PAPST BENEDIKT XVI. über den heiligen FRANZ VON ASSISI

Rebuild my Church

BENEDIKT XVI.

GENERALAUDIENZ

Mittwoch, 27. Januar 2010

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Hl. Franz von Assisi

Liebe Brüder und Schwestern!

In einer früheren Katechese habe ich bereits die von der Vorsehung bestimmte Rolle dargestellt, die die vom hl. Franz von Assisi bzw. vom hl. Dominikus da Guzman gegründeten Orden der Minderbrüder und der Predigerbrüder bei der Erneuerung der Kirche ihrer Zeit hatten. Heute möchte ich euch die Gestalt des hl. Franziskus vorstellen: Er war ein echter »Gigant« der Heiligkeit, der noch immer sehr viele Menschen jeden Alters und jeder Religion fasziniert.

»Der Welt ist eine Sonne aufgegangen.« Mit diesen Worten spielt in der Göttlichen Komödie (Paradies, XI. Gesang) der große italienische Dichter Dante Alighieri auf die Geburt des Franziskus gegen Ende des Jahres 1181 oder Anfang 1182 in Assisi an. Franziskus stammte aus einer reichen Familie – der Vater war Tuchhändler –, verbrachte eine unbeschwerte Kindheit und Jugend und pflegte die Ritterideale seiner Zeit. Als Zwanzigjähriger nahm er an einem Kriegszug teil und geriet in Gefangenschaft. Er erkrankte und wurde befreit. Nach der Rückkehr nach Assisi begann in ihm ein langsamer geistlicher Bekehrungsprozeß, der ihn den aufwendigen Lebensstil, den er bis dahin gepflegt hatte, schrittweise aufgeben ließ. In diese Zeit fallen die berühmten Episoden der Begegnung mit dem Aussätzigen, bei der Franziskus vom Pferd herabstieg und ihm den Friedenskuß gab, sowie der Botschaft des Gekreuzigten in dem Kirchlein »San Damiano«. Dreimal ließ der gekreuzigte Christus seine Stimme hören und sagte zu ihm: »Franziskus, geh und stelle meine Kirche wieder her, die wie du siehst, ganz verfallen ist!« Dieses schlichte Ereignis des Wortes des Herrn in der Kirche »San Damiano« birgt einen tiefen Symbolgehalt in sich. Unmittelbar ist der hl. Franz dazu berufen, dieses kleine Kirchlein wieder aufzubauen, doch der Verfallszustand dieses Gebäudes ist Symbol für die dramatische und beunruhigende Situation der Kirche selbst in jener Zeit: mit einem oberflächlichen Glauben, der das Leben weder formt noch verwandelt, mit einem wenig eifrigen Klerus, mit dem Erkalten der Liebe; eine innere Zerstörung der Kirche, die mit der Entstehung häretischer Bewegungen auch eine Zersetzung der Einheit mit sich bringt. Doch mitten in dieser im Verfall befindlichen Kirche steht der Gekreuzigte und spricht: Er ruft zur Erneuerung auf, er beruft Franziskus, mit seiner eigenen Hände Kraft konkret die kleine Kirche »San Damiano« wieder aufzubauen, Symbol für die tiefergehende Berufung, mit seiner Glaubensradikalität und mit seiner begeisterten Liebe zu Christus die Kirche Christi selbst zu erneuern. Diese Begebenheit, die sich wahrscheinlich 1205 zutrug, läßt uns an ein weiteres ähnliches Geschehen im Jahr 1207 denken: den Traum von Papst Innozenz III. Dieser sieht im Traum, daß die Basilika St. Johann im Lateran, die Mutterkirche aller Kirchen, einzustürzen droht und ein kleiner, unbedeutender Ordensmann mit seinen Schultern die Kirche stützt, damit sie nicht zusammenfällt. Interessant ist einerseits die Feststellung, daß nicht der Papst zu Hilfe eilt, um die Kirche vorm Einstürzen zu bewahren, sondern ein kleiner und unbedeutender Ordensmann, in dem der Papst Franziskus erkennt, der ihn aufgesucht hat. Innozenz III. war ein mächtiger Papst, der über eine hohe theologische Bildung sowie über große politische Macht verfügte; dennoch ist nicht er es, der die Kirche erneuert, sondern der kleine und unbedeutende Ordensmann: der von Gott dazu berufene hl. Franziskus. Andererseits ist es jedoch wichtig anzumerken, daß der hl. Franziskus die Kirche nicht ohne oder gegen den Papst erneuert, sondern nur in Gemeinschaft mit ihm. Die beiden Wirklichkeiten gehören zusammen: der Nachfolger Petri, die Bischöfe, die auf die Nachfolge der Apostel gegründete Kirche und das neue Charisma, das der Heilige Geist zu diesem Zeitpunkt hervorbringt, um die Kirche zu erneuern. Zusammen wächst die wahre Erneuerung.

Kehren wir zum Leben des hl. Franziskus zurück. Da ihm sein Vater Bernardone seine zu große Freigebigkeit gegenüber den Armen vorwarf, entkleidete sich Franziskus mit einer symbolischen Geste vor dem Bischof von Assisi und bekundete damit den Verzicht auf das väterliche Erbe: Wie im Augenblick der Schöpfung besitzt Franziskus nichts außer dem Leben, das ihm Gott geschenkt hat, dessen Händen er sich überläßt. Danach lebte er als Eremit, bis sich im Jahr 1208 ein weiteres grundlegendes Ereignis auf dem Weg seiner Bekehrung zutrug. Während er einen Abschnitt aus dem Matthäusevangelium hörte – die Rede Jesu an die Apostel, die ausgesandt wurden –, fühlte sich Franziskus dazu berufen, in Armut zu leben und sich der Verkündigung zu widmen. Weitere Gefährten schlossen sich ihm an, und im Jahr 1209 begab er sich nach Rom, um Papst Innozenz III. das Vorhaben einer neuen Form christlichen Lebens zu unterbreiten. Ihm wurde von jenem großen Papst väterlich wohlwollende Aufnahme zuteil; vom Herrn erleuchtet, begriff dieser den göttlichen Ursprung der von Franziskus ins Leben gerufenen Bewegung. Der Poverello von Assisi hatte verstanden, daß jedes vom Heiligen Geist geschenkte Charisma in den Dienst des Leibes Christi, also der Kirche, gestellt werden muß; daher handelte er stets in voller Gemeinschaft mit der kirchlichen Autorität. Im Leben der Heiligen gibt es keinen Widerspruch zwischen prophetischem Charisma und Leitungscharisma, und wenn irgendwelche Spannungen entstehen, verstehen sie es, geduldig auf die Zeiten des Heiligen Geistes zu warten.

Tatsächlich haben im 19. und auch im letzten Jahrhundert einige Historiker versucht, hinter dem Franziskus der Überlieferung einen sogenannten historischen Franziskus zu schaffen, so wie man versucht, hinter dem Jesus der Evangelien einen sogenannten historischen Jesu zu schaffen. Ein solcher historischer Franziskus wäre nicht ein Mann der Kirche gewesen, sondern ein Mann, der unmittelbar nur mit Christus verbunden gewesen wäre, ein Mann, der eine Erneuerung des Gottesvolkes ohne kirchenrechtliche Formen und ohne Hierarchie hätte bewirken wollen. Die Wahrheit ist aber, daß der hl. Franziskus in Wirklichkeit eine ganz unmittelbare Beziehung zu Jesus und zum Wort Gottes hatte, dem er »sine glossa« folgen wollte, also so, wie es ist, in seiner ganzen Radikalität und Wahrheit. Wahr ist auch, daß er anfangs nicht die Absicht hatte, einen Orden in der dafür notwendigen kirchenrechtlichen Form zu gründen, sondern einfach durch das Wort Gottes und die Gegenwart des Herrn das Volk Gottes erneuern und es wieder zum Hören des Wortes und zum treuen Gehorsam gegenüber Christus aufrufen wollte. Außerdem wußte er, daß Christus niemals »mein«, sondern immer »unser« Christus ist, daß nicht »ich« Christus besitzen und »ich« gegen die Kirche seinen Willen und seine Lehre wiederherstellen kann, sondern nur in der Gemeinschaft der Kirche, die auf der Nachfolge der Apostel errichtet ist, wird auch der Gehorsam gegenüber dem Wort Gottes erneuert.

Es ist auch wahr, daß er nicht die Absicht hatte, einen neuen Orden zu gründen, sondern lediglich das Volk Gottes für den Herrn, der kommt, zu erneuern. Aber er hat voll Leid und Schmerz begriffen, daß alles seine Ordnung haben muß, daß auch das Kirchenrecht notwendig ist, um der Erneuerung Gestalt zu geben, und daher fügte er sich voll und ganz, mit dem Herzen, in die Gemeinschaft der Kirche, mit dem Papst und den Bischöfen, ein. Er wußte immer, daß die Eucharistie der Mittelpunkt der Kirche ist, wo der Leib Christi und sein Blut gegenwärtig werden. Durch das Priestertum ist die Eucharistie die Kirche. Nur dort, wo Priestertum und Christus und Gemeinschaft der Kirche zusammengehen, wohnt auch das Wort Gottes. Der wahre historische Franziskus ist der hl. Franziskus der Kirche, und genau in dieser Weise spricht er auch zu den Nichtglaubenden, zu den Gläubigen anderer Bekenntnisse und Religionen.

Franziskus und seine immer zahlreicheren Brüder ließen sich bei der Portiunkula bzw. der Kirche »Santa Maria degli Angeli« nieder, die als der heilige Ort der franziskanischen Spiritualität schlechthin gilt. Auch Klara, eine junge Frau aus Assisi aus adeliger Familie, begab sich in die Schule des Franziskus. So entstand der Zweite Franziskanische Orden, der Orden der Klarissen, eine weitere Erfahrung, die dazu bestimmt war, herausragende Früchte der Heiligkeit in der Kirche hervorzubringen.

Auch der Nachfolger Innozenz’ III., Papst Honorius III., unterstützte mit seiner Bulle Cum dilecti von 1218 die einzigartige Entwicklung der ersten Minderbrüder, die in verschiedenen Ländern Europas und sogar in Marokko ihre Missionen eröffneten. Im Jahr 1219 erhielt Franziskus die Erlaubnis, sich nach Ägypten zu begeben, um mit dem muslimischen Sultan Melek-el-Kâmel zu sprechen, damit er auch dort das Evangelium Jesu verkünden könne. Ich möchte diese Episode aus dem Leben des hl. Franziskus hervorheben, die von großer Aktualität ist. In einer Epoche, in der eine kriegerische Auseinandersetzung zwischen dem Christentum und dem Islam im Gange war, schlug Franziskus, ganz bewußt nur mit seinem Glauben und seiner persönlichen Milde gewappnet, wirksam den Weg des Dialogs ein. Die Chroniken berichten uns von einer wohlwollenden und herzlichen Aufnahme durch den muslimischen Sultan. Das ist ein Vorbild, an dem sich auch heute die Beziehungen zwischen Christen und Muslimen inspirieren sollten: einen Dialog in der Wahrheit, im gegenseitigen Respekt und im gegenseitigen Verständnis zu fördern (vgl. Nostra Aetate, 3). Franziskus scheint dann 1220 auch das Heilige Land besucht und damit einen Samen ausgesät zu haben, der reiche Frucht tragen sollte: Seine geistlichen Söhne machten nämlich aus den Orten, an denen Jesus gelebt hat, ein bevorzugtes Gebiet ihrer Mission. Mit Dankbarkeit denke ich heute an die großen Verdienste der franziskanischen Kustodie des Heiligen Landes.

Nach seiner Rückkehr nach Italien übertrug Franziskus die Leitung des Ordens seinem Vikar, Fra Pietro Cattani, während der Papst den Orden, der immer mehr Anhänger sammelte, dem Schutz von Kardinal Ugolino, dem späteren Papst Gregor IX., anvertraute. Der Gründer, der sich ganz der Verkündigung widmete, die er mit großem Erfolg durchführte, verfaßte seinerseits eine »Regel«, die dann vom Papst approbiert wurde.

Im Jahr 1224 sieht Franziskus in der Einsiedelei von La Verna den Gekreuzigten in der Gestalt eines Seraphim, und aus der Begegnung mit dem gekreuzigten Seraphim empfing er die Stigmata; so wird er eins mit dem gekreuzigten Christus: ein Geschenk, das seine innige Identifizierung mit dem Herrn zum Ausdruck bringt.

Der Tod des Franziskus – sein »transitus« – geschah am Abend des 3. Oktober 1226 bei der Portiunkula. Nachdem er seine geistlichen Kinder gesegnet hatte, starb er, auf dem nackten Erdboden liegend. Zwei Jahre später hat ihn Papst Gregor IX. in das Verzeichnis der Heiligen eingeschrieben. Kurze Zeit danach wurde in Assisi zu seinen Ehren eine große Basilika errichtet, die noch heute Ziel sehr vieler Pilger ist, die das Grab des Heiligen verehren und den Anblick der Fresken Giottos genießen können, eines Malers, der auf wunderbare Weise das Leben des Franziskus bildlich dargestellt hat.

Es wurde gesagt, Franziskus sei gleichsam ein »zweiter Christus«, alter Christus; er war wirklich eine lebendige Ikone Christi. Er wurde auch »Bruder Jesu« genannt. Das war in der Tat sein Ideal: Wie Jesus sein; den Christus des Evangeliums betrachten, ihn innig lieben, seine Tugenden nachahmen. Vor allem wollte er der inneren und äußeren Armut einen grundlegenden Wert verleihen, indem er sie auch seine geistlichen Kinder lehrte. Die erste Seligpreisung der Bergpredigt – »Selig, die arm sind vor Gott, denn ihnen gehört das Himmelreich« (Mt 5,3) – hat im Leben und in den Worten des hl. Franziskus eine leuchtende Verwirklichung gefunden. So ist es wirklich, liebe Freunde: Die Heiligen sind die besten Interpreten der Bibel; dadurch, daß sie das Wort Gottes in ihrem Leben Fleisch werden lassen, machen sie es mehr denn je anziehender, so daß es wirklich zu uns spricht. Das Zeugnis des hl. Franziskus, der die Armut geliebt hat, um Christus mit völliger Hingabe und Freiheit zu folgen, ist auch für uns eine Aufforderung, die innere Armut zu pflegen, um im Vertrauen zu Gott zu wachsen, indem wir damit auch einen nüchternen Lebensstil und einen Abstand von den materiellen Gütern verbinden.

In Franziskus kam die Liebe zu Christus in besonderer Weise in der Anbetung des Allerheiligsten Sakraments der Eucharistie zum Ausdruck. In den Franziskanischen Quellenschriften liest man bewegende Worte wie diese: »Der ganze Mensch erschauere, die ganze Welt erbebe, und der Himmel juble, wenn auf dem Altar in der Hand des Priesters Christus ist, der Sohn des lebendigen Gottes. O wunderbare Hoheit und staunenswerte Herablassung! O demütige Erhabenheit, daß der Herr des Alls, Gott und Gottes Sohn, sich so erniedrigt, daß er sich unter der anspruchslosen Gestalt des Brotes verbirgt!« (Brief an den gesamten Orden).

In diesem Priesterjahr erinnere ich auch gern an eine Empfehlung, die Franziskus an die Priester richtete: »Sooft sie die Messe feiern wollen, sollen sie, selber rein und in reiner Gesinnung, mit Ehrfurcht und in heiliger und reiner Absicht das wahre Opfer des heiligsten Leibes und Blutes unseres Herrn Jesus Christus darbringen.« Franziskus zeigte immer eine große Ergebenheit gegenüber den Priestern und ermahnte dazu, sie immer zu respektieren, auch in dem Fall, daß sie persönlich wenig würdig wären. Er führte als Begründung für diese tiefe Achtung die Tatsache an, daß sie das Geschenk empfangen haben, die Gaben der Eucharistie zu konsekrieren. Liebe Brüder im Priesteramt, vergessen wir nie diese Lehre: Die Heiligkeit der Eucharistie fordert von uns, rein zu sein, in konsequenter Übereinstimmung mit dem Geheimnis zu leben, das wir feiern.

Aus der Liebe zu Christus entsteht die Liebe zu den Menschen und auch zu allen Geschöpfen Gottes. Und da gibt es einen weiteren Wesenszug der Spiritualität des Franziskus: Der Sinn der universalen Brüderlichkeit und die Liebe zur Schöpfung, die ihn zu seinem berühmten »Sonnengesang« inspirierte. Das ist eine sehr aktuelle Botschaft. Wie ich in meiner jüngsten Enzyklika Caritas in veritate in Erinnerung gerufen habe, ist nur eine Entwicklung nachhaltig, die die Schöpfung respektiert und die Umwelt nicht schädigt (vgl. Nr.48–52), und in der Botschaft zum diesjährigen Weltfriedenstag habe ich unterstrichen, daß auch der Aufbau eines gefestigten Friedens an die Achtung der Schöpfung gebunden ist. Franziskus erinnert uns daran, daß sich in der Schöpfung die Weisheit und das Wohlwollen des Schöpfers entfaltet. Die Natur wird von ihm als eine Sprache verstanden, in der Gott zu uns spricht, in der die Wirklichkeit transparent wird und wir »von« Gott und »mit« Gott sprechen können.

Liebe Freunde, Franziskus ist ein großer Heiliger und ein froher Mensch gewesen. Seine Einfachheit, seine Demut, sein Glaube, seine Liebe zu Christus, seine Güte gegenüber jedem Mann und jeder Frau haben ihn in jeder Situation froh gemacht. In der Tat besteht zwischen der Heiligkeit und der Freude eine innige und unauflösliche Beziehung. Ein französischer Schriftsteller hat gesagt, daß es in der Welt nur eine einzige Traurigkeit gibt: die Traurigkeit darüber, nicht heilig zu sein, das heißt Gott nicht nahe zu sein. Wenn wir auf das Zeugnis des hl. Franziskus blicken, verstehen wir, daß dies das Geheimnis des wahren Glücks ist: heilig zu werden, nahe bei Gott zu sein!

Möge die von Franziskus zärtlich geliebte Jungfrau dieses Geschenk für uns erlangen. Ihr vertrauen wir uns mit den Worten des Poverello von Assisi an: »Heilige Jungfrau Maria, keine ist dir ähnlich geboren in der Welt unter den Frauen, Tochter und Magd des erhabensten, höchsten Königs, des himmlischen Vaters, Mutter unseres heiligsten Herrn Jesus Christus, Braut des Heiligen Geistes: Bitte für uns… bei deinem heiligsten, geliebten Sohn, dem Herrn und Meister.«

PAPST FRANZISKUS: PREDIGT IN ASSISI

»Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du all das den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast« (Mt 11,25).

Friede und Heil euch allen! Mit diesem franziskanischen Gruß danke ich euch, dass ihr hier auf diesen geschichtsträchtigen und vom Glauben geprägten Platz gekommen seid, um gemeinsam zu beten.

Heute bin auch ich wie viele Pilger gekommen, um den himmlischen Vater für all das zu preisen, was er einem dieser „Kleinen“, von denen das Evangelium spricht, hat offenbaren wollen: Franziskus, dem Sohn eines reichen Kaufmanns aus Assisi. Die Begegnung mit Jesus brachte ihn dazu, ein gut situiertes, sorgenfreies Leben aufzugeben, um sich mit der „Herrin Armut“ zu vermählen und als wahrer Sohn des Vaters im Himmel zu leben. Diese Wahl des heiligen Franziskus war eine radikale Weise, Christus nachzuahmen, sich mit dem zu „bekleiden“, der reich war und arm wurde, um uns durch seine Armut reich zu machen (vgl. 2 Kor 8,9). Im ganzen Leben des Franziskus sind die Liebe zu den Armen und die Nachahmung des armen Christus zwei untrennbar miteinander verbundene Elemente, die beiden Seiten ein und derselben Medaille.

Was bezeugt uns der heilige Franziskus heute? Was sagt er uns, nicht mit Worten – das ist einfach –, sondern mit dem Leben?

Das Erste, Grundlegende, was er uns bezeugt, ist dies: Christsein ist eine lebendige Beziehung zur Person Jesu, ist ein Sich-Bekleiden mit ihm, ein Ihm-ähnlich-Werden.

Kruzifix San Damiano AssisiWo nimmt der Weg des heiligen Franziskus zu Christus seinen Anfang? Beim Blick des gekreuzigten Jesus. Sich von ihm anschauen lassen in dem Moment, in dem er sein Leben für uns hingibt und uns zu sich zieht. Franziskus hat diese Erfahrung in besonderer Weise in der kleinen Kirche von San Damiano gemacht, als er vor dem Kruzifix betete, das auch ich heute noch verehren werde. Auf diesem Kreuz erscheint Jesus nicht tot, sondern lebend! Das Blut fließt aus den Wunden der Hände, der Füße und der Seite herab, doch dieses Blut drückt Leben aus. Jesus hat die Augen nicht geschlossen, sondern geöffnet, weit offen: ein Blick, der zum Herzen spricht. Und der Gekreuzigte spricht uns nicht von Niederlage, von Scheitern. Paradoxerweise spricht er uns von einem Tod, der Leben ist, der Leben hervorbringt, denn er spricht uns von Liebe, weil er die Mensch gewordene Liebe Gottes ist. Und die Liebe stirbt nicht, nein, sie besiegt das Böse und den Tod. Wer sich vom gekreuzigten Jesus anschauen lässt, wird gleichsam neu erschaffen, wird eine »neue Schöpfung«. Das ist der Ausgangspunkt von allem: Es ist die Erfahrung der verwandelnden Gnade, unverdient geliebt zu sein, obwohl man Sünder ist. Darum kann Franziskus wie der heilige Paulus sagen: »Ich aber will mich allein des Kreuzes Jesu Christi, unseres Herrn, rühmen« (Gal 6,14).

Wir wenden uns an dich, heiliger Franziskus, und bitten dich: Lehre uns, vor dem Gekreuzigten zu verweilen, uns von ihm anschauen zu lassen, uns von seiner Liebe vergeben und neu erschaffen zu lassen.

Im Evangelium haben wir diese Worte gehört: »Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig« (Mt 11,28-29).

Das ist das Zweite, was Franziskus uns bezeugt: Wer Christus nachfolgt, empfängt den wahren Frieden, den nur er uns geben kann und nicht die Welt. Der heilige Franziskus wird von vielen mit dem Frieden verbunden, und das ist recht so, doch wenige gehen in die Tiefe. Welches ist der Friede, den Franziskus empfangen und gelebt hat und den er an uns weitergibt? Es ist der Friede Christi, der den Weg über die größte Liebe, die des Kreuzes, genommen hat. Es ist der Friede, den der auferstandene Jesus den Jüngern schenkte, als er in ihrer Mitte erschien und zu ihnen sagte: »Friede sei mit euch!« und ihnen dabei seine verwundeten Hände und seine durchbohrte Seite zeigte (vgl. Joh 20,19.20).

Der franziskanische Friede ist keine Gefühlsduselei. Bitte, diesen heiligen Franziskus gibt es nicht! Und er ist auch nicht eine Art pantheistischer Harmonie mit den Energien des Kosmos… Auch das ist nicht franziskanisch, sondern eine Idee, die einige entwickelt haben! Der Friede des heiligen Franziskus ist der Friede Christi, und diesen Frieden findet, wer Christi „Joch auf sich nimmt“, nämlich sein Gebot: Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe (vgl. Joh 13,34; 15,12). Und dieses Joch kann man nicht mit Arroganz, mit Überheblichkeit, mit Hochmut tragen, sondern nur mit Gütigkeit und Herzensdemut.

Wir wenden uns an dich, heiliger Franziskus, und bitten dich: Lehre uns, „Werkzeuge des Friedens“ zu sein, jenes Friedens, der seine Quelle in Gott hat, des Friedens, den Jesus, der Herr, uns gebracht hat.

„Höchster, allmächtiger, guter Herr … gelobt seist du … mit allen deinen Geschöpfen“ (FF, 1820, in: Franziskus-Quellen, Kevelaer 2009, S. 40). So beginnt der Sonnengesang des heiligen Franziskus. Die Liebe zur gesamten Schöpfung, zu ihrer Harmonie. Der Heilige von Assisi bezeugt die Achtung gegenüber allem, was Gott erschaffen hat und was der Mensch zu bewahren und zu schützen berufen ist. vor allem aber bezeugt er die Achtung und die Liebe gegenüber jedem Menschen. Gott hat die Welt erschaffen, damit sie ein Ort des Wachsens in Harmonie und Frieden sei, nicht dem Dienst an den Götzen unterworfen.

Harmonie und Frieden! Franziskus war ein Mensch der Harmonie und des Friedens. Von dieser „Stadt des Friedens“ aus wiederhole ich mit der Kraft und der Sanftheit der Liebe: Achten wir die Schöpfung, seien wir nicht Werkzeuge der Zerstörung! Achten wir jeden Menschen: Mögen die bewaffneten Konflikte, die die Erde mit Blut durchtränken, aufhören, mögen die Waffen schweigen und überall der Hass der Liebe weichen, die Beleidigung der Vergebung und die Zwietracht der Einheit! Hören wir den Schrei derer, die weinen, leiden und sterben aufgrund der Gewalt, des Terrorismus oder des Krieges – im Heiligen Land, das der heilige Franziskus so sehr liebte, in Syrien, im ganzen Nahen Osten, in der Welt.

Wir wenden uns an dich, heiliger Franziskus, und bitten dich: Erwirke uns von Gott die Gabe, dass in dieser unserer Welt Harmonie und Frieden herrsche!

Schließlich darf ich nicht vergessen, dass heute Italien den heiligen Franziskus als seinen Patron feiert. Das drückt sich auch in der traditionellen Geste der Spende des Öls für die Votivlampe aus, die gerade in diesem Jahr der Region Umbrien zufällt. Beten wir für die italienische Nation, dass jeder immer für das Gemeinwohl arbeite und dabei mehr auf das Einende als auf das Trennende schaue.

So übernehme ich das Gebet des heiligen Franziskus für Assisi, für Italien und für die Welt: »Daher bitte ich dich, Herr Jesus Christus, Vater der Erbarmungen, schau nicht auf unsere Undankbarkeit, sondern gedenke stets deiner reichlich überströmenden Güte, die du in [dieser Stadt] gezeigt hast, damit sie immer Ort und Wohnstätte jener sei, die dich wahrhaft erkennen und deinen gebenedeiten und glorreichsten Namen verherrlichen wollen von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen« (Spiegel der Vollkommenheit, 124: FF, 1824, in: Franziskus-Quellen, Kevelaer 2009, S. 1331).

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Pastoralbesuch in Assisi: Predigt von Papst Franziskus während der Eucharistiefeier auf der Piazza San Francesco

(rv 04.10.2013 ord)

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Siehe auch:

DAS GEHEIMNIS VON PORTIUNCULA

Von Pater Eugen Mederlet OFM

Das Leben des heiligen Franziskus ist ein Kunst­werk Gottes, vergleichbar mit dem Johannes-Evangelium, wo jedes Wort und jedes Ereignis wun­derbare Zusammenmhänge, welche die ganze Schöpfung weben, dem Ohr des Jüngers kundtun. Franziskus hat die Ereignisse und Erfahrungen sei­nes Lebens kaum in Worten gedeu­tet. Die Wunder seines Herzens sind fast wortlos geschehen, wie eben das Leben geschieht. Um sie zu deuten, müßten wir in derselben Anbetung knien, in der sie ihm geschehen sind.

Die Sendung, die Franziskus vom Kreuze her erhielt: „Siehe, mein Haus zerfällt, geh‘, bau es wieder auf.“, ist ein göttliches Offenbarungswort, in dem das ganze Geheimnis des heili­gen Franziskus enthalten ist. Dieses Geheimnis empfängt er in San Damiano noch verschlossen wie die Knospe einer kostbaren Blüte. Im Kirchlein von Portiuncula wird sich ihm die Blüte erschließen.

Der Name „Portiuncula“ bedeutet „das kleine Teilchen“, „die kleine Portion“. Die Legende sagt, ein Pil­ger habe Erde vom Heiligen Land mitgebracht und mit dieser Erde eine Fläche im Wald vor Assisi umstreut, so weit die Erde ausreichte. Diese Fläche habe er Maria geweiht und ihr darauf eine Kapelle gebaut: „ein Teilchen“ des Heiligen Landes nach Italien gebracht; oder „ein Teilchen“ Erde Maria geweiht. Es mag beides bedeuten. Es sprach sich im Volk herum, die Engel sängen dort das Marienlob, man habe es oft gehört. Die Kirche war Eigentum der Benediktiner-Abtei von Monte Subasio und diente wohl vor Zeiten als Einsiedelei, in der solche Mönche lebten, die „wohlgerüstet aus der Reihe der Brüder herausgetreten waren und den Einzelkampf in der Wüste aufgenommen haben“ (vgl. Regel des heiligen Benedikt, Kap. 1). Zur Zeit des heiligen Franziskus waren diese Einsiedeleien schon lan­ge nicht mehr bewohnt. An verborge­nen Orten Umbriens gab es aber da und dort noch eine zerfallene Kapel­le, ein Häuschen, eine Höhle. Man­che dieser Orte erbat sich später der heilige Franziskus von der zuständi­gen Abtei als einsamen Ort des Ge­betes. Ein solcher Ort war die kleine Kirche von Portiuncula.

Sie war verlassen und von nieman­dem betreut. Wie sie der Heilige Got­tes so verfallen sah, wurde er von frommem Mitleid gerührt, und weil er glühende Verehrung für die Mutter aller Güte hegte, nahm er daselbst seinen dauernden Aufenthalt (1 Cel. 21). Die zerfallene Kirche, die nach Maria genannt ist, gewann der Heili­ge vor allen anderen lieb; sie befahl er den Brüdern in besonderer Ehrfurcht zu halten. Er erzählte, ihm sei von Gott geoffenbart worden, daß die seli­ge Jungfrau unter den anderen ihr zu Ehren auf der Welt erbauten Kirchen diese Kirche mit besonderer Liebe lie­be, daher liebte sie auch der Heilige mehr als alle anderen (2 Cel. 18-19).

Wir wollen versuchen, einen Ein­blick in das Geheimnis der eigenarti­gen Verbundenheit des heiligen Franziskus mit diesem Marien-Hei­ligtum zu gewinnen.

Eines Tages — es war am Fest des heiligen Apostels Matthias im Jahre 1209 — wurde in eben dieser Kirche das Evangelium verlesen, wie der Herr seine Jünger zum Predigen aus­sandte, und der Heilige Gottes war zugegen. Wie er die Worte des Evan­geliums vernommen hatte, bat er gleich nach Beendigung der Meßfeier inständig den Priester, ihm das Evan­gelium auszulegen. Dieser erklärte ihm alles der Reihe nach. Als der heilige Franziskus hörte, daß die Jünger Christi nicht Gold noch Sil­ber noch Geld besitzen, noch Beutel, noch Reisetasche, noch Brot, noch einen Stab auf den Weg mitnehmen, noch Schuhe, noch zwei Röcke haben dürfen, sondern nur das Reich Gottes und Buße predigen sollen, frohlockte er sogleich im Geiste Gottes und sprach: „Das ist, was ich will, das ist, was ich suche, das verlange ich aus Herzensgrund zu tun. (1 Cel. 22, vgl. Mt 10,5-16)

Die Sendung, die in San Damiano bis in seinen Lebensgrund eingesenkt wurde, steigt hier in Portiuncula aus dem geheimnisvollen Dunkel in die Klarheit und nimmt von ihm völlig Besitz. Jetzt weiß er es in hellem Licht: Er soll nicht nur Häuser aus Stein aufbauen; die lebendige Kirche Jesu soll er zur Reinheit und Kraft zurückführen, in der sie die Apostel gegründet haben. Darum muß er selbst so leben wie die Apostel. „Das ist, was ich will!“ Was er schon im­mer „aus Herzensgrund“ suchte, er­hält jetzt die Gestalt der verheißenen Braut. Er hat sie gefunden, „adeliger und schöner als ihr je eine gesehen habt“ (3 Gef. 7). Es ist die Braut Christi, die Kirche. Jesus vertraut ihm sein Größtes und Heiligstes an: die Kirche, Seine Braut. Haus, Stadt, Jerusalem, Zion, Kirche, es sind al­les Namen der Braut (vgl. Offb 21,2). Franziskus soll sie so lieben, wie Christus sie geliebt hat: in ihren Sünden und Wunden. „Siehe, sie zer­fällt.“ Dieses Wort ruft die ganze Seele des heiligen Franziskus an. Christus lebt in ihm Sein Leben als Bräutigam und nimmt ihn ganz zu Sich ans Kreuz. Jesus verwundet ihn mit der Wunde Seiner eigenen Liebe; er soll es „sehen“, mit welchem Aus­satz die Braut, die ganze verlorene Schöpfung, geschlagen ist, welche Wunden sie im Leibe Christi auf­reißt und mit welcher Liebe ihr Bräu­tigam in ihre Armut hinabsteigt, um ihren Aussatz zu küssen und sie zu dem Adel zurückzuführen, in dem Franziskus sie in jener Braut-Vision geschaut hatte. Darum mußte Franziskus die Aussätzigen küssen. Er mußte bereit sein, das zu werden, was er von Kindheit an so entschie­den von sich weggestoßen hatte: aus­sätzig. Er muß in die gleiche Armut hinabsteigen wie Christus am Kreuz und in die gleiche Kreuzigung des Fleisches, damit er in der keuschen Liebe Christi die Braut lieben kann; sein Fleisch darf daran nicht den geringsten Anteil haben. Nur wenn Franziskus gekreuzigt ist, kann Jesus ihm offenbaren, was Er selber getan hat, um Seine Braut rein und makellos darzustellen (vgl. Eph 5,27). „Von dieser Stunde an durchbohrte das Mitleid mit dem Gekreuzigten seine heilige Seele. Hier werden sei­nem Herzen die Male des verehrungs­würdigen Leidens tief eingedrückt“ (2 Cel. 10-11). Er empfängt es aus dem Herzen Jesu, sich ganz zu ver­zehren, um die Braut heimzuführen ins Brautgemach am Kreuz und sie wieder aufzurichten in ihrer vollen­deten Schönheit. Die Liebe zu Chri­stus wird seine Liebe zur Kirche.

Alsogleich löst er die Schuhe von den Füßen, legt den Stab aus der Hand und vertauscht den Ledergürtel mit einem Strick. Darauf richtet er sich den Habit in Form des Kreuzes zurecht, damit er in ihm alle teufli­schen Trugbilder abwehre; er macht ihn aus dem rauhesten Stoff, um in ihm das Fleisch mit seinen Lastern und Sünden zu kreuzigen; er macht ihn schließlich recht armselig und schmucklos, daß er der Welt in keiner Weise begehrenswert erscheinen kön­ne (1 Cel. 22). Er wird mit seinen Brüdern zufrieden sein mit einem Habit, einem Strick und den Hosen. „Mehr wollen wir nicht haben.“ (Schriften S. 214)

Hier entdeckt er die Armut als Geheimnis der Brautschaft. Er kann die Kirche nur dann in die Arme Christi, des Gekreuzigten, zurück­führen, wenn er so arm ist wie der Bräutigam selber. Die Armut ist das Brautgeheimnis; darum wird er entflammt von der Liebe zur Armut. Er will ihr „aus ganzer Seele anhangen und um des Namens unse­res Herrn Jesu Christi willen auf immer nichts anderes unter dem Himmel zu haben trachten“ als die heilige Armut (Schriften S. 165). Um die Braut, die Kirche, aus der Sünde zu retten, steigt er mit Christus im­mer tiefer hinab in Armut und Schmerz. Er will nichts mehr ken­nen als Jesus, den in Sehnsucht nach Seiner Braut Gekreuzigten (vgl. 1 Kor 2,2). Darum darf er nichts für sich haben, auch nicht sich selbst, und nichts darf er an der Braut begehren. Nicht er hat die Braut; er ist der Freund des Bräutigams (Joh 3,29), der die Braut suchen und schmücken und in die Arme Jesu zurückführen muß.

Das ist die Wunde, die er in San Damiano aus dem Herzen des Gekreuzigten empfangen hat; jetzt, in Portiuncula, erhält sie ihren Na­men; sie heißt: Liebe zur Kirche, der von Gott so schmerzlich und glühend geliebten Braut. Diese Liebe des hei­ligen Franziskus zur Kirche ist nicht verschieden von seiner Liebe zu Chri­stus und zum Vater; sie ist diese Liebe selber, die Liebe des Heiligen Geistes aus dem Einen Herzen Got­tes.

So kommen wir hier auf die Spur seiner besonderen Hinneigung zum Kirchlein von Portiuncula: Hier emp­fing er die Offenbarung des Braut­geheimnisses, und hier ist der Ur­sprung der franziskanischen Armut.

Aber Franziskus erlebt die Bedeu­tung von Portiuncula noch tiefer. Daß Maria „diese Kirche mit besonderer Liebe liebte“ (2 Cel. 19), wäre schon Grund genug, daß auch „der Heilige sie mehr liebte als alle anderen“ (2 Cel. 19). Aber es ist kein Zweifel, daß sein reines Herz den Zusammenhang erfaßte: Maria ist selber die Braut. Das ganze Geheimnis der Kirche geht von ihr aus, weil es in ihr enthalten ist.

Sie umfing er mit unsagbarer Lie­be; er widmete ihr Lobpreisungen, an sie richtete er Bittgebete, ihr weihte er Herzensanmutungen, so zahlreich und so innig, wie sie eine menschliche Zunge gar nicht auszusprechen ver­möchte… Er bestellte sie zur Schutz­herrin des Ordens und vertraute ih­rem Schutzmantel seine Söhne an. (2 Cel. 198)

Portiuncula wurde für immer zur Heimat des Ordens. Hier hat Franziskus zuerst gewohnt mit sei­nen ersten zwei Gefährten (3 Gef. 32), nicht weit vom Heim der Aussätzigen. Wenn er diese „christli­chen Brüder“ (Spiegel 104) gepflegt hatte, kam er wieder nach Portiun­cula zum Gebet. Und als er dann nach dem Vorbild der Apostel auf der Straße der Armut ging, kehrte er doch immer wieder in diese Heimat zurück. Hier sammelten sich die Gefährten um ihn; von hier aus sand­te er sie zu zweien auf ihre ersten Missionsfahrten, und hier trafen sich alle wieder. Als Franziskus mit den ersten elf Gefährten aus Rom zu­rückkam, erkannte er, daß das apo­stolische Wanderleben Orte der Sammlung braucht. Der Abt von Monte Subasio übergab ihm und sei­nen Brüdern Portiuncula als ersten dieser Orte. Franziskus wollte kein Eigentum; so wurde vereinbart, daß die Brüder jedes Jahr dem Abt ein Körbchen voll Fische als Zins brin­gen sollten (L.a.8).

Portiuncula sollte als Spiegel des Ordens in Demut und höchster Ar­mut gehütet bleiben… Hier sollten die Brüder in allem die strengste Zucht bewahren. Franziskus selbst rief sie von überall her dorthin und verlang­te, daß sie Gott in Wahrheit hingege­ben und in jeder Hinsicht vollkom­men seien. Allen Weltleuten war un­ter allen Umständen jeder Zutritt verschlossen. Der Heilige wollte nicht, daß die Brüder den Erzählungen der Weltleute lauschten, damit sie nicht in der Betrachtung himmlischer Din­ge gestört und in niedrige Händel gezogen würden. Keinem war es dort erlaubt, müßige Worte zu sprechen. Ohne Unterbrechung, Tag und Nacht, waren sie an dem Ort mit dem Lobe Gottes beschäftigt. Wunderbaren Duft verbreitete ihr engelgleiches Leben.
(2 Cel. 18-19)

Franziskus sagte oft: Seht zu, mei­ne Söhne, daß ihr diesen Ort niemals verlaßt: Wenn ihr auf der einen Seite hinausgetrieben werdet, geht auf der anderen wieder hinein; denn dieser Ort ist wahrhaft heilig und eine Wohn­stätte Gottes. Hier hat uns der Aller­höchste vermehrt, als wir noch weni­ge waren; hier hat Er mit dem Lichte Seiner Weisheit die Herzen Seiner Armen erleuchtet, hier hat Er mit dem Feuer Seiner Liebe unseren Wil­len entzündet. Hier erhält jeder, der demütigen Herzens bittet, was er be­gehrt, und wer hier fehlt, wird schwe­rer bestraft. Deshalb, meine Söhne, haltet aller Ehre würdig den Ort der Wohnung Gottes und preist hier Gott aus eurem ganzen Herzen mit Jubel und Lobgesang! (1 Cel. 106)

Das Brautgeheimnis von Portiuncula wird uns noch tiefer enthüllt im Portiuncula-Ablaß.

Es wird erzählt: In einer Winternacht war Franziskus von heftigsten Versuchungen gegen die Keuschheit befallen. Wir wissen von vielen solchen Versuchungen des Heiligen; hier in Portiuncula erkennen wir ihren Sinn. Die Versuchung war so heftig, so andauernd, daß Franziskus in die kalte Nacht hinaustrat, sich nackt auszog, sich in die Dornen eines Rosenstrauches warf und sich hin und her wälzte. So wurde er der Versuchung Herr. Auf diesen Sieg der Treue erschienen ihm zwei Engel, die ihn einluden, mit ihnen zur Portiuncula-Kapelle zu kommen, durch deren kleine Fensterchen hel­les Licht strahlte. Als er eintrat, sah er über dem Altar Christus und Ma­ria, umgeben von den Chören der Engel. Er wirft sich nieder auf die Knie, und Jesus bietet ihm an, er könne einen Wunsch aussprechen und diesen Maria übergeben. Was Franziskus nun erbittet, wird jeden enttäuschen, der es nicht auf dem Goldgrund des Brautgeheimnisses schaut. Er erfleht, daß jeder, der das Kirchlein von Portiuncula gläubig betritt, Nachlaß aller Sünden und Sündenstrafen erhalte. Das ist in der Kirchensprache ein „vollkommener Ablaß“. Und Maria nimmt die Bitte auf und bringt sie in ihrem eigenen bräutlichen Herzen Jesus dar. Jesus gewährt sie ihr mit dem Hinweis an Franziskus, diesen Ablaß von sei­nem Stellvertreter auf Erden, dem Papst, bestätigen zu lassen. Papst Honorius weilte zu der Zeit in Perugia und gewährte den Ablaß (vgl. Luciano Canonici, La Porziuncola nei piu antichi documenti francescani, S. 87 ff.).

Was ist hier geschehen? Und zu­erst: Was bedeutet jene Versuchung und jener Sieg in den Dornen des Rosenstrauches? Als Franziskus in die Zelle zurückkehrte, hatte der Rosenstrauch alle Dornen verloren und stand statt dessen mitten im Winter voller Blüten. Noch heute wächst hier — und nur hier — die „Rosa canina assisiensis“ — ohne Dor­nen.

Franziskus soll die Kirche aus der Sünde zur bräutlichen Blüte zurück­führen; herrlich, „ohne Flecken oder Runzeln oder dergleichen, heilig und makellos soll sie sein“ (Eph 5,27). Wie kann er diesen Auftrag ausfüh­ren, wenn er nicht selber auch in den heftigsten Versuchungen sich rein bewahrt, wenn er mit dem kleinsten Schatten des Begehrens die ihm an­vertraute Braut verletzt?

In diesem „nichts begehren“ aber ist die höchste Liebe verborgen. Es ist die Wiederherstellung des Para­dieses, wo in der Liebe von Mann und Frau nichts, gar nichts war, dessen sie sich schämen mußten; nichts ist in ihnen als die aus dem Herzen Gottes ihnen zuströmende gott­menschlich-gewordene Liebe. Fran­ziskus hat in den Dornen die Nackt­heit wiedergefunden. Aber jetzt ist es die Nacktheit des Gekreuzigten.

Im Leben des heiligen Franziskus stehen alle die harten Züchtigungen seines Leibes und seines Gemütes im Dienste dieser Liebe. So erklären sich die über das Maß eines einzelnen Menschen weit hinausgehende Hef­tigkeit und Häufigkeit der Versu­chungen zur Unkeuschheit. Wenn es der Schlange gelingen könnte, die­sen Erwählten zu verführen, dann würde ihm die Braut entzogen, er hätte keine Vollmacht mehr, sie zu heiligen.

Wir können nicht ausdenken, was geschehen wäre, wenn Franziskus versagt hätte. Darum hat der Teufel so gewütet. Er ist der Hasser und Vernichter der Vermählung Gottes mit der Schöpfung.

Ist Luzifer nicht am Geheimnis Marias, die das Kind in ihrem Schoß trägt, zum feuerroten Drachen ge­worden (Offb 12,1 ff.)? Gott hat im Paradies die Urfeindschaft zwischen der Schlange und der das Kind gebä­renden Frau aufgedeckt (Gen 3,15). In dieser Urfeindschaft wütet der Teufel gegen den aus allen anderen auserwählten Brautführer Franzis­kus. Es sind weltgeschichtliche Schlachten, die dieser in seinem Fleisch mit dem Teufel austrägt und gewinnt. Er ist der Drachentöter, der die Jungfrau befreit. Er weiß, aus welcher Gefahr er sie retten muß. Immer wieder klingt es in seinen Schriften wie ein Schrei aus seinem Herzen: „Hassen sollen wir unseren Leib mit seinen Lastern und Sün­den, weil er fleischlich leben und uns dadurch die Liebe unseres Herrn Jesus Christus und das ewige Leben rauben und sich selbst mit allem in die Hölle stürzen will; denn durch unsere Schuld sind wir abscheulich, elend und dem Guten zuwider, zum Bösen aber bereit“ (Schriften 193, vgl. Röm 7,15-18).

Es sind die Tränen Jesu über Jerusalem, die in den wunden Augen des heiligen Franziskus blutig wer­den: „Wenn du doch heute erkennen würdest, was dir zum Frieden dient“ (Lk 19,42)! Hier! Hier, im Kirchlein von Portiuncula sollen die Menschen erkennen und umkehren! Wenn Franziskus unzählige Menschen durch alle Jahrhunderte hindurch zum christlichen Leben führt, ist es die Frucht seines Büßens und Weinens.

Nun wird auch klar, warum bei Franziskus das Wort „Reinheit“ und die Ermahnung, stets reinen Her­zens zu Gott zu beten, so leuchtend ist, so tief gefüllt mit Kraft und Innigkeit. Bruder Ägidius, einer sei­ner vertrautesten Gefährten, sagt: „Keuschheit nenne ich, alle Sinne für die Gnade Gottes bewahren“ (Ägidius S. 76). Nichts darf in den Sinnen des Leibes und der Seele verbleiben als nur die Liebe des Bräutigams zu seiner Braut und der Braut zu ihrem gekreuzigten Herrn und Gott.

Daß seine Keuschheit der Heili­gung der Braut geweiht ist, leuchtet in folgender Begebenheit auf:

Als er infolge des Fastens seinen Weg nicht weitergehen konnte, brachte ihm eine Mutter mit ihrer Tochter, einer gottgeweihten Jungfrau, Brot und Wein.

Kaum hatte der Heilige gespeist und sich ein wenig gestärkt, erquickte er seinerseits mit dem Worte Gottes Mutter und Tochter. Und während er ihnen predigte, schaute er keiner ins Antlitz. Als die Frauen wieder fortge­gangen waren, sagte sein Gefährte zu ihm: Bruder, warum hast du die heiligmäßige Jungfrau nicht angese­hen, da sie doch mit solcher Ergebenheit zu dir kam? Der Vater antwortete ihm: Wer müßte sich nicht scheuen, eine Braut Christi anzublic­ken? (2 Cel. 114).

Dazu erzählte er ein Gleichnis: Ein sehr mächtiger König schickt nach­einander zwei Boten zur Königin. Der erste kehrt zurück und überbringt nur ihre Worte mit seinen Worten. Er hatte die Augen eines Weisen im Kopf die nirgendwo umherschweifen. Da kehrt der andere zurück, und nach einem kurzen Bericht erzählt er eine lange Geschichte über die Schönheit der Herrin: Fürwahr, Herr, ich habe eine wunderschöne Frau gesehen. Glücklich, wer sich ihrer freuen darf! Doch darauf der König:

Nichtsnutziger Knecht! Auf meine Braut hast du deine schamlosen Au­gen geheftet! Klar, daß du die Sache, die du so ganz genau dir angeschaut hast, auch gern kaufen möchtest. Darauf läßt er den ersten zurück­rufen und spricht: Was hast du für eine Ansicht von der Königin? Nur die beste, denn schweigsam hörte sie zu und antwortete scharfsinnig. Hat sie nichts von körperlicher Anmut an sich? Dies zu prüfen ist deine Sache; die meine war nur, Worte zu über­bringen. Da fällt der König das Ur­teil: Du hast züchtige Augen, umsomehr einen keuschen Körper. Bleib im Haus als Kammerdiener! Der aber soll mir aus dem Hause gehen, damit er nicht das Brautgemach beflecke! (2 Cel. 113)

Wie selbstverständlich geht aus dem heißen Kampf um die Braut die Bitte von Portiuncula hervor. Es soll hier ein Ort der Wiederherstellung aller Heiligkeit sein. Franziskus sieht „Nachlaß von Sünde und Strafe“ nicht juristisch-materiell; er sieht den Schmerz des an seiner Kirche ver­wundeten Gottessohnes, er sieht Blut und Wasser aus der Herzwunde des Bräutigams hervorquellen, der seine im Aussatz der Sünde entstellte Braut im Wasserbad der Taufe rein-wäscht und sie mit dem Hochzeits­wein seines Blutes tränkt (vgl. Hil­degard von Bingen, Scivias, S. 192 ff.).

Und diese Braut ist ihm, Fran­ziskus, anvertraut. Er hat in San Damiano die Herzwunde des Bräuti­gams empfangen. Dort ist er zur Kreuzigung geweiht worden, zu al­len Wunden der Geißelung und Dornenkrönung, bis zur Verlassen­heit am Kreuz. Hier in Portiuncula, wo er die Keuschheit in der Opferung seines Leibes gerettet hat, hier im Ursprung der franziskanischen Ar­mut und jungfräulichen Liebe, hier im Heiligtum der Braut soll die Kir­che den Gnadenschatz öffnen: das ist die kühne Bitte des kleinen, armen Franziskus. Und Maria, die Braut, die Mutter der Kirche, nimmt diese Bitte in ihr Herz und öffnet den Schatz.

Es ist von tiefster Bedeutung, daß sie, Maria, die demütige Bitte des heiligen Franziskus vorträgt. Maria umfaßt ja die ganze Brautschaft. Als sich das Wort Gottes mit ihr ver­mählte, hat sie in ihrem magdlichen Ja-Wort die ganze Schöpfung mit-vermählt. Jede bräutliche Zustim­mung in der Kirche ist umfangen vom Brautwort im Herzen Marias: „Ich bin die Magd des Herrn, mir geschehe nach deinem Wort!“ Wenn schon Eva in ihrem Nein die ganze Schöpfung sündig machen konnte, weil sie als „Mutter aller Lebendi­gen“ die Verantwortung für alle trug, dann vermag Maria noch mehr: Ma­ria, die Mutter nicht nur aller Leben­digen, sondern die Mutter des Le­bens selbst, weiht mit ihrem Ja-Wort die Schöpfung aufs neue der Ver­mählung.

Sie, Maria, die Ur-Kirche, nimmt die Bitte des Brautführers auf und trägt sie dem Bräutigam vor. Laß die Kirche hier heilig werden, wie ich dir heilig vermählt bin! Es ist die Lehre der Kirche, daß ein Ablaß immer so weit wirkt, als der Empfangende in Bekehrung und Reue für die Liebe Gottes offen ist. Darum ist der „voll­kommene Ablaß“ das Angebot der vollkommmenen Liebe. Hier in Portiucula sollen sich die Herzen endlich zur Umkehr bewegen lassen, damit sie diese Liebe empfangen kön­nen. Die Kirche soll hier so heilig werden, daß endlich die Hochzeit des Lammes mit der vollendeten Braut gefeiert werden kann Die Fülle der Heiligkeit der Immaculata soll ge­schichtlich in der Kirche Wirklich­keit werden. So reicht die Bitte des heiligen Franziskus bis in die Voll­endung der Zeit. „Der Geist und die Braut rufen: Komm! Und wer es hört, rufe: Komm! Wer dürstet, komme, und wer will, empfange Wasser des Lebens umsonst“ (Offb 22,17). In der Tat, in welchem Marienheiligtum wurde so tief das Geheimnmis der keuschen Brautschaft enthüllt?