Zeitgenössischer Nachruf auf Pfarrer Franz Sales Handwercher

Geschichtliche und statistische Nachrichten
1. Nekrologe.

a. Franz Sales Handwercher,
Pfarrer zu Schneiding in Niederbayern, gestorben im August 1853.

Seit nahe an vier Decennien wirkte im Weinberge des Herrn ein Mann, der durch seine an’s Wunderbare gränzenden Gaben, womit der Himmel seine reine, schuldlose Seele begnadigte, und durch die in’s Unglaubliche gehenden Erfolge seines rastlosen heiligen Eifers bald die Aufmerksamkeit von nah und fern innerhalb der Gränzen des Vaterlandes und noch weiter hinaus auf sich zog. Es war dieß der hochwürdige allbekannte und allverehrte Pfarrer von Schneiding Franz Sales Handwercher.

Es ist hier weder der Ort, noch gestattet es der Raum, das Gebiet der Mystik zu betreten und von Handwercher’s innerem Seelenleben, den großen Prüfungen und den ihnen zur Seite gehenden außerordentlichen Gunstbeweisen Gottes zu reden, der der strengsten, an die ersten Einsiedler der Thebais erinnerden Verläugnung auf den Wegen der geistlichen Läuterung, durch die Gott seine Seele führte, und der sie begleitenden verschiedenen Erfahrungen der erhabensten Liebeswunder Gottes Erwähnung zu thun. Wir können nur sagen, daß eine solche Tiefe des eigenen Geistes, eine solche Gabe fremder Geister zu prüfen, eine solche Weisheit, die Seelen zu führen, wie sie der Verblichene besessen, nur in dem Umstande seine Erklärung finden kann, daß er selbst den Weg der Vereinigung mit Gott durchgemacht und kennen gelernt wie Wenige. Ja, was eine erquickende und stärkende Oase auf unwirthsamen Boden dem schmachtenden Wanderer durch die lybische Wüste, war sein Geist gegenüber der Falschheit und Seichtigkeit unseres Zeitalters dem Höheres suchendem Gemüthe. Seine aus dem griechischen Urtexte veranstaltete Uebersetzung des kostbaren Werkes des heiligen Johannes Klimakus: „Die Leiter zum Paradiese“ – eine vortreffliche Arbeit, die ihm viel Schweiß gekostet – gibt Zeugniß, wie tief als Eingeweihter er selbst dachte und wie genau er die gewichtigen und erhabenen Ausdrücke, ohne den Sinn zu verletzen, in der Uebersetzung wiederzugeben wußte. Wollen wir in Kürze die Vorzüge dieses Buches berühren und damit das Verdienst des Uebersetzers hervorheben, so müssen wir sagen, daß dieses Werk alle Blendwerke des Geistes zu zerstreuen und das Auge zu reinigen vermag, um die Wahrheit in ihrer lichten Gestalt erblicken und die Seele nahe bringen zu können. Handwercher übersetzte auch: „Das Leben die die Thaten der heiligen Einsiedler und Mönche in der Thebais“ aus dem Lateinischen. Er wurde dazu veranlaßt durch einen damals schon hochgestellten Geistlichen, der jetzt auf einem bischöflichen Stuhle sitzt; die Arbeit ist ein Meisterwerk. „Oft blickte ich“, wie er selber sagt, „bei Bearbeitung des herrlichen Originals gen Himmel, staunte und seufzte aus der Tiefe meines Herzens über jene Zeit, indem mich unwillkürlich der Wunsch ergriff: wäre es doch in vielen Herzen wieder so!“ Wiederum machte sich Handwercher an die Herausgabe der Schrift des Abtes Konrad Tanner: „Das Wesen der Todsünde.“ Man kann das Buch mit dem merkwürdigen Kommentar nicht lesen, ohne von heilsamen Schrecken befallen zu werden; wie tief schaute sein Seherblick in das Wesen der Revolutionen unserer Tage und erkannte sie als das Werk des Satans; nur solche als ihre Urheber, die das Geisterreich Jesu Christi verlassen, und folglich in das Geisterreich des Satans übergegangen sind. – Sein „Beichtvater für das jugendliche Alter“, nach dem ehrwürdigen Michael Wittmann, erlebte in kurzer Zeit zwei Auflagen und sollte in der Bibliothek keines Priesters fehlen. Doch wann würden wir enden, wollten wir nur ein Namensverzeichniß der unzähligen Schriften anführen, von deren Herausgabe dieser rastlose Geist direkt und indirekt die Triebfeder war und die er unter die Menge mit größter Uneigennützigkeit verbreite, um vor der Sünde Anfang und dem Ende des Verderbens zu warnen und genau die Mittel und Wege zu bezeichnen, die zur Tugend und zum Heile führen. Seine Sprache ist immer die Sprache herzlicher, tiefer, inniger Empfindung, eines regen Gefühls, einer tief begeisterten Ansicht des innern Lebens, – die Sprache der Erfahrung, die, mit dem Apostel, seine Mitchristen beständig auf die Erneuerung des Geistes hinwies. Diese seine innigste Ueberzeugung trieb ihn daher schon lange vorher, ehe noch den Priestern Gelegenheit geboten war, durch die heiligen Exercitien im Geiste sich zu erneuern, an, seinen Pfarrhof zu einem Exercitienhaus für solche zu machen, die ein heiliger Drang ihm zuführte; jeder, der ihn besuchte, ward mit der größten Unbefangenheit und Uneigennützigkeit aufgenommen und als Hausfreund behandelt und fand gewiß an dem bescheidenen Landpfarrer den geistvollsten Exercitienmeister. Doch nicht allein ein Exercitienhaus für Priester war sein Pfarrhof, er war auch ein Hospitium für Alle, die in geistlichen und zeitlichen Anliegen ihn aufsuchten; er war ihnen Freund, Vater, Führer, Tröster, Helfer, was gewiß mit unauslöschlichen Zügen in den Herzen der Tausenden, denen er wohlgethan, sowie in dem Buche des Lebens eingetragen bleibt. Ebenso weit entfernt von dem Rigorismus einer herzlosen, alle Blüthen des Frohsinns ertödtenden frostigen Ascese, als von der frivolen, freien Sitte in Rede und Betragen, war bei seinem arglos kindlich unschuldigen Gemüth, verbunden mit himmlischer Weisheit und großer Lebenserfahrung, sein Umgang ebenso anziehend als lehrreich. Er liebte es, arglos heiter mit dem Arglosen zu sein. – Wir könnten gar Manche aus den höchsten Ständen anführen, die es nicht unter ihrer Würde hielten, im freundlichen Pfarrhofe zu Schneiding einige Tage zu verweilen, und in der erquickenden Nähe des seltenen Mannes des heldenmüthigen Glaubens, des wohlbesiegenden Gottvertrauens, der maßlos sich hinopfernden Liebe ihrer Sorgen sich zu entschlagen.

Gehen wir aber auch etwas näher auf sein Verhältniß zur Pfarrgemeinde ein, um den guten Hirten nach dem Beispiele Jesu vollkommen kennen zu lernen. Ein geistvoller und unermüdeter Verkünder des Wortes Gottes, predigte Handwercher nicht in zierlichen Phrasen neumodischer Afterweisheit, sondern in der Kraft des heiligen Geistes, gleich Einem, der da Gewalt hat, Feuerbrände aus seinem liebeflammenden Herzen in die kalten, unbußfertigen Herzen zu schleudern, die Gebeugten durch die heilige Liebe Jesu aufzurichten und an seinem heiligen Herzen zu erwärmen. Wie verklärt sahen wir oft sein Antlitz leuchten, wenn er selber trunken von Jesu Liebe, wie die Braut im hohen Liede, zu uns redete und seine Thränen in die Thränen und das laute Schluchzen der Tausenden mischte, die ihn erst mit Erstaunen und tief erschüttert, dann hingerissen von der Liebessalbung des heiligen Geistes anhörten. – Im Beichtstuhl rastlos thätig und zu jeder Stunde bei Tag und Nacht zugänglich, opferte er, ein Meister in der höheren Seelenführung, ein treuer Hirt für seine Schäflein, sich ganz und gar für das Heil seiner Mitmenschen; kein Wunder, daß Unzählige von nah und fern in besondern Anliegen und Nöthen, wo, um Rat und Hülfe zu schaffen, die gewöhnliche Wissenschaft nicht ausreicht, zu ihm, dem großen Geistesmanne, wie zu einem Orakel wallfahrteten. Durch seine eigene Erfahrung vertand er’s, die Seelen auch auf außerordentlichten Wegen zu Gott zu führen, die verborgensten Wirkungen der Gnade zu erkennen, die Bewegungen der verschiedenen Geister zu unterscheiden und dieselben vor den Täuschungen des bösen Feindes zu bewahren, ja die feindseligen Einwirkungen dämonischer Mächte durch die Kraft seines Glaubens zu heben. – Seine Katechese war nicht magere formelle Salbaderei, welche die Kinder langweilt und die Herzen leer läßt, sondern Geist und Leben; ein Feind der Oberflächlichkeit der Erziehung, war er begeistert, das religiöse Element zur Grundlage jedes Unterrichtes zu machen und selber gläubig, fromm und kindlich herablassend zu den Kleinen, gewann er auch ihre Herzen für Jesus. War ja sein bloßes Erscheinen in der Schule schon ein Religionsunterricht. Wie sehr ihm die christich-religöse Erziehung seiner Jugend am Herzen lag, beweist zur Genüge der Umstand, daß er ganz aus eigenen Mitteln dem Orden der armen Schulschwestern zunächst der Kirche ein herrliches Haus erbaute, und den Unterricht der weiblichen Jugend in ihre Hände legte. Welche kindliche Freude hatte der gute Vater seiner Kinder, als er nach vielen und großen Hindernissen dieses ein Vorhaben bewerkstelligt sah! – Was die armen Kinder, die dürftige und leidende Klasse in und außer seiner Pfarrei an ihm verloren, bezeugen die wehmüthigen Klagen der Dürftigen, welche die Quelle, aus der die gewohnten, im Geheimen so zahllos gespendeten Gaben der Wohlthätigkeit in harter und bedrängnißvoller Zeit reichlich flossen, für immer versiegt zu sehen. Zu einem schönen Garten, gepflegt durch die geschäftige Hand des sorgsamen Gärtners und begossen von seinen Thränen und seinem Schweiße, hat sich die ganze Pfarrei umgewandelt; da blühen in Menge die Lilien der Unschuld und Jungfräulichkeit, die Passionsblumen und ausdauernder Buße und frommer Kreuzesliebe, die Veilchen anspruchloser Demuth, und wenn auch nicht alle krummen Wege gerade gemacht werden konnten, so zeigt doch das siebenjährige Wirken dieses Gottes-Mannes, welch unglaubliche Wirkungen unter Gottes Beistand ein frommer, vom Geiste seines Berufes durchdrungener Seelenhirt hervorzubringen im Stande ist. War er ja doch das Vorbild jeglicher Tugend, und er – im Leiden der Geduligste, im Gebete der Eifrigste, in der Entsagung der Bereitwilligste – durch sein ganzes Leben eine beständige und eindringliche Predigt. Er war der gute und getreue Knecht seines Herrn, der nicht sich, sondern ganz Christo und dem hohen Berufe lebte, zu dem ihn die Gnade Gottes geführt hatte.

Wir trauen es uns offen zu sagen: Schneiding wird einen Pfarrer wieder bekommen, und vielleicht – wir wünschen es – einen würdigen: einen Franz Sales aber, wie der Verblichene war,

(Auch zu Hohenegglkofen bei Landshut, wo H. zuvor mehrere Jahre Pfarrer gewesen ist, spricht man noch mit hehrer Verehrung von ihm. Besonders rühmt man seine Herzensgüte, Wohltätigkeit, seinen Eifer für das Reich Gottes und seine Herablassung und Liebe zu den Kindern, die er sehr oft, um sie zum Lernen und zum Guten aufzumuntern und anzueifern, reichlich beschenkte. Armen Kindern war er ein guter Vater. Sein Andenken ist auch in dieser Pfarrei gesegnet.)

schwerlich mehr, und wir finden es sehr begreiflich, wenn täglich und vielleicht Jahre hinaus sein Grabeshügel nächst der Kichenthüre mit neuen Thränen der Dankbarkeit und Liebe begossen werden wird. „In memoria aeterna erit justus.“ Ja, so lange die nun prachtvoll dastehende Kirche in Schneiding, deren bedeutende Vergrößerung und Verschönerung Handwercher’s Werk ist, das ihm viel Mühe und Opfer gekostet, bestehen wird; so lange die stattliche Kirchthurmspitze, die, durch seine Freigebigkeit restaurirt, so herrlich im freundlichen Glanze der auf- und untergehenden Sonne schimmert, himmelwärts zeigen wird; so lange im harmonischen Silberton das trauliche Geläute der Glocken, durch ihn in solchen Einklang gebracht, über Saat und Felder, über Dorf und Au hin segnend schallen wird; solange es noch Hilfsbedürftige, Arme, Hungernde, Obdachlose geben wird, die in ihm einen sorgsamen Vater und in seinem Hause eine freundliche Aufnahme gefunden; kurz, so lange es eine Pfarrgemeine Schneiding geben wird: so lange wird auch sein Andenken nicht vergehen, während sein verklärter Geist im Sternenkranz der siebenzehn Jahre, die er ihr als Seelenhirt vorstand, vom Himmel auf sie segnend herniederblickt. R.J.P.

J. v. G. M….r. (Augsb. Postztg.)

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Quelle

Transcription von mir [POS] – Lesen Sie auch: „Blicke in die Zukunft„!