Papst Benedikt XVI.: Predigt für die NEUEVANGELISIERUNG – 16.10.2011

 EUCHARISTIEFEIER
FÜR DIE NEUEVANGELISIERUNG

PREDIGT VON PAPST BENEDIKT XVI.

Petersdom
Sonntag, 16. Oktober 2011

 

Verehrte Mitbrüder, liebe Brüder und Schwestern!

Voll Freude feiere ich heute die heilige Messe für euch, die ihr in vielen Teilen der Welt an den Grenzen der Neuevangelisierung im Einsatz seid. Diese Liturgiefeier bildet den Abschluß der Begegnung, die euch gestern dazu gerufen hat, euch mit den verschiedenen Bereichen dieser Mission auseinanderzusetzen und einige wichtige Zeugnisse zu hören. Ich selbst habe euch einige Gedanken vorlegen wollen, während ich heute für euch das Brot des Wortes und der Eucharistie breche, in der – von uns allen geteilten – Gewißheit, daß wir ohne Christus, Wort und Brot des Lebens, nichts vollbringen können (vgl. Joh 15,5). Es freut mich, daß diese Tagung im Monat Oktober stattfindet, genau eine Woche vor dem Weltmissionssonntag: dies ruft die rechte universale Dimension der Neuevangelisierung in Erinnerung, im Gleichklang mit der Dimension der Mission »ad gentes«. Einen herzlichen Gruß richte ich an euch alle, die ihr der Einladung des Päpstlichen Rates zur Förderung der Neuevangelisierung gefolgt seid. Mein besonderer Gruß und Dank geht an den Präsidenten dieses vor kurzem eingerichteten Dikasteriums, Erzbischof Salvatore Fisichella, und an seine Mitarbeiter.

Kommen wir nun zu den biblischen Lesungen, in denen der Herr heute zu uns spricht. Die erste Lesung aus dem Deuterojesaja sagt uns, daß Gott einer und der Einzige ist; neben dem Herrn gibt es keine anderen Götter, und auch der mächtige Kyrus, König der Perser, ist Teil eines größeren Planes, den allein Gott kennt und voranbringt. Diese Lesung zeigt uns den theologischen Sinn der Geschichte auf: die epochalen Umwälzungen, die Aufeinanderfolge großer Mächte stehen unter der höchsten Herrschaft Gottes; keine irdische Macht kann an seine Stelle treten. Die Theologie der Geschichte ist ein wichtiger, wesentlicher Aspekt der Neuevangelisierung, da die Menschen von heute nach der verheerenden Zeit der totalitären Regime des 20. Jahrhunderts das Bedürfnis haben, wieder einen ganzheitlichen Blick auf die Welt und die Zeit zu finden, einen wahrhaft freien, friedlichen Blick, jenen Blick, den das Zweite Vatikanische Konzil in seinen Dokumenten vermittelt hat und den meine Vorgänger, der Diener Gottes Paul VI.und der sel. Johannes Paul II., durch ihr Lehramt darlegten.

Die zweite Lesung ist der Beginn des Ersten Briefs an die Thessalonicher, und bereits dies ist sehr eindrucksvoll, da es sich um den ältesten uns überlieferten Brief des größten Verkünders des Evangeliums aller Zeiten handelt, des Apostels Paulus. Er sagt uns vor allem, daß man nicht allein evangelisiert: auch er hatte nämlich Silvanus und Timotheus (vgl. 1 Thess 1,1) und viele andere als Mitarbeiter. Und sofort fügt er noch etwas sehr Wichtiges hinzu: der Verkündigung muß immer das Gebet vorangehen, es muß sie begleiten und ihr folgen. Er schreibt dazu: »Wir danken Gott für euch alle, sooft wir in unseren Gebeten an euch denken« (V. 2). Der Apostel erklärt dann, daß er sich der Tatsache wohl bewußt ist, daß nicht er die Mitglieder der Gemeinde erwählt hat, sondern Gott: »Wir wissen, von Gott geliebte Brüder, daß ihr erwählt seid«, sagt er (V.4). Jeder Missionar des Evangeliums muß sich stets diese Wahrheit vor Augen halten: Es ist der Herr, der mit seinem Wort und mit seinem Geist die Herzen anrührt und die Menschen zum Glauben und zur Gemeinschaft in der Kirche beruft. Schließlich hinterläßt uns Paulus eine sehr kostbare Lehre, die seiner Erfahrung entspringt. Er schreibt: »Denn wir haben euch das Evangelium nicht nur mit Worten verkündet, sondern auch mit Macht und mit dem Heiligen Geist und mit voller Gewißheit« (V. 5). Um wirksam zu sein, bedarf die Evangelisierung der Kraft des Heiligen Geistes, der die Verkündigung beseelt und in den, der verkündet, jene »volle Gewißheit« ausgießt, von der der Apostel spricht. Dieser Begriff »Gewißheit«, »volle Gewißheit« lautet im griechischen Original »plerophoría«: ein Wort, das nicht so sehr den subjektiven, psychologischen Aspekt zum Ausdruck bringt als vielmehr die Fülle, die Treue, die Vollendung – in diesem Fall der Verkündigung Christi. Eine Verkündigung, die – um vollkommen und treu zu sein – wie in der Verkündigung Jesu von Zeichen, von Gesten begleitet sein muß. Wort, Geist und eine so verstandene Gewißheit sind also untrennbar miteinander verbunden und tragen gemeinsam dazu bei, daß sich die Botschaft des Evangeliums wirkungsvoll verbreitet.

Verweilen wir nun einen Moment beim Abschnitt aus dem Evangelium. Es handelt sich um den Text über die Rechtmäßigkeit der an den Kaiser zu entrichtenden Steuern, der die berühmte Antwort Jesu enthält: »Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!« (Mt 22,21). Doch bevor man zu diesem Punkt gelangt, ist da ein Abschnitt, der auf all jene bezogen werden kann, die den Auftrag zur Evangelisierung haben. Denn die Gesprächspartner Jesu – die Anhänger der Pharisäer und des Herodes – wenden sich mit Worten der Wertschätzung an ihn und sagen: »Wir wissen, daß du immer die Wahrheit sagst und wirklich den Weg Gottes lehrst, ohne auf jemand Rücksicht zu nehmen« (V. 16). Obwohl es zu dieser Aussage aus Heuchelei kommt, muß gerade sie unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Die Anhänger der Pharisäer und des Herodes glauben nicht an das, was sie sagen. Sie sagen es nur, als eine »captatio benevolentiae«, um Gehör zu finden, doch ihr Herz ist weit weg von dieser Wahrheit; im Gegenteil, sie wollen Jesus eine Falle stellen, um ihn anklagen zu können. Für uns dagegen ist jener Ausdruck kostbar und wahr: tatsächlich sagt Jesus immer die Wahrheit und lehrt wirklich den Weg Gottes, ohne auf jemand Rücksicht zu nehmen. Er selbst ist dieser »Weg Gottes«, den zu beschreiten wir berufen sind. Wir können die Worte Jesu im Johannesevangelium in Erinnerung rufen: »Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben« (14,6). Hierzu ist der Kommentar des hl. Augustinus erhellend: »Es war aber nötig zu sagen: ›Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben‹, da doch nach der Erkenntnis des Weges, auf dem er geht, nur noch zu wissen übrig blieb, wohin er geht. Der Weg ging zur Wahrheit, er ging zum Leben … Und wohin gehen wir, wenn nicht zu ihm? Und welches ist der Weg, auf dem wir gehen, als eben er selbst?« (Tractatus in Iohannis Evangelium 69,2). Die Boten der Neuevangelisierung sind dazu berufen, als erste diesen Weg zu gehen, der Christus ist, um den anderen die Schönheit des Evangeliums, das Leben schenkt, bekannt zu machen. Und diesen Weg geht man nie allein, sondern in Begleitung: eine Erfahrung der Gemeinschaft und der Brüderlichkeit, die all jenen angeboten wird, denen wir begegnen, um sie an unserer Erfahrung Christi und seiner Kirche teilhaben zu lassen. So kann das mit der Verkündigung verbundene Zeugnis das Herz all derer öffnen, die auf der Suche nach der Wahrheit sind, damit sie zum Sinn ihres Lebens vordringen können.

Einige kurze Gedanken auch zur zentralen Frage der Steuern an den Kaiser. Jesus antwortet mit einem überraschenden politischen Realismus, der mit dem Theozentrismus der prophetischen Tradition in Verbindung steht. Die Steuern an den Kaiser müssen gezahlt werden, da das Bild auf der Geldmünze das seine ist; doch der Mensch, jeder Mensch, trägt in sich ein anderes Bild, das Bild Gottes, und daher ist er es, und zwar er allein, dem jeder sein Dasein schuldet. Wenn die Kirchenväter von der Tatsache ausgehen, daß sich Jesus auf das Bild des Kaisers bezieht, das in die Münze für die Steuern eingeprägt ist, haben sie diesen Abschnitt im Licht des Grundbegriffs der Gottebenbildlichkeit des Menschen gedeutet, der im ersten Kapitel des Buches Genesis enthalten ist. Ein namenloser Autor schreibt: »Das Bild Gottes ist nicht in Gold eingeprägt, sondern in das Menschengeschlecht. Die Münze des Kaisers ist Gold, die Münze Gottes ist die Menschheit … Gib daher deinen materiellen Reichtum dem Kaiser, doch behalte Gott die einzigartige Unschuld deines Gewissens vor, in dem Gott betrachtet wird … Der Kaiser nämlich hat sein Bild auf jeder Münze gefordert, doch Gott hat den Menschen gewählt, den er geschaffen hat, um seine Herrlichkeit widerzuspiegeln« (Unbekannter Autor, Unvollständige Werke zu Matthäus, Homilie 42).

Und der hl. Augustinus hat mehrmals diesen Bezug in seinen Predigten benutzt: »Wenn der Kaiser fordert, daß sein Bild auf die Münze geprägt wird«, so sagt er, »wird Gott nicht vom Menschen das in ihn eingeprägte göttliche Bild fordern?« (En. in PsPsalm 94,2). Und weiter: »Wie dem Kaiser die Münze erstattet wird, so erstattet man Gott die erleuchtete und vom Licht seines Antlitzes geprägte Seele … Christus nämlich wohnt im Inneren des Menschen« (ebd., Psalm 4,8).

Dieses Wort Jesu ist reich an anthropologischem Gehalt, und es darf nicht allein auf den politischen Bereich verkürzt werden. Daher beschränkt sich die Kirche nicht darauf, den Menschen die rechte Unterscheidung zwischen der Sphäre der Autorität des Kaisers und jener Gottes, zwischen dem politischen und dem religiösen Bereich in Erinnerung zu rufen. Die Sendung der Kirche besteht wie die Sendung Christi im Wesentlichen darin, von Gott zu sprechen, seiner Hoheit eingedenk zu sein, alle, vor allem die Christen, die ihre Identität verloren haben, an das Recht Gottes über das zu erinnern, was ihm gehört, das heißt unser Leben.

Um der Sendung der ganzen Kirche einen neuen Impuls zu geben, die Menschen aus der Wüste, in der sie sich oft befinden, hin zum Ort des Lebens zu führen, zur Freundschaft mit Christus, der uns das Leben in Fülle schenkt, möchte ich in dieser Eucharistiefeier meinen Entschluß ankündigen, ein »Jahr des Glaubens« auszurufen, das ich in einem eigens verfaßten Apostolischen Schreiben erläutern werde. Dieses »Jahr des Glaubens« wird am 11. Oktober 2012, dem 50. Jahrestag der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils, beginnen und am 24. November, dem Hochfest Christkönig, seinen Abschluß finden. Es wird dies ein Moment der Gnade und des Einsatzes für eine immer vollständigere Umkehr zu Gott sein, um unseren Glauben an ihn zu stärken und ihn mit Freude dem Menschen unserer Zeit zu verkünden.

Liebe Brüder und Schwestern, ihr seid unter den Protagonisten der Neuevangelisierung, die die Kirche unternommen hat und weiter führt, nicht ohne Schwierigkeiten, doch mit derselben Begeisterung der ersten Christen. Abschließend mache ich mir die Worte des Apostels zueigen, die wir gehört haben: Ich danke Gott für euch alle, und ich versichere euch, daß ich euch in meinen Gebeten trage, eingedenk eures Einsatzes für den Glauben, eurer Opferbereitschaft in der Liebe und eurer standhaften Hoffnung auf Jesus Christus, unseren Herrn. Die Jungfrau Maria, die keine Angst hatte, »Ja« zum Wort des Herrn zu sagen, sei stets euer Vorbild und eure Führung. Lernt von der Mutter des Herrn und unserer Mutter, demütig und gleichzeitig mutig zu sein; einfach und klug; mild und stark, nicht mit der Kraft der Welt, sondern mit jener der Wahrheit. Amen.

_______

Quelle

Siehe dazu:

Kolumbusritter: Carl Anderson überreicht dem Papst die Spendenaktion 2016

0000-or

Papst Franziskus & Carl Anderson, 16. Februar 2017 / © PHOTO.VA – OSSERVATORE ROMANO

US-amerikanische Laienorganisation
sammelte 1,6 Millionen Dollar zugunsten des Heiligen Stuhls

Der ‪„Oberste Ritter“ oder Haupt der US-amerikanischen katholischen Laienorganisation „Knights of Columbus“ hat Papst Franziskus am Donnerstag, dem 16. Februar, im Laufe einer Privataudienz im Vatikan den Ertrag der jährlichen Spendenaktion zugunsten des Heiligen Stuhls überreicht.

Wie die Internetseite der Kolumbusritter meldet, hat die Kollekte 2016 für das „Vicarius Christi Fund“ 1,6 Millionen Dollar (rund 1,5 Millionen Euro) eingebracht. Seit seiner Errichtung im Jahr 1981 sind für das Fonds für die persönlichen karitativen Initiativen des Heiligen Vaters insgesamt bereits 57 Millionen Dollar eingesammelt worden.

Im Laufe der Audienz besprach Carl Anderson mit dem Papst auch verschiedene Hilfsprojekte der Laienorganisation, insbesondere jene zugunsten der verfolgten Christen im Nahen Osten.

Aus Anlaß des von Papst Benedikt XVI. ausgerufenen und von Papst Franziskus am 24. November 2013 abgeschlossenen Jahres des Glaubens spendeten die Kolumbusritter auch die Restaurierung des Gnadenbildes der ‪„‪Madonna del Soccorso“ in der vatikanischen Basilika.

Es war, wie die Internetseite betont, die erste Restaurierung dieser Art im aktuellen Pontifikat. Während der Audienz am Donnerstag blätterte Franziskus mit Carl Anderson ein ihm gewidmetes Kunstbuch über die Restaurationsarbeiten durch.

Die Kolumbusritter ist die größte männliche Laienorganisation in den Vereinigten Staaten und in der Welt. Die 1882 von einem Priester irischer Abstammung, Michael J. McGivney, gegründete Organisation zählt heute über 1,7 Millionen Mitglieder. Die diözesane Phase seines Seligsprechungsverfahrens wurde 1997 geöffnet.

[Übersetzt von Paul De Maeyer]

_______

Quelle

PAPST FRANZISKUS: JAHR DES GLAUBENS: DIE AUFERSTEHUNG JESU

Papa Francesco durante l'udienza generale del mercoledi' in Piazza San Pietro, Citta' del Vaticano, 3 aprile 2013. Pope Francis speaks during his weekly general audience in St. Peter's square at the Vatican, 3 April 2013. UPDATE IMAGES PRESS/Riccardo De Luca STRICTLY ONLY FOR EDITORIAL USE

Papst Franziskus während der Generalaudienz am Mittwoch, 3. April 2013

GENERALAUDIENZ

Petersplatz
Mittwoch, 3. April 2013

 

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Heute nehmen wir die Katechesen zum Jahr des Glaubens wieder auf. Im Glaubensbekenntnis sagen wir immer wieder dieses Wort: Er »ist am dritten Tage auferstanden nach der Schrift«. Eben dieses Ereignis feiern wir: die Auferstehung Jesu, das Zentrum der christlichen Botschaft, die von Anfang an zu hören war und weitergegeben wurde, um bis zu uns zu gelangen. Der hl. Paulus schreibt an die Christen von Korinth: »Vor allem habe ich euch überliefert, was auch ich empfangen habe: Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift, und ist begraben worden. Er ist am dritten Tag auferweckt worden, gemäß der Schrift, und erschien dem Kephas, dann den Zwölf« (1 Kor 15,3–5).

Dieses kurze Glaubensbekenntnis verkündigt das Ostergeheimnis, mit den ersten Erscheinungen des Auferstandenen vor Petrus und dann vor den Zwölf: Der Tod und die Auferstehung Jesu sind der Kern unserer Hoffnung. Ohne diesen Glauben an den Tod und die Auferstehung Jesu wäre unsere Hoffnung schwach, wäre sie nicht einmal Hoffnung, und gerade der Tod und die Auferstehung Jesu sind der Kern unserer Hoffnung. Der Apostel sagt: »Wenn aber Christus nicht auferweckt worden ist, dann ist euer Glaube nutzlos und ihr seid immer noch in euren Sünden« (V. 17).

Leider hat man oft versucht, den Glauben an die Auferstehung Jesu zu verdunkeln, und auch bei den Gläubigen selbst haben sich Zweifel eingeschlichen. Ein bisschen »Rosenwasser«-Glaube, wie wir sagen, ein verwässerter Glaube: Das ist kein starker Glaube. Und das aus Oberflächlichkeit, manchmal aus Gleichgültigkeit, beschäftigt mit tausend Dingen, die man für wichtiger hält als den Glauben, oder aus einer nur horizontalen Sichtweise des Lebens heraus.

Aber gerade die Auferstehung öffnet uns auf die größere Hoffnung hin, weil sie unser Leben und das Leben der Welt auf die ewige Zukunft Gottes hin öffnet, auf die vollkommene Glückseligkeit, auf die Gewissheit, dass das Böse, die Sünde, der Tod überwunden werden können. Und das führt dazu, die täglichen Wirklichkeiten mit mehr Vertrauen zu leben, ihnen mit Mut und Einsatz zu begegnen. Die Auferstehung Christi erleuchtet diese täglichen Wirklichkeiten mit einem neuen Licht. Die Auferstehung Christi ist unsere Kraft!

Aber wie ist uns die Glaubenswahrheit der Auferstehung Christi weitergegeben worden? Im Neuen Testament gibt es zwei Arten von Zeugnissen: einige in der Form eines Glaubensbekenntnisses, also kurze Formeln, die auf den Kern des Glaubens verweisen; andere wiederum haben die Form eines Berichts über das Ereignis der Auferstehung und der damit verbundenen Tatsachen. Die erste, die Form des Glaubensbekenntnisses, ist zum Beispiel die, die wir gerade vernommen haben, oder die im Brief an die Römer, wo der hl. Paulus schreibt: »Wenn du mit deinem Mund bekennst: ›Jesus ist der Herr‹ und in deinem Herzen glaubst: ›Gott hat ihn von den Toten auferweckt‹, so wirst du gerettet werden« (10,9).

Von den ersten Schritten der Kirche an ist der Glaube an das Geheimnis von Tod und Auferstehung Jesu felsenfest und ganz deutlich. Heute möchte ich jedoch bei der zweiten Form verweilen, die wir in den Evangelien finden, beim Zeugnis in Form eines Berichts. Vor allem sehen wir, dass die ersten Zeuginnen dieses Ereignisses die Frauen waren. Als eben die Sonne aufgeht, kommen sie zum Grab, um den Leib Jesu zu salben, und finden das erste Zeichen: das leere Grab (vgl. Mk 16,1). Dann folgt die Begegnung mit einem Boten Gottes, der verkündigt: Jesus von Nazaret, der Gekreuzigte, ist nicht hier; er ist auferstanden (vgl. V. 5–6). Die Frauen sind von der Liebe getrieben und können diese Verkündigung mit Freude annehmen: Sie glauben und geben es sofort weiter. Sie behalten es nicht für sich, sie geben es weiter. Die Freude zu wissen, dass Jesus lebt, die Hoffnung, die das Herz erfüllt, lässt sich nicht im Zaum halten. Das sollte auch in unserem Leben geschehen. Wir müssen die Freude spüren, Christen zu sein! Wir glauben an einen Auferstandenen, der das Böse und den Tod überwunden hat! Wir müssen den Mut haben »hinauszugehen«, um diese Freude und dieses Licht an alle Orte unseres Lebens zu bringen! Die Auferstehung Christi ist unsere größte Gewissheit; sie ist der kostbarste Schatz! Wie sollten wir diesen Schatz, diese Gewissheit nicht mit den anderen teilen? Sie ist nicht nur für uns da, sie ist da, um weitergegeben zu werden, um sie den anderen zu schenken, um sie mit den anderen zu teilen. Gerade das ist unser Zeugnis.

Ein weiteres Element: In den Glaubensbekenntnissen des Neuen Testaments werden als Zeugen der Auferstehung nur Männer erwähnt, die Apostel, aber nicht die Frauen. Das liegt daran, dass nach dem jüdischen Gesetz jener Zeit Frauen und Kinder kein verlässliches, glaubwürdiges Zeugnis geben konnten. In den Evangelien dagegen haben die Frauen eine erstrangige, grundlegende Rolle. Hier können wir ein Element erblicken, das für die Geschichtlichkeit der Auferstehung spricht: Wenn sie eine erfundene Tatsache wäre, dann wäre sie im Kontext jener Zeit nicht mit dem Zeugnis von Frauen verbunden worden. Die Evangelisten berichten jedoch einfach das, was geschehen ist: Die Frauen sind die ersten Zeuginnen. Das heißt, dass Gott nicht nach menschlichen Maßstäben auserwählt: Die ersten Zeugen der Geburt Jesu sind die Hirten, einfache und bescheidene Menschen; die ersten Zeuginnen der Auferstehung sind die Frauen.

Und das ist schön. Und das ist ein bisschen die Sendung der Frauen: der Mütter, der Frauen! Den Kindern, den Enkeln Zeugnis geben, dass Jesus lebt, dass er der Lebendige ist, dass er auferstanden ist! Mütter und Frauen, gebt weiter dieses Zeugnis! Für Gott zählt das Herz, es zählt, wie offen wir für ihn sind, ob wir wie Kinder sind, die Vertrauen haben. Das bringt uns jedoch auch zum Nachdenken darüber, dass die Frauen in der Kirche und auf dem Glaubensweg eine besondere Rolle gehabt haben und auch heute haben, um dem Herrn die Türen zu öffnen, ihm nachzufolgen und sein Antlitz zu vermitteln, denn der Blick des Glaubens bedarf immer des schlichten und tiefen Blicks der Liebe. Die Apostel und die Jünger tun sich schwerer zu glauben. Die Frauen nicht. Petrus läuft zum Grab, bleibt aber beim leeren Grab stehen; Thomas muss mit seinen Händen die Wunden des Leibes Jesu berühren. Auch auf unserem Glaubensweg ist es wichtig zu wissen und zu spüren, dass Gott uns liebt, und keine Angst zu haben, ihn zu lieben: Den Glauben bekennt man mit Mund und Herz, mit Worten und mit Liebe.

Nach den Erscheinungen vor den Frauen folgen weitere. Jesus wird auf neue Weise gegenwärtig: Er ist der Gekreuzigte, aber sein Leib ist verherrlicht; er ist nicht zum irdischen Leben zurückgekehrt, sondern in einem neuen Zustand. Anfangs erkennen sie ihn nicht wieder, und nur durch seine Worte und seine Gesten werden die Augen geöffnet: Die Begegnung mit dem Auferstandenen verwandelt, gibt dem Glauben eine neue Kraft, eine unerschütterliche Grundlage. Auch für uns gibt es viele Zeichen, in denen der Auferstandene sich zu erkennen gibt: die Heilige Schrift, die Eucharistie, die anderen Sakramente, die Nächstenliebe, jene Gesten der Liebe, die einen Strahl des Auferstandenen bringen. Lassen wir uns erleuchten von der Auferstehung Christi, lassen wir uns von seiner Kraft verwandeln, damit auch durch uns in der Welt die Zeichen des Todes den Zeichen des Lebens weichen.

Ich habe gesehen, dass auf dem Platz viele junge Menschen sind. Da sind sie! Zu euch sage ich: Tragt diese Gewissheit voran: Der Herr lebt und geht an eurer Seite im Leben. Das ist eure Sendung! Tragt diese Hoffnung voran. Bleibt in dieser Hoffnung verankert: mit diesem Anker, der im Himmel ist. Haltet das Seil fest, bleibt in dieser Hoffnung verankert und tragt sie weiter. Ihr, die Zeugen Jesu, tragt das Zeugnis voran, dass Jesus lebt, und das wird uns Hoffnung schenken, es wird dieser Welt Hoffnung schenken, die ein bisschen gealtert ist durch die Kriege, durch das Böse, durch die Sünde. Voran, ihr jungen Menschen!

_______

Quelle

BENEDIKT XVI.: JAHR DES GLAUBENS — Die Jungfrau Maria: Bild des gehorsamen Glaubens

benedetto-xvi-1

GENERALAUDIENZ

Aula Paolo VI
Mittwoch, 19. Dezember 2012

Liebe Brüder und Schwestern!

Auf dem Weg des Advents nimmt die Jungfrau Maria einen besonderen Platz ein als jene, die auf einzigartige Weise die Erfüllung der Verheißungen Gottes erwartet und Jesus, den Sohn Gottes, im Glauben und in ihrem Leib angenommen hat, in völligem Gehorsam gegenüber dem göttlichen Willen. Heute möchte ich vom großen Geheimnis der Verkündigung her kurz mit euch über den Glauben Marias nachdenken.

»Chaîre kecharitomene, ho Kyrios meta sou«, »Freue dich, du Gnadenvolle. Der Herr ist mir dir« (Lk 1,28). Dies sind die Worte – vom Evangelisten Lukas wiedergegeben –, mit denen der Erzengel Gabriel sich an Maria wendet. Auf den ersten Blick scheint der Begriff »chaîre«, »freue dich«, ein normaler Gruß zu sein, der im griechischen Sprachraum üblich ist. Auf dem Hintergrund der biblischen Überlieferung erhält dieses Wort jedoch eine viel tiefere Bedeutung. Derselbe Begriff erscheint viermal im griechischen Text des Alten Testaments, und zwar immer als freudige Verkündigung der Ankunft des Messias (vgl. Zef 3,14; Joël 2,21; Sach 9,9; Klgl 4,21). Der Gruß des Engels an Maria ist also eine Einladung zur Freude, zu einer tiefen Freude. Er verkündet das Ende der Traurigkeit, die in der Welt ist angesichts der Begrenztheit des Lebens, angesichts des Leidens, des Todes, der Bosheit, der Finsternis des Bösen, die das Licht der göttlichen Güte zu verdunkeln scheint. Es ist ein Gruß, der den Beginn des Evangeliums, der Frohen Botschaft, anzeigt.

Warum aber wird Maria eingeladen, sich auf diese Weise zu freuen? Die Antwort findet sich in der zweiten Hälfte des Grußes: »Der Herr ist mit dir«. Auch hier müssen wir uns, um den Sinn des Gesagten richtig zu verstehen, dem Alten Testament zuwenden. Im Buch Zefanja finden wir dieses Wort: »Juble, Tochter Zion … Der König Israels, der Herr, ist in deiner Mitte … Der Herr, dein Gott, ist in deiner Mitte, ein Held, der Rettung bringt« (3,14–17). In diesen Worten liegt eine zweifache Verheißung, die an Israel, die Tochter Zion, ergeht: Gott wird als Retter kommen und in der Mitte seines Volkes Wohnung nehmen, im Schoß der Tochter Zion. Im Zwiegespräch zwischen dem Engel und Maria erfüllt sich genau diese Verheißung: Maria wird gleichgesetzt mit dem Volk, mit dem Gott den Bund geschlossen hat, sie ist wirklich die Tochter Zion in Person; in ihr erfüllt sich die Erwartung der endgültigen Ankunft Gottes, in ihr nimmt der lebendige Gott Wohnung.

Im Gruß des Engels wird Maria »Gnadenvolle« genannt; im Griechischen hat der Begriff »Gnade«, »charis«, dieselbe sprachliche Wurzel wie das Wort »Freude«. Auch in diesem Ausdruck wird die Quelle der Freude Marias noch besser erläutert: Die Freude kommt aus der Gnade, sie kommt also aus der Gemeinschaft mit Gott, aus der Tatsache, in so enger Verbindung mit ihm zu stehen, die Wohnung des Heiligen Geistes zu sein, völlig vom Wirken Gottes geprägt. Maria ist das Geschöpf, das auf einzigartige Weise ihrem Schöpfer die Tür weit geöffnet hat, sich ohne Einschränkung in seine Hände gegeben hat. Sie lebt ganz und gar »von« und »in« der Beziehung mit dem Herrn; sie ist in hörender Haltung, achtet darauf, die Zeichen Gottes auf dem Weg seines Volkes zu erfassen; sie ist eingebunden in eine Geschichte des Glaubens und der Hoffnung auf die Verheißungen Gottes, die das Gefüge ihres Daseins darstellt. Und sie unterwirft sich im Glaubensgehorsam freiwillig dem empfangenen Wort, dem göttlichen Willen. Der Evangelist Lukas erzählt die Geschichte Marias durch einen subtilen Parallelismus zur Geschichte Abrahams. Wie der große Erzvater der Vater der Glaubenden ist, der auf den Ruf Gottes geantwortet hat, das Land, in dem er lebte, seine Sicherheiten zu verlassen, um in ein unbekanntes Land aufzubrechen, dessen Besitz ihm von Gott verheißen ist, so vertraut sich Maria mit völligem Vertrauen dem Wort an, das ihr der Bote Gottes verkündigt, und wird zum Vorbild und zur Mutter aller Gläubigen.

Ich möchte einen weiteren wichtigen Aspekt hervorheben: Die Öffnung der Seele für Gott und sein Wirken im Glauben schließt auch das Element der Dunkelheit ein. Die Beziehung des Menschen zu Gott löscht die Entfernung zwischen Schöpfer und Geschöpf nicht aus, beseitigt nicht das, was der Apostel Paulus angesichts der Tiefe der Weisheit Gottes sagt: »Wie unergründlich sind seine Entscheidungen, wie unerforschlich seine Wege!« (Röm 11,33). Aber gerade wer – wie Maria – vollkommen offen ist für Gott, gelangt zur Annahme des göttlichen Willens, auch wenn er geheimnisvoll ist, auch wenn er oft nicht dem eigenen Willen entspricht und ein Schwert ist, das durch die Seele dringt, wie der alte Simeon auf prophetische Weise zu Maria sagen wird, als Jesus später im Tempel dargebracht wird (vgl. Lk 2,35). Zum Glaubensweg Abrahams gehört der Augenblick der Freude über das Geschenk seines Sohnes Isaak ebenso wie der Augenblick der Dunkelheit, als er auf den Berg Morija steigen muß, um eine paradoxe Geste zu vollbringen: Gott fordert ihn auf, den Sohn zu opfern, den er ihm gerade geschenkt hat. Auf dem Berg gebietet ihm der Engel: »Streck deine Hand nicht gegen den Knaben aus, und tu ihm nichts zuleide! Denn jetzt weiß ich, daß du Gott fürchtest; du hast mir deinen einzigen Sohn nicht vorenthalten « (Gen 22,12). Das volle Vertrauen Abrahams in einen Gott, der den Verheißungen treu ist, schwindet auch dann nicht, wenn sein Wort geheimnisvoll und schwierig, fast unmöglich anzunehmen ist. Ebenso ist es für Maria: Ihr Glaube lebt die Freude der Verkündigung, aber er geht auch durch die Dunkelheit der Kreuzigung ihres Sohnes, um zum Licht der Auferstehung gelangen zu können.

Auch für den Glaubensweg eines jeden von uns ist es nicht anders: Wir erleben Augenblicke des Lichts, aber wir erleben auch Zeiten, in denen Gott abwesend zu sein scheint, sein Schweigen auf unserem Herzen lastet und sein Wille nicht dem unseren entspricht – dem, was wir möchten. Aber je mehr wir uns Gott öffnen, das Geschenk des Glaubens annehmen, unser Vertrauen ganz auf ihn setzen – wie Abraham und wie Maria –, desto mehr befähigt er uns, mit seiner Gegenwart jede Situation des Lebens im Frieden und in der Gewißheit seiner Treue und seiner Liebe zu leben. Das bedeutet jedoch, aus sich selbst und aus den eigenen Plänen herauszugehen, damit das Wort Gottes das Licht sei, das unser Denken und unser Handeln leitet.

Ich möchte noch einen anderen Aspekt erwähnen, der in den Berichten des hl. Lukas über die Kindheit Jesu zum Vorschein kommt. Maria und Josef bringen ihren Sohn nach Jerusalem, zum Tempel, um ihn dem Herrn darzubringen und zu weihen, wie das Gesetz des Mose es vorschreibt: »Jede männliche Erstgeburt soll dem Herrn geweiht sein« (vgl. Lk 2,22–24). Diese Geste der Heiligen Familie bekommt einen noch tieferen Sinn, wenn wir sie im Licht der im Evangelium berichteten Episode des zwölfjährigen Jesus betrachten, der nach dreitägiger Suche im Tempel wiedergefunden wird, wo er mit den Schriftgelehrten diskutiert. Auf die sorgenvollen Worte von Maria und Josef: »Kind, wie konntest du uns das antun? Dein Vater und ich haben dich voll Angst gesucht«, erfolgt die geheimnisvolle Antwort Jesu: »Warum habt ihr mich gesucht? Wußtet ihr nicht, daß ich in dem sein muß, was meinem Vater gehört?« (Lk 2,48–49) – also im Eigentum des Vaters, im Haus des Vaters, wie ein Sohn. Maria muß den tiefen Glauben erneuern, mit dem sie bei der Verkündigung »ja« gesagt hat; sie muß akzeptieren, daß der eigentliche Vater Jesu den Vorrang hat, sie muß den Sohn loslassen können, den sie zur Welt gebracht hat, damit er seiner Sendung folgt. Und das »Ja« Marias zum Willen Gottes, im Glaubensgehorsam, wiederholt sich ihr ganzes Leben lang, bis hin zum schwierigsten Augenblick, dem des Kreuzes.

Angesichts all dessen können wir uns fragen: Wie konnte Maria diesen Weg an der Seite ihres Sohnes mit einem so festen Glauben leben, auch in der Dunkelheit, ohne das volle Vertrauen in das Wirken Gottes zu verlieren? Es gibt eine Grundhaltung, die Maria angesichts dessen, was in ihrem Leben geschieht, annimmt. Bei der Verkündigung erschrickt sie, als sie die Worte des Engels hört – es ist die Furcht, die der Mensch verspürt, wenn er von der Nähe Gottes berührt wird –, aber es ist nicht die Haltung dessen, der Angst vor dem hat, was Gott erbitten könnte. Maria denkt nach, sie überlegt, was dieser Gruß zu bedeuten habe (vgl. Lk 1,29). Der griechische Begriff, der im Evangelium gebraucht wird, um dieses »Nachdenken« zum Ausdruck zu bringen, »dielogizeto«, verweist auf die Wurzel des Wortes »Dialog«. Das bedeutet, daß Maria in einen vertrauten Dialog eintritt mit dem Wort Gottes, das ihr verkündigt wurde. Sie betrachtet es nicht oberflächlich, sondern sie verweilt dabei, läßt es in ihren Verstand und in ihr Herz eindringen, um zu verstehen, was der Herr von ihr will, den Sinn der Verkündigung. Einen weiteren Hinweis auf die innere Haltung Marias gegenüber dem Wirken Gottes finden wir – ebenfalls im Evangelium des hl. Lukas – bei der Geburt Jesu, nach der Anbetung der Hirten. Es heißt, Maria »bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach« (Lk 2,19). Der griechische Begriff ist »symballon«: Wir könnten sagen, daß sie all das, was ihr geschah, in ihrem Herzen »zusammenhielt«, »zusammenstellte «; sie stellte jedes einzelne Element, jedes Wort, jede Tatsache in das Ganze hinein und verarbeitete es, bewahrte es und erkannte, daß alles aus dem Willen Gottes kommt. Maria macht nicht halt bei einem oberflächlichen Verständnis dessen, was in ihrem Leben geschieht, sondern sie blickt in die Tiefe, läßt sich von den Ereignissen ansprechen, verarbeitet sie, erkennt sie und erlangt jenes Verständnis, das nur der Glaube gewährleisten kann. Es ist die tiefe Demut des gehorsamen Glaubens Marias, der auch das in sich aufnimmt, was sie am Wirken Gottes nicht versteht, indem sie zuläßt, daß Gott ihren Verstand und ihr Herz öffnet. »Selig ist die, die geglaubt hat, daß sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ« (Lk 1,45), ruft ihre Verwandte Elisabet aus. Eben aufgrund ihres Glaubens werden alle Geschlechter sie seligpreisen.

Liebe Freunde, das Hochfest der Geburt des Herrn, das wir in einigen Tagen feiern werden, lädt uns ein, dieselbe Demut und denselben Glaubensgehorsam zu leben. Die Herrlichkeit Gottes zeigt sich nicht im Triumph und in der Macht eines Königs, sie erstrahlt nicht in einer berühmten Stadt, in einem prächtigen Palast, sondern sie nimmt Wohnung im Schoß einer Jungfrau, sie offenbart sich in der Armut eines Kindes. Auch in unserem Leben wirkt die Allmacht Gottes mit der oft stillen Kraft der Wahrheit und der Liebe. Der Glaube sagt uns also, daß die wehrlose Macht jenes Kindes am Ende den Lärm der Mächte der Welt besiegt.

_______

Quelle

BENEDIKT XVI.: JAHR DES GLAUBENS: GOTTES HANDELN IN DER GESCHICHTE

cq5dam-web-1280-1280

GENERALAUDIENZ

Aula Paolo VI
Mittwoch, 12. Dezember 2012

 

Jahr des Glaubens. Gottes Handeln in der Geschichte

Liebe Brüder und Schwestern!

In der letzten Katechese habe ich über die Offenbarung Gottes gesprochen, als Mitteilung, die Gott von sich selbst und von seinem Plan der Güte und der Liebe macht. Diese Offenbarung Gottes ist in die Zeit und in die Geschichte der Menschen eingefügt: »Die Geschichte wird daher zu dem Ort, an dem wir Gottes Handeln für die Menschheit feststellen können. Er erreicht uns in dem, was für uns am vertrautesten und leicht zu überprüfen ist, weil es sich um unsere tägliche Umgebung handelt, ohne die wir uns nicht zu begreifen vermöchten« (Johannes Paul II., Enzyklika Fides et ratio, 12).

Wie wir gehört haben, gibt der heilige Evangelist Markus die Anfänge der Verkündigung Jesu in deutlichen und kurzen Worten wieder: »Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe« (Mk 1,15). Was die Geschichte der Welt und des Menschen erleuchtet und ihr Sinn und Fülle gibt, beginnt in der Grotte von Betlehem aufzustrahlen. Es ist das Geheimnis, das wir in Kürze an Weihnachten betrachten werden: das Heil, das in Jesus Christus verwirklicht wird. In Jesus von Nazaret offenbart Gott sein Antlitz und ruft den Menschen auf, ihn zu erkennen und ihm zu folgen. Die Selbstoffenbarung Gottes in der Geschichte, um in ein liebevolles Zwiegespräch mit dem Menschen einzutreten, schenkt dem ganzen menschlichen Weg einen neuen Sinn. Die Geschichte ist nicht einfach nur eine Abfolge von Jahrhunderten, von Jahren, von Tagen, sondern die Zeit einer Gegenwart, die ihr Bedeutung und Fülle verleiht und sie auf eine feste Hoffnung hin öffnet.

Wo können wir die Stufen dieser Offenbarung Gottes erkennen? Die Heilige Schrift ist der bevorzugte Ort, um die Ereignisse dieses Weges zu entdecken, und ich möchte – noch einmal – alle einladen, jetzt im Jahr des Glaubens öfter die Bibel zur Hand zu nehmen, um sie zu lesen und darüber nachzudenken, und den Lesungen in der Sonntagsmesse größere Aufmerksamkeit zu schenken; all das bietet unserem Glauben wertvolle Nahrung.

Wenn wir das Alte Testament lesen, können wir sehen, daß Gottes Eingreifen in die Geschichte des Volkes, das er sich erwählt hat und mit dem er einen Bund schließt, nicht etwas ist, das vorübergeht und in Vergessenheit gerät, sondern daß es zum »Gedächtnis« wird, in seiner Gesamtheit die »Heilsgeschichte« darstellt, die im Bewußtsein des Volkes Israel durch die Feier des Heilsgeschehens lebendig erhalten wird. So gebietet der Herr im Buch Exodus mit folgenden Worten dem Mose, den großen Augenblick der Befreiung aus der Knechtschaft in Ägypten, das jüdische Pascha, zu feiern: »Diesen Tag sollt ihr als Gedenktag begehen. Feiert ihn als Fest zur Ehre des Herrn! Für die kommenden Generationen macht euch diese Feier zur festen Regel!« (12,14). Für das ganze Volk Israel wird die Erinnerung an das, was Gott gewirkt hat, zu einer Art bleibendem Imperativ, damit die Zeit, die vergeht, von der lebendigen Erinnerung an die vergangenen Ereignisse gezeichnet ist, die so Tag für Tag aufs neue die Geschichte prägen und gegenwärtig bleiben. Im Buch Deuteronomium wendet Mose sich an das Volk und sagt: »Jedoch, nimm dich in acht, achte gut auf dich! Vergiß nicht die Ereignisse, die du mit eigenen Augen gesehen, und die Worte, die du gehört hast. Laß sie dein ganzes Leben lang nicht aus dem Sinn! Präge sie deinen Kindern und Kindeskindern ein!« (4,9).

Und so sagt er auch zu uns: »Nimm dich in acht, achte gut auf dich! Vergiß nicht, was Gott an uns getan hat.« Der Glaube wird genährt von der Entdeckung und vom Gedächtnis, daß Gott stets treu ist, die Geschichte lenkt und den festen Grund bildet, auf dem man das eigene Leben bauen kann. Auch der Gesang des »Magnifikat«, den die Jungfrau Maria zu Gott erhebt, ist ein hohes Beispiel für diese Heilsgeschichte, für dieses Gedächtnis, die das Wirken Gottes gegenwärtig macht und uns vor Augen hält. Maria preist das barmherzige Wirken Gottes auf dem konkreten Weg seines Volkes, die Treue zu den Verheißungen des Bundes, die Abraham und seine Nachkommen empfangen haben; und all das ist lebendiges Gedächtnis der göttlichen Gegenwart, die niemals aufhört (vgl. Lk 1,46–55).

Für Israel ist der Exodus das zentrale historische Ereignis, in dem Gott sein mächtiges Wirken offenbart. Gott befreit die Israeliten aus der Knechtschaft in Ägypten, damit sie in das Gelobte Land zurückkehren und ihn als den einzigen und wahren Herrn verehren können. Israel macht sich nicht auf den Weg, um ein Volk wie alle anderen zu sein – um auch eine nationale Unabhängigkeit zu haben –, sondern um Gott im Gottesdienst und im Leben zu dienen, um für Gott einen Ort zu schaffen, an dem der Mensch ihm gehorsam ist, wo Gott in der Welt gegenwärtig ist und angebetet wird, natürlich nicht nur für Israel selbst, sondern um ihn unter den anderen Völkern zu bezeugen. Die Feier dieses Ereignisses bedeutet, es gegenwärtig und aktuell zu machen, denn das Wirken Gottes hört nicht auf. Er ist seinem Plan der Befreiung treu und verfolgt ihn auch weiterhin, damit der Mensch seinen Herrn erkennen und ihm dienen und mit Glauben und Liebe auf sein Wirken antworten kann.

Gott offenbart sich also nicht nur im ursprünglichen Schöpfungsakt, sondern indem er in unsere Geschichte hereintritt, in die Geschichte eines kleinen Volkes, das weder das zahlenmäßig größte noch das stärkste war. Und diese Offenbarung Gottes, die in der Geschichte weitergeht, gipfelt in Jesus Christus: Gott, der »Logos«, das Schöpferwort, das am Ursprung der Welt steht, ist in Jesus Mensch geworden und hat das wahre Antlitz Gottes gezeigt. In Jesus werden alle Verheißungen erfüllt, in ihm gipfelt die Geschichte Gottes mit der Menschheit. Wenn wir den Bericht über die beiden Jünger auf dem Weg nach Emmaus lesen, den der hl. Lukas uns mitteilt, sehen wir, wie daraus deutlich hervorgeht, daß die Person Christi das Alte Testament, die gesamte Heilsgeschichte erleuchtet und den großen einheitlichen Plan der beiden Testamente aufzeigt, den Weg ihrer Einheit aufzeigt. Denn Jesus legt den beiden verwirrten und enttäuschten Weggefährten dar, daß er die Erfüllung aller Verheißungen ist: »Und er legte ihnen dar, ausgehend von Mose und allen Propheten, was in der gesamten Schrift über ihn geschrieben steht« (24,27). Und der Evangelist berichtet, was die beiden Jünger sagen, nachdem sie erkennt haben, daß dieser Weggefährte der Herr war: »Brannte uns nicht das Herz in der Brust, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schrift erschloß?« (V. 32).

Der Katechismus der Katholischen Kirche faßt die Stufen der göttlichen Offenbarung zusammen und zeigt kurz die Entwicklung auf (vgl. Nr. 54– 64): Gott hat den Menschen von Anfang an zu einer innigen Gemeinschaft mit sich berufen, und auch als der Mensch im Ungehorsam seine Freundschaft verlor, hat Gott ihn nicht verlassen und der Macht des Todes preisgegeben, sondern hat den Menschen immer wieder seinen Bund angeboten (vgl. Römisches Meßbuch, Eucharistisches Hochgebet IV). Der Katechismus zeichnet den Weg Gottes mit dem Menschen nach, vom Bund mit Noach nach der Sintflut bis zum Ruf, der an Abraham ergeht, aus seinem Land auszuziehen, um zum Stammvater einer Menge von Völkern zu werden. Gott formt Israel als sein Volk durch das Ereignis des Exodus, den Bundesschluß am Sinai und die Gabe des Gesetzes durch Mose, damit er als der einzige lebendige und wahre Gott erkannt und ihm gedient wird.

Durch die Propheten führt Gott sein Volk in der Hoffnung auf Rettung und Heil. Durch Jesaja kennen wir den »zweiten Exodus«, die Rückkehr aus der Babylonischen Gefangenschaft in das eigene Land, die Wiedererrichtung des Volkes; gleichzeitig bleiben jedoch viele in der Zerstreuung, und so beginnt die Universalität des Glaubens. Am Ende wird nicht mehr nur ein König – David, ein Sohn Davids – erwartet, sondern ein »Menschensohn«, das Heil aller Völker. Es kommt zu Begegnungen zwischen den Kulturen, zunächst mit Babylonien und Syrien, dann auch mit der Menge der Griechen. So sehen wir, daß der Weg Gottes sich erweitert, sich immer mehr auf das Geheimnis Christi, des Königs des Universums, hin öffnet. In Christus wird schließlich die Offenbarung in ganzer Fülle verwirklicht, der barmherzige Plan Gottes: Er selbst wird einer von uns. Ich habe das Wirken Gottes in der Geschichte des Menschen in Erinnerung gerufen, um die Etappen des großen Liebesplans aufzuzeigen, der im Alten und im Neuen Testament bezeugt wird: ein einziger Heilsplan für die gesamte Menschheit, von Gottes Macht Schritt für Schritt offenbart und verwirklicht, wo Gott stets auf die Antworten des Menschen reagiert und Neuanfänge für den Bund findet, wenn der Mensch in die Irre geht. Das ist wesentlich auf dem Glaubensweg.

Wir befinden uns in der liturgischen Zeit des Advent, die uns auf das heilige Weihnachtsfest vorbereitet. Wie wir alle wissen, bedeutet der Begriff »Advent« »Ankunft«, »Gegenwart«, und in alter Zeit bezeichnete er die Ankunft des Königs oder des Kaisers in einer bestimmten Provinz. Für uns Christen verweist das Wort auf eine wunderbare und erschütternde Wirklichkeit: Gott selbst ist von seinem Himmel herabgestiegen und hat sich dem Menschen zugeneigt; er hat einen Bund mit ihm geschlossen und ist in die Geschichte eines Volkes hereingetreten; er ist der König, der in diese arme Provinz, auf die Erde, herabgekommen ist, uns mit seinem Besuch beschenkt und unser Fleisch angenommen hat und Mensch geworden ist wie wir. Der Advent lädt uns ein, den Weg dieser Gegenwart nachzuvollziehen, und er erinnert uns immer wieder daran, daß Gott sich nicht aus der Welt zurückgezogen hat, daß er nicht abwesend ist, uns nicht uns selbst überlassen hat, sondern uns in verschiedenen Weisen entgegenkommt, die zu erkennen wir lernen müssen. Und auch wir sind mit unserem Glauben, unserer Hoffnung und unserer Liebe jeden Tag aufgerufen, diese Gegenwart in der oft oberflächlichen und zerstreuten Welt zu entdecken und zu bezeugen und in unserem Leben das Licht erstrahlen zu lassen, das die Grotte von Betlehem erleuchtet hat. Danke.

_______

Quelle

BENEDIKT XVI.: JAHR DES GLAUBENS: DIE ANTWORT DES MENSCHEN AUF DIE OFFENBARUNG GOTTES

tai14

GENERALAUDIENZ

Aula Paolo VI
Mittwoch, 5. Dezember 2012

 

Liebe Brüder und Schwestern!

Zu Beginn seines Briefes an die Christen von Ephesus (vgl. 1,3–14) erhebt der Apostel Paulus ein Lobgebet zu Gott, dem Vater unseres Herrn Jesus Christus, das uns einführt, die Adventszeit im Jahr des Glaubens zu leben. Thema dieses Lobpreises ist der Plan Gottes für den Menschen, der mit Worten voll Freude, Staunen und Dankbarkeit als ein »gnädiger Ratschluß« (vgl. V. 9) der Barmherzigkeit und der Liebe dargelegt wird. Warum erhebt der Apostel aus tiefstem Herzen diesen Lobpreis zu Gott? Weil er auf sein Wirken in der Heilsgeschichte schaut, das in der Menschwerdung, im Tod und in der Auferstehung Jesu seinen Höhepunkt gefunden hat, und darüber nachdenkt, daß der himmlische Vater uns noch vor der Erschaffung der Welt erwählt hat, seine Söhne zu werden durch seinen eingeborenen Sohn Jesus Christus (vgl. Röm 8,14–15; Gal 4,4–5). Wir existieren von Ewigkeit her im Geist Gottes, in einem großen Plan, den Gott in sich selbst bewahrt hat. Er hat beschlossen, ihn in der »Fülle der Zeiten« umzusetzen und zu offenbaren (vgl. Eph 1,10). Der hl. Paulus gibt uns also zu verstehen, daß die ganze Schöpfung und insbesondere der Mann und die Frau keine Frucht des Zufalls sind, sondern einem gnädigen Ratschluß der ewigen Vernunft Gottes entsprechen, der durch die schöpferische und erlösende Kraft seines Wortes die Welt ins Dasein ruft.

Diese erste Aussage erinnert uns daran, daß unsere Berufung nicht einfach darin besteht, in der Welt zu existieren, in eine Geschichte eingebunden zu sein, und auch nicht nur darin, Geschöpfe Gottes zu sein. Sie ist etwas Größeres: Sie ist das Erwähltsein von Gott, noch vor der Erschaffung der Welt, im Sohn, Jesus Christus. In ihm existieren wir also sozusagen schon immer. Gott betrachtet uns in Christus als Söhne. Der »gnädige Ratschluß« Gottes, den der Apostel auch als »Liebesplan« umschreibt (vgl. Eph1,5), wird als das »Geheimnis« des göttlichen Willens bezeichnet (V. 9), das verborgen war und jetzt in der Person und im Wirken Christi offenbar geworden ist. Die göttliche Initiative geht jeder menschlichen Antwort voraus: Sie ist ein unentgeltliches Geschenk seiner Liebe, die uns umgibt und uns verwandelt.

Was aber ist das Ziel dieses geheimnisvollen Plans? Was ist der Kern des Willens Gottes? Es ist, wie uns der hl. Paulus sagt, »in Christus alles zu vereinen, alles, was im Himmel und auf Erden ist« (V. 10). In diesem Wort finden wir eine der zentralen Formulierungen des Neuen Testaments, die uns den Plan Gottes verstehen lassen, seinen Liebesplan für die ganze Menschheit, eine Formulierung, die der hl. Irenäus von Lyon im 2. Jahrhundert zum Kernpunkt seiner Christologie machte: die ganze Wirklichkeit in Christus zu »vereinen«. Vielleicht erinnern sich einige von euch an die Formulierung, die der heilige Papst Pius X. für die Weihe der Welt an das Heiligste Herz Jesu gebrauchte: »Instaurare omnia in Christo «, eine Formulierung, die an dieses paulinische Wort angelehnt ist und die auch das Motto jenes heiligen Papstes war. Der Apostel spricht jedoch genauer von der Vereinigung des Universums in Christus, und das bedeutet, daß Christus sich im großen Plan der Schöpfung und der Geschichte als der Mittelpunkt des gesamten Weges erhebt, als die Hauptachse von allem. Er zieht die gesamte Wirklichkeit an sich, um die Zerstreuung und die Begrenzung zu überwinden und alle zu der von Gott gewollten Fülle zurückzuführen (vgl. Eph 1,23).

Dieser »gnädige Ratschluß« ist sozusagen nicht in der Stille Gottes, in der Höhe seines Himmels geblieben, sondern er hat ihn kundgetan, indem er in Beziehung getreten ist zum Menschen, dem er nicht nur etwas, sondern sich selbst offenbart hat. Er hat nicht einfach eine Gesamtheit von Wahrheiten mitgeteilt, sondern er hat sich uns selbst mitgeteilt, bis dahin, daß er einer von uns geworden ist, bis hin zur Menschwerdung. Das Zweite Vatikanische Ökumenische Konzil sagt in der Dogmatischen Konstitution Dei Verbum: »Gott hat in seiner Güte und Weisheit beschlossen, sich selbst zu offenbaren und das Geheimnis seines Willens kundzutun: daß die Menschen durch Christus, das fleischgewordene Wort, im Heiligen Geist Zugang zum Vater haben und teilhaftig werden der göttlichen Natur« (Nr. 2). Gott sagt nicht nur etwas, sondern er teilt sich selbst mit, er zieht uns in die göttliche Natur hinein, damit wir in sie eingebunden, vergöttlicht sind. Gott offenbart seinen großen Liebesplan, indem er in Beziehung zum Menschen tritt, sich ihm annähert, so weit, daß er sogar selbst Mensch wird. Das Konzil sagt weiter: »In dieser Offenbarung redet der unsichtbare Gott aus überströmender Liebe die Menschen an wie Freunde (vgl. Ex 33,11; Joh 15,14–15) und verkehrt mit ihnen (vgl. Bar 3,38), um sie in seine Gemeinschaft einzuladen und aufzunehmen« (ebd.). Allein durch die Intelligenz und seine Fähigkeiten hätte der Mensch diese so leuchtende Offenbarung der Liebe Gottes nicht erlangen können; Gott selbst hat seinen Himmel geöffnet und ist herabgestiegen, um den Menschen in die Tiefe seiner Liebe zu führen. Wiederum ist es der hl. Paulus, der an die Christen von Korinth schreibt: »Wir verkündigen, wie es in der Schrift heißt, was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, was keinem Menschen in den Sinn gekommen ist: das Große, das Gott denen bereitet hat, die ihn lieben. Denn uns hat es Gott enthüllt durch den Geist. Der Geist ergründet nämlich alles, auch die Tiefen Gottes« (1 Kor 2,9–10). Und der hl. Johannes Chrysostomos lädt in einem berühmten Abschnitt aus seinem Kommentar zum Brief an die Epheser mit folgenden Worten ein, die Schönheit dieses in Christus offenbarten »gnädigen Ratschlusses« Gottes zu genießen: »Was mangelt dir denn noch? Du bist unsterblich geworden, du bist frei geworden, du bist Sohn geworden, du bist gerecht geworden, du bist Bruder geworden, du bist Miterbe geworden, du herrschest mit ihm, du wirst mit ihm verherrlicht; alles hat er dir geschenkt. ›Wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?‹, sagt der Apostel (Röm 8,32). Der Erstling deiner Natur (vgl. 1 Kor 15,20.23) wird von den Engeln angebetet … Was sollte noch mangeln?« (PG 62,11).

Diese Gemeinschaft in Christus durch das Wirken des Heiligen Geistes, die Gott durch das Licht der Offenbarung allen Menschen anbietet, ist nicht etwas, das unser Menschsein von außen überlagert. Vielmehr ist es die Erfüllung der tiefsten Bestrebungen, jenes Wunsches nach Unendlichkeit und Fülle, der im Innersten des Menschen wohnt und ihn offen macht für eine Glückseligkeit, die nicht vorübergehend und begrenzt, sondern ewig ist. Der hl. Bonaventura von Bagnoregio sagt in bezug auf Gott, der sich offenbart und durch die Schrift zu uns spricht, um uns zu sich zu führen: »Die Heilige Schrift ist das Buch, in dem Worte des ewigen Lebens geschrieben stehen, damit wir nicht nur glauben, sondern auch das ewige Leben besitzen, in dem wir sehen und lieben werden und in dem all unsere Wünsche erfüllt werden« (Breviloquium, Prol.; Opera omnia V, 201f.). Schließlich ruft der selige Papst Johannes Paul II. in Erinnerung: »Die Offenbarung führt in die Geschichte einen Bezugspunkt ein, von dem der Mensch nicht absehen kann, wenn er dahin gelangen will, das Geheimnis seines Daseins zu verstehen; andererseits verweist diese Erkenntnis ständig auf das Geheimnis Gottes, das der Verstand nicht auszuschöpfen vermag, sondern nur im Glauben empfangen und annehmen kann« (Enzyklika Fides et ratio, 14).

Was also ist in dieser Hinsicht der Glaubensakt? Er ist die Antwort des Menschen auf die Offenbarung Gottes, der sich zu erkennen gibt, der seinen gnädigen Ratschluß kundtut; es bedeutet, um ein Wort des hl. Augustinus zu gebrauchen, sich von der Wahrheit, die Gott ist, einer Wahrheit, die Liebe ist, ergreifen zu lassen. Daher betont der hl. Paulus, daß man Gott, der sein Geheimnis offenbart, den »Gehorsam des Glaubens« schuldet (Röm 16,26; vgl. 1,5; 2 Kor 10,5–6), denn »darin überantwortet sich der Mensch Gott als ganzer in Freiheit, indem er sich ›dem offenbarenden Gott mit Verstand und Willen voll unterwirft‹ und seiner Offenbarung willig zustimmt« (Dogmatische Konstitution Dei Verbum, 5). All das führt zu einer grundlegenden Veränderung der Beziehung zur gesamten Wirklichkeit. Alles erscheint in einem neuen Licht, es handelt sich also um eine wahre »Bekehrung«. Glaube ist ein »Umdenken«, denn der Gott, der sich in Christus offenbart und seinen Liebesplan zu erkennen gegeben hat, ergreift uns, zieht uns zu sich, wird zum Sinn, der das Leben trägt, zum Fels, auf dem dieses Stabilität finden kann. Im Alten Testament finden wir einen dichten Ausdruck des Glaubens, den Gott dem Propheten Jesaja anvertraut, damit er ihn dem König von Juda, Ahas, mitteilt. Gott sagt: »Glaubt ihr nicht«, das heißt, wenn ihr Gott nicht die Treue haltet, »so bleibt ihr nicht« (Jes 7,9b). Es gibt also eine Verbindung zwischen dem »Bleiben« und dem »Verstehen«, die gut zum Ausdruck bringt, daß der Glaube darin besteht, im Leben die Sicht Gottes auf die Welt anzunehmen, uns von Gott durch sein Wort und seine Sakramente zum Verständnis dessen führen zu lassen, was wir tun sollen, welchen Weg wir beschreiten sollen, wie wir leben sollen. Gleichzeitig ist es jedoch eben das Verstehen auf Gottes Weise, das Sehen mit seinen Augen, was das Leben festigt, was uns gestattet, »standfest zu sein«, nicht zu fallen.

Liebe Freunde, der Advent, die liturgische Zeit, die wir soeben begonnen haben und die uns auf das Weihnachtsfest vorbereitet, stellt uns dem leuchtenden Geheimnis der Ankunft des Gottessohnes gegenüber, dem großen »gnädigen Ratschluß«, mit dem er uns zu sich ziehen will, um uns in voller Gemeinschaft der Freude und des Friedens mit ihm leben zu lassen. Der Advent lädt uns noch einmal ein, inmitten vieler Schwierigkeiten die Gewißheit zu erneuern, daß Gott gegenwärtig ist: Er ist in die Welt gekommen und ist Mensch geworden wie wir, um seinen Liebesplan zur Erfüllung zu bringen. Und Gott bittet darum, daß auch wir zum Zeichen seines Wirkens in der Welt werden. Durch unseren Glauben, unsere Hoffnung, unsere Liebe will er stets aufs neue in die Welt eintreten und will stets aufs neue sein Licht in unserer Nacht erstrahlen lassen.

_______

Quelle

BENEDIKT XVI.: DAS JAHR DES GLAUBENS: WIE KÖNNEN WIR VON GOTT SPRECHEN?

urbi7

GENERALAUDIENZ

Aula Paolo VI
Mittwoch, 28. November 2012

 

Liebe Brüder und Schwestern!

Die zentrale Frage, die wir uns heute stellen, ist folgende: Wie können wir in unserer Zeit von Gott sprechen? Wie können wir das Evangelium verkündigen, um in den oft verschlossenen Herzen unserer Zeitgenossen und in ihrem Verstand, der oft von vielen Blendungen der Gesellschaft abgelenkt ist, Wege zu seiner Heilswahrheit zu öffnen? Jesus selbst hat sich das, wie die Evangelisten uns sagen, bei der Verkündigung des Reiches Gottes gefragt: »Womit sollen wir das Reich Gottes vergleichen, mit welchem Gleichnis sollen wir es beschreiben?« (Mk 4,30). Wie können wir heute von Gott sprechen? Die erste Antwort ist, daß wir von Gott sprechen können, weil er mit uns gesprochen hat. Die erste Voraussetzung für das Sprechen von Gott ist also das Hören dessen, was Gott selbst gesagt hat. Gott hat mit uns gesprochen!

Gott ist also keine ferne Hypothese über den Ursprung der Welt; er ist keine weit von uns entfernte mathematische Intelligenz. Gott kümmert sich um uns, er liebt uns, er ist persönlich in die Wirklichkeit unserer Geschichte eingetreten, er hat sich selbst mitgeteilt und ist sogar Mensch geworden. Gott ist also eine Wirklichkeit in unserem Leben, er ist so groß, daß er auch Zeit für uns hat, für uns sorgt. In Jesus von Nazaret begegnen wir dem Antlitz Gottes, der vom Himmel herabgekommen ist, um sich in die Welt der Menschen, in unsere Welt hineinzubegeben und die »Kunst des Lebens«, den Weg zum Glück zu lehren; um uns von der Sünde zu befreien und uns zu Söhnen Gottes zu machen (vgl. Eph 1,5; Röm 8,14). Jesus ist gekommen, um uns zu retten und uns das gute Leben des Evangeliums zu zeigen.

Von Gott sprechen heißt zunächst, sich darüber im klaren sein, was wir den Männern und Frauen unserer Zeit bringen sollen: keinen abstrakten Gott, keine Hypothese, sondern einen konkreten Gott, einen Gott, der existiert, der in die Geschichte eingetreten und in der Geschichte gegenwärtig ist; den Gott Jesu Christi als Antwort auf die grundsätzliche Frage des Warum und Wie unseres Lebens. Von Gott sprechen verlangt daher einen vertrauten Umgang mit Jesus und seinem Evangelium, es setzt unsere persönliche, wirkliche Erkenntnis Gottes voraus und eine große Leidenschaft für seinen Heilsplan, ohne der Versuchung des Erfolgs nachzugeben, sondern der Methode Gottes folgend. Gottes Methode ist die der Demut – Gott wird einer von uns –, es ist die Methode, die in der Menschwerdung im einfachen Haus von Nazaret und in der Grotte von Betlehem verwirklicht wurde, die Methode aus dem Gleichnis vom Senfkorn. Man darf die Demut der kleinen Schritte nicht fürchten und muß auf den Sauerteig vertrauen, der den Teig durchdringt und ihn langsam wachsen läßt (vgl. Mt 13,33). Beim Sprechen von Gott, bei der Evangelisierungstätigkeit unter der Führung des Heiligen Geistes, bedarf es einer Wiedererlangung der Einfachheit, einer Rückkehr zum Wesentlichen der Verkündigung: zur Frohen Botschaft von einem Gott, der wirklich und konkret ist, einem Gott, der sich um uns kümmert, einem Gott, der die Liebe ist und uns in Jesus Christus nahekommt bis zum Kreuz und der uns in der Auferstehung die Hoffnung schenkt und uns öffnet zu einem Leben, das kein Ende hat, zum ewigen Leben, zum wahren Leben. Der hl. Paulus, der ein hervorragender Kommunikator war, erteilt uns eine Lehre, die das Verständnis des Problems, wie man mit großer Einfachheit »von Gott sprechen« kann, mitten ins Herz trifft. Im Ersten Brief an die Korinther schreibt er: »Als ich zu euch kam, Brüder, kam ich nicht, um glänzende Reden oder gelehrte Weisheit vorzutragen, sondern um euch das Zeugnis Gottes zu verkündigen. Denn ich hatte mich entschlossen, bei euch nichts zu wissen außer Jesus Christus, und zwar als den Gekreuzigten « (2,1–2). Die erste Wirklichkeit ist also die, daß Paulus nicht über eine Philosophie spricht, die er selbst entwickelt hat, daß er nicht über Ideen spricht, die er irgendwo gefunden oder erfunden hat, sondern daß er von einer Wirklichkeit seines Lebens spricht, von dem Gott spricht, der in sein Leben eingetreten ist, daß er von einem wirklichen Gott spricht, der lebt, der mit ihm gesprochen hat und der mit uns sprechen wird, daß er vom gekreuzigten und auferstandenen Christus spricht.

Die zweite Wirklichkeit ist die, daß Paulus nicht sich selbst sucht, keine Bewunderer um sich scharen will, nicht in die Geschichte eingehen will als Oberhaupt einer Schule großer Erkenntnisse. Der hl. Paulus sucht nicht sich selbst, sondern verkündigt Christus und will die Menschen für den wahren und wirklichen Gott gewinnen. Paulus spricht nur mit dem Wunsch, das verkündigen zu wollen, was in sein Leben eingetreten und das wahre Leben ist, das ihn auf dem Weg nach Damaskus erobert hat. Von Gott sprechen heißt also, demjenigen Raum zu geben, der uns ihn kennenlernen läßt, der uns sein liebevolles Antlitz offenbart; es heißt, das eigene Ich zu entäußern und es Christus darzubringen, im Bewußtsein, daß nicht wir die anderen für Gott gewinnen können, sondern daß wir sie vielmehr von Gott selbst erwarten, von ihm erbitten müssen. Das Sprechen von Gott entsteht also aus dem Hören, aus unserer Erkenntnis Gottes, die im vertrauten Umgang mit ihm verwirklicht wird, im Leben des Gebets und nach den Geboten.

Den Glauben mitteilen bedeutet für den hl. Paulus nicht, sich selbst zu bringen, sondern offen und öffentlich zu sagen, was er bei der Begegnung mit Christus gesehen und gehört hat, was er in seinem nunmehr von jener Begegnung veränderten Leben erfahren hat: Es bedeutet, jenen Jesus zu bringen, den er in sich gegenwärtig spürt und der zur wahren Orientierung seines Lebens geworden ist, um allen zu verstehen zu geben, daß er notwendig für die Welt und entscheidend für die Freiheit eines jeden Menschen ist. Der Apostel begnügt sich nicht damit, Worte zu verkündigen, sondern bindet sein ganzes Leben in das große Werk des Glaubens ein. Um von Gott zu sprechen, muß man ihm Raum schaffen, im Vertrauen darauf, daß er in unserer Schwachheit wirkt: ihm Raum schaffen ohne Furcht, mit Einfachheit und Freude, in der tiefen Überzeugung, daß unsere Verkündigung umso fruchtbarer sein wird, je mehr wir ihn und nicht uns selbst in den Mittelpunkt stellen. Und das gilt auch für die christlichen Gemeinschaften: Sie sind aufgerufen, das verwandelnde Wirken der Gnade Gottes aufzuzeigen, indem sie Individualismen, Verschlossenheit, Egoismen, Gleichgültigkeit überwinden und die Liebe Gottes in den täglichen Beziehungen leben. Fragen wir uns, ob unsere Gemeinschaften wirklich so sind. Wir müssen uns in Bewegung setzen, um immer und wirklich so zu werden, Verkünder Christi und nicht unserer selbst.

An diesem Punkt müssen wir uns fragen, wie Jesus selbst seine Verkündigung mitgeteilt hat. Jesus in seiner Einzigartigkeit spricht von seinem Vater – »Abba« – und vom Reich Gottes, mit dem Blick voll Barmherzigkeit für die Mühen und Schwierigkeiten des menschlichen Lebens. Er spricht mit großem Realismus. Ich würde sagen, das Wesentliche der Verkündigung Jesu ist, daß sie die Welt transparent macht und daß unser Leben für Gott wertvoll ist. Jesus zeigt, daß in der Welt und in der Schöpfung das Antlitz Gottes durchscheint, und er zeigt uns, daß Gott im täglichen Geschehen unseres Lebens gegenwärtig ist, er zeigt uns dies sowohl in Gleichnissen der Natur – das Senfkorn, der Acker mit den verschiedenen Samen –, als auch in unserem Leben: Denken wir an das Gleichnis vom verlorenen Sohn, an Lazarus und an andere Gleichnisse Jesu. Aus den Evangelien sehen wir, daß Jesus sich für jede menschliche Situation interessiert, die ihm begegnet, daß er eintaucht in die Wirklichkeit der Männer und Frauen seiner Zeit, mit vollem Vertrauen auf den Beistand des Vaters, und daß Gott in dieser Geschichte wirklich im Verborgenen gegenwärtig ist: Wenn wir aufmerksam sind, können wir ihm begegnen. Und die Jünger, die bei Jesus leben, die Menge, die ihm begegnet, sehen seine Reaktion auf die verschiedensten Probleme. Sie sehen, wie er spricht, wie er sich verhält; sie sehen in ihm das Wirken des Heiligen Geistes, das Wirken Gottes. In ihm sind Verkündigung und Leben miteinander verwoben: Jesus handelt und lehrt immer von einer engen Beziehung zu Gott, dem Vater, ausgehend.

Dieser Stil wird zu einem wichtigen Hinweis für uns Christen: Unser Leben im Glauben und in der Liebe wird zu einem Sprechen von Gott im Heute, weil es durch ein in Christus gelebtes Dasein die Glaubwürdigkeit, den Realismus dessen aufzeigt, was wir mit Worten sagen, die nicht nur Worte sind, sondern die Wirklichkeit aufzeigen, die wahre Wirklichkeit. Und dabei müssen wir darauf achten, die Zeichen der Zeit in unserer Epoche zu begreifen, das heißt die Möglichkeiten, die Wünsche, die Hindernisse, denen man in der gegenwärtigen Kultur begegnet, erkennen, insbesondere den Wunsch nach Wahrhaftigkeit, das Verlangen nach Transzendenz, die Sensibilität für die Wahrung der Schöpfung, und wir müssen furchtlos die Antwort weitergeben, die der Glaube an Gott schenkt. Das Jahr des Glaubens gibt uns Gelegenheit, mit vom Heiligen Geist beseelter Phantasie neue Wege auf persönlicher und gemeinschaftlicher Ebene zu entdecken, damit die Kraft des Evangeliums überall Lebensweisheit und Orientierung der Daseins sein möge.

Auch in unserer Zeit ist der vorrangige Ort, um von Gott zu sprechen, die Familie, die erste Schule der Weitergabe des Glaubens an die jungen Generationen. Das Zweite Vatikanische Konzil spricht von den Eltern als ersten Glaubensboten (vgl. Dogmatische Konstitution Lumen gentium, 11; Dekret Apostolicam actuositatem, 11), die berufen sind, diese ihre Sendung wiederzuentdecken und die Erziehungsverantwortung wahrzunehmen, das Gewissen der Kinder für die Liebe Gottes zu öffnen, als grundlegender Dienst für ihr Leben, die ersten Katecheten und Glaubenslehrer für ihre Kinder zu sein. Und bei dieser Aufgabe ist vor allem die Wachsamkeit wichtig. Das bedeutet, günstige Gelegenheiten zu ergreifen, um in der Familie das Glaubensgespräch einzuführen und eine kritische Reflexion über die zahlreichen Einflüsse, denen die Kinder ausgesetzt sind, heranreifen zu lassen. Diese Aufmerksamkeit der Eltern besteht auch in der Sensibilität, religiöse Fragen, die im Herzen der Kinder – manchmal deutlich sichtbar und manchmal verborgen – vorhanden sein mögen, aufzugreifen.

Dann die Freude: Die Weitergabe des Glaubens muß immer einen freudigen Ton haben. Es ist die österliche Freude, die die Wirklichkeit des Schmerzes, des Leidens, der Mühe, der Schwierigkeit, des Unverständnisses und auch des Todes nicht verschweigt oder verbirgt, sondern die Kriterien anzubieten weiß, um alles in der Perspektive der christlichen Hoffnung auszulegen. Das gute und rechte Leben des Evangeliums ist gerade dieser neue Blick, diese Fähigkeit, jede Situation mit den Augen Gottes zu betrachten. Es ist wichtig, allen Mitgliedern der Familie verstehen zu helfen, daß der Glaube keine Last ist, sondern eine Quelle tiefer Freude, daß er die Wahrnehmung des Wirkens Gottes ist, die Erkenntnis der Gegenwart des Guten, das keinen Lärm macht; und daß er wertvolle Orientierungen bietet, um das eigene Dasein recht zu leben. Schließlich die Fähigkeit zum Zuhören und zum Dialog: Die Familie muß ein Umfeld sein, in dem man lernt, zusammenzusein; Gegensätze im gemeinsamen Dialog zu überwinden, der aus Zuhören und Worten besteht; einander zu verstehen und zu lieben, um füreinander Zeichen der barmherzigen Liebe Gottes zu sein.

Von Gott sprechen heißt also, mit dem Wort und mit dem Leben zu vermitteln, daß Gott nicht der Konkurrent unseres Lebens ist, sondern vielmehr sein wahrer Garant, der Garant der Größe der menschlichen Person. So kehren wir zum Anfang zurück: Von Gott sprechen bedeutet, mit Nachdruck und Einfachheit, mit dem Wort und mit dem Leben das Wesentliche mitzuteilen: den Gott Jesu Christi, jenen Gott, der uns eine so große Liebe gezeigt hat, daß er Mensch geworden, für uns gestorben und auferstanden ist; jenen Gott, der darum bittet, ihm nachzufolgen und sich von seiner unermeßlichen Liebe verwandeln zu lassen, um unser Leben und unsere Beziehungen zu erneuern; jenen Gott, der uns die Kirche geschenkt hat, um den Weg gemeinsam zu gehen und durch das Wort und die Sakramente die ganze Stadt der Menschen zu erneuern, damit sie zur Stadt Gottes werden kann.

_______

Quelle

BENEDIKT XVI.: DAS JAHR DES GLAUBENS – DIE WEGE, DIE ZUR ERKENNTNIS GOTTES FÜHREN

nov1412gaor5a

GENERALAUDIENZ

Aula Paolo VI
Mittwoch, 14. November 2012

Liebe Brüder und Schwestern!

Am vergangenen Mittwoch haben wir über das Verlangen nach Gott nachgedacht, das der Mensch tief in seinem Innern trägt. Heute möchte ich diesen Aspekt weiter vertiefen, indem ich kurz mit euch über einige Wege nachdenke, um zur Erkenntnis Gottes zu gelangen. Ich möchte jedoch daran erinnern, daß die Initiative Gottes stets jeder Initiative des Menschen vorausgeht; und auch auf dem Weg zu ihm ist zunächst er es, der uns erleuchtet, uns Orientierung schenkt und uns leitet, wobei er stets unsere Freiheit achtet. Er läßt uns auch in die Vertrautheit mit ihm eintreten, indem er sich offenbart und uns die Gnade schenkt, diese Offenbarung im Glauben anzunehmen. Wir sollten nie die Erfahrung des hl. Augustinus vergessen: Nicht wir besitzen die Wahrheit, nachdem wir sie gesucht haben, sondern die Wahrheit sucht uns und besitzt uns.

Dennoch gibt es Wege, die das Herz des Menschen zur Erkenntnis Gottes hin öffnen können, gibt es Zeichen, die zu Gott führen. Gewiß laufen wir oft Gefahr, vom glänzenden Schein des Weltlichen geblendet zu werden, der uns daran hindert, diese Wege zu beschreiten oder diese Zeichen zu interpretieren. Gott wird jedoch nicht müde, uns zu suchen; er ist dem Menschen, den er geschaffen und erlöst hat, treu, und er bleibt unserem Leben nahe, weil er uns liebt. Diese Gewißheit muß uns jeden Tag begleiten, auch wenn gewisse weit verbreitete Auffassungen es der Kirche und dem Christen schwerer machen, jedem Geschöpf die Freude des Evangeliums mitzuteilen und alle zur Begegnung mit Jesus, dem einzigen Retter der Welt, zu führen. Das ist jedoch unsere Sendung, es ist die Sendung der Kirche, und jeder Gläubige muß sie freudig leben, sie als sein eigen empfinden, durch ein wirklich vom Glauben beseeltes Dasein, das von der Liebe, vom Dienst an Gott und an den anderen geprägt und in der Lage ist, Hoffnung auszustrahlen. Diese Sendung erstrahlt vor allem in der Heiligkeit, zu der wir alle berufen sind.

Heute – das wissen wir – mangelt es nicht an Schwierigkeiten und Prüfungen für den Glauben, der oft wenig verstanden, bestritten, abgelehnt wird. Der hl. Petrus sagte zu den Christen: »Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt; aber antwortet bescheiden und ehrfürchtig« (1Petr 3,15–16). Im Westen war in der Vergangenheit, in einer als christlich betrachteten Gesellschaft, der Glaube das Umfeld, in dem sie sich bewegte; der Bezug auf Gott und die Treue zu ihm gehörten für die meisten Menschen zum täglichen Leben. Vielmehr mußte derjenige, der nicht glaubte, seine Ungläubigkeit rechtfertigen. In unserer Welt hat sich die Lage geändert, und der Gläubige muß immer mehr in der Lage sein, seinen Glauben zu begründen. Der sel. Johannes Paul II. hob in der Enzyklika Fides et ratio hervor, daß der Glaube auch in der gegenwärtigen Zeit, die von subtilen und verfänglichen Formen eines theoretischen und praktischen Atheismus durchzogen ist, auf die Probe gestellt wird (vgl. Nr. 46–47).

Seit der Aufklärung hat die Religionskritik zugenommen; die Geschichte wurde auch durch die Anwesenheit atheistischer Systeme geprägt, in denen Gott als reine Projektion des menschlichen Geistes betrachtet wurde, als Illusion und Produkt einer bereits durch viele Entfremdungen verfälschten Gesellschaft. Das letzte Jahrhundert hat außerdem einen starken Säkularisierungsprozeß erlebt, im Zeichen der absoluten Unabhängigkeit des Menschen, der als Maß und Baumeister der Wirklichkeit betrachtet wird, aber in bezug auf seine Geschöpflichkeit »nach Gottes Bild, ihm ähnlich« verkümmert ist. In unserer Zeit hat sich ein Phänomen herausgebildet, das für den Glauben besonders gefährlich ist: Es gibt nämlich eine Form des sogenannten »praktischen Atheismus«, in dem die Glaubenswahrheiten oder die religiösen Riten nicht abgelehnt, sondern einfach nur als bedeutungslos für das tägliche Leben, als dem Leben fernstehend, als nutzlos betrachtet werden. Oft glaubt man also auf oberflächliche Weise an Gott und lebt, »als ob es Gott nicht gäbe« (»etsi Deus non daretur«).

Letztendlich ist diese Lebensweise jedoch noch zerstörerischer, weil sie zur Gleichgültigkeit gegenüber dem Glauben und der Frage nach Gott führt. In Wirklichkeit ist der von Gott getrennte Mensch auf eine einzige Dimension – die horizontale – reduziert, und eben dieser Reduktionismus ist eine der wesentlichen Ursachen für die Totalitarismen, die im letzten Jahrhundert tragische Folgen hatten, ebenso wie für die Wertekrise, die wir in der gegenwärtigen Wirklichkeit erfahren. Durch die Verdunkelung des Gottesbezuges hat sich auch der ethische Horizont verdunkelt, um dem Relativismus und einem zweifelhaften Freiheitsverständnis Raum zu geben, das nicht befreiend ist, sondern den Menschen am Ende vielmehr an Götzen bindet. Die Versuchungen, denen Jesus in der Wüste vor seinem öffentlichen Wirken ausgesetzt war, zeigen jene »Götzen« auf, die den Menschen anziehen, wenn er nicht über sich selbst hinausgeht. Wenn Gott die zentrale Stellung verliert, dann verliert der Mensch den ihm zukommenden Ort, findet er nicht mehr seinen Platz in der Schöpfung, in den Beziehungen zu den anderen. Was die antike Weisheit im Mythos des Prometheus beschreibt, hat seine Gültigkeit nicht verloren: Der Mensch denkt, er könne selbst zum »Gott« werden, zum Herrn über Leben und Tod.

Angesichts dieser Rahmenbedingungen hört die Kirche, dem Gebot Christi treu, niemals auf, die Wahrheit über den Menschen und seine Bestimmung zu verkündigen. Das Zweite Vatikanische Konzil sagt zusammenfassend: »Ein besonderer Wesenszug der Würde des Menschen liegt in seiner Berufung zur Gemeinschaft mit Gott. Zum Dialog mit Gott ist der Mensch schon von seinem Ursprung her aufgerufen: er existiert nämlich nur, weil er, von Gott aus Liebe geschaffen, immer aus Liebe erhalten wird; und er lebt nicht voll gemäß der Wahrheit, wenn er diese Liebe nicht frei anerkennt und sich seinem Schöpfer anheimgibt« (Konstitution Gaudium et spes, 19).

Welche Antworten soll der Glaube also »bescheiden und ehrfürchtig« auf den Atheismus, den Skeptizismus, die Gleichgültigkeit gegenüber der vertikalen Dimension geben, damit der Mensch unserer Zeit auch weiterhin nach der Existenz Gottes fragt und die Wege beschreitet, die zu ihm führen? Ich möchte einige Wege erwähnen, die sowohl aus der natürlichen Überlegung als auch der Kraft des Glaubens hervorgehen. Ich möchte sie ganz kurz in drei Worten zusammenfassen: die Welt, der Mensch, der Glaube.

Das erste: die Welt. Beim hl. Augustinus, der in seinem Leben lange Zeit nach der Wahrheit gesucht hat und von der Wahrheit ergriffen wurde, gibt es einen berühmten Abschnitt, in dem er sagt: »Frage die Schönheit der Erde, frage die Schönheit des Meeres, frage die Schönheit der Luft, die sich ausdehnt und sich verbreitet, frage die Schönheit des Himmels frage alle diese Dinge. Alle antworten dir: Schau…, wie schön wir sind! Ihre Schönheit ist ein Bekenntnis. Wer hat diese der Veränderung unterliegenden Dinge gemacht, wenn nicht der Schöne, der der Veränderung nicht unterliegt?« (Sermo 241,2; PL 38,1134). Ich denke, wir müssen die Fähigkeit zur Betrachtung der Schöpfung, ihrer Schönheit, ihrer Struktur zurückgewinnen und sie den heutigen Menschen zurückgewinnen lassen. Die Welt ist keine unförmige Masse, sondern je mehr wir sie kennenlernen und je mehr wir ihre wunderbaren Zusammenhänge entdecken, desto mehr erkennen wir einen Plan, sehen wir, daß es eine schöpferische Intelligenz gibt. Albert Einstein sagte, daß sich in der Naturgesetzlichkeit »eine so überlegene Vernunft offenbart, daß alles Sinnvolle menschlichen Denkens und Anordnens dagegen ein gänzlich nichtiger Abglanz ist« (Mein Weltbild, Frankfurt/M.-Berlin 1965). Ein erster Weg, der zur Entdeckung Gottes führt, ist also die Betrachtung der Schöpfung mit aufmerksamen Augen.

Das zweite Wort: der Mensch. Der hl. Augustinus hat auch ein berühmtes Wort, in dem er sagt, daß Gott selbst mir innerlicher ist als ich selbst für mich es bin (vgl. Bekenntnisse 3,6,11). Daher formuliert er die Einladung: »Gehe nicht aus dir heraus, sondern gehe in dich hinein: Im inneren Menschen wohnt die Wahrheit« (De vera religione, 39,72). Das ist ein weiterer Aspekt, der uns in der lauten Welt mit all ihren Zerstreuungen, in der wir leben, verlorenzugehen droht: die Fähigkeit innezuhalten und tief in uns selbst hineinzublicken und jenes Verlangen nach der Unendlichkeit zu erkennen, das wir in uns tragen, das uns drängt, über uns selbst hinauszugehen, und auf denjenigen verweist, der es stillen kann. Im Katechismus der Katholischen Kirche heißt es: »Mit seiner Offenheit für die Wahrheit und Schönheit, mit seinem Sinn für das sittlich Gute, mit seiner Freiheit und der Stimme seines Gewissens, mit seinem Verlangen nach Unendlichkeit und Glück fragt der Mensch nach dem Dasein Gottes« (Nr. 33).

Das dritte Wort: der Glaube. Vor allem in der Wirklichkeit unserer Zeit dürfen wir nicht vergessen, daß ein Weg, der zur Erkenntnis Gottes und zur Begegnung mit ihm führt, das Glaubensleben ist. Wer glaubt, ist mit Gott vereint, ist offen für seine Gnade, für die Kraft der Liebe. So bezeugt er durch sein Dasein nicht sich selbst, sondern den Auferstandenen, und sein Glaube hat keine Furcht, sich im täglichen Leben zu zeigen, ist offen für den Dialog, der tiefe Freundschaft für den Weg eines jeden Menschen zum Ausdruck bringt und dem Bedürfnis nach Erlösung, nach Glückseligkeit, nach Zukunft Lichter der Hoffnung aufscheinen lassen kann. Denn der Glaube ist Begegnung mit Gott, der in der Geschichte spricht und wirkt, unser tägliches Leben bekehrt, indem er unser Denken, unsere Werturteile, unsere Entscheidungen und unser konkretes Handeln verwandelt. Er ist keine Illusion, Wirklichkeitsflucht, bequemer Rückzug, Sentimentalität, sondern er bezieht das ganze Leben ein und ist Verkündigung des Evangeliums, Frohbotschaft, die den ganzen Menschen befreien kann. Ein Christ, eine Gemeinschaft, die sich tatkräftig einsetzen und treu sind gegenüber dem Plan Gottes, der uns zuerst geliebt hat, stellen einen Königsweg für jene dar, die seiner Existenz und seinem Wirken gleichgültig gegenüberstehen oder daran zweifeln.

Das erfordert jedoch von jedem, das eigene Glaubenszeugnis immer mehr durchscheinen zu lassen und das eigene Leben zu reinigen, um Christus gleichgestaltet zu werden. Heute haben viele ein begrenztes Verständnis vom christlichen Glauben, weil sie ihn mit einem reinen System von Glaubenssätzen und Werten gleichsetzen und nicht so sehr mit der Wahrheit eines Gottes, der sich in der Geschichte offenbart hat und danach verlangt, mit dem Menschen persönlich zu kommunizieren, in einer Liebesbeziehung zu ihm. In Wirklichkeit liegt jeder Lehre und jedem Wert das Ereignis der Begegnung zwischen dem Menschen und Gott in Christus Jesus zugrunde. Das Christentum ist nicht in erster Linie eine Moral oder eine Ethik, sondern ein Ereignis der Liebe, die Annahme der Person Jesu. Daher muß der Christ und müssen die christlichen Gemeinden vor allem auf Christus schauen und schauen lassen: auf den wahren Weg, der zu Gott führt.

_______

Quelle

PAPST BENEDIKT XVI.: DAS JAHR DES GLAUBENS – DAS INNERE VERLANGEN NACH GOTT

papa-prega

GENERALAUDIENZ

Petersplatz
Mittwoch, 7. November 2012

 

Liebe Brüder und Schwestern!

Der Weg der Reflexion, den wir in diesem Jahr des Glaubens gemeinsam beschreiten, läßt uns heute über einen faszinierenden Aspekt der menschlichen und christlichen Erfahrung nachdenken: Der Mensch trägt ein geheimnisvolles Verlangen nach Gott in sich. Bedeutsamerweise wird der Katechismus der Katholischen Kirche gerade mit folgenden Überlegungen eröffnet: »Das Verlangen nach Gott ist dem Menschen ins Herz geschrieben, denn der Mensch ist von Gott und für Gott erschaffen. Gott hört nie auf, ihn an sich zu ziehen. Nur in Gott wird der Mensch die Wahrheit und das Glück finden, wonach er unablässig sucht« (Nr. 27).

Eine solche Aussage, die auch heute in vielen Kulturkreisen völlig annehmbar, ja beinahe selbstverständlich wirkt, könnte im säkularisierten westlichen Kulturkreis dagegen als Provokation erscheinen, denn viele unserer Zeitgenossen könnten einwenden, daß sie überhaupt kein solches Verlangen nach Gott spüren. Für große Teile der Gesellschaft ist er nicht mehr der Erwartete, der Herbeigesehnte, sondern vielmehr eine Wirklichkeit, der man gleichgültig gegenübersteht, die es nicht einmal der Mühe wert ist, sich dazu zu äußern. In Wirklichkeit ist das, was wir als »Verlangen nach Gott« bezeichnet haben, nicht völlig verschwunden, sondern es taucht auch heute in vielerlei Weise im Herzen des Menschen auf. Das menschliche Verlangen ist stets auf bestimmte konkrete Güter ausgerichtet, die oft alles andere als geistlich sind, und dennoch steht der Mensch vor der Frage, was wirklich »das« Gute ist, und muß sich also mit etwas auseinandersetzen, das etwas anderes ist als er selbst, das er nicht selbst herstellen kann, sondern zu erkennen aufgefordert ist. Was kann das Verlangen des Menschen wirklich stillen?

In meiner ersten Enzyklika Deus caritas est habe ich versucht zu analysieren, wie diese Dynamik in der Erfahrung der menschlichen Liebe umgesetzt wird – einer Erfahrung, die in unserer Zeit einfach als ein Augenblick der Ekstase wahrgenommen wird, des Herauskommens aus sich selbst, als ein Ort, an dem der Mensch spürt, von einem Verlangen durchdrungen zu sein, das ihn übersteigt. Durch die Liebe erfahren Mann und Frau auf neue Weise, einer durch den anderen, die Größe und die Schönheit des Lebens und der Wirklichkeit. Wenn das, was wir erfahren, nicht einfach nur eine Illusion ist, wenn ich wirklich das Wohl des anderen will – auch als Weg zu meinem eigenen Wohl –, dann muß ich bereit sein, selbst aus dem Mittelpunkt herauszutreten, mich in seinen Dienst zu stellen, bis hin zum Selbstverzicht. Die Antwort auf die Frage nach dem Sinn der Erfahrung der Liebe durchläuft also die Läuterung und die Heilung des Willens, die von dem Wohl verlangt werden, das man für den anderen will. Man muß üben, trainieren, sich auch korrigieren, damit dieses Wohl wirklich gewollt werden kann.

Die anfängliche Ekstase wird so zum Pilgerweg, zum »ständigen Weg aus dem in sich verschlossenen Ich zur Freigabe des Ich, zur Hingabe und so gerade zur Selbstfindung, ja, zur Findung Gottes« (Enzyklika Deus caritas est, 6). Durch diesen Weg kann die Erkenntnis der Liebe, die der Mensch anfangs erfahren hat, allmählich tiefer werden. Und auch das Geheimnis, für das sie steht, nimmt immer deutlicher Gestalt an: Denn nicht einmal die geliebte Person kann das Verlangen stillen, das im menschlichen Herzen wohnt, sondern je authentischer die Liebe zum anderen ist, desto mehr wirft sie die Frage über ihren Ursprung und ihre Bestimmung auf, über ihre Möglichkeit, auf immer zu währen. Die menschliche Erfahrung der Liebe hat also eine Dynamik in sich, die über sich selbst hinausweist, sie ist die Erfahrung von etwas Gutem, das den Menschen aus sich selbst herausgehen läßt und ihn dem Geheimnis gegenüberstellt, das die gesamte Existenz umgibt.

Ähnliche Überlegungen könnte man auch in bezug auf andere menschliche Erfahrungen anstellen, wie die Freundschaft, die Erfahrung des Schönen, die Liebe zur Erkenntnis: Alles Gute, das der Mensch erfährt, strebt auf das Geheimnis zu, das den Menschen selbst umgibt; jedes Verlangen des menschlichen Herzens ist Widerhall eines Grundverlangens, das nie völlig gestillt ist. Natürlich kann man von diesem tiefen Verlangen, das auch etwas Rätselhaftes in sich birgt, nicht unmittelbar zum Glauben gelangen. Der Mensch weiß letztlich wohl, was ihn nicht satt macht, aber er kann sich nicht vorstellen oder beschreiben, was ihn jenes Glück erfahren ließe, nach dem sein Herz sich sehnt. Man kann Gott nicht kennenlernen, wenn man nur vom Verlangen des Menschen ausgeht. Unter diesem Gesichtspunkt bleibt das Geheimnis: Der Mensch sucht nach dem Absoluten, als Suchender macht er kleine und unsichere Schritte. Dennoch ist bereits die Erfahrung des Verlangens, des »unruhigen Herzens«, wie der hl. Augustinus es nannte, sehr bedeutsam. Es zeigt uns, daß der Mensch ein zutiefst religiöses Wesen ist (vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, 28), »vor Gott ein Bettler«. Wir können mit Pascals Worten sagen, daß  »der Mensch unendlich den Menschen übersteigt« (Gedanken über die Religion und einige andere Gegenstände I,2,5,3).

Die Augen erkennen die Gegenstände, wenn diese vom Licht beleuchtet sind. Daher kommt der Wunsch, das Licht selbst kennenzulernen, das die Dinge der Welt erglänzen läßt und mit ihnen den Sinn für die Schönheit entflammt. Wir müssen also festhalten, daß es auch in unserer Zeit, die für die transzendente Dimension so unempfänglich zu sein scheint, möglich ist, einen Weg zum wahren religiösen Sinn des Lebens hin zu öffnen, der zeigt, daß das Geschenk des Glaubens nicht sinnlos, nicht irrational ist. Zu diesem Zweck wäre es sehr nützlich, eine Art Pädagogik des Verlangens zu fördern, sowohl für den Weg jener, die noch nicht glauben, als auch für jene, die das Geschenk des Glaubens bereits empfangen haben.

Diese Pädagogik umfaßt mindestens zwei Aspekte. An erster Stelle geht es darum, zu lernen oder wieder zu lernen, die wahren Freuden des Lebens zu genießen. Nicht jede Wunschbefriedigung ruft in uns dieselbe Wirkung hervor: Einige hinterlassen eine positive Spur, können dem Herzen Frieden schenken, machen uns aktiver und großherziger. Andere dagegen scheinen nach dem anfänglichen Licht den Erwartungen, die sie erweckt hatten, nicht zu entsprechen, und hinterlassen zuweilen Bitterkeit, Unzufriedenheit oder ein Gefühl der Leere. Von jungen Jahren an dazu erzogen zu werden, die wahren Freuden zu genießen, in allen Bereichen des Lebens – Familie, Freundschaft, Solidarität mit den Leidenden, Selbstverzicht zum Dienst an den anderen, Liebe zur Erkenntnis, zur Kunst, zu den Schönheiten der Natur –, all das bedeutet, inneren Genuß zu üben und wirksame Abwehrkräfte gegen die heute verbreitete Banalisierung und Verflachung zu bilden. Auch die Erwachsenen müssen diese Freuden wiederentdecken, echte Wirklichkeiten verlangen und sich von der Mittelmäßigkeit reinigen, in die sie vielleicht hineingeraten sind. Dadurch wird es einfacher, alles fallenzulassen oder abzulehnen, was zwar scheinbar anziehend ist, sich jedoch als schal erweist, als Quelle der Gewohnheit und nicht der Freiheit. Und daraus tritt dann jenes Verlangen nach Gott zutage, von dem wir sprechen.

Ein zweiter Aspekt, der mit dem ersten einhergeht, besteht darin, sich nie mit dem Erreichten zufriedenzugeben. Gerade die echten Freuden sind in der Lage, in uns jene gesunde Unruhe zu wecken, die uns anspruchsvoller macht – ein höheres, tiefergehendes Wohl zu wollen – und uns gleichzeitig immer deutlicher spüren läßt, daß nichts Endliches unser Herz erfüllen kann. So lernen wir, wehrlos jenes Wohl anzustreben, das wir nicht aus eigener Kraft konstruieren oder uns verschaffen können, uns nicht entmutigen zu lassen von der Anstrengung oder den Hindernissen, die aus unserer Sünde kommen. In diesem Zusammenhang dürfen wir jedoch nicht vergessen, daß die Dynamik des Verlangens immer offen ist für die Erlösung – auch wenn sie Irrwege einschlägt, wenn sie künstliche Paradiese verfolgt und die Fähigkeit, das wahre Gut anzustreben, zu verlieren scheint. Auch im Abgrund der Sünde verlöscht im Menschen nicht jene Flamme, die es ihm erlaubt, das wahre Wohl zu erkennen, es zu kosten und so einen Wiederaufstieg zu beginnen, bei dem Gott es durch seine Gnadengabe nie an seiner Hilfe fehlen lassen wird. Wir alle müssen übrigens einen Weg der Reinigung und der Heilung des Verlangens beschreiten.

Wir sind Pilger auf dem Weg in die himmlische Heimat und gehen auf jenes vollkommene, ewige Wohl zu, das nichts uns wieder entreißen kann. Es geht also nicht darum, das Verlangen, das im Herzen des Menschen ist, zu ersticken, sondern darum, es zu befreien, damit es zu seiner wahren Höhe gelangen kann. Wenn im Verlangen das Fenster auf Gott hin geöffnet wird, dann ist es schon das Zeichen, daß der Glaube im Herzen gegenwärtig ist, und dieser Glaube ist eine Gnade Gottes. Der hl. Augustinus sagte auch: »Durch Warten macht Gott unser Verlangen größer, durch das Verlangen schenkt er uns ein größeres Herz, und indem er es größer macht, macht er es aufnahmefähiger« (Kommentar zum Ersten Brief des Johannes, 4,6: PL 35,2009).

Auf dieser Pilgerreise wollen wir uns als Brüder aller Menschen fühlen, als Weggefährten auch derer, die nicht glauben, die auf der Suche sind, die sich von der Dynamik des eigenen Verlangens nach dem Wahren und Guten aufrichtig hinterfragen lassen. In diesem Jahr des Glaubens wollen wir darum beten, daß Gott sein Antlitz all jenen zeigen möge, die ihn mit aufrichtigem Herzen suchen. Danke.

_______

Quelle

PAPST BENEDIKT XVI.: DAS JAHR DES GLAUBENS – DER GLAUBE DER KIRCHE

annus-fidei-2

S.MESSA PER LA NUOVA EVANGELIZZAZIONE PRESIEDUTA DAL SANTO PADRE BENEDETTO XVI 16-10-2011

GENERALAUDIENZ

Petersplatz
Mittwoch, 31. Oktober 2012

Liebe Brüder und Schwestern!

Wir setzen unseren Weg der Betrachtung über den katholischen Glauben fort. In der letzten Woche habe ich gezeigt, daß der Glaube ein Geschenk ist, denn Gott ist es, der die Initiative ergreift und uns entgegenkommt; und so ist der Glaube eine Antwort, durch die wir ihn als das feste Fundament unseres Lebens annehmen. Er ist ein Geschenk, das das Dasein verwandelt, weil es uns in die Sichtweise Jesu eintreten läßt, der in uns wirkt und uns auf die Liebe zu Gott und zu den anderen hin öffnet.

Heute möchte ich einen weiteren Schritt in unserer Reflexion tun, indem ich wieder von einigen Fragen ausgehe: Hat der Glaube nur persönlichen, individuellen Charakter? Geht er nur mich selbst etwas an? Lebe ich meinen Glauben allein? Sicher ist der Glaubensakt ein höchst persönlicher Akt, der tief im Innern geschieht und eine Richtungsänderung, eine persönliche Umkehr ausdrückt: Mein Dasein bekommt eine Wende, eine neue Ausrichtung. In der Taufliturgie, im Augenblick der Versprechen, fordert der Zelebrant dazu auf, den katholischen Glauben zum Ausdruck zu bringen, indem er drei Fragen formuliert: Glaubt ihr an Gott, den Vater, den Allmächtigen? Glaubt ihr an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn? Glaubt ihr an den Heiligen Geist? Ursprünglich wurden diese Fragen persönlich an denjenigen gerichtet, der die Taufe empfangen sollte, bevor er dreimal ins Wasser getaucht wurde. Und auch heute steht die Antwort im Singular: »Ich glaube.« Mein Glaube ist jedoch nicht das Ergebnis meiner einsamen Reflexion, er geht nicht aus meinem Denken hervor, sondern er ist Frucht einer Beziehung, eines Gesprächs, in dem es ein Hören, ein Empfangen und ein Antworten gibt; er ist das Kommunizieren mit Jesus, das mich aus meinem in mir selbst verschlossenen »Ich« heraustreten läßt, um mich für die Liebe Gottes, des Vaters, zu öffnen. Es ist wie eine Neugeburt, in der ich entdecke, daß ich nicht nur mit Jesus vereint bin, sondern auch mit allen, die denselben Weg gegangen sind und gehen; und diese Neugeburt, die mit der Taufe beginnt, geht das ganze Leben hindurch weiter. Ich kann meinen persönlichen Glauben nicht in einem privaten Gespräch mit Jesus aufbauen, denn der Glaube wird mir von Gott durch eine gläubige Gemeinschaft, die Kirche, geschenkt, und stellt mich so hinein in die Menge der Gläubigen in einer Gemeinschaft, die nicht nur soziologisch, sondern in der ewigen Liebe Gottes verwurzelt ist, die in sich selbst Gemeinschaft des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes ist, die dreifaltige Liebe ist. Unser Glaube ist nur dann wirklich persönlich, wenn er auch gemeinschaftlich ist: Er kann nur dann mein Glaube sein, wenn er im »Wir« der Kirche lebt und sich bewegt, nur wenn er unser Glaube ist, der gemeinsame Glaube der einen Kirche.

Wenn wir sonntags in der heiligen Messe das Glaubensbekenntnis sprechen, dann drücken wir uns in der ersten Person aus, bekennen aber gemeinschaftlich den einen Glauben der Kirche. Dieses einzeln ausgesprochene »Ich glaube« vereint sich mit dem eines enormen Chors an allen Orten und zu allen Zeiten, in dem jeder sozusagen zu einer harmonischen Polyphonie im Glauben beiträgt. Der Katechismus der Katholischen Kirche faßt es deutlich zusammen: »›Glauben‹ ist ein kirchlicher Akt. Der Glaube der Kirche geht unserem Glauben voraus, zeugt, trägt und nährt ihn. Die Kirche ist die Mutter aller Glaubenden. ›Niemand kann Gott zum Vater haben, der die Kirche nicht zur Mutter hat‹ (Cyprian, unit. eccl.)« (Nr. 181). Der Glaube entsteht also in der Kirche, führt zu ihr hin und lebt in ihr. Es ist wichtig, sich daran zu erinnern.

Zu Beginn des christlichen Abenteuers, als der Heilige Geist mit Macht auf die Apostel herabkommt, am Pfingsttag – wie es in derApostelgeschichte berichtet wird (vgl. 2,1–13) – empfängt die entstehende Kirche die Kraft, die Sendung umzusetzen, die ihr vom auferstandenen Herrn anvertraut wurde: das Evangelium, die Frohbotschaft vom Reich Gottes, überall in der Welt zu verbreiten, und so jeden Menschen zur Begegnung mit ihm, zum rettenden Glauben zu führen. Die Apostel überwinden alle Furcht in der Verkündigung dessen, was sie persönlich mit Jesus gehört, gesehen, erfahren haben. Durch die Kraft des Heiligen Geistes beginnen sie, in neuen Sprachen zu sprechen, und verkündigen offen das Geheimnis, dessen Zeugen sie waren. In der Apostelgeschichte wird uns dann die große Rede überliefert, die Petrus am Pfingsttag hält. Von einem Abschnitt aus dem Propheten Joel (3,1–5) ausgehend, den er auf Jesus bezieht, verkündet er das Herzstück des christlichen Glaubens: Er, der allen Gutes getan hatte, den Gott durch große Wunder und Zeichen beglaubigt hatte, wurde ans Kreuz geschlagen und umgebracht, Gott aber hat ihn von den Toten auferweckt und ihn zum Herrn und Christus gemacht. Durch ihn haben wir das endgültige Heil erlangt, das von den Propheten verkündigt wurde, und wer seinen Namen anruft, wird gerettet werden (vgl. Apg 2,17– 24). Als sie diese Worte des Petrus hören, fühlen viele sich persönlich angesprochen, bereuen ihre Sünden und lassen sich taufen und empfangen die Gabe des Heiligen Geistes (vgl. Apg 2,37–41). So beginnt der Weg der Kirche: Gemeinschaft, die diese Verkündigung an allen Orten und zu allen Zeiten trägt, Gemeinschaft, die das durch das Blut Christi auf den Neuen Bund gegründete Volk Gottes ist, dessen Mitglieder keiner besonderen sozialen oder ethnischen Gruppe angehören, sondern Männer und Frauen aus allen Nationen und Kulturen sind. Es ist ein »katholisches« Volk, das neue Sprachen spricht und weltweit offen ist, alle anzunehmen, über jede Grenze hinaus, das alle Grenzen niederreißt. Der hl. Paulus sagt: »Wo das geschieht, gibt es nicht mehr Griechen oder Juden, Beschnittene oder Unbeschnittene, Fremde, Skythen, Sklaven oder Freie, sondern Christus ist alles und in allen« (Kol 3,11).

Die Kirche ist also von Anfang an der Ort des Glaubens, der Ort der Weitergabe des Glaubens, der Ort, an dem man durch die Taufe hineingenommen wird in das Paschamysterium des Todes und der Auferstehung Christi, das uns aus der Gefangenschaft der Sünde befreit, uns die Freiheit der Kinder Gottes schenkt und uns in die Gemeinschaft mit dem dreifaltigen Gott einführt. Gleichzeitig sind wir in die Gemeinschaft mit den anderen Brüdern und Schwestern im Glauben hineingenommen, mit dem ganzen Leib Christi, aus unserer Isolierung herausgezogen. Das Zweite Vatikanische Konzil ruft dies in Erinnerung: »Gott hat es aber gefallen, die Menschen nicht einzeln, unabhängig von aller wechselseitigen Verbindung, zu heiligen und zu retten, sondern sie zu einem Volke zu machen, das ihn in Wahrheit anerkennen und ihm in Heiligkeit dienen soll« (Dogmatische Konstitution Lumen gentium, 9). Wenn wir noch einmal an die Taufliturgie denken, dann sehen wir, daß der Zelebrant zum Abschluß der Versprechen, in denen wir dem Bösen widersagen und die Glaubenswahrheiten immer wieder durch »Ich glaube« bekennen, sagt: »Das ist unser Glaube, der Glaube der Kirche, zu dem wir uns alle in Christus Jesus bekennen. « Der Glaube ist eine theologische Tugend, die von Gott geschenkt, aber von der Kirche in der Geschichte weitergegeben wird. Der hl. Paulus schreibt an die Korinther, daß er ihnen überliefert hat, was auch er empfangen hat (vgl. 1Kor 15,3).

Es gibt ein ununterbrochenes Band des kirchlichen Lebens, der Verkündigung des Wortes Gottes, der Feier der Sakramente, das bis zu uns reicht und das wir Tradition nennen. Sie ist uns dafür die Garantie, daß das, woran wir glauben, die ursprüngliche Botschaft Christi ist, die von den Aposteln verkündigt wurde. Der Kern der ursprünglichen Verkündigung ist das Ereignis des Todes und der Auferstehung des Herrn, aus dem das ganze Erbe des Glaubens hervorgeht. Das Konzil sagt: »Daher mußte die apostolische Predigt, die in den inspirierten Büchern besonders deutlichen Ausdruck gefunden hat, in ununterbrochener Folge bis zur Vollendung der Zeiten bewahrt werden« (Dogmatische Konstitution Dei Verbum, 8). Wie also die Heilige Schrift das Wort Gottes enthält, so bewahrt die Tradition der Kirche dieses Wort und gibt es treu weiter, damit die Menschen zu jeder Zeit auf seine unendlichen Ressourcen zurückgreifen und an seinem Gnadenreichtum teilhaben können. »So führt die Kirche in Lehre, Leben und Kult durch die Zeiten weiter und übermittelt allen Geschlechtern alles, was sie selber ist, alles, was sie glaubt« (ebd.).

Abschließend möchte ich hervorheben, daß der persönliche Glaube in der kirchlichen Gemeinschaft wächst und reift. Es ist interessant zu sehen, daß das Wort »Heilige« im Neuen Testament die Christen als Ganzes bezeichnet, und gewiß hatten nicht alle die Voraussetzungen, zu Heiligen der Kirche erhoben zu werden. Worauf wollte man mit diesem Begriff also hinweisen? Auf die Tatsache, daß jene, die den Glauben an den auferstandenen Christus hatten und lebten, berufen waren, ein Bezugspunkt für alle anderen zu werden und sie so in Berührung zu bringen mit der Person und der Botschaft Jesu, der das Antlitz des lebendigen Gottes offenbart. Und das gilt auch für uns: Ein Christ, der sich nach und nach vom Glauben der Kirche führen und formen läßt, trotz seiner Schwächen, seiner Grenzen und seiner Schwierigkeiten, wird gleichsam zu einem Fenster, das offen ist für das Licht des lebendigen Gottes, das dieses Licht aufnimmt und es an die Welt weitergibt. In der Enzyklika Redemptoris missio sagte der sel. Johannes Paul II.: »Durch die Mission wird die Kirche tatsächlich erneuert, Glaube und christliche Identität werden bestärkt und erhalten neuen Schwung und neue Motivation. Der Glaube wird stark durch Weitergabe!« (Nr. 2).

Die heute weitverbreitete Tendenz, den Glauben in die Privatsphäre zu verbannen, widerspricht also dem Wesen des Glaubens. Wir brauchen die Kirche zur Bestätigung unseres Glaubens und um die Gaben Gottes zu erfahren: sein Wort, die Sakramente, die Unterstützung der Gnade und das Zeugnis der Liebe. So kann unser »Ich« im »Wir« der Kirche zugleich als Empfänger und als Träger eines Ereignisses verstanden werden, das es übersteigt: die Erfahrung der Gemeinschaft mit Gott, auf der die Gemeinschaft unter den Menschen gründet. In einer Welt, in der der Individualismus die Beziehungen zwischen den Personen zu regeln scheint und sie immer schwächer macht, ruft uns der Glaube auf, Volk Gottes zu sein, Kirche zu sein, Träger der Liebe und der Gemeinschaft Gottes für die gesamte Menschheitsfamilie (vgl. Pastorale Konstitution Gaudium et spes, 1). Danke für die Aufmerksamkeit.

_______

Quelle