Das „Wunder des Abendlandes“ – MONT ST. MICHEL

 Von Dr. Michael Krause, Studienreiseleiter, Dresden

Um es vorwegzunehmen: Wunder ist eigentlich kein offizieller Titel, UNESCO-Weltkulturerbestätte schon. Aber bei dem Klosterberg, um den es hier gehen soll, darf man wohl gleichzeitig „Wunder“ und „Welterbe“ gebrauchen, auch wenn er noch nicht einmal ganz klar in die Bretagne gehört. Diese Unsicherheit – gehört er in die Normandie oder in die Bretagne? – verdankt er einer Laune der Natur: der Mont St. Michel, von dem die Rede ist, liegt auf einer von Ebbe und Flut mit starkem Strom und gewaltigem Tidenhub umspülten Gezeiteninsel innerhalb einer nach ihm benannten Bucht, genau im Mündungsgebiet des Flüsschens Cuesnon. Und da dieses knapp hundert Kilometer lange Gewässer der historische Grenzfluss zwischen Normandie und Bretagne ist, der seinen Verlauf in den letzten Jahrhunderten schon mehrfach geändert hat, wurde der Mont Sant Michel mal zur einen und mal zur anderen Region gezählt.

Kaum ein Bauwerk in Europa, das Menschenhand errichtet hat, ist so oft als „Wunder“, „heilig“ oder „Gottes wohlgefälliges Werk“ bezeichnet worden wie der in über 1000-jähriger Bauzeit seit dem 8. Jahrhundert errichtete und immer wieder veränderte Klosterberg Mont St. Michel, seit 1979 in der Liste der UNESCO als Stätte des Weltkulturerbes geführt.

War er schon seit dem Mittelalter ein überaus bedeutsames Pilgerziel, so zeugen nunmehr über 3,5 Millionen Besucher jährlich von seiner ungebrochenen Beliebtheit – diesmal als Touristendestination. 157 m über den Meeresspiegel ragt seine mit einer Figur des Erzengels Michael gekrönte Spitze auf und der gewaltige, vom gewachsenen Felsen ab wie eine mehrstufige Pyramide aufstrebende Baukörper ist schon aus sehr großer Entfernung auszumachen – wenn nicht der häufig über der Bucht sich bildende Nebel die Sicht behindert. Der ist übrigens zusammen mit dem tückischen, in zahlreichen Legenden mit dem für Bucht und Berg namengebenden Erzengel Michael in Verbindung gebrachten Sand der Bucht und mit der mitunter fast urplötzlich und mit ungeahnter Geschwindigkeit hereinbrechenden Flut verantwortlich für tausende Opfer, die in Unkenntnis der Gegebenheiten den Berg durch die Bucht watend erreichen wollten…

Eine Legende rankt sich auch um die Entstehung des Klosters: Als sich um 700 n. Chr. Aubert, Bischof von Avranches, oft auf die von Gezeiten umtoste Felseninsel zurückzog, auf der es mehrere Einsiedeleien gab, erschien ihm hier im Traum der Erzengel Michael mit der Aufforderung, eine Kirche für ihn zu erbauen. Der Bischof zögerte, und um die Ernsthaftigkeit des Ansinnens und seine göttliche Macht zu betonen, drückte ihm der Erzengel ein Loch in die Schädeldecke, ohne des Bischofs Haut zu verletzen. Der Schädel wird heute noch in der Kirche von Avranches in der Normandie gezeigt und der Bischof beeilte sich, die Kapelle zu errichten. Die Bedeutung als herausragendes Pilgerziel erhielt das Kirchlein, als Bischof Aubert Reliquien vom Erzengel aus dessen heiligem Ort Monte Sant Angelo in Apulien beschaffen und in diesem Gotteshaus unterbringen ließ.

Nachdem im 11. Jahrhundert eine normannische Kirche auf dem Gipfel des Felsens errichtet worden war, wandelte man die ursprüngliche Kapelle aus der Zeit des Frankenreiches in eine Krypta um, die zusammen mit weiteren Bauten die Plattform für die späteren Kirchen bildete. Vorzugsweise in der Gotik entstanden dann die herrlichen aufstrebenden Bauten der Kirche, der Abtei und der Gästeunterkünfte für illustre Pilger und gekrönte Häupter. Verschiedene Bauperioden und auch Verwendungszwecke folgten bis Ende des 19. Jahrhunderts. Stilelemente zumindest aus Romanik, Gotik, Renaissance und Klassizismus finden sich in dieser mit einer starken Befestigung umgebenen Klosteranlage, deren unbeschreiblicher Gesamteindruck niemals unter den Umbauten gelitten hat und sie bis heute zu einem der bedeutendsten Gebäudekomplexe Europas macht.

Das vielleicht aufregendste Detail ist der Kreuzgang, der trotz seiner umfassenden Restaurierung im 19. Jahrhundert die Besonderheiten eines einzigartigen Stils bewahrt hat, den die damals über das Gebiet des Mont St. Michel herrschenden Normannen aus der sizilianisch-normannischen Architektur, beeinflusst von islamischen Details, übernahmen. Der von schlanken, optisch versetzt gestellten Säulen getragene Kreuzgang heißt nicht umsonst „der Schwebende“ – in seiner dreidimensional wirkenden Erscheinung behindern ihn, da frei genau auf der Bergkuppe bzw. auf dem Dach der von dieser aufstrebenden Unterbauten stehend – keinerlei umliegende Bezugspunkte bis hin zum Horizont, was ihn in unwirklich scheinender Anmut und Leichtigkeit tatsächlich gleichsam zwischen Himmel und Erde schweben lässt …

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Quelle

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Die vier Erscheinungen des Hl. Erzengels Michael auf dem Monte Gargano, Italien

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Einleitung

„Quis ut Deus!“ – „Wer ist wie Gott!“

Keiner Zeit ist das Erleben der Revolutionen so vorbehalten gewesen, wie gerade der unsern. Die Unordnung soll auf den Thron gesetzt werden, die Ordnung muß in Fesseln und in den Tod gehen. Jedes Abweichen von der Ordnung ist Sünde. Das Stürzen der Ordnung, Wahrheit und Gerechtigkeit, ohne die es keine Liebe gibt, müssen der Lüge und Ungerechtigkeit weichen. Der Fürst der Unordnung, Satan soll auf dem Throne regieren. Sind denn alle Gutgesinnten machtlos diesem Revolutionsgeiste preisgegeben? Gibt es keine Mittel mehr, um der Ordnung den Thron frei zu geben? Wir alle sind vom Zeitgeist des radikalen Egoismus angesteckt. Gerade daraus erklärt sich unsere Hoffnungslosigkeit. Der Egoismus ist ein Kind des Stolzes, dessen Vater Satan ist. So erklärt sich die Glaubensschwachheit. Aller Glaube setzt Demut voraus. Unsere Aufgabe besteht darin, all unsern Egoismus abzulegen, und in Demut Gott den Herrn als einzigen Vater der Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe glaubend anzuerkennen. „Haec est victoria“ schreibt St. Johannes der Lieblingsjünger, „Das ist der Sieg, unser Glaube.“ Stellen wir uns daher glaubensvoll auf die Seite St. Michaels. Folgen wir ihm in unerschütterlichem Vertrauen. Stimmen wir ein in den Schlachtuf „Wer ist wie Gott.“ Kampf muß sein. Schlußendlich kommt es auf den Sieger an. Dieser allein ist und bleibt Gott, unser Herr, die ewige Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe.

Kurze Zusammenfassung der vier Erscheinungen des heiligen Erzengels Michael auf dem „Monte Gargano“ (Süd-Italien)!

Erste Erscheinung

Am Ende des V. Jahrhundert war’s, (nach alter Zeitrechnung im Jahre 493) als sich der hl. Erzengel Michael auf dem „Monte Gargano“ eine Grotte auslas, um durch seine wunderbare Erscheinung eine Felsenhöhle zu heiligen. Das Vorkommnis ist durch etliche, glaubwürdige Schriftsteller der Nachwelt bestätigt worden. So berichtet eine langobardische Handschrift, aus dem 8. Jahrhundert wie folgt:

In Siponto lebte ein sehr reicher Mann namens Gargano. Er war Besitzer einer großen Viehherde, die er in den Tobeln des Berges weiden ließ. Ein Stier entfernte sich eines Tages heimlich von der weidenden Herde. Am Abend kam er ebenfalls nicht zurück. Erbost, rief er seine Knechte und zog mit ihnen auf die Suche. Der ganze Berg mit seinen Klüften und Tobeln wurde eifrig abgesucht. Endlich gelang es ihnen, den Standort des Tieres zu entdecken. Der Stier stand wie gebannt vor einer Höhle. Der Besitzer entbrannte vor Wut, setzte seinen Bogen an, und schoß einen Pfeil auf das störrische Tier ab. Doch siehe da! Der Pfeil, statt den Stier zu treffen, kehrte in der Luft, als ob er von einem Windstoße abgedreht worden wäre, traf und verwundete den Schützen.

Die Knechte erstaunt und verwirrt, konnten solch ein Ereignis nicht erklären, und getrauten sich keinen Schritt gegen die Höhle zu tun. Sie eilten zum Bischof, um seine Ansicht zu hören. Der Bischof ordnete daraufhin ein dreitägiges Fasten an und befahl, während dieser Zeit in verharrendem Gebet sich an Gott zu wenden. Nach Ablauf der Fasttage erschien dem Bischof in einer Vision der hl. Erzengel Michael und sagte zu ihm: Du tatest gut daran, Gott zu befragen betreffs des Wunders, das die Menschen nicht zu denken verstehen. Es geschah durch meinen Willen. Ich bin der Erzengel Michael, der unablässig am Throne Gottes steht. Ich wünsche, daß dieser Platz auf Erden geehrt und bevorzugt werde. Das wollte ich durch dieses Ereignis kund tun. Über alles, was man hier an diesem Platze vollbringt, bin ich der Hüter und Wächter.

Das Ereignis überraschte dermaßen, daß der Ruf des erstandenen Heiligtums die Andacht in ganz Europa weckte. Jeden Tag zogen gruppen- und scharenweise die Gläubigen pilgernd nach dem Heiligtume auf den Monte Gargano.

Päpste, Bischöfe, Kaiser, Prinzen und Volk wallfahrteten aus allen Teilen Europas herbei, um in Andacht die Gnadengrotte zu besuchen. Ein unversieglicher, aufsehenerregender Gnadenquell wurde der „Monte Gargano“ für die ganze Christenheit. So lautet der Bericht des Baronio.

Noch heute kann sich derjenige Pilger glücklich schätzen, der sich dem liebevollen Schutze des hl. Erzengels Michael anvertraut. Selig, wer sich des besondern Schutzes des hl. Erzengels sicher weiß.

Eine fromme Überlieferung berichtet, daß der hl. Erzengel Michael den Erscheinungsort durch Engelsweihe besonders kennzeichnete und als Beweis soll er im Felsgestein seinen Fußabdruck hinterlassen haben. Aus diesem Grunde wurde die Erzengelkirche schon in frühester Zeit „Apodanea“ genannt. Dem Hauptaltar wurde kein Altarstein mit Reliquien von großen Heiligen eingesetzt, was sonst Vorschrift ist, da der Stein der Höhle selbst als Denkmal und Reliquie der ganzen Welt zu dienen beehrt wurde.

 

Zweite Erscheinung

Etwas mehr als zwei Jahre nach der ersten Erscheinung erschien St. Michael das zweite Mal. Dieses zweite Vorkommnis am „Monte Gargano“ setzte die damalige Welt in größte Verwunderung. Die politischen Verhältnisse lagen damals wie folgt. Während des Pontifikates des Papstes Gelasius I., war der heilige Laurentius Maiorano Bischof von Siponto. Im Orient regierte Kaiser Zenone. König der Eruli war Odoaker. Odoaker beabsichtigte die Stadt Siponto zu zerstören und führte seine Truppen gegen diese. Sein Lager schlug er auf dem benachbarten Hügel „Sankt Restituta“ auf. Die Sipontiner befragten den hl. Laurentius um Rat, was betreffs der überhebenden Drohung Odoakers zu unternehmen sei. Der hl. Laurentius pilgerte auf den „Monte Gargano“ und flehte unter inständigem Gebete zum hl. Erzengel Michael.

Die Kriegserklärung der Goten an die Sipontiner erfolgte im September durch Boten. Der Prälat, Laurentius, stieg vom „Monte Gargano“ herunter und riet den Seinen, sie mögen um einen dreitägigen Waffenstillstand bitten. Er wurde gewährt. In dieser Zeit drang das Volk der Sipontiner in stürmischem Gebete unter Seufzer und Tränen an den Thron des Herrn der Heerscharen. Der Fürst der Heerscharen erschien nach Ablauf der drei Tage dem hl. Bischof Laurentius, während dieser in der Kirche „Santa Maria“ zu Gott flehte. Über diese zweite Erscheinung entnehmen wir den Akten des „Codice Vaticano“ Folgendes: St. Michael erschien am 20. September, verhieß dem Bischof den Sieg der Sipontiner über die Goten. Er riet ihm aber, die Feinde erst in der vierten Tagesstunde anzugreifen. Welch ein Wunder! In der dritten Stunde hüllte eine riesige Wolke den „Monte Gargano“ ein. Dies galt als offenkundiges Zeichen der Siegesgewißheit. Der Himmel mit schweren Wolken behangen, drohte den Feinden mit der Entfesselung von Blitzen. Krachende Donnerschläge rollten. Der Himmel verfinsterte sich zusehends. Fürchterliche Erdstöße ließen die Erde erbeben. Ein unheimlicher Sturm peitschte das Meer und wirbelte die Wogen tief auf. Des Himmels Feldmarschall schoß todbringende Blitze in die Reihen der Goten. Tod und Niederlage der Goten waren das Ende der Schlacht. Wenige konnten der Geißel des Himmels entkommen, fielen jedoch in die Hände der Sipontiner, wurden verfolgt und niedergeschlagen.

Nach diesem offensichtlichen Eingreifen St. Michaels ordnete der Bischof eine feierliche Prozession auf den „Monte Gargano“ an. Er erstieg mit den Seinen den Berg, um dem Herrn des Himmels und der Erde, sowie dem Kriegsminister St. Michael, unter dessen liebevollen Schutz die Welt gestellt ist, eine innige Danksagung darzubringen. An der Grotte angekommen, wagte niemand den geheiligten Ort zu betreten. Von außen betrachteten sie mit Ehrfurcht den hehren Sitz der Engel. Innige Dankgebete und Opfergaben brachten sie Gott dem Herrn dar, und gedachten in Verehrung des himmlischen Seraphin St. Michael.

Da Odoaker besiegt war, wählten die wenigen Überlebenden den Arier Totila zu ihrem Haupte. Durch besondere Hilfe des hl. Erzengls Michael wurde auch er gedemütigt und besiegt. Immer wieder zogen die Sipontiner unter der Führung des hl. Bischofs Laurentius auf den „Monte Gargano“, um an geheiligter Stätte seinen heiligen Schutz zu erflehen.

Totila erkor Betrug und Hintergehung zu seinen Trabanten, um sein Vorhaben zu verwirklichen. Er wollte sich des Bischofs entledigen. Er sandte in listiger Absicht sein unzähmbares Pferd an den Bischof und ließ ihn zu sich rufen, mit dem Hintergedanken, so der Bischof sein Pferd reite, werde es ihn abwerfen, sollte aber Laurentius des Tieres Herr werden und mit ihm in sein Lager gelangen, so werde er den Bischof gefangen nehmen. Doch das Ansinnen schlug fehl. Der Heilige betete in der Kirche „Santa Maria“ und erhielt himmlische Weisung, daß er dem Rufe Totilas ruhig folgen solle. Die Reise werde ihm eine ganz besondere Freude werden. Ausgerüstet mit dem hl. Kreuze bestieg der Bischof das Pferd. Kein Zeichen von Wildheit war bemerkbar, und gefügig trabte es davon. Heute noch liest man im Brevier von Siponto: „Laurentius ita mitem reddidit equum, ut nullum in eo feritatis signum remaneret.“ Das heißt: „So kehrte Laurentius mit dem zahmen Pferde zurück, und keinerlei Zeichen von Wildheit blieb in ihm.“

Totila erblickte in diesem wunderbaren Fingerzeig Gottes eine Einmischung des heiligen Michaels. Er hatte in der Folge nicht nur eine hohe Achtung für den ehrwürdigen Bischof, sondern er versprach ihm, die Belagerung der Sipontiner aufzuheben und in Zukunft denselben keinen Schaden mehr zuzufügen. Der Bischof kehrte auf diese Weise wieder froh und unversehrt an seinen Sitz zurück.

 

Dritte Erscheinung

Der heilige Laurentius begab sich mit den Seinen auf den „Monte Gargano“, um den dritten Jahrestag der Erscheinung zu feiern. Auch diesmal getraute sich die gläubige Schar aus Ehrerbietigkeit nicht, die Höhle zu betreten. „Orationi prae foribus insistunt“ (Sie brachten Ihre Gebete vor der Höhle dar). Das genannte Volk konnte sich aber nicht zufrieden geben und forderte in seiner Frömmigkeit, es möge die göttliche Opferhandlung im Innern der Höhle gefeiert werden. Aus diesem Grunde erflehte es, die Höhle möge dem kirchlichen Brauche gemäß geweiht werden. Der Oberhirte beschloß, den Papst in Rom darum zu befragen. Papst Sankt Gelasio, der sich zu jener Zeit auf dem Hügel St. Silvester aufhielt, gab den Bescheid: „Wären wir bestimmt, darüber zu beschließen, so sollte zum Weihetag der 29. September, der Tag des Sieges über die Barbaren bestimmt werden; es ist aber geraten, den Befehl des himmlischen Fürsten abzuwarten. In einem Triduum, zu Ehren der heiligen Dreifaltigkeit werdet Ihr, geliebter Bruder Laurentius, mit den geliebten Bischöfen von Canosa, Austerio von Venosa, Riccardo von Andria, Eutichio von Trani, Giovanni von Ruvo, Ruggero von Canne und Polladio von Salpi, ebenso werden alle Bürger und Diözesanen von Siponto, gleichzeitig nochmals ein Fastentriduum abhalten.“ Sobald der hl. Bischof Laurentius diese Antwort erhielt, lud er die angeführten Bischöfe ein, sie mögen am 23. September in Siponto eintreffen, zum Gebete, Fasten und zur vorgesehenen Weihe. Welch ein Wunder! Die Bischöfe begannen am 26. September das Fasten, Beten und Opfern, und siehe da, in der Nacht des dritten Tages erhörte Gott der Herr die Gebete seiner Diener. Dem hl. Laurentius wurde der Vorzug zuteil, die dritte Erscheinung zu erleben. Der glorreiche Erzengel Michael strahlend im hellsten Lichte sprach also zu ihm: Diese Kirche muß nicht mehr geweiht werden, da ich sie zu meinem Sitze erwählt habe, habe ich sie selbst geweiht. Tretet ein und eifert unter meinem Beistande im Gebete und feiert die hl. Opferhandlung, damit das Volk kommunizieren kann. Ich behalte mir vor, bekannt zu geben, wie ich diesen Ort geweiht habe. Laurentius wartete den folgenden Tag, den Freitag, nicht ab, sondern teilte sogleich seinen Mitbrüdern, den Bischöfen, und dem Volke die Offenbarung St. Michaels mit.

Und siehe da. Mit entblößten Füßen brachen Bischöfe und Volk prozessionweise auf und pilgerten zur geweihten Höhle.

Die Überlieferung berichtet: In den ersten Morgenstunden wurde die Pilgerfahrt durch die Kühle und angenehme Luft erleichtert. Mit dem Höhersteigen der Sonne, deren Strahlen alsdann auf den Berg herniederbrannten, wurde aber der Aufstieg auf den Berg umso mühsamer. Mit liebevoller Macht soll St. Michael eingegriffen haben.

Am Himmel erschienen vier riesig große Adler, von denen zwei mit ihren ausgebreiteten Schwingen die Bischöfe vor der sengenden Sonnenglut schützten. Die beiden andern schlugen fächerartig ihre Flügel und fächelten dem Volke kühlende Lüftchen.

So gelangte die fromme Pilgerschar an den Höhleneingang, den sie ehrfürchtig überschritt. Und siehe da! Ein neues Wunder wurde ihnen offenbar. Im Felsgestein fanden sie den Fußabdruck des hl. Erzengels Michael, und einen von ihm eigens errichteten Altar mit einem purpurnen Baldachin bedeckt. In der Mitte lag ein Kreuz aus Metall. Dies bezeugte die Echtheit der Weihe.

Der heilige Bischof brachte alsdann das erste hl. Opfer dar. Bei dieser denkwürdigen Gelegenheit sollen laut Bericht von Balzo zwei weitere Altäre vom Erzengel Michael errichtet worden sein. Zur Rechten des Erscheinungsortes einer zur Ehren der seligen Jungfrau, und zur Linken ein Altar zu Ehren der hl. Apostelfürsten Peter und Paul.

Dies der Bericht über die himmlische Weihe der Basilika des hl. Erzengel Michael auf dem „Monte Gargano“, dessen Andenken am 29. September jeden Jahres die hl. Kirche feiert.

 

Vierte Erscheinung

Im Jahre 1656 herrschte in ganz Italien der schwarze Tod, die Pest, und wütete ganz besonders stark in Neapel, daselbst hat sie rund 400’000 Menschen dahingerafft. Die Stadt Foggia wurde ebenfalls angesteckt und wurde sozusagen entvölkert. Die Stadt Manfredonia sah den Tod an ihrer Schwelle und ordnete alle Vorsichtsmaßregeln an. Wachen wurden um die Wohnstätten aufgestellt, zweckmäßige Befehle und Edikte erlassen. Zu Siponto war damals Monsignor Giovanni Alfonso Puccinelli Erzbischof. Die unmittelbare Züchtigung erschreckte ihn. Ganz besonders aber der Umstand, daß ihr menschlich nicht beizukommen war. Deshalb suchte er durch geistige Mittel die Gefahr zu bannen. Voll vertraute er dem besonderen Beistande des hl. Erzengels Michael. In Asche und Büßerhemd hielt er öffentliche Buß-Prozessionen ab und begab sich mit Klerus und Volk zum hl. Grottentempel. Im Gotteshause warf er sich auf sein Angesicht und rang unter Tränen und Seufzer lange Zeit um himmlischen Schutz. Alsdann ordnete er ein Fastentriduum an. Inzwischen nahte mit Riesenschritten die Pest, der Tod. Der gute Prälat war überzeugt, daß der hl. Erzengel Michael seine Hilfe nicht versagen werde, spornte das Volk an, umso inniger den Beistand des himmlischen Fürsten zu erflehen, und ja nicht zu ermüden. Ein zweites Fastentriduum wurde angeordnet und alle ermahnt, ja in Buße zu verharren. Soviel Seeleneifer wurde belohnt. Plötzlich sagte ihm eine innere Stimme, er möge im Namen der ganzen Stadt ein Bittschreiben auf den Altar des hl. Erzengels niederlegen, damit St. Michael für das Volk beim Throne Gottes vermittle. Sogleich vollbrachte er dies. Die wunderbare Wirkung blieb nicht aus.

Die Nacht des 22. September ging zur Neige. Fünf Uhr morgens weilte der Erzbischof in seinem Zimmer im Gebet, in Betrachtung vertieft. Da plötzlich hörte er vom Sonnenaufgange her einen bebenden Lärm, als ob er die Erde erschüttere. In einem Strahlenkleide, das funkelte wie ein Diamant, sah er den hl. Erzengel Michael vor sich. Er sprach ihn wie folgt an: Wisse, Hüter dieser Schäfchen, ich bin der Erzengel St. Michael, von der hl. Dreifaltigkeit habe ich erlangt, jeder, der mit Andacht die Steine meiner Basilika gebraucht, wird von Häusern, Städten und jedem Orte die Pest entfernen. Predigt und erzählt allen das göttliche Wunder. Ihr werdet die Steine segnen, auf ihnen ein Kreuz und meinen Namen eintragen.

Tränen der Rührung weinte der Bischof und konnte nur immer eines aussprechen: Es lebe Sankt Michael. Zur Stunde kündigte er dem Volke das große Wunder. In der Zwischenzeit hieß er von der Höhle kleine Felssteine abbrechen und bezeichnete diese dem Willen des hl. Erzengels Michael gemäß (S+M), darauf weihte er sie nach eigenem Ritus.

Die Wirkung zeigte sich bald durch die Flucht der Pest. Die unheilbare Seuche floh aus der Stadt Gargano und aus der Provinz, sowie aus allen Städten, die diese Steine verlangten, die zahlreich abgegeben wurden.

Zum immerwährenden Andenken an dies große Wunder und zur ewigen Dankbarkeit an den hl. Erzengel Michael, ließen Erzbischof Puccinelli und die Bürger auf dem alten Platze der Stadt einen Obelisken aufstellen, der heute noch als Denkmal dieser historischen Tat zeugt. Er trägt die Inschrift:

Dem Fürsten der Erzengel, Besieger der Pest, Patron und Beschützer, ein Denkmal von ewiger Dankbarkeit. Alfonso Puccinelli 1656.

Seither wird je am 15. Sonntag nach Pfingsten in der geweihten Grotte ein feierliches Hochamt und Te Deum gesungen. Dieser Brauch wird immer währen. Die frommen Könige wünschten, daß das Heiligtum königliche palatinische Basilika genannt werde. An diesem Tage wird zum Andenken die Prozession des hl. Steins abgehalten.

Dieser Brauch ist wohl der liebste Ritus für das Volk der Engelsstadt.

 

Schlußwort

In unserem Jahrhundert ist dieser Fürst des Himmels etwas vergessen worden, sonst ständen wir nicht da, wo wir heute stehen. Die Verehrung des hl. Erzengels Michael neu zu beleben, der den Siegesruf erschallen ließ: „Wer ist wie Gott“! ist ein dringendes Gebot der Stunde. Sankt Michael wird sich heute noch bewähren als der sieghafte Gottesstreiter. Wegen seines Mutes ist er ja auch der Patron der Soldaten und wir alle, als Soldaten Christi, wollen ihn aber auch zu unserm Schutze anrufen. Bekanntlich ist die Erzengel Michael-Wallfahrtskiche auf dem Monte Gargano das einzige Gotteshaus auf Erden, das von ihm persönlich geweiht worden ist. Die Geschichte beweist uns, daß diese sehr sehenswerte Wallfahrtskirche schon von solchen, die im Rufe der Heiligkeit standen, sowie von Päpsten, unzähligen Kardinälen und gelehrten Priestern früherer Zeiten, Archäologen, Künstlern, Dichtern usw. besucht wurde. Unter jenen Heiligen sei genannt: der hl. Thomas von Aquin, der hl. Franziskus von Assisi, der hl. Anselmo, der hl. Brunone, der hl. Vincenz Ferrer, der hl. Franz von Paola, der hl. Bernardin, der hl. Camillus von Lellis, der hl. Nikolaus, Bischof, der hl. Antonius der Abt, der hl. Gerard Majella, die hl. Ortolana, die hl. Katharina von Siena, die hl. Brigitta von Schweden usw. usw. Noch heute ist diese Wallfahrtskirche das Ziel von Massen von Besuchern. Im Innern ist die von St. Michael bewohnte Grotte noch zu sehen, sowie der von ihm selbst geweihte Altar. Beachtenswert sind hier ferner die Überreste des Normannen-Kastells, mit dem „Turm der Riesen“, das Grab des Rotaris, die uralten Kirchen St. Pietro, Santa Maria Maggiore und St. Franziskus, mit dem alten Kloster. Reizvoll sind die Spaziergänge hier oben durch die Überreste denkwürdiger Bauten dieser Umgebung, mit dem herrlichen Blick über den Golf von Manfredonia. Zu gewissen Zeiten im Jahre sieht man hier oben Leute von der ganzen Welt zusammenströmen, und die auffallenden Straßenbilder erinnern ganz deutlich an die Nähe des Orients…

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Mit kirchlicher Druckerlaubnis vom Ordinariat Basel in Solothurn, 14. April 1939
Aus dem Italienischen übersetzt und eingeleitet von Josef Kaufmann, Basel


Transkription: P.O. Schenker, © by Immaculata-Verlag, CH-9050 Appenzell

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Siehe ebenfalls:

Engel vs. Teufel – und wo stehe ich?

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Reims, Lachender Engel / Wikimedia Commons – Vassil, Public Domain

Impuls zum 14. Sonntag im Jahreskreis C — 3. Juli 2016

“Ich sah den Satan wie einen Blitz vom Himmel fallen” (Lk 10,17). Ein wenig rätselhaft ist es schon, dass Jesus im Zusammenhang mit der Aussendung der Jünger den Teufel erwähnt. Er möchte offensichtlich, dass wir uns bei der Verkündigung des Reiches Gottes, also bei der Katechese, beim persönlichen Apostolat, darüber im klaren sind, dass es dabei auch gilt, “die ganze Macht des Feindes zu überwinden” (Lk 10,18). Er will, dass die Christen – alle Getauften betrifft ja der Missionsbefehl des Herrn – sich keinen Illusionen hingeben: die Wahrheit Jesu Christi wird durchaus nicht immer mit offenem Herzen aufgenommen. Und da ist tatsächlich eine reale Person, genauer gesagt ganz viele, die jede Katechese torpedieren wollen.

Viele haben sich darüber gewundert, dass Papst Franziskus des öfteren den Teufel erwähnt. Auch diese Verwunderung hat sicher mit einer verengten exegetischen Perspektive, von der Professor Klaus Berger spricht, zu tun. Dass es den Teufel gibt, kann man beim “besten” Willen nicht aus dem Neuen Testament herausinterpretieren (wenn man denn an die göttliche Herkunft der Heiligen Schrift glaubt).

Auch im heutigen Evangelium des hl. Lukas wird dies deutlich, wo Jesus ganz kurz, aber sehr dramatisch beschreibt, welche persönliche Erfahrung er selbst mit dem Widersacher gemacht hat. Nicht von der Begegnung in der Wüste spricht er, wo er zu Beginn seines öffentlichen Auftretens jene drei exemplarischen Versuchungen zu bestehen hatte, die uns zeigen sollten, dass man Versuchungen bestehen kann.

Das Wort von dem vom Himmel stürzenden Satan reicht in ferne Urzeiten zurück, als der Teufel, damals noch ein Engel, selber eine Versuchung präsentiert bekam, der er aber nicht widerstand.

Unsere von der Aufklärung so nachhaltig geprägte Zeit tut sich schwer mit den Engeln und erst recht mit den gefallenen Engeln. Viele Christen genieren sich, wenn Andersgläubige bei der Erwähnung der Engel oder der Teufel ein ironisches Lächeln aufsetzen. Also besser nicht davon sprechen. Vielleicht gibt es sie ja auch gar nicht.

Aber ein verkürztes Evangelium nützt niemandem. Vielleicht rächt es sich jetzt, dass viele Pfarrer über die Engel nie predigen, weder über die guten, noch über die bösen. Viele Christen sind daraufhin in den letzten Jahrzehnten zu den Esoterikern hinüber gewandert, weil sie dort von den Engeln hören. Und nicht immer nur Falsches.

Der Sturz des Satans muss eine gewaltige Tragödie gewesen sein. Luzifer war der schönste aller Engel, der Lichtträger, aber seine Größe stieg ihm zu Kopf. Er erlag der Versuchung der schlimmsten Sünde, nämlich des Hochmuts, und rief: “Non serviam!” Ich diene nicht.

Sein Sturz war ein plötzlicher. Er verlor mit einem Mal alle ihm von Gott verliehenen guten und schönen Eigenschaften (denn gut und schön war im Anfang das gleiche): seine lichtvolle Schönheit, sein majestätisches Auftreten, seine Anmut, und übrig blieben nur Hass und Hässlichkeit, Neid und Bosheit.

Mit ihm stürzten unbeschreiblich viele, die sich von ihm hatten verführen lassen. Sein Gegenspieler war der hl. Michael, sein Name bedeutet “Wer ist wie Gott?” Seine Demut hat den Stolz überwunden.

So steht am Anfang der Geschichte – noch bevor es Menschen gab – der Sturz der Engel. Die in der Treue zu Gott verbliebenen Engel wurden in der Gnade befestigt und in die beseligende Anschauung Gottes geführt. Und wer Gott schaut, kann nicht mehr sündigen.

Da die guten Engel Christus, den Logos, lieben, ist es ihnen ein Anliegen, seinem Wunsch entsprechend, uns Menschen zur Erlösung und damit zu den Freuden des Himmels zu begleiten. Genau wie Gott selber es tut, respektieren sie unseren freien Willen. Deshalb ist ihre Hilfe immer nur eine sozusagen beratende. Entscheiden müssen wir uns in jedem Augenblick selber.

Die gefallenen Engel, nunmehr Teufel, haben ein böses Interesse daran, die Menschen, von denen sie wissen, dass Gott sie liebt und sich für sie geopfert hat, von Gott abzubringen. Da in ihnen, den gefallenen Engeln, nichts Gutes mehr ist, gehen sie ganz in diesem vom Neid motivierten Bestreben auf. Verständlich, dass der Teufel die Verkündigung der Frohen Botschaft unbedingt verhindern will.

Das ist seit fast zweitausend Jahren so, und auch heute sind es nicht nur die schlechten Menschen und die falschen Ideen, die gegen das Reich Gottes kämpfen. Hinter ihnen stehen diese Gesellen, die mit ihrem seit so langer Zeit bewährten Arsenal von Versuchungen alles Böse kräftig fördern.

Das ist gut zu wissen. Dennoch möchte der Herr auch nicht, dass wir dem bösen Feind zuviel Aufmerksamkeit widmen. Deshalb erwähnt er ihn nur kurz. Beachten wir umso mehr die guten Engel, die uns viel mehr helfen könnten, wenn wir sie mehr darum bäten. Auch das hat mit der menschlichen Freiheit zu tun, dass die Himmlischen gewissermaßen nicht helfen können, wenn wir sie nicht bitten, denn wie sollen sie wissen, dass wir ihre Hilfe überhaupt wollen?

Aber dadurch, dass wir von den Aktivitäten der bösen Engel wissen und auch das Gegenmittel kennen, nämlich das Vertrauen auf die Hilfe Gottes, kommen wir besser damit zurecht und brauchen nichts zu fürchten. Das Wort “Gott mit uns” hilft uns unbedingt, uns den Menschen zu widmen, um dann festzustellen, dass sie so schlecht gar nicht sind. Es hilft uns, falsche Ideen zu entlarven und zu widerlegen.

Der Teufel ist der Vater der Lüge. Aber seine Macht hört da auf, wo die Menschen das Wort Jesu beherzigen: “Die Wahrheit wird euch frei machen”.

Bei alledem ist immer die Unbefleckte Jungfrau Maria die große Helferin. Für uns ist sie die liebevolle Mutter, für die Dämonen ein furchtbares Heer in Schachtordnung. Mit ihr kann uns nicht nur nichts passieren, mit ihr wird die Kirche auch heute auf die Menschen zugehen und ihnen die Freude Christi bringen.

Msgr. Dr. Peter von Steinitz war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den hl. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt“, „Leo – Allah mahabba“ (auch als Hörbuch erhältlich) und „Katharina von Ägypten“.

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Quelle

Italien: Die Michaelsgrotte auf dem Monte Gargano

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Erzengel Michael

Das Grab des heiligen Franziskus in Assisi, die Ganzkörperreliquie von Pater Pio in San Giovanni Rotondo oder die Heiligen Berge im Piemont und in der Lombardei – Italien bietet unzählige Pilgerorte. Weniger bekannt ist allerdings die Michaelsgrotte auf dem Monte Gargano in Apulien. Der Legende nach soll gegen Ende des 5. Jahrhunderts hier der Erzengel Michael erschienen sein. Doch was macht diese unterirdische Kirche so besonders? Radio Vatikan hat mit dem Direktor des Heiligtums, Pater Ladislao Suchy, gesprochen:

„Das ist die einzige Kirche, die nicht durch menschliche Hand gesegnet worden ist, sondern durch einen Gesandten Gottes, durch den heiligen Michael. Wir wissen alle, dass der heilige Michael nur ein Erzengel, ein Geist ist. Er hat keinen Körper wie wir Menschen. Doch so wie der heilige Erzengel Gabriel Maria erschienen ist und ihr die Empfängnis des Erlösers, Jesus Christus, verkündete, so hat auch der heilige Michael stets Fleisch angenommen, wenn er den Menschen erschien. Im Alten Testament finden wir das oft. Man denke nur an die Erscheinung von Josua oder an die Patriarchen. Sie alle begegneten dem heiligen Michael, der sich ihnen stets als Fürst der Himmelsscharen vorstellte.“

Zahlreiche Päpste und Heilige haben das Michaelsheiligtum auf dem Gargano schon besucht, darunter Thomas von Aquin, Franz von Assisi, Katharina von Siena und zuletzt der heilige Johannes Paul II. Gemeinsam ist allen, dass sie neben dem Erzengel Michael vor allem die Gottesmutter verehrten. Viele dem Erzengel geweihten Kirchen wurden im Mittelalter zu Marienkirchen. Der Erzengel Michael und Maria – das passt, findet Pater Ladislao:

„Denn in beiden Fällen wird die Dienstbarkeit des Menschen und aller Geschöpfe gegenüber Gott zum Ausdruck gebracht: dass Gott stets im Zentrum ist und das wir Seine Geschöpfe sind, die von Ihm alles erhalten. Und der Mensch darf sich, wie schon Maria durch ihr Fiat, ganz dem Willen Gottes unterstellen. Durch ihre Worte „Siehe, ich bin die Magd des Herrn. Mir geschehe, wie du gesagt hast“ ist sie sozusagen  Mit-Erlöserin der Welt geworden. Ähnlich ist es mit dem heiligen Michael: Stets hilft er den Menschen bei der eigenen Erlösung wie auch der Erlösung aller Menschen – mit der Demut der Engel, die bei Gott sind, ihn anbeten und sich freuen, weil sie bei Ihm die ganze Fülle des Glücks gefunden haben.“

Dennoch: Einen richtigen Pilgeransturm kann man auf dem Monte Gargano nicht unbedingt verzeichnen. Woran liegt das?

„Das Michaelsheiligtum ist in den letzten Jahrhunderten etwas in Vergessenheit geraten, vor allem nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, als einige theologische Kreise oder bestimmte Bibelwissenschaftler die Existenz der Engel zu leugnen begannen. Das war eine sehr schmerzhafte Phase in der Geschichte der Kirche. Obwohl es auch heute einige Stimmen gibt, die Engel als poetische Figuren oder höchstens als Teil der biblischen Literatur erkennen, die mit der Realität nichts zu tun haben. Und das ist nicht wahr. Und die heutige Theologie ist da zum Glück auch anders gesinnt. Das haben wir vor allem den zahlreichen Katechesen des heiligen Johannes Paul II. zu verdanken, der uns damit eine wundervolle Ausarbeitung über die Lehre von Engeln und von Gott hinterließ; Gott, der sowohl die sichtbare als auch die unsichtbare Welt geschaffen hat. Hier spielen die Engel eine sehr wichtige Rolle und unter ihnen besonders Erzengel Michael. Sowohl im Alten als auch im Neuen Testament tritt er als Beschützer des auserwählten Volkes und der Kirche auf.“

Der Besuch in dem Michaelsheiligtum sei etwas Besonderes, weil „sein Wesen greifbar“ werde und zwar geistig.

„Und das ist nicht einfach nur eine emotionale Erfahrung. Wenn jemand diesen Ort oft aufsucht, wird er innerlich berührt. Der heilige Michael macht also sein Versprechen wahr, dass alle, die hierher pilgern, im Geist und Herzen geheilt werden. Deswegen vollbringt der heilige Michael hier auch öfter innere als äußere Wunder. Viele Wandlungen des Herzens sind hier schon geschehen. Deshalb hat auch der heilige Pater Pio die Menschen ermutigt, erst die Michaelsgrotte aufzusuchen, ehe sie bei ihm die Beichte ablagen. Um eben mit der Hilfe des heiligen Michael die eigene Lebenssituation reflektieren zu können. Das Pilgern heute ist eine Fortsetzung des Pilgerns im 5., 6., 7. Jahrhundert. Ganze Menschenmassen kommen hierher. Darunter sind auch oft Menschen, die der Kirche fern sind und an nichts glauben. Hier widerfahren ihnen Wunder. Eine „innere Erleuchtung“ sozusagen. Ab hier beginnt für viele oft ein neues Leben: ein Leben auf der Suche nach Gott, der Wahrheit und Seiner Liebe.“

(rv 14.06.2016 mk)

Siehe auch:

DAS OPUS SANCTORUM ANGELORUM*

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Mit Datum vom 2. Oktober 2010 hat die Kongregation für die Glaubenslehre den Vorsitzenden der Bischofskonferenzen einen Rundbrief gesandt über die Vereinigung „Opus Angelorum“ (Engelwerk). Dieser wurde dann in L’Osservatore Romano vom 12. November 2010, S. 16, veröffentlicht. In diesem Brief informiert die Kongregation insbesondere über die Approbation des „Statuts des Opus Sanctorum Angelorum“ von Seiten der Kongregation für die Institute des geweihten Lebens und die Gesellschaften des apostolischen Lebens und über die Approbation der „Formel einer Weihe an die heiligen Engel“ für das Opus Angelorum von Seiten der Kongregation für die Glaubenslehre. Es scheint daher angebracht zu sein, die Spiritualität dieses Werkes der heiligen Engel kurz zu erklären. Es ist, so wie es sich heute darstellt, „ein öffentlicher Verein der Kirche in Übereinstimmung mit der überlieferten Lehre und den Weisungen der höchsten Autorität. Es verbreitet die Verehrung der heiligen Engel unter den Gläubigen, ruft zum Gebet für die Priester auf, fördert die Liebe zu Christus in seinem Leiden und die Verbundenheit mit ihm“ (Brief  der Kongregation für die Glaubenslehre).

Welche Spiritualität hat also diese Vereinigung? Und welchen Weg ist sie gegangen bis zum gegenwärtigen Status, auf den sich die Kongregation für die Glaubenslehre bezieht? Das Opus Sanctorum Angelorum ist in Innsbruck, Österreich, im Jahr 1949 entstanden. Frau Gabriele Bitterlich, Ehefrau und Mutter von drei Kindern, stand am Ursprung dieser Bewegung. Ab dem Jahr 1949 entwickelte sich in ihr immer klarer ein persönliches Bewusstsein, dass der Herr Jesus Christus will, dass die Gläubigen mehr die heiligen Engel verehren und anrufen und sich ihrer machtvollen Hilfe öffnen. Als authentische Christin hat sie jedoch immer erklärt, dass sie sich in allem der Autorität der Kirche unterwirft. In jenen Jahren war diese Autorität der Bischof von Innsbruck, Dr. Paulus Rusch, mit dem sie immer in Kontakt blieb. Ab dem Jahr 1961 hat sich das Opus Angelorum in verschiedene Länder der Welt ausgebreitet. Somit war es seit dem Jahr 1977 die höchste Autorität der Kirche, welche die besonderen Lehren und Praktiken des Opus Angelorum untersucht hat.

Mit der Approbation der Bewegung hat die Kirche die grundlegende Gültigkeit der Gründerintuition von Frau Bitterlich anerkannt, wobei sie jedoch andererseits im Gesamten ihres beträchtlichen Schrifttums auch verschiedene Lehren, und zwar insbesondere „Theorien … über die Welt der Engel, ihre persönlichen Namen, ihre Gruppen und Aufgaben“, die „der Hl. Schrift und der Überlieferung fremd sind und daher nicht als Grundlage für die Spiritualität und Aktivität von kirchlich anerkannten Vereinigungen dienen können“[1], festgestellt hat. Da das Opus Angelorum der Kirche gehorcht und diese Lehren und ihre praktischen Konsequenzen aufgegeben hat, stellt es sich heute ganz zu Recht dar als eine kirchliche Bewegung, die gerufen ist, mit dem ihr eigenen Charisma an der Verkündigungs- und Heilssendung der Kirche mitzuwirken.

Die Grundlage seiner Spiritualität ist also das Wort Gottes, das sich in der Hl. Schrift und in der lebendigen Überlieferung der Kirche befindet, welche vom Lehramt authentisch ausgelegt werden. Eine Zusammenfassung der Lehre des Lehramts über die Welt der Engel befindet sich im Katechismus der Katholischen Kirche (s. KKK 328-336, 350-352).

Dort liest man in erster Linie: „Daß es geistige, körperlose Wesen gibt, die von der Heiligen Schrift für gewöhnlich ‚Engel’ genannt werden, ist eine Glaubenswahrheit“ (KKK 328). „Ihrem ganzen Sein nach sind die Engel Diener und Boten Gottes. Weil sie ‚beständig das Antlitz meines Vaters sehen, der im Himmel ist’ (Mt 18,10), sind sie ‚Vollstrecker seiner Befehle, seinen Worten gehorsam’ (Ps 103,20)“ (KKK 329). Sie „sind personale und unsterbliche Wesen“ (KKK 330).

Jesus Christus ist nicht nur die Mitte der Menschen, sondern auch der Engel: „Christus ist das Zentrum der Engelwelt. Es sind seine Engel … Sie sind sein, weil sie durch ihn und auf ihn hin erschaffen sind … Sie sind erst recht deshalb sein, weil er sie zu Boten seines Heilsplanes gemacht hat“ (KKK 331). „Sie sind da, seit der Welterschaffung und im Laufe der ganzen Heilsgeschichte; sie künden von ferne oder von nahe das Heil an und dienen dem göttlichen Plan, es zu verwirklichen“ (KKK 332). Deshalb bezieht sich dieser Dienst auf das menschgewordene Wort selbst und auf seinen Leib auf Erden, die Kirche. „Von der Menschwerdung bis zur Himmelfahrt ist das Leben des fleischgewordenen Wortes von der Anbetung und dem Dienst der Engel umgeben. … Sie beschützen Jesus im Kindesalter, dienen ihm in der Wüste, stärken ihn in der Todesangst, und sie hätten ihn auch – wie einst Israel – aus der Hand der Feinde retten können. Die Engel sind es auch, die „evangelisieren“ (Lk 2, 10), indem sie die frohe Botschaft der Menschwerdung und der Auferstehung Christi verkünden. Bei der Wiederkunft Christi, die sie ankündigen, werden sie ihn begleiten und ihm bei seinem Gericht dienen“ (KKK 333).

„Bis zur Wiederkunft Christi kommt die geheimnisvolle, mächtige Hilfe der Engel dem ganzen Leben der Kirche zugute“ (KKK 334). „In ihrer Liturgie vereint sich die Kirche mit den Engeln, um den dreimal heiligen Gott anzubeten; sie bittet um deren Beistand und feiert insbesondere das Gedächtnis gewisser Engel (der heiligen Michael, Gabriel und Raphael und der heiligen Schutzengel)“ (KKK 335).

„Von seinem Beginn bis zum Tod umgeben die Engel mit ihrer Hut und Fürbitte das Leben des Menschen. ‚Einem jeden der Gläubigen steht ein Engel als Beschützer und Hirte zur Seite, um ihn zum Leben zu führen’ (Basilius, Eun. 3,1). Schon auf dieser Erde hat das christliche Leben im Glauben an der glückseligen Gemeinschaft der in Gott vereinten Engel und Menschen teil“ (KKK 336). Zu Recht gilt demnach: „Die Kirche verehrt die Engel, die der Kirche auf ihrem irdischen Pilgerweg beistehen und jeden Menschen beschützen“ (KKK 352).

Die Besonderheit der Vereinigung Opus Sanctorum Angelorum besteht darin, dass ihre Mitglieder die Verehrung der heiligen Engel zu der vollen Entfaltung führen, die sich in einer „Weihe an die heiligen Engel“ bekundet und konkretisiert, so ähnlich wie sich dies in der Kirchengeschichte gezeigt hat bei der Verehrung des Heiligsten Herzens Jesu und des Unbefleckten Herzens Mariens (Weihe an das Herz Jesu und das Herz seiner Mutter).

Durch die Weihe an den Schutzengel tritt man in das Werk der heiligen Engel ein. Die Weihe an die heiligen Engel wird von denjenigen Mitgliedern abgelegt, die sich mehr für die geistlichen Ziele der Bewegung einsetzen wollen. Diese Weihe wird als ein Bündnis des Gläubigen mit den heiligen Engeln verstanden, als ein bewusster und ausdrücklicher Akt des Anerkennens und Ernstnehmens ihrer Sendung und Stellung in der Heilsökonomie. Wie viele Spiritualitäten ihre kennzeichnenden Ausdrücke haben, zum Beispiel das „Totus tuus“von Papst Johannes Paul II., so könnte man die Spiritualität der Weihe an die heiligen Engel im Opus Angelorum kennzeichnen mit den Worten „cum sanctis angelis“, das heißt, „mit den heiligen Engeln“ oder  „in Gemeinschaft mit den heiligen Engeln“.

Tatsächlich besteht im Glauben und in der göttlichen Liebe die Möglichkeit eines „Zusammenlebens“ der Gläubigen mit den heiligen Engeln als wahren Freunden[2] und somit auch einer innigen geistigen Zusammenarbeit mit ihnen im Hinblick auf die Ziele des Heilsratschlusses Gottes in Bezug auf alle Geschöpfe[3], zumal die Mitwirkung der heiligen Engel bei allen unseren guten Werken garantiert ist[4].

Dieses geistige Zusammenleben und Zusammenarbeiten der Gläubigen mit den heiligen Engeln, was gerade – gemäß dem oben erwähnten Statut – die „Natur“ (Wesen) des Opus Angelorum ausmacht, erfordert natürlich nicht nur den Glauben und die Liebe zu den heiligen Engeln – in erster Linie zum eigenen Schutzengel –, sondern auch die kluge Anwendung der Kriterien zur „Unterscheidung der Geister“. Hierzu ist die folgende Erklärung angebracht, die im Kompendium des Katechismus der Katholischen Kirche zu finden ist[5]: „Wie in der Vision von der Jakobstreppe – ‚auf ihr stiegen Engel Gottes auf und nieder’ (Gen 28,12) – sind die Engel unermüdlich tätige Boten, die Himmel und Erde miteinander verbinden. Zwischen Gott und den Menschen gibt es nicht Schweigen oder Sprachunfähigkeit, sondern ständigen Dialog, unaufhörliche Mitteilung. Als Empfänger dieser Mitteilung müssen die Menschen ihr geistiges Ohr schärfen, um die Stimme der Engel zu hören und ihre Sprache zu verstehen. So werden sie zu guten Worten, heiligen Gesinnungen, Taten der Barmherzigkeit, liebevollem Verhalten und aufbauenden Beziehungen angeregt.“

Das Opus Angelorum baut auf der vorbehaltlosen Bereitschaft auf, Gott mit der Hilfe der heiligen Engel zu dienen, und hat zum Ziel die Erneuerung des geistlichen Lebens in der Kirche mit ihrer Hilfe in den Grundrichtungen der Anbetung, Betrachtung, Sühne undSendung (Apostolat).

Die Hilfe der Engel und das Einssein der Menschen mit ihnen ermöglichen diesen, den Glauben besser zu leben und ihn auch kraftvoller und überzeugter zu bezeugen. Die heiligen Engel schauen nämlich immerfort das Angesicht Gottes (vgl. Mt 18,10) und leben in beständiger Anbetung. Demnach können sie auf besonders wirksame Weise die Gläubigen erleuchten, die sich bewusst ihrem Wirken öffnen. Diesen helfen sie, im Glauben die göttlichen Geheimnisse zu betrachten, nämlich Gott selbst und seine Werke (theologia undoikonomia[6]), so in der Erkenntnis und Liebe Gottes zu wachsen, in der Gegenwart Gottes zu verbleiben und eine besonders ehrfürchtige und liebende Anbetung zu verwirklichen, womit sie sich der größeren Verherrlichung Gottes hingeben.  Die Anbetung, besonders die eucharistische Anbetung, nimmt daher im Opus Angelorum den ersten Platz ein.

Wie der Herr Jesus Christus selbst vom himmlischen Vater durch einen Engel gestärkt wurde, um das Erlöserleiden auszuhalten (s. Lk 22,43), so vertrauen die Mitglieder des Opus Angelorum auf die Hilfe der heiligen Engel, um Christus nachzufolgen mit der sühnenden Liebe für die Heiligung und Rettung der Seelen, und besonders für die Priester. Deshalb gibt es im Opus Angelorum auch die fromme Übung der „Passio Domini“, das heißt, eine wöchentliche Gebetszeit (Donnerstagabend und Freitagnachmittag), in der die Mitglieder sich geistig mit dem Erlöser im Geheimnis seiner rettenden Passion vereinen. Der gekreuzigte und auferstandene Christus ist in der Tat die Mitte sowohl der Menschen als auch der heiligen Engel.

Mit der Approbation des Opus Angelorum hat die Kirche einer Bewegung den Segen gegeben, die zwar sicherlich durch eine besondere Verehrung der heiligen Engel gekennzeichnet ist, aber auch und wesentlich – den charakteristischen Eigenschaften der Engel entsprechend – durch eine unbedingte Ausrichtung auf Gott und seinen Dienst, auf Christus den Erlöser, auf das Kreuz, die Eucharistie, zur Ehre Gottes und für die Heiligung und Rettung der Seelen. Das lebendige Bewusstsein der Gegenwart und geheimnisvollen, mächtigen Hilfe der heiligen Engel, Gottes Diener und Boten, ist wahrhaftig geeignet die Gläubigen anzuspornen, sich vertrauensvoll der ersten und wesentlichen Sendung der Kirche zu widmen: das Heil der Seelen zur Ehre Gottes.

 

* L’Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nummer 15, 15. April 2011, S. 9.

 


[1] Siehe Dekret Litteris diei der Kongregation für die Glaubenslehre, vom 6. Juni 1992.

[2] Siehe Thomas von Aquin, Summa Theologiae II-II, q. 25, a. 10; q. 23, a. 1, ad 1.

[3] Siehe Eph 1,9-10; Kol 1,15-20; Joh 12,32; 17,21-23; Offb 10,7; 19,6-9.

[4] Siehe KKK 350: „“Bei allen unseren guten Werken wirken die Engel mit“ (Thomas v. A., s. th. 1,114, 3 ad 3).“

[5] S. 212: Kommentar zu einem auf der vorausgehenden Seite abgebildeten Bild von Jan Van Eyck.

[6] Siehe KKK 236.

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Quelle

Heute, 24. Oktober, ist das Fest des Heiligen Erzengels RAPHAEL (gem. Liturgischem Kalender 1962)

archangel_raphael

Lesen Sie dazu (nochmals) den Bericht:
DAS SCHUTZENGEL-WUNDER VON CUSCO (Peru)!

GOTT,
Du hast den heiligen Erzengel Raphael
Deinem Diener Tobias als Wegbegleiter gegeben;
lass auch uns, Deine Diener, durch seine Hand und Hilfe
allzeit geborgen und sicher sein,
durch unsern Herrn
JESUS CHRISTUS,
Deinen Sohn, Der mit Dir lebt und herrscht
in der Einheit des Heiligen Geistes,
GOTT,
von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Amen.

Das Schutzengelwunder von Cusco (Peru)

Schutzengelwunder Cusco

Das Schutzengelwunder von Cusco (Peru)

Dies hat Pater Ernst Fischer, geboren am 23.7.1914 in München, der den «Söhnen» Don Boscos, dem Salesianerorden angehörte, selber erlebt. Er wurde am 2.12.1945 in Chile zum Priester geweiht und wirkte 30 Jahre lang in Südamerika. Er berichtet: Es war am 24. Okto­ber 1941, am Vorabend des Festes des grossen Liebesengels und Reisebegleiters, des heiligen Erzengels Raphael. Damals war ich in Lima in unserem Oratorium Präfekt der Knabenschu­le. Wir hatten eine 40 Mann starke Blasmusik­gruppe, die am Eucharistischen Kongress in Cuero in den Anden teilnehmen sollte.

Von Jokai aus mussten wir den Gebirgspass zum Inkatal nach Cusco überqueren. Mit den 40 India­nerbuben hatten wir uns vorbereitet und sassen mit dem Dirigenten und seiner Frau im grossen Bus. Diese hatte noch ein drei Monate altes Baby bei sich. Es brauchte natürlich eine entsprechende Ausbildung für unsere Musikanten, um mit dem grossen Bassinstrument bis zur Trompete und Trommel umgehen zu können. Doch sie waren flink und begabt. Alle diese Musikinstrumente hatte man auf dem Dach des grossen Busses ver­staut. Ein Bub wollte sich von seiner Flöte nicht trennen und nahm sie mit in den Bus.

Vor der Abfahrt hatten wir alle zusammen zum Heiligen Erzengel Raphael gebetet. Es war, wie erwähnt, am Vorabend seines Festes am 24. Ok­tober. Er ist ja der Schützer für eine gute Reise. Dann sind wir eingestiegen und losgefahren. Ohne dass wir es vorher wussten, wurde unse­rem Bus ein waghalsiger Fahrer zugeteilt. Den nannten sie den «Teufel der Anden». Denn er schaffte die Strecke in der Abfahrt vom Pass in nicht viel mehr als 15 Minuten, während alle an­deren Fahrer dafür 45 Minuten brauchten. Auf der genügend breiten Strasse verschaffte er sich die Überholung der vor ihm fahrenden Autos mit ständigem Hupen. Der Höhenunterschied beträgt gegen 900 Meter mit sehr vielen Kurven. Bei der Abfahrt von der Hochebene war bei der Polizeikontrolle eben sein Kollege vor uns ab­gefertigt worden. Der Beamte hatte ihn schon mehrmals durchgelassen. Als wir von der Polizei­station entferntwaren, fing unser Chauffeur wie­der an zu hupen. Sein Kollege vor ihm wollte ihm zuerst das Überholen verwehren, weil er die Entfernung falsch einschätzte. Bei dem Tempo unseres Wagens jedoch war kein Anhalten mehr möglich, und unser Bus überschlug sich sieben­mal die steile Böschung hinunter, wie hinter uns Fahrende bezeugten. Wir waren mit 80 km/h ge­fahren. Der Absturz unseres Busses vollzog sich vor den Augen der zahlreichen hinter uns Fah­renden. Auch die Polizei folgte gleich nach.

Bei dem Sturz war ich auf der Seite des Chauf­feurs gesessen. Sechs Sitze hinter mir sass die Frau mit dem Säugling und ihrem Gatten, dem Kapellmeister. Der Wagen landete auf dem alten Weg, nur weiter unten. Dann hörte ich nur die Polizei rufen: «Holt die Toten heraus!» Die Schüler hatten bereits die Scheiben eingeschla­gen, um ins Freie zu kommen. Es war zuvor to­tenstill, als die Frau einen Schrei ausstiess: «Wo ist mein Kind, das ich zuvor in meinen Armen hielt? Mein Kind!!!» Und siehe da, das Kind be­fand sich geschützt in meinem Mantel. Weder ihm noch irgendeinem der Buben, noch dem Ehepaar ist das Geringste passiert.

Einzig die zum Ausstieg zerschlagenen Fenster und die zerbeulte Flöte des ängstlichen Buben waren beschädigt, während sämtliche Instru­mente auf dem Dach ohne jeden Schaden blieben. Der Bus wurde wieder auf die Räder gestellt und das ausgelaufene Dieselöl nachge­füllt, so konnte der gleiche Bus allerdings mit einem anderen Fahrer und einigen defekten Scheiben die Fahrt fortsetzen.

Als der Reporter Bonaventura Meyer aus Trim­bach einwendete, dass diese Erzählung nie­mand glauben würde, erklärte Pater Fischer: «Wir konnten alle unversehrt weiterfahren. Die Kunde davon hatte sich schon vor unse­rer Ankunft in Cusco verbreitet. Mit unglaub­licher Freude zogen wir winkend in die von jubelnden Menschen umsäumte Kirche. Mit einem Lobgesang der Priester wurden wir vom Bischof empfangen. Die Leute riefen: «Schaut das Wunderauto, schaut das Wunderauto!» Die Presse verbreitete das Geschehene im gan­zen Land und auch im Ausland. Der Bischof von Kasch sagte mir folgendes: «Wenn man das nicht als Wunder annimmt, würde man vom Herrgott verlangen, dass ihr alle getötet und gleich wieder auferstanden wäret!» Das hat sich so abgespielt. Der heilige Erzengel Rapha­el, dem wir unserer Reise empfohlen hatten, hat uns auf wunderbare Weise gerettet. In grösster Dankbarkeit gegen Gott konnte Bischof Alvares zusammen mit unseren Musikanten den Eucha­ristischen Kongress durchführen.

So hat sich an uns das Wort aus dem 90 (91). Psalm, 11-12, buchstäblich verwirklicht: «Gott hat seinen Engeln deinetwegen befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen. Sie tragen dich auf ihren Händen, damit dein Fuss nicht an einen Stein stösst.»

Pater Fischer starb am 16.6.1989 in Gossau, im Schweizer Kanton St. Gallen.

Aus: «Gott wirkt Wunder ohne jemanden zu fragen», Guido Becker, SJM Verlag, 0049 821 34 32 25 11, post@sjm-verlag.de

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Quelle: Katholische Wochenzeitung, 11. September 2015 Nr. 37

Siehe auch: