Dreifaches Nein zum Leben

Kardinal Schönborn kritisiert erneut die Erklärungen von Königstein und Mariatrost. Von Stephan Baier

Gravierende Folgen für Verkündigung und Seelsorge: Die deutschen Bischöfe versuchten 1968 in Königstein, eine unpopuläre lehramtliche Entscheidung über die persönliche Gewissensentscheidung auszuhebeln.

21. November 2018

Europa stirbt, weil es Nein zum Leben sagt!“ Und Vertreter der Kirche seien mitverantwortlich für die Krise Europas. Mit dieser These hatte der Wiener Kardinal Christoph Schönborn bereits vor einem Jahrzehnt für Aufsehen gesorgt. Nun erläuterte er in einem Vortrag am „Internationalen Theologischen Institut“ (ITI) im niederösterreichischen Trumau, worin das mehrfache Nein Europas zum Leben besteht und welche Schuld manche Repräsentanten der Kirche dabei auf sich geladen hätten: Dreimal habe Europa Nein zum Leben gesagt, nämlich 1968 mit der Zurückweisung der Enzyklika „Humanae vitae“, 1975 mit der Legalisierung der Abtreibung und in unseren Tagen mit der Zustimmung zur Ehe für homosexuelle Paare.

Schönborn kritisierte, dass die Bischöfe in Deutschland und Österreich 1968 „nicht den Mut hatten, ein klares Ja zu ,Humanae vitae‘ zu sagen“, mit Ausnahme des Berliner Kardinals Alfred Bengsch, dessen „prophetischer Text in der Schublade verschwunden“ sei. Schönborn sieht einen dramatischen Zusammenhang: Die „Königsteiner Erklärung“ habe die deutsche Kirche geschwächt, im Ringen um die Abtreibung ein klares Ja zum Leben zu sagen. „Wir Bischöfe waren, wie die Apostel, furchtsam hinter verschlossenen Türen“, sagte der Wiener Kardinal in Trumau, und bezog dies auf die deutschen und österreichischen Bischöfe im Jahr 1968. „Als dann die Welle der Abtreibung kam, war die Kirche geschwächt“, so Schönborn in seinem englischen Vortrag. Der Episkopat habe nicht den Mut gehabt, Paul VI. zu unterstützen. „Wenn wir um die Konsequenzen gewusst hätten, hätten wir nicht Nein gesagt zu ,Humanae vitae‘.“

Vor mehr als einem Jahrzehnt, am 27. März 2008, hatte Schönborn im Abendmahlssaal in Jerusalem vor Bischöfen, Priestern und Laien des Neokatechumenats auf Italienisch darüber gepredigt. Bei der ITI-Expertentagung über die Enzykliken „Humanae vitae“ und „Veritatis splendor“ erläuterte er nun in Trumau, seine damalige Predigt sei zunächst ganz anders konzipiert gewesen und dann ohne sein Wissen im Internet verbreitet worden. Angesichts der „dramatischen Umstände“ der Gegenwart erklärte Schönborn neuerlich seine These, die Hauptschuld Europas bestehe im dreifachen Nein zum Leben. In Jerusalem bereits hatte er erklärt: „Europa ist im Begriff zu sterben, weil es Nein zum Leben gesagt hat.“ Dies sei nicht zuerst eine moralische Frage, sondern eine Frage der Fakten. Im Zusammenhang mit den Erklärungen der Bischofskonferenzen in Königstein und Mariatrost, die als Relativierung von „Humanae vitae“ gelesen wurden, sprach Schönborn von einer „Sünde des europäischen Episkopats… der nicht den Mut hatte, Paul VI. kraftvoll zu unterstützen“. Und weiter: „Heute tragen wir alle in unseren Diözesen die Last der Konsequenzen dieser Sünde.“

Wie 2008 in Jerusalem erinnerte Schönborn in der Vorwoche in Trumau daran, dass eine Gruppe von Theologen unter Führung des damaligen Krakauer Erzbischofs, Kardinal Karol Wojtyla, ein Memorandum verfasste, das Paul VI. ermutigte, „Humanae vitae“ zu veröffentlichen. Wie ein Jahrzehnt zuvor stellte Kardinal Schönborn in Trumau die Frage: „Wo soll man priesterliche Vaterschaft lernen, wenn es keine Beispiele von Vaterschaft in der Familie gibt?“ Er selbst stamme aus einer geschiedenen Familie und kenne die Wirklichkeit von Scheidungen. Ohne Familien gebe es kein Ja zum Leben und keine Zukunft in der Kirche. Der Kardinal stellte eine Verbindung her zwischen kinderreichen Familien und der Zahl geistlicher Berufungen. Er nannte in diesem Zusammenhang die Priesterseminare „Redemptoris Mater“ des Neokatechumenalen Wegs, die sich auf kinderreiche Familien stützen.

Ergänzend zu seinen vor zehn Jahren geäußerten Gedanken meinte Schönborn in Trumau: „Weil der Herr auferstanden ist, haben Christen immer Hoffnung.“ Es gebe aber keine Garantie, dass das Christentum in Europa überlebt. Auch Kleinasien und Nordafrika seien einst geschlossen christliche Gesellschaften gewesen. Viele in der islamischen Welt würden Europa heute als eine reife Frucht betrachten, die für den Islam gepflückt werden könne.

Große Hoffnung setzt der Wiener Kardinal auf Konversionen. In Österreich hätten im Vorjahr gut 600 ehemalige Muslime die Taufe empfangen. Dafür gebe es viele Gründe, etwa die Lektüre der Bibel, Filme über Jesus und Begegnungen mit Christen. Schönborn verwies darauf, dass viele Muslime von Jesus-Träumen berichten würden.

Der Wiener Kardinal zeigte sich überzeugt, dass die Natur alle Ideologien überleben werde. Insofern sei die Schöpfung der größte Verbündete des christlichen Verständnisses von Ehe und Familie. „Die Wahrheit bleibt!“ Gleichwohl könne man den Eindruck haben, die Christen verlören eine Schlacht nach der anderen. Machtvoller als das Wort sei das Beispiel. So würden Familien mit vielen Kindern allein durch ihre Sichtbarkeit andere ermutigen, sich für das Leben zu öffnen. Mit ihrem Leben könnten christliche Familien die Lehre bewerben.

Die destruktiven Folgen der sexuellen Revolution skizzierte der Rektor des ITI, Christiaan Alting von Geusau: Die Verhütungs-Ideologie habe Sex und Nachkommenschaft separiert, die Scheidungs-Ideologie die Eheleute getrennt und die Gender-Ideologie lasse die Komplementarität von Mann und Frau vergessen. Der Westen habe nicht nur eine neue, groteske Vision der Menschheit, sondern verbreite seine Agenda in anderen Teilen der Welt. Die Folgen seien ein weltweiter Rückgang der Fertilitätsrate, die im Westen seit langem unter der Reproduktionsrate liegt, sowie ein Anstieg der Abtreibungen auf 40 bis 50 Millionen weltweit.

Der Rektor des ITI forderte dazu auf, sich der ideologisch konstruierten Sprachregelungen zu enthalten und korrekte Bezeichnungen zu verwenden. Über Homo-„Ehe“ zu sprechen sei so absurd, wie von „trockenem Wasser“ zu reden. Auch „reproduktive Gesundheit“ sei ein falscher Ausdruck für die propagierte Abtreibung. „Nennen wir die Dinge beim Namen!“, so Alting von Geusau. Pseudo-Wissenschaften sollten entlarvt und echte Bildung verbreitet werden. Es gehe darum, auf die „Sprache der Natur“ zu hören. Die Lehre der Kirche zeige, was wahrhaft menschengemäß ist. Was Papst Paul VI. und der heilige Papst Johannes Paul II. in ihren Enzykliken „Humanae vitae“ und „Veritatis splendor“ lehrten, sei heute relevanter denn je.

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Quelle

Päpstlicher Rat für die Familie: Ehe, Familie und „Faktische Lebensgemeinschaften“

Alfonso Kardinal López Trujillo

PÄPSTLICHER RAT FÜR DIE FAMILIE

EHE, FAMILIE UND
„FAKTISCHE LEBENSGEMEINSCHAFTEN“

Die steigende Zahl faktischer Lebensgemeinschaften und die daraus folgende Abneigung gegen die Ehe sind ein in der ganzen Gesellschaft weitverbreitetes Phänomen, das die christliche Gemeinschaft eindringlich im Gewissen anspricht. Die Kirche hat die „Zeichen der Zeit“ erkannt und kommt daher nicht umhin, sich mit dieser Frage zu befassen.

Im Bewußtsein der ernsten sozialen und pastoralen Folgen einer solchen Situation hat der Päpstliche Rat für die Familie im Jahr 1999 und in den ersten Monaten des Jahres 2000 eine Reihe von Studientagen veranstaltet. Das vorliegende Dokument ist das Ergebnis dieser Tagungen, an denen große Persönlichkeiten und renommierte Fachleute der ganzen Welt teilgenommen haben, um diese heikle Frage mit großer Tragweite für Kirche und Welt gebührend zu analysieren.

Das Dokument setzt sich mit der schwierigen Situation von heute auseinander, bei der es genau um den zentralen Kern menschlicher Beziehungen, um die heikle Frage der innigen Verbindung zwischen Familie und Leben, um die empfindlichsten Bereiche des menschlichen Herzens geht. Zur gleichen Zeit ist angesichts der unleugbaren öffentlichen Tragweite und der derzeitigen internationalen politischen Konstellation ein richtungsweisendes Wort notwendig und dringlich. Es richtet sich zuallererst an die entsprechenden Verantwortlichen, die durch die Verabschiedung von Gesetzen der Ehe als Institution entweder rechtlichen Bestand verleihen oder das Gemeinwohl, das diese natürliche Institution schützt, schmälern, wenn sie von einer Betrachtung der persönlichen Probleme ausgehen, die nicht der Wirklichkeit entspricht.

Die folgenden Überlegungen richten sich aber auch an die Bischöfe, die heute viele Christen dort abholen müssen, wo sie sind, und zur Aufwertung dieses natürlichen Werts führen müssen, der durch die Ehe als Institution geschützt und durch das christliche Sakrament besiegelt wird. Die in der Ehe begründete Familie entspricht dem Plan des Schöpfers „am Anfang“ (Mt 19,4). Im Reich Gottes kann nur der Same der in das Herz des Menschen eingeschriebenen Wahrheit ausgesät werden, weil nur sie „durch ihre Ausdauer Frucht bringen“ (Lk 8,15) kann; einer Wahrheit, die Erbarmen, Verständnis und Appell ist, in Jesus „das Licht der Welt“ (Joh 8,12) und die Kraft zu erkennen, die uns aus der Macht des Bösen befreit.

Schließlich möchte das vorliegende Dokument ein positiver Beitrag zum Dialog sein, damit die Wahrheit der Dinge und der sich aus der natürlichen Ordnung ergebenden Forderungen klar zutage treten. Es ist somit als Teilnahme am sozio-politischen Diskurs und als Übernahme von Verantwortung für das Gemeinwohl zu verstehen.

Gott gebe es, daß viele Menschen guten Willens diese nüchternen und verantwortungsbewußten Überlegungen teilen und sie dieser für Kirche und Welt notwendigen Lebensgemeinschaft, welche die Familie ist, zum Vorteil gereichen.

Vatikanstadt, 26. Juli 2000
Gedenktag der Heiligen Joachim und Anna, der Eltern der allerseligsten Jungfrau Maria

Alfonso Kardinal López Trujillo
Präsident 

Bischof Francisco Gil Hellin
Sekretär

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