„Die wahren Schätze der Kirche“

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Obdachlose Person

Papstpredigt zum Jubiläum der sozial ausgeschlossenen — Volltext

‪„Es ist Anlass zur Sorge, ‪‪wenn das Gewissen taub wird und den Mitmenschen, der neben uns leidet, nicht mehr wahrnimmt oder die ernsten Probleme der Welt nicht mehr beachtet und diese zu bloßen, in den Nachrichtensendungen immer wieder gehörten Refrains werden“, so sagte Papst Franziskus heute Morgen im Petersdom während der feierlichen Messe zum Anlass des Jubiläums der sozial Ausgeschlossenen. Hierüber solle man sich Sorgen machen statt über die ‪„Horoskope“.

‪„Wer Jesus nachfolgt, schenkt den Unheilspropheten, den Nutzlosigkeiten der Horoskope und den Angst einflößenden Predigten und Weissagungen, die von dem ablenken, worauf es ankommt, kein Gehör“, warnte Jorge Bergoglio ausdrücklich.

Im Laufe seiner Predigt prangerte er insbesondere ‪„den tragischen Widerspruch unserer Zeit“ an. ‪„Je mehr der Fortschritt und die Chancen wachsen, was an sich etwas Gutes ist, umso mehr Menschen gibt es, die dazu keinen Zugang haben“, so bemerkte der Papst.

‪„Man darf nicht ruhig im Hause bleiben, während Lazarus vor der Tür liegt; es gibt keinen Frieden im Hause des Wohlhabenden, wenn es im Hause aller an Gerechtigkeit fehlt“, warnte der Heilige Vater.

Gott und der Nächste seien die größten Güter, die man lieben soll. „Alles andere – der Himmel, die Erde, die schönsten Dinge, auch diese Basilika – all das vergeht“, sagte er.

Papst Franziskus erinnerte die Gläubigen auch an die Stelle des Menschen im Plan Gottes. ‪„Die menschliche Person, die Gott an die Spitze der Schöpfung gestellt hat, wird oft ausgesondert, weil man den vergänglichen Dingen den Vorzug gibt. Und das ist unannehmbar, denn der Mensch ist in Gottes Augen das kostbarste Gut“, betonte er, während er es als ‪„gravierend“ bezeichnete, sich an diese Aussonderung zu gewöhnen.

Zum Schluß seiner Predigt erinnerte Franziskus an den römischen Diakon und Märtyrer Laurentius, der vor seinem grausamen Martyrium die Armen als ‪„die wahren Schätze der Kirche“ bezeichnete. ‪„Möge uns der Herr gewähren, dass wir furchtlos auf das blicken, worauf es ankommt, und unser Herz auf ihn und auf unsere wahren Schätze ausrichten“, so bat Jorge Bergoglio.

Die feierliche Messe vom heutigen Sonntag, Tag an dem in allen Teilen der Welt die Heiligen Pforten geschlossen werden — nur die Heilige Pforte im Petersdom bleibt noch eine Woche lang offen –, war das letzte Jubiläum, das im Laufe des am 8. Dezember 2015 begonnenen Heiligen Jahres der Barmherzigkeit gefeiert wurde. Tausende Obdachlose und sozial Ausgeschlossene aus vielen Ländern der Welt, die an der vom französischen Verband ‪„Fratello“ organisierten Pilgerfahrt nach Rom teilnahmen, hatten sich für den Gottesdienst im Petersdom versammelt.

Wir dokumentieren im Folgenden in der offiziellen Übersetzung die heutige Predigt von Papst Franziskus.

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» Für euch […] wird die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen und ihre Flügel bringen Heilung « (Mal 3,20). Die Worte des Propheten Maleachi, die wir in der ersten Lesung gehört haben, werfen ein Licht auf die Feier dieses Jubiläumstages. Sie stehen im letzten Kapitel des letzten Propheten des Alten Testaments und sind an diejenigen gerichtet, die auf den Herrn vertrauen, die ihre Hoffnung auf ihn setzen, indem sie ihn als das höchste Gut ihres Lebens wählen und sich weigern, nur für sich selbst und die eigenen Interessen zu leben. Für diese, die arm an sich selbst, aber reich an Gott sind, wird die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen: Sie sind die Armen vor Gott, denen Jesus das Himmelreich verspricht (vgl. Mt 5,3) und die Gott durch den Propheten Maleachi » mein besonderes Eigentum « nennt (3,17). Der Prophet stellt sie den Überheblichen entgegen, denen, die die Sicherheit für ihr Leben auf ihre Selbständigkeit und die Güter der Welt gegründet haben. Angesichts dieses letzten Abschnitts des Alten Testaments kommen Fragen auf, die den eigentlichen Sinn des Lebens angehen: Wo suche ich meine Sicherheit? Im Herrn oder in anderen Sicherheiten, die Gott nicht gefallen? Wohin ist mein Leben ausgerichtet, wohin strebt mein Herz? Zum Herrn des Lebens oder zu Dingen, die vergehen und nicht sättigen?

Ähnliche Fragen erscheinen im heutigen Evangelium. Jesus ist in Jerusalem, und zwar für die letzte und wichtigste Etappe seines Erdenlebens: seinen Tod und seine Auferstehung. Er befindet sich in der Nähe des Tempels, der » mit schönen Steinen und Weihegeschenken geschmückt « ist (Lk 21,5). Die Leute sprechen gerade von der äußeren Schönheit des Tempels, als Jesus sagt: » Es wird eine Zeit kommen, da wird von allem, was ihr hier seht, kein Stein auf dem andern bleiben « (Lk 21,6). Und er fügt hinzu, dass Konflikte, Hungersnöte sowie umwälzende Ereignisse auf der Erde und am Himmel nicht ausbleiben werden. Jesus will nicht Angst schüren, sondern er will uns sagen, dass alles, was wir sehen, unabwendbar vergehen wird. Auch die mächtigsten Reiche, die heiligsten Bauten und die stabilsten Realitäten der Welt dauern nicht ewig fort; irgendwann gehen sie unter und fallen zusammen.

Angesichts dieser Behauptungen stellen die Leute dem Meister sofort zwei Fragen: » Wann wird das geschehen und an welchem Zeichen wird man erkennen, dass es beginnt? « (V. 7) Wann und welches Zeichen… Immer werden wir von Neugier getrieben: Man will das Wann erfahren und Zeichen erhalten. Aber Jesus gefällt diese Neugier nicht. Im Gegenteil, er fordert uns auf, uns nicht von den apokalyptischen Predigern täuschen zu lassen. Wer Jesus nachfolgt, schenkt den Unheilspropheten, den Nutzlosigkeiten der Horoskope und den Angst einflößenden Predigten und Weissagungen, die von dem ablenken, worauf es ankommt, kein Gehör. Der Herr lädt uns ein, unter den vielen Stimmen, die man hört, zu unterscheiden, was von ihm und was vom Geist der Lüge kommt. Es ist wichtig, die weise Einladung, die Gott jeden Tag an uns richtet, von dem Lärm derer zu unterscheiden, die sich des Namens Gottes bedienen, um Schrecken zu verbreiten und Spaltungen und Ängste zu schüren.

Jesus fordert uns nachdrücklich auf, keine Angst zu haben vor den Erschütterungen jeglicher Epoche, nicht einmal vor den schwersten und ungerechtesten Prüfungen, die seinen Jüngern widerfahren. Er verlangt, im Guten auszuharren und volles Vertrauen auf Gott zu setzen, der nicht enttäuscht: » Und doch wird euch kein Haar gekrümmt werden « (V. 18). Gott vergisst seine Gläubigen, sein kostbares Eigentum, das wir sind, nicht.

Aber er befragt uns heute über den Sinn unseres Lebens. Mit einem Bild könnte man sagen, dass diese Lesungen sich wie ein „Sieb“ mitten in das Dahinfließen unseres Lebens setzen: Sie erinnern uns daran, dass fast alles in dieser Welt vergeht wie das Wasser, das verrinnt, dass es aber kostbare Wirklichkeiten gibt, die bleiben – wie ein kostbarer Stein in einem Sieb. Was bleibt, was ist wertvoll im Leben, welche Reichtümer schwinden nicht dahin? Sicher zwei: der Herr und der Nächste. Diese beiden Reichtümer schwinden nicht dahin! Das sind die größten Güter, die man lieben soll; alles andere – der Himmel, die Erde, die schönsten Dinge, auch diese Basilika – all das vergeht, aber Gott und die anderen dürfen wir nicht aus unserem Leben ausschließen.

Und doch kommen einem gerade heute, wenn von Ausschließung die Rede ist, sofort konkrete Menschen in den Sinn – nicht nutzlose Dinge, sondern wertvolle Menschen. Die menschliche Person, die Gott an die Spitze der Schöpfung gestellt hat, wird oft ausgesondert, weil man den vergänglichen Dingen den Vorzug gibt. Und das ist unannehmbar, denn der Mensch ist in Gottes Augen das kostbarste Gut. Und es ist gravierend, dass man sich an diese Aussonderung gewöhnt. Es ist Anlass zur Sorge, wenn das Gewissen taub wird und den Mitmenschen, der neben uns leidet, nicht mehr wahrnimmt oder die ernsten Probleme der Welt nicht mehr beachtet und diese zu bloßen, in den Nachrichtensendungen immer wieder gehörten Refrains werden.

Heute, liebe Brüder und Schwestern, ist euer Jubiläum, und mit eurer Anwesenheit helft ihr uns, uns auf die Wellenlänge Gottes einzustellen und das in den Blick zu nehmen, auf das er schaut: Er bleibt nicht beim äußeren Schein stehen (vgl. 1 Sam 16,7), sondern schaut » auf den Armen und Zerknirschten « (Jes 66,2), auf die vielen armen „Lazarusse“ von heute. Wie sehr ist es doch zu unserem eigenen Schaden, wenn wir so tun, als bemerkten wir Lazarus nicht, der ausgeschlossen und „weggeworfen“ wird (vgl. Lk 16,19-21)! Das bedeutet, das Gesicht von Gott abzuwenden. Das bedeutet, das Gesicht von Gott abzuwenden! Es ist ein Symptom von geistiger Sklerose, wenn das Interesse sich auf die Dinge konzentriert, die man produzieren will, anstatt auf die Menschen, die man lieben sollte. So entsteht der tragische Widerspruch unserer Zeit: Je mehr der Fortschritt und die Chancen wachsen, was an sich etwas Gutes ist, umso mehr Menschen gibt es, die dazu keinen Zugang haben. Das ist eine große Ungerechtigkeit, um die wir uns weit mehr sorgen müssen, als darum, zu wissen, wann und wie das Ende der Welt sein wird. Denn man darf nicht ruhig im Hause bleiben, während Lazarus vor der Tür liegt; es gibt keinen Frieden im Hause des Wohlhabenden, wenn es im Hause aller an Gerechtigkeit fehlt.

Heute werden in den Kathedralen und Heiligtümern der ganzen Welt die Pforten der Barmherzigkeit geschlossen. Bitten wir um die Gnade, dass wir nicht unsere Augen verschließen vor Gott, der uns anschaut, und vor dem Nächsten, der uns auf den Plan ruft. Öffnen wir die Augen für Gott, indem wir den Blick unseres Herzens reinigen von den trügerischen und erschreckenden Vorstellungen, vom „Gott“ der Macht und der Strafen, einer Projektion  menschlicher Überheblichkeit und Furcht. Schauen wir vertrauensvoll auf den Gott des Erbarmens, in der Gewissheit, dass »  die Liebe niemals aufhört « (vgl. 1 Kor 13,8). Erneuern wir unsere Hoffnung auf das wahre Leben, zu dem wir berufen sind, jenes Leben, das nicht vergeht und das uns in der Gemeinschaft mit dem Herrn und mit den anderen erwartet, in einer Freude, die ewig anhalten wird und ohne Ende.

Und öffnen wir die Augen für den Nächsten, vor allem für den vergessenen und ausgeschlossenen Mitmenschen. Für den „Lazarus“, der vor unserer Tür liegt. Er steht im Brennpunkt der Lupe der Kirche. Und der Herr bewahre uns davor, diese Lupe auf uns selber zu richten. Er bringe uns von zerstreuendem Blendwerk ab, von Eigennutz und Privilegien, vom Streben nach Macht und Ruhm, von der Verlockung durch den Geist der Welt. Unsere Mutter Kirche schaut » besonders auf den leidenden und weinenden Teil der Menschheit, weil sie weiß, dass diese Menschen ihr aufgrund eines im Evangelium verbuchten Rechtes angehören « (Paul VI., Ansprache zu Beginn der zweiten Sitzung des Zweiten Vatikanischen Konzils, 29. September 1963). Aufgrund eines Rechtes und auch aufgrund einer im Evangelium verankerten Pflicht, denn es ist unsere Aufgabe, uns um unseren wahren Reichtum, nämlich die Armen, zu kümmern. Im Licht dieser Gedanken möchte ich, dass heute der „Tag der Armen“ ist. Daran erinnert uns eine alte Überlieferung vom heiligen römischen Märtyrer Laurentius. Bevor er aus Liebe zum Herrn ein grausames Martyrium erlitt, verteilte er die Güter der Gemeinde an die Armen, die er als die wahren Schätze der Kirche bezeichnete. Möge uns der Herr gewähren, dass wir furchtlos auf das blicken, worauf es ankommt, und unser Herz auf ihn und auf unsere wahren Schätze ausrichten.

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Papst empfängt 4.000 Obdachlose aus ganz Europa

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Jubiläum der Obdachlosen: Papst Franziskus empfing 4.000 arme Menschen aus ganz Europa im Vatikan

Es sind die Fähigkeit zum Träumen und die Leidenschaft, die uns ungeahnte Dinge erreichen lassen und letztlich zu Gott selbst führen. Wahre Armut hingegen sei es, wenn Menschen verlernten, zu träumen und mit Leidenschaft ein Ziel zu verfolgen. Das sagte Papst Franziskus an diesem Freitag vor rund 4.000 Obdachlosen aus über 20 Ländern in der Audienzhalle Paolo VI. Er empfing sie im Rahmen des zu Ende gehenden Heiligen Jahres der Barmherzigkeit; am Sonntag wird er mit ihnen einen Gottesdienst feiern. Bei der Audienz waren zunächst Obdachlose und Helfer am Wort. Sie schilderten In berührenden Zeugnissen ihren Lebensalltag und betonten, was das für sie bedeute, diese Audienz bei Franziskus und die Reise ins Herz der Christenheit. Nicht wenige der Obdachlosen waren zum ersten Mal im Leben mit dem Flugzeug unterwegs.

Der Papst antwortete ihnen nicht mit einer vorbereiteten Rede, sondern sprach frei und auf Spanisch, indem er auf einzelne Aspekte der eben gehörten Zeugnisse einging. „Die Armut steht im Herzen des Evangeliums,“ so beschrieb ein Helfer, der in einer Wohngemeinschaft mit Obdachlosen zusammenlebt, seine Gefühle unter Rückgriff auf ein gern gebrauchtes Wort des Papstes. Dem konnte Franziskus nur zustimmen: „Nur derjenige, der fühlt, dass ihm etwas fehlt, blickt nach oben und träumt. Derjenige, der alles hat, kann nicht träumen! Die einfachen Leute sind zu Jesus gegangen, weil sie geträumt hatten, dass er sie befreien würde, dass er ihnen dienen würde, und so folgten sie ihm und er hat sie befreit.“

Träumen und die Welt verändern

Auch der unerfüllbar scheinende Traum der Menschen in sozialen Schwierigkeiten, eine Reise nach Rom zu unternehmen, sei letztlich wahr geworden. Es sei die Fähigkeit zu träumen, die zu einer Veränderung der Welt führen könne. Dies könnten und sollten die Obdachlosen auch weiter vermitteln, so der Papst: „Lehrt uns alle, die, die ein Dach über dem Kopf haben und denen das Essen und die Medikamente nicht fehlen, sich nicht zufrieden zu geben. Mit euren Träumen, lehrt uns zu träumen, ausgehend vom Evangelium, wo ihr steht, im Herzen des Evangeliums.“

Würde

In den Worten und Gesten derjenigen, die gesprochen hatten, hätte er eines besonders gefühlt, auch wenn es nicht ausgesprochen worden war, so Franziskus: die Würde, mit der die Betroffenen auch in den schlimmsten Situationen etwas Lebenswertes und Schönes entdeckten. „Die Fähigkeit, Schönheit auch in Traurigkeit und Leiden anzutreffen, können nur ein Mann und eine Frau haben, die Würde besitzen. Arm, ja, aber heruntergekommen, nein! Das ist Würde! Dieselbe Würde, die Jesus hat, der arm geboren ist und arm lebte. Ich weiß, ja ich weiß es, dass ihr viele Male Personen getroffen habt, die eure Armut ausnutzen wollten und sie für eigene Zwecke nutzen wollten. Doch ich weiß auch, dass dieses Gefühl, die Schönheit des Lebens zu sehen, diese Würde, euch davor bewahrt hat, zu Sklaven zu werden. Arm ja, Sklaven nein!“

Solidarität

Es sei ihm bewusst, griff der Papst ein weiteres Zeugnis auf, dass das Leben für jeden von ihnen manchmal sehr hart sein könne. Doch das Bewusstsein dafür, dass es stets Personen gebe, denen es schlechter gehe als einem selbst und sich solidarisch mit diesen zu zeigen, trage dazu bei, in Würde zu leben. „Die Fähigkeit, solidarisch zu sein, ist eine der Früchte, die uns die Armut schenkt: wenn viel Reichtum da ist, dann vergisst man, solidarisch zu sein, denn man ist an diejenigen gewöhnt, denen es an nichts fehlt,“ so sein Seitenhieb auf eine Wohlstandsgesellschaft, die es an gelebter Solidarität fehlen lässt.

Frieden

Ein weiterer Punkt, den Franziskus aufgriff: Frieden. Denn „die größte Armut ist der Krieg“, antwortete der Papst auf das Zeugnis eines Obdachlosen, der ihn dazu aufgefordert hatte, sich weiter für den Frieden in der Welt einzusetzen. „Ihr“, so wandte der Papst sich an seine Gäste, „ihr könnt Friedensstifter sein, ausgehend von eurer Situation, von eurer Armut. Den Krieg führen Reiche unter sich, um mehr zu haben, mehr Land, mehr Macht, mehr Geld…“ und weiter: „Es ist sehr traurig, wenn es zu Krieg unter Armen kommt, denn er ist selten: Aufgrund der Tatsache selbst, arm zu sein, sind sie geneigter, als Friedensstifter tätig zu sein, machen sie Frieden, schaffen sie Frieden, und geben ein Beispiel für Frieden.“

Eine arme Kirche für die Armen

Am Ende dankte der Papst den obdachlosen Menschen für ihr Kommen – und entschuldigte sich im Namen der Kirche und der Gläubigen für diejenigen Katholiken, „die wegschauen, wenn sie Arme oder Elendssituationen sehen“. Auch er selbst habe vielleicht nicht immer den rechten Ton getroffen. „Ich bitte euch um Verzeihung, sollte ich euch manchmal mit meinen Worten beleidigt haben oder Dinge nicht gesagt haben, die ich hätte sagen sollen. Ich bitte euch um Entschuldigung für jedes Mal, das wir Christen gegenüber einer armen Person oder einer Situation von Armut wegschauen. Verzeihung! Eure Verzeihung für Männer und Frauen der Kirche, die nicht hinschauen wollen oder wollten, ist Weihwasser für uns, ist eine Reinigung und hilft uns dabei, wieder daran zu glauben, dass im Herzen des Evangeliums die Armut als große Botschaft steht und dass wir – Katholiken, Christen, alle, eine arme Kirche für die Armen bauen müssen.“

Am Samstagabend sind die obdachlosen Rompilger zu einem Konzert in der vatikanischen Audienzhalle eingeladen, bei dem der italienische Starkomponist Ennio Morricone dirigiert.

(rv 11.11.2016 cs)

Generalaudienz: Glaube ohne Werke der Hilfe ist sinnlos

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Bei strahlendem Wetter: Audienz auf dem Petersplatz – OSS_ROM

Armut ist nicht etwas Abstraktes, jeder Mensch reagiert emotional auf den Anblick konkreter Armut. Bei der Generalaudienz auf dem Petersplatz an diesem Mittwoch sprach Papst Franziskus einmal mehr über die Werke der Barmherzigkeit.

Wohlstand könne zu einer Art von Blindheit führen, so Franziskus: „Wenn du die Armut in ihrem fleischlichen Ausdruck in einem Mann, einer Frau oder einem Kind siehst, dann weckt das etwas in uns“, so der Papst. Deshalb schauten viele oftmals weg, wenn sie armen und bedürftigen Menschen begegneten. „Da gibt es diese Gewohnheit, von den Bedürftigen zu flüchten, sich ihnen nicht zu nähern oder die Realität der Armen schön zu reden. Und so entfernen wir uns von dieser Wirklichkeit. Es fehlt jeglicher Bezug zwischen mir und dem Armen.“ Und wer doch den Mut habe, sich Armen zu nähern, werde dann oftmals als ein Verrückter bezeichnet.

Der christliche Glaube jedoch sei tot, wenn er keine Werke der Barmherzigkeit vorzuweisen habe, fuhr Franziskus fort. Die Beziehung eines jeden Gläubigen zu Gott gehe aber noch weiter als die reine Hingabe, den Hungrigen und Dürstenden „ab und zu“ zu essen und zu trinken zu geben. Was noch mehr zähle, sei, „dass ich persönlich mich im täglichen Leben einsetze“. Der Papst nannte die Teilnahme an Spendenaktionen gegen den Hunger in der Welt als eine wichtige Form der Nächstenliebe.

Man könne nicht einem anderen Menschen den „Einsatz für die Armen“ delegieren. Jeder müsse konkret mithelfen. Auch gebe es keine Ausreden, ein Bedürftiger und Hilfesuchender sei immer da. Und wer nun einwendet, dass man zu wenig für andere zur Verfügung hätte, antwortete der Papst, dass das Wenige in die Hände Jesu zu legen sei und dann „voll Glauben und Vertrauen“ zu teilen.

Sein Vorgänger, Papst Benedikt XVI., habe sogar von einem „ethischen Imperativ für die Weltkirche“ gesprochen, solidarisch mit den Mitmenschen zu sein, so Franziskus. Er bezog sich auf eine Passage aus der Enzyklika „Caritas in veritate“. Darin heißt es, dass den Hungrigen zu essen zu geben den Lehren Jesu über Solidarität und Teilen entspräche. Deshalb sei es ein Recht für alle, genügend Essen und Trinken zu haben und die Grundvoraussetzung für alle anderen Rechte. Schließlich handele sich um das Grundrecht auf Leben. Deshalb sei es unerlässlich, alle an das Bewusstsein für Solidarität zu erinnern.

Papst würdigt polnischen Märtyrer

Papst Franziskus hat am Mittwoch des seliggesprochenen polnischen Priesters und Märtyrers Jerzy Popieluszko gedacht. Popieluszko habe sich persönlich für Arbeiter und ihre Familien eingesetzt und sich für Gerechtigkeit, lebenswürdige Bedingungen, Freiheit und Religionsfreiheit stark gemacht, würdigte Franziskus den Priester anlässlich dessen Todestags in seinen Grüßen an die polnischsprachigen Teilnehmer der Generalaudienz auf dem Petersplatz. Jerzy Popieluszko (1947-1984) war am 19. Oktober vor 32 Jahren wegen seiner oppositionellen Haltung vom polnischen Staatssicherheitsdienst ermordet worden.

(rv 19.10.2016 mg)

Papst Franziskus: Videobotschaft für Alte und Kranke

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Alte und Kranke: Betet für sie, bittet der Papst

Vernachlässigung von Alten und Kranken: Darum geht es im Gebetsanliegen von Papst Franziskus im Monat Juni, das an diesem Donnerstag veröffentlicht wurde. „Unsere Städte sollten sich vor allem durch Solidarität auszeichnen, die nicht bloß im Geben an Bedürftige besteht, sondern im gegenseitigen Verantwortungsbewusstsein und im Schaffen einer Begegnungskultur.“

Im Video sieht man Straßenkünstler, die für einen alten Obdachlosen spielen und ihm das gesammelte Geld überreichen. „Begleitest Du mich in meinem Bittgesuch?“, bittet der Papst: „Dass Alte, ausgegrenzte und einsame Leute, auch in den Großstädten, Gelegenheiten zu Begegnung und Solidarität erfahren.“

Papst Franziskus veröffentlicht im Rahmen des Heiligen Jahres zu Beginn jeden Monats zusammen mit dem Gebetsnetzwerk ein Video mit einem speziellen Anliegen.

(rv 02.05.2016 pdy)

„Lazarus repräsentiert den stummen Schrei der Armen aller Zeiten“

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Generalaudienz, 18. Mai 2016 / © PHOTO.VA – OSSERVATORE ROMANO

Generalaudienz von Mittwoch, dem 18. Mai 2016 — Volltext

Wir dokumentieren im Folgenden in einer eigenen Übersetzung die vollständige Katechese von Papst Franziskus bei der Generalaudienz, die heute Morgen auf dem Petersplatz stattfand.

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19. Armut und Barmherzigkeit (vgl. Lk 16,19-31)

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Heute möchte ich mit euch bei dem Gleichnis über den reichen Mann und den armen Lazarus verweilen. Das Leben dieser beiden Menschen verläuft scheinbar in parallelen Bahnen; ihre Lebensbedingungen sind gegensätzlich und es besteht keinerlei Kommunikation untereinander. Die Eingangstüre des Hauses des Reichen ist für den Armen immer verschlossen. Dieser ruht außerhalb und versucht, sich von den Resten des Esstisches des Reichen zu ernähren. Letzterer trägt luxuriöse Kleider während Lazarus‘ Körper von Wunden übersät ist. Der reiche Mann hält jeden Tag ein üppiges Festmahl, während Lazarus an Hunger leidet. Nur die Hunde kümmern sich um ihn und lecken seine Wunden. Diese Szene erinnert an die scharfe Zurechtweisung des Sohnes des Mannes im jüngsten Gericht: „Denn ich war hungrig und ihr habt mir nichts zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben; ich war […] nackt und ihr habt mir keine Kleidung gegeben“ (Mt 24,42-43). Lazarus repräsentiert den stummen Schrei der Armen aller Zeiten und den Widerspruch einer Welt sehr gut, in der sich immenser Reichtum und Ressourcen in den Händen weniger befinden.

Jesus teilt uns mit, dass jener reiche Mann eines Tages starb; Arme und Reiche sterben, ihr Schicksal gleicht dem von uns allen. Niemand ist davon ausgenommen. Daher wandte sich jener Mann bittend mit der Anrede „Vater“ an Abraham (VV. 24.27). Er erhob den Anspruch, sein Sohn zu sein und dem Volk Gottes anzugehören. Im Leben hatte er Gott jedoch in keiner Weise berücksichtigt, sich selbst stattdessen in den Mittelpunkt von allem gestellt  und sich in seiner luxuriösen und verschwenderischen Welt eingeschlossen. Mit dem Ausschluss des Lazarus hat er weder dem Herrn noch dessen Gesetz Rechnung getragen. Den Armen zu ignorieren bedeutet, Gott zu verachten! Dies müssen wir gut lernen: Den Armen zu ignorieren bedeutet Gott zu verachten. Eine Einzelheit des Gleichnisses ist zu beachten: Der Reiche hat keinen Namen sondern wird nur mit dem Adjektiv: „der Reiche“ bezeichnet, während der Name des Armen fünfmal wiederholt wird: „Lazarus“ bedeutet „Gott hilft“. Der vor der Türe kauernde Lazarus ist ein lebendiger Aufruf an den Reichen, sich an Gott zu erinnern, der vom Reichen jedoch nicht angenommen wird. Daher wird er nicht wegen seiner Reichtümer verurteilt, sondern aufgrund seiner Unfähigkeit, Mitgefühl für Lazarus zu empfinden und ihm zu Hilfe zu kommen.

Im zweiten Teil des Gleichnisses begegnen uns Lazarus und der Reiche nach ihrem Tod (VV. 21-31). Im Jenseits hat sich die Situation ins Gegenteil verkehrt: Der arme Lazarus wird von den Engeln in den Himmel zu Abraham gebracht, während der Reiche Qualen erleidet. Daher „hob“ der Reiche „den Blick und sah in der Ferne Abraham und Lazarus an seiner Seite“ (eigene Übersetzung). Er scheint Lazarus zum ersten Mal zu sehen, doch seine Worte verraten ihn: „Vater Abraham, hab Erbarmen mit mir und beauftrage Lazarus, die Fingerspitze in das Wasser zu tauchen und meine Zunge zu benetzen, denn ich erleide furchtbare Qualen in diesen Flammen“ (eigene Übersetzung). Nun erkennt der Reiche Lazarus und bittet ihn um Hilfe, nachdem er im Leben vorgegeben hat, ihn nicht zu sehen. Wie oft tun viele Menschen so, als würden sie die Armen nicht sehen! Für sie existieren die Armen nicht. Zuerst verwehrte er ihm sogar die Speisereste von seinem Tisch und nun soll er ihm zu trinken geben! Er glaubt immer noch, aus seiner vorhergegangenen sozialen Stellung Rechte zu beziehen. Indem er die Erfüllung seines Wunsches für unmöglich erklärt, liefert Abraham selbst den Schlüssel zur gesamten Erzählung. Er erklärt, dass das Gute uns das Böse so verteilt ist, dass die irdische Ungerechtigkeit ausgeglichen wird und die Türe, die den Reichen im Leben vom Armen trennte verwandelte sich in „einen tiefen Abgrund“. So lange Lazarus vor seinem Haus verharrte, existierte für den Reichen die Möglichkeit gerettet zu werden, die Türe zu öffnen, Lazarus zu helfen. Nun sind beide jedoch gestorben und die Situation ist nicht wiedergutzumachen. Gott wird niemals direkt auf den Plan gerufen, doch das Gleichnis enthält eine klare Warnung: Die Barmherzigkeit Gottes uns gegenüber steht in Verbindung zu unserer Barmherzigkeit dem Nächsten gegenüber. Wenn diese fehlt, kann auch jene in unserem verschlossenen Herz keinen Platz finden; sie kann nicht eintreten. Wenn ich nicht die Türe meines Herzens für den Armen öffne, bleibt diese Türe verschlossen. Auch für Gott. Und das ist furchtbar.

An dieser Stelle denkt der Reiche an seine Brüder, die Gefahr laufen, ebenso zu enden. Er bittet darum, dass Lazarus in die Welt zurückkehrt, um sie zu ermahnen. Abraham antwortet jedoch: „Sie haben Moses und die Propheten und sollen auf sie hören“ (eigene Übersetzung). Um umzukehren dürfen wir nicht auf wundersame Ereignisse warten sondern müssen unser Herz für das Wort Gottes öffnen, das uns dazu aufruft, Gott und den Nächsten zu lieben. Das Wort Gottes kann ein ausgetrocknetes Herz wiederbeleben und es von seiner Blindheit heilen. Der Reiche kannte das Wort Gottes zwar, doch er hörte es nicht und nahm es nicht in sein Herz auf. Daher war er unfähig, die Augen zu öffnen und Mitleid mit dem Armen zu empfinden. Kein Bote und keine Botschaft werden die Armen ersetzen können, denen wir auf unserem Weg begegnen, da uns in ihnen Jesus selbst entgegenkommt: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40), so Jesus. So ist in der Umkehrung der Schicksale, wie sie im Gleichnis beschrieben wird, das Geheimnis unseres Heils verborgen, in dem Christus die Armut mit der Barmherzigkeit verbindet. Liebe Brüder und Schwestern, während wir alle gemeinsam mit den Armen der Erde dieses Evangelium hören, können wir mit Maria singen: „er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen“ (Lk 52-53).

[Übersetzt aus dem Italienischen von Sarah Fleissner]

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