Jordanischer Bischof: „Stoppt endlich den Waffenhandel“

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Maroun Lahham – RV

„Stoppt endlich den Waffenhandel und lasst die Menschen im Nahen Osten selbst über ihre Zukunft entscheiden.“ Diesen Appell hat der katholische Patriarchalvikar für Jordanien, Erzbischof Maroun Lahham, an die Weltöffentlichkeit gerichtet. Würden die internationalen Akteure, angefangen bei den USA und Russland, ihre machtpolitischen Interessen hintanstellen, könnte es sehr rasch in der Region zum Frieden kommen. Der internationale Waffenhandel sei nichts anderes als ein schweres Verbrechen, so Lahham, der sich mit dieser Einstellung auf einer Linie mit Papst Franziskus sieht. In Syrien hat indes der Krieg wieder eingesetzt. Kurz nach dem erklärten Ende der von den USA und Russland ausverhandelten Waffenruhe wurden Lastwagen mit Hilfsgütern bombardiert.

Der Patriarchalvikar äußerte sich im „Kathpress“-Interview am Rande der Jahrestagung der „Initiative Christlicher Orient“ (ICO) in Salzburg, die am Dienstag zu Ende geht. „Lasst die Syrer allein, und sie werden eine Lösung für ihre Probleme finden, und genauso ist es auch mit dem Irak, dem Jemen oder Libyen“, so Erzbischof Lahham wörtlich.

Jordanien hat offiziell rund 660.000 syrische Flüchtlinge aufgenommen. Die Dunkelziffer liegt höher. Die jordanische Regierung tue was sie könne, doch das Land sei mit dieser hohen Zahl an Flüchtlingen einfach überfordert, so Lahham. Ein wesentlicher Anteil an der Hilfe für die Flüchtlinge komme dabei der jordanischen Caritas zu.

Die christlichen Flüchtlinge machten unter den rund 660.000 syrischen Flüchtlinge nur eine geringe Zahl aus. Fast alle Flüchtlinge stammten aus dem Süden Syriens, einer armen und fast ausschließlich muslimischen Region. Gerade einmal 200 syrische christliche Flüchtlingsfamilien lebten in Jordanien, also etwa 1.000 Personen. Sie seien die letzten von einigen Tausend, die es in den vergangenen Jahren nach Jordanien verschlagen habe die nun aber schon die Ausreise in ein westliches Land geschafft hätten, so der Erzbischof.

Dazu kämen noch bis zu 11.000 Christen, die aus dem Irak geflohen seien und nach wie vor in Jordanien lebten. Die Christen lebten aber nicht in Camps, sondern versuchten privat in den Städten unterzukommen. Waren sie in den vergangenen Jahren vor allem in größeren Lagern in Pfarren untergebracht, bemühe sich die Caritas nun, Wohnungen für sie anzumieten, berichtete der Erzbischof.

Wie Lahham betonte, gehe der weit überwiegende Teil der Caritas-Hilfe aber an Muslime. Von muslimischen Hilfsorganisationen komme hingegen keine Hilfe für Christen.

Schwarzmarkt und Prostitution

Jordanien stehe durch die vielen Flüchtlinge vor immensen Herausforderungen. Den syrischen Flüchtlingen sei es beispielsweise verboten, legal einer Arbeit nachzugehen, umso größer sei daher aber der Schwarzmarkt, was ein enormes wirtschaftliches und soziales Konfliktpotential beinhalte. Syrer seien in der Regel besser ausgebildet als Jordanier und würden zu einem viel geringeren Lohn (schwarz) arbeiten; eine Kombination mit extrem viel Zündstoff.

Durch die syrischen Flüchtlinge werde auch die Prostitution ein immer größeres Problem im Land. Viele syrische Mädchen würden zudem schon um 500 US-Dollar an Männer aus den Golfstaaten verkauft bzw. offiziell „verheiratet“. Das hinterlasse bei den betroffenen Mädchen und jungen Frauen schwere Traumatisierungen.

Kleine christliche Minderheit

Zwischen christlicher Minderheit und muslimischer Mehrheit bestehe in Jordanien ein gutes Auskommen, betonte der Erzbischof. Die Christen seien in die jordanische Gesellschaft integriert, das Haschemiten-Königshaus mit König Abdullah II. an der Spitze halte große Stücke auf die kleine christliche Minderheit, die nur rund drei Prozent der Bevölkerung ausmacht.

Die einheimischen jordanischen Christen seien jedenfalls zu hundert Prozent Araber und damit weitgehend in die arabische Gesellschaft integriert. „Und wir werden von den anderen auch als Araber angesehen“, so Lahham.

Wenn die Christen auch nur drei Prozent der Bevölkerung ausmachten, seien sie zugleich aber für 30 Prozent der Wirtschaftsleistung des Landes verantwortlich, unterstrich der Patriarchalvikar. Er begründete dies u.a. damit, dass Christen in der Regel besser ausgebildet und innovationsfreudiger seien.

Trotz der relativ guten Umstände in Jordanien nehme die Zahl der Christen auch in diesem Land ab. Waren 1960 noch zehn Prozent der Bevölkerung Christen, so sind es heute eben nur mehr drei Prozent. In absoluten Zahlen sind das aktuell rund 200.000, wobei es keine genauen Zahlen gibt.

Rund die Hälfte der jordanischen Christen ist griechisch-orthodox und gehört zum orthodoxen Patriarchat von Jerusalem, wobei die Sprache der orthodoxen Christen – auch in der Liturgie – Arabisch ist. Bis zu 65.000 Gläubige gehören der römisch-katholischen Kirche (Lateinisches Patriarchat von Jerusalem) an, 20.000 sind griechisch-katholisch. Der Rest der Christen entfällt auf andere orthodoxe, orientalische und evangelische Kirchen.

Die römisch-katholische Kirche betreut in Jordanien 35 Pfarren, 60 Schulen, vier Spitäler und eine Universität. Für die Seelsorge stehen Bischof Lahham rund 45 Priester und 100 Ordensschwestern zur Verfügung.

Patriarchalvikar Lahham sprach sich gegenüber „Kathpress“ eindeutig dafür aus, dass die Christen in ihrer Heimat bleiben sollen: „Wir Christen müssen dort leben und unseren Glauben bezeugen, wo Gott uns hingestellt hat.“

Gemischt-konfessionelle Familien

Vor allem im täglichen Leben gebe es keine Probleme zwischen den Konfessionen, sagte der Erzbischof. Heiraten zwischen Orthodoxen und Katholiken stünden auf der Tagesordnung. Es gebe kaum eine christliche Familie im Land, die nicht gemischt-konfessionell sei. Auf höherer hierarchischer Ebene seien die Beziehungen zwischen den Kirchen nicht mehr ganz so gut, räumte Lahham ein. Schließlich sei jeder Bischof bemüht, seine eigene Kirche zusammenzuhalten. Lahham musste zugleich zugeben, dass die Trennung der Christenheit für ein gemeinsames christliches Zeugnis in einem muslimischen Land wie Jordanien alles andere als förderlich sei.

Das Zusammenleben habe aber freilich auch Grenzen, so Lahham: „Ehen zwischen Christen und Muslimen werden von uns nicht akzeptiert.“ Das Eheverständnis und die Rolle der Frau seien in Christentum und Islam allzu unterschiedlich. Dazu kommt, dass es von Seiten des Islam zwar erlaubt sei, dass ein muslimischer Mann einen Christin heirate – wobei diese Christin bleiben kann -, ein christlicher Mann dürfe aber keine Muslima heiraten, ohne nicht zuvor zum Islam zu konvertieren.

Die Kinder sind aus Sicht des Islam in allen Fällen jedenfalls Muslime. „Deshalb segnen wir auf gar keinen Fall eine solche Mischehe“, zeigte sich Lahham kämpferisch.

Erzbischof Lahham hielt am Montagabend bei der ICO-Jahrestagung einen öffentlichen Vortrag über die Situation der Christen im Nahen Osten und im Besonderen in Jordanien. Die ICO-Jahrestagung im Bildungszentrum St. Virgil in Salzburg stand heuer unter dem Thema „Israel-Palästina-Jordanien. Leben im Konflikt und im Miteinander“.

(kap 20.09.2016 mg)

16. INTERNATIONALES BISCHOFSTREFFEN IM HEILIGEN LAND

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SCHWERPUNKT BILDET BESUCH BEI CHRISTLICHEN FLÜCHTLINGEN IN JORDANIEN

Das 16. „Internationale Bischofstreffen zur Solidarität mit den Christen im Heiligen Land“ beginnt am kommenden Samstag (9. Januar 2016). Bis zum 14. Januar 2016 nehmen daran 13 Vertreter nationaler Bischofskonferenzen aus zwölf Ländern sowie die führenden Repräsentanten der Kirche im Heiligen Land teil. Tagungsorte sind Bethlehem und die jordanische Hauptstadt Amman. Zu der Konferenz eingeladen hat wie auch in den vergangenen Jahren der Lateinische Patriarch von Jerusalem, Erzbischof Fouad Twal. Die Deutsche Bischofskonferenz wird vertreten durch den Vorsitzenden der Arbeitsgruppe Naher und Mittlerer Osten der Kommission Weltkirche, Weihbischof Thomas Maria Renz (Rottenburg-Stuttgart). Das Treffen steht unter dem Leitwort „Solidarität mit den verfolgten Christen im Mittleren Osten“.

Der erste Schwerpunkt des Bischofstreffens ist die Begegnung mit den Christen in Bethlehem, Taybeh und dem Cremisan-Tal in den palästinensischen Gebieten. Bereits im vergangenen Jahr haben die Bischöfe mit ihrem Besuch in Cremisan auf die humanitären Probleme des ungelösten Konflikts zwischen Israelis und Palästinensern aufmerksam gemacht, da dort die von Israel verfügte Grenzziehung zu den palästinensischen Gebieten mit besonderer Härte für die Zivilbevölkerung verbunden ist.

Der zweite Schwerpunkt liegt auf dem Besuch der Ortskirche von Jordanien (11. bis 14. Januar 2016). Neben Gottesdiensten sind dort Gespräche mit christlichen Nichtregierungsorganisationen geplant, die sich für eine Linderung des Flüchtlingselends einsetzen. Mittlerweile zählen die Vereinten Nationen mehr als eine Million Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak in Jordanien, das eine Gesamtbevölkerung von rund 6,7 Mio. Einwohnern hat. In Amman, Fuheis und Madaba werden die Bischöfe mit Flüchtlingen zusammentreffen und sich ein Bild über die Hilfsmaßnahmen vor Ort machen. Unter anderem sind mehrere Begegnungen mit christlichen Flüchtlingen aus dem Irak im Großraum von Amman geplant.

Das Internationale Bischofstreffen verfolgt seit 16 Jahren das Ziel, Christen und Kirchen im Heiligen Land zu stärken und zu ermutigen und sie durch internationale Solidarität als gesellschaftliche Größe wahrnehmbar zu machen. Vor wenigen Tagen hat Papst Franziskus bei seiner Weihnachtsansprache „Urbi et orbi“ zu einem dauerhaften Frieden für die Region aufgerufen: „Wo Gott geboren wird, da wird die Hoffnung geboren. Wo Gott geboren wird, da wird der Friede geboren. Und wo der Friede geboren wird, da ist kein Platz mehr für Hass und für Krieg. Und doch gehen gerade da, wo der menschgewordene Sohn Gottes zur Welt gekommen ist, Spannungen und Gewalt weiter, und der Friede bleibt eine Gabe, die man erflehen und aufbauen muss. Mögen Israelis und Palästinenser wieder in direkten Dialog miteinander treten und zu einer Übereinkunft gelangen, die den beiden Völkern erlaubt, in Harmonie zusammenzuleben und so einen Konflikt zu überwinden, der sie lange Zeit gegeneinander gestellt hat, mit schweren Auswirkungen für die gesamte Region.“

An der Konferenz werden neben Weihbischof Thomas Maria Renz auch Erzbischof Stephen Brislin (Kapstadt, Südafrika), Bischof Pierre Bürcher (Reykjavik, Island), Bischof Oscar Cantu (La Cruces, USA), Bischof Rodolfo Cetoloni OFM (Grosseto, Italien), Bischof Michel Dubost (Evry, Frankreich), Bischof Lionel Gendron (Saint-Jean, Kanada), Bischof Dr. Felix Gmür (Basel, Schweiz), Weihbischof William Kenney (Birmingham, Großbritannien), Bischof Declan Lang (Clifton, Großbritannien), Bischof John McAreavey (Dromore, Irland), Bischof William Nolan (Galloway, Schottland) und Erzbischof Joan Vives (Urgell, Spanien) teilnehmen.

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Quelle

Papst Franziskus schreibt an Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak

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Archivbild: Papst trifft Flüchtlinge in Rom im Februar 2014

„Grausame, unmenschliche, unerklärliche Verfolgungen“: Mit Verve verurteilt Papst Franziskus das Vorgehen von islamischen Terroristen und Fanatikern im Nahen Osten gegen Minderheiten, „vor allem gegen Christen“. „Sie sind die Märtyrer von heute, gedemütigt und diskriminiert um ihrer Treue zum Evangelium willen.“ Das schreibt der Papst in einer Botschaft an den Lateinischen Weihbischof von Jerusalem, Maroun Laham; dieser ist auch der Verantwortliche des Lateinischen Patriarchats für Jordanien, wo sich viele Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak aufhalten.

Es gehe ihm um „ein Wort der Hoffnung für alle, die angesichts der Gewalt ihre Häuser und ihr Land verlassen mussten“, schreibt Franziskus. In vielen Teilen der Welt würden derzeit Christen verfolgt, und zwar „vor den Augen und dem Schweigen aller Menschen“. Die Kirche „vergisst ihre Kinder, die um ihres Glaubens willen ins Exil gehen müssen, nicht, und sie lässt sie nicht allein“, versichert der Papst. „Sie sollen wissen, dass täglich für sie gebetet wird und dass das Zeugnis, das sie uns geben, anerkannt wird.“

„Nicht stumm und tatenlos bleiben!“

Das kleine Königreich Jordanien hat etwa 630.000 Flüchtlinge allein aus Syrien bei sich aufgenommen – die Irak-Flüchtlinge und die Palästinenser, die sich teilweise schon seit Jahrzehnten im Land befinden, gar nicht mitgerechnet. Darum bedankt sich der Papst in seinem Brief auch ausdrücklich bei den (mehrheitlich muslimischen) Jordaniern: Sie schauten „nicht in die andere Richtung“, sondern teilten den Schmerz der Neuankömmlinge von der anderen Seite der Grenze und leisteten „solidarische Hilfe“. Dieser „brüderliche Dienst“ mache auch „Momente des Lebens, die sehr dunkel sind“, hell: „Der Herr vergelte es euch, wie er allein es vermag, in der Fülle seiner Gaben!“Dann schließt der Papst, der im Mai 2014 Jordanien besuchte und dabei auch mit Flüchtlingen zusammentraf, einen Appell an die „öffentliche Meinung der Welt“ an: Sie solle, so formuliert er, „aufmerksamer, sensibler und bereitwilliger auf die Verfolgungen von Christen und, allgemeiner, religiöser Minderheiten reagieren“. „Ich rufe die internationale Gemeinschaft von neuem dazu auf, nicht stumm und tatenlos zu bleiben angesichts dieses inakzeptablen Verbrechens, das ein besorgniserregendes Abdriften von den grundlegendsten Menschenrechten bedeutet und den Reichtum des Zusammenlebens von Völkern, Kulturen und Glaubensbekenntnissen verhindert.“

Der Brief des Papstes, der einfach mit „Franziskus“ unterschrieben ist, wurde an diesem Donnerstag vom Vatikan veröffentlicht. Der Papst hat ihn dem Generalsekretär der Italienischen Bischofskonferenz, Nunzio Galantino, mitgegeben, der an diesem Donnerstag zu einer dreitägigen Visite nach Jordanien aufgebrochen ist. Eingeladen wurde er vom Lateinischen Patriarchen, Erzbischof Fouad Twal.

Vor genau einem Jahr, am 8. August 2014, kamen die ersten (zumeist christlichen) Flüchtlinge aus dem Irak nach Jordanien. Sie wichen vor der Gewalt der Terrorgruppe „Islamischer Staat“, die zuvor die Millionenstadt Mossul eingenommen hatte und vor einem Jahr die christlichen Dörfer in der irakischen Ninive-Ebene angriff.

(rv 06.08.2015 sk)

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