Ernest Simoni: Der Märtyrer-Kardinal aus Albanien

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Der albanische Priester und bald Kardinal Ernest Simoni

Er ist einer der wohlverdienten Kleriker, den der Papst am Samstag in den Kardinalsstand heben wird, und er kommt sozusagen „vom Rande Europas“ in den Vatikan: der albanische Priester Ernest Simoni Troshani. Der heute 87-jährige Albaner erlebte im Kommunismus Jahrzehnte der Unterdrückung, saß im Gefängnis und leistete Zwangsarbeit ab. Sein Zeugnis bewegte den Papst, der Albanien im September 2014 besuchte. Simoni trug damals in der Paulus-Kathedrale von Tirana vor.

Bereit, für den Glauben zu sterben

Es war der 24. Dezember 1963, als die Häscher des „ersten atheistischen Staates der Welt“ den jungen Priester in Nordalbanien festnahmen. Er feierte gerade die Weihnachtsmesse im Dorf Barbullush südlich der Stadt Shkoder, aus der Region kamen viele der katholischen Märtyrer, die sich dem Regime damals widersetzten: „Sie legten mir Handschellen an, banden mir die Hände hinter dem Rücken zusammen und trieben mich mit Fußtritten in ihr Auto. Aus der Kirche brachten sie mich in eine Zelle, wo ich drei Monate unter menschenunwürdigen Bedingungen verbrachte. Gefesselt brachten sie mich zum Verhör. Ihr Anführer sagte mir: ,Du wirst als Feind erhängt, denn du hast dem Volk gesagt, dass wir alle für Christus werden sterben, wenn es nötig ist.‘ Sie zogen die Eisen an meinen Händen so sehr an, dass mein Herzschlag aufhörte und ich fast starb. Sie wollten, dass ich gegen die Kirche und deren Hierarchie aussagte. Ich habe das nicht akzeptiert. Nach der Folter war ich fast tot. Als sie mich so sahen, ließen sie mich frei. Der Herr wollte, dass ich weiterlebte.“

Schuften in der Hölle

Simonis Todesurteil wurde damals in Zwangsarbeit umgewandelt, 18 Jahre lang musste er als Mienenarbeiter schuften, tauchte buchstäblich ab in die Hölle. Über diese Grenzerfahrung berichtete der  Priester im Kontext des Papstbesuches in Tirana im Interview mit Radio Vatikan: „Das war bis zu 500 Metern unter der Erde, wo ich graben musste. Dort hat uns Gott jeden Tag vor dem Tode bewahrt, denn die Miene war nicht ausgerüstet oder abgesichert, es gab giftige Dämpfe und Wasser, das mit Schwefelsäure vermischt war – doch Gott hat uns alle gerettet.“

Um sich und andere zu schützen, isolierte er sich, kaum sprach er mit anderen Gefangenen. Kraft gab ihm das Gebet, so der Priester, einige im Lager hätten ihn für verrückt erklärt, sagt P. Simoni und – er lacht: „Das ist die Gnade Gottes. Ich habe mich nie beschwert, ich immer Hoffnung in Jesu Worte gesetzt: ich werde bei euch sein, bis zum Ende. Ich betete den Rosenkranz, und die anderen nicht-katholischen Gefangen wunderten sich manchmal, dachten wohl, ich sei verrückt geworden und würde mit mir selber sprechen.“

Verrückt zu werden – wohl das Naheliegendste unter solchen Umständen. Nicht so Pater Simoni: „Denn Jesus lebt mit all jenen, die ihn lieben.“

Nach fast zwei Jahrzehnten wurde Pater Simoni 1981 aus der Gefangenschaft entlassen, er hatte überlebt. Er musste fortan als Kanalarbeiter arbeiten und wurde weiter ständig überwacht. Seinen Glauben konnte er auch in den 80er Jahren nur im Untergrund praktizieren, erst mit dem Fall des kommunistischen Regimes im Jahr 1990 konnte er in Albanien wieder offen für die katholische Kirche wirken. So schlichtete er etwa seitdem vielfach Familienfehden, die in Albanien häufig blutig enden.

Sein Zeugnis bewegte den Papst

Es war im September 2014, als der Papst auf Simoni aufmerksam wurde. Die Abgründe der Religionsverfolgung in Albanien waren für Franziskus, so hat er das selbst gesagt auf seiner Albanien-Reise, „eine Überraschung“: „Ich wusste nicht, dass euer Volk so gelitten hat“, so der Papst wörtlich bei einer Vesperfeier mit Priestern, Orden und Laien in Tirana. Zwei Jahre später, im Oktober 2016, gab der Papst bekannt, Pater Ernest Simoni in den Kardinalsstand heben zu wollen. Papstwähler wird der über 80-Jährige nicht sein, eines aber hat er schon getan, was eines Kardinales würdig ist: sein Blut gegeben für die Kirche.

(rv 17.11.2016 pr)

Albanischer Priester, der den Papst zu Tränen rührte, wird nun Kardinal

 

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Pope Francis embraces Fr Ernest Simoni during a visit to Albania in 2014 (CNS)

Der albanische Priester, dessen Zeugnis den Papst im Jahr 2014 zu Tränen rührte, ist einer der 17 internationalen Bischöfe, die Papst Franziskus am 19. November zu Kardinälen ernennen wird.

Pater Ernest Troshani Simon (88) ist einer der letzten Überlebenden der schrecklichen Verfolgung unter den Kommunisten in Albanien. Als der Heilige Vater das Land im Jahr 2014 besuchte, traf er auch den alten Priester und hörte seine Geschichte. Sichtlich bewegt von der Lebensgeschichte des Geistlichen umarmte ihn Franziskus damals.

Pater Simoni war im Dezember 1944 ein junger Seminarist, als das kommunistische Regime in Albanien an die Macht kam. Die atheistischen Machthaber wollten den Glauben und jede Religion vollends ausmerzen. Priester wie Laien wurden „verhaftet, gefoltert und ermordet, sieben Jahre lang – sie vergossen das Blut der Gläubigen, von denen einige riefen ‚Lang lebe Christus der König‘ kurz bevor sie erschossen wurden.“

Im Jahr 1948 erschossen die Kommunisten die franziskanischen Oberen von Pater Simoni. Dieser studierte heimlich weiter und wurde später zum Priester geweiht.

Vier Jahre später stellten die Machthaber die überlebenden Geistlichen vor eine Wahl: Wer sich vom Papst und der Kirche distanziert, kommt frei. Pater Simoni und seine Mitbrüder lehnten ab.

Am 14. Dezember 1963, als er gerade eine heilige Messe gefeiert hatte, überreichten ihm vier Beamte einen Haftbefehl – und sein Todesurteil. Sie legten ihm Handschellen an und führten ihn ab.

Im Verhör sagen ihm die kommunistischen Handlanger, dass sie ihn hängen werden, als Feind, weil er dem Volk sagte: „Wenn notwendig, werden wir alle für Christus sterben“.

Die Kommunisten folterten den katholischen Priester schwer, doch, wie er selber sagt, „der Herr wollte mich am Leben erhalten“.

„Die Göttliche Vorsehung sah vor, dass mein Todesurteil nicht sofort ausgeführt wurde. Sie brachten mir einen anderen Gefangenen in die Zelle, einen guten Freund, um mich auszuspionieren. Er fing an, die Partei zu kritisieren“, erinnerte sich Pater Simoni.

„Ich antwortete, dass Christus uns gelehrt habe, unsere Feinde zu lieben, ihnen zu verzeihen und wir immer das Gute im Menschen suchen sollten. Diese Worte hörte auch der Dikator, der mich, wenige Tage später, von meinem Todesurteil freisprach“, erklärte der Priester.

Statt dessen wurde Pater Simoni zu 28 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Während dieser Zeit feierte er heimlich die heilige Messe, hörte Beichte und verteilte die Kommunion.

Erst als das kommunistische Regime gestürzt wurde und Religionsfreiheit eingeführt, kam Pater Simoni frei.

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Quelle

Papst Franziskus in der Kathedrale von Tirana (Albanien) am 21. September 2014

APOSTOLISCHE REISE VON PAPST FRANZISKUS
NACH TIRANA (ALBANIEN)

VESPERFEIER MIT PRIESTERN, ORDENSLEUTEN,
SEMINARISTEN UND LAIENBEWEGUNGEN

ANSPRACHE VON PAPST FRANZISKUS

Kathedrale von Tirana
Sonntag, 21. September 2014

Video

 

Liebe Brüder und Schwestern,

es ist für mich eine Freude, euch in eurem geschätzten Land zu begegnen. Ich danke dem Herrn und danke euch allen für euren Empfang! Da ich mitten unter euch bin, kann ich euch meine Nähe zu eurem Einsatz für die Evangelisierung besser zum Ausdruck bringen.

Seit euer Land die Diktatur hinter sich gelassen hat, haben die kirchlichen Gemeinschaften ihren Weg und die Organisation ihrer pastoralen Tätigkeit wiederaufgenommen und blicken hoffnungsvoll in die Zukunft. Ich denke voll Dankbarkeit an jene Hirten, die mit einem teuren Preis die Treue zu Christus und die Entscheidung, mit dem Nachfolger Petri vereint zu bleiben, bezahlt haben. Sie waren mutig in der Mühsal und in der Prüfung! Unter euch sind noch Priester und Ordensleute, die Kerker und Verfolgung erlebt haben, wie die Ordensschwester und der Mitbruder, die uns ihre Geschichte erzählt haben. Mit Ergriffenheit umarme ich euch und preise Gott für euer treues Zeugnis, das die ganze Kirche anspornt, mit Freude die Verkündigung des Evangeliums voranzubringen.

Wenn die Kirche in Albanien eine solche Erfahrung beherzigt, kann sie im Missionseifer und im apostolischen Mut wachsen. Ich kenne und schätze den Einsatz, mit dem ihr euch neuen Formen der „Diktatur“ entgegenstellt, die das Risiko mit sich bringen, Personen und Gemeinschaften zu versklaven. Wenn das atheistische Regime den Glauben zu ersticken versuchte, können diese hinterlistigeren Diktaturen die Liebe ersticken. Ich denke an den Individualismus, an übertriebene Rivalitäten und die Auseinandersetzungen: das ist eine weltliche Mentalität, die auch die christliche Gemeinschaft anstecken kann. Es hilft nicht weiter, sich angesichts dieser Schwierigkeiten entmutigen zu lassen. Habt keine Angst, weiterzugehen auf der Straße des Herrn. Er ist immer an eurer Seite, er schenkt euch seine Gnade und hilft euch, einander zu unterstützen, euch voll Verständnis und Barmherzigkeit so anzunehmen, wie ihr seid, und die brüderliche Gemeinschaft zu pflegen.

Die Evangelisierung ist wirkungsvoller, wenn sie in Einheit der Ziele und in einer aufrichtigen Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen kirchlichen Einrichtungen und zwischen den Missionaren und dem Ortsklerus durchgeführt wird. Dies bringt den Mut mit sich, in der Suche nach Formen einer gemeinsamen Arbeit und einer gegenseitigen Hilfe auf den Gebieten der Katechese, der katholischen Erziehung wie auch der Förderung des Menschen [human promotion] und der Nächstenliebe fortzufahren. In diesen Bereichen ist auch der Beitrag der kirchlichen Bewegungen wertvoll, die in Gemeinschaft mit den Hirten und untereinander zu planen und zu handeln wissen. Und das sehe ich hier: Bischöfe, Priester, Ordensleute und Laien – eine Kirche, die in Brüderlichkeit und Einheit ihren Weg gehen will.

Wenn die Liebe zu Christus über alles gestellt wird, auch über die berechtigten besonderen Bedürfnisse, dann werden wir fähig, aus uns herauszugehen, aus unserer persönlichen „Kleinheit“ oder der „Kleinheit“ der Gruppe und zu Jesus zu gehen, der uns in den Brüdern entgegenkommt. Seine Wunden sind heute noch sichtbar auf dem Leib vieler Männer und Frauen, die Hunger und Durst haben, die gedemütigt werden, die im Gefängnis oder im Krankenhaus sind. Und gerade wenn wir in Liebe diese Wunden berühren und heilen, ist es möglich, das Evangelium bis zum Letzten zu leben und den lebendigen Gott mitten unter uns anzubeten.

Vielen Problemen tretet ihr tagtäglich gegenüber! Sie treiben euch an, mit Leidenschaft in eine großmütige apostolische Aktivität einzutauchen. Trotzdem wissen wir, dass wir allein nichts tun können. „Wenn nicht der Herr das Haus baut, müht sich jeder umsonst, der daran baut“ (Ps 127,1). Dieses Bewusstsein ruft uns dazu auf, dem Herrn jeden Tag den rechten Raum zu geben, ihm Zeit zu widmen, ihm das Herz zu öffnen, auf dass er in unserem Leben und in unserer Sendung handle. Das, was der Herr hinsichtlich des vertrauensvollen und beständigen Gebets verheißt, übertrifft das, was wir uns vorstellen (vgl. Lk 11,11-12). Außer dem, was wir erbitten, gibt er uns auch den Heiligen Geist. Die kontemplative Dimension wird inmitten der dringlichsten und drückendsten Aufgaben unerlässlich. Und je mehr die Mission uns ruft, an die existentiellen Ränder zu gehen, umso mehr verspürt unser Herz das innerste Bedürfnis, mit dem geeint zu sein, was zu Christus gehört, voll Barmherzigkeit und Liebe.

Wenn man bedenkt, dass es immer noch nicht genug Priester und Ordensleute gibt, wiederholt der Herr heute auch euch gegenüber: „Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter. Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden“ (Mt 9,37-38). Man darf nicht vergessen, dass dieses Gebet in einem Blick seinen Ursprung hat: dem Blick Jesu, der die Überfülle der Ernte sieht. Haben auch wir diesen Blick? Können wir die Überfülle der Früchte sehen, die die Gnade Gottes hat wachsen lassen, und die Arbeit, die es auf dem Feld des Herrn zu tun gibt? Von diesem Blick des Glaubens auf das Feld Gottes entsteht das Gebet, das tägliche und eindringliche Flehen um Priester- und Ordensberufungen. Ihr, liebe Seminaristen, und ihr, liebe Postulanten und Novizen, seid Frucht dieses Gebets des Volkes Gottes, das eurer persönlichen Antwort immer vorausgeht und sie begleitet. Die Kirche in Albanien braucht eure Begeisterung und eure Großherzigkeit. Die Zeit, die ihr heute einer soliden spirituellen, theologischen, gemeinschaftlichen und pastoralen Ausbildung widmet, ist fruchtbar, um morgen dem Volk Gottes angemessen zu dienen. Mehr als Lehrer suchen die Menschen Zeugen: demütige Zeugen der Barmherzigkeit und der Zärtlichkeit Gottes; Priester und Ordensleute, die Jesus, dem Guten Hirten gleichgestaltet sind und fähig, allen die Liebe Christi zu vermitteln.

So will ich zusammen mit euch und mit dem ganzen albanischen Volk Gott für viele Missionare und Missionarinnen danken, deren Wirken für das Wiederaufblühen der Kirche in Albanien maßgebend war und auch heute von großer Bedeutung bleibt. Sie haben beträchtlich dazu beigetragen, das geistliche Erbe zu festigen, das Bischöfe, Priester, Personen des geweihten Lebens und albanische Laien inmitten der harten Prüfungen und Bedrängnisse bewahrt haben. Denken wir an die große Arbeit, die von den Ordensinstituten für den Aufschwung der katholischen Erziehung geleistet wurde: diese Arbeit verdient anerkannt und unterstützt zu werden.

Liebe Brüder und Schwestern, lasst euch angesichts der Schwierigkeiten nicht entmutigen. Gebt auf den Spuren eurer Väter beharrlich Zeugnis für Christus und geht „zusammen mit Gott der Hoffnung entgegen, die nicht zugrunde gehen lässt“. Fühlt euch auf eurem Weg immer von der Liebe der ganzen Kirche begleitet und unterstützt. Ich danke euch von Herzen für diese Begegnung und vertraue jeden von euch, eure Gemeinschaften, die Pläne und Hoffnungen der heiligen Muttergottes an. Ich segne euch von Herzen und bitte euch, für mich zu beten.

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Quelle

Zur Papstreise nach Albanien, Tirana, am 21.9.2014

Ein intensiver Tag in Tirana

Auch wenn sie nur einen Tag dauert – die Reise von Papst Franziskus nach Albanien am kommenden Sonntag wird seine erste offizielle Europareise sein, genauer: die erste ins nicht-italienische Europa. Geplant sind zwei Hauptakzente: die Ehrung der Märtyrer während des kommunistischen Regimes und, zweitens, der interreligiöse Dialog. Vatikansprecher Federico Lombardi erläuterte das Reiseprogramm am Montag vor Journalisten in Rom.

„Der atheistische Kommunismus hat die Katholiken einer furchtbaren Verfolgung ausgesetzt; Albanien sah sich selbst als erster atheistischer Staat der Welt, der Atheismus wurde sogar in der Verfassung festgeschrieben. Das ist ein erstes Motiv für die Reise. Das zweite hat der Papst selbst bei seiner Rückkehr von der Reise nach Korea (Mitte August) genannt: Es liegt ihm sehr am Herzen, zu einem Klima guten interreligiösen Zusammenlebens zu ermuntern. Die Koexistenz der verschiedenen Konfessionen und Religionen in Albanien soll eine Botschaft auch für andere Länder, für andere Teile der Welt sein.“

„Keine Drohungen oder spezifische Risiken“

Insgesamt sechs Ansprachen wird der Papst in der albanischen Hauptstadt Tirana halten – alle auf italienisch, wie Jesuitenpater Lombardi präzisierte. Höhepunkte des albanischen Sonntags werden die Messe im Stadtzentrum, ein interreligiöses Treffen an der Katholischen Universität und die Vesper in der Kathedrale; beim letztgenannten Termin werden auch einige Überlebende der kommunistischen Verfolgung das Wort ergreifen. Die Journalisten wollten vom Papstsprecher natürlich wissen, ob man im Vatikan fürchte, dass Islamisten ein Attentat auf Franziskus planen könnten.

„Wenn ihr mich fragt, ob es spezifische Drohungen oder Sorgen in dieser Hinsicht gibt, so dass besondere Vorkehrungen getroffen werden, dann sage ich: Nein! Es gibt keine Drohungen oder spezifische Risiken, die dazu führen würden, dass die Reise irgendwie anders organisiert würde. Nein. Wir fahren ganz ruhig, wir nutzen den Jeep vom Petersplatz für das Bad des Papstes in der Menge, und wir wissen ja, dass der Papst ohne Barrieren mit den Menschen zusammentreffen will.“

Zwei große Gestalten des katholischen Glaubens im letzten Jahrhundert werden am Sonntag sozusagen Pate stehen: Mutter Teresa nämlich, die ursprünglich aus Albanien stammte, und Johannes Paul II. Der polnische Papst hatte im April 1993, wenige Jahre nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Herrschaft, als erster Nachfolger Petri Albanien besucht. Dabei mußte er die von den Kommunisten zerstörte katholische Hierarchie im Land wiederherstellen, er weihte auf seiner Reise vier albanische Bischöfe.

„Es ist der Mühe wert, sich an diese sehr emotionale Reise von damals zu erinnern: Alle, die damals mit dabei waren, werden sie nicht vergessen haben. Sehr starke Ansprachen – ich empfehle, sie noch einmal zu lesen, das ist nicht schwierig, denn so viele Reden waren das nicht. Am Nachmittag dachte Johannes Paul im Zentrum von Tirana über diese Erfahrung des Atheismus nach, der versucht hatte, Gott zu verneinen und den Menschen zu zerstören, und dass sich jetzt auf einmal eine neue Perspektive öffnete. Also, die Reise von Johannes Paul haben wir natürlich im Hinterkopf, während wir diese neue Reise von Papst Franziskus nach Albanien erleben.“

In der katholischen Universität von Tirana wird sich Franziskus mit Repräsentanten von sechs Glaubensgemeinschaften treffen. Neben der katholischen und der orthodoxen Kirche sind der sunnitische Islam und der dem Sufitum nahestehende Bektashi-Orden vertreten, der in Albanien viele Anhänger hat. Ausserdem werden an der Begegnung ein Protestant und ein Jude teilnehmen. Im Gefolge des Papstes reist auch der Präsident des päpstlichen Dialogrates, Kardinal Jean-Louis Tauran. Rund 60 Prozent der Albaner sind Muslime, jeder sechste gehört der katholischen Kirche an.

(rv/kap 16.09.2014 sk)


 

Johannes-Paul II. zu seinem Albanienbesuch von 1993:

Die Wiedergeburt Albaniens geschieht im Zeichen der Ökumene

Ansprache bei der Generalaudienz am 28. April 1993

1. „Wer könnte uns den Stein vom Eingang des Grabes wegwälzen?“ (Mk 16,3).

Diese Worte der Frauen, die „am ersten Tag der Woche“ zum Grab Christi gingen, kommen uns in den Sinn, wenn wir die jüngste Vergangenheit des Landes betrachten, das ich am vergangenen Sonntag besuchen konnte. Jahrelang war Albanien der Inbegriff der schweren Unterdrückung, die von einem totalitären, atheistischen System ausgeübt wurde, in dem die Ablehnung Gottes die äußerste Grenze erreicht hatte. Das Recht auf Gewissens- und Religionsfreiheit war dort in brutalster Weise mit Füßen getreten worden: Die Todesstrafe drohte denjenigen, die lediglich die Taufe spendeten oder irgendwelche religiösen Handlungen vornahmen. Die Verfolgung wütete sowohl gegen Christen als auch gegen Muslime.

So war dieses Land dem Grab ähnlich geworden, in welches die Juden Christus eingeschlossen hatten, indem sie einen Stein vor den Eingang des Grabes wälzten.

2. Aber als nun die Frauen zum Grab kamen, „sahen sie, daß der Stein weggewälzt war“ (vgl. Lk 24,2). Auch für Albanien ist infolge der 1989 begonnenen Ereignisse der Stein vom Grab weggewälzt worden, und die Zeit der Wandlungen hat begonnen. Die Menschenrechte, einschließlich die auf Gewissens- und Religionsfreiheit, bilden jetzt das Fundament des Lebens der Gesellschaft. Unter diesen Umständen wurde die Anwesenheit des Papstes möglich, ja in gewisser Weise notwendig, besonders für die katholische Gemeinschaft. Dies geschah am vergangenen 25. April.

Ich bin den Gläubigen dieser leidenden Kirche, die mich bei sich haben wollten, sehr dankbar. Weiter danke ich dem Präsidenten der Republik, Sali Berisha, der mich eingeladen und mit großer Herzlichkeit und Freundlichkeit empfangen hat. Ich danke auch den staatlichen und militärischen Obrigkeiten und allen, die zu einem guten Gelingen des Besuchs beigetragen haben. Außerdem danke ich Erzbischof Anastas von der orthodoxen Kirche und dem Großmufti Sabri Koci von der islamischen Gemeinschaft, die mich mit ihrer Anwesenheit beehrten. Die geistige Wiedergeburt Albaniens geschieht im Zeichen des ökumenischen Dialogs und der interreligiösen Zusammenarbeit. Ist das nicht ein großes Zeichen der Hoffnung?

Das Christentum in Albanien reicht in die Zeit der Apostel zurück: Vielleicht hat der heilige Paulus selbst dieses Gebiet berührt, denn der Hafen von Durazzo war damals eine übliche, Anlegestelle auf dem Weg nach Rom. Es ist unmöglich, die verwickelten Wechselfälle der Geschichte des Landes bis heute kurz zusammenzufassen. Es genügt, an die ruhmvollen Taten des Nationalhelden Gjergj Kastriota Skenderbeu zu erinnern, der in seinem Wirken von den römischen Päpsten unterstützt wurde. Ihm gilt das Verdienst für die Verteidung im 15. Jahrhundert gegen die türkischen Angreifer. Ein besonderes Augenmerk für Albanien hatte dann im 18. Jahrhundert auch Papst Klemens XI., der aus diesem Land stammte.

Die endlich im Jahr 1912 errungene politische Unabhängigkeit bedeutete leider nicht das Ende der Schwierigkeiten. Seitdem hat Albanien weitere traurige Zeiten erlebt, die nach dem Zweiten Weltkrieg ihren Höhepunkt erreichten, als eine grausame Diktatur die fundamentalsten Bürgerrechte blutig unterdrücken wollte und versuchte, den Namen Gottes selbst aus den Herzen der Glaubenden herauszureißen.

Ein vergeblicher Versuch, wie die Geschehnisse gezeigt haben: Denn auf die lange Nacht folgte endlich die Morgendämmerung eines neuen Tages. Die Kirche in Albanien erlebt jetzt ihren neuen Frühling.

3. Mein Besuch vom vergangenen Sonntag wollte dieses Ereignis bekräftigen durch die Weihe der neuen Bischöfe in der Kathedrale von Scutari, einer der erhabensten Kirchen des Balkans. In der Zeit der Diktatur war sie in eine Sporthalle verwandelt worden. Jetzt hat sie ihre ursprüngliche Schönheit wiedererlangt und ist zu einem Zeichen der Auferstehung Albaniens geworden.

Eine eine große Schar von Gläubigen folgte andächtig dem feierlichen Gottesdienst. Man spürte beinahe wie bei einem neuen Pfingsten den Atem des Geistes, der die neuen Würdenträger ins Kollegium der Nachfolger der Apostel eingegliedert hat. Einer der Neugeweihten, der Weihbischof von Scutari, Zef Simoni, war 1967 zu fünfzehn Jahren Gefängnis verurteilt worden. Im darauffolgenden Jahr ebenfalls am 25. April, vor genau, 25 Jahren, wurde das später in Zwangsarbeit umgewandelte Todesurteil über den gesprochen, der jetzt Erzbischof von Scutari ist: Frano Illia. Durch dieses Zusammentreffen der Daten wird die Erinnerung an die Ereignisse, die mit dem Leidensweg der albanischen Kirche verbunden sind, noch ergreifender. Die anderen neugeweihten, auch verdienstvollen Bischöfe sind der Erzbischof von Durazzu-Tirana, Rrok K. Mirdita, und der Bischof von Pulati, Robert Ashta.

Genazzano Madre del Buon Consiglio

4. Muß man in all dem nicht ein Zeichen für den Schutz der in Albanien so verehrten Mutter vom Guten Rat sehen? Ich fuhr am 22. April nach Genazzano bei Rom – wo auch Maria, die Mutter vom Guten Rat, verehrt wird -‚ um ihr meine apostolische Reise nach Albanien anzuempfehlen. Ein geistiges Band verbindet Genazzano mit Scutari, wo die gleichnamige Marienkirche im Laufe der Geschichte zweimal bis auf den Grund zerstört worden ist. Die letzte Zerstörung geht auf das Jahr 1967 zurück, während der Zeit der grausamen Diktatur, die jede religiöse Spur im Land auslöschen wollte. Auf den Trümmern dieses tragischen Versuchs wurde am vergangenen Sonntag nach dem Plan und der Fügung Gottes die bedeutungsvollen Zeichen der Weihe des neuen Erzbischofs und der Segnung des ersten Bausteins für die neue Wallfahrtskirche gesetzt, die das Gnadenbild der Mutter vom Guten Rat aufnehmen wird.

5. Den Besuch beendete abends in Tirana eine unvergeßliche Begegnung mit der Bevölkerung auf dem Platz, der nach dem Nationalhelden Gjergj Kastriota Skenderbeu benannt ist. Anwesend waren der Präsident der Republik, die staatlichen Obrigkeiten, die Vertreter der verschiedenen religiösen Bekenntnisse und viele Menschen. Nicht zu vergessen ist der wertvolle Beitrag, den der Apostolische Nuntius, Erzbischof Ivan Dias, zur Vorbereitung meines Besuchs geliefert hat. Ich danke ihm von Herzen und spreche auch den Priestern, den Ordensmännern und Ordensfrauen – unter ihnen besonders Mutter Teresa – meinen wärmsten Dank aus. Weiter danke ich den kirchlichen Organismen und Bewegungen, die aus anderen Nationen gekommen sind, um den Weg der albanischen Kirche zu unterstützen. Meine an die gesamte Nation gerichtete Abschiedsrede sollte eine Botschaft der Hoffnung und Ermutigung sein. Ich mahnte sie, die Leiden nicht so rasch zu vergessen, welche die Albanier in den vergangenen Jahrzehnten erduldet haben.

Ich habe das albanische Volk auf die Herausforderungen der Zukunft hingewiesen. Die wiedergefundene Religionsfreiheit wird gewiß der Sauerteig einer demokratischen Gesellschaft sein, wenn der Wert und die zentrale Rolle des Menschen anerkannt und alle Beziehungen auf sozialer, politischer und wirtschaftlicher Ebene in authentischer Solidarität gestaltet werden.

Außerdem habe ich die Hoffnung ausgesprochen, daß Albanien dank der Hilfe der internationalen Gemeinschaft die derzeitige schwere Krise überwinden möge. Helfen werden ihm der Sinn, für die Familie und Gastfreundschaft und vor allem sein Glaube. Eine große Stütze werden ihm sein das ständig zu erneuernde Einvernehmen zwischen Katholiken, Orthodoxen und Muslimen. Albanien hat Gott die Pforten geöffnet. Gott verläßt diejenigen nicht, die auf ihn vertrauen.

6. „Mußte nicht der Messias all das erleiden, um so in seine Herrlichkeit zu gelangen?“ (Lk 24,26).

Diese Worte aus der Liturgie vom 3. Ostersonntag erinnern uns daran, daß die Geschichte des Menschen, die Geschichte der Völker und der Nationen, sogar die der traurigsten Zeitabschnitte, durch das Ostergeheimnis des Erlösers erhellt werden.

Für diese uns so liebe Nation sprechen wir den Wunsch aus: Christus gehe mit ihren Söhnen und Töchtern, wie es mit den Jüngern in Emmaus geschah: „Er lege ihnen die gesamte Schrift dar“; er öffne ihnen Herz und Augen für das Verständnis der Schrift“; „er gebe sich zu erkennen, wenn er das Brot bricht“ (vgl. Lk 24,27.35.45). Er helfe ihnen, eine neue Ordnung aufzubauen, gegründet auf Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe. Machen wir uns den österlichen Freudenruf zu eigen: „Der Herr ist wirklich auferstanden und ist dem Simon erschienen“ (Lk 24,34).

„Dies ist der Tag, den der Herr gemacht hat; wir wollen jubeln und uns an ihm freuen“ (Ps 118,24).

In deutscher Sprache sagte der Papst:

Indem ich Euch allen, liebe Schwestern und Brüder, das Schicksal der Kirchen, die einen neuen Anfang erleben dürfen und einen oft sehr mühsamen Wiederaufbau zu leisten haben, ans Herz legen möchte, richte ich einen besonderen Willkommensgruß an die Firmkandidaten der Pfarrei St. Marien in Wädenswil, an die Studenten des Ostkirchlichen Seminars in Regensburg und an die Läufer und ihre Begleiter des Staffellaufes Friedrichshafen – Vatikan; für Euren sportlichen Beitrag zur Verständigung unter den Menschen und Völkern Europas danke ich sehr.

Euch allen, Euren lieben Angehörigen in der Heimat sowie all jenen, die uns in diesem Augenblick geistlich verbunden sind, erteile ich von Herzen meinen Apostolischen Segen.

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Quelle: Kongregation für den Klerus (siehe auch: Homepage der Kongregation [deutsch])