Irak: Vor fünf Jahren begann die Vertreibung der Christen durch den IS

Christen im Irak in einer wiederaufgebauten Kirche

Die Häuser der christlichen Familien wurden mit einem Symbol gekennzeichnet, dann wurde gehandelt: Am 6. August 2014, vor genau fünf Jahren, eroberten und zerstörten Einheiten des sogenannten „Islamischen Staates“ (IS) die christlichen Ortschaften in der irakischen Ninive-Ebene. Etwa 120.000 Christen mussten über Nacht fliehen.

Hier zum Nachhören

Seit zwei Jahren gibt es eine erfreuliche Rückkehrbewegung der christlichen Bevölkerung in die Ninive-Ebene. Wir sprachen darüber mit Berthold Pelster, Sprecher des Hilfswerks Kirche in Not, das den Christen im Irak beisteht und namentlich in der Ninive-Ebene tatkräftig hilft.

Gudrun Sailer – Vatikanstadt

Vatican News: Herr Pelster, wie sieht die Ninive-Ebene heute aus?

Pelster: Man sieht überall noch Spuren, von damals, was im August 2014 und danach passiert ist. Man sieht immer noch sehr viele zerstörte Häuser. Die Vertreibung der Christen und auch der Jesiden durch den IS war ein abscheuliches Verbrechen. Der IS hat damals versucht, die christliche Gemeinschaft in der Ninive-Ebene komplett auszulöschen, deswegen spricht man auch zu Recht von einem Genozid, einem Völkermord – ähnlich bei den Jesiden. Die Christen wurden buchstäblich über Nacht aus ihrer Heimat vertrieben. Sie haben alles verloren, ihre Häuser, ihren ganzen Besitz, ihre Heimat. Um eine Rückkehr der Christen unmöglich zu machen, hat der IS tausende Wohnhäuser geplündert, hat sie mit Granaten beschossen oder in die Luft gesprengt. Auch die religiösen Wurzeln der Christen wollte der IS zerstören. Deswegen hat er Kirchen und Klöster geschändet und niedergebrannt. Dann kam es zu den monatelangen Gefechten. Der IS wurde militärisch bekämpft. Und auch bei diesen Gefechten kam es immer wieder zu schweren Schäden an vielen Häusern.

Vatican News: Lassen sich die Schäden eigentlich beziffern?

Pelster: Als die ersten Christen 2017 in die Ninive-Ebene zurückkehrten, haben sie mithilfe von „Kirche in Not“ eine Bestandsaufnahme gemacht. Da haben wir festgestellt, dass es 13.000 Häuser gab, die mehr oder weniger schwere Schäden erlitten hatten. Jedes Gebäude war komplett zerstört und mithilfe von „Kirche in Not“ konnte inzwischen ein Teil dieser Häuser wiederhergestellt werden. Deswegen konnten auch einige – oder ein Teil – der Christen zurückkehren. Damals hieß es, es sind etwa 125.000 Christen geflüchtet und vertrieben worden. Etwa die Hälfte davon ist bis heute in die Ninive-Ebene zurückgekehrt und versucht, einen neuen Anfang zu machen. Die andere Hälfte der Flüchtlinge lebt immer noch im Exil.

“ Die andere Hälfte der Flüchtlinge lebt immer noch im Exil ”

Vatican News: Ungefähr die Hälfte der Christinnen und Christen sind in ihre irakische Heimat zurückgekehrt. Viele haben damals Aufnahme in anderen Ländern gefunden, auch in Europa, in Ländern wie Schweden oder Deutschland. Von denen, die bis jetzt nicht oder noch nicht zurückgekehrt sind: Wollen sie ihrer Einschätzung nach zurück in die Heimat oder ziehen sie es vor, im Exil zu bleiben?

Pelster: Viele von jenen Flüchtlingen, die ins Ausland gegangen sind – vor allen in den Westen – haben sich dort eine neue Existenz aufgebaut, und ich fürchte, dass viele von denen wohl nicht zurückkehren werden. Denn die Kinder gehen dort zur Schule, lernen eine neue Sprache, bekommen eine gute Ausbildung. Die Eltern haben Arbeit gefunden, sind vielleicht inzwischen gut integriert. Warum sollten sie zurückkehren in eine weiterhin doch sehr unsichere Region? Auf der anderen Seite gibt es aber auch Christen, die an ihrer Heimat hängen. Das sind dann vor allem Christen, die nach der Vertreibung im Irak geblieben sind, die jetzt also in der kurdischen Region leben. Und ich könnte mir vorstellen, dass von denen eher welche in die Ninive-Ebene zurückkehren würden, wenn sich die Lage verbessert.

Vatican News: So etwas hängt oft auch mit politischen Entwicklungen zusammen. Wie groß ist denn das Vertrauen der irakischen Christen, die zurückgekehrt sind oder diesen Schritt erwägen, in die heutige politische Führung des Landes?

Pelster: Leider nicht sehr hoch. Nach der Vertreibung der Christen haben wir kaum Unterstützung von der irakischen Regierung bekommen. Die humanitäre Hilfe für die Flüchtlinge kam damals fast ausschließlich von der Kirche und von internationalen Organisationen – wie „Kirche in Not“. Der Irak ist heute immer noch innerlich zerrissen und von Spannungen geprägt. Spannungen zwischen Schiiten und Sunniten, zwischen Arabern und Kurden. Die politische Führung des Landes ist eher schwach. Dabei hätte die Regierung die wichtige Aufgabe, für Sicherheit zu sorgen. Dafür zu sorgen, dass Christen, Jesiden und andere Minderheiten nicht erneut Opfer von islamistischer oder krimineller Gewalt werden. Die irakische Regierung müsste auch dafür sorgen, dass der islamistischen Ideologie etwas entgegengesetzt wird. Denn die Intoleranz in dieser fanatischen Ideologie des IS hat zur brutalen Gewalt gegen religiöse Minderheiten geführt. Und gegen diese islamistische Gewalt müsste der Staat etwas unternehmen.

Vatican News: Mit welchen Mitteln?

Pelster: Zum Beispiel durch politische Aufklärung, durch Bildungsarbeit für Kinder, Jugendliche, Erwachsene oder auch durch die Medien, über Fernsehen und Radio. Auch die islamischen Geistlichen hätten eine wichtige Aufgabe. Nur das sind bislang eher fromme Wünsche. In der Realität gibt es das bislang kaum. Eine politische Forderung der Christen, die schon seit Jahren erhoben wird, die richtet sich dahin, dass die Christen gleiche Rechte bekommen und gleich behandelt werden – die Forderung nach gleichen Rechten für alle Bürger des Staates, ganz egal, zu welcher Volksgruppe, Religion oder Konfession sie gehören. Aber davon ist die Realität leider noch weit entfernt.

“ Moderate Muslime schätzen die Anwesenheit von Christen im Irak ”

Vatican News: Inwiefern könnte denn gerade von der kleinen christlichen Minderheit ein Impuls ausgehen für die gesellschaftliche Stabilität im Irak – und zwar trotz aller Widrigkeiten, wie Sie sie gerade beschrieben haben?

Pelster: Die Bischöfe im Irak haben wiederholt berichtet, dass sie von moderaten Muslimen gebeten worden sind, alles dafür zu tun, dass die Christen im Land bleiben. Moderate Muslime schätzen die Anwesenheit von Christen im Irak oder anderen muslimischen Ländern. Denn Christen haben aufgrund ihrer Religion tatsächlich Werte und Verhaltensweisen, die ausgleichend und stabilisierend wirken können – zum Beispiel Gewaltfreiheit, Versöhnung und Nächstenliebe, aber sie betreiben auch Krankenhäuser und Schulen, die ein gutes Niveau haben und zugleich allen offenstehen – auch den Muslimen. Solche Einrichtungen werden oft von Muslimen geschätzt und in Anspruch genommen. Allerdings fürchte ich, dass die Zahl der Christen im Irak inzwischen so weit geschrumpft ist, dass ihr Einfluss kaum noch spürbar ist. Vor 30 bis 40 Jahren gab es 1,5 Millionen Christen im Irak. Heute sind es wohl deutlich weniger als 300.000. Das ist ein Rückgang von über 80 Prozent. Und dieser Trend nach unten ist leider bisher ungebrochen.

Vatican News: Nun will Papst Franziskus auch aus diesem Grund – um die Christen im Irak zu bestärken – das Land nächstes Jahr besuchen. Das wäre eine Premiere, denn noch nie war ein Papst im Irak. Wie groß ist denn das Thema Papstbesuch in der Ninive-Ebene?

Pelster: Sollte es tatsächlich zu so einem Papstbesuch kommen, dann wäre das eine ganz große Sache für die Christen. Die Freude der Christen wäre unbeschreiblich, und sie hoffen schon seit Jahren darauf, dass der Papst sie einmal besucht. Das wäre auch ein großes Zeichen der Solidarität und Verbundenheit. Die Christen im Irak und auch im ganzen Nahen Osten haben seit Jahren – wenn nicht seit Jahrzehnten – das Gefühl, dass sie vom christlichen Westen im Stich gelassen werden, vor allem von den Politikern. Die Christen dort haben oft das Gefühl, dass für den Westen nur geopolitische Interessen zählen und dass den westlichen Politikern das Schicksal der Christen im Nahen Osten ziemlich egal ist. Patriarch Kardinal Luis Sako habe ich die Hoffnung äußern gehört, dass Papst Franziskus sich im Irak mit hochrangingen schiitischen Geistlichen treffen könnte und dort auch ein Dokument unterschreiben könnte. Vielleicht auch das gleiche Dokument unterschreiben könnte, das im Februar dieses Jahres in den Vereinigten Arabischen Emiraten in Abu Dhabi unterzeichnet wurde, damals auch von dem Großscheich der Al-Azhar-Universität, dem höchsten Repräsentanten des sunnitischen Islams. Das war ein Dokument über die Brüderlichkeit der Menschen über ein friedliches Zusammenleben in der Welt. Wenn das jetzt mit schiitischen Geistlichen im Irak gelingen könnte, dann wäre auch das eine große Sache. Eine solche Geste könnte ein wichtiger Schritt sein, um im Schutz religiöser Gemeinschaften vor Unterdrückung und Verfolgung ein gutes Stück voran zu kommen.

(vatican news)

LESEN SIE AUCH:

“Wenn die Familien nicht in ihre Häuser zurückkehren, wird das Christentum im Irak aussterben”

Trip to Iraq 2016 December 19<br /> Fr. Salar Soulayman Bodagh (Chaldean priests) on the balcony of the presbytery of the Mar Quryaqus (Qeryaqos) church in Batnaya<br /> Mar Quryaqus (Qeryaqos) church in Batnaya<br /> There is a church in Batnaya by the name of Mar Quryaqus (Qeryaqos), the patron of the town. It is a big church in the middle of the town on a high area. In 1944 the Mar Qeryaqos Church was built on the ruins of a monastery by the same name believed to have been built early 15th century. A second but smaller church Mart Maryam was built in 1966, while the church of Mar Gewargis was mentioned in an inscription dating 1745. Besides, there is the Monastery of St. Joseph which looks like a big house. It is inhabited by the Order of the Dominican Sisters. It also contains rooms and halls for catechism and a kindergarten. It is run by the religious and teachers of catechism. It is noteworthy that the sub-diocese of Mar Quryaqus belongs to the Chaldean Diocese of Elqosh.<br /> There is a shrine in the town called Mart Shmooni which lies in the middle of the towns cemetery. It is visited by people on memorial occasions for prayer, religious canticles on such revered occasions for the villagers.<br /> Batnaya is an Assyrian town in northern Iraq located 14 miles north of Mosul and around 3 miles north of Tel Keppe. All of its citizens fled to Iraqi Kurdistan after the ISIS invasion on August 6, 2014. On October 20, 2016, Peshmerga and Assyrian forces drove ISIS out and occupied the town. [2]<br /> Etymology<br /> The name Batnaya is of Syriac origin derived from either "Beth Tnyay" meaning "The House of Mud" or "Beth Tnaya" meaning "The House of Assiduity."<br /> History<br /> Batnaya used to be called "Beth Madaye" meaning the "House of the Medes" where it's believed that a group of the Medes who followed the Assyrian monk Oraham (Abraham) settled there around the seventh century. It's also believed that Christianity reached Batnaya around that time.<br /> Batnaya was attacked by the army of Nader Shah in 1743 wh

Pater Salar Kajo ist einer der Priester, die den mehr als 120.000 Christen zur Seite gestanden haben, die vor der Invasion des «Islamischen Staates» aus ihren Häusern im Irak fliehen mussten und die in den letzten drei Jahren in ihrem eigenen Land als Flüchtlinge gelebt haben.

Er war einer der Ersten, die zurückkehrten, als es den Truppen der irakischen Armee gelang, die Dschihadisten abzuwehren. Pater Salar koordiniert mit Hilfe des Ninive-Wiederaufbau-Komitees die Wiederaufbauarbeiten in den Dörfern in der Ninive-Ebene.

“Die Kirche ist die einzige Institution, die mit den Christen des Irak und anderen Minderheiten zusammenarbeitet, damit sie wieder leben können wie früher. Falls die Familien nicht in ihre Häuser zurückkehren, wird das Christentum im Irak aussterben”, bestätigt er mit Bestimmtheit während seines Besuches des spanischen Nationalbüros der Päpstlichen Stiftung KIRCHE IN NOT.

Wie ist zurzeit die Situation in den Dörfern der Ninive-Ebene?

Im nördlichen Teil der Ninive-Ebene konnten – dank der Unterstützung durch die Kirche, die dies erst ermöglicht hat − einige Tausend Familien in ihre Häuser zurückkehren. Aber man muss weiterarbeiten, damit alle diese Chance haben.

Wie leben diejenigen, denen dies bereits gelungen ist?

In vielen Fällen besteht das große Ziel zurzeit darin, für diese Personen Arbeit zu finden. Sie hatten gedacht, dass es ihnen nicht möglich sein würde, in ihre Häuser zurückzukehren. Sie hatten die Hoffnung verloren, jedoch nicht ihren christlichen Glauben. Beispielhaft für ihren tiefen Glauben ist, dass sie dem «Islamischen Staat» und ihren Nachbarn, die mit den Dschihadisten kollaboriert haben, verzeihen konnten. Sie sind fest davon überzeugt, dass nur die Vergebung die Herzen jener Personen verändern kann, die ihnen gegenüber so gewalttätig waren.

Sie waren unter den Ersten, die wieder vor Ort ankamen. Was fanden Sie vor?

Am selben Tag, an dem Dörfer wie Telleskuf, die sich nahe bei Mossul gelegen sind, befreit wurden, kam ich mit einer Gruppe Jugendlicher an. In Batnaya besuchte ich als Erstes die Kirche und sah, dass alles zerstört war. Auf dem Boden lagen Bibeln und Lektionare −liturgische Bücher−, die unlängst verbrannt worden waren. Bevor die IS-Kämpfer das Dorf verließen, hatten sie ihre Wut besonders an den Kirchen ausgelassen. Danach suchten wir verschiedene Häuser in der Nähe auf, konnten dies aber nicht weiter fortsetzen, da das Dorf voller Minen war. Wir beteten ein Vaterunser in Aramäisch und läuteten die Glocken, die nach drei Jahren zum ersten Mal erklangen.

Was dachten Sie, als sie die zerstörten Kirchen und Häuser sahen?

Ich fühlte einen tiefen Schmerz. Wir erinnern uns ja noch sehr gut an unsere Dörfer und Kirchen. In der Vergangenheit hatten wir hart gearbeitet, um unsere Kirchen schön herzurichten. Aber, ich sagte mir: “Danke, Herr, wir konnten zwar die Bausubstanz unserer Kirchen nicht gut erhalten, dafür aber den Glauben der Menschen”.

Ist der Glaube der Christen im Irak nun stärker als jemals zuvor?

Ich glaube, ja. Wir sehen nun seine Früchte, wie die Nächstenliebe zu denen, die alles verloren haben, wie auch zu Nachbarn anderer Religion, zum Beispiel zu Muslimen aus anderen Dörfern. Ebenso − wie schon zuvor kommentiert − sehen wir, wie Christen Nachbarn vergeben, die dem «Islamischen Staat» halfen, ihre Häuser zu besetzen, zu stehlen und Dörfer niederzubrennen.

Wie ist es möglich, zu verzeihen, nachdem man alles verloren hat? Ist es eine echte Vergebung?

Im Namen Jesu Christi ist alles möglich. Die Menschen haben sehr gelitten, in den drei Jahren, die sie im irakischen Kurdistan verbracht haben, viele Schwierigkeiten erlebt. Aber sie haben einen solchen Glauben, dass sie alles überwinden konnten, obwohl dies nicht leicht war. Dieser Glaube führt auch zu wahrhaftiger Vergebung.

Haben Sie hierfür ein Beispiel?

Nachdem die Familien wieder in ihren Häusern waren, besuchten sie als Erstes ihre muslimischen Nachbarn, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Dabei sagten sie ihnen, dass sie sich wünschten, hier wieder wie früher in Frieden zusammen zu leben. Rein menschlich ist dies unmöglich, in der Logik des Glaubens hingegen schon.

Was braucht ihr besonders?

Es ist wichtig, dass alle wieder in ihre Dörfer zurückkehren können. Dies ist nur dank der Hilfe von Hilfsorganisationen möglich, da die Regierungen uns keinerlei Hilfe bieten. In diesem Jahr des Wiederaufbaus haben wir nur durch die Kirche Hilfe erfahren. Wir wollen zurück in unsere Heimat, um unsere Würde wiederzuerlangen und um zu arbeiten und zu leben wie vor der Invasion des «Islamischen Staates». Es ist unser Land und es ist unsere Identität.

Wie hat sich, nach so viel Zerstörung, für Sie persönlich das Leben verändert?

Die durch den «Islamischen Staat» ausgelöste Krise hat das Bewusstsein für meine priesterliche Berufung noch stärker werden lassen. Der Herr wählt uns Priester aus, damit wir in dieser schwierigen Zeit dem Volk in allen Lebensbereichen noch näher sind, also nicht nur im Hinblick auf pastorale Themen. Dies hat die Beziehungen zwischen der Kirche und den Gläubigen gestärkt. Es ist wichtig, dass weiterhin Christen im Irak leben. Sie haben eine moralische Verantwortung, Frieden zu schließen und die Herzen ihrer Mitbürger zu wandeln. Sie fühlen sich in der Region des Nahen Ostens als Friedensstifter.

Als internationales katholisches Hilfswerk und päpstliche Stiftung setzt KIRCHE IN NOT (ACN) sich zurzeit dafür ein, dass Christen in ihre ehemalige Heimat im Irak zurückkehren können. Mit dem Aufruf „Zurück zu den Wurzeln“ beteiligt sich KIRCHE IN NOT intensiv an einem umfassenden Programm zum Wiederaufbau der Häuser und Kirchen entwurzelter Christen aus der unweit von Mossul gelegenen Ninive-Ebene. Und dies tatsächlich mit einigem Erfolg – bereits ein Drittel der im Exil lebenden Christen sind in ihre Häuser in der Ninive-Ebene zurückgekehrt. Mehr Infos auch unter: www.irak-wiederaufbau.at

Um den Wiederaufbau der christlichen Dörfer im Irak weiter voranzutreiben und der Bevölkerung materiell wie pastoral beistehen zu können, bittet KIRCHE IN NOT um Spenden – entweder online unter: www.kircheinnot.at oder auf folgendes Spendenkonto:

Empfänger: KIRCHE IN NOT
IBAN: AT71 2011 1827 6701 0600
BIC: GIBAATWWXXX
Verwendungszweck: Irak Wiederaufbau

„Back to the Roots“: Irakische Christen kehren nach Ninive zurück

Karakosch / © Jaco Klamer Für KiN – KIRCHE IN NOT

KiN unterstützt den Wiederaufbau christlicher Dörfer in der Ninive-Ebene

Etwa 500 christliche Familien – knapp 2.500 Menschen – feierten die langersehnte Rückkehr in ihre früheren Städte und Dörfer in der Nineve-Ebene und setzten ein Zeichen für den Neubeginn.

In Karakosch (Baghdeda), der größten christlichen Stadt in Ninive, hielten Priester und Gläubige bei einer Prozession Olivenzweige in den Händen und sangen in der Sprache Jesu aramäische Gesänge. Im Schutz von Sicherheitskräften in gepanzerten Fahrzeugen wurde die Prozession von Priestern angeführt, die Kreuze hochhielten. In der syrisch-katholischen Kirche der Unbefleckten Empfängnis fand ein Gottesdienst statt. Diese Kirche im Stadtzentrum war von Kämpfern des IS entweiht und angezündet worden. Während der Zeremonie rief der Projektbeauftragte für den Nahen Osten von „Kirche in Not“ (ACN), Pater Andrzej Halemba, die Menschen dazu auf, denen zu vergeben, die sie aus ihren Häusern vertrieben und ihre Städte und Dörfer angegriffen haben.

Pater Halemba sagte den Heimkehrern: „Natürlich weinen wir angesichts der Gewalt, die ausgeübt wurde, doch wir sollten die Wut aus unseren Herzen entfernen. Es sollte kein Hass in unseren Herzen sein. Wir sollten uns mit unserem Nachbarn versöhnen.“ Mindestens 2.000 Familien – 10.000 Personen – kehrten Berichten zufolge nach Karakosch zurück. Weitere  500 Familien – 2.500 Personen – werden in den nächsten Monaten erwartet.

„Kirche in Not“ (ACN) beteiligt sich am Wiederaufbau zahlreicher Wohnungen in einigen mehrheitlich christlichen Städten und Dörfern in Ninive, die vor und nach der Besetzung der Region durch den IS, von August 2014 bis Oktober 2016, zerstört wurden. Das Hilfswerk engagiert sich auch beim Wiederaufbau von Kirchen in beiden Städten sowie in Telskuf, wo die Renovierung der Kirche St. Georg bereits fortgeschritten ist.

Der Kardinalstaatssekretär im Vatikan, Pietro Parolin, nahm an einer vom Päpstlichen Hilfswerk „Kirche in Not“ (ACN) in Rom veranstalteten Konferenz teil, um die Rückkehr der irakischen Christen in ihre Heimat in der Ninive-Ebene zu unterstützen. Der Kardinalstaatssekretär dankte für „die Unterstützung zahlreicher christlicher Familien durch das Päpstliche Hilfswerk „Kirche in Not“ (ACN) in den drei Jahren nach der Invasion durch den selbsternannten Islamischen Staat, damit sie in die Lage versetzt werden, dieser Situation in Würde zu begegnen. Es ist viel getan worden, aber es ist noch viel zu tun.”

Der chaldäisch-katholische Patriarch von Bagdad,  Louis Raphael I. Sako, nannte fünf Bereiche, in denen Handlungsbedarf besteht: die Bildung unterstützen, politische Unterstützung anbieten, die befreiten Gegenden sichern und stabilisieren, und zuletzt den Fundamentalismus und den Terrorismus besiegen.

Herbert Rechberger, der Nationaldirektor von „Kirche in Not“ – Österreich, bittet alle Wohltäter und  Freunde des Werkes, und alle Menschen guten Willens, den Christen im Irak jetzt zu helfen,  die Dörfer wieder aufzubauen und die Rechte der Christen abzusichern: “Wir sind uns dessen bewusst, dass sich der Irak weiterhin in einer schwierigen Lage befindet. Wir wissen aber auch: Wenn wir den Christen jetzt nicht helfen,wird ein Ursprungsland des Christentums einmal christenfrei sein und dann brauchen wir morgen nicht mehr darüber zu sprechen.“

Die Webseite www.irak-wiederaufbau.at  informiert über diese große und wichtige Initiative  mit neuesten Nachrichten, Fotos und Videos.

Um das Überleben der christlichen Minderheit in einer der Ursprungsregionen des Christentums zu erhalten, bittet KIRCHE IN NOT um Spenden – online unter www.kircheinnot.at oder auf das Spendenkonto:

Empfänger: KIRCHE IN NOT
IBAN: AT71 2011 1827 6701 0600
BIC: GIBAATWWXXX
Verwendungszweck: Wiederaufbau Irak

(Quelle: KiN Österreich)

_______

Quelle

Irak: Patriarch fordert Kampf gegen IS-Ideologie

Der chaldäische Patriarch Louis Raphael Sako I.

Der chaldäische Patriarch Louis Raphael Sako hat die Zerstörung der jahrhundertalten Al-Nuri-Moschee in der umkämpften irakischen Stadt Mossul durch die IS-Terrormiliz verurteilt. Damit werde nicht nur die Geschichte einer ganzen Stadt und eines Landes vernichtet, sondern auch „die Erinnerungen und die Kultur der Menschen“, sagte er der Nachrichtenagentur asianews. Die Terroristen des selbsternannten „Islamischen Staats“ hatten am Mittwoch die Moschee aus dem 12. Jahrhundert mit ihrem schiefen Minarett gesprengt.

Die Zerstörungen der Terrormiliz sei für ihn eine „Kultur des Todes“, erklärte das Oberhaupt der katholisch-chaldäischen Christen. Die „ganze Welt“ rief er auf, diese Ideologie zu bekämpfen und gegen sie zu handeln. Nachdem der IS zurückgedrängt worden sei, müsse jetzt den Irakern geholfen werden, die radikale Gesinnung und Lehre der Terroristen hinter sich zu lassen: „Nichts von dieser Ideologie darf erhalten bleiben. Das ist eine große Aufgabe und alle müssen mitarbeiten, um ein neues Kapitel anzufangen“, forderte Patriarch Sako und warnt zu gleich: Das Gedankengut der Extremisten sei noch immer präsent.

Nach der Rückeroberung größerer Gebiete im Norden des Iraks, in der Ninive-Ebene und dem Großteil Mossuls durch Regierungstruppen sowie deren Verbündeten sei sein Wunsch, dass die vertriebenen Menschen wieder zurückkehrten, sagte Sako gegenüber asianews. Seiner Beobachtung nach entwickele sich „eine neue Kultur“, die von der „Koexistenz und Vertrauen von Christen und Muslimen“ geprägt sei. „Jeder, auch die Muslime, sagen, dass die Christen zurückkehren sollen. Ohne sie wäre die Stadt nämlich nicht mehr die gleiche wie vorher“.

Im Jahr 2014 hatten die Dschihadisten die Millionenstadt Mossul unter ihre Kontrolle gebracht; es war der Beginn ihres Vormarsches auf weite Teile im Norden des Iraks und in Syrien. In der jetzt von ihnen gesprengten Al-Nuri-Moschee hatte ihr Anführer Bakr al Bagdadi das selbsternannte Kalifat „Islamischer Staat“ ausgerufen.

Inzwischen hat die irakische Armee Mossul fast vollständig wieder unter ihre Kontrolle gebracht. Derzeit läuft eine Offensive auf die Altstadt, die noch immer von IS-Terroristen gehalten wird. Die Regierung in Bagdad beurteilte die Sprengung der Moschee als „Eingeständnis“ der Niederlage.

(asianews/rv 23.06.2017 fr)

Irakische Christen um Integration in Österreich bemüht

 Die Geschichte der Verfolgung der Christen im Irak ist auch seine eigene. „Am 15. August 2006 wurde ich in Bagdad entführt“, so Bischof Sirop.

Bischof Sirop ist der für alle chaldäischen Christen in Europa zuständige Bischof. Er traf mit Kardinal Schönborn und Bischof Scheuer zusammen: Große Sorge bei geflohenen Christen über Zuzug so vieler Muslime nach Europa. 

Die aus dem Irak nach Österreich geflohenen chaldäischen Christen sind sehr um die Integration in ihrer neuen Heimat bemüht. Das hat der für die Chaldäer in Europa zuständige Bischof Saad Sirop betont. Zugleich gebe es große Ängste unter den geflohenen Christen, weil so viele Muslime nach Europa kommen würden. Bischof Sirop hat dieser Tage in seiner Funktion als „Apostolischer Visitator“ die chaldäischen Gemeinden in Wien und Linz besucht. In Wien ist er u.a. mit Kardinal Christoph Schönborn und in Linz mit Bischof Manfred Scheuer zusammengetroffen. Auch im Stift Heiligenkreuz war er zu Gast. Bischof Sirop lobte die Hilfe, die den irakischen Christen in Österreich zuteil werde, auch seitens der Kirche. Trotzdem hoffe er auf noch mehr Unterstützung.

Die chaldäischen Christen, die mit Rom uniert sind

Chaldäische Christen – ihre Kirche ist eine mit Rom unierte Ostkirche mit ostsyrischem Ritus – gibt es in Europa vor allem in zwölf Ländern: Hauptsächlich in Schweden (bis zu 30.000), Deutschland (ca. 18.000) und Frankreich (ca. 14.000); daneben auch in Dänemark, Norwegen, Belgien, der Schweiz, den Niederlanden, Großbritannien, Luxemburg, Griechenland und Österreich.

Bis zu 175 Familien verzeichnet die Kirche in Österreich, also zwischen 800 und 900 Personen. Der Großteil davon lebt in Wien, eine kleine chaldäische Gemeinde gibt es auch in Linz. Bischof Sirop hat seinen Sitz in Stockholm. Für die Seelsorge stehen dem Bischof für alle Länder in Europa 25 Priester zur Verfügung.

Große Sorge über Zustrom von Muslimen nach Europa

Sirop räumte ein, dass die chaldäischen Christen mit großer Sorge den steten Zuzug von Muslimen nach Europa verfolgen würden. „Man muss das verstehen. So gut wie alle Christen im Irak haben sehr schlechte Erfahrungen mit Muslimen gemacht“, so der Bischof. Er berichtete von Vertreibungen, Entführungen und Morden. Die Prinzipien der westlichen Welt und islamische Vorstellungen von einer Gesellschaft würden nicht zusammenpassen. Deshalb würden sich viele Muslime auch so schlecht integrieren, dafür aber die Toleranz und Freiheiten des Westens ausnützen.

Misstrauen sei angebracht, so der Bischof. Zugleich dürfe man nicht generalisieren. Bischof Sirop: „Wir dürfen unsere Mitmenschlichkeit und unseren Glauben an das Gute nicht verlieren.“

„Wir wollen Bürger Europas sein“

Auch die chaldäischen Christen hätten Schwierigkeiten bei der Integration in ihren neuen Heimatländern, räumte Sirop ein. Dabei gehe es vorrangig um materielle Fragen, etwa um Wohnraum und Arbeitsmöglichkeiten. Die Menschen seien aber um Integration bemüht. „Wir wollen Bürger dieser Länder sein und bedanken uns bei unseren neuen Heimatländer“, so der Bischof wörtlich.

Europa und die westlichen Kirchen könnten auch von den irakischen Christen profitieren, zeigte sich der Bischof überzeugt. Überaus großen Stellenwert habe bei den chaldäischen Christen etwa die Familie; dies könne auch eine Stärkung der Institution Familie in Europa bewirken. Manche Flüchtlinge hätten noch Familienangehörige im Irak oder anderen Ländern im Nahen Osten, oft sei aber auch schon die gesamte Großfamilie ausgewandert, berichtete Sirop. Hier stehe vor allem auch die Kirche in der Verantwortung, die Traditionen, Kulturen und Sprache der Menschen zu erhalten, damit diese bei aller Integration auch ihre eigene Identität bewahren könnten.

Wie der apostolische Visitator sagte, würden bereits rund eine halbe Million chaldäische Christen in der Diaspora leben, vor allem in Europa, den Vereinigten Staaten und Südamerika. In Irak hingegen seien es schon weniger als 300.000. Kleinere Gemeinschaften gebe es auch im Iran, in Syrien, dem Libanon, Israel und Ägypten.

Im Irak Vertrauen wieder aufbauen

Im vergangenen Herbst wurden die ehemals christlichen Dörfer in der nordirakischen Ninive-Ebene von den IS-Terrormilizen zurückerobert. Die ersten christlichen Flüchtlinge sind auch bereits zurückgekehrt. Zu Ostern sei in allen chaldäischen Pfarren in Europa für die Christen in der alten Heimat gesammelt worden, berichtet der Bischof, „damit sie zurückgehen können in ihre Dörfer und Städte und diese wieder aufbauen können“. Neben der materiellen Hilfe für den Aufbau der Häuser und der Infrastruktur brauche es aber noch mehr Sicherheit.

Die Christen hätten vor allem aber auch das Vertrauen in ihre muslimischen Nachbarn verloren, so der Bischof, denn diese Nachbarn hätten sich an der Plünderung ihrer Häuser beteiligt und viele seien zum IS übergelaufen. Dieses Vertrauen wieder aufzubauen, sei das wohl schwierigste anstehende Projekt.

Der Bischof zeigte sich zuversichtlich, dass zumindest die rein christlichen Dörfer und Städte in der Ninive-Ebene wieder aufgebaut und besiedelt werden können. Weniger optimistisch sprach er über Mossul. Ob dort jemals wieder Christen leben könnten, sei mehr als zweifelhaft; auch wenn der IS endgültig aus der Stadt hinausgeworfen wird. Die Christen würden dort wohl eher versuchen, ihre Wohnungen und Häuser zu verkaufen und wegzugehen. In Mossul gab es auch vor dem IS bereits massive und teils systematische Gewalt gegen Christen, sodass viele schon vor 2014 die Stadt verlassen mussten.

Von Al-Kaida entführt

Sirop, 1972 in Bagdad geboren, war Weihbischof in Bagdad, bevor er von der chaldäischen Synode zum apostolischen Visitator für die chaldäischen Gläubigen in Europa bestimmt und am 19. November 2016 von Papst Franziskus dazu ernannt wurde.

Die Geschichte der Verfolgung der Christen im Irak ist auch seine eigene. „Am 15. August 2006 wurde ich in Bagdad entführt“, berichtete er im „Kathpress“-Gespräch. Sirop war damals der letzte Priester, der noch in einem sunnitischen Stadtviertel seinen Dienst versah. Nach der Abendmesse wolle er mit dem Auto zurück ins Priesterseminar fahren, als er von drei anderen Autos gestoppt wurde. Bewaffnete zwangen ihn mitzukommen. „Sie behaupteten von sich, der Al-Kaida nahezustehen“, so Sirop. 28 Tage wurde er gefangengehalten. „Es war sehr, sehr schwer“, erinnerte er sich, ohne mehr über diese dramatischen Tage preisgeben zu wollen. Schließlich wurde Sirop gegen Lösegeld wieder freigelassen – ein großes Glück und nicht selbstverständlich.

Er habe lange gebraucht, um wieder ins Leben zurückzufinden, bekannte der Bischof. Seine Erlebnisse hat er nun auch in einem Buch verarbeitet, das im Herbst erscheinen soll.

erstellt von: red/kathpress
16.05.2017
_______

Irak: Zehntausende auf der Flucht aus Mossul

reuters2015428_articolo

Auf der Flucht aus Mossul

Zehntausende von Menschen sind vor den Kämpfen der irakischen Armee gegen die Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) aus Mossul geflohen. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) spricht von mehr als 45.700 Personen, darunter vielen Minderjährigen. Die vielen Kinder in den UNO-Auffanglagern seien oft völlig erschöpft und verängstigt, berichtet das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen Unicef. Der chaldäische Patriarch von Bagdad, Louis Raphael Sako I., beschreibt die Lage der Menschen im Interview mit Radio Vatikan als „tragisch“:

„Denn in den Zelten in der Wüste gibt es kein Licht und keinen Strom, es fehlen auch Wasser und Nahrungsmittel und alle Bedingungen eines würdigen Lebens. Es ist noch Winter, und in der Wüste ist es kalt, vor allem nachts. Die Leute haben Angst, dass sie nicht in ihre Häuser zurückkehren können, haben Angst vor Rache… Das ist eine wirklich schreckliche Situation des Wartens, ohne zu wissen, wann und wie dieser Krieg enden wird.“

Mossul gilt als eine der letzten großen Städte des Irak, in der sich IS-Kämpfer verschanzen. Die Geflohenen berichten von andauernden, schweren Kämpfen im Westteil der zur Hälfte befreiten Metropole: Dort liefern sich irakische Truppen Feuergefechte mit den Terroristen. Auch in Erbil, der nahegelegenen Hauptstadt der autonomen Kurdenprovinz, haben viele Flüchtlinge aus Mossul Aufnahme gefunden. Sie hätten teilweise nicht einmal ihre Dokumente bei sich, berichtet der chaldäische Erzbischof dieser anderen irakischen Stadt, Mashar Warda:

„Diese Familien erzählen von drei Bedingungen, die ihnen der Islamische Staat stellte: Entweder der Übertritt zum Islam, das Bezahlen einer Steuer, der Jizah, oder das Verlassen der Heimat ohne alles. Und viele sind also ohne alles geflohen, nahmen nur ihre Dokumente mit, die ihnen aber dann an den verschiedenen Checkpoints des IS abgenommen wurden, genau wie ihre Autos – sie mussten wirklich alles zurückgelassen.“

Patriarch Sako wie auch Erzbischof Warda hoffen auf einen Neuanfang für die Menschen im Irak nach der Befreiung des Landes vom IS. Sie setzen unbeirrt auf ein Verbleiben der Christen im Irak. Die Regierung vernachlässige diesen Aspekt, findet Erzbischof Warda. Gemeinsamer Neuaufbau, Versöhnung und sozialer Frieden seien in dem zerstörten Land jetzt ebenso wichtig wie Sicherheit, mahnt der Kirchenmann. Hier hätten gerade die Christen eine entscheidende Rolle.

„Wenn wir den Christen nicht die Bedingungen bieten, um bleiben zu können, und uns nur auf Worte beschränken, um sie zu überzeugen, werden noch mehr Menschen das Land verlassen. Das Problem ist, dass die irakische Regierung sich nicht so verhält, dass die Christen zum Bleiben ermutigt werden. Und wir können nicht die Tatsache ignorieren, dass es eine Marginalisierung der Christen und der Jesiden gibt. Alle sind damit beschäftigt, Daesh (den IS) zu bekämpfen; das darf aber nicht bedeuten, alle anderen Bedürfnisse des Volkes zu vergessen! Die Regierung konzentriert sich aber nur darauf.“

Dabei würden die Christen im Irak durchaus auch von Muslimen geschätzt, so der Erzbischof weiter. Er verweist auf christliche Akteure im Mossuler Geschäftsleben und auf die vielen begehrten christlichen Schulen der Stadt. Dass viele Bürger sich daran erinnern, gibt Warda die Hoffnung, dass im Irak eines Tages doch wieder Normalität einkehren kann.

„Wir hoffen, dass nach dieser Phase eine Zeit des Wiederaufbaus all der Dörfer und Städte stattfinden kann und dass der Prozess der Versöhnung, auch der politischen Versöhnung, und ein neues Leben beginnen können.“

(rv 06.03.2017 pr)

Irak: Zwei dringende Empfehlungen eines katholischen Patriarchen

s-b-louis-raphael-sako-patriarche-babylone-chaldeens-archev-baghdad-lors-priere-pour-chretiens-irak-notre-dame-paris-4-juillet-2015_0_1400_933

Extremistische Hassreden als Terrorakt? In einer Konferenz zum Schutz der Religionsfreiheit hat der chaldäisch-katholische Patriarch von Bagdad, Monsignore Louis Raphael Sako, vorgeschlagen, extremistische Reden, die zu religiöser Gewalt anstacheln, als Terrorakt zu betrachten. 

In seiner Botschaft sagte der chaldäische Patriarch, in Länder, in denen es verschiedene Religionen gebe, wie es im Irak der Fall sei, wo Muslime, Christen, Jesiden und andere Minderheiten leben, sei der Extremismus „ein erschreckendes und verstörendes Phänomen“, wenn er zu Gewalt anstiftet.

„Es ist auch eine Tragödie, die uns Christen und andere religiöse Minderheiten im Mittleren Osten mit Entsetzen erfüllt, derart, dass wir ihr nicht mehr anders als durch Gebet, Immigration und Schmerz gegenüberstehen können“, beklagte der Patriarch mit Hinweis auf die Leiden der Christen, verursacht durch die Verfolgung seitens des Islamischen Staates (IS).

Angesichts dieser Situation betonte Monsignore Sako, dass eine „unglaubliche Notwendigkeit bestehe, ein Bewusstsein zu bilden hinsichtlich des Gebrauchs von Religion als Waffe zur Schaffung von Konflikten und Krieg durch die Extremisten und Fundmentalisten, was bedeutet, den Frieden zu brechen und Distanzen und Hass unter den Menschen in ein und demselben Land zu erzeugen.“

Was man hingegen mit Religion tun muss ist, sie als aktiven und einflussreichen Faktor zu verwenden, um Frieden und die Festigung der Koexistenz in der Region und in der ganzen Welt zu verbreiten.

In diesem Sinn sprach der Patriarch zwei Empfehlungen aus, um das Problem des Extremismus zu bekämpfen.

  1. Extremistisches Reden identifizieren

Die erste ist, Aussagen, die Aggressivität gegen andere Religionen fördern, offiziell als „einen terroristischen Akt zu identifizieren, unabhängig von wem er komme.“ Man dürfe das nicht als eine Art „Meinungsfreiheit“ ansehen, sondern öffentlich als „ein Verbrechen und eine Art Terrorismus anerkennen, der einer Bestrafung bedarf.“

  1. Die Gefahrensituation beheben und korrigieren

Die zweite Empfehlung, die der Patriarch gab, war, dass es nötig sei angesichts der Gefahrensituation, die durch die Hasspredigten des Islamischen Staates begünstigt werde, dass „die Christen und Muslime umgehend darauf reagieren, um sie zu beseitigen und zu korrigieren.“

Man muss einen Diskurs fördern, der Logik und Vernunft verwendet, um die bösen Interpretationen und Praktiken zu vermeiden, einen Diskurs, der Gerechtigkeit konstruiert, Frieden stiftet durch die Anerkennung der anderen und die religiösen und nationalen Gespräche schützt, die die Lehren des Christentums und des Islams zu Liebe, Mitgefühl, Güte und Frieden verbreiten.“

Auch müsse man „bedeutsame Schritte unternehmen, um den Terrorismus zu bekämpfen und davon  überzeugen, dass alle Anstiftung zum Hass und Übergriffe auf das Eigentum der Christen eine rechtliche Strafe nach sich zieht.“

Zuletzt forderte er zu „einer echten gemeinschaftlichen Versöhung“ unter den verschiedenen Zivilisationen, Kulturen, Sprachen und Religionen im Irak und in Ländern, in denen eine ähnliche Situation besteht, auf.

_______

Quelle

Gefangene des IS: Zwei junge Jesidinnen berichten

epa2272522_articolo

Nadia Murad Basse und Lamya Haji Basher

„Es ist schwierig, davon zu erzählen, dass wir Sex-Sklavinnen gewesen sind. Aber wir wollen den Horror des Islamischen Staats anklagen!“ Das sagen Nadia Murad Basse und Lamya Haji Basher, 23 und 18 Jahre alt. Die beiden jungen Frauen waren monatelang in den Händen der Terroristen des sogenannten Islamischen Staats; vor ein paar Tagen haben sie den Sacharow-Menschenrechtspreis des Europäischen Parlaments erhalten.

Zwei Kurdinnen und Jesidinnen aus dem Dorf Kocho, nicht weit von der Stadt Sindschar im Nordirak. Von hier ist es nicht weit bis zur syrischen Grenze. Am 3. August 2014 überfielen IS-Terroristen das Dorf, töteten die Männer und verschleppten Frauen und Kinder. Was dann kam, war ein richtiggehender Sklavenmarkt: Die jungen Frauen wurden den Kämpfern der Miliz in Mossul als Sex-Sklavinnen überlassen.

„Wenn ich zurückblicke, sehe ich schreckliche Jahre im Irak und in Syrien und spüre, dass auch die Zukunft der Millionen von Menschen dort schwierig wird“, sagt Nadia heute. „Der IS hasst alles, was menschlich ist, und er verfolgt vor allem Jesiden und Christen. Ich glaube, wenn das so weitergeht, wird es immer mehr Vergewaltigungen geben, immer mehr Hinrichtungen, immer mehr Kindersoldaten… Darum ist jetzt wirklich der Moment gekommen, in dem die Weltgemeinschaft reagieren muss. Der IS muss zur Rechenschaft gezogen werden. Diese Männer gehören vor den Internationalen Strafgerichtshof! Und es ist Zeit, dem Terrorismus wirklich entgegenzutreten. Ich verstehe einfach nicht, dass es die geballte internationale Staatengemeinschaft nicht hinkriegt, eine eigentlich kleine Gruppe von männlichen Terroristen zu stoppen.“

Nadia ist von der UNO zur Sonderbotschafterin gegen Menschenhandel ernannt worden. Alles natürlich keine Entschädigung für das, was sie in den Händen des IS erleiden musste. „Ich bitte Europa und die internationale Gemeinschaft, sich auf die Seite der Opfer zu stellen und eine Sicherheitszone für die Jesiden und die anderen Minderheiten einzurichten. Zusammen mit den Jesiden werden die Christen am stärksten verfolgt. Ohne Schutz und ohne Hilfe wird sich mit Sicherheit mindestens eine halbe Million Jesiden auf den Marsch in Richtung Europa machen! Die Länder der zivilisierten Welt müssen dazu beitragen, eine Lösung zu finden.“

Ob die 23-Jährige noch an das Gute glaubt, fragen wir sie bei dem Gespräch. Ihre Antwort: „Die haben meine Mutter vor meinen Augen erschossen, weil die auf dem Markt für Sex-Sklavinnen kein Geld mehr eingebracht hätte. Aber die Lehren, die sie mir erteilt hat, konnten sie nicht auslöschen. Meine Mutter war zu Lebzeiten immer voller Respekt den anderen gegenüber, sie hat mich zur Liebe und zum Guten erzogen und mir gezeigt, wie man betet. So etwas kann der IS nicht zerstören. Viele junge Mädchen und Frauen, die in den Händen des IS sind, begehen Selbstmord, sobald sich ihnen die Gelegenheit dazu bietet, weil sie so viel Unterdrückung und Missbrauch einfach nicht aushalten. Ich bin da anders. Je mehr man mir Böses antat, umso mehr musste ich an die Lehren meiner Mutter und meiner Leute denken… Die Kraft Gottes hat mich nie verlassen. Je mehr Böses ich um mich herum sah, umso mehr Gutes fand ich in mir selbst.“

Lamya, Nadias Leidensgefährtin, ist fünf Jahre jünger. Bei der Flucht vor ihren Sklavenhaltern trat sie auf eine Mine und verletzte sich schwer, sie hat mehrere komplizierte Operationen in Deutschland hinter sich. Lamya sagt: „Die Männer des IS haben mich vergewaltigt, geschlagen, gefoltert und gedemütigt. Acht Monate lang haben sie mir alles Böse angetan, das überhaupt vorstellbar ist. Die haben uns  behandelt wie Tiere. Wir waren ihre Kriegsbeute. Es fällt mir schwer, daran zu denken, dass immer noch junge Frauen jetzt gerade all das durchmachen müssen. Ich würde gerne vergessen, aber das kann ich nicht. Ich habe gesehen, wie Kinder vergewaltigt wurden. Wie Frauen vergewaltigt wurden, und ihre Kinder mussten zusehen. Verkauft und weiterverkauft oder umgetauscht, wie Waren.“

Sie könne dazu einfach nicht schweigen. „Ich kann nicht solche Grausamkeiten sehen und dann den Mund halten. Ich habe beschlossen, öffentlich von ihren Verbrechen zu reden, was sie den Jesiden, was sie jungen Frauen wie mir angetan haben. Ich habe beschlossen, den Mund aufzumachen, weil die Leute wissen sollen, was die mir alles angetan haben. Nie wieder! Nie wieder darf das, was ich durchgemacht und mitangesehen habe, wieder passieren. Nie wieder. Man muss den IS bekämpfen, und man muss auch verhindern, dass irgendwann wieder ein anderer IS kommt und dasselbe tut.“

Die Jesiden sind eine ethnisch homogene Gruppe kurdischer Sprache, deren Angehörige ausschließlich untereinander heiraten. Ihre sehr weit in die Geschichte zurückreichende Religion vereint Elemente iranischer Herkunft mit solchen des Islam, in anderen Worten, der Islam ist etwas wie die Nachbarreligion. Wie gehen die gefolterten Jesidinnen damit um, dass ihre Peiniger sich als fromme Muslime sehen? Auf diese Frage gibt Lamya eine kurze Antwort: „Für mich hat der IS mit dem Islam nichts zu tun. Der Islam ist etwas anderes.“

(rv 21.12.2016 sk)

„Sie haben alles mit uns gemacht“

img_0770-740x493

Irak / © Michaela Koller

Zu Besuch bei den Überlebenden des Genozids im Irak

Am 3. August 2014 drang der IS in die Stadt Shingal und in oberhalb im Gebirge gelegene Ortschaften vor, töteten und versklavten diejenigen, die sich nicht rechtzeitig in Sicherheit bringen konnten. Die Mörder mit den langen Bärten und schwarzen Fahnen peinigten junge Frauen als Sexsklavinnen auf widerwärtige Weise, Kindern schlugen sie mit Gewehrkolben die Schädel ein, töteten Alte, Kranke und Behinderte, ja schächteten sogar viele Menschen wie Vieh.

Zwei Jahre danach auch ist die Zukunft der jesidischen Religionsgemeinschaft in dem Gebiet, wo sich ihre heiligsten Stätten befinden, nicht gesichert. Noch immer ringen die Leitungen der Flüchtlingslager darum, die Grundversorgung der Opfer der Vertreibung sicher zu stellen. Amer Abo Elyas leitet das Lager Sheikhan, wo aktuell 5.279 Menschen, 976 Familien in 1.474 Zelten leben. Der Mann, der im Container an einem hölzernen Schreibtisch unter einem Porträt des Kurdenführers Masud Barzani sitzt, bittet die Delegation der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) (die Ehrenvorsitzende Katrin Bornmüller, den Referenten für Humanitäre Hilfe Khalil Al Rasho sowie die Autorin dieses Berichts) um Kleidung, Medikamenten und schließlich nach einem Druckkostenzuschuss für Schulbücher.

Kurdistans rot-weiß-grüne Fahne mit der Sonne weht über dem Eingang zum Lager, einer Anreihung kleiner sandiger Zelte soweit das Auge blickt. Die IGFM-Vertreter sind bei einer Familie zu einem süßen Zimttee eingeladen, der in kleinen Glastassen auf einem Alutablett: Hassan, ein kleinerer, dennoch kräftiger Mann, über fünfzig Jahre alt, gesteht uns: „Abends trinke ich immer einen viertel Liter Raki (Anisschnaps, Anm. d. Red.).“ Er betäubt damit seinen Schmerz: Seine Frau und vier seiner Kinder, darunter zwei Teenies im Alter von 12 und 14 Jahren, sind immer noch in der Gewalt des IS. Nur seine 20-jährige Tochter ist freigekommen, nachdem sie neun Kämpfern als Sklavin dienen musste: Es ist Shirin, deren Leidens- und Fluchtgeschichte Alexandra Cavelius und Jan Kizilhan im Buch „Ich bleibe eine Tochter des Lichts“ aus ihrer Perspektive erzählen. „Kommt für zwei Wochen mit ihr hierher“, bittet Hassan flehentlich.

Auch der 25-jährige Gamil, der Sprachen an der Universität studiert hat, ist mit seiner Familie aus dem Shingal-Gebirge geflohen. Er ist der jüngste Sohn unter 14 Geschwistern, von denen schon eine Reihe in Europa leben. Der für arabische Poesie schwärmende Jeside fühlt sich für seine Eltern, die bereits über 80 Jahre alt sind, verantwortlich und lebt daher mit ihnen im Zelt. „Langfristig sehe ich keine Zukunft für die Jesiden in dieser Region“, gesteht er resigniert.

Mit den Christen gestaltet sich das Zusammenleben jedoch herzlich: „Die Jesiden sind unsere Schwestern und Brüder“, betont der chaldäisch-katholische Bischof von Alqosh, Mikha Maqdassi. Er plant gerade die Einrichtung eines Kindergartens, der dem Nachwuchs aus allen Familien im Ort offenstehen soll. Die Frage, ob damit auch die Muslime eingeladen sind, beantwortet der 67-Jährige mit einem „Ja, aber“: Er erwarte keine muslimischen Anmeldungen für die christlich geführte Einrichtung. Später erfährt die Delegation: Christen und Jesiden erkannten vielfach ihre eigenen muslimischen Nachbarn unter den IS-Tätern. Ein Zusammenleben in der Zukunft setzt zunächst internationale Anerkennung des Leids und Gerechtigkeit voraus, indem die Täter zur Verantwortung gezogen werden.

Nadia Murad, UNO-Sonderbotschafterin für die Würde der Opfer von Menschenhandel, sagte kürzlich vor der Versammlung der Vertreter der Weltgemeinschaft: „Wenn Köpfen, sexuelle Versklavung, Kindesraub und Vertreibung von Millionen Sie nicht dazu bringen zu handeln, was wird es denn dann sein? Nicht nur Sie und Ihre Familien haben ein Recht auf Leben, auch wir brauchen unser Leben und das Recht, es zu leben.“ Sie sprach diese Worte mit unterdrückten Tränen vor den versammelten Diplomaten und Politikern.

Auf der 23-Jährigen Jesidin, die 2014 drei Monate IS-Gefangenschaft erlitt, lastet die Hoffnung ihrer vom Völkermord geplagten Gemeinschaft. Das bestätigt auch das Gespräch mit dem geistlichen Oberhaupt der Jesiden, Baba Sheikh in Ain Sifni, nahe Sheikhan, der die Vertreter der IGFM empfängt. „Ich habe ihr gesagt, sie soll für uns Jesiden eintreten“, verrät er auf dem Sofa des Salons sitzend.

Die eliminatorische Entschlossenheit der Terrormiliz IS steht außer Zweifel, für ihr zynisch-raffiniertes Vorgehen fand das Team der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM), die Ehrenvorsitzende Katrin Bornmüller, der Referent für humanitäre Hilfe in Nahost, Khalil Al-Rasho, selbst Jeside, und die Autorin dieses Beitrags, zudem konkrete Hinweise. In dem Ort Sharafiya, einem Ort in der Niniveh-Ebene, treffen die deutschen Besucher auf den Bauern Gorgiss F.. Bei einer Tasse süßen Tee im Haus des Pfarrers berichtet der 53-Jährige vom Vorgehen der Terrormiliz: „Ein alter Freund, der Muslim ist, rief uns an. Er kämpfte inzwischen auf der Seite des IS. Er sagte: Wenn sie in das Dorf kommen und unsere Mädchen und Frauen Kopftuch tragen, geschehe uns nichts. Wir haben nicht darauf vertraut.“

Seine Vorfahren flohen bereits einmal vor einem Genozid, dem der Jungtürken, aus dem traditionellen Siedlungsgebiet des Tiyari-Stammes im äußersten Südosten der heutigen Türkei. Ein Stück weiter, näher an der Front zum Kampfgeschehen, in Telesqof, steht heute eine Geisterstadt, noch immer stark zerstört und die Gegend vermint, nachdem der Ort zwei Wochen im August 2014 den den Islamisten beherrscht und Anfang Mai dieses Jahres erneut angegriffen wurde. Der Kommandant der Sicherheitskräfte hier ist ein Jeside: Vor einem Besuch der Kirche warnt er: „Drumherum sind überall Landminen.“

In Baadr besuchen die IGFM-Vertreter die Mutter dreier schwerstbehinderter Kinder, die dringend Geld für Windeln und Medikamente benötigt. Trotz ihrer Verletzlichkeit haben sie den IS überlebt: Ihr Auto und der Wagen der Großeltern sprangen nicht an, als die Männer mit den schwarzen Fahnen immer näher kamen. Erst nach 42 Tagen – ihre Versklavung und die Ermordung ihrer Kinder waren schon längst beschlossene Sache – entkamen sie mit den Kindern auf dem Rücken und greisen Mitgefangenen während einer Wachablösung.

Auch die inzwischen 14-jährige Samira S., die mit ihrer Familie auch in Baadr aufgenommen wurde, bestätigte mit ihrem Leidensbericht das planvolle Vorgehen der Mördertruppen des Kalifen Abu Bakr Al Baghdadi. Sie ist mit anderen jungen Frauen regelrecht den Berg im Shingal-Gebirge hinaufgejagt worden und als sie auf der anderen Seite wieder Richtung Tal liefen, holten sie die Schergen ein. Den Gästen aus Deutschland berichtet sie im Wohnzimmer des Rohbaus, während die Familie draußen in der Küche zurückbleibt. Sie war nur zwölf Jahre alt, als sie in Gefangenschaft des IS geriet. „Sie haben alles mit uns gemacht“, deutet sie nur an. Eine 26-jährige Mitgefangene rief heimlich einen befreundeten Arzt in einem Krankenhaus an und bat ihn um die Lieferung von Medikamenten, darunter extra viel Schlafmittel. Da die Mädchen und jungen Frauen für die Kämpfer der Terrormiliz kochen mussten, nutzten sie die Gelegenheit, ihnen Schlafmittel in ein deftiges Gericht zu rühren. Ihre Peiniger langten reichlich zu und fielen bald in Tiefschlaf: „Ganz vorsichtig schlichen wir uns fort, nur hundert Meter an einem IS-Kontrollposten vorbei durch vermintes Gelände und kamen schließlich durch.“ Auf die Frage, was sie sich wünscht und ob sie vielleicht einmal nach Europa kommen möchte, antwortet sie entschlossen und frühreif: „Ich wünsche mir, dass meine Heimat befreit wird und dass wir dort wieder in Sicherheit leben können.“

Leila, eine 17-jährige Jesidin aus dem Shingal-Gebirge, die mit ihrer Familie noch rechtzeitig entkommen konnte und zur Zeit in einem der Flüchtlingslager lebt, begleitete die IGFM-Delegation. Aus der Enge der trostlosen Zeltstadt herausgeholt, sollte sie abgelenkt werden, so auf andere Gedanken kommen. Nach der Begegnung mit ihrem geistlichen Oberhaupt sagte sie, ihr Wohlbefinden sei von 50 auf 70 Prozent angestiegen. Während Samiras Bericht sinkt sie jedoch, den Kopf immer weiter nach vorn gebeugt, starr geradeaus blickend, allmählich in sich zusammen. Wohl mit letzter Kraft verlässt sie das Haus, setzt sich auf die linke Seite der Rückbank des Pick-ups, mit dem die deutschen Gäste in Kurdistan reisen. Als alle Vier wieder im Wagen sitzen, beginnt sie ganz plötzlich immer lauter zu schluchzen, kippt nach rechts, Tränen rinnen aus ihrem Auge.

Die Autorin dieses Beitrags nimmt sie in den Arm und Khalil Al Rasho fährt zügig zur Notaufnahme ihres Lagers. Dort angekommen, steht zwar sofort ein Krankenpfleger mit einer Trage bereit, aber erst fehlt das Beruhigungsmittel gegen den Nervenzusammenbruch, dann bricht auch noch die Stromversorgung zusammen. Das Schluchzen hört nicht auf. Später wird keiner aus der Delegation mehr sicher sein, wie viele Stunden das heftige Weinen andauerte, ein entkräftendes Schreien aus der Tiefe des Brustkorbs, wo irgendwo ein Schmerz sitzen muss, Schmerz über all das Verlorene, die Heimat, die Freunde, die Vergangenheit, die Sicherheit, die Unbeschwertheit, das Zusammenleben, der Friede.

– Die Namen der IS-Opfer wurden geändert. –

_______

Quelle

„Wir töten Euch alle“

kapelle_mit_graffiti-c-kirche-in-not

IS Graffiti, Batnaya, Iraq / © KiN – KIRCHE IN NOT

IS Graffiti auf Deutsch in wiedererobertem Dorf in Irak gefunden

Verschiedene Fotos, die von Stephen Rasche, einem Anwalt der chaldäisch-katholische Erzdiözese von Erbil, an die internationale Hilfsorganisation KIRCHE IN NOT (ACN) geschickt wurden, dokumentieren die Präsenz von Extremisten aus europäischen Ländern unter der ISIS. Die Fotos zeigen Graffiti in deutscher Sprache und wurden in Batnaya – einer kleinen Stadt in der Ninive-Ebene, 15 km von Mosul entfernt – aufgenommen. Bei der Übernahme durch die Terroristen im August 2014 lebten dort nach Angaben des damals dort tätigen Priesters Fr. Steven Esam ca. 850 christliche Familien.

In den Inschriften werden die Christen als “Kreuzsklaven“ beschimpft und mit dem Tode bedroht. Und weiter steht dort: „Dieses Landes ist islamische Land,  ihr Schmuzigen, das Ihr gehört nicht dahin.“ [Fehler im Original] Und auf einer weiteren Inschrift steht: „Entweder gehst du raus, oder wir töten dich“.

Stephen Rasche schrieb an die päpstliche Stiftung KIRCHE IN NOT zu den Bildern: „Das Wichtigste ist das hohe Maß der Zerstörung zu zeigen, um zu verstehen, was es sich ereignet hat und wie gefährlich es noch ist, zurückzukehren. Außerdem möchte ich durch das Zeigen der Zerstörung und der Entweihung unserer heiligen Plätzen der Welt nahebringen, welche Angst und Furcht unsere eigene Leute gerade empfinden, wenn sie überlegen müssen, ob sie später zurückkehren wollen.“

Weitere Bilder wurden in der benachbarten Stadt Karamles (auch Karemlash, Karamlash, Karemles, Karemlish) rund 29 Kilometer südöstlich von Mosul aufgenommen. Die Bilder zeigen das brutale Vorgehen der Terroristen. Abgesehen von zertrümmerten und entweihten Kirchen, zerbrochenen und verstümmelten Statuen von Heiligen ist KIRCHE IN NOT besonders erschüttert über die Schändung des Grabes eines katholischen Priesters. Stephen  Rasche erklärt dazu: „Das Grab eines unseres Priesters wurde aufgegraben und der Leichnam herausgeholt, wir haben seine Gewänder und den Deckel des Sarges gefunden, aber vom Leichnam war keine Spur zu finden.“  Wie das katholische Hilfswerk erfahren hat, handelt es sich um den 2009 verstorbenen  Priester Salem Ganni, einen Verwandten des 2007 in Mosul erschossenen 34-jährigen Priesters Ragheed Ganni.

Seit 2014 hat KIRCHE IN NOT die Christen im Irak mit mehr als 20 Millionen Euro für Nothilfeprojekte, Schulausbildung, Nahrungsmittel und Lebensunterhalt für die Vertriebenen unterstützt.

(Quelle: Pressemitteilung KiN Österreich)

_______

Quelle