Drei Fundamente: Gedächtnis, Glaube und barmherzige Liebe

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Messe In Gjumri, 25. Juni 2016 / © PHOTO.VA – OSSERVATORE ROMANO

Papst Franziskus erreichte gegen 10.30 Uhr den Flughafen von Gjumri, wo sich bereits der Bürgermeister, der Erzbischof der armenischen Katholiken Osteuropas und der armenisch-apostolische Bischof der Stadt zum Empfang des Papstes versammelt hatten. Bei seiner Ankunft wurde Papst Franziskus auch von einer Gruppe Waisenkinder und einem Chor begrüßt.

Vom Flughafen wurde der Papst dann zum Vartanantsplatz gefahren, wo er um 11.00 Uhr die Messe feierte. An der Meßfeier nahmen auch der Katholikos Karekin II. und Msgr. Raphael François Minassian, Titolarerzbischof von Cäsarea in Kappadokien, teil.

In seiner Homilie erinnerte Papst Franziskus an das schreckliche Erdbeben im Jahr 1988 und warf anschließend die Fragen auf: „Wozu fordert der Herr uns auf; was sollen wir heute in unserem Leben aufbauen? Und vor allem: Worauf sollen wir unser Leben aufbauen?“ „Drei tragfeste Fundamente“ schlug er als mögliche Lösung vor: das Gedächtnis, den Glauben und die barmherzige Liebe.

Das Gedächtnis bezeichnete der Papst als die Gnade zur Fähigkeit, „das Gedächtnis aufzufrischen, die Erinnerung an das, was der Herr in und für uns vollbracht hat“. Daneben gebe es noch das „Gedächtnis des Volkes“, das im Falle der Armenier weit zurückreiche und kostbar sei, „in euren Worten liegt der Widerhall derer, die euer Alphabet geschaffen haben, um das Wort Gottes zu verkünden; in euren Liedern verschmelzen die Seufzer und die Freuden eurer Geschichte miteinander. Wenn ihr an all das denkt, könnt ihr sicher die Gegenwart Gottes erkennen: Er hat euch nicht alleingelassen“. Papst Franziskus bekräftigte: „Es ist schön für euch, dass ihr euch dankbar daran erinnern könnt, dass der christliche Glaube zum Atem eures Volkes und zum eigentlichen Kern seines Gedächtnisses geworden ist.“

Zum zweiten Fundament erklärte der Papst: „Der Glaube ist auch die Hoffnung für eure Zukunft, das Licht auf dem Lebensweg.“ Glaube dürfe nicht in die Archive der Geschichte verschlossen werden, sondern erblühe „immer neu aus der lebendigen Begegnung mit Jesus, aus der Erfahrung seiner Barmherzigkeit, die Licht in alle Lebenssituationen trägt“. An die jungen Menschen gewandt, ermutigte Papst Franziskus: „Wenn er – speziell euch junge Freunde – dazu einlädt, dann habt keine Angst, sagt ihm: ‚Ja‘! Er kennt uns, er liebt uns wirklich und möchte das Herz von den Lasten der Furcht und des Stolzes befreien. … Auf diese Weise könnt ihr an eure große Geschichte der Evangelisierung anknüpfen – die Kirche und die Welt brauchen sie in diesen geplagten Zeiten, die aber auch Zeiten der Barmherzigkeit sind.“

Das dritte Fundament, die barmherzige Liebe, verglich der Papst mit einem Felsen. „Die konkrete Liebe ist die Visitenkarte des Christen“; „stets unermüdlich Wege der Gemeinschaft zu schaffen und wieder gangbar zu machen, Verbindungsbrücken zu bauen und trennende Barrieren zu überwinden“, zeichneten einen wahren Christen aus, und der Papst mahnte: „Es braucht Christen, die sich durch die Mühen nicht deprimieren lassen und wegen der Widrigkeiten nicht den Mut verlieren, sondern offen, verfügbar und dienstbereit sind; es braucht Menschen guten Willens, die den Brüdern und Schwestern, die sich in Schwierigkeiten befinden, in der Tat und nicht bloß mit Worten helfen; es braucht gerechtere Gesellschaften, in denen jeder ein würdiges Leben führen und in erster Linie eine gerecht bezahlte Arbeit haben kann“.

Am Beispiel des heiligen Gregor von Narek, „Wort und Stimme Armeniens“, zeigte Papst Franziskus auf, dass es möglich sei, die „menschlichen Erbärmlichkeiten immer in Dialog mit der göttlichen Barmherzigkeit“ zu bringen. „Gregor von Narek ist ein Lehrmeister des Lebens, weil er uns lehrt, dass es vor allem wichtig ist zu erkennen, dass wir der Barmherzigkeit bedürfen und dass wir uns dann angesichts der Erbärmlichkeiten und Verwundungen, die wir bemerken, nicht in uns selbst verschließen, sondern uns aufrichtig und vertrauensvoll dem Herrn öffnen … .“

Papst Franziskus dankte allen Anwesenden für ihre Teilnahme und sprach seinen Dank vor allem dem Krankenhaus von Ashotsk, das vor 25 Jahren gegründet wurde und „Krankenhaus des Papstes“ genannt wird, den Armenischen Schwestern der Unbefleckten Empfängnis und den Missionarinnen der Liebe der seligen Mutter Theresa von Kalkutta aus. „Die Jungfrau Maria, unsere Mutter, begleite euch immer und leite die Schritte aller auf dem Weg der Brüderlichkeit und des Friedens.“

Der Volltext der Predigt ist hier abrufbar.

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Quelle

Chor Virap: letzte Etappe der Armenienreise von Papst Franziskus

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Die Klosteranlage direkt vor dem Berg Ararat liegt unmittelbar an der Grenze zur Türkei

Vor seiner Heimreise nach Rom hat Papst Franziskus am Sonntagnachmittag eine der symboltrachtigsten Klöster Armeniens besucht: Chor Virap, die Gedenkstätte des Nationalheiligen Gregor des Erleuchters in der Ararat-Ebene.

Wörtlich übersetzt bedeutet der Name Chor Virap „tiefes Verlies“. Laut der Tradition ließ König Trdat III. (oder Tiridates) Gregor den Illuminator 13 Jahre lang in eine tiefe Grube einsperren, um ihn von dem christlichen Glauben abzubringen. Gregor blieb aber dem Glauben treu und heilte am Ende sogar den König von einer Hautkrankheit. 301 ließ Tiridates III. sich taufen und erhob das Christentum zur Staatsreligion, also noch bevor es im römischen Kaiserreich anerkannt wurde.

An der Stelle des Verliesses wurde im Laufe des VII. Jahrhunderts eine erste St. Georgs-Kapelle gebaut. Die heutige Klosteranlage entstand im XVII. Jahrhundert.

Das Kloster von Chor Virap, das unmittelbar an der Grenze zur Türkei liegt, bietet einen wunderschönen Ausblick auf den berühmten Berg Ararat, das Nationalsymbol der Armenier.

Der 5.137 Meter hohe, sagenumwobene Ararat, eigentlich ein ruhender Vulkan, liegt heute nicht nur in der Türkei, sondern ist zugleich auch der höchste Berg auf türkischem Staatsgebiet.

Die Silhouette des Berges Ararat ist im goldenen Mittelschild des Staatswappens der Republik Armenien dargestellt, mit den Konturen der Arche Noah auf der Spitze. Gemäss dem Alten Testament sollte ja die Arche nach der Sintflut auf dem Ararat gestrandet sein. „Im Gebirge Ararat“, so heißt es wörtlich im Buch Genesis (8,4).

Und genau wie Noah (oder der Held Uta-napishti in den sumerisch-altbabylonischen Gilgamesch-Sagen) am Ende der Sintflut eine Taube freiließ, die mit einem frischen Olivenzweig im Schnabel zurückkehrte, so ließen am Sonntag Papst Franziskus und der armenische Katholikos Karekin II. in Chor Virap vor dem Panorama des Berges Ararat stehend zwei Tauben frei. Eine symbolreiche Geste, in der Hoffnung, dass diese auf der anderen Seite der Grenze richtig verstanden wird. (pdm)

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Quelle

Text der ökumenischen Erklärung: Weg der Brüderlichkeit

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Papst Franziskus und Karekin II.

Gemeinsame Erklärung
von Papst Franziskus und Katholikos Karekin II.
anlässlich der Armenienreise des Papstes

Wir, Papst Franziskus und der Katholikos aller Armenier Karekin II., erheben heute im heiligen Etschmiadsin unseren Geist und unser Herz zum Allmächtigen und sagen Dank für die beständige und wachsende Nähe in Glaube und Liebe zwischen der Armenisch-Apostolischen Kirche und der Katholischen Kirche in Bezug auf ihr gemeinsames Zeugnis für die Heilsbotschaft des Evangeliums in einer von Unfrieden erschütterten Welt, die sich nach Trost und Hoffnung sehnt. Wir preisen die Allerheiligste Dreifaltigkeit – den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist –, dass sie uns ermöglicht hat, in dem biblischen Land des Ararat zusammenzukommen, der daran erinnert, dass Gott immer unser Schutz und unser Heil sein wird. In geistlicher Freude denken wir daran, dass im Jahr 2001 anlässlich der 1700-Jahr-Feier der Erklärung des Christentums zur Religion Armeniens der heilige Johannes Paul II. Armenien besuchte und Zeuge einer neuen Etappe herzlicher und brüderlicher Beziehungen zwischen der Armenisch-Apostolischen Kirche und der Katholischen Kirche wurde. Wir sind dankbar, dass wir die Gnade hatten, am 12. April 2015 bei der feierlichen Liturgie in der Petersbasilika in Rom zusammen zu sein. Dort besiegelten wir unseren Willen, uns jeder Form von Diskriminierung und Gewalt entgegenzustellen, und gedachten der Opfer dessen, was die Gemeinsame Erklärung Seiner Heiligkeit Johannes Paul II. und Seiner Heiligkeit Karekin II. so zur Sprache bringt: » Die Ermordung von anderthalb Millionen armenischen Christen ist das, was generell als der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts bezeichnet wird « (27. September 2001).

Wir preisen den Herrn, dass der christliche Glaube heute wieder eine  pulsierende Realität in Armenien ist und dass die armenische Kirche ihre Sendung in einem Geist brüderlicher Zusammenarbeit zwischen den Kirchen weiterführt und die Gläubigen beim Aufbau einer Welt der Solidarität, der Gerechtigkeit und des Friedens unterstützt.

Leider sind wir aber Zeugen einer ungeheuren Tragödie, die sich vor unseren Augen abspielt, einer Tragödie zahlloser unschuldiger Menschen, die getötet, vertrieben oder durch andauernde ethnische, wirtschaftliche, politische oder religiöse Konflikte im Nahen Osten und in anderen Teilen der Welt in ein schmerzliches und ungewisses Exil gezwungen werden. Folglich sind religiöse und ethnische Minderheiten zum Zielobjekt von Verfolgung und grausamer Behandlung geworden, so dass das Leiden für den eigenen Glauben zur täglichen Realität geworden ist. Die Märtyrer gehören allen Kirchen an und ihr Leiden ist eine „Ökumene des Blutes“, die die historischen Trennungen zwischen Christen überschreitet und uns alle dazu aufruft, die sichtbare Einheit der Jünger Christi zu fördern. Gemeinsam beten wir – auf die Fürsprache der heiligen Apostel Petrus und Paulus, Thaddäus und Bartholomäus hin – für eine Umkehr des Herzens all derer, die solche Verbrechen begehen, und derer, die in der Lage sind, die Gewalt zu stoppen. Wir bitten die Verantwortungsträger der Nationen inständig, auf das Flehen von Millionen von Menschen zu hören, die sich nach Frieden und Gerechtigkeit in der Welt sehnen, die die Achtung ihrer gottgegebenen Rechte verlangen, die dringend Brot brauchen, nicht Waffen. Leider beobachten wir eine Darstellung von Religion und religiösen Werten in fundamentalistischer Weise, die gebraucht wird, um die Verbreitung von Hass, Diskriminierung und Gewalt zu rechtfertigen. Die Rechtfertigung solcher Verbrechen aufgrund religiöser Vorstellungen ist unannehmbar, denn » Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern ein Gott des Friedens « (1 Kor 14,33). Außerdem ist die Achtung gegenüber religiösen Unterschiedlichkeiten die notwendige Bedingung für das friedliche Zusammenleben verschiedener ethnischer und religiöser Gemeinschaften. Gerade weil wir Christen sind, sind wir aufgerufen, Schritte zu Versöhnung und Frieden zu suchen und auszuführen. In diesem Zusammenhang bringen wir auch unsere Hoffnung auf eine friedliche Lösung  der Probleme um Nagorny-Karabach zum Ausdruck.

Unter Beachtung dessen, was Jesus seine Jünger lehrte, als er sagte: » Ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen« (Mt 25,35-36), bitten wir die Gläubigen unserer Kirchen, ihre Herzen und ihre Hände den Opfern von Krieg und Terrorismus, den Flüchtlingen und ihren Familien zu öffnen. Es geht um den eigentlichen Sinn unserer Menschlichkeit, unserer Solidarität, unseres Mitgefühls und unserer Großherzigkeit, der nur angemessen zum Ausdruck gebracht werden kann in einem unverzüglichen praktischen Einsatz der Hilfsmittel. Wir anerkennen alles, was bereits getan wurde, doch wir beharren darauf, dass seitens der politischen Führer und der internationalen Gemeinschaft viel mehr notwendig ist, um das Recht aller, in Frieden und Sicherheit zu leben, sicherzustellen, um die Herrschaft des Rechtes aufrechtzuerhalten, um religiöse und ethnische Minderheiten zu schützen und um Menschenhandel und -schmuggel zu bekämpfen.

Die Säkularisierung weiter Kreise der Gesellschaft, ihre Distanzierung vom Spirituellen und Göttlichen führt unvermeidlich zu einer entsakralisierten und materialistischen Sicht des Menschen und der Menschheitsfamilie. Diesbezüglich sind wir besorgt über die Krise der Familie in vielen Ländern. Die Armenisch-Apostolische Kirche und die Katholische Kirche teilen dieselbe Auffassung von der Familie, die auf die Ehe, einen Akt freiwillig geschenkter, treuer Liebe zwischen einem Mann und einer Frau, gegründet ist.

Freudig bekräftigen wir, dass wir trotz der fortdauernden Spaltung zwischen Christen deutlicher erkannt haben, dass das, was uns eint, mehr ist als das, was uns trennt. Das ist die tragfähige Basis, auf der die Einheit der Kirche Christi verdeutlicht werden wird, entsprechend dem Wort des Herrn: » Alle sollen eins sein « (Joh 17,21). Im Laufe der vergangenen Jahrzehnte ist die Beziehung zwischen der Armenisch-Apostolischen Kirche und der Katholischen Kirche glücklich in eine neue Phase eingetreten, gestärkt durch unser beiderseitiges Gebet und die gemeinsamen Bemühungen bei der Überwindung aktueller Herausforderungen. Heute sind wir überzeugt, dass es von ausschlaggebender Bedeutung ist, diese Beziehung zu fördern und uns in einer tieferen und maßgeblicheren Zusammenarbeit zu engagieren, nicht nur auf theologischem Gebiet, sondern auch im Gebet und in aktiver Zusammenarbeit auf der Ebene der örtlichen Gemeinden, mit dem Ziel, die volle Gemeinschaft und konkrete Ausdrucksformen der Einheit miteinander zu teilen. Wir bitten unsere Gläubigen dringend, einträchtig für die Förderung der christlichen Werte in der Gesellschaft zu arbeiten; diese tragen wirksam zum Aufbau einer Kultur der Gerechtigkeit, des Friedens und der menschlichen Solidarität bei. Der Weg der Versöhnung und der Brüderlichkeit liegt offen vor uns. Möge der Heilige Geist, der uns in die ganze Wahrheit führt (vgl. Joh 16,13), jedes echte Bemühen, Brücken der Liebe und der Gemeinschaft zwischen uns zu bauen, unterstützen.

Vom heiligen Etschmiadsin aus rufen wir alle unsere Gläubigen auf, sich unserem Gebet mit den Worten des heiligen Nerses, des Gütigen, anzuschließen: » Verherrlichter Herr, nimm die Gebete deiner Diener an und erfülle gnädig unsere Bitten, auf die Fürsprache der heiligen Gottesmutter, des heiligen Johannes des Täufers, des ersten Märtyrers Stephanus, des heiligen Gregors unseres Erleuchters, der heiligen Apostel, der Propheten, der als „göttlich“ betitelten Heiligen, der Märtyrer, der Patriarchen, der Einsiedler, der Jungfrauen und aller deiner Heiligen im Himmel und auf Erden. Und dir, o unteilbare Heilige Dreifaltigkeit, sei Herrlichkeit und Ehre immer und ewig. Amen. «

Im heiligen Etschmiadsin, am 26. Juni 2016

Unzerzeichnet von

Seine Heiligkeit Franziskus
Seine Heiligkeit Karekin II.

 

(rv 26.06.2016 ord)

„Der Papst hat den Völkermord beim Namen genannt“

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Kloster Tatew, Armenien / Wikimedia Commons – Alexander Naumov, CC BY 3.0

Armenien freut sich auf Besuch von Franziskus

Papst Franziskus wird von 24. bis 26. Juni nach Armenien reisen. Die Vorfreude in der Kaukasusrepublik ist groß – nicht nur bei der katholischen Minderheit des Landes. Der für Osteuropa zuständige armenisch-katholische Erzbischof Raphael Minassian erklärte gegenüber „Kirche in Not“: „Wir Armenier, egal ob katholisch oder orthodox, lieben den Papst. Denn er hat den Völkermord an unserem Volk deutlich beim Namen genannt und als ersten Genozid im 20. Jahrhundert anerkannt. Das werden wir ihm nie vergessen.“

Hundert Jahre lang hätten sich die Armenier vergeblich um die Anerkennung ihres Leids bemüht, so der Erzbischof. „Wir haben von Staaten und Politikern leere Versprechungen bekommen und wurden zum Spielball der Interessen. Der Papst aber ist kein Politiker. Ihm geht es um die Wahrheit.“ Es sei deshalb auch Franziskus zu verdanken, dass der Genozid an den Armeniern wieder in das Bewusstsein der Weltöffentlichkeit getreten sei.

Die meisten Armenier gehören der orthodoxen armenisch-apostolischen Kirche an. Aus ihr entstand die armenisch-katholische Kirche, die in Einheit mit Rom steht. Sie zählt rund 600.000 Mitglieder. In Armenien gibt es rund 40 katholische Pfarreien. Das Miteinander von Katholiken und Orthodoxen sei ausgezeichnet, betonte Minassian. „Ich bin seit sechs Jahren Bischof. Ich hatte in dieser Zeit nicht einen Augenblick das Gefühl der Trennung.“ Die Gemeinsamkeiten würden überwiegen, zum Beispiel hinsichtlich der Liturgie und der Feier der Sakramente. „Die Armenier fühlen sich ohnehin als ein Volk und eine Kirche“, sagte der Erzbischof. Der Patriarch der armenisch-apostolischen Kirche habe ihm seine volle Unterstützung beim Papstbesuch zugesagt.

Das Interesse der Armenier an der Begegnung mit Franziskus sei enorm. „Wir haben schon jetzt viel mehr Anmeldungen für die heilige Messe mit dem Papst, als für den Platz Menschen zugelassen sind. Wir rechnen mit 50 000 Teilnehmern.“ Die Armenier seien ein sehr religiöses Volk, sagte Minassian. „Wir haben hier keinen Säkularismus. Obwohl wir nur wenige Katholiken sind, unterhalten wir viele karitative Projekte für arme, alte und behinderte Menschen. Das könnten wir ohne unsere Wohltäter wie ,Kirche in Not‘ nicht machen.“

Er sei davon überzeugt, dass von dieser Hilfe viel an geistlicher Kraft zurückkomme. Trotz seiner Randlage spiele Armenien eine wichtige Rolle für die Christenheit, so der Erzbischof. „Armenien hat als erstes Land der Erde das Christentum angenommen und ist bis heute dem Glauben treu. Wir haben der Christenheit Millionen von Märtyrern geschenkt. Wir geben ein Christuszeugnis für die ganze Welt.“

Das weltweite katholische Hilfswerk „Kirche in Not“ unterstützt die Christen Armeniens in vielfacher Hinsicht, zum Beispiel bei der Ausbildung von Priestern. Wichtig sind auch Mess-Stipendien. Sie sichern das Überleben der Priester, die wenig bis gar keinen Lohn erhalten. Darüber hinaus fördert das Hilfswerk zum Beispiel Sommercamps für Kinder und Jugendliche, in denen neben der erlebten Gemeinschaft auch die Glaubensunterweisung im Mittelpunkt steht. „Kirche in Not“ unterstützt die katholische Minderheit jetzt auch bei der Vorbereitung und Durchführung des Papstbesuches.

Um weiter helfen zu können, bittet „Kirche in Not“ um Spenden – online unter www.spendenhut.de oder an:

Spendenkonto:
Empfänger: KIRCHE IN NOT
LIGA Bank München
IBAN: DE63 7509 0300 0002 1520 02
BIC: GENODEF1M05

Verwendungszweck: Armenien

(Quelle: Pressemitteilung KiN)

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Quelle

Papst Franziskus will „Völkermord“-Opfer seligsprechen

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In einem syrischen Kloster

Papst Franziskus will ein Opfer der türkischen Christen- und Armenierverfolgung während des Ersten Weltkriegs seligsprechen. Er bestätigte am Samstag im Vatikan das Martyrium des syrisch-katholischen Bischofs Flavian Michele Melki (1858-1915). Dieser war am 29. August 1915 im Zuge der Ausschreitungen, die der Papst unlängst als „Völkermord“ eingestuft hat, in seiner Bischofsstadt Djezireh „aus Hass auf den Glauben“ getötet worden. Djezireh liegt in der heutigen Türkei.

Der künftige Selige gehörte zur Gemeinschaft von St. Ephrem; er war 1858 in Kalaat Mara, ebenfalls in der heutigen Türkei, geboren worden. „Er hat eine fundamentale Rolle gespielt beim Ermutigen der Menschen, trotz aller Schwierigkeiten der damaligen Epoche, während der Verfolgungen im Osmanischen Reich, ihren Glauben zu leben“, sagt der Postulator im Seligsprechungsverfahren, Pater Rami al-Kabalan. „Bischof Melki lebte selbst in extremer Armut; er verkaufte sogar seine Messgewänder, um den Armen zu helfen, und er war unermüdlich in den Pfarreien unterwegs. Es gibt da einen Satz von ihm, der mich immer sehr bewegt: Als sie versuchten, ihn zwangsweise zum Islam zu bekehren, hat er einfach geantwortet ‚Ich verteidige meinen Glauben bis aufs Blut!’.

Ein genaues Datum für die Seligsprechung des Bischofs steht noch nicht fest. Fest steht allerdings, dass sie noch in einiger zeitlicher Nähe zum Gedenken an den Völkermord vor hundert Jahren liegen wird. „Hundert Jahre nach diesen Ereignissen erleben wir Christen des Nahen Ostens jetzt fast dieselben Verfolgungen, wenn auch unter anderen Vorzeichen… Darum gibt uns dieser Märtyrer Mut, unseren Glauben zu leben und zu verteidigen. Wir sollten keine Angst haben, auch wenn unsere Lage im Irak, in Syrien und anderswo in Nahost sehr schwierig geworden ist. Ich glaube persönlich, dass die Seligsprechung wirklich eine sehr starke kirchliche Bedeutung bekommen wird im heutigen Kontext: Die Figur des Märtyrers ist nicht überholt, sie bleibt in der Kirche und im Gedenken der Gläubigen, wir alle sind, auf verschiedene Weise, zum Martyrium gerufen.“

Der syrisch-katholische Geistliche legt noch einmal nach: „Unsere Kirche ist die kleinste von denen, die mit dem Nachfolger Petri verbunden sind. Wir wurden im Irak angegriffen und in Mossul ausgelöscht; in Aleppo, jetzt in Karyatain, im Bistum Homs sind wir unter Druck – wir sind wirklich die am stärksten verwundete Kirche, wir werden überall verfolgt…“

(rv 09.08.2015 sk)

ARMENIEN: HEILIGSPRECHUNG VON VÖLKERMORD-OPFERN

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Völkermord-Gedenken: Heiligsprechung in Armenien – AFP

In einer ergreifenden Zeremonie wurden amDonnerstagnachmittag inEtschmiadzin, dem Sitz des armenisch-apostolischen Katholikos-PatriarchenKarekin II., die Opfer des Völkermords vor 100 Jahren kollektiv heiliggesprochen. Die Feier – die erste Heiligsprechung in der armenisch-apostolischen Kirche seit 500 Jahren – fand am Vorabend des 24. April statt, der den 100. Jahrestag des Beginns des Völkermords durch eine großangelegteVerhaftungsaktion der osmanischen Geheimpolizei unter armenischen Politikern, Journalisten, Geistlichen, Industriellen, Ärzten, Wissenschaftlern, Künstlern in Konstantinopel markiert.

Der Heiligsprechungsgottesdienst fand im Freien statt. An dem Gottesdienst nahmen die armenischen Bischöfe aus aller Welt sowie zehntausende Pilger – darunter viele ökumenische Gäste – teil. DieHeiligsprechungsfeier dauerte mehr als zwei Stunden. Um 19.15 Uhr Ortszeit ertönten, in Anlehnung an die Jahreszahl 1915, die Glocken inEtschmiadzin sowie in allen armenischen Kirchen weltweit zum Gedenken an den Völkermord. Kirchen anderer Konfessionen – darunter dieErlöserkathedrale in Moskau, der Notre-Dame-Kathedrale in Paris und der St.Patrick’sCathedral in New York – schlossen sich an. Es folgte ein Moment der Stille, bevor danndas VaterUnser gebetet wurde.Die armenische Kirche selbst beziffert die Zahl der neuen Heiligen nicht, wobei Historiker von bis zu 1,5 Millionen Opfern ausgehen. Kanonisiert würden alle Opfer, „die für ihren Glauben und ihre christliche Identität ihr Leben ließen“, sagte der für die ökumenischen Beziehungen der Kirche zuständige BischofHovakimManukyan am Mittwoch im Gespräch mit der deutschen katholischen NachrichtenagenturKNA. Es gebe auch Heilige unter denen, die den Völkermord überlebt hätten, wenn sie wegen ihres christlichen Glaubens verfolgt wurden. Viele Armenier seien damals gezwungen worden, zum Islam zu konvertieren, besonders junge Mädchen, so der Bischof. In den letzten Jahren gibt es in der Türkei eine breite Bewegung, in deren Rahmen sich viele Menschen zum armenischen Erbe ihrer Vorfahren bekennen und zur christlichen Kirchen zurückkehren.

Weltweite Vertreter und Lanzen-Reliquie

An dem Heiligsprechungsgottesdienst nahmen zahlreiche kirchliche und staatliche Delegationen aus aller Welt teil. Nach Angaben des Leiters des offiziellen Koordinationskomitees für das 100-Jahr-Gedenken des Völkermords, Vigen Sarkissian, hatten sich kirchliche und staatliche Delegationen aus 60 Ländern in Armenien eingefunden. Bei dem Heiligsprechungsgottesdienst in Etschmiadzin waren u.a. Kardinal Kurt Koch, Präsident des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen, der koptisch-orthodoxe Papst-Patriarch Tawadros II., der syrisch-orthodoxe Patriarch Mar Ignatius Aphrem II. und der maronitische Patriarch, Kardinal Bechara Boutros Rai, anwesend. Die Delegation der russisch-orthodoxen Kirche wurde vom Metropoliten von St. Petersburg (und Kanzler des Moskauer Patriarchats), Warsonofij (Sudakow), geleitet.

In das liturgische Geschehen in Etschmiadzin waren die kostbarsten Reliquien der armenischen Kirche integriert: die Spitze der Heiligen Lanze („Geghard“), mit der Christus am Kreuz durchbohrt wurde (diese Reliquie wurde nach der Tradition im 1. Jahrhundert vom Apostel Thaddäus nach Armenien gebracht), die rechte Hand des Heiligen Gregors des Erleuchters, die rechte Hand des Heiligen Stephanus, des Erstmärtyrers der Christenheit, die rechte Hand der Heiligen Hripsime, aber auch das im Jahr 1256 von Toros Roslin, dem bedeutendsten armenischen Bibelillustrator des Mittelalters, geschriebene „Evangeliar von Zeytun“.

Bereits am Vorabend der Heiligsprechung hatte Karekin II. in der Kathedrale von Etschmiadzin am Mittwochabend eine feierliche Vigil zelebriert. Zuvor war vom Katholikos-Patriarchen aller Armenier der Grundstein für die Gedächtniskirche der Völkermord-Opfer gesegnet worden. Die Gedächtniskirche wird im Bereich des „Komitas-Pantheons“ errichtet, das dem Gedächtnis der „großen Gestalten Armeniens“ gewidmet ist. Der in Russland ansässige armenische Industrielle Samuel Karapetyan finanziert den Bau der Gedächtniskirche. Bei der Grundsteinlegung waren u.a. auch der armenische Präsident Serge Sarkissian und der Bürgermeister von Jerewan, Taron Margaryan, anwesend. Katholikos-Patriarch Karekin II. sagte, die neue Gedächtniskirche werde ein „Zeugnis der kulturellen und spirituellen Einheit der armenischen Nation“ sein.

Kirchen vereint gegen Völkermord

Zum Abschluss des „Globalen Forums gegen das Verbrechen des Völkermords“ hatten die Repräsentanten von 35 christlichen Kirchen aus aller Welt, unter ihnen auch der Wiener syrisch-orthodoxe Chorbischof Emanuel Aydin, am Mittwoch in Jerewan eine Sieben-Punkte-Erklärung unter dem Titel „Kirchen gegen Völkermord – Das menschliche Leben ist ein Geschenk Gottes“ verabschiedet.

In der Erklärung wird u.a. betont, dass „Gewalt und Mord auf der Basis von nationaler, religiöser, rassischer Diskriminierung“ niemals irgendeine Rechtfertigung  haben können. Jeder Völkermord sei als „Manifestation des Bösen und der Sünde gegen die Menschlichkeit“ schärfstens zu verurteilen. Insbesondere sei die „ethnische und religiöse Gewalt“ im Nahen Osten zu verurteilen, die „schreckliche menschliche Verluste und die nicht wieder gut zu machende Zerstörung des spirituellen und kulturellen Erbes“ bewirkt hat. Um ähnliche Verbrechen in Zukunft zu vermeiden, sei es von größter Bedeutung, die Genozid-Verbrechen anzuerkennen und zu verurteilen, ihre Leugnung zurückzuweisen und das Streben nach Wiedergutmachung zu unterstützen.

Gedenken an heutige Märtyrer

Patriarch Tawadros II. hatte das Treffen der kirchlichen Repräsentanten beim „Globalen Forum gegen das Verbrechen des Völkermords“ mit dem Gedenken an die koptischen und äthiopischen Arbeitsmigranten eröffnet, die im zerfallenen Staat Libyen den Mordorgien der IS-Terroristen zum Opfer gefallen sind.

Katholikos-Patriarch Karekin II. erinnerte im Anschluss daran, dass tausende armenische Kirchen, Klöster und Heiligtümer im Zug des Genozids in Anatolien und Westarmenien zerstört wurden, „in einem Versuch, alle Spuren der Verfolgten und ihrer Kultur, zu vernichten“. Heute sei es notwendig, auch im Hinblick auf den Genozid die Elemente des Bußsakraments – Gewissenserforschung, Reue, guter Vorsatz, Bekenntnis, Sühne – anzuwenden, um in Zukunft eine Wiederholung von solch schrecklichen Verbrechen zu vermeiden.

Der syrisch-orthodoxe Patriarch Mar Ignatius Aphrem II. ersuchte am Mittwoch die Teilnehmer, im stillen Gedenken um die Rückkehr der beiden vor genau zwei Jahren entführten Aleppiner Metropoliten Mar Gregorios Youhanna Ibrahim und Boulos Yazigi zu beten. Die Christen der syrischen Tradition seien ebenso wie die Armenier den absurden Plänen der Jungtürken zum Opfer gefallen, betonte Mar Ignatius Aphrem II. In den Plänen der Jungtürken und in der Entführung der beiden Erzbischöfe von Aleppo ebenso wie in den Mordorgien gegen die koptischen und äthiopischen Arbeitsmigranten in Libyen zeige sich der Wille, „Menschen nur deshalb zu töten, weil sie mutige Christen sind“.

(kap 23.04.2015 pr) – Quelle