Papstmeditation für Priester: Teil 3 in voller Länge

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3. Meditation — Sankt Paul Vor Den Mauern, 2. Juni 2016

Jubiläum der Priester: Papst Franziskus hält am Herz-Jesu-Fest 2016 einen Einkehrtag in drei Teilen für Priester und Seminaristen. Hier die dritte Meditation – gehalten in der Papstbasilika Sankt Paul vor den Mauern – in amtlicher deutscher Übersetzung aus dem Vatikan.

 

DRITTE MEDITATION

Der Duft Christi und das Licht seiner Barmherzigkeit

In unserer dritten Begegnung schlage ich euch vor, über die Werke der Barmherzigkeit zu meditieren. Wir können sowohl eines herausgreifen, das unserem Empfinden nach am besten unserem eigenen Charisma entspricht, als auch sie alle zusammen betrachten und sie mit den Augen Marias sehen, die uns „den fehlenden Wein“ entdecken lassen und uns ermutigen, „alles zu tun, was Jesus uns sagt“ (vgl. Joh 2,1-12), damit seine Barmherzigkeit die Wunder vollbringt, die unser Volk nötig hat.

Die Werke der Barmherzigkeit sind sehr an die „geistlichen Sinne“ gebunden. Im Gebet erbitten wir die Gnade, das Evangelium so „zu hören und zu verkosten“, dass es uns sensibel macht für das Leben. Vom Heiligen Geist bewegt und von Jesus geführt können wir mit den Augen der Barmherzigkeit schon von weitem sehen, wer am Straßenrand am Boden liegt; können wir die Rufe des Bartimäus hören; können wir fühlen wie der Herr, der am Saum seines Gewandes die schüchterne, aber entschlossene Berührung durch die an Blutungen leidende Frau fühlt; können wir die Gnade erbitten, mit ihm am Kreuz den bitteren Gallegeschmack aller Gekreuzigten zu kosten, um so den starken Geruch des Elends wahrzunehmen – in Feldlazaretten, in Zügen und Kähnen voller Menschen – diesen Geruch, den das Öl der Barmherzigkeit nicht überdeckt; doch wenn es ihn salbt, lässt es wieder Hoffnung aufkommen.

Der Katechismus der Katholischen Kirche erzählt uns im Zusammenhang mit den Werken der Barmherzigkeit, dass die heilige Rosa von Lima, als ihre Mutter sie eines Tages tadelte, weil sie zu Hause Arme und Kranke beherbergte, dieser ohne Zögern antwortete: »Wenn wir den Armen und Kranken dienen, sind wir der Wohlgeruch Christi« (vgl. Nr. 2449). Dieser Wohlgeruch Christi – die Sorge für die Armen – ist und war immer kennzeichnend für die Kirche. Paulus sah darin den Schwerpunkt seiner Begegnung mit den »Säulen«, wie er sie nennt, mit Petrus, Jakobus und Johannes, wenn er schreibt: Von ihnen »wurde mir nichts auferlegt […] Nur sollten wir an ihre Armen denken«  (Gal 2,6.10). Auch der Katechismus betont mit eindrucksvollen Worten: »Darum richtet sich auf alle, die [vom Elend] bedrückt sind, auch eine vorrangige Liebe der Kirche, die seit ihren Anfängen, ungeachtet der Schwächen vieler ihrer Glieder, unaufhörlich dafür gewirkt hat, die Bedrückten zu stützen, zu verteidigen und zu befreien« (Nr. 2448).

In der Kirche hatten und haben wir vieles, was nicht sehr gut ist, und viele Sünden; doch darin, den Armen mit den Werken der Barmherzigkeit zu dienen, sind wir als Kirche immer dem Heiligen Geist gefolgt, und unsere Heiligen haben es auf sehr kreative und wirkungsvolle Weise getan. Die Liebe zu den Armen ist das Zeichen gewesen, das Licht, das die Menschen veranlasst hat, Gott den Vater zu preisen. Unsere Leute wissen das zu schätzen: den Priester, der sich um die Armen und die Kranken kümmert, der den Sündern vergibt, der geduldig unterweist und korrigiert… Unser Volk sieht dem Priester viele Fehler nach, nur nicht den, am Geld zu hängen. Und das nicht so sehr wegen des Reichtums an sich, sondern weil das Geld uns den Reichtum der Barmherzigkeit verlieren lässt. Unser Volk hat ein feines Gespür dafür, welche Sünden für den Hirten schwerwiegend sind, welche seinen Dienst zunichtemachen, weil sie ihn zum Funktionär oder noch schlimmer: zum Söldling werden lassen, und welche hingegen, ich würde nicht sagen zweitrangige, aber doch erträgliche Sünden sind, die man wie ein Kreuz auf sich nimmt, bis der Herr sie am Ende reinigt, wie er es mit dem Unkraut tut. Was jedoch gegen die Barmherzigkeit verstößt, ist ein grundsätzlicher Widerspruch. Es verstößt gegen die Heilsdynamik, gegen Christus, der unseretwegen arm wurde, um uns durch seine Armut reich zu machen (vgl. 2 Kor 8,9). Und das ist so, weil die Barmherzigkeit umsorgt und pflegt, indem sie „etwas von sich verliert“: Ein Stückchen des Herzens bleibt beim Verwundeten; eine Zeit unseres Lebens, in der wir Lust hatten, etwas zu tun, verlieren wir, wenn wir sie dem anderen schenken.

Daher geht es nicht darum, dass Gott mir gegenüber in Bezug auf irgendeinen Fehler Barmherzigkeit erweist, als sei ich im Übrigen selbständig; oder darum, dass ich ab und zu irgendeinem Bedürftigen irgendeine besondere Tat der Barmherzigkeit erweise. Die Gnade, um die wir in diesem Gebet bitten, ist die, dass wir uns von Gott Barmherzigkeit erweisen lassen in allen Aspekten unseres Lebens und dass wir mit den anderen barmherzig sind in all unserem Tun. Für uns Priester und Bischöfe, die wir mit den Sakramenten arbeiten, indem wir  taufen, Beichte hören, Eucharistie feiern…, ist die Barmherzigkeit die Weise, das ganze Leben des Gottesvolkes in ein Sakrament zu verwandeln. Barmherzig sein ist nicht nur eine Wesensart, sondern die Wesensart. Es gibt keine andere Möglichkeit, Priester zu sein. Der Pfarrer Brochero, der – so Gott will – in diesem Jahr heiliggesprochen wird, sagte: »Der Priester, der nicht viel Mitleid mit den Sündern hat, ist ein halber Priester. Diese gesegneten Klamotten, die ich am Leibe trage, sind nicht das, was mich zum Priester macht; wenn ich in meinem Herzen keine Liebe trage, bin ich nicht einmal ein Christ.«

Zu sehen, was fehlt, und unverzüglich Abhilfe zu schaffen und noch besser: es vorauszusehen, ist typisch für den Blick eines Vaters. Dieser priesterliche Blick – der Blick dessen, der im Innern der Mutter Kirche die Stelle des Vaters vertritt –, dieser Blick, der uns dazu führt, die Menschen aus der Perspektive der Barmherzigkeit zu sehen, ist das, was vom Seminar an zu pflegen gelehrt werden muss und was alle pastoralen Pläne zu inspirieren hat. Wir wünschen und erbitten vom Herrn einen Blick, der die Zeichen der Zeit zu unterscheiden lernt unter dem Gesichtspunkt, „welche Werke der Barmherzigkeit heute für unser Volk notwendig sind“, damit die Menschen den Gott der Geschichte, der mitten unter ihnen unterwegs ist, spüren und an ihm Gefallen finden können. Denn – wie es das Dokument von Aparecida mit den Worten des heiligen Alberto Hurtado sagt – »an unseren Taten erkennt unser Volk, dass wir sein Leid verstehen« (Nr. 386), an unseren Taten…

Der Beweis für dieses Verständnis gegenüber unserem Volk besteht darin, dass wir in unseren Werken der Barmherzigkeit immer von Gott gesegnet sind und bei unseren Leuten Hilfe und Mitarbeit finden. Das trifft nicht für andere Arten von Projekten zu, die manchmal gut gehen und manchmal nicht. Und manche merken nicht, warum es nicht funktioniert, und zerbrechen sich den Kopf, indem sie nach einem neuen, zigsten Pastoralplan suchen, während man doch einfach – ohne in Einzelheiten gehen zu müssen – sagen könnte: Es funktioniert nicht, weil ihm die Barmherzigkeit fehlt. Wenn es nicht gesegnet ist, dann weil ihm Barmherzigkeit fehlt. Es fehlt jene Barmherzigkeit, die mehr zu einem Feldlazarett gehört als zu einer Luxusklinik; jene Barmherzigkeit, die, indem sie etwas Gutes würdigt, den Boden bereitet für eine spätere Begegnung des Menschen mit Gott, anstatt ihn durch eine gezielte Kritik zu entfernen…

Ich schlage euch ein Gebet mit der Sünderin vor, der vergeben wurde (vgl. Joh 8,3-11), um die Gnade zu erbitten, in der Beichte barmherzig zu sein, und ein weiteres über die soziale Dimension der Werke der Barmherzigkeit.

Es rührt mich immer diese Schriftstelle vom Herrn mit der Ehebrecherin, wie der Herr, als er sie nicht verurteilte, gegen das Gesetz „verstieß“. In dem Punkt, zu dem sie seine Stellungnahme forderten – „muss man sie steinigen oder nicht?“ – äußerte er sich nicht, wendete er das Gesetz nicht an. Er tat, als verstehe er nicht, und in dem Moment packte er etwas anderes aus. So leitete er einen Prozess im Herzen der Frau ein, die diese Worte: »auch ich verurteile dich nicht« brauchte. Indem er ihr die Hand reichte, ließ er sie aufstehen, und das erlaubte ihr, einem Blick voller Liebe und Freundlichkeit zu begegnen, der ihr Herz verwandelte. Manchmal erzeugt es in mir eine Mischung aus Pein und Empörung, wenn jemand sich beeilt, die letzte Ermahnung, das »sündige nicht mehr«, zu erklären und diesen Satz gebraucht, um Jesus zu „verteidigen“ und damit bloß nicht die Sache im Raum stehen bleibt, dass das Gesetz übergangen wurde. Ich denke, dass die Worte, die der Herr gebraucht, eine Einheit bilden mit dem, was er tut. Die Tatsache, dass er sich bückt, um zweimal mit dem Finger auf die Erde zu schreiben, und so eine Pause schafft vor dem, was er zu denen sagt, welche die Frau steinigen wollen, und dann vor dem, was er zu der Frau sagt, spricht uns von einer Zeit, die der Herr sich nimmt, um zu urteilen und zu verzeihen. Eine Zeit, die jeden an sein eigenes Inneres verweist und bewirkt, dass diejenigen, die urteilen, sich zurückziehen. In seinem Dialog mit der Frau eröffnet der Herr weitere Räume: Einer ist der Raum der Nicht-Verurteilung. Das Evangelium beharrt auf diesem Raum, der frei geblieben ist. Es versetzt uns in den Blick Jesu und sagt uns, dass er ringsum niemanden mehr sieht, nur noch die Frau. Und dann veranlasst Jesus selbst die Frau, sich umzuschauen mit der Frage: „Wo sind jene, die dich klassifizierten?“ (Das Wort ist wichtig, denn es bringt das zur Sprache, was wir so schlecht vertragen wie die Sache, dass man uns etikettiert und uns zur Karikatur macht…). Und nachdem er sie erst einmal jenen Raum sehen lässt, der frei ist vom Urteil anderer, sagt er ihr, dass nicht einmal er mit seinen Steinen in ihn eindringt: »Auch ich verurteile dich nicht.« Und in demselben Augenblick öffnet er ihr einen weiteren Freiraum: »Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!« Das Gebot wird für die Zukunft gegeben, als Gehhilfe, um „in der Liebe voranzuschreiten“. Das ist das Feingefühl der Barmherzigkeit, die erbarmungsvoll auf die Vergangenheit schaut und Mut macht für die Zukunft. Dieses „sündige nicht mehr“ ist nicht etwas  Selbstverständliches. Der Herr sagt es „gemeinsam mit ihr“; er hilft ihr, in Worte zu fassen, was sie selbst empfindet, dieses freie „Nein“ zur Sünde, das wie das „Ja“ Marias zur Gnade ist. Das „Nein“ wird in Bezug auf die Wurzel der Sünde eines jeden gesagt. Bei der Frau handelte es sich um eine gesellschaftliche Sünde, um die Sünde von einer, auf die die Menschen zugingen, um sich entweder mit ihr zu vergnügen oder sie zu steinigen. Darum räumt der Herr ihr nicht nur den Weg frei, sondern er bringt sie auf den Weg, damit sie aufhört, „Objekt“ des Blickes anderer zu sein, und selbständig handelndes „Subjekt“ ist. Das „nicht sündigen“ bezieht sich nicht nur auf den moralischen Aspekt, glaube ich, sondern auf eine Art von Sünde, die sie daran hindert, ihr eigenes Leben zu leben. Zum Gelähmten von Bethesda sagt Jesus ebenfalls: »Sündige nicht mehr« (Joh 5,14). Doch ihn, der sich rechtfertigte für die traurigen Dinge, die ihm geschahen, und der eine Opfermentalität besaß, stachelt er ein wenig an mit den Worten: »damit dir nicht noch Schlimmeres zustößt« (ebd.). Der Herr nutzt die Denkweise des Gelähmten, das, wovor er sich fürchtet, um ihn aus seiner Lähmung herauszuziehen. Sagen wir: Mit der Angst bringt er ihn in Bewegung. So müssen wir – jeder von uns – dieses „sündige nicht mehr“ tiefgreifend und ganz persönlich hören.

Dieses Bild des Herrn, der die Menschen in Bewegung bringt, ist sehr treffend: Er ist der Gott, der sich mit seinem Volk auf den Weg macht, der unsere Geschichte weiterführt und begleitet. Darum ist das Objekt, auf das die Barmherzigkeit gerichtet ist, genau bestimmt: Sie wendet sich an das, was einen Menschen veranlasst, sich nicht dort zu bewegen, wo sein Platz ist, nämlich mit seinen Lieben, in dem ihm eigenen Rhythmus, zu dem Ziel, zu dem Gott ihn einlädt. Die Sorge, das, was zutiefst beunruhigt, ist, dass einer auf Abwege gerät oder zurückbleibt oder aus Anmaßung fehlgeht; dass er – sagen wir – desorientiert ist; dass er nicht für den Herrn bereit ist, verfügbar für die Aufgabe, die er ihm übertragen möchte; dass einer sich nicht in Ehrfurcht in der Gegenwart Gottes bewegt (vgl. Mi 6,8), dass er nicht in Liebe seinen Weg geht (vgl. Eph 5,2).

Der Raum des Beichtstuhls, wo die Wahrheit uns frei macht

Und da wir vom Raum sprechen, gehen wir zu dem des Beichtstuhls. Der Katechismus der Katholischen Kirche zeigt uns den Beichtstuhl als einen Ort, an dem die Wahrheit uns frei macht für eine Begegnung: »Wenn der Priester das Bußsakrament spendet, versieht er den Dienst des Guten Hirten, der nach dem verlorenen Schaf sucht; den des barmherzigen Samariters, der die Wunden verbindet; den des Vaters, der auf den verlorenen Sohn wartet und ihn bei dessen Rückkehr liebevoll aufnimmt; den des gerechten Richters, der ohne Ansehen der Person ein zugleich gerechtes und barmherziges Urteil fällt. Kurz, der Priester ist Zeichen und Werkzeug der barmherzigen Liebe Gottes zum Sünder« (Nr. 1465). Und er erinnert uns daran, dass »der Beichtvater […] nicht Herr, sondern Diener der Vergebung Gottes [ist]. Der Diener dieses Sakramentes soll sich mit der Absicht und der Liebe Christi vereinen« (Nr. 1466).

Zeichen und Werkzeug einer Begegnung. Das sind wir. Eine wirkungsvolle Anziehungskraft für eine Begegnung. „Zeichen“ bedeutet, dass wir Anziehung ausüben müssen wie jemand, der winkt, um Aufmerksamkeit zu erregen. Ein Zeichen muss stimmig und eindeutig sein, vor allem aber verständlich. Denn es gibt Zeichen, die nur für die Spezialisten eindeutig sind. Zeichen und Werkzeug. Für das Werkzeug hängt alles davon ab, ob es wirksam ist, ob es greifbar ist und ob es genau und in geeigneter Weise auf die Wirklichkeit einwirkt. Wir sind ein Werkzeug, wenn die Menschen wirklich dem barmherzigen Gott begegnen. Uns obliegt es, „dafür zu sorgen, dass sie einander begegnen“, von Angesicht zu Angesicht einander gegenüberstehen. Was sie dann tun, ist ihre Angelegenheit. Es gibt einen verlorenen Sohn im Schweinestall und einen Vater, der jeden Abend auf die Dachterrasse steigt, um zu sehen, ob er kommt; es gibt ein verlorenes Schaf und einen Hirten, der sich auf die Suche nach ihm begeben hat; es gibt einen am Straßenrand liegengelassenen Verwundeten und einen Samariter, der ein gutes Herz hat. Was ist also unser Dienst? Zeichen und Werkzeug zu sein, damit diese einander begegnen. Machen wir uns ganz klar, dass wir weder der Vater, noch der Hirte, noch der Samariter sind. Wir befinden uns vielmehr an der Seite der anderen drei, insofern wir Sünder sind. Unser Dienst muss Zeichen und Werkzeug dieser Begegnung sein. Versetzen wir uns daher in den Bereich des Geheimnisses des Heiligen Geistes: Er ist es, der die Kirche schafft, der die Einheit herstellt, der jedes Mal die Begegnung belebt.

Die andere besondere Eigenschaft eines Zeichens und eines Werkzeugs ist, dass sie nicht selbstbezogen sind. Niemand bleibt beim Zeichen stehen, wenn er die Sache selbst verstanden hat; niemand hält inne, um den Schraubenzieher oder den Hammer zu betrachten, sondern er betrachtet das Bild, das sicher aufgehängt ist. Wir sind „unnütze Sklaven“. Das ist es: Werkzeuge und Zeichen, die sehr nützlich waren für zwei andere, die sich in einer Umarmung vereint haben wie der Vater und der Sohn.

Das dritte besondere Merkmal des Zeichens und des Werkzeugs ist ihre Verfügbarkeit: dass das Werkzeug gebrauchsbereit und das Zeichen sichtbar ist. Das Wesen des Zeichens und des Werkzeug ist, dass sie Mittler sind. Vielleicht liegt hier der Schlüssel für unsere Aufgabe bei dieser Begegnung der Barmherzigkeit Gottes mit dem Menschen. Möglicherweise ist es deutlicher, wenn man es negativ ausdrückt. Der heilige Ignatius sprach davon, „kein Hindernis zu sein“. Ein guter Mittler ist derjenige, welcher die Dinge vereinfacht und keine Hindernisse aufstellt. In meinem Land gab es einen großen Beichtvater, Pater Cullen. Er setzte sich in den Beichtstuhl und tat zwei Dinge: Das eine war, Lederbälle zu flicken für die Jungen, die Fußball spielten, und das andere, in einem großen chinesischen Wörterbuch zu lesen. Er sagte, wenn die Leute ihn bei Beschäftigungen sahen, die so nutzlos waren wie das Reparieren alter Bälle und so langfristig wie das Lesen in einem chinesischen Wörterbuch, dann dachten sie: „Zu diesem Priester kann ich gehen und ein wenig mit ihm sprechen, denn wie man sieht, hat er nichts zu tun.“ Er stand zur Verfügung für das Wesentliche. Er vermied die Hürde, immer das Aussehen eines stark Beschäftigten zu haben.

Jeder von uns hat gute Beichtväter kennengelernt. Wir müssen von unseren guten Beichtvätern lernen, von denen, auf die die Leute zugehen, von denen, die die Menschen nicht erschrecken und die es verstehen, sich so lange mit dem anderen zu unterhalten, bis er erzählt, was passiert ist – wie Jesus mit Nikodemus. Wenn jemand zum Beichtstuhl kommt, dann tut er das, weil er etwas bereut, es gibt bereits Reue. Und wenn er kommt, tut er das, weil er den Wunsch hat, sich zu ändern. Oder er wünscht sich wenigstens diesen Wunsch, wenn die Situation ihm unmöglich erscheint (ad impossibilia nemo tenetur – wie der Rechtssatz sagt – zum Unmöglichen ist niemand verpflichtet).

Man muss von den guten Beichtvätern lernen, die Feinfühligkeit gegenüber den Sündern besitzen und denen ein halbes Wort genügt, um alles zu verstehen – wie Jesus mit der unter Blutungen leidenden Frau –, und genau in dem Moment geht von ihnen die Kraft der Vergebung aus. Die Vollständigkeit der Beichte ist keine mathematische Frage. Manchmal löst die Anzahl der Sünden im Verborgenen mehr Beschämung aus als die Sünde selbst. Aber deshalb muss man sich innerlich anrühren lassen angesichts der Situation der Menschen, die manchmal eine Mischung aus Ereignissen, Krankheit, Sünde und unüberwindlichen Konditionierungen ist – wie Jesus, der beim Anblick der Menschen Mitleid empfand; es ging ihm zu Herzen, er spürte es bis ins Mark, und deshalb heilte er; und er heilte sogar, wenn der andere „nicht ausdrücklich darum bat“ wie jener Aussätzige, oder wenn er darum herumredete wie die samaritische Frau, die sich wie ein Kiebitz verhielt: Sie „lockte“ in die eine Richtung, hatte das Nest aber in der anderen.

Man muss von den Beichtvätern lernen, die sich so zu verhalten wissen, dass der Beichtende die Zurechtweisung spürt und einen kleinen Schritt voran tut – wie Jesus, der eine Bußübung aufgab, die genügte, und den zu würdigen wusste, der zurückkehrte, um zu danken, der sich noch weiter bessern konnte. Jesus ließ den Gelähmten seine Bahre tragen oder er ließ sich von den Blinden und von der kanaanäischen Frau ein wenig bitten. Es störte ihn nicht, wenn sie sich danach nicht mehr um ihn kümmerten wie der Gelähmte von Bethesda, oder wenn sie Dinge erzählten, die nicht zu erzählen er ihnen geboten hatte, und es dann schien, als sei er selbst der Aussätzige, weil er nicht mehr in die Dörfer gehen konnte, oder seine Feinde Gründe fanden, ihn zu verurteilen. Er heilte, verzieh, schenkte Erleichterung, Ruhe, ließ die Menschen einen Hauch des Tröster-Geistes einatmen.

In Buenos Aires habe ich einen Kapuziner-Pater kennengelernt – wenig jünger als ich –, der ein großer Beichtvater ist. Vor dem Beichtstuhl hat er immer eine Warteschlange, viele Leute, ja, eine endlose Folge von Menschen, deren Beichte er hört, den ganzen Tag lang. Und er ist ein großer Verzeihender. Er vergibt, aber manchmal kommt ihm der Zweifel, zu viel vergeben zu haben. Und da hat er einmal im Gespräch zu mir gesagt: „Manchmal habe ich diesen Zweifel.“ Und ich habe ihn gefragt: „Und was tust du mit diesem Zweifel?“ – „Ich begebe mich vor den Tabernakel, schaue auf den Herrn und sage ihm: Herr, verzeih mir, heute habe ich viel vergeben. Doch dass das ganz klar ist: Es ist deine Schuld, denn du hast mir das schlechte Beispiel gegeben!“ Die Barmherzigkeit machte er wett mit noch mehr Barmherzigkeit.

Als Letztes zu diesem Thema der Beichte zwei Ratschläge. Zum einen: Habt niemals den Blick des Justizbeamten, den Blick dessen, der nur „Fälle“ sieht und sie abschüttelt. Die Barmherzigkeit befreit uns davon, ein Priester zu sein, der – sagen wir: wie ein Richter mit der Sturheit eines Beamten – durch das viele Beurteilen von „Fällen“ das Gespür für die Menschen, für die Gesichter verliert. Die Regel Jesu ist: „beurteilen, wie wir beurteilt sein möchten“. In jenem inneren Maßstab, den man hat, um zu beurteilen, ob man würdevoll behandelt wird, ob man ignoriert oder misshandelt wird, ob einem geholfen wurde aufzustehen…, liegt der Schlüssel, um die anderen zu beurteilen – beachten wir, dass der Herr diesem so subjektiv persönlichen Maßstab vertraut! Nicht so sehr, weil dieser Maßstab „der beste“ ist, sondern weil er ehrlich ist und man von ihm aus eine gute Beziehung aufbauen kann. Der zweite Ratschlag: Seid nicht neugierig im Beichtstuhl. Die heilige Theresia [vom Kinde Jesu] erzählt, dass sie, wenn sie die vertraulichen Mitteilungen ihrer Novizinnen empfing, sich hütete zu fragen, wie sich die Dinge dann weiterentwickelt hatten. Sie schnüffelte nicht in der Seele der anderen herum (vgl. Geschichte einer Seele, Manuskript C. An Mutter Gonzaga, c. XI 32 r). Es ist typisch für die Barmherzigkeit, dass sie die Sünde „mit ihrem Mantel bedeckt“, um die Würde nicht zu verletzen. Wie die beiden Söhne Noahs mit dem Mantel die Blöße ihres Vaters bedeckten, der sich betrunken hatte (vgl. Gen 9,23).

Die soziale Dimension der Werke der Barmherzigkeit

An das Ende der Geistlichen Übungen setzt der heilige Ignatius die »Betrachtung, um Liebe zu erlangen«, die das, was man im Gebet erlebt hat, mit dem Alltagsleben verbindet. Und er lässt uns darüber nachdenken, wie die Liebe mehr in die Werke als in die Worte gelegt werden muss. Diese Werke sind die Werke der Barmherzigkeit, die der himmlische Vater im Voraus bereitet hat, damit wir sie tun (vgl. Eph 2,10), und die der Heilige Geist jedem Einzelnen eingibt zum Wohl aller (vgl. 1 Kor  12,7). Während wir dem Herrn für die vielen Wohltaten danken, die wir von seiner Güte empfangen haben, bitten wir ihn um die Gnade, allen Menschen die Barmherzigkeit zu überbringen, die uns gerettet hat.

Ich schlage euch vor, über einige Abschnitte zu meditieren, mit denen die Evangelien schließen. Dort stellt der Herr selbst die Verbindung her zwischen dem, was wir empfangen haben, und dem, was wir geben müssen. Wir können diese Schlussworte im Hinblick auf die „Werke der Barmherzigkeit“ lesen; sie machen die Zeit der Kirche fruchtbar, in der der auferstandene Christus lebt, uns begleitet, uns aussendet und unsere Freiheit an sich zieht, die sich in ihm konkret und täglich neu verwirklicht.

Matthäus berichtet uns, dass der Herr die Apostel aussendet und ihnen sagt: »Lehrt […], alles zu befolgen, was ich euch geboten habe« (28,20). Dieses „die Unwissenden lehren“ ist in sich selbst ein Werk der Barmherzigkeit. Und wie das Licht sich bricht, so spaltet es sich auf in die anderen Werke: in die aus Matthäus 25, wo es eher um die sogenannten leiblichen Werke geht, und in alle Gebote und Ratschläge des Evangeliums wie zu verzeihen, brüderlich zurechtzuweisen, die Traurigen zu trösten, Verfolgungen zu ertragen…

Markus schließt mit dem Bild des Herrn, der mit den Aposteln „zusammenarbeitet“ und „die Verkündigung bekräftigt durch die Zeichen, die sie begleiten“ (vgl. 16,20). Diese „Zeichen“ haben das Merkmal der Werke der Barmherzigkeit. Markus spricht unter anderem davon, die Kranken zu heilen und Dämonen auszutreiben (vgl. 16,17-18).

Lukas setzt sein Evangelium fort mit der Apostelgeschichte, dem Buch der „Taten – praxeis – der Apostel“ und erzählt ihre Vorgehensweise und die Werke, die sie vom Heiligen Geist geführt vollbringen.

Johannes schließt, indem er sagt, dass es »viele andere Zeichen« (20,30) bzw. »noch vieles andere [gibt], was Jesus getan hat« (21,25). Die Taten des Herrn, seine Werke, sind nicht einfache Tatsachen, sondern es sind Zeichen, in denen sich – in einer für jeden persönlichen und einmaligen Weise – seine Liebe und seine Barmherzigkeit zeigen.

Wir können den Herrn, der uns zu dieser Arbeit aussendet, in dem Bild des barmherzigen Jesus betrachten, so wie es der Schwester Faustina offenbart wurde. In jenem Bild können wir die göttliche Barmherzigkeit sehen wie ein einziges Licht, das aus dem Innern Gottes kommend den Weg über das Herz Jesu nimmt und vielgestaltig gebrochen herausströmt mit einer eigenen Farbe für jedes Werk der Barmherzigkeit.

Die Werke der Barmherzigkeit sind zahllos, jedes mit seiner persönlichen Prägung, mit der Geschichte eines jeden Gesichtes. Es sind nicht nur die sieben leiblichen und die sieben geistigen Werke ganz allgemein. Oder besser gesagt: So aufgezählt sind diese wie die „Rohstoffe“ – die des Lebens selbst –, und wenn sie von der Hand der Barmherzigkeit berührt und geformt werden, verwandelt sich jedes von ihnen in ein persönlich gestaltetes Werk. Ein Werk, das sich vervielfacht wie das Brot in den Körben, das sich vermehrt und gleich dem Senfkorn übermäßig wächst. Denn die Barmherzigkeit ist fruchtbar und inklusiv. Es ist wahr, dass wir gewöhnlich an die Werke der Barmherzigkeit denken, indem wir sie einzeln betrachten und in Verbindung mit einer Einrichtung sehen: Krankenhäuser für die Kranken, Mittagstische für die Hungrigen, Herbergen für die Obdachlosen, Schulen für die, welche eine Ausbildung brauchen, und Beichtstuhl und geistliche Leitung für die, welche Rat und Vergebung nötig haben… Wenn wir sie aber gemeinsam betrachten, dann lautet die Botschaft, dass der Gegenstand der Barmherzigkeit das menschliche Leben selbst ist und zwar in seiner Ganzheit. Unser eigenes Leben in seiner Eigenschaft als „Fleisch“ ist hungrig, durstig, bedarf der Kleidung, einer Wohnung, des Kontaktes mit anderen Menschen wie auch eines würdigen Begräbnisses, das niemand sich selber geben kann. Auch der Reichste wird, wenn er stirbt, zu einem Häufchen Elend, und niemand führt in seinem Trauerzug den Umzugswagen mit. Insofern es „Geist“ ist, bedarf unser eigenes Leben der Erziehung, der Zurechtweisung und der Ermutigung (des Trostes). Wir haben es nötig, dass andere uns beraten, uns verzeihen, uns unterstützen und für uns beten. Die Familie ist der Ort, wo diese Werke der Barmherzigkeit in so angemessener Form und so uneigennützig praktiziert werden, dass man es gar nicht merkt; doch es genügt, dass in einer Familie mit kleinen Kindern die Mutter fehlt, und alles gerät in Not. Das vollkommenste und grausamste Elend ist das eines Straßenkindes, ohne Eltern und den Aasgeiern ausgesetzt.

Wir haben die Gnade erbeten, Zeichen und Werkzeug zu sein; jetzt geht es darum, zu „handeln“, und zwar nicht nur Gesten zu tun, sondern Werke zu vollbringen, eine Kultur der Barmherzigkeit zu schaffen und zu „institutionalisieren“. Wenn wir uns an die Arbeit machen, spüren wir sofort, dass es der Heilige Geist ist, der diese Werke in Gang bringt und vorantreibt. Und er tut es, indem er sich der Zeichen und der Werkzeuge bedient, die er will, auch wenn sie manchmal an sich nicht die geeignetsten sind. Mehr noch, man könnte sagen, dass der Geist zur Ausübung der Werke der Barmherzigkeit eher die ärmlichsten Werkzeuge auswählt, die am demütigsten und unbedeutendsten sind und selbst am meisten jenes ersten Strahles der göttlichen Barmherzigkeit bedürfen. Das sind diejenigen, die sich am besten formen und vorbereiten lassen, um einen wirklich wirksamen und hochwertigen Dienst zu leisten. Die Freude, sich als „unnütze Sklaven“ zu fühlen, die der Herr mit der Fruchtbarkeit seiner Gnade segnet und die er persönlich an seinem Tisch Platz nehmen lässt und ihnen die Eucharistie schenkt, ist eine Bestätigung, dass man an seinen Werken der Barmherzigkeit arbeitet.

Unserem Volk der Gläubigen gefällt es, sich um die Werke der Barmherzigkeit zu scharen. Sowohl in den liturgischen Feiern – Bußandachten und Festmessen – als auch in solidarischem Tun und in der Glaubensvertiefung lassen unsere Leute sich zusammenführen und „weiden“. Dies geschieht in einer Weise, die nicht alle kennen und zu schätzen wissen, obwohl viele andere, auf abstraktere Dynamiken ausgerichtete Pastoralpläne scheitern. Die massenhafte Anwesenheit unseres gläubigen Volkes in unseren Heiligtümern und bei unseren Wallfahrten – eine anonyme Anwesenheit aufgrund der Überzahl an Gesichtern und wegen des Wunsches, sich allein von Demjenigen und Derjenigen sehen zu lassen, die voller Barmherzigkeit auf sie schauen, wie auch aufgrund der vielen Mitarbeiter, die mit ihrem Einsatz viele solidarische Werke unterstützen –, diese massenhafte Anwesenheit muss unsere Aufmerksamkeit erregen und uns anregen, dies zu würdigen und zu fördern.

Als Priester erbitten wir vom Guten Hirten zwei Gnaden: uns vom sensus fidei unseres gläubigen Volkes und auch von seinem „Empfinden des Armen“ leiten zu lassen. Beide „Sinne“ sind mit dem „sensus Christi“ verbunden, mit der Liebe und dem Glauben, die unsere Leute für Jesus hegen.

Schließen wir, indem wir das Anima Christi beten. Es ist ein schönes Gebet, um den im Fleisch gekommenen Herrn um Barmherzigkeit zu bitten; mit seinem eigenen Leib und seiner Seele selbst schenkt er uns sein Erbarmen. Wir bitten ihn, dass er uns gemeinsam mit seinem Volk Barmherzigkeit erweist: Seine Seele bitten wir: „Heilige uns!“; seinen Leib flehen wir an: „Rette uns!“; sein Blut bitten wir inständig: „Tränke uns!“, nimm uns jeden anderen Durst, der nicht Durst nach dir ist; das Wasser aus seiner Seite bitten wir: „Wasche uns rein!“; von seinem Leiden erflehen wir: „Stärke uns!“. Tröste dein Volk, oh gekreuzigter Herr; in deinen Wunden, so bitten wir, „birg uns“… Lass nicht zu, dass dein Volk sich von dir trennt, oh Herr! Nichts und niemand trenne uns von deiner Barmherzigkeit, die uns vor den Verlockungen des bösen Feindes schützt. So werden wir mit allen deinen Heiligen deine Barmherzigkeit besingen können, wenn du uns einst zu dir rufst.

Den ersten Teil der Papstmeditation für Priester können Sie hier nachlesen, den zweiten Teil hier.

(rv 02.06.2016 rv)

Papstmeditation für Priester: Teil 2 in voller Länge

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2. Meditation — Santa Maria Maggiore, 2. Juni 2016

Jubiläum der Priester: Papst Franziskus hält am Herz-Jesu-Fest 2016 einen Einkehrtag in drei Teilen für Priester und Seminaristen. Hier die zweite Meditation – gehalten in der Papstbasilika Santa Maria Maggiore – in amtlicher deutscher Übersetzung aus dem Vatikan.

 

ZWEITE MEDITATION

Das Sammelbecken für die Barmherzigkeit

Das Sammelbecken für die Barmherzigkeit ist unsere Sünde. Doch häufig kommt es vor, dass unsere Sünde wie ein Sieb ist, wie ein durchlöcherter Krug, aus dem die Gnade in kurzer Zeit abfließt: »Denn mein Volk hat doppeltes Unrecht verübt: Mich hat es verlassen, den Quell des lebendigen Wassers, um sich Zisternen zu graben, Zisternen mit Rissen, die das Wasser nicht halten« (Jer 2,13). Daher ergibt sich die Notwendigkeit, die der Herr dem Petrus verdeutlicht, »siebzigmal siebenmal« zu vergeben. Gott wird nicht müde zu vergeben, auch wenn er sieht, dass es seiner Gnade anscheinend nicht gelingt, starke Wurzeln im Erdreich unseres Herzens zu schlagen; wenn er sieht, dass die Straße hart und steinig ist und voller Unkraut. Er sät immer wieder neu seine Barmherzigkeit und seine Vergebung aus.

Neu erschaffene Herzen

Dennoch können wir bei dieser Barmherzigkeit Gottes, die immer „größer ist als unser Sündenbewusstsein“, einen weiteren Schritt tun. Der Herr wird nicht nur nicht müde, uns zu vergeben, sondern er erneuert auch den „Schlauch“, in dem wir seine Vergebung empfangen. Für den neuen Wein seiner Barmherzigkeit benutzt er einen neuen Schlauch, damit dieser sich nicht wie ein geflicktes Kleid oder wie ein alter Schlauch verhält (vgl. Mt 9, 16-17). Und dieser Schlauch ist seine Barmherzigkeit selbst: seine Barmherzigkeit, insofern sie in uns selbst erfahren wird und insofern wir sie in die Tat umsetzen, wenn wir den anderen helfen. Das Herz, das Barmherzigkeit empfangen hat, ist nicht ein geflicktes Herz, sondern ein neues, neu erschaffenes Herz. Das, von dem David sagt: »Erschaffe mir, Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen, beständigen Geist!« (Ps 51 [50], 12). Dieses neue, neu erschaffene Herz ist ein guter Behälter. Die Liturgie bringt das innere Empfinden der Kirche zum Ausdruck, wenn sie uns jenes schöne Gebet sprechen lässt: »Allmächtiger Gott, du hast den Menschen wunderbar nach deinem Bild erschaffen und noch wunderbarer erneuert und erlöst« (vgl. Osternacht, Gebet nach der ersten Lesung). Diese zweite Schöpfung ist also noch wunderbarer als die erste. Es ist ein Herz, das weiß, dass es dank der Verschmelzung seiner Erbärmlichkeit mit der Vergebung Gottes neu erschaffen worden ist, und darum ist es „ein Herz, das Barmherzigkeit empfangen hat und Barmherzigkeit schenkt“. Und so erfährt es die Wohltaten der Gnade auf seiner Wunde und seiner Sünde und spürt, dass die Barmherzigkeit seine Schuld aussöhnt, seine Trockenheit mit Liebe überflutet und seine Hoffnung neu entflammt. Wenn es darum dem vergibt, der ihm etwas schuldet, und sich gleichzeitig und mit ein und derselben Gnade derer erbarmt, die wie er Sünder sind, dann verwurzelt sich diese Barmherzigkeit in einem guten Boden, in dem das Wasser nicht verrinnt, sondern Leben spendet. Bei der Übung dieser Barmherzigkeit, die das Böse des anderen wiedergutmacht, kann niemand besser zu dessen Heilung beitragen als derjenige, der die Erfahrung lebendig hält, in Bezug auf das gleiche Böse selbst Barmherzigkeit empfangen zu haben. Wir sehen, dass unter den in der Suchtbekämpfung Tätigen diejenigen, die sich selbst von der Abhängigkeit befreit haben, gewöhnlich die sind, welche die anderen am besten verstehen, ihnen helfen und sie zu fordern wissen. Und der beste Beichtvater ist gewöhnlich der, der selbst am besten beichtet. Fast alle großen Heiligen waren [zuvor] große Sünder, oder sie waren sich wie die kleine heilige Theresia bewusst, dass sie es nur dank der zuvorkommenden Gnade nicht gewesen sind.

Das wirkliche Gefäß für die Barmherzigkeit ist also die Barmherzigkeit selbst, die jeder empfangen hat und die sein Herz neu geschaffen hat – das ist der „neue Schlauch“, von dem Jesus spricht (vgl. Lk 5,37), der „sanierte Brunnen“.

So betreten wir den Bereich des Geheimnisses des Sohnes – Jesus –, der die fleischgewordene Barmherzigkeit des Vaters ist. Das endgültige Bild des Sammelbeckens für die Barmherzigkeit finden wir mittels der Wundmale des auferstandenen Herrn. Dieser Abdruck der durch Gott gesühnten Sünde kann nicht völlig ausheilen, er entzündet sich aber auch nicht: Es ist eine Narbe, nicht eine eitrige Wunde. In jener den Narben eigenen „Sensibilität“, die uns ohne starken Schmerz an die Wunde erinnert und an die Heilung, ohne dass wir die Verletzlichkeit vergessen – dort hat die göttliche Barmherzigkeit ihren Sitz. In der Sensibilität des auferstandenen Christus, der seine Wundmale behält, und zwar nicht nur an den Füßen und den Händen, sondern an seinem Herzen, das ein verwundetes Herz ist, finden wir den rechten Sinn der Sünde und der Gnade. Wenn wir das verwundete Herz des Herrn betrachten, spiegeln wir uns in Ihm. Unser Herz und das seine sind einander ähnlich, da beide verwundet und auferstanden sind. Wir wissen aber, dass sein Herz lauter Liebe war und verwundet wurde, weil es bereit war, sich verletzen zu lassen; das unsere war hingegen lauter Verwundung, die geheilt wurde, weil es bereit war, sich lieben zu lassen.

Unsere Heiligen haben die Barmherzigkeit empfangen

Es kann uns gut tun, auf andere zu schauen, die sich ihr Herz durch die Barmherzigkeit haben neu erschaffen lassen, und zu sehen, in welchem „Sammelbecken“ sie die Barmherzigkeit empfangen haben.

Paulus empfängt sie in dem harten und unflexiblen Behälter seines vom Gesetz geprägten Urteils. Seine Härte im Urteil trieb ihn dazu, ein Verfolger zu sein. Die Barmherzigkeit verwandelt ihn so, dass er einer wird, der sich auf die Suche nach den Fernsten begibt – nach denen mit der heidnischen Mentalität – und zugleich der Verständnisvollste und Barmherzigste gegenüber denen ist, die so sind, wie er war. Paulus wünschte sich, als verflucht zu gelten, wenn er nur die Seinen retten könnte. Sein Urteil festigt sich, indem er „nicht einmal über sich selbst urteilt“, sondern sich von einem Gott rechtfertigen lässt, der größer ist als sein Gewissen, und indem er sich auf Jesus Christus beruft, der ein treuer Fürsprecher ist und von dessen Liebe nichts und niemand ihn trennen kann. Paulus hat eine ausgesprochen radikale Auffassung von der bedingungslosen Barmherzigkeit Gottes: Sie überwindet die grundlegende Verwundung, durch die wir zwei Gesetzen unterliegen (dem des Fleisches und dem des Geistes). In dieser Radikalität drückt sich ein Geist aus, der ein feines Empfinden für die Absolutheit der Wahrheit hat und gerade dort verletzt ist, wo das Gesetz und das Licht zur Falle werden. Der berühmte „Stachel“, von dem der Herr ihn nicht befreit, ist das Sammelbecken, in dem Paulus die Barmherzigkeit Gottes empfängt (vgl. 2 Kor 12,7).

Petrus empfängt die Barmherzigkeit in seiner Anmaßung eines vernünftigen Mannes. Er war vernünftig mit dem soliden und erprobten gesunden Menschenverstand eines Fischers, der aus Erfahrung weiß, wann man fischen kann und wann nicht. Es ist die Vernunft dessen, der, wenn er beim Gang über das Wasser und angesichts des wunderbaren Fischfangs in Begeisterung gerät und zu sehr auf sich selber schaut, den Einzigen um Hilfe zu bitten weiß, der ihn retten kann. Dieser Petrus ist in der tiefsten Wunde geheilt worden, die man haben kann: derjenigen, den Freund zu verleugnen. Vielleicht steht die Zurechtweisung des Paulus, als er ihm seine Heuchelei vorwirft, damit im Zusammenhang. Es mag so scheinen, als habe Paulus das Gefühl gehabt, der Schlimmste gewesen zu sein, bevor er Christus kannte; Petrus aber hatte Christus verleugnet, nachdem er ihn gekannt hatte… Doch die Tatsache, gerade darin geheilt worden zu sein, verwandelte Petrus in einen barmherzigen Hirten, in einen tragfähigen Felsen, auf den man immer bauen kann, denn es ist ein schwacher Fels, der geheilt wurde, nicht ein Fels, der in seiner Kraft den Schwächeren stolpern lässt. Petrus ist der Jünger, den der Herr im Evangelium am meisten korrigiert. Er korrigiert ihn ständig, bis zu diesem letzten »Was geht das dich an? Du aber folge mir nach!« (Joh 21,22). Die Überlieferung erzählt, dass der Herr ihm erneut erscheint, als Petrus gerade aus Rom flieht. Das Zeichen des kopfunter gekreuzigten Petrus ist vielleicht das vielsagendste für diesen „Behälter“ in Form eines Dickschädels, der sich, um Barmherzigkeit zu empfangen, nach unten begibt, sogar als er das erhabenste Zeugnis für seine Liebe zum Herrn ablegt. Petrus will sein Leben nicht beenden mit den Worten: „Ich habe die Lektion gelernt“, sondern indem er sagt: „Da mein Kopf es nie lernen wird, bringe ich ihn nach unten.“ Über allem die Füße, die der Herr gewaschen hatte. Diese Füße sind für Petrus das Sammelbecken, über das er die Barmherzigkeit seines Freundes und Herrn empfängt.

Johannes wird in seinem Hochmut, dem Übel durch Feuer abhelfen zu wollen, geheilt und ist am Ende derjenige, der schreibt: „meine Kinder…“. Er erscheint als einer jener guten Großväter, die nur von der Liebe sprechen – er, der der „Donnersohn“ gewesen war (vgl.  Mk 3,17).

Augustinus wird in seiner Wehmut geheilt, erst spät zur Begegnung gelangt zu sein – »Spät habe ich dich geliebt« –, und findet jenen kreativen Weg, die verlorene Zeit aufzufüllen, indem er seine „Bekenntnisse“ schreibt.

Franziskus empfängt in vielen Momenten seines Lebens von Mal zu Mal mehr Barmherzigkeit. Vielleicht wird das endgültige Sammelbecken dafür, das zu echten Wundmalen wurde, nicht so sehr das Küssen des Aussätzigen, die Heirat mit Frau Armut und das Empfinden eines jeden Geschöpfes als Schwester oder Bruder gewesen sein, sondern vielmehr die Pflicht, den Orden, den er gegründet hatte, in barmherzigem Schweigen zu hüten. Franziskus sieht, dass seine Brüder sich voneinander trennen, und das unter dem Banner der Armut selbst. Der Dämon lässt uns miteinander in Streit geraten, indem wir die heiligsten Dinge verteidigen, jedoch in „schlechter Gesinnung“.

Ignatius wird in seiner Eitelkeit geheilt, und wenn dies das Gefäß war, können wir erahnen, wie groß die Ehrsucht war, die in ein solches Streben nach der größeren Ehre Gottes verwandelt wurde.

Im Tagebuch eines Landpfarrers stellt Bernanos uns das Leben eines Dorfpfarrers vor Augen, indem er sich von dem Leben des heiligen Pfarrers von Ars inspirieren lässt. Es gibt dort zwei sehr schöne Abschnitte, welche die innersten Gedanken des Priesters in der letzten Zeit seiner unerwarteten Krankheit wiedergeben: »Während der letzten Wochen und Monate, die Gott mir noch lassen wird, solange ich die Aufgabe eines Pfarrers erfüllen kann, werde ich versuchen, […] weniger Sorge um die Zukunft [zu] haben; ich werde nur für die Gegenwart arbeiten. Solche Art Arbeit scheint mir auf mich zugeschnitten zu sein […] Denn nur im Kleinen habe ich Erfolg, und nachdem ich so oft von Unsicherheit heimgesucht wurde, muss ich erkennen, dass ich in den kleinen Freuden den Sieg davontrage.« Ein winziges Gefäß für die Barmherzigkeit; es hat etwas mit den kleinen Freuden unseres pastoralen Lebens zu tun, dort, wo wir die endlose Barmherzigkeit des himmlischen Vaters empfangen und in kleinen Gesten ausüben können.

In dem anderen Abschnitt heißt es: »Es ist vorbei. Diese Art von Misstrauen, das ich gegen mich, gegen meine Person hegte, verflüchtigt sich, glaube ich, für immer. Dieser Kampf ist zu Ende. Ich verstehe ihn nicht mehr. Ich bin mit mir selbst versöhnt, mit dieser armen sterblichen Hülle. Sich zu hassen ist leichter, als man glaubt. Die Gnade besteht darin, sich zu vergessen. Wenn aber aller Stolz in uns gestorben wäre, dann wäre die Gnade der Gnaden, demütig sich selbst zu lieben als irgendeines der leidenden Glieder Jesu Christi.« Das ist das Gefäß: „demütig sich selbst zu lieben als irgendeines der leidenden Glieder Jesu Christi“. Es ist ein gewöhnliches Gefäß wie ein alter Krug, den wir uns als Leihgabe von den Ärmsten erbitten können.

Der Pfarrer Brochero, der argentinische Selige, der bald heiliggesprochen wird, „ließ sein Herz von der Barmherzigkeit Gottes bearbeiten“. Sein Sammelbecken war am Ende sein eigener aussätziger Leib. Er, der sich erträumte, „im Galopp“ zu sterben, beim Durchwaten irgendeines Gebirgsflusses, auf dem Weg, um einem Kranken die Krankensalbung zu spenden. Eine seiner letzten Aussagen war: »Es gibt keine vollkommene Herrlichkeit in diesem Leben.« – »Ich bin sehr einverstanden mit dem, was er [der Herr] in Bezug auf mein Sehvermögen mit mir gemacht hat, und ich danke ihm sehr dafür. Als ich imstande war, der Menschheit zu dienen, hat er alle meine Sinne unversehrt und kraftvoll bewahrt. Heute, da ich nicht mehr kann, hat er mir einen der leiblichen Sinne genommen. In dieser Welt gibt es keine vollkommene Herrlichkeit, und wir sind voller Erbärmlichkeiten.« Oft bleiben unsere Dinge auf halbem Wege liegen, und darum ist es immer eine Gnade, aus sich selbst herauszugehen. Es wird uns gewährt, „die Dinge loszulassen“, damit der Herr sie segnet und vollendet. Wir müssen nicht allzu besorgt sein. Das erlaubt uns, uns für die Leiden und die Freuden unserer Mitmenschen zu öffnen. Kardinal Van Thuan sagte einmal, im Kerker habe ihn der Herr gelehrt zu unterscheiden zwischen „den Werken Gottes“, denen er sich in seinem Leben als Priester und Bischof gewidmet hatte, als er in Freiheit war, und Gott selbst, dem er sich widmete, während er gefangen war (vgl. Van Thuan, Fünf Brote und zwei Fische, Turin 1997).

Maria als Gefäß und Quelle der Barmherzigkeit

Wenn wir auf der Suche nach Gefäßen für die Barmherzigkeit über die Leiter der Heiligen aufsteigen, kommen wir zur Muttergottes. Sie ist das einfache und vollkommene Gefäß für das Empfangen und das Austeilen der Barmherzigkeit. Ihr freies „Ja“ zur Gnade ist das Gegenbild zu der Sünde, die den verlorenen Sohn ins Nichts führte. Sie trägt eine Barmherzigkeit in sich, die zugleich in hohem Maß die ihre, in hohem Maß die unserer Seele und in hohem Maß die der Kirche ist. Wie das Magnificat bekräftigt, weiß sie sich in ihrer Kleinheit gütig angeschaut und weiß zu schauen, wie die Barmherzigkeit Gottes alle Generationen erreicht. Sie versteht die Werke zu sehen, welche diese Barmherzigkeit entfaltet, und fühlt sich zusammen mit ganz Israel von dieser Barmherzigkeit „angenommen“. Sie bewahrt das Gedächtnis und die Verheißung der unendlichen Barmherzigkeit Gottes gegenüber seinem Volk. Ihr Magnificat ist das eines unversehrten, nicht „durchlöcherten“ Herzens, das die Geschichte und jeden Menschen mit seiner mütterlichen Barmherzigkeit betrachtet.

In jenem mit Maria allein verbrachten Moment, der mir vom mexikanischen Volk geschenkt wurde – da ich den Blick auf die Gottesmutter, die Jungfrau von Guadalupe richtete und mich von ihr anschauen ließ –, habe ich für euch, liebe Priester, zu ihr gebetet, dass ihr gute Priester sein sollt. Und in der Ansprache an die Bischöfe habe ich zu ihnen gesagt, dass ich lange über das Geheimnis nachgedacht habe, das in Marias Blick liegt, über seine Zärtlichkeit und seine Freundlichkeit, die uns Mut machen, uns von der Barmherzigkeit Gottes erreichen zu lassen. Ich möchte euch jetzt an einige „Aspekte“ des Blickes der Gottesmutter erinnern: in welcher Weise Maria schaut – und speziell auf ihre Priester schaut –, denn durch uns möchte sie auf ihr Volk schauen.

Maria schaut in einer Weise auf uns, dass man sich in ihrem Schoß geborgen fühlt. Sie lehrt uns, dass »die einzige Kraft, die fähig ist, das Herz der Menschen zu gewinnen, die Zärtlichkeit Gottes ist. Das, was begeistert und anzieht, was nachgiebig macht und überwältigt, was öffnet und Fesseln löst, ist nicht die Kraft der Mittel oder die Härte des Gesetzes, sondern die allmächtige Schwachheit der göttlichen Liebe, das heißt die unwiderstehliche Kraft seiner Sanftmut und die unwiderrufliche Verheißung seiner Barmherzigkeit« (Ansprache an die Bischöfe Mexikos, 13. Februar 2016). Das, was eure Leute in den Augen Marias zu finden hoffen, ist ein »Schoß, in dem die immer noch verwaisten und verstoßenen Menschen eine Sicherheit, ein Zuhause suchen« (ebd.). Und das hängt mit der Art und Weise zusammen, wie sie schaut: Der Raum, den ihre Augen öffnen, ist der eines Schoßes, nicht der eines Gerichtes oder einer „professionellen“ Beratungsstelle. Wenn ihr gelegentlich merkt, dass euer Blick hart geworden ist, dass ihr, wenn ihr zu den Leuten kommt, Überdruss empfindet oder gar nichts empfindet, dann schaut wieder auf Maria, betrachtet sie mit den Augen der Geringsten aus eurem Volk, die um einen Schoß betteln, und sie wird euren Blick von jedem „grauen Star“ läutern, der verhindert, Christus in den Menschen zu sehen; sie wird euch von jeder Kurzsichtigkeit heilen, die die Bedürfnisse der Leute – welche die Bedürfnisse des menschgewordenen Herrn sind – lästig erscheinen lässt, und von jeder Alterssichtigkeit, der die Einzelheiten entgehen, das „Kleingedruckte“, wo die wichtigen Dinge des Lebens der Kirche und der Familie auf dem Spiel stehen.

Eine andere „Art und Weise, wie Maria schaut“, steht im Zusammenhang mit einem Gewebe: Maria schaut „webend“, indem sie sieht, wie sie alles, was euer Volk ihr bringt, zum Guten zusammenfügen kann. Zu den mexikanischen Bischöfen habe ich gesagt: »In den Mantel der mexikanischen Seele hat Gott mit dem Faden der mestizischen Spuren eures Volkes das Antlitz seiner Erscheinung in der „Morenita” eingewebt« (ebd.). Ein geistlicher Lehrer weist darauf hin, dass das, was über Maria im besonderen Sinn ausgesagt wird, für die Kirche im umfassenden und für jede glaubende Seele im einzelnen Sinn zutrifft (vgl. Isaak von Stella, Serm. 51: PL 194, 1863). Wenn wir sehen, wie Gott das Antlitz und die Gestalt der Guadalupana in die Tilma [als Umhang getragene Baumwolldecke] von Juan Diego eingeflochten hat, können wir im Gebet betrachten, wie er unsere Seele und das Leben der Kirche gewebt hat. Es wird gesagt, dass man nicht sehen kann, wie das Bild „gemalt“ wurde. Es ist, als sei es gedruckt. Mir gefällt der Gedanke, dass das Wunder nicht nur darin bestand, „das Bild zu drucken oder mit einem Pinsel zu malen“, sondern, dass „der ganze Umhang neu geschaffen wurde“, von oben bis unten verwandelt, und dass jeder Faden – jene Fäden, welche die Frauen von klein an zu verweben lernen; und für die feinsten Kleidungsstücke bedienen sie sich des Herzstücks der Maguey-Pflanze (aus dessen Blättern sie die Fäden gewinnen) –, dass also jeder Faden an seinem Platz verwandelt wurde und dabei jene Nuancen annahm, die an dem ihnen bestimmten Ort hervortreten. Und mit den anderen, auf die gleiche Weise verwandelten Fäden verwebt, lassen sie das Angesicht der Muttergottes und ihre ganze Gestalt erscheinen sowie alles, was sie umgibt. Dasselbe tut die Barmherzigkeit: Sie „malt“ uns nicht von außen das Gesicht eines guten Menschen auf, sie macht für uns nicht den Photoshop, sondern mit ebendiesen Fäden unserer Erbärmlichkeiten und unserer Sünden, die mit väterlicher Liebe verflochten werden, „webt“ sie uns so, dass unsere Seele sich erneuert und ihr wahres Bild, das Bild Jesu, zurückgewinnt. Seid also Priester, »die fähig sind, diese Freiheit Gottes nachzuahmen, indem ihr das Ärmlich-Bescheidene wählt, um die Majestät seines Antlitzes sichtbar zu machen; fähig, diese göttliche Geduld nachzuahmen, indem ihr mit dem feinen Faden der Menschheit, der ihr begegnet, jenen neuen Menschen webt, den euer Land erwartet. Lasst euch nicht von dem nutzlosen Streben leiten, das Volk „auszutauschen”, als hätte die Liebe Gottes nicht  genügend Kraft, um es zu verwandeln« (Ansprache an die Bischöfe Mexikos, 13. Februar 2016).

Die dritte Art und Weise ist die der Aufmerksamkeit: Maria schaut aufmerksam, sie widmet sich uneingeschränkt und lässt sich ganz auf den Menschen ein, den sie vor sich hat, wie eine Mutter, wenn sie ganz Ohr ist für ihr kleines Kind, das ihr etwas erzählt. »Wie die schöne Überlieferung von Guadalupe lehrt, bewahrt die „Morenita” die Blicke derer, die sie betrachten, spiegelt das Gesicht derer wider, die ihr begegnen. Es ist notwendig zu lernen, dass es in jedem von denen, die uns auf der Suche nach Gott anschauen, etwas Unwiederholbares gibt. Unsere Aufgabe ist es, für diese Blicke nicht undurchdringlich zu werden. Jeden von ihnen in uns zu hüten, in unserem Herzen zu bewahren und zu schützen. Nur eine Kirche, die fähig ist, das Gesicht der Menschen, die an ihre Tür klopfen, zu hüten und zu schützen, ist fähig, ihnen von Gott zu sprechen. Wenn wir nicht ihre Leiden enträtseln, wenn wir ihre Bedürfnisse nicht bemerken, können wir ihnen nichts bieten. Der Reichtum, den wir besitzen, fließt nur, wenn wir der Zaghaftigkeit derer, die betteln, entgegengehen und ebendiese Begegnung sich in unserem Hirtenherzen vollzieht« (ebd.). Euren Bischöfen habe ich gesagt, dass sie auf euch, ihre Priester, aufpassen sollen: »Lasst nicht zu, dass sie der Einsamkeit und der Verlassenheit ausgesetzt sind, eine Beute der Weltlichkeit, die das Herz verschlingt« (ebd.). Die Welt beobachtet uns aufmerksam, aber um uns zu „verschlingen“, um uns in Verbraucher zu verwandeln… Wir alle haben es nötig, aufmerksam betrachtet zu werden, mit einem Interesse, sagen wir, das keine Gegenleistung erwartet. »Seid aufmerksam«, sagte ich zu ihnen, »und lernt, [die Blicke eurer Priester] zu deuten, um euch mit ihnen zu freuen, wenn sie die Befriedigung empfinden zu erzählen, „was sie getan und gelehrt“ haben (Mk 6,30), und auch um euch nicht zurückzuziehen, wenn sie sich ein wenig gedemütigt fühlen und nicht anders können, als weinen, weil sie den Herrn verleugnet haben (vgl. Lk 22,61-62), und auch […], um in Gemeinschaft mit Christus Unterstützung zu bieten, wenn jemand, der schon niedergeschlagen ist, mit Judas in die Nacht hinausgeht (vgl. Joh 13,30). Möge es in diesen Situationen, liebe Bischöfe, niemals an eurer Väterlichkeit gegenüber euren Priestern fehlen! Ermutigt sie zur Gemeinschaft untereinander, lasst sie ihre Gaben vervollkommnen, bezieht sie in die großen Angelegenheiten ein, denn das Herz des Apostels wurde nicht für kleine Dinge geschaffen« (ebd.).

Und schließlich schaut Maria „vollständig“, indem sie alles zusammen im Blick hat: unsere Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Sie hat keinen aufgesplitterten Blick: Die Barmherzigkeit versteht die Gesamtheit zu sehen und erfasst, was am nötigsten ist. Wie Maria in Kana fähig ist, im Voraus Mitleid zu empfinden für das, was der Mangel an Wein beim Hochzeitsfest verursachen wird, und Jesus bittet, Abhilfe zu schaffen, ohne dass jemand es bemerkt, so können wir unser gesamtes Priesterleben sehen, als sei Maria ihm mit ihrer „Barmherzigkeit zuvorgekommen“; und da sie unsere Mängel voraussah, hat sie für alles gesorgt, was wir haben. Wenn es in unserem Leben ein wenig „guten Wein“ gibt, dann nicht aufgrund unserer Verdienste, sondern dank ihrer „zuvorgekommenen Barmherzigkeit“. Diese besingt sie schon im Magnificat: Denn der Herr hat gütig „auf ihre Niedrigkeit geschaut“ und „(seines Bundes) der Barmherzigkeit gedacht“, eines Erbarmens, das sich „von Generation zu Generation“ auf die Armen und die Unterdrückten erstreckt (Lk 1,46-55). Die Interpretation, die Maria vollzieht, ist eine Interpretation der Geschichte als Barmherzigkeit.

Wir können mit dem Gebet des Salve Regina schließen, in dessen Anrufungen der Geist des Magnificat widerhallt. Maria ist die Mutter der Barmherzigkeit, unser Leben, unsere Wonne und unsere Hoffnung. Ihre barmherzigen Augen betrachten wir als das beste Gefäß der Barmherzigkeit in dem Sinn, dass wir uns in ihnen an ihrem milden und guten Blick laben können, nach dem wir dürsten, wie man nur nach einem Blick dürsten kann. Diese barmherzigen Augen sind es auch, die uns die Werke der Barmherzigkeit Gottes in der Geschichte der Menschen sehen und in ihren Gesichtern Jesus entdecken lassen. In Maria finden wir das gelobte Land – das von unserem Herrn errichtete Reich der Barmherzigkeit –, das schon in diesem Leben nach jedem Exil kommt, in das uns die Sünde treibt. Von ihr an die Hand genommen und unter ihrem Blick können wir froh die Größe des Herrn besingen. Wir können ihm sagen: Meine Seele besingt dich, Herr, weil du gütig auf die Niedrigkeit und Kleinheit deines Knechtes geschaut hast. Ich Glücklicher, dass mir verziehen wurde! Deine Barmherzigkeit, die du allen deinen Heiligen und deinem ganzen gläubigen Volk erwiesen hast, hat auch mich erreicht. Ich habe mich verirrt, indem ich mir selber folgte, wegen des Hochmuts meines Herzens, doch ich habe auf keinem Thron gesessen, Herr, und meine einzige „Erhöhung“ besteht darin, dass deine Mutter mich in den Arm nehmen, mich mit ihrem Mantel bedecken und mich nah an ihrem Herzen halten möge. Ich wünsche mir, von dir geliebt zu werden wie einer der Niedrigsten deines Volkes und mit deinem Brot die zu sättigen, die hungern nach dir. Gedenke, Herr, deines Bundes der Barmherzigkeit mit deinen Kindern, den Priestern und deinem Volk. Dass wir mit Maria Zeichen und Sakrament deiner Barmherzigkeit sein mögen.

 

Den ersten Teil der Papstmeditation für Priester können Sie hier nachlesen, den dritten Teil hier.

(rv 02.06.2016 rv)

Bischof Javier Echevarria: Das 1. Werk der leiblichen Barmherzigkeit

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Das erste Werk der leiblichen Barmherzigkeit, zu dem uns die Kirche einlädt, ist der Besuch bei den Kranken und die Sorge um sie.

Während seines Erdenlebens hat sich Jesus Christus dieser Aufgabe beständig gewidmet, wie es uns viele Szenen des Evangeliums zeigen. So sehen wir ihn unter anderem, wie er die Schwiegermutter des Petrus gesund macht, der Tochter des Jairus die Gesundheit wiedergibt, den Gelähmten am Betesdateich heilt oder sich den Gelähmten zuwendet, die ihn vor den Toren Jerusalems erwarteten. Der Schmerz dieser Menschen zeigt uns, dass Gott auf sie zugeht und ihnen die Erlösung verkündet, die allen Menschen zu bringen er auf die Erde gekommen ist.

In den Kranken sah der Herr die Menschheit, insofern sie in besonderer Weise der Heilung und Erlösung bedarf. Wenn wir gesund sind, kann uns die Versuchung überkommen, Gott zu vergessen, aber wenn uns das Leben Schmerzen oder Leid beschert, dann kommt uns vielleicht der Schrei des Gelähmten vor Jericho in den Sinn: „Sohn Davids, erbarme dich meiner!“ Wenn wir schwach sind, merken wir, dass wir wirklich bedürftige Geschöpfe sind.

Halten also auch wir vor den Schwächen der anderen inne, wie wir es Christus tun sehen. Der Heilige Geist, die unendliche Liebe, wird andere Menschen trösten, indem wir ihnen Gesellschaft leisten, sie aufmuntern oder – je nachdem was der oder die Kranke braucht, indem wir im Schweigen unseren Respekt und unsere Hilfsbereitschaft zum Ausdruck bringen. Wir alle haben jeden Tag viel zu tun und die Menge der uns erwartenden Aufgaben nimmt beständig zu, aber wir dürfen nicht zulassen, dass ein voller Terminkalender uns dazu führt, die Kranken zu vergessen.

Es gibt viele Heilige, die uns ein Beispiel der Nachahmung Christi gegeben haben, auch im Hinblick auf dieses Werk der Barmherzigkeit. So erklärte der hl. Josefmaria häufig, dass das Opus Dei – als könnte es nicht anders gewesen sein – in den Krankenhäusern unter den Kranken geboren wurde. Seit er 1926 oder 1927 nach Madrid gezogen war, arbeitete er unentwegt in mehreren Sozialeinrichtungen mit – im Krankenstift, in der Bruderschaft des hl. Philipp Neri usw. –, von wo aus Krankenhauspatienten und Menschen in den Randgebieten der Hauptstadt betreut wurden. Madrid zählte damals mehr als eine Million Einwohner; die Vororte waren weit voneinander entfernt, es gab nur wenige öffentliche Verkehrsmittel, aber um die Kranken in ihren Häusern und Hütten zu besuchen ging er überall hin – immer zu Fuß –, wo er gebraucht wurde und brachte ihnen die Stärke Christi und die Vergebung Gottes des Vaters. Wie viele Menschen sind wohl dank dieser priesterlichen Arbeit des hl. Josefmaria in den Himmel gekommen!

In diese Krankenhäuser oder an andere Orte ging er, vor allem ab 1933, in Begleitung einiger Jugendlicher, denen er geistliche Hilfe zukommen ließ. Mit ihnen zusammen sprach er liebevoll mit den Kranken, oder sie leisteten ihnen notwendige Dienste wie etwa, sie zu waschen, ihnen die Nägel zu schneiden, sie zu kämmen oder ihnen ein gutes Buch zu besorgen. Viele dieser jungen Männer entdeckten im Kontakt mit dem Schmerz und der Armut anderer Menschen auf neue, intensive Weise Jesus im Kranken und im Bedürftigen.

Meine Töchter und Söhne, Freunde und Freundinnen, die ihr an den apostolischen Initiativen der Prälatur teilnehmt: Diese Sorge um die Armen und Kranken darf nicht ein Kennzeichen der Anfänge bleiben. Das Opus Dei wird jeden Tag in dir und in mir geboren und wächst, wenn wir Erbarmen mit den Verlassenen haben, wenn wir Christus in den Seelen der Menschen unserer Umgebung sehen, besonders jener, die von einem Leid heimgesucht werden.

Lassen wir sie nach dem Beispiel Christi durch unseren Einsatz, unsere Gegenwart, unsere Hilfe, ja sogar durch einen einfachen Telefonanruf, Gottes Barmherzigkeit spüren. Wir können sie von den Schmerzen oder der Einsamkeit ablenken, ihnen geduldig zuhören, wenn sie von den sie bedrückenden Sorgen und Nöten erzählen, ihnen Liebe und Stärke vermitteln, damit sie ihre schwere Lage mit Würde tragen; und sie daran erinnern, dass die Krankheit eine Gelegenheit ist, sich mit dem Kreuz Christi zu verbinden.

Im Weg, dem in aller Welt bekannten Büchlein, schrieb der hl. Josefmaria: „Kind. – Kranker. – Seid ihr nicht versucht, diese Worte ganz in großen Buchstaben zu schreiben? Für einen in Ihn verliebten Menschen sind die Kinder und die Kranken wirklich Er.“ Schon seit seiner Jugend – ich beziehe mich auf den hl. Josefmaria – sah er Christus in den Leidenden, denn Jesus heilte die Kranken nicht nur, sondern er teilte ihr Schicksal. Der Sohn Gottes litt schreckliche Schmerzen. Denken wir nur an seine körperliche und geistliche Erschöpfung im Ölgarten, an die unbeschreiblichen Qualen jedes Hiebes bei der Geißelung, an die unerträglichen Kopfschmerzen und die körperliche Schwäche, die ihn im Laufe der Stunden seiner Passion überkamen…

Auf denen, die krank sind und unter Schmerzen leiden, kann ihre Situation wie eine dunkle und sinnlose Last liegen. Das Leben kann düster und ohne erkennbaren Sinn werden. Wenn Gott also erlaubt, dass wir leiden, dann nehmen wir den Schmerz an. Und wenn wir zum Arzt gehen müssen, dann befolgen wir fügsam, was er uns rät. Seien wir gute Patienten. Bemühen wir uns, mit Gottes Hilfe unsere Lage anzunehmen und wünschen wir unsere Gesundung, um uns großzügig für Gott und unsere Mitmenschen einzusetzen. Aber wenn dies nicht sein Wille ist, dann sollten wir mit Maria sagen: Fiat! So soll es sein! Dein Wille geschehe…

Auf diese Weise werden wir uns im Gebet an Gott wenden und ihm sagen: Ich weiß nicht, was du willst, aber ich verlange auch nicht, dass du es mir erklärst. Wenn du die Krankheit zulässt, dann hilf mir, diese Zeitspanne zu ertragen. Sie soll mich mehr mit dir vereinen, sie soll mich mehr mit denen, die bei mir sind, verbinden, sie soll mich mehr mit allen Menschen eins werden lassen. Und mit Worten des hl. Josefmaria vertrauen wir uns dem Heiligen Geist an: „Geist des Verstandes und des Rates, Geist der Freude und des Friedens: Ich will, was du willst, ich will, weil du willst, ich will, wie du willst, ich will, wann du willst.“

Wie gut tut es der Seele eines jeden, Träger der Barmherzigkeit zu sein! Bitten wir Gott durch seine heilige Mutter, er möge uns stark machen, um die Liebe Gottes denen weiterzugeben, die nicht gesund sind, und nehmen wir in innerem Frieden seine Barmherzigkeit an, wenn sein Wille darin besteht, dass wir uns durch das Kreuz mit ihm vereinen.

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Quelle

Benedikt XVI. kommt zum Start des Hl. Jahrs

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Der emeritierte Papst Benedikt und Papst Franziskus

Der emeritierte Papst Benedikt XVI. wird bei der Öffnung der Heiligen Pforte am Dienstag auf dem Petersplatz anwesend sein. Im Vatikan wurde am Samstag bekannt, dass Benedikt die Einladung seines Nachfolgers Franziskus angenommen hat. Der emeritierte Papst wird in der Vorhalle des Petersdoms dabei sein, wenn Franziskus offiziell das Heilige Jahr der Barmherzigkeit startet.

In den letzten Wochen hat Franziskus seinen unmittelbaren Vorgänger mehrfach zitiert, wenn es um den Zusammenhang von Barmherzigkeit und Wahrheit ging. Benedikt lebt zurückgezogen in den Vatikanischen Gärten; auf die Einladung seines Nachfolgers hin hat er aber schon mehrfach an Feiern auf dem Petersplatz teilgenommen, etwa an der Heiligsprechung der Päpste Johannes XXIII. und Johannes Paul II. im letzten Jahr.

(rv 05.12.2015 sk)


 

Dazu nachgeholt noch ein Kurzartikel von ZENIT.org vom 25. Juni 2014:

Papst Franziskus in einer Linie mit Benedikt XVI.
Einigkeit bezüglich des Konzilsverständnisses

In einem Gespräch mit Vertretern des konservativ orientierten Immaculata-Franziskanerordens sagte Papst Franziskus, dass er die Meinung seines Vorgängers Benedikt XVI. teile, dass die Hermeneutik des Zweiten Vatikanischen Konzils vor 50 Jahren heute noch wichtig sei. Nach Überzeugung des Papstes stelle das Konzil keinen Bruch in der Kirchengeschichte dar und er würdigte gleichzeitig das Motu proprio „Summorum pontificum“ seines Vorgängers von 2007, das die Feier im außerordentlichen Ritus erlaubt. Das Gespräch hatte bereits am 10. Juni in der Casa Santa Marta im Vatikan stattgefunden, die Information darüber wurde jedoch erst Anfang der Woche bekannt gegeben.
Der Vatikan hatte im August letzten Jahres einen Apostolischen Kommissar für die Franziskaner der Immaculata ernannt, da der Orden nach dem Motu proprio die lateinische Messe in seinen weltweit rund 20 Klöstern als hauptsächliche Messform übernommen hatte, innerhalb gab es diesbezüglich Unstimmigkeiten. Papst Franziskus hatte die Ordensmitglieder dazu aufgefordert, die Messe regulär in der neuen Liturgie zu feiern, so wie sie nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil entwickelt wurde.

In dem Gespräch mit den Vertretern des Ordens betonte er wiederholt, die Regelung zur alten Messe erfordere das Einverständnis der zuständigen Autoritäten. Die Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils würden ganz der Kontinuität der Kirche entsprechen.

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Quelle

Am 8. Dezember beginnt das Jubiläum der Barmherzigkeit!

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Rosenkranz täglich auf dem Petersplatz

Seit Jahrhunderten erbitten die Gläubigen im Rosenkranzgebet auf die Fürsprache Marias die Barmherzigkeit Gottes. Diese Praxis der Volksfrömmigkeit erhält auch im Heiligen Jahr der Barmherzigkeit einen besonderen Platz. Jeden Abend wird um 18.00 Uhr vor der Statue des Hl. Petrus auf dem Petersplatz der Rosenkranz gebetet. Diese Andacht wird u.a. von Pfarreien, kirchlichen Schulen und Bruderschaften Roms organisiert. Das Rosenkranzgebet ist ein zutiefst biblisches Gebet, in dessen Mittelpunkt die Heilstaten des Erlösers stehen. Mit diesem marianischen Gebet stellen sich die Pilger im Gebet vor das mütterliche Antlitz Marias, die auf einzigartige Weise die Barmherzigkeit des Vaters erfahren hat.

Papst Franziskus schreibt in der Einberufungsbulle des Heiligen Jahres “Kein anderer hat so wie Maria die Tiefe des Geheimnisses der Menschwerdung Gottes kennen gelernt. Ihr ganzes Leben war geprägt von der Gegenwart der fleischgewordenen Barmherzigkeit. Die Mutter des Gekreuzigten und Auferstandenen ist eingetreten in das Heiligtum der göttlichen Barmherzigkeit, denn sie hatte zutiefst Anteil am Geheimnis seiner Liebe” (MV 24). Besondere Aufmerksamkeit wird deshalb während dieses Heiligen Jahres auch der „Mutter der Barmherzigkeit“ gelten.

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Siehe: DIE OFFIZIELLE INTERNETSEITE „JUBILÄUM DER BARMHERZIGKEIT“

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Quelle

Im Wortlaut: Predigt in der Kathedrale von Bangui

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Franziskus öffnet die Hl. Pforte von Bangui

Im Wortlaut dokumentieren wir hier die Predigt von Papst Franziskus bei der Hl. Messe in der Kathedrale von Bangui am Sonntag, den 29. November 2015. Er feierte den Gottesdienst mit Priestern, Ordensleuten und engagierten Laien. 

An diesem ersten Sonntag im Advent, einer liturgischen Zeit der Erwartung des Retters und eines Symbols der christlichen Hoffnung, hat Gott meine Schritte zu euch gelenkt, in dieses Land, während die Weltkirche sich anschickt, das Jubiläumsjahr der Barmherzigkeit zu eröffnen. Und ich freue mich besonders, dass mein Pastoralbesuch mit der Eröffnung dieses Jubiläumsjahres in eurem Land zusammenfällt. Von dieser Kathedrale aus möchte ich mit meinem Herzen und meinen Gedanken liebevoll alle Priester, gottgeweihten Personen und pastoralen Mitarbeiter dieses Landes erreichen, die in diesem Moment geistig mit uns verbunden sind. Durch euch möchte ich auch alle Zentralafrikaner, die Kranken, die alten Menschen und die vom Leben Verwundeten grüßen. Einige von ihnen sind vielleicht verzweifelt, haben nicht einmal mehr die Kraft zu handeln und erwarten nur ein Almosen, das Almosen des Brotes, das Almosen der Gerechtigkeit, das Almosen einer  Geste der Zuwendung und der Güte.

Doch wie die Apostel Petrus und Johannes, die zum Tempel hinaufgingen und weder Gold noch Silber besaßen, um es dem bedürftigen Gelähmten zu geben, so komme ich, um ihnen die Kraft und die Macht Gottes anzubieten, die den Menschen heilen, ihn wieder aufrichten und ihn fähig machen, ein neues Leben zu beginnen, indem er »ans andere Ufer« (Lk 8,22) hinüberfährt.

Jesus schickt uns nicht allein ans andere Ufer, sondern lädt uns vielmehr ein, die Überfahrt gemeinsam mit ihm zu unternehmen, indem jeder auf eine spezifische Berufung antwortet. Wir müssen uns darum bewusst sein, dass man diese Überfahrt ans andere Ufer nur gemeinsam mit ihm machen kann, indem man sich von den Begriffen der Familie und des Blutes, die Trennungen verursachen, befreit, um eine Kirche aufzubauen, die Familie Gottes ist, die für alle offen ist und sich um die kümmert, die es am meisten brauchen. Das setzt Nähe zu unseren Brüdern und Schwestern voraus, es bedeutet einen Gemeinschaftsgeist. Es ist nicht vor allem eine Frage der finanziellen Mittel; in Wirklichkeit genügt es, das Leben des Gottesvolkes zu teilen, indem wir jedem Rede und Antwort stehen, der nach der Hoffnung fragt, die uns erfüllt (vgl. 1 Petr 3,15), und Zeugen der unendlichen Barmherzigkeit Gottes sind, der – wie der Antwortpsalm dieses Sonntags hervorhebt – »gut und gerecht ist [und] die Irrenden auf den rechten Weg« weist  (Ps 25,8). Jesus lehrt uns, dass der himmlische Vater »seine Sonne […] über Bösen und Guten aufgehen [lässt] « (Mt 5,45). Nachdem wir selber Vergebung erfahren haben, müssen wir vergeben. Das ist unsere grundsätzliche Berufung: »Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist« (Mt 5,48). Eine der wesentlichen Anforderungen dieser Berufung zur Vollkommenheit ist die Feindesliebe, die gegen die Versuchung zur Rache und die Spirale endloser Vergeltungsmaßnahmen wappnet. Jesus hat Wert darauf gelegt, auf diesem besonderen Aspekt des christlichen Zeugnisses zu beharren (vgl. Mt 5,46-47). Die Arbeiter für die Evangelisierung müssen also vor allem „Handwerker“ der Vergebung, Spezialisten der Versöhnung und Experten der Barmherzigkeit sein. Das ist die Art und Weise, wie wir unseren Brüdern und Schwestern helfen können, „ans andere Ufer hinüberzufahren“, indem wir ihnen das Geheimnis unserer Kraft, unserer Hoffnung und unserer Freude offenbaren, die ihre Quelle in Gott haben, weil sie auf die Gewissheit gegründet sind, dass er mit uns im Boot ist. Wie der Herr im Moment der Brotvermehrung mit den Aposteln gehandelt hat, so sind jetzt wir es, denen er seine Gaben anvertraut, damit wir hingehen, um sie überall zu verteilen, und sein Wort verkünden, das versichert: »Seht, es werden Tage kommen […], da erfülle ich das Heilswort, das ich über das Haus Israel und über das Haus Juda gesprochen habe« (Jer 33,14).

In den liturgischen Texten dieses Sonntags können wir einige Merkmale dieses angekündigten Heiles Gottes entdecken, die sich zugleich als Anhaltspunkte erweisen, um uns in unserer Mission zu leiten. Zunächst ist das von Gott verheißene Glück mit den Begriffen der Gerechtigkeit angekündigt. Der Advent ist die Zeit, unsere Herzen vorzubereiten, um den Retter empfangen zu können, das heißt den einzigen Gerechten und den einzigen Richter, der imstande ist, jedem das angedeihen zu lassen, was er verdient. Hier wie anderswo dürsten viele Männer und Frauen nach Achtung, nach Gerechtigkeit, nach Fairness, ohne positive Zeichen am Horizont zu sehen. Zu diesen kommt er, um sie mit seiner Gerechtigkeit zu beschenken (vgl. Jer 33,15). Er kommt, um unsere persönlichen und kollektiven Geschichten, unsere enttäuschten Hoffnungen und unsere sterilen Zukunftsaussichten fruchtbar zu machen. Und er sendet uns aus, um vor allem denen, die von den Mächtigen dieser Welt unterdrückt werden, wie auch denen, die unter der Last ihrer Sünden gebeugt sind, zu verkünden: »Juda [wird] gerettet werden, Jerusalem kann in Sicherheit wohnen. Man wird ihm den Namen geben: Jahwe ist unsere Gerechtigkeit« (Jer 33,16). Ja, Gott ist Gerechtigkeit! Das ist es, warum wir Christen berufen sind, in der Welt „Handwerker“ eines auf Gerechtigkeit gegründeten Friedens zu sein.

Das erwartete Heil Gottes hat zugleich den Charakter der Liebe. Während wir uns auf das Weihnachtsgeheimnis vorbereiten, machen wir uns ja erneut den Weg des Gottesvolkes zu Eigen, um den Sohn Gottes aufzunehmen, der gekommen ist, um uns zu offenbaren, dass Gott nicht nur Gerechtigkeit ist, sondern auch und vor allem Liebe (vgl. 1 Joh 4,8). Überall, auch und vor allem dort, wo Gewalt, Hass, Ungerechtigkeit und Verfolgung herrschen, sind die Christen aufgerufen, Zeugnis von diesem Gott zu geben, der die Liebe ist. Indem ich den Priestern, den gottgeweihten Personen und den Laien, die in diesem Land die christlichen Tugenden manchmal sogar in heroischer Weise leben, Mut zuspreche, gebe ich zu, dass der Abstand, der uns von dem so anspruchsvollen Ideal des christlichen Zeugnisses trennt, zuweilen groß ist. Darum übernehme ich in Form eines Gebetes jene Worte des heiligen Paulus: Liebe Brüder, »euch aber lasse der Herr wachsen und reich werden in der Liebe zueinander und zu allen« (1 Thess 3,12). In diesem Zusammenhang muss das Zeugnis der Heiden über die Christen der Urkirche wie ein Leuchtturm an unserem Horizont gegenwärtig bleiben: »Seht, wie  sie einander lieben, sie lieben sich wirklich« (TERTULLIAN, Apologetik, 39,7).

Und schließlich hat das angekündigte Heil Gottes den Charakter einer unbesiegbaren Macht, die allem überlegen ist. Nachdem Jesus nämlich seinen Jüngern die schrecklichen Zeichen angekündigt hat, die seinem Kommen vorausgehen werden, schließt er: »Wenn [all] das beginnt, dann richtet euch auf, und erhebt eure Häupter; denn eure Erlösung ist nahe« (Lk 21,28). Und wenn der heilige Paulus von einer Liebe spricht, die »wachsen und reich werden« soll, dann tut er das, weil das christliche Zeugnis diese unwiderstehliche Kraft widerspiegeln muss, um die es im Evangelium geht. Jesus will also auch inmitten nie dagewesener Umwälzungen seine große Macht, seine unvergleichliche Herrlichkeit (vgl. Lk 21,27) und die Macht der Liebe zeigen, die vor nichts zurückweicht, weder vor den erschütterten Himmeln, noch vor der brennenden Erde, noch vor dem wütenden Meer. Gott ist stärker als alles. Diese Überzeugung gibt dem Gläubigen Gelassenheit, Mut und die Kraft, angesichts der schlimmsten Widrigkeiten im Guten durchzuhalten. Auch wenn die Kräfte des Bösen sich entfesseln, müssen die Christen sich mit erhobenem Haupt zur Stelle melden, bereit, in diesem Kampf standzuhalten, in dem Gott das letzte Wort hat. Und dieses Wort wird ein Wort der Liebe sein!

An alle, die zu Unrecht die Waffen dieser Welt gebrauchen, richte ich einen Appell: Legt diese Instrumente des Todes ab; bewaffnet euch vielmehr mit Gerechtigkeit, Liebe und Barmherzigkeit, den echten Garanten des Friedens. Jünger Christi, Priester, Ordensleute oder engagierte Laien in diesem Land mit dem so eindrucksvollen Namen im Herzen Afrikas – diesem Land, das aufgerufen ist, den Herrn als wirkliches Zentrum alles Guten zu entdecken –, eure Berufung ist es, inmitten eurer Mitbürger das Herz Gottes zu verkörpern. Gebe Gott, dass wir alle »gefestigt [sind,] ohne Tadel […], geheiligt vor Gott, unserem Vater, wenn Jesus, unser Herr, mit allen seinen Heiligen kommt« (1 Thess 3,13). So sei es!

(rv 29.11.2015 gs)

Papst Franziskus öffnet Heilige Pforte in Bangui

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Öffnung der Heiligen Pforte

Die erste „Heilige Pforte“ des unmittelbar bevorstehenden „Heiligen Jahres der Barmherzigkeit“ hat Papst Franziskus an diesem Sonntag geöffnet – an einem Ort der äußersten Peripherie aus europäischer Warte: in Bangui, der Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik. „Möge Bangui die spirituelle Hauptstadt der Welt werden!“, rief Franziskus in einer kleinen Ansprache aus, die er sich vorab zurechtgelegt hatte. „Das Heilige Jahr der Barmherzigkeit beginnt (hier) frühzeitig in einem Land, das unter Krieg, Hass, Mangel an Verständigung, Mangel an Frieden leidet. In diesem leidenden Land sind auch (geistlich) alle Länder anwesend, die das Kreuz des Krieges erlebt haben. Möge Bangui die spirituelle Hauptstadt des Gebets um die Barmherzigkeit des Vaters werden! Wir alle bitten: Frieden, Barmherzigkeit, Versöhnung, Verzeihung, Liebe! Für Bangui, die ganze Zentralafrikanische Republik und die ganze Welt, alle Länder, die unter Krieg leiden, erbitten wir Frieden. Bitten wir alle zusammen um Frieden und Vergebung! Und mit diesem Gebet beginnen wir nun das Heilige Jahr hier, in dieser geistlichen Hauptstadt der Welt, heute.“

„Öffnet die Pforten der Gerechtigkeit – ich werde eintreten und dem Herrn danken“ – diese alttestamentliche Formel bildete den Auftakt der Zeremonie zur Öffnung der Pforte. Franziskus drückte mit beiden Händen die Flügel des hölzernen Tores der Kathedrale aus den 1930er Jahren auf. Auf der Schwelle verharrte er für einen Augenblick stehend im Gebet, danach trat er als erster in die Kathedrale ein.

In seiner Predigt an diesem Ersten Adventsonntag lud Franziskus die Katholiken der Zentralafrikanischen Republik dazu ein, „Handwerker“ des Friedens zu sein. Er rief sie zu Gemeinschaftsgeist auf und dazu, Böses mit Gutem zu vergelten. Eindringlich rief der Papst dazu auf, anstelle handfester mörderischer Waffen jene der Gerechtigkeit, der Liebe und der Barmherzigkeit zu benutzen.

„Christen müssen standhalten gegen das Böse“

Franziskus feierte die Messe mit Priestern, Ordensleuten und engagierten katholischen Laien. Friede sei „nicht vor allem eine Frage der finanziellen Mittel“, sagte der Papst ihnen in der Kathedrale. Er erinnerte die Katholiken an das Gebot der „Feindesliebe, die gegen die Versuchung zur Rache und die Spirale endloser Vergeltungsmaßnahmen wappnet“. Jesus habe Wert darauf gelegt, auf diesem Aspekt christlichen Verhaltens zu beharren. Die Worte des Papstes fallen in eine Situation großer Spannungen zwischen Christen und Muslimen: Am Morgen seines Eintreffens in Bangui wurden dort in der Nähe des berüchtigten muslimischen PK5-Viertels zwei junge Christen ermordet, und ihre Familien kündigten umgehend blutige Rache an.

„Auch wenn die Kräfte des Bösen sich entfesseln, müssen die Christen sich mit erhobenem Haupt zur Stelle melden, bereit, in diesem Kampf standzuhalten, in dem Gott das letzte Wort hat. Und dieses Wort wird ein Wort der Liebe sein!“, bekräftigte Franziskus. An alle, die „zu Unrecht die Waffen dieser Welt gebrauchen“, richtete der Papst den Appell, diese „Instrumente des Todes“ abzulegen und sich mit den „echten Garanten des Friedens“ zu bewaffnen: Gerechtigkeit, Liebe und Barmherzigkeit.

Franziskus gestand ein, dass „der Abstand, der uns von dem so anspruchsvollen christlichen Zeugnis trennt, zuweilen groß ist“. Und er erinnerte die Priester, Ordensleute und engagierten Laien an ihre Vorbildfunktion: Sie müssten „Handwerker der Vergebung, Spezialisten der Versöhnung und Experten der Barmherzigkeit sein“.

Friedenskuss für den Imam

Beim Moment des Friedensgrusses in der Kathedrale umarmte der Papst auch einen evangelischen Pastor und einen Imam, die in seiner Nähe standen. Bereits auf dem Weg zur Kathedrale hatte Franziskus einen kurzen Stopp an einem Kinderkrankenhaus der Hauptstadt eingelegt. Dabei schenkte er den jungen Patienten Medikamente, die ihm das römische Kinderkrankenhaus Bambin Gesu mitgegeben hatte.

(rv 29.11.2015 gs)