Ja-Ja – Nein-Nein: die Notwendigkeit eines klaren Urteils

05 September 2018, 07:00

Die McCarrick-Saga, Viganò und der Papst: worum es am wenigsten geht, ist die Wahrheitsfrage. Was passiert, wenn man Journalisten von der Leine lässt und sie auf Jagd schickt.

Von Armin Schwibach

Rom (kath.net/as) Sex – Geld – Macht. Vor zwei Monaten explodierte der Fall des homosexuellen (nunmehr ehemaligen) Kardinals Theodore „Uncle“ McCarrick, eines der mächtigsten und bedeutendsten Prälaten der Vereinigten Staaten von Amerika der letzten Jahrzehnte. Sein Name ist eng verbunden mit – Geld, den Mächtigen und den Reichen des Globus. „Uncle Ted“ tanzte auf allen Bühnen der Welt. Sein Einfluss reichte hoch hinauf in die „Sacri Palazzi“. Dass dies auch der Fall war aufgrund seiner aktiv praktizierten Homosexualität, des Bestehens eines Netzwerkes der Beeinflussung und des gegenseitigen Schutzes von homosexuellen Priestern, Bischöfen und Kardinälen, wird in der Zukunft zu klären sein. Eine Klärung, die zweifellos dadurch erschwert wird, dass die etablierten LGBT-Aktivisten weltweit den Blick von derartigen Netzwerken ablenken wollen.

Ein anderer (und vielleicht der wichtigste) Aspekt der McCarrick-Saga besteht eben im „Geld“: wie der kriminelle Gründer der Legionäre Christi Marcial Maciel Degollado war der „Onkel“ ein Genie, wenn es darum ging, Geld locker zu machen: ein Genie des „Fundraising“. So gründete der ehemalige Kardinal im Jahr 1988 zusammen mit Kardinal John Krol die wichtige amerikanische „Papal Foundation“, eine Stiftung im Dienst des Nachfolgers Petri und seiner Anliegen. Seit 1990 wurden nach Angaben der Stiftung 215 Millionen Dollar eingesammelt – viel Geld für den Papst, für Rom, für Projekte der Weltkirche, zudem in der Regel nur ein Wink genügte, um Kapitale locker zu machen.

„Fundraising“ – es gehörte zum Lebensinhalt des homosexuellen Kardinals, der die ganze Welt bereiste und als gern gesehener, weil mächtiger Gast begrüßt wurde. Gerade in dieser seiner politischen Eigenschaft war der Onkel während des Pontifikats von Papst Franziskus unterwegs. Mehr denn je habe er gearbeitet, schrieb das amerikanische Internetportal „National Catholic Reporter“, Sprachorgan der „liberals“ in Übersee, am 21. Juni 2014 unter dem Titel: „Globe-trotting Cardinal Theodore McCarrick is almost 84 and working harder than ever“. Weiter hieß es:

„McCarrick gehört zu einer Reihe von hochrangigen Kirchenmännern, die während des achtjährigen Pontifikats von Papst Benedikt XVI. mehr oder weniger auf die Weide geschickt wurden. Aber jetzt ist Franziskus Papst, und Prälaten wie Kardinal Walter Kasper (ein anderer alter Freund von McCarrick) und McCarrick selbst haben wieder Oberwasser und mehr als je zuvor zu tun“.

Wie immer: Geld, Macht und Sex. Um diese Banalitäten ging und geht es, um diese drei Bolzen dreht sich die Welt. Machtstrukturen zur Vertuschung von Missbräuchen und persönlicher Perversion sowie zur Selbstbehauptung. Wenn es das ist, was Franziskus in seinem „Schreiben an das Volk Gottes“ mit „Klerikalismus“ meinte, dann ist dem nur zuzustimmen.

Die McCarrick-Saga wird noch lange weitergehen und sie ist vor allem deshalb explodiert, weil bekannt wurde, dass der „Onkel“ nicht nur Seminaristen und anderen volljährigen Männern nachgestiegen war, sondern in wenigstens einem Fall auch einen Minderjährigen missbraucht hatte. Sie bietet Material für Romane, Filme, staatsanwaltliche und journalistische Aufdeckungsarbeit. Seit dem 26. August 2018 verbindet sich diese Geschichte mit einer weiteren, bedeutend umfassenderen, die direkt den Papst ins Spiel bringt, genauer gesagt drei Päpste: Johannes Paul II., Benedikt XVI. und Franziskus.

Der ehemalige Nuntius in den Vereinigten Staaten von Amerika, Carlo Maria Viganò, veröffentlichte ein explosives Memorandum, mit dem er den Fall McCarrick in einen größeren Zusammenhang stellte und vor allem Franziskus selbst einer expliziten Vertuschung bezichtigte. Während des Interviews auf dem Rückflug von Irland erklärte der Papst dazu: „Ich habe diese Erklärung heute Morgen gelesen. Ich habe sie gelesen, und ich muss Ihnen aufrichtig sagen, Ihnen und allen Interessierten unter Ihnen: Lesen Sie die Mitteilung aufmerksam durch und bilden Sie sich Ihr eigenes Urteil. Ich werde dazu kein Wort sagen. Ich glaube, dass das Kommuniqué für sich selbst spricht, und Sie haben ausreichend journalistische Fähigkeit, Ihre Schlussfolgerungen zu ziehen. Es ist ein Akt des Vertrauens: Wenn einige Zeit vergangen ist und Sie Ihre Schlussfolgerungen gezogen haben, werde ich vielleicht sprechen. Aber ich möchte, dass Ihre berufliche Reife diese Arbeit erledigt: Es wird Ihnen gut tun, wirklich. Dabei möchte ich es belassen“.

„Ich werde dazu kein Wort sagen – ich möchte, dass Ihre berufliche Reife diese Arbeit erledigt“: der Papst ließ also die Journalisten von der Leine, damit sie „ihre Arbeit“ tun. Seither vergeht keine Stunde, in der nicht über den „Fall Viganò“ geschrieben wird.

Zwei Akteure sind gegeneinander angetreten. Beide auf die eine oder andere Weise gestärkt durch das „Schweigen des Papstes“. Auf der einen Seite stehen jene, die eine klare Aussage zu Fragen wünschen, die mit dem zu beantworten wären, was einem Jesuiten in der Regel schwer fällt: mit einem klaren „Ja“ oder „Nein“.

Auf der anderen Seite platziert sich die sogenannte Bergoglio-Press-Gang, katholische und nichtkatholischen Medien und Journalisten, die sich dazu entschlossen haben, den „Reform-Papst“ zu verteidigen, der in den letzten fünf Jahren zu einer gerade auch von den weltlichen Medien vergötterten Idolfigur hochstilisiert wurde. Letzter Akt des Dramas nach dem Viganò-Memorandum: der Papst ist „Opfer“ einer Palastintrige der „Traditionalisten“ (was auch immer das heißen und wer auch immer das sein soll), die nun ihre Stunde sehen, einen unliebsamen Nachfolger Petri zu stürzen. Das aber ist unmöglich, wie jeder Katholik wissen sollte. Niemand kann den Papst richten, niemand kann ihn „von außen“ zum Rücktritt auffordern.

Die Schlacht tobt, vor allem im Internet und in den Social Medias. Worum es am wenigsten geht, das ist die Wahrheitsfrage und wie diese objektiv zerreißende Problematik in einen Horizont der Wahrheit gestellt werden kann. Ob es eine gute Idee war, die Journalisten von der Leine zu lassen? Wohl nicht. Vor allen Dingen auch deshalb nicht, weil irgendwann einmal jemand die Frage stellen wird: wenn die Erklärungen und Anklagen des ehemaligen Nuntius in den Vereinigten Staaten falsch sind oder „zu etwas anderem dienen“ – wo sind die Dokumente, anhand derer dies nachgewiesen werden könnte? Wo sind die Beweise, die die detaillierten Aussagen Viganòs widerlegen? Werden diese nicht gegeben, so besteht nur die Hoffnung auf eine vatikanische „Deep Throat“, einen neuen „Whistleblower“. Dies dürfte nicht dem Wohl der Kirche dienen.

So steht man vor einem sehr ideologisch geprägten Journalistenheer, das mehr oder weniger interessiert und wütend unterwegs ist. Was im Vergleich mit der Vergangenheit erstaunt: wie sehr doch gerade gewisse säkulare Medien und auch katholisch orientierte progressistische Organe meinen, sich „auf die Seite des Papstes“ stellen zu müssen, ohne einen Faktencheck zu produzieren und ohne Fragen zu stellen, zu deren Beantwortung ein eindeutiges Statement notwendig ist.

An die Stelle der Wahrheitsfrage treten persönliche Verunglimpfung und würdelose Produktion von Pseudoargumenten „ad hominem“. Das dürfte dem Anspruch des Papstes wohl ziemlich fernstehen: „Aber ich möchte, dass Ihre berufliche Reife diese Arbeit erledigt“. Leider muss man sich heute fragen, warum die Journalisten nicht das tun, was sie unter Benedikt XVI. acht Jahre lang am liebsten getan hatten: „Pressing“ auszuüben, damit bestimmte Dinge geklärt werden.

„Wer bin ich, um zu urteilen?“ – dieser Satz löste eine Lawine aus, die in fünf Jahren vieles mit- und wegriss. Heute wird umso deutlicher: dieses Urteil, dieses „Ja“ oder „Nein“ sind notwendig.

PS zur Erinnerung: es ist bestürzend, dass in dem ganzen Zusammenhang eines aus dem Bewusstsein verschwunden zu sein scheint: das Schicksal und Leid der Opfer von „predators“, von Raubtieren wie McCarrick und Co., das Schicksal der Opfer mafiöser Machtstrukturen, der Opfer verschiedenster Spielarten eines krankhaften Networking, das bei weitem die Vorstellung von „Seilschaften“ übersteigt.

„Die katholischen Journalisten müssen der Suche nach der Wahrheit mit leidenschaftlichem Verstand und Herz nachgehen, aber auch mit der Professionalität von Fachleuten, die mit angemessenen und wirkkräftigen Mitteln ausgestattet sind. Dies erweist sich als noch wichtiger im gegenwärtigen Augenblick der Geschichte, der vom Journalisten als Mittler des Informationsflusses verlangt, selbst einen tiefen Wandel zu vollziehen“: so mahnte Papst Benedikt XVI. am 7. Oktober 2010. Es ist an der Zeit, einzukehren und diesen Wandel zu vollziehen.

_______

Quelle

Zur Krise der Kirche: Ein Offener Brief an weltliche Medien eines Priesters aus Angola

Referenzbild Foto: Pixabay (CC0)

31 August, 2018 / 8:32 AM

Die Krise der Kirche – aber auch die Berichterstattung darüber in den Medien – erschüttert Priester wie Laien, Frauen wie Männer in aller Welt. CNA veröffentlicht diesen bemerkenswerten Brief aus Angola in deutscher Übersetzung mit freundlicher Genehmigung.

Journalisten, verehrte Schwestern und Brüder:

Ich bin ein einfacher katholischer Priester. Ich bin in meiner Berufung glücklich und darüber stolz. Seit zwanzig Jahren lebe ich als Missionar in Angola.

Ich sehe in vielen Massenmedien, besonders in Ihrer Zeitung, eine Vielzahl von Artikeln mit dem Thema von pädophilen Priestern, mit Untersuchungen in einer krankhaften Art und Weise über das Leben einiger Priester.

Einmal sprechen Sie von einer Stadt in den USA in den siebziger Jahren, dann von einer anderen in Australien in den 80-er Jahren, dann wieder von anderen jüngeren Fällen. Sicherlich muss dies verurteilt werden!

Man liest einige ausgeglichene Zeitungsartikel, aber auch andere voller Vorurteile und sogar voller Hass.

Die Tatsache, dass Personen, die die Liebe Gottes offenbaren sollten, wie ein Dolch im Leben von Unschuldigen sind, ruft bei mir einen unendlichen Schmerz hervor. Dafür gibt es keine Worte, die solche Taten rechtfertigen könnten. Und es steht außer Zweifel, dass die Kirche solche Personen nicht an der Seite der Schwächsten und Schutzlosesten lassen kann. Es müssen also alle Mittel des Schutzes angewandt werden, und alle Vorsorge für die Würde von Kindern muss absoluten Vorrang haben.

Man muss aber doch fragen dürfen, warum es ein so großes Unwissen und Unkenntnis betreffs tausender und abertausender Priester gibt, die sich für Millionen von Kindern, für unendlich viele Jugendliche und für die am meisten Benachteiligten auf der ganzen Welt aufreiben!

Ich bin der Ansicht, dass unsere Massenmedien kein Interesse daran haben, z.B. die Nachricht weiterzugeben, dass ich im Jahre 2.002 viele unterernährte Kinder durch Gebiete voller Minen von Cangumbe nach Lwena in Angola bringen musste, weil es weder die Regierung kümmerte noch die NGOs dazu berichtigt waren.

Ich denke auch, dass es Sie nicht kümmert, dass ich mehr als zehn Mal Kinder habe beerdigen müssen, die beim Versuch aus den Gegenden, wo Krieg geführt wurde, umgekommen sind oder die nach Hause zurückkehren wollten, noch dass wir viele Tausende von Menschen in Mexiko dank des einzigen Gesundheitspostens auf einem Gebiet von ca. 90.000 km² und auch dank der Verteilung von Nahrungsmitteln und Saatgut retten.

Es interessiert Sie wohl auch nicht, dass wir in den letzten zehn Jahren mehr als 110.000 Kindern die Möglichkeit von Erziehung und Ausbildung gegeben haben.

In den Massenmedien hatte auch die Tatsache, dass ich gemeinsam mit anderen Priestern bei der menschenbedrohenden Krise 15.000 Menschen in Kriegsgebieten nach ihrer Ergebung beistehen musste, weil weder von der Regierung noch von der UNO Lebensmittel kamen.

In den Medien steht keine Zeile davon, dass P. Roberto, ein 75-jähriger Priester, jede Nacht die Stadt Luanda durchstreift und sich um die Straßenkinder kümmert oder sie zu einem Aufnahmehaus bringt und versucht, sie bei Benzinvergiftung zu entgiften, und dass es Hunderte von Jugendlichen gibt, die nicht lesen und schreiben können.

Auch schreibt niemand eine Zeile darüber, dass andere Priester, wie Pater Stefano, sich darum kümmern, misshandelte und sogar vergewaltigte Kinder aufzunehmen und zu schützen.

Ebenso interessiert es niemanden, dass Bruder Maiato trotz seiner 80 Jahre von Haus zu Haus geht, um kranke und hoffnungslose Menschen zu trösten und beizustehen.

Es gibt auch keine Nachricht davon, dass mehr als 60.000 unter 400.000 Priestern und Ordensleuten ihre eigene Heimat und ihre Familie verlassen haben, um ihren Brüdern im Lepraheimen, in Hospitälern, in den Flüchtlingskamps, in den Einrichtungen zum Schutz von Kindern, die der Hexerei angeklagt sind, oder von AIDS-Waisen, in Schulen für die Allerärmsten, in den Ausbildungszentren, in den Hilfszentren für Aidskranke … oder dass sie schlicht und einfach in ihren Pfarreien und Missionsstationen leben und arbeiten, wobei sie die Menschen dazu ermutigen, zu leben und zu lieben.

Es ist auch keine Nachricht wert, dass mein Freund, Pater Marco Aurelio, während des Kriegs in Angola einige Jugendliche zu ihrer Rettung von Kalulo nach Dondo gebracht hat, er selbst aber auf dem Rückweg von Kugeln durchlöchert worden ist.

Es interessiert nicht, dass Bruder Francesco und fünf Katecheten, die in den abgelegensten Landstrichen auf der Straße bei einem Unfall ums Leben gekommen sind.

Es kümmert niemand, dass viel mehr als zehn Missionare in Angola an einer einfachen Malaria gestorben sind, weil es an ärztlicher Basisversorgung fehlt, und dass andere von einer Mine zerrissen worden sind, als sie ihre Leute besuchten.

Auf dem Friedhof von Kalulo finden wir die Gräber der ersten Priester, die hierher kamen – niemand von ihnen erreichte das 40. Lebensjahr!

Niemand berichtet davon, wenn er etwa einmal das Leben eines „normalen“ Priesters bei seinen Freuden und seinen Schwierigkeiten begleiten würde, während dieser, ohne Lärm zu machen, sein eigenes Leben verbraucht, nur um der ihm anvertrauten Gemeinde zu Diensten zu sein. Es stimmt: Wir sorgen uns nicht darum, Sensationsnachrichten zu machen, aber wir sorgen uns schlicht und einfach darum, die Frohbotschaft zu bringen, die ohne Lärm in der Osternacht begonnen hat.

Es ist wahr: Ein Baum macht mehr Lärm, wenn er zusammenbricht, als ein Urwald, der wächst.

Ich habe nicht die Absicht, eine Verteidigungsschrift für die Kirche oder die Priester zu schreiben. Der Priester ist weder ein Held noch ein Neurotiker. Er ist ein einfacher Mensch, der mit seiner Menschlichkeit versucht, Jesus zu folgen und seinen Brüdern zu dienen. In ihm gibt es wie in jedem Menschenwesen Erbärmlichkeit, Armseligkeiten und Schwächen, aber es gibt in ihm auch Schönheit und Güte wie in jedem Geschöpf.

Wenn man sich aber wie besessen und wie ein Staatsanwalt bei einem einzigen Thema aufhält, wobei man den Blick auf das Gesamte verliert, dann schafft dies wirklich beleidigende Karikaturen des katholischen Priestertums, und genau deshalb fühle ich mich angegriffen.

Journalist, suchen Sie die Wahrheit, das Gute und die Schönheit. All dies macht Sie in Ihrem Beruf ehrenwert.

Mein Freund – nur um dies bitte ich …!

In Christus,

Pater Martín Lasarte, SDB

Übersetzung aus dem Portugiesischen: Pater Herbert Douteil, CSSp.

_______

Quelle

ETHIK IN DER SOZIALEN KOMMUNIKATION

PÄPSTLICHER RAT FÜR DIE
SOZIALEN KOMMUNIKATIONSMITTEL

ETHIK IN DER SOZIALEN
KOMMUNIKATION

I.
EINFÜHRUNG

1. Die Art und Weise, wie die Menschen mit den sozialen Kommunikationsmitteln umgehen, kann positive und negative Auswirkungen nach sich ziehen. Auch wenn es immer wieder heißt — wir werden das hier oft wiederholen —, daß «die Medien» dies oder jenes tun, handelt es sich bei ihnen doch nicht um blinde Naturkräfte außerhalb jeder menschlichen Kontrolle. Denn selbst wenn das Kommunikationsgeschehen oft unbeabsichtigte Folgen hat, hängt es dennoch von der Entscheidung der Menschen ab, ob sie die Medien für gute oder schlechte Zwecke, auf gute oder schlechte Weise benutzen.

Diese Entscheidungen, die für die ethische Frage von zentraler Bedeutung sind, werden nicht nur von den Kommunikationsempfängern — Zuschauern, Hörern, Lesern — getroffen, sondern insbesondere von denjenigen, die die sozialen Kommunikationsmedien kontrollieren und über ihre Strukturen, ihre Politik und ihren Inhalt entscheiden. Zu ihnen gehören Inhaber öffentlicher Ämter und Vorstände, Geschäftsführer, Mitglieder von Regierungsorganen, die Eigentümer von Medienunternehmen, Herausgeber, Verleger, Intendanten und Direktoren von Rundfunk- und Fernsehsendern, Redakteure und Chefredakteure von Zeitungen, Produzenten, Autoren, Korrespondenten und andere. Für sie stellt sich die ethische Frage besonders dringlich: Werden die Massenmedien für gute oder für schlechte Zwecke benutzt?

2. Der Einfluß der Medien ist übermächtig. Hier kommen Menschen mit anderen Menschen und mit Ereignissen in Kontakt und bilden sich ihre Meinungen und Wertvorstellungen. Durch diese Medien übermitteln und empfangen sie nicht nur Informationen und Ideen, sondern oft erfahren sie das Leben selbst als eine durch die Medien vermittelte Erfahrung (vgl. Päpstlicher Rat für die Sozialen Kommunikationsmittel, Aetatis novae, 2).

Der technologische Wandel macht die Kommunikationsmitttel sehr rasch noch beherrschender und mächtiger. «Das Aufkommen der Informationsgesellschaft ist tatsächlich eine Kulturrevolution» (Päpstlicher Rat für die Kultur, Für eine Pastoral der Kultur, 9); die eindrucksvollen Neuerungen des zwanzigsten Jahrhunderts dürften wohl nur ein Prolog zu dem gewesen sein, was uns das neue Jahrhundert bringen wird.

Die Verbreitung und Vielfalt der Medien, die den Menschen der wohlhabenden Länder zugänglich sind, ist erstaunlich: Bücher und Zeitschriften, Fernsehen und Radio, Filme und Videos, Tonaufzeichnungen, über Funk, Kabel, Satelliten oder Internet übermittelte elektronische Kommunikation. Die Inhalte dieses ungeheuren Stromes an Kommunikation reichen von blossen Nachrichten bis zu reiner Unterhaltung, vom Gebet bis zur Pornographie, von der Kontemplation bis zur Gewalt. Je nachdem, wie sie die Medien nutzen, können Menschen entweder in der Fähigkeit zu Mitleid und Mitgefühl wachsen oder aber in einer narzißhaften, um sich selbst kreisenden Welt von fast betäubend wirkenden Reizen isoliert werden. Nicht einmal Menschen, die den Medien ausweichen, können Kontakte mit anderen Menschen, die sich tief von den Medien beeinflussen lassen, vermeiden.

3. Außer diesen Motiven hat die Kirche noch ihre eigenen Gründe dafür, sich für die sozialen Kommunikationsmittel zu interessieren. Im Licht des Glaubens betrachtet, kann man die Geschichte der menschlichen Kommunikation als eine lange Reise sehen, die von Babel, Schauplatz und Sinnbild des Zusammenbruchs der Kommunikation (vgl. Gen 11,4-8), bis Pfingsten und zur Gabe des Zungenredens (vgl. Apg 2,5-11), also der Wiederherstellung der Kommunikation durch die Kraft des vom Sohn gesandten Geistes, führt. Die Kirche, die in die Welt hinausgesandt wurde, die Frohe Botschaft zu verkünden (vgl. Mt 28,19-20; Mk 16,15), hat den Auftrag zur Verkündigung des Evangeliums bis ans Ende der Zeiten. Und die Kirche weiß, daß heute für die Glaubensverkündigung der Einsatz der Massenmedien unentbehrlich geworden ist (vgl. II. Vatikanisches Konzil, Dekret Inter mirifica, 3; Paul VI., Apostol. Schreiben Evangelii nuntiandi, 45; Johannes Paul II., Enzyklika Redemptoris missio, 37; Päpstlicher Rat für die Sozialen Kommunikationsmittel, Communio et progressio, 126-134; Aetatis novae, 11).

Die Kirche weiß auch, daß sie communio ist, das heißt eine Gemeinschaft aus Personen und eucharistischen Gemeinschaften, die «in der innigen Gemeinschaft der Dreifaltigkeit ihren Ursprung hat und diese widerspiegelt» (Aetatis novae, 10; vgl. Kongregation für die Glaubenslehre, Einige Aspekte der Kirche als Communio). In der Tat gründet sich alle menschliche Kommunikation auf die Kommunikation zwischen Vater, Sohn und Heiligem Geist. Aber mehr noch: die trinitarische Gemeinschaft erreicht die Menschheit: Der Sohn ist das vom Vater ewig «gesprochene» Wort; und in und durch Jesus Christus, Sohn und fleischgewordenes Wort, teilt Gott Frauen und Männern sich selbst und sein Heil mit. «Viele Male und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern gesprochen durch die Propheten; in dieser Endzeit aber hat er zu uns gesprochen durch den Sohn, den er zum Erben des Alls eingesetzt und durch den er auch die Welt erschaffen hat» (Hebr 1,1-2). Ausgangspunkt der Kommunikation in der Kirche und durch die Kirche ist die Gemeinschaft der Liebe zwischen den göttlichen Personen und ihre Kommunikation mit uns.

4. Die Kirche begegnet den Mitteln der gesellschaftlichen Kommunikation grundsätzlich positiv und ermutigend. Sie bleibt nicht einfach bei Vorurteil und Verurteilung stehen; vielmehr sieht sie diese Mittel nicht nur als Produkte des menschlichen Erfindungsgeistes, sondern auch als großartige Gaben Gottes und echte Zeichen der Zeit (vgl. Inter mirifica, 1; Evangelii nuntiandi, 45; Redemptoris missio, 37). Sie möchte diejenigen, die beruflich im Medienbereich tätig sind, durch die Festlegung positiver Prinzipien, die ihnen bei ihrer Arbeit helfen sollen, unterstützen, während sie gleichzeitig einen Dialog fördert, an dem alle interessierten Seiten — das bedeutet heutzutage praktisch jedermann — teilnehmen können. Diese Zielsetzungen liegen dem vorliegenden Dokument zugrunde.

Wir wiederholen: Die Medien tun nichts von selbst; sie sind Instrumente, Werkzeuge, die so benutzt werden, wie die Menschen sie benutzen wollen. Wenn wir über die Mittel der sozialen Kommunikation nachdenken, müssen wir uns ehrlich der «wesentlichsten» Frage stellen, die der technische Fortschritt aufwirft: «Wird der Mensch als Mensch im Zusammenhang mit diesem Fortschritt wirklich besser, das heißt geistig reifer, bewußter in seiner Menschenwürde, verantwortungsvoller, offener für den Mitmenschen, vor allem für die Hilfsbedürftigen und Schwachen, und hilfsbereiter zu allen?» (Johannes Paul II., Enzyklika Redemptor hominis, 15).

Wir nehmen als selbstverständlich an, daß die große Mehrheit derer, die in irgendeiner Form im Medienbereich tätig sind, gewissenhafte Menschen sind, die das Richtige tun wollen. Inhaber öffentlicher Ämter, Entscheidungsträger, Intendanten und Direktoren möchten das öffentliche Interesse, so wie sie es verstehen, respektieren und fördern. Leser, Hörer und Zuschauer wollen ihre Zeit gut nutzen für ihre persönliche Entwicklung, damit sie ein glücklicheres, erfüllteres Leben führen können. Eltern sind darauf bedacht, daß das, was durch die Medien in ihre Wohnungen Eingang findet, ihren Kindern zum Nutzen gereicht. Die meisten Medienschaffenden wollen ihre Talente einsetzen, um der Menschheitsfamilie zu dienen, und sind beunruhigt über den in vielen Medienbereichen zunehmenden wirtschaftlichen und ideologischen Druck, die geltenden ethischen Standards zu senken.

Die Inhalte der zahllosen Entscheidungen, die von all diesen Personen im Zusammenhang mit den Massenmedien getroffen werden, unterscheiden sich zwar von Gruppe zu Gruppe und von Mensch zu Mensch, aber alle Entscheidungen haben ethisches Gewicht und sind einer sittlichen Bewertung unterworfen. Voraussetzung für eine richtig getroffene Wahl bzw. Entscheidung ist «die Kenntnis der Grundsätze sittlicher Wertordnung und die Bereitschaft, sie auch wirklich anzuwenden» (Inter mirifica, 4).

5. Die Kirche bringt mehrere Elemente in dieses Gespräch ein.

Sie bringt eine lange Tradition moralischer Weisheit mit, die ihren Ursprung in der göttlichen Offenbarung und im menschlichen Denken hat (vgl. Johannes Paul II., Enzyklika Fides et ratio, 36-48). Dazu gehört ein gehaltvoller und weiter wachsender Bestand an Soziallehre, deren theologischer Horizont ein wichtiges Korrektiv zu der «‘atheistischen‘ Lösung» darstellt, «die den Menschen eines seiner fundamentalen Bausteine, nämlich des geistlichen, beraubt, als auch zu den permissiven und konsumistischen Lösungen, die es unter verschiedenen Vorwänden darauf abgesehen haben, ihn von seiner Unabhängigkeit von jedem Gesetz und von Gott zu überzeugen» (Johannes Paul II., Enzyklika Centesimus annus, 55). Das ist mehr als ein einfaches Urteil; diese Tradition bietet sich selbst zum Dienst an den Medien an. Zum Beispiel kann »die kirchliche Kultur der Weisheit die Informationskultur der Medien davor bewahren, zu einer sinnlosen Anhäufung von Fakten zu werden» (Johannes Paul II., Botschaft zum 33. Welttag der Sozialen Kommunikationsmittel, 1999).

Die Kirche bringt auch noch etwas anderes in das Gespräch ein. Ihr besonderer Beitrag zur menschlichen Ordnung, einschließlich der Welt der sozialen Kommunikation, «ist ihre Sicht von der Würde der Person, die sich im Geheimnis des menschgewordenen Wortes in ihrer ganzen Fülle offenbart» (Centesimus annus, 47). In der Formulierung des Zweiten Vatikanischen Konzils «macht Christus, der Herr, Christus, der neue Adam, in der Offenbarung des Geheimnisses des Vaters und seiner Liebe dem Menschen den Menschen selbst voll kund und erschließt ihm seine höchste Berufung» (Gaudium et spes, 22).

II.
DIE SOZIALE KOMMUNIKATION
IM DIENST DES MENSCHEN

6. Im Anschluß an die Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute Gaudium et spes (vgl. Nr. 30-31) stellt die Pastoralinstruktion über die sozialen Kommunikationsmittel Communio et progressio mit aller Klarheit fest, daß die Medien berufen sind, der Menschenwürde dadurch zu dienen, da ß sie dem Menschen helfen, ein gutes Leben zu führen und als Person in Gemeinschaft zu leben. Die Medien tun das, indem sie Männer und Frauen ermutigen, sich ihrer Würde bewußt zu sein, auf die Gedanken und Gefühle anderer einzugehen, ein gegenseitiges Verantwortungsgefühl zu entwickeln und in der persönlichen Freiheit, in der Achtung vor der Freiheit der anderen und in der Fähigkeit zum Dialog zu wachsen.

Medien-Kommunikation verfügt über eine ungeheure Macht, Glück und Erfüllung des Menschen zu fördern. Ohne den Anspruch zu erheben, mehr als nur einen kurzen Überblick zu geben, erwähnen wir hier, wie wir es schon bei anderer Gelegenheit getan haben (vgl. Päpstlicher Rat für die Sozialen Kommunikationsmittel, Ethik in der Werbung, 4-8), einige positive Seiten in wirtschaftlicher, politischer, kultureller, erzieherischer und religiöser Hinsicht.

7. Wirtschaftlich. Der Markt ist weder eine Sittlichkeitsnorm noch eine Quelle moralischer Werte, und die Marktwirtschaft kann mißbraucht werden; doch der Markt kann dem Menschen dienen (vgl. Centesimus annus, 34), und in einer Marktwirtschaft spielen die Medien eine unverzichtbare Rolle. Die gesellschaftliche Kommunikation unterstützt das Geschäftsleben und den Handel, sie hilft das Wirtschaftswachstum anzukurbeln, fördert Beschäftigung und Konjunktur, ermutigt zu Verbesserungen in der Qualität bestehender und zur Entwicklung neuer Produkte und Dienstleistungen; sie fördert den verantwortlichen Wettbewerb, der den Interessen der Allgemeinheit dient, und ermöglicht den Menschen, durch Informationen über Verfügbarkeit und Eigenschaften von Produkten eine sachkundige Wahl zu treffen.

Mit einem Wort, die heutigen komplexen nationalen und internationalen Wirtschaftssysteme könnten ohne die Medien gar nicht funktionieren. Würde man die Medien abschaffen, würden zum großen Schaden unzähliger Menschen und der ganzen Gesellschaft entscheidende Strukturen der Wirtschaft zusammenbrechen.

8. Politisch. Die Medien-Kommunikation kommt der Gesellschaft zugute, weil sie dem informierten Bürger die Teilnahme am politischen Prozeß erleichtert. Die Medien führen Leute zusammen, die gemeinsame Absichten und Ziele verfolgen, und tragen so zur Bildung und Aufrechterhaltung echter politischer Gemeinschaften bei.

In den heutigen demokratischen Gesellschaften sind die Medien unentbehrlich. Sie liefern Informationen über Probleme und Ereignisse, über Amtsinhaber und Amtsbewerber. Sie ermöglichen den Führungskräften, über dringende Fragen rasche, direkte Verbindung mit der Öffentlichkeit aufzunehmen. Die Medien sind wichtige Instrumente der Verantwortlichkeit, wenn sie Inkompetenz, Korruption und Vertrauensmißbrauch ins Rampenlicht rücken; sie lenken aber die Aufmerksamkeit ebenso auf Beispiele für Kompetenz, Zivilcourage und Pflichteifer.

9. Kulturell. Die sozialen Kommunikationsmittel bieten den Menschen Zugang zu Literatur, Theater, Musik und Kunst, die ihnen sonst nicht zugänglich wären, und fördern auf diese Weise die menschliche Entwicklung im Hinblick auf Wissen, Weisheit und Schönheit. Wir meinen damit nicht nur Darbietungen klassischer Werke und Forschungsergebnisse, sondern auch gesunde volkstümliche Unterhaltung und nützliche Informationen, welche die Familien zusammenführen, den Menschen bei der Lösung ihrer Alltagsprobleme helfen, kranke, ans Bett gefesselte und ältere Menschen innerlich aufrichten und Lebensmüdigkeit und Langeweile vertreiben.

Die Medien ermöglichen es auch ethnischen Gruppen, ihre kulturellen Traditionen in Ehren zu halten und zu pflegen, sie mit anderen zu teilen und sie an die jüngeren Generationen weiterzugeben. Im besonderen führen sie Kinder und Jugendliche in ihr Kulturerbe ein. Wie die Künstler, so dienen auch die Medienschaffenden dem Gemeinwohl durch Bewahrung und Bereicherung des Kulturerbes von Nationen und Völkern (vgl. Johannes Paul II., Brief an die Künstler, 4).

10. Erzieherisch. Die Medien sind in vielen Bereichen, von der Schule bis zum Arbeitsplatz, und in vielen Lebensabschnitten wichtige Erziehungsinstrumente. Kinder im Vorschulalter, die in die Grundkenntnisse des Lesens und Rechnens eingeführt werden, junge Menschen, die eine Berufsausbildung oder den Erwerb eines akademischen Grades anstreben, ältere Menschen, die sich in ihren letzen Lebensjahren noch einmal auf die Schulbank setzen — sie und viele andere haben über diese Medien Zugang zu einer reichen und ständig wachsenden Palette von Bildungsmitteln.

Die Medien gehören in vielen Klassenzimmern zu den Standardinstrumenten im Unterricht. Und au ßerhalb der Schulmauern überwinden die Medien, einschlie ßlich des Internet, die trennenden Schranken weiter Entfernungen und der Isolation und erschließen Dorfbewohnern in entlegenen Gegenden, in Klausur lebenden Ordensleuten, ans Haus gefesselten Kranken, Gefangenen und vielen anderen neue Lernmöglichkeiten.

11. Religiös. Das religiöse Leben vieler Menschen wird durch die Medien außerordentlich bereichert. Sie bringen Nachrichten und Informationen über religiöse Ereignisse, Ideen und Persönlichkeiten; sie sind Instrumente der Glaubensverkündigung und Katechese. Tagaus, tagein bieten sie Menschen, die in ihren Häusern oder in Heimen eingeschlossen sind, Anregung, Ermutigung und Gelegenheit zum Gottesdienst.

Manchmal tragen die Medien auf ungewöhnliche Weise zur geistlichen Bereicherung der Menschen bei. So schaut sich zum Beispiel ein riesiges Fernsehpublikum überall auf der Welt wichtige Ereignisse im Leben der Kirche regelmäßig über Satellit aus Rom an und nimmt gewissermaßen daran teil. Und im Laufe der Jahre haben die Medien die Worte und Bilder von den Pastoralbesuchen des Heiligen Vaters zu Millionen und Abermillionen Menschen getragen.

12. In all diesen Umfeldern — wirtschaftlich, politisch, kulturell, erzieherisch, religiös — wie auch in anderen Situationen können die Medien dazu benutzt werden, menschliche Gemeinschaft aufzubauen und zu erhalten. Und in der Tat sollte alle Kommunikation offen sein für die Gemeinschaft der Menschen untereinander.

«Um Bruder und Schwester zu werden, ist es notwendig sich zu kennen. Um sich kennenzulernen, ist jedoch ein umfassenderer und tieferer Austausch untereinander erforderlich» (Kongregation für die Institute des geweihten Lebens und die Gemeinschaften des apostolischen Lebens, Brüderliches Leben in Gemeinschaft, 29). Kommunikation, die echter Gemeinschaft dient, ist «mehr als nur Äußerung von Gedanken oder Ausdruck von Gefühlen; im Tiefsten ist sie Mitteilung seiner selbst in Liebe» (Päpstliche Kommission für die Instrumente der Sozialen Kommunikation, Pastoralinstruktion Communio et Progressio, 11).

Eine Kommunikation dieser Art sucht das Wohlergehen und die Erfüllung der Mitglieder der Gemeinschaft im Hinblick auf das Gemeinwohl aller. Es bedarf aber der Beratung und des Dialogs, um dieses Gemeinwohl zu erkennen. Deshalb ist es für alle, die mit gesellschaftlicher Kommunikation zu tun haben, unumgänglich, sich in diesem Dialog zu engagieren und sich der Wahrheit darüber, was gut ist, zu unterwerfen. Auf diese Weise können die Medien ihrer Verpflichtung gerecht werden, «Zeugnis zu geben von der Wahrheit über das Leben, über die Würde des Menschen, über den wahren Sinn unserer Freiheit und gegenseitigen Abhängigkeit» (Johannes Paul II., Botschaft zum 33. Welttag der Sozialen Kommunikationsmittel, 1999).

III.
SOZIALE KOMMUNIKATION
DIE DAS WOHL
DES MENSCHEN VERLETZT

13. Die Medien können aber auch dazu benutzt werden, Gemeinschaft zu verhindern und das ganzheitliche Wohl von Menschen zu verletzen. Das geschieht, wenn sie Menschen entfremden oder an den Rand drängen und isolieren; wenn sie Menschen in entartete, um falsche, zerstörerische Werte gebildete Gemeinschaften hineinziehen; wenn sie Feindseligkeit und Konflikte fördern, andere dämonisieren und eine Gesinnung des «wir» gegen «sie» schaffen; wenn sie das Niedrige und Menschenunwürdige in einem falschen Glanz präsentieren, während sie von dem, was erhebt und adelt, entweder gar keine Notiz nehmen oder es herabsetzen; wenn sie Falschinformation und Desinformation verbreiten, Trivialisierung und Bagatellisierung fördern. Stereotypen bzw. Klischeevorstellungen — auf Grund rassischer und ethnischer Zugehörigkeit, des Geschlechts, des Alters und anderer Faktoren, einschlie ßlich der Religion — sind in den Massenmedien bedauerlicherweise allgemein verbreitet. Oft läßt die soziale Kommunikation auch unbeachtet, was wirklich neu und wichtig ist, einschließlich der Frohbotschaft des Evangeliums, und konzentriert sich auf das, was vorübergehend «in Mode» ist.

Mißbräuche gibt es in jedem der schon oben erwähnten Bereiche.

14. Wirtschaftlich. Die Medien werden manchmal zur Errichtung und Erhaltung von Wirtschaftssystemen benutzt, die der Gewinnsucht und Geldgier dienen. Ein typisches Beispiel ist der Neoliberalismus: «Gestützt auf eine rein ökonomische Auffassung vom Menschen, sieht er — zum Schaden der Würde und Achtung der einzelnen Menschen und der Völker — den Profit und das Gesetz des Marktes als seine einzigen Parameter an» (Johannes Paul II., Ecclesia in America, 156). Unter diesen Umständen werden die Kommunikationsmittel, die allen zugute kommen sollten, zum Vorteil einiger weniger ausgebeutet.

Der Globalisierungsprozeß kann «außergewöhnliche Möglichkeiten zu immer größerem Wohlstand» hervorbringen (Centesimus annus, 58); aber mit diesem Prozeß geht die Tatsache einher, ja gehört als Bestandteil zu ihm, daß manche Nationen und Völker unter Ausbeutung und Ausgrenzung leiden und dadurch im Kampf um Entwicklung immer weiter zurückfallen. Diese sich ausbreitenden Nester von Not und Elend inmitten des Überflusses sind Brutstätten von Neid, Ressentiment, Spannungen und Konflikten. Das unterstreicht den dringenden Bedarf an «wirksamen internationalen Kontrollund Leitungsorganen, die die Wirtschaft auf das Gemeinwohl hinlenken» (Centesimus annus, 58).

Angesichts schwerwiegender Ungerechtigkeiten darf es Medienschaffenden nicht genügen, einfach zu sagen, ihre Aufgabe bestehe darin, über die Dinge zu berichten, wie sie sind. Das ist zweifellos ihre Aufgabe. Aber es gibt Fälle von menschlichem Leid, die von den Medien weithin ignoriert werden, während über andere durchaus berichtet wird; und insofern das eine von den Medienschaffenden getroffene Entscheidung widerspiegelt, läßt sich darin eine nicht zu rechtfertigende Selektivität erkennen. In einem noch grundsätzlicheren Sinn sind Strukturen und Politik der Kommunikation sowie die Verteilung der erforderlichen Technologie Faktoren, die dazu beitragen, manche Menschen «informationsreich», andere aber «informationsarm» zu machen, und das in einer Zeit, wo der Wohlstand, ja das Überleben von der Information abhängen.

Auf diese Weise tragen dann die Medien oft zu den Ungerechtigkeiten und Unausgewogenheiten bei, die zu dem Leid führen, von dem sie berichten. «Es gilt, die Barrieren und Monopole zu durchbrechen, die so viele Völker am Rande der Entwicklung liegenlassen. Es gilt, für alle — einzelne und Nationen — die Grundbedingungen für die Teilnahme an der Entwicklung sicherzustellen» (Centesimus annus, 35). Kommunikation und Informationstechnologie, Hand in Hand mit entsprechender Ausbildung zu ihrem Gebrauch, ist eine dieser Grundbedingungen.

15. Politisch. Skrupellose Politiker benutzen die Massenmedien für ihre Demagogie und Täuschung zur Unterstützung der Unrechtma ßnahmen und Unterdrückung in Gewaltregimen. Sie schalten Gegner aus und entstellen und unterdrücken durch Propaganda und Verdrehung systematisch die Wahrheit. Anstatt die Menschen zusammenzubringen, dienen die Medien dann dazu, sie voneinander zu trennen, indem sie Spannungen und Verdächtigungen und damit die Voraussetzung für Konflikte erzeugen.

Selbst in Ländern mit demokratischen Systemen ist es ganz normal, daß führende Politiker die öffentliche Meinung mit Hilfe der Medien manipulieren, anstatt durch sachkundige Information die Teilnahme am politischen Prozeß zu fördern. Die Regeln der Demokratie werden zwar beachtet, doch aus dem Bereich von Werbung und Public Relations entlehnte Techniken werden im Namen einer Politik angewandt, die einzelne Gruppen ausbeutet und Grundrechte, einschließlich des Rechtes auf Leben, verletzt (vgl. Johannes Paul II., Enzyklika Evangelium vitae, 70).

Oft machen die Massenmedien auch den ethischen Relativismus und Utilitarismus populär, die der heutigen Kultur des Todes zugrunde liegen. Sie machen sich häufig zu Komplizen der aktuellen «Verschwörung gegen das Leben», «indem sie jener Kultur, die die Anwendung der Empfängnisverhütung, der Sterilisation, der Abtreibung und selbst der Euthanasie als Zeichen des Fortschritts und als Errungenschaft der Freiheit hinstellt, in der öffentlichen Meinung Ansehen verschaffen, während sie Positionen, die bedingungslos für das Leben eintreten, als freiheits- und entwicklungsfeindlich beschreibten» (Evangelium vitae, 17).

16. Kulturell. Kritiker tadeln häufig die Oberflächlichkeit und den schlechten Geschmack der Medien; auch wenn ihre Darbietungen nicht freudlos und langweilig zu sein brauchen, sollten sie jedoch auch nicht geschmacklos und herabwürdigend sein. Zu sagen, die Medien spiegeln die Standards des Publikums wider, ist keine Entschuldigung; denn die Medien beeinflussen ja auch nachdrücklich die Meinungen des Publikums und sind deshalb geradezu verpflichtet, die Maßstäbe zu heben und nicht zu senken.

Das Problem nimmt verschiedene Formen an. Anstatt komplizierte Angelegenheiten sorgfältig und wahrheitsgemäß zu erklären, weichen die Nachrichtenmedien ihnen aus oder vergröbern sie. Die Unterhaltungsmedien produzieren zersetzende, enthumanisierende Darbietungen, wozu auch die ausbeuterische Behandlung von Sexualität und Gewalt gehört. Es ist äußerst verantwortungslos, zu ignorieren oder als unwesentlich abzutun, daß «Pornographie und sadistische Gewaltanwendung entarteter Sexualität die menschlichen Beziehungen verderben, das Ehe- und Familienleben untergraben, antisoziales Verhalten fördern und den moralischen Zusammenhalt der Gesellschaft aufweichen» (Päpstlicher Rat für die Sozialen Kommunikationsmittel, Pornographie und Gewalt in den Kommunikationsmedien. Eine pastorale Antwort, 10).

Auf internationaler Ebene ist auch die durch die sozialen Kommunikationsmedien ausgeübte kulturelle Vorherrschaft ein wachsendes ernstes Problem. Traditionelle kulturelle Ausdrucksformen werden manchenorts vom Zugang zu den Publikums-Medien praktisch ausgeschlossen und stehen vor der Auslöschung; unterdessen verdrängen die Werte der säkularisierten Wohlstandsgesellschaften in zunehmendem Maße die althergebrachten Werte von Gesellschaften, die ärmer und schwächer sind. In Anbetracht dieser Situation sollte besondere Aufmerksamkeit darauf verwendet werden, Kinder und Jugendliche mit Medienangeboten zu versorgen, die sie in lebendigen Kontakt mit ihrem Kulturerbe bringen.

Kommunikation über die Kulturgrenzen hinweg ist wünschenswert. Die Gesellschaften können und sollten voneinander lernen. Doch sollte kulturübergreifende Kommunikation nicht auf Kosten der Schwächeren gehen. Heute «sind selbst die am wenigsten verbreiteten Kulturen nicht mehr isoliert. Sie profitieren von vermehrten Kontakten, leiden aber auch unter dem Druck eines starken Trends zu Gleichförmigkeit» (Päpstlicher Rat für die Kultur, Für eine Pastoral für die Kultur, 33). Der Umstand, daß nun soviel Kommunikation nur in eine Richtung — nämlich von den entwickelten Nationen zu den in Entwicklung befindlichen und zu den armen Ländern — fließt, wirft ernsthafte ethische Fragen auf. Haben die Reichen nichts von den Armen zu lernen? Sind die Starken taub für die Stimmen der Schwachen?

17. Erzieherisch. Die Medien können, anstatt das Lernen zu fördern, die Menschen zerstreuen und ablenken und sie zur Zeitverschwendung veranlassen. Kinder und Jugendliche kommen auf diese Weise besonders zu Schaden, aber auch Erwachsene leiden darunter, seichten, minderwertigen und kitschigen Medienangeboten ausgesetzt zu sein. Eine der Ursachen dieses Vertrauensmi ßbrauchs durch die Medienschaffenden ist die Geldgier, der es mehr um den Profit als um die Menschen geht.

Manchmal werden die Medien auch als Werkzeuge der Indoktrination eingesetzt, um das Wissen der Menschen zu kontrollieren und ihnen den Zugang zu der Information zu verwehren, die sie nach dem Willen der zuständigen Stellen nicht erhalten sollen. Das ist eine Entartung echter Erziehung, die ja bestrebt ist, das Wissen und die Fähigkeiten der Menschen zu erweitern und ihnen bei der Verfolgung wertvoller Ziele behilflich zu sein, nicht aber ihren Horizont einzuengen und ihre Kräfte in den Dienst einer Ideologie einzuspannen.

18. Religiös. Im Beziehungsverhältnis zwischen der Medien-Kommunikation und der Religion gibt es auf beiden Seiten Versuchungen.

Auf der Seite der Medien treten diese Versuchungen folgendermaßen in Erscheinung: Die Medien ignorieren religiöse Ideen und Erfahrungen oder drängen sie ins Abseits; sie behandeln Religion mit Verständnislosigkeit, vielleicht sogar Verachtung, als ein Objekt der Neugier, das keine ernsthafte Beachtung verdient; sie fördern auf Kosten des überlieferten Glaubens religiöse Modetorheiten; sie gehen mit anerkannten religiösen Gruppen feindselig um; sie wägen die Angemessenheit von Religion und religiöser Erfahrung nach weltlichen Maßstäben ab und begünstigen religiöse Ansichten, die dem weltlichen Geschmack entsprechen, gegenüber jenen, die das nicht tun; sie versuchen, die Transzendenz in die Grenzen des Rationalismus und Skeptizismus einzuschließen. Die heutigen Medien spiegeln oft den postmodernen Zustand eines menschlichen Geistes wider, »der in die Grenzen seiner Immanenz eingeschlossen ist, ohne irgendeinen Bezug zur Transzendenz zu haben» (Johannes Paul II., Enzyklika Fides et ratio, 81).

Die Versuchungen auf der Seite der Religion sehen so aus: Die Religion macht sich von den Medien ein ausschließlich verurteilendes und negatives Bild; sie kann nicht verstehen, daß vernünftige Maßstäbe einer guten Medienpraxis wie Objektivität und Unparteilichkeit eine Sonderbehandlung für institutionelle Interessen der Religion ausschließen können; sie bietet religiöse Botschaften auf eine emotionale, manipulative Art an, als handelte es sich um Konkurrenzerzeugnisse im Überangebot eines Marktes; sie gebraucht die Medien als Instrumente für Kontrolle und Vorherrschaft; sie übt unnötige Heimlichtuerei und verstößt andererseits gegen die Wahrheit; sie spielt die Forderung des Evangeliums nach Umkehr, Buße und einer Besserung des Lebens herunter, während sie an deren Stelle eine farblose Religiosität setzt, die den Menschen wenig abverlangt; sie unterstützt Fundamentalismus, Fanatismus und religiöse Exklusivität, Haltungen, die Verachtung und Feindseligkeit gegenüber anderen nähren.

19. Kurz gesagt, die Medien können für gute oder schlechte Zwecke benutzt werden — das ist eine Frage der getroffenen Entscheidung. «Man darf niemals vergessen, daß mediale Kommunikation nicht ein utilitaristisches Tun ist, einfach darauf gerichtet, zu motivieren, zu überreden oder zu verkaufen. Noch weniger ist sie ein Vermittler für Ideologie. Die Medien können gelegentlich die Menschen auf Konsumeinheiten oder konkurrierende Interessengruppen reduzieren oder Zuschauer, Leser und Hörer als bloße Zahlen manipulieren, von denen man sich einen Vorteil verspricht – ob Verkauf von Produkten oder politische Unterstützung; all das zerstört die Gemeinschaft. Es ist die Aufgabe von Kommunikation, Menschen zusammenzubringen sowie ihr Leben zu bereichern, und nicht, sie zu isolieren und auszubeuten. Die Mittel der sozialen Kommunikation können — richtig genutzt — dazu beitragen, eine menschliche Gemeinschaft zu schaffen und aufrechtzuerhalten, die auf Gerechtigkeit und Liebe beruht; und insoweit sie das tun, werden sie Zeichen der Hoffnung sein» (Johannes Paul II., Botschaft zum 32. Welttag der sozialen Kommunikationsmittel, 1998).

IV.
EINIGE WICHTIGE
ETHISCHE PRINZIPIEN

20. Ethische Prinzipien und Normen, die in anderen Bereichen von Belang sind, gelten auch für die soziale Kommunikation. Sozialethische Prinzipien wie Solidarität, Subsidiarität, Gerechtigkeit, Gleichheit und Verantwortlichkeit bei der Verwendung öffentlicher Geldmittel sowie in Ausübung öffentlicher Vertrauensfunktionen sind immer anzuwenden. Kommunikation muß immer wahrheitsgetreu sein, weil die Wahrheit wesenhaft zur Freiheit des einzelnen und zur echten Gemeinschaft unter den Menschen gehört.

Die Ethik in der sozialen Kommunikation bezieht sich nicht nur auf das, was auf Kinoleinwänden und Fernsehschirmen, in Radiosendungen, in der Presse und im Internet erscheint, sondern muß auch für viele andere Aspekte gelten. Die ethische Dimension betrifft nicht nur den Inhalt der Kommunikation (die Botschaft) und den Kommunikationsprozeß (wie die Kommunikation zustande kommt), sondern auch grundsätzliche Struktur- und System-Fragen, die häufig grosse politische Fragen im Zusammenhang mit der Verbreitung hochentwickelter Technologien und Produkte (wer soll reich und wer soll arm an Information sein?) einschließen. Diese Fragen bringen weitere mit sich, mit politischen und wirtschaftlichen Folgen im Hinblick auf Eigentum und Kontrolle. Zumindest in den offenen Gesellschaften mit Marktwirtschaft besteht das ethische Problem aller darin, den Gewinn gegen den Dienst im Interesse der Allgemeinheit — im Sinne eines umfassenden Verständnisses von Gemeinwohl — abzuwägen.

Auch für die Menschen guten Willens ist nicht immer unmittelbar klar, wie ethische Prinzipien und Normen auf bestimmte Fälle anzuwenden sind. Dazu sind Überlegungen, Diskussionen und Dialog nötig. In der Hoffnung, unter Medienpolitikern, beruflich im Medienbereich Tätigen, Ethikern und Moraltheologen, Medien-Rezipienten und anderen das Nachdenken und den Dialog zu fördern, legen wir folgende Überlegungen vor.

21. In allen drei Bereichen — Botschaft, Prozeß, Struktur- und System-Fragen — gilt folgendes ethische Grundprinzip: Der Mensch und die Gemeinschaft der Menschen sind Ziel und Maßstab für den Umgang mit den Medien. Kommunikation sollte von Mensch zu Mensch und zum Vorteil der Enntwicklung des Menschen erfolgen.

Ganzheitliche Entwicklung erfordert ausreichend materielle Güter und Produkte, aber auch eine gewisse Berücksichtigung der «geistigen Dimension» (vgl. Johannes Paul II., Enzyklika Sollicitudo rei socialis, 29; 46). Allen gebührt die Möglichkeit, zu wachsen und zu gedeihen, indem sie aus der großen Palette von materiellen, intellektuellen, emotionalen, moralischen und geistlichen Gütern schöpfen. Der einzelne Mensch hat eine unveräußerliche Würde und Bedeutung und darf nicht im Namen kollektiver Interessen geopfert werden.

22. Das erste Prinzip wird durch ein zweites ergänzt: Das Wohl der Menschen läßt sich nicht unabhängig vom Gemeinwohl der Gemeinschaft verwirklichen, der sie angehören. Dieses Gemeinwohl sollte ausschließlich als Gesamtsumme wertvoller gemeinsamer Zielsetzungen verstanden werden, für deren Erreichung sich alle Mitglieder der Gemeinschaft miteinander einsetzen; und der Dienst an diesen Zielsetzungen ist der Grund für das Bestehen der Gemeinschaft selbst.

Darum sollten die sozialen Kommunikationsmittel, auch wenn sie mit Recht die Bedürfnisse und Interessen besonderer Gruppen im Auge haben, zum Beispiel nicht im Namen des Klassenkampfes, des übertriebenen Nationalismus, der rassischen Überheblichkeit, der ethnischen Säuberung und ähnlichem eine Gruppe gegen die andere aufbringen. Die Tugend der Solidarität, «die feste und beständige Entschlossenheit, sich für das Gemeinwohl einzusetzen» (Sollicitudo rei socialis, 38), sollte alle Bereiche des sozialen, wirtschaftlichen, politischen, kulturellen und religiösen Lebens beherrschen.

Medienschaffende und Entscheidungsträger im Medienbereich müssen sich auf allen Ebenen in den Dienst an den tatsächlichen Bedürfnissen und Interessen sowohl der einzelnen wie der Gruppen stellen. Es gibt einen dringenden Bedarf an Gerechtigkheit auf internationaler Ebene, wo die ungerechte Verteilung materieller Güter zwischen Nord und Süd durch eine schlechte Verteilung der Kommunikationsmittel und der Informationstechnologie, von denen die Produktivität und der Wohlstand abhängen, verschärft wird. Ähnliche Probleme gibt es auch in den reichen Ländern, »wo der ununterbrochene Wandel in den Produktionsweisen und im Konsumverhalten bereits erworbene Kenntnisse und langjährige Berufserfahrungen abwertet und ein ständiges Bemühen der Umschulung und Anpassung erfordert», so daß «jene, denen es nicht gelingt, mit der Zeit Schritt zu halten, leicht an den Rand gedrängt werden» (Centesimus annus, 33). Es bedarf natürlich einer breiten Beteiligung am Entscheidungsprozeß nicht nur in bezug auf die Botschaften und die Prozesse der sozialen Kommunikation, sondern auch hinsichtlich der System-Fragen und der Verteilung der Geldmittel. Wer auf diesem Gebiet Entscheidungen trifft, hat die ernste moralische Pflicht, die Bedürfnisse und Interessen all derer zur Kenntnis zu nehmen, die besonders verwundbar sind: der Armen, der Alten, der Ungeborenen, der Kinder und Jugendlichen, der Unterdrückten und Ausgegrenzten, der Frauen und der Minderheiten, der Kranken und Behinderten sowie der Familien und der religiösen Gruppen. Insbesondere sollten heute die internationale Gemeinschaft und das internationale Medien-Interesse großzügig und umfassend den Nationen und Regionen gegenübertreten, wo das, was die Massenmedien tun bzw. unterlassen, sie teilhaben läßt an der Scham über das Fortbestehen von Übeln wie Armut, Analphabetentum, politische Unterdrückung und Verletzung der Menschenrechte, Konflikten zwischen Religionen, zwischen religiösen und gesellschaftlichen Gruppen und Unterdrückung der einheimischen Kulturen.

23. Jedenfalls glauben wir nach wie vor, daß «die Lösung der Probleme, die aus dieser ungeregelten Kommerzialisierung und Privatisierung entstanden sind, nicht in einer staatlichen Medienkontrolle liegt, sondern in einer umfassenderen Regelung, die den Normen des öffentlichen Dienstes entspricht, sowie in größerer öffentlicher Verantwortlichkeit. In diesem Zusammenhang muß darauf hingewiesen werden, daß, obwohl sich der rechtlich-politische Rahmen, worin die Medien bestimmter Länder funktionieren, gegenwärtig deutlich bessert, es andere Gegenden gibt, wo das Eingreifen seitens der Regierung nach wie vor ein Instrument der Unterdrückung und Ausschließung ist» (Aetatis novae, 5).

Man muß immer für die Freiheit der Meinungsäußerung eintreten, denn «wenn die Menschen ihrer Natur folgend untereinander Erkenntnisse und Meinungen austauschen, üben sie ihr ureigenstes Recht aus und erfüllen zugleich eine Pflicht gegenüber der Gesellschaft» (Communio et progressio, 45). Von einem ethischen Standpunkt aus betrachtet, ist diese Voraussetzung jedoch keine absolute, unverjährbare Norm. Es gibt ganz offensichtlich Fälle, wo kein Recht zur Kommunikation besteht; dazu gehören z.B. Verleumdung und Rufschädigung; Botschaften, die den Haß und Konflikt zwischen einzelnen und Gruppen zu schüren versuchen; Obszönitäten und Pornographie; die krankhafte Beschreibung der Gewalt. Auch die freie Meinungsäußerung sollte Prinzipien wie Wahrheit, Korrektheit und Achtung vor der Privatsphäre einhalten.

Die Medienschaffenden sollten sich, in Zusammenarbeit mit den Vertretern der Öffentlichkeit, aktiv für die Entwicklung und Stärkung moralischer Verhaltensnormen für Medienberufe einsetzen. Religiösen Körperschaften und anderen Gruppen steht es zu, sich an diesem ständigen Bemühen zu beteiligen.

24. Ein weiteres, bereits erwähntes, wichtiges Prinzip betrifft die Teilnahme der Öffentlichkeit am Entscheidungsprozeß über Medienpolitik. Diese Beteiligung auf allen Ebenen sollte systematisch organisiert und wirklich repräsentativ sein und nicht zugunsten bestimmter Gruppen umgelenkt werden. Dieses Prinzip gilt auch, ja vielleicht noch mehr, dort, wo die Medien im Privateigentum stehen und Gewinn- und Erwerbszwecken dienen.

Im Interesse der Beteiligung der Öffentlichkeit ist es an den Medienschaffenden, «sich mit den Menschen kommunikativ auszutauschen und nicht nur zu ihnen zu sprechen. Dazu gehört die Kenntnis der Nöte und Bedürfnisse der Menschen, das Wissen um ihre Probleme, und alle Kommunikationsformen müssen mit dem Einfühlungsvermögen dargeboten werden, das die menschliche Würde verlangt» (Johannes Paul II., Ansprache an die Experten der Massenmedien, Los Angeles, 15. September 1987).

Auflagenhöhe, Einschaltquoten und Einnahmen zeigen, zusammen mit der Marktforschung, manchmal am besten die Stimmung des Publikums an; sie sind in der Tat die einzigen Daten, die das Gesetz des Marktes braucht, um handeln zu können. Zweifellos kann man auf diese Weise die Stimme des Marktes hören. Doch sollten die Entscheidungen über die Medien-Inhalte und -Politik nicht allein dem Markt und den Wirtschaftsfaktoren, das heißt dem Gewinn, überlassen werden; denn auf Gewinne allein kann man sich weder stützen, um das öffentliche Interesse im allgemeinen, noch im besonderen die legitimen Interessen von Minderheiten zu schützen.

In gewissem Maße kann man auf diesen Einwand mit dem sogenannten »Nischen»-Konzept antworten, mit dem sich manche Zeitschriften, Programme, Rundfunkstationen und Fernsehsender an besondere Leser-, Hörer- und Zuschauergruppen wenden. Der Ansatz ist bis zu einem gewissen Punkt berechtigt. Die Diversifizierung und Spezialisierung, d.h. die Medien einem Pubklikum entsprechend zu organisieren, das sich in immer kleinere, auf Wirtschaftsfaktoren und Konsummodellen beruhende Einheiten aufsplittert, sollten aber nicht allzu weit getrieben werden. Die sozialen Kommunikationsmittel müssen ein «Areopag» bleiben (vgl. Enzyklika Redemptoris missio, 37), ein Forum für den Austausch von Gedanken und Informationen, das Solidarität und Frieden fördert, indem es die einzelnen Menschen und Gruppen verbindet. Besonders das Internet ruft eine gewisse Sorge hervor hinsichtlich «seiner radikal neuen Konsequenzen: Verlust des eigentlichen Wertes der Informationsmittel; undifferenzierte Uniformität bei den Botschaften, die so zu bloßer Information verkürzt werden; Fehlen eines verantwortungsvollen Feedback und eine gewisse Verzagtheit in den zwischenmenschlichen Beziehungen» (Für eine Pastoral der Kultur, 9).

25. Aber die Medienschaffenden sind nicht die einzigen, die ethische Pflichten haben. Auch das Publikum, die Medien-Rezipienten, also die Zuschauer, Hörer und Leser, haben Verpflichtungen. Die Medienschaffenden, die Verantwortung zu übernehmen versuchen, verdienen ein Publikum, das sich seiner eigenen Verantwortlichkeiten bewußt ist.

Die erste Pflicht der Medien-Nutzer sollte in der Unterscheidung und in der Auswahl bestehen. Sie sollten sich über die Medien, über ihre Strukturen, Arbeitsweisen und Inhalte informieren und nach gesunden ethischen Kriterien eine verantwortungsvolle Wahl darüber treffen, was sie lesen, sehen oder hören wollen. Was heute alle nötig haben, sind Formen einer ständigen Medienerziehung, sei es durch persönliches Studium, sei es durch die Teilnahme an einem organisierten Programm oder beides zusammen. Die Erziehung zum Umgang mit den Massenmedien bringt den Menschen nicht in erster Linie die Techniken bei; sie soll ihnen vielmehr helfen, sich Maßstäbe des guten Geschmacks und ein wahrheitsgemäßes moralisches Urteil zu bilden. Es handelt sich also um einen Aspekt der Gewissensbildung.

Die Kirche sollte durch ihre Schulen und ihre Bildungsprogramme eine Medienerziehung dieser Art anbieten (vgl. Aetatis novae, 28; Communio et progressio, 107). Die folgenden, ursprünglich an die Institute des geweihten Lebens gerichteten Worte finden eine weiter reichende Anwendung: »Angesichts des Einflusses [der Massenmedien] erzieht sich eine Gemeinschaft dahin, mit der evangeliumsgemäßen Klarheit und inneren Freiheit dessen, der gelernt hat, Christus zu kennen (vgl. Gal 4,17-23), diese Mittel zum persönlichen und gemeinschaftlichen Wachstum zu nutzen. Tatsächlich vertreten die Medien eine Mentalität und eine Einstellung zum Leben — und drängen sie oftmals geradezu auf —, die in ständigem Gegensatz zum Evangelium stehen. Von vielen Seiten wird hier nach einer eingehenderen Schulung zur kritischen Rezeption und Nutzung der Medien gerufen (Kongregation für die Institute des geweihten Lebens und die Gesellschaften des apostolischen Lebens, Das brüderliche Leben in Gemeinschaft, 34).

Desgleichen haben Eltern die ernste Pflicht, ihren Kindern dabei zu helfen, daß sie die sozialen Kommunikationsmittel zu bewerten und zu benutzen lernen, indem sie das Gewissen der Kinder richtig bilden und ihre Kritikfähigkeit entwickeln (vgl. Johannes Paul II., Familiaris consortio, 76). Um des Wohles ihrer Kinder und um ihres eigenen Wohles willen müssen sich die Eltern die Fertigkeiten urteilsfähiger Zuschauer, Hörer und Leser aneignen und praktizieren, indem sie als Vorbilder für den besonnenen Umgang mit den Medien fungieren. Die Kinder und Jugendlichen sollten, dem Alter und den Umständen entsprechend, zur Medienbildung angeleitet werden, damit sie der billigen Versuchung zu unkritischer Passivität, dem von ihren Spielgefährten und Schulkameraden ausgeübten Druck und der kommerziellen Ausbeutung widerstehen. Die Familien, Eltern und Kinder zusammen, werden es hilfreich finden, in Gruppen zusammenzukommen und die von der sozialen Kommunikation geschaffenen Probleme und Möglichkeiten zu studieren und zu erörtern.

26. Außer der Förderung der Medienerziehung haben die Einrichtungen, Agenturen und Sendeprogramme der Kirche hinsichtlich der sozialen Kommunikationsmittel noch weitere wichtige Verantwortlichkeiten. Zuallererst sollte die kirchliche Kommunikationspraxis beispielhaft sein und höchste Wertmaßstäbe hinsichtlich Wahrhaftigkeit, Verantwortlichkeit und Sensibilität für die Menschenrechte sowie andere wichtige Prinzipien und Normen widerspiegeln. Darüber hinaus sollten die sozialen Kommunikationsmedien der Kirche engagiert sein, die Fülle der Wahrheit über die Bedeutung des menschlichen Lebens und der Geschichte zu vermitteln, und zwar so, wie sie in dem geoffenbarten Wort Gottes enthalten ist und vom kirchlichen Lehramt formuliert wurde. Die Hirten der Kirche sollten zum Einsatz der sozialen Kommunikationsmittel für die Verbreitung des Evangeliums ermutigen (vgl. Codex des kanonischen Rechtes, can. 822,1).

Die Vertreter der Kirche sollen in ihren Beziehungen zu den Journalisten ehrlich und offen sein. Auch wenn die Fragen mitunter «peinlich oder beunruhigend sind, insbesondere dann, wenn sie absolut nicht der Botschaft entsprechen, die wir verteidigen müssen», muß man sich darüber im klaren sein, daß »solche befremdlichen Fragen ja von einem Großteil unserer Zeitgenossen gestellt werden» (Für eine Pastoral der Kultur, 34). Alle, die im Namen der Kirche sprechen, sollen auf diese anscheinend unbequemen Fragen glaubwürdig und wahrheitsgemäß antworten, damit die Kirche heute glaubwürdig zu den Menschen spricht.

Die Katholiken haben wie andere Bürger das Recht, sich frei zu äußern, und somit auch das Recht auf Zugang zu den Kommunikationsmedien. Das Recht auf Meinungsäußerung schließt ein, daß Meinungen, die das Wohl der Kirche betreffen, ausgesprochen werden unter Wahrung der Unversehrtheit des Glaubens und der Sitten, des Respektes gegenüber den Hirten und unter Beachtung des Gemeinwohls und der Würde der Personen (vgl. Codex des kanonischen Rechtescan. 212,3; can. 227). Niemand hat jedoch das Recht, im Namen der Kirche zu sprechen oder einen entsprechenden Eindruck zu erwecken, wenn er nicht dazu beauftragt ist. Persönliche Ansichten sollten nicht als Lehre der Kirche ausgegeben werden (vgl. ebd., can. 227).

Es wäre ein guter Dienst an der Kirche, wenn mehr von ihren Amtsträgern und Funktionsinhabern eine Ausbildung in Kommunikation erhielten. Das gilt nicht nur für die Seminaristen, für die in der Ausbildung stehenden Ordensleute und für junge katholische Laien, sondern für das Personal der Kirche im allgemeinen. Wenn die Medien «neutral, offen und ehrlich» sind, bieten sie gut vorbereiteten Christen »eine missionarische Rolle an vorderster Front» an, und es ist wichtig, daß die Betreffenden «gut geschult und unterstützt werden». Die Hirten sollten ihren Gläubigen über die Massenmedien und ihre mitunter widersprüchlichen und sogar destruktiven Botschaften Orientierungshilfen anbieten (vgl. ebd., can. 822, 2.3).

Solche Überlegungen beziehen sich auf die kircheninterne Kommunikation. Ein wechselseitiger Fluß von Informationen und Meinungen zwischen Hirten und Gläubigen, die Freiheit der Meinungsäußerung mit Gesprür für das Wohl der Gemeinschaft und für die Rolle des Lehramtes bei dessen Förderung und eine verantwortungsvolle öffentliche Meinung — das alles sind wichtige Äußerungen des «Grundrechtes auf Dialog und auf Information innerhalb der Kirche» (Aetatis novae, 10; vgl. Communio et progressio, 120).

Das Recht zur Meinungsäußerung muss mit Achtung vor der geoffenbarten Wahrheit und der Lehre der Kirche und vor den kirchlichen Rechten anderer wahrgenommen werden (vgl. Codex des kanonischen Rechtes, can. 212, 1.2.3, can. 220). Wie andere Gemeinschaften und Institutionen, sieht sich auch die Kirche bisweilen veranlaßt — ja manchmal dazu gezwungen —, Geheimhaltung und Verschwiegenheit zu üben. Aber das sollte nicht zum Zweck der Manipulation und Kontrolle geschehen. In der Glaubensgemeinschaft «stehen die Amtsträger, die mit heiliger Vollmacht ausgestattet sind, im Dienste ihrer Brüder, damit alle, die zum Volke Gottes gehören und sich daher der wahren Würde eines Christen erfreuen, in freier und geordneter Weise sich auf das nämliche Ziel hin ausstrecken und so zum Heile gelangen» (II. Vatikan. Konzil, Lumen gentium, 18). Ein Weg, um diese Einsicht zu verwirklichen, ist der richtige Umgang mit den Kommunikationsmedien.

V.
SCHLUSS

27. Am Beginn des dritten christlichen Jahrtausends ist die Menschheit daran, ein weltumspannendes Netzwerk zu schaffen für die unverzügliche Übermittlung von Informationen, Gedanken und Werturteilen zu Wissenschaft, Handel, Erziehung, Unterhaltung, Politik, Kunst, Religion und jedem anderen Bereich.

Dieses Netzwerk ist bereits vielen Menschen zugänglich: zu Hause, in den Schulen und am Arbeitsplatz, ja, in der Tat überall, wo sie sich aufhalten. Es ist eine Alltäglichkeit, sich Ereignisse — von Sportveranstaltungen bis hin zu Kriegen —, die sich zeitgleich auf der anderen Seite des Planeten abspielen, auf dem Bildschirm anzuschauen. Man hat direkten Zugriff auf Datenbestände, die für viele Gelehrte und Studenten noch vor kurzem unerreichbar waren. Ein Einzelner kann die Höhen menschlichen Geistes und menschlicher Tugend erklimmen oder aber in den Abgrund menschlicher Erniedrigung stürzen, während er allein vor einem «Monitor» (Computer-Tastatur und Bildschirm) sitzt. Die Kommunikationstechnologie erzielt ständig neue Durchbrüche mit einem enormen Potential für Gutes und Schlechtes bei der Anwendung. Mit zunehmender Interaktion verwischt sich die Unterscheidung zwischen Medienschaffenden und -rezipienten. Notwendig ist eine ständige Untersuchung bezüglich der Auswirkungen und insbesondere der ethischen Folgen der neu auftauchenden Medien.

28. Aber trotz ihrer ungeheuren Macht sind die Kommunikationsmittel nur Medien und werden es auch bleiben, das hei ßt Instrumente, Werkzeuge, die für gute wie für schlechte Verwendung zur Verfügung stehen. Die Medien erfordern keine neue Ethik; sie erfordern die Anwendung bereits festgelegter ethischer Prinzipien auf die neue Situation. Und das ist eine Aufgabe, in der jeder eine Rolle zu spielen hat. Ethik in den Medien ist nicht eine Aufgabe, die allein die Spezialisten angeht, seien es Spezialisten in sozialer Kommunikation oder Spezialisten in Moralphilosophie; vielmehr muß es zu einem eingehenden, alle Beteiligten einschließenden Nachdenken und Dialog kommen, den dieses Dokument anzuregen und zu unterstützen sucht.

29. Die sozialen Kommunikationsmittel können Menschen in Gemeinschaften verbinden, wo Sympathie und gemeinsame Interessen herrschen. Werden diese Gemeinschaften von Gerechtigkeit, Anstand und Achtung vor den Menschenrechten geprägt sein, werden sie sich um das Gemeinwohl bemühen? Oder werden sie egoistisch und selbstbezogen sein, auf Kosten anderer dem Nutzen einzelner — wirtschaftlicher, rassischer, politischer und religiöser — Gruppen verpflichtet? Wird die neue Technologie allen Nationen und Völkern dienen, während sie die Kulturtraditionen eines jeden von ihnen respektiert? Oder wird sie ein Werkzeug sein, um die Reichen noch reicher und die Mächtigen noch mächtiger zu machen? Die Entscheidung liegt bei uns.

Die Kommunikationsmittel können auch dazu mißbraucht werden, um zu trennen und zu isolieren. Die Technologie erlaubt es Menschen zunehmend, Pakete von Informationen und Dienstleistungen zusammenzustellen, die einzig und allein für sie bestimmt sind. Darin liegen echte Vorteile, es erhebt sich jedoch eine unausweichliche Frage: Wird das Massenmedienpublikum der Zukunft aus einer Menge von Leuten bestehen, die nur auf einen hören? Auch wenn die neue Technologie die individuelle Selbständigkeit zu fördern vermag, hat sie andere, weniger wünschenswerte Folgen. Statt eine die ganze Welt umspannende Gemeinschaft zu bilden, könnte sich das »Netz» der Zukunft als ein riesiges, aufgesplittertes Netzwerk isolierter Individuen entpuppen — menschliche Wesen in ihren Zellen, die sich statt untereinander mit Daten austauschen? Was würde in einer solchen Welt aus der Solidarität, was würde aus der Liebe werden?

Die menschliche Kommunikation hat bestenfalls ernste Grenzen, ist mehr oder weniger unvollkommen und in der Gefahr zu scheitern. Es ist für die Menschen mühsam, sich konsequent auf ehrliche Weise so untereinander auszutauschen, daß kein Schaden angerichtet und den besten Interessen aller gedient wird. In der Welt der Massenmedien werden zudem die der Kommunikation innewohnenden Schwierigkeiten oft durch Ideologien, durch Profitgier und politische Kontrolle, durch Rivalitäten und Konflikte zwischen Gruppen und durch andere gesellschaftliche Mißstände noch verstärkt. Die heutigen Medien steigern zwar enorm die Leistungsfähigkeit und Reichweite, die Quantität und Geschwindigkeit der Kommunikation; aber sie machen die Disposition des Geistes für den Geist eines anderen, des Herzens für das Herz eines anderen nicht weniger zerbrechlich, nicht weniger empfindlich, nicht weniger anfällig für ein Scheitern.

30. Die besonderen Beiträge, welche die Kirche in die Diskussion über diese Fragen einbringt, bestehen, wie wir schon gesagt haben, in einer Auffassung von der menschlichen Person und ihrer unvergleichlichen Würde, ihren unverletzbaren Rechten und in einer Auffassung von der menschlichen Gemeinschaft, deren Glieder durch die Tugend der Solidarität beim Streben nach dem gemeinsamen Wohl aller untereinander verbunden sind. Diese beiden Sichtweisen sind besonders dringend erforderlich zu einer Zeit, wo man «die Bruchstückhaftigkeit von Angeboten feststellen mu ß, die unter der Vortäuschung der Möglichkeit, zum wahren Sinn des Daseins zu gelangen, das Vergängliche zum Wert erheben. So kommt es, da ß viele ihr Leben fast bis an den Rand des Abgrunds dahinschleppen, ohne zu wissen, worauf sie eigentlich zugehen» (Johannes Paul II., Enzyklika Fides et ratio, 6).

Angesichts dieser Krise erscheint die Kirche als »erfahren in den Fragen, die den Menschen betreffen», und diese Erfahrung «veranlaßt sie, ihre religiöse Sendung notwendigerweise auf die verschiedenen Bereiche auszudehnen», in denen Menschen wirken (Johannes Paul II., Enzyklika Sollicitudo rei socialis, 41; vgl. Paul VI., Populorum progressio, 13). Sie darf die Wahrheit über den Menschen und die menschliche Gemeinschaft nicht für sich behalten; sie muß sie frei mit anderen teilen und sich dabei immer bewußt sein, daß die Menschen nein sagen können zur Wahrheit und zur Kirche.

Während die Kirche darum bemüht ist, hohe ethische Standards beim Umgang mit den sozialen Kommunikationsmitteln nachhaltig zu fördern, sucht sie den Dialog und die Zusammenarbeit mit anderen: mit Inhabern öffentlicher Ämter, zu deren besonderer Pflicht der Schutz und die Förderung des Gemeinwohls der politischen Gemeinschaft gehört; mit Männern und Frauen aus der Welt der Kultur und der Künste; mit Wissenschaftlern und Lehrern, die in der Ausbildung der Medienschaffenden und des Publikums der Zukunft arbeiten; mit Mitgliedern anderer Kirchen und religiöser Gruppen, die den Wunsch der Kirche teilen, daß die Medien zur Ehre Gottes und zum Dienst an der Menschheit eingesetzt werden (vgl. Päpstlicher Rat für die sozialen Kommunikationsmittel, Richtlinien für die ökumenische und interreligiöse Zusammenarbeit im Kommunikationswesen); und besonders mit den Medienschaffenden, also Autoren, Redakteuren, Reportern, Korrespondenten, Schauspielern, Produzenten, dem technischen Personal, zusammen mit den Eigentümern, Geschäftsführern und Entscheidungsträgern in diesem Bereich.

31. Die menschliche Kommunikation hat trotz ihrer Grenzen etwas vom schöpferischen Tun Gottes an sich. «Der göttliche Künstler kommt dem menschlichen Künstler» — und wir könnten sagen, auch dem Medienschaffenden — «liebevoll entgegen und gibt ihm einen Funken seiner überirdischen Weisheit weiter, indem er ihn dazu beruft, an seiner Schöpfungskraft teilzuhaben»; wenn Künstler und Medienschaffende das begreifen, können sie »sich selbst, ihre Berufung und ihre Sendung in letzter Tiefe erfassen» (Johannes Paul II., Brief an die Künstler, 1).

Der christliche Medienschaffende hat insbesondere eine prophetische Aufgabe, eine Berufung: Er muß sich klar und deutlich gegen die falschen Götter und Idole von heute — Materialismus, Hedonismus, Konsumdenken, engherziger Nationalismus usw. — aussprechen, indem er für alle sichtbar einen Bestand moralischer Wahrheit hochhält, der gegründet ist auf die Würde und die Rechte des Menschen, auf die Präferenz-Option für die Armen, auf die universale Bestimmung der Güter, auf die Liebe zu den Feinden und auf die bedingungslose Achtung vor jedem menschlichen Leben, vom Augenblick der Empfängnis bis zum natürlichen Tod; und indem er sich die vollkommenere Verwirklichung des Reiches Gottes in der Welt zum Ziel setzt, während ihm bewußt bleibt, daß am Ende der Zeiten Jesus alle Dinge wiederherstellen und sie wieder dem Vater übergeben wird (vgl. 1 Kor 15,24).

32. Auch wenn diese Überlegungen an alle Menschen guten Willens, nicht nur an die Katholiken gerichtet sind, erscheint es angemessen, zum Abschluß von Jesus als Vorbild für die Medienschaffenden zu sprechen. «In dieser Endzeit» hat Gott der Vater «zu uns gesprochen durch den Sohn» (Hebr 1,2); und dieser Sohn teilt uns jetzt und immer die Liebe des Vaters und den letzten Sinn unseres Lebens mit.

«Während seines Erdenwandels erwies sich Christus als Meister der Kommunikation. In der Menschwerdung nahm er die Natur derer an, die einmal die Botschaft, welche in seinen Worten und seinem ganzen Leben zum Ausdruck kam, empfangen sollten. Er sprach ihnen aus dem Herzen, ganz in ihrer Mitte stehend. Er verkündete die göttliche Botschaft verbindlich, mit Macht und ohne Kompromiß. Andererseits glich er sich ihnen in der Art und Weise des Redens und Denkens an, da er aus ihrer Situation heraus sprach» (Communio et progressio, 11).

Während des öffentlichen Lebens Jesu strömten die Menschen zusammen, um ihn predigen und lehren zu hören (vgl. Mt 8,1, 18; Mk 2,2; 4,1; Lk 5,1 usw.), und er lehrte sie «wie einer, der (göttliche) Vollmacht hat» (Mt 7,29; vgl. Mk 1,22; Lk 4,32). Er erzählte ihnen über den Vater und verwies zugleich auf sich selbst, indem er erklärte: «Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben» (Joh 14,6) und «Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen» (Joh 14,9). Er verschwendete keine Zeit mit müßigem Gerede oder mit seiner Selbstverteidigung, auch nicht, als er angeklagt und verurteilt wurde (vgl. Mt 26,63; 27,12-14; Mk 15,5; 15,61). Denn seine »Nahrung» war es, den Willen des Vaters zu tun, der ihn gesandt hat (Joh 4,34), und mit allem, was er sagte und tat, nahm er darauf Bezug.

Jesus verkündete seine Lehre oft in Form von Gleichnissen oder lebendigen Geschichten, die tiefe Wahrheiten in einer einfachen Alltagssprache zum Ausdruck brachten. Nicht nur seine Worte, sondern seine Taten, insbesondere seine Wunder, waren Akte der Kommunikation, durch die er die Aufmerksamkeit auf seine Identität lenkte und die Macht Gottes offenbarte (vgl. Paul VI., Evangelii nuntiandi, 12). In seinen Botschaften bewies er Achtung vor seinen Zuhörern, teilnehmendes Interesse für ihre Situation und ihre Bedürfnisse, Mitleid für ihre Leiden (vgl. Lk 7,13) und die feste Entschlossenheit, ihnen das, was sie zu hören nötig hatten, auf eine Weise zu sagen, die ihre Aufmerksamkeit anziehen und ihnen helfen würde, ohne Zwang oder Kompromiß, ohne Täuschung oder Manipulation die Botschaft zu empfangen. Andere lud er ein, ihm ihre Herzen und Sinne zu öffnen, denn er wußte, daß sie auf diese Weise zu ihm und zum Vater hingezogen werden würden (vgl. Joh 3,1-15; 4,7-26).

Jesus lehrte, daß Kommunikation ein moralischer Akt ist: »Denn wovon das Herz voll ist, davon spricht der Mund. Ein guter Mensch bringt Gutes hervor, weil er Gutes in sich hat, und ein böser Mensch bringt Böses hervor, weil er Böses in sich hat. Ich sage euch: Über jedes unnütze Wort, das die Menschen reden, werden sie am Tag des Gerichts Rechenschaft ablegen müssen; denn aufgrund deiner Worte wirst du freigesprochen, und aufgrund deiner Worte wirst du verurteilt werden» (Mt 12, 34-37). Er warnte streng davor, die «Kleinen» zum Bösen zu verführen, und sagte, für einen, der das tut, «wäre es besser, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals ins Meer geworfen würde» (Mk 9,42; vgl. Mt 18.6; Lk 17,2). Er war ganz und gar rein, ein Mensch, von dem gesagt werden konnte, »in seinem Mund war kein trügerisches Wort», und: «Er wurde geschmäht, schmähte aber nicht; er litt, drohte aber nicht, sondern überließ seine Sache dem gerechten Richter» (1 Petr 2,22-23). Er verlangte von den anderen Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit und verurteilte Heuchelei, Unehrlichkeit und jede Art von betrügerischer, falscher Mitteilung: «Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein; alles andere stammt vom Bösen» (Mt 5,37).

33. Jesus ist Vorbild und Maßstab für unsere Kommunikation. Für alle, die im Bereich der sozialen Kommunikationsmittel engagiert sind, seien es die Politiker und Entscheidungsträger oder die Medienschaffenden, die Medien-Rezipienten oder die Inhaber irgendeiner anderen Rolle, ist die Schlußfolgerung klar: «Legt deshalb die Lüge ab, und redet untereinander die Wahrheit; denn wir sind als Glieder miteinander verbunden… Uber eure Lippen komme kein böses Wort, sondern nur ein gutes, das den, der es braucht, stärkt, und dem, der es hört, Nutzen bringt» (Eph 4,25.29). Der Dienst am Menschen, der Aufbau einer auf Solidarität, Gerechtigkeit und Liebe gegründeten menschlichen Gemeinschaft und das Aussprechen der Wahrheit über das menschliche Leben und seine endgültige Erfüllung in Gott waren, sind und bleiben der eigentliche Kern der Ethik in der sozialen Kommunikation.

Vatikanstadt, 4. Juni 2000, Welttag der Sozialen Kommunikationsmittel, Jubiläum der Journalisten.

John P. Foley
Präsident

Pierfranco Pastore
Sekretar

_______

Quelle

Papst Franziskus: Botschaft zum 52. Welttag der sozialen Kommunikationsmittel

»Die Wahrheit wird euch befreien« (Joh 8,32).

Fake News und Journalismus für den Frieden

Liebe Brüder und Schwestern,

im Plan Gottes ist die Kommunikation eine wesentliche Art und Weise, Gemeinschaft zu leben. Der Mensch, Abbild und Ebenbild des Schöpfers, hat die Fähigkeit, das Wahre, das Gute und das Schöne zum Ausdruck zu bringen und es mit den anderen zu teilen. Er hat die Fähigkeit, von seiner Erfahrung und von der Welt zu erzählen, und so die Grundlagen für das Gedächtnis und das Verständnis der Ereignisse zu schaffen. Wenn sich der Mensch aber von Hochmut und Egoismus leiten lässt, kann es passieren, dass er seine Kommunikationsgabe auf eine entstellte Weise nutzt, wie schon die biblischen Erzählungen von Kain und Abel oder vom Turm zu Babel zeigen (vgl. Gen 4,1-16; 11,1-9). Diese Entstellung kommt in einer Verdrehung der Wahrheit auf individueller wie auch kollektiver Ebene zum Ausdruck. Dabei wird die Kommunikation doch erst in der Treue zur Logik Gottes zum Raum, in dem die eigene Verantwortung für die Wahrheitssuche und den Aufbau des Guten zum Ausdruck kommt! In einem zusehends von Schnelllebigkeit geprägten und in ein digitales System eingebetteten Kommunikationskontext, können wir heute das Phänomen der „Falschmeldungen“ beobachten, der sogenannten Fake News: ein Phänomen, das nachdenklich stimmt und mich dazu veranlasst hat, diese Botschaft dem Thema der Wahrheit zu widmen, wie es meine Vorgänger seit Paul VI. schon mehrere Male getan haben (vgl. Botschaft 1972: Die sozialen Kommunikationsmittel im Dienst der Wahrheit). So möchte ich einen Beitrag zu unserer gemeinsamen Verpflichtung bringen, der Verbreitung von Falschmeldungen zuvorzukommen, den Wert des Journalistenberufes neu zu entdecken und uns wieder auf die persönliche Verantwortung zu besinnen, die ein jeder von uns bei der Mitteilung der Wahrheit trägt.

1. Was ist an „Falschmeldungen“ falsch?

Fake News ist ein umstrittener, vieldiskutierter Begriff. Normalerweise ist damit die im Internet oder in den traditionellen Medien verbreitete Desinformation gemeint: gegenstandslose Nachrichten also, die sich auf inexistente oder verzerrte Daten stützen und darauf abzielen, den Adressaten zu täuschen, wenn nicht gar zu manipulieren. Die Verbreitung solcher Nachrichten kann gezielt erfolgen, um politische Entscheidungen zu beeinflussen oder Vorteile für wirtschaftliche Einnahmen zu erlangen.

Die Wirksamkeit der Fake News liegt vor allem in ihrer mimetischen Natur, in ihrer Fähigkeit der Nachahmung also, um glaubhaft zu erscheinen. Darüber hinaus sind solche Meldungen, die zwar falsch, aber plausibel sind, verfänglich: indem sie sich Stereotype und Vorurteile zunutze machen, die in einem bestimmten sozialen Gefüge vorherrschen, ist es ihnen nämlich ein Leichtes, die Aufmerksamkeit ihrer Zielgruppen auf sich zu lenken und Gefühle anzusprechen, die schnell und unmittelbar ausgelöst werden können: Angst, Verachtung, Wut und Frustration. Die Verbreitung solcher Meldungen erfolgt durch manipulative Nutzung der sozialen Netzwerke und dank deren spezifischer Funktionsweise: so erhalten auch Inhalte, die eigentlich jeder Grundlage entbehren, eine so große Sichtbarkeit, dass der Schaden selbst dann nur schwer eingedämmt werden kann, wenn von maßgeblicher Seite eine Richtigstellung erfolgt.

Die Schwierigkeit, Fake News aufzudecken und auszumerzen, hat auch mit dem Umstand zu tun, dass die Interaktion der Personen oft innerhalb homogener digitaler Räume erfolgt, zu denen divergierende Meinungen oder Blickwinkel nicht durchdringen können. Diese Logik der Desinformation führt also nicht nur dazu, dass es zu keiner gesunden Auseinandersetzung mit anderen Informationsquellen kommt, welche Vorurteile in Frage stellen und einen konstruktiven Dialog entstehen lassen könnte, sondern dass man sogar riskiert, sich zum unfreiwilligen Verbreiter parteiischer Meinungen zu machen, die jeder Grundlage entbehren. Das Drama der Desinformation ist die Diskreditierung des anderen, seine Stilisierung zum Feindbild bis hin zu einer Dämonisierung, die Konflikte schüren kann. Falschmeldungen gehen also mit intoleranten und zugleich reizbaren Haltungen einher und führen nur zur Gefahr, dass Arroganz und Hass eine immer weitere Verbreitung finden. Denn das ist es, wozu die Falschheit letztlich führt.

2. Wie erkennt man Fake News?

Niemand von uns kann sich der Verantwortung entziehen, solchen Unwahrheiten entgegenzutreten. Das ist kein leichtes Unterfangen, da sich die Desinformation oft auf sehr gemischte Inhalte stützt, die gewollt evasiv und unterschwellig irreführend sind, und sich mitunter raffinierter Mechanismen bedienen. Lobenswert sind daher Bildungsinitiativen, die lehren, wie man den Kommunikationskontext einordnen und beurteilen kann, ohne sich dabei zum ungewollten Verbreiter von Desinformation zu machen, sondern diese stattdessen aufdeckt. Lobenswert sind ebenso institutionelle und rechtliche Initiativen, die die Eindämmung dieses Phänomens durch entsprechende normative Maßnahmen vorantreiben, wie auch das Bestreben seitens der Technologie- und Medienunternehmen, mit Hilfe neuer Kriterien nachzuweisen, wer sich hinter den Millionen von digitalen Profilen versteckt.

Der Schutz vor den Mechanismen der Desinformation und das Erkennen derselben macht jedoch auch eine sorgfältige Unterscheidung erforderlich. Es geht hier nämlich darum, das aufzudecken, was man als die „Logik der Schlange“ bezeichnen könnte, die sich überall verstecken und jederzeit zubeißen kann. Es handelt sich um die Strategie der »schlauen Schlange«, von der das Buch Genesis spricht und die sich an den Anfängen der Menschheit zum Urheber der ersten „Fake News“ (vgl. Gen 3,1-15) gemacht hat. Die tragische Konsequenz war der Sündenfall, der dann den ersten Brudermord zur Folge hatte (vgl. Gen 4) und zahllose andere Formen des Bösen gegen Gott, den Nächsten, die Gesellschaft und die Schöpfung. Die Strategie dieses gerissenen »Vaters der Lüge« (Joh 8,44) ist nichts anderes als eben die Mimesis: eine gefährliche Verführung, die sich mit vielversprechenden, aber unwahren Argumenten ins Herz des Menschen schleicht. So wird im Bericht vom Sündenfall ja auch erzählt, wie sich der Verführer der Frau nähert und vorgibt, ein Freund zu sein und ihr Wohl am Herzen zu haben. Das Gespräch mit ihr beginnt er mit einer Aussage, die zwar wahr ist, aber doch nur zum Teil: »Hat Gott wirklich gesagt: Ihr dürft von keinem Baum des Gartens essen?« (Gen 3,1). In Wahrheit hatte Gott dem Adam aber nicht gesagt, dass er von keinem Baum essen dürfe, sondern nur von einem nicht: »Vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse darfst du nicht essen« (Gen 2,17). Das stellt die Frau der Schlange gegenüber zwar richtig, auf ihre Provokation geht sie aber dennoch ein: »Nur von den Früchten des Baumes, der in der Mitte des Gartens steht, hat Gott gesagt: Davon dürft ihr nicht essen und daran dürft ihr nicht rühren, sonst werdet ihr sterben!« (Gen 3,3). Diese Antwort hat einen legalistischen, pessimistischen Beigeschmack: Nachdem die Frau dem Fälscher Glauben geschenkt hat, lässt sie sich von seiner Darlegung der Fakten anziehen und wird in die Irre geführt. So schenkt sie ihm zunächst Aufmerksamkeit, als er ihr versichert: »Nein, ihr werdet nicht sterben!« (Gen 3,4). Danach erhält die Dekonstruktion des Verführers einen glaubhaften Anstrich: »Gott weiß vielmehr: Sobald ihr davon esst, gehen euch die Augen auf; ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse« (Gen 3,5). Und so wird die väterliche Ermahnung Gottes, die das Gute zum Ziel hatte, am Ende diskreditiert, um der verlockenden Versuchung des Feindes nachgeben zu können: »Da sah die Frau, dass es köstlich wäre, von dem Baum zu essen, dass der Baum eine Augenweide war und begehrenswert war …« (Gen 3,6). Diese biblische Erzählung lässt uns also eine Tatsache erkennen, die für unser Thema wesentlich ist: keine Desinformation ist harmlos. Im Gegenteil: dem zu vertrauen, was falsch ist, hat unheilvolle Folgen. Schon eine scheinbar leichte Verdrehung der Wahrheit kann gefährliche Auswirkungen haben.

Was hier ins Spiel kommt, ist nämlich unsere Gier. Fake News verbreiten sich oft rasend schnell, wie ein Virus, der nur schwer eingedämmt werden kann. Und der Grund dafür liegt nicht so sehr in der für die sozialen Netzwerke typischen Logik der Weitergabe, sondern eher in der unersättlichen Gier, von der sich der Mensch nur allzu leicht beherrschen lässt. Die wahre Wurzel der wirtschaftlichen und opportunistischen Hintergründe der Desinformation ist unser Hunger nach Macht und Besitz, unsere Vergnügungssucht – eine Gier, die uns letztlich auf einen Schwindel hereinfallen lässt, der noch viel tragischer ist als jede seiner Ausdrucksformen: den Schwindel des Bösen, der sich von Falschheit zu Falschheit seinen Weg bahnt in unser Herz und es seiner Freiheit beraubt. Und das ist auch der Grund, warum Erziehung zur Wahrheit Erziehung zur Unterscheidung bedeutet: Erziehung dazu, das Verlangen und die Neigungen, die uns bewegen, einordnen und abwägen zu lernen, damit es uns nie an Gutem fehlen möge, sodass wir dann auf die erstbeste Versuchung hereinfallen.

3. »Die Wahrheit wird euch befreien« (Joh 8,32)

Durch die ständige Verunreinigung mit einer irreführenden Sprache wird die Innerlichkeit des Menschen letztendlich verdunkelt. Dostojewski hat hierzu etwas Bemerkenswertes geschrieben: »Wer sich selbst belügt und an seine eigene Lüge glaubt, der kann zuletzt keine Wahrheit mehr unterscheiden, weder in sich noch um sich herum; er achtet schließlich weder sich selbst noch andere. Wer aber niemand achtet, hört auch auf zu lieben und ergibt sich den Leidenschaften und rohen Genüssen, um sich auch ohne Liebe zu beschäftigen und zu zerstreuen. Er sinkt unweigerlich auf die Stufe des Viehs hinab, und all das, weil er sich und die Menschen unaufhörlich belogen hat« (Die Brüder Karamasow, II, 2).

Was also tun? Das radikalste Mittel gegen den Virus der Falschheit ist es, sich von der Wahrheit reinigen zu lassen. Aus christlicher Sicht ist die Wahrheit nicht nur eine begriffliche Realität, die das Urteil über die Dinge betrifft und sie als wahr oder falsch definiert. Bei der Wahrheit geht es nicht nur darum, verborgene Dinge ans Licht zu bringen, „die Realität zu enthüllen“, wie der altgriechische Begriff für die Wahrheit nahelegt: aletheia (von a-lethès, das „Unverborgene“). Wahrheit hat mit dem ganzen Leben zu tun. In der Bibel hat sie auch die Bedeutung von Stütze, Beständigkeit, Zuversicht, worauf schon die Wurzel ‘aman schließen lässtvon der sich auch das liturgische Amen herleitet. Die Wahrheit ist das, worauf man sich stützen kann, um nicht zu fallen. In diesem relationalen Sinn ist das einzig Zuverlässige und Vertrauenswürdige; das einzige, worauf wir zählen können; das einzig „Wahre“ der lebendige Gott. So kann Jesus ja auch sagen: »Ich bin die Wahrheit« (Joh 14,6). Der Mensch entdeckt nun die Wahrheit immer wieder neu, wenn er sie in sich selbst als Treue und Zuverlässigkeit dessen, der ihn liebt, erfährt. Das allein befreit den Menschen: »Die Wahrheit wird euch befreien« (Joh 8,32).

Befreiung von der Falschheit und Suche nach Beziehung: das sind die zwei Elemente, die nicht fehlen dürfen, wenn unsere Worte, unsere Gesten wahr, authentisch und glaubwürdig sein sollen. Wenn wir die Wahrheit erkennen wollen, müssen wir zwischen dem unterscheiden, was der Gemeinschaft und dem Guten zuträglich ist, und dem, was dagegen dazu neigt zu isolieren, zu spalten, Gegensätze zu schüren. Die Wahrheit erlangt man also nicht, wenn man sie als etwas auferlegt, das fremd und unpersönlich ist; sie entspringt vielmehr den freien Beziehungen zwischen den Personen, im gegenseitigen Zuhören. Zudem muss die Wahrheit immer wieder neu aufgespürt werden, weil sich überall etwas Falsches einschleichen kann, auch wenn man Dinge sagt, die wahr sind. So mag eine schlüssige Argumentation zwar auf unleugbare Fakten gestützt sein – wird sie aber dazu genutzt, den anderen zu verletzten, ihn in den Augen Dritter abzuwerten, dann wohnt ihr nicht die Wahrheit inne, wie richtig diese Argumentation auch erscheinen mag. Die Wahrheit der Aussagen erkennt man an ihren Früchten: daran also, ob sie Polemik, Spaltung und Resignation auslösen – oder eine gewissenhafte und reife Diskussion, einen konstruktiven Dialog und ein fruchtbares Schaffen.

4. Der Friede liegt in der wahren Nachricht

Das beste Mittel gegen die Falschheit sind nicht die Strategien, sondern die Personen: Personen, die frei von Begierde sind und daher die Bereitschaft haben, zuzuhören und die Wahrheit durch die Mühe eines ehrlichen Dialogs zutage treten lassen. Personen, die – vom Guten angezogen – bereit sind, die Sprache verantwortungsvoll zu gebrauchen. Wenn der Ausweg aus der Verbreitung von Desinformation also die Verantwortung ist, dann sind hier vor allem jene auf den Plan gerufen, denen die Verantwortung beim Informieren schon von Berufs wegen auferlegt ist: die Journalisten, die die Hüter der Nachrichten sind. In der Welt von heute übt der Journalist nicht nur einen Beruf aus: er hat eine Mission. Trotz der Kurzlebigkeit der Nachrichten und im Strudel der Sensationspresse darf er nie vergessen, dass im Zentrum der Nachricht der Mensch steht – und nicht, wie schnell eine Nachricht verbreitet wird und welche Wirkung sie auf das Publikum hat. Informieren hat mit „formen“ zu tun, betrifft das Leben der Menschen. Das ist auch der Grund, warum die Sorgfalt bei den Quellen und der Schutz der Kommunikation eigenständige Prozesse sind, die wirklich zur Entwicklung des Guten beitragen, Vertrauen schaffen und Wege der Gemeinschaft und des Friedens erschließen.

Ich möchte daher alle dazu einladen, einen Journalismus für den Frieden voranzutreiben, womit ich nicht einen Journalismus meine, dem es nur um „Schönfärberei“ geht, der das Vorhandensein schwerwiegender Probleme leugnet und einen süßlichen Tonfall annimmt. Nein, ich meine einen Journalismus, der sich nicht verstellt; der der Unwahrheit, der Effekthascherei und dem prahlerischen Reden den Kampf ansagt; ein Journalismus, der von Menschen und für Menschen gemacht ist; der sich als ein Dienst versteht, der allen Menschen zugutekommt, vor allem jenen – und das ist in unserer heutigen Welt der Großteil –, die keine Stimme haben; ein Journalismus, dem es nicht nur darum geht, Nachrichten so schnell und lukrativ wie möglich „an den Mann zu bringen“, sondern der die tatsächlichen Ursachen der Konflikte zu erforschen sucht, um ihre Wurzeln verstehen und durch die Anregung guter Handlungsweisen überwinden zu können; ein Journalismus, der sich nicht vom Strudel der Sensationsgier und der verbalen Gewalt mitreißen lässt, sondern lieber nach alternativen Lösungen sucht.

Lassen wir uns also von einem Gebet im Geiste des heiligen Franziskus inspirieren und wenden wir uns an Den, der die Wahrheit selbst ist:

Herr, mache uns zum Werkzeug deines Friedens.
Lass uns das Böse erkennen, das sich in eine Kommunikation einschleicht, die nicht Gemeinschaft schafft.
Gib, dass wir das Gift aus unseren Urteilen zu entfernen wissen.
Hilf uns, von den anderen als Brüder und Schwestern zu sprechen.
Du bist treu und unseres Vertrauens würdig; gib, dass unsere Worte Samen des Guten für die Welt sein mögen:
wo Lärm ist, lass uns zuhören;
wo Verwirrung herrscht, lass uns Harmonie verbreiten;
wo Zweideutigkeit ist, lass uns Klarheit bringen;
wo es Ausschließung gibt, lass uns Miteinander schaffen;
wo Sensationssucht herrscht, lass uns Mäßigung wählen;
wo Oberflächlichkeit ist, lass uns wahre Fragen stellen;
wo es Vorurteile gibt, lass uns Vertrauen verbreiten;
wo Aggressivität herrscht, lass uns Respekt bringen;
wo es Falschheit gibt, lass uns Wahrheit schenken.
Amen.

_______

Quelle

Papst Franziskus an die Journalisten: „Nicht die Ängste der Leute schüren”

ossrom131884_articolo

Papst traf Journalisten im Vatikan

Journalisten sollten sich davor hüten, die Ängste der Menschen etwa vor Flüchtlingen zu schüren. Das betonte Papst Franziskus an diesem Donnerstag bei einer Audienz mit rund 400 Mitgliedern des italienischen Journalistenverbands in der Sala Clementina. Auch sollten sie ihren Beruf nicht dazu missbrauchen, einzelne Personen oder ganze Nationen „kaputt zu schreiben“.

Es gebe wenige Berufe, die so viel Einfluss auf die Gesellschaft haben wie der Journalismus. Journalisten hätten eine wichtige Rolle und seien auch im digitalen Wandel der Medienwelt eine tragende Säule. Umso größer sei ihre Verantwortung für einen konstruktiven Beitrag zur Verbesserung der Gesellschaft. Dafür müssten Journalisten und Medienmacher im hektischen Arbeitsalltag auch einmal innehalten und sich auf drei wesentliche Dinge besinnen: Die Wahrheit lieben, mit Professionalität leben und die menschliche Würde achten.

Die Wahrheit, so Franziskus, müsse nicht nur ausgesprochen, sondern auch gelebt werden. „Die Frage ist nicht, ob man nun gläubig ist oder nicht. Die Frage ist, ob man zu sich und den anderen ehrlich ist.“ Im ununterbrochenen Fluss der Kommunikation, die 24 Stunden sieben Tage die Woche laufe, sei es nicht immer einfach, die Wahrheit zu finden, sagte Franziskus. In den Grauzonen und dem Für und Wider politischer Debatten sei es die Aufgabe und Mission der Journalisten, Klarheit zu schaffen, der Wahrheit so nah wie möglich zu kommen und sie sollten niemals etwas schreiben, von dem sie wüssten, dass es im Grunde nicht wahr sei.

Die Professionalität eines Journalisten bestehe vor allem darin, die eigene Arbeit nicht den Interessen von Wirtschaft und Politik zu unterstellen. Sie müssten vielmehr die soziale Dimension der Menschen, das Bürgertum im Blick haben, das ein bedeutender Träger der Demokratie sei. „Es sollte uns zum Nachdenken bringen, dass die Diktaturen jeder Richtung und Couleur im Laufe der Geschichte nicht nur immer versucht haben, sich der Kommunikationsmittel zu bemächtigen, sondern dem Beruf der Journalisten auch neue Regeln auferlegt haben.“

Zuletzt gelte es für Journalisten, die menschliche Würde zu beachten. Franziskus wiederholte seine Worte von dem Geschwätz als Terrorismus, dass man mit den Worten Menschen auch töten könne. „Heute erscheint ein Artikel, morgen wieder ein anderer. Aber das Leben eines Menschen, der zu Unrecht diffamiert wird, kann damit für immer zerstört werden,“ warnte der Papst. Der Journalismus dürfe nicht zu einer „Waffe der Zerstörung“ einzelner Personen oder ganzer Völker werden. Er sollte auch nicht die Ängste schüren vor Veränderungen und Phänomenen wie der Migration, Krieg und Hunger.

Vielmehr müsse der Journalismus „Instrument des Aufbaus“ werden, Versöhnungsprozesse beschleunigen, eine Kultur der Begegnung fördern. „Ihr Journalisten könnt jeden Tag alle daran erinnern, dass es keinen Konflikt gibt, der nicht gelöst werden kann von Frauen und Männern guten Willens.“

Der Präsident des italienischen Journalistenverbands, Enzo Iacopino, verwies in seiner Ansprache auf die Gefahren für Journalisten und prekäre Arbeitsbedingungen für Medienschaffende in Italien. „Leider ist unsere Arbeit auch gefährlich. Hier, unter uns, sind auch Kollegen, die gezwungen sind, unter Polizeischutz zu leben. Um den Bürgern mit der Wahrheit zu dienen, nehmen sie Entbehrungen nicht nur für sich, sondern auch für ihre Familien und ihre Kinder in Kauf. Und hier sind heute Angehörige von einigen Journalisten, die ihren gesellschaftlichen Einsatz gar mit dem Leben bezahlt haben.“

Von dem Journalistenverband erhielt Franziskus eine Spende für seine Hilfen für die Erdbebenopfer in Mittelitalien. Und das, obwohl die meisten Journalisten in Italien selbst einen Hungerlohn verdienen, wie der Präsident des Verbands betonte. „Sie arbeiten jeden Tag hart für wenig Geld, das sie manchmal einfach gar nicht bekommen. Das ist eine neue Art der Sklaverei. Die kann man vielleicht leugnen, aber sie tritt eindeutig mit dem Schmerz dessen hervor, der es nicht mehr schafft.“

(rv 22.09.2016 cz)