Papst Franziskus zum Treffen „DER SCHUTZ VON MINDERJÄHRIGEN IN DER KIRCHE“ 

TREFFEN „DER SCHUTZ VON MINDERJÄHRIGEN IN DER KIRCHE“
[VATIKAN, 21.-24. Februar 2019] 

ANSPRACHE VON PAPST FRANZISKUS
AM ENDE DER EUCHARISTISCHEN KONZELEBRATION

Sala Regia
Sonntag, 24 Februar 2019

[Multimedia]


 

Liebe Brüder und Schwestern,

mein Dank gilt dem Herrn, der uns in diesen Tagen begleitet hat, und euch allen möchte ich für den kirchlichen Geist und den Einsatz, den ihr mit so viel Großherzigkeit geleistet habt, danken.

Unsere Arbeit hat uns dazu geführt, einmal mehr anzuerkennen, dass das schwere Übel des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen leider in allen Kulturen und Gesellschaften ein geschichtlich verbreitetes Phänomen ist. Dieser Missbrauch ist erst in relativ jüngerer Zeit Gegenstand systematischer Studien geworden und dies dank eines Bewusstseinswandels der öffentlichen Meinung über ein Thema, das in der Vergangenheit tabu war, das heißt, dass alle von seiner Existenz wussten, aber keiner darüber sprach. Das bringt mir auch eine grausame religiöse Praxis in Erinnerung, die in der Vergangenheit in einigen Kulturen verbreitet war, nämlich Menschen – oft Kinder – bei heidnischen Ritualen zu opfern. Allerdings legen die verfügbaren Statistiken über den sexuellen Missbrauch von Minderjährigen, die von verschiedenen nationalen und internationalen Organisationen und Organismen (Weltgesundheitsorganisation WHO, UNICEF, Interpol, Europol u.a.) erstellt wurden, bis heute nicht das wahre Ausmaß des Phänomens offen. Es wird häufig unterschätzt, vor allem weil viele Fälle des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen nicht angezeigt werden[1], insbesondere die im familiären Bereich begangenen.

Selten vertrauen sich die Opfer wirklich jemanden an und suchen Hilfe[2]. Hinter diesem Widerstreben mag Scham, Verwirrung, Furcht vor Vergeltung, Schuldgefühl, Misstrauen gegenüber den Institutionen, kulturelle oder soziale Konditionierung, aber auch Unkenntnis über die Dienste und Strukturen, die helfen können, stehen. Die Beklemmung führt leider zur Verbitterung oder sogar zum Selbstmord oder gelegentlich zur Revanche, bei der das Opfer selbst zum Täter wird. Das einzige gesicherte Faktum ist, dass Millionen Kinder auf der Welt Opfer von Ausbeutung und sexuellem Missbrauch sind.

Hier wäre es wichtig, die allgemeinen Daten – die meines Erachtens immer nur einen Teil wiedergeben – auf globalem Niveau[3], dann auf europäischem, asiatischem, amerikanischem, afrikanischem und ozeanischem Niveau wiederzugeben, um ein Bild der Schwere und der Tiefe dieses Übels in unseren Gesellschaften zu zeigen[4]. Um unnötige Diskussionen zu vermeiden, möchte ich zunächst unterstreichen, dass die Erwähnung bestimmter Länder den einzigen Zweck hat, statistische Daten aus den genannten Berichten zitieren zu können.

Die erste Evidenz, die sich aus den verfügbaren Daten ergibt: wer Missbrauch begeht, das heißt Gewalt (körperlich, sexuell oder psychisch) anwendet, sind vor allem Eltern, Verwandte, die Partner von Kinderbräuten, Trainer und Erzieher. Ferner haben sich, wie UNICEF-Daten aus dem Jahr 2017 bezogen auf 28 Länder zeigen, neun von zehn Mädchen, die erzwungenen Geschlechtsverkehr hatten, als Opfer eines Bekannten oder einer mit der Familie verbundenen Person bezeichnet.

Entsprechend der offiziellen Zahlen der US-amerikanischen Regierung werden in den Vereinigten Staaten jedes Jahr mehr als 700.000 Kinder Opfer von Gewalt und Misshandlung. Nach dem International Center For Missing and Exploited Children (ICMEC) wird jedes zehnte Kind sexuell missbraucht. In Europa sind 18 Millionen Kinder Opfer von sexuellem Missbrauch[5].

Wenn wir das Beispiel Italiens nehmen, ergibt der Bericht des „Blauen Telefons“ [Telefono Azzurro] aus dem Jahr 2016, dass 68,9% der Missbräuche innerhalb der eigenen vier Wände des Minderjährigen stattfinden[6].

Schauplatz der Übergriffe ist nicht nur der häusliche Bereich, sondern auch das Umfeld des Stadtviertels, der Schule, des Sports[7]und leider auch der Kirche.

Aus den Untersuchungen der letzten Jahre über das Phänomen des sexuellen Missbrauchs ergibt sich ebenso, dass die Entwicklung des Internets und der Kommunikationsmittel zu einer beträchtlichen Zunahme der Fälle von Missbrauch und von online verübter Gewalt geführt haben. Die Verbreitung der Pornografie weitet sich über das Netz rapide in der Welt aus. Das Übel der Pornografie hat erschreckende Dimensionen angenommen mit verheerenden Folgen für die Psyche und für die Beziehungen zwischen Mann und Frau sowie zwischen ihnen und den Kindern. Es handelt sich um ein stets wachsendes Phänomen. Ein sehr beträchtlicher Teil der pornografischen Produktion hat trauriger Weise Minderjährige zum Gegenstand, die auf diese Weise in ihrer Würde schwer verletzt werden. Die Studien in diesem Bereich dokumentieren – was sehr traurig ist –, dass dies auf immer entsetzlichere und grausamere Weise geschieht. Es kommt sogar zu Missbrauchshandlungen an Minderjährigen, die live im Netz bestellt und verfolgt werden[8].

Ich erinnere hier an den internationalen Kongress, der in Rom über das Thema der Würde des Kindes in der digitalen Welt abgehalten wurde; wie auch an das erste Forum der interreligiösen Allianz für sicherere Gemeinschaften, das zum gleichen Thema im vergangenen November in Abu Dhabi stattgefunden hat.

Ein weiteres Übel ist der Sextourismus: Gemäß den Daten von 2017 der Weltorganisation für Tourismus begeben sich jedes Jahr drei Millionen Personen auf Reisen, um mit einer minderjährigen Person sexuelle Beziehungen zu haben[9]. Bedeutsam ist der Umstand, dass die Urheber dieser Verbrechen in den meisten Fällen nicht anerkennen, dass das, was sie begehen, eine Straftat ist.

Wir sind also vor einem allgemeinen und übergreifenden Problem, das man leider fast überall antrifft. Wir müssen uns darüber im Klaren sein: Die weltweite Verbreitung dieses Übels bestätigt, wie schwerwiegend es für unsere Gesellschaften ist[10], schmälert aber nicht seine Abscheulichkeit innerhalb der Kirche.

Die Unmenschlichkeit dieses Phänomens auf weltweiter Ebene wird in der Kirche noch schwerwiegender und skandalöser, weil es im Gegensatz zu ihrer moralischen Autorität und ihrer ethischen Glaubwürdigkeit steht. Die gottgeweihte Person, die von Gott auserwählt wurde, um die Seelen zum Heil zu führen, lässt sich von ihrer menschlichen Schwäche oder ihrer Krankheit versklaven und wird so zu einem Werkzeug Satans. In den Missbräuchen sehen wir die Hand des Bösen, das nicht einmal die Unschuld der Kinder verschont. Es gibt keine ausreichenden Erklärungen für diese Missbräuche gegenüber Kindern. Demütig und beherzt müssen wir anerkennen, dass wir vor dem Geheimnis des Bösen stehen, das gegen die Schwächsten erbost ist, weil sie Bild Jesu sind. Deshalb ist in der Kirche das Pflichtbewusstsein gewachsen, nicht nur danach zu streben, den höchst schwerwiegenden Missbräuchen durch Disziplinarmaßnahmen und zivile und kanonische Prozesse Einhalt zu gebieten, sondern auch sich dem Phänomen mit Entschlossenheit sowohl innerhalb als auch außerhalb der Kirche zu stellen. Sie fühlt sich gerufen, dieses Übel zu bekämpfen, das das Herzstück ihrer Mission berührt: das Evangelium den Kleinen zu verkünden und sie vor den reißenden Wölfen zu schützen.

Ich möchte an dieser Stelle klar betonen: Wenn in der Kirche auch nur ein Missbrauchsfall ausfindig gemacht worden wäre – was an sich schon eine Abscheulichkeit darstellt, – so würde dieser Fall mit der größten Ernsthaftigkeit angegangen. Brüder und Schwestern, in der gerechtfertigten Wut der Menschen erblickt die Kirche den Widerschein des Zornes Gottes, der von diesen schändlichen Gottgeweihten verraten und geohrfeigt wurde. Das Echo des stillen Schreis der Kleinen, die in ihnen statt Vätern oder geistlichen Führern Menschenschinder gefunden haben, wird die durch Scheinheiligkeit und Macht betäubten Herzen erzittern lassen. Wir haben die Pflicht, diesem erstickten stillen Schrei aufmerksam zuzuhören.

Es ist also schwer, das Phänomen der sexuellen Missbräuche an Minderjährigen zu begreifen, ohne die Macht in die Überlegungen einzubeziehen: Denn diese sind immer die Folge von Machtmissbrauch, der Ausbeutung der schwächeren Position der wehrlosen missbrauchten Person, welche die Manipulierung ihres Gewissens und ihrer psychischen und körperlichen Schwachheit ermöglicht. Der Machtmissbrauch ist auch in den anderen Formen des Missbrauchs gegenwärtig, denen fast 85 Millionen Kinder zum Opfer fallen, die von allen vergessen werden: die Kindersoldaten, die minderjährigen Prostituierten, die unterernährten Kinder, die entführten Kinder, die oftmals Opfer des abscheulichen Handels mit menschlichen Organen werden oder zu Sklaven gemacht werden; die Kinder, die Opfer des Krieges sind; die Flüchtlingskinder, die abgetriebenen Kinder und so weiter.

Angesichts so viel Grausamkeit, so vieler götzendienerischer Opfer von Kindern an den Götzen Macht, Geld, Stolz, Hochmut sind die bloß empirischen Erklärungen nicht ausreichend; diese sind nicht im Stande, die Weite und die Tiefe dieses Dramas deutlich zu machen. Noch einmal zeigt die positivistische Hermeneutik ihre Grenzen. Sie gibt uns eine echte Erklärung, die uns helfen wird, die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, aber sie ist nicht im Stande, uns eine Bedeutung zu vermitteln. Und wir benötigen heute Erklärungen und Bedeutungen. Die Erklärungen werden uns sehr im Bereich des Handelns helfen, aber sie lassen uns auf halber Strecke stehen bleiben.

Welches wäre also die existentielle „Bedeutung“ dieser kriminellen Erscheinung? Unter Berücksichtigung ihrer menschlichen Weite und Tiefe ist sie nichts anderes als der gegenwärtige Ausdruck des Geistes des Bösen. Wenn wir uns diese Dimension nicht vergegenwärtigen, werden wir der Wahrheit fern und ohne wahre Lösungen bleiben.

Brüder und Schwestern, heute stehen wir vor einer unverschämten, aggressiven und zerstörerischen Offenbarwerdung des Bösen. Dahinter und darin steckt dieser Geist des Bösen, der sich in seinem Stolz und seinem Hochmut als der Herr der Welt wähnt[11] und denkt, gesiegt zu haben. Und dies möchte ich euch mit der Autorität eines Bruders und Vaters sagen, der freilich gering und ein Sünder, aber der Hirte der Kirche ist, der er in der Liebe vorsteht: In diesen schmerzlichen Fällen sehe ich die Hand des Bösen, die nicht einmal die Unschuld der Kleinen verschont. Und dies bringt mich dazu, an das Beispiel von Herodes zu denken, der getrieben von der Angst, seine Macht zu verlieren, den Befehl gab, alle Kinder von Betlehem hinzuschlachten[12]. Dahinter steckt der Teufel.

Und so wie wir alle praktischen Maßnahmen ergreifen müssen, die der gesunde Menschenverstand, die Wissenschaften und die Gesellschaft uns bieten, so dürfen wir diese Wirklichkeit nicht aus dem Blick verlieren und müssen die geistlichen Maßnahmen treffen, die der Herr selbst uns lehrt: Demütigung, Selbstanklage, Gebet, Buße. Das ist die einzige Weise, um den Geist des Bösen zu besiegen. So hat ihn Jesus besiegt[13].

Das Ziel der Kirche wird also sein, den missbrauchten, ausgebeuteten und vergessenen Minderjährigen, wo auch immer sie sich befinden, zuzuhören, sie zu bewahren, zu schützen und zu betreuen. Damit die Kirche dieses Ziel erreichen kann, muss sie sich über alle ideologischen Polemiken und die journalistischen Kalküle erheben, die oftmals die von den Kleinen durchlebten Dramen aus verschiedenen Interessen instrumentalisieren.

Es ist daher die Stunde gekommen zusammenzuarbeiten, um diese Brutalität aus dem Leib unserer Menschheit herauszureißen, indem wir alle notwendigen Maßnahmen anwenden, die auf internationaler und kirchlicher Ebene schon in Kraft sind. Es ist die Stunde gekommen, das richtige Gleichgewicht aller Werte zu finden, die auf dem Spiel stehen, und einheitliche Richtlinien für die Kirche zu geben, wobei die zwei Extreme eines Gerechtigkeitswahns, der von den Schuldgefühlen aufgrund der vergangenen Fehler und dem Druck der medialen Welt hervorgerufen wird, und der Selbstrechtfertigung, die die Gründe und die Folgen dieser schwerwiegenden Straftaten nicht aufarbeitet, zu vermeiden sind.

In diesem Zusammenhang möchte ich „Best Practices“ erwähnen, die unter der Leitung der Weltgesundheitsorganisation von einer Gruppe von zehn internationalen Agenturen formuliert wurden[14], die ein Maßnahmenpaket namens INSPIRE entwickelt und verabschiedet haben, also sieben Strategien, um der Gewalt gegen Kinder ein Ende zu setzen[15].

Wenn sich die Kirche auf ihrem gesetzgeberischen Weg dieser Leitlinien bedient – auch dank der Arbeit, die in den vergangenen Jahren von der Päpstlichen Kommission für den Schutz von Minderjährigen geleistet worden ist, und dank des Beitrags unseres jetzigen Treffens –, wird sie sich auf folgenden Dimensionen konzentrieren:

1. Kinderschutz: Das Hauptziel jeder Maßnahme besteht darin, Kinder zu schützen und zu verhindern, dass sie Opfer psychischer und physischer Gewalt gleich welcher Art werden. Daher ist ein Mentalitätswechsel erforderlich, um die Abwehrhaltung zum Schutz der Institution zu bekämpfen und so eine aufrichtige und entschlossene Suche nach dem Wohl der Gemeinschaft zu fördern. Hierbei ist den Opfern von Missbrauch in jeder Hinsicht Vorrang einzuräumen. Die unschuldigen Gesichter der Kleinen müssen uns immer vor Augen stehen und an die Worte des Meisters erinnern: »Wer einen von diesen Kleinen, die an mich glauben, Ärgernis gibt, für den wäre es besser, wenn ihm ein Mühlstein um den Hals gehängt und er in der Tiefe des Meeres versenkt würde. Wehe der Welt wegen der Ärgernisse! Es muss zwar Ärgernisse geben; doch wehe dem Menschen, durch den das Ärgernis kommt!« (Mt 18,6-7).

2. Absolute Ernsthaftigkeit: Ich möchte hier wiederholen, dass »die Kirche keine Mühen scheuen wird, alles Notwendige zu tun, um jeden, der solche Verbrechen begangen hat, der Justiz zu unterstellen. Die Kirche wird nie versuchen, einen Fall zu vertuschen oder unterzubewerten« (Ansprache an die Römische Kurie, 21. Dezember 2018). Sie ist überzeugt: »Die Sünden und Verbrechen gottgeweihter Personen erhalten eine noch dunklere Färbung von Untreue und Schande und entstellen das Antlitz der Kirche, indem sie ihrer Glaubwürdigkeit schaden. Tatsächlich ist die Kirche zusammen mit ihren treuen Söhnen und Töchtern auch ein Opfer dieser Untreue und dieser im wahrsten Sinne des Wortes „Verbrechen der Veruntreuung« (ebd.).

3. Wirkliche Reinigung: Trotz der getroffenen Maßnahmen und der erzielten Fortschritte bei der Verhinderung von Missbrauch ist ein wiederholte und ständiges Bemühen um die Heiligkeit der Hirten nötig, deren Gleichgestaltung mit Christus, dem guten Hirten, ein Recht des Gottesvolkes ist. Die Kirche bekräftigt daher den festen Willen, »den Weg der Reinigung mit all ihrer Kraft fortzusetzen. Die Kirche wird sich, auch unter Hinzuziehung von Experten, darüber beraten, wie die Kinder zu schützen sind; wie solche Katastrophen vermieden werden können, auf welche Weise man sich der Opfer annehmen und sie reintegrieren kann; wie man die Ausbildung in den Seminaren verbessert. Man wird versuchen, die begangenen Fehler in Chancen zu verwandeln, um dieses Übel nicht nur aus dem Leib der Kirche, sondern auch aus dem der Gesellschaft zu beseitigen« (ebd.). Die heilige Gottesfurcht bringt uns dazu, uns selbst – als einzelne Person und als Institution – anzuklagen und unsere Fehler wiedergutzumachen. Sich selbst anklagen: das ist ein weiser, weisheitlicher Anfang, der mit der heiligen Gottesfurcht verbunden ist. Lernen, sich selbst anzuklagen, als einzelne Person, als Institutionen, als Gesellschaft. Wir dürfen nämlich nicht der Versuchung unterliegen, andere zu beschuldigen, was ein Schritt in Richtung eines Alibis wäre, das sich der Realität verweigert.

4. Ausbildung: Das heißt, die erforderliche Auswahl und Ausbildung der Priesteramtskandidaten nicht nur nach negativen Kriterien durchführen, die in erster Linie darauf abzielen, problematische Persönlichkeiten auszuschließen, sondern auch nach positiven Maßstäben: Den geeigneten Kandidaten muss ein ausgewogener Ausbildungsweg geboten werden, der auf Heiligkeit ausgerichtet ist und die Tugend der Keuschheit miteinschließt. In der Enzyklika Sacerdotalis caelibatus schrieb der heilige Paul VI.: »Ein Leben, das einen so vollständigen und gefährdeten inneren und äußeren Einsatz fordert, wie das beim ehelosen Priester der Fall ist, schließt in der Tat Menschen mit einer unzureichenden psychisch-physischen und moralischen Ausgeglichenheit aus; und man darf nicht vorgeben, dass in diesen Dingen die Gnade die Natur ersetzen werde« (Nr. 64).

5. Die Leitlinien der Bischofskonferenzen verstärken und verifizieren: Das heißt, die erforderliche Einheit der Bischöfe bei der Anwendung der Parameter, die als Normen und nicht bloß als Orientierungen gelten müssen, neu bekräftigen. Normen, nicht bloß Orientierungen. Kein Missbrauch darf jemals vertuscht (so wie es in der Vergangenheit üblich war) oder unterbewertet werden, da die Vertuschung von Missbrauch die Verbreitung des Übels begünstigt und zusätzlich eine weitere Stufe des Skandals darstellt. Im Besonderen muss ein neuer wirksamer Ansatz zur Prävention in allen Einrichtungen und Bereichen kirchlicher Tätigkeit entwickelt werden.

6. Missbrauchte Personen begleiten: Das Übel, das ihnen widerfahren ist, lässt in ihnen unheilbare Wunden zurück, die sich auch in Form von Hass und selbstzerstörerischen Tendenzen zeigen. Die Kirche hat daher die Pflicht, ihnen jede notwendige Hilfe zukommen zu lassen und dabei auf Fachleute auf diesem Gebiet zurückzugreifen. Zuhören und – gestattet mir den Ausdruck –, „Zeit verschwenden“ beim Zuhören. Das Zuhören schenkt dem Verwundeten Heilung, es heilt auch uns selbst vom Egoismus, von der Distanz, von der Einstellung „Das ist nicht meine Aufgabe“, von der Haltung des Priesters und des Leviten im Gleichnis vom barmherzigen Samariter.

7. Digitale Welt: Der Schutz der Minderjährigen muss alle neuen Formen sexuellen Missbrauchs und Missbrauchs jeglicher Art berücksichtigen, die sie in ihren Lebensumfeldern und durch die von ihnen verwendeten neuen digitalen Instrumente bedrohen. Seminaristen, Priester, Ordensmänner und -frauen, in der Pastoral Tätige und alle Menschen müssen sich bewusst sein, dass die digitale Welt und die Anwendung ihrer Instrumente oft viel mehr damit zu tun hat, als man denkt. Hier muss man die Länder und die Verantwortungsträger dazu ermutigen, alle notwendigen Maßnahmen zur Einschränkung von Webseiten anzuwenden, welche die Würde von Männern, Frauen und insbesondere von Minderjährigen gefährden. Brüder und Schwestern: eine Straftat kann kein Recht auf Freiheit beanspruchen. Wir müssen uns diesen Gräueln mit größter Entschiedenheit entgegenstellen, wachsam sein und dafür kämpfen, dass die Entwicklung der Kinder nicht dadurch gestört oder erschüttert wird, dass sie unkontrollierten Zugang zur Pornografie haben, die tiefe negative Spuren in ihrem Gedächtnis und in ihrer Seele hinterlässt. Wir müssen uns dafür einsetzen, dass die jungen Menschen, besonders Seminaristen und Kleriker, nicht Sklaven von Abhängigkeiten werden, die auf der Ausbeutung und dem kriminellen Missbrauch unschuldiger Kinder und deren Bilder wie auch auf der Missachtung der Würde der Frau und der menschlichen Person beruhen. Hierbei unterstreiche ich die neuen Normen über schwerwiegendere Straftaten [Normae de gravioribus delictis], die im Jahr 2010 von Papst Benedikt XVI. approbiert wurden. Darin wurde als Delikt der »neue Tatbestand des Erwerbes, der Aufbewahrung und der Verbreitung pornografischer Bilder von Minderjährigen« durch einen Kleriker »in jedweder Form und mit jedwedem Mittel« hinzugefügt. Damals war von Minderjährigen »unter 14 Jahren« die Rede. Jetzt denken wir, dass diese Altersgrenze angehoben werden muss, um den Schutz der Minderjährigen auszuweiten und um die Schwere dieser Taten zu bestätigen.

8. Sextourismus: Das Verhalten, der Blick, die Gedanken der Jünger und Diener Jesu müssen das Abbild Gottes in jedem Menschen, angefangen bei den ganz unschuldigen Geschöpfen, erkennen können. Nur aus dieser radikalen Achtung der Würde des Nächsten heraus können wir ihn vor der allgegenwärtigen Macht von Gewalt, Ausbeutung, Missbrauch und Korruption verteidigen und ihm auf glaubwürdige Weise helfen, menschlich und geistlich ganzheitlich zu wachsen in der Begegnung mit den Mitmenschen und mit Gott. Bei der Bekämpfung von Sextourismus muss größerer rechtlicher Druck ausgeübt werden; es müssen aber auch den Opfern dieses verbrecherischen Phänomens Unterstützung und Projekte zur Wiedereingliederung angeboten werden. Die kirchlichen Gemeinschaften sind aufgerufen, die Seelsorge für die vom Sextourismus ausgebeuteten Menschen zu verstärken. Unter ihnen sind sicher Frauen, Minderjährige und Kinder jene, die am verwundbarsten sind und besondere Hilfe brauchen; letztere benötigen jedoch eigenen Schutz und spezielle Aufmerksamkeit. Die staatlichen Behörden mögen dies vordringlich behandeln und dringend tätig werden, um den Handel von Kindern und ihre wirtschaftliche Ausbeutung zu bekämpfen. Zu diesem Zweck ist die Koordination der Bemühungen auf allen Ebenen der Gesellschaft sowie die enge Zusammenarbeit mit internationalen Organisationen wichtig, um einen rechtlichen Rahmen zu schaffen, der Kinder vor der sexuellen Ausbeutung im Tourismus schützt und es erlaubt, die die Täter auf dem Rechtsweg zu belangen.[16]

Lasst mich nun allen Priestern und gottgeweihten Personen innigen Dank sagen, die dem Herrn vollkommen und treu dienen. Sie fühlen sich vom schändlichen Verhalten einiger ihrer Mitbrüder entehrt und in Misskredit gebracht. Alle – die Kirche, gottgeweihte Personen, das Volk Gottes und sogar Gott selbst – tragen wir die Folgen ihrer Untreue. Im Namen der ganzen Kirche danke ich der überwältigenden Mehrheit der Priester, die nicht nur den Zölibat treu leben, sondern in einem Dienst aufgehen, der heute durch die Skandale einiger weniger (aber immer zu viele) ihrer Mitbrüder schwieriger geworden ist. Und Dank gilt auch den Gläubigen, die ihre tüchtigen Hirten sehr wohl kennen und weiter für sie beten und sie weiterhin unterstützen.

Schließlich möchte ich herausstellen, wie wichtig es ist, dieses Übel zu einer Chance der Reinigung werden zu lassen. Im Blick auf die Gestalt Edith Steins, der heiligen Teresa Benedicta vom Kreuz, sind wir gewiss: »Aus der dunkelsten Nacht treten die größten Propheten – Heiligengestalten hervor. Aber zum großen Teil bleibt der gestaltende Strom des mystischen Lebens unsichtbar. Sicherlich werden die entscheidenden Wendungen in der Weltgeschichte wesentlich mitbestimmt durch Seelen, von denen kein Geschichtsbuch etwas meldet. Und welchen Seelen wir die entscheidenden Wendungen in unserem persönlichen Leben verdanken, das werden wir auch erst an dem Tage erfahren, an dem alles Verborgene offenbar wird.«[17] In seinem täglichen Schweigen macht das heilige gläubige Volk Gottes auf vielerlei Art und Weise weiter sichtbar und beweist es mit „sturer“ Hoffnung, dass der Herr es nicht verlässt, dass der Herr die ständige und in vielen Situationen leidende Hingabe seiner Kinder unterstützt. Das heilige und geduldige gläubige Volk Gottes, das der Heilige Geist trägt und lebendig macht, ist das beste Antlitz der prophetischen Kirche, die es versteht, beim täglichen Einsatz ihren Herrn in die Mitte zu stellen. Eben dieses heilige Volk Gottes wird uns vom Übel des Klerikalismus befreien, der den fruchtbaren Boden für all diese Gräuel bildet.

Das beste Ergebnis und die wirksamste Resolution, die wir den Opfern, dem Volk der heiligen Mutter Kirche und der ganzen Welt bieten können, besteht im Bemühen um eine persönliche und gemeinschaftliche Bekehrung sowie in der Demut, zu lernen und den am meisten Verwundbaren zuzuhören, ihnen beizustehen und sie zu schützen.

Eindringlich appelliere ich an alle Verantwortungsträger und an die einzelnen Personen, in allen Bereichen gegen den Missbrauch von Minderjährigen zu kämpfen, im sexuellen wie in den anderen Bereichen, denn es handelt sich um abscheuliche Verbrechen, die auf dem Antlitz der Erde ausgemerzt werden müssen: Darum bitten viele verborgene Opfer in den Familien und in verschiedenen Bereichen unserer Gesellschaft.

 


[1] Vgl. María Isabel Martínez Perez, Abusos sexuales en niños y adolescentes, Ed. Criminología y Justicia, 2012. Es kommen nur 2% der Fälle zur Anzeige, besonders wenn diese im familiären Bereich stattfinden. Sie schätzt zwischen 15% und 20% als Opfer von Pädophilie in unserer Gesellschaft ein. Nur 50% der Kinder sprechen über den Missbrauch den sie erlitten haben, und von diesen Fällen werden nur 15% tatsächlich zur Anzeige gebracht. Nur 5% werden schließlich gerichtlich verhandelt.[2] Einer von drei Fällen spricht zu niemandem darüber (Daten von 2017, erhoben von der Non-Profit-Organisation THORN).

[3] Globales Niveau: Im Jahr 2017 schätzte die WHO, dass bis zu einer Milliarde Minderjähriger im Altersbereich von 2 bis 17 Jahren körperliche, psychische oder sexuelle Gewalt bzw. Vernachlässigung erlitten haben. Die sexuellen Missbräuche (vom Betasten bis zur Vergewaltigung) würden, nach einigen Schätzungen von UNICEF im Jahr 2014, mehr als 120 Millionen Mädchen betreffen, welche den höheren Anteil von Opfern ausmachen. Im Jahr 2017 hat diese UN-Organisation berichtet, dass in 38 ärmeren Ländern in der Welt etwa 17 Millionen erwachsene Frauen zugegeben haben, in ihrer Kindheit einen erzwungenen Geschlechtsverkehr gehabt zu haben.

Europa: Schätzungen der WHO zufolge, lagen im Jahr 2013 mehr als 18 Millionen Missbrauchsfälle vor. Davon waren 13,4% Mädchen und 5,7% Jungen. Nach UNICEF haben in 28 europäischen Ländern ungefähr 2,5 Millionen junger Frauen berichtet, sexuellen Missbrauch mit oder ohne körperlicher Berührung vor dem 15. Lebensjahr erlitten zu haben (Zahlen von 2017). Ferner waren 44 Millionen (das entspricht 22,9%) Opfer physischer Gewalt, während 55 Millionen (29,6%) Opfer psychischer Gewalt waren. Und nicht nur das: Im Jahre 2017 hat ein Interpol-Bericht über die sexuelle Ausbeutung Minderjähriger zur Identifikation von 14.289 Millionen in 54 Ländern geführt. In Bezug auf Italien ergab eine Schätzung CESVI für das Jahr 2017, dass 6 Millionen Kinder Misshandlungen erlitten haben. Außerdem ergaben sich, nach Ergebnissen des Blauen Telefons [Telefono Azzurro], für den Zeitraum vom 1. Januar bis 31. Dezember 2017 98 Fälle von sexuellem Missbrauch und Pädophilie, die vom Kindernotruf 114 aufgenommen wurden; das entspricht etwa 7,5% aller von diesem Dienst bearbeiteten Fälle. 65% der Minderjährigen, die um Hilfe ersucht haben, waren Opfer weiblichen Geschlechts und mehr als 40% war jünger als 11 Jahre.

Asien: In Indien hat das Asian Center for Human Rights im Jahrzehnt von 2001 bis 2011 ein Gesamt von 48.338 Fällen von Vergewaltigungen Minderjähriger festgestellt, mit einer entsprechenden Zunahme von 336%: von 2.113 Fällen im Jahr 2001 ist man nämlich auf 7.112 Fälle im Jahr 2011 gekommen.

Amerika: In den Vereinigten Staaten ergeben die offiziellen Daten der Regierung, dass jedes Jahr mehr als 700.000 Kinder Opfer von Gewalt und Misshandlungen sind. Nach dem International Center for Missing and Exploited Children (ICMEC) erleidet ein Kind von zehn sexuellen Missbrauch.

Afrika: In Südafrika haben die Ergebnisse einer Untersuchung des Zentrums für die Gerechtigkeit und Verbrechensprävention der Universität von Kapstadt gezeigt, dass im Jahre 2016 einer von drei südafrikanischen Jugendlichen, männlich oder weiblich, der Gefahr sexuellen Missbrauchs vor dem Erreichen des siebzehnten Lebensjahres ausgesetzt ist. Nach der Studie, der ersten dieser Art auf nationaler Ebene in Südafrika, haben 784.967 Jugendliche zwischen 15 und 17 Jahren schon sexuellen Missbrauch erlitten. Die Opfer sind in diesem Fall vorwiegend männliche Jugendliche. Nicht einmal ein Drittel hat die Gewalttaten bei den Behörden angezeigt. In anderen afrikanischen Ländern fügen sich die sexuellen Missbräuche an Minderjährigen in den umfassenderen Zusammenhang der Gewalttaten in Verbindung mit den blutigen Konflikten auf dem Kontinent ein und lassen sich nur schwer quantifizieren. Das Phänomen ist auch eng verbunden mit der Praxis der Kinderehe, die in verschiedenen Ländern Afrikas und nicht nur dort verbreitet sind.

Ozeanien: In Australien haben, nach den Ergebnissen des Australian Institute of Health and Welfare (AIHW) vom Februar 2018 und bezogen auf den Zeitraum 2015 bis 2018, eine von sechs Frauen (16%, was 1,5 Millionen entspricht) berichtet, dass sie vor dem fünfzehnten Lebensjahr körperlich und/oder sexuell missbraucht wurden, während einer von neun Männern (11%, was 992.000 entspricht) sagten, dass sie einen solchen Missbrauch erlebt haben, als sie Kinder waren. Ferner wurden im Zeitraum 2015-2016 etwa 450.000 Kindern Kinderschutz-Maßnahmen zuteil, und 55.600 wurden aus ihren häuslichen Bereichen entfernt, um die erlittenen Missbräuche zu kurieren und anderen vorzubeugen. Schließlich dürfen die Risiken nicht übersehen werden, denen die Minderjährigen der Naturvölker ausgesetzt sind: Wiederum nach AIHW war in den Jahren 2015-2016 bei indigenen Kindern die Wahrscheinlichkeit, von Missbrauch oder von Verwahrlosung betroffen zu sein, siebenmal höher als bei ihren nicht-indigenen Altersgenossen (vgl. http://www.pbc2019.org/it/protezione-dei-minori/abuso-dei-minori-a-livello-globale).

[4] Die aufgeführten Daten beziehen sich auf Beispielländer, die auf der Grundlage der Zuverlässigkeit der verfügbaren Quellen ausgesucht wurden. Die Untersuchungen von UNICEF für 30 Länder bestätigen diesen Sachverhalt: Ein kleiner Prozentsatz von Opfern hat bekundet, Hilfe erbeten zu haben.

[5] Vgl. https://www.repubblica.it/salute/prevenzione/2016/05/12/news/maltrattamenti_sui_mi-nori_tutti_gli_abusi – 139630223.

[6] Im Spezifischen ist der mutmaßliche Verantwortliche des erlittenen Unbehagens des Minderjährigen bei 73,3% der Fälle ein Elternteil (die Mutter für 44,2%, der Vater für 29,5% der Betroffenen). Für 3,3% der Fälle ist es ein Verwandter, für 3,2% ein Freund, für 3% ein Bekannter und für 2,5% ein Erzieher. Die Zahlen verdeutlichen, dass ein Erwachsener von außen nur in einem kleinen Prozentsatz der Fälle (2,2%) als Verantwortlicher auftritt (vgl. ebd.).

[7] Eine englische Untersuchung von 2011, die von NSPCC (National Society for the Prevention of Cruelty to Children) durchgeführt wurde, zeigte, dass 29% von befragten Personen angab, sexuelle Belästigung (körperlich und verbal) in Zentren, wo Sport getrieben wurde, erfahren zu haben.

[8] Nach den Untersuchungen 2017 des IWF (Internet Watch Foundation) sendet alle sieben Minuten eine Webseite Bilder von sexuell missbrauchten Kindern. Im Jahr 2017 wurden 78.589 URL identifiziert, die Bilder von sexuellem Missbrauch enthielten. Sie stammten insbesondere aus den Niederlanden und wurden von den Vereinigten Staaten, Kanada, Frankreich und Russland gefolgt. 55% der Opfer war jünger als zehn Jahre; 86% waren Mädchen, 7% Jungen und 5% Kinder beiderlei Geschlechts.

[9] Die am meisten besuchten Ziele sind neben Thailand und Kambodscha Brasilien, die Dominikanische Republik und Kolumbien. Zu diesen sind in letzter Zeit einige Länder Afrikas und Osteuropas hinzugekommen. Die ersten sechs Herkunftsländer von denjenigen, die Missbräuche begehen, sind hingegen Frankreich, Deutschland, das Vereinigte Königreich, China, Japan und Italien. Nicht zu vernachlässigen ist auch die wachsende Anzahl der Frauen, die auf der Suche nach Geschlechtsverkehr mit Minderjährigen gegen Bezahlung in Entwicklungsländer reisen: Insgesamt stellen sie 10% der Sextouristen weltweit dar. Darüber hinaus bestand gemäß einer Studie von ECPAT International (End Child Prostitution in Asian Tourism) zwischen 2015 und 2016 35% der pädophilen Sextouristen aus Stammkunden, 65% hingegen aus Gelegenheitskunden. (vgl. https:// http://www.osservatoriodiritti.it /2018/03/27/turismo-sessuale-minorile-nel-mondo-italia-ecpat).

[10] »In der Tat, wenn etliche geweihte Amtsträger von dieser schweren Plage befallen sind, stellt sich die Frage, in welchem Ausmaß unsere Gesellschaften und unsere Familien betroffen sein könnten?« (Ansprache an die Römische Kurie, 21. Dezember 2018).

[11] Vgl.. R.H. Benson, The Lord of the World, Dodd, Mead and Company, London 1907.

[12] »Quare times, Herodes, quia audis Regem natum? Non venit ille ut te excludat, sed ut diabolum vincat. Sed tu haec non intelligens turbaris et saevis; et ut perdas unum quem quaeris, per tot infantium mortes efficeris crudelis […] Necas parvulos corpore quia te necat timor in corde« (S. Quadvultdeus, Sermo 2 de SymboloPL 40, 655).

[13] »Quemadmodum enim ille, effuso in scientiae lignum veneno suo, naturam gusto corruperat, sic et ipse dominicam carnem vorandam presumens, Deitatis in ea virtute, corruptus interitusque sublatus est« (Maximus Confessor, Centuria 1, 8-13: PG, 1182-1186).

[14] CDC: United States Centers for Disease Control and Prevention; CRC: Convention on the Rights of the Child; End Violence Against Children: The Global Partnership; PAHO: Pan American Health Organization; PEPFAR: President’s Emergency Program for AIDS Relief; TFG: Together for Girls; UNICEF: United Nations Children’s Fund; UNODC: United Nations Office on Drugs and Crime; USAID: United States Agency for International Development; WHO: World Health Organization.

[15] Jeder Buchstabe des Wortes INSPIRE stellt eine der Strategien dar und der Großteil hat, über den Nutzen in Bereichen wie der psychischen Gesundheit, der Erziehung und der Verminderung der Kriminalität hinaus, positive Auswirkungen auf die Prävention der verschiedenen Arten der Gewalt gezeigt. Die sieben Strategien sind die folgenden: Implementation and enforcement of laws: Umsetzung und Anwendung der Gesetze (zum Beispiel Verbot von gewalttätigen Disziplinen und Beschränkung des Zugangs zu Alkohol und Feuerwaffen); Norms and values: Normen und Werte, die geändert werden müssen (zum Beispiel diejenigen, die den sexuellen Missbrauch an Mädchen oder das aggressive Verhalten unter Jungen verharmlosen); Safe environments: sichere Umgebungen (zum Beispiel in den Wohnvierteln die „Brennpunkte“ der Gewalt ausfindig machen und die Gründe vor Ort durch eine Handlungsweise, die die Probleme löst, und andere Eingriffe angehen); Parent and caregiver support: Eltern und Unterstützung durch einen Familienbetreuer (zum Beispiel durch Schulungsangebote für Eltern für ihre Kinder und für Jungeltern); Income and economic strengthening: Einkommen und wirtschaftliche Stärkung (wie der Mikrokredit und die Erziehung über die Geschlechtergerechtigkeit); Response and support services: Rückmeldungs- und Unterstützungsdienste (zum Beispiel Gewährleistung des Zugangs für die der Gewalt ausgesetzte Kinder zu wirksamen Notfallbehandlungen und einer angemessenen psycho-sozialen Unterstützung); Education and life skills: Bildung und Befähigung zum Leben (zum Beispiel Gewährleistung, dass die Kinder die Schule besuchen und soziale Kompetenzen bereitstellen).

[16] Vgl. Schlussdokument des VI. Internationalen Kongresses für Tourismusseelsorge, 27. Juli 2004.

[17] Teresa Benedicta vom Kreuz, Betrachtung Verborgenes Leben und Epiphanie (1940). Gesamtausgabe Band 20, Geistliche Texte II, Freiburg i. Br. 2015, S. 124-125.

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Krisengipfel: Papst schlägt 21 Maßnahmen vor

Papst Franziskus spricht zu den Teilnehmern des Krisengipfels im Vatikan am 21. Februar 2019 Foto: Vatican Media

Papst Franziskus hat den Teilnehmern des Missbrauchsgipfels im Vatikan eine Liste von 21 Maßnahmen vorgelegt, welche die Bischöfe im Anschluss an das Treffen ergreifen könnten.

Der Pontifex sagte in der Eröffnungsrede vom 21. Februar, dass die Kriterien von verschiedenen Bischofskonferenzen formuliert und von ihm in die Liste aufgenommen wurden, und erklärte, dass sie „Leitlinien zur Unterstützung unserer Reflexion“ und „ein einfacher Ausgangspunkt“ seien.

CNA Deutsch dokumentiert die 21 Punkte in einer eigenen Übersetzung.

  1. Erstellung eines praktischen Handbuchs, in dem die Schritte beschrieben werden, die von den Behörden in den entscheidenden Momenten, in denen ein Fall auftritt, zu unternehmen sind.
  2. Einführung von Anlaufstellen, zu denen ausgebildete und erfahrene Personen gehören, die zunächst die Fälle der mutmaßlichen Opfer anhören und einschätzen können.
  3. Festlegung der Kriterien für die direkte Beteiligung des Bischofs oder des Ordensoberen.
  4. Implementierung gemeinsamer Verfahren für die Prüfung von Vorwürfen, den Schutz der Opfer und das Recht auf Verteidigung der Angeklagten.
  5. Benachrichtigung der Zivilbehörden und höhere kirchliche Behörden entsprechend zivilrechtlicher wie kirchenrechtlicher Vorschriften.
  6. Regelmäßige Überprüfung der Protokolle und Vorschriften zum Schutz des Lebensumfelds von Minderjährigen in allen pastoralen Räumen: Vorschriften und Richtlinien, die auf den integrierten Grundsätzen der Gerechtigkeit und der Nächstenliebe aufbauen, damit das Handeln der Kirche in dieser Angelegenheit im Einklang mit ihrer Sendung steht.
  7. Festlegung spezifischer Vorschriften für den Umgang mit Vorwürfen gegen Bischöfe.
  8. Sicherstellung der Begleitung, des Schutzes und der Behandlung der Opfer, einschließlich aller notwendigen Unterstützung für eine vollständige Heilung.
  9. Sensibilisierung für die Ursachen und Folgen des sexuellen Missbrauchs durch die ständige Fortbildung von Bischöfen, Ordensoberen, Geistlichen und pastoralen Mitarbeitern.
  10. Eröffnung von Wegen der seelsorglichen Begleitung durch Missbrauch verletzter Gemeinschaften sowie von Buße und Heilung für Täter.
  11. Zusammenarbeit mit allen Menschen guten Willens und Betreibern der Massenmedien, echte Fälle falscher Beschuldigung und Verleumdung zu erkennen und unterscheiden sowie Ärger und Unterstellungen, Gerüchte und üble Nachrede zu vermeiden (vgl. die Rede von Papst Franziskus vor der Römischen Kurie vom 21. Dezember 2018).
  12. Anhebung des Mindestalters für die Ehe auf sechzehn Jahre.
  13. Festlegung von Bestimmungen, anhand derer Laiensachverständige an Untersuchungen beteiligt werden, sowie an der Beurteilung kirchenrechtlicher Verfahren in Fällen von sexuellem Missbrauch beziehungsweise Machtmissbrauch.
  14. Recht auf Verteidigung: Der Grundsatz des Naturrechts und des Kirchenrechts der Unschuldsvermutung muss ebenfalls gewahrt bleiben, bis die Schuld des Angeklagten nachgewiesen ist. Daher ist es notwendig zu verhindern, dass Listen von Angeklagten vor dem Ermittlungsverfahren und der endgültigen Verurteilung veröffentlicht werden, auch von Bistümern.
  15. Wahrung der traditionellen Verhältnismäßigkeit der Strafe in Bezug auf die begangene Straftat. Priester und Bischöfe, die sich des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen schuldig gemacht haben, müssen ihres Dienstes enthoben werden.
  16. Einführung von Verhaltensregeln für Seminaristen und Kandidaten für das Priestertum oder das Ordensleben. Sicherstellung von Aus- und Fortbildungsprogrammen um menschliche, spirituelle und psychosexuelle Reife zu gewährleisten, wie auch in zwischenmenschlichen Beziehungen und im Verhalten.
  17. Sicherstellung psychologischer Bewertungen von Kandidaten für das Priestertum und das geweihte Leben durch qualifizierte und anerkannte Experten.
  18. Richtlinien für die Versetzung eines Seminaristen oder Ordensanwärters von einem Priesterseminar in ein anderes sowie eines Priesters oder Ordensangehörigen von einem Bistum oder einer Gemeinde in eine andere festlegen.
  19. Verabschiedung verbindlicher Verhaltenskodexe für alle Geistlichen, Ordensleute, Mitarbeiter und Freiwilligen, um angemessene Grenzen in persönlichen Beziehungen festzulegen. Präzise Angaben zu den notwendigen Anforderungen an Mitarbeiter und Freiwillige machen und deren Führungszeugnisse überprüfen.
  20. Darlegung aller Informationen und Daten über die Gefahren von Missbrauch und seine Auswirkungen, wie man Anzeichen von Missbrauch erkennt und wie man mutmaßlichen sexuellen Missbrauch meldet. All dies muss in Zusammenarbeit mit Eltern, Lehrern, Fachleuten und Behörden geschehen.
  21. Sofern noch nicht der Fall: Einrichtung einer Anlaufstelle, die für Betroffene, die Verbrechen melden wollen, leicht erreichbar ist. Eine solche Anlaufstelle sollte eine gewisse Autonomie gegenüber der lokalen kirchlichen Autorität haben und Fachpersonen (Geistliche und Laien) umfassen, die wissen, wie die Kirche mit Personen umgeht, die durch das inakzeptable Verhalten von Geistlichen verletzt worden sind.

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Im Wortlaut: Papstrede zum Kongress über Kindeswürde im Internet

An der päpstlichen Universität Gregoriana tagte der Kongress über Kinderschutz im Internet – RV

Hier lesen Sie die offizielle Übersetzung der Papstrede an die Teilnehmer des internationalen Kongresses „Kindeswürde in der digitalen Welt“ an der Päpstlichen Universität Gregoriana anlässlich der Audienz an diesem Freitag im Vatikan. (rv)

Eminenzen,sehr verehrter Herr Präsident des Senats, werte Frau Ministerin,Exzellenzen, Magnifizenz,sehr geehrte Damen und Herren Botschafter, geschätzte Autoritäten und Professoren, meine Damen und Herren,

mein Dank gilt dem Rektor der Universität Gregoriana, P. Nuno da Silva Gonçalves, und der Vertreterin der Jugendlichen für ihre freundlichen und interessanten Worte der Einführung zu unserer Begegnung. Ich danke Ihnen allen für Ihre Anwesenheit heute Morgen, für Ihren Bericht über die Ergebnisse Ihrer Arbeit und vor allem dafür, dass Sie Ihre Sorgen und Ihren Einsatz geteilt haben, um gemeinsam zugunsten der Minderjährigen auf der ganzen Welt ein neues und außerordentlich schwieriges, für unsere Zeit charakteristisches Problem anzugehen. Ein Problem, das bisher noch nicht gemeinschaftlich unter Einbeziehung so vieler verschiedener Fachleute und Verantwortungsbereiche untersucht und diskutiert worden war, wie es in den vergangenen Tagen geschehen ist: das Problem des wirksamen Schutzes der Würde von Minderjährigen in der digitalen Welt.

Die Anerkennung und die Verteidigung der Würde der menschlichen Person ist Prinzip und Fundament jeder gerechten gesellschaftlichen und politischen Ordnung. Die Kirche hat die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (1948) als einen „wahren Meilenstein auf dem Weg des moralischen Fortschritts der Menschheit“ (vgl. Ansprachen von Johannes Paul II. an die UNO in den Jahren 1979 und 1995) anerkannt. Auf derselben Linie hat der Heilige Stuhl im Bewusstsein, dass die Kinder zu den Ersten gehören, die Aufmerksamkeit und Schutz brauchen, die Erklärung der Rechte des Kindes (1959) sehr begrüßt und ist der entsprechenden Konvention (1990) und den zwei Fakultativprotokollen (2001) beigetreten. Die Würde und die Rechte der Kinder müssen in der Tat von den Rechtsordnungen als höchst wertvolle Güter für die ganze Menschheitsfamilie geschützt werden (vgl. Kompendium der Soziallehre der Kirche, Nrn. 244-245).

Hinsichtlich dieser Prinzipien besteht also ein volles und stabiles Einvernehmen; auf deren Grundlage müssen wir auch einmütig handeln, und zwar mit Entschlossenheit und echter Leidenschaft. Dabei schauen wir liebevoll auf all die Kinder, die täglich auf der ganzen Welt geboren werden und vor allem Achtung brauchen, aber auch Fürsorge und Zuneigung, um den ganzen wunderbaren Reichtum ihrer Anlagen zu entfalten.

Die Schrift spricht von der menschlichen Person als von Gott nach seinem Ebenbild geschaffen. Was kann man Größeres über ihre Würde sagen? Das Evangelium erzählt von der Zuneigung Jesu zu den Kindern und wie er sie aufnimmt, wenn er sie in seine Arme nimmt und segnet (vgl. Mk 10,16), »denn Menschen wie ihnen gehört das Himmelreich« (Mt 19,14). Die härtesten Worte Jesu gelten dem, der den Kleinsten Ärgernis gibt: Für ihn »wäre es besser, wenn ihm ein Mühlstein um den Hals gehängt und er in der Tiefe des Meeres versenkt würde« (Mt 18,6). Wir müssen uns also für den Schutz der Würde von Minderjährigen liebevoll, aber auch ganz entschieden einsetzen, indem wir mit allen Kräften jener Wegwerfkultur entgegenwirken, die heute auf vielfache Weise gerade den Schwächsten und Verwundbarsten, wie es eben die Minderjährigen sind, schadet.

Wir erleben eine neue Welt, die wir uns in unserer Jugend nicht einmal hätten vorstellen können. Wir definieren sie mit zwei einfachen Worten – „digitale Welt“ / „digital world“ –, aber sie ist Frucht einer unglaublichen Entwicklung in Wissenschaft und Technik, die in wenigen Jahrzehnten unser Umfeld und unsere Kommunikations- und Lebensweise verwandelt hat. Sie ist auf gewisse Weise dabei, selbst unsere Denk- und Seinsweise zu verändern, nämlich dadurch dass sie die Wahrnehmung unserer Möglichkeiten und unserer Identität tiefgreifend beeinflusst.

Einerseits sind wir voll Bewunderung und Faszination für die großartigen Möglichkeiten, die sie uns eröffnet. Andererseits ruft sie in uns Furcht und vielleicht sogar Angst hervor, wenn wir die Schnelligkeit dieser Entwicklung sehen, die neuen unvorhergesehenen Probleme und die meist ungewollten, aber doch realen negativen Folgen, die sie mit sich bringt. Zu Recht fragen wir uns, ob wir fähig sind, die Prozesse, die wir selbst initiiert haben, zu steuern, ob sie uns nicht entgleiten, ob wir genug tun, um sie unter Kontrolle zu behalten.

Das ist die große existentielle Frage der heutigen Menschheit angesichts verschiedener Aspekte der globalen Krise, die sich in den Bereichen Umwelt, Gesellschaft, Wirtschaft, Politik sowie im moralischen und geistlichen Bereich zugleich zeigt.

Als Vertreter verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen und unterschiedlicher Einsatzfelder in der digitalen Kommunikation, im Recht und in der Politik haben Sie sich versammelt, gerade weil Sie sich des Ernstes der Herausforderungen im Zusammenhang mit dem wissenschaftlich-technischen Fortschritt bewusst sind. Mit Weitsicht haben Sie sich auf die Herausforderung konzentriert, die vermutlich am entscheidendsten ist für die Zukunft der menschlichen Familie: der Schutz der Würde der jungen Menschen, ihres gesunden Wachstums, ihres Frohmuts und ihrer Hoffnung.

Wir wissen, dass heute mehr als ein Viertel der über drei Milliarden Internetnutzer minderjährig sind; das heißt, dass über 800 Millionen Minderjährige im Netz surfen. Wir wissen, dass allein in Indien innerhalb der nächsten zwei Jahre über 500 Millionen Personen Zugang zum Netz haben werden, die Hälfte davon minderjährig. Was finden sie im Netz? Und wie werden sie von denen, die auf verschiedene Weise Macht über das Netz haben, eingeschätzt?

Wir müssen die Augen offen halten und dürfen uns nicht vor einer Tatsache verstecken, die unerfreulich ist und die wir lieber nicht sehen wollen. Haben wir in diesen Jahren denn nicht zu Genüge gelernt, dass das Verstecken der Realität von sexuellen Missbräuchen ein äußerst schwerwiegender Fehler und Ursache vieler Übel ist? Schauen wir also auf die Wirklichkeit, so wie Sie es in den letzten Tagen getan haben. Im Netz nehmen sehr schlimme Erscheinungen Überhand: die Verbreitung von immer extremeren pornographischen Bildern, da durch Gewöhnung die Reizschwelle immer höher wird; das wachsende Phänomen des Sexting unter Jungen und Mädchen in den Social Media; das Mobbing, das immer mehr online stattfindet und eine echte moralische und physische Gewalt gegen die Würde der anderen jungen Menschen darstellt; die Sextortion, die sexuelle Verführung Minderjähriger im Netz ist bereits eine Tatsache, von der in den Nachrichten ständig die Rede ist. Das geht bis zu den schlimmsten und schrecklichsten Verbrechen der Organisation von Menschenhandel online, der Prostitution und sogar der Bestellung und der Liveübertragung von an Minderjährigen in anderen Teilen der Welt verübten Vergewaltigungen und Gewalttaten über das Internet. Das Netz hat also auch eine dunkle Seite und dunkle Bereiche (das Darknet), wo das Böse immer neuere, wirksamere, durchdringendere und feinmaschigere Weisen des Vorgehens und der Verbreitung findet. Die frühere Verbreitung der Pornographie durch die Presse war eine Erscheinung von geringem Ausmaß im Vergleich zu dem, was sich heute im Netz rasant verbreitet. Über all dies haben Sie deutlich gesprochen und die Zusammenhänge eingehend und mit Belegen studiert; wir sind Ihnen dafür dankbar.

Angesichts all dessen sind wir natürlich entsetzt, verlieren aber leider auch den Überblick. Wie Sie wissen und sagen, besteht eine Eigenart des Netzes gerade in seiner globalen Natur, die den Planeten grenzüberschreitend umfasst und so immer engmaschiger wird, um überall jede Art von Nutzer, auch Kinder, durch immer handlichere und anwenderfreundlichere mobile Geräte zu erreichen. Deshalb sieht sich heute niemand auf der Welt, keine nationale Autorität allein in der Lage, das Ausmaß und die Entwicklung dieses Phänomens angemessen zu erfassen und zu kontrollieren. Alles ist miteinander verflochten; dazu gesellen sich weitere dramatische Probleme im Zusammenhang mit dem Internet, wie illegaler Handel, Wirtschafts- und Finanzkriminalität, internationaler Terrorismus. Auch vom erzieherischen Gesichtspunkt her sind wir verunsichert; denn das rasante Tempo der Entwicklung stellt die älteren Generationen „ins Abseits“ und macht den Dialog zwischen den Generationen und eine ausgewogene Weitergabe von Regeln und der in jahrelanger Erfahrung erworbenen Lebensweisheit schwierig oder nahezu unmöglich.

Aber wir dürfen uns nicht einschüchtern lassen; Angst ist immer ein schlechter Ratgeber. Wir dürfen uns auch nicht vom Gefühl der Ohnmacht angesichts der Schwierigkeiten der Aufgabe lähmen lassen. Vielmehr müssen wir gemeinsam aktiv werden im Wissen, dass wir aufeinander angewiesen sind, um angemessene Wege und Haltungen zu suchen und zu finden, um wirksame Antworten zu geben. Wir müssen darauf vertrauen, dass es möglich ist »den Blick wieder zu weiten. Die menschliche Freiheit ist in der Lage, die Technik zu beschränken, sie zu lenken und in den Dienst einer anderen Art des Fortschritts zu stellen, der gesünder, menschlicher, sozialer und ganzheitlicher ist« (Enzyklika Laudato si’, 112).

Damit diese Mobilisierung erfolgreich ist, lade ich Sie ein, einigen möglichen Fehleinschätzungen entschieden entgegenzuwirken. Ich beschränke mich darauf, derer drei aufzuzeigen.

Die erste besteht darin, den Schaden, der den Minderjährigen durch die oben genannten Erscheinungen zugefügt wird, zu unterschätzen. Die Schwierigkeit, ihnen Einhalt zu gebieten, kann uns in Versuchung führen zu sagen: „Eigentlich ist die Lage nicht so schlimm …“ Doch die Fortschritte in der Neurobiologie, der Psychologie, der Psychiatrie lassen hingegen die tiefgreifende Wirkung von gewalttätigen und sexuellen Bildern auf den formbaren Geist von Kindern erkennen: psychologische Reifestörungen, Abhängigkeitssituationen oder -verhaltensmuster, regelrechte Sucht durch den Missbrauch an Konsum provokanter und gewalttätiger Bilder. Das sind Störungen, die das ganze Leben der Kinder von heute schwer belasten werden.

Hier sei mir eine Bemerkung erlaubt. Zu Recht unterstreicht man die Schwere dieser Probleme für Minderjährige. Dabei kann man aber unwillkürlich unterschätzen oder will vergessen, dass auch Probleme für Erwachsene bestehen und das Unterscheidungskriterium zwischen Minder- und Volljährigen für die rechtlichen Normen notwendig ist, aber nicht geeignet ist, um sich den Herausforderungen zu stellen. Die Verbreitung immer extremerer Pornographie und anderer missbräuchlicher Nutzungen des Netzes führt nämlich auch bei Erwachsenen nicht nur zu Störungen, Abhängigkeiten und schwerwiegenden Schäden, sondern wirkt sich ebenso auf die Vorstellungen von Liebe und auf die Beziehungen zwischen den Geschlechtern aus. Es wäre eine schlimme Täuschung zu glauben, eine Gesellschaft, in der der abnorme Konsum von Sexualität im Netz unter den Erwachsenen überhandnimmt, könnte fähig sein, Minderjährige wirksam zu schützen.

Die zweite Fehleinschätzung besteht darin zu glauben, dass zur Bewältigung der Probleme automatische technische Lösungen, etwa die mit immer ausgeklügelteren Algorithmen erstellten Filter zur Erkennung und Blockierung der Verbreitung missbräuchlicher und schädlicher Bilder, ausreichen. Gewiss handelt es sich dabei um notwendige Maßnahmen. Sicher müssen Unternehmen, die Millionen von Menschen soziale Medien und immer bessere, detailliertere und schnellere digitale Instrumente zur Verfügung stellen, einen verhältnismäßig großen Anteil ihrer hohen wirtschaftlichen Erträge darin investieren. Doch ist es ebenso notwendig, dass die Hauptakteure der technischen Entwicklung das große ethische Anliegen innerhalb der Dynamik dieser Entwicklung mit höchster Dringlichkeit, umfassend und mit Blick auf die verschiedenen möglichen Folgen wahrnehmen.

Und an dieser Stelle müssen wir uns mit der dritten möglichen Fehleinschätzung auseinandersetzen, die in einer ideologischen und utopischen Sicht des Internets als Reich der grenzenlosen Freiheit besteht. Zu Recht sind unter Ihnen auch jene vertreten, deren Aufgabe es ist, zur Sicherheit und zum Schutz des Gemeinwohls und der einzelnen Personen Gesetze zu erlassen oder für deren Einhaltung Sorge zu tragen. Das Netz hat einen neuen gewaltigen Raum für die freie Äußerung und den Austausch von Ideen und Informationen eröffnet. Dies ist gewiss gut, hat aber, wie wir sehen, auch neue Werkzeuge für abscheuliche widerrechtliche Aktivitäten bereitgestellt; im Bereich, der uns beschäftigt, für den Missbrauch und die Verletzung der Würde Minderjähriger, zur Verführung ihres Geistes und zur Gewalt an ihrem Leib. Hier handelt es sich nicht um die Ausübung von Freiheit, sondern um Straftaten, gegen die man durchdacht und entschieden vorgehen muss, indem man die Zusammenarbeit von Regierungen und Sicherheitskräften auf globaler Ebene ausweitet, so wie das Netz global geworden ist.

Über all dies haben Sie miteinander diskutiert. In der mir eben vorgestellten „Erklärung“ haben Sie verschiedene Richtungen aufgezeigt, in welche die konkrete Zusammenarbeit zwischen all den Akteuren gehen muss, deren Aufgabe es ist, sich der großen Herausforderung der Verteidigung der Würde Minderjähriger in der digitalen Welt zu stellen. Ich unterstütze ganz entschlossen und nachdrücklich die von Ihnen eingegangenen Verpflichtungen.

Es geht darum, den Ernst der Probleme wieder ins Bewusstsein zu rufen, entsprechende Gesetze zu erlassen, die Entwicklungen der Technologie zu überwachen, die Opfer zu finden und die einer Straftat Schuldigen zu verfolgen; es geht darum, die betroffenen Minderjährigen in ihrer Rehabilitation zu unterstützen, Erziehern und Familien bei ihren Aufgaben beizustehen sowie kreativ zu sein in der Erziehung der Jugendlichen zu einem angemessenen – für sie selbst und die anderen Minderjährigen gesunden – Gebrauch des Internets; ferner die Feinfühligkeit und moralische Reife zu entwickeln und die wissenschaftliche Forschung in allen mit dieser Herausforderung verbundenen Bereichen fortzusetzen.

Zu Recht bringen Sie den Wunsch zum Ausdruck, dass sich auch Religionsführer und Glaubensgemeinschaften an diesen gemeinsamen Bemühungen beteiligen und ihre gesamte Erfahrung, ihre Autorität und Fähigkeit im Bereich der Ausbildung und der moralischen wie geistlichen Erziehung einbringen. Tatsächlich können wir uns nur durch das Licht und die Kraft, die von Gott her kommen, den neuen Herausforderungen stellen. Was die katholische Kirche betrifft, so möchte ich ihre Bereitschaft und ihren Einsatz dafür bekräftigen. Wie wir alle wissen, wurde der katholischen Kirche in den vergangenen Jahren immer mehr bewusst, in ihrem Innern nicht genügend für den Schutz von Minderjährigen gesorgt zu haben: Es sind sehr schwerwiegende Taten ans Licht gekommen, für die wir die Verantwortung gegenüber Gott, den Opfern und der öffentlichen Meinung eingestehen mussten. Gerade wegen dieser dramatischen Erfahrungen und der durch die Verpflichtung zu Umkehr und Reinigung erworbenen Kompetenzen fühlt sich die Kirche heute besonders stark verpflichtet, sich immer engagierter und mit größerem Weitblick für den Schutz Minderjähriger und ihrer Würde nicht nur in ihrem Inneren, sondern auch in der gesamten Gesellschaft und in der ganzen Welt einzusetzen; und dies nicht alleine – das wäre offensichtlich nicht ausreichend –, sondern indem sie ihre tatkräftige und aufrichtige Zusammenarbeit allen Kräften und Teilen der Gesellschaft anbietet, die sich in dieser Richtung engagieren wollen. Damit schließt sie sich dem Ziel an, das von den Vereinten Nationen in der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung formuliert wurde: »Missbrauch und Ausbeutung von Kindern, den Kinderhandel, Folter und alle Formen von Gewalt gegen Kinder beenden« (Ziel 16.2).

Bei zahlreichen Gelegenheiten und in vielen verschiedenen Ländern begegnet mein Blick dem der Kinder, der armen und reichen, gesunden und kranken, frohen und leidenden. Von Kinderaugen angeschaut zu werden ist eine uns allen bekannte Erfahrung, die uns tief im Herzen berührt und uns auch zu einer Gewissenerforschung verpflichtet. Was tun wir, damit uns diese Kinder mit einem Lächeln anschauen können und sich einen reinen Blick voll Vertrauen und Hoffnung bewahren? Was tun wir, damit ihnen dieses Licht nicht geraubt wird, damit diese Augen nicht von dem verwirrt und verdorben werden, was sie im Internet sehen werden, das ein integraler und außerordentlich wichtiger Bestandteil ihres Lebensumfeldes sein wird?

Arbeiten wir also zusammen, um immer das Recht, den Mut und die Freude zu haben, den Kindern auf der Welt in die Augen zu schauen.

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