Die „doppelte tiefgreifende Krise“ der Kirche: Der volle Wortlaut von Benedikt XVI.

Papst emeritus Benedikt XVI. am 15. Juni 2015 im Vatikan Foto: L’Osservatore Romano

Nur selten wendet sich Benedikt XVI. an die Öffentlichkeit. Wenn der emeritierte Papst einmal kommuniziert, und dabei auch noch über Franziskus und die Barmherzigkeit, horcht nicht nur die katholische Welt auf. Wenn im gleichen Interview dieser führende Theologe zudem über eine „doppelte tiefgreifende Krise“ und den Zusammenbruch der missionarischen Dynamik der Kirche mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil spricht, über eine „Evolution des Dogmas„, und die Frage des Christseins in der Moderne, dann haben diese Aussagen historische Relevanz – und sind gleichzeitig dem Risiko ausgesetzt, von Journalisten wie Klerikern selektiv zitiert zu werden.

CNA Deutsch dokumentiert im folgenden ungekürzt die Worte von Papst emeritus Benedikt XVI. im deutschen Original, wie sie Joseph Ratzinger formuliert hat. Die ursprünglichen Fragen von Pater Jacques Servais SJ, die auf französisch im Kontext eines Kolloquiums im Oktober 2015 gestellt worden waren, sind behutsam gekürzt und redigiert wiedergegeben, ohne deren Sinn zu entstellen. Die Antworten von Papst Benedikt waren bei der Konferenz durch den Präfekten des Päpstlichen Hauses, Kurienerzbischof Georg Gänswein, vorgelesen worden, und sind mittlerweile auch in anderen Sprachen in mehreren Medien übersetzt erschienen.

Eure Heiligkeit, die Frage, die diesem Jahr beschäftigt sich die Konferenz mit der Rechtfertigungslehre. Sie haben betont, dass der christliche Glaube nicht eine Idee ist, sondern ein Leben. Und mit Blick auf die Aussagen des heiligen Apostels Paulus in Römer 3:28, erwähnten Sie, in dieser Hinsicht, eine zweifache Transzendenz: „“Glaube ist Gabe durch die Gemeinschaft; die sich selbst gegeben wird,” gs iv, 512). Könnten Sie erklären, was Sie damit meinen?

BENEDIKT XVI.:  Es geht um die Frage, was Glaube ist und wie man zum Glauben kommt. Glaube ist einerseits eine höchst persönliche Berührung mit Gott, die mich ins Innerste hinein trifft und mich ganz unmittelbar dem lebendigen Gott gegenüberstellt, so daß ich ihn anreden, ihn lieben, mit ihm in Gemeinschaft treten kann. Aber dieses höchst Persönliche hat doch zugleich untrennbar mit Gemeinschaft zu tun: Zum Wesen des Glaubens gehört es, daß er mich in das Wir der Kinder Gottes, in die Weggemeinschaft mit den Brüdern und Schwestern hineinnimmt. Die Begegnung mit Gott bedeutet immer zugleich, daß ich selbst geöffnet, aus meiner Verschließung herausgerissen und in die lebendige Gemeinschaft der Kirche hineingenommen werde. Sie vermittelt mir auch die Begegnung mit Gott, der mich dann freilich ganz persönlich ins Herz trifft.

Der Glaube kommt vom Hören, sagt uns der heilige Paulus. Das Hören schließt also immer schon ein Gegenüber ein. Glaube ist nicht Produkt eines Nachdenkens und auch nicht einer Versenkung in die Tiefen meines Seins, obwohl beides hinzugehören kann. Aber beides bleibt unzulänglich ohne das Hören, durch das Gott von außen her, von einer durch ihn geschaffenen Geschichte her auf mich zutritt. Damit ich glauben kann, bedarf ich zuerst der Zeugen, die Gott begegnet sind und mich für ihn öffnen.

Wenn ich in meinem Artikel über die Taufe über die doppelte Transzendenz der Gemeinschaft gesprochen habe, so kommt darin nochmals ein wichtiges Element zum Vorschein: Die Gemeinschaft des Glaubens schafft sich nicht selbst. Sie ist nicht eine Vereinigung von Menschen, die eine gemeinsame Idee haben und sich entscheiden, zusammen für diese Idee zu wirken. Dann könnten sie nur persönliche Meinungen vertreten und gemeinsam nach Wegen suchen, um diese Ideen zu verwirklichen. Alles würde dann auf einen eigenen Entschluß und letztlich auf dem Mehrheitsprinzip basieren, letztlich also nur doch menschliche Meinung sein. Eine solche Kirche kann mir nicht Garant des ewigen Lebens sein und nicht Entscheidungen von mir fordern, die mich schmerzen und die gegen meine Wünsche stehen. Nein, die Kirche hat sich nicht selbst gemacht, sondern sie ist vom Herrn geschaffen und wird immer wieder von ihm gebildet. Dies drückt sich in den Sakramenten, zuallererst im Sakrament der Taufe aus: In die Kirche trete ich nicht mit einem bürokratischen Akt ein, sondern durch das Sakrament. Das bedeutet, ich werde in eine Gemeinschaft aufgenommen, die nicht von sich selbst kommt und die über sich selbst hinausreicht.

Die Pastoral, die die geistliche Erfahrung der Gläubigen formen will, muß von diesen Grundgegebenheiten ausgehen. Sie muß die Vorstellung einer sich selbst machenden Kirche überwinden und mir zeigen, daß Kirche Gemeinschaft am und im Leib Christi ist. Sie muß in die Begegnung mit Jesus Christus und in seine Anwesenheit im Sakrament hineinführen.

Als Sie Präfekt der Glaubenskongregation waren, kommentierten sie die Gemeinsame Erklärung der katholischen Kirche und des Lutherischen Weltbundes über die Rechtfertigungslehrer vom 31. Oktober 1999. Dabei wiesen Sie auf den Mentalitäts-Unterschied hin mit Blick auf Luther und die Frage der Erlösung. Das religiöse Erleben Luthers war dominiert von der Angst vor dem Zorn Gottes. Ein Gefühl, das dem modernen Menschen sehr fremd ist, der eher die Abwesenheit Gottes spürt (wie Sie in Communio, 2000, 430 geschrieben haben). Für den modernen Menschen ist die Frage nicht so sehr, wie er das ewige Leben erlangt, sondern eher, wie er in der prekären Situation unserer Welt eine gewisse Balance eines Lebens in Fülle.

BENEDIKT XVI.: Zunächst möchte ich noch einmal unterstreichen, was ich in „Communio“ im Jahr 2000 zur Rechtfertigungsproblematik gesagt hatte: Für den Menschen von heute haben sich die Dinge gegenüber der Zeit Luthers und gegenüber der klassischen Perspektive des christlichen Glaubens in gewisser Hinsicht umgekehrt: Nicht mehr der Mensch glaubt der Rechtfertigung vor Gott zu bedürfen. Er ist der Meinung, daß Gott sich rechtfertigen müsse angesichts alles Schrecklichen in der Welt und angesichts aller Mühsal des Menschseins, das letztlich doch alles auf sein Konto geht. Ich finde es in dieser Hinsicht bezeichnend, daß ein katholischer Theologe diese Umkehr auch förmlich behauptet: Christus habe nicht für die Sünden der Menschen gelitten, sondern gleichsam die Schuld Gottes abgetragen. Auch wenn eine so drastische Umkehrung unseres Glaubens den meisten Christen doch wohl noch fernliegt, so kommt darin doch eine Grundtendenz unseres Zeitalters zum Vorschein. Wenn Johann Baptist Metz davon spricht, daß die Theologie heute „theodizee-empfindlich“ sein müsse, so wird auf eine positive Art dasselbe Problem angesprochen. Abgesehen von dieser radikalen Infragestellung der kirchlichen Sicht des Verhaltens von Gott und Mensch, hat der Mensch von heute ganz generell das Bewußtsein, daß Gott nicht den größeren Teil der Menschheit in die Verdammung abgleiten lassen kann. Insofern ist die Heilssorge im alten Sinn weitgehend verschwunden.

Dennoch existiert meiner Überzeugung nach auf andere Weise das Wissen weiter, daß wir der Gnade und der Vergebung bedürfen. Es ist für mich ein „Zeichen der Zeit“, daß die Idee der Barmherzigkeit Gottes immer beherrschender in den Mittelpunkt rückt – angefangen von Schwester Faustina, deren Visionen irgendwie doch ganz grundlegend das Gottesbild des Menschen von heute und sein Verlangen nach Gottes Güte darstellen. Papst Johannes Paul II. war von diesem Impuls zutiefst erfüllt, auch wenn er nicht immer ganz offen zutage liegt. Aber es ist doch wohl kein Zufall, daß sein letztes Buch, das unmittelbar vor seinem Sterben erschien, von der Barmherzigkeit Gottes handelt. Aus seiner Lebenserfahrung heraus, die ihn in früher Stunde mit aller Grausamkeit des Menschen konfrontiert hatte, sagt er, daß die Barmherzigkeit die einzig wirkliche und letzte Gegenkraft gegen die Macht des Bösen sei. Erst da, wo Barmherzigkeit ist, endet die Grausamkeit, endet das Böse, endet die Gewalt. Papst Franziskus steht ganz in dieser Linie. Seine pastorale Erfahrung drückt sich gerade darin aus, daß er uns immerfort von Gottes Barmherzigkeit spricht. Es ist die Barmherzigkeit, die uns zu Gott hinzieht, während die Gerechtigkeit uns vor ihm erschrecken läßt. Dies zeigt nach meinem Dafürhalten, daß unter der Oberfläche der Selbstsicherheit und der Selbstgerechtigkeit des heutigen Menschen sich doch ein tiefes Wissen um seine Verwundung, um seine Unwürdigkeit Gott gegenüber verbirgt. Er wartet auf Barmherzigkeit. Es ist gewiß kein Zufall, daß das Gleichnis vom barmherzigen Samariter die Menschen von heute besonders anspricht – nicht nur weil dort die soziale Seite des Christseins stark betont ist und nicht nur weil dort der Samariter, der nicht religiöse Mensch, gegenüber den Religionsdienern sozusagen als der wirklich gottgemäß handelnde Mensch erscheint, während die amtlichen Diener der Religion sich gleichsam gegen Gott immunisiert haben. Beides ist natürlich dem modernen Menschen sympathisch. Aber ebenso wichtig scheint mir, daß im stillen doch die Menschen für sich selbst den Samariter erwarten, der sich zu ihnen niederbeugt, Öl in die Wunden gießt, sie umsorgt und in die Herberge bringt. Sie wissen im letzten doch, daß sie der Barmherzigkeit Gottes, seiner Zärtlichkeit bedürfen. In der Härte der technischen Welt, in der die Gefühle nicht mehr zählen, wächst dann doch die Erwartung nach einer heilenden Liebe, die umsonst geschenkt wird. Mir scheint, daß so im Thema der Barmherzigkeit Gottes auf eine neue Weise ausgedrückt ist, was Rechtfertigung durch Glauben heißt. Von der Barmherzigkeit Gottes her, nach der alle Ausschau halten, läßt sich der wesentliche Kern der Rechtfertigungslehre auch heute neu verstehen und erscheint wieder in seiner ganzen Wichtigkeit.

Der heilige Anselm verwendet eine Sprache, die für einen modernen Menschen nur schwer akzeptabel ist, wenn er darüber spricht, dass Gott am Kreuz sterben mußte, um die zerstörte Ordnung wieder herzustellen (vgl. Gs 215. Ss iv)

BENEDIKT XVI.: Die Begrifflichkeit des heiligen Anselm ist uns heute sicher unverständlich geworden. Was dahinter als Wahrheit steht, müssen wir auf neue Weise zu verstehen suchen. Ich möchte drei Anmerkungen zu diesem Punkt vorlegen:

a) Die Gegenüberstellung des Vaters, der unerbittlich auf der Gerechtigkeit besteht, mit dem Sohn, der dem Vater gehorcht und im Gehorsam die grausame Forderung der Gerechtigkeit aufnimmt, ist nicht nur für heute unverständlich, sondern in sich, von der Trinitätstheologie her völlig verfehlt. Vater und Sohn sind eins, und ihr Wille ist daher von innen her eins. Wenn der Sohn am Ölberg mit dem Willen Gottes ringt, so geht es nicht darum, daß er eine grausame Verfügung Gottes über sich annehmen muß, sondern darum, daß er das Menschsein in den Willen Gottes hinaufzieht. Auf das Verhältnis der beiden Willen von Vater und Sohn werden wir nachher noch einmal zurückkehren müssen.

b) Aber warum denn überhaupt das Kreuz, die Sühne? Nun, irgendwie ist in den Umkehrungen des modernen Denkens, von denen ich vorhin gesprochen hatte, dieses Warum auf eine neue Weise sichtbar. Stellen wir uns die ungeheuere schmutzige Masse des Bösen, der Gewalt, der Lüge, des Hasses, der Grausamkeit, des Hochmuts vor, die die ganze Welt verschmutzt und entstellt. Diese Masse des Bösen kann nicht einfach als inexistent erklärt werden, auch nicht von Gott. Sie muß aufgearbeitet, überwunden werden. Israel war davon überzeugt, daß das tägliche Sündopfer und besonders die große Liturgie des Versöhnungstages als Gegengewicht gegen die Masse des Bösen in der Welt notwendig waren und daß nur durch diesen Ausgleich die Welt gleichsam erträglich bleiben konnte. Als die Opferfeiern im Tempel erloschen, mußte es sich fragen, was denn nun den Übermächten des Bösen entgegengestellt werden könne, wie einigermaßen ein Gegengewicht gefunden werden könne. Die Christen wußten, daß der abgebrochene Tempel durch den auferstandenen Leib des gekreuzigten Herrn ersetzt war und daß in seiner radikalen, unermeßlichen Liebe ein Gegengewicht gegen die unermeßliche Masse des Bösen geschaffen war. Ja, sie wußten, daß das bisherige Opfer nur Ausgriff nach einem wirklichen Gegengewicht sein konnte. Und sie wußten, daß bei der Übermacht des Bösen nur eine unendliche Liebe, nur eine unendliche Sühne ausreichen konnte. Sie wußten, daß der gekreuzigte und auferstandene Christus die Gegenmacht zur Macht des Bösen ist und die Welt rettet. Von da aus konnten sie dann auch den Sinn ihrer eigenen Leiden verstehen als Hineingenommensein in Christi leidvolle Liebe und Teil der rettenden Macht dieser Liebe. Wenn ich vorhin einen Theologen zitiert hatte, der meint, Gott habe für seine Schuld an der Welt leiden müssen, so kommt in dieser Verkehrung der Perspektiven doch Wahrheit zum Vorschein: Gott kann die Masse des Bösen einfach nicht stehen lassen, die durch die Freiheit entstanden ist, die er selbst gegeben hat. Nur er selbst kann, ins Leiden der Welt eintretend, die Welt erlösen.

c) Von da aus wird nun noch einmal das Verhältnis zwischen Vater und Sohn deutlicher. Ich zitiere dazu einen Passus aus dem Buch von De Lubac über Origenes, der mir sehr klärend erscheint: „Der Erlöser ist zur Erde abgestiegen aus Mitleid für das Menschengeschlecht. Er hat unsere Erleidungen (passiones) auf sich genommen, ehe er das Kreuz erlitt, ja ehe er sogar unser Fleisch anzunehmen geruhte: hätte er sie nicht zuerst gespürt, so wäre er nicht gekommen, um an unserem Menschenleben teilzunehmen.

Welches war diese Erleidung, die er zuerst für uns litt? Es war die Leidenschaft der Liebe.

Aber der Vater selbst, der Gott des Alls, er, der voll ist von Langmut, Erbarmen und Mitleid, leidet nicht auch er in gewisser Weise? Oder weißt Du nicht, daß er, wenn er sich mit den menschlichen Dingen abgibt, ein menschliches Erleiden kennt? ‚Denn der Herr, Dein Gott, hat deine Sitten auf sich genommen, wie der, der sein Kind auf sich nimmt (Dt 1,31)’. Gott nimmt also unsere Sitten auf sich, wie der Sohn Gottes unsere Erleidungen auf sich nimmt. Der Vater selbst ist nicht leidenschaftslos! Wenn man zu ihm fleht, dann kennt er Erbarmen und Mitleiden. Er erleidet ein Leiden der Liebe (Ez. h 6, 6)“ [aus: Henri de Lubac, Geist aus der Geschichte. Das Schriftverständnis des Origenes. Übertragen und eingeleitet von Hans Urs von Balthasar. Johannes Verlag, Einsiedeln 1968, 284f.]

Es gab in Teilen Deutschlands eine sehr bewegende Frömmigkeit, die „die Not Gottes“ betrachtete. Mir ist da ein erschütterndes Bild vor der Seele, das den leidenden Vater darstellt, der das Leiden des Sohnes inwendig als Vater miterleidet. Und auch der „Gnadenstuhl“ gehört hierher: Der Vater hält das Kreuz und den Gekreuzigten, beugt sich liebevoll zu ihm herunter und ist gleichsam auf der anderen Seite mit am Kreuz. Was Barmherzigkeit Gottes ist, Mitleiden Gottes mit dem Menschen, ist da groß und rein empfunden worden. Es geht nicht um eine grausame Gerechtigkeit, nicht um den Fanatismus des Vaters, sondern um die Wahrheit und die Wirklichkeit der Schöpfung: um die wirklich innere Überwindung des Bösen, die nur im Leiden der Liebe letztlich geschehen kann.

In seinen Geistlichen Übungen verwendet der heilige Ignatius von Loyola nicht die alttestamentarischen Bilder von Rache, im Gegensatz zu Paulus (vgl. 2.Thessalonicher 1,5-9); dennoch schrieb und handelte er aus der Überzeugung, so viele „Ungläubige“ wie möglich vor dem schrecklichen Schicksal ewiger Verdammnis retten zu müssen. Diese Lehre, formalisiert im Konzil von Trient, wurde in stark gemäßigter Form in den Katechismus der Katholischen Kirche (vgl. Abschnitte 633, 1037) übernommen. Ist es richtig zu sagen, dass es in den vergangenen Jahrzehnten zu diesem Punkt eine „Entwicklung des Dogmas“ gegeben hat, welcher der Katechismus unbedingt Rechnung tragen sollte?

BENEDIKT XVI.: Zweifellos ist in diesem Punkt eine tiefgreifende Entwicklung des Dogmas in Gang. Während die Väter und die Theologen des Mittelalters noch der Meinung sein konnten, daß im wesentlichen die ganze Menschheit christlich geworden sei und nur noch am Rande Heidentum bestehe, hat die Entdeckung der neuen Welt zu Beginn der Neuzeit die Perspektiven radikal geändert. Das Bewußtsein, daß Gott nicht alle Ungetauften der Verdammnis verfallen lassen kann und auch eine bloß natürliche Seligkeit für sie keine wirkliche Antwort auf die Frage des Menschseins darstellt, hat sich im letzten halben Jahrhundert vollends durchgesetzt. Wenn die großen Missionare des 16. Jahrhunderts noch überzeugt waren, daß ungetaufte Menschen für immer verloren seien und von da aus sich die Dynamik ihres missionarischen Einsatzes erklärt, so ist dieses Bewußtsein in der katholischen Kirche mit dem II. Vaticanum endgültig zusammengebrochen. Daraus ergab sich eine doppelte tiefgreifenden Krise: Zum einen scheint es keinen Grund mehr für die Mission zu geben. Warum sollte man noch Menschen zum christlichen Glauben führen wollen, wenn sie auch ohne ihn gerettet werden können? Aber auch für die Christen selbst ergab sich eine Folge daraus: Die Verbindlichkeit des Glaubens und seiner Lebensform wurde fragwürdig. Wenn andere auf andere Weise gerettet werden können, ist am Ende auch nicht mehr einsichtig, warum der Christ selbst an die Forderungen des christlichen Glaubens und seiner Moral gebunden ist. Wenn aber Heil und Glaube nicht mehr zusammenhängen, wird der Glaube selbst grundlos.

Inzwischen haben sich verschiedene Versuche gebildet, um den universellen Anspruch des christlichen Glaubens mit der Möglichkeit des Heils ohne ihn in Einklang zu bringen. Ich erwähne zwei davon: Da ist zunächst die bekannte These von Karl Rahner von den anonymen Christen. Sie besagt, daß der wesentliche Grundakt der christlichen Existenz, der für das Heil entscheidend ist, in der transzendentalen Struktur unseres Bewußtseins als Ausgriff nach dem ganz anderen, nach dem Einssein mit Gott bestehe. Der christliche Glaube habe ins Bewußtsein gehoben, was strukturell im Menschen an sich da ist. Wenn also der Mensch sich in seinem wesentlichen Sein annimmt, vollzieht er das Wesentliche des Christseins, ohne es begrifflich zu kennen. Das Christliche fällt so mit dem Menschlichen zusammen, und in diesem Sinn ist jeder Mensch ein Christ, der sich selbst annimmt, auch wenn er es nicht weiß. Diese Theorie ist zwar beeindruckend, macht aber das Christentum selbst nur zu einer bewußten Darstellung dessen, was Menschsein an sich ist und läßt so das Drama der Verwandlung und der Erneuerung aus dem Spiel, um das es im Christsein wesentlich geht.

Noch weniger akzeptabel ist die Lösung der pluralistischen Religionstheorien, die uns sagen, daß alle Religionen je auf ihre Weise Heilswege seien und in diesem Sinn in ihrer Wirkung als gleichbedeutend angesehen werden müssen. Die Religionskritik, wie sie das Alte Testament, das Neue Testament und die frühe Kirche geübt haben, ist da wesentlich konkreter in ihrer Erkenntnis der verschiedenen Religionen. Eine so einfache Rezeptur ist der großen Frage nicht angemessen.

Schließlich haben vor allem Henri De Lubac und nach ihm manche andere den Gedanken der Stellvertretung betont. Die Proexistenz Christi sei Ausdruck für die Grundfigur christlicher Existenz und für die Kirche als solche. Damit ist zwar das Problem nicht völlig gelöst, aber ich denke, daß dies doch die wesentliche Einsicht ist, die dann auch die Existenz eines jeden Christen betrifft. Christus als der Eine war und ist für alle und die Christen, die mit ihm nach dem großen Bild des heiligen Paulus seinen Leib in dieser Welt bilden, nehmen an diesem Für-Sein teil. Christ ist man sozusagen nicht für sich selber, sondern mit Christus für die anderen. Es bedeutet nicht eine Art Sonderbillett zum Eintritt in die ewige Seligkeit, sondern die Sendung zum Mittragen des Ganzen. Was der Mensch zum Heil braucht, ist die innere Offenheit für Gott, das innere Warten und Zugehen auf ihn, und das bedeutet umgekehrt, daß wir mit dem Herrn, der uns begegnet ist, auf die anderen zugehen und ihnen das Zugehen Gottes in Christus sichtbar zu machen versuchen.

Man kann dieses Für-Sein auch etwas abstrakter verständlich machen. Es ist wichtig für die Menschheit, daß Wahrheit in ihr da ist, daß sie geglaubt und gelebt wird. Daß für sie gelitten wird. Daß geliebt wird. Diese Realitäten leuchten in die Welt als ganze hinein und tragen sie mit. Ich denke, daß in der gegenwärtigen Situation uns auch immer mehr das Wort des Herrn an Abraham verständlich wird, daß zehn Gerechte ausreichen würden, damit eine Stadt überleben kann, aber daß sie sich selbst zerstört, wenn diese kleine Zahl unterschritten wird. Es ist klar, daß an der Frage weiter gearbeitet werden muß.

In den Augen vieler säkularer Humanisten, geprägt vom Atheismus des 19. und 20. Jahrhunderts, wie Sie angemerkt haben, sollte Gott – wenn er denn existiert –verantwortlich gemacht werden, statt des Menschen, für die Ungerechtigkeit, das Leiden der Unschuldigen, den Zynismus der Macht derer wir Zeuge sind, machtlos, in der Welt und der Weltgeschichte (vgl. Spe Salvi Nr. 42). In Ihrem Buch „Jesus von Nazareth“ weisen Sie darauf hin, was für diese Menschen – und für uns – ein Skandal ist: Die Realität der Ungerechtigkeit, des Bösen, die nicht ignoriert werden kann, sondern überwunden und besiegt werden muss, damit es Barmherzigkeit gibt. Ist das Sakrament der Beichte einer der Ort, an denen das Böse „repariert“ werden kann? Wenn ja, wie?

BENEDIKT XVI.: Das Wesentliche zur Frage im ganzen habe ich bereits in der Antwort auf Frage 3 darzustellen versucht. Das Gegengewicht gegen die Übermacht des Bösen kann zunächst nur in der gottmenschlichen Liebe Jesu Christi bestehen, die immer größer ist als jede mögliche Macht des Bösen. Aber unser Eintreten in diese Antwort Gottes durch Jesus Christus ist notwendig. Auch wenn jeder einzelne selber einen Teil des Bösen zu verantworten hat und so an dessen Macht mitschuldig ist, kann er doch zugleich mit Christus zusammen „ergänzen, was an seinen Leiden noch fehlt“ (vgl. Kol 1, 24).

Das Bußsakrament spielt hier sicher eine wichtige Rolle. Es bedeutet, daß wir uns selber immer wieder neu von Christus umarbeiten, umwandeln lassen und immer wieder neu von der Seite der Zerstörer auf die rettende Seite treten.

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Quelle

Europa und die Päpste: Unsere Sonderserie

Papst Franziskus vor Europafahne

Schuldenkrise, Brexit, Populisten: Europa ist in Turbulenzen. Für einen Neustart kann es nicht schaden, sich auf das zu besinnen, was Europa ausmacht und geprägt hat – ja, wir reden hier von den christlichen Wurzeln Europas. Und da kommen die Päpste ins Spiel.

Am Anfang steht Johannes Paul II. Der Papst aus Polen hat einiges zum Fall der Berliner Mauer beigetragen, und zum Zusammenwachsen Europas. Als erster Papst der Geschichte besuchte Johannes Paul 1988 das Europa-Parlament in Straßburg. Und immer wieder in seinem langen Pontifikat machte er Europa Mut zur Einheit und zum Zusammenhalt.

Nach Johannes Paul: der Papst aus Deutschland. Benedikt XVI. sah das Christentum geradezu in die DNA Europas eingeschrieben. Er machte darauf aufmerksam, dass das europäische Denken vom Zusammenklang von Glaube und Vernunft geprägt ist – etwas Einmaliges weltweit.

2013 wurde zum ersten Mal seit über einem Jahrtausend ein Nicht-Europäer Papst: Franziskus. Doch auch dieser besuchte das Europaparlament, wie einst Johannes Paul. Dort sagte er: „Liebe Europaabgeordnete, die Stunde ist gekommen, gemeinsam das Europa aufzubauen, das sich nicht um die Wirtschaft dreht, sondern um die Heiligkeit der menschlichen Person…“

Und auch Franziskus wurde, im vergangenen Jahr, der Karlspreis für Verdienste um die europäische Einigung zuerkannt – mitten in der bislang größten Krise der Europäischen Union. „Was ist mit dir los, humanistisches Europa, du Verfechterin der Menschenrechte, der Demokratie und der Freiheit?“, fragte er in seiner Rede bei der Entgegennahme des Preises. „Was ist mit dir los, Europa, du Heimat von Dichtern, Philosophen, Künstlern, Musikern, Literaten?“

Europa und die Päpste – unsere Radio-Akademie im Monat August.

(rv 01.08.2017 sk)

Gänswein: „Emeritierter Papst ist instrumentalisiert worden“

Um Klarstellung bemüht: Erzbischof Gänswein, hier mit Papst Franziskus

Erzbischof Georg Gänswein hat Spekulationen zurückgewiesen, Benedikt XVI. habe Papst Franziskus in seinem Grußwort zum Begräbnis von Kardinal Meisner kritisieren wollen. „Der emeritierte Papst ist willkürlich instrumentalisiert worden, mit diesem Satz, der auf nichts Konkretes anspielt“, sagte der Privatsekretär von Benedikt XVI. der italienischen Tageszeitung „Il Giornale“ vom Dienstag. Zudem verwies er darauf, dass Benedikt XVI. die Botschaft auf Wunsch von Kölns Kardinal Rainer Maria Woelki verfasst habe.

Benedikt XVI. hatte in seiner Botschaft geschrieben, Meisner habe in seiner letzten Lebensphase immer mehr aus der tiefen Gewissheit gelebt, „dass der Herr seine Kirche nicht verlässt, auch wenn manchmal das Boot schon fast zum Kentern angefüllt ist“. Dies war von einigen Kommentatoren als Kritik an Papst Franziskus gedeutet worden. Denn wenn Benedikt XVI. das Bild vom gefährdeten Boot, das er bereits 2005 gebraucht hatte, erneut vor großem Publikum aufgreife, liege die Vermutung nahe, dass er die Lage der Kirche 2017 nicht für stabiler hält als unter seiner Führung.

Gänswein hatte die Botschaft Benedikts am Samstag in Köln verlesen. Benedikt XVI. habe über die Situation der Kirche von heute und in der Vergangenheit gesprochen und sie mit einem Boot verglichen, das nicht in stillen Gewässern fährt, sagte Gänswein weiter: „Das sagt auch Franziskus.“

(kap 18.07.2017 pr)

Papst em. Benedikt XVI. – Gedenkwort für Kardinal Meisner

Erzbischof Gänswein trägt das Grußwort Benedikts XVI. vor

 

Benedikt: „Es hat mich bewegt, dass er in dieser letzten Periode seines Lebens … immer mehr aus der tiefen Gewissheit lebte, dass der Herr seine Kirche nicht verlässt, auch wenn manchmal das Boot schon fast zum Kentern angefüllt ist.“

Köln-Vatikanstadt (kath.net) kath.net dokumentiert das Grußwort von Papst em. Benedikt XVI. beim Requiem für Joachim Kardinal Meisner im Hohen Dom zu Köln, vorgetragen von Erzbischof Georg Gänswein, in voller Länge:

In dieser Stunde, in der die Kirche von Köln und gläubige Menschen weit darüber hinaus Abschied nehmen von Kardinal Joachim Meisner, bin auch ich in meinem Herzen und meinen Gedanken bei Ihnen und folge deshalb gern dem Wunsch von Kardinal Woelki, ein Wort des Gedenkens an Sie zu richten. Als ich vergangenen Mittwoch durch ein Telefonat den Tod von Kardinal Meisner erfuhr, wollte ich es zunächst nicht glauben. Am Tag zuvor hatten wir noch über das Telefon miteinander gesprochen. Aus seiner Stimme klang die Dankbarkeit dafür, dass er nun im Urlaub angelangt war, nachdem er am Sonntag zuvor noch an der Seligsprechung von Bischof Teofilius Matulionis in Vilnius teilgenommen hatte. Die Liebe zu der Kirche in Nachbarländern im Osten, die unter der kommunistischen Verfolgung gelitten hatten, wie die Dankbarkeit für das Standhalten in den Leiden jener Zeit hat ihn zeitlebens geprägt. Und so ist es wohl doch kein Zufall, dass der letzte Besuch in seinem Leben einem der Bekenner des Glaubens in jenen Ländern gegolten hat.

Was mich in den letzten Gesprächen mit dem heimgegangenen Kardinal besonders beeindruckt hat, das war die gelöste Heiterkeit, die innere Freude und die Zuversicht, zu der er gefunden hatte. Wir wissen, dass es ihm, dem leidenschaftlichen Hirten und Seelsorger, schwerfiel, sein Amt zu lassen, und dies gerade in einer Zeit, in der die Kirche besonders dringend überzeugender Hirten bedarf, die der Diktatur des Zeitgeistes widerstehen und ganz entschieden aus dem Glauben leben und denken.

Aber umso mehr hat es mich bewegt, dass er in dieser letzten Periode seines Lebens loszulassen gelernt hat und immer mehr aus der tiefen Gewissheit lebte, dass der Herr seine Kirche nicht verlässt, auch wenn manchmal das Boot schon fast zum Kentern angefüllt ist.

Zwei Dinge haben ihn in der letzten Zeit immer mehr froh und gewiss werden lassen:
Zum einen hat er mir immer wieder berichtet, wie es ihn mit tiefer Freude erfüllt, im Bußsakrament zu erleben, wie gerade junge Menschen, vor allem auch junge Männer, die Gnade der Vergebung erleben, das Geschenk, wirklich das Leben gefunden zu haben, das ihnen nur Gott geben kann.

Das andere, das ihn immer wieder neu berührt und freudig gestimmt hat, war das leise Wachsen der eucharistischen Anbetung. Beim Weltjugendtag in Köln war ihm dies ein zentraler Punkt: Dass es die Anbetung gebe, eine Stille, in der nur der Herr zu den Menschen und zu den Herzen spricht. Manche Experten der Pastoral und der Liturgie waren der Meinung, dass sich eine solche Stille im Hinschauen auf den Herrn bei einer so riesigen Anzahl von Menschen nicht erreichen lasse. Einige waren wohl auch der Meinung, eucharistische Anbetung sei als solche überholt, da ja der Herr im eucharistischen Brot empfangen und nicht angeschaut werden wolle. Aber dass man dieses Brot nicht essen kann wie irgendwelche Nahrungsmittel und dass den Herrn im eucharistischen Sakrament zu empfangen alle Dimensionen unserer Existenz einfordert, dass Empfangen Anbeten sein muss, ist inzwischen doch wieder sehr deutlich geworden. So ist die Weile der eucharistischen Anbetung beim Kölner Weltjugendtag zu einem inneren Ereignis geworden, das nicht nur dem Kardinal unvergesslich blieb. Dieser Augenblick war ihm seither immer inwendig gegenwärtig und ein großes Licht für ihn selbst.

Als an seinem letzten Morgen Kardinal Meisner nicht zur Messe erschien, wurde er in seinem Zimmer tot aufgefunden. Das Brevier war seinen Händen entglitten. Er war betend gestorben, im Blick auf den Herrn, im Gespräch mit dem Herrn. Die Art des Sterbens, die ihm geschenkt wurde, zeigt noch einmal auf, wie er gelebt hat: im Blick auf den Herrn und im Gespräch mit ihm. So dürfen wir seine Seele getrost der Güte Gottes anempfehlen.

Herr, wir danken dir für das Zeugnis deines Dieners Joachim. Lass ihn nun Fürbitter für die Kirche in Köln und auf dem ganzen Erdenrund sein.

Requiescat in pace!

Benedikt XVI., Papa emeritus

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Quelle

D: Requiem für Kardinal Meisner – Beisetzung im Dom

Meisners Sarg wird seine Mitra vorangetragen

Mit einem einfühlsamen Brief hat sich der emeritierte Papst Benedikt XVI. von seinem langjährigen Weggefährten Kardinal Joachim Meisner verabschiedet. Benedikts Privatsekretär und Präfekt des Päpstlichen Hauses, Erzbischof Georg Gänswein, verlas an diesem Samstag das Schreiben des emeritierten Papstes beim Pontifikalrequiem für den verstorbenen Alterzbischof von Köln. Dabei konnte Erzbischof Gänswein seine Rührung nicht unterdrücken.

Ein „leidenschaftlicher Hirte und Seelorger“

Er habe die Todesnachricht, die er telefonisch erhalten habe, zunächst nicht glauben wollen, so die Worte Benedikts XVI. Noch am Tag zuvor hätten sie miteinander gesprochen. „Aus seiner Stimme klang die Dankbarkeit dafür“, zitierte Gänswein aus dem Schreiben Benedikts, „dass er nun im Urlaub angelangt war, nachdem er am Sonntag zuvor noch an der Seligsprechung von Bischof Theophilius in Vilnius teilgenommen hatte. Die Liebe zu den Kirchen in Nachbarländern im Osten, die unter der kommunistischen Verfolgung gelitten hatten, wie die Dankbarkeit für das Standhalten in den Leiden jener Zeit hat ihn zeitlebens geprägt. Und so ist es wohl doch kein Zufall, dass sein letzter Besuch einem Bekenner des Glaubens in einem jener Länder gegolten hat.“

Die gelöste Heiterkeit, innere Freude und die Zuversicht, zu der der heimgegangene Kardinal zuletzt gefunden habe, hätten ihn besonders beeindruckt, so Benedikt XVI. „Wir wissen, dass es ihm, dem leidenschaftlichen Hirten und Seelsorger, schwerfiel, sein Amt zu lassen, und das in einer Zeit, in der die Kirche besonders dringend überzeugender Hirten bedarf, die der Diktatur des Zeitgeistes widerstehen und ganz entschieden aus dem Glauben leben und denken.“ Tiefe Freude habe dem Geistlichen die wachsende Bereitschaft auch junger Leute zu eucharistischer Anbetung und die Art, wie sie die Gnade des Beichtsakraments erlebten, bereitet. Die Anbetung sei auch 2005 beim Weltjugendtag in Köln – auch „gegen die Meinung so mancher Experten“ aus Pastoral und Theologie – ein zentrales Anliegen Meisners gewesen, betonte der emeritierte Papst. „So ist die Weile der eucharistischen Anbetung beim Kölner Weltjugendtag zu einem inneren Ereignis geworden, das nicht nur dem Kardinal unvergesslich blieb. Dieser Augenblick war ihm seither immer inwendig gegenwärtig und ein großes Licht für ihn selbst.“

„Als an seinem letzten Morgen“, las Erzbischof Gänswein sichtlich bewegt weiter, „Kardinal Meisner nicht zur Messe erschien, wurde er in seinem Zimmer tot aufgefunden. Das Brevier war seinen Händen entglitten. Er war betend gestorben. Im Blick auf den Herrn, im Gespräch mit dem Herrn. Die Art des Sterbens, die ihm geschenkt wurde, zeigt noch einmal auf, wie er gelebt hat: Im Blick auf den Herrn und im Gespräch mit ihm.“

„Unerschrockener Einsatz“  für den Glauben

Papst Franziskus wiederum hat den „unerschrockenen Einsatz“ des verstorbenen Kardinals für Kirche und Glauben gewürdigt. Im Rahmen der Exequien im Kölner Dom verlas der Apostolische Nuntius in Deutschland, Nikola Eterovic, ein entsprechendes Schreiben des Papstes. Darin würdigte Franziskus auch die Anstrengungen, mit denen der Kardinal gleichermaßen für Ost und West gewirkt habe.

Streitbar und kompromisslos

Mit Kardinal Meisner ist nur zwei Wochen nach Altbundeskanzler Kohl ein weiterer großer Deutscher und Europäer zu Grabe getragen worden. Nicht alle waren mit seiner oft kompromisslos anmutenden Haltung einverstanden – doch gerade sein aufrechtes Einstehen für Glaubenswahrheiten rang so manchem seiner Gegner doch großen Respekt ab. Dem wortgewaltigen Kardinal war es egal, wenn er deswegen aneckte; und das bewies der frühere Bischof des geteilten Berlins und Erzbischof von Köln bis zum Schluss, als er als einer von vier Kardinälen einen Zweifel-Brief an Papst Franziskus schickte.

Ein bewegtes Leben zwischen Ost und West

Am 25. Dezember 1933 wurde der spätere Erzbischof und Kardinal in Breslau als zweiter von vier Brüdern in die Familie eines Einzelhändlers geboren, dieser kam im Krieg um. Im Jahr 1945 gelingt der verbliebenen Familie die Flucht nach Thüringen. In Erfurt wird Meisner im Jahr 1962 zum Priester geweiht, ein gutes Jahrzehnt später erhält er am 17. Mai 1975 ebendort seine Bischofsweihe und ist als Weihbischof von Erfurt/Meinigen tätig. In diese Zeit fällt eine Episode, die Meisner sein Leben lang vor allem in den ehemaligen Ostblockstaaten hoch angerechnet wurde: In konspirativer und mutiger Aktion weihte er in seinem von der Stasi observierten Haus tschechoslowakische Geheimbischöfe. Papst Johannes Paul II. vertraut ihm ab dem 17. Mai 1980 das Bistum Berlin an, am 5. Januar 1983 erhebt er ihn zum Kardinal. Im Februar 1989, nur kurz vor dem Fall der Mauer, vertraut der Papst ihm mit dem Erzbistum Köln einen der wichtigsten Bischofssitze Europas an. Dort wird Kardinal Meisner bis zur Annahme seines Rücktrittsgesuches gut 2 Monate nach Erreichen seines 80. Geburtstages tätig sein. Am 5. Juli 2017 ereilt ihn während eines Urlaubes in Bad Füssing der Tod.

Prägende Persönlichkeit

Wie stark Kardinal Meisner den deutschen Katholizismus, aber auch den gesellschaftlichen und europäischen Diskurs geprägt hat, lässt sich an der illustren Gästeliste zu seiner Beerdigung ablesen. Aus Rom sind Kardinal Gerhard Ludwig Müller und Erzbischof Georg Gänswein angereist. Aus Prag kam Kardinal Dominik Duka, aus Meisners ehemaligen Bistum Berlin kam Erzbischof Heiner Koch. Ebenso anwesend waren der ehemalige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof em. Robert Zollitsch von Freiburg, sowie der Münchner Alterzbischof Kardinal Wetter. Die Politik war unter anderen vertreten durch Nordrhein-Westfalens neu gewählten CDU-Ministerpräsidenten Armin Laschet.

„Delikate Mission in Berlin“

Meisners Nachfolger im Erzbistum Köln, Kardinal Woelki, leitete die Exequien. Konzelebranten waren der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, sowie der Apostolische Nuntius Erzbischof Nikola Eterovic. Die Predigt hielt der langjährige Freund Meisners, Kardinal Peter Erdö aus Esztergom-Budapest und Primas von Ungarn. In seiner Ansprache erinnerte er sich an seine erste Begegnung mit Meisner, der damals noch in Erfurt tätig war. „Später hörte ich, dass er zum Bischof von Berlin ernannt worden war. Eine Aufgabe, die in der damaligen Zeit ganz außerordentlich war. Eine Diözese, die in Ost- und Westberlin gleichzeitig zuständig war, ein Bischof, der seinen pastoralen Dienst sogar in beiden Teilen der Stadt ausüben durfte. Es war eine ganz heikle Position, die viel Verständnis und Diplomatie von ihm verlangte. Bischof Meisner wurde dann in Kürze Kardinal und Vorsitzender der Berliner Bischofskonferenz. In dieser verantwortungsvollen Position hat er einen kaum zu überschätzenden Beitrag zur deutschen Wiedervereinigung geleistet.“

Auch Erdö würdigte Meisners unermüdlichen Einsatz für den Glauben und die Weltkirche, insbesondere im Ostteil Europas. Immer hätten ihm vor allem die Armen und Bedürftigen am Herzen gelegen, so Kardinal Erdö. „Sein christliches und soziales Zeugnis hat sich weit über die Grenzen der Erzdiözese Köln ausgewirkt. Seine pastorale Einstellung wurde durch Unmittelbarkeit, Offenheit für Kinder und Jugendliche, Arme und Fremde charakterisiert. Sein soziales Engagement für die Armen und Bedürftigen hat ihn sein ganzes Leben lang begleitet. Er hat aber auch die christliche Lehre und die Wahrheit leidenschaftlich gesucht und geliebt. Er hat viel Freude am Glauben und an der pastoralen Arbeit gefunden. In dieser Hinsicht kann man sogar sagen, dass er mit Papst Franziskus kongenial war.“

Bestattung in der Bischofsgruft

Die musikalische Begleitung des Pontifikalrequiems oblag den Kölner Dommusikern. Nach dem Gottesdienst im Kölner Dom wurde Meisners Sarg in die Bischofsgruft verbracht. Dort wird er seine letzte Ruhestätte unter zehn seiner hier beigesetzten Vorgängern finden, unter ihnen auch der beim Zweiten Vatikanischen Konzil in Erscheinung getretene und weit über Köln hinaus bekannte Kardinal Josef Frings (1887-1978). Damit sind in der Gruft noch fünf Grabstätten unbesetzt.

(rv/dr/erzbistum köln 15.07.2017 cs)

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Quelle

Benedikt XVI. und das Konzil

Kardinal Joseph Ratzinger, Präfekt der Glaubenskongregation, 1996 vor dem Petersdom im Vatikan.

Modernist oder beinharter „Konservativer”?

Sichtbar geworden ist:

Die Fruchtlosigkeit einer Entgegensetzung.

Von Armin Schwibach

Am 11. Oktober 2012 hat das Jahr des Glaubens mit einer feierlichen heiligen Messe auf dem Petersplatz begonnen. Papst Benedikt XVI. hat dieses besondere Jahr zur Vertiefung und Gründung des Glaubens in den Rahmen des fünfzigsten Jahrestages des II. Vatikanischen Konzils gestellt. Auf das Datum des 11. Oktobers 2012 fiel auch das zwanzigjährige Jubiläum der Veröffentlichung des Katechismus der Katholischen Kirche. Dabei handelt es sich um einen Text, den Papst Johannes Paul II. mit dem Ziel promulgierte, allen Gläubigen die Kraft und die Schönheit des Glaubens vor Augen zu führen. Zu jenem Anlass hatte der Papst erklärt: „Als vollständige und umfassende Darstellung der katholischen Wahrheit, der ‚doctrina tam de fide quam de moribus’, die immer und für alle gültig ist, ermöglicht es der Katechismus durch seine wesentlichen und grundlegenden Inhalte, all das, was die Kirche glaubt, feiert, lebt und betet, auf positive und sachliche Art und Weise zu erkennen und zu vertiefen. Durch die unverfälschte und systematische Darlegung der katholischen Lehre führt der Katechismus, trotz seines zusammenfassenden Charakters (‚non omnia sed totum’), jeden der Inhalte der Katechese zu seinem vitalen Mittelpunkt zurück, nämlich zu Christus, dem Herrn.

Der breite Raum, der darin der Bibel, der westlichen und östlichen Kirchentradition, den heiligen Vätern, dem Lehramt und der Hagiographie gegeben wird; die gesicherte Zentralität des reichen Gehalts des christlichen Glaubens; die enge Verbindung der vier Teile, aus denen das Textgerüst besteht und die das enge Verhältnis zwischen ‚lex credendi, lex celebrandi, lex agendi, lex operandi’ herausstellen: Das sind nur einige der Vorzüge dieses Werks, das uns aufs neue ermöglicht, über die Schönheit und den Reichtum der Botschaft Christi zu staunen“. Der Katechismus ist eine authentische Frucht des Konzils, eine sichtbare Frucht, die weit über die Beschwörung eines Konzilsgeistes hinausgeht, erstellt unter der direkten Verantwortung des damaligen Präfekten des Kongregation für die Glaubenslehre sowie einstigen Beraters von Kardinal Frings und späteren „peritus“ während der größten Versammlung der Kirchengeschichte: Joseph Ratzinger.

Jenseits aller negativen oder auch triumphalistisch angelegten Konzilsrhetorik bildet für Benedikt XVI. das II. Vatikanische Konzil mit den Worten seines Vorgängers einen „sicheren Kompass“ (vgl. Novo millennio ineunte, 57), der es dem Schiff der Kirche erlaubt, auf offener See inmitten von Stürmen oder ruhigen und sanften Wellen voranzukommen, um sicher ans Ziel zu gelangen. „Das Konzil“ – es kondensiert sich in den von ihm produzierten Dokumenten. Daher fordert das Papst dazu auf, zum Buchstaben dieser Dokumente zurückzukommen. Diese Dokumente müssen für Benedikt XVI. von der Menge von Publikationen befreit werden, die sie häufig eher verdeckt haben als sie bekannt zu machen (vgl. Katechese zur Generalaudienz vom 10. Oktober 2012).

Benedikt XVI. spricht nicht nur als Papst, sondern in Erinnerung an jenen jungen und begeisterten Theologen, der an jenem „glanzvollen Tag“ im Oktober 1962 beim feierlichen Einzug von weit über 2000 Konzilsvätern dabei war und in einem eigenen Beitrag für den Sonderband der vatikanischen Zeitung „L’Osservatore Romano“ zum Konzilsjubiläum schreibt: „Dies war ein Augenblick einer außerordentlichen Erwartung. Großes musste geschehen“. War es bei früheren Konzilien um bestimmte Probleme der Lehre oder Disziplin gegangen, so hatte Johannes XXIII. „sein“ Konzil aus anderen Gründen einberufen. Weder musste sich die Kirche mit besonderen Glaubensirrtümern beschäftigen, die es zu korrigieren oder zu verurteilen galt, noch waren bestimmte Lehr- oder Disziplinarfragen zu klären, wie Benedikt am 10. Oktober 2012 erläuterte: der Glaube sollte auf eine „erneuerte“, nachdrücklichere Weise sprechen, wobei jedoch seine immerwährenden Inhalte ohne Zugeständnisse oder Kompromisse beibehalten werden sollten. Dieses vertiefte Nachdenken über den Glauben „sollte auf neue Weise die Beziehung zwischen der Kirche und der Neuzeit, zwischen dem Christentum und gewissen wesentlichen Elementen des modernen Denkens umreißen, nicht, um sich diesen anzupassen, sondern um dieser unserer Welt, die dazu neigt, sich von Gott zu entfernen, den Anspruch des Evangeliums in seiner ganzen Größe und Klarheit zu zeigen“.

„Aggiornamento“ war das dieses Bewusstsein zusammenfassende Wort, das „Wieder-auf –den-Tag-bringen“. Dem von Johannes XXIII. geprägten Begriff entspricht für Benedikt XVI. das Bewusstsein, dass das Christentum „nicht als ‚etwas der Vergangenheit Zugehöriges’ gesehen werden darf; ebenso wenig darf es mit einem fortwährend ‚rückwärtsgewandten’ Blick gelebt werden, denn: Jesus ist heute, morgen, in Ewigkeit“ (12. Oktober 2012). Wie Benedikt XVI. bereits in seiner Weihnachtsansprache an die Römische Kurien im Jahr 2005 erklärt hatte, bedeutet die Rede vom „aggiornamento“ in dieser Hinsicht keinen Bruch mit der Tradition. Vielmehr bringt es die beständige Vitalität der Tradition zum Ausdruck. „Aggiornamento“ bedeutet für den Papst nicht, den Glauben zurückzuschneiden und ihn auf die Moden der Zeit herunterzudeklinieren, „auf das Maß dessen, was uns gefällt, was der öffentlichen Meinung gefällt“. Im Gegenteil: wie dies die Konzilsväter getan hätten, „müssen wir das Heute, in dem wir leben, zum Maß des christlichen Ereignisses bringen, wir müssen das Heute unserer Zeit in das Heute Gottes bringen“ (12. Oktober 2012).

Für Benedikt XVI. ist klar: die Bezugnahme auf die Dokumente des Konzils „schützt vor den Extremen anachronistischer Nostalgien einerseits und eines Vorauseilens andererseits und erlaubt, die Neuheit in der Kontinuität zu erfassen. Was den Gegenstand des Glaubens betrifft, hat sich das Konzil nichts Neues ausgedacht, noch hat es Altes ersetzen wollen. Es hat sich vielmehr darum bemüht dafür zu sorgen, dass derselbe Glaube im Heute weiter gelebt werde, dass er in einer sich verändernden Welt weiterhin ein gelebter Glaube sei. Wir müssen in der Tat dem Heute der Kirche treu sein, nicht dem Gestern oder dem Morgen. Und dieses Heute finden wir gerade in den Konzilsdokumenten, weil sie immer so aktuell sind, wie der Diener Gottes Paul VI. und die Konzilsväter sie verkündet haben, in ihrer Vollständigkeit und in ihrem Zusammenhang, ohne Abstriche und ohne Hinzufügungen“ (Predigt am 11. Oktober 2012).

Und doch: war dies wirklich so? Ist Benedikt XVI. derselbe wie der junge Theologe Joseph Ratzinger, der voll Begeisterung für die Ausarbeitung wesentlicher Texte des Konzils mitverantwortlich gezeichnet hatte? Immer wieder wurde der Theologe und Kardinal Ratzinger in der Vergangenheit mit dem Vorwurf konfrontiert, er habe zunächst radikal-progressistische Positionen vertreten, die er dann im Lauf der Zeit zurückgenommen habe. Vor allem hatte sich gleich zu Beginn des Konzils besonders bei den Teilnehmern aus Nordeuropa Missbehagen darüber breit gemacht, so Kardinal Ratzinger, dass die biblische und patristische Erneuerungsbewegung der Jahrzehnte vor dem Konzil keinen hinreichenden Eingang in die von der Römischen Kurie vorbereiteten Schemata gefunden hatte. Es wurde eine zu große Präsenz scholastischer Theologe und zuwenig pastorales Denken beklagt. Besonders aber gehörte Joseph Ratzinger auch zu jenen, die von der Notwendigkeit einer Reform der Liturgie überzeugt waren, eine Überzeugung, die von vielen geteilt wurde.

Der Text über die heilige Liturgie – der erste des II. Vatikanums – schien der am wenigsten umstrittene zu sein, wie Benedikt XVI, am 26. September 2012 in seiner Katechese zur Generalaudienz erklärte. Indem es mit dem Thema „Liturgie“ begonnen hat, „hat das Konzil den Primat Gottes, seine absolute Priorität ganz deutlich herausgestellt. Gott vor allem: Genau das sagt uns die Entscheidung des Konzils, von der Liturgie auszugehen. Wo der Blick auf Gott nicht entscheidend ist, verliert alles andere seine Ausrichtung. Das grundlegende Kriterium für die Liturgie ist ihre Ausrichtung auf Gott, um so an seinem Werk teilnehmen zu können. Wir können uns jedoch fragen: Was ist dieses Werk Gottes, an dem teilzunehmen wir aufgerufen sind? Die Konzilskonstitution über die heilige Liturgie gibt uns scheinbar eine zweifache Antwort. Denn unter der Nummer 5 sagt sie uns, dass das Werk Gottes sein Wirken in der Geschichte ist, das uns das Heil bringt und das seinen Höhepunkt im Tod und in der Auferstehung Jesu Christi hat; unter Nummer 7 dagegen bezeichnet dieselbe Konstitution die liturgische Feier als das ‚Werk Christi’. In Wirklichkeit sind beide Bedeutungen untrennbar miteinander verknüpft“.

Um zu diesem Ziel zu gelangen, wollte Ratzinger zu Beginn des Konzils im Sinn der liturgischen Erneuerung, die bereits unter Pius XII. begonnen hatte, dass Liturgie „wieder“ der Gottesdienst alles Gläubigen werde, bereinigt von allem Überflüssigen und jenseits des „beengten lateinischen Horizonts“: die „Mauer der Latinität“ sollte aufgebrochen werden. Doch bald erkannte er, dass andere weit über sein Grundanliegen hinausgingen, so dass er sich bereits vor dem Ende des Konzils immer weiter von den Fortschrittstendenzen im Sinn eines herannahenden Konzilsgeistes absetzte. Immer aufgeregter sei der Gemütszustand in der Kirche und bei den Theologen geworden, je weiter das Konzil fortgeschritten sei. Ratzinger konnte die Ansicht nicht teilen, dass es in der Kirche nichts Festes gibt und alles einer revolutionären Revision unterzogen werden muss. Dies führte bei Ratzinger dann zur Feststellung: nicht ich habe mich verändert, sondern die anderen.

Joseph Ratzinger und Benedikt XVI. haben daher nie „das Konzil“ verleugnet oder den Versuch unternommen, die Zeit zurückzudrehen. Weder die Liberalisierung der „Alten Messe“ noch der Aufruf zu einer „Hermeneutik der Reform in Kontinuität“ sind Teil eines Revisionismus, sondern Ausdruck der einen Wahrheit: wesentlich sind nicht nachkonziliare Winde, die das Schiff der Kirche vor sich hertrieben und hertreiben, die Winde eines ungelesenen, aber gern beschworenen „Konzils“. Wesentlich ist die Verankerung allen Handelns in den Texten des Konzils. 50 Jahre später erklärt der Papst hinsichtlich der dogmatischen Konstitution „Gaudium et spes“ über die Kirche in der Welt von heute zur Frage, ob die Kirche in ein positives Verhältnis zur „modernen Welt treten konnte: „Hinter dem verschwommenen Begriff ‚Welt von heute’ steht die Frage des Verhältnisses zur Neuzeit. Um sie zu klären, wäre nötig gewesen, das Wesentliche und Konstitutive für die Neuzeit genauer zu definieren“. Einen großen Teil seines Lehramtes hat Benedikt XVI. daher wie bereits sein Vorgänger genau dieser Problematik gewidmet.

Weder Joseph Ratzinger noch Benedikt XVI. lassen sich in Schablonen wie „rechts“ – „links“, „konservativ“ oder „progressiv“ zwängen. Von Anfang an stand im Mittelpunkt, das Volk Gottes zu seinem Herrn zu bringen, das müde Christentum zu erneuern, es in seine Geschichte zurückzuführen und aus dieser Geschichte heraus das Frische des Neuen sprudeln zu lassen. Dass dabei auch spekulative Sackgassen eingeschlagen werden können, gehört zur Natur der Sache einer wissenschaftlichen theologischen Reflexion. Was zählt, ist jedoch am Schluss die Erkenntnis des großen Zusammenhangs. Eines ist klar: Benedikt XVI., seine Theologie und Lehre können nicht über Polarisierungen hinweg verstanden werden. Eine Entgegenstellung vor polemischem Hintergrund des 35jährigen Theologen, der das Aufregende seiner Zeit wahrgenommen hatte, und des 85jährigen Papstes, der mit den auch dramatischen Folgen des Konzilsereignisses insgesamt konfrontiert ist, ist eine Verzerrung. Sie zeichnet sich dadurch aus, der Größe eines Denkens und eine Lebens nicht gerecht werden zu können – oder zu wollen. Dies gilt für jene, die dem heutigen Papst vorwerfen, er habe sich selbst und seine anfänglichen Positionen verleugnet. Es gilt ebenso für die anderen, die einen Joseph Ratzinger laut einem jüngst veröffentlichten Brief von Karl Rahner an seinen Bruder Hugo bereits während des Konzils gern „als Häretiker“ abgekanzelt hatten, „der die Hölle leugnet“.

Dass gerade die von Benedikt XVI. eingeforderte Hermeneutik der Reform in Kontinuität mit der Tradition sowohl „rechts“ als auch „links“ ein Hindernis für das wahre Verständnis des Konzils erscheint, gehört zu diesem Problemfeld dazu. Sowohl der rechte als auch der linke Rand stellt gegen die vom Papst vorgegebenen Leitlinien eine Diskontinuität fest: des revolutionären nach Vorwärts gerichteten „Aufbruchs im Konzilsgeist“ auf der einen, des radikalen „Bruchs“ mit der Vergangenheit auf der anderen. Beide Extreme treffen sich so. Theologie und Lehramt Benedikts XVI. stehen jenseits dieser Vereinfachungen und bilden so einen festen Boden wahrer Erneuerung der Lebens der Kirche.

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Quelle

Das Ende der Zeit – und die Wiederkunft des Herrn – bei Joseph Ratzinger

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Die vier Reiter der Apokalypse, von Albrecht Dürer (Ausschnitt). Foto: Staatliche Kunsthalle Karlsruhe via Wikimedia (Gemeinfrei)

Symposium der Stiftung Joseph Ratzinger –
Papst Benedikt XVI. an der Päpstlichen Universität Santa Croce
behandelt Eschatologie und Theologie der Hoffnung

Von Angela Ambrogetti

Es ist das wahrscheinlich bedeutendste systematische Werk von Professor Joseph Ratzinger, bevor er Erzbischof von München wurde: Seine Arbeit über die Eschatologie.

Und dieser – der Lehre der letzten Dinge und dem Anbruch einer neuen Welt – war auch das diesjährige internationale Symposium der vatikanischen Stiftung Joseph Ratzinger – Papst Benedikt XVI. gewidmet.

Drei Tage trafen sich die Gelehrten an der Päpstlichen Universität vom Heiligen Kreuz, der „Santa Croce“, um Analysen und Perspektiven auszutauschen.

Die Präsentation des Gedankenguts Joseph Ratzingers war Paul O’Callaghan, dem Leiter des Fachbereichs Dogmatische Theologie der Santa Croce anvertraut worden.

Der Theologe stellte drei Fragen vor: Die biblische Frage, die Frage nach dem Tod, der Unsterblichkeit und der Auferstehung, und die Frage nach der Bedeutung der Parusie und vor allem des Gerichts; verbunden mit der Vorwegnahme – oder auch nicht – des Reiches Gottes in der Welt durch die christliche Hoffnung.

Gerade die Parusie – die erhoffte Wiederkunft Christi am Ende der Zeit – war das Thema, anhand dessen der Professor sich der Eschatologie Ratzingers näherte. Im Einklang mit dem heiligen Bonaventura glaubt jener Theologe, der später Papst werden sollte, dass „die zukünftige Zeit die grundlegende für den Christen sei… denn die Gegenwart ist wesentlich provisorisch. Daher entspringt die echte Theologie aus dem Leben der Heiligen, die auf die Zukunft hin leben.“

Und er stellt sich die Frage: „Wo bricht in diesem Leben das Reich Gottes ein, wo sieht man es? Hauptsächlich in der Liturgie, in der Eucharistiefeier.“

Theologie der Hoffnung

Ein weiteres fundamentales Thema, so O’Callaghan, ist jenes der „Theologie der Hoffnung“, die ihre Bestätigung in der Enzyklika Spe salvi von Papst Benedikt XVI. finden wird.

Im Text ist die Rede von Lern- und Übungsorten der christlichen Hoffnung: das Gebet, das Leid, das christliche Handeln und am Ende: Das Gericht, das die Christenheit von frühesten Zeiten an bis in das alltägliche Leben hinein bestimmt hat. Die Solidität und Unumstößlichkeit des Gerichtes Gottes verhindert, dass der Mensch denken könnte, dass seine Wahrheit und sein Schicksal in seinen eigenen Händen liegen würden.

Der Professor endet damit, dass „die Position Ratzingers zur Eschatologie sich im Lauf seiner Karriere entfaltet und bereichert, von den ersten geschriebenen Werken an. Aber es bleibt immer die gleiche Grundposition, dass nämlich die Eschatologie in Wahrheit Heil ist. Konkreter: Sie ist die Anwendung des Heilswerkes Christi in der Zeit, bis zu dem Moment, in dem der Vater die Geschichte mit dem Gericht beschließen wird. Mit den Augen des Glaubens und der Hoffnung erwartet der Christ den letzten Augenblick und bereitet sich selbst und die Welt darauf vor. Aber letztendlich ist es allein Gott, der die Welt rettet, Gnade schenkt, Gerechtigkeit schafft und sein Handeln kann nie vom Menschen instrumentalisiert werden.“

Unter den vielen bedeutenden Beiträgen war auch der von Romano Penna, der die Eschatologie des heiligen Paulus darstellte.

Rabbiner und Ontologie

Im Symposium fand auch die hebräische Eschatologie des Alten Testamentes Platz, mit einigen Rabbinern als Gast, darunter Riccardo Di Segni und Giuseppe Momigliano.

Interessant war des weiteren der Raum, der Theologen gegeben wurde, die Themen angesprochen haben, die eng mit der Theologie Joseph Ratzingers verbunden sind, wie beispielsweise die Beziehung zwischen Eschatologie und Ontologie oder der Dialog mit der Zivilgesellschaft in ihrem „etsi Deus non daretur„, das die Debatten der letzten Jahre vor der Wahl des Präfekten der Glaubenskongregation zum Papst gezeichnet hatte.

Viele Beiträge waren mit dem Sinn der theologischen Studien zur Eschatologie heute verbunden – und am Ende wurde die Schließung des Symposiums Kardinal Ravasi anvertraut, der die „Eschatologie Jesu von Nazareths“ veranschaulichte.

Am Vormittag des 26. November fand die Übergabe des Ratzinger-Preises statt, der dieses Jahr an Inos Biffi und erstmals an einen Orthodoxen, den jungen griechischen Theologen Ioannis Kourempeles, verliehen wurde.

Der Theologe hatte 2014 am Treffen des „Neuen Schülerkreises“ in Konstantinopel unter Schirmherrschaft des Patriarchen Bartholomeos I. teilgenommen.

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Quelle