PAPST BENEDIKT XVI.: KATECHESEN ZUM VÖLKERAPOSTEL PAULUS

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Der heilige Apostel Paulus (1): Religiöses und kulturelles Umfeld

Liebe Brüder und Schwestern!

Heute möchte ich eine neue Katechesenreihe beginnen, die dem großen Apostel Paulus gewidmet ist. Ihm ist, wie ihr wißt, dieses Jahr geweiht, das vom Hochfest der heiligen Petrus und Paulus am 29. Juni 2008 bis zum selben Fest im Jahr 2009 dauert. Der Apostel Paulus, eine herausragende, fast unnachahmliche, aber dennoch anregende Gestalt, steht vor uns als Beispiel nicht nur der totalen Hingabe an den Herrn und seine Kirche, sondern auch einer großen Öffnung hin zur Menschheit und ihren Kulturen. Es ist also nur recht, daß wir ihm nicht nur in unserer Verehrung einen besonderen Platz einräumen, sondern auch in dem Bemühen zu verstehen, was er auch uns heutigen Christen zu sagen hat. In dieser unserer ersten Begegnung wollen wir dabei verweilen, uns das Umfeld anzuschauen, in dem er lebte und wirkte. Ein solches Thema würde uns, so scheint es, von unserer Zeit weit wegführen, da wir uns in die Welt vor zweitausend Jahren begeben müssen. Und dennoch trifft das nur scheinbar und nur teilweise zu, denn wir werden feststellen können, daß unter verschiedenen Aspekten der sozio-kulturelle Kontext von heute sich nicht sehr von jenem der damaligen Zeit unterscheidet.

Ein wichtiger und grundlegender Faktor, den man sich vergegenwärtigen muß, ist die Beziehung zwischen der Umgebung, in der Paulus geboren wird und sich entwickelt, und dem globalen Kontext, in den er sich später einfügt. Er kommt aus einer sehr genau umschriebenen Minderheitskultur, nämlich jener des Volkes Israel und seiner Tradition. In der antiken Welt und insbesondere innerhalb des Römischen Reiches dürften sich – wie uns die Altertumswissenschaftler lehren – die Juden auf ungefähr zehn Prozent der Gesamtbevölkerung belaufen haben; hier in Rom war ihre Zahl um die Mitte des 1. Jahrhunderts noch geringer und erreichte höchstens drei Prozent der Einwohnerzahl der Stadt. Ihr religiöser Glaube und ihr Lebensstil unterschieden sie, wie das auch heute noch geschieht, klar von ihrer Umgebung; und das konnte zwei Folgen haben: entweder Spott und Verhöhnung, die zur Intoleranz führen konnte, oder die Bewunderung, die sich in verschiedenen Formen von Sympathie äußerte, wie im Fall der »Gottesfürchtigen« oder der »Proselyten«, Heiden, die sich der Synagoge anschlossen und den Glauben an den Gott Israels teilten. Als konkrete Beispiele dieser Doppelhaltung können wir einerseits das scharfe Urteil eines Redners, nämlich Ciceros, anführen, der die Religion der Juden und sogar die Stadt Jerusalem verachtete (vgl. Pro Flacco, 66–69), und andererseits die Haltung der Frau Neros, Poppea, die von Flavius Iosephus als »Sympathisantin« der Juden bezeichnet wird (vgl. Jüdische Altertümer 20, 195.252; Selbstbiographie »Aus meinem Leben« 16), um nicht davon zu sprechen, daß schon Julius Cäsar ihnen offiziell Sonderrechte zuerkannt hatte, die uns von dem erwähnten jüdischen Historiker Flavius Iosephus überliefert sind (vgl. ebd., 14,200–216). Sicher ist, daß die Zahl der Juden – wie das übrigens noch heute der Fall ist – außerhalb des Landes Israel, also in der Diaspora, viel größer war als auf dem Territorium, das die anderen Palästina nannten.

Es verwundert also nicht, daß Paulus selbst Gegenstand der zweifachen, gegensätzlichen Bewertung gewesen ist, von der ich gesprochen habe. Eines ist sicher: Der Partikularismus der jüdischen Kultur und Religion fand unschwer einen Platz innerhalb einer alles durchdringenden Institution, wie sie das Römische Reich war. Schwieriger und leidvoller wird die Lage der Gruppe jener, ob Juden oder Heiden, die sich mit Glauben der Person Jesu von Nazaret soweit anschließen werden, daß sie sich sowohl vom Judentum als auch vom herrschenden Heidentum unterscheiden. In jedem Fall begünstigten zwei Faktoren den Einsatz des Paulus. Der erste Faktor war die griechische oder, richtiger, die hellenistische Kultur, die nach Alexander dem Großen zum gemeinsamen Erbe des östlichen Mittelmeerraums und des Nahen Ostens geworden war, auch wenn sie dabei viele Elemente der Kulturen von traditionell als Barbaren beurteilten Völkern in sich aufnahm. Ein Schriftsteller der Zeit sagt diesbezüglich: Alexander »befahl, daß alle die ganze bewohnte Erde (»oikoumene«) als Heimat ansehen sollten… und daß sich der Grieche und der Barbar nicht mehr voneinander unterscheiden sollten« (Plutarch, De Alexandri Magni fortuna aut virtute, §§ 6.8). Der zweite Faktor war die politisch-administrative Struktur des Römischen Reiches, die von Britannien bis nach Oberägypten Frieden und Stabilität gewährleistete und ein Territorium von vorher nie gesehenen Ausmaßen vereinte. In diesem Raum konnte man sich mit ausreichender Freiheit und Sicherheit bewegen, während man ein außerordentliches Straßensystem nutzte und an jedem Ankunftsort kulturelle Grundmerkmale vorfand, die, ohne auf Kosten der örtlichen Werte zu gehen, ein gemeinsames vereinendes Gewebe »super partes« darstellten, so daß der jüdische Philosoph Philon von Alexandrien, ein Zeitgenosse des Paulus, den Kaiser Augustus lobt, weil er »alle wilden Völker in Einklang gebracht … und sich zum Hüter des Friedens gemacht hat« (Legatio ad Caium, §§ 146–147).

Die universalistische Sicht, die für die Persönlichkeit des Paulus, zumindest des christlichen Paulus nach dem Ereignis auf der Straße vor Damaskus, typisch ist, verdankt ihren Grundimpuls gewiß dem Glauben an Jesus Christus, insofern die Gestalt des Auferstandenen nun jenseits jeder partikularistischen Enge steht; in der Tat, für den Apostel gibt es »nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid ›einer‹ in Christus Jesus» (Gal 3,28). Dennoch muß auch die historisch-kulturelle Situation seiner Zeit und seines Umfeldes einen Einfluß auf seine Entscheidungen und seinen Einsatz gehabt haben. Jemand hat Paulus als »Mann dreier Kulturen« bezeichnet und damit seiner jüdischen Herkunft, seiner griechischen Sprache und seinem Vorrecht eines »civis Romanus« Rechnung getragen, wie auch sein Name lateinischen Ursprungs bezeugt. Erwähnt werden muß im besonderen die stoische Philosophie, die zur Zeit des Paulus vorherrschend war und, wenngleich nur am Rande, auch das Christentum beeinflußte. In diesem Zusammenhang können wir einige Namen von stoischen Philosophen, wie die der Begründer Zenon und Kleanthes nicht verschweigen, und sodann jene, die zeitlich näher an Paulus waren, wie Seneca, Musonius und Epiktet: In ihnen finden sich sehr hohe Werte der Menschlichkeit und Weisheit, die natürlich ins Christentum aufgenommen werden. Wie ein Fachgelehrter sehr treffend schreibt, »verkündete die Stoa… ein neues Ideal, das dem Menschen wohl Pflichten gegenüber seinen Mitmenschen auferlegte, ihn aber gleichzeitig von allen körperlichen und nationalen Banden befreite und aus ihm ein rein geistiges Wesen machte« (Max Pohlenz, Die Stoa. Geschichte einer geistigen Bewegung. 2 Bde., 2. Aufl. 1964). Man denke zum Beispiel an die Lehre vom Universum, das als ein einziger großer harmonischer Leib verstanden wird, und folgerichtig an die Lehre von der Gleichheit aller Menschen ohne soziale Unterschiede, an die zumindest prinzipielle Gleichstellung zwischen Mann und Frau, und dann an das Ideal der Genügsamkeit, des rechten Maßes und der Selbstbeherrschung, um jede Ausschweifung zu vermeiden. Als Paulus an die Philipper schreibt: »Was immer wahrhaft, edel, recht, was lauter, liebenswert, ansprechend ist, was Tugend heißt und lobenswert ist, darauf seid bedacht« (Phil 4,8), tut er nichts anderes, als eine rein humanistische Konzeption jener philosophischen Weisheit aufzunehmen.

Zur Zeit des hl. Paulus gab es auch eine Krise der traditionellen Religion, zumindest in ihren mythologischen und auch bürgerlichen Aspekten. Nachdem Lukrez schon ein Jahrhundert zuvor polemisch geäußert hatte, daß »die Religion zu vielen Übeln geführt hat« (De rerum natura, 1,101), lehrte ein Philosoph wie Seneca, indem er weit über jeden äußerlichen Ritualismus hinausging: »Gott ist dir nahe, er ist mit dir, er ist in dir« (Briefe an Lucilius, 41,1). Analog sagt Paulus, als er sich auf dem Areopag in Athen an eine Zuhörerschaft von stoischen und epikureischen Philosophen wendet, wörtlich: »Gott … wohnt nicht in Tempeln, die von Menschenhand gemacht sind… Denn in ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir« (Apg 17,24.28). Damit läßt er gewiß den jüdischen Glauben an einen Gott anklingen, der nicht in anthropomorphen Begriffen darstellbar ist, aber er stellt sich auch auf eine religiöse Wellenlänge ein, die seine Zuhörer wohl kannten. Darüber hinaus müssen wir der Tatsache Rechnung tragen, daß viele heidnische Kulte von den offiziellen Tempeln der Stadt absahen und an privaten Orten vollzogen wurden, die die Initiation der Adepten begünstigten. Es bot somit keinen Anlaß zur Verwunderung, daß auch die christlichen Versammlungen (die »ekklesíai«), wie uns vor allem die Paulusbriefe bezeugen, in Privathäusern stattfanden. Im übrigen gab es damals noch kein öffentliches Gebäude. Deshalb mußten die Versammlungen der Christen den Zeitgenossen als eine einfache Variante dieser ihrer innersten religiösen Praxis erscheinen. Doch sind die Unterschiede zwischen den heidnischen Kulten und dem christlichen Kult von nicht geringer Bedeutung und betreffen sowohl das Identitätsbewußtsein der Teilnehmer als auch die gemeinsame Teilnahme von Männern und Frauen, die Feier des »Herrenmahles« und die Lesung der Heiligen Schrift.

Abschließend scheint es aus diesem schnellen Blick auf das kulturelle Umfeld des ersten Jahrhunderts der christlichen Zeit klar, daß es nicht möglich ist, den hl. Paulus angemessen zu verstehen, ohne ihn vor den sowohl jüdischen wie heidnischen Hintergrund seiner Zeit zu stellen. Auf diese Weise gewinnt seine Gestalt an historischer und idealer Dichte und offenbart gegenüber dem Umfeld zugleich Teilnahme und Originalität. Aber das gilt ähnlich auch für das Christentum im allgemeinen, dessen erstrangiges Vorbild eben der Apostel Paulus ist, von dem wir alle noch immer viel zu lernen haben. Das ist denn auch der Zweck des Paulusjahres: Vom hl. Paulus lernen, den Glauben lernen, Christus lernen, schließlich den Weg des rechten Lebens lernen.


Heute beginnen wir einen neuen Zyklus von Katechesen über den hl. Apostel Paulus. Wie ihr wißt, haben wir vor wenigen Tagen mit dem Hochfest der heiligen Petrus und Paulus das Paulusjahr eröffnet, das dem Völkerapostel gewidmet ist und bis zum 29. Juni 2009 dauert. In dieser Zeit wollen wir Paulus nicht nur als eine herausragende und geradezu einzigartige Heiligengestalt verehren, sondern uns auch um ein tieferes Verständnis seiner Lehre bemühen. Mit diesem Ziel werfen wir heute einen Blick auf sein religiöses und kulturelles Umfeld. Paulus wird treffend als „ein Mann dreier Kulturen“ bezeichnet: der jüdischen aufgrund seiner Religion, der griechisch-hellenistischen im Hinblick auf die Sprache und das philosophische Gedankengut und schließlich der römischen als Bürger des Römischen Reiches mit den dazugehörigen Rechten. Diese Faktoren hatten einen nicht unbedeutenden Einfluß auf das Denken und Wirken des hl. Paulus, auch nach der radikalen Wende, die sein Leben durch die Begegnung mit Christus erfahren hat. Als Angehöriger einer kleinen Minderheit wurde er sowohl mit Geringschätzung als auch mit neugierigem Interesse bedacht. Zugleich eröffneten ihm die verbreitete hellenistische Kultur sowie die gute Infrastruktur des Römerreiches den Zugang zu den Menschen im gesamten Mittelmeerraum. Auch die authentischen Ideale verschiedener philosophischer Strömungen und die Krise der heidnischen Kulte hatten gewissermaßen den Boden für die christliche Mission bereitet.

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Der Hl. Paulus (2): Das Leben des Hl. Paulus vor und nach Damaskus

Liebe Brüder und Schwestern!

In der letzten Katechese vor den Ferien – vor zwei Monaten, Anfang Juli – hatte ich aus Anlaß des Paulus-Jahres mit einer neuen Themenreihe begonnen, wobei ich mich mit der Welt befaßte, in der der hl. Paulus lebte. Heute möchte ich, hieran anknüpfend, meine Reflexion über den Völkerapostel fortsetzen und kurz seine Biographie vorstellen. Während wir uns am kommenden Mittwoch dem außergewöhnlichen Ereignis widmen werden, das sich auf dem Weg nach Damaskus zutrug, der Bekehrung des Paulus, jenem grundlegenden Wendepunkt in seinem Leben aufgrund der Begegnung mit Christus, wollen wir heute einen kurzen Gesamtüberblick über sein Leben geben. Biographische Angaben über Paulus finden wir im Brief an Philemon, in dem er sich selbst als »alten Mann« bezeichnet (Phlm 9: »presbytes«), und in der Apostelgeschichte, wo er im Augenblick der Steinigung des Stephanus als »junger Mann« beschrieben wird (7,58: »neanías«). Diese beiden Altersangaben zu seiner Person sind offensichtlich recht allgemein gehalten, aber gemäß alten Berechnungen wurde ein Mann als »jung« bezeichnet, wenn er rund 30 Jahre alt war, während er »alt« genannt wurde, wenn er ein Lebensalter von rund 60 Jahren erreicht hatte. Letztlich aber hängt das Geburtsdatum des Paulus zum Großteil von der Datierung des Briefes an Philemon ab. Die Überlieferung datiert dessen Abfassung in die Zeit seiner Gefangenschaft in Rom, Mitte der 60er Jahre. Paulus soll um das Jahr 8 geboren sein, somit wäre er ungefähr sechzig Jahre alt gewesen, und bei der Steinigung des Stephanus rund 30 Jahre. Dies dürfte die richtige zeitliche Reihenfolge sein. Und die Feier des Paulus-Jahres, das wir begehen, folgt genau dieser Chronologie. Das Jahr 2008 wurde in Erinnerung an seine Geburt um das Jahr 8 gewählt. Wie dem auch sei: er wurde in Tarsus in Zilizien geboren (vgl. Apg 22,3). Diese Stadt war das Verwaltungszentrum der Region und hatte im Jahr 51 v. Chr. keinen Geringeren als Marcus Tullius Cicero zum Prokonsul, während Tarsus zehn Jahre später, im Jahr 41, Schauplatz der ersten Begegnung zwischen Marcus Antonius und Kleopatra war. Er war Diasporajude und sprach Griechisch, obwohl er einen Namen lateinischen Ursprungs trug, der übrigens durch Assonanz vom ursprünglichen jüdischen Namen Saul/Saulos abgeleitet ist, und er hatte das römische Bürgerrecht (vgl. Apg 22,25–28). Paulus steht daher an der Grenze zu drei verschiedenen Kulturen – der römischen, griechischen und jüdischen –, und vielleicht war er auch gerade deshalb zu einer fruchtbringenden universalistischen Offenheit, zur Vermittlung zwischen den Kulturen und zur wahren Universalität bereit. Er erlernte auch ein Handwerk, das er vielleicht vom Vater übernommen hatte und bei dem es sich um den Beruf des »Zeltmachers« handelte (vgl. Apg18,3: »skenopoiòs«), worunter wahrscheinlich jemand zu verstehen ist, der Ziegenrohwolle und Leinenfasern bearbeitet, um Matten oder Zelte herzustellen (Apg 20,33–35). Im Alter von 12 bis 13 Jahren, in jenem Alter also, in dem ein jüdischer Junge »bar mizwa« (»Sohn des Gebots«) wird, verließ Paulus Tarsus und siedelte nach Jerusalem über, wo er zu Füßen von Rabbi Gamaliël dem Alten, einem Neffen des großen Rabbi Hillèl, nach den strengsten Vorschriften der Pharisäer ausgebildet wurde und dabei großen Eifer für die mosaische Thora entwickelte (vgl. Gal 1,14; Phil 3,5–6; Apg 22,3; 23,6; 26,5).

Auf der Grundlage dieser hohen Orthodoxie, die er in Jerusalem in der Schule des Hillèl gelernt hatte, sah er in der neuen Bewegung, die sich auf Jesus von Nazaret berief, eine Gefahr, eine Bedrohung für die jüdische Identität und für die wahre Orthodoxie der Väter. Daraus läßt sich die Tatsache erklären, daß er stolz »die Kirche verfolgte«, wie er es dreimal in seinen Briefen zugegeben hat (1 Kor 15,9; Gal 1,13; Phil 3,6). Auch wenn es nicht leicht ist, sich konkret vorzustellen, worin diese Verfolgung bestand, ist auf jeden Fall davon auszugehen, daß seine Haltung von Intoleranz geprägt war. In diesem Kontext steht das Ereignis bei Damaskus, auf das wir in der nächsten Katechese zu sprechen kommen werden. Sicher ist, daß sich von diesem Augenblick an sein Leben änderte und er zu einem unermüdlichen Apostel des Evangeliums wurde. In der Tat ging Paulus mehr durch sein Wirken als Christ, ja als Apostel in die Geschichte ein als durch seine Taten als Pharisäer. Traditionsgemäß wird sein apostolisches Wirken auf der Grundlage seiner drei Missionsreisen untergliedert, zu der als vierte seine Überführung nach Rom als Gefangener hinzukam. Über sie alle berichtet Lukas in der Apostelgeschichte. Bei diesen drei Missionsreisen ist jedoch die erste von den beiden anderen zu unterscheiden.

Während der ersten Reise trug Paulus nämlich nicht direkt die Verantwortung (vgl. Apg 13–14): sie war vielmehr dem Zyprioten Barnabas anvertraut. Gemeinsam brachen sie als Gesandte jener Kirche von Antiochien am Orontes auf (vgl. Apg 13,1–3), und, nachdem sie vom Hafen von Seleuzia an der syrischen Küste aus in See gestochen waren, durchquerten sie die Insel Zypern von Salamis bis nach Paphos; von dort aus gelangten sie an die Südküste Anatoliens, in der heutigen Türkei, und besuchten die Städte Attalia, Perge in Pamphylien, Antiochia in Pisidien, Ikonion, Lystra und Derbe, von wo aus sie an ihren Ausgangsort zurückkehrten. Auf diese Weise ist die Kirche der Völker, die Kirche der Heiden entstanden. In der Zwischenzeit war vor allem in Jerusalem eine heftige Diskussion um die Frage entbrannt, inwieweit die Heidenchristen verpflichtet seien, auch das Leben und Gesetz Israels anzunehmen (verschiedene Regeln und Vorschriften, die Israel von der übrigen Welt trennten), um wirklich an den Verheißungen der Propheten Anteil zu haben und tatsächlich das Erbe Israels zu übernehmen. Zur Lösung dieses für die im Entstehen begriffene Kirche fundamentalen Problems trat in Jerusalem das sogenannte »Apostelkonzil« zusammen, um über dieses Problem zu beraten, von dem die konkrete Entstehung einer universalen Kirche abhing. Es wurde beschlossen, den bekehrten Heiden nicht die Befolgung des mosaischen Gesetzes aufzuerlegen (vgl. Apg 15,6–30): sie waren also nicht an die Vorschriften des jüdischen Glaubens gebunden; die einzige Notwendigkeit bestand darin, Christus zugehörig zu sein und mit Christus und nach seinem Wort zu leben. Wenn sie nämlich Christus zugehörten, gehörten sie auch zu Abraham und zu Gott und hatten Anteil an allen Verheißungen. Nach diesem entscheidenden Ereignis trennte sich Paulus von Barnabas, wählte Silas und begann seine zweite Missionsreise (vgl. Apg15,36–18,22). Nachdem er Syrien und Zilizien durchquert hatte, besuchte er erneut die Stadt Lystra, wo er Timotheus mitnahm (eine sehr wichtige Gestalt für die entstehende Kirche, Sohn einer Jüdin und eines Heiden) und ihn beschneiden ließ. Danach zog er durch Mittelanatolien und erreichte die Stadt Troas an der Nordküste des Ägäischen Meeres. Hier kam es erneut zu einem bedeutenden Ereignis: Im Traum sah er auf der gegenüberliegenden Seite des Meeres, das heißt in Europa, einen Mazedonier, der ihm zurief. »Komm herüber, und hilf uns!« Es war das künftige Europa, das um die Hilfe und das Licht des Evangeliums bat. Von dieser Vision angespornt, machte er sich auf den Weg nach Europa. Er fuhr mit dem Schiff nach Mazedonien und gelangte so nach Europa. In Neapolis ging er an Land und kam nach Philippi, wo er eine schöne Gemeinde gründete. Dann fuhr er weiter nach Thessalonich, mußte aber aufgrund der Schwierigkeiten, die ihm von den Juden bereitet wurden, die Stadt verlassen und gelangte schließlich über Beröa nach Athen. In dieser Hauptstadt der antiken griechischen Kultur predigte er zunächst auf der Agorà und dann auf dem Areopag zu den Heiden und den Griechen. Seine Rede auf dem Areopag, die in der Apostelgeschichte dokumentiert ist, ist ein Vorbild dafür, wie das Evangelium auf die griechische Kultur übertragen wird; wie den Griechen verständlich gemacht werden kann, daß dieser Gott der Christen, der Juden, nicht ein ihrer Kultur fremder Gott ist, sondern der unbekannte, von ihnen erwartete Gott, die wahre Antwort auf die tiefsten Fragen ihrer Kultur. Von Athen aus begab er sich dann nach Korinth, wo er für eineinhalb Jahre blieb. Dort kam es zu einem chronologisch ganz klar einzuordnenden Ereignis, dem am zuverlässigsten belegten seiner ganzen Biographie. Er wurde nämlich bei seinem ersten Aufenthalt in Korinth vom Gouverneur der Senatorenprovinz Achaia, dem Prokonsul Gallio, vorgeladen, da er eines unrechtmäßigen Kultes angeklagt worden war. Über diesen Gallio und seine Zeit in Korinth gibt es eine antike Inschrift, die in Delphi gefunden wurde und dokumentiert, daß er in den Jahren 51 bis 53 Prokonsul von Korinth war. Damit haben wir also eine absolut zuverlässige Zeitangabe. Der Aufenthalt des Paulus muß also in diese Jahre fallen. Wir können davon ausgehen, daß er um das Jahr 50 angekommen und bis 52 geblieben ist. Von Korinth aus fuhr er über Kenchreä, den östlichen Hafen der Stadt, nach Palästina und kam nach Cäsarea, von wo aus er sich nach Jerusalem begab, um schließlich nach Antiochia am Orontes zurückzukehren.

Die dritte Missionsreise (vgl. Apg 18,23– 21,16) begann wie immer in Antiochia, das zum Ausgangspunkt der Kirche der Heiden und der Heidenmission geworden war, und es war auch der Ort, an dem der Begriff »Christen« geprägt wurde. Hier wurden, so berichtet der hl. Lukas, die Jünger Jesu zum ersten Mal »Christen« genannt. Von dort aus steuerte Paulus geradewegs auf Ephesus zu, die Hauptstadt der Provinz Asien, wo er sich zwei Jahre lang aufhielt und einen Dienst leistete, der sich sehr fruchtbringend auf die ganze Region auswirkte. Von Ephesus aus schrieb Paulus seine Briefe an die Thessalonicher und die Korinther. Die Bevölkerung der Stadt wurde aber von den dortigen Silberschmieden gegen ihn aufgewiegelt, die ihre Einnahmen aufgrund des Rückgangs des Artemis-Kultes schwinden sahen (der ihr in Ephesus geweihte Tempel, das Artemysion, war eines der sieben Weltwunder der Antike); daher mußte er nach Norden fliehen. Nachdem er erneut durch Mazedonien gezogen war, fuhr er wieder hinunter nach Griechenland, wahrscheinlich nach Korinth, wo er sich drei Monate lang aufhielt und den berühmten Brief an die Römer schrieb.

Von dort aus kehrte er wieder zurück: er machte sich erneut auf den Weg nach Mazedonien, erreichte mit dem Schiff Troas, streifte die Inseln Mitylene, Chios und Samos und gelangte schließlich nach Milet, wo er eine bedeutende Rede vor den Ältesten der Kirche von Ephesus hielt, in der er ein Bild vom wahren Hirten der Kirche entwarf (vgl. Apg 20). Von dort aus segelte er wieder nach Tyrus, von wo aus er Cäsarea erreichte, um ein weiteres Mal nach Jerusalem hinaufzuziehen. Dort wurde er aufgrund eines Mißverständnisses verhaftet: einige Juden hatten andere Juden griechischer Herkunft, die von Paulus in den ausschließlich den Israeliten vorbehaltenen Bereich des Tempels mitgenommen worden waren, fälschlich für Heiden gehalten. Die dafür vorgesehene Todesstrafe blieb ihm erspart dank des Eingreifens des römischen Tribuns, der den Tempelbereich bewachte (vgl. Apg 21,27– 36); dies ereignete sich, als Antonius Felix kaiserlicher Prokurator in Judäa war. Nach einer gewissen Zeit im Gefängnis (über deren Dauer die Meinungen auseinandergehen) legte Paulus als römischer Bürger beim Kaiser (in jener Zeit regierte Nero) Berufung ein; der nachfolgende Prokurator, Porzius Festius, schickte ihn dann in militärischem Gewahrsam nach Rom.

Auf seiner Reise nach Rom hielt er sich auf den Mittelmeerinseln Kreta und Malta auf und erreichte dann die Städte Syrakus, Rhegion und Puteoli. Die Christen Roms reisten ihm auf der Via Appia bis zum Forum Appii entgegen (das circa 70 Kilometer südlich von der Hauptstadt liegt), und andere bis nach Tres Tabernae (circa 40 Kilometer). In Rom begegnete er den führenden Männern der jüdischen Gemeinde, denen er anvertraute, daß er »um der Hoffnung Israels willen « seine Fesseln trage (Apg 28,20). Der Bericht des Lukas endet mit der Erwähnung der beiden Jahre, die er in Rom, von einem Soldaten bewacht, verbracht hatte, wobei aber weder die Verurteilung durch den Kaiser (Nero) noch der Tod des Angeklagten erwähnt wird. Spätere Überlieferungen berichten von seiner Befreiung, die dann eine Missionsreise nach Spanien sowie einen späteren Abstecher nach Osten möglich gemacht hätte, genauer gesagt nach Kreta, Ephesus und Nikopolis in Epirus. Ebenfalls auf hypothetischer Grundlage vermutet man eine erneute Verhaftung und eine zweite Gefangenschaft in Rom (wo er die drei sogenannten »Pastoralbriefe« geschrieben haben soll, das heißt die beiden Briefe an Timotheus und den an Titus). Auch sei es zu einem zweiten Prozeß gekommen, der zu seinen Ungunsten ausgegangen sei. Trotzdem sehen sich viele Paulus-Forscher aus mehreren Gründen dazu veranlaßt, die Biographie des Apostels mit dem Bericht des Lukas in der Apostelgeschichte enden zu lassen.

Auf sein Martyrium werden wir in unseren Katechesen an späterer Stelle zurückkommen. Bei dieser kurzen Aufzählung der Reisen des Paulus mag es vorerst genügen festzuhalten, daß er sich der Verkündigung des Evangeliums gewidmet hat, ohne seine Kräfte zu schonen. Dabei hat er eine Reihe von schweren Prüfungen auf sich nehmen müssen, die er im zweiten Brief an die Korinther aufzählt (vgl. 11,21–28). Im übrigen schreibt er selbst: »Alles tue ich für das Evangelium« (1 Kor 9,23), und er versuchte, mit vollkommener Großherzigkeit das vorzuleben, was er »Sorge für alle Gemeinden« nennt (2 Kor 11,28). Wir sehen einen Einsatz, der sich einzig und allein erklären läßt durch eine Seele, die wirklich vom Licht des Evangeliums fasziniert und in Christus verliebt ist; eine Seele, die von einer tiefen Überzeugung getragen ist: wir müssen der Welt das Licht Christi bringen und allen das Evangelium verkünden. Dies scheint mir die Quintessenz dieses kurzen Überblicks über die Reisen des hl. Paulus zu sein: seine Leidenschaft für das Evangelium zu sehen und so die Größe, die Schönheit und die tiefe Notwendigkeit des Evangeliums für uns alle zu erkennen. Bitten wir, daß der Herr, der Paulus sein Licht hat schauen lassen, ihn sein Wort hat hören lassen und sein Herz im Innersten angerührt hat, auch uns sein Licht schauen lasse, damit auch unser Herz von seinem Wort berührt werde und auch wir der Welt von heute das Licht des Evangeliums und die Wahrheit Christi, nach der sie so sehr dürstet, bringen können.

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Der Hl. Paulus (3): Das Damaskuserlebnis des Hl. Paulus

Liebe Brüder und Schwestern!

Die heutige Katechese soll dem Erlebnis des hl. Paulus auf dem Weg nach Damaskus gewidmet sein, also jenem Erlebnis, das man gemeinhin seine Bekehrung nennt. Gerade auf der Straße vor Damaskus ereignete sich nämlich Anfang der Dreißigerjahre des 1. Jahrhunderts der entscheidende Augenblick im Leben des Paulus – nach einer Zeit, in der er die Kirche verfolgt hatte. Darüber ist viel und natürlich unter verschiedenen Gesichtspunkten geschrieben worden. Sicher ist, daß dort eine Wende, ja eine Umkehr der Sichtweise erfolgt ist. Ganz unerwartet begann er nun alles, was für ihn bis dahin das höchste Ideal, ja gleichsam den Grund seiner Existenz darstellte, als »Verlust« und »Unrat« anzusehen (vgl. Phil 3,7–8). Was war geschehen?

Wir haben dazu zwei Arten von Quellen. Die erste und bekannteste sind die Berichte aus der Feder des Lukas, der in derApostelgeschichte dreimal von dem Ereignis berichtet (vgl. 9,1–19; 22,3-21; 26,4-23). Der durchschnittlich gebildete Leser ist vielleicht versucht, zu sehr bei einigen Details stehenzubleiben, wie dem Licht vom Himmel, dem Zu-Boden-Stürzen, der Stimme, die ruft, dem neuen Zustand der Blindheit, der Heilung, als fielen gleichsam Schuppen von den Augen, und dem Fasten. Aber alle diese Details beziehen sich auf den Mittelpunkt des Geschehens: Der auferstandene Christus erscheint als ein strahlendes Licht und spricht zu Saulus, verwandelt dessen Denken und Leben. Der Glanz des Auferstandenen läßt ihn erblinden: So tritt auch äußerlich das zutage, was seine innere Wirklichkeit war, seine Blindheit gegenüber der Wahrheit, dem Licht, das Christus ist. Und dann öffnet sein endgültiges »Ja« zu Christus in der Taufe wieder seine Augen, läßt ihn wirklich sehen.

In der frühen Kirche wurde die Taufe auch »Erleuchtung« genannt, weil dieses Sakrament das Licht schenkt und wirklich sehen läßt. Alles, was somit theologisch angedeutet wird, verwirklicht sich in Paulus auch leiblich: Nachdem er von seiner inneren Blindheit geheilt ist, sieht er gut. Der hl. Paulus ist also nicht von einem Gedanken, sondern von einem Ereignis verwandelt worden, von der unwiderstehlichen Gegenwart des Auferstandenen, an der er fortan nie zweifeln können wird, so stark war die Offenkundigkeit des Ereignisses, dieser Begegnung. Sie änderte das Leben des Paulus grundlegend; in diesem Sinn kann und muß man von einer Bekehrung sprechen. Diese Begegnung bildet den Mittelpunkt der Erzählung des hl. Lukas, der möglicherweise einen Bericht benutzt hat, der wahrscheinlich in der Gemeinde von Damaskus entstanden ist. Daran läßt das Lokalkolorit denken, das durch die Gegenwart des Hananias und die Namen sowohl der Straße als auch des Eigentümers des Hauses, in dem Paulus wohnte, vermittelt wird (vgl. Apg 9,11).

Die zweite Art von Quellen über die Bekehrung stellen die Briefe des hl. Paulus dar. Er hat nie im einzelnen über dieses Ereignis gesprochen, weil er, so denke ich, annehmen konnte, daß alle das Wesentliche dieser seiner Geschichte kannten, denn alle wußten ja, daß er vom Verfolger in einen eifrigen Apostel Christi verwandelt worden war. Und das war nicht infolge eines eigenen Nachdenkens geschehen, sondern aufgrund eines bedeutsamen Ereignisses, einer Begegnung mit dem Auferstandenen. Auch wenn er nicht von den Details spricht, spielt er verschiedene Male auf diese äußerst wichtige Tatsache an, daß nämlich auch er Zeuge der Auferstehung Jesu ist, deren Offenbarung er unmittelbar von Jesus selbst empfangen hat, zusammen mit der Sendung als Apostel. Der klarste Text dazu findet sich in seiner Erzählung darüber, was den Mittelpunkt der Heilsgeschichte bildet: der Tod und die Auferstehung Jesu und die Erscheinungen vor den Zeugen (vgl. 1 Kor 15). Mit Worten der ältesten Überlieferung, die auch er von der Kirche von Jerusalem empfangen hat, sagt er, daß der am Kreuz gestorbene, begrabene und auferstandene Jesus nach der Auferstehung zuerst dem Kephas, also Petrus, dann den Zwölf, danach fünfhundert Brüdern erschienen war, die zum Großteil zu jener Zeit noch lebten; dann dem Jakobus, dann allen Aposteln. Und zu dieser aus der Überlieferung empfangenen Erzählung fügt er hinzu: »Als letztem von allen erschien er auch mir« (1 Kor 15,8). So gibt er zu verstehen, daß dies das Fundament seines Apostolats und seines neuen Lebens ist. Es gibt noch andere Texte, in denen dasselbe zum Vorschein kommt: »Durch Jesus Christus haben wir die Gnade des Apostelamts empfangen « (vgl. Röm 1,5); und weiter: »Habe ich nicht Jesus, unseren Herrn, gesehen?« (1Kor 9,1), Worte, mit denen er auf etwas anspielt, das alle wissen. Und schließlich ist in dem am meisten verbreiteten Text (Gal 1,15-17) zu lesen: »Als aber Gott, der mich schon im Mutterleib auserwählt und durch seine Gnade berufen hat, mir in seiner Güte seinen Sohn offenbarte, damit ich ihn unter den Heiden verkündige, da zog ich keinen Menschen zu Rate; ich ging auch nicht sogleich nach Jerusalem hinauf zu denen, die vor mir Apostel waren, sondern zog nach Arabien und kehrte dann wieder nach Damaskus zurück«. In dieser »Selbstverteidigung « hebt er entschieden hervor, daß auch er wahrer Zeuge des Auferstandenen ist, eine eigene Sendung hat, die er unmittelbar vom Auferstandenen empfangen hat.

So können wir sehen, daß die beiden Quellen, die Apostelgeschichte und die Briefe des hl. Paulus, im grundlegenden Punkt zusammengehen und übereinstimmen: Der Auferstandene hat zu Paulus gesprochen, er hat ihn zum Apostolat berufen, aus ihm einen wahren Apostel gemacht, einen Zeugen der Auferstehung, mit dem besonderen Auftrag, das Evangelium den Heiden, der griechisch-römischen Welt, zu verkünden. Und gleichzeitig hat Paulus gelernt, daß er trotz der Unmittelbarkeit seiner Beziehung zum Auferstandenen in die Gemeinschaft der Kirche eintreten muß, daß er sich taufen lassen und im Einklang mit den anderen Aposteln leben muß. Nur in dieser Gemeinschaft mit allen wird er ein wahrer Apostel sein können, wie er im Ersten Brief an die Korinther ausdrücklich schreibt: »Ob nun ich verkündige oder die anderen: das ist unsere Botschaft, und das ist der Glaube, den ihr angenommen habt« (15, 11). Es gibt nur eine Verkündigung des Auferstandenen, denn Christus gibt es nur einen.

Wie man sieht, interpretiert Paulus an allen diesen Stellen diesen Augenblick nie als ein Bekehrungsgeschehen. Warum? Darüber gibt es viele Hypothesen, aber für mich liegt der Grund klar auf der Hand. Diese Wende seines Lebens, diese Verwandlung seines ganzen Seins war nicht das Ergebnis eines psychologischen Prozesses, einer intellektuellen oder moralischen Reifung oder Evolution, sondern sie kam von außen: Sie war nicht das Ergebnis seines Denkens, sondern der Begegnung mit Jesus Christus. In diesem Sinne war es nicht einfach eine Bekehrung, ein Reifwerden seines »Ich«, sondern es war Tod und Auferstehung für ihn selbst: Eine Existenz starb, und eine andere neue entstand daraus mit dem auferstandenen Christus. Auf keine andere Weise kann diese Erneuerung des Paulus erklärt werden. Sämtliche psychologischen Analysen können das Problem weder klären noch lösen. Allein das Ereignis, die starke Begegnung mit Christus, ist der Schlüssel zum Verstehen dessen, was geschehen war: Tod und Auferstehung, Erneuerung durch den, der sich ihm gezeigt und mit ihm gesprochen hatte. In diesem tieferen Sinn können und müssen wir von Bekehrung sprechen. Diese Begegnung ist eine wirkliche Erneuerung, die alle seine Maßstäbe geändert hat. Jetzt kann er sagen, daß das, was vorher für ihn wesentlich und grundlegend war, zu »Unrat« geworden ist; es ist kein »Verdienst« mehr, sondern Verlust, weil nunmehr allein das Leben in Christus zählt.

Dennoch dürfen wir nicht denken, Paulus sei auf diese Weise in ein blindes Geschehen eingeschlossen worden. Wahr ist das Gegenteil, weil der auferstandene Christus das Licht der Wahrheit, das Licht Gottes selbst ist. Das hat sein Herz geweitet, es offen für alle gemacht. In diesem Augenblick hat er nichts von alldem verloren, was es an Gutem und Wahrem in seinem Leben, in seinem Erbe gegeben hat, sondern er hat auf neue Weise die Weisheit, die Wahrheit, die Tiefe des Gesetzes und der Propheten verstanden und hat sich diese auf neue Weise wieder angeeignet. Gleichzeitig hat sich seine Vernunft der Weisheit der Heiden geöffnet; da er sich mit ganzem Herzen Christus geöffnet hatte, ist er zu einem umfassenden Dialog mit allen fähig geworden, fähig, allen alles zu werden. So konnte er wirklich der Apostel der Heiden sein.

Während wir nun zu uns selbst kommen, fragen wir uns: Was will das für uns besagen? Es will heißen, daß auch für uns das Christentum keine neue Philosophie oder eine neue Moral ist. Wir sind nur dann Christen, wenn wir Christus begegnen. Gewiß zeigt er sich uns nicht auf diese unwiderstehliche, leuchtende Art, wie er es mit Paulus getan hat, um aus ihm den Apostel aller Völker zu machen. Aber auch wir können Christus begegnen, in der Lektüre der Heiligen Schrift, im Gebet, im liturgischen Leben der Kirche. Wir können das Herz Christi berühren und spüren, daß er unser Herz berührt. Erst in dieser persönlichen Beziehung mit Christus, erst in dieser Begegnung mit dem Auferstandenen werden wir wirklich Christen. Und so öffnet sich unsere Vernunft, es eröffnet sich uns die ganze Weisheit Christi und der ganze Reichtum der Wahrheit. Wir bitten also den Herrn, daß er uns erleuchte, daß er uns in unserer Welt die Begegnung mit seiner Gegenwart schenke, und uns so einen lebendigen Glauben, ein offenes Herz, eine große Liebe für alle gebe, die fähig ist, die Welt zu erneuern.

In der Reihe der Katechesen über den heiligen Paulus wollen wir uns heute dem sogenannten Damaskuserlebnis zuwenden. Dreimal wird dieses prägende Ereignis in der Apostelgeschichte erzählt. Demnach war Saulus, wie Paulus ursprünglich hieß, mit dem Auftrag unterwegs, die Christen aufzuspüren, zu verhaften und nach Jerusalem zu bringen. In der Nähe von Damaskus wurde er jedoch von einem hellen Licht umstrahlt; er stürzte zur Erde und hörte die Stimme Jesu: „Saul, Saul, warum verfolgst du mich?“ (Apg 9, 4). Nach der Vision war Paulus erblindet, doch als der Christ Hananias ihm in Damaskus die Hände auflegte, fiel es wie Schuppen von seinen Augen und, vom Heiligen Geist erfüllt, ließ er sich taufen. Diese ausführliche Erzählung in der Apostelgeschichte steht in einem gewissen Kontrast zu den eher nüchternen Aussagen darüber in den Paulusbriefen. Dort schildert der Völkerapostel keine Einzelheiten und deutet das Ereignis weniger als seine Bekehrung, sondern als eine persönliche Begegnung mit Christus, die ihm den Anstoß gibt, alles Vorherige als Unrat aufzugeben (Phil 3, 8) und stattdessen unermüdlich als Zeuge des Auferstandenen zu wirken. Paulus zeigt uns die zentrale Bedeutung der Person Christi für unseren Glauben: Ihm ist nicht nur der historische Jesus, sondern der lebendige Christus erschienen. Dieser Christus bestimmt unsere Identität als Christen; in ihm, dem Gekreuzigten und Auferstandenen, finden wir den tiefsten Sinn unseres Lebens. Wer das erkannt hat, kann diese Wahrheit nicht mehr für sich behalten, er muß sie weitergeben.

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Papst Franziskus auf Lesbos: Rede am Hafen

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Der Papst im Hafen von Lesbos

Bei seiner apostolischen Reise nach Lesbos hat sich Papst Franziskus am Hafen der Insel an die Bewohner und an die Öffentlichkeit gewandt. Hier die Rede des Papstes im Wortlaut:

„Sehr geehrte Vertreter des öffentlichen Lebens, liebe Brüder und Schwestern,

Seit Lesbos ein Anlegeplatz für viele Migranten auf der Suche nach Frieden und Würde geworden ist, spüre ich den Wunsch hierherzukommen. Heute danke ich Gott, der es mir gewährt hat. Und ich danke Herrn Präsidenten Paulopoulos, dass er mich gemeinsam mit Patriarch Bartholomäus und Erzbischof Hieronymos eingeladen hat.

Ich möchte dem griechischen Volk meine Bewunderung ausdrücken: Trotz der großen Schwierigkeiten, mit denen sie sich auseinandersetzen müssen, haben sie es verstanden, ihre Herzen und ihre Türen offen zu halten. Viele einfache Leute haben das Wenige, das sie hatten, zur Verfügung gestellt, um es mit denen zu teilen, denen es an allem fehlte. Gott wird diese Großzügigkeit wie auch die anderer umliegender Nationen, die von Anfang an viele zur Migration Gezwungene mit großer Bereitschaft aufgenommen haben, zu belohnen wissen.

Segensreich ist auch die großherzige Präsenz so vieler Freiwilliger und zahlreicher Vereinigungen, die gemeinsam mit den verschiedenen öffentlichen Einrichtungen ihre Hilfe beigesteuert haben und weiterhin beisteuern. Sie bringen damit im Konkreten eine brüderliche Nähe zum Ausdruck.

Heute möchte ich aus bekümmertem Herzen erneut an die Verantwortung und die Solidarität appellieren angesichts einer so dramatischen Situation. Viele Flüchtlinge, die sich auf dieser Insel und in verschiedenen Gegenden Griechenlands befinden, leben in bedenklichen Situationen, in einem Klima der Beklemmung, der Angst und zuweilen auch der Verzweiflung aufgrund der materiellen Schwierigkeiten und der Unsicherheit der Zukunft.

Die Sorgen der Institutionen und der Menschen hier in Griechenland wie auch in anderen Ländern Europas sind verständlich und berechtigt. Und doch darf man nie vergessen, dass die Migranten an erster Stelle nicht Nummern, sondern Personen sind, Gesichter, Namen und Geschichten. Europa ist die Heimat der Menschenrechte, und wer auch immer seinen Fuß auf europäischen Boden setzt, müsste das spüren können; so wird es ihm selbst deutlicher bewusst werden, dass er sie respektieren und verteidigen muss. Leider ist es einigen – darunter vielen Kindern – nicht einmal gelungen, anzukommen: Sie haben ihr Leben im Meer verloren als Opfer unmenschlicher Reisen unter den Schikanen niederträchtiger Peiniger.

Ihr Bewohner von Lesbos beweist, dass in diesen Landstrichen, der Wiege der Zivilisation, noch das Herz einer Menschheit schlägt, die im anderen vor allem den Bruder oder die Schwester zu erkennen weiß; einer Menschheit, die Brücken bauen will und vor der Illusion zurückschreckt, Zäune aufzurichten, um sich sicherer zu fühlen. Tatsächlich schaffen die Barrieren Spaltungen, anstatt dem wahren Fortschritt der Völker zu dienen; und Spaltungen führen früher oder später zu Auseinandersetzungen.

Um wirklich solidarisch zu sein mit denen, die gezwungen sind, aus ihrem Land zu fliehen, muss man sich engagieren, um die Ursachen dieser dramatischen Realität zu beseitigen: Es genügt nicht, sich darauf zu beschränken, dem augenblicklichen Notfall zu begegnen, sondern es müssen weitreichende und nicht einseitige politische Pläne entwickelt werden. Vor allem ist es notwendig, dort, wo der Krieg Zerstörung und Tod verursacht hat, Frieden aufzubauen und zu verhindern, dass dieses Krebsgeschwür sich anderswo ausbreitet. Darum muss man standhaft der Verbreitung und dem Handel von Waffen und den damit verbundenen oft dunklen Machenschaften entgegenwirken. Wer Pläne des Hasses und der Gewalt verfolgt, dem muss jede Unterstützung entzogen werden. Dagegen muss die Zusammenarbeit zwischen den Ländern, den internationalen Organisationen und den humanitären Einrichtungen unermüdlich gefördert werden und diejenigen, welche den Notlagen entgegentreten, dürfen nicht isoliert, sondern müssen unterstützt werden. In diesem Sinn bringe ich erneut meine Hoffnung zum Ausdruck, dass der erste Weltgipfel für humanitäre Hilfe (World Humanitarian Summit), der im nächsten Monat in Istanbul stattfindet, Erfolg hat.

All das kann man nur gemeinsam tun: Gemeinsam können und müssen menschenwürdige Lösungen für die komplexe Flüchtlingsfrage gesucht werden. Und dabei ist auch der Beitrag der Kirchen und der Religionsgemeinschaften unverzichtbar. Meine Präsenz hier zusammen mit Patriarch Bartholomäus und Erzbischof Hieronymos bezeugt unseren Willen, weiter dafür zusammenzuarbeiten, dass diese epochale Herausforderung nicht Anlass zu Auseinandersetzungen wird, sondern eine Gelegenheit zum Wachsen der Kultur der Liebe.

Liebe Brüder und Schwestern, angesichts der Tragödien, welche die Menschheit verwunden, ist Gott nicht gleichgültig, bleibt er nicht fern. Er ist unser Vater, der uns beim Aufbau des Guten und bei der Zurückweisung des Bösen unterstützt – nicht nur unterstützt, sondern in Jesus hat er uns den Weg des Friedens aufgezeigt. Angesichts des Bösen in der Welt hat er sich zu unserem Diener gemacht, und mit seinem Dienst der Liebe hat er die Welt gerettet. Das ist die wahre Macht, die Frieden hervorbringt. Nur wer in Liebe dient, baut den Frieden auf. Der Dienst lässt aus sich herausgehen und nimmt sich der anderen an, er lässt nicht zu, dass die Menschen und die Dinge zugrunde gehen, sondern weiß sie zu behüten, indem er die dichte Decke der Gleichgültigkeit überwindet, die Herz und Geist umnebelt.

Ich danke euch, dass ihr Hüter der Menschlichkeit seid, dass ihr euch liebevoll um den Leib Christi kümmert, der im geringsten hungrigen und fremden Mitmenschen leidet und den ihr aufgenommen habt. (vgl. Mt 25,35).“

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Lesbos-Erklärung: „Diese Tragödie ist eine Krise der Menschheit“

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Papst und Patriarch im Flüchtlingslager auf Lesbos

Hier die Kernsätze der gemeinsamen Erklärung von Papst Fanziskus dem ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. und dem orthodoxen Erzbischof Hieronymus II. bei seiner apostolischen Reise nach Lesbos:

„Wir haben uns auf der griechischen Insel Lesbos getroffen, um unsere tiefe Besorgnis über die tragische Lage der zahlreichen Flüchtlinge, Migranten und Asylsuchenden zum Ausdruck zu bringen, die nach Europa gekommen sind, weil sie vor Konfliktsituationen und – in vielen Fällen – vor der täglichen Bedrohung ihres Lebens geflohen sind.“

„Die Tragödie erzwungener Migration und Vertreibung betrifft Millionen von Menschen und ist eine Krise der Menschheit, die zu einer Antwort der Solidarität, des Mitgefühls, der Großherzigkeit und zu einem unverzüglichen  praktischen Einsatz der Ressourcen aufruft.“

„Es bedarf dringend eines breiteren internationalen Konsenses und eines Hilfsprogrammes, um die Rechtsordnung aufrechtzuerhalten, in dieser unhaltbaren Situation die grundlegenden Menschenrechte zu verteidigen, Minderheiten zu schützen, Menschenhandel und -schmuggel zu bekämpfen, gefährliche Routen wie die über das Ägäische Meer und das gesamte Mittelmeer auszuschließen und um sichere Umsiedlungsverfahren zu entwickeln.“

„Solange die Not besteht, ersuchen wir nachdrücklich alle Länder, zeitlich beschränktes Asyl zu verlängern, denen, die dafür infrage kommen, den Flüchtlingsstatus zu gewähren, ihre Hilfskapazitäten auszudehnen und mit allen Männern und Frauen guten Willens für eine schnelle Beilegung der laufenden Konflikte zu arbeiten.“

„Was uns betrifft, so beschließen wir im Gehorsam gegenüber dem Willen unseres Herrn Jesus Christus fest und aus ganzem Herzen, unsere Anstrengungen zur Förderung der vollen Einheit aller Christen zu verstärken.“

„Wir bitten die internationale Gemeinschaft dringend, den Schutz menschlichen Lebens zur Priorität zu erheben und auf allen Ebenen inklusive Politik zu unterstützen, die sich auf alle Religionsgemeinschaften erstreckt.“

„Die schreckliche Situation all derer, die von der gegenwärtigen humanitären Krise betroffen sind, einschließlich so vieler unserer christlichen Brüder und Schwestern, verlangt unser fortwährendes Gebet.“

(rv 16.04.2016 gs)


 

Gemeinsame Erklärung

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Papst Franziskus bei seiner Ankunft in Griechenland

Gemeinsam mit dem ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. und dem orthodoxen Erzbischof Hieronymus II. hat Papst Franziskus bei seiner apostolischen Reise nach Lesbos eine Erklärung abgegeben. Hier der Text im Wortlaut:

„Wir, Papst Franziskus, der Ökumenische Patriarch Bartholomäus und Erzbischof Hieronymus von Athen und ganz Griechenland, haben uns auf der griechischen Insel Lesbos getroffen, um unsere tiefe Besorgnis über die tragische Lage der zahlreichen Flüchtlinge, Migranten und Asylsuchenden zum Ausdruck zu bringen, die nach Europa gekommen sind, weil sie vor Konfliktsituationen und – in vielen Fällen – vor der täglichen Bedrohung ihres Lebens geflohen sind. Die Weltöffentlichkeit darf ihre Augen nicht verschließen vor der ungeheuren humanitären Krise, die durch die Ausbreitung von Gewalt und bewaffneten Konflikten, durch Verfolgung und Vertreibung religiöser und ethnischer Minderheiten und durch die Entwurzelung von Familien aus ihrer Heimat unter Verletzung ihrer Menschenwürde und ihrer grundlegenden Menschenrechte und Freiheiten entstanden ist.

Die Tragödie erzwungener Migration und Vertreibung betrifft Millionen von Menschen und ist eine Krise der Menschheit, die zu einer Antwort der Solidarität, des Mitgefühls, der Großherzigkeit und zu einem unverzüglichen  praktischen Einsatz der Ressourcen aufruft. Von Lesbos aus appellieren wir an die Internationale Gemeinschaft, mutig zu reagieren und dieser massiven humanitären Krise und den ihr zugrundeliegenden Ursachen durch diplomatische, politische und karitative Initiativen zu begegnen wie auch durch gemeinsame Anstrengungen sowohl im Nahen Osten als auch in Europa.

Als Hirten unserer jeweiligen Kirchen sind wir einig in unserem Wunsch nach Frieden und unserer Bereitschaft, die Lösung von Konflikten durch  Dialog und Versöhnung zu fördern. Während wir die bereits unternommenen Anstrengungen, um Hilfe und Fürsorge für Flüchtlinge, Migranten und Asylsuchende bereitzustellen, anerkennen, fordern wir alle politischen Verantwortungsträger auf, jegliche Mittel einzusetzen, um zu gewährleisten, dass Einzelne und Gemeinschaften, einschließlich der Christen, in ihren Heimatländern bleiben und ihr Grundrecht, in Frieden und Sicherheit zu leben, genießen. Es bedarf dringend eines breiteren internationalen Konsenses und eines Hilfsprogrammes, um die Rechtsordnung aufrechtzuerhalten, in dieser unhaltbaren Situation die grundlegenden Menschenrechte zu verteidigen, Minderheiten zu schützen, Menschenhandel und -schmuggel zu bekämpfen, gefährliche Routen wie die über das Ägäische Meer und das gesamte Mittelmeer auszuschließen und um sichere Umsiedlungsverfahren zu entwickeln. Auf diese Weise werden wir fähig sein, den Ländern zu helfen, die unmittelbar damit zu tun haben, den Bedürfnissen so vieler unserer leidenden Brüder und Schwestern entgegenzukommen. Besonders bringen wir unsere Solidarität gegenüber den Menschen in Griechenland zum Ausdruck, die trotz ihrer eigenen wirtschaftlichen Schwierigkeiten mit Großherzigkeit auf diese Krise reagiert haben.

Gemeinsam plädieren wir mit Nachdruck für ein Ende von Krieg und Gewalt im Nahen Osten, für einen gerechten und dauerhaften Frieden und für eine ehrenvolle Heimkehr derer, die gezwungen waren, ihre Häuser zu verlassen. Wir bitten die Religionsgemeinschaften, ihre Anstrengungen zu verstärken, Flüchtlinge aller Glaubensrichtungen zu empfangen, zu unterstützen und zu schützen und dass religiöse und zivile Hilfsdienste sich bemühen, ihre Initiativen zu koordinieren. Solange die Not besteht, ersuchen wir nachdrücklich alle Länder, zeitlich beschränktes Asyl zu verlängern, denen, die dafür infrage kommen, den Flüchtlingsstatus zu gewähren, ihre Hilfskapazitäten auszudehnen und mit allen Männern und Frauen guten Willens für eine schnelle Beilegung der laufenden Konflikte zu arbeiten.

Europa steht heute vor seiner ernstesten humanitären Krise seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Um dieser schweren Herausforderung zu begegnen, appellieren wir an alle Christen, auf die Worte des Herrn, nach denen wir einst gerichtet werden, zu achten: » Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen […] Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan « (Mt 25,35-36.40).

Was uns betrifft, so beschließen wir im Gehorsam gegenüber dem Willen unseres Herrn Jesus Christus fest und aus ganzem Herzen, unsere Anstrengungen zur Förderung der vollen Einheit aller Christen zu verstärken. Wir bekräftigen erneut unsere Überzeugung, dass es: » zur Versöhnung gehört […], die soziale Gerechtigkeit in und unter allen Völkern zu fördern […]. Gemeinsam wollen wir dazu beitragen, dass Migranten und Migrantinnen, Flüchtlinge und Asylsuchende in Europa menschenwürdig aufgenommen werden « (Charta Oecumenica [Straßburg 2001], 8). Indem wir die grundlegenden Menschenrechte der Flüchtlinge, Asylsuchenden und Migranten sowie der vielen ausgegrenzten Menschen in unseren Gesellschaften verteidigen, sind wir bestrebt, die Sendung der Kirche zum Dienst an der Welt zu erfüllen.

Unser heutiges Treffen möchte dazu beitragen, denen, die Zuflucht suchen, und allen, die sie empfangen und ihnen beistehen, Mut und Hoffnung zu bringen. Wir bitten die internationale Gemeinschaft dringend, den Schutz menschlichen Lebens zur Priorität zu erheben und auf allen Ebenen inklusive Politik zu unterstützen, die sich auf alle Religionsgemeinschaften erstreckt. Die schreckliche Situation all derer, die von der gegenwärtigen humanitären Krise betroffen sind, einschließlich so vieler unserer christlichen Brüder und Schwestern, verlangt unser fortwährendes Gebet.“

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