DIE HEILIGKEIT DES EHEBANDES – Wort zum Nachsynodalen Apostolischen Schreiben AMORIS LAETITIA

Der Churer Bischof Vitus Huonder verlaesst am Mittwoch, 9. Maerz 2011, nach einer Fruehmesse die Kathedrale auf dem Hof in Chur. Anlaesslich einer bereits seit laengerem geplanten Sitzung haben sich gestern Dienstag, 8. Maerz 2011, in Einsiedeln Vertreter der Biberbrugger-Konferenz mit Vertretern der Dekanate des Bistums Chur getroffen. Die Gespraechsrunde sei besorgt ueber die derzeitige aufgewuehlte Situation im Bistum Chur. Generalvikar Andreas Rellstab hatte im Februar wegen Differenzen mit Bischof Vitus Huonder sein Amt zur Verfuegung gestellt. Auch weitere Fuehrungskraefte in der Dioezese demissionierten. (KEYSTONE/Arno Balzarini)

Bischof Vitus Huonder, Chur:

Liebe Mitbrüder im priesterlichen Dienst

In der Diskussion rund um das Nachsynodale Apostolische Schreiben Amoris Laetitia kam das achte Kapitel mit der Frage der zivil wiederverheirateten geschiedenen Personen ins Zentrum zu stehen. Aus diesem Grund gebe ich dazu in meiner Verantwortung als Bischof zu Handen der Seelsorger (Beichtväter) einige Hinweise.

Vorgängig möchte ich das Folgende festhalten: Der Heilige Vater sagt in der Einleitung zu Amoris Laetitia, „dass nicht alle doktrinellen, moralischen oder pastoralen Diskussionen durch ein lehramtliches Eingreifen entschieden werden müssen“ (AL 3). Diese Aussage lässt den Stellenwert des Nachsynodalen Apostolischen Schreibens erkennen.

„Wenn man die zahllosen Unterschiede der konkreten Situationen … berücksichtigt, kann man verstehen, dass man von der Synode oder von diesem Schreiben keine neue, auf alle Fälle anzuwendende generelle gesetzliche Regelung kanonischer Art erwarten durfte. Es ist nur möglich, eine neue Ermutigung auszudrücken zu einer verantwortungsvollen persönlichen und pastoralen Unterscheidung der je spezifischen Fälle“ (AL 300), sagt der Papst im Zusammenhang der Unterscheidung bei irregulären Situationen. Das bedeutet jedoch auch, dass der Bischof umso mehr gefordert ist, ein richtungweisendes Wort zu sprechen, da die Priester die Aufgabe haben, „die betroffenen Menschen entsprechend der Lehre der Kirche und der Richtlinien des Bischofs auf dem Weg der Unterscheidung zu begleiten“ (AL 300). Des weitern „ist es notwendig, zur Reifung eines aufgeklärten, gebildeten und von der verantwortlichen und ernsten Unterscheidung des Hirten begleiteten Gewissens zu ermutigen und zu einem immer größeren Vertrauen auf die Gnade anzuregen“ (303). Dem entspricht ganz, was der Heilige Vater unter Amoris Laetitia 307 sagt: „Um jegliche fehlgeleitete Interpretation zu vermeiden, erinnere ich daran, dass die Kirche in keiner Weise darauf verzichten darf, das vollkommene Ideal der Ehe, den Plan Gottes in seiner ganzen Größe vorzulegen: ‘Die jungen Getauften sollen ermutigt werden, nicht zu zaudern angesichts des Reichtums, den das Ehesakrament ihrem Vorhaben von Liebe schenkt, gestärkt vom Beistand der Gnade Christi und der Möglichkeit, ganz am Leben der Kirche teilzunehmen.’ Die Lauheit, jegliche Form von Relativismus oder der übertriebene Respekt¹ im Augenblick des Vorlegens wären ein Mangel an Treue gegenüber dem Evangelium und auch ein Mangel an Liebe der Kirche zu den jungen Menschen selbst“. Im Sinne all dieser Hinweise in Amoris Laetitia bitte ich die Priester das Folgende zu beachten:

1. Ausgangspunkt der Begleitung, Unterscheidung und Eingliederung muss die Heiligkeit des Ehebandes (die Bindung) sein. Aufgabe der Seelsorge ist es, den Menschen das Bewusstsein der Heiligkeit des Ehebandes zu vermitteln oder wieder zu vermitteln. Der Heilige Vater spricht von der „Seelsorge der Bindung“ (AL 211; in der italienischen Sprache vincolo). Die offizielle deutsche Übersetzung von vincolo mit Bindung ist zu schwach. Deshalb spreche ich hier ausdrücklich vom Eheband.

2. Das Eheband ist schon von der Schöpfung her heilig (Natur-Ehe), umso mehr von der Neuschöpfung her (Ordnung der Erlösung) durch die sakramental geschlossene Ehe (übernatürliche Ordnung). Die Bewusstseinsbildung bezüglich dieser Wahrheit ist ein dringender Auftrag in unserer Zeit (vgl. AL 300).

3. Diese Bewusstseinsbildung ist umso notwendiger, als ein Hirte sich nicht damit zufrieden geben kann, „gegenüber denen, die in ‘irregulären’ Situationen leben, nur moralische Gesetze anzuwenden, als seien es Steine, die man auf das Leben von Menschen wirft“ (AL 305). Das Eheband selber ist eine Gabe der Liebe, der Weisheit und der Barmherzigkeit Gottes, welche den Eheleuten Gnade und Hilfe verleiht. Deshalb muss der Rückbezug auf das Eheband beim Weg der Begleitung, der Unterscheidung und der Eingliederung an erster Stelle stehen.

4. Erkennt ein Beichtvater bei einer Beichte eines unbekannten Pönitenten (bei einer „Gelegenheitsbeichte“) Fragen bezüglich des Ehebandes, welche der Klärung bedürfen, wird er den Pönitenten bitten, sich einem Priester anzuvertrauen, welcher mit ihm einen längeren Weg der Umkehr und Eingliederung gehen kann, oder er wird sich mit ihm selber außerhalb der Beichte in Verbindung setzen.

5. Bei der seelsorglichen Begleitung von zivil wiederverheirateten Geschiedenen ist zunächst zu prüfen, ob die Eheschließung (die „erste Ehe“) gültig zustande kam, ob ein Eheband wirklich besteht. Diese Prüfung kann nicht der einzelne Priester vornehmen, schon gar nicht im Beichtstuhl. Der Beichtvater muss die betroffene Person an den Offizial des Bistums verweisen.

6. Wie es auch immer um die Gültigkeit der Eheschließung steht, eine gescheiterte Verbindung muss in jedem Fall menschlich und glaubensmäßig aufgearbeitet werden. Das bedeutet, dass ein längerer, Geduld verlangender seelsorglicher Weg beschritten werden muss. „In diesem Prozess wird es hilfreich sein, durch Momente des Nachdenkens und der Reue eine Erforschung des Gewissens vorzunehmen. Die wiederverheirateten Geschiedenen sollten sich fragen, wie sie sich ihren Kindern gegenüber verhalten haben, seit ihre eheliche Verbindung in die Krise geriet; ob es Versöhnungsversuche gegeben hat; wie die Lage des verlassenen Partners ist; welche Folgen die neue Beziehung auf den Rest der Familie und die Gemeinschaft der Gläubigen hat; welches Beispiel sie den jungen Menschen gibt, die sich auf die Ehe vorbereiten. Ein ernsthaftes Nachdenken kann das Vertrauen auf die Barmherzigkeit Gottes stärken, die niemandem verwehrt wird“ (AL 300). „Die Hirten, die ihren Gläubigen das volle Ideal des Evangeliums und der Lehre der Kirche nahelegen, müssen ihnen auch helfen, die Logik des Mitgefühls mit den Schwachen anzunehmen und Verfolgungen oder allzu harte und ungeduldige Urteile zu vermeiden“ (AL 308).

7. Der Empfang der heiligen Kommunion der zivil wiederverheirateten Geschiedenen darf nicht dem subjektiven Entscheid überlassen werden. Man muss sich auf objektive Gegebenheiten stützen können (auf die Vorgaben der Kirche für den Empfang der heiligen Kommunion). Im Falle von zivil wiederverheirateten Geschiedenen ist die Achtung vor dem bestehenden Eheband ausschlaggebend.

8. Wird bei einem Gespräch (bei einer Beichte) die Absolution eines zivil wiederverheirateten Geschiedenen erbeten, muss feststehen, dass diese Person bereit ist, die Vorgaben von Familiaris consortio 84 anzunehmen (JOHANNES PAUL II., Apostolisches Schreiben Familiaris consortio vom 12. November 1981). Das heißt: Können die beiden Partner aus ernsthaften Gründen … der Verpflichtung zur Trennung nicht nachkommen (vgl. AL 298), sind sie gehalten, wie Bruder und Schwester miteinander zu leben. Diese Regelung gilt nach wie vor schon deshalb, weil das neue Apostolische Schreiben Amoris Laetitia ausdrücklich keine „neue gesetzliche Regelung kanonischer Art“ vorsieht (vgl. AL 300). Der Pönitent wird den festen Willen bezeugen müssen, in Achtung vor dem Eheband der „ersten“ Ehe leben zu wollen.

9. Halten wir bei der Vorbereitung und Begleitung der Traupaare, Eheleute und der Familien immer das Wort des heiligen Paulus vor Augen: „Dieses Geheimnis ist groß. Ich beziehe es auf Christus und die Kirche (Eph 5,32)“ – Sacramentum hoc magnum est, ego autem dico in Christo et in Ecclesia.

Mit meinem Dank für die Treue zum Herrn und seinem Auftrag, grüße ich herzlich, verbunden mit meinem bischöflichen Segen

Chur, 2. Februar 2017

+ Vitus Huonder, Bischof von Chur

¹Das Schreiben meint damit wohl die allzu große Vorsicht oder Rücksichtnahme, so dass die Wahrheit verdunkelt würde.

Zum Thema:

JOSÉ GRANADOS, STEPHAN KAMPOWSKI, JUAN JOSÉ PÉREZ-SOBA, Amoris laetitia, Accompagnare, discernere, integrare. Vademecum per una nuova pastorale familiare, Siena 2016. Eine deutsche Übersetzung ist von der fe-medienverlags GmbH, D-88353 Kisslegg in Aussicht gestellt.

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Quelle

Kardinal Müller spricht im italienischen Fernsehen über die Fragen der vier Kardinäle

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Kardinal Müller / ZENIT – HSM, CC BY-NC-SA

„‚Amoris Laetitia’‪‪ ist in seiner Lehre ganz klar“,
so der Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre

„Eine brüderliche Zurechtweisung des Papstes scheint mir sehr fernliegend, unmöglich im Moment, weil der Glaube nicht gefährdet ist, wie der heilige Thomas das sagte“. Mit diesen Worten hat Kardinal Gerhard Ludwig Müller, Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre, im italienischen Nachrichtenkanal TGCOM24 auf die fünf „dubia“ (Zweifel) der vier Kardinäle reagiert, die sich mit der Auslegung des Apostolischen Schreiben „Amoris Laetitia“ zur Frage der Sakramente für zivil Geschiedene und Wiederverheiratete auseinandersetzen.

„Wir sind von einer Korrektur weit entfernt und ich sage, es schadet der Kirche, diese Dinge öffentlich zu diskutieren“, sagt Kardinal Müller. Jeder habe das Recht, einen Brief an den Papst zu schreiben,vor allem die Kardinäle der römischen Kirche. „Aber ich war überrascht zu sehen, dass dieser veröffentlicht und der Papst gezwungen wurde, ja oder nein zu sagen. Das hat mir nicht gefallen.“ Unterzeichnet hatten die vier Kardinäle Walter Brandmüller, Raymond Leo Burke, Carlo Caffarra und Joachim Meisner, die ihre Fragen in der Tat öffentlich gemacht haben.

„‚Amoris Laetitia’‪‪ ist in seiner Lehre ganz klar“, so die Einschätzung des Glaubenshüters. Die gesamte Lehre Jesu über die Ehe, die ganze Lehre der Kirche in 2.000 Jahren Geschichte könne so ausgelegt werden. Franziskus fordere die Unterscheidung, um die Situation der Betroffenen zu beurteilen, die in einer irregulären Verbindung leben, das heißt, nicht von der Lehre der Kirche über die Ehe her, und er verlange, für diese Menschen einen Weg zu einer neuen Integration in die Kirche entsprechend der Bedingungen der Sakramente, der christlichen Botschaft über die Ehe, zu finden. „Aber ich sehe keinen Widerspruch: Auf der einen Seite haben wir die klare Lehre über die Ehe und auf der anderen Seite die Verpflichtung der Kirche, sich um diese Menschen in Schwierigkeiten zu kümmern.“

Kardinal Agostino Vallini, Vikar des Papstes für die Diözese Rom, sagte ebenfalls in einem Interview mit dem „Vatican Insider“, dass die Lehre der Kirche „immer die gleiche“ bleibe, aber sie sei aufgefordert, sich um Menschen zu sorgen, die von verletzter oder verlorener Liebe betroffen sind, „die sich in der Mitte des Sturms befinden“. Jeder Priester habe eine sehr heikle und wichtige Aufgabe zu erfüllen, Rigorismus und Laxheit zugleich zu vermeiden und nie vom Vorschlag des Ideals der vollen Ehe abzurücken.

Diese pastorale Unterscheidung von Individuen sei sehr heikel und müsse den Grad der Verantwortung berücksichtigen, der nicht in allen Fällen gleich sei, da mildernde Faktoren auch ins Gewicht fielen. „Es ist daher möglich, dass in einer objektiven Situation der Sünde ein Weg gefunden wird, im christlichen Leben zu wachsen, und dazu die Unterstützung der Kirche zu bekommen“, so Vallini. (mk)

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Quelle

Kardinal Gerhard Müller: Was dürfen wir von der Familie erwarten?

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Eine Kultur der Hoffnung für die Familie

ausgehend vom Nachsynodalen Apostolischen Schreiben

Amoris Laetitia 

 

Der Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre hat am vergangenen Mittwoch [4. Mai 2016] im Priesterseminar von Oviedo in Spanien ein Referat gehalten, das man als seinen Kommentar zum Nachsynodalen Schreiben Amoris Laetitia verstehen darf. Wir veröffentlichen den Vortrag im vollständigen Wortlaut.

Einführung

Was dürfen wir von der Familie erwarten? Umfragen bestätigen, dass in unserer Zeit der Wunsch nach Familie groß ist. Dies bedeutet, dass von ihr weiterhin viel erwartet wird. Aber, handelt es sich um eine fundierte Erwartung? Ein großer Wunsch garantiert an sich nicht das erwünschte Glück. Denn wenn wir die Krise der Familie in den Blick nehmen, finden wir, dass viele dieser Wünsche Schiffbruch erleiden. Mit Schmerz denken wir an die Krise so vieler zerrütteter Familien, an den in vielen Ländern besorgniserregenden Geburtenrückgang, an die Kinder, die von ihren Eltern weder angenommen noch erzogen werden… Dies führt uns dazu, die Frage umzukehren: Auf wen kann die Familie ihre Hoffnung setzen? Was für ein Grund hält diesen großen Wunsch aufrecht, der in den Herzen schwingt? Diese Fragen stellen auch eine Herausforderung für die Christen dar: Darf die Familie auf die Kirche hoffen? Und was kann sie von ihr erwarten?

Bei der Vorstellung dieses Teils meines Buches Zur Lage der Hoffnung, bei der Frage nach dem, was wir von der Familie erwarten dürfen, rechne ich nun mit der Hoffnungsbotschaft für die Familie, die Papst Franziskus in seinem Nachsynodalen Apostolischen Schreiben Amoris Laetitia ausbreitet. Ähnlich wie der Heilige Vater möchte ich nicht mit einer soziologischen Untersuchung, sondern mit einer biblischen Erzählung über die Familie beginnen, damit das Wort Gottes vernommen werden kann.(1)

1.  Kirche und Familie: Die Arche Noah 

Noahs Geschichte ist eine Familienerzählung. Denn in ihm rettet Gott nicht einen Einzelnen. Hier treten Noah, seine Frau, seine Söhne und seine Schwiegertöchter auf. Die Arche selbst ist der Form nach nicht ein Schiff, sondern ein Haus, das Symbol der Familie (Gen 6, 15). Als solches wird sie denn auch in der christlichen Kunst dargestellt.

Andererseits waren zu Noahs Zeiten die Bedrohungen gegen die Familie und die gesamte Gesellschaft allgegenwärtig. Eine alte jüdische Legende beschreibt die Sintflut-Generation als wohlhabend und privilegiert (2): Der Mensch lebte im Überfluss und war nur auf sich selbst angewiesen. Er hatte die Macht, die Natur zu manipulieren. Gott wurde zunehmend vergessen. Die Schwangerschaften waren kurz, und die Kinder waren kräftig und bereits ausgewachsen bei der Geburt. Sie halfen sogar, die Nabelschnur durchzutrennen. Dies ist ein ausdrucksstarkes Bild: Die selbstgenügsamen Menschen gehörten keiner Familie an. Sie brauchten auch nicht von anderen zu lernen, denn sie waren in ihrer Selbstgenügsamkeit eingeschlossen. Vor diesem Hintergrund erscheint die Sintflut nicht so sehr als göttliche Strafe, denn als logische Folge der Sünde.

In dieser Lage konnte nur die Barmherzigkeit Gottes eine Hoffnung aufkeimen lassen. Gott verwandelte das Leiden der Sintflut in Fruchtbarkeit: Aus den Wassern als Symbol des Mutterschoßes wurde ein neues, vom Bösen geläutertes Volk neu geboren. Gott drückte seine Barmherzigkeit durch eine Familie und deren Wohnung, die Arche, aus. Hier wurde eine wahre Liebe wieder entdeckt und gelebt. Gott segnete Noah in ähnlicher Weise, wie er Adam und Eva seinerzeit gesegnet hatte (Gen 8, 15–17).

Eine erste Lehre aus der biblischen Erzählung ist die Erkenntnis, dass den ursprünglichen Plan Gottes für die Familie neu entdecken bedeutet, die Hoffnung neu zu entdecken. In ihr bietet Gott dem Wunsch nach Fülle, den die Menschen erfahren, eine Grundlage. Gott baut dem Begehren eine Wohnung, eine Arche, in der jeder Mensch seinen Ursprung und sein Ziel erkennt. Daher bewahrt jede Familie die Spuren der göttlichen Hände, der liebenden Vorsehung Gottes, des Geschenks seiner ursprünglichen Liebe auf. In der Familienarche lernen wir wieder Kinder zu sein, von einem anderen zu empfangen, den eigenen Körper als Zeuge der ursprünglichen Gabe Gottes anzunehmen, die Sprache der sexuellen Verschiedenheit in der Öffnung für das Leben zu sprechen (vgl. AL 285).

Das Meer der Sintflut spricht seinerseits von unverbindlichen, der Form beraubten und stets instabilen Beziehungen der Postmoderne, die in vielfältigen unzusammenhängenden Verbindungen immer wieder von vorne beginnen. Wenn er keinen weiteren Bezug hat, endet der Wunsch nach Familie im heutigen Menschen auf sich selbst verkrümmt. Er ist nicht in der Lage, bis zu dem Ziel zu wachsen, das er verspricht. Folgerichtig drückt sich dieser Wunsch dann in den so genannten „Modellen“ oder bunten Ausformungen der Familie aus, in denen das desorientierte Begehren verloren geht. Mitten in der ideologischen Sintflut erscheint die Familienwohnung, die Arche Noah, als der Bereich, in dem das Begehren erweckt, angenommen, geheilt und auf sein Ziel hin bekräftigt wird.

Wir können uns aber fragen: Rettet Gott nicht lediglich einige wenige Privilegierte? Betrachten wir die Familienerzählung Noahs im Zusammenhang mit der biblischen Geschichte, dann stellen wir fest, dass Gott die Rettung Vieler mittels Weniger will. Im Rest der acht Personen befindet sich der Same für eine neue Menschheit. In der Tat: Es handelt sich dabei nicht nur um eine Familie, sondern um ein ganzes Volk, das die Erde wieder bewohnbar machen wird. Die Arche, der Familienbereich, in dem der Mensch seine Berufung und sein Ziel findet, lässt sich nicht auf eine vereinzelte Familie reduzieren. Sie besitzt eine soziale Berufung. Jede Gesellschaft ist dazu berufen, der Bereich und die Kultur zu werden, in der an Gottes ursprüngliche Liebe erinnert wird, wo die Liebe für immer möglich wird. Würde diese gesellschaftliche Arche, die „Kultur der Familie“ verschwinden, so würden sich die Menschen vergeblich bemühen, der Sintflut der unverbindlichen Liebe zu entkommen.

Eine erste Lesung von Amoris Laetitia hilft uns denn auch zu entdecken, dass das Problem der heutigen Familie nicht in den Bemühungen des Einzelnen, in den persönlichen Überzeugungen oder in isolierten Hingaben besteht. Die große Herausforderung besteht darin, das Fehlen eines Bereiches, eines Gewebes an Beziehungen zu überwinden, in denen das Begehren der Menschen wachsen und keimen kann. Daran erinnert die Arche Noah und ihre von Gott gestaltete Struktur, zugleich Wohnung zu sein sowie Schiff, das sich in den Wassern einen Weg bahnt. Die festgebundenen und wasserabweisenden Bretter stellen mit ihren unterschiedlichen Ebenen die Kultur der Familie dar. Diese wird vor allem in der unauflöslichen Liebe zwischen einem Mann und einer Frau bewahrt, die für die Weitergabe und die Erziehung des Lebens offen sind. Später lebt man in einem Volk, das die Familien begleitet und deren Beziehungen stärkt.

Darin sehen wir die große Aufgabe und Herausforderung der Kirche an die Familie. Die christliche Tradition hat in der Arche Noah ein Bild der Kirche gesehen: Sie ist Rest, Sakrament des Heils und Obdach für alle von der Sintflut geretteten Menschen.(3) So wie die Familie der Bereich ist, in dem die Liebe geboren wird und keimt, wo das Begehren Orientierung und Läuterung erfährt, so ist die Kirche dazu berufen, eine Großfamilie, ein großer Bereich, eine große Arche Noah zu werden, wo alle Familien Platz zum Keimen finden. Die Familie muss innerhalb der Kirche leben, wo sie an die große Berufung erinnert wird, die sie empfangen hat, wo die Liebe in Erinnerung gebracht wird, die sie mit Leben füllt und sie hält. Ihrerseits muss die Kirche inmitten einer Welt unverbindlicher Beziehungen eine günstige Wohnung, einen Bereich und eine Kultur schaffen können, in denen die Familie wachsen kann.

Ist diese Herausforderung möglich? Welche neue Hoffnung vermittelt die Kirche der Familie und durch sie der Gesellschaft? Wir können die Antwort in der ursprünglichen Gestaltung der Arche der Kirche entdecken.

2.   Die Architektur der Arche: Die in der Familie gelebte Liebe Christi 

Amoris Laetitia fasst in seinem vierten Kapitel die Hoffnung der Familie durch eine Exegese des 1. Korintherbriefes 13 zusammen. Darin liegt meines Erachtens der Schlüssel für das Verständnis des Apostolischen Schreibens. Danach ist es nur im Licht der wahren und unverfälschten Liebe (AL 67) möglich, „lieben zu lernen“ (AL 208) und dem Begehren eine Wohnung zu bereiten.

Unter der Fülle an praktischen Ratschlägen, die dieser Kommentar anbietet, möchte ich ein Schlüsselelement unterstreichen: Die Kraft zu verzeihen liegt in der Vergebung, die jeder Einzelne in Christus von Gott empfangen hat. Diese christologische Aussage finden wir auch bei Paulus: „Christus [ist] für uns gestorben, als wir noch Sünder waren (Röm 5,8) oder auch: Was kann uns scheiden von der Liebe Christi?“ (Röm 8,35). Paulus fasst die Liebe nicht als eine Abstraktion oder als ein schönes Ziel auf, das aber weit entfernt oder gar kaum zugänglich ist. Im Gegenteil: Die Liebe hat einen Namen, ein Antlitz und einen bestimmten Tonfall in der Stimme, denn sie ist Jesus von Nazareth selbst, „meine gekreuzigte Liebe“.(4) Wenn das Hohelied der Liebe aus 1. Korinther 13 schlussfolgert, „die Liebe hört niemals auf“, verstehen wir vollkommen, worauf es sich bezieht: Es geht um die Liebe Christi, die ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist (Röm 5,5) ist.

Auf dieser Hoffnung, die nicht zugrunde gehen lässt (Röm 5,5), auf dieser sicheren Säule schlägt Franziskus vor, eine feste Kultur der Familie aufzubauen. Die Arche Noah wurde von den Kirchenvätern auch von Christus aus interpretiert: Indem er sich am Kreuz hingab, um uns zu retten, durchschritt er die Wasser des Todes, um ein neues Volk zu bilden. Das Holz, das die Wasser durchquerte, wurde im Hinblick auf das Kreuz und die Taufe ausgelegt: Die Liebe zum Menschen, die Christus am Kreuz bekundet, berührt uns in der Taufe und in den anderen Sakramenten und vermittelt uns eine neue Fähigkeit, geliebt zu werden sowie zu lieben.

In der Sakramentenordnung der Kirche sah Augustinus die grundlegende Architektur der Arche Noah, die der Leib Christi ist, mit der Taufe als große Türe.(5) Die Kirche kann auf dem Meer fahren, weil der Schiffsrumpf, der Mast und das Segel die Form der Liebe Jesu annehmen, die in den Sakramenten vermittelt wird. So ist sie in der Lage, in der Welt einen neuen Bereich, eine neue Kultur, eine neue Praxis zur Begleitung der Familien zu schaffen.

Von hier aus können wir die große Hoffnung der Familie entdecken. Diese Hoffnung besteht in der großen Gabe, die jede Familie im Sakrament der Ehe empfangen hat, durch die die Eheleute zum wirksamen Zeichen der Liebe Jesu und seiner Kirche werden. Wenn die Familie Hoffnung hat, dann wegen dieser von Gott empfangenen Gabe, die ihrerseits vielfältige Beziehungen hervorbringt. Es ist wohl wahr, dass jeder Ehepartner für sich alleine und auch die beiden Ehepartner zusammen wissen, dass das Hohelied der Liebe sie übersteigt. Aber sie verstehen auch, dass das Sakrament ihre Liebe aufnimmt und verwandelt. Es ist Aufgabe der Kirche, sie daran zu erinnern, ihnen beizubringen, dass sie zusammen sagen können: „Mit Jesus, der in unserer Liebe wirklich gegenwärtig ist, sind wir langmütig, wir sind gütig; mit Jesus, der in unserer Liebe wirklich gegenwärtig ist, spüren wir keinen Neid, wir prahlen nicht und blähen uns nicht auf; mit Jesus, der in unserer Liebe wirklich gegenwärtig ist, handeln wir nicht ungehörig und suchen wir nicht unser Vorteil…“

Dies bedeutet, dass jede christliche Familie in die Arche Jesu aufgenommen wird, dass jede Familie als neuer Bereich, als neue Wohnung die Liebe Jesu und der Kirche empfängt. Es ist richtig, dass die Beziehung zwischen den Ehepartnern wachsen und reifen muss, dass sie fallen und der Vergebung bedürfen werden. Unter diesem Standpunkt wird sie immer unvollendet und unterwegs sein. Andererseits aber gibt die Ehe als Sakrament den Ehepartnern die volle Gegenwart der Liebe Jesu unter ihnen, die Bindung einer so unauflöslichen Liebe bis zum Tod wie die Bindung zwischen Christus und seiner Kirche. Die Familie kann Subjekt des Lebens der Kirche werden, nicht, weil die Ehepartner sehr wirksam, intelligent oder gerecht sind, sondern weil sie die Kraft der Liebe Christi besitzen, die in der Lage ist, in der Welt eine neue Liebe, um sich herum einen Lebensbereich hervorzubringen, damit das Begehren seine Zielrichtung und seine Fülle findet.

Unter diesem Licht besteht der Papst darauf, dass die Eheseelsorge „eine Seelsorge der Bindung“ (AL 211) sein soll. Im Gegensatz zu einer emotionalen Seelsorge, die lediglich Gefühle zu wecken sucht oder sich damit zufrieden gibt, persönliche Erfahrungen in der Begegnung mit Gott zu vermitteln, ist eine Seelsorge der Bindung eine Seelsorge, die für das „Ja für immer“ vorbereitet. Unter diesem Licht wird die Ehevorbereitung vorgenommen: Die Verlobungsstadien zu begleiten, damit die jungen Menschen lernen, sich das „Jawort“ zu geben, damit sie den Plan Gottes für sie annehmen. Wenn die Bindung gehegt wird, geht die Liebe aus sich heraus. Sie überwindet das schwankende Gefühl und wird stark, um die Gesellschaft zu stützen und Kinder aufzunehmen. Es geht wiederum darum, der Familie eine Wohnung zu bereiten, in der die Ehe der Schlüsselstein ist. In der Bindung wird der Individualismus der Ehepartner oder des Paares überwunden und entsteht die Kultur der Familie, ein Bereich, in dem die Liebe aufblühen kann, die Arche Noah, mit der sie in der Sintflut der unverbindlichen Postmoderne zusammen fahren können. Den Ehepartnern versichert die Kirche: In jedem Fall, in jeder Situation, in der ihr euch befindet, werde ich über die Bindung wachen. Ich werde sie sichern und beschützen, damit sie lebendig bleibt, damit ihr immer wieder zu ihr zurückkehren könnt, weil in ihr eure tiefste Berufung liegt.

Von hier aus wird die Eindringlichkeit deutlich, mit der Papst Franziskus von dem spricht, was er „christliches Ideal“ nennt. Einige haben dieses Ideal als etwas Fernes, als ein abstraktes Ziel angesehen, das für nur wenige bestimmt wäre. Das ist aber nicht die Denkart von Franziskus. Der Papst ist kein Platoniker! Ganz im Gegenteil. Für ihn berührt das Christentum das menschliche Fleisch (vgl. Evangelii Gaudium 88, 233). Das wird besonders deutlich, wenn Franziskus davor warnt, sich „ein allzu abstraktes theologisches Ideal der Ehe [vorzustellen], das fast künstlich konstruiert und weit von der konkreten Situation und den tatsächlichen Möglichkeiten der realen Familien entfernt ist“ (AL 36). Hier lehnt der Papst den Gedanken ab, das Ideal sei etwas Abstraktes und Künstliches.

Was meint also der Papst, wenn er das Ideal der Ehe anspricht? In der Kirche ist das Ideal immer inkarniertes Ideal, weil das Wort, der Logos, Fleisch geworden ist und ihr Leben in den Sakramenten begleitet. Diese lebendige und verwandelnde Gegenwart der vollkommenen Liebe Jesu besteht gerade in den Sakramenten. Wie schon gesagt, enthalten sie die Architektur der Arche Noah. Amoris Laetitia spricht tatsächlich mehrfach von der Beziehung zwischen der christlichen Initiation und dem Eheleben (AL 84, 192, 206-207, 279) sowie von der Verbindung zwischen Eucharistie und Ehe (AL 318). Wir könnten schlussfolgern: Jede Familie und die gesamte Kirche rechnen mit dieser Kultur der Liebe Jesu, die in der Sakramentenordnung enthalten ist. Diese bleiben als lebendiges Zeichen Christi, um sein Leben selbst unter den Menschen hervorzubringen. Aus ihnen besteht die Architektur der Arche, einer Arche, deren Maße von Gott vorgegeben wurden.

Unsere von diffusen Wünschen geprägte Zeit braucht – wie ich vorhin sagte – eine Wohnung der Liebe, eine Kultur der Liebe. Die Kirche fördert diese Kultur der Liebe gerade in ihren Sakramenten, die sie begründen. Sie kann den Menschen, auch den Fernsten, Hoffnung anbieten, solange sie dieser Wohnung treu bleibt, die sie von Christus empfangen hat, solange sie diese allgemeine Kultur der Liebe Christi fördert, die in den sakramentalen Zeichen bekannt wird. Diese sind die Architektur des Schiffes, das uns an den sicheren Hafen bringt.

Das Bild der Arche Noah, der Kirche, die auf dem Meer fährt und die Hoffnung in die Welt trägt, ist mit der Zahl Acht verbunden. Sie symbolisiert seit jeher den achten Tag, den Tag der Auferstehung Christi, den Beginn der künftigen Welt. Auf diese Art und Weise wurde darauf hingewiesen, dass die Kirche nicht nur zu einer fernen Vollendung schreitet, sondern dass die Fülle der Liebe bereits in ihr begonnen hat. Ja, es ist möglich, die Liebe zu leben, von der Paulus in seinem Hohelied der Liebe spricht. Dazu brauchen wir nicht bis zum Ende der Zeit zu warten. Es ist möglich, bereits jetzt diese Liebe zu leben, weil die Kirche in ihren Sakramenten die Wohnung als ursprüngliche Gabe Christi lebendig und wirksam erhält. Eine Wohnung, die unsere armseligen Kräfte annimmt, stützt und stärkt.

3.   Die Fernsten in die Arche aufnehmen: begleiten, unterscheiden, eingliedern

Auf dem Hintergrund des breiten Horizonts einer Kultur der Liebe kann eine Frage beleuchtet werden, auf die der Papst in Amoris Laetitia eingeht: Wie kann den Menschen Hoffnung vermittelt werden, die (von der Kirche) entfernt leben, insbesondere denjenigen, die das Drama und die Wunde einer zweiten Zivilehe nach einer Ehescheidung erlebt haben? Es handelt sich sozusagen um diejenigen, die in der Sintflut der Postmoderne Schiffbruch erlitten und das Eheversprechen vergessen haben, mit dem sie in Christus eine Liebe für immer besiegelt hatten. Können sie in die auf der Liebe Christi aufgebaute Arche Noah zurückkehren und den Wassern entkommen? Der Papst weist den Weg für diese Aufgabe der Kirche mit drei Worten: Begleiten, unterscheiden, eingliedern (AL 291-292). Aus ihnen heraus kann das 8. Kapitel von Amoris Laetitia gelesen werden.

3.1 Begleiten: Die Arche, die sich über Wasser hält und auf dem Meer fährt

Zunächst einmal geht es darum zu begleiten. Diese Getauften sind von der Kirche nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Die Kirche als neue Arche Noah nimmt sie auf, auch wenn ihr Leben nicht den Worten Jesu entspricht. Augustinus beschreibt diese Aufnahmefähigkeit durch ein Merkmal der Arche Noah als Sinnbild für die Kirche. Zunächst einmal: In die Arche gingen nicht nur die nach dem Gesetz reinen Tiere hinein. Für Augustinus bedeutete dies, dass die Kirche sowohl Gerechte als auch Sünder beherbergt. Sie selbst besteht aus Menschen, die fallen und wieder aufstehen, die zu Beginn einer jeden Messe sagen müssen: „Ich bekenne“. Deshalb kehrt sich die katholische Kirche von der Auffassung des Donatismus ab, der für eine „Kirche der Reinen“ eintrat, in der für Sünder kein Platz sein sollte. Erst am Ende der Zeiten wird Gott Weizen und Unkraut voneinander trennen, auch das Unkraut, das in jedem Gläubigen keimt.

Allerdings kamen – so Augustinus weiter – sowohl die reinen als auch die unreinen Tiere durch ein und dieselbe Tür. Sie wohnten unter demselben Dach.(6) Hier bezieht sich der Bischof von Hippo sowohl auf die Sakramente mit der Taufe als Tür als auch auf die Lebensänderung, die von demjenigen verlangt wird, der sie empfangen möchte. Er muss die Sünde aufgeben. Durch die Harmonie zwischen den Sakramenten und dem sichtbaren Leben der Christen gibt die Kirche nach Augustinus der Welt Zeugnis nicht nur davon, wie Christus gelebt hat, sondern auch davon, wie die Glieder des Leibes Jesu zu leben berufen sind.(7) Deshalb stellt die Übereinstimmung zwischen den Sakramenten und der Lebensführung der Christen sicher, dass die Kultur der Sakramente bewohnbar bleibt, in der die Kirche lebt, und die sie der Welt vorschlägt. Nur so kann sie die Sünder aufnehmen, sie sofort empfangen und auf einen bestimmten Weg einladen, damit sie die Sünde überwinden. Was aber die Kirche niemals verlieren kann, denn dann würde sie die ursprüngliche Gabe verlieren, die sie aufrechterhält, ist die Ordnung der Sakramente. Sie würden nicht mehr die Liebe Jesu sichtbar machen, noch die Art und Weise, in der diese Liebe das christliche Leben verändert. Gerade durch die Annahme der Sakramentenordnung umgeht die Kirche die zwei Wege, eine „Kirche der Reinen“ zu werden: durch den Ausschluss der Sünder und durch den Ausschluss der Sünde.

Der erste Schlüssel für den Weg der Begleitung ist deshalb die Harmonie zwischen Sakramentsfeier und christlichem Leben. Darin liegt der Grund für die Disziplin in Bezug auf die Eucharistie, die von der Kirche seit jeher beibehalten wurde. Dank ihrer kann die Kirche eine Gemeinschaft sein, die den Sünder begleitet und aufnimmt, ohne dass sie deswegen die Sünde gutheißen würde. So bietet sie die Grundlage für einen möglichen Weg der Unterscheidung und der Eingliederung. Der heilige Johannes Paul II. hat diese Disziplin in Familiaris Consortio 84 und Reconciliatio et Poenitentia 34 bestätigt. Die Kongregation für die Glaubenslehre hat sie in ihrem Schreiben von 1994 bekräftigt; Benedikt XVI. hat sie in Sacramentum Caritatis 29 vertieft. Es handelt sich um eine konsolidierte Lehre des Lehramtes, die sich auf die Schrift stützt, und die auf der kirchlichen Lehre basiert: der für das Heil notwendigen Harmonie der Sakramente, dem Herzen der „Kultur der Bindung“, die von der Kirche gelebt wird.

Es wurde verschiedentlich behauptet, Amoris Laetitia habe diese Disziplin aufgehoben. Denn sie würde wenigstens in bestimmten Fällen den Empfang der Eucharistie durch wiederverheiratete Geschiedene erlauben, ohne dass diese ihre Lebensführung gemäß FC 84 ändern würden (indem sie die neue Verbindung aufgeben oder in ihr als Bruder und Schwester leben). Darauf ist folgendes zu antworten: Hätte Amoris Laetitia eine so verwurzelte und so gewichtige Disziplin aufkündigen wollen, hätte sich das Schreiben deutlich ausgedrückt und die Gründe dafür angegeben. Es gibt jedoch darin keine Aussage in diesem Sinne. Der Papst stellt in keinem Augenblick die Argumente seiner Vorgänger in Frage. Diese basieren nicht auf der subjektiven Schuld dieser unserer Brüder und Schwestern, sondern auf der sichtbaren, objektiven Lebensführung, die den Worten Christi entgegengesetzt ist.

Aber, so wenden einige ein, befindet sich diese Änderung nicht in einer Fußnote (Nr. 351)? Denn darin heißt es, dass die Kirche denjenigen, die in einer objektiven Situation der Sünde leben, die Hilfe der Sakramente anbieten könnte. Ohne näher darauf einzugehen(8), reicht es aus, darauf hinzuweisen, dass sich diese Fußnote auf objektive Situationen der Sünde im Allgemeinen bezieht, nicht auf den speziellen Fall der zivil wiederverheirateten Geschiedenen. Denn die Situation der Letztgenannten hat eigentümliche Züge, die sie von anderen Situationen unterscheidet. Diese Geschiedenen leben im Gegensatz zum Ehesakrament und deshalb zur Sakramentenordnung, die ihre Mitte in der Eucharistie hat. Dies ist denn auch der Grund, der vom vorangegangenen Lehramt angegeben wird, um die Disziplin in Bezug auf die Eucharistie aus FC 84 zu rechtfertigen. Dieses Argument taucht weder in der Anmerkung noch in ihrem Kontext auf. Was die Fußnote 351 besagt, betrifft folglich nicht die frühere Disziplin. Die Norm von FC 84 und SC 29 und deren Anwendung in allen Fällen bleiben weiterhin gültig.(9)

Der Grundsatz ist, dass niemand ein Sakrament – die Eucharistie – wirklich empfangen wollen kann, ohne gleichzeitig den Willen zu haben, den anderen Sakramenten, darunter dem Ehesakrament, gemäß zu leben. Wer auf eine dem Eheband entgegengesetzte Art und Weise lebt, widersetzt sich dem sichtbaren Zeichen des Ehesakraments. Was seine Existenz im Leib betrifft, macht er sich zum „Gegenzeichen“ der Unauflöslichkeit, auch wenn ihn subjektiv keine Schuld trifft. Gerade deshalb, weil sich sein Leben im Leib dem Zeichen entgegenstellt, kann er nicht am höchsten eucharistischen Zeichen teilhaben, in dem sich die menschgewordene Liebe Jesu manifestiert, indem er die Kommunion empfängt. Würde ihn die Kirche zur Kommunion zulassen, so würde sie das begehen, was Thomas von Aquin „Falschheit in den sakramentalen Zeichen“ nennt.(10) Dies ist keine überzogene Schlussfolgerung der Lehre, sondern die Grundlage selbst der sakramentalen Verfassung der Kirche, die wir mit der Architektur der Arche Noah verglichen haben.

Die Kirche kann diese Architektur nicht verändern, weil sie von Jesus selbst stammt, weil die Kirche hier entstand und sich hierauf stützt, um auf den Wassern der Sintflut zu fahren. Die Disziplin in diesem bestimmten Punkt zu ändern, einen Widerspruch zwischen Eucharistie und Ehesakrament zuzulassen, würde notwendigerweise bedeuten, das Glaubensbekenntnis der Kirche zu ändern. Denn sie lehrt und übt die Harmonie zwischen allen Sakramenten, die sie von Jesus empfangen hat. Über den Glauben an die unauflösliche Ehe – nicht als fernstehendes Ideal, sondern als konkrete Handlungsweise – ist Märtyrerblut vergossen worden.

Es könnte noch jemand nachfragen: Bleibt Franziskus in Sachen Barmherzigkeit nicht hinter seinem Anspruch, indem er diesen Schritt nicht tut? Ist es nicht unzumutbar, von diesen Menschen zu verlangen, dass sie ein Leben gemäß den Lehren Jesu führen? Es ist eher umgekehrt. Um im Bild der Arche weiter zu bleiben: Franziskus hat alle Fenster geöffnet, weil ihm die Sintflut bewusst ist, in der die gegenwärtige Welt lebt. Er hat alle eingeladen, aus diesen Fenstern Seile herunterzulassen, damit der Schiffbrüchige ins Boot gelangen kann. Jemand zur Kommunion zuzulassen, der in einer dem Ehesakrament entgegengesetzten, sichtbaren Art und Weise lebt, selbst wenn es sich um vereinzelte Fälle handelte, würde keineswegs bedeuten, ein weiteres Fenster zu öffnen. Es wäre vielmehr, als würde man ein Loch in den Schiffsgrund bohren und dadurch erlauben, dass Meereswasser ins Schiff gelangt. Auf diese Art und Weise würde die Schiffsfahrt aller gefährdet, der Dienst der Kirche an der Gesellschaft in Frage gestellt. Statt ein Weg zur Eingliederung wäre es ein Weg zur Vernichtung der kirchlichen Arche, ein Leck. Wenn die Disziplin respektiert wird, werden der Fähigkeit der Kirche, Familien zu retten, keine Grenzen gesetzt. Es wird vielmehr die Stabilität des Schiffs sowie die Fähigkeit sichergestellt, uns an den sicheren Hafen zu bringen. Die Architektur der Arche ist notwendig, gerade damit die Kirche nicht zulässt, dass jemand in einer den Worten ewigen Lebens Jesu entgegengesetzten Situation verharrt, damit also die Kirche „niemanden auf ewig verurteilt“ (vgl. AL 296–297). Dadurch, dass die Struktur der Arche bewahrt wird, wird sozusagen unser gemeinsames Haus, die Kirche, bewahrt. Sie ist auf der Liebe Jesu aufgebaut. Dadurch wird die Familienkultur oder -atmosphäre bewahrt, die für ihre gesamte Familienseelsorge und für ihren Dienst an der Gesellschaft nötig ist. Auf diese Weise kehren wir zu dem zurück, was wir als Mittelpunkt der Hoffnung der Kirche für die Familie angesehen haben: die Notwendigkeit, eine Kultur der Familie zu schaffen, dem Begehren und der Liebe ein Haus anzubieten. Es soll eine „Kultur der Bindung“ gefördert werden, parallel zur „Seelsorge der Bindung“, von der der Papst spricht. In der postmodernen Gesellschaft schafft nur die Kirche diese Kultur. Daran wird ersichtlich, dass diese Disziplin der Kirche einen unermesslichen seelsorglichen Wert besitzt.

Wir haben in den letzten Jahren häufig über die Möglichkeit diskutiert, die zivil wiederverheirateten Geschiedenen zur Kommunion zuzulassen. Zu Beginn von Amoris Laetitia spricht der Papst mögliche überzogene Positionen an. Es wurden viele und sehr verschiedenartige Argumente vorgetragen. Dabei lief man Gefahr, vor lauter Bäumen der Kasuistik den Wald nicht mehr zu sehen. Versuchen wir also, etwas Abstand zu gewinnen und die Frage mit Perspektive zu betrachten, und dabei die Detailfragen beiseitezuschieben. Wenn die Kirche wiederverheiratete Geschiedene zur Kommunion zulässt, ohne von ihnen eine Änderung des Lebenswandels zu verlangen, indem sie zulässt, dass sie in ihrer Situation verharren, müsste man nicht einfach sagen, dass sie in einigen Fällen die Ehescheidung akzeptiert hat?

Gewiss, auf dem Papier hätte sie sie nicht akzeptiert. Sie würde weiterhin die Ehe als Ideal ansehen. Aber, sieht sie nicht auch die Gesellschaft als Ideal? Worin würde sich dann die Kirche unterscheiden? Könnte sie weiterhin von sich behaupten, dem deutlichen Wort Jesu treu zu bleiben, das damals als hart empfunden wurde? Stellte sich dieses Wort nicht der Kultur und der Praxis seiner Zeit entgegen, die eine Ehescheidung von Fall zu Fall zuließ, um sich der menschlichen Schwäche anzupassen? In der Praxis bliebe die Unauflöslichkeit der Ehe lediglich ein schöner Grundsatz, weil sie nicht mehr in der Eucharistie bekannt würde, dem wahren Ort, an dem die christlichen Wahrheiten bekannt werden, die das Leben betreffen und das öffentliche Zeugnis der Kirche formen.

Wir müssen uns fragen: Haben wir dieses Problem nicht allzu sehr unter dem Gesichtspunkt der Einzelnen betrachtet? Wir alle können den Wunsch dieser unserer Brüder und Schwestern verstehen, zur Kommunion zugelassen zu werden. Wir können die Schwierigkeiten verstehen, ihre neue Verbindung aufzugeben oder in ihr auf eine andere Art und Weise zu leben. Unter dem Standpunkt der einzelnen Geschichten könnten wir denken: Wäre es für uns so schwer, sie zur Kommunion zuzulassen? Meines Erachtens haben wir vergessen, von einer höheren Warte aus auf die Dinge zu schauen, von der Kirche als Communio, von ihrem Gemeinwohl. Einerseits hat die Ehe einen wesentlich gesellschaftlichen Charakter. Wenn in einigen Fällen das Eheverständnis verändert wird, muss es in allen anderen auch verändert werden. Wenn es Fälle gäbe, in denen es nichts ausmacht, gegen das Eheband zu verstoßen, sollten wir dann den jungen Menschen, die heiraten wollen, nicht sagen, dass diese Ausnahmen auch für sie gelten? Werden dies nicht sofort diejenigen Eheleute wahrnehmen, die zwar kämpfen, um zusammenzubleiben, die aber auch die Last des Weges und die Versuchung zur Aufgabe erfahren? Andererseits hat auch die Eucharistie eine gesellschaftliche Struktur (vgl. AL 185–186). Es kommt nicht nur auf meine subjektiven Bedingungen an, sondern auch darauf, in welche Beziehung ich zu den anderen Mitgliedern des Leibes der Kirche trete, weil die Kirche aus der Eucharistie entsteht. Die Ehe und die Eucharistie als etwas Individuelles aufzufassen, ohne das Gemeinwohl der Kirche zu berücksichtigen, löst letztendlich die Kultur der Familie auf. Als würde Noah beim Anblick der vielen Schiffbrüchigen um die Arche herum den Schiffsgrund und die Wände der Arche auseinandernehmen, um die Holzplatten zu verteilen. Die Kirche würde ihr Wesen als Gemeinschaft verwirken, das auf der Ontologie der Sakramente gründet. Sie würde zu einer Ansammlung von Individuen werden, die ziellos umherschwimmen, dem Spiel der Wellen ausgesetzt.

Die zivil wiederverheirateten Geschiedenen, die auf den Eucharistieempfang verzichten und versuchen, ihr Begehren im Einklang mit ihr zu erneuern, beschützen das Haus der Kirche, unser gemeinsames Haus.

Auch für sie selbst ist es vom Nutzen, die Wände der Arche unversehrt zu erhalten, des Hauses, in dem das Zeichen der Liebe Jesu enthalten ist. So kann die Kirche sie daran erinnern: „Bleib nicht stehen. Auch Dir ist es möglich, Du bist nicht von der Rückkehr zum sakramentalen Bund ausgeschlossen, den Du eingegangen bist, auch wenn dies Zeit erfordert. Mit der Kraft Gottes kannst Du in Treue zu ihm leben.“ Wenn jemand sagt, dies sei nicht möglich, können wir an die Worte von Amoris Laetitia denken: „Sicher ist es möglich, denn es ist das, was das Evangelium verlangt“ (AL 102). Niemand ist also vom Weg zum  großen Leben Jesu ausgeschlossen. Der Wunsch, die Kommunion zu empfangen, kann mit Hilfe des Hirten (und hier öffnet sich der Weg der Unterscheidung) zu einer Erneuerung des Begehrens führen, damit wir nach den Worten des Herrn leben wollen.

Im Nachsynodalen Apostolischen Schreiben warnt uns der Papst letztlich vor zwei Irrwegen. Auf der einen Seite stehen diejenigen, die verurteilen wollen. Sie geben sich mit einer starren Haltung zufrieden, die keine neuen Wege erschließt, damit diese Menschen ihr Herz erneuern können. Auf der anderen Seite stehen diejenigen, die darin die Lösung sehen, in den verschiedenen Fällen Ausnahmen zu finden. Sie verzichten darauf, das Herz der Menschen zu erneuern. Müsste man nicht darüber hinausgehen und einen anderen Standpunkt einnehmen? Dieser Standpunkt ist die kirchliche Communio, das Gemeinwohl der Kirche, der Standpunkt, der in die Mitte als Kultur der Familie das Leben Christi selbst stellt, das uns in den Sakramenten mit Leben füllt. Wenn wir den Bau der Arche Noah beschädigen, wie können wir sicher sein, dass sie nicht untergehen wird? Wie können wir sicher sein, dass die christliche Hoffnung für alle Familien nicht Schiffbruch erleiden wird?

3.2 Unterscheiden und eingliedern

In Bezug auf die Kultur der Familie, die sich auf die Struktur der Arche stützt, können wir uns fragen: Welche neue Wege lädt uns Amoris Laetitia ein zu eröffnen? Der Papst geht auf sie ein und ermuntert uns zu unterscheiden und einzugliedern.

Wir fragen zunächst nach der Unterscheidung. Einige haben gemeint, wenn der Papst eine größere Berücksichtigung der mildernden Umstände fordert, würde er fordern, dass die Unterscheidung auf ihnen basiert. Als bestünde sie darin, herauszufinden, ob jemand subjektiv schuldig ist oder nicht. Diese Unterscheidung wäre letzten Endes unmöglich, weil nur Gott in die Herzen schaut. Außerdem ist die Sakramentenordnung eine Ordnung von sichtbaren Zeichen, nicht von inneren Haltungen oder subjektiver Schuld. Eine Privatisierung der Sakramentenordnung wäre gewiss nicht katholisch. Es geht nicht darum, eine bloß innere Haltung zu unterscheiden, sondern – so der heilige Paulus – „den Leib zu unterscheiden“ (vgl. AL 185–186), die konkreten sichtbaren Beziehungen, in denen wir leben.

Dies bedeutet, dass die Kirche uns bei dieser Unterscheidung nicht alleine lässt. Der Text von Amoris Laetitia gibt uns die Schlüsselkriterien an die Hand, um sie in die Tat umzusetzen. Das erste Kriterium besteht im Ziel, das beim Unterscheiden angestrebt wird. Es ist das Ziel, das die Kirche für jeden in jedem Fall und in jeder Situation verkündet. Sie soll nicht aus menschlichen Rücksichtnahmen noch vor Angst schweigen, mit der Denkart der Welt in Konflikt zu geraten. Daran erinnert der Papst (AL 307). Es besteht darin, zur Treue zum Ehebund zurückzukehren und erneut in die Wohnung oder Arche hineinzugehen, die die Barmherzigkeit Gottes der Liebe und dem Begehren des Menschen angeboten hat. Der ganze Prozess zielt darauf, Schritt für Schritt, mit Geduld und Barmherzigkeit, die Wunde anzuerkennen und zu heilen, unter der diese Brüder und Schwestern leiden. Sie ist nicht das Scheitern der früheren Ehe, sondern die neue Partnerschaft.

Die Unterscheidung ist deshalb notwendig, nicht um das Ziel, sondern um den Weg auszuwählen. Wenn uns klar wird, wohin wir den anderen bringen wollen (in das Leben in Fülle, das Jesus verspricht) werden die Wege unterschieden, damit jeder je nach dem Einzelfall dorthin gelangen kann. Hier kommt als zweites Kriterium die Logik der kleinen Wachstumsschritte ins Spiel, von der der Papst spricht (AL 305). Von entscheidender Bedeutung ist es, dass die Geschiedenen darauf verzichten, sich in ihrer Lage einzurichten, dass sie keinen Frieden schließen mit der neuen Partnerschaft, in der sie leben, dass sie bereit sind, sie mit dem Licht der Worte Jesu zu beleuchten. Alles, was darauf abzielt, diese Lebensführung zu beenden, ist ein kleiner Wachstumsschritt, der zu fördern und zu ermuntern gilt.

Wer Jesus in der Eucharistie zu essen hofft, wird auch – um ein biblisches Bild zu verwenden – seine Worte essen wollen, sie in sein Leben integrieren. Oder besser: Nach Augustinus wird er ihnen gleichgeformt werden.(11) Denn es ist nicht Jesus, der sich unserem Wunsch anpassen soll, sondern umgekehrt: Unser Begehren ist darauf berufen, mit Jesus eins zu werden, um in ihm seine volle Verwirklichung zu finden.

Von hier aus können wir zum dritten Wort überleiten: „eingliedern“, und die neuen Wege untersuchen, die Amoris Laetitia für die wiederverheirateten Geschiedenen eröffnet. Im Gefolge der Synode bittet uns der Papst darum, in jeder Diözese entsprechend der Lehre der Kirche und den Richtlinien des Bischofs einen Prozess zu entwickeln (AL 300). Dies soll möglichst mit Hilfe eines Teams aus qualifizierten und erfahrenen Hirten geschehen.

Von entscheidender Bedeutung ist es, dass in diesem Prozess das Wort Gottes, insbesondere in Bezug auf die Ehe verkündet wird (AL 297). So werden diese Getauften nach und nach Licht bringen in die zweite Verbindung, die sie eingegangen sind und in der sie leben. Hier soll auch die Möglichkeit erwogen werden, gemäß den neuen, vom Papst erlassenen Normen die eventuelle Nichtigkeit der sakramentalen Ehe zu überprüfen.

Auf diesem Weg gibt es auch eine weitere Neuigkeit, die der Papst in Amoris Laetitia eröffnet hat. Ohne die allgemeine kanonische Norm zu ändern, erkennt der Papst an, dass es Ausnahmen geben kann, was die Übernahme von einigen öffentlichen kirchlichen Aufgaben durch wiederverheiratete Geschiedene betrifft. Wie ich bereits zuvor gesagt habe, ist der Maßstab dabei der Wachstumsweg des Einzelnen zur Heilung hin.

Bei diesem Prozess soll auch daran erinnert werden, dass die Sakramente nicht nur eine punktuelle Feier, sondern ein Weg sind. Wer sich auf den Weg zur Buße macht, beschreitet bereits einen sakramentalen Prozess. Er ist nicht von der Sakramentsordnung der Kirche ausgeschlossen. In gewisser Weise erhält er bereits die Hilfe durch die Sakramente. Wichtig ist wieder einmal die Bereitschaft, sich von Jesus verwandeln zu lassen, auch wenn er weiß, dass der Weg lang sein wird, und sich auf diesem Weg begleiten zu lassen. Den Hirten bewegt der Wunsch, den Betreffenden in die Kultur der Bindung hineinzuführen, seinem Begehren eine Wohnung anzubieten, damit er sich nach den Worten des Herrn erneuern kann.

Der Papst lädt uns dazu ein, einen Weg zu beschreiten. Darin liegt der Schlüssel. Die eucharistische Kommunion steht am Ende. Sie wird in dem Augenblick kommen, wann Gott will. Denn er handelt im Leben der Getauften und hilft ihnen, ihre Wünsche gemäß dem Evangelium zu erneuern. Lasst uns Schritt für Schritt beginnen, indem wir ihnen helfen, am kirchlichen Leben teilzuhaben, bis sie „für sich die Fülle des göttlichen Planes erreichen“ (AL 297).

Ich komme zum Schluss. In den Wassern der Postmoderne kann die Kirche wie die Arche Noah allen Familien und der ganzen Gesellschaft eine Hoffnung anbieten. Sie erkennt die Schwäche und die Notwendigkeit einer Umkehr seitens ihrer Glieder an. Gerade dazu ist sie berufen, gleichzeitig die konkrete Gegenwart der Liebe Jesu in ihr zu bewahren. Diese ist lebendig und wirksam in den Sakramenten, die der Arche Struktur und Dynamik verleihen und sie in die Lage versetzen, auf dem Meer zu fahren. Der Schlüssel liegt darin – und es handelt sich dabei um eine nicht geringe Herausforderung –, eine „kirchliche Kultur der Familie“ zu entwickeln, die eine „Kultur der sakramentalen Bindung“ sein soll.

Dem heiligen Johannes Chrysostomus zufolge unterscheidet sich die Arche Noah von der Kirche in einem wichtigen Punkt.(12) Denn die alte Arche nahm in sich die unvernünftigen Tiere (alogos) auf, und sie blieben unvernünftig. Die Kirche nimmt auch den Menschen auf, der durch die Sünde den Logos (die Vernunft) verloren hat, und der deshalb „unvernünftig“ geworden ist und ohne das Licht der Liebe umherwandert. Gerade aber weil die Kirche das Leben des Leibes Christi besitzt, weil sie die Harmonie der Sakramente bewahrt, ist sie im Gegensatz zur Arche Noah in der Lage, den Menschen zu erneuern, das menschliche Herz nach dem Wort (Logos) Jesu zu formen. Die Menschen gehen als „unvernünftig“ in sie hinein und kommen als „vernünftig“ aus ihr heraus. Das heißt, sie sind dann bereit, gemäß dem Licht Christi zu leben, gemäß seiner Liebe, die „alles hofft“ und die „für immer bleibt“.

Fußnoten

[1] Papst Franziskus, Amoris Laetitia (=AL), Kapitel 1.

[2] L. Ginzberg, The Legends of the Jews (The Jewish Publication Society of America, Philadelphia 1913), Bd. I, 152.

[3] Über die Arche Noah als Bild der Kirche in den Kirchenvätern vgl. J. Danielou, „Noe y el diluvio“, in Id., Tipología bíblica (ed. Paulinas, Buenos Aires 1966), 95–152; H. Rahner, Simboli della Chiesa. L’ecclesiologia dei Padri (Paoline, Milano 1995).

[4] Dieser Ausdruck von Ignatius von Antiochien (Ad Rom. VII, 2) wird später von Origines im Vorwort zu seinem Kommentar zum Hohen Lied christologisch erläutert.

[5] Augustinus, De fide et operibus XXVII, 49; auf diesen Text komme ich später zurück.

[6] Augustinus, De fide et operibus XXVII, 49: „Nec quia scriptum est introisse ad Noe in arcam etiam immunda animalia, ideo praepositi vetare non debent, si qui immundissimi ad Baptismum velint intrare saltantes, quod est certe mitius quam moechantes: sed per hanc figuram rei gestae praenuntiatum est immundos in Ecclesia futuros propter tolerantiae rationem, non propter doctrinae corruptionem, vel disciplinae dissolutionem. Non enim quacumque libuit intraverunt immunda animalia arcae compage confracta, sed ea integra per unum atque idem ostium, quod artifex fecerat.“

[7] Augustinus, De fide et operibus, IX, 14.

[8] „Objektive Situation der Sünde“ ist ein sehr allgemeiner Ausdruck. Die Situation kann beispielsweise verborgen sein. Es kann aber auch sein, dass sich jemand in einem Prozess befindet, aus ihr herauszutreten, weshalb er nicht hartnäckig in ihr beharrt. Der Begriff „irreguläre Situation“ ist ebenso allgemein. An sich besagt der Ausdruck lediglich, dass sich jemand außerhalb einer Norm befindet. Es wird aber nicht unterschieden, ob es sich um eine Norm kirchlichen oder aber göttlichen Rechtes handelt. Es sei aber jedenfalls daran erinnert: Wenn über die Auslegung eines Dokuments Zweifel bestehen, ist nach katholischer Hermeneutik einzig die Lesart möglich, die dem folgt, was das vorangegangene Lehramt gelehrt

[9] Es wurde auch behauptet, dass die Fußnote 336 diese Möglichkeit zu eröffnen scheine. Es handelt sich wiederum um eine sehr allgemeine Anmerkung. Sie besagt lediglich, dass eine kanonische Norm (selbst im Bereich der Sakramentenordnung) nicht notwendigerweise dieselben Wirkungen für alle haben muss, denn in einigen Fällen ist die subjektive Schuld gemindert. Es heißt: „nicht notwendig(erweise)“. Das bedeutet, es kann Normen geben, die sehr wohl dieselben Wirkungen für alle haben. Dies ist unleugbar der Fall beispielsweise in der Norm, die Nichtgetauften alle anderen Sakramente verwehrt. Dabei handelt es sich um eine kanonische Norm, die in jedem Fall angewandt wird, bei der die Kirche keine Ausnahme machen kann. Denn sie gehört zur Sakramentenordnung. Eine solche Norm hängt nicht von der subjektiven Schuld der Person, sondern von seiner objektiven Verfassung als Nichtgetaufter ab. Andere Normen im Bereich der Sakramente haben jedoch verschiedene Wirkungen je nach der subjektiven Schuld, so etwa die Anforderung, vor der Kommunion das Bußsakrament zu empfangen, wenn eine schwere Sünde vorliegt. In einigen Fällen könnte jemand selbst dann aus wichtigem Grund die Kommunion empfangen, indem er einen Reueakt verrichtet und den Vorsatz fasst, so bald wie möglich zu beichten. Die Norm aus FC 84 gehört indes zu der ersten Art. Es kommt nicht auf die subjektive Schuld an, sondern auf den objektiven Zustand, in dem sich jemand befindet. Das hat das Lehramt ständig erklärt. Diese Anmerkung widerspricht deshalb nicht der Gültigkeit der Norm aus FC 84 in jedem Fall oder in jeder Situation. Die Fußnote 336 kann die Normen betreffen, die in AL 299 angesprochen wurden, das heißt verschiedene öffentliche Ämter in der Kirche, die auch die Sakramentenordnung einschließen, weil sie liturgische Dienste betreffen (etwa Lektor oder Taufpate). Zu ihnen könnten diese Getauften zugelassen werden, wenn es deutlich wird, dass sie den Weg der Umkehr eingeschlagen haben, und dass eine solche Zulassung ihnen dabei helfen würde.

[10] Thomas von Aquin, S.Th. III q. 68 a. 4 co.

[11] Augustinus, Conf. VII, 10, 16: „Cibus sum grandium: cresce et manducabis me. Nec tu me in te mutabis sicut cibum carnis tuae, sed tu mutaberis in me.“

[12] Johannes Chrysostomus, Hom. Laz. 6 (PG 48, 1037:–1038).

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Übersetzung aus dem Spanischen von José García

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Quelle: „Die Tagespost“, 6. Mai 2016 unter ‚Kirche aktuell‘

Kardinal Walter Kasper „Amoris laetitia“: Bruch oder Aufbruch? Eine Nachlese

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Immer wieder Objekt des Studiums und der Kommentare: Das Papstschreiben Amoris Laetitia – AP

Kaum ein anderes päpstliches Schreiben ist so sehr erwartet worden wie das nachsynodale Apostolische Schreiben „Amoris laetitia“, das Papst Franziskus als Ergebnis der Außerordentlichen Bischofssynode 2014 und der Ordentlichen Bischofssynode 2015 zum Thema Familie unter dem Datum vom 19. März 2016 veröffentlicht hat. Nach den teilweise kontroversen Debatten während des synodalen Prozesses waren die Erwartungen an die definitive Antwort des Papstes hoch.

Streit um die Deutungshoheit

Wie zu erwarten, setzten sich die Auseinandersetzungen, die während der Synode ausgetragen wurden, nachsynodal in einem Streit um die Deutungshoheit über das vom Papst vorgelegte Ergebnis der Synode fort. Kardinal Raymond Leo Burke bestritt rundweg den lehramtlich verbindlichen Charakter von „Amoris laetitia“ und wertete es als Ausdruck der persönlichen Meinung des Papstes. Diese Position widerspricht sowohl formal dem Charakter eines Apostolischen Schreibens wie seinem Inhalt nach.

Die meisten Stellungnahmen gehen nicht auf seinen Gesamtinhalt ein, sondern beißen sich am achten Kapitel über die irregulären Situationen fest und reduzieren dieses Thema nochmals auf die Frage der Zulassung zur Kommunion für die wiederverheiratet Geschiedenen. Das wird dem reichen biblischen und pastoralen Gehalt des Schreibens in keiner Weise gerecht1. Denn: „Wichtiger als die Seelsorge für die Gescheiterten“ – so der Papst – „ist heute das pastorale Bemühen, die Ehen zu festigen und so den Brüchen zuvorzukommen.“ (AL 307)

Bei den Stellungnahmen zu Kapitel 8 gibt es nicht nur mehr „konservative“ und mehr „progressive“ Interpretationen. Sowohl die „konservative“ wie die „progressive“ Seite sind gespalten. Auf der erstgenannten Seite gibt es solche, welche „Amoris laetitia“ als Bruch mit der lehramtlichen Tradition sehen (Robert Spaemann); andere, welche sagen, durch dieses Schreiben habe sich an der lehramtlichen Position nichts geändert (Kardinal Gerhard Müller); und schließlich eine Interpretation, welche eine lehramtliche Weiterentwicklung feststellt, aber sagt, sie liege auf der von Papst Johannes Paul II. vorgezeichneten Linie (Rocco Buttiglione). Auf der anderen Seite erkennen viele eine vorsichtige Weiterentwicklung, die sie jedoch mehr oder weniger in zwei Anmerkungen versteckt sehen; sie bedauern darum, dass keine konkreten Weisungen gegeben werden. Andere sehen die Tür offen für eine neue pastorale Praxis, welche es den zivil wiederverheiratet Geschiedenen überlässt, in ihrem Gewissen selber zu entscheiden, ob sie an der Kommunion teilnehmen können (Norbert Lüdecke).

Als maßgebend kann die Interpretation von Kardinal Christoph Schönborn OP gelten, die er bei der offiziellen Vorstellung des Schreibens am 8. April 2016 im Auftrag von Papst Franziskus vorlegte2 und die von diesem ausdrücklich gutgeheißen wurde3. Seine Interpretation stimmt grundsätzlich mit der Position von Rocco Buttiglione überein, der als vorzüglicher Kenner der Theologie von Johannes Paul II. gilt; sein Beitrag wurde in voller Länge im „L’Osservatore Romano“ veröffentlicht4. Beide werden unterstützt von der sorgfältigen Analyse des Schreibens durch Antonio Spadaro SJ, einem engen Mitarbeiter des Papstes, in der offiziösen Zeitschrift „La Civiltà Cattolica“5. Diesen gemäßigt konservativen (oder auch gemäßigt progressiven) Positionen kann ich mich grundsätzlich anschließen.

Der Papst hat sich präzise an die Vorgaben in den abschließenden, mit Zwei-Drittel-Mehrheit abgestimmten Voten der Synode gehalten, und er hat den Glaubenssinn der großen Mehrheit der Gläubigen auf seiner Seite. Durch die offiziösen Interpretationen ist für die, welche hören und nicht nur Recht behalten wollen, für die notwendige Klarheit gesorgt. Die angebliche Verwirrung kommt von dritter Seite, die sich vom Glaubenssinn und vom Leben des Volkes Gottes entfremdet hat.

Ein neuer realistischer, biblischer und pastoraler Ton

„Amoris laetitia“ ist geprägt von einem neuen, frischen, geradezu befreienden Ton, wie man ihn aus Lehrschreiben kaum kennt6. Es spricht nicht von einem am Schreibtisch ausgedachten abstrakten Familienbild, sondern realistisch von den Freuden wie Schwierigkeiten im Leben der Familien heute. Es will nicht kritisieren und moralisieren, auch nicht indoktrinieren, sondern spricht Sexualität und Erotik offen und unverkrampft an, drückt Verständnis und Wertschätzung für das Gute aus, das sich auch in Situationen finden kann, die der kirchlichen Lehre und Ordnung nicht oder nicht voll entsprechen. Es will auf der Grundlage der Heiligen Schrift Mut machen und einen Weg nach vorne, zum Glück und zur Freude der Liebe, weisen. Charakteristisch für die biblische Orientierung ist das vierte Kapitel, dem Papst zufolge das Herz des ganzen Schreibens, mit der eindrücklichen Auslegung des Hohelieds der Liebe (1 Kor 13).

Aus dieser Grundlegung folgt eine pastorale Konzeption, für die nicht der erhobene Zeigefinger, sondern die ausgestreckte helfende Hand charakteristisch ist. Hinhören, wertschätzen, begleiten, integrieren, ist für diese Pastoral maßgebend. Dazu gibt „Amoris laetitia“ viele hilfreiche Anregungen, die von einer reichen pastoralen Erfahrung und Weisheit wie von tiefer, biblisch geprägter Spiritualität zeugen. Besonders die Ausführungen über die pastorale Vorbereitung und Begleitung der Ehe verdienen Beachtung. In dieser Hinsicht ist Deutschland, verglichen mit Erfahrungen, die man in den USA wie in einzelnen römischen Gemeinden machen kann, weitgehend noch ein Entwicklungsland!

Hinter dem pastoralen Ton steckt eine theologisch durchdachte Position. Das zeigen die vielen Verweise auf Thomas von Aquin, in denen Papst Franziskus die thomistische Lehre von denpassiones, den Leidenschaften, aufgreift7. In einer ganzheitlichen Sicht wertet er die Leidenschaften als vom Schöpfer dem Menschen gegebenen Kräfte. Sexualität und Erotik sind positive Gaben, welche den Menschen aus sich herausführen, ihn für die Partnerschaft sowie zum Dienst am Fortleben der Familie, des Volkes und des Menschengeschlechts öffnen. Cum grano salis kann man sagen: „Amoris laetitia“ nimmt Abstand von einer vorwiegend negativen, augustinischen Sicht der Sexualität und wendet sich der schöpfungsbejahenden thomistischen Sicht zu.

Zur ganzheitlichen Sicht kommt eine dynamische Sicht des Mensch- und Christseins: Für Papst Franziskus ist das biblische Weg-Motiv maßgebend. Christsein bedeutet, sich mit Jesus auf den Weg zu machen. Dabei gilt das Gesetz der Schritte (lex gradualitatis), was keine nur schrittweise Gültigkeit des Gesetzes (gradualitas legis) bedeutet8. Das Gesetz gilt immer. Es ist kein fernes Ideal; es orientiert jeden einzelnen Schritt auf das Ziel hin. Nach aristotelisch-scholastischer Lehre ist es die Zielursache (causa finalis), die alle anderen Ursachen ins Werk setzt, sie leitet und bestimmt. Meist können Menschen – und wir alle sind solche Menschen – nicht das Optimum, sondern nur das in ihrer Situation Bestmögliche tun; oftmals müssen wir das kleinere Übel wählen. Im gelebten Leben gibt es nicht nur schwarz oder weiß, sondern sehr unterschiedliche Nuancen und Schattierungen.

An dieser Stelle erheben sich grundsätzliche Fragen und Einwände. Hart auf den Punkt gebracht: Gibt es nur das relativ Gute, das auch in jeder Unvollkommenheit steckt, oder gibt es nicht auch ein auf jeden Fall auszuschließendes sündhaftes Verhalten und Tun? Gibt es nicht auch die Sünden, welche vom Reich Gottes ausschließen, zu denen der Ehebruch gehört (vgl. 1 Kor 6,9 f.)9? Das sind ernstzunehmende Fragen.

Rückbesinnung auf Thomas von Aquin

Man wird „Amoris laetitia“ nur verstehen, wenn man den Paradigmenwechsel nachvollzieht, den dieses Schreiben unternimmt. Ein Paradigmenwechsel ändert nicht die bisherige Lehre; er rückt sie jedoch in einen größeren Zusammenhang. So ändert „Amoris laetitia“ kein Jota an der Lehre der Kirche und ändert doch alles. Der Paradigmenwechsel besteht darin, dass „Amoris laetitia“ den Schritt tut von einer Gesetzes- hin zur Tugendmoral des Thomas von Aquin. Damit steht das Schreiben in bester Tradition. Das Neue ist in Wirklichkeit das bewährte Alte.

Nach Thomas liegt Tugend in der Mitte zwischen den Extremen, auch zwischen den Extremen des Rigorismus und Laxismus10. Diese Überlegung war bereits in meinem Vortrag vor dem Konsistorium leitend. Als dann die Kontroverse heftiger wurde, habe ich zwischen den beiden Synoden versucht, auf der Grundlage des Thomas von Aquin, der als doctor communis gilt, über eine Basis für einen möglichen breiten Konsens nachzudenken. Ich suchte das Gespräch mit Thomas-Fachleuten11 und war überrascht, als ich gesprächsweise den Konsens mit Kardinal Christoph Schönborn entdeckte, der seinerseits mit Kardinal Georges Cottier (langjähriger Theologe des Päpstlichen Hauses) im Gespräch war. Beide sind Dominikaner und hervorragende Thomas-Kenner12. Im deutschsprachigen Synodenkreis fand dieser Ansatz allgemeine Zustimmung und ist dann in das achte Kapitel von „Amoris laetitia“ eingegangen.

Thomas unterscheidet zwischen der spekulativen und der praktischen Vernunft. Die spekulative Vernunft leitet aus den Prinzipien logisch stringent Folgerungen ab. Im praktischen Bereich ist das nicht möglich. Denn im praktischen Bereich sind die objektiven Normen immer unvollständig, da sie nie alle konkreten Umstände berücksichtigen können. Die Anwendung geschieht darum nicht durch zwingende logische Deduktion, sondern vermittelst der Tugend der Klugheit. Sie ist die recta ratio agibilium, die Maßgabe der Vernunft für das Handeln13. Als solche ist die Klugheit Wurzel, Maß, Richtschnur und Mutter aller Tugenden14. Sie wendet das durch die Vernunft erkannte Ziel des Menschen, das Gute, in den konkreten Situationen an15.

Josef Pieper, den wohl niemand des Relativismus bezichtigen wird, nennt die Klugheit das Situationsgewissen16. Das hat mit Situationsethik nichts zu tun17. Denn die Klugheit begründet die Norm nicht aus der Situation; die Klugheit schafft keine Norm, sie setzt sie voraus und bringt sie in der konkreten Situation zur Anwendung. Die Klugheit will sagen, was die Norm im Hier und Heute bedeutet. Sie tut das mit Verantwortung im Blick auf die Norm wie im realistischen Blick auf die Wirklichkeit.

Letztlich ist die Klugheit von der Liebe geleitet. Gleich zu Beginn des Traktats über die Klugheit handelt Thomas über das Verhältnis von Klugheit und Liebe18. Er legt dar, dass die Ausrichtung der Vernunft auf das Gute ein Akt der Liebe zum Guten ist. So ist es letztlich die Liebe, welche die Klugheit innerlich bewegt und inspiriert. Sie ist Wurzel und prägende Form aller Tugenden19.

Die Liebe ist Freundschaft mit Gott20 und Freundschaft mit dem Nächsten21. Die Liebe steht darum den menschlichen Situationen nicht kalt berechnend gegenüber; sie wendet sich ihnen mit Empathie und Sympathie zu; sie lässt sich von der Situation betreffen, um das Gute in bestmöglicher Weise zu verwirklichen. Die Barmherzigkeit, die Thomas im Traktat über die Liebe behandelt22, ist die Grundtugend des Christen und, soweit es die äußeren Werke betrifft, die Summe der christlichen Religion23. Sie ist kein Weichspüler, sondern Augenöffner für das, was in einer Situation wirklich gerecht ist und dem Guten entspricht.

All das wird im achten Kapitel von „Amoris laetitia“ breit ausgeführt und mit vielen Thomaszitaten belegt. Als Fazit ergibt sich: Die Norm lässt sich nicht gleichsam mechanisch auf jede Situation anwenden. Für ihre angemessene Anwendung bedarf es des Augenmaßes der Klugheit und der Augen der Liebe und der Barmherzigkeit.

Ein Bruch mit der Tradition?

Die von der Liebe und Barmherzigkeit inspirierte Klugheit hebt das Evangelium nicht auf, aber sie inspiriert dessen konkrete Anwendung. Sie hebt die Worte des Evangeliums über den Ehebruch (Mt 5,31 f.; 19, 3-12 parr.) nicht auf, sondern wendet sie an. Darum ist auch die Aussage von Johannes Paul II. unumstößlich gültig, wonach eine zivile Ehe bei Fortbestand einer ersten gültigen sakramentalen Ehe in objektivem Widerspruch steht zum unauflöslichen sakramentalen Band der ersten Ehe (vgl. FC 84). Das ist unverrückbare katholische Tradition, die in „Amoris laetitia“ nicht bestritten, sondern bekräftigt wird (AL 73, 77, 123, 214, 297, 319 u. a.).

Dieser Grundsatz ist keine folgenlose abstrakte Aussage. Aus ihr folgt, dass eine zivile Ehe bei Fortbestand der ersten sakramentalen Ehe keine sakramentale Ehe sein kann. Um Missverständnisse und Zweideutigkeiten zu vermeiden, sollte man eine zivile Wiederheirat nicht mit einer nichtsakramentalen liturgischen Segenshandlung verbinden; das würde den Eindruck einer kirchlichen Trauung zweiter Klasse erwecken und die Unauflöslichkeit der Ehe ins Zwielicht rücken.

Wer die Geschichte der Theologie der Ehe kennt, weiß freilich, dass diese grundsätzliche Position schon in der bisherigen Geschichte nicht ausgeschlossen hat, in der pastoralen Anwendung den wandelnden Situationen Rechnung zu tragen. Wiederverheiratet Geschiedene galten lange Zeit als exkommuniziert und wurden als ehrlose Bigamisten betrachtet; noch im CIC/1917 (can. 2356) wurden sie mit der Exkommunikation bedroht. Der CIC/1983 kennt solche Strafandrohungen nicht mehr. Heute wird ausdrücklich betont, solche Christen seien nicht exkommuniziert, sondern vielmehr eingeladen, sich als lebendige Glieder am kirchlichen Leben zu beteiligen (vgl. FC 84)24.

Papst Benedikt XVI. hat an der Entscheidung von Johannes Paul II. festgehalten, wiederverheiratet Geschiedene nicht zur Kommunion zuzulassen; er tat dies, indem er von einer Ermutigung der zivil wiederverheirateten Geschiedenen zu einem enthaltsamen Leben sprach. Damit setzte er auf einen Prozess der Reifung und des geistlichen Wachstums25. In dieser dynamischen Sichtweise geht nun Papst Franziskus einen Schritt weiter, indem er das Problem in den Prozess einer umfassenderen Pastoral des stufenweisen Integrierens stellt. Entsprechend gibt „Amoris laetitia“ zu überlegen, welche Formen des Ausschlusses von kirchlichen, liturgischen, pastoralen, erzieherischen, institutionellen Diensten überwunden werden können (vgl. AL 297, 299).

Zuvor hatte schon Johannes Paul II. die Tür ein Stück weit geöffnet. Er hat dem genannten Grundsatz die Klausel angefügt, wonach wiederverheiratet Geschiedene dann zur Absolution und Kommunion zugelassen werden können, wenn sie in ihrer bürgerlich geschlossenen Ehe wie Bruder und Schwester leben. Diese Klausel ist im Grunde ein Zugeständnis. Denn die Enthaltsamkeit gehört dem Intimbereich an und hebt den objektiven Widerspruch zwischen dem fortbestehenden Eheband der ersten sakramentalen Ehe und der öffentlich rechtlich geschlossenen zweiten Ehe nicht auf. Diese Klausel hat offensichtlich nicht das gleiche Gewicht wie der genannte Grundsatz; jedenfalls ist sie keine letztverbindliche lehramtliche Aussage. Sie zeigt vielmehr, dass es in der konkreten Ausgestaltung der praktischen pastoralen Konsequenzen des dogmatischen Prinzips einen Spielraum gibt26.

Um diesen Spielraum auszuloten, greift „Amoris laetitia“ nochmals mit Thomas auf die traditionelle Unterscheidung zwischen der objektiv schweren Sünde und deren subjektiven schuldhaften Anrechnung zurück (vgl. AL 304 f.). Diese Unterscheidung war selbstverständlich auch Johannes Paul II. geläufig27. Unterschiedlich ist nur, dass dieser in Auseinandersetzung mit damaligen moraltheologischen Tendenzen (teleologische Moral) den Nachdruck auf den objektiven Charakter der ethischen Normen legte. Franziskus dagegen spricht aus der reichen Erfahrung und Weisheit des Beichtvaters und hebt mehr den subjektiven Aspekt hervor, ohne dabei den objektiven Aspekt zu übergehen (vgl. AL 297, 307).

Beide Päpste nehmen auf die Frage des irrigen Gewissens Bezug und wissen, dass es sich dabei oft nicht nur um einen persönlichen Irrtum handelt, sondern um einen unüberwindbaren Irrtum, der durch die soziale und kulturelle Mentalität mitbedingt ist (vgl. AL 37, 42, 222, 305). Wahrscheinlich hat schon jeder Seelsorger einmal die Erfahrung gemacht, dass es Situationen gibt, in denen man, auch wenn man mit Engelszungen reden könnte, Menschen von der objektiven Norm nicht überzeugen kann, weil ihnen diese unüberwindbar als welt- und wirklichkeitsfremd vorkommt. Das Gewissen vieler Menschen ist oft gleichsam blind und taub für das, was man ihnen als Gebot Gottes darzustellen versucht. Das bedeutet keine Rechtfertigung des Irrtums, wohl aber Verständnis und Barmherzigkeit mit dem Irrenden (vgl. AL 307 f.).

Was bleibt, ist der Weg der Gewissensbildung und der persönlichen Gewissenserforschung (vgl. AL 302 f.). Das bedeutet, dass ein Christ seine objektive Sünde nicht gleichsam zur Schau stellen und so tun darf, als ob sie kirchliche Lehre sei oder dass er sie gar als solche durchzusetzen versucht. Er muss der Einladung des Evangeliums zur Umkehr Gehör schenken (vgl. AL 297). Das Gespräch im Forum internum soll ihm zur Bildung einer rechten Beurteilung helfen, was die Möglichkeit einer volleren Teilnahme am Leben der Kirche behindert und Wege zu finden, diese zu begünstigen und wachsen zu lassen. Der Priester hat die Aufgabe, einen solchen Christen entsprechend der Lehre der Kirche und den Richtlinien des Bischofs auf dem Weg der Unterscheidung zu begleiten, in der Gewissenserforschung zum Nachdenken und zur Reue zu bewegen und ihn sich seiner Situation vor Gott bewusst werden zu lassen (vgl. AL 300). Aber niemals kann sich der Seelsorger an die Stelle des Gewissens setzen (vgl. AL 37). Die Ehrfurcht vor dem persönlichen Gewissen als „verborgenste Mitte und Heiligtum im Menschen“ (GS 16) ist für „Amoris laetitia“ maßgebend.

Zulassung zur Kommunion der wiederverheiratet Geschiedenen?

„Amoris laetitia“ legt Prämissen zugrunde, welche im begründeten Einzelfall eine veränderte pastorale Praxis erlauben. Doch das päpstliche Schreiben zieht aus diesen Prämissen an keiner Stelle klare praktische Folgerungen. Papst Franziskus sagt sogar ausdrücklich, dass er solche Normen nicht vorlegen kann (vgl. AL 296, 300; vgl. AL 2). Das Schreiben gibt kein Patentrezept an die Hand, das es in Wirklichkeit auch gar nicht geben kann (vgl. AL 298). Es lässt die konkrete Frage der Zulassung zur Absolution und Kommunion offen. Damit ist der Papst dem Weg einer bewährten Tradition des Lehramts gefolgt, manche strittige Fragen nicht übers Knie zu brechen, sondern sie um der Einheit der Kirche willen offen zu lassen. Das bedeutet nicht, wie manche meinen, dass das Lehramt sich selbst abschafft; eine Frage offen zu lassen, ist selbst eine lehramtliche Entscheidung von großer Tragweite28.

Die Richtung, in welche Papst Franziskus weisen möchte, scheint indessen klar: Man braucht dazu nicht auf zwei Anmerkungen zu verweisen29. Viel wichtiger ist, dass die schrittweise Integration, die als Schlüssel zur Lösung der Frage bezeichnet wird, von ihrem Wesen her auf Zulassung zur Eucharistie als Vollform der Teilnahme am Leben der Kirche ausgerichtet ist. Am deutlichsten hat sich Papst Franziskus geäußert, als er auf dem Rückflug von Lesbos am 16. April 2016 auf die Frage eines Journalisten, ob nach „Amoris laetitia“ unter bestimmten Bedingungen die Zulassung von wiederverheiratet Geschiedenen zur Kommunion möglich sei, geantwortet hat: „Ja. Punkt.“30 Das ist eine Antwort, die sich in dieser Klarheit in „Amoris laetitia“ nicht findet, die aber dem Gesamtduktus des Schreibens entspricht.

Diese Interpretation lässt sich ohne Schwierigkeiten mit dem gültigen Kirchenrecht vereinbaren. Der maßgebende Canon 915 CIC/1983 schließt die von der Absolution und Kommunion aus, welche „hartnäckig in einer offenkundigen schweren Sünde verharren“. Diese Bestimmung ist inhaltlich völlig einleuchtend; sie bedarf, was die quaestio iuris angeht, keiner Änderung, sondern im Lichte von „Amoris laetitia“ lediglich der Interpretation hinsichtlich derquaestio facti. Denn die Frage, ob tatsächlich Hartnäckigkeit in der schweren Sünde vorliegt oder trotz allen guten Willens immer wieder neue menschliche Schwäche, ergibt sich nicht aus der Norm selbst. Ebenso verhält es sich mit dem Urteil, ob tatsächlich schwere Sünde (schwerwiegende Sache, Bewusstsein der Sündhaftigkeit, Absicht gegen Gottes Gebot zu handeln, gegebenenfalls mildernde Umstände) vorliegt oder ob nicht Zeichen für ein Leben aus und in Gottes Gnade und ernsthafte Sehnsucht nach dem Brot des Lebens sichtbar sind.

In dem zuletzt genannten Fall stellt sich die Frage: Mit welchem Recht darf die Kirche Christen die Hilfe der Gnadenmittel verweigern, die sich, von der Gnade bewegt, nach besten Kräften durch Gebet, christliche Erziehung der Kinder, Mitarbeit in der Pfarrei, karitativ-sozialen Einsatz usw. um ein christliches Leben bemühen? Sicher muss man Ärgernis und Missverständnisse vermeiden. Aber es gibt auch Situationen, in denen nicht die Zulassung, sondern die Verweigerung der Sakramente von vielen als Skandal empfunden wird. In solchen Fällen stehen wir vor einer ähnlichen Situation wie Petrus, als er von Joppe nach Caesarea gerufen wurde: Er erkannte, dass Heiden den Heiligen Geist empfangen haben. Wie konnte er also denen das Sakrament der Taufe verweigern, welche den Heiligen Geist schon empfangen haben (Apg 10,47)? Auf unsere Frage angewandt: Kann es sein, dass der Geist Gottes sich als wirkkräftig gegenwärtig erweist, die Kirche aber wie Pilatus die Hände sich in Unschuld wäscht und bedauert, nichts tun zu können? Gilt es in solchen Situationen nicht auch für die Kirche, barmherzig zu sein, wie unser Vater barmherzig ist (vgl. Lk 6,36)?

Künftige pastorale Aufgaben

„Amoris laetitia“ gibt kein Jota der traditionellen Lehre der Kirche auf. Und doch verändert dieses Schreiben alles, indem es die traditionelle Lehre in eine neue Perspektive stellt. Dieses päpstliche Schreiben ist kein Traditionsbruch, sondern die Erneuerung einer großen Tradition. Es handelt sich um Kontinuität in der Reform, wie sie Benedikt XVI., auf der Spur von John Henry Newman, dargelegt hat31.

Die Ortskirchen stehen nun vor der Frage, wie sie den Weg, den „Amoris laetitia“ grundsätzlich eröffnet hat, pastoral konkret beschreiten können. Dabei dürfen sie sich nicht allein auf das Problem der wiederverheiratet Geschiedenen fixieren. Vorrangig ist, das katholische Ehe- und Familienverständnis vor allem jungen Menschen in seiner ganzen Schönheit neu zu Bewusstsein zu bringen und sie auf diesem Weg zu begleiten. Vor allem Ehevorbereitung und Ehebegleitung müssen im Sinne von „Amoris laetitia“ neu geordnet werden. Außerdem dürfen wir in der gegenwärtigen Krise der Pastoral das Potenzial, das in dem Verständnis der Familie als Hauskirche steckt, nicht gering schätzen.

In der Pastoral bei irregulären Situationen, besonders bei wiederverheiratet Geschiedenen, stellt uns „Amoris laetitia“ vor keine leichte Aufgabe. Das Schreiben führt uns nicht auf den bequemen Weg von Patentrezepten, die es in Wirklichkeit nicht geben kann. Aus dem verantworteten Gewissen in christlicher Freiheit zu entscheiden, ist im Vergleich zu einer Praxis nach kasuistischen Regeln nicht das Leichtere, sondern das weit Schwerere. Das stellt an Bischöfe, Priester und pastorale Mitarbeiter, besonders an Beichtväter, hohe Anforderungen. Geistliche Unterscheidung verlangt geistliche Kompetenz. Sie ist eine Gabe des Heiligen Geistes (1 Kor 12,10; 1 Joh 4, 1-6) wie eine Frucht geistlicher Erfahrung und des Lernens von den großen Meistern des geistlichen Lebens. Diesem Anliegen wird man in der Aus- und Fortbildung des Klerus und der pastoralen Mitarbeiter künftig verstärkt Rechnung tragen müssen.

Das alles wird Zeit brauchen: Zeit zum Umdenken und Zeit zum Umsetzen. Wir können die Synode noch lange nicht abhaken. Es bleibt noch viel zu tun. Die Synode ist vorbei, die heftigen Debatten werden hoffentlich auch bald vorbei sein, die konkrete Arbeit beginnt jetzt. Wir müssen „Amoris laetitia“ zu einem Aufbruch der Familienpastoral machen. Ehe und Familie müssen in der Pastoral zum Schwerpunktthema werden. Denn die Familie ist der Weg der Kirche.

 

ANMERKUNGEN

1 Dieselbe Reduktion und partielle Wahrnehmung ist auch meinem Vortrag vor dem Konsistorium am 20. / 21. Februar 2014 widerfahren (Walter Kardinal Kasper, Das Evangelium von der Familie. Die Rede vor dem Konsistorium. Freiburg 2014). Er hatte fünf Kapitel, bei denen die ersten vier ausführlich die biblische und kirchliche Lehre über Ehe und Familie darlegten; auf dieser Grundlage trug das fünfte Kapitel Überlegungen (nicht Forderungen, wie teilweise behauptet wurde) zur Pastoral der wiederverheiratet Geschiedenen vor. Er überließ die Entscheidung darüber ausdrücklich der Synode in Gemeinschaft mit dem Papst. Zur nachfolgenden Diskussion habe ich Stellung genommen: Walter Kardinal Kasper, Nochmals: Zulassung von wiederverheiratet Geschiedenen zu den Sakramenten?, in: Stimmen der Zeit 233 (2015) 435-445.

2 Vgl. Präsentation des Nachsynodalen Apostolischen Schreibens „Amoris Laetitia“ von Papst Franziskus durch Kardinal Christoph Schönborn, in: Papst Franziskus, Amoris Laetitia. Freude der Liebe. Nachsynodales Apostolisches Schreiben Amoris Laetitia über die Liebe in der Familie. Freiburg 2016, 19-30; zuvor: Christoph Kardinal Schönborn (Hg.), Berufung und Sendung der Familie. Die zentralen Texte der Bischofssynode. Mit einem Kommentar von P. Michael Sievernich SJ. Freiburg 2015.

3 „Ich empfehle Ihnen allen, die Präsentation zu lesen, die Kardinal Schönborn gehalten hat, der ein großer Theologe ist. Er ist Mitglied der Kongregation für die Glaubenslehre und kennt die Lehre der Kirche gut.“ Zit. nach: http://w2.vatican.va/content/francesco/de/speeches/2016/april/documents/papa-francesco_20160416_lesvos-volo-ritorno.html›.

4 Rocco Buttiglione, La gioia dell’amore e lo sconcerto dei teologi, in: L’Osservatore Romano, 20. 7. 2016, 7 (deutsche Fassung: L’Osservatore Romano. Wochenausgabe in deutscher Sprache. Nr. 30/31, 29. 7. 2016, 12: „Die Freude der Liebe und die Bestürzung der Theologen“). Ein weiterer Artikel im gleichen Sinn: Rodrigo Guerra López, Fedeltà creativa (Kreative Treue), in: L’Osservatore Romano, 22. 7. 2016, 5.

5 Antonio Spadaro, „Amoris laetitia“. Struttura e significato dell’Esortazione apostolica post-sinodale di Papa Francesco, in: La Civiltà Cattolica (no. 3980) 167 (2016/II) 105-128.

6 Vgl. Heiner Koch, Amoris Laetitia. Eine Erläuterung, in: Stimmen der Zeit 234 (2016) 363-373.

7 Vgl. Thomas v. Aquin, Summa theologiae I/II q. 22-48.

8 Vgl. Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben „Familiaris consortio“ (1981), 34 [= FC]; AL 293-295, 300.

9 Zu den in sich schlechten Handlungen vgl. Katechismus der Katholischen Kirche (1993), 1755-1761; Johannes Paul II., Enzyklika „Veritatis splendor“ (1993), 78-83 [= VS].

10 S. th. I/II q. 64 a. 1; De Virtutibus a. 13.

11 Vgl. Adriano Oliva, Essence et finalité du mariage selon Thomas d’Aquin. Pour un soin pastoral renouvelé, in: Revue des sciences philosophiques et théologiques 98 (2014) 601-668. – Es liegen auch ein einschlägiges Gutachten von Eberhard Schockenhoff sowie ein Gutachten von Peter Walter zu Eucharistie und Sündenvergebung nach dem Konzil von Trient vor, in denen auf Thomas von Aquin (S. th. III q. 80 a. 4) Bezug genommen wird.

12 Georges Cottier / Christoph Schönborn / Jean-Miguel Garrigues, Verità e misericordia. Conversazioni con p. Antonio Spadaro. Milano 2015.

13 S. th. I/II q. 57 a. 4; II/II q. 47 a 2 s.c.; a. 6; vgl. dazu: Deutsche Thomasausgabe, Bd. 17 B. Heidelberg 1966, 383 (Nr. 73).

14 S. th. I/II q. 57 a. 6; q. 58 a. 4; vgl. Josef Pieper, Das Viergespann. Klugheit – Gerechtigkeit – Tapferkeit – Maß. München 1964, 21.

15 S. th. II/II q. 47 a. 2-6.

16 Pieper (Anm. 14) 25.

17 Zu Klugheit und Situationsethik vgl. Deutsche Thomasausgabe, Bd. 17 B, 502-504; zu Klugheit und Kasuistik: ebd. 524-526.

18 S. th. II/II q. 47 a. 1 ad 1; vgl. Pieper (Anm. 14) 56-61.

19 S. th. q. 23 a. 8.

20 20 S. th. q. 23 a. 1.

21 S. th. q. 25, a. 1.

22 S. th. II/II q. 30.

23 S. th. q. 30 a. 4 ad 2.

24 Benedikt XVI., Nachsynodales Apostolisches Schreiben „Sacramentum caritatis“ (2007), 29 [= SC]; AL 299.

25 SC 29.

26 Viele Exegeten zeigen solche Spielräume schon innerhalb des Neuen Testaments auf, in Bezug auf die Überlieferungsvarianten des Herrenwortes, besonders in Bezug auf die sogenannten Ehebruchsklauseln: Mt 5,32; 19,9; Mk 10,11 f.; Lk 16,18; 1 Kor 7,10 f.

27 Wichtig die Enzyklika „Veritatis splendor“, vor allem die differenzierten Ausführungen im Kapitel II/2 „Gewissen und Wahrheit“, wo u. a. vom unüberwindbar irrenden Gewissen gesagt wird, dass ihm eine objektive Schuld subjektiv nicht anrechenbar ist (vgl. VS 62 f.).

28 Die Praxis, Kontroversen offen zu lassen, entspricht lehramtlicher Tradition, von der auch Konzilien Gebrauch gemacht haben. So hat das Konzil von Trient gehandelt in der damals höchst kontroversen Frage des Primats, ebenso das Zweite Vatikanum in vielen Fragen, was dann Ursache vieler, teilweise bis heute nicht abschließend geklärter nachkonziliarer Diskussionen wurde. Man denke vor allem an die kluge Entscheidung von Papst Paul V. im Gnadenstreit von 1607 (vgl. DH 1997).

29 Es scheint mir verwegen, die Schlussfolgerung in zwei Anmerkungen (AL 300, Anm. 340 u. 305, Anm. 355) versteckt finden zu wollen. Auch ein Papst kann nicht im Handumdrehen in einer Anmerkung bestehende Regelungen außer Kraft setzen. Beide Anmerkungen sind zudem allgemein gehalten; sie beziehen sich nicht ausdrücklich auf die wiederverheiratet Geschiedenen, sondern auf die irregulären Situationen allgemein.

30 Vgl. ‹http://w2.vatican.va/content/francesco/de/speeches/2016/april/documents/papa-francesco_20160416_lesvos-volo-ritorno.html›; der Papst antwortete dabei auf eine Frage von Francis Rocca vom „Wall Street Journal“.

31 Ansprache an das Kardinalskollegium und die Mitglieder der römischen Kurie beim Weihnachtsempfang am 22. Dezember 2005: ‹http://w2.vatican.va/content/benedict-xvi/de/speeches/2005/december/documents/hf_ben_xvi_spe_20051222_roman-curia.html›. – Praktisch hat sich Papst Benedikt XVI. damit weitgehend die Position von John Henry Newman (An Essay on the Development of Christian Doctrine, 1878) zu eigen gemacht.

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Quelle

Kurienkardinal: Amoris Laetitia ist ein umstrittenes Dokument, das Früchte bringen kann

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Der kanadische Kurienkardinal Marc Ouellet bei der Vorstellung des Dokuments Iuvenescit Ecclesia, im Presse-Saal des Vatikans am 14. Juni 2016. Foto: CNA/Daniel Ibanez

Von Alejandro Bermudez

Kardinal Marc Ouellet, Präfekt der Bischofskongegration, hat das Schreiben Amoris Laetitia von Papst Franziskus als umstrittenes Dokument bezeichnet, auch wenn es die katholische Lehre nicht verändere.

Der kanadische Kardinal war Schlußredner auf dem Staatsbankett der 134. Obersten Versammlung der Kolumbusritter. In seiner Ansprache sagte er, die andauernden Kontroversen um das nachsynodale Schreiben seien „nachvollziehbar“, würden aber „letzten Endes“ produktiv sein.

„Bevor ich zum Schluss komme“, sagte Kardinal Ouellet in einem Exkurs seiner Rede, „lassen Sie mich ein Wort zum päpstlichen Dokument Amoris Laetitia sagen, dass aus den beiden jüngsten Familiensynoden hervorging.“

„Ehrlich gesagt glaube ich, dass die Kontroversen um Amoris Laetitia nachvollziehbar sind, aber ich bin zuversichtlich, dass diese sogar letzten Endes fruchtbar sein könnten“, so der Kurienkardinal.

Das Schreiben des Papstes sei „ein Dokument, das es wert ist, zu lesen und noch einmal zu lesen, sorgfältig, ein Kapitel nach dem anderen – dabei das wunderbare vierte Kapitel über die Liebe genießend.“

Allerdings sollte das achte Kapitel „sorgfältiger und aufgeschlossener Unterscheidung durch Priester und Bischöfe“ anvertraut werden, „für Menschen die der Barmherzigkeit und des Erbarmens bedürfen“.

„Das Wesentlich ist, dass wir den Wunsch des Heiligen Vaters zu verstehen versuchen, und seine Absicht, für eine echte und vollumfängliche Versöhnung so vieler Familien in verwirrten und schwierigen Situationen zu sorgen“, sagte Kardinal Ouellet.

„Es wird keine Veränderung der Lehre vorgeschlagen, aber eine neue pastorale Herangehensweise: Geduldiger und respektvoller, mehr dialogisch und barmherzig“, fuhr er fort.

„Im Wesentlichen werden Priester und Bischöfe darum gebeten, sich um diese zu sorgen und sie zu begleiten, damit Menschen auch in objektiv irregulären Situationen geistlich wachsen können.“

Der Präfekt der Bischofskongregation schloss mit der Bemerkung: „Ich bin dem Heiligen Vater dankbar und überzeugt, dass der ganze Prozess der Unterscheidung der Geister und pastoraler Begleitung allen Familien Früchte bringen wird.“

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Quelle

Die Freude der Liebe und die Bestürzung der Theologen

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Marc Chagall, Brautpaar im Himmel von Paris.

Zu einigen Kommentaren über das Apostolische Schreiben

Amoris laetitia

 

Ich erinnere mich an eine Karikatur, die ich vor langer Zeit in einer französischen Zeitung – ich glaube, es war L’Aube – gesehen habe: Eine große Schar von Theologen, jeder auf einem Hügel ganz für sich, sucht den Horizont nach Christus ab. Im Tal haben die Kinder Jesus dagegen gefunden. Er hat sie an die Hand genommen, und sie gehen zusammen zwischen den Theologen umher, die ihn nicht erkennen. Die Theologen blicken in die Ferne, aber er ist mitten unter ihnen.

Diese Karikatur, die schon recht alt ist, kam mir in den Sinn, als ich einige Kommentare über Amoris laetitia und das Pontifikat von Papst Franziskus ganz allgemein las. Der »sensus fidei« des christlichen Volkes hat ihn sofort erkannt und ist ihm nachgefolgt. Einige Gelehrte dagegen tun sich schwer, ihn zu verstehen, kritisieren ihn, stellen ihn in Gegensatz zur Überlieferung der Kirche und insbesondere zu seinem großen Vorgänger, dem heiligen Johannes Paul II. Sie scheinen bestürzt zu sein, dass sie in seiner Schrift ihre Theorien nicht bestätigt sehen, und sind nicht gewillt, aus ihren Denkmustern auszubrechen, um die überraschende Neuheit seiner Botschaft zu hören. Das Evangelium ist immer neu und immer alt. Gerade deshalb ist es nie veraltet.

Umstände der Schuld

Wir wollen versuchen, den umstrittensten Teil von Amoris laetitia mit den Augen eines Kindes zu lesen. Der umstrittenste Teil ist der, in dem der Papst sagt, dass unter gewissen Bedingungen und Umständen einige wiederverheiratete Geschiedene die Eucharistie empfangen können.

Als Kind habe ich den Katechismus gelernt, um die Erstkommunion zu empfangen. Es war der Katechismus eines mit Sicherheit antimodernistischen Papstes: des heiligen Pius X. Ich erinnere mich, dass er erklärte, dass, um die Eucharistie zu empfangen, die Seele frei von Todsünde sein muss. Und er erklärte auch, was eine Todsünde ist. Für eine Todsünde müssen drei Bedingungen erfüllt sein. Es muss eine schlechte Tat vorhanden sein, ein schwerer Verstoß gegen das sittliche Gesetz: eine schwerwiegende Materie. Sexuelle Beziehungen außerhalb der Ehe sind zweifellos ein schwerer Verstoß gegen das sittliche Gesetz. So war es vor Amoris laetitia, so ist es weiterhin in Amoris laetitia und natürlich auch nach Amoris laetitia. Der Papst hat die Lehre der Kirche nicht verändert.

Der heilige Pius X. sagt uns jedoch noch etwas anderes. Für eine Todsünde sind neben der schwerwiegenden Materie zwei weitere Bedingungen notwendig. Die Tat muss im vollen Bewusstsein um ihre Schlechtigkeit vollbracht worden sein. Volles Bewusstsein bedeutet, dass das Subjekt von der Schlechtigkeit der Tat wirklich überzeugt sein muss. Wenn es wirklich überzeugt ist, dass die Tat nicht (schwerwiegend) schlecht ist, dann ist sein Handeln zwar effektiv böse, kann aber nicht als Todsünde angerechnet werden. Außerdem muss das Subjekt zur schlechten Tat seine bedachte Zustimmung geben. Das heißt, dass der Sünder frei ist, sie zu tun oder nicht zu tun: Er ist frei, auf die eine oder die andere Weise zu handeln, und ist nicht Zwängen oder Ängsten unterworfen, die ihm auferlegen, etwas zu tun, was er lieber nicht tun würde.

Können wir uns Umstände vorstellen, unter denen eine geschiedene und wiederverheiratete Person in einer Situation schwerer Schuld leben kann, ohne volles Bewusstsein und ohne bedachte Zustimmung? Sie ist getauft, aber nie wirklich evangelisiert worden, ist leichtfertig eine Ehe eingegangen und dann verlassen worden. Sie hat sich mit einem Menschen zusammengetan, der ihr in schwierigen Augenblicken geholfen, sie aufrichtig geliebt hat, den Kindern aus erster Ehe ein guter Vater oder eine gute Mutter geworden ist.

Man könnte ihr vorschlagen, wie Bruder und Schwester zusammenzuleben, aber was ist, wenn der andere das nicht akzeptiert? An einem bestimmten Punkt ihres Lebens begegnet diese Person der Faszination des Glaubens, wird zum ersten Mal wirklich evangelisiert. Vielleicht ist die erste Ehe in Wirklichkeit nicht gültig, aber es gibt keine Möglichkeit, sich an ein kirchliches Gericht zu wenden oder Beweise über die Ungültigkeit zu erbringen. Wir wollen keine weiteren Beispiele anführen, da wir nicht in eine endlose Kasuistik eintreten wollen.

Weg der Umkehr

Was sagt uns Amoris laetitia in solchen Fällen? Vielleicht ist es gut, damit zu beginnen, was das Apostolische Schreiben nicht sagt. Es sagt nicht, dass wiederverheiratete Geschiedene ruhig die Kommunion empfangen können. Der Papst lädt die wiederverheirateten Geschiedenen ein, einen Weg der Umkehr zu beginnen (oder fortzusetzen). Er lädt sie ein, ihr Gewissen zu erforschen und sich von einem geistlichen Begleiter helfen zu lassen. Er lädt sie ein, in den Beichtstuhl zu gehen, um ihre Situation darzulegen. Er lädt Büßer und Beichtväter ein, einen Weg der geistlichen Unterscheidung zu beginnen. Das Apostolische Schreiben sagt nicht, an welchem Punkt dieses Weges sie die Lossprechung und die Eucharistie empfangen können. Es äußert sich nicht dazu, weil die Vielfalt der Situationen und menschlichen Gegebenheiten zu groß ist.

Der Papst bietet den wiederverheirateten Geschiedenen genau denselben Weg an, den die Kirche allen Sündern anbietet: Geh zur Beichte, und dein Beichtvater wird nach Abwägung aller Umstände entscheiden, ob er dir die Lossprechung erteilen und dich zur Eucharistie zulassen wird oder nicht.

Dass der Büßer in einer objektiven Situation schwerer Sünde lebt, ist – außer im Grenzfall einer ungültigen Ehe – sicher. Ob er jedoch die volle subjektive Verantwortung für die Schuld trägt, muss erst herausgefunden werden. Darum geht er zur Beichte.

Einige sagen, dass der Papst, indem er diese Dinge sagt, dem großen Kampf Johannes Pauls II. gegen den Subjektivismus in der Ethik widerspricht. Diesem Kampf verschreibt sich die Enzyklika Veritatis splendor. Der Subjektivismus in der Ethik sagt, dass die Gutheit oder die Schlechtigkeit des menschlichen Handelns von der Absicht des Handelnden abhängt. Das einzige an sich Gute auf der Welt ist, dem Subjektivismus in der Ethik zufolge, ein guter Wille. Um das Handeln zu beurteilen, müssen wir also die Folgen betrachten, die vom Handelnden gewollt sind. Dieser Ethik zufolge kann jede Tat gut oder schlecht sein, je nach den Begleitumständen. In völliger Übereinstimmung mit seinem Vorgänger sagt Papst Franziskus uns dagegen, dass einige Taten in sich selbst schlecht sind (zum Beispiel der Ehebruch), unabhängig von den Begleitumständen und auch von den Absichten dessen, der sie begeht. Der heilige Johannes Paul II. hat jedoch nie daran gezweifelt, dass die Umstände in die moralische Beurteilung des Handelnden einfließen und ihn mehr oder weniger schuldig machen für die objektiv schlechte Tat, die er begangen hat. Kein Umstand kann eine in sich schlechte Tat gut machen, aber die Umstände können die moralische Verantwortung dessen, der sie begeht, mehren oder mindern. Genau davon spricht Papst Franziskus in Amoris laetitia. In Amoris laetitia ist also keine Situationsethik vorhanden, sondern das klassische thomistische Gleichgewicht, das das Urteil über die Tat vom Urteil über den Täter, in dem mildernde oder freisprechende Umstände zum Tragen kommen können, unterscheidet.

Andere Kritiker stellen Familiaris consortio (Nr. 84) in direkten Gegensatz zu Amoris laetitia (Nr. 305 – mit der berüchtigten Fußnote 351). Der heilige Johannes Paul II. sagt, dass wiederverheiratete Geschiedene die Eucharistie nicht empfangen können, und Papst Franziskus dagegen sagt, dass sie es in einigen Fällen können. Wenn das kein Widerspruch ist!

Versuchen wir jedoch, den Text mehr in der Tiefe zu lesen. Früher waren die wiederverheirateten Geschiedenen exkommuniziert und aus dem Leben der Kirche ausgeschlossen. Durch den neuen Codex des kanonischen Rechtes und durch Familiaris consortio wird die Exkommunikation aufgehoben, und sie werden ermutigt, am Leben der Kirche teilzunehmen und ihre Kinder christlich zu erziehen. Dies war eine außerordentlich mutige Entscheidung, die mit einer jahrhundertelangen Tradition brach. Familiaris consortio sagt uns jedoch, dass die wiederverheirateten Geschiedenen nicht die Sakramente empfangen können. Der Grund dafür ist, dass sie öffentlich im Stand der Sünde leben und man es vermeiden muss, Anstoß zu erregen. Diese Gründe sind so stark, dass eine Überprüfung eventueller mildernder Umstände nutzlos zu sein scheint.

Jetzt sagt uns Papst Franziskus, dass es sich lohnt, diese Überprüfung durchzuführen. Hier liegt der ganze Unterschied zwischen Familiaris consortio und Amoris laetitia. Es besteht kein Zweifel, dass der wiederverheiratete Geschiedene sich objektiv im Stand schwerer Sünde befindet; Papst Franziskus lässt ihn nicht wieder zur Kommunion, sondern – wie alle Sünder – zur Beichte zu. Dort wird er über die eventuellen mildernden Umstände sprechen und erfährt, unter welchen Bedingungen er die Lossprechung empfangen kann.

Neue pastorale Strategie

Der heilige Johannes Paul II. und Papst Franziskus sagen offensichtlich nicht dasselbe, aber sie widersprechen einander nicht in der Ehetheologie. Vielmehr machen sie auf unterschiedliche Weise und in unterschiedlichen Situationen Gebrauch von der Macht zu binden und zu lösen, die Gott dem Nachfolger Petri anvertraut hat. Um diesen Punkt besser zu verstehen, wollen wir versuchen, uns folgende Frage zu stellen: Gibt es einen Widerspruch zwischen den Päpsten, die die wiederverheirateten Geschiedenen exkommuniziert haben, und dem heiligen Johannes Paul II., der die Exkommunikation aufgehoben hat?

Die früheren Päpste haben immer gewusst, dass einige wiederverheiratete Geschiedene aufgrund verschiedener mildernder Umstände durchaus im Stand der Gnade sein können. Sie wussten sehr gut, dass der letzte Richter Gott allein ist. Trotzdem bestanden sie auf der Exkommunikation, um die Wahrheit über die Unauflöslichkeit der Ehe im Bewusstsein des Volkes zu stärken. Es war eine pastorale Strategie, die legitim war in einer homogenen Gesellschaft wie der vergangenen Jahrhunderte. Scheidungen waren Ausnahmefälle, es gab nur wenige wiederverheiratete Geschiedene, und indem man auch jene bedauerlicherweise von der Eucharistie ausschloss, die sie in Wirklichkeit hätten empfangen können, schützte man den Glauben des Volkes.

Heute ist die Scheidung ein Massenphänomen und droht, eine Massenapostasie nach sich zu ziehen, wenn die wiederverheirateten Geschiedenen die Kirche verlassen und ihren Kindern keine christliche Erziehung mehr geben. Die Gesellschaft ist nicht mehr homogen; sie ist flüssig geworden. Die Zahl der Geschiedenen ist sehr hoch, und natürlich ist auch die Zahl derer gestiegen, die sich in einer »irregulären« Situation befinden, subjektiv jedoch im Stand der Gnade sein können. Es ist notwendig, eine neue pastorale Strategie zu entwickeln. Darum haben die Päpste nicht das Gesetz Gottes, sondern die menschlichen Gesetze geändert, die es notwendigerweise begleiten, da die Kirche eine menschliche und sichtbare Gesellschaft ist.

Die neue Regel schafft Probleme und bringt Gefahren mit sich? Gewiss. Es besteht die Gefahr, dass einige frevelhaft die Kommunion empfangen, ohne im Stand der Gnade zu sein? Wenn sie es tun, ziehen sie sich das Gericht zu, indem sie essen und trinken. Aber brachte die alte Regel nicht auch Gefahren mit sich? Bestand nicht die Gefahr, dass einige (oder viele) verlorengingen, weil ihnen ein sakramentaler Halt verwehrt blieb, auf den sie ein Recht hatten? Es ist Aufgabe der Bischofskonferenzen der einzelnen Länder, eines jeden Bischofs und letztlich jedes einzelnen Gläubigen, geeignete Maßnahmen zu ergreifen, um die Vorteile dieser pastoralen Linie zu maximieren und die Gefahren, die sie mit sich bringt, zu minimieren. Das Gleichnis von den Talenten lehrt uns, im Vertrauen auf die Barmherzigkeit das Risiko einzugehen.

(Orig. ital. in O.R. 20.7.2016)

Von Rocco Buttiglione, Lehrstuhl »Johannes Paul II. für Philosophie und Geschichte der Europäischen Institutionen«, Päpstliche Lateranuniversität

Für eine Lektüre des Schreibens „Amoris laetitia“ (ZENIT.ORG 20. April 2016)

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Eine Einstiegshilfe zur Postsynodalen Apostolischen Exhortation von Papst Franziskus

Es ist so weit. Papst Franziskus hat uns das Postsynodale Apostolische Schreiben „Amoris laetitia – Über die Liebe in der Familie“, in dem die Ergebnisse der Synoden von 2014 und 2015 zusammengefasst sind, ausgehändigt.

Ein Cartoon von Chiri, der in der spanischen Wochenzeitschrift „Alfa y Omega“ erschienen ist, erweist sich als ein getreues Abbild der Realität: Ein Herr sagt: „Seht Ihr? Der Papst gibt uns Recht!” – „Gar nicht wahr! Er bestätigt unsere Position!“ – erwidert der Gesprächspartner. „Aber der Papst hat doch noch gar nichts gesagt!“ – wirft ein Prälat aus dem Vatikan verblüfft ein. „Das ist egal… wir trainieren hier!“ – tönt es zurück. Tatsächlich scheinen die Debatten und Diskussionen in der Presse nichts damit zu tun zu haben, ob der Papst etwas gesagt hat oder nicht. Deshalb ist es in diesem Augenblick vielleicht am wichtigsten, uns auf eine aufmerksame Lektüre dieses Schreibens einzustimmen und vorzubereiten, ehe wir uns anschicken, seinen Inhalt zu kommentieren… Tatsächlich gibt uns Papst Franziskus hierzu in den ersten sieben Abschnitten von „Amoris laetitia“ (AL) einige Hinweise.

Die Absicht des Autors… Ehe man ein Urteil über den Inhalt eines Textes abgibt, versucht man als Leser und Ausleger zunächst die Absicht seines Autors zu erkennen und zu respektieren. In unserem Fall wird diese Absicht ausdrücklich erwähnt: Der Papst möchte keine Stellungnahme zu Fragen abgeben, die von Theologen diskutiert werden: „Nicht alle doktrinellen, moralischen oder pastoralen Diskussionen müssen durch ein lehramtliches Eingreifen entschieden werden“ (vgl. AL 3). Wohl möchte er aber die in der Pastoral Tätigen und die Gläubigen vor inakzeptablen extremen Positionen bewahren, so zum Beispiel vor „einem ungezügelten Verlangen, ohne ausreichende Reflexion oder Begründung alles zu verändern“ sowie vor „der Einstellung, alles durch die Anwendung genereller Regelungen oder durch die Herleitung übertriebener Schlussfolgerungen aus einigen theologischen Überlegungen lösen zu wollen“ (AL 2). Wer sich also hinter einer dieser beiden Sichtweisen verschanzt und ausgehend von dort in dem Schreiben nach Sätzen sucht, die er seinem Gegner als Wurfgeschosse entgegenschleudern kann, der liest den Text verkehrt. Hans Urs von Balthasar hat schon einmal bei passender Gelegenheit gesagt, dass einige Theologen aus dem Evangelium einen Steinbruch zur Gewinnung von Material gemacht haben, das man bei theologischen Diskussionen aufeinander werfen kann. Wenn das aber schon beim Evangelium der Fall ist… Papst Franziskus wollte die „Beiträge der beiden jüngsten Synoden über die Familie“ sammeln, „und weitere Erwägungen hinzuzufügen, die die Überlegung, den Dialog oder die pastorale Praxis orientieren können und zugleich den Familien in ihrem Einsatz und ihren Schwierigkeiten Ermutigung und Anregung bieten“ (AL 4). Der Leser sollte also weder die Standpunkte von Theologen noch von Vertretern pastoraler Lösungen vor Augen haben, sondern vielmehr die Ehepaare und das Leben jener Familien, die sich darum bemühen, innerhalb eines schwierigen und komplexen gesellschaftlichen und kirchlichen Kontexts ihre Berufung zu leben.

… und der Aufbau des Textes: Die Kommentatoren aus dem Mittelalter, die sich mit antiken Texte befassten, pflegten ihrem Kommentar eine Gliederung vorauszuschicken, die der kommentierte Text normalerweise nicht enthielt und ihn so in Teile und Abschnitte zu unterteilen. Das war der sicherste Weg, um die Absicht des Autors zu erfassen. Und es setzte eine tiefe Kenntnis des gesamten Textes voraus. Der Papst erspart uns diese Mühe und warnt uns zugleich vor der ‚allgemeinen Versuchung‘, direkt zu den pastoralen Leitlinien überzugehen, die Licht auf die Entscheidungen werfen, die in sehr komplexen und problematischen Situationen zu fällen sind – was vielleicht gerade das ist, was die Kommunikationsmittel, viele Menschen, Familien und Priester am meisten interessiert. Ehe man zu diesen Themen (die in Kapitel 8 behandelt werden) vorstößt, muss ein Weg zurückgelegt werden, der mehrere Etappen (Kapitel) mit sehr genauer Zielsetzung umfasst, was der Papst unter Nr. 6 erklärt: „Beim Aufbau des Textes werde ich mit einer von der Heiligen Schrift inspirierten Eröffnung beginnen, die ihm eine angemessene Einstimmung verleiht [Kap. 1]. Von da ausgehend werde ich die aktuelle Situation der Familien betrachten, um ‚Bodenhaftung‘ zu bewahren [Kap. 2]. Danach werde ich an einige Grundfragen der Lehre der Kirche über Ehe und Familie erinnern [Kap. 3], um so zu den beiden zentralen Kapiteln zu führen, die der Liebe gewidmet sind [Kap. 5-6]. In der Folge werde ich einige pastorale Wege vorzeichnen, die uns Orientierung geben sollen, um stabile und fruchtbare Familien nach Gottes Plan aufzubauen [Kap. 6]; in einem weiteren Kapitel werde ich mich mit der Erziehung der Kinder beschäftigen [Kap. 7]. Danach geht es mir darum, zur Barmherzigkeit und zur pastoralen Unterscheidung einzuladen angesichts von Situationen, die nicht gänzlich dem entsprechen, was der Herr uns aufträgt [Kap. 8], und zum Schluss werde ich kurze Leitlinien für eine Spiritualität der Familie entwerfen [Kap. 9]“.

Wie sollte man das Apostolische Schreiben lesen? „Ich empfehle nicht, es hastig ganz durchzulesen“ (vgl. AL 7). Das versucht derjenige zu tun, der den Text auf der Suche nach Neuerungen überfliegt. Wir Gläubige stehen vor dem, was eine breit angelegte und reichhaltige Reflexion, die von zwei Synoden durchgeführt und dem Urteil des Heiligen Vaters unterbreitet worden ist, hervorgebracht hat: einem ausgereiften Ergebnis. Unsere Wertschätzung für diesen päpstlichen Text bringen wir theoretisch und praktisch dadurch zum Ausdruck, dass wir folgende Ratschläge beachten: Erstens, indem wir „Abschnitt für Abschnitt geduldig vertiefen“ (AL 7), den Text in Ruhe studieren und vertieft darüber nachdenken. Zweitens, indem wir ihn zu einem Lebensbegleiter (Vademekum) machen und jeder „nach dem sucht, was er in der jeweiligen konkreten Situation braucht“ (vgl. AL 7).

Kontinuität. Wie das schon bei den Konzilstexten der Fall war, gibt es vielleicht Stimmen, die behaupten, der Text sei nicht im Geist von demnach „fortschrittlicheren“ Synoden geschrieben worden, oder er stehe nicht treu zur Tradition… Dank der Erfahrung vergangener Jahre und der Perspektive, die uns das verschafft, können wir Kardinal Ratzingers Aussagen über das Konzil hier paraphrasieren. Das wertvollste Erbe der Synode ist nämlich dieser in Kontinuität mit dem bisherigen Lehramt in rechter Weise auslegte Text. Papst Franziskus scheint dies unterstreichen zu wollen, denn der Text geht sehr verschwenderisch mit Zitaten aus den Synodenberichten und aus Texten seiner beiden Vorgänger um: des heiligen Johannes Paul II. und seiner „Familiaris consortio“ und Benedikts XVI. und seinem Lehrschreiben „Deus Caritas“ (unter anderem).

Ein Anreiz: Als das Apostolische Schreiben der Presse vorgestellt wurde, betonte man, die Sprache von Papst Franziskus sei klar, einfach und konkret. Das ziehe ich nicht in Zweifel. Doch fände ich es gut, wenn sich der Leser von ein paar Überlegungen reizen lassen würde, die Etienne Gilson in seinem Werk „Le philosophe et la théologie” anstellt, da er erkannte, dass Philosophen sich selten dazu entschließen konnten, päpstliche Lehrschreiben zu lesen, die ihnen zu schwierig waren. Ich bin überzeugt, dass die von Gilson angemahnte Umsicht weiterhin am Patz ist und dass diese Texte eine sehr aufmerksame, reflexive Lektüre erfordern, um so den Wert jedes Satzes im Gesamtkontext des Schreibens, den Wert einiger Pausen und – wie Gilson es ausdrücken würde – die Präzision einiger Ungenauigkeiten zu erfassen. Obwohl die Schwierigkeit der Lektüre sich aus anderen Gründen ergibt, erweist sich hier folgender Text von Gilson als einschlägig: „Die Schwierigkeit besteht nicht darin, dass diese Texte in einem blumigen Amtslatein voller humanistischer Eleganz geschrieben sind, sondern eher darin, dass die Lehre und ihr Sinn nicht immer leicht zu erfassen sind. Wenn man dann das Problem der Übersetzung angeht, versteht man bei dem Versuch wenigstens am Ende, warum der Stil berechtigt ist. Man kann dieses päpstliche Latein nicht mit Worten ersetzen, die aus irgendeiner großen modernen Literatursprache entstammen; noch viel weniger kann man diese Sätze auseinandernehmen und auf andere Weise zusammenfügen, ohne dabei sofort zu bemerken, dass man bei dieser Operation, ganz gleich, wie viel Mühe man sich gibt, gegenüber dem Original an Kraft verliert, und nicht nur an Kraft, sondern auch an Präzision, was noch nicht das Schlimmste ist, denn die eigentliche Schwierigkeit, die denjenigen, die die Probe aufs Exempel machen, gut bekannt ist, besteht darin, sehr genau das zu beachten, was man, ohne dabei ins Paradoxe zu geraten, die Präzision seiner Ungenauigkeiten nennen könnte – die weise ausgeklügelte Präzision seiner gewollten Ungenauigkeiten. Wie oft meint man doch nach reifer Überlegung, dass man weiß, was das Lehrschreiben in Bezug auf ein ganz bestimmtes Thema aussagen will, doch tut es das nicht genau, und zweifellos gibt es Gründe, um angelangt an bestimmten Übergängen einer weitergehenden Festlegung des Gedankens zu wehren, weil man dafür sorgen möchte, dass man zur Aufnahme möglicher Neuerungen immer offen und bereit bleibt.“ Abschließend bittet Gilson christliche Philosophen darum, nicht nur Theologiekurse zu belegen, sondern auch eine päpstliche Universität zu besuchen, wo man lehrt, die päpstlichen Dokumente zu lesen. Als Rektor eines Päpstlichen Athenäums spreche ich diese Einladung natürlich erneut aus, doch beschränke ich mich etwas genügsamer darauf, Gläubige und in der Pastoral Tätige – an sie ist das Schreiben „Amoris laetitia“ gerichtet – einzuladen, diesen langersehnten Text über eine Frage, die den Lebensnerv vieler Menschen, Familien, der Gesellschaft und der Kirche trifft: „die Liebe in der Familie“, in Ruhe zu lesen und seinen tiefen Sinn zu erfassen.

Pater Jesus Villagrasa LC ist Rektor des Päpstlichen Athenäums Regina Apostolorum in Rom

Übersetzt von Pater Thomas Fox LC aus dem spanischen Originalartikel https://es.zenit.org/articles/para-una-lectura-de-la-amoris-laetitia/

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Quelle