GOTT ODER NICHTS – Gedanken zum Buch von Kardinal Robert Sarah von Kardinal Gerhard Müller

Robert Kardinal Sarah, der Domkapellmeister Georg Ratzinger und Gerhard Ludwig Kardinal Müller im Schloss St. Emmeram.

Zu Beginn möchte ich Kardinal Robert Sarah danken für sein Glaubenszeugnis, das er mit seinem in diesem Jahr [2015] erschienenen Buch „Dieu ou rien. Entretien sur la foi“ ablegt. Zugleich beglückwünsche ich die deutsche Sprachfamilie für die Möglichkeit, sich nun mit der Gedankenfülle eines großen Theologen und geistlichen Menschen in ihrer Muttersprache bekannt zu machen.

 

1. Der Mensch vor der alles entscheidenden Alternative

Das Gespräch über den Glauben, das Kardinal Sarah mit dem renommierten Kenner des II. Vatikanischen Konzils Nicolas Diat führt, trägt den Titel „Gott oder Nichts. Gespräch über den Glauben“. Es geht also nicht um dieses oder jenes interessante Einzelthema oder um die Propagierung der Lieblingsideen eines Schriftstellers oder politischen Akteurs. Der Kardinal hat vielmehr den Menschen als solchen und ganzen im Blick und zwar in der absoluten Hinsicht auf Gott, dem Ursprung und Ziel der ganzen Schöpfung in der Liebe, die Gott ist in seinem Sein und Leben.

Angesichts der Endlichkeit unseres kurzen Erdendaseins, der irdisch nicht zu erfüllenden Gerechtigkeit für die Armen, für die Erniedrigten, die unschuldig Leidenden, die zu früh Gestorbenen, die Millionen Opfer von Kriegen und Gewalt gibt es − alles zusammengefasst − nur die eine Alternative. Wenn Gott existiert, lebt und wirkt, dann hat alles doch einen Sinn, dann wird die Gerechtigkeit jedem am Ende zuteil, der sich Gott ganz anheimgibt, dann ist das letzte und nie verstummende Wort über die ganze Schöpfung Liebe und ewiges Leben und nicht Hass, Tod, Nichts, das große Aus. „Denn die Schöpfung soll von der Sklaverei und Verlorenheit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes“ (Röm 8,21). Mit Gott werden alle positiven Faktoren unserer Existenz in der Klammer des Geschaffenen mit Unendlichkeit und Liebe multipliziert.

Durch Gott ist alles ewig in, ohne Gott ist alles endgültig out.

In zehn Fragekreisen setzt sich der Kardinal theologisch und geistlich mit der Situation der katholische Kirche in der Welt der Gegenwart auseinander und bietet über die Diagnose hinaus eine Therapie für den orientierungslosen Menschen der Postmoderne. Den Glauben an Jesus Christus, den Sohn Gottes und Erlöser der ganzen Welt.

 

2. Kardinal Sarah im geistlichen und theologischen Profil

Schon Papst Johannes Paul II. hat die tiefe Spiritualität des damaligen Erzbischofs von Conakry in dem kleinen afrikanischen, ganz islamisch geprägten Land Guinea mit einer katholischen Minderheit erkannt und seine theologische Kompetenz gewürdigt, indem er ihn 2001 an die römische Kurie geholt hat. Und Papst Benedikt XVI. ihn 2010 berief in das Heilige Kollegium der Kardinäle, die dem Papst bei der Regierung der Weltkirche unmittelbar zur Seite stehen. Die Wertschätzung, die ihm Papst Franziskus entgegenbringt, zeigte sich in der Berufung des langjährigen Präsidenten des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden „Cor unum“ zum Präfekten der Kongregation für den Gottesdienst und die Ordnung der Sakramente. Während ihn die Arbeit für Cor unum weltweit mit den Herausforderungen der Armut und Not konfrontierte, hat er in seinem neuen Arbeitsfeld mit einem anderem Grundvollzug der Kirche zu tun: der Liturgie, dem Gottesdienst und den Sakramenten.

Wie bedeutsam diese Kongregation für die ganze Kirche als Gemeinschaft des Glaubens und der Gottesverehrung ist, zeigt sich etwa in der Beschreibung der Liturgie in dem entsprechenden Dekret des II. Vatikanums: Die Liturgie und speziell die Heilige Eucharistie ist inmitten der Martyria und der Diakonia, (d.h. der Glaubenslehre, der Verkündigung, der Seelsorge und dem caritativen Dienst), Quelle und Höhepunkt allen kirchlichen Lebens und Handelns (vgl. SC 10).

In der Liturgie drückt sich der Glaube aus als unmittelbare Antwort auf die Selbstoffenbarung des dreifaltigen Gottes, der für jeden Menschen in seinem Fleisch gewordenen WORT, in seinem Sohn Jesus Christus Weg, Wahrheit und Leben bedeutet. Die Kongregation für den Gottesdienst hat es mit einem wesentlichen Grundvollzug von Kirche als dem universalen Sakrament des Heils der Welt zu tun. Es geht nicht um eine äußerliche Inszenierung von Riten und Symbolen, in denen der Mensch mit sich selbst spielt, um sich selber kreist, sich selbst verehrt und anbetet, aber ohne sich zu überschreiten in die wahre Transzendenz Gottes. In der Liturgie ereignet sich die Erhöhung des Menschen durch die Gnade. Denn sie ist das Gegenteil eines selbstmitleidigen Egotrips. Liturgie ist die Erhebung der Herzen zu Gott, dem allein Anbetung und Verherrlichung gebührt. Nicht wie im heidnischen Kult und Mythos der Mensch die Götter servil umschmeichelt oder sich prometheisch gegen sie auflehnt, sondern wie in Christus Gott und Mensch sich begegnen, so verehren die Christen Gott. „Die Herrlichkeit Gottes ist der (in der Gnade) lebende Mensch, das Leben des Menschen aber ist die Schau Gottes“, so formulierte es der hl. Irenäus von Lyon im 2. Jahrhundert (Adv. Haer. IV, 20,7: Gloria enim Dei vivens homo, vita autem hominis visio Dei). Angebetet, verherrlicht und geliebt wird der dreifaltige Gott, der in der Person des Wortes unser Fleisch angenommen hat, der in Jesus Christus in seiner wahren menschlichen Natur, in seiner menschlichen Geschichte, in seinem Opfertod für uns am Kreuz und in seiner realen Auferstehung von den Toten den Tod und die Gottesferne überwunden hat. Es ist derselbe Jesus Christus, der als der erhöhte Herr uns Menschen geschichtlich, leiblich und gemeinschaftlich, in der Kirche und ihren Sakramenten realistisch von Person zu Person begegnet.

Die Verantwortung, die Kardinal Sarah von Papst Franziskus übertragen worden ist, kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Man bedenke nur, was Joseph Ratzinger − im erst-erschienen der auf 16 Bände berechneten Ausgabe seiner Gesammelten Schriften − der Kirche als Vermächtnis mitgegeben hat: Im Zeitalter der schleichenden oder lärmenden Säkularisierung der abendländischen Christenheit und einer aggressiven De-Christianisierung der Weltgesellschaft wird das richtige Verständnis der Liturgie und ihr würdiger Vollzug zur Schicksalsfrage des Christentums in der Welt von heute und morgen.

Zur Erfüllung dieser Aufgabe bedarf es mehr als nur eines fachlichen Studiums der Liturgiewissenschaft im engeren Sinn. Der geistige Horizont eines Kardinalpräfekten der Kongregation für den Gottesdienst muss die philosophischen, fundamentaltheologischen, dogmatischen, kulturellen und politischen Voraussetzungen und Bedingungen des Christseins in der Moderne und Postmoderne geistig durchdrungen haben. Nur eine tiefgründige Diagnose der geistigen und kulturellen Struktur der globalisierten Welt kann auch zur Entwicklung einer Therapie führen, die den Nihilismus − als den gemeinsamen Nenner aller Erwartungen und Bestrebungen einer Welt ohne Gott − überwindet und den Glauben an Gott als Grund und Ziel des Menschen neu zum Leuchten bringt. Die Liturgie-Unfähigkeit des modernen Menschen, von der Romano Guardini schon 1948 auf dem Mainzer Katholikentag sprach und die „Krise des sakramentalen Idee“ in einem auf die Immanenz begrenzten Bewusstsein, die von Joseph Ratzinger festgestellt worden ist, haben ihren Grund im monistischen System des Naturalismus, der die transzendentale Verwiesenheit des Menschen in Geist und Freiheit auf das Mysterium Gottes leugnet und der konsequent den Menschen eindimensional-innerweltlich begrenzt und ihn nicht als Hörer des Wortes auf eine übernatürliche Offenbarung Gottes in Welt, Geschichte und Geist des Menschen zu sehen vermag.

 

3. Quellen und Prägungen seiner christlichen Identität

Robert Sarah wurde am 15. Juni 1945 geboren in Ourous, einem kleinen unbedeutenden Bauerndorf, als Guinea noch französische Kolonie war. Wie borniert der Kolonialismus war, zeigt sich in der mechanischen Übernahme des französischen Schulmaterials aus dem sogenannten Mutterland. Die Kinder in Guinea lernten, dass sie als Franzosen Nachkommen der Gallier waren. Kolonialismus, Rassismus sowie militärischer oder kultureller Imperialismus waren und sind Schandmale der Menschheitsgeschichte und − theologisch ausgedrückt − Erscheinungsformen der Erbsünde, die nur durch die größere Liebe Gottes vergeben werden kann.

Die erste positive Erfahrung, die sein ganzes Leben bis in die letzten Tiefen seiner geistigen und sittlichen Existenz prägte, war die Begegnung mit den Missionaren aus dem Spiritanerorden. Ohne jede politische Ambition und ohne den leisesten Anklang eines europäischen Überlegenheitsgefühls wirkten die Patres selbstlos, immer demütig und mit voller Hingabe als Männer Gottes, als Botschafter nicht des europäischen Lebensstandards, sondern der alle Menschen ergreifenden und sie familiär vereinenden Liebe Gottes.

Eurozentrik verengt den Horizont. Theozentrik entgrenzt ihn. Christozentrik vereint alle Menschen in Gott.

Wer an Gott glaubt, ist überall zuhause. Und in dem einen Haus des Vaters sind wir alle Brüder und Schwestern. Wir gehören von der Schöpfung aus gesehen zur Familie der Menschheit. Im Licht der Offenbarung zeigt sich die Glaubensgemeinschaft in Christus als Haus und Volk Gottes. Die Liebe Gottes begründet die Würde des Menschen und gibt Hoffnung in Leid und Ungerechtigkeit, sie schenkt die geistliche Kraft, den Hass zu überwinden und sogar den Feind zu lieben, d.h. ihn aus dem Gefängnis der Gottlosigkeit und Menschenfeindschaft zu befreien. Die Liebe des Schöpfers und Erlösers eröffnet die Aussicht auf die Erfüllung der ganzen Schöpfung in Gott selbst. Das ewige Leben ist nicht ein zeitlich unbegrenztes Weitermachen wie bisher − nur unter anderen äußeren Bedingungen. Das ewige Leben ist die Erkenntnis Gottes und seines Sohnes Jesus Christus ( Joh 17,3). Gott lebt in uns und wir leben in Gott. „Der Tod ist nicht das Ende, sondern für mich der Anfang des Lebens“, sagte der erst 39-jährige Dietrich Bonhoeffer kurz vor seiner Hinrichtung durch die Schergen des Fürsten dieser Welt, den Jesus im Johannesevangelium den Lügner und Mörder von Anbeginn nannte (Joh 8,44). Lüge, Mord und Gewalt sind die Kennzeichen der von Menschen errichteten Reiche der Selbsterlösung, die sich an die Stelle Gottes stellen wollen, während das Reich Gottes Gerechtigkeit, Liebe und Freiheit im Heiligen Geist bedeutet. Der Mensch ist auf das Absolute ausgerichtet. Nur wo Gott über und im Menschen ist, gibt es Wahrheit in Freiheit und Gerechtigkeit in Liebe. Wo der  Mensch sich des Absoluten zu bemächtigen sucht, macht er sich zum Götzen, der durch den Griff nach der totalitären Herrschaft die Menschen durch politisch-mediale Machtausübung gleichschaltet und somit versklavt.

Nach der Entlassung seiner Heimat aus der kolonialen Abhängigkeit von Frankreich, errichtete der Diktator Sékou Touré eine blutige marxistisch-leninistische Herrschaft mit dem Ergebnis von zwei Millionen Flüchtlingen und vielen Tausenden Menschen, die grausam ermordet, gefoltert und gedemütigt wurden. Auch der Vorgänger unseres Kardinals als Erzbischof von Conakry Mgr. Raymond-Marie Tchidimbo und viele Christen wurden brutal misshandelt im Namen einer Ideologie, die die Religion als Opium des Volkes verächtlich macht und im Namen von Freiheit, Fortschritt und Wissenschaft jede Verletzung der Religionsfreiheit und der Menschenrechte gegen Christen für gerechtfertigt und geboten hält. Nach zwei atheistischen Diktaturen auf deutschem Boden in einem Jahrhundert und zwei Weltkriegen, die innerhalb von 25 Jahren von Deutschland ausgingen, wissen wir Deutschen, was eine Welt ohne Gott bedeutet, in der die Glaubenden als gefährlich, rückständig, mittelalterlich verlacht, marginalisiert und aus dem öffentlichen Leben ausgeschaltet werden. Die altliberale Maxime „Religion ist Privatsache“ des 19. Jahrhunderts, die sich im 20.Jahrhundert alle totalitären Politsysteme zueigen gemacht haben, ist nichts anderes als eine extreme Verletzung der Menschenrechte. Denn ebenso wie Agnostiker haben auch Menschen mit der Überzeugung, dass Gott die Liebe ist, das natürliche Menschenrecht, sich gerade auch im Bekenntnis ihrer Lehre und ihrer Lebensführung im öffentlichen Leben für das Gemeinwohl einzusetzen. Eine echte Demokratie unterscheidet sich von der Pöbelherrschaft oder „Volksdemokratie“ dadurch, dass sie auf den unverletzlichen Menschenrechten aufbaut und sie nicht nach ideologischen Interessen selbst definiert, was der Mensch ist und somit den Menschen der Willkür der Masse oder der herrschenden Partei oder Meinung ausliefert. Ein Staat muss weltanschaulich neutral sein, aber er darf nicht zum Zwangsinstrument werden, um eine atheistisch-naturalistische Weltsicht eines Teils seiner Bürger zum Gesetz des Ausschlusses eines andern Teils von den staatlichen und öffentlichen Institutionen zu machen. Mit der weltanschaulichen Neutralität des Staates ist die Erklärung des Säkularismus als quasi Staats-Weltanschauung unvereinbar. Die gebotene Trennung von Kirche und Staat beinhaltet die staatliche Respektierung der Freiheit und Autonomie der Kirche und der Religionsgemeinschaften und darf nicht zum Vorwand der Entrechtung der Gläubigen und der Einschränkung ihrer Grundrechte werden und kann auch nicht den Raub des Kirchengutes oder ihre Zurückdrängung aus der Öffentlichkeit rechtfertigen (II.Vat. Dignitatis humanae 4). Der moderne demokratische Staat muss weltanschaulich neutral sein und das bürgerliche Engagement auch der Glaubensgemeinschaften fördern. Er muss naturrechtlich, aber eben nicht säkularistisch-agnostisch begründet sein. Wo er Bürger gegen deren religiöse Überzeugung ins Private abdrängt oder zum Tun des Bösen gegen das Gewissen zwingt, und die Öffentlichkeit der Kirche verschließt, verletzt er das Menschenrecht der Religionsfreiheit und entzieht seiner demokratisch-rechtstaatlichen Legitimation den Boden (DH 6). Wo das Gewissen sich nicht mehr einer überweltlichen Instanz oder besser gesagt dem personalen Gott als Richter über Gut und Böse und als Orientierung für wahr und falsch verantwortlich fühlt, da ist − nach einem Wort Fjodor Dostojewskis − „ alles erlaubt“. Der russische Dichter formulierte es nur theoretisch. Wir Zeitgenossen des 20. Jahrhunderts wissen, was das praktisch bedeutet.

In dieser Zeit der Verfolgung in seiner geliebten Heimat findet sich eine zweite tiefe Quelle der Spiritualität von Kardinal Sarah. Die Erkenntnis Christi, des Gekreuzigten. Ich hatte schon von der Erfahrung der Demut und unbedingten Opferbereitschaft der französischen Missionare gesprochen, die ihm den ohne jede Vorbedingung uns Menschen liebenden Gott ins Herz eingepflanzt haben. Jetzt ist es mitten in der Verfolgung, wo es menschlich gesprochen keinen Ausweg gibt, die Erfahrung des Kreuzes Christi, die Hoffnung gegen alle Hoffnung vermittelt. Kalvaria ist der höchste Punkt, von dem aus wir mit den Augen des Gottessohnes am Kreuz die Menschen, die Welt, die Geschichte und die ganze Schöpfung betrachten und mit dem Übermaß der vergebenden und versöhnenden Liebe Gottes beurteilen. Stat crux, dum volvitur orbis. Das Kreuz steht fest, und wenn die ganze Welt umstürzt und im Chaos  zu versinken droht.

Und doch haben wir es im geoffenbarten Glauben, der von Gott kommt, nicht mit einer Gegenideologie zu tun. Im Glauben begegnet uns Christus selbst. Er, der als wahrer Mensch unser Erdenleben und Leiden am eigenen Körper und in der eigenen menschlichen Seele und in seinem menschlichen Bewusstsein ertragen und dem Vater im Himmel aufgeopfert hat, ist derselbe , der von den Toten auferstanden ist. „Er ist der wahre Gott und das ewige Leben.“( 1 Joh 5,20). Und die Gemeinde seiner Jünger, die Kirche bekennt ihn als den wahren Gott, den Sohn des Vaters, unser aller Erlöser und der Hohepriester und Mittler des Neuen und Ewigen Bundes.

Von den Patres hat Robert Sarah gelernt und das war eine weitere Grunderfahrung, was Mission eigentlich ist, nämlich die Verkündigung und die Einbeziehung eines jeden Menschen, der im Glauben  frei Ja sagt zu Gott, in das Geheimnis der göttlichen Liebe des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Christliche Mission ist das Gegenteil von Proselytismus, der nur überredet und nötigt, die eigene Kultur und Mentalität zu übernehmen, statt die Begegnung mit der wahren Gott in Wort und Sakrament zu vermitteln. Proselytismus instrumentalisiert andere für die Bestätigung des Selbst. Mission bezeugt den Brüdern die Liebe Gottes jedem einzelnen Menschen.

Der jugendliche Katholik Robert Sarah hat auch die Heilige Messe kennen und lieben gelernt als Gemeinschaft mit Jesus in Liebe und Wahrheit. Mission und Kreuz aber gerade auch die Liturgie sind die Quellen der geistlichen Existenz von Kardinal Sarah. Wenn ich die Heilige Messe gläubig und mit der gebotenen tiefsten Ehrfrucht vor Gott mitfeiere, dann nimmt Jesus mich mit meinem ganzen Leben, Arbeiten, Sorgen und Leiden hinein in sein Opfer am Kreuz, in dem er sich dem Vater für das Heil der Welt dahingegeben hat, damit wir in Gott, aus Gott und für Gott jetzt und ewig leben können. Die sakramentale Kommunion führt uns, wenn wir sie im Stande der heiligmachenden Gnade, der im Leben bewahrten oder im Bußsakrament wiedererlangten Taufgnade, mit der Liebe zu Gott über alles und mit der Liebe zu unseren Nächsten wie zu uns selbst empfangen, in die geistliche  Lebens-Gemeinschaft mit Christus. Sie ist Einheit mit Jesus Christus in seiner wahren Menschheit und Gottheit.

So von einem tiefen Glauben geprägt anhand der Vermittlung und des guten Beispiels glaubwürdiger Diener des Herrn, formte sich im Inneren des jungen Robert Sarah, der Gedanke und der Wunsch, dem Herrn selber als Priester zu dienen. Sein Vater und seine Mutter waren fromme Katholiken, gleichsam in der ersten Generation, die ihrem einzigen Kind in warmer elterlicher Liebe verbunden sind. Aber es war für sie noch unvorstellbar, dass ein Schwarzer Priester werden könnte. Natürlich haben sie theoretisch gewusst, dass vor Gott alle Menschen gleich sind und dass Gottes Liebe zu jedem  Menschen dem einzelnen nichts nimmt, sondern ihn bestätigt und ihn so in die Kirche als Familie Gottes einführt.

Und doch waren sie noch befangen vom Geist und Ungeist der Meinung, das Christentum sei eigentlich eine Religion der Europäer. Aber der universale Horizont des katholischen Glaubens befreit von den sekundären Überlagerungen des Evangeliums Christi. Nur Gott kann Menschen zu einem besonderen Dienst berufen und einzelnen mehr Gnade und Talent verleihen, ohne seine Gerechtigkeit aufzugeben. Denn Gottes Gerechtigkeit besteht in der Mitteilung unterschiedlicher Charismen an die einzelnen, damit alle im Zusammenwirken der verschiedenen Gnadengaben zum Wohl des Ganzen beitragen. Die Verschiedenheit der Menschen offenbart so die Gerechtigkeit Gottes gegenüber allen, weil in der Vielheit der Sendungen, Vollmachten und Charismen die größere Gemeinschaft möglich wird. Somit ist auch die Kirche nicht eine sekundäre Folge der individuellen Gottesverhältnisses der einzelnen Personen. Gott wollte die Menschen, die ihrer geschaffenen Natur nach Gemeinschaftswesen sind, nicht isoliert voneinander erlösen, sondern sie zu einer Gemeinschaft zu machen, die in Christus das Heil vergegenwärtigt und vermittelt (II.Vatikanum, Lumen gentium 9). Die Kirche ist Haus und Volk Gottes, Leib Christi und Tempel der Heiligen Geistes. Jedem werden die Gaben des Geistes so mitgeteilt, dass sie den anderen nutzen und so der ganze Lieb Christi, die Kirche, in Liebe aufgebaut wird (1 Kor 12,7; Eph 4,16).

Und so fügten sich die Eltern aus Liebe zu ihrem Sohn in den Willen Gottes, dass ihr Sohn dem Reich Gottes als Priester dient gerade auch in der Lebensweise der Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen (Mt 19,12; 1 Kor 7,32). Den Zölibat der Priester versteht nur der geistliche Mensch. Dem mondänen und säkularisiertem Denken ist er ein Relikt aus einer Zeit, in der die Gläubigen alles auf Gott setzten. Dem Hedonismus ist es das Hassobjekt schlechthin. Er wird konsequent missdeutet, verdächtigt und verächtlich gemacht von denen, die das katholische Priestertum nur in den weltlichen Kategorien eines Kultbeamten oder eines gelegentlich seltsame Kleider tragenden Sozialarbeiters oder Lebensberaters zu erfassen vermögen.

Schließlich haben seine Eltern erlebt, wie aus ihrem Sohn ein Seelsorger, Professor der Theologie, und mit 33 Jahren ihr Robert zum Erzbischof der Hauptstadt wurde. Sie bangten täglich um ihn, der oft mit dem Tod bedroht wurde und so mutig vor den Machthabern dieser Welt Zeugnis für die Liebe, Demut und Barmherzigkeit Jesu ablegte. Das ist christliche Identität: zu wissen, dass vom Kreuz Christi die wahre Freiheit, das wahre Glück des Menschen und seine ewige Seligkeit ausgehen.

Auch seinen Weggang nach Rom erlebten sie einerseits schmerzlich berührt vom Abschied und andererseits auch mit berechtigtem Stolz, dass ihr Sohn nun dem Papst bei der Leitung der Universalkirche nahe ist und zur Hand geht. Weltlich betrachtet könnte man den Weg aus dem vergessenen Dorf an der Peripherie eines Kolonialreiches ins Zentrum der Weltkirche in Rom für eine afrikanische Variante des amerikanischen Traums „vom Tellerwäscher zum Millionär“ halten. Der Vergleich legt eher den Weg der einfachen Fischer vom See Genezareth zu Jesus nahe, der sie als seine Apostel in alle Welt aussendet. Beim Traum Millionär zu werden steht der Materialismus als Leitbild über allem. Geld ist im ideologischen Kapitalismus nicht Mittel zum Zweck, sondern Selbstzweck. Das Geld wird zum Gott und wie viele Menschen wurden auf dem Altar des Kapitalismus schon wie Menschenopfer geschlachtet.

Bei der Geschichte „vom afrikanischen Bauernjungen zum Kardinal der Heiligen Römischen Kirche“ geht es um ein spirituelles Menschenbild. Nicht der materielle Überfluss, sondern der Schatz im Himmel ist das Kriterium für ein gelingendes Leben. „Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber an seiner Seele Schaden erleidet“ (Lk 9,25). Der Christ hat die Freiheit, sich für andere aufzuopfern und darum reich zu werden in der Liebe.

Eine Mutter, die ihrem kranken oder sterbenden Kind unter Opfern noch viel Liebe schenkt, ist reicher als eine andere, deren Kinder sich eines riesigen Bankkontos rühmen, die aber von ihrer Mutter nichts wissen wollen, weil die alte, kranke Frau ihr Genussleben stört.

Der Theologiestudent Robert Sarah hat hervorragende und geistlich überzeugende Lehrer gehabt auch bei seinen höheren Studien in Frankreich, Jerusalem und Rom. Sie haben ihn zu einem selbständigen Denken und Urteilen geführt dank der Ausgewogenheit der intellektuellen, humanen und spirituellen Ausbildung und Formung. Kardinal Sarah wurde so zu einem führenden Intellektuellen des katholischen Geisteslebens. Im Kardinalskollegium hat seine Stimme Gewicht und er ist dem Hl. Vater mit seinem klaren Verstand, und seinem sicheren Urteil in Glaubensfragen eine wirkliche Hilfe.

Wer aus einer verfolgten Kirche kommt, gehört nicht zur Spezies der Opportunisten, die sich zu allen Zeiten der Kirchengeschichte in das vermeintliche Machtzentrum gedrängt haben. Kardinal der römischen Kirche sein heißt, dem  universalen Hirten der Kirche zu dienen und  nicht sich seiner Nähe zu rühmen. Dieses Handeln, Reden und Sich-selbst-Inszenieren nach den Gesetzen der Mediengesellschaft wird von Papst Franziskus als mondänes Denken verurteilt. In Freiburg hatte Benedikt XVI. von dem notwendigen Ende der Verweltlichung der Kirche gesprochen, ohne bei den Betroffenen Gehör zu finden. „Die mondäne Versuchung ist eine Pest. Es geht nicht um eine menschliche Erhöhung in der Kirche, sondern ganz einfach um eine Nachahmung des Sohnes Gottes in seiner Demut und Barmherzigkeit“, sagt Kardinal Sarah (vgl. 2.Kap.).

Die Kirche ist weltweit die einzige Anwältin der Armen. Ihr Ziel ist nicht die Angleichung Afrikas an den mondänen, nihilistischen, zynischen Lebensstil eines dem Glauben entfremdeten Europas und Nordamerikas. Bei aller sozialen Hilfe geht es nicht darum, dass die Armen zu Millionären werden um im Geld den Lebenszweck entdecken und dabei den Schatz im Himmel zu verlieren, der nicht wie alle Reichtümer dieser Welt von Rost und Motten zerstört wird. Es geht vielmehr um ein Leben aller in Würde und darum, den Armen nicht den Reichtum der Gnade und Barmherzigkeit Gottes vorzuenthalten. „Der Hunger nach Brot muss verschwinden; der Hunger nach Gott muss wach bleiben“, sagte einmal Johannes Paul II. in den Elendsvierteln von Lima. Wer den Hunger der Menschen nach Gott nicht erkennt, der belässt sie in ihrer schlimmsten Misere. Einigen katholischen Hilfsorganisationen ist es heute peinlich von Gott zu sprechen. Sie wollen sich auf rein humanitäre Tätigkeiten beschränken, um dem Vorwurf des Proselytismus zu entgehen. Auch nehmen manche Vertreter und Angestellte dieser Hilfswerke vor Ort nicht am gottesdienstlichen Leben teil, das sie als Rest der Unaufgeklärtheit ihrer dortigen afrikanischen und asiatischen Brüder und Schwestern ansehen. Demgegenüber hat Papst Franziskus in Evangelii gaudium von seinem Schmerz über diese schlimmste Art der Diskriminierung der Armen gesprochen, wenn man ihrem spirituellen Hunger nach Gott, der Gnade und den Sakramenten mit Gleichgültigkeit und der bornierten Selbstgefälligkeit des Aufgeklärten gegenübersteht und sie im materialistischen Sinn auf Lebewesen reduziert, denen man bloß Essen und Trinken verabreichen muss, um sie ruhig zu stellen. Dem teuflischen Versucher, der von Jesus verlangte aus Steinen Brot zu machen, hält der wahre Messias entgegen: „Nicht vom Brot allein lebt der Mensch, sondern von jedem Wort, das aus dem Munde Gottes hervorgeht.“ (Mt 4,4). Die „vorrangige Option für die Armen“ besteht in der Sorge um ihre Offenheit für Gott und von daher kommt auch die umfassende Option für die materielle und kulturelle Teilnahme am Leben der Gemeinschaft. Dem gedankenlosen und banalen Vorwurf, die Hoffnung auf Gott lähme das Engagement auf Erden, lässt sich mit dem Hinweis auf bekannte und unbekannte Heilige begegnen, die die Einheit von Gottes- und Nächstenliebe, von Gott-Orientierung und Welt-Verantwortung vorgelebt haben. Der Kardinal nennt Damian de Veuster, der auf einer Südseeinsel sein Leben für die Leprakranken aufopferte und Mutter Teresa, die für die Armen von Kalkutta da war. Schließlich fällt die Bilanz der Ideologen, die ein Reich rein irdischer Wohlfahrt errichten wollten im Gegensatz zum Glauben an Gott nicht nur ernüchternd, sondern erschütternd aus, allein schon wenn man sich auf das 20. Jahrhundert beschränkt. Wen wundert die Gleichgültigkeit über die ungeheuren Gewalttaten gegen die Christen Afrikas und des Vorderen Orients bei westlichen Politikern und Führern der öffentlichen Meinung, wenn die Entchristianisierung Europas und der ganzen Welt das Ziel ist? Menschrechte sind nach den Vorstellungen der Kirchenfeinde doch teilbar?

In Kardinal Sarah meldet sich die Stimme der jungen, dynamischen, wachsenden katholischen Kirchen in Afrika kompetent und überzeugend zu Wort. Um 1900 gab es in Afrika 2 Millionen Katholiken, hundert Jahre später sind es um die 200 Millionen. Um 1900 bekannten sich in Deutschland 97% der Bevölkerung zum christlichen Glauben, 2015 sind etwa 60%. Afrika ist endgültig aus dem Status des Empfangenden herausgetreten. Die reiche Frucht der wahren Mission, die vom dreifaltigen Gott ausgeht und alle Menschen zur Gemeinschaft mit ihm in der Liebe hinführen will, ist ein gemeinsames Anliegen geworden, das alle Christen in der einen Welt auf allen Kontinenten verbindet und die Kirche in ihrer wahren Katholizität hervortreten lässt. Die Kirche ist ihrem Wesen nach missionarisch, oder sie verfehlt ihren Auftrag, wie Papst Franziskus nicht müde wird zu wiederholen.

Es geht nicht darum, das kulturelle Überlegenheitsgefühl der Europäer seit der Aufklärung und den liberalen Fortschrittsglauben nur mit dem paternalistischen Gestus zu überwinden, dass die Afrikaner und Asiaten aufgeholt haben. Vielmehr ist es mit dem christlichen Glauben, dass Gott den Menschen nach seinem Bild und Gleichnis geschaffen hat, prinzipiell unvereinbar, dass sich ein Teil der Menschheit kulturell oder politisch einem anderen überlegen fühlt und sich als Führungsmacht der Menschheit, der Staatengemeinschaft oder sogar der Universalkirche aufspielt. Um als Theologe und Kardinal in der Weltkirche gehört zu werden, brauchte Robert Sarah seine afrikanischen Wurzeln nicht zu kappen, die Liebe zu seinen Eltern und zu seiner Heimat nicht zu verraten oder seine Identität als Schwarzer Afrikaner zu verstecken. Er versteht die afrikanische Kultur vor der Begegnung mit der christlichen Mission als einen von Gott geführten Weg hin zum Evangelium vom Reich Gottes. Die Idee von der angeblichen Gleichwertigkeit der Religionen mit der Selbstoffenbarung Gottes in Christus erweist sich als Produkt der westlichen Relativismus, der die Möglichkeit einer übernatürlichen Offenbarung  in Abrede stellt. In Wirklichkeit sind die Religionen bei all ihren Defizienzen aufgrund der Erbsünde das Zeugnis der natürlichen Offenbarung desselben Gottes, der seinen Heilsplan selbst in Christus geschichtlich verwirklicht und der um seinen universalen Heilswillen zu verwirklichen in seinem eingeborenen Sohn, der Gott selbst ist, nicht auf eine pluralistische Religionstheorie (à la Jacques Dupuis, John Hick) angewiesen ist. Es ist derselbe Gott, der sich im Werk seiner Schöpfung und im sittlichen Gewissen aller Menschen nicht unbezeugt gelassen hat, der sich als Heil aller Menschen in der Inkarnation des Wortes und in Kreuz und Auferstehung Christi geoffenbart hat und der die Welt zur Vollendung in ihm führen wird (Röm 1,18ff; Apg 17,22-34). Deshalb spricht Kardinal Sarah auch vom Glauben an den einen und höchsten Gott in der afrikanischen Kultur bei aller Verdeckung durch den Polytheismus des Alltags. Auch in der Ahnenverehrung manifestiert sich die Erkenntnis der Einheit der Menschheit und ihrer Solidarität im Heil. Dies kann ein wichtiger Ansatzpunkt für die übernatürliche Erkenntnis der die Generationen vereinenden Kirche sein und besonders den Gedanken der Gemeinschaft der Heiligen mit einer anthropologischen Grunderfahrung verbinden.

Dem exotischen Interesse europäischer Religionswissenschaftler, die ihrem eigenen Glauben entfremdet sind, etwa an den Initiationsriten erteilt der Kardinal eine Absage. Wie er aus eigener Erfahrung weiß, dienen diese Riten mit ihren körperlichen Prüfungen nicht der wirklichen Transformation des Menschen zu einer freien und verantwortlichen Persönlichkeit, weil sie auf Lüge, Gewalt und Angst aufbauen. Sie bieten so keine echte Basis zur Antwort auf die existentiellen Fragen und führen nicht zur Übernahme von Verantwortung für die Welt und die Gesellschaft. Die fälschlich sog. Beschneidung der Mädchen ist nichts anderes als schwere Körperverletzung und somit ein Übergriff in die natürlichen Menschenrechte und hat mit der rituellen Beschneidung von Knaben im Alten Bund und im Judentum nichts gemein. Die Berufung auf eine religiöse Tradition oder gar die Religionsfreiheit greift nicht. Denn es handelt sich hier nicht um einen religiösen Akt im Sinne der Gottesverehrung, sondern um einen eklatanten Widerspruch zum natürlichen Sittengesetz, in dem sich der Wille Gottes zum Heil des Menschen grundlegend schon manifestiert gerade auch in der Hinordnung auf die Offenbarung Gottes in Christus und in der Mitteilung des Heiligen Geistes.

Kardinal Sarah hat die ganze Krisensituation, die sich in der Kirche nach dem Konzil gezeigt hat, biographisch und geistig wach und geistlich einfühlsam miterlebt. Er weiß, dass nicht die authentische Lehre des II. Vatikanums dafür verantwortlich ist, sondern die ideologische und politische Instrumentalisierung eines sogenannten „Geistes des Konzils“, der aber ein Geist progressistischer Ideologien war. Im modernistischen Entwicklungsschema sind Offenbarung und Dogma der Kirche nur geschichtlich bedingte Durchgangsstufen, an deren Ende die Selbstvergöttlichung des Menschen steht. Die Offenbarung in Christus und die bisherige Geschichte wäre nur ein Vorspiel für ein Gottes-, Welt- und Kirchenverständnis, in dem der Mensch selbst zugleich Subjekt und Gegenstand der Offenbarung sei. Das ist der wahre Hintergrund der These, die „Lebenswirklichkeit“ sei die eigentliche Offenbarungsquelle, wodurch Schrift und Tradition auf geschichtliche Vorstufen reduziert werden, die vom höheren Standpunkt des im Menschen zu sich kommenden absoluten Geistes aufgehoben seien. An die Stelle des depositum fidei (1 Tim 6,20), der Gesamtheit der Wahrheit der Offenbarung, die die ganze Kirche und besondere das Lehramt des Papstes und der Bischöfe treu zu wahren haben, tritt die medial organisierte Mehrheitsmeinung, in der sich der angebliche Glaubenssinn des Gottesvolkes aussprechen soll. In Wirklichkeit ereignet sich im Glaubenssinn des Gottesvolkes keine neue Offenbarung, sondern in ihm wird die „ein für alle mal“ (Hebr 10,10) ergangene Heils-Offenbarung Gottes in Jesus Christus vollständig bewahrt und auf den Menschen von heute und morgen bezogen. Es geht nicht darum die Offenbarung der Welt anzupassen, sondern die Welt für Gott zu gewinnen.

Statt des Studiums von Schrift und Tradition vergeuden Theologiestudenten, und Forschungsinstitute mit Meinungsumfragen zur Sexualmoral nur ihre Zeit und das von Kirchensteuermitteln gesponserte Geld. Sie sind angesetzt, nur um das Lehramt auf Kurs zu bringen, so als ob das Leben der Kirche den Gesetzes von Parteitagsregien gehorchen würde.

Wahrscheinlich sind sich die Protagonisten der Tragweite solcher Theoreme nicht bewusst und verharmlosen ihre Position  um arglose Geister einzuschläfern, indem sie von einem nur pastoralen Anliegen reden.

Im Konzil hätte der katholische Glaube sich dann zur Gnosis zurückverwandelt, die er im 2. Und 3. Jahrhundert erfolgreich überwunden hatte oder das geschichtliche Christentum hätte sich in eine Variante des Idealismus Hegelscher Prägung umgewandelt. Seit dieser Zeit gibt es in der Kirche und doch zugleich auch gegen sie zwei ideologische Richtungen, die einander ausschließen, aber doch in der Frontstellung gegen die Grundprinzipien des katholischen Glaubens eine Aktionseinheit bilden. Es sind die Richtungen des Integralismus und des Modernismus, die auch unter anderen Etiketten verkauft werden. Der Einfachheit halber vermengt man sie mit den politischen Kategorien konservativ und liberal ohne zu beachten, dass es in der Politik um weltliche Macht und das menschlich Machbare geht und in der Kirche um die von Gott geoffenbarte Wahrheit über den Menschen und sein ewiges Heil in Gott. Es ist nach Kardinal Sarah für die Kirche selbstzerstörerisch, wenn sie sich dem politischen und medialen Spiel um die Macht ausliefert. Statt nach der Wahrheit zu fragen, die sich aus der definitiven Offenbarung in Christus ergibt, wollen ideologische Richtungen die Kirche zum Gegenspieler oder zum Mitläufer des Naturalismus in seiner liberalen, nationalistischen oder kommunistischen Variante machen.

In der Linie des Lehramtes der Päpste der jüngeren Zeit und besonders von Johannes Paul II. und Benedikt XVI. und gerade auch im Geiste von Papst Franziskus gilt es, die Kirche im katholischen Glauben zu vereinen und die politisch-ideologische Spaltung in ihrem Innern zu überwinden. Notwendig ist die Neuevangelisierung über eine bloße „Sakramentalisierung“ (Sakramentenspendung ohne persönlichen Glauben) hinaus, indem man sich in Europa nur zu oft darauf beschränkt, den statistischen Bestand der Kirche aufrechtzuerhalten. Entscheidend dafür ist ein umfassender Dialog zwischen Glaube und Vernunft. In diesem Zusammenhang möchte ich den Berliner Philosophen Volker Gerhardt empfehlen, der in der Tradition der Transzendentalphilosophie wohl, mit seinem Buch: „Der Sinn des Sinns. Versuch über das Göttliche“ (3.Aufl. Berlin 2015) in der Absicht dieses Dialoges den Entwurf eine natürlichen oder rationalen Theologie ausgearbeitet hat.

Aus der Erfahrung der liebenden Gegenwart Gottes für uns und somit der Würde des Menschen als Person vor Gott ergibt sich für Kardinal Sarah die Auseinandersetzung mit einer „Kultur“, für die der Tod Dreh- und Angelpunkt ist und der nur die schmutzige Kehrseite ihres atheistischen Nihilismus darstellt. Die Entchristlichung soll bis in die anthropologischen Wurzeln vorgetrieben werden. Wenn der Mensch in seinem leiblichen, seelischen und geistigen Sein nur das Produkt einer ideologischen Konstruktion ist und sich so der Willkür gesellschaftlicher Interessen und ideologischen Pressure-Groups und nicht der Güte des Schöpfers verdankt, ist jeder Moral der Boden entzogen. Das sittliche Grundgesetz, das jedem Menschen von Gott ins Gewissen geschrieben ist und zu einer geistig-sittlichen Natur gehört, auch wenn er die 10 Gebote noch nicht wörtlich kennt (Röm 2,14f), heißt: „Das Gute ist zu tun und das Böse ist zu meiden!“

Im Programm der De-moralisierung und Ver-atheisierung der Menschheit wird das sittliche Grundgesetz ins Gegenteil verkehrt. Tötung eines Kindes im Mutterleib wird zum Frauenrecht, die Beseitigung eines schwer Kranken und Sterbenden zu einem Akt des Mitleides, die milliardenschweren Programme zur Abtreibung und Empfängnisverhütung werden zum Kampf gegen die Armut verklärt, damit die natürlichen Ressourcen für die Reichen reserviert bleiben und nicht durch ein Heer der Armen aufgebraucht werden; dann ist die Selbstzerstörung durch Drogen ein Akt der freien Selbstverfügung und der Menschenhandel mit Frauen aus den armen Ländern wird nur lau bekämpft oder als selbstverschuldet bagatellisiert. Das weltweite Verbrechen der Zwangsprostitution oder der Nötigung armer Frauen zum Sex mit reichen Lüstlingen wird geradezu salonfähig gemacht durch die Forderung, die Prostitution zu legalisieren. Die milliardenschwere Sex- und Pornographie ist nichts anderes als eine Ausbeutung von Menschen, die ihrer Person-Würde beraubt werden. Sie reiht sich unwürdig ein in die größten Menschheitsverbrechen.

Ihrer argumentativen Haltlosigkeit überführt der Autor die Genderideologie als Folge des radikalen Feminismus und angeblichen sexuellen Revolution der 68er Zeit, denen es nicht um die gerechte Beteiligung aller Männer und Frauen am geistig-kulturellen Leben geht, sondern um die Zerstörung der leiblich-geistigen Identität des Menschen als Mann  und Frau.

Beim Thema Homosexualität, dem im Verhältnis zu den Schicksalsfragen der Menschheit eine absolut überproportionale Bedeutung zugesprochen wird, verteidigt allein die Kirche die Würde eines jeden Menschen. Die Kirche lehnt das Spiel mit den davon betroffenen Menschen ab und schützt sie vor der Instrumentalisierung für den ideologischen Beweis, dass der Mensch nicht von Gott geschaffen sei, sondern ein Produkt gesellschaftlicher Selbst- und Fremdbestimmung darstelle, das man beliebig manipulieren könne. Die Menschenwürde und die bürgerlichen Rechte dieser Personen stehen gar nicht zur Debatte. Indem man aber die Ehe von Mann und Frau einem sexuellem Verhältnis von Personen gleichen Geschlechts gesetzlich und in der gesellschaftlichen Bewertung gleichstellt, ist die Ehe in ihrem Wesen als Gemeinschaft des Leibes, des Lebens und der Liebe von Mann und Frau zerstört. Der Zukunft der Menschheit wird biologisch, seelisch und kulturell der Boden entzogen. Das ist die Wahrheit, die hinter einer Nebelwand von Propaganda und Agitation zum Vorschein kommt. Nicht die Anerkennung der Person-Würde von homosexuell empfindenden Mitmenschen ist das Ziel der Genderideologie und des radikalen Feminismus, sondern die Zerstörung der Ehe von Mann und Frau und damit der Familie, die natürlich aus dem Lebensbund von Mann und Frau als Vater und Mutter ihrer gemeinsamen Kinder hervorgeht.

Es ist nur ein subtiler Neokolonialismus, wenn Entwicklungshilfe für Afrika von internationalen Organisationen und Gender-Staaten an die Übernahme dieser destruktiven Ideologie gebunden wird.

„Lieber sollen sie verhungern, wenn sie sich nicht unserer Gehirnwäsche aussetzen wollen“, so wird unverhohlen erpresst. Der Ungeist des europäisch-angelsächsischen Dünkels steht wieder auf, wenn Studenten aus den ärmeren Ländern Mainstreaming und Gleichschaltungskurse verabreicht werden − natürlich mit westlichen Steuergeldern gesponsert −, damit sie in ihrer Heimat die Alten auf Linie bringen, die im vorrationalen Denken und noch unbehelligt von den Weisheiten der Genderideologie in ihren Tabus befangen sind.

 

4. Die Kirche als Zeugin der Wahrheit und der Gutheit Gottes

Die Kirche ist den Menschen die Wahrheit Gottes schuldig. Sie darf sich auch nicht einschüchtern lassen von Vorwürfen etwa der Unterbewertung der Sexualität oder sich in die Zwickmühle ihrer Verteufelung oder Vergötzung bringen lassen. Die substantiale Einheit des Menschen in Geist, Seele und Leib, seine Bezogenheit auf die Gemeinschaft und die generationenübergreifende Verantwortung, die Identität als Mann und Frau in ihrer wesenhaften Bezogenheit aufeinander: alle diese Faktoren zeigen die Stimmigkeit der Ehelehre und der Sexualmoral der Kirche, die sie von Gott empfangen hat. Die innere Steigerung von Sexus, Eros und Agape in der Person der Ehepartner  weist die Ehe aus als natürliche Lebensgemeinschaft von einem Mann und einer Frau, die frei und für immer Ja zueinander gesagt haben. Dies gilt nicht nur für den Augenblick einer schönen Stimmung, weil Liebe Ganzhingabe bedeutet und nicht ein Gefühl der Hochstimmung, dem keine Dauer beschieden sein kann. Wenn auch aus der Kirche heraus eine neue Sexualmoral gefordert wird, mag dies von manchen unter Verkennung der Wahrheit des Evangeliums als befreiende Entlastung vom gesellschaftlichen Konformitätsdruck in Familie, Medien, am Arbeitsplatz empfunden und begrüßt werden. Den Menschen hilft eine alte heidnische und als neu angepriesene Sexuallehre nicht, die auf falschen anthropologischen Prämissen aufbaut, den Geboten Gott diametral widerspricht und vom Standpunkt der Offenbarung als häretisch zu qualifizieren ist. Nur was sittlich gut ist und dem Willen Gottes entspricht, kann auch den Menschen zum Glück und Heil gereichen. Ganz abgesehen von der Tatsache, dass der Hedonismus eine uralte Irrlehre ist und nur den atheistischen Nihilismus als theoretische Basis hat, kann man nur von einer atheistischen Anthropologie her die Sexualität als moralfreien Raum ansehen, in dem allenfalls ein paar äußere Regeln gelten. Die Sexualität ist vielmehr von innen her dem moralischen Prinzip der Unterscheidung von Gut und Böse ausgesetzt, nämlich dass durch sie in der geistleiblichen Einheit der Person die Liebe und die Hingabe ohne Vorbehalt und jede Berechnung oder wechselseitige Instrumentalisierung ihr Kriterium ist.

Wir wissen alle, sagt der Kardinal, dass wir Sünder sind und gerade im Bereich der Sexualität sich die Schwäche des Menschen sehr deutlich zeigt, die Leiblichkeit in das Person-Sein zu integrieren. Dem Menschen, der sein Fehlverhalten einsieht und seine Schuld bereut, versagt Gott seine Vergebung nie und er hat auch der Kirche die Vollmacht zur Vergebung aller Sünden im Bußsakrament anvertraut. Der Skandal besteht nicht darin, dass immer wieder das 6. Gebot übertreten worden ist und übertreten wird. Der Skandal wäre es und ein Abfall der Kirche von Gott, wenn die Kirche den Unterschied von Gut und Böse nicht mehr nennen würde oder gar frevelhaft das für gut erklärt, was Gott als Sünde erklärt; oder wenn man gar Gott mit fromm klingenden Worten in Anspruch nimmt um die Sünde, statt den Sünder zu rechtfertigen.

 

5. Eine Botschaft für das katholische Deutschland aus Afrika

Das Buch von Kardinal Sarah trifft mit der deutschen Übersetzung in die katholische Kirche dieses Sprachraums, wo die Krise des Glaubens mit Händen zu greifen ist. Leere Kirchen, verwaiste Beichtstühle, kaum Priesteramtskandidaten, ein Kloster nach dem anderen schließt, die Kenntnis des eigenen Glaubens auf einem Tiefststand, und evangelisch und katholisch zusammen im Jahr 2014 haben weit über eine halbe Million Christen, die in der Taufe zu Kindern Gottes wurden, der Kirche Jesu Christi öffentlich den Rücken gekehrt. Oft werde ich gefragt, woher das Establishment der sog. „deutschen Kirche“, den Anspruch ableitet, bei allen Symptomen eines dramatischen Niedergangs ausgerechnet in den Fragen der Sexualmoral und der katholischen Ehelehre für die Weltkirche Schrittmacher zu sein. Wenn man alten Wein in neue Schläuche gießt, könnten sie die Schläuche zerreißen und den neuen Wein verderben. Mit den Ursachen der Glaubenskrise in Europa könnten leicht auch ihre Folgen nach Afrika exportiert werden. Man versuche es einmal anders herum. Nicht die Europäer spielen sich als Lehrer der Afrikaner auf. Statt die Selbstsäkularisierung als Antwort auf die Glaubenskrise den jungen, wachsenden Kirche als Modell anzubieten, müssten wir den geistlichen Reichtum und die Glaubensstärke anderer bei uns als Heilmittel einführen. Nur so kann die katholische Kirche in Europa überleben und die geistlich Toten wieder zum Leben im Glauben zu erwecken. Wir könnten von den jungen Kirchen lernen und sollten aufhören uns klammheimlich zu freuen, wenn es dort wie überall, wo Menschen menscheln, auch Mängel zu beklagen sind. Wir sollen nicht anderen verheißen, dass es bei denen auch mal so kommt wie es bei uns ist − als ob die Entchristlichung ein nicht aufzuhaltender Naturprozess wäre. Nein! Mit dem Glauben kann man Berge versetzen.

Nur eine nachhaltige Neuevangelisierung mit allem apostolischen Freimut und Eifer könnte dem Schalwerden des Christentums in Deutschland entgegenwirken; doch statt dessen werden problemblind die hl. Kommunion für zivil Verheiratete, die noch in einer gültigen kirchlichen Ehe leben und die Anerkennung homosexueller Beziehungen zu Zentralthemen einer Pastoral der Zukunft erklärt. Und die Aktivitäten sind erstaunlich. Mit allen  Mitteln wird versucht, exegetisch, historisch, dogmengeschichtlich und mit Hinweis auf Psychologie und Soziologie die katholische Ehelehre, die sich aus der Lehre Jesu ergibt, zu dekonstruieren und zu relativieren, nur damit die Kirche gesellschaftskonform erscheint und obengenannte Ziele erreicht werden. Wer treu zur Lehre der Kirche steht, wird publizistisch bekämpft und gar noch als Gegner des Papstes diffamiert, so als ob nicht der Papst und alle Bischöfe in Gemeinschaft mit ihm Zeugen der geoffenbarten Wahrheit wären, die ihnen zur treuen Verwaltung übertragen wurde, damit sie nicht von Menschen auf menschliches Maß abgesenkt wird. Es kann in diesem Klima des deutschen Führungsanspruchs für die ganze Weltkirche dann schon mal vorkommen, dass einem Präfekten der Glaubenskongregation von einem Laienfunktionär oder einem Professor über eine Boulevardzeitung eine Lektion über den katholischen Offenbarungsbegriff erteilt wird. Apostolischen Freimut und gläubiges Selbstbewusstsein sollte man gegenüber der Zerstörung des christlichen Menschenbildes und im Zeugnis für die Wahrheit des Evangeliums Christi an den Tag legen und seine Kräfte nicht in innerkirchlichen Prestigekämpfen vergeuden oder gar gegen „Rom“ den Selbständigen markieren.

Das Konzil sagt klar, dass die Offenbarung in Schrift und Tradition enthalten ist und vom Lehramt treu ausgelegt wird. Aber eine neue öffentliche Offenbarung, die über das depositum fidei hinausgeht, empfangen Papst und Bischöfe nicht (Lumen gentium 25). Die Entwicklung der Lehre bezieht sich auf ihr tieferes Verständnis und kann nicht dialektisch mit dem Widerspruch zu ihr in einer höheren Einheit vermittelt werden (Dei verbum 10).

Die gültige und sakramentale Ehe ist entweder unauflösbar oder auflösbar. Ein Drittes gibt es nicht. Bei aller Rede von Dialog und seinen langen Prozessen ist in Wirklichkeit ein ideologisch Verkrampfung nicht zu übersehen. Zu jedem Preis und sei es auf Kosten der Wahrheit und der Einheit der Kirche soll eine Änderung wenigstens der Praxis erzwungen werden. Die Lehre könne vorläufig als Theorie bestehen bleiben, um die Katholiken in Afrika und Asien, die geistig und gefühlsmäßig noch nicht so „weit“ sind, zu beschwichtigen, während in der Pastoral um der Menschen willen die von Gott gegebene Ordnung der Sakramente de facto außer Kraft gesetzt wird. Der Zwiespalt wird in Gott selbst hineingetragen, der als guter Schöpfer und barmherziger Erlöser einerseits Gnade und Unauflöslichkeit der Ehe begründet und andererseits erschrocken über ihre nicht lebbaren Konsequenzen seine Gebote wieder aussetzt. Die Kollision von Barmherzigkeit und Gerechtigkeit in seinem Wesen nötige ihn sogar, die unwiderrufliche Gnade im Ehesakrament zu suspendieren um weitere Ehen zu Lebzeiten des legitimen Ehepartners zu gestatten − ganz im Widerspruch zu Jesus, der die „Hartherzigkeit“ der Pharisäer für das mosaische Zugeständnis von Scheidung und Wiederverheiratung verantwortlich machte.

Was die Trennung von Glaubenslehre und Glaubenspraxis angeht, sollten gerade wir in Deutschland sehr wachsam sein und die Lektion der Kirchengeschichte nicht vergessen. Der Ablasshandel ist im Schicksalsjahr 1517 zum Anlass der protestantischen Reformation und zur ungewollten Spaltung der abendländischen Christenheit geworden. Nicht die Lehre Johann Tetzels über den Nachlass zeitlicher Sündenstrafen war falsch, wie wir heute wissen, sondern ihre Nichtbeachtung in der Praxis und die Erweckung eines falschen Scheins. Die Lehrer des Glaubens dürfen die Menschen nicht in einer falschen Heilssicherheit wiegen, nur um keinen Anstoß zu provozieren. Und der ursprüngliche Protest Luthers gegen die Nachlässigkeit der Hirten der Kirche war gerechtfertigt, weil man mit dem Heil der Seelen nicht spielen darf, selbst wenn der Zweck der Täuschung ein gutes Werk wäre. Wir dürfen die Menschen nicht täuschen, was die Sakramentalität der Ehe, ihre Unauflöslichkeit, ihre Offenheit auf das Kind, und die fundamentale Komplementarität der beiden Geschlechter angeht. Pastorale Hilfe muss das ewige Heil im Blick haben und nicht nur den Wünschen der Leute vordergründig gefällig sein.

Und niemand kann bestreiten, dass der Weg zur Auferstehung über das Kreuz Christi führt und auch dass jeder Christ in Ehe und Familie, im Priesterstand und Ordensleben sein tägliches Kreuz auf sich nehmen soll. Ein bequemes zeitgeistiges Leben hat Jesus seinen Jüngern nicht versprochen, jedoch uns die Verheißung gegeben: „Sei getreu bis in den Tod, dann werde ich dir den Kranz des Lebens geben.“ (Offb 2,10).

Wir sind uns einig, dass diejenigen Christen, die bei einer gültigen sakramentalen Ehe zugleich eine kirchlich nicht anerkannte zivile Ehe eingehen, einer besonderen Zuwendung der Kirche bedürfen. Dies gilt auch der Kinder wegen, die oft in einen Konflikt gestellt sind zwischen der Liebe zu den Eltern und der Kenntnis der Gebote Gottes und der Lehre der Kirche. Die volle Wiederversöhnung mit der Kirche im Sakrament der Busse und im Empfang der hl. Kommunion kann aber nicht den steilen Weg zum Ziel ersetzen, sondern kann nur das Ziel eines Wegs sein, der zur theologischen Klärung des Status der sakramentalen Ehe führt. Die sakramentale Wahrheit der Ehe kann nicht ignoriert werden. Das ist die von Gott gestiftete Realität, an der sich die faktische Situation der Menschen ausrichten muss. Und nicht umgekehrt kann sich der Mensch zum Maßstab für Gott in seiner Schöpfungs- und Erlösungsordnung machen.

Ich danke Herrn Kardinal Sarah für seinen Mut, allen Katholiken in Afrika und in Europa die Wahrheit des katholischen Glaubens und seine Konsequenzen in der pastoralen Praxis nicht vorzuenthalten oder in einem Kompromiss die Wahrheit zu halbieren. Ich kann nicht halb an die Gottheit Christi glauben oder nur Herr, Herr zu ihm sagen, ohne den Willen seines Vaters im Himmel zu erfüllen (Mt 7,21).

Gott gegenüber gibt es nur alles oder nichts. Mit Gott haben wir alles und ohne Gott sind wir nichts.

Das ist der Leitgedanke des Buches von Kardinal Sarah, in dem er den wichtigsten Themen des Christentums in der Postmoderne auf den Grund geht.

Meine Gedanken hierzu wollten aber das Studium dieses Buches nicht ersetzen, sondern nur zu seiner Lektüre einladen.

_______

Quelle

Das Buch „Gott oder Nichts“ können Sie beziehen beim fe-Medienverlag

Aufbruch in Augsburg – Raus aus den alten Strukturen!

„Ich wurde selbst gestärkt und ermutigt durch die Tage in Augsburg.“

Gastkommentar über die #MEHR-Konferenz des Gebetshauses Augsburg

von Gabriele Kuby

Augsburg-München (kath.net) Seit zehn Jahren wird gebetet im Augsburger Gebetshaus an 365 Tagen im Jahr, 24 Stunden täglich. Bei Gott fängt alles klein an – ein kleines Häuflein junger Leute, die alles auf Gott gesetzt und einfach nur gebetet haben, hauptberuflich! Wagnisse für Gott mit reinem Herzen und großer Vision segnet Gott. Zehn Jahre später füllen 10.000 junge Leute die Kongresshalle von Augsburg, loben und preisen Gott und hören von Donnerstagnachmittag bis Sonntagmittag zehn „Teachings“, wie man zu einem Jünger Jesu wird. Sieben davon hält Johannes Hartl, 38 Jahre alt, verheiratet, vier Kinder, promovierter Theologe. Schmal, wie er ist, mit kurz geschorenen Haaren, gestyltem Outfit, bunten Schnürsenkeln in den Turnschuhen und einer Sprache, die sich von hochdeutschen Gepflogenheiten nicht begrenzen lässt, gelingt es ihm, die zehntausend Menschen zu fesseln, sozusagen auf Duzfuß mit ihnen zu kommen. Johannes Hartl brennt für Gott und er entzündet für Gott.

Die Menschen sind durstig wie dürres lechzendes Land ohne Wasser, oft ohne zu wissen, wonach sie eigentlich dürsten. Dieser Durst wird kaum mehr gestillt in unseren Gemeinden, wo die ganze Botschaft unseres liebenden Gottes nur noch selten verkündet wird. Man müsse den Menschen entgegenkommen, ist die stereotype Rechtfertigung; aber dieses Entgegenkommen löscht das Feuer, das Jesus auf die Erde werfen will, durch Anpassung an den Zeitgeist. Etwa eine halbe Million Menschen pro Jahr finden das unerquicklich und verlassen die Kirchen. Kein Erschrecken, keine Umkehr, kein Aufbruch, statt dessen Verwalten der Existenzkrise.

Auch hier in Augsburg kommt man der jungen Generation entgegen mit poppiger, rockiger Lobpreismusik. Schon immer musste das Evangelium inkulturiert werden. Die Leute da abholen, wo sie sind. Wenn wir sie abholen, wo sie nicht sind, funktioniert es nicht. Seit Woodstock sind die Leute daran gewöhnt, ihren Körper rhythmisch unter Strom zu setzen und zwar laut, sehr laut. Dann fühlen sie sich lebendig. Gregorianische Musik würde einer Generation, die so geprägt ist, tot erscheinen. Also geht hier die Post ab mit Rock und Pop und Lightshow zum Lobpreis des Herrn.

Abholen heißt, ich gehe da hin, wo du bist, um dich auf einen Weg mitzunehmen. Abholen heißt nicht, ich komme zu dir ins Gefängnis und bleibe da. Wer abholt zu Gott, muss eine lebendige Beziehung zu Gott haben, er tritt in den Riss zwischen Gott und seinen geliebten Kindern, die kaum mehr etwas von ihm wissen. In den Teachings spricht Hartl biblischen Klartext. Er, dem das Bistum gerade bestätigt hat, dass er katholisch ist, hat Katholiken, Protestanten, Evangelikale vor sich. Ut unum sint ist ihm ein zentrales Anliegen, denn es war Jesu letzte Bitte an den Vater: „Sie sollen eins sein, wie wir eins sind, damit die Welt erkennt, dass du mich gesandt hast und die Meinigen ebenso geliebt hast wie mich“ (Joh 17,22-23). Hartl will keine Universalkirche. Am Freitag gibt es eine katholische Messe mit dem päpstlichen Hofprediger Raniero Cantalamessa, der auch einen Vortrag über Heiligkeit durch die Gnade Jesu hält: Be holy to be happy, ist seine Botschaft. Am Samstag wird Abendmahl gefeiert, am Sonntag, dem Fest der Taufe Jesu, heilige Messe mit Weihbischof Wörner. Alle Sprecher wollen, dass wir unseren Glauben leben und offen sind für das Wirken des Heiligen Geistes, der allein die dogmatischen Gegensätze überwinden kann.

Allen Christen gemeinsam ist das Wort Gottes. „Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen“ (Mt 24,35). Darauf baut Hartl, wenn er über Vaterschaft redet und uns auffordert, den Status des Waisenkindes endlich zu überwinden, das nie genug kriegt, weil nie genug da war, und deswegen Ersatzstrategien der Selbstversorgung entwickelt, deren Kern die innere Leere ist. Nein, wir sind reich, wir haben einen Vater, „dem alle Ölquellen der Welt gehören“, der den Überfluss liebt und Feste mit uns feiert. Sechshundert Liter Wein beschert Jesus einer Hochzeitsgesellschaft, der der Wein ausgegangen ist; dem verlorenen Sohn eilt der Vater entgegen, kleidet ihn neu ein, erneuert den Bund mit einem Ring, zieht ihm Schuhe an, damit er laufen kann, und schlachtet das Mastkalb für ein Fest mit Musik und Tanz.

Die Selbsterkenntnis und innere Arbeit, die nötig sind, um den Waisenkindstatus abzulegen, Sohn zu werden und als Sohn Verantwortung zu übernehmen und Vater zu werden oder Mutter, ist für jeden Christen dieselbe, in welcher der christlichen Kirchen er seinen Weg auch gefunden haben mag. Hartl stört sich nicht daran, dass in der Bibel oft nur von Söhnen und nicht von Töchtern die Rede ist. Er müsse schließlich auch damit zurechtkommen, dass er als Mann Braut Christi sei.

„Lieben heißt, den anderen stehen lassen.“ Wer das als Absage an die Mission hört, hat den Satz missverstanden. Wieviel von unserem Eifern für die eigene Dogmatik hat seine Wurzeln in einem Sicherheitsbedürfnis, das danach verlangt, von den Mitmenschen bestätigt zu werden? Möge die Wahrheit leuchten, weil sie getan wird (Joh 3,31), und selbst der Magnet sein, der andere anzieht.

Ein gewaltiger Magnet ist in Vorbereitung in Augsburg: Mission Campus – „ein Ort der Hoffnung“. Die Baupläne liegen fertig auf dem Tisch für ein Trainingszentrum für Tausende. Sie sollen zuerst und vor allem beten lernen, denn dann kann Gott wirken – das ist für die Gebetshaus-Crew die überwältigende Erfahrung. Sie glaubt, „dass es Zeit ist für einen geistlichen Klimawandel in Europa“. Für dieses Projekt wird zu Spenden aufgerufen, Spenden, die ein echtes Opfer sind, nämlich mindestens 1000 Euro. Hier sind Söhne am Werk, keine Waisenkinder.

Hartl spricht über den „Duft der Hoffnung“ – nicht zu glauben, wie viel in der Bibel über Duft zu finden ist. Maria gießt es in verschwenderischer Fülle über Jesus aus, Judas, „der ein Dieb war“, nimmt daran Anstoß. Wir sollen Jesus nicht kleinlich lieben, kleinlich mit unserer Gebetszeit, kleinlich mit unserem Ja zu Gott, das nur in großherziger Hingabe zu einem Baum werden kann, in dem die Vögel nisten. Europe shall be saved, skandiert der Saal. Europa soll gerettet werden und es wird gerettet werden.

Die Hoffnung setzt Kraft frei, Kraft ein Held zu sein. In seinem letzten Vortrag „Erwecke den Helden“ ruft Hartl zum Kampf auf – kein Kampf gegen Menschen, kein Kampf für die Ersatzbefriedigungen von Waisenkindern, sondern Kampf der Söhne und Töchter Gottes für den Herrn. Die Essenz des Helden besteht darin, dass er wagt, den status quo zu durchbrechen, dann kommen die anderen nach. Die Bibel ist voll von Heldengeschichten, z. B. der von Ester, die mit einer Heldentat ihr Volk rettet: „Wenn ich umkomme, dann komme ich eben um (Est 4,16).“

Ich selbst wurde gestärkt und ermutigt durch die Tage in Augsburg, ermutigt zu „siegreichem Glauben“, der immer auf der eigenen Umkehr beruht. Die Bereitschaft zur Umkehr ist das, was Einheit stiftet und uns öffnet für die fortschreitende Erkenntnis der ganzen Wahrheit. Überall auf der Welt beruft Jesus heute, in der Bedrängnis unserer Zeit, Menschen zu seinen Jüngern, er stellt keine dogmatischen Vorbedingungen. Sie erkennen sich am Duft der Nachfolge und sie wollen die rettende Botschaft Jesu in die Welt bringen.

Es war laut in Augsburg. Wunderbar wäre es, wenn auch akustisch und visuell ein Weg beschritten würde, der zehntausend Menschen immer einmal wieder in die Stille führt – in die stille Anbetung, über die Raniero Cantalamessa in seiner Predigt gesprochen hat. Mein stärkster Eindruck auf dem Weltjugendtag in Rom im Jahr 2000 war die Erfahrung der Gegenwart Gottes, als ein Mönch mit der Monstranz in der Hand das Stadion abschritt – in völliger Stille. Eine solche Erfahrung überschreitet dogmatische Differenzen und eint. Auch die Augen können Ruhe finden, wenn ihnen Gelegenheit gegeben wird, auf große christliche Kunst zu blicken, etwa den Altarraum einer romanischen Kathedrale. Vielleicht könnte dann sogar ein gregorianischer Choral heilige Resonanz in den Herzen erzeugen.

_______

Quelle

Der authentische und unversehrte Glaube als Fundament eines wahrhaft christlichen Lebens

cover-internet-p

PAPST PAUL VI.

Ansprache bei der Generalaudienz am 30. Oktober 1968

Das »Credo des Gottesvolkes«

Geliebte Söhne und Töchter!

Anlässlich des Christkönigsfestes, das wir am vergangenen Sonntag gefeiert haben, ist in vielen Kirchen der Welt das Glaubensbe­kenntnis gesprochen worden, das Wir selbst am 30. Juni auf dem Petersplatz zum Ab­schluss des Gedenkens an das Martyrium der heiligen Apostel Petrus und Paulus vor­getragen haben, das als »Jahr des Glaubens« gefeiert und nun beendet wurde mit diesem Unserem feierlichen Glaubensbekenntnis, das den Namen »Credo des Gottesvolkes« bekommen hat. Ihr erinnert euch: Es ist eine – mit ausdrücklicher Bezugnahme auf einige Punkte der Lehre erweiterte – Wiederholung des Glaubensbekenntnisses von Nizäa, das, wie ihr wisst, die berühmte Formel des Glaubens ist, die auf dem ersten ökumenischen Konzil, nämlich dem von Nizäa (im Jahre 325, wenige Jahre nach der Anerkennung der Freiheit der Kirche durch das Edikt Konstantins aus dem Jahre 313) beschlossen wurde – eine Formel, die sich in lateinischer Sprache verbreitet hat, vor allem durch die Übersetzung des Hilarius von Poitiers (vgl. De Synodis 84, PL 10, 536) und die in der Substanz auch von uns noch in der heiligen Messe wiederholt wird, zu der nach dem Messformular das Sprechen des Credos gehört.

Der Anfang des Heils des Menschen

Als kurze Zusammenfassung der hauptsächlichen Wahrheiten, die von der katholischen Kirche, der lateinischen wie der orthodoxen, geglaubt werden, hat dieses Credo die Maßgeblichkeit eines offiziellen Bekenntnisses unseres Glaubens angenommen. Zu dem objektiven lehrhaften Wert ist dadurch, wie es offensichtlich ist, der subjektive Wert unserer persönlichen und gemeinschaftlichen Zustimmung zu eben diesen Wahrheiten hinzugekommen, welche die Kirche als von der Offenbarung abgeleitet ansieht. Und daher kann das Credo mit entscheidender Autorität und mit stärkender Kraft in das Durcheinander unseres verwirrten und beunruhigten Gewissens eintreten, um in die fundamentalen Punkte Licht und Ordnung hineinzubringen im Hinblick auf die religiösen Fragen, die die wichtigsten und schwierigsten Fragen in unserem Leben sind. Es ist daher notwendig, beim Sprechen des Credos das Zusammentreffen des objektiven Glaubens (der zu glaubenden Wahrheiten) mit dem subjektiven Glauben (dem tugendhaften Akt der Zustimmung zu diesen Wahrheiten) stets zu vergegenwärtigen.

Weshalb haben Wir die Aufmerksamkeit der Kirche auf diesen doppelten Aspekt des Glaubensbekenntnisses gezogen? Wie ihr wisst, sind es zwei Gründe. Der erste Grund: Weil der Glaube, wie das Konzil von Trient mit skrupulöser Treue den Gedanken des heiligen Paulus (vgl. Röm 3,21-28) wiedergab, sagt: Fides est humanae salutis initium, fundamentum et radix omnis iustificationis (Sessio VI., Dekret zur Rechtfertigung, Kap. 8). Der Glaube ist der Beginn des Heils des Menschen, das Fundament und die Wurzel jeder Rechtfertigung –, das heißt unserer Wiedergeburt in Christus, unserer Erlösung und unseres gegenwärtigen und ewigen Heils. »Ohne Glauben aber ist es unmöglich, Gott zu gefallen« (Hebr 11,6).

Der Glaube ist unsere erste Pflicht. Der Glaube ist für uns eine Lebensfrage. Der Glaube ist das unersetzbare Prinzip des Christentums. Er ist das Zentrum der Einheit. Er ist der fundamentale Daseinsgrund unserer Religion.

Und der zweite Grund ist dieser: weil heute – im Gegensatz zu dem, was zusammen mit dem Fortschritt des Menschen ge­schehen müsste – der Glaube (oder sagen wir die Zustimmung zum Glauben) schwieriger geworden ist. In philosophischer Hinsicht: Wegen der zunehmenden Infragestellung der Gesetze des spekulativen Denkens, der natürlichen Rationalität, der Gültigkeit der menschlichen Gewissheiten; der Zweifel, des Agnostizismus, des Sophismus, des beden­kenlosen Auftretens des Absurden, der Ab­lehnung der Logik und der Metaphysik usw. wird der Geist des modernen Menschen er­schüttert. Wenn das Denken in seinen inne­ren rationalen Erfordernissen nicht mehr res­pektiert wird, dann leidet darunter auch der Glaube – der, daran wollen Wir hier erin­nern, auf die Vernunft angewiesen ist; er übersteigt sie, aber er ist auf sie angewiesen. Der Glaube ist kein Fideismus, das heißt ein Glaube ohne vernünftige Grundlagen. Er ist auch nicht nur ein unbestimmtes Suchen nach irgendeiner religiösen Erfahrung: Er ist der Besitz der Wahrheit, er ist Gewiss­heit. »Wenn aber dein Auge krank ist«, sagt Jesus, »dann wird dein ganzer Körper finster sein« (Mt 6,23).

Irrwege und Irrtümer unserer Zeit

Wir können leider hinzufügen: Der Glaubensakt ist heute auch psychologisch schwieriger geworden. Heute erkennt der Mensch vor allem auf dem Weg über die Sinne: Man spricht von einer Kultur des Bildes. Jede Erkenntnis wird in Darstellungen und Zeichen übersetzt. Die Wirklichkeit wird an dem gemessen, was man sieht und was man hört. Der Glaube dagegen erfordert den Gebrauch des Geistes, der sich einer Sphäre von Wirklichkeiten zuwendet, die sich der sinnenhaften Beobachtung entziehen. Und Wir stellen ferner fest, dass die Schwierigkeiten sich auch aus den philologischen, exegetischen, historischen Studien ergeben, die auf jene erste Quelle der offenbarten Wahrheit angewandt werden, welche die Heilige Schrift ist: Ohne die Ergänzung, die von der Tradition und dem autoritativen Beistand des kirchlichen Lehramts ausgeht, ist auch das Studium der Bibel allein voller Zweifel und Probleme, die den Glauben eher verwirren als stärken. Es wird der individuellen Initiative überlassen, es bringt einen solchen Pluralismus der Meinungen hervor, dass der Glaube in seiner subjektiven Gewissheit erschüttert und dass ihm seine gesellschaftliche Maßgeblichkeit genommen wird. So erzeugt ein solcher Glaube Hindernisse für die Einheit der Gläubigen, während der Glaube doch die Grundlage der ideellen und spirituellen Gemeinsamkeit sein soll: Der Glaube ist einer (vgl. Eph 4,5).

Wir sprechen darüber mit Schmerz, aber es ist so, auch deswegen, weil die Heilmittel, die man von so vielen Seiten für die modernen Krisen des Glaubens beizubringen versucht, oft trügerisch sind. Es gibt einige, die, um dem Inhalt des Glaubens Glaubwürdigkeit zurückzugeben, diesen auf einige grundlegende Sätze reduzieren, von denen sie glauben, sie seien der authentische Sinn der Quellen des Christentums und der Heiligen Schrift selbst.

Es ist überflüssig zu sagen, wie willkürlich – auch wenn sie sich mit dem Schein der Wissenschaftlichkeit umgibt – und wie verderblich eine solche Vorgehensweise ist. Und es gibt andere, die mit Kriterien eines bestürzenden Empirismus sich anmaßen, eine Auswahl unter den vielen Wahrheiten zu treffen, die von unserem Credo gelehrt werden, um dann diejenigen zurückzuweisen, die nicht gefallen, und einige aufrechtzuerhalten, die für gefälliger gehalten werden. Und dann gibt es einige, die die Lehren des Glaubens der modernen Mentalität anzupassen versuchen und dabei oft diese Mentalität, sei sie profan oder spiritualistisch, zur Methode und zum Maß des religiösen Denkens machen. Das Bemühen – das an sich durchaus Lob und Verständnis verdient – vonseiten dieses Systems, die Wahrheiten des Glaubens in Begriffen auszudrücken, die der Sprache und der Mentalität unserer Zeit zugänglich sind, ist manchmal dem Wunsch nach einem leichteren Erfolg gewichen, aus dem heraus gewisse »schwierige Dogmen« verschwiegen, abgemildert oder verfälscht werden. Ein gefährlicher, wenn auch gebotener Versuch – und einer wohlwol­lenden Aufnahme nur dann würdig, wenn er bei der zugänglicheren Darbietung der Lehre dieser ihre echte Integrität bewahrt. »Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein«, sagt der Herr (Mt 5,37; Jak 5,12), und schließt so jede künstli­che Mehrdeutigkeit aus.

Das wunderbare Geschenk bewahren
und leben

Diese dramatische Situation des Glaubens in unseren Tagen lässt Uns an den weisen Aus­spruch des Konzils denken: »Die heilige Überlieferung, die Heilige Schrift und das Lehramt der Kirche sind gemäß dem weisen Ratschluss Gottes so miteinander verknüpft und einander zugesellt, dass keines ohne die anderen besteht« (Dogmatische Konstitution Dei Verbum 10). So ist es – was den objektiven Glauben betrifft, das heißt wenn es darum geht, genau zu wissen, was wir glauben sollen. Aber was den subjektiven Glauben betrifft, was werden wir tun, nachdem wir ehrlich und beharrlich zugehört, studiert, meditiert haben? Werden wir den Glauben haben?

Wir können mit einem Ja antworten, aber müssen dabei immer einen fundamentalen und in gewisser Weise furchtbaren Aspekt des Problems berücksichtigen, nämlich dass der Glaube eine Gnade ist. »Doch nicht alle«, sagt der heilige Paulus, »sind dem Evangelium gehorsam geworden« (Röm 10,16). Und dann, was wird mit uns sein? Werden wir unter den Glücklichen sein, die die Gnade des Glaubens erhalten werden? Ja, antworten Wir. Aber er ist ein Geschenk, das man wertschätzen muss, das man hüten muss, über das man sich freuen muss, das man im Leben umsetzen muss. Und einstweilen muss man es durch das Gebet erflehen, wie der Mann im Evangelium: »Ich glaube, [Herr], hilf meinem Unglauben!« (Mk 9,24).

Wir wollen beten, geliebte Kinder, zum Beispiel so:

Gebet des Papstes um
Stärkung des Glaubens

Herr, ich glaube; ich will an Dich glauben.

O Herr, gib, dass mein Glaube vollkommen sei, ohne Vorbehalte, und dass er mein Denken durchdringe, meine Weise, die göttlichen und die menschlichen Dinge zu beurteilen.

O Herr, gib, dass mein Glaube frei sei, dass er also die persönliche Mitwirkung meiner Zustimmung habe, dass er den Verzicht und die Pflichten annehme, die er mit sich bringt, und dass er das Beste meiner Persönlichkeit zum Ausdruck bringe: Ich glaube an Dich, Herr.

O Herr, gib, dass mein Glaube gewiss sei, gewiss aufgrund der Übereinstimmung der Beweise außen und aufgrund des Zeugnisses des Heiligen Geistes innen, gewiss durch ein Licht, das uns Sicherheit gebe, durch eine Lösung, die uns Frieden verschaffe, durch ein Annehmen, das uns Ruhe bringe.

O Herr, gib, dass mein Glaube stark sei, dass er die Widrigkeiten der Probleme nicht fürchte, von denen unser nach Licht dürstendes Leben voll ist, und dass er den Widerstand derjenigen nicht fürchte, die ihn bestreiten, bekämpfen, ablehnen, negieren, sondern dass er sich durch den Beweis Deiner Wahrheit im Innersten festige, dass er der mühevollen Herausforderung der Kritik widerstehe und sich in der fortwährenden Bejahung kräftige, welche die dialektischen und spirituellen Schwierigkeiten überwindet, in denen sich unsere zeitliche Existenz vollzieht.

O Herr, gib, dass mein Glaube froh sei und meinem Geist Frieden und Freude gebe und dass er ihn zum Gebet zu Gott und zum Gespräch mit den Menschen befähige, sodass in das heilige und das profane Gespräch die innere Seligkeit seines glücklichen Besitzes hineinstrahle.

O Herr, gib, dass mein Glaube wirksam sei und der Liebe die Gründe gebe für sein moralisches Sichausbreiten, sodass er wahre Freundschaft mit Dir sei und in den Werken, im Leiden, in der Erwartung der endgültigen Offenbarung eine fortwährende Suche nach Dir, ein fortwährendes Zeugnis von Dir, eine fortwährende Nahrung für die Hoffnung sei.

O Herr, gib, dass mein Glaube demütig sei und sich nicht anmaße, sich auf die Erfahrung meines Denkens und meines Empfindens zu gründen, sondern dass er sich dem Zeugnis des Heiligen Geistes ergebe und dass er keine bessere Garantie als in der Folgsamkeit gegenüber der Tradition und der Autorität des Lehramtes der heiligen Kirche habe. Amen.

So soll nun, auch für Uns und für euch alle, das »Jahr des Glaubens« abgeschlossen werden mit Unserem Apostolischen Segen.

(30. Oktober 1968)

Über den Autor:

Leonardo Sapienza ist »Reggente« in der Prä­fektur des Päpstlichen Hauses. Am 9. 2. 2013 hat ihn Papst Benedikt XVI. als eine seiner letzten Amtshandlungen zum »Apostolischen Protonotar« ernannt. Er gehört somit dem Gremium an, das die Aufgaben der Notare des Papstes und des Heiligen Stuhls etwa für Heiligsprechungen oder für ein Konklave wahrnimmt.

_______

Quelle

PAPST PAUL VI.: WAHRER UND FALSCHER PLURALISMUS

262_paolovi1

Bei der Generalaudienz am 28. August 1974

Wir wollen auch diesmal der einfachen und familiären Art zu sprechen treu bleiben, die wir unserem Gespräch bei den Generalaudienzen vorbehalten haben. Dabei möchten wir gerade diesmal eurem aufmerksamen Nachdenken ein et­was schwer zu verstehendes Wort vorlegen, das freilich in letz­ter Zeit auch bei der Erklärung der katholischen Lehre An­klang findet. Denn es erscheint oft wie ein Inbegriff der Freiheit und des Modernen. Es ist das Wort „Pluralismus“. Wir möch­ten hier freilich nicht über den Pluralismus der philosophischen oder politischen Systeme sprechen, auch nicht über den reli­giösen Pluralismus außerhalb des christlichen Bereichs.

Pluralismus ist ein mißverständlicher Begriff, denn er hat eine doppelte Bedeutung. Die erste ist sehr schön, denn sie beleuchtet die Fruchtbarkeit unserer katholischen Lehre, die auf der einen Seite eine echte und tiefe Identität ihres Inhalts bewahrt und damit streng gebunden bleibt an die eigene ein­deutige Wirklichkeit, an den einen Glauben, von dem der Apostel Paulus mit solcher Klarheit und Autorität spricht (Eph 4, 3­6.13; Phil 2, 2; Röm 15, 5; 12,16; vgl. Joh 10, 16 usw.). Auf der anderen Seite besitzt die katholische Lehre einen über­strömenden Reichtum an Ausdrucksformen für jede Sprache (denken wir z.B. an das Sprachwunder am Pfingsttag) (Apg 2, 4-8), für jeden Abschnitt der Geschichte (vgl. NEWMAN, An Essay of the Development of Christian Doctrine, 1845), aber auch für jedes Alter und jede Bildungsstufe des Lebens (denken wir hier an das Kerygma, d. h. an die Lehre, wie sie den ersten Christen verkündet wurde; an die Didache oder Lehre der Apostel; an die ersten Glaubensbekenntnisse oder Zusammen­fassungen der Lehre als Leitfaden für die Verkündigung ­später erhielten sie den Namen Credo ; dann an die Kate­chismen und Lehrbücher aller Art, z.B. die theologischen Sum­mae des Mittelalters; an die neueren Werke, die noch eingehender und systematischer das katholische Dogma behandeln). Wir können hier auch nicht die zahlreichen, gleichsam be­schwingten Stimmen der Liturgie übergehen, die mit denen der Lehre wetteifern, so daß es zum bekannten Ausgleich zwischen dem Gesetz des Betens und dem Gesetz des Glaubens kommt. Wie könnten wir schließlich die unerschöpfliche Fülle literari­scher Zeugnisse vergessen, die in sich selber bestätigen, daß eine strenge Beachtung der lehrhaften Norm nicht nur die reiche Entfaltung geistlicher Schöpferkraft, Phantasie und Poe­sie nicht unterdrückt, sondern sie im Gegenteil gerade hervor­ruft und befruchtet mit einem wunderbaren und immer neuen Reichtum an Formen und Wortschöpfungen?

Dies ist der Pluralismus der katholischen Kirche. Ihm dür­fen wir jenen anderen hinzurechnen, der der Erfahrung per­sönlichen Ringens und besonderen Ausdrucksweisen entspringt, zu denen die katholische Lehre den Mystiker ebenso wie den Theologen und den Künstler einlädt, immer unter der einen Bedingung, daß diese Beter, Gelehrten und Propheten des an­deutenden Zeichens in ihren Herzen als ein Gesetz, das ihnen gleichsam zur Natur geworden ist, die Wahrheit gelten lassen. Jene Wahrheit, deren Lehrer der Heilige Geist ist (Joh 14, 26; 16, 23), gewiß, der immer auch die sichere Auslegung jenes Lehramtes der Kirche trägt, dem Christus die Aufgabe anver­traut hat, Licht zu sein (Mt 5, 14), dem Wort zu dienen (Lk 10, 16) sowie die Unverfälschtheit des Glaubens und der kirch­lichen Gemeinschaft zu bewahren (vgl. DS 3050 ff; Lumen gentium, Nr. 18; Dei Verbum, Nr. 12, 23; Unitatis redintegratio, Nr. 21).

Wir könnten den Pluralismus der Lehre in der katholischen Kirche mit einem Orchester vergleichen, in dem die Vielfalt der Instrumente und die Verschiedenheit ihrer einzelnen Stim­men zusammenwirken, eine einzige wunderbare Harmonie hervorzubringen.

Nun stellen sich einige das katholische Dogma — das heißt eine von Gott geoffenbarte und vom Lehramt der Kirche dazu erklärte religiöse Wahrheit — fast wie ein Gefängnis für das theologische und wissenschaftliche Denken vor. Wir möchten sie alle daran erinnern, welche Sicherheit und welche Fülle der Wahrheit und welche Vielfalt der Ausdrucksmöglichkeiten eben dieses katholische Dogma dem Geist des Menschen bietet, welch eine Einladung zu intensiverem Nachdenken und welche Freude für den Geist, der den Wegen der übernatürlichen Wissenschaft von Gott und vom Menschen folgt. Die demüti­gen und weisen Theologen kennen sehr wohl die Kostbarkeit dieser unübertrefflichen Erfahrung. Ihnen gilt unser achtungs­voller und ermutigender Gruß.

Dies umso mehr, als sich die Katholiken beim Bekenntnis dieses Pluralismus der Ausdrucksformen bei aller dogmatischen Einheit der christlichen Lehre immer der Formel der alten und neuen Reformatoren gegenübersehen: „Sola Skriptura ­nur die Schrift allein“. Diese Reformatoren tun so, als seien sie die wahren Anhänger der religiösen Einheit, und als käme nicht auch die Heilige Schrift selbst aus der Überlieferung der Apostel (vgl. Dei Verbum, Nr. 7-10). Sie tun so, als sei die von der apostolischen Lehre losgelöste Heilige Schrift nicht der gerade heute so realen Gefahr ausgesetzt, einer richtungslos vom Mittelpunkt wegstrebenden, pluralistischen Auslegung des einzelnen überlassen zu werden; also jener „freien Prüfung“ ausgesetzt, welche die Einheit des Glaubens in eine unzählbare Menge persönlicher Meinungen aufgelöst hat. Sie werden ­vergebens oder willkürlich — von einer „regulierten Norm“ zusammengehalten, das heißt durch eine von der Gemeinschaft erlassene, verpflichtende Auslegung der Schrift. Diese aber wird ihrerseits wieder entwertet von der subjektiven Erleuch­tung, die der Heilige Geist angeblich dem einzelnen direkt schenkt. Auf diese Weise öffnet — wie Prof. Siro Offelli sagt — „die protestantische Lehre von der freien Prüfung oder die Lehre von der einzigen Autorität des Heiligen Geistes als dem authentischen Interpreten der Heiligen Schrift dem radikalsten religionsphilosophischen Subjektivismus Tür und Tor“. Sollen wir denn von der einigenden, festlichen, vielstimmigen Sinfonie des Pfingstfestes rückwärts schreiten zu der mysteriösen baby­lonischen Sprachenverwirrung, von der die Bibel berichtet (Gen 11, 1-9) ? Welchen Ökumenismus könnten wir auf diese Weise wohl aufbauen ? Welche Einheit der Kirche könnten wir denn ohne Einheit im Glauben wiederherstellen ? Wo würde das Christentum — und noch mehr der Katholizismus — en­den, wenn man auch heute unter dem Vorwand eines trügerischen, aber unzulässigen Pluralismus die Zersplitterung der Lehre und damit — als möglicher Folge — die Zersplitterung der Kirche als rechtmäßig anerkennen würde?

Die wahre Religion, von der wir glauben, daß es die unsere ist, kann sich nur dann rechtmäßig und wirksam nennen, wenn sie rechtgläubig ist, das heißt: wenn sie aus einer echten und unzweideutigen Beziehung zu Gott kommt. Nichts anderes kann unseren Durst nach Wahrheit und Leben stillen — we­der ein unbestimmtes, und sei es auch ein noch so tief ergrif­fenes und aufrichtiges religiöses Gefühl, noch eine freie, mit Hilfe eigenständiger persönlicher Bemühungen aufgebaute spi­rituelle Ideologie, nicht das Bemühen, die durchaus edlen und leidenschaftlichen Äußerungen einer überschwänglichen und sittenstrengen Soziologie ganzer Völker auf die Ebene der Re­ligion zu heben, nicht eine Schriftdeutung, die einzelnes aus dem Gesamtzusammenhang herauslöst, um dem Christentum einen rein natürlichen oder mythischen Ursprung zuzuschrei­ben, und auch keine andere Theorie oder Praxis, die von jener unendlich geheimnisvollen und unmißverständlichen Stimme absieht, auf dem Berg der Verklärung ertönte und sich auf den wie die Sonne strahlenden, verklärten Jesus bezog mit den Worten: „Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe; ihn sollt ihr hören“ (Mt 17, 5).

Glücklich wir, wenn wir uns in die Schar der Kleinen ein­reihen, die es verstehen, eine solche Stimme zu hören und einen Vorgeschmack vom Glück dieser unsterblichen Gewiß­heit haben! Dazu unseren Apostolischen Segen.

_______

Quelle: Papst Paul VI. Wort und Weisung im Jahr 1974

PAPST FRANZISKUS: KATECHESEN IM JAHR DES GLAUBENS / ANNUS FIDEI

maxresdefault
Mittwoch, 3. April 2013

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Heute nehmen wir die Katechesen zum Jahr des Glaubens wieder auf. Im Glaubensbekenntnis sagen wir immer wieder dieses Wort: Er »ist am dritten Tage auferstanden nach der Schrift«. Eben dieses Ereignis feiern wir: die Auferstehung Jesu, das Zentrum der christlichen Botschaft, die von Anfang an zu hören war und weitergegeben wurde, um bis zu uns zu gelangen. Der hl. Paulus schreibt an die Christen von Korinth: »Vor allem habe ich euch überliefert, was auch ich empfangen habe: Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift, und ist begraben worden. Er ist am dritten Tag auferweckt worden, gemäß der Schrift, und erschien dem Kephas, dann den Zwölf« (1 Kor 15,3–5).

Dieses kurze Glaubensbekenntnis verkündigt das Ostergeheimnis, mit den ersten Erscheinungen des Auferstandenen vor Petrus und dann vor den Zwölf: Der Tod und die Auferstehung Jesu sind der Kern unserer Hoffnung. Ohne diesen Glauben an den Tod und die Auferstehung Jesu wäre unsere Hoffnung schwach, wäre sie nicht einmal Hoffnung, und gerade der Tod und die Auferstehung Jesu sind der Kern unserer Hoffnung. Der Apostel sagt: »Wenn aber Christus nicht auferweckt worden ist, dann ist euer Glaube nutzlos und ihr seid immer noch in euren Sünden« (V. 17).

Leider hat man oft versucht, den Glauben an die Auferstehung Jesu zu verdunkeln, und auch bei den Gläubigen selbst haben sich Zweifel eingeschlichen. Ein bisschen »Rosenwasser«-Glaube, wie wir sagen, ein verwässerter Glaube: Das ist kein starker Glaube. Und das aus Oberflächlichkeit, manchmal aus Gleichgültigkeit, beschäftigt mit tausend Dingen, die man für wichtiger hält als den Glauben, oder aus einer nur horizontalen Sichtweise des Lebens heraus.

Aber gerade die Auferstehung öffnet uns auf die größere Hoffnung hin, weil sie unser Leben und das Leben der Welt auf die ewige Zukunft Gottes hin öffnet, auf die vollkommene Glückseligkeit, auf die Gewissheit, dass das Böse, die Sünde, der Tod überwunden werden können. Und das führt dazu, die täglichen Wirklichkeiten mit mehr Vertrauen zu leben, ihnen mit Mut und Einsatz zu begegnen. Die Auferstehung Christi erleuchtet diese täglichen Wirklichkeiten mit einem neuen Licht. Die Auferstehung Christi ist unsere Kraft!

Aber wie ist uns die Glaubenswahrheit der Auferstehung Christi weitergegeben worden? Im Neuen Testament gibt es zwei Arten von Zeugnissen: einige in der Form eines Glaubensbekenntnisses, also kurze Formeln, die auf den Kern des Glaubens verweisen; andere wiederum haben die Form eines Berichts über das Ereignis der Auferstehung und der damit verbundenen Tatsachen. Die erste, die Form des Glaubensbekenntnisses, ist zum Beispiel die, die wir gerade vernommen haben, oder die im Brief an die Römer, wo der hl. Paulus schreibt: »Wenn du mit deinem Mund bekennst: ›Jesus ist der Herr‹ und in deinem Herzen glaubst: ›Gott hat ihn von den Toten auferweckt‹, so wirst du gerettet werden« (10,9).

Von den ersten Schritten der Kirche an ist der Glaube an das Geheimnis von Tod und Auferstehung Jesu felsenfest und ganz deutlich. Heute möchte ich jedoch bei der zweiten Form verweilen, die wir in den Evangelien finden, beim Zeugnis in Form eines Berichts. Vor allem sehen wir, dass die ersten Zeuginnen dieses Ereignisses die Frauen waren. Als eben die Sonne aufgeht, kommen sie zum Grab, um den Leib Jesu zu salben, und finden das erste Zeichen: das leere Grab (vgl. Mk 16,1). Dann folgt die Begegnung mit einem Boten Gottes, der verkündigt: Jesus von Nazaret, der Gekreuzigte, ist nicht hier; er ist auferstanden (vgl. V. 5–6). Die Frauen sind von der Liebe getrieben und können diese Verkündigung mit Freude annehmen: Sie glauben und geben es sofort weiter. Sie behalten es nicht für sich, sie geben es weiter. Die Freude zu wissen, dass Jesus lebt, die Hoffnung, die das Herz erfüllt, lässt sich nicht im Zaum halten. Das sollte auch in unserem Leben geschehen. Wir müssen die Freude spüren, Christen zu sein! Wir glauben an einen Auferstandenen, der das Böse und den Tod überwunden hat! Wir müssen den Mut haben »hinauszugehen«, um diese Freude und dieses Licht an alle Orte unseres Lebens zu bringen! Die Auferstehung Christi ist unsere größte Gewissheit; sie ist der kostbarste Schatz! Wie sollten wir diesen Schatz, diese Gewissheit nicht mit den anderen teilen? Sie ist nicht nur für uns da, sie ist da, um weitergegeben zu werden, um sie den anderen zu schenken, um sie mit den anderen zu teilen. Gerade das ist unser Zeugnis.

Ein weiteres Element: In den Glaubensbekenntnissen des Neuen Testaments werden als Zeugen der Auferstehung nur Männer erwähnt, die Apostel, aber nicht die Frauen. Das liegt daran, dass nach dem jüdischen Gesetz jener Zeit Frauen und Kinder kein verlässliches, glaubwürdiges Zeugnis geben konnten. In den Evangelien dagegen haben die Frauen eine erstrangige, grundlegende Rolle. Hier können wir ein Element erblicken, das für die Geschichtlichkeit der Auferstehung spricht: Wenn sie eine erfundene Tatsache wäre, dann wäre sie im Kontext jener Zeit nicht mit dem Zeugnis von Frauen verbunden worden. Die Evangelisten berichten jedoch einfach das, was geschehen ist: Die Frauen sind die ersten Zeuginnen. Das heißt, dass Gott nicht nach menschlichen Maßstäben auserwählt: Die ersten Zeugen der Geburt Jesu sind die Hirten, einfache und bescheidene Menschen; die ersten Zeuginnen der Auferstehung sind die Frauen.

Und das ist schön. Und das ist ein bisschen die Sendung der Frauen: der Mütter, der Frauen! Den Kindern, den Enkeln Zeugnis geben, dass Jesus lebt, dass er der Lebendige ist, dass er auferstanden ist! Mütter und Frauen, gebt weiter dieses Zeugnis! Für Gott zählt das Herz, es zählt, wie offen wir für ihn sind, ob wir wie Kinder sind, die Vertrauen haben. Das bringt uns jedoch auch zum Nachdenken darüber, dass die Frauen in der Kirche und auf dem Glaubensweg eine besondere Rolle gehabt haben und auch heute haben, um dem Herrn die Türen zu öffnen, ihm nachzufolgen und sein Antlitz zu vermitteln, denn der Blick des Glaubens bedarf immer des schlichten und tiefen Blicks der Liebe. Die Apostel und die Jünger tun sich schwerer zu glauben. Die Frauen nicht. Petrus läuft zum Grab, bleibt aber beim leeren Grab stehen; Thomas muss mit seinen Händen die Wunden des Leibes Jesu berühren. Auch auf unserem Glaubensweg ist es wichtig zu wissen und zu spüren, dass Gott uns liebt, und keine Angst zu haben, ihn zu lieben: Den Glauben bekennt man mit Mund und Herz, mit Worten und mit Liebe.

Nach den Erscheinungen vor den Frauen folgen weitere. Jesus wird auf neue Weise gegenwärtig: Er ist der Gekreuzigte, aber sein Leib ist verherrlicht; er ist nicht zum irdischen Leben zurückgekehrt, sondern in einem neuen Zustand. Anfangs erkennen sie ihn nicht wieder, und nur durch seine Worte und seine Gesten werden die Augen geöffnet: Die Begegnung mit dem Auferstandenen verwandelt, gibt dem Glauben eine neue Kraft, eine unerschütterliche Grundlage. Auch für uns gibt es viele Zeichen, in denen der Auferstandene sich zu erkennen gibt: die Heilige Schrift, die Eucharistie, die anderen Sakramente, die Nächstenliebe, jene Gesten der Liebe, die einen Strahl des Auferstandenen bringen. Lassen wir uns erleuchten von der Auferstehung Christi, lassen wir uns von seiner Kraft verwandeln, damit auch durch uns in der Welt die Zeichen des Todes den Zeichen des Lebens weichen.

Ich habe gesehen, dass auf dem Platz viele junge Menschen sind. Da sind sie! Zu euch sage ich: Tragt diese Gewissheit voran: Der Herr lebt und geht an eurer Seite im Leben. Das ist eure Sendung! Tragt diese Hoffnung voran. Bleibt in dieser Hoffnung verankert: mit diesem Anker, der im Himmel ist. Haltet das Seil fest, bleibt in dieser Hoffnung verankert und tragt sie weiter. Ihr, die Zeugen Jesu, tragt das Zeugnis voran, dass Jesus lebt, und das wird uns Hoffnung schenken, es wird dieser Welt Hoffnung schenken, die ein bisschen gealtert ist durch die Kriege, durch das Böse, durch die Sünde. Voran, ihr jungen Menschen!



Mittwoch, 10. April 2013

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

In der letzten Katechese haben wir beim Ereignis der Auferstehung Jesu verweilt, bei dem die Frauen eine besondere Rolle hatten. Heute möchte ich über die Heilsbedeutung der Auferstehung nachdenken. Was bedeutet die Auferstehung für unser Leben? Und warum ist ohne sie unser Glaube sinnlos? Unser Glaube gründet auf dem Tod und der Auferstehung Christi, genau wie ein Haus auf den Fundamenten ruht: Wenn diese nachgeben, stürzt das ganze Haus ein. Am Kreuz hat Jesus sich selbst dargebracht, indem er unsere Sünden auf sich genommen hat und in den Abgrund des Todes hinabgestiegen ist, und in der Auferstehung überwindet er sie, nimmt sie hinweg und öffnet uns den Weg, um zu neuem Leben neu geboren zu werden. Der hl. Petrus bringt dies zusammenfassend am Anfang seines Ersten Briefes zum Ausdruck, wie wir gehört haben: »Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus: Er hat uns in seinem großen Erbarmen neu geboren, damit wir durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten eine lebendige Hoffnung haben und das unzerstörbare, makellose und unvergängliche Erbe empfangen « (1,3–4).

Der Apostel sagt, dass durch die Auferstehung Jesu etwas absolut Neues geschieht: Wir sind von der Knechtschaft der Sünde befreit und werden zu Kindern Gottes, sind also zu neuem Leben geboren. Wann wird uns das zuteil? Im Sakrament der Taufe. In der frühen Kirche empfing man diese gewöhnlich durch Eintauchen. Der Täufling stieg in das große Taufbecken hinab und ließ seine Kleidung zurück. Der Bischof oder der Priester goss ihm dreimal Wasser über das Haupt und taufte ihn im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Dann stieg der Getaufte aus dem Becken und zog das neue, weiße Gewand an: Er war also zu neuem Leben geboren, indem er in den Tod und die Auferstehung Christi eingetaucht war. Er war zum Kind Gottes geworden. Im Brief an die Römer schreibt der hl. Paulus: »Ihr habt den Geist empfangen, der euch zu Söhnen macht, den Geist, in dem wir rufen: Abba, Vater!« (Röm 8,15). Und der Geist, den wir in der Taufe empfangen haben, lehrt uns, spornt uns an, zu Gott »Vater« zu sagen, oder besser: »Abba«, was »Papa« bedeutet. So ist unser Gott: Er ist ein liebevoller Vater, ein »Papa«, für uns. Der Heilige Geist wirkt in uns dieses neue Sein als Kinder Gottes. Und das ist das größte Geschenk, das wir vom Ostergeheimnis Jesu empfangen. Und Gott nimmt uns als Kinder an, er versteht uns, er vergibt uns, er umarmt uns, er liebt uns auch dann, wenn wir Fehler machen. Schon im Alten Testament sagte der Prophet Jesaja, dass selbst wenn eine Mutter ihren Sohn vergessen würde, Gott uns nicht vergisst, nicht einen Augenblick (vgl. 49,15). Und das ist schön!

Doch diese Beziehung zu Gott als seine Söhne und Töchter ist nicht wie ein Schatz, den wir in einer Ecke unseres Lebens hüten, sondern er muss wachsen, er muss Tag für Tag genährt werden durch das Hören des Wortes Gottes, das Gebet, die Teilnahme an den Sakramenten, insbesondere der Beichte und der Eucharistie, und durch die Nächstenliebe. Wir können als Kinder Gottes leben! Und darin besteht unsere Würde – wir besitzen die Würde der Kinder Gottes. Wir müssen uns als wahre Kinder Gottes verhalten!

Das heißt, wir müssen uns täglich von Christus verwandeln lassen, um zu werden wie er; es heißt sich zu bemühen, als Christen zu leben, zu versuchen, ihm nachzufolgen, auch wenn wir unsere Grenzen und unsere Schwächen sehen. Die Versuchung, Gott beiseite zu schieben, um uns selbst in den Mittelpunkt zu stellen, lauert stets vor der Tür, und die Erfahrung der Sünde verletzt unser christliches Leben, unsere Gotteskindschaft. Wir müssen daher den Mut des Glaubens haben und dürfen uns nicht von der Denkweise verleiten lassen, die zu uns sagt: »Du brauchst Gott nicht, er ist nicht wichtig für dich« und so weiter. Genau das Gegenteil ist der Fall: Nur wenn wir uns als Kinder Gottes verhalten, ohne uns von unserem Fallen, unseren Sünden entmutigen zu lassen, und uns von ihm geliebt fühlen, wird unser Leben neu, unbeschwert und voller Freude. Gott ist unsere Stärke! Gott ist unsere Hoffnung!

Liebe Brüder und Schwestern, wir müssen als erste an dieser Hoffnung festhalten und allen ein sichtbares, deutliches, leuchtendes Zeichen dafür sein! Der auferstandene Herr ist die unvergängliche Hoffnung, die nicht zugrunde gehen lässt (Röm 5,5). Die Hoffnung lässt nicht zugrunde gehen. Die Hoffnung des Herrn! Wie oft in unserem Leben schwinden die Hoffnungen, wie oft werden die Erwartungen, die wir im Herzen tragen, nicht erfüllt! Die Hoffnung, die wir Christen haben, ist wahr, stark, sicher, auf dieser Erde, wohin Gott uns berufen hat, um unseren Weg zu gehen, und sie ist offen auf die Ewigkeit hin, weil sie auf Gott gründet, der immer treu ist. Wir dürfen nicht vergessen: Gott ist immer treu; Gott ist uns immer treu. Mit Christus auferstanden zu sein durch die Taufe, durch das Geschenk des Glaubens, für ein unzerstörbares Erbe, möge uns dazu bringen, vermehrt die Dinge Gottes zu suchen, mehr an ihn zu denken, mehr zu ihm zu beten.

Christ sein heißt nicht bloß, die Gebote befolgen, sondern in Christus sein, wie er denken, wie er handeln, wie er lieben; es bedeutet zuzulassen, dass er von unserem Leben Besitz ergreift und es verwandelt und frei macht vom Dunkel des Bösen und der Sünde.

Liebe Brüder und Schwestern, wer nach der Hoffnung fragt, die uns erfüllt (vgl. 1 Petr 3,15), den wollen wir auf den auferstandenen Christus verweisen. Wir wollen auf ihn verweisen durch die Verkündigung des Wortes, vor allem aber durch unser Leben als Auferstandene. Wir wollen die Freude zeigen, Kinder Gottes zu sein, die Freiheit, die uns das Leben in Christus schenkt, das die wahre Freiheit ist, die uns aus der Knechtschaft des Bösen, der Sünde, des Todes erlöst!

Wenn wir auf das himmlische Vaterland schauen, werden wir auch in unserem Tun und in unseren täglichen Mühen neues Licht und neue Kraft haben. Es ist ein wertvoller Dienst, den wir dieser unserer Welt leisten müssen, die es oft nicht mehr schafft, den Blick in die Höhe zu erheben, die es oft nicht mehr schafft, den Blick zu Gott zu erheben.



 Mittwoch, 17. April 2013

Er ist aufgefahren in den Himmel. Er sitzt zur Rechten des Vaters

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Im Glaubensbekenntnis finden wir den Satz: Jesus ist »aufgefahren in den Himmel. Er sitzt zur Rechten des Vaters«. Das irdische Leben Jesu mündet in das Ereignis der Himmelfahrt, das heißt dass er von dieser Welt zum Vater geht und zu seiner Rechten erhoben wird. Welche Bedeutung hat dieses Ereignis? Welche Folgen hat es für unser Leben? Was bedeutet es, Jesus zu betrachten, der zur Rechten des Vaters sitzt? Lassen wir uns dazu vom Evangelisten Lukas leiten.

Wir wollen bei dem Augenblick beginnen, in dem Jesus sich entschließt, seine letzte Pilgerreise nach Jerusalem zu unternehmen. Der hl. Lukas schreibt: »Als die Zeit herankam, in der er (in den Himmel) aufgenommen werden sollte, entschloss sich Jesus, nach Jerusalem zu gehen« (Lk 9,51). Als er zur heiligen Stadt »hinaufgeht«, wo sein »Auszug« aus diesem Leben stattfinden wird, sieht Jesus bereits das Ziel, den Himmel, aber er weiß sehr wohl, dass der Weg, der ihn in die Herrlichkeit des Vaters zurückbringt, über das Kreuz führt, über den Gehorsam gegenüber dem göttlichen Liebesplan für die Menschheit.

Der Katechismus der Katholischen Kirche sagt: »Das Erhöhtwerden am Kreuz bedeutet das Erhöhtwerden bei der Himmelfahrt und kündigt es an« (Nr. 662). Auch uns muss in unserem christlichen Leben klar sein, dass das Eingehen in die Herrlichkeit Gottes die tägliche Treue gegenüber seinem Willen erfordert, auch wenn dies Opfer verlangt, wenn es manchmal verlangt, unsere Pläne zu ändern. Die Himmelfahrt Jesu geschah konkret auf dem Ölberg, in der Nähe des Ortes, an den er sich vor dem Leiden zum Gebet zurückgezogen hatte, um tief mit dem Vater vereint zu bleiben: Wieder einmal sehen wir, dass das Gebet uns die Gnade schenkt, in Treue zum Plan Gottes zu leben.

Am Ende seines Evangeliums berichtet der hl. Lukas in sehr synthetischer Form vom Ereignis der Himmelfahrt. Jesus führte die Jünger »hinaus in die Nähe von Betanien. Dort erhob er seine Hände und segnete sie. Und während er sie segnete, verließ er sie und wurde zum Himmel emporgehoben; sie aber fielen vor ihm nieder. Dann kehrten sie in großer Freude nach Jerusalem zurück. Und sie waren immer im Tempel und priesen Gott« (24,50–53), so der hl. Lukas.

Ich möchte auf zwei Elemente des Berichtes hinweisen. Zunächst vollzieht Jesus bei der Himmelfahrt die priesterliche Geste des Segnens, und gewiss bringen die Jünger durch das Niederfallen ihren Glauben zum Ausdruck. Sie knien nieder und beugen das Haupt. Das ist ein erster wichtiger Punkt: Jesus ist der einzige und ewige Priester, der in seinem Leiden durch Tod und Grab hindurchgegangen und der auferstanden und zum Himmel aufgefahren ist; er ist bei Gott, dem Vater, wo er für immer für uns Fürsprache hält (vgl. Hebr 9,24). Wie der hl. Johannes in seinem Ersten Brief sagt, ist er unser Fürsprecher: Wie schön, das zu hören! Wenn jemand vor den Richter gerufen wird oder einen Prozess anstrengt, dann sucht er sich als Erstes einen Fürsprecher, einen Anwalt, der ihn verteidigt. Wir haben einen Fürsprecher, der uns immer verteidigt, der uns gegen die List des Teufels verteidigt, der uns gegen uns selbst, gegen unsere Sünden verteidigt!

Liebe Brüder und Schwestern, wir haben diesen Fürsprecher: Wir dürfen keine Angst haben, zu ihm zu gehen und um Vergebung zu bitten, um Segen zu bitten, um Barmherzigkeit zu bitten! Er vergibt uns immer, er ist unser Fürsprecher: Er verteidigt uns immer! Vergesst das nicht! Die Himmelfahrt Jesu lässt uns also diese Wirklichkeit erkennen, die so tröstlich ist für unseren Weg: In Christus, dem wahren Gott und wahren Menschen, wurde unser Menschsein zu Gott getragen; er hat uns den Übergang eröffnet; er ist gleichsam wie der Führer einer Seilschaft beim Bergsteigen: Er ist auf dem Gipfel angekommen, zieht uns zu sich und führt uns zu Gott. Wenn wir unser Leben ihm anvertrauen, wenn wir uns von ihm führen lassen, dann sind wir gewiss, in sicheren Händen zu sein, in der Hand unseres Retters, unseres Fürsprechers. Ein zweites Element: Der hl. Lukas berichtet, dass die Apostel, nachdem sie gesehen hatten, wie Jesus zum Himmel auffuhr, »in großer Freude« nach Jerusalem zurückkehrten.

Das kommt uns etwas seltsam vor. Wenn wir von unseren Angehörigen, von unseren Freunden getrennt werden und endgültig Abschied nehmen müssen, vor allem aufgrund des Todes, dann empfinden wir im Allgemeinen eine natürliche Traurigkeit, weil wir ihr Angesicht nicht mehr sehen, ihre Stimme nicht mehr hören werden, uns ihrer Zuneigung, ihrer Gegenwart nicht mehr erfreuen können. Der Evangelist hebt dagegen die tiefe Freude der Apostel hervor. Aber wieso? Weil sie mit dem Blick des Glaubens verstehen, dass Jesus zwar ihren Augen entzogen wird, aber immer bei ihnen bleibt, sie nie verlässt und sie in der Herrlichkeit des Vaters unterstützt, führt und für sie Fürsprache hält.

Der hl. Lukas berichtet auch am Anfang der Apostelgeschichte über die Himmelfahrt, um hervorzuheben, dass dieses Ereignis wie das Glied einer Ketten das irdische Leben Jesu mit dem der Kirche verbindet. Hier erwähnt der hl. Lukas auch die Wolke, die Jesus dem Blick der Jünger entzieht, während sie Christus, der zu Gott auffährt, nachschauen (vgl. Apg 1,9–10). Dann tauchen zwei Männer in weißen Gewändern auf, die sie auffordern, nicht dazustehen und zum Himmel emporzuschauen, sondern ihr Leben und ihr Zeugnis aus der Gewissheit zu nähren, dass Jesus ebenso wiederkommen wird, wie sie ihn haben zum Himmel hingehen sehen (vgl. Apg 1,10–11). Das ist eine Einladung, von der Betrachtung der Herrschaft Christi auszugehen, um von ihm die Kraft zu erhalten, im täglichen Leben das Evangelium zu verkündigen und zu bezeugen. Betend betrachten und handeln, »ora et labora«, lehrt der hl. Benedikt: Beides ist in unserem Leben als Christen notwendig.

Liebe Brüder und Schwestern, die Himmelfahrt zeigt nicht die Abwesenheit Jesu an, sondern sie sagt uns, dass er auf neue Weise unter uns lebendig ist; er ist nicht mehr an einem bestimmten Ort der Welt wie vor der Himmelfahrt; jetzt ist er in der Herrschaft Gottes, in jedem Raum und in jeder Zeit gegenwärtig, einem jeden von uns nahe. In unserem Leben sind wir nie allein: Wir haben diesen Fürsprecher, der uns erwartet, der uns verteidigt. Wir sind nie allein: Der gekreuzigte und auferstandene Herr führt uns; bei uns sind viele Brüder und Schwestern, die in der Stille und in der Verborgenheit, in ihrem Familien- und Arbeitsleben, in ihren Problemen und Schwierigkeiten, in ihren Freuden und Hoffnungen täglich den Glauben leben und gemeinsam mit uns die Herrschaft der Liebe Gottes in die Welt tragen, im auferstandenen Christus, der zum Himmel aufgefahren und unser Fürsprecher ist. Danke


Mittwoch, 24. April 2013

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Im Credo bekennen wir: Jesus »wird wiederkommen in Herrlichkeit, zu richten die Lebenden und die Toten«. Die menschliche Geschichte beginnt mit der Schöpfung von Mann und Frau als Abbild Gottes, ihm ähnlich, und schließt mit dem Jüngsten Gericht Christi. Oft werden diese beiden Pole der Geschichte vergessen, und vor allem der Glaube an die Wiederkunft Christi und an das Jüngste Gericht ist im Herzen der Christen manchmal nicht so fest und klar. Während seines öffentlichen Wirkens hat Jesus oft über die Wirklichkeit seines endgültigen Kommens gesprochen. Heute möchte ich über drei Abschnitte aus dem Evangelium nachdenken, die uns helfen, in dieses Geheimnis einzutreten: die zehn Jungfrauen, die Talente und das Jüngste Gericht. Alle drei Texte gehören zur Rede Jesu über die Endzeit im Evangelium des hl. Matthäus.

Zunächst erinnern wir uns, dass der Sohn Gottes durch die Himmelfahrt unsere von ihm angenommene Menschennatur zum Vater gebracht hat und alle zu sich ziehen will, die ganze Welt aufrufen will, sich in die offenen Arme Gottes aufnehmen zu lassen, damit am Ende der Geschichte die ganze Wirklichkeit dem Vater übergeben wird. Es gibt jedoch diese »augenblickliche Zeit« zwischen dem ersten und dem endgültigen Kommen Christi – die Zeit, in der wir leben. Im Kontext dieser »augenblicklichen Zeit« steht das Gleichnis von den zehn Jungfrauen (vgl. Mt 25,1–13). Es handelt sich um zehn Mädchen, die auf die Ankunft des Bräutigams warten, aber dieser kommt lange nicht, und sie schlafen ein. Als plötzlich angekündigt wird, dass der Bräutigam kommt, bereiten alle sich darauf vor, ihn zu empfangen. Während aber fünf von ihnen, die klugen, Öl haben, um ihre Lampen zu füllen, bleiben die anderen, die törichten, mit erloschenen Lampen zurück, weil sie kein Öl haben; und während sie danach suchen, kommt der Bräutigam, und die törichten Jungfrauen finden die Tür zum Hochzeitsfest verschlossen. Sie klopfen inständig, aber es ist bereits zu spät, der Bräutigam antwortet: Ich kenne euch nicht. Der Bräutigam ist der Herr, und die Zeit des Wartens auf seine Ankunft ist die Zeit, die er uns, uns allen, mit Barmherzigkeit und Geduld vor seinem endgültigen Kommen schenkt. Es ist eine Zeit des Wachens, eine Zeit, in der wir die Lampen des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe am Brennen halten müssen, in der wir das Herz offen halten müssen für das Gute, die Schönheit und die Wahrheit; eine Zeit, die nach dem Willen Gottes gelebt werden muss, denn wir wissen weder den Tag noch die Stunde der Wiederkunft Christi. An uns ist es, für die Begegnung bereit zu sein – bereit zu sein für eine Begegnung, eine schöne Begegnung, die Begegnung mit Jesus –, das heißt die Zeichen seiner Gegenwart sehen zu können, unseren Glauben lebendig zu erhalten, durch das Gebet, durch die Sakramente, wachsam zu sein, um nicht einzuschlafen, um Gott nicht zu vergessen. Das Leben der schlafenden Christen ist ein trauriges Leben; es ist kein glückliches Leben. Der Christ muss glücklich sein, die Freude Jesu. Schlafen wir nicht ein!

Das zweite Gleichnis, das von den Talenten, lässt uns nachdenken über die Beziehung zwischen unserem Einsatz der Gaben, die wir von Gott erhalten haben, und seiner Wiederkunft, bei der er uns fragen wird, wie wir sie gebraucht haben (vgl. Mt 25,14–30). Wir kennen das Gleichnis gut: Vor seiner Abreise gibt der Herr jedem Diener einige Talente, um sie während seiner Abwesenheit gut zu gebrauchen. Dem ersten gibt er fünf, dem zweiten zwei und dem dritten eines. Während seiner Abwesenheit vervielfachen die ersten beiden Diener ihre Talente, – das sind antike Münzen–, während der dritte sein Talent lieber vergräbt, um es dem Herrn unversehrt zurückzugeben. Nach seiner Rückkehr richtet der Herr über ihr Tun: Er lobt die ersten beiden, während der dritte hinausgeworfen wird in die Finsternis, weil er das Talent aus Angst verborgen gehalten und sich in sich selbst verschlossen hat. Ein Christ, der sich in sich selbst verschließt, der all das versteckt, was der Herr ihm gegeben hat, ist ein Christ… ist kein Christ! Er ist ein Christ, der Gott nicht für all das dankt, was er ihm geschenkt hat! Das sagt uns, dass das Warten auf die Wiederkunft des Herrn die Zeit des Handelns ist – wir sind in der Zeit des Handelns –, die Zeit, in der wir die Gaben Gottes Frucht bringen lassen sollen, nicht für uns selbst, sondern für ihn, für die Kirche, für die Mitmenschen, die Zeit, in der wir stets danach streben müssen, das Gute in der Welt wachsen zu lassen. Und insbesondere in dieser Zeit der Krise heute ist es wichtig, sich nicht in sich selbst zu verschließen und das eigene Talent, den eigenen geistlichen, intellektuellen, materiellen Reichtum – all das, was Gott uns geschenkt hat – zu vergraben, sondern sich zu öffnen, solidarisch zu sein, auf den Mitmenschen zu achten.

Ich habe gesehen, dass auf dem Platz viele Jugendliche sind: Stimmt das? Sind viele Jugendliche hier? Wo sind sie? Euch, die ihr am Beginn des Lebensweges steht, frage ich: Habt ihr über die Talente nachgedacht, die Gott euch gegeben hat? Habt ihr darüber nachgedacht, wie ihr sie in den Dienst der anderen stellen könnt? Vergrabt die Talente nicht! Setzt auf die großen Ideale, auf jene Ideale, die das Herz weit werden lassen, die Ideale des Dienstes, die eure Talente fruchtbar machen werden. Das Leben ist uns nicht geschenkt worden, damit wir es eifersüchtig für uns selbst bewahren, sondern es ist uns geschenkt worden, damit wir es hingeben. Liebe Jugendliche, habt ein großes Herz! Habt keine Angst, von großen Dingen zu träumen!

Abschließend ein Wort zum Abschnitt über das Jüngste Gericht, in dem das zweite Kommen des Herrn beschrieben wird, wenn er alle Menschen, die Lebenden und die Toten, richten wird (vgl. Mt 25,31–46). Das Bild, das der Evangelist gebraucht, ist das des Hirten, der die Schafe von den Böcken scheidet. Zur Rechten werden jene versammelt, die nach dem Willen Gottes gehandelt haben und ihrem hungrigen, durstigen, fremden, nackten, kranken, gefangenen Nächsten zu Hilfe gekommen sind – ich habe »fremd« gesagt und denke an die vielen Fremden, die hier in der Diözese Rom sind: Was tun wir für sie? –, während zur Linken jene versammelt werden, die dem Nächsten nicht zu Hilfe gekommen sind. Das sagt uns, dass Gott uns nach der Liebe richten wird, danach, wie sehr wir ihn in unseren Brüdern geliebt haben, vor allem den Schwachen und Notleidenden. Sicher, wir müssen uns stets bewusst sein, dass wir gerechtfertigt sind, dass wir aus Gnade gerettet sind, durch einen unentgeltlichen Akt der Liebe Gottes, der uns stets zuvorkommt; aus uns selbst können wir nichts tun.

Der Glaube ist vor allem ein Geschenk, das wir empfangen haben. Aber um Früchte zu tragen, erfordert die Gnade Gottes immer unsere Offenheit gegenüber Gott, unsere freie und konkrete Antwort. Christus kommt, um uns die rettende Barmherzigkeit Gottes zu bringen. An uns ist es, uns ihm anzuvertrauen, dem Geschenk seiner Liebe mit einem guten Leben zu entsprechen, in dem unser Handeln vom Glauben und von der Liebe beseelt ist.

Liebe Brüder und Schwestern, der Blick auf das Jüngste Gericht darf uns keine Angst machen. Vielmehr sollte er uns anspornen, die Gegenwart besser zu leben. Mit Barmherzigkeit und Geduld schenkt Gott uns diese Zeit, damit wir täglich lernen, ihn in den Armen und Geringen zu erkennen, damit wir uns für das Gute einsetzen und wachsam sind im Gebet und in der Liebe. Möge der Herr uns am Ende unseres Lebens und der Geschichte als gute und treue Diener erkennen. Danke.


 Mittwoch, 1. Mai 2013

Liebe Brüder und Schwestern,
guten Tag!

Heute, am 1. Mai, feiern wir den hl. Josef den Arbeiter und beginnen den Monat, der traditionell der Gottesmutter Maria geweiht ist. In dieser unserer Begegnung möchte ich also bei diesen beiden Gestalten verweilen, die so wichtig sind im Leben Jesu, der Kirche und in unserem Leben, mit zwei kurzen Gedanken: dem ersten über die Arbeit, dem zweiten über die Betrachtung Jesu.

1. Im Evangelium des hl. Matthäus, in einem der Augenblicke, in denen Jesus in seine Heimat, nach Nazaret, zurückkehrt, wo er in der Synagoge spricht, wird das Staunen seiner Landsleute über seine Weisheit unterstrichen sowie die Frage, die sie sich stellen: »Ist das nicht der Sohn des Zimmermanns?« (13,55). Jesus tritt in unsere Geschichte ein, er kommt zu uns, wird aus Maria geboren – durch das Wirken Gottes, aber mit der Gegenwart des hl. Josef, des Nährvaters, der ihn behütet und ihn auch sein Handwerk lehrt. Jesus wird in eine Familie, die Heilige Familie, hineingeboren und wächst in ihr auf. Er lernt vom hl. Josef den Beruf des Zimmermanns, in der Werkstatt von Nazaret, und teilt mit ihm die Arbeit, die Mühe, die Freude und auch die Schwierigkeiten des Alltags.

Das ruft uns die Würde und die Bedeutung der Arbeit ins Gedächtnis. Das Buch Genesis berichtet, dass Gott den Mann und die Frau geschaffen und ihnen die Aufgabe anvertraut hat, die Erde zu bevölkern und sie sich zu unterwerfen, was nicht bedeutet, sie auszubeuten, sondern sie zu bebauen und zu hüten, durch das eigene Werk für sie Sorge zu tragen (vgl. Gen 1,28; 2,15). Die Arbeit gehört zum Plan der Liebe Gottes; wir sind aufgerufen, alle Güter der Schöpfung zu pflegen und zu hüten, und auf diese Weise nehmen wir teil am Werk der Schöpfung! Die Arbeit ist ein wesentliches Element für die Würde einer Person. Die Arbeit, um ein Bild zu gebrauchen, »salbt« uns mit Würde, erfüllt uns mit Würde; sie macht uns Gott ähnlich, der gewirkt hat und wirkt, der immer am Werk ist (vgl. Joh 5,17); sie verleiht die Fähigkeit, für den eigenen Unterhalt und den seiner Familie zu sorgen, zum Wachstum der eigenen Nation beizutragen. Und hier denke ich an die Schwierigkeiten, denen die Welt der Arbeit und der Unternehmen in verschiedenen Ländern heute gegenübersteht; ich denke an jene – nicht nur junge – Menschen, die arbeitslos sind, oft aufgrund einer ökonomistischen Auffassung von der Gesellschaft, die nach egoistischem Profit strebt, außerhalb der Kriterien sozialer Gerechtigkeit.

Ich möchte alle zur Solidarität einladen und die öffentlichen Verantwortungsträger ermutigen, keine Mühe zu scheuen, der Beschäftigung neuen Aufschwung zu geben. Das bedeutet, sich um die Würde der Person zu kümmern. Vor allem aber möchte ich dazu aufrufen, nicht die Hoffnung zu verlieren; auch der hl. Josef hatte schwierige Augenblicke, aber er hat nie das Vertrauen verloren und hat sie überwinden können, in der Gewissheit, dass Gott uns nicht verlässt. Und dann möchte ich mich besonders an euch Jungen und Mädchen, an euch Jugendliche wenden: Engagiert euch in eurer täglichen Pflicht, beim Studium, bei der Arbeit, in den freundschaftlichen Beziehungen, bei der Unterstützung anderer; eure Zukunft hängt auch davon ab, wie ihr diese wertvollen Jahre des Lebens zu leben wisst. Habt keine Angst vor dem Einsatz, dem Opfer, und blickt der Zukunft nicht ängstlich entgegen; haltet die Hoffnung lebendig: Es gibt immer ein Licht am Horizont. Ich füge ein Wort hinzu über eine weitere besondere Situation der Arbeit, die mir Sorge bereitet. Ich meine das, was wir als »Sklavenarbeit« bezeichnen könnten: Arbeit, die versklavt. Wie viele Menschen auf der ganzen Welt sind Opfer dieser Art von Sklaverei, in der die Person der Arbeit dient, während es die Arbeit sein muss, die den Personen einen Dienst erweist, um ihnen Würde zu verleihen. Ich bitte die Brüder und Schwestern im Glauben sowie alle Männer und Frauen guten Willens um einen entschiedenen Einsatz gegen den Menschenhandel, zu dem auch die »Sklavenarbeit« gehört.

2. Kurz zum zweiten Gedanken. In der Stille des täglichen Tuns hat Josef, zusammen mit Maria, nur eine gemeinsame Mitte der Aufmerksamkeit: Jesus. Sie begleiten und behüten mühevoll und zärtlich das Heranwachsen des Sohnes Gottes, der für uns Mensch geworden ist, und denken über alles nach, was geschieht. In den Evangelien hebt der hl. Lukas zweimal die Haltung Marias hervor, die auch die des hl. Josef ist: Sie »bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach« (2,19.51). Um den Herrn zu hören, muss man lernen, ihn zu betrachten, seine beständige Gegenwart in unserem Leben wahrzunehmen; muss man innehalten, um mit ihm zu sprechen, ihm durch das Gebet Raum geben. Jeder von uns – auch ihr Jungen und Mädchen, ihr Jugendlichen, die ihr an diesem Vormittag so zahlreich hier versammelt seid, –sollte sich fragen: Welchen Raum gebe ich dem Herrn? Halte ich inne, um mit ihm zu sprechen? Von klein auf haben unsere Eltern uns die Gewohnheit vermittelt, den Tag mit einem Gebet zu beginnen und zu enden, damit wir lernen zu spüren, dass die Freundschaft und die Liebe Gottes uns begleiten. Wir wollen in unserem Tageslauf mehr an den Herrn denken!

Und jetzt im Monat Mai möchte ich die Bedeutung und die Schönheit des Rosenkranzgebetes in Erinnerung rufen. Durch das Beten des »Ave Maria« werden wir dahin geführt, die Geheimnisse Jesu zu betrachten, also über die zentralen Augenblicke seines Lebens nachzudenken, damit er, wie für Maria und für den hl. Josef, die Mitte unseres Denkens, unserer Aufmerksamkeit und unseres Handelns sein kann. Es wäre schön, wenn wir vor allem jetzt im Monat Mai gemeinsam in der Familie, mit Freunden, in der Pfarrgemeinde den heiligen Rosenkranz beten oder ein Gebet an Jesus und an die Jungfrau Maria richten würden! Das gemeinsame Gebet ist ein kostbarer Augenblick, um das Familienleben, die Freundschaft noch stärker zu machen! Wir wollen lernen, mehr in der Familie und als Familie zu beten!

Liebe Brüder und Schwestern, bitten wir den hl. Josef und die Jungfrau Maria, dass sie uns lehren mögen, unseren täglichen Verpflichtungen treu zu sein, unseren Glauben im Alltag zu leben und dem Herrn in unserem Leben mehr Raum zu geben und innezuhalten, um sein Antlitz zu betrachten. Danke.


Mittwoch, 8. Mai 2013

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Die Osterzeit, die wir mit Freude leben, geleitet von der Liturgie der Kirche, ist die Zeit des Heiligen Geistes schlechthin, der vom gekreuzigten und auferstandenen Jesus »unbegrenzt« gegeben wird (vgl. Joh 3,34). Diese Zeit der Gnade schließt mit dem Pfingstfest, in der die Kirche die Ausgießung des Heiligen Geistes auf Maria und die Apostel, die im Abendmahlssaal im Gebet verweilen, neu durchlebt.

Wer aber ist der Heilige Geist? Im Credo bekennen wir gläubig: »Ich glaube an den Heiligen Geist, der Herr ist und lebendig macht.« Die erste Wahrheit, der wir im Credo zustimmen, ist: Der Heilige Geist ist »Kyrios«, Herr. Das bedeutet, dass er wirklich Gott ist, wie der Vater und der Sohn es sind, dass ihm unsererseits dieselbe Anbetung und Verherrlichung zukommt wie dem Vater und dem Sohn. Denn der Heilige Geist ist die dritte Person der heiligsten Dreifaltigkeit; er ist die große Gabe des auferstandenen Christus, der unseren Verstand und unser Herz für den Glauben an Jesus als den vom Vater gesandten Sohn öffnet, der uns zur Freundschaft, zur Gemeinschaft mit Gott führt.

Ich möchte aber vor allem bei der Tatsache verweilen, dass der Heilige Geist die unerschöpfliche Quelle des Lebens Gottes in uns ist. Der Mensch aller Orte und Zeiten sehnt sich nach einem erfüllten und schönen, gerechten und guten Leben, nach einem Leben, das nicht vom Tod bedroht ist, sondern das bis zu seiner Fülle reifen und wachsen kann. Der Mensch ist wie ein Wanderer, der die Wüsten des Lebens durchquert und nach lebendigem, sprudelndem und frischem Wasser dürstet, das in der Lage ist, sein tiefes Verlangen nach Licht, nach Liebe, nach Schönheit und nach Frieden zu stillen. Alle verspüren wir dieses Verlangen! Und Jesus schenkt uns dieses lebendige Wasser: Es ist der Heilige Geist, der aus dem Vater hervorgeht und den Jesus in unsere Herzen ausgießt. »Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben«, sagt uns Jesus (Joh 10,10).

Jesus verspricht der Samariterin, allen in Überfülle und für immer (vgl. Joh 4,5–26; 3,17) »lebendiges Wasser« zu schenken, die ihn als den Sohn erkennen, der vom Vater gesandt ist, um uns zu retten. Jesus ist gekommen, um uns dieses »lebendige Wasser« zu schenken, das der Heilige Geist ist, damit unser Leben von Gott geleitet wird, von Gott beseelt wird, von Gott genährt wird. Wenn wir sagen, dass der Christ ein geistlicher Mensch ist, dann meinen wir genau das: Der Christ ist eine Person, die gottgemäß, dem Heiligen Geist gemäß denkt und handelt. Ich frage mich jedoch: Und wir, denken wir gottgemäß, handeln wir gottgemäß? Oder lassen wir uns von anderen Dingen leiten, die nicht wirklich Gott sind? Jeder von uns muss in der Tiefe seines Herzens darauf antworten.

An diesem Punkt können wir uns fragen: Warum kann dieses Wasser unseren Durst bis ins Tiefste stillen? Wir wissen, dass das Wasser wesentlich ist für das Leben; ohne Wasser stirbt man; es stillt den Durst, reinigt, macht die Erde fruchtbar. Im Brief an die Römer finden wir dieses Wort: »Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.« Das »lebendige Wasser«, der Heilige Geist, Gabe des Auferstandenen, der in uns seine Wohnung nimmt, reinigt uns, erleuchtet uns, erneuert uns, verwandelt uns, denn es schenkt uns Anteil am Leben Gottes, der die Liebe ist. Daher sagt der Apostel Paulus, dass das Leben des Christen vom Heiligen Geist und seinen Früchten beseelt ist: »Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung« (Gal 5,22–23). Der Heilige Geist führt uns in das göttliche Leben ein als »Söhne im eingeborenen Sohn«. In einem anderen Abschnitt des Briefes an die Römer, den wir mehrmals in Erinnerung gerufen haben, fasst der hl. Paulus dies mit den folgenden Worten zusammen: »Denn alle, die sich vom Geist Gottes leiten lassen, sind Söhne Gottes. Denn ihr … habt den Geist empfangen, der euch zu Söhnen macht, den Geist, in dem wir rufen: Abba, Vater! So bezeugt der Geist selber unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind. Sind wir aber Kinder, dann auch Erben; wir sind Erben Gottes und sind Miterben Christi, wenn wir mit ihm leiden, um mit ihm auch verherrlicht zu werden « (8,14–17). Das ist die kostbare Gabe, die der Heilige Geist in unsere Herzen bringt: das Leben Gottes, das Leben wahrer Kinder, ein Verhältnis der Vertrautheit, der Freiheit und des Vertrauens auf die Liebe und auf die Barmherzigkeit Gottes, das als Auswirkung auch einen neuen Blick auf die anderen hat, die Nahen und die Fernen, die stets als Brüder und Schwestern in Jesus gesehen werden, die geachtet und geliebt werden müssen.

Der Heilige Geist lehrt uns, mit den Augen Christi zu schauen, das Leben zu leben, wie Christus es gelebt hat; das Leben so zu verstehen, wie Christus es verstanden hat. Daher stillt das lebendige Wasser, das der Heilige Geist ist, den Durst unseres Lebens, weil es uns sagt, dass wir von Gott als Kinder geliebt werden, dass wir Gott als seine Kinder lieben können und dass wir mit seiner Gnade als Kinder Gottes leben können, wie Jesus. Und wir, hören wir auf den Heiligen Geist? Was sagt uns der Heilige Geist? Er sagt: Gott liebt dich. Das sagt er uns. Gott liebt dich, Gott hat dich lieb. Lieben wir Gott und die anderen wirklich, wie Jesus? Lassen wir uns vom Heiligen Geist leiten, lassen wir ihn zu unserem Herzen sprechen und ihn dies zu uns sagen: dass Gott die Liebe ist, dass Gott auf uns wartet, dass Gott der Vater ist, dass er uns liebt wie ein echter Vater, dass er uns wirklich liebt. Und das sagt nur der Heilige Geist dem Herzen. Hören wir den Heiligen Geist, hören wir auf den Heiligen Geist, und gehen wir voran auf diesem Weg der Liebe, der Barmherzigkeit und der Vergebung. Danke.


Mittwoch, 15. Mai 2013

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Heute möchte ich über das Wirken des Heiligen Geistes sprechen, der die Kirche und einen jeden von uns zur Wahrheit führt. Jesus selbst sagt zu den Jüngern: Der Heilige Geist »wird euch in die ganze Wahrheit führen« (Joh 16,13), da er »der Geist der Wahrheit« ist (vgl. Joh 14,17; 15,26; 16,13).

Wir leben in einer Zeit, in der man gegenüber der Wahrheit ziemlich skeptisch ist. Benedikt XVI. hat oft von Relativismus gesprochen, also von der Tendenz zu glauben, es gäbe nichts Endgültiges, und zu meinen, die Wahrheit käme aus der Übereinkunft oder aus dem, was wir wollen. Es kommt die Frage auf: Gibt es »die« Wahrheit wirklich? Was ist »die« Wahrheit? Können wir sie erkennen? Können wir sie finden? Hier kommt mir die Frage des römischen Statthalters Pontius Pilatus in den Sinn, als Jesus ihm den tiefen Sinn seiner Sendung offenbart: »Was ist Wahrheit?« (Joh 18,37.38). Pilatus kann nicht verstehen, dass »die« Wahrheit vor ihm steht, er kann in Jesus nicht das Antlitz der Wahrheit sehen, das Antlitz Gottes. Und dennoch ist Jesus genau das: Die Wahrheit, die in der Fülle der Zeit »Fleisch geworden« ist (Joh 1,14), ist zu uns gekommen, damit wir sie erkennen. Die Wahrheit begreift man nicht wie eine Sache, der Wahrheit begegnet man. Sie ist kein Besitz, sie ist eine Begegnung mit einer Person.

Wer aber lässt uns erkennen, dass Jesus »das« Wort der Wahrheit ist, der eingeborene Sohn Gottes, des Vaters? Der hl. Paulus lehrt: »Keiner kann sagen: Jesus ist der Herr!, wenn er nicht aus dem Heiligen Geist redet« (1 Kor 12,3). Der Heilige Geist, die Gabe des auferstandenen Herrn, lässt uns die Wahrheit erkennen. Jesus bezeichnet ihn als den »Parakleten«, also als denjenigen, der »uns zu Hilfe kommt«, der uns zur Seite steht, um uns auf diesem Weg der Erkenntnis zu stützen; und beim Letzten Abendmahl versichert Jesus den Jüngern, dass der Heilige Geist sie alles lehren und sie an seine Worte erinnern wird (vgl. Joh 14,26).

Wie also wirkt der Heilige Geist in unserem Leben und im Leben der Kirche, um uns zur Wahrheit zu führen? Vor allem erinnert er an die Worte, die Jesus gesagt hat, und prägt sie in die Herzen der Gläubigen ein, und eben durch diese Worte wird Gottes Gesetz – wie die Propheten des Altes Testaments angekündigt hatten – in unser Herz eingeschrieben und wird in uns zum Beurteilungsprinzip in den Entscheidungen und zur Leitlinie im täglichen Handeln, wird es zum Lebensprinzip.

Es erfüllt sich die große Prophezeiung des Ezechiel: »Ich reinige euch von aller Unreinheit und von allen euren Götzen. Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch … Ich lege meinen Geist in euch und bewirke, dass ihr meinen Gesetzen folgt und auf meine Gebote achtet und sie erfüllt« (36,25–27). Denn unser Handeln kommt aus unserem Inneren: Das Herz muss sich zu Gott bekehren, und der Heilige Geist verwandelt es, wenn wir uns ihm öffnen. Dann führt uns der Heilige Geist, wie Jesus verheißt, »in die ganze Wahrheit« (Joh 16,3); er führt uns nicht nur hin zur Begegnung mit Jesus, der Fülle der Wahrheit, sondern er führt uns auch »in« die Wahrheit hinein, er lässt uns also in eine immer tiefere Gemeinschaft mit Jesus eintreten und schenkt uns das Verständnis der Dinge Gottes. Und dieses können wir nicht aus eigener Kraft erlangen.

Wenn Gott uns nicht innerlich erleuchtet, ist unser Christsein oberflächlich. Die Überlieferung der Kirche sagt, dass der Geist der Wahrheit in unserem Herzen wirkt und jenen »Glaubenssinn« (»sensus fidei«) hervorbringt, durch den das Gottesvolk, wie das Zweite Vatikanische Konzil bekräftigt, unter der Leitung des Lehramts den übergebenen Glauben unverlierbar festhält, mit rechtem Urteil immer tiefer darin eindringt und ihn im Leben voller anwendet (vgl. Dogmatische Konstitution Lumen gentium, 12). Versuchen wir, uns zu fragen: Bin ich offen für das Wirken des Heiligen Geistes, bete ich zu ihm, auf dass er mir Licht schenke, mich empfänglicher mache für die Dinge Gottes? Dieses Gebet müssen wir jeden Tag sprechen: »Heiliger Geist, lass mein Herz offen sein für das Wort Gottes, lass mein Herz offen sein für das Gute, lass mein Herz jeden Tag offen sein für die Schönheit Gottes.« Ich möchte allen eine Frage stellen: Wie viele von euch beten täglich zum Heiligen Geist? Es werden wenige sein, aber wir müssen diesen Wunsch Jesu erfüllen und jeden Tag zum Heiligen Geist beten, auf dass er uns das Herz für Jesus öffnen möge. Denken wir an Maria: Sie »bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach« (Lk 2,19.51). Die Annahme der Worte und der Wahrheiten des Glaubens verwirklicht sich und wächst, damit diese Leben werden, unter dem Wirken des Heiligen Geistes. In diesem Sinne müssen wir von Maria lernen, müssen ihr »Ja« erneut leben, ihre völlige Bereitschaft, den Sohn Gottes in ihr Leben aufzunehmen, das von jenem Augenblick an verwandelt wird. Durch den Heiligen Geist nehmen der Vater und der Sohn in uns Wohnung: Wir leben in Gott und aus Gott. Aber ist unser Leben wirklich von Gott beseelt? Wie viele Dinge ziehe ich Gott vor?

Liebe Brüder und Schwestern, wir müssen uns vom Licht des Heiligen Geistes durchfluten lassen, damit er uns in die Wahrheit Gottes führt, der der einzige Herr unseres Lebens ist. In diesem Jahr des Glaubens wollen wir uns fragen, ob wir irgendeinen konkreten Schritt getan haben, um Christus und die Glaubenswahrheiten besser kennenzulernen, indem wir die Heilige Schrift lesen und betrachten, den Katechismus studieren, regelmäßig die Sakramente empfangen. Gleichzeitig wollen wir uns jedoch fragen, welche Schritte wir tun, damit der Glaube unserem ganzen Dasein Orientierung gebe. Christ ist man nicht »auf Zeit«, nur in einigen Augenblicken, unter einigen Umständen, bei einigen Entscheidungen.

So kann man nicht Christ sein, Christ ist man in jedem Augenblick! Ganz! Die Wahrheit Christi, die der Heilige Geist uns lehrt und schenkt, betrifft unser tägliches Leben für immer und in vollem Umfang. Wir wollen öfter zu ihm beten, damit er uns auf dem Weg der Jünger Christi leite. Wir wollen jeden Tag zu ihm beten. Ich mache euch diesen Vorschlag: Beten wir jeden Tag zum Heiligen Geist, so wird der Heilige Geist uns Christus näher bringen.


 Mittwoch, 22. Mai 2013

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Im Credo sprechen wir, gleich nachdem wir den Glauben an den Heiligen Geist bekannt haben: Ich glaube »an die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche«. Es besteht eine enge Verbindung zwischen diesen beiden Wirklichkeiten des Glaubens: Denn der Heilige Geist macht die Kirche lebendig, leitet ihre Schritte. Ohne die Gegenwart und das unablässige Wirken des Heiligen Geistes könnte die Kirche nicht leben und nicht die Aufgabe erfüllen, die der auferstandene Jesus ihr anvertraut hat: zu allen Völkern zu gehen und alle Menschen zu seinen Jüngern zu machen (vgl. Mt 28,19). Evangelisieren ist die Sendung der Kirche, nicht nur einiger Menschen, sondern meine, deine, unsere Sendung. Der Apostel Paulus rief aus: »Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!« (1 Kor 9,16). Jeder muss Evangelisierer sein, vor allem mit dem Leben! Paul VI. hob hervor: »Evangelisieren ist … die Gnade und eigentliche Berufung der Kirche, ihre tiefste Identität. Sie ist da, um zu evangelisieren« (Apostolisches Schreiben Evangelii nuntiandi, 14).

Wer ist die wahre Triebkraft der Evangelisierung in unserem Leben und in der Kirche? Paul VI. schrieb ganz deutlich: Er, der Heilige Geist, »ist derjenige, der heute wie in den Anfängen der Kirche in all jenen am Werk ist, die das Evangelium verkünden und sich von ihm ergreifen und führen lassen; er legt ihnen Worte in den Mund, die sie allein niemals finden könnten, und bereitet zugleich die Seele des Hörers auf den Empfang der Frohbotschaft und der Verkündigung des Gottesreiches vor« (ebd., 75). Um zu evangelisieren ist es also wiederum notwendig, sich dem Horizont des Geistes Gottes zu öffnen, ohne Angst zu haben vor dem, worum er uns bitten und wohin er uns führen mag. Vertrauen wir uns ihm an! Er wird uns befähigen, unseren Glauben zu leben und zu bezeugen, und er wird das Herz derer erleuchten, denen wir begegnen. Das war die Erfahrung von Pfingsten: Den Aposteln, die zusammen mit Maria im Abendmahlssaal vereint waren, »erschienen … Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab« (Apg 2,3–4). Als der Heilige Geist auf die Apostel herabkommt, lässt er sie herausgehen aus dem Raum, in dem sie sich aus Furcht eingeschlossen hatten, er lässt sie aus sich selbst herausgehen, und er verwandelt sie in Verkündiger und Zeugen von »Gottes großen Taten« (V. 11). Und diese vom Heiligen Geist gewirkte Verwandlung spiegelt sich in der Menge wider, die »aus allen Völkern unter dem Himmel« (V. 5) zusammengeströmt ist, damit jeder die Worte der Apostel hört, als seien sie in der eigenen Sprache gesprochen worden (vgl. V. 6).

Hier haben wir eine erste wichtige Wirkung des Handelns des Heiligen Geistes, der die Verkündigung des Evangeliums leitet und beseelt: die Einheit, die Gemeinschaft. In Babel hatte, dem biblischen Bericht zufolge, die Zerstreuung der Völker und die Verwirrung der Sprachen begonnen, Frucht der Geste des Hochmuts und des Stolzes des Menschen, der nur aus eigenen Kräften und ohne Gott »eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis zum Himmel« bauen wollte (Gen 11,4). An Pfingsten werden diese Spaltungen überwunden. Es gibt keinen Hochmut gegenüber Gott mehr, und auch nicht die Verschlossenheit der einen gegenüber den anderen, sondern es gibt die Öffnung für Gott, es gibt das Herausgehen, um sein Wort zu verkündigen: eine neue Sprache, die Sprache der Liebe, die der Heilige Geist in die Herzen ausgießt (vgl. Röm 5,5); eine Sprache, die alle verstehen können, und die, wenn sie angenommen wird, in jedem Leben und in jeder Kultur zum Ausdruck gebracht werden kann. Die Sprache des Geistes, die Sprache des Evangeliums ist die Sprache der Gemeinschaft, die dazu einlädt, Verschlossenheit und Gleichgültigkeit, Spaltungen und Gegensätze zu überwinden. Wir alle sollten uns fragen: Wie lasse ich mich vom Heiligen Geist führen, so dass mein Leben und mein Glaubenszeugnis Einheit und Gemeinschaft zum Ausdruck bringt? Bringe ich das Wort der Versöhnung und der Liebe, die das Evangelium ist, in das Umfeld, in dem ich lebe? Manchmal scheint sich heute das zu wiederholen, was in Babel geschehen ist: Spaltungen, Unfähigkeit, einander zu verstehen, Konkurrenzdenken, Neid, Egoismus. Was tue ich mit meinem Leben? Schaffe ich Einheit um mich herum? Oder spalte ich, durch Geschwätz, Kritik, Neid? Was tue ich? Denken wir darüber nach. Das Evangelium bringen bedeutet, dass wir als Erste die Versöhnung, die Vergebung, den Frieden, die Einheit und die Liebe leben, die der Heilige Geist uns schenkt. Erinnern wir uns an die Worte Jesu: »Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt« (Joh 13,35).

Ein zweites Element: Am Pfingsttag tritt Petrus auf »zusammen mit den Elf«, er erhebt »seine Stimme« (Apg 2,14) und verkündigt »freimütig« (V. 29) die gute Nachricht von Jesus, der sein Leben hingegeben hat für unser Heil und den Gott von den Toten auferweckt hat. Das ist eine weitere Wirkung des Geisteshandelns: der Mut, allen mit Freimut (»parrhesia«) die Neuheit des Evangeliums Jesu zu verkündigen, mit lauter Stimme, zu jeder Zeit und an jedem Ort. Und das geschieht auch heute für die Kirche und für jeden von uns: Das Feuer von Pfingsten, das Wirken des Heiligen Geistes setzt immer neue Kräfte für die Mission frei, neue Wege zur Verkündigung der Heilsbotschaft, neuen Mut zum Evangelisieren. Verschließen wir uns nie diesem Wirken! Leben wir das Evangelium mit Demut und Mut. Bezeugen wir die Neuheit, die Hoffnung, die Freude, die der Herr ins Leben bringt. Spüren wir in uns »die innere und tröstliche Freude der Verkündigung des Evangeliums« (Paul VI., Apostolisches Schreiben Evangelii nuntiandi, 80). Denn Evangelisieren, Jesus verkündigen schenkt uns Freude; der Egoismus hingegen bewirkt Bitterkeit, Traurigkeit, er drückt uns nieder; Evangelisieren richtet uns auf.

Ich erwähne nur kurz ein drittes Element, das jedoch besonders wichtig ist: Eine Neuevangelisierung, eine evangelisierende Kirche muss immer beim Gebet beginnen, beim Bitten um das Feuer des Heiligen Geistes, so wie es die Apostel im Abendmahlssaal getan haben. Nur die treue und tiefe Beziehung zu Gott gestattet es, aus der eigenen Verschlossenheit herauszukommen und das Evangelium mit Freimut zu verkündigen. Ohne das Gebet wird unser Handeln leer und hat unser Verkündigen keine Seele, ist es nicht vom Geist beseelt.

Liebe Freunde, wie Benedikt XVI. gesagt hat, spürt die Kirche heute »in erster Linie das Wehen des Heiligen Geistes, der uns hilft und uns den rechten Weg weist; und so sind wir […] mit neuem Enthusiasmus auf dem Weg und danken dem Herrn« (Grußworte an die Ordentliche Versammlung der Bischofssynode, 27. Oktober 2012; in O.R. dt., Nr. 45, 9.11.2012, S. 17). Wir wollen jeden Tag das Vertrauen in das Wirken des Heiligen Geistes erneuern, das Vertrauen, dass er in uns wirkt, dass er in uns ist, uns den apostolischen Eifer schenkt, uns den Frieden schenkt, uns die Freude schenkt. Lassen wir uns von ihm leiten, seien wir Männer und Frauen des Gebets, die mutig das Evangelium bezeugen, indem wir in unserer Welt zu Werkzeugen der Einheit und der Gemeinschaft mit Gott werden. Danke.


Mittwoch, 29. Mai 2013

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Letzten Mittwoch habe ich die enge Verbindung zwischen dem Heiligen Geist und der Kirche hervorgehoben. Heute möchte ich einige Katechesen über das Geheimnis der Kirche beginnen, ein Geheimnis, das wir alle leben und dessen Teil wir sind. Ich möchte das mit Worten tun, die in den Texten des Zweiten Vatikanischen Ökumenischen Konzils enthalten sind. Heute das erste: die Kirche als Familie Gottes. In diesen Monaten habe ich mehr als einmal Bezug genommen auf das Gleichnis vom verlorenen Sohn oder besser gesagt vom barmherzigen Vater (vgl. Lk 15,11–32). Der jüngere Sohn verlässt das Haus des Vaters, verschleudert alles und beschließt zurückzukehren, denn er merkt, dass er einen Fehler gemacht hat, hält sich aber nicht mehr für wert, Sohn zu sein, und meint, als Tagelöhner wieder aufgenommen werden zu können. Der Vater jedoch läuft ihm entgegen, umarmt ihn, gibt ihm die Sohneswürde zurück und feiert ein Fest. Dieses Gleichnis, wie andere im Evangelium, zeigt sehr gut den Plan Gottes für die Menschheit.

Worin besteht dieser Plan Gottes? Er besteht darin, uns alle zu einer einzigen Familie seiner Kinder zu machen, in der ein jeder spürt, dass Gott nahe ist, und sich von ihm geliebt fühlt, wie im Gleichnis des Evangeliums, in der jeder die Wärme spürt, Familie Gottes zu sein. In diesem großen Plan wurzelt die Kirche, die keine aus der Übereinkunft einiger Personen hervorgegangene Organisation ist. Sondern sie ist – wie Papst Benedikt XVI. uns oft in Erinnerung gerufen hat – das Werk Gottes, sie geht aus eben diesem Liebesplan hervor, der in der Geschichte allmählich verwirklicht wird.

Die Kirche geht hervor aus dem Wunsch Gottes, alle Menschen zur Gemeinschaft mit sich zu rufen, in seine Freundschaft, ja sogar als seine Kinder an seinem göttlichen Leben teilzuhaben. Schon das Wort »Kirche«, vom griechischen »ekklesia «, bedeutet »Versammlung«: Gott ruft uns zusammen, er spornt uns an, aus dem Individualismus heraus zu kommen, aus der Tendenz, sich in sich selbst zu verschließen, und ruft uns, Teil seiner Familie zu sein. Und dieser Ruf hat seinen Ursprung in der Schöpfung selbst. Gott hat uns geschaffen, damit wir in einer Beziehung enger Freundschaft zu ihm leben, und auch als die Sünde diese Beziehung zu ihm, zu den anderen und zur Schöpfung zerstört hat, hat Gott uns nicht verlassen. Die ganze Heilsgeschichte ist die Geschichte Gottes, der den Menschen sucht, ihm seine Liebe anbietet, ihn annimmt. Er hat Abraham zum »Stammvater einer Menge« bestimmt, er hat das Volk Israel auserwählt, um mit ihm einen Bund zu schließen, der alle Völker umfasst, und in der Fülle der Zeit hat er seinen Sohn gesandt, damit sein Liebesplan in einem neuen und ewigen Bund mit der ganzen Menschheit verwirklicht wird. Wenn wir die Evangelien lesen, dann sehen wir, dass Jesus eine kleine Gemeinschaft um sich versammelt, die sein Wort annimmt, ihm nachfolgt, seinen Weg teilt, zu seiner Familie wird, und mit dieser Gemeinschaft bereitet er seine Kirche vor und baut sie auf.

Woraus geht also die Kirche hervor? Sie geht aus der erhabenen Geste der Liebe Christi am Kreuz hervor, aus der geöffneten Seite Jesu, aus der Blut und Wasser fließen, Symbol der Sakramente der Eucharistie und der Taufe. In der Familie Gottes, in der Kirche, ist die Lebenskraft die Liebe Gottes, die umgesetzt wird in der Liebe zu ihm und zu den anderen, zu allen, ohne Unterschiede und Maß. Die Kirche ist eine Familie, in der man liebt und geliebt wird.

Wann offenbart sich die Kirche? Wir haben es am vorletzten Sonntag gefeiert; sie offenbart sich, als die Gabe des Heiligen Geistes das Herz der Apostel erfüllt und sie anspornt, hinauszugehen und den Weg zur Verkündigung des Evangeliums zu beginnen, die Liebe Gottes zu verbreiten. Auch heute noch sagen einige: »Christus ja, die Kirche nein.« Wie jene, die sagen: »Ich glaube an Gott, aber nicht an die Priester.« Aber eben gerade die Kirche ist es, die uns Christus bringt und uns zu Gott bringt; die Kirche ist die große Familie der Kinder Gottes. Gewiss hat sie auch menschliche Aspekte. Bei jenen, aus denen sie sich zusammensetzt, Hirten und Gläubigen, gibt es Fehler, Unvollkommenheiten, Sünden – auch der Papst hat sie, und zwar viele–, aber das Schöne ist: Wenn wir merken, dass wir Sünder sind, finden wir die Barmherzigkeit Gottes, der immer vergibt. Vergesst das nicht: Gott vergibt immer und nimmt uns in seiner verzeihenden und barmherzigen Liebe an. Einige sagen, die Sünde ist eine Beleidigung Gottes, aber auch eine Gelegenheit zur Demut, um wahrzunehmen, dass es noch etwas Anderes, etwas Schöneres gibt: die Barmherzigkeit Gottes. Denken wir daran. Wir wollen uns heute fragen: Wie sehr liebe ich die Kirche? Bete ich für sie? Fühle ich mich als Teil der Familie der Kirche? Was tue ich, damit sie eine Gemeinschaft ist, in der jeder sich angenommen und verstanden fühlt, die Barmherzigkeit und die Liebe Gottes spürt, die das Leben erneuert? Der Glaube ist ein Geschenk und ein Akt, der uns persönlich betrifft, aber Gott ruft uns auf, unseren Glauben gemeinsam zu leben, als Familie, als Kirche.

Bitten wir den Herrn, ganz besonders jetzt im Jahr des Glaubens, dass unsere Gemeinschaften, die ganze Kirche immer mehr wahre Familien sein mögen, die leben und die Wärme Gottes bringen.


Mittwoch, 5. Juni 2013

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Heute möchte ich über das Thema Umwelt sprechen, wozu ich bereits mehrmals Gelegenheit hatte. Das legt mir auch der heutige Weltumwelttag nahe, der von den Vereinten Nationen ins Leben gerufen wurde und der nachdrücklich an die Notwendigkeit appelliert, der Verschwendung und Vernichtung von Lebensmitteln Einhalt zu gebieten. Wenn von Umwelt, von der Schöpfung, die Rede ist, dann gehen meine Gedanken zu den ersten Seiten der Bibel, zum Buch Genesis, wo es heißt, dass Gott den Mann und die Frau auf die Erde stellt, damit sie sie bebauen und hüten (vgl. 2,15). Und mir kommen die Fragen: Was bedeutet es, die Erde zu bebauen und zu hüten? Bebauen und hüten wir die Schöpfung wirklich? Oder vernachlässigen wir sie und beuten sie aus?

Beim Verb »bebauen« kommt mir die Sorgfalt in den Sinn, mit der der Landwirt seinen Acker bestellt, damit er Frucht trägt und diese Frucht geteilt werden kann: wie viel Fürsorge, Leidenschaft und Hingabe! Die Schöpfung bebauen und hüten: Diese Weisung gab Gott nicht nur am Anfang der Geschichte, sondern sie gilt einem jeden von uns. Sie gehört zu seinem Plan; es bedeutet, die Welt verantwortungsvoll wachsen zu lassen, sie in einen Garten zu verwandeln, in einen bewohnbaren Ort für alle. Benedikt XVI. hat uns oft daran erinnert, dass diese Aufgabe, die Gott, der Schöpfer, uns anvertraut hat, es verlangt, den Rhythmus und die Logik der Schöpfung zu verstehen. Wir dagegen sind oft vom Hochmut des Herrschens, des Besitzens, des Manipulierens, des Ausbeutens geleitet; wir »hüten« sie nicht, wir achten sie nicht, wir betrachten sie nicht als unentgeltliches Geschenk, für das wir Sorge tragen müssen. Wir verlieren die Haltung des Staunens, der Betrachtung, des Hörens auf die Schöpfung; und so können wir darin nicht mehr das erkennen, was Benedikt XVI. »den Rhythmus der Liebesgeschichte Gottes mit dem Menschen« nennt. Warum passiert das? Weil wir horizontal denken und leben, uns von Gott entfernt haben, seine Zeichen nicht erkennen.

Das »Bebauen und Hüten« umfasst jedoch nicht nur die Beziehung zwischen uns und der Umwelt, zwischen dem Menschen und der Schöpfung, sondern es betrifft auch die zwischenmenschlichen Beziehungen. Die Päpste haben von der Ökologie des Menschen gesprochen, die eng mit der Ökologie der Umwelt verbunden ist. Wir durchleben gerade einem Augenblick der Krise; das sehen wir in der Umwelt, aber vor allem sehen wir es im Menschen. Der Mensch ist gefährdet: Das ist sicher, der Mensch ist heute gefährdet, daher die Dringlichkeit der Ökologie des Menschen! Und die Gefahr ist groß, denn die Ursache des Problems ist nicht oberflächlich, sondern sitzt tief: Es ist nicht nur eine Frage der Wirtschaft, sondern der Ethik und der Anthropologie. Die Kirche hat das oft hervorgehoben. Und viele sagen: Ja, das stimmt, das ist wahr…, aber das System geht weiter wie zuvor, denn was herrscht, sind die Dynamiken einer Wirtschaft und einer Finanz, denen es an Ethik mangelt. Heute gebietet nicht der Mensch, sondern das Geld, das Geld regiert. Und Gott, unser Vater, hat nicht dem Geld die Aufgabe erteilt, die Erde zu hüten, sondern uns: den Männern und Frauen.

Wir haben diese Aufgabe! Stattdessen werden Männer und Frauen den Götzen des Profits und des Konsums geopfert: Das ist die »Wegwerfkultur «. Wenn ein Computer kaputtgeht, ist es eine Tragödie, aber die Armut, die Nöte, die Dramen vieler Menschen werden am Ende zur Normalität. Wenn zum Beispiel in einer Winternacht, hier ganz in der Nähe, in der »Via Ottaviano«, ein Mensch stirbt, dann macht es keine Schlagzeilen. Wenn es in vielen Teilen der Welt Kinder gibt, die nichts zu essen haben, dann macht das keine Schlagzeilen, sondern scheint normal zu sein. Das darf nicht so sein! Und doch gehören diese Dinge zur Normalität: dass einige obdachlose Menschen auf der Straße erfrieren, macht keine Schlagzeilen. Ein Verlust von zehn Punkten an den Börsen einiger Städte dagegen stellt eine Tragödie dar. Einer, der stirbt, macht keine Schlagzeilen, wenn aber die Börsen um zehn Punkte fallen, ist es eine Tragödie! So werden Menschen weggeworfen als seien sie Abfall.

Diese »Wegwerfkultur« wird zur allgemeinen Denkweise, die alle ansteckt. Das menschliche Leben, der Mensch wird nicht mehr als oberster Wert empfunden, der geachtet und geschützt werden muss, besonders wenn er arm oder behindert ist, wenn er noch keinen Nutzen hat – wie das ungeborene Kind – oder wenn er keinen Nutzen mehr hat – wie der ältere Mensch. Diese Wegwerfkultur hat uns auch unempfindlich gemacht gegenüber der Verschwendung und dem Wegwerfen von Lebensmitteln, was noch verwerflicher ist, wenn leider überall auf der Welt viele Personen und Familien hungern und an Unterernährung leiden. Einst haben unsere Großeltern sehr darauf geachtet, keine übrig gebliebene Nahrung wegzuwerfen. Durch das Konsumdenken haben wir uns an den Überfluss und an die tägliche Verschwendung von Nahrung gewöhnt, der wir manchmal nicht mehr den richtigen Wert zuordnen können, der weit über wirtschaftliche Maßstäbe hinausgeht. Wir sollten jedoch stets daran denken, dass Nahrung, die weggeworfen wird, gleichsam vom Tisch des Armen, des Hungrigen geraubt wird! Ich lade alle ein, über das Problem des Verderbens und der Verschwendung von Nahrung nachzudenken, um Wege und Mittel zu finden, die, wenn man dieses Problem ernsthaft angeht, Ausdruck der Solidarität und des Teilens mit den Notleidenden sein sollen.

Vor wenigen Tagen, am Hochfest Fronleichnam, haben wir den Bericht über das Brotwunder gelesen: Jesus gibt der Menge zu essen mit fünf Broten und zwei Fischen. Und der Schluss des Abschnitts ist wichtig: »Alle aßen und wurden satt. Als man die übrig gebliebenen Brotstücke einsammelte, waren es zwölf Körbe voll« (Lk 9,17). Jesus bittet die Jünger, dass nichts verloren gehen möge: Nichts darf weggeworfen werden! Und da sind diese zwölf Körbe: warum zwölf? Was bedeutet das? Zwölf ist die Zahl der Stämme Israels, sie steht symbolisch für das ganze Volk. Und das sagt uns: Wenn die Nahrung gerecht geteilt wird, mit Solidarität, entbehrt niemand das Notwendigste, kann jede Gemeinschaft der Not der Armen entgegenkommen. Ökologie des Menschen und Ökologie der Umwelt gehen Hand in Hand.

Ich möchte also, dass wir alle uns ernsthaft bemühen, die Schöpfung zu achten und zu hüten, jedem Menschen Aufmerksamkeit zu schenken, der Kultur des Verschwendens und des Wegwerfens entgegenzuwirken, um eine Kultur der Solidarität und der Begegnung zu fördern. Danke.


Mittwoch, 12. Juni 2013

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Heute möchte ich kurz bei einem weiteren Begriff verweilen, mit dem das Zweite Vatikanische Konzil die Kirche beschreibt: bei dem Begriff »Volk Gottes« (vgl. Dogmatische Konstitution Lumen gentium, 9; Katechismus der Katholischen Kirche, 782). Und ich tue das mit einigen Fragen, über die jeder nachdenken kann.

Was bedeutet es, »Volk Gottes« zu sein? Zunächst bedeutet es, dass Gott keinem Volk in eigener Weise gehört; denn er ist es, der uns ruft, uns beruft, uns einlädt, zu seinem Volk zu gehören, und diese Einladung ist an alle gerichtet, ohne Unterschied, denn Gottes Barmherzigkeit »will, dass alle Menschen gerettet werden« (1 Tim 2,4). Jesus sagt nicht zu den Aposteln und zu uns, dass wir eine exklusive Gruppe, eine Elite bilden sollen. Jesus sagt: Macht alle Völker zu meinen Jüngern (vgl. Mt 28,19). Der hl. Paulus sagt: Im Volk Gottes, in der Kirche, gibt es »nicht mehr Juden und Griechen… denn ihr seid alle ›einer‹ in Christus Jesus« (Gal 3,28). Auch dem, der sich fern von Gott und von der Kirche fühlt, der ängstlich oder gleichgültig ist, der meint, sich nicht mehr ändern zu können, möchte ich sagen: Der Herr ruft auch dich, zu seinem Volk zu  gehören, und er tut dies mit großer Achtung und Liebe! Er lädt uns ein, zu diesem Volk, zum Volk Gottes zu gehören.

Wie wird man zu Gliedern dieses Volkes? Nicht durch die physische Geburt, sondern durch eine neue Geburt. Im Evangelium sagt Jesus zu Nikodemus, dass man neu geboren werden muss, aus Wasser und aus Geist, um in das Reich Gottes zu kommen (vgl. Joh3,3–5). Durch die Taufe werden wir in dieses Volk eingegliedert, durch den Glauben an Christus: ein Geschenk Gottes, das genährt werden und dass in unserem ganzen Leben zum Wachsen gebracht werden muss. Wir wollen uns fragen: Wie lasse ich den Glauben wachsen, den ich in meiner Taufe empfangen habe? Wie lasse ich diesen Glauben wachsen, den ich empfangen habe und den das Volk Gottes besitzt?

Die nächste Frage. Welches ist das Gesetz des Volkes Gottes? Es ist das Gesetz der Liebe, Liebe zu Gott und Liebe zum Nächsten nach dem neuen Gebot, das der Herr uns gegeben hat (vgl. Joh 13,34). Eine Liebe jedoch, die keine unfruchtbare Sentimentalität oder etwas Vages ist, sondern bedeutet, Gott als einzigen Herrn des Lebens anzuerkennen und gleichzeitig den anderen als echten Bruder anzunehmen und Spaltungen, Feindschaften, Unverständnis, Egoismus zu überwinden; diese beiden Dinge gehören zusammen. Wie lang ist doch der Weg, den wir noch zurücklegen müssen, um dieses neue Gesetz, das Gesetz des Heiligen Geistes, der in uns wirkt, das Gesetz der Liebe konkret zu leben! Wenn wir in den Zeitungen oder im Fernsehen die vielen Kriege unter Christen sehen: Wie kann das nur geschehen? Wie viele Kriege gibt es im Volk Gottes! In den Stadtvierteln, an den Arbeitsplätzen, gibt es so viele Kriege aus Neid, aus Eifersucht!

Und wie viele Kriege gibt es auch im Inneren der Familie! Wir müssen den Herrn bitten, dass er uns dieses Gesetz der Liebe gut verstehen lässt. Wie schön ist es, einander zu lieben als echte Geschwister. Wie schön ist das! Wir wollen heute etwas tun. Wir alle haben wohl Sympathien und Antipathien; viele von uns sind vielleicht über einen anderen verärgert. Sagen wir also zum Herrn: Herr, ich bin verärgert über denjenigen oder diejenige; ich bitte dich für ihn und für sie. Für jene zu beten, über die wir verärgert sind, ist ein ganz schöner Schritt in diesem Gesetz der Liebe. Tun wir das? Tun wir es heute! Welche Sendung hat dieses Volk? Es hat die Sendung, die Hoffnung und das Heil Gottes in die Welt zu tragen; Zeichen der Liebe Gottes zu sein, der alle zur Freundschaft mit sich ruft; Sauerteig zu sein, der den ganzen Teig durchsäuert, Salz, das Geschmack gibt und das vor dem Verderben bewahrt; ein Licht zu sein, das erleuchtet. Um uns herum – es genügt, wie gesagt, eine Zeitung aufzuschlagen – sehen wir die Gegenwart des Bösen, sehen wir, dass der Teufel wirkt. Aber ich möchte mit lauter Stimme sagen: Gott ist stärker! Glaubt ihr das: dass Gott stärker ist? Wir wollen es alle sagen, wir wollen es alle zusammen sagen: Gott ist stärker! Und wisst ihr, warum er stärker ist? Weil er der Herr ist, der einzige Herr. Und ich möchte hinzufügen, dass die zuweilen dunkle, vom Bösen gezeichnete Wirklichkeit sich ändern kann, wenn wir als erste das Licht des Evangeliums dorthin bringen, vor allem durch unser Leben. Wenn in einem Stadion, – denken wir an das Olympiastadion hier in Rom oder an das Stadion »San Lorenzo« in Buenos Aires, – in einer dunklen Nacht ein Mensch ein Licht entzündet, dann sieht man es kaum, aber wenn jeder der über 70.000 Zuschauer das eigene Licht entzündet, dann wird das Stadion erleuchtet. Sorgen wir dafür, dass unser Leben ein Licht Christi ist; gemeinsam bringen wir der ganzen Wirklichkeit das Licht des Evangeliums.

Was ist die Bestimmung dieses Volkes? Die Bestimmung ist das Reich Gottes, das Gott selbst auf der Erde begonnen hat und das sich bis zur Vollendung entfalten muss, wenn Christus, unser Leben, erscheinen wird (vgl. Lumen gentium, 9). Die Bestimmung ist also die volle Gemeinschaft mit dem Herrn, die Vertrautheit mit dem Herrn, in sein göttliches Leben einzutreten, wo wir die Freude seiner grenzenlosen Liebe leben, eine vollkommene Freude.

Liebe Brüder und Schwestern, Kirche sein, Volk Gottes sein, nach dem großen Liebesplan des Vaters, bedeutet, der Sauerteig Gottes in unserer Menschheit zu sein. Es bedeutet, Gottes Heil zu verkünden und in unsere Welt zu tragen, die oft verloren ist, die Antworten braucht, die Mut machen, Hoffnung schenken, neue Kraft auf dem Weg schenken. Die Kirche möge Ort der Barmherzigkeit und der Hoffnung Gottes sein, wo jeder spüren kann, dass er angenommen und geliebt ist, dass ihm vergeben wurde, und er sich ermutigt fühlt, dem guten Leben des Evangeliums gemäß zu leben. Und damit der andere sich angenommen und geliebt fühlt, damit er spürt, dass ihm vergeben wurde, und er sich ermutigt fühlt, muss die Kirche offene Türen haben, damit alle eintreten können. Und wir müssen durch diese Türen hinausgehen und das Evangelium verkünden.


(Fortsetzung)

 

„Der Glaube ist das Erbe der Apostel“

Le pape Paul VI.

Paul VI. und die Verkündigung des Jahres des Glaubens 1967
anläßlich der 1900-Jahrfeier des Martyriums der Apostel Petrus und Paulus in Rom. Dieses entscheidende Jahr schloß mit dem Credo des Gottesvolkes,
um „Unsere unerschütterliche Treue zum depositum fidei zu bezeugen“.
„Wir müssen erkennen, daß unsere Zeit dies unbedingt braucht.“

von Gianni Valente

Es gibt Augenblicke, wie Charles Péguy schreibt, in denen alle Masken fallen und nichts mehr die Wirklichkeit verbirgt; sie erscheint uns nackt und bloß, so wie sie wirklich ist. „Dies sind die einzigen Augenblicke des Lebens, in denen man nicht lügt; in denen man überhaupt nichts vortäuscht; in denen man ehrlich ist; buchstäblich, absolut, völlig ehrlich; in denen man das Wahre sieht, mehr als das Wahre, das Reale, wie es ist; in denen uns nichts mehr verborgen ist.“ Dies sind die Augenblicke, in denen „wir klar sehen, in denen wir klar zu sehen wagen“.

Paul VI. am 30. Juni 1967 in der Basilika Sankt Paul vor den Mauern. Einen Tag zuvor, am Hochfest der heiligen Petrus und Paulus, hatte er Papst das Jahr des Glaubens eröffnet.

Paul VI. erlebte vor dreißig Jahren [der Artikel erschien zum 100. Geburtstag des Papstes, dem 26.9.1997] einen solchen Augenblick. Er sah die Kirche, die, wie seine erste Enzyklika bezeugt, genau wußte, daß sie einem Anderen, nämlich Christus gehörte (Ecclesiam suam). Er sah all die guten Vorschläge, die arglosen Erwartungen, die Illusionen und das Gerede, die die Kirche in jenen Jahren erschütterten. Er sah das Ende des Christentums: nicht der Strukturen, Versammlungen, des Vatikans, der Pastoralpläne, der unzähligen Versammlungen, die auch weiterhin dem als Choreographie dienen könnten, der kirchliche Ämter anstrebt und religiösen Trost sucht, mit dem er sein Leben füllen kann (und vielleicht macht er dabei auch Karriere). Er sah, wie der Glaube erlosch.

Er sah unsere Zeit gleichsam als langen Karsamstag, als eine Zeit ohne Gott, in der sich auch noch die letzten Jünger traurig und hoffnungslos auf den Heimweg vorbereiten.

Paul VI. sah all dies und die Tragödie, der die Kirche entgegenging. Wiederholt erinnerte er sie daran, was ihre einzigen Schätze sind: der Glaube der Apostel, den die Tradition bewahrt hat (das Credo des Gottesvolkes), und die Armen, die Völker, die Hunger leiden (Populorum progressio) und die als erste zur Freude des Glaubens gerufen sind. Er wiederholte den überlieferten Glauben, denn ein Papst kann und darf letztlich nichts anderes tun.

Am 22. Februar 1967 rief Papst Paul VI. mit dem Apostolischen Schreiben Petrum et Paulum apostolos ein besonderes Jubeljahr aus: das Jahr des Glaubens. 1900 Jahre zuvor hatten die Apostel Petrus und Paulus in Rom das Martyrium erlitten. Wie es in einem Abschnitt aus dem Brief des heiligen Papstes Clemens an die Korinther heißt, den der Papst am Anfang seines Lehrschreibens zitiert, wurden die Apostel „aus Eifersucht und Neid“ oder wegen der Bosheit der Christen hingerichtet. Der Papst wünschte sich von der ganzen Kirche für diese Jahrfeier, daß sie des von den beiden Aposteln als Erbe überlieferten Glaubens gedachte und daß sie diese Wirklichkeit des Glaubens, die Zeichen dieser Gegenwart, die vor zweitausend Jahren die armen Fischer und großen Sünder faszinierten und sie ins Herz trafen, zu ihrer eigenen lebendigen Erfahrung machen würde.
Dieses Jahr – und dies erkennen heute auch die kritischsten Historiker an – stellte eine Gratwanderung und eine „Wende“ im Pontifikat Pauls VI. dar. Am Ende dieses Jahres verkündete er auf dem Petersplatz feierlich ein Glaubensbekenntnis, das Credo des Gottesvolkes, mit dem er „Unsere unerschütterliche Treue zum depositum fidei bestätigen“ wollte. Die Katholiken der damaligen Zeit nahmen die tragische und prophetische Eingebung des Papstes nicht an. Die Aufgeklärten sagten, es handele sich um übertriebenen Pessimismus. Die Reaktionären meinten, die Reue käme zu spät, da die Katastrophe mit jener konziliaren Erneuerung zusammenhinge, deren Lenker der Papst selbst gewesen war. Der Klerus, gleich welcher Richtung, sah darin die schlichte Wiedervorlage der herkömmlichen Inhalte des katholischen Glaubens, die eine unzureichende Antwort auf die Herausforderungen der Geschichte und auf die Krise der Kirche seien. Ihrer Ansicht nach bedurfte es einer weitreichenderen Strategie: Eine Bewußtseinsbildung wäre nötig gewesen oder anders gesagt, der Glaube hätte zur Kultur werden müssen: um mit der Welt ins Gespräch zu kommen und sich ihr anzupassen, sagten die einen; um gegen die Moderne zu kämpfen und ihre Angriffe abzuwehren, meinten die anderen. So sind das Jahr des Glaubens und das Credo des Gottesvolkes im Strudel des Stillschweigens untergegangen.

Inimici hominis, domestici eius

Paul VI. störte nicht so sehr die Sittenlosigkeit der Welt oder die lautstarke und kämpferische theoretische Ablehnung des Christentums der damaligen Zeit.

Bereits in den Jahren vor 1967 waren die Ansprachen Pauls VI. von einer ganz anderen Sorge durchzogen: die Kirche wurde nicht vom modernen Atheismus, sondern von ihren eigenen Kindern niedergerissen. Die Krankheit saß in ihrem Innern, es handelte sich um einen cupio dissolvi, der offenbar noch vor dem Volk die Lehrer, Kleriker und kirchlichen Bildungseinrichtungen vergiftet hatte und sie von innen heraus zu einer Entleerung des Wesens und der Methode des christlichen Ereignisses trieb. „Mir liegen die Worte Jesu auf der Zunge: „inimici hominis, domestici eius““, sagte der Papst am 18. September 1968, also nicht einmal drei Monate nach der Verkündigung des Glaubensbekenntnisses. Bereits 1965 äußerte sich der Papst bei der Generalaudienz am 4. August besorgt über „die Stimmen aus den besten Kreisen des Volkes Gottes, wo gewöhnlich die Lehre der Kirche durch eifrige Studien genährt und mit sicheren Überlegungen gepflegt wird“, die heute „Irrlehren der Antike und der Moderne wieder aufgreifen, die die Kirche bereits richtiggestellt und verurteilt sowie aus dem Erbe ihrer Wahrheiten ausgeschlossen hatte.“ In einer Ansprache am 11. Juli 1966 vor einer Gruppe von Theologen und Wissenschaftlern, die sich zur Erörterung neuer Formen der Darlegung des Dogmas von der Erbsünde zusammengefunden hatte, warnte der Papst vor einer Zustimmung zu Formulierungen der Erbsünde, die der Evolutionstheorie untergeordnet sind. Am 30. November beschrieb Paul VI. in seiner Ansprache bei der Generalaudienz „das traurige Phänomen, das die konziliare Erneuerung und den ökumenischen Dialog beeinträchtigt“, und erklärt ausführlich, daß die wesentlichen Grundlagen des Christentums ihres Inhalts entleert würden: „die Auferstehung Christi, seine Realpräsens in der Eucharistie, die Jungfräulichkeit der Gottesmutter und demzufolge das erhabene Geheimnis der Menschwerdung.“ Im Oktober 1966 erschien der von den holländischen Bischöfen gewollte neue Holländische Katechismus, der Prototyp jener nachkonziliaren Katechismen, die das Christentum dem modernen Menschen schmackhaft machen wollten, indem sie die traditionellen Formulierungen durch komplizierte und teilweise doppeldeutige Wendungen ersetzten, die die Wahrheit letztlich verschweigen. Am 17. April 1967 erklärte Paul VI. in seiner Ansprache bei der Versammlung der italienischen Bischöfe, welche Frage vorrangig sei: „Die erste Frage, die Grundfrage, die wir Bischöfe mit dem nötigen Ernst erörtern müssen, ist die Frage des Glaubens. Es ereignet sich etwas sehr Eigenartiges und Schmerzliches […] auch bei denen, die das Wort Gottes kennen und erforschen, nimmt die Gewißheit über die objektive Wahrheit und die Fähigkeit ab, sie durch menschliches Denken einzuholen. Der Sinn des einzigen und ursprünglichen Glaubens wird verfälscht; Angriffe gegen die grundlegendsten und sakrosankten Wahrheiten unserer Lehre, wie sie das Volk immer geglaubt und bekannt hatte, werden zugelassen […].“

In Ephesus im Rahmen seiner Türkeireise

Die Überlieferung geht uns voraus

Am meisten schmerzte Paul VI., daß das letzte Ökumenische Konzil zu diesem Werk der Selbstzerstörung mißbraucht und als Geburtsstunde eines neuen Christentums und einer neuen Kirche bezeichnet wurde. Genau ein Jahr nach seinem Abschluß (Paul VI. beschloß das Konzil mit seiner Ansprache am 8. Dezember 1965) verurteilte der Papst die falsche Annahme, wonach das Zweite Vatikanische Konzil „einen Bruch mit der traditionellen Lehre und der Disziplin der Kirche vor dem Konzil darstellt“. Fast einen Monat zuvor hatte Paul VI. bei der Generalaudienz die Gläubigen aufgefordert, der Versuchung zu widerstehen und nicht zu meinen, „die Neuheiten, die sich aus den Lehren der jüngsten Konzilien ableiten lassen, könnten zu irgendeiner willkürlichen Änderung ermächtigen […] Man muß vielmehr zutiefst überzeugt sein, daß man die Kirche von gestern nicht zerstören darf, um heute eine neue Kirche zu errichten. Man darf nicht vergessen und anfechten, was die Kirche bisher mit Autorität gelehrt hat, um die sichere Lehre durch neue Theorien und Überzeugungen zu ersetzen“.

Am 12. Januar 1966 sagte der Papst: „Die Lehren des Konzils stellen kein organisches System der katholischen Lehre dar“, insoweit diese „viel weitreichender ist […] und vom Konzil nicht in Zweifel gezogen oder grundlegend verändert wird. Im Gegenteil, das Konzil bestätigt, erläutert, verteidigt und entfaltet sie in einer äußerst maßgeblichen Apologie […] Wer daher meint, das Konzil stelle eine Abkehr, einen Bruch oder, wie einer vielleicht meinen will, eine Befreiung von der traditionellen Lehre der Kirche dar, ist nicht in der Wahrheit.“

Der Glaube als Zustimmung zu einem Zeugnis

Paul VI. wußte nur zu gut, daß es nicht genügte, die Irrtümer in der Lehre zurückzuweisen, die unter den katholischen Führern um sich griffen. Die Verwirrung in der Lehre war Symptom für etwas viel Grundlegenderes: Es schien, daß geradezu überall in der Kirche der Sinn dafür verlorenging, was das Christentum wirklich ist, das Wesen und die Dynamik des christlichen Lebens. Man wußte nicht mehr, worum es eigentlich geht.

Der Papst entschied sich, den Jahrestag des Martyriums der heiligen Apostel Petrus und Paulus zu nutzen, um als Antwort auf die schwindelerregende Vergeßlichkeit nach dem konziliaren Brodeln ein Jahr des Glaubens auszurufen.

In seinem Apostolischen Schreiben Petrum et Paulum apostolos, mit dem er das Jahr des Glaubens verkündete, sind nur wenige und zweitrangige Hinweise auf die Krise in der Lehre zu finden. Der Papst stellte an alle Söhne und Töchter der Kirche nur eine einzige, einfache und minimale Anforderung, nämlich das Glaubensbekenntnis der Apostel Petrus und Paulus zu wiederholen und in diesem Glauben zu verharren. „Wir wollen darüber hinaus eine kleine, aber wichtige Sache verlangen: Wir wollen euch alle, Brüder und Schwestern, Unsere Kinder, vor allem bitten, der heiligen Apostel Petrus und Paulus zu gedenken. Sie haben den Glauben an Christus mit ihren Worten und durch ihr Blut bezeugt, damit ihr in Wahrheit und Aufrichtigkeit den Glauben bewahrt, den die Kirche, die durch sie gegründet wurde und in herrlichem Glanz erstrahlt, ergeben übernimmt und mit Autorität verkündet. Außerdem gebührt es sicherlich, daß jeder einzelne öffentlich, frei und bewußt, innerlich und äußerlich, demütig und entschieden vor Gott dieses Bekenntnis des Glaubens spricht, den die seligen Apostel bezeugten. Wir möchten darüber hinaus, daß ein solches Bekenntnis des Glaubens aus dem Innern des Herzens eines jeden Menschen entspringt und in einem einzigen, identischen und von überströmender Liebe durchdrungenen Glauben in der ganzen Kirche widerhallt. Denn welchen dankbareren Dienst des Gedächtnisses, der Ehre, der Gemeinschaft können wir Petrus und Paulus erweisen, als die Verkündigung jenes Glaubens, den wir von ihnen sozusagen als Erbe erhalten haben?“ Die Wiederholung der Formeln, die den apostolischen Glauben bewahren, war für Paul VI. nicht nur ein Akt der Frömmigkeit, sondern ein der damaligen Zeit wahrhaft angemessenes Zeichen: „Wir dürfen auch nicht im Geringsten übersehen, daß unsere Zeit dies ausdrücklich verlangt.“

In zahlreichen Ansprachen aus dieser Zeit erklärt und kommentiert der Papst, warum er dieses Jahr des Glaubens der Apostel Petrus und Paulus ausgerufen hat. Bei der Generalaudienz am 1. März 1967, wenige Tage vor dem Erscheinen des Apostolischen Schreibens, erklärte Paul VI.: „Uns scheint, daß dieses Thema uns den sichersten und direktesten Draht bietet, um geistig mit den großen Aposteln zu verkehren; sie selbst haben uns dazu eindringlich ermahnt; der heilige Petrus sagt zum Beispiel in seinem ersten Brief an die ersten Christen, daß Gottes Macht „euch durch den Glauben“ behütet „damit ihr das Heil erlangt“, und auch Paulus „ist ganz um die Unversehrtheit und die Bewahrung des Glaubens“ besorgt und spricht wiederholt die Mahnung aus, jeden Irrtum zu vermeiden und zurückzuweisen, damit das „depositum bewahrt wird“. […] Wenn wir dem Glauben zustimmen, den die Kirche uns vorlegt, treten wir unmittelbar mit den Aposteln in Verbindung, deren Gedächtnis wir begehen wollen, und durch sie mit Jesus Christus, dem ersten und einzigen Meister; wir begeben uns in ihre Schule, überwinden den Abstand der Jahrhunderte, die uns von ihnen trennen, und machen aus dem jetzigen Augenblick eine lebendige Geschichte, die immer gleiche und der Kirche eigentümliche Geschichte.“ Der Glaube, erklärte der Papst in der gleichen Ansprache und griff dabei auf die Definition des Konzils von Trient zurück, „ist für den Menschen der Anfang seines Heils („humanae salutis initium est“)“.

Auch bei der folgenden Generalaudienz am 19. April erklärte der Papst ausführlich, was der christliche Glaube ist, und unterschied ihn von der gemeinhin vollzogenen Identifizierung mit „dem religiösen Empfinden, dem vagen und allgemeinen Glauben an die Existenz Gottes“. Der Glaube, sagte Paul VI., ist „die Zustimmung des Geistes, des Verstandes und des Willens, zu einer Wahrheit“, die sich „durch die transzendente Autorität eines Zeugnisses [rechtfertigt], dem zu glauben nicht nur vernünftig ist, sondern zuinnerst logisch aufgrund einer eigenartigen und vitalen Überzeugungskraft, so daß der Glaubensakt äußerst personal ist und zufriedenstellt“. Der Glaube ist daher „eine Tugend, die ihre Wurzeln zwar in der menschlichen Psyche hat, ihre Gültigkeit aber ableitet aus einem geheimnisvollen, übernatürlichen Wirken des Heiligen Geistes, der uns gewöhnlich in der Taufe eingegossenen Gnade“. Er „ist jene geistige Fähigkeit, mit der wir die Wahrheiten, die das Wort Gottes uns offenbart hat, als der Wirklichkeit entsprechende aufnehmen. Und deshalb ist der Glaube ein Akt, der auf dem Vertrauen gründet, das wir dem lebendigen Gott entgegenbringen“.

Das Jahr des Glaubens wurde am Abend des 29. Juni 1967, dem Hochfest der heiligen Petrus und Paulus, feierlich auf dem Petersplatz eröffnet. In seiner Predigt bekräftigte der Heilige Vater, daß „das soeben gefeierte Ökumenische Konzil uns ermahnt hat, zu den Quellen der Kirche zurückzukehren und im Glauben ihren konstitutiven Anfang zu erkennen, die Voraussetzung für jeden Zuwachs, die Grundlage für ihre innere Sicherheit und die Kraft für ihre äußere Vitalität“. Einige Tage später sprach der Papst vor Pilgern bei der Audienz am 5. Juli erneut über den Glauben: „Der Glaube ist das Erbe der Apostelfürsten. Er ist das Geschenk ihres Apostolats, ihrer Liebe. […] Die Tatsache, daß sie mit den anderen Aposteln und beauftragten Verkündern des Evangeliums die Mittler zwischen uns und Christus sind, kennzeichnet das Christentum in grundlegender Weise und schafft ein unumgängliches System von Beziehungen in der Gemeinschaft der Gläubigen.[…] Der Apostel ist Lehrer; er ist nicht einfach das Echo des religiösen Bewußtseins der Gemeinde; er ist nicht Ausdruck der Meinung der Gläubigen, sozusagen die Stimme, die sie ausführt und beglaubigt, Wie die Modernisten sagen und noch heute einige Theologen zu behaupten wagen. Die Stimme des Apostels erzeugt den Glauben. […] Die sich von Christus ableitende religiöse Wahrheit verbreitet sich nicht unkontrolliert und unverantwortlich in den Menschen; sie benötigt einen äußeren und sozialen Kanal.“

Paul VI. besucht die Ausgrabungen des Petrusgrabes unter dem Petersdom

Der Osten der großen Konzilien

Die Reise in die Türkei, die der Papst vom 25. bis 26. Juli 1967 unternahm, entsprach ganz der Intention des Jahrs des Glaubens: sie war ein weiterer Schritt auf den Spuren des apostolischen Gedächtnisses. Der Papst kreuzte die Wege, die Paulus auf seinen Missionsreisen enlanggezogen war. Wie Paul VI. in Ephesus in der Johanneskirche sagte, gründete der Apostel „die ersten christlichen Gemeinden unter manchmal dramatischen Gefahren, von denen die Apostelgeschichte berichtet“. Den roten Faden der Reise bildete aber der Besuch der Orte, wo die ersten großen Konzilien stattfanden. Sie hatten den apostolischen Glauben definiert und bewahrt, indem sie ihn gegen die antiken Irrlehren abgrenzten. Nach seiner Rückkehr nach Rom verkündete der Papst beim Angelus am 2. August feierlich den Vorrang der ersten vier Ökumenischen Konzilien (Nizäa, Konstantinopel, Ephesus, Chalcedon). Damit rückte Paul VI. indirekt das letzte Ökumenische Konzil wieder ins rechte Licht, dem einige eine herausragende Bedeutung beimessen wollten, indem sie es als Stunde Null der Kirche feierten. „Den vier Konzilien“, sagte der Papst, „gebührte und gebührt große Verehrung. Sie haben der Kirche nach den ersten Jahrhunderten der Verfolgung und des Untergrunds ein konstitutionelles und einheitliches Gefüge verliehen.

Sie betonten und definierten die grundlegenden Dogmen unseres Glaubens über die Heiligste Dreifaltigkeit, Jesus Christus und die Gottesmutter: sie legten das doktrinelle Fundament des christlichen Glaubens.“ Die Verehrung der ersten vier Ökumenischen Konzilien war auch Hintergrund für die Bekräftigung der Glaubensgemeinschaft mit den orthodoxen Christen in den grundlegenden Dogmen. Papst Paul VI. hob die gegenseitige Exkommunikation zwischen Rom und Konstantinopel auf und kniete nieder, um die Füße des orthodoxen Bischofs Meliton von Chalcedon zu küssen. Bei den Treffen mit dem Patriarchen Athenagoras und den orthodoxen Gläubigen von Ephesus wiederholte Paul VI., daß „man in der Tat „nichts Unnötiges auferlegen darf, um die Gemeinschaft und Einheit wiederherzustellen und zu bewahren“. „Die Liebe“, sagte er zu Athenagoras und den Metropoliten des ökumenischen Patriarchats in der Kathedrale des heiligen Georg, „muß uns helfen, wie sie den heiligen Hilarius und Athanasius geholfen hat. Trotz der sprachlichen Unterschiede haben sie die Identität des Glaubens in einem Augenblick erkannt, da ernste Divergenzen den Episkopat spalteten. […] Und legte der heilige Cyrill von Alexandrien nicht seine so schöne Theologie beiseite, um mit Johannes von Antiochia Frieden zu schließen, nachdem er sich vergewissert hatte, daß trotz unterschiedlicher Wendungen ihr Glaube derselbe war?“

Die menschlichen und materiellen Anhaltspunkte für das Gedächtnis

Am Ende des Jahres des Glaubens verärgerte Paul VI. mit zwei aufsehenerregenden Gesten den Klerus. Am 26. Juni 1968 verkündete er in einer Ansprache im Petersdom die Echtheit der Reliquien des heiligen Petrus, die zwischen 1940 und 1950 bei Grabungen unter dem Petersdom aufgefunden worden waren. „Die geschichtlichen und konkreten Spuren, die sie hinterlassen haben“, sagte der Papst, „haben diese starken Empfindungen geweckt und erregt. Diese menschlichen und materiellen Anhaltspunkte für das Gedächtnis der Apostel, „per quos religionis sumpsit exordium“, durch die unser religiöses Leben begonnen hat, dürfen von uns Römern und von allen, die die Stadt betreten, nicht vernachlässigt werden.“ Das Ergebnis der Untersuchungen über die Knochenstücke, die in der Grabanlage unter dem Petersdom gefunden worden waren, wurde mit zurückhaltender Begeisterung verkündet: „Neue geduldige und sehr gründliche Untersuchungen wurden daraufhin durchgeführt, deren Ergebnis Wir, bestärkt durch das Urteil von bewährten und umsichtigen Fachleuten, für positiv erachten: Auch die Reliquien des heiligen Petrus sind in einer Weise identifiziert, daß Wir sie für echt halten dürfen. Unser Lob gilt dem, der lange, aufmerksame Studien und viel Mühe dafür verwendet hat.“

Am 30. Juni 1968 schloß der Papst mit einem feierlichen Hochamt und jenem Glaubensbekenntnis das Jahr des Glaubens, das er als Credo des Gottesvolkes bezeichnete. Es bildete den Höhepunkt des Jahres, das „Wir dem Gedächtnis der heiligen Apostel gewidmet haben“. Wie der Papst in seiner Predigt erklärte, „haben wir damit Unsere unerschütterliche Treue zum depositum fidei bekundet, das sie uns überliefert haben, und unseren Wunsch bekräftigt, es in der geschichtlichen Situation der pilgernden Kirche in der Welt zur Lebensgrundlage zu machen.“ Paul VI. wollte mit diesem Bekenntnis den Auftrag erfüllen, „den Christus Petrus übertragen hat, die Brüder im Glauben zu stärken. Wir sind sein Nachfolger, wenn auch dem Rang nach der geringste“. Das neue Credo „greift im wesentlichen das Credo von Nizäa auf, ohne eine dogmatische Definition im eigentlichen Sinn zu sein, jedoch mit einigen Entfaltungen, die die geistige Situation unserer Zeit auferlegt“. Beim Sprechen des Credos des Gottesvolkes erklärt Paul VI., habe er die „Besorgnis“ vor Augen, „die einige moderne Kreise bewegt“ sowie „die Leidenschaft für eine Veränderung und Erneuerung“, die viele Katholiken erfaßt hat: „Man muß daher höchste Vorsicht walten lassen, um die Aussagen der christlichen Lehre nicht anzugreifen. Denn dies würde in vielen treuen Seelen eine allgemeine Verwirrung und Perplexität auslösen – wie es heute leider nur allzuoft geschieht.“

Ein Papst in schwierigen Zeiten

Wie Carlo Falconi, Wortführer unter den Vatikanberichterstattern der damaligen Zeit, in seinem Buch La svolta di Paolo VI (Die Wende Pauls VI.) schreibt, „ist der ungeheuerliche Strudel des Stillschweigens, in dem die Verkündigung des neuen Credos untergegangen ist, dramatisch und beängstigend. Die ganze Kampagne der vatikanischen Tageszeitung, um eine rührende und anerkennende Zustimmung vorzutäuschen, hat sich in Nichts aufgelöst. Wäre da nicht unmittelbar danach die Veröffentlichung der Enzyklika Humanae vitae gewesen, die eine ganz offene Reaktion dem Papst gegenüber ausgelöst hat, hätte die Verlegenheit jenes Stillschweigens aus Protest die Grenze des Unerträglichen erreicht.“

Paul VI. verkündet das „Credo des Gottesvolkes“

Außer einigen wenigen Ausnahmen ließ das ganze katholische Establishment die scharfe Sicht der Lage der Kirche in der Welt, wie sie sich im Jahr des Glaubens und im Credo des Gottesvolkes äußerte, einfach verpuffen. Für Theologen und Intellektuelle handelte es sich nur um „frommes Getue“. Zu Beginn des Jahrs des Glaubens behauptete der holländische Theologe Edward Schillebeeckx in einem Kommentar zur Initiative Pauls VI., die Krise, die der christliche Glaube durchmache, sei „eine Wachstumskrise“.

Sein deutscher Kollege Karl Rahner spottete über die Möglichkeit, nach einem Jahr der Geophysik nun ein Jahr des Glaubens auszurufen, und erklärte: „Alles hängt von einer gründlichen Reflexion ab, um dieses Verständnis [das christliche] dem zeitgenössischen Denken glaubhaft zu machen.“ Alle meinten letztlich, die Rückkehr zur Tradition, die einfache Wiederholung der Lehre der Apostel und das Verharren in dieser Lehre, die der Papst verlangte, seien unzureichend. Die Verschwörung gegen Paul VI., die sich im Stillschweigen über das Jahr des Glaubens und das Credo des Gottesvolkes äußerte, zeigte, worin der eigentliche Grund für das Unverständnis, der stummen Feindseligkeit und des immer häufigeren Widerspruchs gegenüber dem Papst innerhalb der Kirche zu suchen ist.

Die Vorstellung, daß das montinische Pontifikat seit 1967/68 einen Rückschritt darstellte und die anfänglichen Hoffnungen zerstörte, war in der klerikalen Intelligenz so weit verbreitet, daß ein offizieller Berichterstatter, der Historiker Franco Bolgiani, Mitte der siebziger Jahre bei einem kirchlichen Treffen über Evangelisierung und menschliche Entwicklung vor allen höheren Vertretern der italienischen Kirche davon sprach.

Am 29. Juni 1972 räumte der Papst in seiner Predigt zum Hochfest der Apostel Petrus und Paulus ein: „Wir glaubten, daß nach dem Konzil ein strahlender Tag für die Kirche anbrechen würde. Es kam aber ein Tag der Wolken und Stürme, der Nacht, der Suche und Unsicherheit, man gab sich Mühe, der Gemeinschaft Freude zu verleihen.“

In jener Zeit besaßen nur wenige den Mut, ihre Ehrfurcht und Solidarität gegenüber einem Papst zu bekunden, der auch bei kirchlichen Treffen belächelt wurde. Zu ihnen gehörte der Patriarch von Venedig, Albino Luciani. In seinem Vortrag am 18. September 1977 beim nationalen eucharistischen Kongreß in Pescara bezog er leidenschaftlich Stellung und erklärte ausdrücklich seine Verbundenheit mit dem großen Papst in so schwierigen Zeiten: „Der Petrus, den wir im Evangelium gehört haben, lebt heute in seinem Nachfolger, in der Person Pauls VI. Es gibt aber zwei Pauls VI.: den, den wir gestern abend hier in Pescara gesehen haben und wie er bei den General- und Privataudienzen zu sehen und zu hören ist, und den Papst, wie ihn einige Bücher und Zeitschriften auf ihre Weise beschreiben, wobei sie Dinge erfinden und verdrehen. Wahr und echt ist nur der erste: der große Papst, der in schwierigen Zeiten eine hohe Sendung zu erfüllen hat.“

_______

Quelle

Siehe vor allem auch:

LEONARDO SAPIENZA: PAPST PAUL VI. UND DER GLAUBE

PaoloVI375

Vorwort

Es ist fast ein halbes Jahrhundert vergangen, seitdem Papst Paul VI. am 22. Februar 1967 mit dem Apostolischen Schreiben Petrum et Paulum Apostolos ein »Jahr des Glaubens« aus­rief. Es war dem damaligen Oberhaupt der katholischen Kirche wichtig, an das macht­volle Glaubenszeugnis der Apostel Petrus und Paulus zu erinnern, das diese 1900 Jahre zuvor durch ihr Martyrium in Rom besiegelt hatten. Der Papst wünschte sich von der gan­zen Kirche für diese Feier, dass sie des Erbes der beiden Aposteln gedachte und den Glau­ben, der in der Frühzeit des Christentums so viele Menschen fasziniert und ins Herz ge­troffen hatte, zu ihrer eigenen lebendigen Er­fahrung machen würde.

Bei einer Generalaudienz im März des Jahres 1967 hob Paul VI. hervor: »Wenn wir dem Glauben zustimmen, den die Kirche uns vorlegt, treten wir unmittelbar mit den Apos­teln in Verbindung, deren Gedächtnis wir begehen wollen, und durch sie mit Jesus Christus, dem ersten und einzigen Meister; wir begeben uns in ihre Schule, überwinden den Abstand der Jahrhunderte, die uns von ihnen trennen, und machen aus dem jetzigen Augenblick eine lebendige Geschichte, die immer gleiche und der Kirche eigentümliche Geschichte.« Der Glaube, erklärte der Papst in der gleichen Ansprache und nahm damit die Definition des Konzils von Trient auf, »ist für den Menschen der Anfang seines Heils« (hu­manae salutis initium est).

Im Juni 1968 beschloss der Heilige Vater das »Jahr des Glaubens« mit einem Glaubens­bekenntnis, das er als »Credo des Gottesvol­kes« bezeichnete. Wie der Papst erklärte, »ha­ben wir damit Unsere unerschütterliche Treue zum Depositum Fidei, dem Glaubensgut, be­kundet, das sie Uns überliefert haben, und Unseren Wunsch bekräftigt, es in der ge­schichtlichen Situation der pilgernden Kirche in der Welt zur Lebensgrundlage zu ma­chen«. Paul VI. sah sich in die Pflicht genom­men, den Auftrag zu erfüllen, »den Christus Petrus übertragen hat, die Brüder im Glauben zu stärken. Wir sind sein Nachfolger, wenn auch dem Rang nach der geringste.«

Wer war dieser Nachfolger des Apostel­fürsten, der in einer schwierigen Zeit, einer Epoche, die die Welt in Bewegung und Unru­he versetzte, der Kirche Jesu Christi auf Er­den vorstand? Giovanni Battista Montini war am 26. September 1897 im norditalienischen Concesio (Brescia) geboren worden. Er ent­stammte einer großbürgerlichen, weltoffenen Familie, die tief im katholischen Glauben ver­wurzelt war. Der Vater war Herausgeber ei­ner Tageszeitung und Abgeordneter des ita­lienischen Parlaments. Der junge Montini hatte sich schon früh für das Priestertum entschieden. Da er über eine schwache Ge­sundheit verfügte, besuchte er von seinem El­ternhaus aus die Vorlesungen im Seminar von Brescia. 1920 empfing er die Priesterweihe.

Er kam nach Rom, wo er 1921 in die Päpst­liche Diplomatenakademie eintrat. Ein Ein­satz in der Apostolischen Nuntiatur in War­schau im Jahre 1923 dauerte weniger als ein halbes Jahr, da ihn Gesundheitsgründe zwan­gen, in die Ewige Stadt zurückzukehren. Im Oktober 1924 wurde er in den Dienst des Päpstlichen Staatssekretariates berufen. Zeit­gleich erfolgte die Ernennung zum Geistli­chen Assistenten des Zusammenschlusses der katholischen Studentenschaft in Italien (FUCI). 1937 stieg er in den Rang eines Subs­tituten im Päpstlichen Staatssekretariat auf und wurde damit engster Mitarbeiter des da­maligen Kardinalstaatssekretärs Eugenio Pacelli und späteren Pius XII. In der Zeit des Zweiten Weltkrieges arbeiteten Monsignore Montini und der Papst Hand in Hand.

1952 bat er Pius XII., auf die ihm angetra­gene Kardinalswürde verzichten zu dürfen; der Papst ernannte ihn dann zu einem seiner beiden Pro-Staatssekretäre. Zwei Jahre später berief ihn Pius XII. zum Erzbischof von Mai­land, der größten Diözese Italiens. Dort be­mühte er sich, mit den ihm anvertrauten Gläubigen in unmittelbaren Kontakt zu tre­ten: Er fuhr in die Pfarreien, nahm Firmun­gen vor und besuchte die Arbeiter in den

Fabriken. 1957 initiierte er eine große und er­folgreiche Volksmission. Im Konsistorium vom Dezember 1958 erhob ihn der im Jahr 2014 heiliggesprochene Papst Johannes XXIII. zum Kardinalpriester von SS. Silvestro e Mar­tino. 1962 wurde er Mitglied der Zentralen Vorbereitungskommission des Zweiten Vati­kanischen Konzils. Am 21. Juni 1963 folgte er Papst Johannes XXIII. auf den Stuhl des heili­gen Petrus nach.

Mit bewundernswerter Tatkraft führte er als Paul VI. das Konzil weiter und beendete es zwei Jahre später. Der katholischen Kirche gab er durch seine Enzykliken, Pastoralreisen in alle Welt und Reformen – vor allen im Be­reich der Liturgie – ein erneuertes Gesicht. Spontane Handlungen des Pontifex verblüff­ten Kirche und Welt: Seine persönliche Tiara, die dreifache Papstkrone, legte er als Gabe an die Armen auf den Altar der Peterskirche nie­der; vor dem Abgesandten des Patriarchen von Konstantinopel kniete er in der Sixtini­schen Kapelle nieder. Mit seiner Enzyklika Humanae Vitae setzte er ein unübersehbares Zeichen für die Würde der christlichen Ehe. Nicht zuletzt seine Glaubensstärke und De­mut führten zu einem kirchlichen Verfahren, das ihm am 19. Oktober 2014 die Ehre der Al­täre zuteilen wird.

Jean Guitton, Philosoph, Schriftsteller, Mitglied der Académie française und von Jo­hannes XXIII. offiziell als Beobachter zum Zweiten Vatikanischen Konzil eingeladen, kam in der Beurteilung Pauls VI. zu der Über­zeugung: »Die Päpste der letzten Zeit konn­ten den modernen Menschen lieben und un­terstützen, aber ihre Mentalität stimmte im Tiefsten mit der modernen Denkart nicht überein. Pius XI. war kernig, geradlinig wie ein Gebirgsbewohner; Pius XII. besaß die rö­mische Festigkeit, mystische Glut und huma­nistische Bildung – aber fühlte er wie ein mo­derner Mensch? Johannes XXIII. war zwar modern in seinen Plänen, doch nicht in sei­nen Nerven und seiner Substanz. In Paul VI. stellt sich der moderne Mensch dar.«

Für den französischen Denker war die Ähnlichkeit. des Papstes mit dessen Namens­vetter, dem Völkerapostel aus Tarsus, beste­chend. Der heilige Paulus habe jene Züge, die man modern nenne; er rühme sich seiner Schwachheiten, er bezeichne sich als zerris­sen, als versucht, als unsicher: »Paul VI. gleicht in seinen Bestrebungen, in seinen quä­lenden Sorgen, in seiner ganzen Natur dem Menschen unserer Tage.« In dieser Schwäche aber liege eine Stärke, die Kraft, Schwierigkei­ten ungeahnten Ausmaßes anzugehen und zu bewältigen. Und so könne der Papst von sich sagen: »Gerade weil ich eine ängstliche Natur habe, bin ich so energisch; gerade, weil mich Furcht beschleicht, überwinde ich sie besser als einer, der sie nicht kennt.«

Paul VI. empfand in dem Anspruch, in die Welt von heute einzutauchen, »modern« zu sein, keine Missachtung der Tradition. Im Gegenteil, ohne Tradition, ohne in dieser ver­wurzelt zu sein, aus ihr zu schöpfen und sie hoch zu achten, wäre für ihn der Schritt in die Neuzeit ein Fehltritt gewesen. Der durch fast zwei Jahrtausende überlieferte Glaube der Apostel und der frühen Kirche war ihm ein unverzichtbares Erbe. Am Ende seines Le­bens konnte er sich mit Recht auf die Worte des heiligen Paulus berufen: »Ich habe den guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet, den Glauben bewahrt« (2 Tim 4,7).

Der Glaube Papst Pauls VI. zeigt sich ein­drucksvoll und berührend in den Worten sei­nes geistlichen Testaments: »Im Angesicht des Todes, dieser totalen und endgültigen Loslösung vom irdischen Leben, empfinde ich es als meine Pflicht, das Geschenk, das Glück, die Schönheit und die Bestimmung dieser flüchtigen Existenz zu rühmen: Herr, ich danke Dir, dass Du mich ins Leben geru­fen hast, mehr noch, dass Du mich zum Christen gemacht, mich wiedergeboren und zu der Fülle des Lebens bestimmt hast.«

Ulrich Nersinger

Einleitung

Im Jahre 1967 schrieb Paul VI.: »[…] in ihrer Entwicklung neigt die moderne Welt, die auf bewunderungswürdige Errungenschaften im Bereich der äußeren Dinge ausgerichtet und stolz ist, auf ein vermehrtes Bewusstsein ihrer selbst, zum Vergessen und zur Negati­on Gottes […] und der Sinn für die Religion nimmt unter den Menschen unserer Zeit ab […].«

Daher lud er die Kirche ein, ein »Jahr des Glaubens« zu feiern, um an das Martyrium der beiden Apostel zu erinnern, die die Patro­ne Roms sind, und damit das christliche Volk wieder ein genaues Bewusstsein von seinem Glauben bekäme, »um ihn neu zu beleben, um ihn zu reinigen, um ihn zu festigen, um ihn zu bekennen«.

Auch Benedikt XVI. hat ein »Jahr des Glau­bens« ausgerufen, »um allen, die an Christus glauben, zu helfen, ihre Zustimmung zum Evangelium bewusster und stärker werden zu lassen, vor allem in einem Moment tief­greifender Veränderungen, wie ihn die Menschheit gerade erlebt« (Apostolisches Schreiben Porta Fidei, 8).

Ernst waren die Schwierigkeiten zur Zeit Pauls VI., und ernst bleiben sie auch in dieser unserer Zeit: Eine tiefe Krise des Glaubens trifft viele Menschen, insbesondere im Hin­blick auf das Bekenntnis des wahren Glau­bens und auf seine richtige Interpretation.

Um das Nachdenken im Laufe des »Jahres des Glaubens« zu unterstützen, werden in diesem Büchlein die dichtesten Gedanken Pauls VI. über den Glauben vorgelegt, über die gesamte Dauer seines Pontifikats hinweg.

Ein durchgängiges Motiv seiner lehramt­lichen Äußerungen ist der Verweis auf die Schönheit und die zentrale Position des Glau­bens sowie auf die Notwendigkeit, ihn zu stärken und zu vertiefen, und zwar auf der persönlichen wie auf der gemeinschaftlichen Ebene.

Mit abgedruckt sind auch das »Credo des Gottesvolkes«, eine gelungene Formel, die

Paul VI. am 30. Juni 1968 zum Abschluss des »Jahres des Glaubens« vorgetragen hat, sowie die Ansprache bei der Generalaudienz vom 30. Oktober desselben Jahres mit dem großar­tigen Gebet um die Stärkung des Glaubens.

Paul VI. erinnert uns daran, dass

der Glaube die Wahrheit ist,
der Glaube die Stärke ist,
der Glaube das Leben ist,
der Glaube das Heil ist!

Leonardo Sapienza

Nach jedem der nachfolgenden Gedanken wird die Quelle angegeben, und zwar in fol­gender Weise: Bandnummer der Insegnamenti di Paolo VI, Seite, Datum.

Gedanken über den Glauben

Unser Glaube ist notwendig.

I, 576 (8. September 1963)

Unser Glaube ist unsere Gewissheit, er ist un­sere Basis; er ist unser Licht, unser Trost, un­sere Hoffnung; und morgen wird er unsere Glückseligkeit sein.

I, 576 (8. September 1963)

Wo der Glaube ist, da ist die Kirche; und wo die Kirche ist, da ist Christus.

I, 496 (9. Oktober 1963)

Der Glaube wird zur Treue!

I, 509 (20. November 1963)

Der Glaube entzündet die Liebe!

I, 509 (20. November 1963)

Der Glaube ist eine göttliche, wunderbare Tu­gend; und wenn wir das Glück haben, ihn zu besitzen, müssen wir ihn in die Tat umsetzen, müssen ihn einatmen, müssen ihn bekennen.

II, 900 (10. Juni 1964)

Der Glaube ist für das Heil notwendig; der Glaube wird allen Menschen durch den pries­terlichen Dienst angeboten.

II, 410 (21. Juni 1964)

Seid Christen! Seid Christen! Bewahrt den Glauben unserer Vorfahren; bewahrt den Glauben für eure Kinder, für eure Zukunft, für eure Arbeit; und wisst, dass es durchaus keine Unvereinbarkeit gibt zwischen dem christlichen Glauben und dem modernen Leben.

II, 1150 (23. August 1964)

Ist es nicht euer Glaube, euer christliches Be­wusstsein, eure religiöse Gewissheit, die euch den tiefsten, den sichersten, den frohes­ten Sinn des Lebens gibt? Dazu dient der Glaube: Er dient dem Leben!

III, 18 (5. Januar 1965)

Seid stark, geliebte Kinder, seid stolz, hütet ei­fersüchtig diesen Glauben. Seid fähig, die ein­fache und eindeutige Integrität eures Glaubens zu bewahren. Und gebt dem Glauben die Rol­le, die ihm zukommt, nämlich die inspirieren­de Kraft für euer Leben zu sein. Der Gerechte lebt so, dass er aus dem Glauben sein höheres Licht und seine spirituelle Energie gewinnt.

III, 917 (28. April 1965)

Der Glaube ist das Leben, der Glaube ist das Heil.

III, 341 (10. Juni 1965)

Dies ist die Stunde des Glaubens. Sorgt dafür, dass euer Glaube noch heute echt und leben­dig ist – und morgen der eurer Kinder.

III, 341 (10. Juni 1965)

Was den Glauben betrifft, so soll niemand da­ran gehindert werden! Und niemand soll da­zu gezwungen werden!

III, 969 (28. Juni 1965)

Der Glaube ist etwas höchst Ernstes und An­spruchsvolles; er lässt uns spüren, dass das christliche Bekenntnis nichts Oberflächliches ist, nichts, was sich ohne Weiteres an beliebi­ge Umstände anpassen ließe. Er prägt, er verlangt Treue, er bringt Risiko und Opfer mit sich, er erfordert einen starken Geist – wenn es sein muss, bis zum Heroismus, bis zur höchsten Liebe.

III, 1084 (3. November 1965)

Der Glaube, den Christus uns gebracht hat, ist das Licht des Lebens, er ist das Ferment des Lebens, er ist die Hoffnung des Lebens, er ist das Heil des Lebens. Und deshalb erweist sich der Glaube als die höchste Notwendig­keit, als der erste Wert, als die größte Freude. Die wahre Schönheit des Lebens, die wahre Würde des Menschen, die wahre Freiheit des Geistes, der wahre Friede des Gewissens, die wahre Harmonie des Zusammenlebens in der Familie und in Gemeinschaften beziehen aus dem Glauben ihre Kraft und ihren Glanz.

III, 591 (4. November 1965)

Tut nichts, was der Glaube verbietet, denn das Gesetz eures Glaubens soll ja auch das Gesetz eures christlichen Lebens sein.

III, 1095 (10. November 1965)

Dort, wo es mehr Glauben gibt — mehr Religi­on, mehr Gebet, mehr christliches Praktizie­ren —, ist die Nächstenliebe lebendiger, die Liebe sensibler und tatkräftiger, die Kunst, die Bedürfnisse des Nächsten zu erkennen und sie zu unterstützen, großzügiger und er­findungsreicher.

III, 649 (21. November 1965)

Wer ohne Glauben ist, der ist ohne Licht; wer ohne Religion ist, der ist ohne Hoffnung.

IV, 1021 (20. März 1966)

Der Glaubensakt ist schwierig für die moder­ne Mentalität, die so sehr an den systemati­schen Zweifel und an die Kritik gewöhnt und die davon überzeugt ist, dass die eigene Ge­wissheit sich auf die Grenzen der eigenen Er­fahrung beschränkt.

IV, 756 (20. April 1966)

Auch der Glaube ist eine Gnade.

IV, 756 (20. April 1966)

Der Glaube ist kein rein spekulativer Akt; er ist ein vernünftiger Akt, aber nicht die Frucht der Vernunft allein.

IV, 756 (20. April 1966)

Der Glaube ist die Wahrheit, der Glaube ist die Stärke, der Glaube ist das Leben, der Glau­be ist das Heil.

IV, 228 (15. Mai 1966)

Es bedarf einer Kohärenz mit Christus: Das ist der Glaube. Und dann einer zweiten Kohä­renz, die mit uns selbst: Das ist die Praxis des Glaubens. Das Zeugnis erfordert eine Folge­richtigkeit zwischen Denken und Handeln, zwischen dem eigenen Glauben und den ei­genen Werken.

IV, 931 (14. Dezember 1966)

Der Glaube verlangt ein Bekenntnis.

IV, 931 (14. Dezember 1966)

Der authentische Glaube, der geliebte, be­kannte und gelebte Glaube, der Glaube, der uns zu Kindern Gottes macht, zu Menschen, die Christus nachfolgen, und zu Gliedern der Kirche, ist das erste und unverzichtbare Prin­zip unserer apostolischen und katholischen Gemeinschaft.

V, 38 (14. Januar 1967)

Man versteht, warum der Glaube beim den­kenden Menschen den Einwand hervorrufen muss, er sei in Dunkel gehüllt. Dem Glauben fehlt die Offenkundigkeit. Er stellt verborge­ne und verhüllte Wahrheiten vor, und der hl. Augustinus scheut sich nicht, zu sagen, dass der Glaube darin besteht, etwas zu glauben, was nicht offenbar ist.

V, 707 (15. März 1967)

Wir sind verpflichtet, zu suchen. Der Herr ist uns nahegekommen, aber ohne sich allge­mein denen zu offenbaren, die ihn nicht su­chen, die sich nicht nach ihm sehnen, die sich nicht bemühen, ihn kennenzulernen, und die ihn nicht lieben.

V, 708 (15. März 1967)

Wenn der Glaube in Dunkel gehüllt ist, dann ist er auch frei. Auch dies ist eines der großen Probleme, die den Glauben betreffen: Der Wille wirkt beim Glaubensakt mit der Gnade zusammen. Und wenn er frei ist, dann ist der Glaube verdienstvoll.

V, 708 (15. März 1967)

Das ist leider der Glaube vieler in der heuti­gen Welt, ein gewohnheitsmäßiger Glaube, ein konventioneller Glaube, ein nicht verstan­dener und wenig praktizierter Glaube, ein Glaube, der mit dem Rest des Lebens nicht zusammenhängt und der daher lästig und beschwerlich ist. Er ist nicht vollständig tot, aber er ist auch keineswegs lebendig.

V, 743 (19. April 1967)

Der Glaube. Er ist das »Ja«, das es dem Den­ken Gottes erlaubt, in das Unsere einzutreten.

V, 743 (19. April 1967)

Der Glaube bedarf des Lehrers, das heißt ei­ner Unterweisung und eines Studiums. Wenn es nicht gelingt, eine normale und hinrei­chende Beziehung zwischen dem Lehrer und dem Schüler herzustellen, dann entsteht der Glaube entweder gar nicht oder er kann sich im Herzen und im Leben des Schülers nicht halten. Die religiöse Unterweisung ist unver­zichtbar. Dieses Prinzip wird so oft wieder­holt; man muss es ernst nehmen.

V, 787 (31. Mai 1967)

Es gibt einen persönlichen Glauben, einen »gläubigen«, und einen objektiven Glauben, einen »geglaubten«.

V, 787 (31. Mai 1967)

Es ist gut, sich klarzumachen, dass es heute nicht leicht ist, die Tugend des Glaubens aus­zuüben.

V, 801 (14. Juni 1967)

Der Glaube ist ein Ruf der Liebe Gottes. Er ist unser Glück, er ist der Schlüssel unseres Schicksals. Daher muss man dem Glauben große Aufmerksamkeit schenken!

V, 806 (21. Juni 1967)

Den Glauben muss man bekennen.

V, 814 (28. Juni 1967)

Der Glaube ist schwierig. Aber fügen Wir so­fort hinzu: Er ist schwierig für die Schwachen und Ängstlichen. Der Glaube erfordert die Kraft der Seele, die Größe des Geistes, ja er verleiht sie denen, die sich in seinem schlich­ten und edlen Bekenntnis üben.

V, 814 (28. Juni 1967)

Für den Menschen, der glaubt, ist das Leben nicht grau, auch wenn es manchmal mono­ton, schwer, hart und voller Verantwortung ist.

V, 448 (27. September 1967)

Der Glaube soll für alle sein, aber nicht alle nehmen ihn an.

VI, 104 (19. März 1968)

Der Glaube sichert dem Menschen jenes Ver­trauen in das Denken, in die Wahrheit, wel­ches der menschliche Geist, der sich selbst überlassen ist, nachdem er den Glauben eines Mangels an Logik angeklagt hat, in sich selbst nicht mehr findet. Der Glaube ist das Licht des Lebens, und wenn es auch nicht seine Aufgabe ist, die Probleme der wissenschaftli­chen und philosophischen Spekulation zu lö­sen, behindert er indessen auch nicht deren rationale Lösung, sondern stärkt sie mit der Gewissheit seiner höheren Lehren. Der Glau­be ist der Trost des Lebens. Und wie wäre die Einstellung des Menschen angesichts der größten Probleme unseres Schicksals, wenn der Glaube uns nicht vor dem Wahnsinn und der Verzweiflung bewahrte?

VI, 104 (19. März 1968)

Der Gläubige soll aus dem Glauben die inspi­rierenden Prinzipien für sein Leben ableiten.

VI, 105 (19. März 1968)

Nach oben schauen: Dies vergessen wir, wenn es uns an Glauben mangelt und wenn wir all unsere Hoffnung auf die verführerischen, aber flüchtigen zeitlichen Wirklichkeiten set­zen. Das ist die Wolke, die den Horizont der gegenwärtigen Welt verdunkelt.

VI, 1086 (23. Mai 1968)

Der Glaube ist so geworden, wie er sein soll: dynamisch, unaufhaltsam, ja sogar wag­halsig.

VI, 230 (2. Juni 1968)

Der Glaube, ein Geschenk der Gnade, ein Akt des Denkens und eine Willensentscheidung auf der Suche nach der Wahrheit, bleibt im­mer eine Quelle vitaler Probleme.

VI, 808 (5. Juni 1968)

Der Glaube flößt Vertrauen gegenüber der Vernunft ein, er respektiert sie, ist auf sie an­gewiesen, verteidigt sie. Und gerade aufgrund der Tatsache, dass er sie für das Studium der göttlichen Wahrheiten in Anspruch nimmt, verpflichtet er sie zu einer absoluten Ehrlich­keit des Denkens und zu einer Anstrengung, die sie nicht schwächt, sondern stärkt, und zwar ebenso in der natürlichen spekulativen Ordnung wie in der übernatürlichen.

VI, 811 (5. Juni 1968)

Der Glaube verlangt das Handeln; er ist ein dynamisches Prinzip der Moralität. Der Glau­be ist eine Aufforderung zu einer Handlung, die in der Liebe mündet, das heißt in einen tä­tigen Eifer, der von der Liebe zu Gott und zum Nächsten herrührt.

VI, 811 (5. Juni 1968)

Der Glaube gibt den Sinn für das Leben und für die Dinge, die Hoffnung auf kluges und ehrenhaftes Handeln, die Kraft, zu leiden und zu lieben. Ja, der Glaube dient zu etwas ­und zu etwas Großem! Zu unserem Heil.

VI, 812 (5. Juni 1968)

Der Glaube bietet sich an, er zwingt sich nicht auf. Und das, was er heute anbietet, ist menschliche Sympathie und Liebe.

VI, 248 (12. Juni 1968)

Sorgt dafür, dass euer Glaube lebendig ist. Diese Empfehlung wirft eine Frage auf: Kann es einen toten Glauben geben? Ja, leider: Es kann einen toten Glauben geben.

VI, 825 (19. Juni 1968)

Der Gegenstand unseres Glaubens ist wie ein weites Feld, reich, ohne Maß, wie ein Panora­ma, das sich vor unseren Augen eröffnet.

VI, 1093 (30. Juni 1968)

Mit dem Glauben und nicht aus dem Glauben zu leben genügt nicht. Ja, dieses Nebeneinan­der kann sich in eine ernste Verantwortlich­keit und in eine Anklage wandeln. Die Welt erhebt sie oft gegen den Menschen, der sich Christ nennt und nicht als Christ lebt. Das soll uns gut zu denken geben.

VI, 828 (19. Juni 1968)

Dass der wahre, reine, starke, aktive Glaube in den Herzen der Gläubigen gestärkt und dass er unter denen verbreitet wird, die an ihm zweifeln, die nicht glauben oder die den Glauben ablehnen, ist das herausragende Gut in der Ordnung unserer Rettung.

VI, 1092 (23. Juni 1968)

Der Glaube ist, wenn er angenommen und praktiziert wird, keine Flucht vor den Pflich­ten der Nächstenliebe und den großen und drängenden Notwendigkeiten gesellschaftli­cher Art. Er ist vielmehr deren Inspiration und treibende Kraft.

VI, 856 (10. Juli 1968)

Der Glaube ist die Basis, er ist die Wurzel, er ist der erste Daseinsgrund der Kirche, das wissen wir wohl.

VI, 417 (24. August 1968)

Der Friede! Zusammen mit dem Glauben ha­ben Wir daraus eines der herausragenden Motive Unseres Pontifikats gemacht.

VI, 424 (24. August 1968)

Der christliche Glaube ist kein Hindernis für die Vernunft des Menschen.

VI, 907 (15. September 1968)

Der Glaube ist unsere erste Pflicht. Der Glau­be ist für uns eine Lebensfrage. Der Glaube ist das unersetzbare Prinzip des Christen­tums. Er ist die Quelle für die Nächstenliebe, das Zentrum der Einheit. Er ist der funda­mentale Daseinsgrund unserer Religion.

VI, 991 (30. Oktober 1968)

Der Glaube ist kein Fideismus, das heißt ein Glaube ohne vernünftige Grundlagen. Er ist auch nicht nur ein vages Suchen nach einer religiösen Erfahrung. Der Glaube ist der Be­sitz der Wahrheit, er ist die Gewissheit.

VI, 991 (30. Oktober 1968)

Werden wir unter den Glücklichen sein, die das Geschenk des Glaubens bekommen wer­den? Ja, antworten Wir. Aber er ist ein Ge­schenk, das man wertschätzen muss, das man hüten muss, über das man sich freuen muss, das man im Leben umsetzen muss.

VI, 993 (30. Oktober 1968)

Der Glaube ist Glückseligkeit! Keine betäu­bende Illusion, keine mythische Fiktion, kein erschlichener Trost, sondern echtes Glück. Das Glück der Wahrheit, das Glück der Fülle, das Glück des göttlichen Lebens, das einer wunderbaren menschlichen Teilhabe zugänglich gemacht ist. Kein Hindernis für das Denken, kein Hindernis für die wissenschaft­liche Forschung, kein unnützer Ballast für die Schlankheit des spirituellen Stils der Moder­ne, sondern Licht, sondern Stimme, sondern Entdeckung, die die Seele weit und das Leben und die Welt verstehbar macht. Der Glaube ist das Glück des höchsten Wissens, noch ein­mal: das Glück des Erkennens, des Erkennens der Wahrheit.

II, 231 (5. April 1964); VII, 130 (1. März 1969)

Heute muss man mit persönlichem Bewusst­sein und mit moralischer Stärke die eigene Zugehörigkeit zu Gott, zu Christus, zur Kir­che verteidigen.

VII, 109 (28. April 1969)

Der Glaube ist nicht pluralistisch. Der Glaube ist, auch was die Hülle der Formeln betrifft, die ihn zum Ausdruck bringen, sehr emp­findlich und anspruchsvoll. Und die Kirche wacht darüber und verlangt, dass das Wort, das den Glauben ausspricht, dessen substan­zielle Wahrheit nicht verrät.

VII, 958 (14. Mai 1969)

Wir müssen aus dem Glauben leben, das heißt so, dass wir dem Wort Gottes Vertrauen schenken, auch wenn es unseren Verstand übersteigt.

VII, 963 (28. Mai 1969)

Der Glaube ist im Dunkeln, aber er ist nicht blind; der Glaube sieht mit seinen eigenen Augen.

VII, 963 (28. Mai 1969)

Wenn er gelebt wird, wird der Glaube zum Licht; wenn er geliebt wird, wird er zur Kraft; wenn er meditiert wird, wird er Geist und enthüllt sich als das, was er ist: Ursprung des ewigen Lebens.

VII, 963 (28. Mai 1969)

Die Kirche hat stets daran festgehalten, dass »niemand mit Gewalt gezwungen werden darf, den Glauben anzunehmen«. Niemand, sagt sie, darf daran gehindert und niemand darf im Hinblick auf das eigene religiöse Ge­wissen dazu gezwungen werden.

VII, 1002 (9. Juni 1969)

Der katholische Glaube fürchtet diese gewalti­ge Auseinandersetzung seiner schlichten Leh­re mit den wunderbaren Reichtümern des mo­dernen wissenschaftlichen Denkens nicht nur nicht, sondern er wünscht sie sogar. Er wünscht sie, weil die Wahrheit, auch wenn sie sich in verschiedene Ordnungen auffächert und sich auf verschiedene Rechtstitel stützt, in sich stimmig, weil sie einzigartig ist; und weil der Vorteil, der sich aus einer solchen Auseinan­dersetzung für den Glauben und für die For­schung und das Studium eines jeden Wissens­gebietes ergeben kann, ein gegenseitiger ist.

VII, 504 (23. Juni 1969)

Wir sind nicht die Erfinder unseres Glaubens; wir sind seine Bewahrer. Nicht jede Religiosi­tät ist gut, sondern nur diejenige, die das We­sen Gottes zum Ausdruck bringt.

VII, 534 (31. Juni 1969)

Freut euch stets über euren katholischen Glauben. Er wird euch im Schmerz aufrecht­erhalten, er wird euch in der Dunkelheit des Leidens Licht schenken, er wird in den Zeiten von Gesundheit und Wohlstand euer Glück vergrößern.

VII, 564 (1. August 1969)

Der Glaube ist der Eingangsschlüssel. Er ist die Schwelle. Er ist der erste Schritt. Er ist die erste Handlung, die von dem Menschen ver­langt wird, der zu jenem Reich Gottes gehö­ren will, das von diesem Beginn an zur Fülle des ewigen Lebens führt.

VIII, 284 (8. April 1970)

Der Glaube scheint heute schwierig, sogar unmöglich geworden zu sein. Der alte Ge­gensatz zwischen Vernunft und Glauben scheint sich für manche wieder zu erheben und sich als nicht auflösbar zu erweisen.

VIII, 285 (8. April 1970)

Der Glaube ist, wie jeder weiß, die freie Ant­wort, die freie und vollkommene Antwort an Gott, der spricht, an Gott, der sich offenbart.

VIII, 284 (8. April 1970)

Der Glaube hat eine wesenhafte Beziehung zur Hoffnung.

VIII, 544 (27. Mai 1970)

Gott, Christus, die Kirche lassen sich nicht ungestraft ersetzen. Bemühen wir uns, diese Versuchung zu überwinden und in unserem katholischen Glauben die Gewissheit, die Fülle, das Heil wiederzufinden, das nur er ge­ben kann.

VIII, 801 (19. August 1970)

Der Glaube bedarf der Vernunft. Er erstickt diese nicht, wie oft gesagt wird, er tritt nicht an ihre Stelle, sondern nimmt sie mit hinein in die Annahme des Wortes Gottes, er erhöht sie und verpflichtet sie auf die schwierigste und erhebendste Anstrengung: die Offenba­rung zu hören, sie, soweit es möglich ist, zu verstehen, zu erforschen und in Worte zu fas­sen – als Licht, als logisches und dialektisches Prinzip der tiefsten und lebendigsten Ratio­nalität.

VIII, 834 (2. September 1970)

Die Einheit des Glaubens ist notwendig und fundamental, das wisst ihr. Über diesen An­spruch können Wir nicht verhandeln.

VIII, 1309 (1. Dezember 1970)

Unser Glaube ist für den Menschen gemacht, für den zeitgenössischen noch mehr als für den gestrigen. Der Glaube ist keine Entfrem­dung, er ist kein kurzlebiger Notbehelf, er ist keine überholte Idee, er ist kein unfruchtbares und hinderliches Wissen. Der Glaube ist ein Licht, ist eine Fülle, ist ein Leben, nach dem das Bedürfnis umso stärker und über das die Freude umso größer ist, je fortgeschrittener, je gebildeter, je reifer, je erwachsener, je hungri­ger der Mensch, der die befreiende und erlö­sende Erfahrung dieses Glaubens macht, nach Gewissheit ist.

VIII, 879 (16. September 1970)

Wenn der Glaube abnimmt, nimmt gleichzei­tig auch der Sinn für die Sünde ab, mit all den fürchterlichen Konsequenzen, die sich daraus ergeben. Eigentlich können Wir sagen, dass die ganze moralische Burg des Christentums zerfällt.

IX, 189 (17. März 1971)

Den Glauben erfindet man nicht, noch mani­puliert man ihn; man nimmt ihn an, man be­wahrt ihn, man lebt ihn.

IX, 668 (4. August 1971)

Der Glaube ist wie ein Brunnen, der den Geist eines Volkes lebendig hält.

IX, 759 (8. September 1971)

Der Glaube verlangt eine Anwendung auf das Leben, auf unsere gelebte Erfahrung, die heute extrem wandelbar ist.

IX, 859 (6. Oktober 1971)

Wir müssen den Glauben verstärken und ihn vertiefen – den Glauben an Christus, den Glauben an sein Wort, den Glauben an sein Lebenskonzept, den Glauben an sein Reich, an seine Kirche -, wenn wir auf die Fragen, die sich daraus ableiten, dass wir Jünger Christi sind, eine logische Antwort geben wollen.

IX, 884 (7. November 1971)

Es gibt keinen Glauben, wenn er nicht frei ist.

IX, 888 (10. November 1971)

Der Glaube ist, noch bevor er eine Tugend in ihrer glücklichen Ausübung ist, eine Gnade, er ist ein Geschenk, er ist die geheimnisvolle Ausgießung des HeiliEhrtGeistes, der ihn an­nehmbar und möglich macht.

X, 16 (5. Januar 1972)

Ehrt euren christlichen Glauben und bewahrt ihn als den schönsten und wertvollsten Schatz eures Lebens.

X, 430 (29. April 1972)

Die Kirche braucht den Glauben. Eine Meh­rung des Glaubens, das ist, so scheint Uns, heute das erste und größte Bedürfnis der Kirche. Und es ist ein Bedürfnis, dem ihr, ja dem jeder Einzelne von euch Abhilfe schaffen kann.

X, 979 (27. September 1972)

Der Glaube ist die Wurzel unserer Religion; er ist das ursprüngliche Band des Zusam­menhalts, das uns zur Kirche macht; er ist der Ursprung unserer heilbringenden Vereini­gung mit Christus; er ist die theologale Tu­gend, welche die Hoffnung und die Liebe hervorbringt.

X, 979 (27. September 1972)

Der Glaube ist notwendig.

X, 980 (27. September 1972)

Im Vertrauen darauf, dass ihr die »Zeichen der Zeit« erkennt, und darauf, dass ihr bereit seid, zu helfen, euch die Sendung Christi in der Geschichte zu eigen zu machen, die Kir­che aufzubauen, bitten Wir um ein lebendige­res, bewussteres, einmütigeres Bekenntnis des Glaubens.

X, 981 (27. September 1972)

Ist der Glaube möglich, ja sogar ein Wachs­tum des Glaubens? Das ist eine sehr ernste Frage, auf die zu antworten wir alle eingela­den sind.

X, 1016 (4. Oktober 1972)

Die Glaubenskrisen sind sehr oft der Un­kenntnis geschuldet. Wir lehnen ab, was wir nicht kennen.

X, 1017 (4. Oktober 1972)

Der Glaube ist ein Geschenk Gottes, er ist ei­ne Tugend, die dem Menschen durch einen übernatürlichen Anstoß möglich ist, der uns nicht fehlen wird, wenn wir uns in die Lage versetzen, ihn zu empfangen.

X, 1018 (4. Oktober 1972)

Die Sehnsucht nach Gott, die Demut, das Ge­bet, das vertrauensvolle Warten und auch die geistliche Erfahrung wie die Teilnahme am Glaubensleben der kirchlichen Gemeinschaft, sei sie häuslich oder öffentlich, werden uns die Wege zum Glauben ebnen und werden ihn nicht nur möglich, sondern leicht und siegreich machen.

X, 1018 (4. Oktober 1972)

Der Glaube entsteht nicht von selbst: Er ist die Frucht einer Weitergabe, eines Apostolats.

X, 1068 (18. Oktober 1972)

Lasst Uns euch empfehlen, nicht nur stolz auf euren Glauben, sondern auch seiner würdig zu sein.

Und so wird es sein, wenn er eure Art zu denken und zu handeln bis in die Tiefe durch­dringen wird.

XI, 332 (11. April 1973)

Der Glaube ist der Eingangsschlüssel; er ist die anfängliche, unabdingbare Bedingung, um zum christlichen Heil zu gelangen.

XII, 368 (24. April 1974)

Der Glaube ist eine Zustimmung zum Wort Gottes.

XII, 816 (11. September 1974)

Wir müssen von der Notwendigkeit eines le­bendigen, authentischen, wirksamen Glau­bens überzeugt sein – und das umso mehr, je größer heute die Schwierigkeiten sind.

XII, 817 (11. September 1974)

In subjektiver Hinsicht genügt ein vager, schwacher und unsicherer Glaube nicht, ein bloß sentimentaler, gewohnheitsmäßiger Glaube, der aus Hypothesen, Meinungen, Zweifeln und Vorbehalten besteht; und eben­so wenig genügt in objektiver Hinsicht ein Glaube, der das annimmt, was ihm gefällt, oder der den Schwierigkeiten auszuweichen sucht, indem er die Zustimmung zu geheim­nisvollen und schwierigen Wahrheiten ver­weigert.

XII, 817 (11. September 1974)

Wir dürfen sicher sein, dass der Glaube die Vernunft nicht behindert, sondern ihr die Ge­wissheit und das – wenigstens partielle, aber lichtvolle und glückliche – Verstehen höherer und lebenswichtiger Wahrheiten zuspricht.

XII, 817 (11. September 1974)

Der Inhalt des Glaubens ist entweder katho­lisch, oder er ist gar kein solcher.

XII, 1016 (26. Oktober 1974)

Wenn der Glaube kein bloß äußerlicher Lack oder ein von den Konventionen auferlegter Schein ist, sondern eine Pflicht, ein Lebensstil, der sich in sämtlichen konkreten Umständen zeigt, wird er euch helfen, stets ehrliche, unbe­scholtene, vorbildliche Bürger zu sein. Seid eif­rige, authentische und überzeugte Christen.

XII, 1049 (6. November 1974)

Der Glaube verlangt ein Bekenntnis, er ver­langt eine Logik des Denkens und des Le­bens, er verlangt eine gelebte Übereinstim­mung.

XIII, 687 (25. Juni 1975)

Der Glaube hilft uns zu handeln. Er weist uns den Weg des Lebens, und er flößt uns die Kraft ein, auf diesem Weg voranzuschreiten. Er ist die Logik unserer christlichen Prägung.

XIII, 688 (25. Juni 1975)

Der Glaube kann uns, die wir das Glück ha­ben, Gläubige zu sein, die Zuversicht wieder­geben und unsere Kräfte vervielfachen, um unserer Generation ein neues, fröhliches und starkes Aussehen zu verleihen. Dazu braucht es Mut.

XIII, 870 (24. August 1975)

Wir müssen unseren Glauben erneuern! Der Glaube ist das Leben! Darüber müssen wir die selige Gewissheit haben.

XIII, 1074 (1. Oktober 1975)

Der Glaube ist notwendig. Der Glaube ist das Heil. Der Glaube ist die Wahrheit. Der Glau­be ist das Glück. Und Wir wiederholen: Der Glaube ist das Leben. Der Glaube ist unsere Antwort auf das Wort Gottes.

XIII, 1075 (1. Oktober 1975)

Studiert den Glauben, festigt den Glauben. Ihr werdet mancher Anstrengung des Den­kens, des Willens, der Aufmerksamkeit, viel­leicht des Wartens und der Mühsal nach in­nen und des Mutes nach außen begegnen. Aber ihr werdet glückselig sein!

XIII, 1075 (1. Oktober 1975)

Seid euch bewusst, dass man nicht nur dem Namen nach Christ sein kann und dass es nicht ausreichend wäre, zu sagen, man besä­ße den Glauben im eigenen, individuellen Bewusstsein. Der Glaube ist nämlich auch Gemeinschaft, das heißt Kommunikation und Ausstrahlung, und er verlangt daher ein ernsthaftes Bemühen, ihn weiterzugeben und ihn zu verbreiten.

XIII, 1201 (30. Oktober 1975)

Der Glaube erfüllt den unendlichen Raum mit Licht und Freude, den die Vernunft – und auch das Herz – als Heimat Gottes entdeckt hat.

XIII, 1233 (5. November 1975)

Die Wissenschaft schließt den Glauben nicht aus, sondern bedarf vielmehr seiner als Er­gänzung.

XIII, 1294 (16. November 1975)

Die Religion ist noch lebendig und wirksam. Der Glaube steht nicht im Gegensatz zur Ver­nunft, zum Denken, zur Kultur, zur Wissen­schaft, zum Fortschritt.

XIII, 1361 (3. Dezember 1975)

Der Glaube ist ein Glück, das Glück des Errei­chens der göttlichen Wirklichkeit; er ist ein Glück, das Glück der Wahrheit; er ist ein Licht, das Licht des Wortes Gottes; er ist eine Kraft, eine Stärkung, er ist Leben: Der Glaube an das Wort Gottes ist der Beginn des wahren Lebens. Vergessen wir das nicht.

XIII, 1362 (3. Dezember 1975)

Der Glaube ist ein Licht, er ist eine Kraft. Er ist die Logik, das Charisma unserer Taufe.

XIV, 292 (28. April 1976)

Der Glaube, den Christus gebracht hat, ist keine bloße Verzierung des christlichen Na­mens, er ist kein überflüssiges Erbstück der Vorfahren, und er ist auch kein passives Be­folgen religiöser Gewohnheiten. Er ist viel­mehr Ursprung des Lebens, wie der heilige Paulus lehrt, und Verhaltensnorm, er ist ein Ferment, das unser ganzes gegenwärtiges Le­ben in jedem seiner Aspekte durchdringen, reinigen und heiligen soll: also unsere Kul­tur, unsere Aktivitäten, unsere Art zu lieben und zu empfinden.

XIV, 374 (23. Mai 1976)

Der rechte und rege Glaube ist der wichtigste Faktor für den Aufbau einer Ordnung, die auf Gerechtigkeit, auf brüderliche Eintracht, auf den wahren Frieden gegründet ist. Des­halb werden Wir nie müde werden, zu hof­fen, zu beten und zu ermahnen.

XIV, 374 (23. Mai 1976)

Das ontologische Geschehen des Glaubens, das heißt das göttliche Geschenk, und das moralische und psychologische, das heißt menschliche Geschehen, durch das der Glau­be von der Seele Besitz ergreift und ihr Han­deln inspiriert sowie ihr Leben formt, bleibt das große Kapitel unserer religiösen Lehre, ein unermessliches, wunderbares, dramati­sches Kapitel, auf das sich das Gebäude grün­det, das wir errichten wollen, die Kirche ­oder besser: das Gebäude, in dem wir das Licht, den Frieden und die Kraft finden wer­den, Christen zu sein.

XIV, 581 (14. Juli 1976)

Der christliche Glaube hat dem Menschen von heute etwas zu sagen, der sich die »Sinn­frage« stellt im Hinblick auf die eigene Exis­tenz und die Ziele, zu denen hin wir unter­wegs sind.

XIV, 705 (12. September 1976)

Der Glaube an Gott, der durch das Hören sei­nes Wortes und durch die Teilnahme an den Sakramenten genährt wird, stellt den wirk­samsten Antrieb für einen großherzigen Wil­len zum Neubeginn dar.

XIV, 832 (13. Oktober 1976)

Es gibt im menschlichen Leben einen Wert, der höher steht als das Leben selbst. Es gibt eine Verpflichtung, die alle anderen über­steigt. Es gibt eine Gewissheit, die, wenn sie mit jeder beliebigen anderen konfrontiert wird, sich niemals als falsch erweist. Es gibt etwas Notwendiges, für das alles andere hintangestellt und, wenn es nötig ist, geop­fert werden muss.

Dieser Wert, diese Verpflichtung, diese Gewissheit, dieses Notwendige ist der Glau­be, ist die Wahrheit des Glaubens.

XIV, 845 (17. Oktober 1976)

Der Glaube ist eine Welt.

XIV, 846 (17. Oktober 1976)

Der lebendige Glaube ist ein strahlender Glaube.

XIV, 893 (31. Oktober 1976)

Der Glaube ist Gewissheit.

XV, 21 (6. Januar 1977)

Die antichristliche Reaktion steht in Zusam­menhang mit der Bezeugung unseres christ­lichen Glaubens in der Welt.

XV, 152 (13. Februar 1977)

Der Glaube ist ein Reich des Geheimnisses. Er ist für uns während dieses Lebens, das noch eine Lehrzeit ist, eine Initiation, ein dunkles Wissen. Er stützt sich nicht auf Ar­gumente rationaler Evidenz. Für ihn spre­chen zwar sehr gute Gründe der sowohl in­neren wie äußeren Glaubwürdigkeit, aber an sich gründet er sich auf die Autorität der Of­fenbarung, auf das Wort Gottes.

XV, 501 (18. Mai 1977)

Der Glaube ist ein Himmel, der unser natür­liches Verstehen übersteigt. Der Glaube nimmt zwar die Zustimmung der Vernunft in An­spruch, aber nicht ohne den Willen. Um zu glauben, muss man es wollen. Dies bedeutet, dass der Glaube frei ist.

XV, 502 (18. Mai 1977)

Es ist die Kirche in ihrer authentischen evan­gelisierenden Sendung, die uns den Glauben gibt.

XV, 519 (25. Mai 1977)

Aus dem Glauben muss man das maßgebli­che und wirksame Prinzip des gerechten und guten Lebens gewinnen.

XV, 721 (20. Juli 1977)

Die Wahrheit des Glaubens darf studiert, er­klärt, erläutert werden, aber stets unter Wahrung des identischen substanziellen Sinnes.

XV, 806 (7. September 1977)

Der wahre Sinn der Welt und des Lebens wird uns durch den Glauben enthüllt, das heißt durch die Religion, und zwar durch die authentische.

XV, 966 (19. Oktober 1977)

Der Glaube ist »wertvoller als Gold«, sagt der heilige Petrus. Es genügt nicht, ihn zu emp­fangen, man muss ihn auch inmitten von Schwierigkeiten bewahren.

XVI, 520 (29. Juni 1978)

Der Glaube ist nicht das Ergebnis der mensch­lichen Spekulation, sondern das von den Aposteln empfangene Depositum Fidei (Glau­bensgut, Anm. d. Ü.); diese haben ihn von Christus bekommen, den sie »gesehen, ge­schaut und gehört« haben. Dies ist der Glau­be der Kirche, der apostolische Glaube.

XVI, 520 (29. Juni 1978)

Im Glauben werden wir die Fülle des christ­lichen Lebens finden. Wir werden in ihm die Kraft, die Freude, den Trost des göttlichen Le­bens finden, das uns kundgetan wurde.

XVI, 587 (2. August 1978)


Das »Credo des
Gottesvolkes«

Text des Glaubensbekenntnisses, das Paul VI. am 30. Juni 1968 zum Abschluss des »Jahres des Glaubens« anlässlich der Jahrhundertfeier des Martyriums der Apostel Petrus und Paulus in Rom vorgetragen hat.

Wir glauben an den einen Gott, den Vater, Sohn und Heiligen Geist, den Schöpfer alles Sichtbaren – wie dieser Welt, in der unser flüchtiges Leben vorübergeht – und Unsicht­baren – wie der reinen Geister, die auch Engel genannt werden1 – und den Schöpfer der geistigen und unsterblichen Seele in jedem Menschen.

Wir glauben, dass dieser einzige Gott absolut einer ist in seinem unendlich heiligen Wesen, ebenso wie in all seiner Vollkommenheit, in seiner Allmacht, in seinem unbegrenzten Wissen, in seiner Vorsehung, in seinem Wil­len und in seiner Liebe. Er ist derjenige, der ist [»Ich-bin-da«], wie Er selbst es Mose offen­bart hat,2 und Er ist die Liebe, wie uns der Apostel Johannes lehrt.3 Somit drücken diese beiden Namen, das Sein [»Ich-bin-da«] und die Liebe, in einer unaussprechlichen Wei­se selbst die göttliche Wirklichkeit dessen aus, der sich uns zu erkennen geben wollte, und der, weil er »in unzugänglichem Licht wohnt«4, in sich selbst über jedem Namen, über allen Dingen und jeder geschaffenen Vernunft ist. Gott allein kann uns die rechte und volle Erkenntnis seiner selbst geben, in­dem er sich als Vater, Sohn und Heiliger Geist offenbart, an dessen ewigem Leben wir durch seine Gnade teilzuhaben berufen sind, hier unten in der Dunkelheit des Glaubens und jenseits des Todes im beständigen Licht, im ewigen Leben.

Die gegenseitigen Bande, welche die drei Personen, von denen jede das eine und iden­tische göttliche Wesen ist, auf ewige Weise konstituieren, sind das glückselige innerste Leben des dreimal heiligen Gottes, unendlich jenseits all dessen, was wir gemäß dem menschlichen Maß erfassen können.5

Daher danken Wir der göttlichen Güte dafür, dass sehr zahlreiche Gläubige mit uns die Einheit Gottes vor den Menschen bezeu­gen können, auch wenn sie das Geheimnis der Allerheiligsten Dreifaltigkeit nicht ken­nen.

Wir glauben also an den Vater, der ewig den Sohn zeugt, an den Sohn, das Wort Gottes, der ewig gezeugt wird, und an den Heiligen Geist, die nicht geschaffene Person, die aus dem Vater und dem Sohn als ihre ewige Lie­be hervorgeht. Auf diese Weise sind in den drei göttlichen Personen, die »einander gleich ewig und gleichen Wesens sind«6, das Leben und die Glückseligkeit des vollkommen ei­nen Gottes im Überfluss da und vollziehen sich, und zwar in der Erhabenheit und der Herrlichkeit, die dem nicht geschaffenen Sein eigen sind. Und stets »muss die Einheit in der Dreifaltigkeit und die Dreifaltigkeit in der Einheit verehrt werden«7.

Wir glauben an unseren Herrn Jesus Christus, den Sohn Gottes. Er ist das ewige Wort, gebo­ren aus dem Vater vor aller Zeit und gleichen Wesens mit dem Vater, homoousios to Patri8. Und durch Ihn wurde alles geschaffen. Er hat Fleisch angenommen durch das Werk des Heiligen Geistes im Schoß der Jungfrau Ma­ria und ist Mensch geworden: dem Vater also gleich, gemäß der göttlichen Natur, und nied­riger als der Vater, gemäß der menschli­chen Natur, und dabei Er selbst einer, nicht aufgrund einer unmöglichen Vermischung der Naturen, sondern durch die Einheit der Person.9

Er hat unter uns gewohnt, voll Gnade und Wahrheit. Er hat das Reich Gottes verkündigt und gegründet, und durch sich hat Er uns den Vater erkennen lassen. Er hat uns sein neues Gebot gegeben, einander zu lieben, wie Er uns geliebt hat. Er hat uns den Weg der Seligpreisungen des Evangeliums gelehrt: Ar­mut im Geiste, Sanftmut, in Geduld ertrage­nes Leiden, Durst nach der Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Reinheit des Herzens, Willen zum Frieden, um der Gerechtigkeit willen er­littene Verfolgung. Er hat gelitten unter Ponti­us Pilatus als das Lamm Gottes, das die Sün­den der Welt trägt, und ist für uns am Kreuz gestorben und hat uns so durch sein erlösen­des Blut gerettet. Er ist begraben worden und ist aus seiner eigenen Macht am dritten Tage auferstanden und hat uns durch seine Aufer­stehung zur Teilnahme am göttlichen Leben erhoben, welches das Leben der Gnade ist. Er ist zum Himmel aufgefahren und wird in Herrlichkeit wiederkommen, um die Leben­den und die Toten zu richten, jeden nach sei­nen Verdiensten, sodass diejenigen das ewige Leben erreichen werden, die auf die Liebe und das Erbarmen Gottes geantwortet haben, und diejenigen in das unauslöschliche Feuer gelangen werden, die diesen bis zuletzt ihre Weigerung entgegengesetzt haben.

Und seiner Herrschaft wird kein Ende sein.

Wir glauben an den Heiligen Geist, der Herr ist und lebendig macht, der mit dem Vater und dem Sohn angebetet und verherrlicht wird, der zu uns gesprochen hat durch die Propheten. Er ist uns von Christus gesandt worden nach seiner Auferstehung und seiner Himmelfahrt zum Vater. Er erleuchtet, belebt, schützt und leitet die Kirche und reinigt ihre Glieder, wenn sie sich seiner Gnade nicht ent­ziehen. Sein Wirken, das bis ins Innerste der Seele vordringt, macht den Menschen fähig, der Einladung Jesu zu entsprechen: »Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist.«10

Wir glauben, dass Maria die stets Jungfrau gebliebene Mutter des menschgewordenen Wortes ist, unseres Herrn und Erlösers Jesus Christus,11und dass sie aufgrund dieser ein­zigartigen Erwählung im Hinblick auf die Verdienste ihres Sohnes auf erhabene Weise erlöst» vor jedem Makel der Erbsünde be­wahrt13 und mehr als alle anderen Geschöpfe mit dem hervorragenden Gnadengeschenk erfüllt worden ist.14

Mit den Geheimnissen der Menschwer­dung und der Erlösung durch ein enges und unauflösliches Band verbunden,15 ist die hei­ligste Jungfrau, die unbefleckte, am Ende ihres irdischen Lebenslaufes mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufge­nommen16 und ihrem auferstandenen Sohn gleichgestaltet worden, indem sie das Schick­sal aller Gerechten vorwegnahm. Und wir glauben, dass die heiligste Mutter Gottes, die neue Eva, die Mutter der Kirche,17 im Himmel ihre mütterliche Aufgabe gegenüber den Glie­dern Christi fortführt, indem sie beim Gebo­renwerden der Gläubigen in der Kirche und der Entfaltung des göttlichen Lebens in den Seelen der Erlösten mitwirkt.18

Wir glauben, dass in Adam alle gesündigt haben: Das bedeutet, dass die von ihm begangene Erbsünde die allen Menschen ge­meinsame menschliche Natur in einen Zu­stand hat fallen lassen, in dem sie die Folgen jener Schuld trägt, und der nicht mehr derje­nige Zustand ist, in dem sie sich am Anfang bei unseren Stammeltern befand, die in Hei­ligkeit und Gerechtigkeit geschaffen waren, und in dem der Mensch weder das Böse noch den Tod kannte. Es ist die derart verfallene menschliche Natur, der Gnade beraubt, mit der sie bekleidet war, in ihren eigenen natür­lichen Kräften verwundet und der Herrschaft des Todes unterworfen, die allen Menschen weitergegeben wird – und in diesem Sinne wird jeder Mensch in der Sünde geboren. Wir bekennen also mit dem Konzil von Tri­ent, dass die Erbsünde mit der menschlichen Natur weitergegeben wird, »nicht durch Nachahmung, sondern durch Fortpflan­zung«, und dass sie deshalb »einem jeden ei­gen« ist.19

Wir glauben, dass unser Herr Jesus Christus uns durch das Kreuzesopfer befreit hat von der Erbsünde und von allen persönlichen Sün­den, die ein jeder von uns begangen hat, und zwar – nach dem Wort des Apostels – derge­stalt: »Wo jedoch die Sünde mächtig wurde, da ist die Gnade übergroß geworden«20.

Wir glauben an die eine Taufe, die von unserem Herrn Jesus Christus zur Vergebung der Sün­den eingesetzt worden ist. Die Taufe muss auch den Kindern gespendet werden, die sich noch keiner persönlichen Sünde haben schuldig machen können, damit sie, ohne die überna­türliche Gnade geboren, wiedergeboren wer­den »aus dem Wasser und dem Heiligen Geist« zum göttlichen Leben in Jesus Christus.21

Wir glauben an die eine, heilige, katholi­sche und apostolische Kirche, die von Jesus Christus auf diesem Felsen erbaut wurde, der Petrus ist. Sie ist der mystische Leib Christi, zugleich die sichtbare Gesellschaft, die aus hierarchischen Organen besteht, und eine geistliche Gemeinschaft. Sie ist die irdische Kirche, das pilgernde Volk Gottes hier unten, und die mit himmlischen Gütern beschenkte Kirche. Sie ist der Keim und die Erstlingsfrucht des Reiches Gottes, durch den im Laufe der menschlichen Geschichte das Werk und die Schmerzen der Erlösung weitergehen und die nach ihrer volkommenen Vollendung jenseits der Zeit, in der Herrlichkeit, strebt22. Im Verlauf der Zeit formt der Herr Jesus seine Kirche durch die Sakramente, die aus seiner Fülle hervorgehen.23 Durch sie lässt die Kirche ihre Glieder am Geheimnis des todes und der Auferstehung Christi teilhaben, und zwar in der Gnade des Heiligen Geistes, der ihr Leben und Wirkung schenkt.24 Sie ist also heilig, auch wenn sie in ihrem Schoß Sünder beherbergt, da sie kein anderes Leben besitzt als dasjenige der Gnade: Indem sie an ihrem Leben teilhaben, heiligen sich ihre Glieder, ebenso wie sie, wenn sie sich dem Leben der Kirche entziehen, in Sünden und Unordnung fallen, welche das Ausstrahlen ihrer Heilig­keit verhindern. Daher leidet die Kirche und tut Buße wegen solcher Sünden, von denen ihre Kinder durch das Blut Christi und die Gabe des Heiligen Geistes zu heilen sie im Übrigen die Macht hat.

Sie ist Erbin der göttlichen Verheißungen und Tochter Abrahams dem Geiste nach durch Israel, dessen Schriften sie mit Liebe bewahrt und dessen Patriarchen und Prophe­ten sie verehrt; gegründet auf die Apostel und von Jahrhundert zu Jahrhundert Ver­mittlerin ihres immer lebendigen Wortes und ihrer Hirtenvollmachten im Nachfolger Petri und in den Bischöfen, die in Gemeinschaft mit ihm stehen, und mit dem stetigen Bei­stand des Heiligen Geistes. Die Kirche hat die Sendung, die Wahrheit zu hüten, zu lehren, zu erklären und zu verbreiten, die Gott in ei­ner noch verhüllten Weise durch die Prophe­ten und in ihrer Vollgestalt durch unseren Herrn Jesus bekannt gemacht hat.

Wir glauben all das, was im Wort Gottes ent­halten ist, im geschriebenen und im überlie­ferten, und was die Kirche als von Gott Of­fenbartes zu glauben vorstellt, sei es durch ei­ne feierliche Entscheidung, sei es durch das gewöhnliche und universale Lehramt.25 Wir glauben an die Unfehlbarkeit, die der Nach­folger Petri genießt, wenn er als Hirt und Lehrer aller Gläubigen ex cathedra lehrt,26 und mit der auch das Kollegium der Bischöfe be­gabt ist, wenn es zusammen mit ihm das oberste Lehramt ausübt.27

Wir glauben, dass die Kirche, die Jesus ge­gründet und für die er gebetet hat, vollkommen die eine ist im Glauben, im Kult und im Band der hierarchischen Gemeinschaft. Im Schoße dieser Kirche zeigt sowohl die reiche Vielfalt der liturgischen Riten als auch die le­gitime Verschiedenheit der theologischen und geistlichen Überlieferungen und der je­weiligen Lebensordnungen, weit davon ent­fernt, dieser Einheit zu schaden, diese viel­mehr deutlicher auf.28

Ferner: In Anerkennung dessen, dass au­ßerhalb des Gefüges der Kirche Christi viel­fältige Elemente der Wahrheit und der Heili­gung zu finden sind, die als ihr eigene Gaben auf die katholische Einheit hindrängen,29 und im Glauben an das Wirken des Heiligen Geis­tes, der im Herzen der Jünger Christi die Lie­be zu dieser Einheit wachruft,30 nähren Wir die Hoffnung, dass die Christen, die sich noch nicht in voller Einheit mit der einen Kirche befinden, sich eines Tages in einer ein­zigen Herde mit einem einzigen Hirten verei­nigen werden.

Wir glauben, dass die Kirche zum Heil not­wendig ist, weil Christus, der der einzige Mittler und der einzige Weg zum Heil ist, sich für uns gegenwärtig macht in seinem Leib, der die Kirche ist.31 Aber der göttliche Heils­plan umfasst alle Menschen. Und diejenigen, die ohne eigene Schuld das Evangelium Christi und seine Kirche nicht kennen, aber aufrichtig Gott suchen und unter dem Ein­fluss seiner Gnade seinen Willen zu erfüllen suchen, den sie in den Weisungen ihres Ge­wissens erkennen, können ebenfalls in einer Anzahl, die nur Gott kennt, das Heil erlan­gen.32

Wir glauben, dass die Messe, die vom Priester gefeiert wird, der kraft der im Sakrament der Weihe empfangenen Vollmacht die Person Christi repräsentiert, und die von ihm darge­bracht wird im Namen Christi und der Glie­der seines mystischen Leibes, das Opfer von Golgota ist, das auf unseren Altären sakra­mental gegenwärtig gemacht wird.

Wir glauben, dass ebenso, wie das geweihte Brot und der geweihte Wein beim Letzten Abendmahl vom Herrn in seinen Leib und sein Blut verwandelt wurden, die bald darauf für uns am Kreuz geopfert wurden, auch Brot und Wein, die vom Priester geweiht werden, in den Leib und das Blut Christi verwandelt werden, der in Herrlichkeit im Himmel herrscht; und wir glauben, dass die geheimnis­volle Gegenwart des Herrn unter der Hülle dessen, was weiterhin wie vorher unseren Sinnen erscheint, eine wahre, reale und subs­tanzielle ist.33

Deshalb kann Christus in diesem Sakra­ment nur dadurch gegenwärtig sein, dass die Wirklichkeit selbst des Brotes in seinen Leib und die Wirklichkeit selbst des Weines in sein Blut verwandelt wird, während lediglich die von unseren Sinnen wahrgenommenen Ei­genschaften des Brotes und des Weines un­verändert bleiben. Diese geheimnisvolle Ver­wandlung wird von der Kirche sehr an­gemessen als Transsubstantiation bezeichnet. Jede theologische Erläuterung, die in irgend­einer Weise dieses Geheimnis zu durchdrin­gen versucht, muss, um im Einklang mit dem katholischen Glauben zu stehen, unzweideu­tig daran festhalten, dass in der objektiven Wirklichkeit, unabhängig von unserem Geist, Brot und Wein nach der Wandlung zu existie­ren aufgehört haben, da sie ja von diesem Au­genblick an der anbetungswürdige Leib und das Blut unseres Herrn Jesus sind,34 der wirk­lich bei uns ist unter den sakramentalen Ge­stalten des Brotes und des Weines, um sich uns zur Speise zu geben und um uns mit der Einheit seines mystischen Leibes zu verbin­den.35

Die einzige und unteilbare Existenz des verherrlichten Herrn im Himmel wird nicht vervielfacht, sondern durch das Sakrament gegenwärtig gemacht an den vielen Orten auf der Erde, wo die Messe gefeiert wird. Nach dem Opfer bleibt diese Existenz im heiligen Sakrament gegenwärtig, das im Tabernakel das lebendige Herz einer jeden unserer Kir­chen ist. Und es ist für uns eine höchst erfreu­liche Pflicht, in der heiligen Hostie, welche unsere Augen sehen, das menschgewordene Wort zu ehren und anzubeten, das diese nicht sehen können und das, ohne den Himmel zu verlassen, sich bei uns vergegenwärtigt.

Wir bekennen, dass das Reich Gottes, das hier unten in der Kirche Christi begonnen hat, nicht von dieser Welt ist, deren Gestalt ver­geht, und dass sein wahres Wachstum nicht verwechselt werden darf mit dem Fortschritt der menschlichen Zivilisation, der Wissen­schaft und Technik, sondern darin besteht, dass die unerforschlichen Reichtümer Christi immer tiefer erkannt, die ewigen Güter mit immer größerer Kraft erhofft, die Liebe Got­tes auf eine immer glühendere Weise beant­wortet wird und dass die Gnade und die Hei­ligkeit sich unter den Menschen in immer größerem Überfluss ausbreiten. Aber es ist diese Liebe selbst, welche die Kirche dazu bringt, unablässig für das wahre zeitliche Wohl der Menschen Sorge zu tragen. Wäh­rend sie nicht aufhört, ihre Kinder daran zu erinnern, dass sie hier keine bleibende Wohn­statt haben, treibt sie sie auch an, zum Wohl ihres irdischen Gemeinwesens beizutragen ­jeder nach seiner Berufung und seinen Mög­lichkeiten -, die Gerechtigkeit, den Frieden und die Brüderlichkeit unter den Menschen zu fördern und ihren Schwestern und Brü­dern großzügige Hilfe zuteilwerden zu las­sen, besonders den Ärmsten und Bedürftigs­ten. Die intensive Sorge der Kirche, der Braut Christi, für die Nöte der Menschen, für ihre Freuden und ihre Hoffnungen, für ihre Mü­hen und ihre Beschwernisse ist also nichts anderes als ihre große Sehnsucht, bei ihnen gegenwärtig zu sein, um sie mit dem Licht Christi zu erleuchten und sie alle mit Ihm, ih­rem einzigen Retter, zu vereinen. Diese Sorge darf niemals bedeuten, dass die Kirche sich selbst den Dingen dieser Welt angleicht oder dass sie den Eifer auf die Erwartung ihres Herrn und des ewigen Reiches vermindert.

Wir glauben an das ewige Leben.

Wir glauben, dass die Seelen all derer, die in der Gnade Christi sterben, sei es, dass sie noch im Fegefeuer gereinigt werden müssen, sei es, dass sie von dem Moment an, in dem sie ihren Körper verlassen, von Jesus im Para­dies empfangen werden, wie Er es im Falle des guten Schächers getan hat, das Volk Got­tes im Jenseits des Todes ausmachen. Dieser wird am Tag der Auferstehung endgültig be­siegt werden, wenn diese Seelen wieder mit ihren Körpern vereinigt werden.

Wir glauben, dass die Schar der Seelen, die um Jesus und Maria im Paradies versammelt sind, die himmlische Kirche bilden, wo sie in ewiger Seligkeit Gott sehen, wie er ist,36 und wo sie auch, in jeweils verschiedenem Grade und in verschiedener Weise, zusammen mit den heiligen Engeln an der göttlichen Regie­rung beteiligt sind, die der verherrlichte Christus ausübt, indem sie für uns eintreten und unserer Schwachheit durch ihre brüder­liche Sorge zu Hilfe kommen.37

Wir glauben an die Gemeinschaft unter allen, die an Christus glauben, derjenigen, die Pil­ger auf dieser Erde sind, der Verstorbenen, die ihre Reinigung vollziehen, und der Seli­gen im Himmel, die alle zusammen eine ein­zige Kirche bilden. Wir glauben, dass in dieser Gemeinschaft die barmherzige Liebe Gottes und seiner Heiligen beständig unsere Gebete hört, gemäß dem Wort Jesu: »Bittet, dann wird euch gegeben.«38 Und durch den Glau­ben und in der Hoffnung erwarten wir die Auferstehung der Toten und das Leben der kommenden Welt.

Gott, der heilig, heilig, heilig ist, sei gepriesen. Amen.

_____

Fußnoten:

1 Vgl. DH (Denzinger/Hünermann) 3002.
2 Vgl. Ex 3,14.
3 Vgl. 1 Joh 4,8.
4 Vgl. 1 Tim 6,16.
5 Vgl. DH 804.4 Vgl. 1 Tim 6,16.
6 Vgl. DH 75. Vgl. ebd.
7 Vgl. ebd.
8 Vgl. DH 150.
9 Vgl. DH 76.
10 Mt 5,48. 11
11 Vgl. DH, 251-252.
12 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution Lumen gentium
13 Vgl. DH, 2803.
14 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution Lumen gentium 53.
15 Vgl. ebd. 53, 58, 61.
16 Vgl. DH 3903.
17 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitu­tion Lumen gentium 53, 58, 61; vgl. Paul VI., Ansprache zum Abschluss der dritten Sitzungsperiode des II. Vatika­nischen Konzils, in: Acta Apostolicae Sedis 56 (1964), 1016; Apostolisches Schreiben Signum magnum, Ein­leitung.
18 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitu­tion Lumen gentium 53; Paul VI., Apostolisches Schreiben Signum magnum, S. 1, Nr. 1.
19 Vgl. DH 1513.
20 Vgl. Röm 5,20.
21 Vgl. DH 1514.
22 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution Lumen gentium, 8, 50.
23 ebd. 7, 11.
24 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution Sacrosanctum concilium 5, 6; II. Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution Lumen gentium 7, 12, 50.
25 Vgl. DH 3011.
26 Vgl. DH 3074.
27 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitu­tion Lumen gentium 25.
28 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitu­tion, Lumen gentium 23; II. Vatikanisches Konzil, De­kret Orientalium Ecclesiarurn 2, 3, 5, 6.
29 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitu­tion Lumen gentium 8.
30 Vgl. ebd. 15.
31 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitu­tion Lumen gentium 14.
32 Vgl. ebd. 16.
33 Vgl. DH 1651.
34 Vgl. ebd. 1642 und 1651-1654; Paul VI., Enzyklika Mysterium Fidei.
35 Vgl. Thomas von Aquin, Summa theologiae III, q. 73, a. 3.
36 Vgl. 1 Joh 3,2; DH 1000. 37
37 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitu­tion Lumen gentium 49.
38 Lk 11,9-10; Joh 16,24.


Der authentische und
unversehrte Glaube als
Fundament eines wahrhaft
christlichen Lebens

Ansprache bei der Generalaudienz am 30. Oktober 1968

Das »Credo des Gottesvolkes«

Geliebte Söhne und Töchter!

Anlässlich des Christkönigsfestes, das wir am vergangenen Sonntag gefeiert haben, ist in vielen Kirchen der Welt das Glaubensbe­kenntnis gesprochen worden, das Wir selbst am 30. Juni auf dem Petersplatz zum Ab­schluss des Gedenkens an das Martyrium der heiligen Apostel Petrus und Paulus vor­getragen haben, das als »Jahr des Glaubens« gefeiert und nun beendet wurde mit diesem Unserem feierlichen Glaubensbekenntnis, das den Namen »Credo des Gottesvolkes« be­kommen hat. Ihr erinnert euch: Es ist eine ­mit ausdrücklicher Bezugnahme auf einige Punkte der Lehre erweiterte – Wiederholung des Glaubensbekenntnisses von Nizäa, das, wie ihr wisst, die berühmte Formel des Glau­bens ist, die auf dem ersten ökumenischen Konzil, nämlich dem von Nizäa (im Jahre 325, wenige Jahre nach der Anerkennung der Frei­heit der Kirche durch das Edikt Konstantins aus dem Jahre 313) beschlossen wurde – eine Formel, die sich in lateinischer Sprache ver­breitet hat, vor allem durch die Übersetzung des Hilarius von Poitiers (vgl. De Synodis 84, PL 10, 536) und die in der Substanz auch von uns noch in der heiligen Messe wiederholt wird, zu der nach dem Messformular das Sprechen des Credos gehört.

Der Anfang des Heils des Menschen

Als kurze Zusammenfassung der hauptsäch­lichen Wahrheiten, die von der katholischen Kirche, der lateinischen wie der orthodoxen, geglaubt werden, hat dieses Credo die Maß­geblichkeit eines offiziellen Bekenntnisses unseres Glaubens angenommen. Zu dem ob­jektiven lehrhaften Wert ist dadurch, wie es offensichtlich ist, der subjektive Wert unserer persönlichen und gemeinschaftlichen Zu­stimmung zu eben diesen Wahrheiten hinzu­gekommen, welche die Kirche als von der Offenbarung abgeleitet ansieht. Und daher kann das Credo mit entscheidender Autorität und mit stärkender Kraft in das Durcheinan­der unseres verwirrten und beunruhigten Gewissens eintreten, um in die fundamenta­len Punkte Licht und Ordnung hineinzubrin­gen im Hinblick auf die religiösen Fragen, die die wichtigsten und schwierigsten Fragen in unserem Leben sind. Es ist daher notwendig, beim Sprechen des Credos das Zusammen­treffen des objektiven Glaubens (der zu glau­benden Wahrheiten) mit dem subjektiven Glauben (dem tugendhaften Akt der Zustim­mung zu diesen Wahrheiten) stets zu verge­genwärtigen.

Weshalb haben Wir die Aufmerksam­keit der Kirche auf diesen doppelten Aspekt des Glaubensbekenntnisses gezogen? Wie ihr wisst, sind es zwei Gründe. Der erste Grund: Weil der Glaube, wie das Konzil von Trient mit skrupulöser Treue den Gedanken des heiligen Paulus (vgl. Röm 3,21-28) wiedergab, sagt: Fides est humanae salutis initium, fundamentum et radix omnis iustificationis (Sessio VI., Dekret zur Rechtfertigung, Kap. 8). Der Glaube ist der Beginn des Heils des Menschen, das Funda­ment und die Wurzel jeder Rechtfertigung -, das heißt unserer Wiedergeburt in Christus, unserer Erlösung und unseres gegenwärtigen und ewigen Heils. »Ohne Glauben aber ist es unmöglich, Gott zu gefallen« (Hebr 11,6).

Der Glaube ist unsere erste Pflicht. Der Glaube ist für uns eine Lebensfrage. Der Glaube ist das unersetzbare Prinzip des Christentums. Er ist das Zentrum der Ein­heit. Er ist der fundamentale Daseinsgrund unserer Religion.

Und der zweite Grund ist dieser: weil heute — im Gegensatz zu dem, was zusammen mit dem Fortschritt des Menschen ge­schehen müsste — der Glaube (oder sagen wir die Zustimmung zum Glauben) schwieriger geworden ist. In philosophischer Hinsicht: Wegen der zunehmenden Infragestellung der Gesetze des spekulativen Denkens, der natürlichen Rationalität, der Gültigkeit der menschlichen Gewissheiten; der Zweifel, des Agnostizismus, des Sophismus, des beden­kenlosen Auftretens des Absurden, der Ab­lehnung der Logik und der Metaphysik usw. wird der Geist des modernen Menschen er­schüttert. Wenn das Denken in seinen inne­ren rationalen Erfordernissen nicht mehr res­pektiert wird, dann leidet darunter auch der Glaube – der, daran wollen Wir hier erin­nern, auf die Vernunft angewiesen ist; er übersteigt sie, aber er ist auf sie angewiesen. Der Glaube ist kein Fideismus, das heißt ein Glaube ohne vernünftige Grundlagen. Er ist auch nicht nur ein unbestimmtes Suchen nach irgendeiner religiösen Erfahrung: Er ist der Besitz der Wahrheit, er ist Gewiss­heit. »Wenn aber dein Auge krank ist«, sagt Jesus, »dann wird dein ganzer Körper fins­ter sein« (Mt 6,23).

Irrwege und Irrtümer unserer Zeit

Wir können leider hinzufügen: Der Glau­bensakt ist heute auch psychologisch schwie­riger geworden. Heute erkennt der Mensch vor allem auf dem Weg über die Sinne: Man spricht von einer Kultur des Bildes. Jede Er­kenntnis wird in Darstellungen und Zeichen übersetzt. Die Wirklichkeit wird an dem ge­messen, was man sieht und was man hört. Der Glaube dagegen erfordert den Gebrauch des Geistes, der sich einer Sphäre von Wirk­lichkeiten zuwendet, die sich der sinnenhaf­ten Beobachtung entziehen. Und Wir stellen ferner fest, dass die Schwierigkeiten sich auch aus den philologischen, exegetischen, histori­schen Studien ergeben, die auf jene erste Quelle der offenbarten Wahrheit angewandt werden, welche die Heilige Schrift ist: Ohne die Ergänzung, die von der Tradition und dem autoritativen Beistand des kirchlichen Lehramts ausgeht, ist auch das Studium der Bibel allein voller Zweifel und Probleme, die den Glauben eher verwirren als stärken. Es wird der individuellen Initiative überlassen, es bringt einen solchen Pluralismus der Mei­nungen hervor, dass der Glaube in seiner subjektiven Gewissheit erschüttert und dass ihm seine gesellschaftliche Maßgeblichkeit genommen wird. So erzeugt ein solcher Glau­be Hindernisse für die Einheit der Gläubigen, während der Glaube doch die Grundlage der ideellen und spirituellen Gemeinsamkeit sein soll: Der Glaube ist einer (vgl. Eph 4,5).

Wir sprechen darüber mit Schmerz, aber es ist so, auch deswegen, weil die Heilmittel, die man von so vielen Seiten für die modernen Krisen des Glaubens beizubringen versucht, oft trügerisch sind. Es gibt einige, die, um dem Inhalt des Glaubens Glaubwürdigkeit zurück­zugeben, diesen auf einige grundlegende Sät­ze reduzieren, von denen sie glauben, sie sei­en der authentische Sinn der Quellen des Christentums und der Heiligen Schrift selbst.

Es ist überflüssig zu sagen, wie willkürlich ­auch wenn sie sich mit dem Schein der Wis­senschaftlichkeit umgibt – und wie verderb­lich eine solche Vorgehensweise ist. Und es gibt andere, die mit Kriterien eines bestürzen­den Empirismus sich anmaßen, eine Auswahl unter den vielen Wahrheiten zu treffen, die von unserem Credo gelehrt werden, um dann diejenigen zurückzuweisen, die nicht gefal­len, und einige aufrechtzuerhalten, die für ge­fälliger gehalten werden. Und dann gibt es ei­nige, die die Lehren des Glaubens der moder­nen Mentalität anzupassen versuchen und da­bei oft diese Mentalität, sei sie profan oder spiritualistisch, zur Methode und zum Maß des religiösen Denkens machen. Das Bemü­hen – das an sich durchaus Lob und Verständ­nis verdient – vonseiten dieses Systems, die Wahrheiten des Glaubens in Begriffen auszu­drücken, die der Sprache und der Mentalität unserer Zeit zugänglich sind, ist manchmal dem Wunsch nach einem leichteren Erfolg ge­wichen, aus dem heraus gewisse »schwieri­ge Dogmen« verschwiegen, abgemildert oder verfälscht werden. Ein gefährlicher, wenn auch gebotener Versuch – und einer wohlwol­lenden Aufnahme nur dann würdig, wenn er bei der zugänglicheren Darbietung der Lehre dieser ihre echte Integrität bewahrt. »Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein«, sagt der Herr (Mt 5,37; Jak 5,12), und schließt so jede künstli­che Mehrdeutigkeit aus.

Das wunderbare Geschenk bewahren
und leben

Diese dramatische Situation des Glaubens in unseren Tagen lässt Uns an den weisen Aus­spruch des Konzils denken: »Die heilige Überlieferung, die Heilige Schrift und das Lehramt der Kirche sind gemäß dem weisen Ratschluss Gottes so miteinander verknüpft und einander zugesellt, dass keines ohne die anderen besteht« (Dogmatische Konstitution Dei Verbum 10). So ist es – was den objektiven Glauben betrifft, das heißt wenn es darum geht, genau zu wissen, was wir glauben sollen. Aber was den subjektiven Glauben be­trifft, was werden wir tun, nachdem wir ehr­lich und beharrlich zugehört, studiert, medi­tiert haben? Werden wir den Glauben haben?

Wir können mit einem Ja antworten, aber müssen dabei immer einen fundamentalen und in gewisser Weise furchtbaren Aspekt des Problems berücksichtigen, nämlich dass der Glaube eine Gnade ist. »Doch nicht alle«, sagt der heilige Paulus, »sind dem Evangeli­um gehorsam geworden« (Röm 10,16). Und dann, was wird mit uns sein? Werden wir unter den Glücklichen sein, die die Gnade des Glaubens erhalten werden? Ja, antworten Wir. Aber er ist ein Geschenk, das man wert­schätzen muss, das man hüten muss, über das man sich freuen muss, das man im Leben umsetzen muss. Und einstweilen muss man es durch das Gebet erflehen, wie der Mann im Evangelium: »Ich glaube, [Herr], hilf mei­nem Unglauben!« (Mk 9,24).

Wir wollen beten, geliebte Kinder, zum Bei­spiel so:

Gebet des Papstes um
Stärkung des Glaubens

Herr, ich glaube; ich will an Dich glauben.

O Herr, gib, dass mein Glaube vollkommen sei, ohne Vorbehalte, und dass er mein Den­ken durchdringe, meine Weise, die göttlichen und die menschlichen Dinge zu beurteilen.

O Herr, gib, dass mein Glaube frei sei, dass er also die persönliche Mitwirkung meiner Zu­stimmung habe, dass er den Verzicht und die Pflichten annehme, die er mit sich bringt, und dass er das Beste meiner Persönlichkeit zum Ausdruck bringe: Ich glaube an Dich, Herr.

O Herr, gib, dass mein Glaube gewiss sei, ge­wiss aufgrund der Übereinstimmung der Be­weise außen und aufgrund des Zeugnisses des Heiligen Geistes innen, gewiss durch ein Licht, das uns Sicherheit gebe, durch eine Lösung, die uns Frieden verschaffe, durch ein Annehmen, das uns Ruhe bringe.

O Herr, gib, dass mein Glaube stark sei, dass er die Widrigkeiten der Probleme nicht fürch­te, von denen unser nach Licht dürstendes Le­ben voll ist, und dass er den Widerstand der­jenigen nicht fürchte, die ihn bestreiten, be­kämpfen, ablehnen, negieren, sondern dass er sich durch den Beweis Deiner Wahrheit im Innersten festige, dass er der mühevollen He­rausforderung der Kritik widerstehe und sich in der fortwährenden Bejahung kräftige, wel­che die dialektischen und spirituellen Schwie­rigkeiten überwindet, in denen sich unsere zeitliche Existenz vollzieht.

O Herr, gib, dass mein Glaube froh sei und meinem Geist Frieden und Freude gebe und dass er ihn zum Gebet zu Gott und zum Ge­spräch mit den Menschen befähige, sodass in das heilige und das profane Gespräch die in­nere Seligkeit seines glücklichen Besitzes hi­neinstrahle.

O Herr, gib, dass mein Glaube wirksam sei und der Liebe die Gründe gebe für sein mo­ralisches Sichausbreiten, sodass er wahre Freundschaft mit Dir sei und in den Werken, im Leiden, in der Erwartung der endgültigen Offenbarung eine fortwährende Suche nach Dir, ein fortwährendes Zeugnis von Dir, eine fortwährende Nahrung für die Hoffnung sei.

O Herr, gib, dass mein Glaube demütig sei und sich nicht anmaße, sich auf die Erfah­rung meines Denkens und meines Empfin­dens zu gründen, sondern dass er sich dem Zeugnis des Heiligen Geistes ergebe und dass er keine bessere Garantie als in der Folgsam­keit gegenüber der Tradition und der Autori­tät des Lehramtes der heiligen Kirche habe. Amen.

So soll nun, auch für Uns und für euch alle, das »Jahr des Glaubens« abgeschlossen wer­den mit Unserem Apostolischen Segen.

(30. Oktober 1968)

Dies ist die Zeit

Dies ist die entscheidende Zeit, die Zeit des Glaubens, die Zeit, die das Wort Jesu, auch wenn es nicht verstanden wird, in seiner vollen Gestalt annimmt: die Zeit, in der wir das „Geheimnis des Glaubens“ feiern.

VIII, 236 (26. März 1970)

Dies ist, mehr als je zuvor, die Zeit der Klarheit für den Glauben der Kirche.

VIII, 587 (18. Mai 1970)

Es ist eine schwierige Zeit, die wir durchschreiten.
Alles bewegt sich, alles scheint sich von der Religion, vom Glauben, vom moralischen Gesetz zu lösen. Alles wird zum Problem. Es ist eine Zeit des Sturms.

IX, 538 (19. Juni 1971)

Dies ist die Zeit des starken Willens, der großen Entscheidungen:
Die Stimme Christi ruft uns alle, uns ganz und gar für die Brüder zu engagieren.
Niemand soll fernbleiben.

IX, 1119 (23. Dezember 1971)

Dies ist die große und entscheidende Zeit, für die es des Mutes bedarf, mit offenen Augen und unerschrockenem Herzen zu leben.

XIV, 17 (7. Januar 1976)

Ja, die Zeit ist gekommen, durch karitatives, gutes, umsichiges, soziales und brüderliches Handeln unseren Glauben zu bezeugen. Und möge es der Wille des Herrn sein, dass wir bereit und aufnahmefähig sind für den Ruf des Evangeliums zu einem neuen und wahren Fortschritt des Menschen.

XIV, 885 (27. Oktober 1976)

sapienza

Über den Autor:

Leonardo Sapienza ist »Reggente« in der Prä­fektur des Päpstlichen Hauses. Am 9. 2. 2013 hat ihn Papst Benedikt XVI. als eine seiner letzten Amtshandlungen zum »Apostolischen Protonotar« ernannt. Er gehört somit dem Gremium an, das die Aufgaben der Notare des Papstes und des Heiligen Stuhls etwa für Heiligsprechungen oder für ein Konklave wahrnimmt.

_______

Quelle: Buch: „Papst Paul VI. und der Glaube“ – Leonardo Sapienza, Media Maria Verlag, 1. Auflage 2014 (112 Seiten) – Alle Rechte vorbehalten – © Media Maria Verlag, Illertissen 2014, Übersetzung: Udo Richter, ISBN 978-3-9454010-2-6 – www.media-maria.de