Bischof von Aleppo: „Es gibt ein Projekt, Syrien zu teilen“

Bischof Antoine Audo

Mit seinem Militärschlag in Syrien hat US-Präsident Donald Trump alle überrascht – vielleicht sogar sich selbst. Aber was sagen eigentlich die Menschen in Syrien zu dieser neuen Lage? Macht ihnen Trumps Eingreifen Hoffnung oder eher Sorgen? Das fragten wir den chaldäischen Bischof von Aleppo, Antoine Audo.

„Es war wirklich für alle eine Überraschung! Das ist etwas Neues – es wirkt wie ein Wandel in der Militärpolitik auf internationalem Level. Aber keiner weiß, wohin die Reise geht. Hier in Syrien fragen sich die Leute (ich selbst nicht, aber die Leute): War vielleicht diese Sache mit den Chemiewaffen nur eine Vorbereitung für dieses Eingreifen? Um die öffentliche Meinung in der Welt darauf vorzubereiten? So etwas sagen sie.“

Das muss man sich mal vorstellen: Als wäre Assads Einsatz von Chemiewaffen sozusagen mit den Amerikanern abgesprochen oder ihnen jedenfalls willkommen gewesen, um einen Vorwand zum Angriff zu haben! Einem Beobachter aus dem Westen mag das absurd erscheinen. Aber ist es nicht auch verständlich, dass viele Syrer nach sechs Jahren Bürgerkrieg und Verwicklungen nicht mehr wissen, was sie denken und glauben sollen?

„Die Menschen, die zu den bewaffneten Gruppen halten, sind zufrieden, weil (Trumps Luftschlag) dem syrischen Staat Zerstörungen eingebracht hat. Viele denken so. Die anderen dagegen warten jetzt ab, wie es weitergeht.“ Und was denkt Bischof Audo selbst? Der Jesuit, der auch Caritaschef für Syrien ist, antwortet unumwunden: „Es gibt ein Projekt, Syrien zu teilen. All das bereitet dem irakischen Modell den Boden – das ist eine ständige Mahnung für uns. Wir dachten ja früher immer: Das, was im Irak passierte, kann bei uns nicht passieren. Aber jetzt sehen wir das alles.“

Audo meint damit: Den Christen droht die Vertreibung aus Syrien. Tatsächlich drohen sie in Syrien in eine ähnliche Falle zu geraten wie im Irak. Als Minderheit, die nach Schutz sucht, haben sie sich lange – vielleicht zu lange – an das jeweilige Regime gehalten, Saddam im Irak, Assad in Syrien. Gerät allerdings das Regime ins Wanken, dann schützt niemand mehr die Christen vor dem Zorn der lange unterdrückten sunnitischen Muslime.

„Offenbar hat die syrische Regierung die Kontrolle der Linie wiedererlangt, die sich von Damaskus bis nach Aleppo zieht. Damit hat sie die wichtigsten Städte unter Kontrolle: Damaskus, Aleppo, Homs, Hama und die Städte an der Mittelmeerküste. Aber gleichzeitig gehen die Angriffe weiter. Immer wieder mal gibt es Bombardements in Damaskus, auch in Aleppo und in Homs. Es ist noch nicht vorbei!“„Wir Christen haben schon alles verloren“

Bischof Audo ist fest davon überzeugt, dass der Krieg schon lange vorüber wäre, hätten sich nicht ausländische Akteure eingemischt. Syrer unter sich würden sich schon einig, glaubt er. Aber leider sei der Krieg an Euphrat und Tigris längst ein Bündel aus widerstreitenden internationalen Interessen.

„Ich glaube, es geht da vor allem um wirtschaftliche Interessen. Alles dreht sich um die Frage von Gas und Öl. Das ist das eine. Das andere ist der islamische Level. Da wird dieser Kampf zwischen Schiiten und Sunniten im ganzen Nahen Osten am Leben gehalten, um den Waffenhandel voranzubringen. Innerhalb Syriens wird dann dieses Ungleichgewicht zwischen Minderheiten und Mehrheiten ausgenutzt – ich denke, das ist das Problem.“ Da ist ja nicht nur die christliche Minderheit: Auch Staatschef Baschar al-Assad gehört zu einer islamischen Minderheit, mit der er die Mehrheitsbevölkerung in Schach hält.

In Aleppo können die chaldäischen Christen jetzt zum ersten Mal seit Jahren Ostern ohne Belagerungsring und Bombardements feiern. Dass das Regime die Kontrolle über Aleppo wiedererlangt hat, erlebten die Christen in der früheren Wirtschaftsmetropole als Befreiung. „Ich war am letzten Freitag sehr überrascht: Wir haben da immer nach der Messe noch einen Kreuzweg, und die Kirche war viel voller als sonst! Das war früher, während der Bombardements und der Unruhe und Angst, so gewesen – aber jetzt kommen die Leute wieder en masse in die Kirche. Dieser Glaube ist etwas Außerordentliches… Er ist alles, was wir noch haben, denn wir sind ja ohne politische oder wirtschaftliche Mittel. Wir tun alles, um die christliche Präsenz hier zu sichern. Wir verfolgen keinerlei Eigeninteresse. Alle anderen haben ihre Interessen in diesem syrischen Krieg: international, regional, lokal. Nur wir Christen, wir haben schon als erste alles verloren.“

(rv 11.04.2017 sk)

Irak: US-Flüchtlingspolitik ist „Falle für die Christen“ (meint der chaldäische Patriarch Louis Sako)

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Bischof Sako

Christliche Flüchtlinge aufgrund ihres Glauben zu bevorzugen ist eine Falle für die Christen im Nahen Osten. Das sagte der chaldäische Patriarch, Louis Raphael I. Sako, als Reaktion auf die von US-Präsident Donald Trump verfügten Einreisestopps für Flüchtlinge aus sieben mehrheitlich muslimischen Ländern. „Jede Aufnahmepolitik, die Verfolgte und Leidende aufgrund ihrer Religion diskriminiert, schadet letztlich den orientalischen Christen“, so der Patriarch. Eine solche Politik liefere Argumente für die Vorurteile, die Christen seien ein „Fremdkörper“  im Nahen Osten. Spannung mit muslimischen Mitbürgern würden geschaffen und genährt. „Wir wollen keine Privilegien“, so der Primas der chaldäischen Kirche. Das Evangelium zeige, jeder Flüchtlinge, ob Christ oder Muslim, müsse „ohne Unterschied“ aufgenommen werden.

Trump hatte am Freitag per Dekret ein Einreiseverbot für Staatsangehörigen von insgesamt sieben Staaten mit überwiegend muslimischer Bevölkerung verhängt. Gleichzeitig stellte der Präsident eine Bevorzugung christlicher Flüchtlinge in Aussicht.

(fides 30.01.2017 dh)

Irak: Zwei dringende Empfehlungen eines katholischen Patriarchen

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Extremistische Hassreden als Terrorakt? In einer Konferenz zum Schutz der Religionsfreiheit hat der chaldäisch-katholische Patriarch von Bagdad, Monsignore Louis Raphael Sako, vorgeschlagen, extremistische Reden, die zu religiöser Gewalt anstacheln, als Terrorakt zu betrachten. 

In seiner Botschaft sagte der chaldäische Patriarch, in Länder, in denen es verschiedene Religionen gebe, wie es im Irak der Fall sei, wo Muslime, Christen, Jesiden und andere Minderheiten leben, sei der Extremismus „ein erschreckendes und verstörendes Phänomen“, wenn er zu Gewalt anstiftet.

„Es ist auch eine Tragödie, die uns Christen und andere religiöse Minderheiten im Mittleren Osten mit Entsetzen erfüllt, derart, dass wir ihr nicht mehr anders als durch Gebet, Immigration und Schmerz gegenüberstehen können“, beklagte der Patriarch mit Hinweis auf die Leiden der Christen, verursacht durch die Verfolgung seitens des Islamischen Staates (IS).

Angesichts dieser Situation betonte Monsignore Sako, dass eine „unglaubliche Notwendigkeit bestehe, ein Bewusstsein zu bilden hinsichtlich des Gebrauchs von Religion als Waffe zur Schaffung von Konflikten und Krieg durch die Extremisten und Fundmentalisten, was bedeutet, den Frieden zu brechen und Distanzen und Hass unter den Menschen in ein und demselben Land zu erzeugen.“

Was man hingegen mit Religion tun muss ist, sie als aktiven und einflussreichen Faktor zu verwenden, um Frieden und die Festigung der Koexistenz in der Region und in der ganzen Welt zu verbreiten.

In diesem Sinn sprach der Patriarch zwei Empfehlungen aus, um das Problem des Extremismus zu bekämpfen.

  1. Extremistisches Reden identifizieren

Die erste ist, Aussagen, die Aggressivität gegen andere Religionen fördern, offiziell als „einen terroristischen Akt zu identifizieren, unabhängig von wem er komme.“ Man dürfe das nicht als eine Art „Meinungsfreiheit“ ansehen, sondern öffentlich als „ein Verbrechen und eine Art Terrorismus anerkennen, der einer Bestrafung bedarf.“

  1. Die Gefahrensituation beheben und korrigieren

Die zweite Empfehlung, die der Patriarch gab, war, dass es nötig sei angesichts der Gefahrensituation, die durch die Hasspredigten des Islamischen Staates begünstigt werde, dass „die Christen und Muslime umgehend darauf reagieren, um sie zu beseitigen und zu korrigieren.“

Man muss einen Diskurs fördern, der Logik und Vernunft verwendet, um die bösen Interpretationen und Praktiken zu vermeiden, einen Diskurs, der Gerechtigkeit konstruiert, Frieden stiftet durch die Anerkennung der anderen und die religiösen und nationalen Gespräche schützt, die die Lehren des Christentums und des Islams zu Liebe, Mitgefühl, Güte und Frieden verbreiten.“

Auch müsse man „bedeutsame Schritte unternehmen, um den Terrorismus zu bekämpfen und davon  überzeugen, dass alle Anstiftung zum Hass und Übergriffe auf das Eigentum der Christen eine rechtliche Strafe nach sich zieht.“

Zuletzt forderte er zu „einer echten gemeinschaftlichen Versöhung“ unter den verschiedenen Zivilisationen, Kulturen, Sprachen und Religionen im Irak und in Ländern, in denen eine ähnliche Situation besteht, auf.

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Quelle

Irak: Patriarch Sako bittet Papst um Besuch

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Der chaldäisch-katholische Patriarch Louis Raphael Sako

Der chaldäisch-katholische Patriarch Louis Sako hat seinen Appell an Papst Franziskus bekräftigt, in den Irak zu reisen. Das wäre für die schwer traumatisierten letzten Christen im Land ein so dringend notwendiges Zeichen der Ermutigung, um die Heimat nicht zu verlassen. Zugleich fordert der Patriarch die westliche Staatengemeinschaft mit den USA an der Spitze einmal mehr auf, endlich entschieden militärisch gegen den IS vorzugehen.

In seinem soeben auf Deutsch erschienenen neuen Buch „Marschiert endlich ein!“ lässt es der Patriarch nicht an deutlichen Worten fehlen. „Der sogenannte Islamische Staat ist ein gottloses Ungeheuer, eine Krake, die weiter wächst und längst ihre Fangarme auch in die demokratisch-zivilisierte Welt ausgestreckt hat“, schreibt der Patriarch wörtlich, und weiter: „Diese Bestien, die solche Verbrechen verüben, haben kein menschliches Bewusstsein mehr und die Würde ihres Daseins verloren. Die Todesmaschinerie der Dschihadisten übertrifft die schlimmsten Albträume.“

Es sei empörend, so Sako, dass die Welt weiterhin zu den Modern des IS an Christen, Jesiden und anderen religiösen Minderheiten mehr oder weniger schweigt. „Ein Verbrechen ungeahnten Ausmaßes gegen die Menschlichkeit, ein Völkermord, spielt sich gerade bei uns ab.“

Scharfe Kritik übt der Patriarch an den USA, die durch ihren Einmarsch im Irak 2003 und ihre folgende Politik das Land zerstört hätten. Die USA sollten sich zu ihrer „moralischen Pflicht bekennen, sind sie doch für die Entstehung des Chaos in meinem Land eindeutig mitverantwortlich“. Wenn man wirklich wollte, könnte man den IS binnen weniger Wochen militärisch besiegen, zeigt sich das chaldäische Kirchenoberhaupt überzeugt. Doch die Stimmen aus den USA, die von einem bis zu 20-jährigen Kampf sprechen, ließen die Interessenslagen unmissverständlich erkennen: Der Fortbestand des IS werde geduldet. Sako: „Die Wahrung gewisser Interessen ist wichtiger als das Überleben der Christen. Ist unsere Auslöschung also schon beschlossene Sache?“

Es gehe um das Überleben der Christen in ihrer Urheimat, so Sako. Er spreche den vor dem IS geflohenen Christen aus Mossul und der Niniveh-Ebene ständig Mut zu, dass sie bald wieder in ihre Städte und Dörfer zurückkehren können. „Mit diesem Funken Hoffnung versuche ich meine Gemeinde von der Auswanderung abzuhalten.“

Patriarch fordert UNO-Schutztruppe

Neben der Vernichtung des IS brauche es in Folge aber auch eine nachrückende UNO-Schutztruppe, die die Sicherheit der Christen in Mossul und der Niniveh-Ebene garantiert, fordert der Patriarch. Nötig sei weiters internationale humanitäre Hilfe, um das verwüstete Land wieder aufzubauen. „Straßen, Schulen, Krankenhäuser, Wasser- und Stromversorgung, also die gesamte Infrastruktur, werden in einem erbärmlichen Zustand sein“, so Sako, mit einem Appell an den Westen: „Lasst uns nicht im Stich! Wir schaffen es nicht alleine.“

(kap 20.04.2016 sk)

Siehe ferner: