Franziskus will Nein zur Todesstrafe im Katechismus haben

Papst Franziskus bei seiner Rede am Mittwochabend, 11.10.2017

Das ausnahmslose Nein zur Todesstrafe soll verpflichtendes katholisches Glaubensgut werden  und als solches im Katechismus stehen. Das hat Papst Franziskus am Mittwochabend in einer weit ausgreifenden Rede über den Katechismus, den fortschreitenden Glauben der Kirche und die Tradition angekündigt. Er äußerte sich bei einer Audienz für Teilnehmer eines Treffens, zu dem der Päpstliche Rat zur Förderung der Neuevangelisierung geladen hatte.

Die Ablehnung der Todesstrafe müsse im Katechismus der Katholischen Kirche auf „angemessenere und schlüssigere“ Weise Platz finden als bisher, sagte Franziskus. Der Weltkatechismus war als späte Frucht des II. Vatikanischen Konzils vor nunmehr 25 Jahren erschienen. Seither habe sich in der Frage der Todesstrafe nicht nur das päpstliche Lehramt entwickelt, sondern auch das Bewusstsein des Gottesvolkes. Man müsse heute, so der Papst wörtlich, „energisch bekräftigen, dass die Verurteilung zur Todesstrafe eine unmenschliche Maßnahme ist, die, auf welche Art auch immer durchgeführt, die Menschenwürde demütigt“. Die Todesstrafe widerspreche dem Evangelium, weil sie das Leben eines Menschen beende; jedes Menschenleben aber sei heilig in den Augen Gottes, der letztlich der einzige wahre Richter sei.

Todesstrafe im Kirchenstaat entsprach “keiner christlichen Gesinnung“

Auch im Kirchenstaat verhängten Richter über lange Zeit die Todesstrafe. Die letzte Hinrichtung fand unter Papst Pius IX. im Jahr 1870 statt. Diese historische Last sparte Franziskus nicht aus: da sei im Kirchenstaat „der Vorrang der Barmherzigkeit über die Gerechtigkeit vernachlässigt“ worden. „Nehmen wir die Verantwortung der Vergangenheit auf uns, und erkennen wir an, dass jene Mittel von einer mehr legalistischen als christlichen Gesinnung bestimmt waren.“

Nein zur Todesstrafe steht nicht im Widerspruch zur Tradition

In der Absicherung seiner Argumentation war dem Papst ein Punkt besonders wichtig: Das Nein zur Todesstrafe steht nicht im Widerspruch zur Tradition, zum Glaubensgut also, das die Kirche aller Zeiten lehrte. Immer habe die Kirche das Menschenleben von der Zeugung bis zum natürlichen Tod verteidigt, erinnerte der Papst. Eine „harmonische Entwicklung der Lehre“ erfordere es, sich von Positionen zu verabschieden, „die heutzutage dem neuen Verständnis der christlichen Wahrheit entschieden zuwiderlaufen“.

Franziskus berief sich auf das II. Vatikanische Konzil: Dieses habe davon gesprochen, dass die Tradition sich immer fortentwickle. Tradition, das sei nichts Starres, so der Papst, der mit einem für ihn typischen Sprachbild verdeutlichte: „Das Wort Gottes kann man nicht in Naftalin einlegen, als sei es eine alte Decke, die man vor Schädlingen schützen muss! Nein. Das Wort Gottes ist eine dynamische Wirklichkeit, immer lebendigt, die voranschreitet und wächst, weil sie zu einer Erfüllung hin unterwegs ist, die die Menschen nicht aufhalten können.“

Der Weltkatechismus von 1992 hat in der Frage der Todesstrafe eine spätere Veränderung erfahren und die Zulässigkeit der Todesstrafe 2003 weiter eingeschränkt, wenn auch nicht komplett ausgeschlossen, wie Papst Franziskus das nun fordert. Im Kanon 2267 in der heutige gültigen Fassung heißt es: „Unter der Voraussetzung, dass die Identität und die Verantwortung des Schuldigen mit ganzer Sicherheit feststehen, schließt die überlieferte Lehre der Kirche den Rückgriff auf die Todesstrafe nicht aus, wenn dies der einzig gangbare Weg wäre, um das Leben von Menschen wirksam gegen einen ungerechten Angreifer zu verteidigen.“

Ein Vorschlag von Pax Christi

Mit seinem Vorstoß zur „Abschaffung“ der Todesstrafe im Katechismus griff Franziskus einen Vorschlag der katholischen Friedensbewegung Pax Christi Europa auf, die im April anregte, künftige Ausgaben des Weltkatechismus sollten die Todesstrafe rundum und ausnahmslos ächten.

(rv 11.10.2017 gs)

Papst Franziskus zum 25. Jahrestag der Veröffentlichung des Katechismus der Katholischen Kirche

ANSPRACHE DES HEILIGEN VATERS PAPST FRANZISKUS
ZUM 25. JAHRESTAG DER VERÖFFENTLICHUNG DES
KATECHISMUS DER KATHOLISCHEN KIRCHE

Synodenhalle
11. Oktober 2017

[Multimedia]

___________________

 

Verehrte Kardinäle,
liebe Mitbrüder im bischöflichen und priesterlichen Dienst,
sehr geehrte Botschafter,
geschätzte Professoren,
Brüder und Schwestern,

ich grüße euch herzlich und danke Erzbischof Fisichella für seine freundlichen Worte an mich.

Der 25. Jahrestag der Veröffentlichung der Apostolischen Konstitution Fidei depositum, mit der der hl. Johannes Paul II. dreißig Jahre nach der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils den Katechismus der Katholischen Kirche promulgiert hat, ist eine gute Gelegenheit, den Weg nachzuvollziehen, der in diesen Jahren zurückgelegt wurde. Der hl. Johannes XXIII. hatte das ökumenische Konzil nicht in erster Linie gewollt, um Irrtümer zu verdammen, sondern um der Kirche endlich die Möglichkeit zu geben, die Schönheit des Glaubens an Jesus Christus in einer erneuerten Sprache darzustellen.

Die Kirche darf sich vor allem – so der Papst damals in seiner Eröffnungsansprache – »nicht von dem Schatz ihrer Wahrheit trennen, den sie von den Vätern ererbt hat. Gleichzeitig jedoch muss sie auch der Gegenwart Rechnung tragen und auf die gewandelte Lage und die neuen Lebensformen, die in die moderne Welt Eingang gefunden haben und die dem katholischen Apostolat neue Wege geöffnet haben, eine Antwort geben« (Gaudet Mater Ecclesia [11. Oktober 1962], 12). Und der Papst fuhr fort: »Unsere Aufgabe ist es nicht nur, diesen kostbaren Schatz zu bewahren, als ob wir uns nur um Altertümer kümmern würden. Sondern wir wollen uns mit Eifer und ohne Furcht der Aufgabe widmen, die unsere Zeit fordert. So setzen wir den Weg fort, den die Kirche im Verlaufe von zwanzig Jahrhunderten gegangen ist« (ebd., 14)

Bewahren” und “den Weg fortsetzen” ist, entsprechend ihrer Natur, der ureigene Auftrag der Kirche, damit die von Jesus in die Botschaft des Evangeliums eingeprägte Wahrheit sich in ihrer ganzen Fülle bis zum Ende der Zeiten entfalten kann. Dies ist eine dem Volk Gottes geschenkte Gnade, und zugleich ein Auftrag und eine Mission für die wir Verantwortung tragen, um in neuer und immer vollständigerer Weise unseren Zeitgenossen das eine Evangelium zu verkünden. Mit der Freude, die aus der christlichen Hoffnung erwächst, und unterstützt durch die »Medizin der Barmherzigkeit« (ebd.) nähern wir uns den Männern und Frauen unserer Zeit, um ihnen den unerschöpflichen Reichtum zu erschließen, der uns in der Person Jesu Christi geschenkt ist.

Als Johannes Paul II. den Katechismus der Katholischen Kirche vorstellte, betonte er: »Er muss die Entfaltung der Lehre berücksichtigen, die der Heilige Geist im Laufe der Zeit der Kirche eingegeben hat. Er soll auch eine Hilfe sein, mit dem Licht des Glaubens die neuen Situationen und Probleme zu beleuchten, die sich in der Vergangenheit noch nicht ergeben hatten« (Apost. Konstitution Fidei depositum, 3). Darum ist der Katechismus ein wichtiges Instrument, das den Gläubigen die ewig gültige Lehre darbietet, und ihnen so hilft im Verständnis des Glaubens zu wachsen. Vor allem aber will er unsere Zeitgenossen mit ihren neuen und unterschiedlichen Problemen zur Kirche heranführen, die sich dafür einsetzt, den Glauben als die bedeutsame Antwort auf die Fragen der menschlichen Existenz in diesem besonderen geschichtlichen Moment anbietet. Darum genügt es nicht, eine neue Sprache zu finden, um den ewig gültigen Glauben zu formulieren. Es ist vielmehr dringend notwendig, angesichts der neuen Herausforderungen und Aussichten, vor denen die Menschheit steht, dass die Kirche die noch neu zu entdeckenden Wahrheiten des Evangeliums erschließt, die zwar im Wort Gottes enthalten sind, die aber noch nicht ans Licht gekommen sind. Es geht um diesen Schatz „alter und neuer Dinge“ von denen Jesus spricht, wenn er seine Jünger einlädt, die Neuigkeit seiner Botschaft zu verkünden, ohne das Alte zu vernachlässigen (vgl. Mt 13,52).

Der Evangelist Johannes überliefert uns mit dem sogenannten „Hohepriesterlichen Gebet“ eine der schönsten Stellen des Evangeliums. Jesus wendet sich vor seinem Leiden und Sterben im Gebet an den Vater und bestätigt seinen Gehorsam, den er in der Erfüllung der empfangenen Sendung gezeigt hat. Seine Worte sind ein Lobpreis der Liebe und enthalten die Bitte, seine Jünger zu schützen und zu behüten (vgl. Joh 17,12-15). Zugleich betet Jesus auch für die, die aufgrund der Verkündigung seiner Jünger zum Glauben kommen werden: Auch diese sollen zu dieser Einheit gehören und darin bewahrt bleiben (vgl. Joh 17,20-23). In dem Satz »Das ist das ewige Leben: dich, den einzigen wahren Gott, zu erkennen und Jesus Christus, den du gesandt hast« (Joh 17,3), kommt der Höhepunkt der Sendung Jesu zum Ausdruck.

Gott zu erkennen ist, wie wir wissen, nicht in erster Linie die Frucht einer theoretischen Übung des menschlichen Verstandes, sondern des unauslöschlichen Verlangens, das ins Herz jeder Person gelegt ist. Es ist ein Erkennen aus der Liebe heraus, denn wir sind dem Sohn Gottes auf unserem Lebensweg begegnet (vgl. Enzyklika Lumen fidei, 28). Jesus von Nazareth ist mit uns auf dem Weg, um uns durch sein Wort und die von ihm gewirkten Zeichen in das tiefe Geheimnis der Liebe des Vaters einzuführen. Diese Erkenntnis wird von Tag zu Tag stärker in der Glaubensgewissheit, dass wir geliebt und darum eingebunden sind in einen sinnerfüllten Plan. Wer liebt, will die geliebte Person immer besser kennenlernen, um den in ihr verborgenen Reichtum zu entdecken, der täglich neu in Erscheinung tritt.

Deswegen versteht sich unser Katechismus vor dem Hintergrund der Liebe als Erfahrung des Erkennens, des Vertrauens und des sich Einlassens auf das Mysterium. Der Katechismus der Katholischen Kirche greift in seiner Struktur auf den Römischen Katechismus zurück. Er macht sich einen Gedanken dieses Katechismus als hermeneutischen Schlüssel zu eigen: „Die ganze Belehrung und Unterweisung muss auf die Liebe ausgerichtet sein, die kein Ende hat. Mag man also etwas vorlegen, was zu glauben, zu erhoffen oder zu tun ist, immer ist dabei vor allem die Liebe zu unserem Herrn zu empfehlen, damit jeder einsieht, dass alle Werke vollkommener christlicher Tugend einzig und allein in der Liebe entspringen und auf kein anderes Ziel gerichtet werden können als auf die Liebe.“ (Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 25)

Vor diesem Gedankenhorizont möchte ich auf ein Thema eingehen, das im Katechismus der Katholischen Kirche, entsprechend des eben zitierten Grundsatzes, eigentlich angemessener behandelt werden müsste. Ich denke an die Todesstrafe. Bei dieser Problematik kann man es nicht bei einer hauptsächlich geschichtlichen Abhandlung belassen, die dabei nicht nur die lehramtliche Entwicklung unter den letzten Päpsten außer Acht lässt, sondern auch das veränderte Bewusstsein im Volke Gottes, das eine positive Haltung gegenüber einer Strafe ablehnt, die die Würde des Menschen schwer verletzt. Stattdessen muss deutlich festgestellt werden, dass die Todesstrafe eine unmenschliche Maßnahme ist, die – wie auch immer sie ausgeführt wird – die Würde des Menschen herabsetzt. Sie widerspricht in ihrem Wesen dem Evangelium, weil sie willentlich entscheidet ein menschliches Leben zu beenden, das in den Augen des Schöpfers immer heilig ist und dessen wahrer Richter und Garant im Letzten allein Gott ist. Kein Mensch, »nicht einmal der Mörder verliert seine Menschenwürde« (Brief an den Präsidenten der Internationalen Kommission gegen die Todesstrafe, 20. März 2015), denn Gott ist ein Vater, der immer auf die Rückkehr des Sohnes wartet, der, um seinen Fehler wissend um Vergebung bittet und ein neues Leben beginnt. Niemandem darf daher nicht nur das Leben, sondern damit auch die Möglichkeit einer moralischen und existenziellen Umkehr verwehrt werden, damit er zum Wohle der Gemeinschaft umkehrt.

Anbetracht mangelnder Instrumente zur Verteidigung und einer noch nicht so weit entwickelten gesellschaftlichen Reife, schien die Todesstrafe in vergangenen Jahrhunderten die logische Konsequenz, um Gerechtigkeit walten zu lassen. Leider wurde auch im Kirchenstaat auf dieses extreme und unmenschliche Mittel zurückgegriffen, und man hat dabei den Primat der Barmherzigkeit über die Gerechtigkeit vernachlässigt. Wir übernehmen die Verantwortung für die Vergangenheit und bekennen, dass diese Methoden mehr von einer legalistischen als von einer christlichen Haltung bestimmt wurden. Die Sorge um Machterhalt und materiellen Reichtum haben zu einer Überbewertung des Gesetzes geführt und ein tiefes Verständnis des Evangeliums verhindert. Gerade deswegen können wir heute, angesichts einer neuen Notwendigkeit, die Würde des Menschen zu betonen, nicht gleichgültig bleiben. Wir würden uns noch mehr schuldig machen.

Wir stehen hier vor keinerlei Widerspruch zu früheren Lehraussagen, denn die Verteidigung der Würde des menschlichen Lebens von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod hat in der kirchlichen Lehre stets eine eindeutige und maßgebende Stimme gefunden. Die harmonische Entwicklung der kirchlichen Lehre gebietet es, Positionen zu vermeiden, die an Argumenten festhalten, die längst eindeutig einem neuen Verständnis der christlichen Wahrheit widersprechen. Schon der hl. Vinzenz von Lérins erinnerte: »Aber vielleicht sagt jemand: Wird es also in der Kirche Christi keinen Fortschritt der Religion geben? Gewiss soll es einen geben, sogar einen recht großen. Denn wer wäre gegen die Menschen so neidisch und gegen Gott so feindselig, dass er das zu verhindern suchte?« (Commonitorium, 23.1; PL 50). Darum ist es notwendig zu betonen, dass, egal wie schwer das begangene Verbrechen auch war, die Todesstrafe unzulässig ist, weil sie gegen die Unverletzbarkeit der Würde des Menschen verstößt.

»So führt die Kirche in Lehre, Leben und Kult durch die Zeiten weiter und übermittelt allen Geschlechtern alles, was sie selber ist, alles, was sie glaubt« (Zweites Vatikanisches Konzil, Dogm. Konstitution Dei Verbum, 8). Die Konzilsväter konnten keine knappere und zugleich treffendere Formulierung finden, um die Natur und die Sendung der Kirche zum Ausdruck zu bringen. Nicht allein in der „Lehre“, sondern auch im „Leben“ und im „Kult“ wird den Gläubigen die Möglichkeit gegeben, Gottes Volk zu sein. Mit einer Folge von Verben drückt die Dogmatische Konstitution über die göttliche Offenbarung die Dynamik dieses Prozesses aus: »Diese apostolische Überlieferung kennt […] einen Fortschritt […] wächst […] strebt […] ständig der Fülle der göttlichen Wahrheit entgegen, bis an ihr sich Gottes Worte erfüllen« (ebd.).

Die Tradition ist eine lebendige Realität und nur eine begrenzte Sicht kann sich das „depositum fidei“, das Glaubensgut, als etwas statisches, unbewegliches vorstellen. Man kann das Wort Gottes nicht einmotten als wäre es eine alte Wolldecke, die man vor Schädlingen bewahren müsste. Nein! Das Wort Gottes ist eine dynamische Wirklichkeit, stets lebendig, und es entwickelt sich und wächst, denn es ist auf eine Erfüllung hin angelegt, die die Menschen nicht stoppen können. Dieses Gesetz des Fortschritts hat der hl. Vinzenz von Lérins folgendermaßen formuliert: »annis consolidetur, dilatetur tempore, sublimetur aetate« (Commonitorium, 23.9: PL 50). Es beschreibt die besondere Bedingung unter der die offenbarte Wahrheit von der Kirche weitergegeben wird und bedeutet keineswegs eine Änderung in der Lehre.

Man kann die Lehre nicht bewahren ohne ihre Entwicklung zuzulassen. Man kann sie auch nicht an eine enge und unveränderbare Auslegung binden, ohne den Heiligen Geist und sein Handeln zu demütigen. »Viele Male und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern gesprochen durch die Propheten« (Heb 1,1), und »so ist Gott, der einst gesprochen hat, ohne Unterlass im Gespräch mit der Braut seines geliebten Sohnes« (Dei Verbum, 8). Diese Stimme gilt es in uns aufzunehmen in einer Haltung des »ehrfürchtigen Hörens« (ebd., 1) und uns so als Kirche zu erlauben, mit demselben Enthusiasmus des Anfangs voranzuschreiten zu den neuen Horizonten, zu denen der Herr uns führen möchte.

Ich danke euch für diese Begegnung und für eure Arbeit. Bitte betet für mich! Ich segne euch von Herzen. Danke.

_______

Quelle

„Die Religionsfreiheit ist der Weg für den Aufbau des Friedens“: Benedikt im Jahr 2011

Papst Benedikt XVI. im August 2010   Foto: CNA/L’Osservatore Romano

Heute sind seine Worte brennend aktuell – und geradezu prophetisch: Über den Terror in Ägypten und die Religionsfreiheit hat Papst Benedikt XVI. am 10. Januar 2011 einen bemerkenswerten Vortrag gehalten. Anlass war der Neujahrsempfang für den Diplomatischen Corps. 

Dabei sprach Benedikt im Angesicht des Terrors gegen Christen über das Menschenrecht auf Religionsfreiheit als „den grundlegenden Weg für den Aufbau des Friedens“. Der heutige Papst emeritus wörtlich weiter:

„Tatsächlich wird der Friede nur dann geschaffen und erhalten, wenn der Mensch Gott in seinem Herzen, in seinem Leben und in seinen Beziehungen zu den anderen in Freiheit suchen und ihm dienen kann.“

Nicht nur angesichts der Reise von Papst Franziskus nach Ägypten am heutigen 28. April lohnt sich ein genauer Blick auf diese Ansprache, die CNA im vollen Wortlaut dokumentiert, wie sie der Heilige Stuhl in deutscher Fassung zur Verfügung gestellt hat.

Neujahrsempfang für die Mitglieder des am Heiligen Stuhl akkreditierten Diplomatischen Korps (10. Januar 2011) | BENEDIKT XVI.

Exzellenzen!
Sehr geehrte Damen und Herren!

Mit Freude heiße ich Sie zu dieser Begegnung hier willkommen, die Sie, verehrte Vertreter so zahlreicher Länder, alljährlich um den Nachfolger Petri versammelt. Dieser Begegnung kommt eine hohe Bedeutung zu, denn sie ist ein Bild und zugleich eine Veranschaulichung der Rolle der Kirche und des Heiligen Stuhls in der internationalen Gemeinschaft. An jeden von Ihnen richte ich herzliche Grüße und Glückwünsche, besonders an jene, die zum ersten Mal hier sind. Ich bin Ihnen dankbar für das Engagement und die Aufmerksamkeit, mit denen Sie in der Ausübung Ihrer anspruchsvollen Aufgaben meine Tätigkeiten, die der Römischen Kurie und so in gewisser Weise das Leben der katholischen Kirche überall in der Welt verfolgen. Ihr Doyen, Botschafter Alejandro Valladares Lanza, hat Ihre Empfindungen zur Sprache gebracht, und ich danke ihm für die guten Wünsche, die er im Namen aller übermittelt hat. Da ich weiß, wie sehr Ihre Gemeinschaft in sich geeint ist, bin ich sicher, daß in Ihren Gedanken heute die Botschafterin des Königreichs der Niederlande, Baronin van Lynden-Leijten, gegenwärtig ist, die vor einigen Wochen ins Haus des Ewigen Vaters heimgekehrt ist. Im Gebet schließe ich mich Ihren Gefühlen an.

Während nun ein neues Jahr beginnt, hallt in unseren Herzen und in der ganzen Welt noch das Echo der freudigen Botschaft nach, die vor zweitausend Jahren in der Nacht von Bethlehem erschallt ist, in jener Nacht, die die Situation der Menschheit in ihrem Bedürfnis nach Licht, Liebe und Frieden symbolisiert. Den Menschen von damals wie denen von heute haben die himmlischen Heerscharen die gute Nachricht von der Ankunft des Heilands gebracht: „Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht; über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf“ (Jes 9,1). Das Geheimnis des Sohnes Gottes, der zum Menschensohn wird, übersteigt gewiß alle menschliche Erwartung. An keinerlei Vorleistung gebunden, ist dieses Heilsgeschehen die authentische und erschöpfende Antwort auf das tiefste Sehnen des Herzens. Was jeder Mensch bewußt oder unbewußt sucht – die Wahrheit, das Gute, das Glück, das Leben in Fülle –, wird ihm von Gott geschenkt. Im Streben nach diesen Gaben ist jeder Mensch auf der Suche nach Gott, weil „nur Gott auf das Verlangen antwortet, das im Herzen eines jeden Menschen wohnt“ (Nachsynodales Apostolisches Schreiben Verbum Domini, Nr. 23). In ihrer gesamten Geschichte zeigt die Menschheit durch ihre Glaubensanschauungen und ihre Riten ein unablässiges Suchen nach Gott, und „diese Ausdrucksweisen … sind so allgemein vorhanden, daß man den Menschen als ein religiöses Wesen bezeichnen kann“ (Katechismus der katholischen Kirche, Nr. 28). Die religiöse Dimension ist ein unleugbares und unbezwingliches Merkmal des menschlichen Seins und Handelns, sie ist der Maßstab für die Verwirklichung seiner Bestimmung und für den Aufbau der Gemeinschaft, der er angehört. Wenn der einzelne selbst oder seine Umgebung diesen fundamentalen Aspekt vernachlässigt oder leugnet, bilden sich folglich Unausgeglichenheiten und Konflikte auf allen Ebenen, sowohl im persönlichen als auch im zwischenmenschlichen Bereich.

In dieser ersten und fundamentalen Wahrheit liegt der Grund, warum ich in der diesjährigen Botschaft zum Weltfriedenstag die Religionsfreiheit als den grundlegenden Weg für den Aufbau des Friedens bezeichnet habe. Tatsächlich wird der Friede nur dann geschaffen und erhalten, wenn der Mensch Gott in seinem Herzen, in seinem Leben und in seinen Beziehungen zu den anderen in Freiheit suchen und ihm dienen kann.

Meine Damen und Herren Botschafter, Ihre Anwesenheit bei diesem festlichen Anlaß ist eine Einladung, den Blick über all die Länder schweifen zu lassen, die Sie vertreten, und über die ganze Welt. Gibt es in diesem Panorama nicht zahlreiche Situationen, in denen leider das Recht auf die Religionsfreiheit verletzt oder geleugnet wird? Dieses Recht des Menschen, das in Wirklichkeit das erste der Rechte ist, weil es – geschichtlich gesehen – als erstes bestätigt wurde, und das andererseits die grundlegende Dimension des Menschen angeht, nämlich sein Verhältnis zu seinem Schöpfer, wird es nicht allzu oft in Frage gestellt oder verletzt? Mir scheint, daß die Gesellschaft, ihre Verantwortlichen und die öffentliche Meinung sich heute mehr, wenn auch nicht immer in rechter Weise, dieser schweren Verwundung bewußt wird, die der Würde und der Freiheit des homo religiosus zugefügt wird und auf die ich immer wieder allgemein aufmerksam machen wollte.

Dies habe ich auf meinen Apostolischen Reisen im vergangenen Jahr nach Malta und Portugal, nach Zypern, in das Vereinigte Königreich und nach Spanien getan. Unabhängig vom unterschiedlichen Charakter dieser Länder erinnere ich mich voller Dankbarkeit an sie alle wegen des Empfangs, den sie mir bereitet haben. Die Sonderversammlung der Bischofssynode für den Nahen Osten, die im Monat Oktober im Vatikan stattfand, war ein Moment des Gebetes und der Besinnung, in dem die Gedanken nachdrücklich zu den christlichen Gemeinschaften dieser Weltregion gingen, die wegen ihrer Zugehörigkeit zu Christus und zur Kirche so viel durchmachen müssen.

Ja, im Blick auf den Orient haben uns die Attentate zutiefst betrübt, die unter den Christen des Irak Tod, Schmerz und Verzweiflung gesät haben und sie sogar veranlassen, das Land zu verlassen, wo ihre Väter jahrhundertelang gelebt haben. Ich wiederhole meinen besorgten Appell an die Verantwortungsträger dieses Landes und an die islamischen Religionsführer, sich dafür einzusetzen, daß ihre christlichen Mitbürger in Frieden leben und weiterhin ihren Beitrag zu der Gesellschaft leisten können, deren vollgültige Mitglieder sie sind. Auch in Ägypten, in Alexandrien, hat der Terrorismus Gläubige beim Gebet in einer Kirche brutal getroffen. Diese Folge von Angriffen ist ein weiteres Zeichen für die dringende Notwendigkeit, daß die Regierungen der Region trotz der Schwierigkeiten und der Drohungen wirksame Maßnahmen zum Schutz der religiösen Minderheiten ergreifen. Muß es noch einmal gesagt werden? „Die Christen“ im Nahen Osten „sind ursprüngliche und vollwertige Bürger, die loyal zu ihrer Heimat und zu allen ihren staatsbürgerlichen Pflichten stehen. Es versteht sich von selbst, daß sie alle Rechte der Staatsbürgerschaft, der Gewissens- und Religionsfreiheit, der Freiheit im Erziehungs- und Bildungswesen sowie beim Gebrauch der sozialen Kommunikationsmittel in Anspruch nehmen können“ (Botschaft der Sonderversammlung der Bischofssynode für den Nahen Osten an das Volk Gottes, Nr. 10). In dieser Hinsicht schätze ich die Aufmerksamkeit für die Rechte der Schwächsten und den politischen Weitblick, den manche Länder Europas in den letzten Tagen bewiesen haben, indem sie eine konzertierte Antwort der Europäischen Union zum Schutz der Christen im Nahen Osten forderten. Ich möchte schließlich daran erinnern, daß das Recht auf Religionsfreiheit dort keine volle Anwendung findet, wo nur die Kultusfreiheit, noch dazu mit Einschränkungen, gewährleistet wird. Ferner lade ich ein, die umfassende Wahrung der Religionsfreiheit und der anderen Menschenrechte durch Programme zu begleiten, die von der Grundschule an und im Rahmen des Religionsunterrichts zum Respekt gegenüber allen Brüdern und Schwestern in der Menschheit erziehen. Was die Länder auf der Arabischen Halbinsel betrifft, wo zahlreiche zugewanderte christliche Arbeiter leben, wünsche ich, daß die katholische Kirche über geeignete pastorale Strukturen verfügen kann.

Unter den Normen, die das Recht der Menschen auf Religionsfreiheit verletzen, muß das Gesetz gegen Blasphemie in Pakistan besondere Erwähnung finden: Ich ermutige die Verantwortungsträger dieses Landes erneut, die nötigen Anstrengungen zu unternehmen, es aufzuheben, um so mehr, da es offensichtlich als Vorwand dient, um Ungerechtigkeit und Gewalt gegen die religiösen Minderheiten zu provozieren. Der tragische Mord am Gouverneur der Provinz Punjab zeigt, wie dringend es ist, in diesem Sinn voranzugehen: Die Verehrung Gott gegenüber fördert Brüderlichkeit und Liebe, nicht Haß und Entzweiung. Andere besorgniserregende Situationen mit gelegentlichen Gewaltakten können im Süden und Südosten des asiatischen Kontinents erwähnt werden, in Ländern, die übrigens eine Tradition friedlicher gesellschaftlicher Beziehungen haben. Das besondere Gewicht einer bestimmten Religion in einer Nation dürfte niemals zur Folge haben, daß die Bürger, die einem anderen Bekenntnis angehören, im gesellschaftlichen Leben diskriminiert werden oder, noch schlimmer, daß Gewalt gegen sie geduldet wird. In dieser Hinsicht ist es wichtig, daß der interreligiöse Dialog einen allgemeinen Einsatz unterstützt, die Religionsfreiheit aller Menschen und aller Gemeinschaften anzuerkennen und zu fördern. Schließlich verschont, wie ich schon gesagt habe, die Gewalt gegen Christen auch Afrika nicht. Die Angriffe gegen Kultstätten in Nigeria, gerade als die Geburt Christi gefeiert wurde, sind ein weiteres trauriges Zeugnis dafür.

In verschiedenen Ländern hingegen erkennt die Verfassung eine gewisse Religionsfreiheit an, de facto aber wird das Leben der Religionsgemeinschaften erschwert und manchmal sogar gefährdet (vgl. Zweites Vatikanisches Konzil, Erklärung Dignitatis humanae, Nr. 15), weil die rechtliche oder gesellschaftliche Ordnung sich an philosophischen und politischen Systemen orientiert, die eine strikte Kontrolle – um nicht zu sagen ein Monopol – des Staates über die Gesellschaft fordern. Solche Zweideutigkeiten müssen aufhören, damit die Gläubigen sich nicht zwischen der Treue zu Gott und der Loyalität gegenüber ihrem Heimatland hin- und hergerissen sehen. Ich fordere im besonderen, daß in Übereinstimmung mit den internationalen Normen und Standards auf diesem Gebiet den katholischen Gemeinschaften überall die volle Selbstbestimmung und die Freiheit, ihre Sendung zu erfüllen, garantiert wird.

In diesem Moment gehen meine Gedanken erneut an die Katholiken in Kontinental-China und an ihre Hirten, die eine Zeit von Schwierigkeiten und Prüfungen durchleben. Ich möchte auch ein Wort der Ermutigung an die Verantwortungsträger in Kuba richten – ein Land, das 2010 fünfundsechzig Jahre ununterbrochene diplomatische Beziehungen mit dem Heiligen Stuhl gefeiert hat –, daß der mit der katholischen Kirche glücklicherweise begonnene Dialog weiter verstärkt und ausgeweitet wird.

Wenn wir unseren Blick vom Osten auf den Westen lenken, finden wir uns anderen Arten der Bedrohung der vollen Ausübung der Religionsfreiheit gegenüber. Ich denke an erster Stelle an die Länder, in denen dem Pluralismus und der Toleranz große Bedeutung zugemessen wird, wo aber die Religion eine zunehmende Ausgrenzung erleidet. Man neigt dazu, die Religion, jede Religion, als einen unbedeutenden Faktor anzusehen, welcher der modernen Gesellschaft fremd ist oder sie gar destabilisiert, und man sucht mit verschiedenen Mitteln allen Einfluß auf das gesellschaftliche Leben zu verhindern. Man geht so weit zu verlangen, daß die Christen bei der Ausübung ihres Berufs ohne Bezug auf ihre religiöse und moralische Überzeugung, ja sogar im Gegensatz zu ihnen handeln, wie zum Beispiel dort, wo Gesetze in Kraft sind, die das Recht der Weigerung aus Gewissensgründen für Fachkräfte im Gesundheitswesen oder für gewisse im Rechtsbereich Tätige einschränken.

In diesem Zusammenhang kann man sich nur darüber freuen, daß im vergangenen Oktober der Europarat eine Resolution angenommen hat, die das Recht der im medizinischen Bereich Tätigen auf Weigerung aus Gewissensgründen in bezug auf gewisse Handlungen, die – wie die Abtreibung – das Recht auf Leben schwer verletzen, schützt.

Ein anderer Ausdruck der Ausgrenzung der Religion, des Christentums im besonderen, besteht in der Verbannung religiöser Feste und Symbole aus dem öffentlichen Leben im Namen der Achtung derer, die anderen Religionen angehören oder die nicht glauben. Durch ein solches Handeln wird nicht nur das Recht der Gläubigen eingeschränkt, öffentlich ihren Glauben zu bekunden, sondern man schneidet auch die kulturellen Wurzeln ab, die die tiefste Identität und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zahlreicher Nationen nähren. Im vergangenen Jahr haben sich einige europäische Länder dem Rekurs der italienischen Regierung gegen die bekannte Causa hinsichtlich der Anbringung des Kruzifixes an öffentlichen Orten angeschlossen. Ich möchte den Verantwortungsträgern dieser Nationen meinen Dank zum Ausdruck bringen, ebenso allen, die sich in diesem Sinne eingesetzt haben, den Bischöfen, Organisationen und den zivilen oder religiösen Vereinigungen, insbesondere dem Patriarchat von Moskau und den anderen Vertretern der Hierarchie der Orthodoxie, und ebenso allen Menschen – gläubig oder auch nicht gläubig –, die ihre Anhänglichkeit an dieses Symbol voll universaler Werte zeigen wollten.

Die Religionsfreiheit anzuerkennen bedeutet außerdem zu gewährleisten, daß die Religionsgemeinschaften in der Gesellschaft mit Initiativen im Sozial-, Wohltätigkeits- oder Bildungswesen frei wirken können. Überall in der Welt kann man im übrigen feststellen, wie fruchtbar die Werke der katholischen Kirche in diesen Bereichen sind. Es ist besorgniserregend, daß der Dienst, den die religiösen Gemeinschaften der ganzen Gesellschaft, insbesondere für die Erziehung der jungen Generationen, erweisen, durch Gesetzespläne gefährdet oder behindert wird, die eine Art staatliches Monopol in Schulangelegenheiten zu schaffen drohen, wie zum Beispiel in manchen Ländern Lateinamerikas festzustellen ist. Da die meisten von ihnen den zweihundertsten Jahrestag ihrer Unabhängigkeit feiern, was eine gute Gelegenheit darstellt, an den Beitrag der katholischen Kirche zur Formung ihrer nationalen Identität zu erinnern, lade ich alle Regierungen ein, Bildungssysteme zu fördern, die das Urrecht der Familien achten, über die Erziehung ihrer Kinder zu entscheiden, und die sich an dem für die Organisation einer gerechten Gesellschaft grundlegenden Prinzip der Subsidiarität orientieren.

In Weiterführung meiner Überlegungen kann ich einen anderen Angriff auf die religiöse Freiheit der Familien in einigen europäischen Ländern nicht schweigend übergehen, wo die Teilnahme an Kursen der Sexualerziehung oder Bürgerkunde verpflichtend auferlegt wird, bei denen ein angeblich neutrales Bild des Menschen und des Lebens vermittelt wird, das aber in Wirklichkeit eine dem Glauben und der rechten Vernunft gegensätzliche Anthropologie widerspiegelt.

Meine Damen und Herren Botschafter, gestatten Sie, daß ich bei diesem feierlichen Anlaß einige Prinzipien darlege, an denen sich der Heilige Stuhl mit der ganzen katholischen Kirche bei seinen Tätigkeiten im Rahmen der zwischenstaatlichen internationalen Organisationen inspiriert, um die volle Achtung der Religionsfreiheit für alle zu fördern. Zunächst gibt es die Überzeugung, daß man eine Art Skala des Ausmaßes von Intoleranz zwischen den Religionen erstellen könne. Leider kommt eine solche Haltung häufig vor, und es sind eben Akte von Diskriminierungen gegenüber Christen, die als weniger schwerwiegend angesehen und seitens der Regierungen und der öffentlichen Meinung weniger der Aufmerksamkeit wert erachtet werden. Gleichzeitig muß auch der gefährliche Kontrast zurückgewiesen werden, den manche zwischen dem Recht auf Religionsfreiheit und den anderen Menschenrechten herstellen wollen, so daß sie die zentrale Rolle der Achtung der Religionsfreiheit bei der Verteidigung und beim Schutz der hohen Würde des Menschen vergessen oder leugnen. Ebensowenig gerechtfertigt sind die Versuche, dem Recht auf Religionsfreiheit sogenannte neue Rechte entgegenzusetzen, die von gewissen Kreisen der Gesellschaft gefördert werden und in die nationalen Gesetzgebungen oder in die internationalen Direktiven Eingang finden, die aber in Wirklichkeit nichts anderes als der Ausdruck egoistischer Wünsche sind und in der echten menschlichen Natur ihrer Grundlage entbehren. Schließlich muß festgestellt werden, daß eine rein abstrakte Proklamierung der Religionsfreiheit nicht ausreicht: Diese Grundnorm des gesellschaftlichen Lebens muß auf allen Ebenen und in allen Bereichen angewandt und respektiert werden; andernfalls läuft man trotz ihrer grundsätzlichen Bejahung Gefahr, gegenüber den Bürgern, die ihren Glauben frei bekennen und ausüben wollen, große Ungerechtigkeiten zu begehen.

Die Förderung einer vollen Religionsfreiheit der katholischen Gemeinschaften ist auch das Ziel, das der Heilige Stuhl beim Abschluß von Konkordaten oder anderen Verträgen verfolgt. Ich freue mich, daß Staaten in den verschiedenen Regionen der Erde und von verschiedenen Religions- Kultur- und Rechtstraditionen den Weg internationaler Abkommen wählen, um die Beziehungen zwischen der politischen Gemeinschaft und der katholischen Kirche zu organisieren. Dabei legen sie im Dialog den Rahmen einer Zusammenarbeit, die die gegenseitigen Kompetenzen achtet, fest. Im vergangenen Jahr wurde ein Abkommen bezüglich der Seelsorge für die katholischen Gläubigen in den Streitkräften Bosnien-Herzegowinas geschlossen und in Kraft gesetzt, und gegenwärtig sind Verhandlungen mit verschiedenen Ländern im Gange. Wir hoffen auf einen positiven Ausgang, der Lösungen garantiert, die die Natur und Freiheit der Kirche zum Wohl der ganzen Gesellschaft respektieren.

Die Tätigkeit der Vertreter des Papstes bei den Staaten und den internationalen Organisationen steht ebenso im Dienst der Religionsfreiheit. Mit Zufriedenheit möchte ich hervorheben, daß die Verantwortungsträger des Vietnam zugestimmt haben, daß ich einen Repräsentanten ernenne, der durch seine Besuche der geliebten katholischen Gemeinschaft dieses Landes die Fürsorge des Nachfolgers Petri zum Ausdruck bringen wird. Desgleichen möchte ich daran erinnern, daß im letzten Jahr das diplomatische Netz des Heiligen Stuhls in Afrika weiter ausgebaut wurde; in drei Ländern, wo der Nuntius nicht residiert, wurde nun eine stabile Präsenz gesichert. So Gott will, werde ich nochmals auf diesen Kontinent zurückkehren, nämlich im kommenden November nach Benin, um das Apostolische Schreiben zu übergeben, das die Frucht der Arbeiten der zweiten Sonderversammlung der Bischofssynode für Afrika zusammenfassen wird.

Vor diesem geschätzten Auditorium möchte ich schließlich nochmals nachdrücklich sagen, daß die Religion kein Problem für die Gesellschaft darstellt, daß sie kein Unruhe- oder Konfliktfaktor ist. Ich möchte wiederholen, daß die Kirche weder Privilegien sucht, noch sich in ihrer Mission in fremde Bereiche einmischen, sondern einfach ihre Sendung in Freiheit ausüben will. Einen jeden lade ich ein, die große Lehre der Geschichte anzuerkennen: „Wie könnte man den Beitrag der großen Weltreligionen zur Entwicklung der Zivilisation leugnen? Die aufrichtige Suche nach Gott hat zu einer vermehrten Achtung der Menschenwürde geführt. Die christlichen Gemeinschaften haben mit ihrem Erbe an Werten und Grundsätzen erheblich dazu beigetragen, daß Menschen und Völker sich ihrer eigenen Identität und ihrer Würde bewußt wurden, und ebenso sind sie an der Errungenschaft demokratischer Einrichtungen sowie an der Festschreibung der Menschenrechte und der entsprechenden Pflichten beteiligt. Auch heute, in einer zunehmend globalisierten Gesellschaft, sind die Christen berufen, nicht allein mit einem verantwortlichen zivilen, wirtschaftlichen und politischen Engagement, sondern auch mit dem Zeugnis der eigenen Nächstenliebe und des persönlichen Glaubens einen wertvollen Beitrag zu leisten zum mühsamen und erhebenden Einsatz für die Gerechtigkeit, für die ganzheitliche Entwicklung des Menschen und für die rechte Ordnung der menschlichen Angelegenheiten“ (Botschaft zum Weltfriedenstag 2011, Nr. 7).

Ein Sinnbild ist in dieser Hinsicht die Gestalt der seligen Mutter Teresa von Kalkutta: Der hundertste Jahrestag ihrer Geburt wurde in Tirana, Skopje und Priština sowie in Indien gefeiert. Nicht nur seitens der Kirche, sondern auch seitens der zivilen Verantwortungsträger und religiösen Führer, ohne die Menschen aller Glaubensrichtungen zu zählen, wurde ihr überschwengliche Ehre erwiesen. Beispiele wie ihres zeigen der Welt, wie das Engagement aus dem Glauben der ganzen Gesellschaft zugute kommt.

Keine menschliche Gesellschaft beraube sich freiwillig des grundlegenden Beitrags, den die Gläubigen und die Religionsgemeinschaften darstellen! Wie das Zweite Vatikanische Konzil in Erinnerung gerufen hat, bedeutet die rechte religiöse Freiheit voll und für alle zu gewährleisten, daß „der Gesellschaft selber die Werte der Gerechtigkeit und des Friedens zugute kommen, die aus der Treue der Menschen gegenüber Gott und seinem heiligen Willen hervorgehen“ (Erklärung Dignitatis humanae, Nr. 6).

Mit unserem Wunsch, daß dieses neue Jahr an Eintracht und wirklichem Fortschritt reich sein möge, ermutige ich daher alle, die Verantwortlichen in der Politik, die Religionsführer und die Menschen jeden Ranges, entschlossen den Weg zu einem echten und dauerhaften Frieden einzuschlagen, der über die Achtung des Rechts auf Religionsfreiheit in allen ihren Bereichen führt.

Damit dieser Einsatz in die Tat umgesetzt wird, ist es notwendig, daß die ganze Menschheitsfamilie sich darin einbringt. Für diesen Einsatz erbitte ich den Segen des allmächtigen Gottes, der unsere Versöhnung mit ihm und untereinander gewirkt hat durch seinen Sohn Jesus Christus, der unser Friede ist (vgl. Eph 2,14).

Ihnen allen wünsche ich ein gutes neues Jahr!

 

VATIKANSTADT , 28 April, 2017 / 12:06 AM (CNA Deutsch).-

Einleitung in die Arbeiten des ersten Tages des Jubiläums der Katecheten

maria-jesus-statue-slide-2800x811-k-s

EINLEITUNG
von Seiner Exzellenz Mons. Csaba Ternyák
Titular-Erzbischof von Eminenziana
Sekretär der Kongregation für den Klerus

Mit der freudigen und originellen Pädagogik des Glaubens

Einleitung in die Arbeiten des ersten Tages des Jubiläums der Katecheten
Samstag, 9. Dezember 2000 16.30 Uhr

 

Liebe Katecheten Religionslehrer, verehrte Brüder im Bischofs- und im Priesteramt, Geistliche, liebe Professoren, Lehrer und Ausbilder, und alle Gläubigen, die aus verschiedenen Gründen in der Diakonie der Wahrheit tätig sind

Willkommen ad Petri sedem, und willkommen in dieser Studiensession, in der wir brennend wünschen, mit Glauben und Treue, die rettende Universalität des Mysteriums Jesu Christi und seiner Kirche zu bestätigen und zu bezeugen (vgl. Kongregation für die Doktrin des Glaubens, Erklärung Dominus Iesus, Nr. 2, vom 6.8.2000). Dieses Geheimnis hat einen Namen: die Wahrheit, die Christus selbst ist, leuchtende und freudige Wahrheit, die uns zur Rettung aller Menschen offenbart wurde als wahrer und ewiger Orientierungsstern (vgl. Johannes Paul II, Fides et ratio, Nr. 15)

1. Erlaubt mir in diesem Zusammenhang, den Heiligen Geist mit den Anfangsworten des Gesangs Veni Creator anzurufen, denn er ist der wichtigste Hauptdarsteller der evangelisierenden Mission der Kirche (Johannes Paul II., Redeptoris Missio, 30), der Hauptagierende der neuen Evangelisierung (Ibid., Lett. ap. Tertio Millennio Adveniente, 45), derjenige, der uns drängt das Evangelium zu verkünden und uns tief im Inneren das Wort der Rettung begreifen lässt (Paul VI., Evangelii Nuntiandi, 75).

„Komme, oh Schöpfergeist,
besuche unseren Geist,
erfülle mit deiner Gnade
die Herzen, die Du geschaffen hast „

(Aus dem Lied Veni creator)

Wir wissen sehr gut, dass „auch die raffinierteste Vorbereitung des Evangelisierenden nicht ohne Ihn tätig sein kann. Ohne Ihn ist die überzeugendste Dialektik wirkungslos auf den Geist der Menschen. Ohne Ihn sind die ausgearbeitetsten Schemata auf der Grundlage der Soziologie und Psychologie leer und ohne Wert“ (Ibid. Evangelii Nuntiandi, 75).

Es würde außerdem nicht den Absichten des Jubiläums entsprechen, wenn dieser Tag, kurz vor dem Beginn des Dritten Jahrtausends und des zentralen Geheimnisses des christlichen Glaubens, uns nicht helfen würde zu entdecken, dass neben uns „Maria steht, die Mutter Jesu“ (Joh 2,1), Braut und Heiligtum des Heiligen Geistes (II. Vat. Konzil II, Lumen gentium, 53). Gemeinsam mit Joseph und Elisabeth, die vom Geist bereits die göttliche Mutterschaft der Jungfrau kennen, erfreuen wir uns in dieser Adventszeit am unvergleichlichen Meisterwerk, das Gott in Maria ausgeführt hat und erfreuen uns der göttlichen Überraschungen, der großen Dinge in Ihr bewirkt vom Allmächtigen (vgl. Lk 1,49), wir jubeln aufgrund der göttlichen Paradoxe – das Göttliche im Menschen, das unermessliche im Endlichen, der Erzeuger in seiner Schöpfung -, den nur die Kleinen und Demütigen in der Lage sind, zu betrachten und zu verstehen, wie die Hirten von Bethlehem und die Heiligen Drei Könige aus dem fernen Orient.

Wir entdecken in der Vertiefung einiger Aspekte der katechetischen Mission der Kirche, dass Maria die erste war, die von Gott unterrichtet wurde, die erste vor allem, weil kein Wesen jemals mit ähnlicher Fülle und Tiefe ausgebildet worden war: „Mutter und Jüngerin zugleich“ (Sankt Augustin Predigt 25,7: PL 46, 937-938).

Es ist nicht ohne Grund, dass in der Synodenaula, vor der IV. Generalversammlung der Bischofssynode, die im Oktober 1977 in Rom zusammengetreten ist, das Thema der Katechese betrachtet wurde, es wurde gesagt, dass Maria, die „ein lebender Katechismus ist“, „Mutter und Vorbild der Katecheten“ (Johannes Paul II., Catechesi Tradendae, 73).

2. In diesem Zusammenhang erhält unser heutiges Treffen seine Bedeutung: möge die Präsenz des Heiligen Geistes, dank der Gebete Marias, uns allen und der gesamten Kirche zu verstehen geben, mit der Intelligenz des Herzens, dass das Evangelium als Botschaft verkündet wird, als frohe Botschaft, die sich auf die Person Jesu, den Sohn Gottes und Erlöser des Menschen, konzentriert.

In diesem Sinn, werden uns die bevorstehenden, erleuchtenden Überlegungen Seiner Eminenz, Kardinal Präfekt der Heiligen Kongregation für den Klerus, sowie Präsidenten der Päpstlichen Kommission Ecclesia Dei, sowie die nachfolgenden Mitteilungen einiger Laien zu wichtigen Aspekten der Katechese den Weg aufweisen: „die Katechese muss dem Menschen helfen Christus zu treffen, einen Dialog mit ihm zu führen, in Ihn einzutauchen“(Johannes Paul II., Ansprache des ad limina-Besuchs der Bischöfe Litauens, 17. September 1999, in L’O.R. Nr. 215/1999, p.7).

Wenn dieses vibrierende Treffen mit Christus fehlt, wird das Christentum zu trockenem Boden, wo die Winde der Verweltlichung und des doktrinalen und existentiellen Relativismus herrschen und wo die Götzenversuchungen von Sekten voller falschem Spiritualismus ungestört die Oberhand ergreifen. Wir wissen sehr gut, dass mit der Fleischwerdung des Wortes, unsere menschliche Geschichte aufgehört hat, trockener Boden zu sein wie es vor der Fleischwerdung schien, um die Bedeutung und den Wert der universellen Hoffnung aufzunehmen. Tatsächlich hat sich „Gott mit der Fleischwerdung des Sohnes Gottes in gewisser Weise jedem Menschen genähert “ (Gaudium et spes, Nr. 22).

Um einen Ausdruck des Heiligen Irenäus zu verwenden, den der Heilige Vater so sehr schätzt, „dürfen wir uns mit der Katechese nicht erlauben, der Welt ein Bild des trockenen Bodens zu geben, nachdem wir das Wort Gottes erhalten haben, das wie Regen vom Himmel heruntergefallen ist; noch können wir je fordern ein Brot zu werden, wenn wir vermeiden, dass das Mehl mit dem Wasser vermengt wird, das in uns ausgeschüttet worden ist “ (Johannes Paul II., Incarnationis mysterium, 4; vgl. Sankt Irenäus, Gegen die Häresien, III,17: PG 7,930)

Die Menschheit braucht das Wort, „das Wort Gottes, das in Euch, die ihr glaubt, wirkt“ (1 Thess 2,13), und das Sakrament, das in der Geschichte die rettende Aktion Jesus präsent macht und verlängert.

Die Katechese wird also wirksam sein, wenn sie es verstehen wird, im Dritten Jahrtausend Leitfaden und Weg des Menschen auf seine sakramentale Kommunion mit Christus zu sein und jene Wärme auslösen wird, wie der erste Brief des Apostels Johanne, der begann: „Das was vom Anbeginn war, was wir gehört habe, was wir mit unseren Augen gesehen haben (…) verkünden wir auch euch, damit ihr in Kommunion mit uns sein könnt. Unsere Kommunion ist mit dem Vater und seinem Sohn Jesus Christus“ (1 Joh 1,3).

Das also ist die freudige und originelle Pädagogik des Glaubens: es geht nicht darum, nur ein menschliches Wissen zu vermitteln, wenn auch das höchste; sondern darum, in seiner Integrität und Lebendigkeit in der Person des Fleisch gewordenen, gekreuzigten und auferstandenen Wortes, die Kraft und das Wissen Gottes zu verkünden. Es ist ein Wissen, das auch und hauptsächlich mit der Kraft eines Zeugnisses eines heiligen Lebens von Seiten des Katecheten bezeugt wird.

3. Dies alles wird, wenn auch kurz, so doch bewundernswert in den Arbeiten entwickelt werden, die morgen früh weitergehen werden. Es besteht kein Zweifel daran, dass die Wirksamkeit der Evangelisierung zum großen Teil von der Heiligkeit der Priester und Diakone abhängt, „kluge Mitarbeiter der bischöflichen Ordnung“ (Lumen gentium, 28), die über ihre kapillare Aktion unter der Herde, die ihnen anvertraut wurde, versichern können, dass jede christliche Gemeinde mit dem Wort Gottes genährt und von der Gnade der Sakramente unterstützt wird. Aber abgesehen von den spezifischen pastoralen Aufgaben, muss man ein neues, tiefgreifendes Bewusstsein nähren, dass nämlich die Herausforderung der neuen Evangelisierung nicht angemessen angegangen werden kann, wenn man sich nicht auf die prophetische Aufgabe aller Getauften stützt, wie es unter anderem im Generaldirektorium für die Katechese hervorgehoben wird.

Mit den Worten von Johannes Paul II. müssen wir ausrufen, dass „es an der Zeit ist, dass die christlichen Gemeinschaften zu Gemeinschaften der Verkündigung werden!“ (Ansprache anlässlich des ad limina-Besuchs der Bischöfe Litauens, ibidem.)

Man muss dringend mit der Katechese selbst eine Laienspiritualität stützen, die den christlichen Laien hilft, ihre Berufung zur Heiligkeit tiefgreifend zu leben „indem sie die weltlichen Dinge Gott entsprechend behandeln und ordnen“ (Lumen gentium, 31).

Aus diesem Grund hat man in diesem Jubiläum der Katecheten, die Künste und Berufe der Laien hervorgehoben, die Instrumente der Katechese sein können und müssen, wahre Hefe Gottes, für ein weitreichendes und wirksames Zeugnis des Katecheten in der Gesellschaft, für den Schutz jener menschlichen und christlichen Werte, die die Zukunft der Menschheit ausmachen werden. Wir beziehen uns besonders auf den Respekt des menschlichen Lebens, auf die Einheit der Familie, die Verteidigung der Würde der Arbeit, im weitreichenden Bereich der bürgerlichen und politischen Strukturen, der sozialen Kommunikation und des künstlerischen Ausdrucks.

Zum Abschluss dieser einleitenden Überlegungen sagen wir, dass niemand in der Kirche sich als passives Subjekt betrachten kann. Wir alle können die Worte des Paulus ausrufen: „Wenn ich nämlich das Evangelium verkünde, kann ich mich deswegen nicht rühmen; denn ein Zwang liegt auf mir. Wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde “ (1 Kor 9,16). „Necessitas mihi incumbit“: denn ein Zwang liegt auf mir!

Das Treffen heute morgen mit dem Nachfolger Petri soll uns Ermunterung und Antrieb sein, um mit noch stärkerem Glauben und Unternehmungsgeist das missionarische Mandat anzugehen, das wir alle als Getaufte von Jesus erhalten haben.

Der Allerheiligsten Maria, Stern der neuen Evangelisierung, „die ganz auf Christus orientiert und auf die Enthüllung seiner rettenden Kraft entgegengeneigt ist“ (Johannes Paul II., Redemptoris Mater, Nr. 22), vertrauen wir uns und all diejenigen an, die sich an der Schwelle zum Dritten Jahrtausend in der Diakonie der Wahrheit einsetzen.

_______

Quelle

Jugend soll in Politik für Menschenwürde kämpfen

docat

Franziskus im Vorwort zu dem in Wien präsentierten DOCAT, dem jugendgemäßen Kompendium der Soziallehre der Kirche

Wien. Papst Franziskus hat die Jugend aufgefordert, in die Politik zu gehen und dort »für Gerechtigkeit und Menschenwürde, gerade für die Ärmsten«, zu kämpfen. Die Jugendlichen sollten auch der Kirche zu Lebendigkeit verhelfen – dadurch, dass sich die Kirche »herausfordern lässt von den Schreien der Entrechteten, von dem Flehen der Notleidenden und von denen, um die sich niemand kümmert«.

Der Papst äußerte sich im Vorwort zu dem in Wien präsentierten DOCAT, einem für die Jugend aufbereiteten Kompendium der Soziallehre der Kirche. »Wenn ein Christ in dieser Zeit an der Not der Ärmsten der Armen vorbeischaut, dann ist er in Wirklichkeit kein Christ. Können wir nicht mehr dafür tun, dass die Revolution der Liebe in vielen Teilen dieses gequälten Planeten Wirklichkeit wird? Die Soziallehre der Kirche kann so vielen Menschen helfen«, so Franziskus.

Franziskus erwähnt die zentralen Initiatoren bzw. Protektoren der DOCAT-Initative, die Kardinäle Christoph Schönborn (Wien) und Reinhard Marx (München): »Unter der bewährten Anleitung der Kardinäle Christoph Schönborn und Reinhard Marx hat sich ein Team an die Arbeit gemacht, um die befreiende Botschaft der katholischen Soziallehre vor die Jugend der Welt zu bringen. Dabei haben bekannte Wissenschaftler mitgearbeitet, und auch Jugendliche.«

Papst Franziskus ging in dem DOCAT-Vorwort auf die zunehmende Kluft von Arm und Reich ein: »Etwa ein Prozent der Weltbevölkerung besitzt mittlerweile 40 Prozent des gesamten Weltvermögens, und 10 Prozent der Weltbevölkerung besitzen 85 Prozent. Andererseits ›gehört‹ der Hälfte der Weltbevölkerung gerade einmal ein Prozent an dieser Welt.«

Es gebe Länder, in denen 40 bis 50 Prozent der Jugendlichen ohne Arbeit seien. »Ganze Landstriche werden entvölkert, weil die Armen der Erde in die Slums der Metropolen fliehen, in der Hoffnung, dort noch etwas zum Überleben zu finden. Die Produktionslogik einer globalisierten Wirtschaft hat die bescheidenen ökonomischen und landwirtschaftlichen Strukturen ihrer Heimatregionen zerstört«, schreibt Papst Franziskus in seinem Vorwort.

Und er äußert sich zum Ziel des neuen Buchs: »In dem Titel steckt das englische Wort ›to do‹, tun. Der DOCAT antwortet auf die Frage ›Was tun?‹ – und er ist so etwas wie eine Gebrauchsanweisung, die uns hilft, mit dem Evangelium erst einmal uns selbst, dann unser nächstes Umfeld und am Ende die ganze Welt zu verändern.«

Der DOCAT ist konkret; wo es etwa um Korruption geht, wird (auf Seite 179) der Papst mit seinem Verwesungsvergleich zitiert: »So wie ein totes Tier stinkt, so stinkt die Korruption, so stinkt eine korrupte Gesellschaft. Ein Christ, der die Korruption in sich eindringen lässt, stinkt ebenfalls.«

Über 80 zentrale Botschaften des Papstes sind über das Buch verteilt. Auf 320 Seiten, in 328 Fragen und Antworten und mit über 1.000 Stichworten behandelt der DOCAT alles, was wir u.a. über Liebe, Wirtschaft, Gerechtigkeit, Frieden, Arbeit und Familie wissen müssen. Dazu kommen Zitate von Päpsten genauso wie von Kirchenvätern, Politikern, Wissenschaftlern und Künstlern. »Der DOCAT ist eine Pflichtlektüre, weil er eine großartige Zusammenfassung der Katholischen Soziallehre bietet, und weil diese heute besonders wichtig ist«, sagte Kardinal Schönborn vor der DOCAT-Erstpräsentation gegenüber der Kirchenzeitung »Der Sonntag«.

Seine Premiere erlebte der DOCAT beim diesjährigen Weltjugendtag in Krakau, wo ihn Papst Franziskus als Geschenk an die Jugendlichen verteilte. Inzwischen ist der DOCAT in neun Sprachen erschienen, wie Verleger Bernhard Meuser berichtete. Ausgaben in insgesamt 32 Sprachen seien nach derzeitigem Stand geplant. Begleitend zum Buch gibt es den DOCAT auch als Smartphone-App.

Der DOCAT wird von der Österreichischen Bischofskonferenz herausgegeben und ist die jüngste Veröffentlichung des »YOUCAT«-Projekts. Der unter dieser Bezeichnung von den österreichischen Bischöfen initiierte Jugendkatechismus ist mittlerweile nach der Bibel weltweit das erfolgreichste katholische Buchprojekt.

Seit seinem Erscheinen vor fünf Jahren wurde der YOUCAT in 72 Sprachen übersetzt und hat eine Auflage von mehr als sechs Millionen Exemplaren.

_______

Quelle: Osservatore Romano 41/2016

Der Himmel ist die selige Gemeinschaft all derer, die völlig in Christus eingegliedert sind.

Heaven

Aus dem Katechismus der Katholischen Kirche:

II

Der Himmel

1023 Die in der Gnade und Freundschaft Gottes sterben und völlig geläutert sind, leben für immer mit Christus. Sie sind für immer Gott ähnlich, denn sie sehen ihn, „wie er ist“ (1 Joh 3,2), von Angesicht zu Angesicht [Vgl. 1 Kor 13,12; Offb 22,4].

„Wir definieren kraft Apostolischer Autorität, daß nach allgemeiner Anordnung Gottes die Seelen aller Heiligen … und anderer Gläubigen, die nach der von ihnen empfangenen heiligen Taufe Christi verstorben sind, in denen es nichts zu reinigen gab, als sie dahinschieden, … oder wenn es in ebendiesen damals etwas zu reinigen gab oder geben wird, wenn sie nach ihrem Tod gereinigt wurden, auch vor der Wiederannahme ihrer Leiber und dem allgemeinen Gericht nach dem Aufstieg unseres Erlösers und Herrn Jesus Christus in den Himmel, das Himmelreich und das himmlische Paradies mit Christus in der Gemeinschaft der heiligen Engel versammelt waren, sind und sein werden, und nach dem Leiden und Tod des Herrn Jesus Christus das göttliche Wesen in einer unmittelbaren Schau und auch von Angesicht zu Angesicht geschaut haben und schauen – ohne Vermittlung eines Geschöpfes“ (Benedikt XII.: DS 1000) [Vgl. LG 49].

1024 Dieses vollkommene Leben mit der allerheiligsten Dreifaltigkeit, diese Lebens- und Liebesgemeinschaft mit ihr, mit der Jungfrau Maria, den Engeln und allen Seligen wird „der Himmel“ genannt. Der Himmel ist das letzte Ziel und die Erfüllung der tiefsten Sehnsüchte des Menschen, der Zustand höchsten, endgültigen Glücks.

1025 Im Himmel leben heißt „mit Christus sein“ [Vgl. Joh 14,3; Phil 1,23; 1 Thess 4,17]. Die Auserwählten leben „in ihm“, behalten oder, besser gesagt, finden dabei jedoch ihre wahre Identität, ihren eigenen Namen [Vgl. Offb 2,17]:

„Leben heißt mit Christus sein; wo Christus ist, da ist somit das Leben, da das Reich“ (Ambrosius, Luc. 10, 121).

1026 Durch seinen Tod und seine Auferstehung hat uns Jesus Christus den Himmel „geöffnet“. Das Leben der Seligen besteht im Vollbesitz der Früchte der Erlösung durch Christus. Dieser läßt jene, die an ihn geglaubt haben und seinem Willen treu geblieben sind, an seiner himmlischen Verherrlichung teilhaben. Der Himmel ist die selige Gemeinschaft all derer, die völlig in ihn eingegliedert sind.

1027 Dieses Mysterium der seligen Gemeinschaft mit Gott und all denen, die in Christus sind, geht über jedes Verständnis und jede Vorstellung hinaus. Die Schrift spricht zu uns davon in Bildern, wie Leben, Licht, Frieden, festliches Hochzeitsmahl, Wein des Reiches, Haus des Vaters, himmlisches Jerusalem und Paradies: „Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, was keinem Menschen in den Sinn gekommen ist; das Große, das Gott denen bereitet hat, die ihn lieben“ (1 Kor 2,9).

1028 Da Gott unendlich erhaben ist, kann er nur dann gesehen werden, wie er ist, wenn er selbst den Menschen sein Mysterium unmittelbar schauen läßt und ihn dazu befähigt. Diese Schau Gottes in seiner himmlischen Herrlichkeit wird von der Kirche „die beseligende Schau“ [visio beatifica] genannt.

„Welcher Ruhm, welche Lust wird es sein, wenn du zugelassen wirst, um Gott zu schauen, wenn du der Ehre gewürdigt wirst, mit Christus, deinem Herrn und Gott, die Freude des ewigen Heils und Lichts zu genießen …‚ mit den Gerechten und Freunden Gottes im Himmelreich dich der Wonne der verliehenen Unsterblichkeit zu freuen!“ (Cyprian, ep. 58, 10,1).

1029 In der Herrlichkeit des Himmels erfüllen die Seligen weiterhin mit Freude den Willen Gottes. Sie tun dies auch in bezug auf die anderen Menschen und die gesamte Schöpfung, indem sie mit Christus herrschen; mit ihm werden sie „herrschen in alle Ewigkeit“ (Offb 22,5) [Vgl. Mt 25,21.23].

Die Lehre der Kirche sagt, daß es eine Hölle gibt und daß sie ewig dauert

Drag-Me-To-Hell-Wallpaper-alison-lohman-7075884-1680-1050

Aus dem Katechismus der Katholischen Kirche:

IV

Die Hölle

1033 Wir können nicht mit Gott vereint werden, wenn wir uns nicht freiwillig dazu entscheiden, ihn zu lieben. Wir können aber Gott nicht lieben, wenn wir uns gegen ihn, gegen unseren Nächsten oder gegen uns selbst schwer versündigen: „Wer nicht liebt, bleibt im Tod. Jeder, der seinen Bruder haßt, ist ein Mörder, und ihr wißt: Kein Mörder hat ewiges Leben, das in ihm bleibt“ (1 Joh 3,14-15). Unser Herr macht uns darauf aufmerksam, daß wir von ihm getrennt werden, wenn wir es unterlassen, uns der schweren Nöte der Armen und Geringen, die seine Brüder und Schwestern sind, anzunehmen [Vgl. Mt 25,31-46]. In Todsünde sterben, ohne diese bereut zu haben und ohne die barmherzige Liebe Gottes anzunehmen, bedeutet, durch eigenen freien Entschluß für immer von ihm getrennt zu bleiben. Diesen Zustand der endgültigen Selbstausschließung aus der Gemeinschaft mit Gott und den Seligen nennt man „Hölle“.

1034 Jesus spricht öfters von der „Gehenna“ des „unauslöschlichen Feuers“ [Vgl. Mt 5,22. 29; 13, 42. 50; Mk 9,43-48], die für jene bestimmt ist, die bis zum Ende ihres Lebens sich weigern, zu glauben und sich zu bekehren, und wohin zugleich Seele und Leib ins Verderben geraten können [Vgl. Mt 10,28]. Jesus kündigt in ernsten Worten an, daß er „seine Engel aussenden“ wird, die „alle zusammenholen, die andere verführt und Gottes Gesetz übertreten haben, und … in den Ofen werfen, in dem das Feuer brennt“ (Mt 13,41-42), und daß er das Verdammungsurteil sprechen wird: „Weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer!“ (Mt 25,41).

1035 Die Lehre der Kirche sagt, daß es eine Hölle gibt und daß sie ewig dauert. Die Seelen derer, die im Stand der Todsünde sterben, kommen sogleich nach dem Tod in die Unterwelt, wo sie die Qualen der Hölle erleiden, „das ewige Feuer“ [Vgl. DS 76; 409; 411; 801; 858; 1002; 1351; 1575; SPF 12]. Die schlimmste Pein der Hölle besteht in der ewigen Trennung von Gott, in dem allein der Mensch das Leben und das Glück finden kann, für die er erschaffen worden ist und nach denen er sich sehnt.

1036 Die Aussagen der Heiligen Schrift und die Lehren der Kirche über die Hölle sind eine Mahnung an den Menschen, seine Freiheit im Blick auf sein ewiges Schicksal verantwortungsvoll zu gebrauchen. Sie sind zugleich ein eindringlicher Aufr uf zur Bekehrung: „Geht durch das enge Tor! Denn das Tor ist weit, das ins Verderben führt, und der Weg dahin ist breit, und viele gehen auf ihm. Aber das Tor, das zum Leben führt, ist eng, und der Weg dahin ist schmal, und nur wenige finden ihn“ (Mt 7,13-14).

„Da wir weder Tag noch Stunde wissen, müssen wir auf die Ermahnung des Herrn hin standhaft wachen, damit wir, wenn unser einmaliger irdischer Lebenslauf erfüllt ist, mit ihm zur Hochzeit einzutreten und den Gesegneten zugezählt zu werden verdienen und uns nicht wie bösen und faulen Knechten geheißen wird, ins ewige Feuer zu weichen, in die Finsternis draußen, wo ‚Heulen und Zähneknirschen sein wird“ (LG 48).

1037 Niemand wird von Gott dazu vorherbestimmt, in die Hölle zu kommen [Vgl. DS 397; 1567]; nur eine freiwillige Abkehr von Gott (eine Todsünde), in der man bis zum Ende verharrt, führt dazu. Bei der Eucharistiefeier und in den täglichen Gebeten ihrer Gläubigen erfleht die Kirche das Erbarmen Gottes, der „nicht will, daß jemand zugrunde geht, sondern daß alle sich bekehren“ (2 Petr 3,9):

„Nimm gnädig an, o Gott, dieses Opfer deiner Diener und deiner ganzen Gemeinde; ordne unsere Tage in deinem Frieden, rette uns vor dem ewigen Verderben und nimm uns auf in die Schar deiner Erwählten“ (MR, Römisches Hochgebet 88).