„Back to the Roots“: Irakische Christen kehren nach Ninive zurück

Karakosch / © Jaco Klamer Für KiN – KIRCHE IN NOT

KiN unterstützt den Wiederaufbau christlicher Dörfer in der Ninive-Ebene

Etwa 500 christliche Familien – knapp 2.500 Menschen – feierten die langersehnte Rückkehr in ihre früheren Städte und Dörfer in der Nineve-Ebene und setzten ein Zeichen für den Neubeginn.

In Karakosch (Baghdeda), der größten christlichen Stadt in Ninive, hielten Priester und Gläubige bei einer Prozession Olivenzweige in den Händen und sangen in der Sprache Jesu aramäische Gesänge. Im Schutz von Sicherheitskräften in gepanzerten Fahrzeugen wurde die Prozession von Priestern angeführt, die Kreuze hochhielten. In der syrisch-katholischen Kirche der Unbefleckten Empfängnis fand ein Gottesdienst statt. Diese Kirche im Stadtzentrum war von Kämpfern des IS entweiht und angezündet worden. Während der Zeremonie rief der Projektbeauftragte für den Nahen Osten von „Kirche in Not“ (ACN), Pater Andrzej Halemba, die Menschen dazu auf, denen zu vergeben, die sie aus ihren Häusern vertrieben und ihre Städte und Dörfer angegriffen haben.

Pater Halemba sagte den Heimkehrern: „Natürlich weinen wir angesichts der Gewalt, die ausgeübt wurde, doch wir sollten die Wut aus unseren Herzen entfernen. Es sollte kein Hass in unseren Herzen sein. Wir sollten uns mit unserem Nachbarn versöhnen.“ Mindestens 2.000 Familien – 10.000 Personen – kehrten Berichten zufolge nach Karakosch zurück. Weitere  500 Familien – 2.500 Personen – werden in den nächsten Monaten erwartet.

„Kirche in Not“ (ACN) beteiligt sich am Wiederaufbau zahlreicher Wohnungen in einigen mehrheitlich christlichen Städten und Dörfern in Ninive, die vor und nach der Besetzung der Region durch den IS, von August 2014 bis Oktober 2016, zerstört wurden. Das Hilfswerk engagiert sich auch beim Wiederaufbau von Kirchen in beiden Städten sowie in Telskuf, wo die Renovierung der Kirche St. Georg bereits fortgeschritten ist.

Der Kardinalstaatssekretär im Vatikan, Pietro Parolin, nahm an einer vom Päpstlichen Hilfswerk „Kirche in Not“ (ACN) in Rom veranstalteten Konferenz teil, um die Rückkehr der irakischen Christen in ihre Heimat in der Ninive-Ebene zu unterstützen. Der Kardinalstaatssekretär dankte für „die Unterstützung zahlreicher christlicher Familien durch das Päpstliche Hilfswerk „Kirche in Not“ (ACN) in den drei Jahren nach der Invasion durch den selbsternannten Islamischen Staat, damit sie in die Lage versetzt werden, dieser Situation in Würde zu begegnen. Es ist viel getan worden, aber es ist noch viel zu tun.”

Der chaldäisch-katholische Patriarch von Bagdad,  Louis Raphael I. Sako, nannte fünf Bereiche, in denen Handlungsbedarf besteht: die Bildung unterstützen, politische Unterstützung anbieten, die befreiten Gegenden sichern und stabilisieren, und zuletzt den Fundamentalismus und den Terrorismus besiegen.

Herbert Rechberger, der Nationaldirektor von „Kirche in Not“ – Österreich, bittet alle Wohltäter und  Freunde des Werkes, und alle Menschen guten Willens, den Christen im Irak jetzt zu helfen,  die Dörfer wieder aufzubauen und die Rechte der Christen abzusichern: “Wir sind uns dessen bewusst, dass sich der Irak weiterhin in einer schwierigen Lage befindet. Wir wissen aber auch: Wenn wir den Christen jetzt nicht helfen,wird ein Ursprungsland des Christentums einmal christenfrei sein und dann brauchen wir morgen nicht mehr darüber zu sprechen.“

Die Webseite www.irak-wiederaufbau.at  informiert über diese große und wichtige Initiative  mit neuesten Nachrichten, Fotos und Videos.

Um das Überleben der christlichen Minderheit in einer der Ursprungsregionen des Christentums zu erhalten, bittet KIRCHE IN NOT um Spenden – online unter www.kircheinnot.at oder auf das Spendenkonto:

Empfänger: KIRCHE IN NOT
IBAN: AT71 2011 1827 6701 0600
BIC: GIBAATWWXXX
Verwendungszweck: Wiederaufbau Irak

(Quelle: KiN Österreich)

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Quelle

Irak: Patriarch fordert Kampf gegen IS-Ideologie

Der chaldäische Patriarch Louis Raphael Sako I.

Der chaldäische Patriarch Louis Raphael Sako hat die Zerstörung der jahrhundertalten Al-Nuri-Moschee in der umkämpften irakischen Stadt Mossul durch die IS-Terrormiliz verurteilt. Damit werde nicht nur die Geschichte einer ganzen Stadt und eines Landes vernichtet, sondern auch „die Erinnerungen und die Kultur der Menschen“, sagte er der Nachrichtenagentur asianews. Die Terroristen des selbsternannten „Islamischen Staats“ hatten am Mittwoch die Moschee aus dem 12. Jahrhundert mit ihrem schiefen Minarett gesprengt.

Die Zerstörungen der Terrormiliz sei für ihn eine „Kultur des Todes“, erklärte das Oberhaupt der katholisch-chaldäischen Christen. Die „ganze Welt“ rief er auf, diese Ideologie zu bekämpfen und gegen sie zu handeln. Nachdem der IS zurückgedrängt worden sei, müsse jetzt den Irakern geholfen werden, die radikale Gesinnung und Lehre der Terroristen hinter sich zu lassen: „Nichts von dieser Ideologie darf erhalten bleiben. Das ist eine große Aufgabe und alle müssen mitarbeiten, um ein neues Kapitel anzufangen“, forderte Patriarch Sako und warnt zu gleich: Das Gedankengut der Extremisten sei noch immer präsent.

Nach der Rückeroberung größerer Gebiete im Norden des Iraks, in der Ninive-Ebene und dem Großteil Mossuls durch Regierungstruppen sowie deren Verbündeten sei sein Wunsch, dass die vertriebenen Menschen wieder zurückkehrten, sagte Sako gegenüber asianews. Seiner Beobachtung nach entwickele sich „eine neue Kultur“, die von der „Koexistenz und Vertrauen von Christen und Muslimen“ geprägt sei. „Jeder, auch die Muslime, sagen, dass die Christen zurückkehren sollen. Ohne sie wäre die Stadt nämlich nicht mehr die gleiche wie vorher“.

Im Jahr 2014 hatten die Dschihadisten die Millionenstadt Mossul unter ihre Kontrolle gebracht; es war der Beginn ihres Vormarsches auf weite Teile im Norden des Iraks und in Syrien. In der jetzt von ihnen gesprengten Al-Nuri-Moschee hatte ihr Anführer Bakr al Bagdadi das selbsternannte Kalifat „Islamischer Staat“ ausgerufen.

Inzwischen hat die irakische Armee Mossul fast vollständig wieder unter ihre Kontrolle gebracht. Derzeit läuft eine Offensive auf die Altstadt, die noch immer von IS-Terroristen gehalten wird. Die Regierung in Bagdad beurteilte die Sprengung der Moschee als „Eingeständnis“ der Niederlage.

(asianews/rv 23.06.2017 fr)

Irakische Christen um Integration in Österreich bemüht

 Die Geschichte der Verfolgung der Christen im Irak ist auch seine eigene. „Am 15. August 2006 wurde ich in Bagdad entführt“, so Bischof Sirop.

Bischof Sirop ist der für alle chaldäischen Christen in Europa zuständige Bischof. Er traf mit Kardinal Schönborn und Bischof Scheuer zusammen: Große Sorge bei geflohenen Christen über Zuzug so vieler Muslime nach Europa. 

Die aus dem Irak nach Österreich geflohenen chaldäischen Christen sind sehr um die Integration in ihrer neuen Heimat bemüht. Das hat der für die Chaldäer in Europa zuständige Bischof Saad Sirop betont. Zugleich gebe es große Ängste unter den geflohenen Christen, weil so viele Muslime nach Europa kommen würden. Bischof Sirop hat dieser Tage in seiner Funktion als „Apostolischer Visitator“ die chaldäischen Gemeinden in Wien und Linz besucht. In Wien ist er u.a. mit Kardinal Christoph Schönborn und in Linz mit Bischof Manfred Scheuer zusammengetroffen. Auch im Stift Heiligenkreuz war er zu Gast. Bischof Sirop lobte die Hilfe, die den irakischen Christen in Österreich zuteil werde, auch seitens der Kirche. Trotzdem hoffe er auf noch mehr Unterstützung.

Die chaldäischen Christen, die mit Rom uniert sind

Chaldäische Christen – ihre Kirche ist eine mit Rom unierte Ostkirche mit ostsyrischem Ritus – gibt es in Europa vor allem in zwölf Ländern: Hauptsächlich in Schweden (bis zu 30.000), Deutschland (ca. 18.000) und Frankreich (ca. 14.000); daneben auch in Dänemark, Norwegen, Belgien, der Schweiz, den Niederlanden, Großbritannien, Luxemburg, Griechenland und Österreich.

Bis zu 175 Familien verzeichnet die Kirche in Österreich, also zwischen 800 und 900 Personen. Der Großteil davon lebt in Wien, eine kleine chaldäische Gemeinde gibt es auch in Linz. Bischof Sirop hat seinen Sitz in Stockholm. Für die Seelsorge stehen dem Bischof für alle Länder in Europa 25 Priester zur Verfügung.

Große Sorge über Zustrom von Muslimen nach Europa

Sirop räumte ein, dass die chaldäischen Christen mit großer Sorge den steten Zuzug von Muslimen nach Europa verfolgen würden. „Man muss das verstehen. So gut wie alle Christen im Irak haben sehr schlechte Erfahrungen mit Muslimen gemacht“, so der Bischof. Er berichtete von Vertreibungen, Entführungen und Morden. Die Prinzipien der westlichen Welt und islamische Vorstellungen von einer Gesellschaft würden nicht zusammenpassen. Deshalb würden sich viele Muslime auch so schlecht integrieren, dafür aber die Toleranz und Freiheiten des Westens ausnützen.

Misstrauen sei angebracht, so der Bischof. Zugleich dürfe man nicht generalisieren. Bischof Sirop: „Wir dürfen unsere Mitmenschlichkeit und unseren Glauben an das Gute nicht verlieren.“

„Wir wollen Bürger Europas sein“

Auch die chaldäischen Christen hätten Schwierigkeiten bei der Integration in ihren neuen Heimatländern, räumte Sirop ein. Dabei gehe es vorrangig um materielle Fragen, etwa um Wohnraum und Arbeitsmöglichkeiten. Die Menschen seien aber um Integration bemüht. „Wir wollen Bürger dieser Länder sein und bedanken uns bei unseren neuen Heimatländer“, so der Bischof wörtlich.

Europa und die westlichen Kirchen könnten auch von den irakischen Christen profitieren, zeigte sich der Bischof überzeugt. Überaus großen Stellenwert habe bei den chaldäischen Christen etwa die Familie; dies könne auch eine Stärkung der Institution Familie in Europa bewirken. Manche Flüchtlinge hätten noch Familienangehörige im Irak oder anderen Ländern im Nahen Osten, oft sei aber auch schon die gesamte Großfamilie ausgewandert, berichtete Sirop. Hier stehe vor allem auch die Kirche in der Verantwortung, die Traditionen, Kulturen und Sprache der Menschen zu erhalten, damit diese bei aller Integration auch ihre eigene Identität bewahren könnten.

Wie der apostolische Visitator sagte, würden bereits rund eine halbe Million chaldäische Christen in der Diaspora leben, vor allem in Europa, den Vereinigten Staaten und Südamerika. In Irak hingegen seien es schon weniger als 300.000. Kleinere Gemeinschaften gebe es auch im Iran, in Syrien, dem Libanon, Israel und Ägypten.

Im Irak Vertrauen wieder aufbauen

Im vergangenen Herbst wurden die ehemals christlichen Dörfer in der nordirakischen Ninive-Ebene von den IS-Terrormilizen zurückerobert. Die ersten christlichen Flüchtlinge sind auch bereits zurückgekehrt. Zu Ostern sei in allen chaldäischen Pfarren in Europa für die Christen in der alten Heimat gesammelt worden, berichtet der Bischof, „damit sie zurückgehen können in ihre Dörfer und Städte und diese wieder aufbauen können“. Neben der materiellen Hilfe für den Aufbau der Häuser und der Infrastruktur brauche es aber noch mehr Sicherheit.

Die Christen hätten vor allem aber auch das Vertrauen in ihre muslimischen Nachbarn verloren, so der Bischof, denn diese Nachbarn hätten sich an der Plünderung ihrer Häuser beteiligt und viele seien zum IS übergelaufen. Dieses Vertrauen wieder aufzubauen, sei das wohl schwierigste anstehende Projekt.

Der Bischof zeigte sich zuversichtlich, dass zumindest die rein christlichen Dörfer und Städte in der Ninive-Ebene wieder aufgebaut und besiedelt werden können. Weniger optimistisch sprach er über Mossul. Ob dort jemals wieder Christen leben könnten, sei mehr als zweifelhaft; auch wenn der IS endgültig aus der Stadt hinausgeworfen wird. Die Christen würden dort wohl eher versuchen, ihre Wohnungen und Häuser zu verkaufen und wegzugehen. In Mossul gab es auch vor dem IS bereits massive und teils systematische Gewalt gegen Christen, sodass viele schon vor 2014 die Stadt verlassen mussten.

Von Al-Kaida entführt

Sirop, 1972 in Bagdad geboren, war Weihbischof in Bagdad, bevor er von der chaldäischen Synode zum apostolischen Visitator für die chaldäischen Gläubigen in Europa bestimmt und am 19. November 2016 von Papst Franziskus dazu ernannt wurde.

Die Geschichte der Verfolgung der Christen im Irak ist auch seine eigene. „Am 15. August 2006 wurde ich in Bagdad entführt“, berichtete er im „Kathpress“-Gespräch. Sirop war damals der letzte Priester, der noch in einem sunnitischen Stadtviertel seinen Dienst versah. Nach der Abendmesse wolle er mit dem Auto zurück ins Priesterseminar fahren, als er von drei anderen Autos gestoppt wurde. Bewaffnete zwangen ihn mitzukommen. „Sie behaupteten von sich, der Al-Kaida nahezustehen“, so Sirop. 28 Tage wurde er gefangengehalten. „Es war sehr, sehr schwer“, erinnerte er sich, ohne mehr über diese dramatischen Tage preisgeben zu wollen. Schließlich wurde Sirop gegen Lösegeld wieder freigelassen – ein großes Glück und nicht selbstverständlich.

Er habe lange gebraucht, um wieder ins Leben zurückzufinden, bekannte der Bischof. Seine Erlebnisse hat er nun auch in einem Buch verarbeitet, das im Herbst erscheinen soll.

erstellt von: red/kathpress
16.05.2017
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Irak: Zehntausende auf der Flucht aus Mossul

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Auf der Flucht aus Mossul

Zehntausende von Menschen sind vor den Kämpfen der irakischen Armee gegen die Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) aus Mossul geflohen. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) spricht von mehr als 45.700 Personen, darunter vielen Minderjährigen. Die vielen Kinder in den UNO-Auffanglagern seien oft völlig erschöpft und verängstigt, berichtet das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen Unicef. Der chaldäische Patriarch von Bagdad, Louis Raphael Sako I., beschreibt die Lage der Menschen im Interview mit Radio Vatikan als „tragisch“:

„Denn in den Zelten in der Wüste gibt es kein Licht und keinen Strom, es fehlen auch Wasser und Nahrungsmittel und alle Bedingungen eines würdigen Lebens. Es ist noch Winter, und in der Wüste ist es kalt, vor allem nachts. Die Leute haben Angst, dass sie nicht in ihre Häuser zurückkehren können, haben Angst vor Rache… Das ist eine wirklich schreckliche Situation des Wartens, ohne zu wissen, wann und wie dieser Krieg enden wird.“

Mossul gilt als eine der letzten großen Städte des Irak, in der sich IS-Kämpfer verschanzen. Die Geflohenen berichten von andauernden, schweren Kämpfen im Westteil der zur Hälfte befreiten Metropole: Dort liefern sich irakische Truppen Feuergefechte mit den Terroristen. Auch in Erbil, der nahegelegenen Hauptstadt der autonomen Kurdenprovinz, haben viele Flüchtlinge aus Mossul Aufnahme gefunden. Sie hätten teilweise nicht einmal ihre Dokumente bei sich, berichtet der chaldäische Erzbischof dieser anderen irakischen Stadt, Mashar Warda:

„Diese Familien erzählen von drei Bedingungen, die ihnen der Islamische Staat stellte: Entweder der Übertritt zum Islam, das Bezahlen einer Steuer, der Jizah, oder das Verlassen der Heimat ohne alles. Und viele sind also ohne alles geflohen, nahmen nur ihre Dokumente mit, die ihnen aber dann an den verschiedenen Checkpoints des IS abgenommen wurden, genau wie ihre Autos – sie mussten wirklich alles zurückgelassen.“

Patriarch Sako wie auch Erzbischof Warda hoffen auf einen Neuanfang für die Menschen im Irak nach der Befreiung des Landes vom IS. Sie setzen unbeirrt auf ein Verbleiben der Christen im Irak. Die Regierung vernachlässige diesen Aspekt, findet Erzbischof Warda. Gemeinsamer Neuaufbau, Versöhnung und sozialer Frieden seien in dem zerstörten Land jetzt ebenso wichtig wie Sicherheit, mahnt der Kirchenmann. Hier hätten gerade die Christen eine entscheidende Rolle.

„Wenn wir den Christen nicht die Bedingungen bieten, um bleiben zu können, und uns nur auf Worte beschränken, um sie zu überzeugen, werden noch mehr Menschen das Land verlassen. Das Problem ist, dass die irakische Regierung sich nicht so verhält, dass die Christen zum Bleiben ermutigt werden. Und wir können nicht die Tatsache ignorieren, dass es eine Marginalisierung der Christen und der Jesiden gibt. Alle sind damit beschäftigt, Daesh (den IS) zu bekämpfen; das darf aber nicht bedeuten, alle anderen Bedürfnisse des Volkes zu vergessen! Die Regierung konzentriert sich aber nur darauf.“

Dabei würden die Christen im Irak durchaus auch von Muslimen geschätzt, so der Erzbischof weiter. Er verweist auf christliche Akteure im Mossuler Geschäftsleben und auf die vielen begehrten christlichen Schulen der Stadt. Dass viele Bürger sich daran erinnern, gibt Warda die Hoffnung, dass im Irak eines Tages doch wieder Normalität einkehren kann.

„Wir hoffen, dass nach dieser Phase eine Zeit des Wiederaufbaus all der Dörfer und Städte stattfinden kann und dass der Prozess der Versöhnung, auch der politischen Versöhnung, und ein neues Leben beginnen können.“

(rv 06.03.2017 pr)

Irak: Zwei dringende Empfehlungen eines katholischen Patriarchen

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Extremistische Hassreden als Terrorakt? In einer Konferenz zum Schutz der Religionsfreiheit hat der chaldäisch-katholische Patriarch von Bagdad, Monsignore Louis Raphael Sako, vorgeschlagen, extremistische Reden, die zu religiöser Gewalt anstacheln, als Terrorakt zu betrachten. 

In seiner Botschaft sagte der chaldäische Patriarch, in Länder, in denen es verschiedene Religionen gebe, wie es im Irak der Fall sei, wo Muslime, Christen, Jesiden und andere Minderheiten leben, sei der Extremismus „ein erschreckendes und verstörendes Phänomen“, wenn er zu Gewalt anstiftet.

„Es ist auch eine Tragödie, die uns Christen und andere religiöse Minderheiten im Mittleren Osten mit Entsetzen erfüllt, derart, dass wir ihr nicht mehr anders als durch Gebet, Immigration und Schmerz gegenüberstehen können“, beklagte der Patriarch mit Hinweis auf die Leiden der Christen, verursacht durch die Verfolgung seitens des Islamischen Staates (IS).

Angesichts dieser Situation betonte Monsignore Sako, dass eine „unglaubliche Notwendigkeit bestehe, ein Bewusstsein zu bilden hinsichtlich des Gebrauchs von Religion als Waffe zur Schaffung von Konflikten und Krieg durch die Extremisten und Fundmentalisten, was bedeutet, den Frieden zu brechen und Distanzen und Hass unter den Menschen in ein und demselben Land zu erzeugen.“

Was man hingegen mit Religion tun muss ist, sie als aktiven und einflussreichen Faktor zu verwenden, um Frieden und die Festigung der Koexistenz in der Region und in der ganzen Welt zu verbreiten.

In diesem Sinn sprach der Patriarch zwei Empfehlungen aus, um das Problem des Extremismus zu bekämpfen.

  1. Extremistisches Reden identifizieren

Die erste ist, Aussagen, die Aggressivität gegen andere Religionen fördern, offiziell als „einen terroristischen Akt zu identifizieren, unabhängig von wem er komme.“ Man dürfe das nicht als eine Art „Meinungsfreiheit“ ansehen, sondern öffentlich als „ein Verbrechen und eine Art Terrorismus anerkennen, der einer Bestrafung bedarf.“

  1. Die Gefahrensituation beheben und korrigieren

Die zweite Empfehlung, die der Patriarch gab, war, dass es nötig sei angesichts der Gefahrensituation, die durch die Hasspredigten des Islamischen Staates begünstigt werde, dass „die Christen und Muslime umgehend darauf reagieren, um sie zu beseitigen und zu korrigieren.“

Man muss einen Diskurs fördern, der Logik und Vernunft verwendet, um die bösen Interpretationen und Praktiken zu vermeiden, einen Diskurs, der Gerechtigkeit konstruiert, Frieden stiftet durch die Anerkennung der anderen und die religiösen und nationalen Gespräche schützt, die die Lehren des Christentums und des Islams zu Liebe, Mitgefühl, Güte und Frieden verbreiten.“

Auch müsse man „bedeutsame Schritte unternehmen, um den Terrorismus zu bekämpfen und davon  überzeugen, dass alle Anstiftung zum Hass und Übergriffe auf das Eigentum der Christen eine rechtliche Strafe nach sich zieht.“

Zuletzt forderte er zu „einer echten gemeinschaftlichen Versöhung“ unter den verschiedenen Zivilisationen, Kulturen, Sprachen und Religionen im Irak und in Ländern, in denen eine ähnliche Situation besteht, auf.

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Gefangene des IS: Zwei junge Jesidinnen berichten

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Nadia Murad Basse und Lamya Haji Basher

„Es ist schwierig, davon zu erzählen, dass wir Sex-Sklavinnen gewesen sind. Aber wir wollen den Horror des Islamischen Staats anklagen!“ Das sagen Nadia Murad Basse und Lamya Haji Basher, 23 und 18 Jahre alt. Die beiden jungen Frauen waren monatelang in den Händen der Terroristen des sogenannten Islamischen Staats; vor ein paar Tagen haben sie den Sacharow-Menschenrechtspreis des Europäischen Parlaments erhalten.

Zwei Kurdinnen und Jesidinnen aus dem Dorf Kocho, nicht weit von der Stadt Sindschar im Nordirak. Von hier ist es nicht weit bis zur syrischen Grenze. Am 3. August 2014 überfielen IS-Terroristen das Dorf, töteten die Männer und verschleppten Frauen und Kinder. Was dann kam, war ein richtiggehender Sklavenmarkt: Die jungen Frauen wurden den Kämpfern der Miliz in Mossul als Sex-Sklavinnen überlassen.

„Wenn ich zurückblicke, sehe ich schreckliche Jahre im Irak und in Syrien und spüre, dass auch die Zukunft der Millionen von Menschen dort schwierig wird“, sagt Nadia heute. „Der IS hasst alles, was menschlich ist, und er verfolgt vor allem Jesiden und Christen. Ich glaube, wenn das so weitergeht, wird es immer mehr Vergewaltigungen geben, immer mehr Hinrichtungen, immer mehr Kindersoldaten… Darum ist jetzt wirklich der Moment gekommen, in dem die Weltgemeinschaft reagieren muss. Der IS muss zur Rechenschaft gezogen werden. Diese Männer gehören vor den Internationalen Strafgerichtshof! Und es ist Zeit, dem Terrorismus wirklich entgegenzutreten. Ich verstehe einfach nicht, dass es die geballte internationale Staatengemeinschaft nicht hinkriegt, eine eigentlich kleine Gruppe von männlichen Terroristen zu stoppen.“

Nadia ist von der UNO zur Sonderbotschafterin gegen Menschenhandel ernannt worden. Alles natürlich keine Entschädigung für das, was sie in den Händen des IS erleiden musste. „Ich bitte Europa und die internationale Gemeinschaft, sich auf die Seite der Opfer zu stellen und eine Sicherheitszone für die Jesiden und die anderen Minderheiten einzurichten. Zusammen mit den Jesiden werden die Christen am stärksten verfolgt. Ohne Schutz und ohne Hilfe wird sich mit Sicherheit mindestens eine halbe Million Jesiden auf den Marsch in Richtung Europa machen! Die Länder der zivilisierten Welt müssen dazu beitragen, eine Lösung zu finden.“

Ob die 23-Jährige noch an das Gute glaubt, fragen wir sie bei dem Gespräch. Ihre Antwort: „Die haben meine Mutter vor meinen Augen erschossen, weil die auf dem Markt für Sex-Sklavinnen kein Geld mehr eingebracht hätte. Aber die Lehren, die sie mir erteilt hat, konnten sie nicht auslöschen. Meine Mutter war zu Lebzeiten immer voller Respekt den anderen gegenüber, sie hat mich zur Liebe und zum Guten erzogen und mir gezeigt, wie man betet. So etwas kann der IS nicht zerstören. Viele junge Mädchen und Frauen, die in den Händen des IS sind, begehen Selbstmord, sobald sich ihnen die Gelegenheit dazu bietet, weil sie so viel Unterdrückung und Missbrauch einfach nicht aushalten. Ich bin da anders. Je mehr man mir Böses antat, umso mehr musste ich an die Lehren meiner Mutter und meiner Leute denken… Die Kraft Gottes hat mich nie verlassen. Je mehr Böses ich um mich herum sah, umso mehr Gutes fand ich in mir selbst.“

Lamya, Nadias Leidensgefährtin, ist fünf Jahre jünger. Bei der Flucht vor ihren Sklavenhaltern trat sie auf eine Mine und verletzte sich schwer, sie hat mehrere komplizierte Operationen in Deutschland hinter sich. Lamya sagt: „Die Männer des IS haben mich vergewaltigt, geschlagen, gefoltert und gedemütigt. Acht Monate lang haben sie mir alles Böse angetan, das überhaupt vorstellbar ist. Die haben uns  behandelt wie Tiere. Wir waren ihre Kriegsbeute. Es fällt mir schwer, daran zu denken, dass immer noch junge Frauen jetzt gerade all das durchmachen müssen. Ich würde gerne vergessen, aber das kann ich nicht. Ich habe gesehen, wie Kinder vergewaltigt wurden. Wie Frauen vergewaltigt wurden, und ihre Kinder mussten zusehen. Verkauft und weiterverkauft oder umgetauscht, wie Waren.“

Sie könne dazu einfach nicht schweigen. „Ich kann nicht solche Grausamkeiten sehen und dann den Mund halten. Ich habe beschlossen, öffentlich von ihren Verbrechen zu reden, was sie den Jesiden, was sie jungen Frauen wie mir angetan haben. Ich habe beschlossen, den Mund aufzumachen, weil die Leute wissen sollen, was die mir alles angetan haben. Nie wieder! Nie wieder darf das, was ich durchgemacht und mitangesehen habe, wieder passieren. Nie wieder. Man muss den IS bekämpfen, und man muss auch verhindern, dass irgendwann wieder ein anderer IS kommt und dasselbe tut.“

Die Jesiden sind eine ethnisch homogene Gruppe kurdischer Sprache, deren Angehörige ausschließlich untereinander heiraten. Ihre sehr weit in die Geschichte zurückreichende Religion vereint Elemente iranischer Herkunft mit solchen des Islam, in anderen Worten, der Islam ist etwas wie die Nachbarreligion. Wie gehen die gefolterten Jesidinnen damit um, dass ihre Peiniger sich als fromme Muslime sehen? Auf diese Frage gibt Lamya eine kurze Antwort: „Für mich hat der IS mit dem Islam nichts zu tun. Der Islam ist etwas anderes.“

(rv 21.12.2016 sk)

„Sie haben alles mit uns gemacht“

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Irak / © Michaela Koller

Zu Besuch bei den Überlebenden des Genozids im Irak

Am 3. August 2014 drang der IS in die Stadt Shingal und in oberhalb im Gebirge gelegene Ortschaften vor, töteten und versklavten diejenigen, die sich nicht rechtzeitig in Sicherheit bringen konnten. Die Mörder mit den langen Bärten und schwarzen Fahnen peinigten junge Frauen als Sexsklavinnen auf widerwärtige Weise, Kindern schlugen sie mit Gewehrkolben die Schädel ein, töteten Alte, Kranke und Behinderte, ja schächteten sogar viele Menschen wie Vieh.

Zwei Jahre danach auch ist die Zukunft der jesidischen Religionsgemeinschaft in dem Gebiet, wo sich ihre heiligsten Stätten befinden, nicht gesichert. Noch immer ringen die Leitungen der Flüchtlingslager darum, die Grundversorgung der Opfer der Vertreibung sicher zu stellen. Amer Abo Elyas leitet das Lager Sheikhan, wo aktuell 5.279 Menschen, 976 Familien in 1.474 Zelten leben. Der Mann, der im Container an einem hölzernen Schreibtisch unter einem Porträt des Kurdenführers Masud Barzani sitzt, bittet die Delegation der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) (die Ehrenvorsitzende Katrin Bornmüller, den Referenten für Humanitäre Hilfe Khalil Al Rasho sowie die Autorin dieses Berichts) um Kleidung, Medikamenten und schließlich nach einem Druckkostenzuschuss für Schulbücher.

Kurdistans rot-weiß-grüne Fahne mit der Sonne weht über dem Eingang zum Lager, einer Anreihung kleiner sandiger Zelte soweit das Auge blickt. Die IGFM-Vertreter sind bei einer Familie zu einem süßen Zimttee eingeladen, der in kleinen Glastassen auf einem Alutablett: Hassan, ein kleinerer, dennoch kräftiger Mann, über fünfzig Jahre alt, gesteht uns: „Abends trinke ich immer einen viertel Liter Raki (Anisschnaps, Anm. d. Red.).“ Er betäubt damit seinen Schmerz: Seine Frau und vier seiner Kinder, darunter zwei Teenies im Alter von 12 und 14 Jahren, sind immer noch in der Gewalt des IS. Nur seine 20-jährige Tochter ist freigekommen, nachdem sie neun Kämpfern als Sklavin dienen musste: Es ist Shirin, deren Leidens- und Fluchtgeschichte Alexandra Cavelius und Jan Kizilhan im Buch „Ich bleibe eine Tochter des Lichts“ aus ihrer Perspektive erzählen. „Kommt für zwei Wochen mit ihr hierher“, bittet Hassan flehentlich.

Auch der 25-jährige Gamil, der Sprachen an der Universität studiert hat, ist mit seiner Familie aus dem Shingal-Gebirge geflohen. Er ist der jüngste Sohn unter 14 Geschwistern, von denen schon eine Reihe in Europa leben. Der für arabische Poesie schwärmende Jeside fühlt sich für seine Eltern, die bereits über 80 Jahre alt sind, verantwortlich und lebt daher mit ihnen im Zelt. „Langfristig sehe ich keine Zukunft für die Jesiden in dieser Region“, gesteht er resigniert.

Mit den Christen gestaltet sich das Zusammenleben jedoch herzlich: „Die Jesiden sind unsere Schwestern und Brüder“, betont der chaldäisch-katholische Bischof von Alqosh, Mikha Maqdassi. Er plant gerade die Einrichtung eines Kindergartens, der dem Nachwuchs aus allen Familien im Ort offenstehen soll. Die Frage, ob damit auch die Muslime eingeladen sind, beantwortet der 67-Jährige mit einem „Ja, aber“: Er erwarte keine muslimischen Anmeldungen für die christlich geführte Einrichtung. Später erfährt die Delegation: Christen und Jesiden erkannten vielfach ihre eigenen muslimischen Nachbarn unter den IS-Tätern. Ein Zusammenleben in der Zukunft setzt zunächst internationale Anerkennung des Leids und Gerechtigkeit voraus, indem die Täter zur Verantwortung gezogen werden.

Nadia Murad, UNO-Sonderbotschafterin für die Würde der Opfer von Menschenhandel, sagte kürzlich vor der Versammlung der Vertreter der Weltgemeinschaft: „Wenn Köpfen, sexuelle Versklavung, Kindesraub und Vertreibung von Millionen Sie nicht dazu bringen zu handeln, was wird es denn dann sein? Nicht nur Sie und Ihre Familien haben ein Recht auf Leben, auch wir brauchen unser Leben und das Recht, es zu leben.“ Sie sprach diese Worte mit unterdrückten Tränen vor den versammelten Diplomaten und Politikern.

Auf der 23-Jährigen Jesidin, die 2014 drei Monate IS-Gefangenschaft erlitt, lastet die Hoffnung ihrer vom Völkermord geplagten Gemeinschaft. Das bestätigt auch das Gespräch mit dem geistlichen Oberhaupt der Jesiden, Baba Sheikh in Ain Sifni, nahe Sheikhan, der die Vertreter der IGFM empfängt. „Ich habe ihr gesagt, sie soll für uns Jesiden eintreten“, verrät er auf dem Sofa des Salons sitzend.

Die eliminatorische Entschlossenheit der Terrormiliz IS steht außer Zweifel, für ihr zynisch-raffiniertes Vorgehen fand das Team der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM), die Ehrenvorsitzende Katrin Bornmüller, der Referent für humanitäre Hilfe in Nahost, Khalil Al-Rasho, selbst Jeside, und die Autorin dieses Beitrags, zudem konkrete Hinweise. In dem Ort Sharafiya, einem Ort in der Niniveh-Ebene, treffen die deutschen Besucher auf den Bauern Gorgiss F.. Bei einer Tasse süßen Tee im Haus des Pfarrers berichtet der 53-Jährige vom Vorgehen der Terrormiliz: „Ein alter Freund, der Muslim ist, rief uns an. Er kämpfte inzwischen auf der Seite des IS. Er sagte: Wenn sie in das Dorf kommen und unsere Mädchen und Frauen Kopftuch tragen, geschehe uns nichts. Wir haben nicht darauf vertraut.“

Seine Vorfahren flohen bereits einmal vor einem Genozid, dem der Jungtürken, aus dem traditionellen Siedlungsgebiet des Tiyari-Stammes im äußersten Südosten der heutigen Türkei. Ein Stück weiter, näher an der Front zum Kampfgeschehen, in Telesqof, steht heute eine Geisterstadt, noch immer stark zerstört und die Gegend vermint, nachdem der Ort zwei Wochen im August 2014 den den Islamisten beherrscht und Anfang Mai dieses Jahres erneut angegriffen wurde. Der Kommandant der Sicherheitskräfte hier ist ein Jeside: Vor einem Besuch der Kirche warnt er: „Drumherum sind überall Landminen.“

In Baadr besuchen die IGFM-Vertreter die Mutter dreier schwerstbehinderter Kinder, die dringend Geld für Windeln und Medikamente benötigt. Trotz ihrer Verletzlichkeit haben sie den IS überlebt: Ihr Auto und der Wagen der Großeltern sprangen nicht an, als die Männer mit den schwarzen Fahnen immer näher kamen. Erst nach 42 Tagen – ihre Versklavung und die Ermordung ihrer Kinder waren schon längst beschlossene Sache – entkamen sie mit den Kindern auf dem Rücken und greisen Mitgefangenen während einer Wachablösung.

Auch die inzwischen 14-jährige Samira S., die mit ihrer Familie auch in Baadr aufgenommen wurde, bestätigte mit ihrem Leidensbericht das planvolle Vorgehen der Mördertruppen des Kalifen Abu Bakr Al Baghdadi. Sie ist mit anderen jungen Frauen regelrecht den Berg im Shingal-Gebirge hinaufgejagt worden und als sie auf der anderen Seite wieder Richtung Tal liefen, holten sie die Schergen ein. Den Gästen aus Deutschland berichtet sie im Wohnzimmer des Rohbaus, während die Familie draußen in der Küche zurückbleibt. Sie war nur zwölf Jahre alt, als sie in Gefangenschaft des IS geriet. „Sie haben alles mit uns gemacht“, deutet sie nur an. Eine 26-jährige Mitgefangene rief heimlich einen befreundeten Arzt in einem Krankenhaus an und bat ihn um die Lieferung von Medikamenten, darunter extra viel Schlafmittel. Da die Mädchen und jungen Frauen für die Kämpfer der Terrormiliz kochen mussten, nutzten sie die Gelegenheit, ihnen Schlafmittel in ein deftiges Gericht zu rühren. Ihre Peiniger langten reichlich zu und fielen bald in Tiefschlaf: „Ganz vorsichtig schlichen wir uns fort, nur hundert Meter an einem IS-Kontrollposten vorbei durch vermintes Gelände und kamen schließlich durch.“ Auf die Frage, was sie sich wünscht und ob sie vielleicht einmal nach Europa kommen möchte, antwortet sie entschlossen und frühreif: „Ich wünsche mir, dass meine Heimat befreit wird und dass wir dort wieder in Sicherheit leben können.“

Leila, eine 17-jährige Jesidin aus dem Shingal-Gebirge, die mit ihrer Familie noch rechtzeitig entkommen konnte und zur Zeit in einem der Flüchtlingslager lebt, begleitete die IGFM-Delegation. Aus der Enge der trostlosen Zeltstadt herausgeholt, sollte sie abgelenkt werden, so auf andere Gedanken kommen. Nach der Begegnung mit ihrem geistlichen Oberhaupt sagte sie, ihr Wohlbefinden sei von 50 auf 70 Prozent angestiegen. Während Samiras Bericht sinkt sie jedoch, den Kopf immer weiter nach vorn gebeugt, starr geradeaus blickend, allmählich in sich zusammen. Wohl mit letzter Kraft verlässt sie das Haus, setzt sich auf die linke Seite der Rückbank des Pick-ups, mit dem die deutschen Gäste in Kurdistan reisen. Als alle Vier wieder im Wagen sitzen, beginnt sie ganz plötzlich immer lauter zu schluchzen, kippt nach rechts, Tränen rinnen aus ihrem Auge.

Die Autorin dieses Beitrags nimmt sie in den Arm und Khalil Al Rasho fährt zügig zur Notaufnahme ihres Lagers. Dort angekommen, steht zwar sofort ein Krankenpfleger mit einer Trage bereit, aber erst fehlt das Beruhigungsmittel gegen den Nervenzusammenbruch, dann bricht auch noch die Stromversorgung zusammen. Das Schluchzen hört nicht auf. Später wird keiner aus der Delegation mehr sicher sein, wie viele Stunden das heftige Weinen andauerte, ein entkräftendes Schreien aus der Tiefe des Brustkorbs, wo irgendwo ein Schmerz sitzen muss, Schmerz über all das Verlorene, die Heimat, die Freunde, die Vergangenheit, die Sicherheit, die Unbeschwertheit, das Zusammenleben, der Friede.

– Die Namen der IS-Opfer wurden geändert. –

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