirchliche Lehramt an und sammelte das Protestpotential laut sicht- und hörbar, das sich weltweit gegen die zu erwartenden Lehrtexte von Johannes Paul II. erhob (vgl. D. Mieth, Kölner Erklärung, LThK, VI3, 196).

Papst Johannes Paul II., der die Situation der Moraltheologie sehr gut kannte und sie mit Aufmerksamkeit verfolgte, ließ nun mit der Arbeit an einer Enzyklika beginnen, die diese Dinge wieder zurechtrücken sollte. Sie ist unter dem Titel Veritatis splendor am 6. August 1993 erschienen und hat heftige Gegenreaktionen von Seiten der Moraltheologen bewirkt. Vorher schon war es der Katechismus der katholischen Kirche„, der in überzeugender Weise die von der Kirche verkündete Moral systematisch darstellte.

Unvergessen bleibt mir, wie der damals führende deutsche Moraltheologe Franz Böckle, nach seiner Emeritierung in seine Schweizer Heimat zurückgekehrt, im Blick auf die möglichen Entscheidungen der Enzyklika „Veritatis splendor“ erklärte, wenn die Enzyklika entscheiden sollte, dass es Handlungen gebe, die immer und unter allen Umständen als schlecht einzustufen seien, wolle er dagegen mit allen ihm zur Verfügung stehenden Kräften seine Stimme erheben. Der gütige Gott hat ihm die Ausführung dieses Entschlusses erspart; Böckle starb am 8. Juli 1991. Die Enzyklika wurde am 6. August 1993 veröffentlicht und enthielt in der Tat die Entscheidung, dass es Handlungen gebe, die nie gut werden können. Der Papst war sich des Gewichts dieser Entscheidung in seiner Stunde voll bewusst und hatte gerade für diesen Teil seines Schreibens noch einmal erste Spezialisten befragt, die an sich nicht an der Redaktion der Enzyklika teilnahmen. Er konnte und durfte keinen Zweifel daran lassen, dass die Moral der Güterabwägung eine letzte Grenze respektieren muss. Es gibt Güter, die nie zur Abwägung stehen. Es gibt Werte, die nie um eines noch höheren Wertes wegen preisgegeben werden dürfen und die auch über dem Erhalt des physischen Lebens stehen. Es gibt das Martyrium. Gott ist mehr, auch als das physische Überleben. Ein Leben, das durch die Leugnung Gottes erkauft wäre, ein Leben, das auf einer letzten Lüge beruht, ist ein Unleben. Das Martyrium ist eine Grundkategorie der christlichen Existenz. Dass es in der von Böckle und von vielen anderen vertretenen Theorie im Grunde nicht mehr moralisch nötig ist, zeigt, dass hier das Wesen des Christentums selbst auf dem Spiel steht.

In der Moraltheologie war freilich inzwischen eine andere Fragestellung dringend geworden: Es setzte sich weithin die These durch, dass dem kirchlichen Lehramt nur in eigentlichen Glaubensfragen endgültige Kompetenz („Unfehlbarkeit“) zukommt, Fragen der Moral könnten nicht Gegenstand unfehlbarer Entscheidungen des kirchlichen Lehramtes werden. An dieser These ist wohl Richtiges, das weiter diskutiert zu werden verdient. Aber es gibt ein Minimum morale, das mit der Grundentscheidung des Glaubens unlöslich verknüpft ist und das verteidigt werden muss, wenn man Glauben nicht auf eine Theorie reduzieren will, sondern in seinem Anspruch an das konkrete Leben anerkennt. Aus alledem wird sichtbar, wie grundsätzlich die Autorität der Kirche in Sachen Moral zur Frage steht. Wer der Kirche in diesem Bereich eine letzte Lehrkompetenz abspricht, zwingt sie zu einem Schweigen gerade da, wo es sich um die Grenze zwischen Wahrheit und Lüge handelt.

Unabhängig von dieser Frage wurde in weiten Kreisen der Moraltheologie die These entwickelt, dass die Kirche keine eigene Moral hat und haben kann. Dabei wird darauf hingewiesen, dass alle moralischen Thesen auch Parallelen in den übrigen Religionen kennen würden und ein christliches Proprium daher nicht existieren könne. Aber die Frage nach dem Proprium einer biblischen Moral wird nicht dadurch beantwortet, dass man zu jedem einzelnen Satz irgendwo auch eine Parallele in anderen Religionen finden kann. Vielmehr geht es um das Ganze der biblischen Moral, das als solches neu und anders ist gegenüber den einzelnen Teilen. Die Morallehre der Heiligen Schrift hat ihre Besonderheit letztlich in ihrer Verankerung im Gottesbild, im Glauben an den einen Gott, der sich in Jesus Christus gezeigt und der als Mensch gelebt hat. Der Dekalog ist eine Anwendung des biblischen Gottesglaubens auf das menschliche Leben. Gottesbild und Moral gehören zusammen und ergeben so das besondere Neue der christlichen Einstellung zur Welt und zum menschlichen Leben. Im übrigen ist das Christentum von Anfang an mit dem Wort hodós beschrieben worden. Der Glaube ist ein Weg, eine Weise zu leben. In der alten Kirche wurde das Katechumenat gegenüber einer immer mehr demoralisierten Kultur als Lebensraum geschaffen, in dem das Besondere und Neue der christlichen Weise zu leben eingeübt wurde und zugleich geschützt war gegenüber der allgemeinen Lebensweise. Ich denke, dass auch heute so etwas wie katechumenale Gemeinschaften notwendig sind, damit überhaupt christliches Leben in seiner Eigenart sich behaupten kann.

 

II.

Erste kirchliche Reaktionen

1. Der lang vorbereitete und im Gang befindliche Auflösungsprozess der christlichen Auffassung von Moral hat, wie ich zu zeigen versuchte, in den 60er Jahren eine Radikalität erlebt, wie es sie vorher nicht gegeben hat. Diese Auflösung der moralischen Lehrautorität der Kirche musste sich notwendig auch auf ihre verschiedenen Lebensräume auswirken. In dem Zusammenhang des Treffens der Vorsitzenden der Bischofskonferenzen aus aller Welt mit Papst Franziskus, interessiert vor allem die Frage des priesterlichen Lebens, zudem die der Priesterseminare. Bei dem Problem der Vorbereitung zum priesterlichen Dienst in den Seminaren ist in der Tat ein weitgehender Zusammenbruch der bisherigen Form dieser Vorbereitung festzustellen.

In verschiedenen Priesterseminaren bildeten sich homosexuelle Clubs, die mehr oder weniger offen agierten und das Klima in den Seminaren deutlich veränderten. In einem Seminar in Süddeutschland lebten Priesteramtskandidaten und Kandidaten für das Laienamt des Pastoralreferenten zusammen. Bei den gemeinsamen Mahlzeiten waren Seminaristen, verheiratete Pastoralreferenten zum Teil mit Frau und Kind und vereinzelt Pastoralreferenten mit ihren Freundinnen zusammen. Das Klima im Seminar konnte die Vorbereitung auf den Priesterberuf nicht unterstützen. Der Heilige Stuhl wusste um solche Probleme, ohne genau darüber informiert zu sein. Als ein erster Schritt wurde eine Apostolische Visitation in den Seminaren der U.S.A. angeordnet.

Da nach dem II. Vaticanum auch die Kriterien für Auswahl und Ernennung der Bischöfe geändert worden waren, war auch das Verhältnis der Bischöfe zu ihren Seminaren sehr unterschiedlich. Als Kriterium für die Ernennung neuer Bischöfe wurde nun vor allen Dingen ihre „Konziliarität“ angesehen, worunter freilich sehr Verschiedenes verstanden werden konnte. In der Tat wurde konziliare Gesinnung in vielen Teilen der Kirche als eine der bisherigen Tradition gegenüber kritische oder negative Haltung verstanden, die nun durch ein neues, radikal offenes Verhältnis zur Welt ersetzt werden sollte. Ein Bischof, der vorher Regens gewesen war, hatte den Seminaristen Pornofilme vorführen lassen, angeblich mit der Absicht, sie so widerstandsfähig gegen ein glaubenswidriges Verhalten zu machen. Es gab – nicht nur in den Vereinigten Staaten von Amerika – einzelne Bischöfe, die die katholische Tradition insgesamt ablehnten und in ihren Bistümern eine Art von neuer moderner „Katholizität“ auszubilden trachteten. Vielleicht ist es erwähnenswert, dass in nicht wenigen Seminaren Studenten, die beim Lesen meiner Bücher ertappt wurden, als nicht geeignet zum Priestertum angesehen wurden. Meine Bücher wurden wie schlechte Literatur verborgen und nur gleichsam unter der Bank gelesen.

Die Visitation, die nun erfolgte, brachte keine neuen Erkenntnisse, weil sich offenbar verschiedene Kräfte zusammengetan hatten, um die wirkliche Situation zu verbergen. Eine zweite Visitation wurde angeordnet und brachte erheblich mehr Erkenntnisse, blieb aber im ganzen doch folgenlos. Dennoch hat sich seit den 70er Jahren die Situation in den Seminaren allgemein konsolidiert. Trotzdem kam es nur vereinzelt zu einer neuen Erstarkung der Priesterberufe, weil die Situation im ganzen sich anders entwickelt hatte.

2. Die Frage der Pädophilie ist, soweit ich mich erinnere, erst in der zweiten Hälfte der 80er Jahre brennend geworden. Sie war in den U.S.A. inzwischen bereits zu einem öffentlichen Problem angewachsen, so dass die Bischöfe in Rom Hilfe suchten, weil das Kirchenrecht, so wie es im neuen Kodex verfasst ist, nicht ausreichend schien, um die nötigen Maßnahmen zu ergreifen. Rom und die römischen Kanonisten taten sich zunächst schwer mit diesen Anliegen; ihrer Meinung nach musste die zeitweilige Suspension vom priesterlichen Amt ausreichen, um Reinigung und Klärung zu bewirken. Dies konnte von den amerikanischen Bischöfen nicht angenommen werden, weil die Priester damit im Dienst des Bischofs verblieben und so als direkt mit ihm verbundene Figuren beurteilt wurden. Eine Erneuerung und Vertiefung des bewusst locker gebauten Strafrechts des neuen Kodex musste sich erst langsam Bahn schaffen.

Dazu kam aber ein grundsätzliches Problem in der Auffassung des Strafrechts. Als „konziliar“ galt nur noch der sogenannte Garantismus. Das heißt, es mussten vor allen Dingen die Rechte der Angeklagten garantiert werden und dies bis zu einem Punkt hin, der faktisch überhaupt eine Verurteilung ausschloss. Als Gegengewicht gegen die häufig ungenügende Verteidigungsmöglichkeit von angeklagten Theologen wurde nun deren Recht auf Verteidigung im Sinn des Garantismus so weit ausgedehnt, dass Verurteilungen kaum noch möglich waren.

An dieser Stelle sei mir ein kleiner Exkurs erlaubt. Angesichts des Umfangs der Pädophilie-Verfehlungen ist ein Wort Jesu neu ins Gedächtnis gedrungen, welches sagt: „Wer einen von diesen Kleinen, die an mich glauben, zum Bösen verführt, für den wäre es besser, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals ins Meer geworfen würde“ (Mk 9, 42). Dieses Wort spricht in seinem ursprünglichen Sinn nicht von sexueller Verführung von Kindern. Das Wort „die Kleinen“ bezeichnet in der Sprache Jesu die einfachen Glaubenden, die durch den intellektuellen Hochmut der sich gescheit Dünkenden in ihrem Glauben zu Fall gebracht werden können. Jesus schützt also hier das Gut des Glaubens mit einer nachdrücklichen Strafdrohung an diejenigen, die daran Schaden tun. Die moderne Verwendung des Satzes ist in sich nicht falsch, aber sie darf nicht den Ursinn verdecken lassen. Darin kommt gegen jeden Garantismus deutlich zum Vorschein, dass nicht nur das Recht des Angeklagten wichtig ist und der Garantie bedarf. Ebenso wichtig sind hohe Güter wie der Glaube. Ein ausgewogenes Kirchenrecht, das dem Ganzen der Botschaft Jesu entspricht, muss also nicht nur garantistisch für den Angeklagten sein, dessen Achtung ein Rechtsgut ist. Es muss auch den Glauben schützen, der ebenfalls ein wichtiges Rechtsgut ist. Ein recht gebautes Kirchenrecht muss also eine doppelte Garantie – Rechtsschutz des Angeklagten, Rechtsschutz des im Spiel stehenden Gutes – beinhalten. Wenn man heute diese in sich klare Auffassung vorträgt, trifft man im allgemeinen bei der Frage des Schutzes des Rechtsgutes Glaube auf taube Ohren. Der Glaube erscheint im allgemeinen Rechtsbewusstsein nicht mehr den Rang eines zu schützenden Gutes zu haben. Dies ist eine bedenkliche Situation, die von den Hirten der Kirche bedacht und ernstgenommen werden muss.

Den kurzen Notizen über die Situation der Priesterausbildung zum Zeitpunkt des öffentlichen Ausbrechens der Krise möchte ich nun noch ein paar Hinweise zur Entwicklung des Kirchenrechts in dieser Frage anfügen. An sich ist für Delikte von Priestern die Kleruskongregation zuständig. Da aber damals in ihr der Garantismus weithin die Situation beherrschte, bin ich mit Papst Johannes Paul II. einig geworden, dass es angemessen sei, die Kompetenz über diese Delikte der Glaubenskongregation zuzuweisen, und zwar unter dem Titel „Delicta maiora contra fidem“. Mit dieser Zuweisung war auch die Möglichkeit zur Höchststrafe, das heißt zum Ausschluss aus dem Klerus möglich, die unter anderen Rechtstiteln nicht zu verhängen gewesen wäre. Dies war nicht etwa ein Trick, um die Höchststrafe vergeben zu können, sondern folgt aus dem Gewicht des Glaubens für die Kirche. In der Tat ist es wichtig zu sehen, dass bei solchen Verfehlungen von Klerikern letztlich der Glaube beschädigt wird: Nur wo der Glaube nicht mehr das Handeln des Menschen bestimmt, sind solche Vergehen möglich. Die Schwere der Strafe setzt allerdings auch einen klaren Beweis für das Vergehen voraus – der in Geltung bleibende Inhalt des Garantismus. Mit anderen Worten: Um die Höchststrafe rechtmäßig verhängen zu können, ist ein wirklicher Strafprozess notwendig. Damit waren aber sowohl die Diözesen wie der Heilige Stuhl überfordert. Wir haben so eine Mindestform des Strafprozesses formuliert und den Fall offen gelassen, dass der Heilige Stuhl selbst den Prozess übernimmt, wo die Diözese oder die Metropolie nicht dazu in der Lage ist. In jedem Fall sollte der Prozess durch die Glaubenskongregation überprüft werden, um die Rechte des Angeklagten zu garantieren. Schließlich aber haben wir in der Feria IV (d.h. der Versammlung der Mitglieder der Kongregation) eine Appellationsinstanz geschaffen, um auch die Möglichkeit einer Berufung gegen den Prozess zu haben. Weil dies alles eigentlich über die Kräfte der Glaubenskongregation hinausreichte und so zeitliche Verzögerungen entstanden sind, die von der Sache her verhindert werden mussten, hat Papst Franziskus weitere Reformen vorgenommen.

 

III.

1. Was müssen wir tun? Müssen wir etwa eine andere Kirche schaffen, damit die Dinge richtig werden können? Nun, dieses Experiment ist bereits gemacht worden und bereits gescheitert. Nur der Gehorsam und die Liebe zu unserem Herrn Jesus Christus kann den rechten Weg weisen. Versuchen wir also als erstes, neu und von innen her zu verstehen, was der Herr mit uns gewollt hat und will.

Ich würde zunächst sagen: Wenn wir den Inhalt des in der Bibel grundgelegten Glaubens wirklich ganz kurz zusammenfassen wollen, dürfen wir sagen: Der Herr hat eine Geschichte der Liebe mit uns begonnen und will die ganze Schöpfung in ihr zusammenfassen. Die Gegenkraft gegen das Böse, das uns und die ganze Welt bedroht, kann letztlich nur darin bestehen, dass wir uns auf diese Liebe einlassen. Sie ist die wirkliche Gegenkraft gegen das Böse. Die Macht des Bösen entsteht durch unsere Verweigerung der Liebe zu Gott. Erlöst ist, wer sich der Liebe Gottes anvertraut. Unser Nichterlöstsein beruht auf der Unfähigkeit, Gott zu lieben. Gott lieben zu lernen, ist also der Weg der Erlösung der Menschen.

Versuchen wir, diesen wesentlichen Inhalt der Offenbarung Gottes nun etwas weiter auszufalten. Dann können wir sagen: Das erste grundlegende Geschenk, das uns der Glaube darbietet, besteht in der Gewißheit, dass Gott existiert. Eine Welt ohne Gott kann nur eine Welt ohne Sinn sein. Denn woher kommt dann alles, was ist? Jedenfalls hat es keinen geistigen Grund. Es ist irgendwie einfach da und hat dann weder irgendein Ziel noch irgendeinen Sinn. Es gibt dann keine Maßstäbe des Guten oder des Bösen. Dann kann sich nur durchsetzen, was stärker ist als das andere. Die Macht ist dann das einzige Prinzip. Wahrheit zählt nicht, es gibt sie eigentlich nicht. Nur wenn die Dinge einen geistigen Grund haben, gewollt und gedacht sind – nur wenn es einen Schöpfergott gibt, der gut ist und das Gute will – kann auch das Leben des Menschen Sinn haben.

Dass es Gott gibt als Schöpfer und als Maßstab aller Dinge, ist zunächst ein Urverlangen. Aber ein Gott, der sich überhaupt nicht äußern, nicht zu erkennen geben würde, bliebe eine Vermutung und könnte so die Gestalt unseres Lebens nicht bestimmen. Damit Gott auch wirklich Gott in der bewussten Schöpfung ist, müssen wir erwarten, dass er in irgendeiner Form sich äußert. Er hat es auf vielerlei Weise getan, entscheidend aber in dem Ruf, der an Abraham erging und den Menschen auf der Suche nach Gott die Orientierung gab, die über alles Erwarten hinausführt: Gott wird selbst Geschöpf, spricht als Mensch mit uns Menschen.

So wird endgültig der Satz „Gott ist“ zu einer wirklich frohen Botschaft, eben weil er mehr als Erkenntnis ist, weil er Liebe schafft und ist. Dies den Menschen wieder zum Bewusstsein zu bringen, ist die erste und grundlegende Aufgabe, die uns vom Herrn her aufgetragen ist.

Eine Gesellschaft, in der Gott abwesend ist – eine Gesellschaft, die ihn nicht kennt und als inexistent behandelt, ist eine Gesellschaft, die ihr Maß verliert. In unserer Gegenwart wurde das Stichwort vom Tod Gottes erfunden. Wenn Gott in einer Gesellschaft stirbt, wird sie frei, wurde uns versichert. In Wahrheit bedeutet das Sterben Gottes in einer Gesellschaft auch das Ende ihrer Freiheit, weil der Sinn stirbt, der Orientierung gibt. Und weil das Maß verschwindet, das uns die Richtung weist, indem es uns gut und böse zu unterscheiden lehrt. Die westliche Gesellschaft ist eine Gesellschaft, in der Gott in der Öffentlichkeit abwesend ist und für sie nichts mehr zu sagen hat. Und deswegen ist es eine Gesellschaft, in der das Maß des Menschlichen immer mehr verloren geht. An einzelnen Punkten wird dann mitunter jählings spürbar, dass geradezu selbstverständlich geworden ist, was böse ist und den Menschen zerstört. So ist es mit der Pädophilie. Vor kurzem noch als durchaus rechtens theoretisiert, hat sie sich immer weiter ausgebreitet. Und nun erkennen wir mit Erschütterung, dass an unseren Kindern und Jugendlichen Dinge geschehen, die sie zu zerstören drohen. Dass sich dies auch in der Kirche und unter Priestern ausbreiten konnte, muss uns in besonderem Maß erschüttern.

Wieso konnte Pädophilie ein solches Ausmaß erreichen? Im letzten liegt der Grund in der Abwesenheit Gottes. Auch wir Christen und Priester reden lieber nicht von Gott, weil diese Rede nicht prakisch zu sein scheint. Nach der Erschütterung des 2. Weltkriegs hatten wir in Deutschland unsere Verfassung noch ausdrücklich unter die Verantwortung vor Gott als Leitmaß gestellt. Ein halbes Jahrhundert später war es nicht mehr möglich, die Verantwortung vor Gott als Maßstab in die europäische Verfassung aufzunehmen. Gott wird als Parteiangelegenheit einer kleinen Gruppe angesehen und kann nicht mehr als Maßstab für die Gemeinschaft im ganzen stehen. In diesem Entscheid spiegelt sich die Situation des Westens, in dem Gott eine Privatangelegenheit einer Minderheit geworden ist.

Eine erste Aufgabe, die aus den moralischen Erschütterungen unserer Zeit folgen muss, besteht darin, dass wir selbst wieder anfangen, von Gott und auf ihn hin zu leben. Wir müssen vor allen Dingen selbst wieder lernen, Gott als Grundlage unseres Lebens zu erkennen und nicht als eine irgendwie unwirkliche Floskel beiseite zu lassen. Unvergessen bleibt mir die Mahnung, die mir der große Theologe Hans Urs von Balthasar auf einem seiner Kartenbriefe einmal schrieb: „Den dreifaltigen Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist, nicht voraussetzen, sondern vorsetzen!“ In der Tat wird auch in der Theologie oft Gott als Selbstverständlichkeit vorausgesetzt, aber konkret handelt man nicht von ihm. Das Thema Gott scheint so unwirklich, so weit von den Dingen entfernt, die uns beschäftigen. Und doch wird alles anders, wenn man Gott nicht voraussetzt, sondern vorsetzt. Ihn nicht irgendwie im Hintergrund belässt, sondern ihn als Mittelpunkt unseres Denkens, Redens und Handelns anerkennt.

2. Gott ist für uns Mensch geworden. Das Geschöpf Mensch liegt ihm so sehr am Herzen, dass er sich mit ihm vereinigt hat und so ganz praktisch in die menschliche Geschichte eingetreten ist. Er spricht mit uns, er lebt mit uns, er leidet mit uns und hat den Tod für uns auf sich genommen. Darüber reden wir zwar in der Theologie ausführlich, mit gelehrten Worten und Gedanken. Aber gerade so entsteht die Gefahr, dass wir uns zu Herren des Glaubens machen, anstatt uns vom Glauben erneuern und beherrschen zu lassen.

Bedenken wir dies in einem zentralen Punkt, der Feier der heiligen Eucharistie. Unser Umgang mit der Eucharistie kann nur Sorge erwecken. Im II. Vatikanischen Konzil ging es zu Recht darum, dieses Sakrament der Gegenwart von Leib und Blut Christi, der Gegenwart seiner Person, seines Leidens, Sterbens und Auferstehens wieder in die Mitte des christlichen Lebens und der Existenz der Kirche zu rücken. Zum Teil ist die Sache wirklich geschehen, und wir wollen dem Herrn dafür von Herzen dankbar sein.

Aber weithin dominant ist eine andere Haltung: Nicht eine neue Ehrfurcht vor der Anwesenheit von Tod und Auferstehung Christi dominiert, sondern eine Art des Umgehens mit ihm, die die Größe des Geheimnisses zerstört. Die sinkende Teilnahme an der sonntäglichen Eucharistiefeier zeigt, wie wenig wir Christen von heute noch die Größe der Gabe einzuschätzen vermögen, die in seiner realen Anwesenheit besteht. Die Eucharistie wird zu einer zeremoniellen Geste abgewertet, wenn es als selbstverständlich gilt, dass die Höflichkeit es gebietet, sie bei familiären Festen oder bei Anlässen wie Hochzeit und Beerdigung allen zu reichen, die aus verwandtschaftlichen Gründen dazu eingeladen sind. Die Selbstverständlichkeit, mit der mancherorts einfach die Anwesenden auch das heilige Sakrament empfangen, zeigt, dass man in der Kommunion nur noch eine zeremonielle Geste sieht. Wenn wir also nachdenken, was zu tun ist, so wird klar, dass wir nicht eine von uns erdachte andere Kirche brauchen. Was notwendig ist, ist vielmehr die Erneuerung des Glaubens an die uns geschenkte Wirklichkeit Jesu Christi im Sakrament.

In den Gesprächen mit Opfern der Pädophilie ist mir diese Notwendigkeit immer eindringlicher bewusst geworden. Eine junge Frau, die als Ministrantin Altardienst leistete, hat mir erzählt, dass der Kaplan, ihr Vorgesetzter als Ministrantin, den sexuellen Missbrauch, den er mit ihr trieb, immer mit den Worten einleitete: „Das ist mein Leib, der für dich hingegeben wird.“ Dass diese Frau die Wandlungsworte nicht mehr anhören kann, ohne die ganze Qual des Missbrauchs erschreckend in sich selbst zu spüren, ist offenkundig. Ja, wir müssen den Herrn dringend um Vergebung anflehen und vor allen Dingen ihn beschwören und bitten, dass er uns alle neu die Größe seines Leidens, seines Opfers zu verstehen lehre. Und wir müssen alles tun, um das Geschenk der heiligen Eucharistie vor Missbrauch zu schützen.

3. Und da ist schließlich das Mysterium der Kirche. Unvergessen bleibt der Satz, mit dem vor beinahe 100 Jahren Romano Guardini die freudige Hoffnung ausgesprochen hat, die sich ihm und vielen anderen damals aufdrängte: „Ein Ereignis von unabsehbarer Tragweite hat begonnen; die Kirche erwacht in den Seelen.“ Er wollte damit sagen, dass Kirche nicht mehr bloß wie vorher ein von außen auf uns zutretender Apparat, als eine Art Behörde erlebt und empfunden wurde, sondern anfing, in den Herzen selbst als gegenwärtig empfunden zu werden – als etwas nicht nur Äußerliches, sondern inwendig uns berührend. Etwa ein halbes Jahrhundert später fühlte ich mich beim Wiederbedenken dieses Vorgangs und beim Blick auf das, was eben geschah, versucht, den Satz umzukehren: „Die Kirche stirbt in den Seelen.“ In der Tat wird die Kirche heute weithin nur noch als eine Art von politischem Apparat betrachtet. Man spricht über sie praktisch fast ausschließlich mit politischen Kategorien, und dies gilt hin bis zu Bischöfen, die ihre Vorstellung über die Kirche von morgen weitgehend ausschließlich politisch formulieren. Die Krise, die durch die vielen Fälle von Missbrauch durch Priester verursacht wurde, drängt dazu, die Kirche geradezu als etwas Missratenes anzusehen, das wir nun gründlich selbst neu in die Hand nehmen und neu gestalten müssen. Aber eine von uns selbst gemachte Kirche kann keine Hoffnung sein.

Jesus selber hat die Kirche mit einem Fischernetz verglichen, in dem gute und böse Fische sind, die am Ende von Gott selbst geschieden werden müssen. Daneben steht das Gleichnis von der Kirche als einem Ackerfeld, auf dem das gute Getreide wächst, das Gott selbst hingesät hat, aber auch das Unkraut, das „ein Feind“ geheim ebenfalls darauf gesät hat. In der Tat ist das Unkraut auf dem Ackerfeld Gottes, der Kirche, übermäßig sichtbar, und die bösen Fische im Netz zeigen ebenfalls ihre Stärke. Aber dennoch bleibt der Acker Gottes Ackerfeld und das Netz das Fischernetz Gottes. Und es gibt in allen Zeiten nicht nur das Unkraut und die bösen Fische, sondern auch die Saat Gottes und die guten Fische. Beides gleichfalls mit Nachdruck zu verkünden, ist nicht eine falsche Apologetik, sondern ein notwendiger Dienst an der Wahrheit.

In diesem Zusammenhang ist es notwendig, auf einen wichtigen Text in der Offenbarung des Johannes zu verweisen. Der Teufel wird da als der Ankläger gekennzeichnet, der unsere Brüder bei Tag und bei Nacht vor Gott verklagt (Apk 12, 10). Die Apokalypse nimmt damit einen Gedanken wieder auf, der im Mittelpunkt der Rahmenerzählung des Buchs Ijob steht (Ijob 1 und 2, 10; 42, 7 – 16). Dort wird erzählt, dass der Teufel vor Gott die Gerechtigkeit des Ijob als nur äußerlich herunterzureden versuchte. Dabei ging es gerade um das, was die Apokalypse sagt: Der Teufel will beweisen, dass es gerechte Menschen nicht gibt; dass alle Gerechtigkeit von Menschen nur von außen dargestellt sei. Wenn man näher hinklopfen könne, falle der Schein der Gerechtigkeit schnell ab. Die Erzählung beginnt mit einem Disput zwischen Gott und dem Teufel, in dem Gott auf Ijob als einen wirklich Gerechten verwiesen hatte. An ihm soll nun die Probe aufs Exempel vollzogen werden, wer da recht hat. Nimm ihm seinen Besitz weg und du wirst sehen, dass von seiner Frömmigkeit nichts übrigbleibt, argumentiert der Teufel. Gott gestattet ihm diesen Versuch, aus dem Ijob positiv hervorgeht. Nun treibt es der Teufel weiter, und er sagt: „Haut um Haut! Alles, was der Mensch besitzt, gibt er hin für sein Leben. Doch streck deine Hand aus, und rühr an sein Gebein und Fleisch: wahrhaftig, er wird dir ins Angesicht fluchen“ (Ijob 2,4f). So gewährt Gott dem Teufel eine zweite Runde. Er darf auch die Haut des Ijob berühren. Nur ihn zu töten, wird ihm versagt. Für die Christen ist klar, dass der Ijob, der für die ganze Menschheit als Exempel vor Gott steht, Jesus Christus ist. In der Apokalypse wird uns das Drama des Menschen in seiner ganzen Breite dargestellt. Dem Schöpfergott steht der Teufel gegenüber, der die ganze Menschheit und die ganze Schöpfung schlechtredet. Der sagt nicht nur zu Gott, sondern vor allen Dingen zu den Menschen: Seht euch an, was dieser Gott gemacht hat. Angeblich eine gute Schöpfung. In Wirklichkeit ist sie in ihrer Ganzheit voller Elend und Ekel. Das Schlechtreden der Schöpfung ist in Wirklichkeit ein Schlechtreden Gottes. Es will beweisen, dass Gott selbst nicht gut ist und uns von ihm abbringen.

Die Aktualität dessen, was uns hier die Apokalypse sagt, ist offenkundig. Es geht heute in der Anklage gegen Gott vor allen Dingen darum, seine Kirche als ganze schlechtzumachen und uns so von ihr abzubringen. Die Idee einer von uns selbst besser gemachten Kirche ist in Wirklichkeit ein Vorschlag des Teufels, mit dem er uns vom lebendigen Gott abbringen will durch eine lügnerische Logik, auf die wir zu leicht hereinfallen. Nein, die Kirche besteht auch heute nicht nur aus bösen Fischen und aus Unkraut. Die Kirche Gottes gibt es auch heute, und sie ist gerade auch heute das Werkzeug, durch das Gott uns rettet. Es ist sehr wichtig, den Lügen und Halbwahrheiten des Teufels die ganze Wahrheit entgegenzustellen: Ja, es gibt Sünde in der Kirche und Böses. Aber es gibt auch heute die heilige Kirche, die unzerstörbar ist. Es gibt auch heute viele demütig glaubende, leidende und liebende Menschen, in denen der wirkliche Gott, der liebende Gott sich uns zeigt. Gott hat auch heute seine Zeugen („martyres“) in der Welt. Wir müssen nur wach sein, um sie zu sehen und zu hören.

Das Wort Märtyrer ist dem Prozessrecht entnommen. Im Prozess gegen den Teufel ist Jesus Christus der erste und eigentliche Zeuge für Gott, der erste Märtyrer, dem seitdem Unzählige gefolgt sind. Die Kirche von heute ist mehr denn je eine Kirche der Märtyrer und so Zeuge des lebendigen Gottes. Wenn wir uns wachen Herzens umsehen und umhören, können wir überall heute, gerade unter den einfachen Menschen, aber doch auch in den hohen Rängen der Kirche die Zeugen finden, die mit ihrem Leben und Leiden für Gott einstehen. Es ist eine Trägheit des Herzens, dass wir sie nicht wahrnehmen wollen. Zu den großen und wesentlichen Aufgaben unserer Verkündigung gehört es, soweit wir können, Lebensorte des Glaubens zu schaffen und vor allen Dingen sie zu finden und anzuerkennen.

Ich lebe in einem Haus, in einer kleinen Gemeinschaft von Menschen, die immer wieder solche Zeugen des lebendigen Gottes im Alltag entdecken und freudig auch mich darauf hinweisen. Die lebendige Kirche zu sehen und zu finden, ist eine wunderbare Aufgabe, die uns selbst stärkt und uns des Glaubens immer neu froh werden lässt.

Am Ende meiner Überlegungen möchte ich Papst Franziskus danken für alles, was er tut, um uns immer wieder das Licht Gottes zu zeigen, das auch heute nicht untergegangen ist. Danke, Heiliger Vater!

(Benedikt XVI.)

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Quelle

Siehe auch:

Hannibal Ante Portas

Missale aus dem Jahr 1447 (Ausschnitt) Foto: Sailko / Biblioteca Medicea Laurenziana (CC BY 3.0)

Heute vor 50 Jahren wurde das neue Missale Romanum eingeführt – Dirk Weisbrod über Annibale Bugnini, den Mann, der die Liturgiereform Pauls VI. vorantrieb

03 April, 2019 / 8:30 AM

„Ich bin überzeugt, dass die Kirchenkrise, die wir heute erleben, weitgehend auf dem Zerfall der Liturgie beruht, die mitunter sogar so konzipiert wird, etsi Deus non daretur: Dass es gar nicht mehr darauf ankommt, ob es Gott gibt und ob er uns anredet oder erhört.“

Diese Worte stammen nicht von einem Piusbruder, sondern von Papst Benedikt XVI. oder besser von Kardinal Joseph Ratzinger. Sie stehen am Ende seiner Autobiographie „Aus meinem Leben“, die er schon in den 1990er Jahren verfasst hat.

Wenige Absätze zuvor hatte der Kardinal seine Bestürzung über das „fast völlige Verbot des bisherigen Missales nach einer Übergangsphase von nur einem halben Jahr“ beklagt und die Einzigartigkeit dieses Vorgehens Pauls VI. in der Liturgiegeschichte herausgestellt. Wo zuvor Liturgie über Jahrhunderte hindurch wachsen konnte und ein Missale nie verboten, sondern revidiert wurde, geschah nun folgendes: „Man brach das alte Gebäude ab und baute ein anderes, freilich weitgehend aus dem Material des Bisherigen und auch unter Verwendung der Baupläne.“ Zwar habe das neue Missale in vielem auch Verbesserungen und Bereicherungen gebracht, aber letztendlich sei der Eindruck entstanden, dass Liturgie „gemacht“ werde, nichts Vorgegebenes, sondern etwas in unserem Entscheiden Liegendes sei.

Wohl auch deswegen hat er in seinem Motu proprio Summorum Pontificum den Versuch unternommen, der über die Jahrhunderte gewachsenen Messe zu ihrem Recht zu verhelfen. Nunmehr unter der Überschrift „außerordentliche Form des römischen Ritus“ und mit dem Wunsch, dass die „alte“ und die „neue“ Messordnung sich gegenseitig befruchten sollen.

Bis heute ist von dieser Befruchtung nichts zu merken.

Liturgie, die den Eindruck erweckt, „gemacht“ zu sein, verweist auch auf einen „Macher“, der im Falle des Novus Ordo – so die Kritiker – nicht unser Herr Jesus Christus, sondern ein Vinzentiner-Pater und Kurienerzbischof aus Umbrien gewesen ist: Annibale Bugnini. Angefeindet wie kein anderes Mitglied der Kurie seiner Zeit, hatte er zugleich hochrangige Fürsprecher und das Ohr des Papstes, seines Papstes Pauls VI., der ihm zugleich die größte Enttäuschung seines Lebens bereiten sollte – oder bereitete Bugnini sie umgekehrt den Papst? Darüber wird noch zu reden sein.

„Die Messe näher bringen“

Bugnini war das, was wir heute einen „Netzwerker“ nennen würden, einen Macher, der seine Arme überallhin ausstreckte, diplomatisch geschickt und unermüdlich arbeitend. Annibale, Hannibal ante Portas der Liturgie. Im Gegensatz zum karthagischen Feldherrn hat er diese Tore auch durchschritten und sein Werk vollendet. Das von ihm in wesentlich Teilen erarbeitete Messbuch – und damit der wichtigste Teil der Reform, die alle liturgischen Bücher der Kirche, die Stundenbücher, die Sakramente und Sakramentalien bis hin zum liturgischen Kalender umfasste – ist heute noch in fast unveränderter Form in Kraft. Am 3. April jährt sich die Promulgation dieses Messbuches durch Paul VI. zum fünfzigsten Mal. Grund genug einmal an seinen „Macher“ zu erinnern. Wer war dieser Mann? Was wollte er?

Am 14. Juni 1912 in Civitella del Lago in Umbrien geboren, trat er noch als Schüler in den Vinzentiner-Orden ein. Er studierte Philosophie und Theologie in Piacenza und Rom und wurde 1936 zum Priester geweiht. Seine Ordensoberen erkannten offenbar sehr schnell die Führungsqualitäten des jungen Vinzentiner-Paters, denn sie ernannten ihn 1939, mit nur 27 Jahren, zum Direktor des neu gegründeten Priesterkonvikts im römischen Collegio Leoniano. Viele der fast gleichaltrigen Priesterstudenten wurden später hochrangige Kurienmitarbeiter. Bugnini pflegte diese Kontakte.

Währenddessen studierte er selbst noch einmal und zwar christliche Archäologie, wobei ihn besonders die frühchristliche Liturgie interessierte. Vielleicht rührte hierher der Wunsch, die antiken Wurzeln der Liturgie wieder zur Geltung zu bringen. Der Erfolg war durchschlagend. Schon 1946 wurde er Schriftleiter der Ephemerides liturgicae – einer anerkannten Liturgiezeitschrift; dort profilierte er sich als Befürworter einer Liturgiereform. Schon direkt nach seiner Priesterweihe, als er in den Vorstädten Roms als Seelsorger arbeitete, war er der Meinung, dass die Gläubigen der Messe nicht mehr angemessen folgen konnten. Insbesondere den Kindern wollte er den Reichtum der Messe fruchtbarer näherbringen. So schreibt er es in seinen Memoiren.

Nur wenige Jahre als Schriftleiter genügten, um ihn bis in die höchsten kirchlichen Kreise bekannt zu machen. 1948 berief ihn Pius XII. zum Sekretär der neu geschaffenen Kommission für die Liturgiereform. Ja, auch Pius XII. hatte seine Liturgiereform! Und zwar die Erneuerung der Karwoche und der Osternacht (1951–1955). Ihr Spiritus Rector war der junge Bugnini. Sekretär der verschiedenen Häutungen dieser und anderer Liturgiekommissionen blieb er bis zu seiner Entmachtung 1975 und damit bis zum Abschluss der Liturgiereform. Und wer die Kurie kennt, weiß: Es sind die Sekretäre, die das Steuer in der Hand haben. Mit Bugnini blieben übrigens auch seine Mitstreiter aus der liturgischen Bewegung, die er in den jeweiligen Gremien platziert hatte.

Die eigentliche Reform

Nur einmal – zwischen 1962 und 1964 – verlor er seinen Posten. Nach Bugninis Version war es der Kardinal-Präfekt der Ritenkongregation, der Spanier Arcadio Larraona, der dafür sorgte, dass Johannes XXIII. ihn nicht zum Sekretär der liturgischen Konzils-Kommission berief. Das von ihm mitgestaltete Liturgie-Schema war dem Kardinal zu progressiv, er lancierte eine entschärfte Version. Allerdings hatte er die Rechnung ohne Bugnini gemacht. Der selbst berichtet, dass „irgendjemand“ die Konzilsväter über die für die Ortskirchen ungünstigen Änderungen informierte – das ursprüngliche Schema wollte ihnen in Liturgiefragen mehr Freiheit lassen – und so wurde dann doch die ursprüngliche Fassung dem Konzil vorgelegt und – als einzige – akzeptiert: Damit wurde das von Bugnini maßgeblich beeinflusste Schema Grundlage von Sacrosanctum Consilium, der Liturgie-Konstitution. Als Paul VI. 1964 das „Consilium zur Durchführung der Liturgiekonstitution“ unter Kardinal Giacomo Lercaro einsetzte, kehrte Bugnini als Sekretär zurück.

Nun begann die eigentlich Liturgiereform – eine Reform, die argwöhnisch betrachtet wurde. So urteilte Dietrich von Hildebrand, eigentlich selbst ein Anhänger der liturgischen Bewegung, in seinem Buch „Der verwüstete Weinberg“: „Wahrhaft – wenn einer der Teufel in C.S. Lewis‘ ,Screwtape Letters‘ mit der Untergrabung der Liturgie betraut worden wäre, er hätte es nicht besser machen können.“  Ja, so die Kritiker, Annibale Bugnini und das „Consilium“ hätten die Messe protestantisiert. Zumindest diesen Vorwurf hatte der Sekretär selbst befeuert. Hatten nicht protestantische Pastoren das „Consilium“ beraten? Wie konnte der Papst so etwas zulassen?

Bugnini selbst wusste, dass sein Tun erklärungsbedürftig war und dass es keinen Zweifel darüber geben durfte, dass die Reform sub et cum Petrodurchgeführt wurde. Wohl auch deswegen verfasste er die Rechtfertigungsschrift „La riforma liturgia“ (dt. „Die Liturgiereform“, 1987 bei Herder auf Deutsch erschienen). Das 1000-Seiten-Werk enthält eigene Erinnerungen, Notizen und Veröffentlichungen, die den ganzen Reformprozess minutiös nachzeichnen. Kein Zweifel lässt der Autor schon in der Einleitung am Anteil des Papstes an den Neuerungen: „Wenn je ein Papst all seine Energie für eine spezifische Arbeit eingesetzt hat, dann ist es Paul VI. im Hinblick auf die Liturgie. (…) Es ging mir aber auch darum, all jene Lügen zu strafen, die aus Unwissenheit oder Leichtfertigkeit oder aus kritischer oder voreingenommener Haltung behauptet haben und vielleicht noch meinen, dass eine Gruppe von Unbesonnenen dem Papst ihre eigenen Ideen eingeredet haben. Der Papst hat alles gesehen, hat alles verfolgt, hat alles geprüft, hat alles gebilligt.“ Viele Abendstunden habe er mit dem Papst verbracht und die Aktenbündel studiert. Paul VI. habe alles Zeile für Zeile, Wort für Wort gelesen.

Bouyer und Bugnini

Aus den Aufzeichnungen geht auch hervor, dass der Papst nur wenige Male einen Reformversuch gänzlich unterbunden hat, wie etwa die Reform des Rosenkranzgebets. Dieses sollte so abgeändert werden, dass die hergebrachte Form nur noch eine unter mehreren möglichen gewesen wäre. Und selbst zu dieser hätte dann der Gläubige sich noch eigene Geheimnisse ausdenken dürfen. Das war für den Papst zu iel des Guten.

Ganz anders fällt die Bewertung des Verhältnisses Bugnini – Paul VI. durch Pater Louis Bouyer aus. Bouyer war prominentes Mitglied des „Consiliums“ und damit selbst an der Reform der Liturgie beteiligt. In seinen posthum erscheinen Memoiren erinnert sich der 2004 verstorbene Oratorianer-Pater auch an den „verachtenswerten“ Bugnini. Insbesondere der Leiter des „Consiliums“, Kardinal Lercaro, sei unfähig gewesen, die Manöver dieses „Gauners“ zu überstehen. Demnach entfachte Bugnini zwischen Papst-Appartement und „Consilium“ einen Riesenwirbel – mit dem Ziel, die Reformen schnell und ohne allzu großen Widerstand abzuschließen. Denn Widerstand gab es selbst unter den Reformern reichlich – etwa unter anderem gegen die Kalenderreform, das neue Offertorium oder gegen die Totenliturgie. Diese Widerstände habe Bugnini aber mit der Bemerkung: „Der Heilige Vater will es!“ abgewürgt. Das „Consilium“ fügte sich. Die Reform sei nicht zuletzt deswegen unter beklagenswerten Bedingungen und übereilt vorangetrieben worden. So übereilt, dass Bouyer das zweite Hochgebet zusammen mit dem Benediktiner Bernard Botte in einer Nachtsitzung fertigstellen musste – in einer Kneipe in Trastevere. Wollte das der Heilige Vater wirklich? Bouyer ist nicht dieser Auffassung und berichtet von einem Gespräch mit Paul VI. nach Abschluss der Liturgiereform, als das „Consilium“ schon in der Gottesdienst-Kongregation aufgegangen war: „Als er mit mir über unser famoses Werk sprach, dem er am Ende mit kaum mehr Begeisterung als ich zugestimmt hatte, sagte er zu mir: ,Aber warum denn haben sie auf dieser Reform bestanden?’ (…) Selbstredend antwortete ich: „… ganz einfach, weil Bugnini uns sagte, dass Sie es unbedingt so wollten…“ Er reagierte sofort: „Ist das möglich? Zu mir sagte er, dass sie alle in dieser Hinsicht einer Meinung waren.“

Ein Dossier und die Verbannung

Hatte Bugnini Papst und Kommissionsmitglieder gegeneinander ausgespielt? Vielleicht liegt hierin ein Grund für seine plötzliche Entmachtung im Juli 1975, als Paul VI. ohne Vorankündigung Gottes dienst und Sakramenten-Kongregation zusammenlegte und Bugnini nicht mehr zum Sekretär ernannte. Womöglich gab es aber noch einen gewichtigeren. So machte schon unmittelbar danach das Gerücht die Runde, dass der Entmachtete ein Freimaurer gewesen sei, beauftragt die katholische Messe zu zerstören. Michael Davies, ein prominenter Gegner der neuen Messe, hat sogar jenen Prälaten getroffen, der das Dossier über Bugnini zusammengestellt und dem Papst übergeben haben will, zusammen mit der Ankündigung, die Sache publik zu machen, wenn dieser nicht handele. So berichtet er es in seinem Buch „Pope John’s Council“.

Bugnini selbst stritt diesen Vorwurf ab, der ihm – so schreibt er in seiner „Liturgiereform“ – aus erster Hand von einem Kardinal mitgeteilt wurde, der das Dossier auf dem Schreibtisch des Papstes gesehen hatte. Daraufhin schrieb er an Paul VI.: „Ich habe mich nie für die Freimaurerei interessiert. Ich weiß nicht, was sie treibt, welches ihre Ziele sind.“ Da behauptet wurde, er erhielte Geld von der Loge, fügte er hinzu: „Jedermann kann bestätigen, dass ich seit elf Jahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Büro fahre. Ich lebe in meiner Kommunität in zwei kleinen Zimmern, die kaum das Notwendigste enthalten.“ Aussage gegen Aussage! Der Brief blieb unbeantwortet. Ebenso hat der Vatikan niemals eine Begründung für die Ablösung des Vinzentiners bekanntgegeben oder die Gerüchte über dessen Mitgliedschaft bei den Freimaurern dementiert. 1976 wurde er als Nuntius in den Iran versetzt: Die zweite und endgültige Verbannung! Anfang der achtziger Jahre erkrankte Bugnini an Magenkrebs. Er verstarb mit siebzig Jahren am 3. Juli 1982 in einer römischen Klinik.

Von der Lebensumständen Bugninis kann sich heute noch jedermann im Konvent der Vinzentiner am Quirinalshügel überzeugen, wozu auch die wunderschöne Kirche San Silvestro al Quirinal gehört. Die Zelle, die der Erzbischof bis zu seiner Abreise in den Iran bewohnte, ist in ihrer Bescheidenheit und Einfachheit derjenigen Pater Pios vergleichbar. Überhaupt sei der Vinzentiner ein bescheidener und vor allem integrer Mann gewesen; ein Mensch, der sich jeden Tag für die Liturgiereform aufopferte, und dessen Leben und Leidenschaft darin bestand, den Menschen die heilige Messe, das Gebet der Kirche und damit Jesus Christus näherzubringen. So sagt es Pater Luigi Mezzadri, 81 Jahre, der Bugnini persönlich gekannt hat und heute noch täglich in San Silvestro al Quirinal zelebriert. Und so können wir es von vielen Klerikern, Liturgiewissenschaftlern und Theologen der 1950er Jahre bis heute hören.

Mezzadri führt die Besucher auch zum Altar, an dem Bugnini täglich die Messe zelebrierte – direkt unter einer Marienikone aus dem dreizehnten Jahrhundert, der Madonna delle Catene, und dem Bildnis Papst Pius V., der das römische Missale nach dem Tridentinum als allgemeinverbindlich festlegte. Eine fast schon schizophrene Situation, auch für jenen Herausgeber einer Zeitschrift, der sich in die Kirche geschmuggelt hatte, um zu beobachten, wie dieser berüchtigte Reformer denn die Messe zelebriere. Bugnini überliefert uns dessen Fazit: „Sehr gläubig. (…) Wie ist es aber möglich, dass dieser Priester am Morgen vor dem Bild Pius V. auf Latein, mit dem tridentinischen Missale zelebrierte, und dann am Abend der Kirche die reformierte Messe in der Volkssprache vorschreibt und damit das Konzil von Trient verrät?“ Wer dieser Beobachter war und wo seine Aussage nachzulesen ist, verrät uns Bugnini freilich nicht.

Noch einmal die Frage: Wer war Annibale Bugnini? Was wollte er? Was hat er erreicht? War er ein Freimaurer, ein Gauner und Schwätzer, der Papst, Kardinale und ganze Kommissionen gegeneinander ausspielte oder ein bescheidener, freundlicher und leidenschaftlicher Diener Gottes, der die Messe entstauben und den Menschen damit näherbringen wollte. War er vielleicht beides, weil er zu leidenschaftlich für seine Sache war? Er wäre damit nicht der erste gewesen.

Lex Orandi, Lex Credendi

Wenn man ein Werk wie die Liturgiereform an seinen Früchten erkennen kann, dann müssen wir zumindest für Europa und weite Teile Nord und Lateinamerikas feststellen, dass die Kirchen leer sind und sich die Kirchenaustritte häufen.

Dafür mag es viele Gründe geben, wie wir angesichts des Missbrauchsskandals in diesen Tagen sehen. Aber kann man das Fundament der Kirche, die Eucharistiefeier, mithin die heilige Messe ohne Folgen verändern?

Wir erinnern uns: Lex orandi, lex credendi. Womit wir wieder bei der Klage Joseph Ratzingers angekommen sind: Es ist wohl nicht möglich, ein jahrhundertelang gewachsenes Gebäude abzubrechen und in wenigen Jahren ein neues bauen. Diesen Versuch aber haben Annibale Bugnini und seine Mitstreiter unternommen, vielleicht weil sie auf die Menschen und die getrennten protestantischen Brüder zugehen und die Kirche in eine neue Zeit führen wollten. Wenn wir sie nach menschlichen Maßstäben beurteilen, dann sind sie gescheitert – unabhängig davon, welche Absichten sie hatten. Das endgültige Urteil aber fällt Gott. Und so müssen wir mit dem alten Atheisten Bertolt Brecht über Bugnini und sein Werk ausrufen: „Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen. Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“

Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Vatican Magazin.

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