Papst zum Welttag der Armen: Gelegenheit zur Neuevangelisierung

Der Papst beim gemeinsamen Essen mit Bedürftigen (Servizio Fotografico „Osservatore Romano“ @L’Osservatore Romano)

Eine Einladung, die Begegnung mit den Armen als besondere Gelegenheit zur Neuevangelisierung zu leben, kommt von Papst Franziskus in seiner Botschaft zum Welttag der Armen. Diese hat der Vatikan an diesem Donnerstag veröffentlicht. „Da ist ein Armer; er rief und der Herr erhörte ihn“ (Ps 34,7) ist das Psalmwort, anhand dessen Franziskus seine Überlegungen entfaltet.

Christine Seuss – Vatikanstadt

Dieser Psalm, so der Papst, ermögliche es heute auch uns, zu verstehen, wer die wahrhaft Armen seien. Man habe sich mittlerweile daran gewohnt, die vielen Brüder und Schwestern, die in Not lebten, allgemein als „arm“ zu bezeichnen. Gott, so erinnert Franziskus, hat eine besondere Zuneigung zu den Menschen, die im irdischen Leben mit Füßen getreten, verfolgt und ausgegrenzt werden.

Drei Worte des Psalms seien es, die die Beziehung zwischen Gott und den Armen in besonderer Weise charakterisierten, führt Franziskus weiter aus. Diese Worte seien: „schreien“, „antworten“ und „befreien“.

“ An einem Welttag wie diesem sind wir zu einer ernsthaften Gewissenserforschung aufgerufen, um uns darüber klar zu werden, ob wir wirklich fähig sind, auf die Armen zu hören ”

Der Schrei, den der Arme in seiner Verzweiflung und Einsamkeit zum Himmel richte, werde von Gott erhört. Doch, so die Mahnung des Papstes, wir selbst müssten Gewissenserforschung darüber vornehmen, weshalb ein Schrei, der bis zu Gott dringe, von uns ignoriert werden könne. Zum Hinhören gehörten auch die Stille, das Schweigen, das auch im Getöse einiger „verdienstvoller und notwendiger Initiativen“ untergehen könne, die „häufig mehr darauf ausgerichtet sind, uns selbst zu gefallen, als darauf, den Schrei des Armen wirklich wahrzunehmen“.

Man sei allzu gefangen in einer Kultur, die der Selbstbeschau diene, so dass man fälschlicherweise das Gefühl haben könne, eine „Geste der Selbstlosigkeit“ entpflichte einen von seiner Verantwortung, ohne sich vertieft einzubringen.

“ Der Welttag der Armen will eine kleine Antwort sein, die sich von der Kirche, die über die ganze Welt verstreut ist, an die Armen jeder Art und jeden Landes richtet, damit sie nicht denken, ihr Schrei sei auf taube Ohren gestoßen. ”

Die „Antwort“ des Herrn auf den Ruf des Armen sei hingegen eine „Anteilnahme voller Liebe“ an dessen Situation. Gleichzeitig sei sie ein Appell an jeden Gläubigen, „innerhalb der Grenzen des menschlich Möglichen“ ebenso zu handeln. Hierbei sei es mit Almosen nicht getan, erinnert der Papst, denn es sei das persönliche Engagement, das wirklich wertvoll für die Geschwister in Not sei.

Eine Absage an rein materielle karitative Unterstützung also, während die Notwendigkeit von „liebevoller Zuwendung“ (Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 199) betont wird, „die den anderen als Person ehrt und sein Wohl sucht“.

“ Die Armut wird nicht gesucht, sondern vom Egoismus, vom Stolz, von der Gier und von der Ungerechtigkeit erzeugt. ”

Ein drittes Wort, „befreien“: Das Eingreifen Gottes, das in zahlreichen Bibelstellen geschildert wird, befreit den Armen aus seiner Situation und gibt ihm die Möglichkeit, „zügig“ voranzuschreiten und „die Welt mit klaren Augen“ zu sehen.

Doch es dürfe nicht beim Eingreifen Gottes bleiben, vielmehr sei „jeder Christ und jede Gemeinschaft“ berufen, „Werkzeug Gottes für die Befreiung und die Förderung der Armen zu sein, so dass diese sich vollkommen in die Gesellschaft einfügen können“, zitierte Franziskus abermals aus seinem Programmschreiben Evangelii gaudium (187).

“ Wie viele Wege führen auch heute noch zu Formen der mangelnden Absicherung! ”

Es sei leider die herrschende Tendenz, eine Distanz zwischen sich und dem Armen, den man als störendes Element wahrnehme, zu schaffen, beklagt Franziskus. Er weist darauf hin, dass man „sich auf diese Weise vom Herrn Jesus distanziert, der sie nicht zurückweist, sondern sie zu sich ruft und sie tröstet“.

Anschließend geht der Papst auf konkrete Initiativen ein, die mit dem Welttag des Armen in Verbindung stehen können. Unter ihnen, an erster Stelle, das gemeinsame Mahl, das neben der Sättigung des hungrigen Magens auch eine echte Form der Gemeinschaft und des Dialogs mit den benachteiligten Menschen darstelle.

“ Oft gelingt es in der Zusammenarbeit mit anderen Akteuren, die zwar nicht vom Glauben, aber von der menschlichen Solidarität bewegt sind, eine Hilfe zu bringen, die wir alleine nicht verwirklichen könnten. ”

Dabei warnt der Papst davor, den Glauben als Alleinstellungsmerkmal für solidarisches und karitatives Handeln zu sehen. Die Begrenztheit der menschlichen Mittel mache es nötig, Formen der Zusammenarbeit zu suchen, während der evangelische Auftrag der Nächstenliebe nicht darauf ausgerichtet sei, sich selbst und sein Handeln in den Vordergrund zu rücken, so die päpstliche Mahnung.

„Wir sind bewegt vom Glauben und vom Gebot der Nächstenliebe“, führt Franziskus in seiner Botschaft aus, „doch wissen wir andere Formen der Hilfe und der Solidarität anzuerkennen, die sich teilweise dieselben Ziele setzen; wenn wir nur nicht das vernachlässigen, was uns eigen ist, nämlich alle zu Gott und zur Heiligkeit zu führen.“ Der „Dialog zwischen den verschiedenen Erfahrungen“ und die „Demut, unsere Mitarbeit zu leisten ohne irgendeine Art von Geltungsdrang“, sei eine „angemessene und völlig evangeliumsgemäße Antwort“, die wir verwirklichen könnten.

“ In dem Maß, in dem man fähig ist, dem Reichtum seinen rechten und wahren Sinn zu geben, wächst man in der Menschlichkeit und wird fähig, zu teilen ”

Gleichzeitig helfe uns der „Schrei des Armen“, uns aus unserer Gleichgültigkeit aufzurütteln, „welche die Frucht eines zu sehr immanenten und an die Gegenwart gebundenen Lebens ist“. Der Einsatz für die Armen wird so zu einer Wohltat, die nicht nur dem Armen, sondern auch dem Wohltäter zugutekommt und Hoffnung schafft.

Er lade nun alle Mitglieder der Gemeinschaft, Bischöfe, Priester, Diakone, aber auch alle Personen des geweihten Lebens und Laien dazu ein, den Welttag des Armen als einen „bevorzugten Moment der Neuevangelisierung zu leben“, so Franziskus abschließend. Es seien die Armen, die uns evangelisierten, „indem sie uns helfen, jeden Tag die Schönheit des Evangeliums zu entdecken“. Diese Gelegenheit der Gnade dürfe nicht auf taube Ohren stoßen, betont Franziskus in seiner Botschaft, die auf den 13. Juni 2018, den liturgischen Gedenktag des hl. Antonius von Padua, datiert ist.

Sorge um die Armen schon bei der Namenswahl

Seit seinem Amtsantritt hat Papst Franziskus eine besondere Sorge um Arme und Ausgegrenzte erkennen lassen. Bereits bei seiner Wahl zum Papst, so erzählte Franziskus später selbst, habe ihn ein befreundeter Mitkardinal, der betagte Brasilianer Claudio Hummes, umarmt und ihm zugeraunt: ,Vergiss die Armen nicht´! Dies habe ihn auch dazu bewogen, im Andenken an den großen Heiligen aus Assisi den Namen Franziskus zu wählen, ließ der Papst anschließend verlauten.

Während seines Pontifikates hat er sich immer wieder darum bemüht, auf die Situation von Benachteiligten aufmerksam zu machen, und diverse Initiativen zu diesem Zweck auf den Weg gebracht. Den Welttag der Armen hat der Papst im Jahr 2016 ausgerufen. Im Rahmen des Welttages sind Diözesen, Caritaseinrichtungen und Private aufgerufen, spezielle Aktionen zugunsten armer Menschen zu organisieren. Er findet seit 2017 am vorletzten Sonntag des Kirchenjahres, also dem Sonntag vor Christkönig, statt. In diesem Jahr fällt der Welttag auf den 18. November.

 

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Elisabeth von Thüringen – unbeirrbare Helferin der Armen

Kolossales Mosaikbildnis der Elisabeth von Thüringen in der Mexikokirche (Elisabethkapelle) in Wien

Elisabeth wurde als Tochter des ungarischen Königs Andreas II. im Jahr 1207 geboren, einer Zeit, als der oströmische Kaiser von aus reiner Machtgier fehlgeleiteten Kreuzfahrern aus seiner Hauptstadt Konstantinopel vertrieben worden war und somit Ungarn die bedeutendste Macht im Südosten Europas darstellte. Ihre Mutter Gertrud von Andechs stammte aus einer sehr einflussreichen deutschen Adelsfamilie, deren Geschwister einflussreiche Positionen in Politik und Kirche einnahmen. Es verwundert daher nicht, dass diese Eltern schon früh konkrete Pläne für die Zukunft ihrer Tochter schmiedeten, mit denen sie Macht und Einfluss ihres Hauses stärken wollten. Bereits als vierjähriges Kind wurde sie Hermann, dem Sohn und designierten Nachfolger des gleichnamigen Landgrafen von Thüringen versprochen und zur Erziehung an deren Hof geschickt, um von Anfang an mit deutscher Muttersprache aufzuwachsen. Schon fünf Jahre danach starb ihr vorgesehener Ehegatte Hermann, ein Jahr später auch sein Vater. Elisabeth sollte wieder zurück zu ihren Eltern geschickt werden, aber Hermanns jüngerer Bruder Ludwig, der 1218 volljährig und damit Landgraf wurde, verliebte sich in das liebenswerte Mädchen, das so ganz und gar nichts von höfischem Prunk hielt sondern mehr durch Bescheidenheit und Frömmigkeit auffiel, und schon mit 14 Jahren heiratete sie ihn.

Die Ehe war glücklich, aber leider nur recht kurz. Das Paar hatte in den ihm vergönnten sechs Ehejahren drei Kinder und war viel zusammen. Selbst auf Reisen begleitete Elisabeth ihren Mann, wann immer es ihr möglich war. Umgekehrt brachte auch Ludwig seiner jungen Frau viel Liebe und Verständnis entgegen. Ihre Hilfe für Arme und Kranke unterstützte er, so gut er konnte und gab ihr gegen ihre Gegner bei Hofe die notwendige Rückendeckung. Auch ihre groß angelegte Hilfsaktion im Hungerwinter 1225/26, die sie während Ludwigs Aufenthalt in Italien beim Kaiser ohne ihn organisierte, um eine Hungernot in der Bevölkerung zu verhindern, hieß er bei seiner Rückkehr gegenüber allen Kritikern eindeutig gut. Weitere Unterstützung fand sie bei ihrem geistlichen Berater, dem Franziskaner Rodeger, auf den 1226 Konrad von Marburg folgte. Das franziskanische Armutsideal entsprach genau der Haltung Elisabeths. Nie konnte sie sich damit abfinden, dass der Adel in Saus und Braus lebte, während das einfache Volk ums nackte Überleben kämpfen musste. Sie verzichtete daher auf den standesüblichen Luxus, kleidete sich schlicht und kümmerte sich persönlich um Arme und Kranke, für die sie eigens ein Spital auf der Wartburg einrichten ließ. Während ihrer Ehe mit Ludwig hatte sie für diese Lebensführung die optimalen Voraussetzungen.

Doch schon 1227 endete diese glückliche Zeit. Ludwig brach mit seinem Heer auf, um Kaiser Friedrich II. im 5. Kreuzzug Folge zu leisten. Schon unterwegs starb er an einer Seuche. Für Elisabeth brach eine Welt zusammen. Sie war gerade einmal 20 Jahre alt, hatte die Sorge für zwei kleine Kinder und trug ein drittes noch in ihrem Leib. Als wäre das nicht schon genug, musste sie sich zudem in einem ihr feindselig gesinnten Umfeld behaupten. Da ihr Sohn erst 5 Jahre alt war, übernahm ihr Schwager Heinrich Raspe die Regentschaft, und als eine seiner ersten Amtshandlungen zog er Elisabeths Güter ein. Auf der Wartburg war sie nur noch geduldet. Unter diesen Umständen wollte sie hier auf keinen Fall länger bleiben und verließ zusammen mit ihren drei Kindern, aber völlig mittellos, die Burg und begab sich in die Stadt Eisenach. Doch dort wurde die ehemalige Wohltäterin kühl empfangen. Niemand traute sich, sie in sein Haus aufzunehmen und so musste sie den Winter in einem Schuppen, der vorher ein Schweinestall gewesen war verbringen. Sie selbst konnte sich mit ihrer Lage abfinden, sah darin gar ihr Armutsideal in reinster Form verwirklicht, doch Konrad von Marburg fand dies nicht akzeptabel und wandte sich direkt an den Papst, mit der Bitte, Elisabeth unter seinen Schutz zu stellen, was dieser auch tat. Der Schutzbrief traf allerdings erst nach dem Winter in Thüringen ein. Darin wurde jedem, der Elisabeths Rechte nicht achtete mit der Exkommunikation gedroht. Doch Elisabeth selbst wollte weder Rechte noch Besitz, und es kam zu einem ernsten Konflikt mit Konrad. Er konnte ihr zwar den Verzicht auf ihren Besitz ausreden, indem er ihr klar machte, dass es den Armen nichts nütze, wenn die Verwandten ihres verstorbenen Mannes all ihr Gut erhielten, aber für sich persönlich verzichtete sie in einem feierlichen Gelübde auf jeden Luxus und sogar auf ihre eigenen Kinder. Sie sollten nicht zu dem Leben in Armut gezwungen sein, zu dem sie sich selbst in aller Entschlossenheit entschieden hatte. Dies konnte sie noch so durchsetzen, aber sie konnte sich nicht mehr erfolgreich dagegen wehren, dass ihre Tante, die Äbtissin Mechthild von Kitzingen sie zu ihrem Onkel, dem Bischof von Bamberg bringen ließ. Dieser wollte sie erneut verheiraten und hatte als künftigen Gemahl keinen geringeren als Kaiser Friedrich II. von Hohenstaufen im Sinn. Elisabeth, die felsenfest zu einem Leben in Armut entschlossen war, sollte die Gemahlin des mächtigsten Mannes der damaligen Welt werden: Deutscher König, Kaiser des Heiligen Römischen Reichs, König von Sizilien und von Jerusalem. Wie sollte das zusammen passen? Nicht noch einmal wollte die junge Witwe zum Spielball der Mächtigen werden. Sie wehrte sich so heftig gegen die Pläne ihres Onkels, dass er sein Vorhaben aufgeben musste. Schließlich bot ihr die Überführung des Leichnams ihres Mannes nach Thüringen und seine Beisetzung eine günstige Gelegenheit, sich dem Einflussbereich ihrer Familie zu entziehen.

Sie ging nach Marburg, wo ihr Konrad einen gewissen Schutz bieten konnte, wenngleich auch er ihr immer wieder unerbittlich seinen Willen aufzwang. Aber zumindest akzeptierte er ihren tiefsten Wunsch nach einem Leben in Enthaltsamkeit. Konrad erreichte für sie bei den Verwandten ihres Mannes eine Entschädigung für ihr eingezogenes Erbe und mit diesem Geld gründete sie bei Marburg ein Spital, welches sie dem von ihr so verehrten Franz von Assisi weihte und wo sie selbst als einfache Spitalschwester arbeitete. Ohne Rücksicht auf sich selbst opferte sie sich für die Kranken auf. So hart und entbehrungsreich dieses Leben war – für Elisabeth war es die Erfüllung. Wie Franz von Assisi hatte sie sich völlig entäußert, um Christus nachzufolgen. Selbst ihr eigenes Leben gab sie im Dienst für die Kranken hin. Im Alter von 24 Jahren war ihre Widerstandskraft aufgezehrt; sie erkrankte und verstarb schon nach wenigen Tagen in der Nacht vom 16. auf den 17. November 1231.

Was bleibt ist die Erinnerung an eine außergewöhnliche junge Frau, die sich durch nichts und niemand von ihrem Weg der Nachfolge Christi in der gänzlichen Fürsorge für die Benachteiligten der Gesellschaft abbringen ließ.

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Quelle

Biografie: Der heilige Franziskus von Assisi (1181/82 – 1226)

Franziskus: Fresco in der Abtei von Subiaco; angeblich das einzige zu Lebenszeiten angefertigte Bild

Er war ein außerordentlich redegewandter Mann mit fröhlichem Antlitz und gütigem Gesichtsausdruck, (…). Von nicht gerade großer Gestalt, eher klein als groß, hatte er einen nicht sonderlich großen, runden Kopf,  ein etwas längliches und gedehntes Gesicht, eine ebene und niedrige Stirn, nicht sonderlich große, schwarze, unverdorbene Augen, dunkles Haar, gerade Augenbrauen, eine gleichmäßige, feine und gerade Nase, aufwärts gerichtete, aber kleine Ohren, flache Schläfen, eine gewinnende, feurige und scharfe Sprache, eine mächtige, liebliche, klare und wohlklingende Stimme, dichte, gleichmäßige und weiße Zähne, schmale und zarte Lippen, einen schwarzen, nicht vollen Bart, einen schlanken Hals, gerade Schultern, kurze Arme, zarte Hände, lange Finger, etwas vorstehende Nägel, dünne Beine, sehr kleine Füße, eine zarte Haut, war sehr mager, trug ein raues Gewand, gönnte sich nur kurzen Schlaf, besaß eine überaus freigebige Hand.1

So beschreibt Bruder Thomas von Celano († 1260), ein glaubwürdiger Augenzeuge, den Poverello von Assisi. Die Florentiner Maler Cimabue (* 1240/50) und Giotto (* um 1266), die erst Jahrzehnte nach dem Tod des Heiligen zur Welt kamen und ihn daher nicht mehr persönlich kannten, ließen sich wohl für ihre Franziskus-Porträts von diesen Worten inspirieren.2 Ähnlich gehen auch wir vor: Um uns ein Bild zu machen vom „größten Heiligen, den das Christentum hervorgebracht hat“,3 lesen wir nach, was uns seine Freunde über ihn erzählen.

Als Sohn des reichen und angesehenen Stoffwarenhändlers Pietro Bernardone und seiner Frau Pica wurde er Ende 1181 in Assisi (Umbrien) geboren und zunächst auf den Namen Giovanni (Johannes) getauft. Sein Vater, der gerade von einer Geschäftsreise aus Frankreich zurückgekehrt war, veranlasste, ihn künftig Francesco (Französlein) zu nennen.4 Nachdem der kleine Franz in der Pfarrschule San Giorgio Rechnen, Lesen und Schreiben gelernt hatte,5 genoss er zunächst eine unbeschwerte Jugendzeit und träumte von Festen, Freiheit und Rittertum.6 Kaum hatte sich die Bevölkerung von Assisi der Fremdherrschaft des Hohenstaufen-Kaisers Friedrich II. entledigt (1198), kam es zwischen den Bürgern (Minores) und den aus der Stadt vertriebenen Adeligen (Maiores) zur kriegerischen Auseinandersetzung, die letztere mit Hilfe der Nachbarstadt Perugia für sich entscheiden konnten.7 Nach der verlorenen Schlacht Assisis bei Collestrada (1202) geriet Franz in Kriegsgefangenschaft, aus der er nach über einem Jahr schwerkrank heimkehrte.8 Nach seiner Gesundung flammte in ihm noch einmal die Sehnsucht auf, doch noch als Ritter zu Ehren zu kommen, diesmal bei einem Kreuzzug nach Apulien. Doch gleich bei Spoleto bewegte ihn ein nächtlicher Traum, seine militärische Laufbahn zu vergessen und umzukehren. Er träumte nämlich von einem Palast, der mit dem besten Rüstzeug ausgestattet war, und vernahm dabei eine innere Stimme, die an sein Gewissen appellierte, anstelle der irdischen Machthaber lieber Christus, dem wahren Herrn und Meister, nachzufolgen:

„Franziskus, wer kann dir mehr bieten, der Herr oder der Knecht ?“.9

Gefangenschaft und Krankheit hatten offensichtlich seinen bisherigen Lebensentwurf in Frage gestellt. In seiner Krise zog er sich an einsame Orte zurück, um dort dem eigenen Lebensweg und der Frage nachzuspüren:

Was willst du, Herr, dass ich tun soll?10

Es war wohl im Jahr 1205, als Franziskus in der Ebene einem Aussätzigen begegnete, vor dessen unappetitlichem Anblick und unangenehmen Fäulnisgeruch er sich zunächst ekelte.11 In seinem geistlichen Testament beschreibt er selbst dieses folgenreiche Erlebnis, das ihm viel Selbstüberwindung kostete, ihn künftig aber in jedem Armen und Aussätzigen das Gesicht des Gekreuzigten erkennen ließ:

So hat der Herr mir, dem Bruder Franziskus, gegeben, das Leben der Buße zu beginnen: denn als ich in Sünden war, kam es mir sehr bitter vor, Aussätzige zu sehen. Und der Herr selbst hat mich unter sie geführt, und ich habe ihnen Barmherzigkeit erwiesen. Und da ich fortging von ihnen, wurde mir das, was mir bitter vorkam, in Süßigkeit der Seele und des Leibes verwandelt.12

Etwa zur gleichen Zeit dürfte sich die Vision vor dem byzantinischen Kreuzbild der verfallenen Kirche San Damiano abgespielt haben,13 vor dem er zu Gott vertrauensvoll um einen Fingerzeig für seine Lebensentscheidung betete:

Höchster, glorreicher Gott, erleuchte die Finsternis meines Herzens und schenke mir rechten Glauben, gefestigte Hoffnung und vollendete Liebe. Gib mir, Herr, das rechte Empfinden und Erkennen, damit ich deinen heiligen und wahrhaften Auftrag erfülle.14

Tatsächlich hat ihn das Kreuz angesprochen und ihm den klaren Auftrag erteilt:

Franziskus, geh hin und stell mein Haus wieder her, das, wie du siehst, ganz verfallen ist!“15

Franz nahm Jesus beim Wort und restaurierte in der Folgezeit eigenhändig diese verwahrloste Kirche.16 Seinem Vater, der ihn einige Zeit in seinem Treiben gewähren ließ, riss der Geduldsfaden, als er feststellen musste, dass sein Sohn das hart verdiente Geld an die Armen verschenkte und ganz andere Dinge im Kopf hatte als sein Geschäft.17 Mit väterlicher Strenge versuchte er ihn zur Vernunft zu bringen und sperrte ihn daheim ein. Da auch das nichts half, und Francesco weiterhin seine „verrückten“ Ideen in die Tat umsetzte, entschloss sich der Vater, seinen Sohn zu enterben. So kam es schließlich zu jener Szene vor dem Bischofspalast, bei der sich Franz in aller Öffentlichkeit nackt auszieht, seinem empörten Vater alles zurückgibt und auf sein Erbe freiwillig verzichtet mit dem Hinweis, fortan nur mehr einen seinen Vater zu nennen, nämlich den im Himmel.18 In völliger Armut wollte er künftig im Gewand eines mittellosen Hirten Jesus nachfolgen, der arm und nackt geboren wurde und genau so für uns starb.19 Bereits bei seiner ersten Wallfahrt nach Rom 1206 hatte er vor der Peterskirche seine vornehme Kleidung gegen die eines Armen eingetauscht, um mit eigener Haut zu fühlen, wie es einem Bettler ergeht.20

Als er daher am Fest des hl. Matthias (24. Februar 1208) bei der Messe im Portiunkula-Kirchlein das Evangelium (Mt 10, 7-9) hörte, in dem Jesus seine Jünger ohne Geld, Vorratstasche, Brot und barfuss losschickt, treffen ihn diese Worte mitten ins Herz und er ruft voller Freude aus:

Das ist’s, was ich will, das ist’s, was ich suche, das verlange ich aus innerstem Herzen zu tun.21

Nach und nach schließen sich Franziskus erste Gefährten an, um mit ihm das Büßerleben in schlichter Armut und als Liebesdienst an den Hilfsbedürftigen zu teilen: ein reicher junger Mann, namens Bernhard von Quintavalle, der Rechtsgelehrte Petrus Catani, der Bauer Ägidius und der Priester Silvester.22 Ganz ehrlich gesteht Franz später in seinem Testament, dass er eigentlich gar keinen neuen Orden gründen wollte:

Und nachdem mir der Herr Brüder gegeben hat, zeigte mir niemand, was ich zu  tun hätte, sondern der Höchste selbst hat mir geoffenbart, dass ich nach der Vorschrift des heiligen Evangeliums leben sollte.23

Auch wollte er keineswegs einfach die monastische Lebensform der Benediktiner, Augustiner oder Zisterzienser (mit der Regel eines hl. Bernhard von Clairvaux) übernehmen. Das Leben Jesu, in den Evangelien berichtet, war ihm Orientierung und Leitbild, das er selbst in einer kleinen Regel anhand einiger Bibelzitate nachzeichnete. Papst Innozenz III., der nachts von einem kleinen, unscheinbaren Ordensmann geträumt hatte, der eigenhändig den Einsturz der Lateranbasilika verhinderte,24 bestätigte 1209/10 diese Lebensform zunächst mündlich und gab den „Minderen Brüdern“25 den oberhirtlichen Auftrag, predigend durch die Lande zu ziehen und die Menschen dadurch zur Umkehr zu bewegen.26 Als nichtsesshafte Wanderprediger und Tagelöhner lebten sie vom Ertrag ihrer Handarbeit, deren unschätzbaren Wert Franz in seinem Testament ausdrücklich unterstreicht:

Und ich arbeitete mit meinen Händen und will arbeiten; und es ist mein fester Wille, dass alle anderen Brüder eine Handarbeit verrichten. (…) Und würde uns einmal der Arbeitslohn nicht gegeben, so wollen wir zum Tisch des Herrn Zuflucht nehmen und Almosen erbitten von Tür zu Tür.27

Ein verlassener Schuppen bei Rivotorto in der Ebene von Assisi diente den Brüdern als erstes Domizil, aus dem sie aber schon bald wieder von einem Bauern mit seinem Esel vertrieben wurden.28 Die kleine Portiunkula-Kapelle S. Maria mit einem Häuschen daneben im Wald unterhalb von Assisi wurde ihnen danach als Obdach von den Benediktinern zur Verfügung gestellt.29 Dieser symbolträchtige Ort ist aufs engste mit den Urerlebnissen der franziskanischen Familie verknüpft und erinnert an die anfängliche Begeisterung der neuen Bewegung. In einer Nacht- und Nebelaktion nach dem Palmsonntag 1212 verpflichtete sich dort die 19-jährige Klara aus der Adelsfamilie Favarone di Offreduccio zu einem Leben in Armut und Gebet, ließ sich als äußeres Zeichen ihrer innerlich getroffenen Entscheidung von Franz die Haare abschneiden und einkleiden.30 Wenig später wagten auch ihre beiden Schwestern Katharina (die spätere hl. Agnes) und Beatrix, schließlich sogar ihre eigene Mutter Hortulana den gleichen Schritt und zogen zu den „armen Frauen“ nach San Damiano.31 In Portiunkula begegneten sich die Brüder jedes Jahr zum Mattenkapitel, tauschten gegenseitig ihre Erfahrungen aus, stellten die Weichen für die Zukunft, um von hier aus in die ganze Welt auszuschwärmen. Auch Franz selbst ließ sich vom Missionseifer anstecken und brach 1212 nach Syrien auf. Wegen eines Schiffbruchs verschlug es ihn jedoch an die dalmatische Küste. Als er kurz darauf nach Marokko unterwegs war, durchkreuzte eine unvorhergesehene Krankheit seinen Plan und zwang ihn, bereits in Spanien wieder umzukehren.32

Das IV. Laterankonzil (1215), auf dem es wohl zur einmaligen Begegnung des Franziskus mit dem hl. Dominikus kam, hatte einen entscheidenden Einfluss auf die junge franziskanische Bewegung ausgeübt: Oft bis in den genauen Wortlaut hinein übernimmt Franz den Konzilsdokumenten Vorschriften und Weisungen für seine Eucharistie- und Bußfrömmigkeit.33 Das Tau-Zeichen, das Papst Innozenz III. in der Eröffnungsansprache des Konzils allen Christen ans Herz legte,34 hatte er wohl 1210 bei den Antonitern in Rom kennengelernt, die dieses Emblem auf ihrem Ordensgewand trugen und dementsprechend ein Leben in Buße als Liebesdienst an den Aussätzigen und Kranken führten. Franz unterzeichnete damit nicht nur den Brief an die Kleriker und den Segen an Bruder Leo, sondern erwies diesem Zeichen auch sonst eine besondere Verehrung:

Vertraut war ihm vor allen anderen Buchstaben das Zeichen Tau; mit ihm allein pflegte er seine Sendschreiben zu beglaubigen; mit ihm bemalte er überall die Wände der Zellen.35

Auch zu einem Kreuzzug gegen die Mohammedaner im Hl. Land hatte das Konzil unter dem Zeichen des Kreuzes aufgerufen. Das Generalkapitel der Franziskaner in Portiunkula (Pfingsten 1217) hatte weitreichende Auslandsmissionen beschlossen und sandte zunächst Mitbrüder nach Frankreich, Österreich, Ungarn, Spanien und Syrien.36 1219 wurde die Mission auf den Nahen Osten, Palästina und Ägypten ausgeweitet. In einem der zahlreichen Kreuzfahrerschiffe, die von Ancona nach Damiette (Ägypten) zum 5. Kreuzzug aufbrachen, reiste Franz mit einigen Mitbrüdern mit, nicht um mit den Soldaten unter dem Kommando von Kardinal Pelagius Galvani gegen die Andersgläubigen zu kämpfen, sondern um in einer gewaltlosen Aktion Frieden zu schaffen. Erst nach einer vernichtenden Niederlage des christlichen Heeres gelang es dem Poverello, mit dem Sultan Melek-al-Kamil persönlich zu reden. Unter Einsatz des eigenen Lebens wagte er sich in die Höhle des Löwen und versuchte ihm seinen Glauben nahezubringen. Er wäre sogar bereit gewesen, dafür durchs Feuer zu gehen.37 Der Sultan, der mit den islamischen Asketen (Sufi) sympathisierte,38 war jedenfalls vom mutigen Bekenntnis des Heiligen stark beeindruckt, hörte ihm aufmerksam zu und bat ihn beim Abschied um sein Gebet. Diese ökumenische Begegnung ist bis heute mustergültig geblieben.39

Nach seiner Rückkehr aus dem Hl. Land musste Franz erstaunt feststellen, wie sehr inzwischen die Zahl seiner Brüder angewachsen war. Damit verbunden ergaben sich natürlich viele organisatorische Probleme und Anfragen an die bisherige radikale Lebensform. Er selbst fühlte sich dabei überfordert, und da er allen weiterhin ein Bruder bleiben wollte, übertrug er die Leitung künftig einem seiner ersten Gefährten Petrus Cattani und nach dessen baldigen Tod dem Bruder Elias von Cortona. Auch erbat er sich als Schutzherrn für seinen Orden den Kardinal Hugolin von Ostia, der bald darauf als Gregor IX. den Papstthron besteigen sollte.40 Im geistlichen Sinne blieb Franz jedoch die Autorität für seine Mitbrüder, wie seine zahlreichen Sendschreiben und die Regel dokumentieren. Auf dem Pfingstkapitel 1221 wurde die ausführlichere Fassung der nichtbullierten Regel anerkannt, aus welcher der Ordensvater in Fontecolombo (im Rietital) die endgültige, gekürzte Form der Regel erarbeitete, wie sie Papst Honorius III. 1223 mit einer Bulle bestätigte.41

Unübertroffen und einzigartig war seine Liebe zur Natur, in der er immer wieder Gottes Spuren erkannte:

Der selige Franziskus war versunken in der Liebe Gottes und sah (…) in jedem Geschöpf die Güte Gottes in ihrer Vollkommenheit.42

Bekannt wurde der Trobadour Gottes unter anderem für seine Vogelpredigt. Die gefiederten Tiere nämlich lauschten der Melodie seiner Worte so aufmerksam und flogen nicht eher weg, als dass er sie mit dem Kreuzzeichen gesegnet hatte.43 Sogar  der wilde Wolf von Gubbio, der den Bewohnern der Umgebung soviel Angst einflößte, dass sie sich kaum mehr aus ihrem Haus herauswagten, gebärdete sich dem Heiligen gegenüber wie ein sanftes Lamm, als er zu ihm sprach:

Ich aber, Bruder Wolf, will Frieden stiften zwischen dir und ihnen, dass du ihnen kein Leid mehr zufügst und sie dir alles vergangene Übel verzeihen.44

Selbst im Wurm, der sich mühsam fortbewegt und vom Fuß des  unaufmerksamen Spaziergängers zertreten wird, erblickte der Poverello in ansprechender Einfalt den am Kreuz sich im Todeskampf windenden Erlöser.45

Originell gestaltete der Heilige das Weihnachtsfest 1223 in Greccio (Rieti-Tal), wo er die Menschwerdung Gottes in einer lebendigen Krippenfeier nachspielen ließ und damit zum Mitbegründer unserer Weihnachtskrippe wurde:

Ich möchte nämlich das Gedächtnis an jenes Kind begehen, das in Bethlehem geboren wurde, und ich möchte die bittere Not, die es schon als kleines Kind zu leiden hatte, wie es in eine Krippe gelegt, an der Ochs und Esel standen, und wie es auf Heu gebettet wurde, so greifbar als möglich mit leiblichen Augen schauen.46

Das besondere Charisma des hl. Franz bestand ja gerade darin, jederzeit an Jesus zu erinnern:

Immer war er mit Jesus beschäftigt, Jesus trug er stets im Herzen, Jesus im Munde, Jesus in den Ohren, Jesus in den Augen, Jesus in den Händen, Jesus in seinen übrigen Gliedern.47

1224 verbringt er zwischen Mariä Himmelfahrt (15. August) und dem Fest St. Michael (29. September) eine freiwillige Fastenzeit auf dem Berg La Verna. Bereits bei seiner Berufung hatte sich ihm das Bild des Gekreuzigten von San Damiano innerlich eingeprägt.48 In seinem Passionsoffizium meditierte er tagtäglich den Leidensweg Christi.49 Bei der Stigmatisation um das Fest der Kreuzerhöhung (17. September) zeigte sich dann äußerlich an seinem Körper, was ihn innerlich sein ganzes Leben lang beschäftigt und verwandelt hatte: die Wundmale des Gekreuzigten.50 So wurde er zum Christussymbol des Mittelalters, da er in das Bild dessen verwandelt wurde, den er zeitlebens von ganzem Herzen liebte.

Seine letzten beiden Lebensjahre waren gezeichnet von Krankheiten und Schmerzen: Schon von Jugend an machte ihm die Malaria zu schaffen. Sein Leib, den er liebevoll „Bruder Esel“ nannte,51 litt zudem an Magen- und Darmgeschwüren, Milz- und Lebererkrankung, Blutarmut und Wassersucht.52 Bei seiner Reise nach Ägypten hatte er sich noch eine Augenentzündung zugezogen, die mit starken Kopfschmerzen und ständigem Tränenfluss aufgrund der hohen Lichtempfindlichkeit verbunden war. Aber selbst der beste (päpstliche) Augenarzt in Rieti konnte ihm nicht helfen, sondern wollte durch das Ausbrennen der Schläfen wenigstens den lästigen Dauerschmerz lindern.53 Nahezu erblindet brachte man den Todkranken zur Pflege nach San Damiano. Es mag verwundern, dass er gerade in dieser Zeit den wunderschönen Sonnengesang komponierte, in dem er alle Geschöpfe zärtlich seine Geschwister nannte:

Gepriesen seist du, mein Herr, mit allen deinen Geschöpfen (…) Schwester Sonne, (…) Bruder Mond und die Sterne, (…) Bruder Wind, (…) Schwester Wasser, (…) Bruder Feuer (…) und unsere Schwester, Mutter Erde.54

Als ihm der scheinbar unversöhnliche Konflikt zwischen Bischof und Bürgermeister von Assisi zu Ohren kam, fügte er gleich noch hinzu:

Gepriesen seist du, mein Herr, durch jene, die verzeihen um deiner Liebe willen und Schwachheit ertragen und Drangsal. Selig jene, die solches ertragen in Frieden, denn von dir, Erhabenster, werden sie gekrönt.55

Jedenfalls kam es doch noch zur Versöhnung der beiden Streithähne, die sich liebevoll und unter Tränen umarmten, als ihnen zwei Mitbrüder den Sonnengesang mit seiner neuen Strophe vorgetragen hatten.56

Den letzten Monat seines Lebens beherbergte und pflegte man den Friedensstifter im Bischofspalast von Assisi. Ende September 1226 fühlte er sein Ende herannahen und er bat deshalb darum, ihn auf einer Bahre zu seiner geliebten Portiunkula-Kapelle hinabzutragen. Auf halber Strecke ließ er beim Aussätzigenhospital Casa Gualdi anhalten und wenden. Das Panorama seiner Heimatstadt vor Augen, segnete er alle.57 Am 3. Oktober 1226, einem Samstagnachmittag, ließ er sich Brot bringen, brach es und teilte es an die anwesenden Brüder aus. Dann bat er, ihm den Sonnengesang zu singen und folgende Strophe anzufügen:

Gelobt seist du, mein Herr, durch unseren Bruder, den leiblichen Tod; ihm kann kein Mensch lebend entrinnen. (…) Selig jene, die sich in deinem heiligsten Willen finden, denn der zweite Tod wird ihnen kein Leid antun.58

Weiter ließ er den Psalm 141 anstimmen und sich die letzten Stunden Jesu aus dem Johannesevangelium vorlesen. Nackt wie bei seiner Geburt ließ er sich auf die Erde neben der Portiunkula-Kapelle legen und starb mit den Worten auf den Lippen:

Was ich tun konnte, habe ich getan; möge euch nun Christus lehren, was ihr tun sollt.59

Bis heute hat das Lebensprogramm des Armen von Assisi, der bereits am 16. Juli 1228 von Papst Gregor IX. heiliggesprochen wurde,60 nichts an Aktualität verloren:

Nahezu 38.000 Mitglieder zählen die franziskanischen Männerorden, noch größer ist die Zahl der Schwestern auf der ganzen Welt, die ihr Leben nach Franz und Klara ausrichten. Ihr Geist lebt auch unter Laien in den Franziskanischen Gemeinschaften weiter. Dabei ist Franz von Assisi nicht nur Umweltpatron, Modell der Friedensstifter und der großen Ökumene oder Symbol eines alternativen Lebensstils, sondern als „zweiter Christus“ eine ernst zu nehmende Einladung, Christus auf der Spur zu sein und sein Evangelium in die Tat umzusetzen.

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Quelle (mit Fußnoten)

 

„Arme müssen absoluten Vorrang haben“

Schreiben von Papst Franziskus an Angela Merkel
— Volltext

Wir übernehmen im Folgenden den Volltext des Schreibens von Papst Franziskus anlässlich des G20 Gipfels, der vom 7. bis 8. Juli 2017 in Hamburg tagt.

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Ihrer Exzellenz
Frau Dr. Angela Merkel
Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland

Im Anschluss an unsere kürzlich stattgefundene Begegnung im Vatikan und als Antwort auf Ihre freundliche Anfrage möchte ich Ihnen einige Überlegungen übermitteln, die ich, gemeinsam mit allen Hirten der katholischen Kirche, für wichtig erachte im Hinblick auf das nächste Treffen der Staats- und Regierungschefs der Gruppe der führenden Wirtschaftsnationen in der Welt und der höchsten Autoritäten der Europäischen Union (G20). Ich folge so auch einer Tradition, die von Papst Benedikt XVI. im April 2009 anlässlich des G20-Gipfeltreffens in London begonnen wurde. Mein Vorgänger schrieb auch Eurer Exzellenz im Jahr 2006, als Deutschland die Präsidentschaft der Europäischen Union und der G8 innehatte.

Zunächst möchte ich Ihnen und den in Hamburg zusammengekommenen Verantwortungsträgern meine Wertschätzung zum Ausdruck bringen für die umgesetzten Bemühungen zur Gewährleistung der Regierungsführung und der Stabilität der Weltwirtschaft unter besonderer Berücksichtigung der Finanzmärkte, des Handels, der steuerlichen Probleme und allgemeiner eines Weltwirtschaftswachstums, das inklusiv und nachhaltig ist (vgl. Kommuniqué des G20-Treffens in Hangzhou, 5. September 2016). Wie aus dem Arbeitsprogramm des Gipfels ersichtlich wird, sind diese Bemühungen untrennbar mit der Aufmerksamkeit verbunden, die den gegenwärtigen Konflikten und dem weltweiten Migrationsproblem gewidmet wird.

Im Apostolischen Schreiben Evangelii gaudium, der Programmschrift meines Pontifikats an die katholischen Gläubigen, habe ich vier Handlungsprinzipien für den Aufbau brüderlicher, gerechter und friedlicher Gesellschaften vorgeschlagen: die Zeit ist mehr wert als der Raum; die Einheit wiegt mehr als der Konflikt;die Wirklichkeit ist wichtiger als die Ideeund das Ganze ist dem Teil übergeordnet. Diese Handlungslinien gehören freilich der jahrhundertealten Weisheit der ganzen Menschheit an, und deshalb glaube ich, dass sie auch als Beitrag zu den Überlegungen für das Treffen in Hamburg und ebenso zur Bewertung seiner Ergebnisse nützlich sein können.

Die Zeit ist mehr wert als der Raum. Der Ernst, die Vielschichtigkeit und die wechselseitige Verbindung der weltweiten Probleme sind solcher Art, dass es für sie keine unmittelbaren und vollkommen zufriedenstellenden Lösungen gibt. Leider ist die Flüchtlingskrise, die vom Problem der Armut nicht zu trennen ist und durch bewaffnete Konflikte verschärft wird, ein Beweis dafür. Es ist hingegen möglich, Prozesse in Bewegung zu setzen, welche fortschreitende und nicht traumatisierende Lösungen bieten, die in verhältnismäßig kurzer Zeit zu einem freien Durchzug und zur Ansiedelung von Personen führen, was für alle von Vorteil ist. Diese Spannung zwischen Raum und Zeit, zwischen Begrenzung und Fülle erfordert jedoch eine genau gegensätzliche Bewegung im Denken der Regierenden und der Mächtigen. Eine wirksame Lösung, die sich notwendigerweise über einen Zeitraum erstreckt, wird nur möglich sein, wenn das Endziel des Prozesses bei seiner Planung klar vorgegeben ist. Es ist daher notwendig, dass im Verstand und im Herzen der Regierenden wie auch in jeder Phase der Umsetzung politischer Maßnahmen den Armen, den Flüchtlingen, den Leidenden, den Vertriebenen und den Ausgeschlossenen – ohne Unterschied von Nation, Volkszugehörigkeit, Religion oder Kultur – absoluter Vorrang eingeräumt wird und ebenso bewaffnete Konflikte abgelehnt werden.

An dieser Stelle kann ich nicht umhin, an die Staats- und Regierungschefs der G20 und an die ganze Weltgemeinschaft einen eindringlichen Appell zu richten hinsichtlich der tragischen Situation des Südsudans, des Tschadseebeckens, des Horns von Afrika und des Jemen, wo es dreißig Millionen Menschen gibt, die keine Nahrung und kein Wasser zum Überleben haben. Die dringende Aufgabe, sich diesen Situationen zu stellen und jenen Völkern unmittelbare Unterstützung zu geben, stellt ein Zeichen der Ernsthaftigkeit und der Aufrichtigkeit der Verpflichtung dar, mittelfristig die Weltwirtschaft zu reformieren. Zugleich ist es eine Gewähr für ihre gesunde Entwicklung.

Die Einheit wiegt mehr als der Konflikt. Die Geschichte der Menschheit stellt uns auch in unseren Tagen ein breites Panorama von aktuellen oder potentiellen Konflikten vor Augen. Der Krieg ist hingegen nie eine Lösung. In zeitlicher Nähe zum hundertsten Jahrestag der Friedensnote Benedikts XV. an die Oberhäupter der kriegführenden Völker liegt es mir am Herzen, die Welt zu bitten, so vielen „unnützen Blutbädern“ ein Ende zu setzen. Das Ziel des G20-Gipfels und anderer ähnlicher jährlicher Treffen besteht darin, die wirtschaftlichen Differenzen friedlich zu lösen und gemeinsame Finanz- und Handelsregeln zu finden, die die integrale Entwicklung aller erlauben, um die Agenda 2030 und die Ziele einer nachhaltigen Entwicklung zu erfüllen (vgl. Kommuniqué des G20-Treffens in Hangzhou). Dies wird jedoch nicht möglich sein, solange sich nicht alle Seiten dafür einsetzen, die Konfliktebenen wesentlich zu vermindern, den gegenwärtigen Rüstungswettstreit zu stoppen und auf eine unmittelbare oder mittelbare Beteiligung an den Konflikten zu verzichten als auch sich zu einigen, auf ehrliche und transparente Weise über alle Meinungsverschiedenheiten zu diskutieren. Es besteht ein tragischer Widerspruch und eine Inkonsequenz zwischen der scheinbaren Einheit in gemeinsamen Foren zu wirtschaftlichen oder sozialen Themen einerseits und der aktiven oder passiven Zustimmung zu kriegerischen Auseinandersetzungen andererseits.

Die Wirklichkeit ist wichtiger als die Idee. Die verhängnisvollen Ideologien der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind durch neue Ideologien der absoluten Autonomie der Märkte und der Finanzspekulation ersetzt worden (vgl. Evangelii gaudium, 56). Diese hinterlassen eine schmerzliche Spur des Ausschlusses, des Wegwerfens und sogar des Todes. Die bedeutenden politischen und wirtschaftlichen Erfolge des letzten Jahrhunderts waren hingegen immer von einem gesunden und klugen Pragmatismus geprägt. Dieser war von der Vorrangstellung des Menschen geleitet wie auch vom Bestreben, auf der Grundlage der Achtung des einzelnen und aller Bürger verschiedene und zuweilen gegensätzliche Wirklichkeiten zu integrieren und aufeinander abzustimmen. So bitte ich Gott, dass der Hamburger Gipfel durch das Beispiel jener Verantwortungsträger in Europa und der Welt inspiriert werde, die dem Dialog und der Suche nach gemeinsamen Lösungen durchweg den Vorzug gegeben haben: Schuman, De Gasperi, Adenauer, Monnet und viele andere.

Das Ganze ist dem Teil übergeordnet. Die Probleme werden im Konkreten und mit der ihren Besonderheiten geschuldeten Aufmerksamkeit gelöst. Solche Lösungen dürfen aber, um von Dauer zu sein, niemals die Gesamtsicht außer Acht lassen. Zugleich müssen sie mögliche Auswirkungen auf alle Länder und deren Bürger abwägen wie auch deren Ansichten und Meinungen respektieren. Hier möchte ich die Mahnung aufgreifen, die Benedikt XVI. an den Londoner G20-Gipfel im Jahr 2009 richtete. Auch wenn es vernünftig ist, dass die G20-Gipfel sich auf die geringe Zahl der Länder beschränken, die 90% der Produktion von Gütern und Dienstleistungen weltweit stellen, so muss genau diese Situation die Teilnehmer zu einer vertieften Reflexion bewegen. Die Staaten und Menschen, deren Stimme auf der weltpolitischen Bühne am wenigsten Gewicht zukommt, sind gerade diejenigen, die am meisten unter den unheilvollen Folgen der Wirtschaftskrisen leiden, für die sie kaum oder keine Verantwortung tragen. Zugleich ist jene große Mehrheit, die wirtschaftlich betrachtet nur 10% des Ganzen ausmacht, jener Teil der Menschheit, der das höchste Potential hätte, um zum Fortschritt aller beizutragen. Somit ist es nötig, immer auf die Vereinten Nationen, auf ihre Programme und Agenturen wie auch auf die regionalen Organisationen Bezug zu nehmen; es ist nötig, internationale Verträge zu achten und einzuhalten sowie die multilateralen Beziehungen weiter zu fördern, damit die Lösungen wirklich universal und dauerhaft zum Wohl aller sein können (vgl. Benedikt XVI., Schreiben an den Britischen Premierminister Gordon Brown, 30. März 2009).

Ich lege diese Überlegungen als Beitrag zu den Arbeiten des G20-Gipfels vor im Vertrauen auf den Geist verantwortungsbewusster Solidarität, der alle Teilnehmer leitet. Ich erbitte dem Hamburger Gipfeltreffen Gottes Segen wie auch allen Bemühungen der internationalen Gemeinschaft, eine neue Ära einer innovativen, wechselseitig verbundenen, nachhaltigen, umweltfreundlichen und alle Völker und Menschen einschließenden Entwicklung zu gestalten (vgl. Kommuniqué des G20-Treffens in Hangzhou, 5. September 2016).

Gerne nehme ich die Gelegenheit wahr und versichere Eurer Exzellenz meine Hochachtung und Wertschätzung.

Aus dem Vatikan, am 29. Juni 2017

Franziskus

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Quelle

„Die wahren Schätze der Kirche“

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Obdachlose Person

Papstpredigt zum Jubiläum der sozial ausgeschlossenen — Volltext

‪„Es ist Anlass zur Sorge, ‪‪wenn das Gewissen taub wird und den Mitmenschen, der neben uns leidet, nicht mehr wahrnimmt oder die ernsten Probleme der Welt nicht mehr beachtet und diese zu bloßen, in den Nachrichtensendungen immer wieder gehörten Refrains werden“, so sagte Papst Franziskus heute Morgen im Petersdom während der feierlichen Messe zum Anlass des Jubiläums der sozial Ausgeschlossenen. Hierüber solle man sich Sorgen machen statt über die ‪„Horoskope“.

‪„Wer Jesus nachfolgt, schenkt den Unheilspropheten, den Nutzlosigkeiten der Horoskope und den Angst einflößenden Predigten und Weissagungen, die von dem ablenken, worauf es ankommt, kein Gehör“, warnte Jorge Bergoglio ausdrücklich.

Im Laufe seiner Predigt prangerte er insbesondere ‪„den tragischen Widerspruch unserer Zeit“ an. ‪„Je mehr der Fortschritt und die Chancen wachsen, was an sich etwas Gutes ist, umso mehr Menschen gibt es, die dazu keinen Zugang haben“, so bemerkte der Papst.

‪„Man darf nicht ruhig im Hause bleiben, während Lazarus vor der Tür liegt; es gibt keinen Frieden im Hause des Wohlhabenden, wenn es im Hause aller an Gerechtigkeit fehlt“, warnte der Heilige Vater.

Gott und der Nächste seien die größten Güter, die man lieben soll. „Alles andere – der Himmel, die Erde, die schönsten Dinge, auch diese Basilika – all das vergeht“, sagte er.

Papst Franziskus erinnerte die Gläubigen auch an die Stelle des Menschen im Plan Gottes. ‪„Die menschliche Person, die Gott an die Spitze der Schöpfung gestellt hat, wird oft ausgesondert, weil man den vergänglichen Dingen den Vorzug gibt. Und das ist unannehmbar, denn der Mensch ist in Gottes Augen das kostbarste Gut“, betonte er, während er es als ‪„gravierend“ bezeichnete, sich an diese Aussonderung zu gewöhnen.

Zum Schluß seiner Predigt erinnerte Franziskus an den römischen Diakon und Märtyrer Laurentius, der vor seinem grausamen Martyrium die Armen als ‪„die wahren Schätze der Kirche“ bezeichnete. ‪„Möge uns der Herr gewähren, dass wir furchtlos auf das blicken, worauf es ankommt, und unser Herz auf ihn und auf unsere wahren Schätze ausrichten“, so bat Jorge Bergoglio.

Die feierliche Messe vom heutigen Sonntag, Tag an dem in allen Teilen der Welt die Heiligen Pforten geschlossen werden — nur die Heilige Pforte im Petersdom bleibt noch eine Woche lang offen –, war das letzte Jubiläum, das im Laufe des am 8. Dezember 2015 begonnenen Heiligen Jahres der Barmherzigkeit gefeiert wurde. Tausende Obdachlose und sozial Ausgeschlossene aus vielen Ländern der Welt, die an der vom französischen Verband ‪„Fratello“ organisierten Pilgerfahrt nach Rom teilnahmen, hatten sich für den Gottesdienst im Petersdom versammelt.

Wir dokumentieren im Folgenden in der offiziellen Übersetzung die heutige Predigt von Papst Franziskus.

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» Für euch […] wird die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen und ihre Flügel bringen Heilung « (Mal 3,20). Die Worte des Propheten Maleachi, die wir in der ersten Lesung gehört haben, werfen ein Licht auf die Feier dieses Jubiläumstages. Sie stehen im letzten Kapitel des letzten Propheten des Alten Testaments und sind an diejenigen gerichtet, die auf den Herrn vertrauen, die ihre Hoffnung auf ihn setzen, indem sie ihn als das höchste Gut ihres Lebens wählen und sich weigern, nur für sich selbst und die eigenen Interessen zu leben. Für diese, die arm an sich selbst, aber reich an Gott sind, wird die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen: Sie sind die Armen vor Gott, denen Jesus das Himmelreich verspricht (vgl. Mt 5,3) und die Gott durch den Propheten Maleachi » mein besonderes Eigentum « nennt (3,17). Der Prophet stellt sie den Überheblichen entgegen, denen, die die Sicherheit für ihr Leben auf ihre Selbständigkeit und die Güter der Welt gegründet haben. Angesichts dieses letzten Abschnitts des Alten Testaments kommen Fragen auf, die den eigentlichen Sinn des Lebens angehen: Wo suche ich meine Sicherheit? Im Herrn oder in anderen Sicherheiten, die Gott nicht gefallen? Wohin ist mein Leben ausgerichtet, wohin strebt mein Herz? Zum Herrn des Lebens oder zu Dingen, die vergehen und nicht sättigen?

Ähnliche Fragen erscheinen im heutigen Evangelium. Jesus ist in Jerusalem, und zwar für die letzte und wichtigste Etappe seines Erdenlebens: seinen Tod und seine Auferstehung. Er befindet sich in der Nähe des Tempels, der » mit schönen Steinen und Weihegeschenken geschmückt « ist (Lk 21,5). Die Leute sprechen gerade von der äußeren Schönheit des Tempels, als Jesus sagt: » Es wird eine Zeit kommen, da wird von allem, was ihr hier seht, kein Stein auf dem andern bleiben « (Lk 21,6). Und er fügt hinzu, dass Konflikte, Hungersnöte sowie umwälzende Ereignisse auf der Erde und am Himmel nicht ausbleiben werden. Jesus will nicht Angst schüren, sondern er will uns sagen, dass alles, was wir sehen, unabwendbar vergehen wird. Auch die mächtigsten Reiche, die heiligsten Bauten und die stabilsten Realitäten der Welt dauern nicht ewig fort; irgendwann gehen sie unter und fallen zusammen.

Angesichts dieser Behauptungen stellen die Leute dem Meister sofort zwei Fragen: » Wann wird das geschehen und an welchem Zeichen wird man erkennen, dass es beginnt? « (V. 7) Wann und welches Zeichen… Immer werden wir von Neugier getrieben: Man will das Wann erfahren und Zeichen erhalten. Aber Jesus gefällt diese Neugier nicht. Im Gegenteil, er fordert uns auf, uns nicht von den apokalyptischen Predigern täuschen zu lassen. Wer Jesus nachfolgt, schenkt den Unheilspropheten, den Nutzlosigkeiten der Horoskope und den Angst einflößenden Predigten und Weissagungen, die von dem ablenken, worauf es ankommt, kein Gehör. Der Herr lädt uns ein, unter den vielen Stimmen, die man hört, zu unterscheiden, was von ihm und was vom Geist der Lüge kommt. Es ist wichtig, die weise Einladung, die Gott jeden Tag an uns richtet, von dem Lärm derer zu unterscheiden, die sich des Namens Gottes bedienen, um Schrecken zu verbreiten und Spaltungen und Ängste zu schüren.

Jesus fordert uns nachdrücklich auf, keine Angst zu haben vor den Erschütterungen jeglicher Epoche, nicht einmal vor den schwersten und ungerechtesten Prüfungen, die seinen Jüngern widerfahren. Er verlangt, im Guten auszuharren und volles Vertrauen auf Gott zu setzen, der nicht enttäuscht: » Und doch wird euch kein Haar gekrümmt werden « (V. 18). Gott vergisst seine Gläubigen, sein kostbares Eigentum, das wir sind, nicht.

Aber er befragt uns heute über den Sinn unseres Lebens. Mit einem Bild könnte man sagen, dass diese Lesungen sich wie ein „Sieb“ mitten in das Dahinfließen unseres Lebens setzen: Sie erinnern uns daran, dass fast alles in dieser Welt vergeht wie das Wasser, das verrinnt, dass es aber kostbare Wirklichkeiten gibt, die bleiben – wie ein kostbarer Stein in einem Sieb. Was bleibt, was ist wertvoll im Leben, welche Reichtümer schwinden nicht dahin? Sicher zwei: der Herr und der Nächste. Diese beiden Reichtümer schwinden nicht dahin! Das sind die größten Güter, die man lieben soll; alles andere – der Himmel, die Erde, die schönsten Dinge, auch diese Basilika – all das vergeht, aber Gott und die anderen dürfen wir nicht aus unserem Leben ausschließen.

Und doch kommen einem gerade heute, wenn von Ausschließung die Rede ist, sofort konkrete Menschen in den Sinn – nicht nutzlose Dinge, sondern wertvolle Menschen. Die menschliche Person, die Gott an die Spitze der Schöpfung gestellt hat, wird oft ausgesondert, weil man den vergänglichen Dingen den Vorzug gibt. Und das ist unannehmbar, denn der Mensch ist in Gottes Augen das kostbarste Gut. Und es ist gravierend, dass man sich an diese Aussonderung gewöhnt. Es ist Anlass zur Sorge, wenn das Gewissen taub wird und den Mitmenschen, der neben uns leidet, nicht mehr wahrnimmt oder die ernsten Probleme der Welt nicht mehr beachtet und diese zu bloßen, in den Nachrichtensendungen immer wieder gehörten Refrains werden.

Heute, liebe Brüder und Schwestern, ist euer Jubiläum, und mit eurer Anwesenheit helft ihr uns, uns auf die Wellenlänge Gottes einzustellen und das in den Blick zu nehmen, auf das er schaut: Er bleibt nicht beim äußeren Schein stehen (vgl. 1 Sam 16,7), sondern schaut » auf den Armen und Zerknirschten « (Jes 66,2), auf die vielen armen „Lazarusse“ von heute. Wie sehr ist es doch zu unserem eigenen Schaden, wenn wir so tun, als bemerkten wir Lazarus nicht, der ausgeschlossen und „weggeworfen“ wird (vgl. Lk 16,19-21)! Das bedeutet, das Gesicht von Gott abzuwenden. Das bedeutet, das Gesicht von Gott abzuwenden! Es ist ein Symptom von geistiger Sklerose, wenn das Interesse sich auf die Dinge konzentriert, die man produzieren will, anstatt auf die Menschen, die man lieben sollte. So entsteht der tragische Widerspruch unserer Zeit: Je mehr der Fortschritt und die Chancen wachsen, was an sich etwas Gutes ist, umso mehr Menschen gibt es, die dazu keinen Zugang haben. Das ist eine große Ungerechtigkeit, um die wir uns weit mehr sorgen müssen, als darum, zu wissen, wann und wie das Ende der Welt sein wird. Denn man darf nicht ruhig im Hause bleiben, während Lazarus vor der Tür liegt; es gibt keinen Frieden im Hause des Wohlhabenden, wenn es im Hause aller an Gerechtigkeit fehlt.

Heute werden in den Kathedralen und Heiligtümern der ganzen Welt die Pforten der Barmherzigkeit geschlossen. Bitten wir um die Gnade, dass wir nicht unsere Augen verschließen vor Gott, der uns anschaut, und vor dem Nächsten, der uns auf den Plan ruft. Öffnen wir die Augen für Gott, indem wir den Blick unseres Herzens reinigen von den trügerischen und erschreckenden Vorstellungen, vom „Gott“ der Macht und der Strafen, einer Projektion  menschlicher Überheblichkeit und Furcht. Schauen wir vertrauensvoll auf den Gott des Erbarmens, in der Gewissheit, dass »  die Liebe niemals aufhört « (vgl. 1 Kor 13,8). Erneuern wir unsere Hoffnung auf das wahre Leben, zu dem wir berufen sind, jenes Leben, das nicht vergeht und das uns in der Gemeinschaft mit dem Herrn und mit den anderen erwartet, in einer Freude, die ewig anhalten wird und ohne Ende.

Und öffnen wir die Augen für den Nächsten, vor allem für den vergessenen und ausgeschlossenen Mitmenschen. Für den „Lazarus“, der vor unserer Tür liegt. Er steht im Brennpunkt der Lupe der Kirche. Und der Herr bewahre uns davor, diese Lupe auf uns selber zu richten. Er bringe uns von zerstreuendem Blendwerk ab, von Eigennutz und Privilegien, vom Streben nach Macht und Ruhm, von der Verlockung durch den Geist der Welt. Unsere Mutter Kirche schaut » besonders auf den leidenden und weinenden Teil der Menschheit, weil sie weiß, dass diese Menschen ihr aufgrund eines im Evangelium verbuchten Rechtes angehören « (Paul VI., Ansprache zu Beginn der zweiten Sitzung des Zweiten Vatikanischen Konzils, 29. September 1963). Aufgrund eines Rechtes und auch aufgrund einer im Evangelium verankerten Pflicht, denn es ist unsere Aufgabe, uns um unseren wahren Reichtum, nämlich die Armen, zu kümmern. Im Licht dieser Gedanken möchte ich, dass heute der „Tag der Armen“ ist. Daran erinnert uns eine alte Überlieferung vom heiligen römischen Märtyrer Laurentius. Bevor er aus Liebe zum Herrn ein grausames Martyrium erlitt, verteilte er die Güter der Gemeinde an die Armen, die er als die wahren Schätze der Kirche bezeichnete. Möge uns der Herr gewähren, dass wir furchtlos auf das blicken, worauf es ankommt, und unser Herz auf ihn und auf unsere wahren Schätze ausrichten.

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Quelle

Papst empfängt 4.000 Obdachlose aus ganz Europa

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Jubiläum der Obdachlosen: Papst Franziskus empfing 4.000 arme Menschen aus ganz Europa im Vatikan

Es sind die Fähigkeit zum Träumen und die Leidenschaft, die uns ungeahnte Dinge erreichen lassen und letztlich zu Gott selbst führen. Wahre Armut hingegen sei es, wenn Menschen verlernten, zu träumen und mit Leidenschaft ein Ziel zu verfolgen. Das sagte Papst Franziskus an diesem Freitag vor rund 4.000 Obdachlosen aus über 20 Ländern in der Audienzhalle Paolo VI. Er empfing sie im Rahmen des zu Ende gehenden Heiligen Jahres der Barmherzigkeit; am Sonntag wird er mit ihnen einen Gottesdienst feiern. Bei der Audienz waren zunächst Obdachlose und Helfer am Wort. Sie schilderten In berührenden Zeugnissen ihren Lebensalltag und betonten, was das für sie bedeute, diese Audienz bei Franziskus und die Reise ins Herz der Christenheit. Nicht wenige der Obdachlosen waren zum ersten Mal im Leben mit dem Flugzeug unterwegs.

Der Papst antwortete ihnen nicht mit einer vorbereiteten Rede, sondern sprach frei und auf Spanisch, indem er auf einzelne Aspekte der eben gehörten Zeugnisse einging. „Die Armut steht im Herzen des Evangeliums,“ so beschrieb ein Helfer, der in einer Wohngemeinschaft mit Obdachlosen zusammenlebt, seine Gefühle unter Rückgriff auf ein gern gebrauchtes Wort des Papstes. Dem konnte Franziskus nur zustimmen: „Nur derjenige, der fühlt, dass ihm etwas fehlt, blickt nach oben und träumt. Derjenige, der alles hat, kann nicht träumen! Die einfachen Leute sind zu Jesus gegangen, weil sie geträumt hatten, dass er sie befreien würde, dass er ihnen dienen würde, und so folgten sie ihm und er hat sie befreit.“

Träumen und die Welt verändern

Auch der unerfüllbar scheinende Traum der Menschen in sozialen Schwierigkeiten, eine Reise nach Rom zu unternehmen, sei letztlich wahr geworden. Es sei die Fähigkeit zu träumen, die zu einer Veränderung der Welt führen könne. Dies könnten und sollten die Obdachlosen auch weiter vermitteln, so der Papst: „Lehrt uns alle, die, die ein Dach über dem Kopf haben und denen das Essen und die Medikamente nicht fehlen, sich nicht zufrieden zu geben. Mit euren Träumen, lehrt uns zu träumen, ausgehend vom Evangelium, wo ihr steht, im Herzen des Evangeliums.“

Würde

In den Worten und Gesten derjenigen, die gesprochen hatten, hätte er eines besonders gefühlt, auch wenn es nicht ausgesprochen worden war, so Franziskus: die Würde, mit der die Betroffenen auch in den schlimmsten Situationen etwas Lebenswertes und Schönes entdeckten. „Die Fähigkeit, Schönheit auch in Traurigkeit und Leiden anzutreffen, können nur ein Mann und eine Frau haben, die Würde besitzen. Arm, ja, aber heruntergekommen, nein! Das ist Würde! Dieselbe Würde, die Jesus hat, der arm geboren ist und arm lebte. Ich weiß, ja ich weiß es, dass ihr viele Male Personen getroffen habt, die eure Armut ausnutzen wollten und sie für eigene Zwecke nutzen wollten. Doch ich weiß auch, dass dieses Gefühl, die Schönheit des Lebens zu sehen, diese Würde, euch davor bewahrt hat, zu Sklaven zu werden. Arm ja, Sklaven nein!“

Solidarität

Es sei ihm bewusst, griff der Papst ein weiteres Zeugnis auf, dass das Leben für jeden von ihnen manchmal sehr hart sein könne. Doch das Bewusstsein dafür, dass es stets Personen gebe, denen es schlechter gehe als einem selbst und sich solidarisch mit diesen zu zeigen, trage dazu bei, in Würde zu leben. „Die Fähigkeit, solidarisch zu sein, ist eine der Früchte, die uns die Armut schenkt: wenn viel Reichtum da ist, dann vergisst man, solidarisch zu sein, denn man ist an diejenigen gewöhnt, denen es an nichts fehlt,“ so sein Seitenhieb auf eine Wohlstandsgesellschaft, die es an gelebter Solidarität fehlen lässt.

Frieden

Ein weiterer Punkt, den Franziskus aufgriff: Frieden. Denn „die größte Armut ist der Krieg“, antwortete der Papst auf das Zeugnis eines Obdachlosen, der ihn dazu aufgefordert hatte, sich weiter für den Frieden in der Welt einzusetzen. „Ihr“, so wandte der Papst sich an seine Gäste, „ihr könnt Friedensstifter sein, ausgehend von eurer Situation, von eurer Armut. Den Krieg führen Reiche unter sich, um mehr zu haben, mehr Land, mehr Macht, mehr Geld…“ und weiter: „Es ist sehr traurig, wenn es zu Krieg unter Armen kommt, denn er ist selten: Aufgrund der Tatsache selbst, arm zu sein, sind sie geneigter, als Friedensstifter tätig zu sein, machen sie Frieden, schaffen sie Frieden, und geben ein Beispiel für Frieden.“

Eine arme Kirche für die Armen

Am Ende dankte der Papst den obdachlosen Menschen für ihr Kommen – und entschuldigte sich im Namen der Kirche und der Gläubigen für diejenigen Katholiken, „die wegschauen, wenn sie Arme oder Elendssituationen sehen“. Auch er selbst habe vielleicht nicht immer den rechten Ton getroffen. „Ich bitte euch um Verzeihung, sollte ich euch manchmal mit meinen Worten beleidigt haben oder Dinge nicht gesagt haben, die ich hätte sagen sollen. Ich bitte euch um Entschuldigung für jedes Mal, das wir Christen gegenüber einer armen Person oder einer Situation von Armut wegschauen. Verzeihung! Eure Verzeihung für Männer und Frauen der Kirche, die nicht hinschauen wollen oder wollten, ist Weihwasser für uns, ist eine Reinigung und hilft uns dabei, wieder daran zu glauben, dass im Herzen des Evangeliums die Armut als große Botschaft steht und dass wir – Katholiken, Christen, alle, eine arme Kirche für die Armen bauen müssen.“

Am Samstagabend sind die obdachlosen Rompilger zu einem Konzert in der vatikanischen Audienzhalle eingeladen, bei dem der italienische Starkomponist Ennio Morricone dirigiert.

(rv 11.11.2016 cs)

Generalaudienz: Glaube ohne Werke der Hilfe ist sinnlos

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Bei strahlendem Wetter: Audienz auf dem Petersplatz – OSS_ROM

Armut ist nicht etwas Abstraktes, jeder Mensch reagiert emotional auf den Anblick konkreter Armut. Bei der Generalaudienz auf dem Petersplatz an diesem Mittwoch sprach Papst Franziskus einmal mehr über die Werke der Barmherzigkeit.

Wohlstand könne zu einer Art von Blindheit führen, so Franziskus: „Wenn du die Armut in ihrem fleischlichen Ausdruck in einem Mann, einer Frau oder einem Kind siehst, dann weckt das etwas in uns“, so der Papst. Deshalb schauten viele oftmals weg, wenn sie armen und bedürftigen Menschen begegneten. „Da gibt es diese Gewohnheit, von den Bedürftigen zu flüchten, sich ihnen nicht zu nähern oder die Realität der Armen schön zu reden. Und so entfernen wir uns von dieser Wirklichkeit. Es fehlt jeglicher Bezug zwischen mir und dem Armen.“ Und wer doch den Mut habe, sich Armen zu nähern, werde dann oftmals als ein Verrückter bezeichnet.

Der christliche Glaube jedoch sei tot, wenn er keine Werke der Barmherzigkeit vorzuweisen habe, fuhr Franziskus fort. Die Beziehung eines jeden Gläubigen zu Gott gehe aber noch weiter als die reine Hingabe, den Hungrigen und Dürstenden „ab und zu“ zu essen und zu trinken zu geben. Was noch mehr zähle, sei, „dass ich persönlich mich im täglichen Leben einsetze“. Der Papst nannte die Teilnahme an Spendenaktionen gegen den Hunger in der Welt als eine wichtige Form der Nächstenliebe.

Man könne nicht einem anderen Menschen den „Einsatz für die Armen“ delegieren. Jeder müsse konkret mithelfen. Auch gebe es keine Ausreden, ein Bedürftiger und Hilfesuchender sei immer da. Und wer nun einwendet, dass man zu wenig für andere zur Verfügung hätte, antwortete der Papst, dass das Wenige in die Hände Jesu zu legen sei und dann „voll Glauben und Vertrauen“ zu teilen.

Sein Vorgänger, Papst Benedikt XVI., habe sogar von einem „ethischen Imperativ für die Weltkirche“ gesprochen, solidarisch mit den Mitmenschen zu sein, so Franziskus. Er bezog sich auf eine Passage aus der Enzyklika „Caritas in veritate“. Darin heißt es, dass den Hungrigen zu essen zu geben den Lehren Jesu über Solidarität und Teilen entspräche. Deshalb sei es ein Recht für alle, genügend Essen und Trinken zu haben und die Grundvoraussetzung für alle anderen Rechte. Schließlich handele sich um das Grundrecht auf Leben. Deshalb sei es unerlässlich, alle an das Bewusstsein für Solidarität zu erinnern.

Papst würdigt polnischen Märtyrer

Papst Franziskus hat am Mittwoch des seliggesprochenen polnischen Priesters und Märtyrers Jerzy Popieluszko gedacht. Popieluszko habe sich persönlich für Arbeiter und ihre Familien eingesetzt und sich für Gerechtigkeit, lebenswürdige Bedingungen, Freiheit und Religionsfreiheit stark gemacht, würdigte Franziskus den Priester anlässlich dessen Todestags in seinen Grüßen an die polnischsprachigen Teilnehmer der Generalaudienz auf dem Petersplatz. Jerzy Popieluszko (1947-1984) war am 19. Oktober vor 32 Jahren wegen seiner oppositionellen Haltung vom polnischen Staatssicherheitsdienst ermordet worden.

(rv 19.10.2016 mg)