50. Jahrestag: Papst schreibt Botschaft an geweihte Jungfrauen

Papst Franziskus schreibt – Archivbild vom Dezember letzten Jahres

Papst Franziskus hat die Wiedereinführung der Jungfrauenweihe vor 50 Jahren als Teil des „vielfältigen Reichtums“ der Kirche gewürdigt. Auch heute noch gebe es Frauen, die den Wunsch hätten, dem Herrn in Jungfräulichkeit geweiht zu sein, schrieb Franziskus in einer am Montag veröffentlichten Botschaft, die wir hier im Wortlaut veröffentlichen.

Die offizielle Fassung haben wir nur an einer Stelle korrigiert: Aus „Experten“ (sic) wurde „Expertinnen“. Sämtliche Predigten und Wortmeldungen des Papstes können Sie auf der offiziellen Homepage des Vatikans einsehen.

Liebe Schwestern!

Vor fünfzig Jahren promulgierte die Heilige Kongregation für den Gottesdienst, im Auftrag des heiligen Paul VI., den neuen Ritus der Jungfrauenweihe. Die noch andauernde Pandemie hat die Kongregation für die Institute des geweihten Lebens und die Gesellschaften des apostolischen Lebens dazu gezwungen, das internationale Treffen zu verschieben, welches sie zur Feier dieses wichtigen Jahrestages einberufen hatte. Ich möchte mich dennoch Eurem Dank anschließen, wie der heilige Johannes Paul II. anlässlich des 25. Jahrestages der Promulgation des Ritus sagte, für diese »zweifache Gabe des Herrn an seine Kirche«: für den erneuerten Ritus und »für den der Gemeinschaft der Kirche zurückgegebenen « Ordo fidelium (Ansprache an die Teilnehmerinnen der Internationalen Tagung des Ordo Virginum, 2. Juni 1995).

„Eure Berufung ist ein Zeichen der Hoffnung“

Eure Lebensform findet ihre erste Quelle im Ritus, erhält ihre rechtliche Gestaltung in can. 604 des Kodex des kanonischen Rechts und ab 2018 in der Instruktion Ecclesiae Sponsae imago. Eure Berufung macht den unerschöpflichen und vielfältigen Reichtum des Geistes des Auferstandenen deutlich, der alles neu macht (vgl. Offb 21,5). Zugleich ist sie ein Zeichen der Hoffnung: Die Treue des Vaters legt auch heute noch einigen Frauen den Wunsch ins Herz, dem Herrn in Jungfräulichkeit geweiht zu sein und diese in ihrem gewöhnlichen sozialen und kulturellen Umfeld, in einer Teilkirche verwurzelt, in einer alten und gleichzeitig neuen und modernen Lebensform zu leben.

Von Euren Bischöfen begleitet, habt Ihr die Eigenart Eurer Form des gottgeweihten Lebens vertieft und dabei erfahren, dass die Jungfrauenweihe Euch in der Kirche zu einem besonderen Ordo fidelium macht. Setzt diesen Weg fort und bemüht Euch gemeinsam mit den Bischöfen um ernsthafte Wege der Berufungsfindung, der einführenden Ausbildung und der ständigen Weiterbildung. Das Geschenk Eurer Berufung drückt sich in der Tat in der Symphonie der Kirche aus, die entsteht, wenn sie in Euch Frauen erkennen kann, die das Geschenk der Schwesternschaft zu leben im Stande sind.

„Löscht die Prophetie Eurer Berufung nicht aus!“

Fünfzig Jahre nach dem Inkrafttreten des erneuerten Ritus möchte ich Euch sagen: Löscht die Prophetie Eurer Berufung nicht aus! Ihr seid nicht durch eigenes Verdienst, sondern aufgrund der Barmherzigkeit Gottes dazu berufen, in Eurer Existenz das Antlitz der Kirche, der Braut Christi, aufleuchten zu lassen, die Jungfrau ist, weil sie, obwohl sie aus Sündern besteht, den Glauben unversehrt bewahrt sowie eine neue Menschheit empfängt und wachsen lässt.

Gemeinsam mit dem Geist, mit der ganzen Kirche und jedem Hörer des Wortes seid Ihr eingeladen, Euch Christus zu anzuvertrauen und ihm zu sagen: «Komm!» (Offb 22,17), um in der Kraft zu verbleiben, die seine Antwort spendet: «Ja, ich komme bald!» (Offb 22,20). Diese Ankunft des Bräutigams ist der Horizont Eures Weges in der Kirche, Euer Ziel und die jeden Tag neu zu ergreifende Verheißung. »Auf diese Weise könnt ihr mit eurer ehrenhaften Lebensweise Sterne sein, die Orientierung geben für den Lauf der Welt« (Benedikt XVI., Ansprache an die Teilnehmerinnen am Kongress des Ordo Virginum, 15. Mai 2008).

Die Texte des Ritus noch einmal lesen und meditieren

Ich lade Euch ein, die Texte des Ritus neu zu lesen und zu meditieren, in denen die Bedeutung Eurer Berufung widerhallt: Ihr seid berufen, zu erfahren und zu bezeugen, dass Gott uns in seinem Sohn zuerst geliebt hat, dass seine Liebe allen gilt und die Kraft hat, Sünder in Heilige zu verwandeln. In der Tat hat »Christus die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben […], um sie zu heiligen, da er sie gereinigt hat durch das Wasserbad im Wort!« (Eph 5,25-26). Euer Leben wird die eschatologische Spannung durchscheinen lassen, die die gesamte Schöpfung belebt, die ganze Geschichte antreibt und aus der Einladung des auferstandenen Herrn entspringt: »Steh auf, meine Freundin, meine Schöne, so komm doch!« (vgl. Hld 2,10; Origenes, Predigten über das Hohelied II, 12).

Die Modellpredigt des Ritus der Jungfrauenweihe ermahnt Euch: „Liebt alle und bevorzugt die Armen“ (Nr. 29). Die Jungfrauenweihe behält Euch Gott vor, ohne Euch von Eurem Umfeld zu entfremden, in dem Ihr lebt und dazu berufen sind, Euer Zeugnis in dem evangeliumsgemäßen Stil der Nähe zu geben (vgl. Ecclesiae Sponsae imago, 37-38). Mit dieser besonderen Nähe zu den Menschen von heute möge Eure jungfräuliche Weihe der Kirche helfen, die Armen zu lieben, materielle und geistige Armut zu erkennen und den Gebrechlichsten und Wehrlosesten zu helfen, den körperlich und psychisch Leidenden, den Kleinen und den alten Menschen, denen, die in Gefahr sind, wie Abfall ausgesondert zu werden.

„Seid Expertinnen der Menschlichkeit“

Seid Frauen der Barmherzigkeit, Expertinnen der Menschlichkeit. Frauen, die »an das Revolutionäre der Zärtlichkeit und der Liebe« glauben (Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 288). Die Pandemie lehrt uns: »Es ist an der Zeit, die Ungleichheit zu beseitigen, die Ungerechtigkeit zu heilen, die die Gesundheit der gesamten Menschheit bedroht!« (Predigt in der Hl. Messe, Barmherzigkeitssonntag, 19. April 2020). Was in der Welt gerade geschieht, möge Euch aufrütteln: verschließt nicht die Augen und lauft nicht weg; durchschreitet mit Feingefühl den Schmerz und das Leiden ; haltet durch und verkündigt das Evangelium von der Fülle des Lebens für alle.

Das Gebet der Jungfrauenweihe ruft die vielfältigen Gaben des Geistes für Euch herab und bittet darum, dass Ihr in einer casta libertas zu leben vermögt. (Ritus der Jungfrauenweihe, 38). Möge das Eure Art sein, Beziehung zu leben, um Zeichen der bräutlichen Liebe zu sein, die Christus mit der Kirche, Jungfrau und Mutter, Schwester und Freundin der Menschheit, vereint. Mit Eurer Güte (vgl. Phil 4,5) knüpft Ihr echte Beziehungsgeflechte, die unsere Stadtviertel aus der Einsamkeit und Anonymität befreien mögen. Seid zur Parrhesia fähig, von der Versuchung zu Geschwätz und Klatsch aber haltet Euch fern. Tretet der Überheblichkeit mit Weisheit, Unternehmungsgeist und der Maßgeblichkeit der Nächstenliebe entgegen und verhindert so Machtmissbrauch.

Frauen der Freude, wie Maria

Am Pfingstfest möchte ich jede Einzelne von Euch segnen wie auch die Frauen, die sich auf diese Weihe vorbereiten und alle, die sie in der Zukunft empfangen werden. »Der Heilige Geist ist der Kirche mitgeteilt worden als unerschöpfliches Prinzip ihrer Freude als Braut des erhöhten Christus» (hl. Paul VI., Apostolisches Schreiben Gaudete in Domino, 41). Seid als Zeichen für die Kirche in ihrer bräutlichen Dimension Frauen der Freude nach dem Beispiel von Maria von Nazaret, der Frau des Magnificat, der Mutter des lebendigen Evangeliums.

Rom, bei St. Johannes im Lateran, am 31. Mai 2020, dem Hochfest von Pfingsten,

Franziskus.

(vatican news – sk)

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Hintergründe zum Thema Frauendiakonat — Alte Forderungen und neue Vatikan-Kommission

Pastoralreferentin mit Hostienschale © Harald Oppitz (KNA)

29.04.2020

Können Frauen in der katholischen Kirche zu Diakoninnen geweiht werden? Zum „Tag der Diakonin“ an diesem Mittwoch wird die Forderung einmal mehr laut. Außerdem hat Papst Franziskus erneut eine Theologen-Kommission einberufen.

Was sind Diakone?

Das Diakonen-Amt ist eines der ältesten der katholischen Kirche. Der griechische Begriff „diakonos“ bedeutet Diener oder Helfer. In den ersten Jahrhunderten wirkten Diakone in der Armen- und Krankenpflege oder als Gehilfen des Bischofs. Ab dem fünften Jahrhundert wurde die Diakonenweihe zur Durchgangsstufe auf dem Weg zur Priesterweihe. Die dritte Stufe ist die Bischofsweihe. Das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) belebte das Diakonat neu. Seit 1968 können verheiratete wie unverheiratete Männer zu sogenannten Ständigen Diakonen geweiht werden; sie streben also kein Priesteramt an.

Was machen Diakone?

Ständige Diakone dürfen unter anderem taufen, Wortgottesdienste leiten und predigen, auch in der Messfeier. Sie dürfen Trauungen leiten und beerdigen, nicht aber die Messe feiern oder Beichte hören.

Derzeit gibt es in Deutschland knapp 3.300 Ständige Diakone, weltweit rund 47.000 in 130 Ländern.

Und was ist mit Diakoninnen?

Weil Frauen nicht katholische Priesterinnen werden dürfen, ist ihnen auch die Weihe zur Diakonin verwehrt, solange diese als erste Stufe des Weiheamts angesehen wird und damit als untrennbar verbunden mit dem Priesteramt.

Aber gab es nicht in der frühen Christenheit Diakoninnen?

In der frühen Kirche waren Frauen, die heute manchmal als Diakoninnen bezeichnet werden, in speziellen Diensten tätig, etwa in der Glaubensunterweisung, der Armenfürsorge und bei seelsorglichen oder liturgischen Handlungen an anderen Frauen. Nach Ansicht vieler Experten war dieses Amt aber kein Weiheamt. Allerdings ist dies nicht endgültig erforscht, weshalb Papst Franziskus 2016 eine erste und kurz vor Ostern eine zweite Kommission zum Thema Frauendiakonat berufen hat. Auch unter Johannes Paul II. hatte es bereits eine Prüfung gegeben. Bei den Studien ging es, wie immer wieder betont wurde, um die Klärung historischer Fakten, nicht um eine Entscheidung für ein künftiges Amt.

Wo steht die Kommissionsarbeit?

Im Mai 2019 erklärte der Papst, die 2016 eingesetzte Kommission habe zu keinem einhelligen Ergebnis gefunden. Der neue Ausschuss muss seine Arbeit erst noch aufnehmen. Unter den Mitgliedern – fünf Frauen und fünf Männer – sind auch erklärte Gegner von Weiheämtern für Frauen.

Was fordern katholische Verbände?

Zum „Tag der Diakonin“, der seit 1997 jährlich am 29. April begangen wird, bekräftigen neben anderen die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd), der Katholische Deutsche Frauenbund (KDFB), das Netzwerk Diakonat der Frau und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) ihre Forderungen nach einem Frauendiakonat. „Frauen halten das soziale und mitmenschliche Leben aufrecht. Das zeigt sich gerade eindrücklich in der Corona-Krise“, heißt es in einer aktuellen gemeinsamen Erklärung: „Fakt ist: Frauen verleihen der Botschaft Jesu Christi auf vielfältige Weise Gesicht, Hand und Fuß. Deshalb sollten sie zu Diakoninnen geweiht werden können, denn sie wirken als authentische Glaubenszeuginnen in einer lebendigen Kirche.“

Zumindest als eigenständiges Amt soll das Diakonat eingeführt werden, viele wünschen sich aber auch die Weihe von Priesterinnen. Nach Ansicht von kfd-Vize Agnes Wuckelt könnte der Papst sagen: „Wenn es für Amazonien, wenn es für Afrika, wenn es für die deutsche, österreichische oder schweizerische Kirche einen pastoralen Sinn macht, dann soll es den Frauendiakonat dort geben.“

Bekommen diese Forderungen Unterstützung von Bischöfen?

In Deutschland und einigen anderen Ländern ja. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, hält eine Sondererlaubnis für den Frauendiakonat für nicht ausgeschlossen. Er sagte, er nehme es ernst, „dass der Ausschluss der Frauen von Weiheämtern als grundlegend ungerecht und unangemessen wahrgenommen wird in einer gesellschaftlichen Umgebung, die Frauen und Männer lange schon in ihren Rechten gleichstellt“.

Auch die Bischöfe Franz-Josef Overbeck (Essen), Franz-Josef Bode (Osnabrück), Gebhard Fürst (Rottenburg-Stuttgart) und Kardinal Christoph Schönborn (Wien) haben sich in letzter Zeit offen für die Diakonenweihe von Frauen ausgesprochen.

Warum berufen sich manche Befürworter auf Benedikt XVI.?

Sie haben dabei vor allem ein Schreiben des damaligen Papstes von 2009 im Blick. Darin hatte er deutliche Abstufungen betont zwischen dem Diakonenamt und denen des Bischofs und des Priesters. Dies wird oft als Absage an die Einheit des Weiheamts aufgefasst und als Spielraum für ein eigenes Amt einer Diakonin.

Und was sagt Papst Franziskus?

Er spricht sich zwar immer wieder für eine stärkere Beteiligung von Frauen aus, lehnt aber bisher Weiheämter für Frauen ab. Wer die Mitwirkung von Frauen in der Kirche nur mit der Zulassung zur Weihe stärken wolle, greife zu kurz und „klerikalisiere“ Frauen, schrieb er in seinem Schreiben zur Amazonas-Synode. Bei dem Bischofstreffen Ende Oktober war mehrfach die Forderung nach einem Diakonat für Frauen erhoben worden. Franziskus griff diese Anregung nicht unmittelbar auf, setzte aber wenig später die neue Kommission zu dem Thema ein.

Gottfried Bohl

(KNA)

Papst lässt Frauendiakonat erneut prüfen

Vatikanstadt. Papst Franziskus will die Frage des Frauendiakonats neu untersuchen lassen. Wie der Vatikan am Mittwoch, 8. April, mitteilte, richtete er eine eigene Studienkommission unter Leitung von Kardinal Giuseppe Petrocchi ein. Zum Sekretär ernannte der Papst Denis Dupont-Fauville, einen Mitarbeiter der Kongregation für die Glaubenslehre. Zu den zehn Mitgliedern des Gremiums gehören den Angaben zufolge die im schweizerischen Fribourg lehrende Theologin Barbara Hallensleben und der in Lugano tätige Priester und Dogmatiker Manfred Hauke. Fünf der Kommissionsmitglieder sind Frauen.

Die Einrichtung des Ausschusses erfolgte laut Mitteilung nach einem Gespräch des Papstes mit dem Präfekten der Kongregation für die Glaubenslehre, Kardinal Luis Francisco Ladaria Ferrer. Bereits 2016 hatte Franziskus eine Kommission eingesetzt, um frühchristliche Aufgaben weiblicher Diakone zu untersuchen. Im Mai 2019 erklärte der Papst, die Arbeiten hätten wie schon zuvor Studien der Internationalen Theologenkommission zu keinem einhelligen Ergebnis geführt. Im Oktober 2019 wurde das Thema bei der Amazonas-Synode im Vatikan angesprochen. Das Schlussdokument hielt fest, eine Zulassung von Frauen zum Diakonat sei im Rahmen der Beratungen von einigen Synodenvätern vorgeschlagen worden.

Der Leiter der neuen Arbeitsgruppe, Kardinal Petrocchi, ist seit 2013 Erzbischof von L’Aquila und wurde 2018 von Franziskus ins Kardinalskollegium berufen. Der aus Paris stammende Kommissionssekretär und Priester Dupont-Fauville besitzt einen fachlichen Schwerpunkt auf frühkirchlicher Theologie und lehrte seit 2010 am Collège des Bernardins in der französischen Hauptstadt.

Die weiteren Mitglieder der Kommission sind Prof. Catherine Brown Tkacz (Lviv, Ukraine), Prof. Dominic Cerrato (Steubenville, USA), Prof. Santiago del Cura Elena (Burgos, Spanien), Prof. Caroline Farey (Shrewsbury, Großbritannien), Prof. James Keating (Omaha, USA), Prof. Angelo Lameri (Crema, Italien), Prof. Rosalba Manes (Viterbo, Italien) und Prof. Anne-Marie Pelletier (Paris, Frankreich).

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Quelle: Osservatore Romano 16/2020

Die Frau als „Weg“ — I. Christus, der Weg zum Vater

(Fortsetzung)

Als Gottmensch steht Jesus Christus ganz auf Seiten Gottes und ganz auf Seiten des Menschen. Er ist Gott und Mensch zugleich ohne jeden Abstrich. „Denn wir haben keinen Hohenpriester, der mit unserer Schwachheit nicht mitempfinden könnte, sondern einen, der in allem ebenso versucht worden ist, die Sünde ausgenommen“ (Hebr. 4, 15). Als Gott-Mensch ist Jesus Christus die lebendige Brücke zwischen Gott und Mensch, zwischen Himmel und Erde, zwischen Schöpfer und Geschöpf. Er ist der Pontifex schlechthin. In seiner Gottmenschlichkeit gründet der Titel als Mittler. Er ist der einzige Mittler zwischen Gott und Mensch. „Es gibt nur einen Gott und einen Mittler zwischen Gott und den Menschen, den Menschen Jesus Christus“ (1. Tim. 2, 5).

Will der Herr seine mittlerische Tätigkeit durch die Sprache der Bilder und Gleichnisse wiedergeben, bezeichnet er sich als den Weg. Er ist der einzige Weg zum Vater, weil er der einzige Mittler ist. Die Exklusivität des Mittlertums Christi betont die Schrift mit aller Deutlichkeit und ist kirchliche Lehre. „Niemand kommt zum Vater als durch mich“, sagt der Herr selbst (Joh. 14, 6). Niemand. Da bleibt kein Zweifel mehr, da gibt es keine Ausnahme. Wie alles vom Vater durch den Sohn ausgeht, so muss auch alles durch den Sohn zum Vater heimfinden. Der Weg der Hinkunft zu Gott ist der gleiche, wie der seiner Herkunft von Gott.

Das christologische Prinzip „niemand kommt zum Vater außer durch mich“ lautet, übertragen auf die Kirche als den in der Geschichte weiterlebenden und weiterwirkenden Christus, „außer der Kirche kein Heil“. Diese Formel „darf … nicht als Antwort auf die Frage <Wer wird gerettet?> betrachtet werden, sondern man muss in ihr die Antwort auf die Frage sehen: <Wer ist beauftragt, den Heilsdienst auszuüben>“.

Maria als Weg zu Christus

Der Offenbarungsweg, den der Vater gegangen ist, heißt: Gott, Christus, Kirche. Gott offenbart sich durch Christus in seiner Kirche. Dieser Weg kennzeichnet das „descendere“, den „Abstieg“ Gottes zu uns. Will der Mensch zu Gott „aufsteigen“, muss er genau den umgekehrten Weg gehen: Kirche, Christus, Gott. Wir gelangen zum Vater durch Christus in seiner Kirche. Wie Christus vor dem Vater steht, steht die Kirche vor Christus. „Ich bin die Straße aller Straßen: auf mir ziehen die Jahrtausende zu Gott“, lässt Le Fort die Kirche sprechen. Nun ist aber Maria Typus der Kirche.

Mariologie und Ekklesiologie interpretieren sich gegenseitig. Das Bild der Kirche erhält das Bild Mariens, aber umgekehrt wird auch die Wirklichkeit der Kirche am konkretesten dargestellt und am schönsten il-lustriert im Bilde Mariens. „Die Kirche ist ja nicht eine Substanz; sie geschieht und ereignet sich immer aufs neue im konkreten Menschen. Man muss also auf diese schauen, will man wissen, was Kirche ist. Nun gibt es aber niemand, der als erlöster Mensch, als Frucht der Erlösung (und in dieser Dimension bewegt sich die Kirche) deutlicher das christliche Dasein repräsentieren könnte, als die heiligste Jungfrau und Mutter Gottes“.

Das Verhältnis Christus–Maria impliziert auch das Verhältnis Kirche–Maria. Kirche und Maria sind die Möglichkeiten der Christusbegegnung. Maria ist die Frau, die uns das Heil gebracht, den Erlöser geboren, alle seine Worte in ihrem Herzen bewahrt hat und deswegen uns die Gestalt Christi am deutlichsten „zeigen“ kann. Die Bitte des „Salve Regina“, „Zeige uns nach diesem Elende Jesum, die gebenedeite Frucht deines Leibes“, hat nicht nur einen eschatologischen Sinn.

Weil wir nur durch die Kirche zu Christus gelangen, gilt auch das Wort „per Mariam ad Christum“, durch Maria zu Christus. Maria steht, wie die Kirche, „vor“ Christus. In der praktischen Frömmigkeit finden wir diese marianische „Vorgegebenheit“ immer bestätigt. Die Verehrung Mariens ist für viele die letzte Verbindung mit Christus und seiner Kirche.

Maria und die Kirche stehen „vor“ Christus, insofern sie uns Christus vermitteln. Die Mittlerschaft Mariens ist also in der Mittlerschaft der Kirche begründet. Das gilt auch umgekehrt. Die Mittlerrolle Mariens hat mehrere Aspekte. „Maria vermittelt zunächst dadurch, dass sie unter dem Kreuze im Namen aller das Ja der Zustimmung gesprochen hat und in den Tod Christi als Repräsentantin der Menschheit selbst eingetreten ist. Infolgedessen ist der Glaube, in dem sich ein Mensch dem Herrn zuwendet, Mitvollzug des von Maria vorausgenommenen Ja zum Tode Jesu Christi. Sie ist jedoch noch in einer zweiten, dem einzelnen noch näherkommenden Weise Mittlerin zu Christus.  Denn sie wünscht … jedem einzelnen die Auswirkung des Werkes Christi. Ihre Sehnsucht geht dahin, dass der Herr, ihr Sohn, der am Kreuz starb, in jedem einzelnen Menschen mächtig wird, so dass der Mensch <in Christus Jesus> lebt und darin des Heils teilhaftig wird. Die Zuwendung Christi zu dem einzelnen Menschen und des Menschen zu Christus ist daher getragen und umfangen von der Liebe Marias. Es gibt tatsächlich keine Begegnung mit Jesus Christus, welche nicht von ihrer Liebe zum Herrn begleitet wäre“.

Jede Mutter zeigt gern ihr Kind. Wir bekunden unseren Glauben an die Mittlerschaft Mariens auf mannigfache Art. Wir bitten sie im Lied „Meestern ich dich grüße“: „Gib ein reines Leben, mach den Weg uns eben, dass in Himmelshöhen froh wir Jesum sehen“. Wir bekennen: „Durch das Kind auf deinen Armen wirkst du Wunder ohne Zahl.“ Wir rufen Sie an als die „Mittlerin“, als die „Fürsprecherin“. Es gibt im Himmel und auf Erden keinen Menschen, der bei Jesus Christus ein geneigteres und bereitwilligeres Ohr für alle Anliegen fände als seine Mutter Maria. Es gibt aber auch keinen Menschen im Himmel und auf Erden, der als Mutter Christi so um das Christusleben der einzelnen Seele besorgt wäre wie Maria. Weil sie Mutter Christi und unsere Mutter ist, ist sie gleichzeitig unsere Mittlerin. Es sind mütterliche Funktionen und Aufgaben, die Maria mit Christus und uns verbinden. Gerade wegen dieser doppelten Mutterschaft ist Maria der „kürzeste und sicherste Weg zu Christus“.

(Fortsetzung folgt!)

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Quelle: Josef Dreissen: „Christus Leitbild jeder Frau“, 312 Seiten, 1962

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Der frauliche Vorrang der Liebe — 3. Die Frau und das Leben

(Fortsetzung)

Das natürliche Gesetz des „Stirb und Werde“ heißt ins christliche übersetzt: Aszese. Ich kann den neuen Menschen, der nach Gott geschaffen ist, nur anziehen, wenn ich zuvor den alten Menschen der Sünde ausgezogen habe. Der neue Mensch kann nicht wie ein Überzieher über den alten Menschen gezogen werden. Überall steht vor dem neuen Menschen der Tod des alten. Nur wo Gräber sind, gibt es eine Auferstehung. Nur wer sich selbst verleugnet, kann Christus bejahen; wer sich selbst verlässt, kann Christus folgen. Das Ich muss abnehmen, wenn Christus wachsen soll. Weil die Frau, die in echter Weise dem Leben dient, das Gesetz des Stirb und Werde vollzieht, hat sie auch eher Verständnis für die christliche Dialektik von Tod und Leben.

Der frauliche Dienst am Leben verlangt einen erbitterten Kampf gegen alle Feinde des Lebens. Der Feind des Lebens ist Satan als Träger des ewigen Todes. Immer ist er der große Gegenspieler Christi und darum auch des Lebens. Wer in irgendeiner Form mit dem Teufel paktiert, spielt mit dem Tod. Der junge Mensch liebt die Gefahr und die Grenze. Er stellt die Frage: wie weit darf ich eigentlich noch gehen? Wo ist die Grenze zwischen Gut und Böse? Wo fängt die Sünde an? Er möchte die Grenze haarscharf auskalkulieren und sich dann auf dem schmalen Grat zwischen Gut und Böse bewegen. Sünde ist primär immer etwas persönliches und nicht etwas sachliches. Die Sünde wird allzu sehr „versachlicht“. Dann wird sie dargestellt und vorgestellt als ein „schwarzer Flecken auf dem Kleid der heiligmachenden Gnade“. Die Sünde ist die genaue Gegenbewegung des Menschen zur Gnade Gottes. In der Gnade ist Gott mir gnädig, er schenkt mir seine Liebe, er schaut mich an, sein Wohlgefallen ruht auf mir. Er zieht mich, bildlich gesprochen, an sein Herz. Gnade ist ein beziehentliches Sein. In der Gnade würdigt mich Gott, sein „Kind“ zu werden, ihn „Vater“ nennen zu dürfen. Er wird mir „Freund“, er wird mir „Bräutigam“. Immer geht die erste Bewegung von Gott aus. Gnade ist also durch und durch personal bestimmt. Sie ermöglicht dem Menschen eine ganz neue Begegnung mit Gott.

Diese neue Beziehung Gottes zum Menschen ist so mächtig, dass sie im Menschen selbst neues, übernatürliches Leben weckt. Wo Gott, das Leben, sich einem Menschen zuwendet, muss neues Leben entstehen. Wenn schon die Sonne mit ihren wärmenden Strahlen im Frühling tausendfach das Leben aus dem Boden hervorlockt, wie viel mehr müssen dann die Strahlen des göttlichen Wohlgefallens den Menschen beleben, der von ihnen getroffen wird.

Für die Realität „Gnade“ dürfte das Mädchen ein besonderes Verständnis haben. Weil es personal bezogen ist, weiß es personale Bezüge zu schätzen. Das Mädchen wird eine andere, wenn es eines Tages der starken und reinen Liebe eines Jungen begegnet und dessen „Braut“ wird. Ein ganz neues Lebensgefühl durchpulst das Mädchen als Braut. Es blüht auf. Was sich hier nur auf der psychologischen Ebene begibt, begibt sich in der Gnade auf der ontischen Ebene. Die Gnade weckt völlig neues Leben im Menschen.

Wie hütet die Braut die Liebe zum Bräutigam? Sie möchte es unter allen Umständen verhindern, dass dieses Verhältnis getrübt oder gar zerstört wird! Ist aber einmal vielleicht durch ein Missverständnis ein „Haar in der Butter“, dann ruht sie nicht eher, bis wieder alles in Ordnung gebracht ist, und der Strom der Liebe und des Vertrauens wieder ungehemmt sich von einem zum anderen ergießt.

Wie leidet ein Mädchen darunter, wenn ein Verhältnis „kaputt“ geht! Es gibt Mädchen, die einen solchen Schlag nur mithilfe einer langwierigen psychotherapeutischen Behandlung überwinden können, wenn sie nicht sogar zeitlebens daran tragen.

Gerade das freundliche Verhältnis ist für das Mädchen ein vielsagenderes Symbol für die Gnade als vielleicht das Kindesverhältnis. Ist doch das Mädchen in der Kirche Braut Christi. Was geschieht, wenn das Mädchen dieses gnadenhafte Verhältnis durch die lässlich Sünde trübt und durch die schwere Sünde zerstört? Zu den törichten Jungfrauen, die in der Stunde ihres Sterbens, wenn der Bräutigam kommt, kein Öl auf der Lampe haben, wird der Herr sagen: „Ich kenne euch nicht. Hinweg von mir! Weichet!“ Wie furchtbar, wenn Gott einen Menschen, den er in der Gnade an sich gezogen hat, wieder zurückstoßen und verwerfen muss, weil dieser Mensch seine göttliche Liebe zurückgewiesen und nicht erwidert hat. Der neue Katechismus nimmt als erste Folge der Todsünde den Verlust des Gnadenlebens. Es ist nicht gleichgültig, unter welchem Aspekt ich dem Mädchen die Folgen der Sünde veranschauliche. Vielleicht geht ihm die Größe der Sünde am besten auf, wenn ich sie als die schlimmste Feindin des Lebens herausstellen. Im Buch der Sprüche heißt es: „wer nicht findet, findet das Leben … Alle die mich hassen, lieben den Tod“ (8, 35, 36). Wir sterben ja letzten Endes alle nicht an einer Krankheit, sondern an der Sünde. Eine Krankheit mag die medizinische Ursache des Todes sein, die metaphysische ist die Sünde.

Hat das Mädchen vom Glauben her die rechte „Lebens“-Auffassung gewonnen, ist der Kampf gegen die Sünde eine Selbstverständlichkeit. Dann wird es versuchen, nach dem Vorbild der Unbefleckten Empfängnis dem Bösen mit einem ganz entschiedenen Nein zu begegnen.

Dieses „Nein“ muss schon der Versuchung entgegengebracht werden. Die beste Medizin ist immer die prophylaktische. Das gilt auch von der Seelsorge. Die Versuchungen sind das Vorfeld der Sünde. Wenn die Vorentscheidungen richtig getroffen werden, braucht man um die letzten Entscheidungen nicht mehr zu bangen. Es gehört mit zur Strategie des Teufels, dass er zunächst mit „Kleinigkeiten“ beginnt. Es genügt ihm vorerst der „kleine Finger“. Hat er den aber, dann greift er zur „ganzen Hand“. Hat er die Hand eines Menschen fest umschlossen, dann zieht er unschwer den ganzen Menschen zu sich herab. Darum heißt es, den Anfängen widerstehen!

Der „tiefe Graben“, in den uns der Teufel hineinstürzen möchte, ist die schwere Sünde und schließlich der Abgrund der Hölle. Wir können uns von diesem Graben nicht weit genug fernhalten.

Es gehört weiter zur Strategie Satans, dass er den Menschen ködert. Satan zeigt sich nie in seiner wahren Gestalt. Er bedient sich eines „Linsengemüses“. Mit einem „Linsenmus“ erreicht er es, dass Esau sein Erstgeburtsrecht verkauft. Wie viele Jungen und Mädchen mögen für das „Linsenmus“ der bösen Lust ihre Unschuld opfern! Der Teufel steckt den Köder der sogenannten „Freude“ an die Angel. Er verheisst einen Genuss, der zum Vollzug der Sünde reizt. Faust durchschaut den Teufel, der ihm den vollen Becher der Lebensfreude verspricht. Er fragt skeptisch: „was willst du armer Teufel geben?“ Der Teufel ist sprichwörtlich „arm“. Ihm fehlt Gott! Nur wer Gott hat, hat alles, wenn er sonst nichts hätte. Wer Gott nicht hat, hat nichts, wenn er sonst alles hätte. Der Teufel kann nur geben, was er hat. Ihm zueigen ist nur die Qual der Gottferne und das Feuer der Hölle. Das verbirgt sich hinter allen seinen „Tarnnamen“, hinter allem trügerischen Glanz, indem er zu blenden versucht. Der Teufel ist ein Meister in der Kunst zu blenden und verblendeten. Wir sprechen nicht umsonst vom Blendwerk des Teufels, hinter dem die Sonne Satans steht.

Zeigen wir dem Mädchen Christus als das Leben, ergibt sich ihm ein ganz neuer Zugang zum Herrn, der seiner Wesensart und Wesensaufgabe entspricht.

(Fortsetzung folgt!)

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Quelle: Josef Dreissen: „Christus Leitbild jeder Frau“, 312 Seiten, 1962

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Der frauliche Vorrang der Liebe — 1. Die Liebe Christi

 

In der Enzyklika „Casti Connubii“ sagt der Heilige Vater Pius XI: „Wenn der Mann das Haupt ist, dann ist die Frau das Herz, und wie er das Vorrecht der Leitung, so kann und soll sie den Vorrang der Liebe als ihr Eigen- und Sondergut in Anspruch nehmen“.

Diese Wahrheit kommt schon im Wort „Weib“ zum Ausdruck. „Die Etymologie des Wortes „Weib“ deutet auf die Wurzel „vip“ zurück und heißt, auf den Priester bezogen, begeistert, innerlich erregt sein. Damit ist das Vorrecht der Frau zu lieben ausgesprochen“.

Weil die grundsätzlich dem Menschen zugeordnete Frau zur Befähigung ihrer Aufgabe in einer besonderen Weise mit der Liebe be-gabt sein muss, gewinnt für sie die quantitative und qualitative Normierung ihrer Liebe an der Liebe Christi eine erhöhte Bedeutung.

Was Liebe ist, weiß der Mensch nicht von sich aus. Eine Methode, die auf induktiven Weg, also von der konkreten menschlichen Erfahrung aus, das Wesen der Liebe bestimmen will, kann leicht das Ziel verfehlen. Einem solchen Versuch begegnen wir heute. Sein und Sinn der Liebe sind weithin von Gott losgelöst und darum willkürlich bestimmt. Menschliche Beziehungen werden als Liebe ausgegeben, die mit wirklicher Liebe nichts mehr zu tun haben. Wo eine „freie Liebe“ gepredigt und die „Liebe ohne Ring“ praktiziert wird, wird ja von vornherein die der echten Liebe wesentliche Kommunikation abgelehnt. Liebe meint hier nicht eine Beziehung des Ich zum Du, sondern eine intensive Ich-Beziehung bei der das „Du“ nicht als Ziel, sondern als Mittel zum Zweck missbraucht wird; noch schärfer formuliert, es handelt sich hier gar nicht mehr um ein Ich-Du, sondern um ein Ich-Es-, bzw. Es-Es-Verhältnis. Der Sexus versachlicht den Menschen, die Frau wird zum „Weibchen“ und der Mann zum „Männchen“.

Missverstanden wird Liebe auch da, wo sie gleichgesetzt wird mit sachlicher Hilfe, wo sie verwechselt wird mit Nachgiebigkeit und Schwäche, wo sie als elterliche, freundliche oder pädagogische Liebe glaubt, dem anderen „Partner“ alles gewähren zu müssen. Aus diesem Missverständnis der Liebe ist das Wort zu erklären „wie kann Liebe Sünde sein“. Aus diesem Missverständnis der Liebe des Erziehers zum Zögling, die eben um das Ziel der Erziehung nicht mehr weiß, ist nicht zuletzt das Phänomen der Halbstarken zu verstehen. Der halbstarke Zögling in das pädagogische Produkt eines halbschwachen Erziehers. Dem halbschwachen Erzieher fehlt der Mut zum kraftvollen Nein. Die Schrankenlosigkeit der Genußsucht resultiert nicht zuletzt aus der Maßlosigkeit der Liebe.

Diesen Missverständnissen können wir nur begegnen, wenn wir auf deduktivem Weg nach dem Wesen der göttlichen Liebe fragen und menschliche Liebe wieder an der göttlichen messen. Nicht die menschliche Erfahrung, die vom konkreten Erlebnis ausgeht und auf analytischem Weg zu allgemein gültigen Erkenntnissen, Regeln und Gesetzen gelangen will, kann ein Ausgangspunkt für die Wesensbestimmung der Liebe sein, sondern die Wirklichkeit Gottes und seine Offenbarung. Die Wirklichkeit Gottes ist immer das erste. Das Wesen väterlicher Liebe wird verbindlich nur erhellt im Licht der Liebe des himmlischen Vaters zu seinem einzigen vielgeliebten Sohn und zu denen, die in seinem Sohn sich Gotteskinder nennen dürfen. Was kindliche Liebe ist, hat uns Jesus Christus gezeigt in seinem Verhältnis zum Vater. Freundliche und eheliche Liebe bekommen ihr Maß vom Liebesbündnis Christi mit seiner Kirche. Alle Formen menschlicher Liebe sind nur schwache Abbilder des göttlichen Urbilder der Liebe. Weil aber die Liebe Gottes in Jesus Christus sichtbar erschienen ist, kulminieren in ihm alle diese Formen. „Christus nennt sich unser Meister und unser Freund, uns nennt er seine Brüder, Schwestern, Mütter – also ist er auch das „Kind“ unserer Seele, er wird in unserer Seele vom Vater geboren – doch nicht ohne unser Zutun – ist aber selbst wieder unsere Mutter (im Bild von der Henne und den Kücklein). In entsprechender Weise sind die Beziehungen zwischen Paulus und seiner Gemeinde so reich, dass Paulus sich als ihren Vater, ihre Amme, ihren Lehrer und ihren Freund und Bruder bezeichnen kann“.

Leider gehen wir oft mit menschlichen Vorstellungen von Liebe an die Liebe Gottes heran. Wir versuchen, von der menschlich erfahrbaren Liebe aus einen Zugang zur Liebe Gottes zu finden. Dieser Weg kann zu einem Gottesbild führen, das wir mit dem Ausdruck „der liebe Gott“ zu bezeichnen pflegen. Josef Andreas Jungmann hat darauf hingewiesen, dass diese Bezeichnung aus der Aufklärung stammt. Sie ist unbiblisch. Dahinter steckt der Gottesbegriff des Deismus, für den Gott nur die Verbrämung eines selbstherrlichen menschlichen Daseins ist. Gegen dieses Gottesbild hat schon Augustin Gruber Stellung genommen. Er macht darauf aufmerksam, wie sehr es der göttlichen Offenbarung widerspricht, „wenn man – was man seit einigen Dezennien häufig im Religionsunterricht tut und getan wissen will – Gott nur als einen weichen Vater darstellt, der alles Böse ohne Sinnesänderung hingehen lasse und auch dem im bösen Sinne Fortbleibenden verzeihe; wenn man besorgt, man möchte die Menschen durch die Darstellung der göttlichen Strafgerechtigkeit zu viel ängstigen, Ihnen das Herz schwer machen“. Noch stärker spricht sich Beta Weber gegen ein Gottesbild aus, „der ‚liebe Gott‘ den sie – damit sind die protestantischen Konfirmanten gemeint – bisweilen genannt und wiederholt bekommen, ist ein freundlicher morgenländlicher Emir, aus dessen Bart beständig die Tränen der Rührung träufeln, mit einem Schäferstock aus grünem Schilfrohr, damit er ja niemandem wehtun kann“.

Der Gottesbegriff des Deismus schillert von der absoluten Transzendenz bis zur absoluten Immanenz. Im Ausdruck „der liebe Gott“ schwingt stark die Transzendenz mit. Man lässt Gott „einen guten, alten Mann sein“, wie eine typische Redewendung besagt. Gott hat mehr Großväterliches als Väterliches an sich.

Es ist von entscheidender Bedeutung, den Gläubigen in Predigt und Katechese ein Gottesbild zu vermitteln, das größer ist als das Leben. Denn dieses kann einen engen Gottesbegriff sprengen. Den Gläubigen sollte das unendlich weite Bild des lebendigen und stets wirkenden Gottes der Offenbarung geboten werden, in dem alles Geschehen noch Platz hat, das eine Antwort gibt auf die Qualen der Hölle und den Tod Christi am Kreuz. Der Vater im Himmel hat niemals etwas Furchtbareres zugelassen als den Tod seines einzigen vielgeliebten Sohnes.

Der missverständliche und belastete Ausdruck „der liebe Gott“ müsste in der Sprache der Verkündigung verschwinden. Er könnte ersetzt werden mit „Vater-Gott“, oder „Herr-Gott“, oder „der liebe Herrgott“. Die Liebe Gottes ist etwas anderes als der liebe Gott. Wer die Liebe Gottes „verstehen“ will, darf das Ziel dieser Liebe nicht aus dem Auge verlieren. Das Ziel aber ist die Heiligkeit, die Vollendung des Menschen.

Gott lässt Schweres über den Menschen kommen – aus Liebe –, damit er daran innerlich wachse und reife. Es ist ein allgemeines Gesetz, dass der Mensch nur am Schweren wächst. Dieses Gesetz beobachten wir allenthalben. In der Schule werden dem Kind zunächst leichte und kleine Aufgaben gestellt. Soll es wachsen in der Erkenntnis und im Wissen, müssen die Aufgaben von Jahr zu Jahr schwieriger und grösser werden. Auf die Dezimalrechnung folgt die Bruchrechnung, auf die Bruchrechnung die Prozentrechnung, usw. Wer Klavier lernen will, beginnt mit ganz leichten Etüden, die sich aber im Schwierigkeitsgrad immer mehr steigern, bis man schließlich die Etüden von Chopain und Liszt bewältigen kann und so in der Lage ist, auch die schwierigsten Klavier Sonaten von Beethoven zu spielen. Ein guter Lehrer, der seinen Schüler weiterführen will, macht ihm Schwierigkeiten, mutet ihm mit zunehmendem Fortschritt mehr und mehr zu. Er versucht gerade durch die schwere der gestellten Aufgaben die letzten schlummernden Möglichkeiten im Kind wachzurufen, er will mit seinen Schülern bis an die äusserste Grenze des möglichen gehen. Ebenso macht es der Sportler, der jeweils die Latte höher legt, wenn er im Hochsprung eine gewisse Höhe erreicht hat. Nur wer etwas von Menschen fordert, fördert ihn.

Der Mensch liebt es, die letzte Grenze der Leistung zu suchen. Wer Auto fährt, möchte den Wagen einmal „ausfahren“, er will wissen, was der Wagen „hergibt“, was in ihm steckt.

Ähnlich verhält es sich mit der Heilspädagogik Gottes. Gott weiß, dass der Mensch zur Trägheit neigt und am liebsten den bequemen Weg geht. Die wenigsten Menschen würden sich Schwierigkeiten machen. Jeder Mensch geht gerne Schwierigkeiten aus dem Weg. Der beliebteste Weg ist immer der Weg des geringsten Widerstandes. Nun macht Gott dem Menschen Schwierigkeiten, er lässt Leid und Not und Versuchung über ihn kommen, weil er ihm damit eine Chance geben möchte, den Höhenweg einzuschlagen. Der Mensch soll die Potenzen seiner inneren Kräfte aktivieren. Gott ruft den Menschen in die äußersten Möglichkeiten des Glaubens, um ihn zu wahrer Größe zu führen. Das Schulbeispiel dafür ist die Glaubensprobe Abrahams. Gott prüft und läutert ihn, wie man Gold und Silber im Feuer läutert. Nur im Feuer schmilzt die Schlacke weg. Nur in „Feuer“ der Leiden wird der Mensch „lauter“ und rein vor Gott.

Wir beobachten jährlich in der Natur den Reifungsprozess. Es gibt kein Reifen ohne die Glut der Sonne. Je heißer die Sonne brennt, desto süßer werden die Trauben, desto schmackhafter der Wein, desto besser der „Jahrgang“. Auch der Mensch braucht zum inneren Wachsen und Reifen die „Sonne“. Diese Sonne ist das Leid. So verschieden auch das Leben der Heiligen sein mag, in einem stimmen sie alle überein: Niemand ist heilig geworden ohne das Leid.

Gott lässt sich im Verhältnis zu uns Menschen von der wahren Liebe leiten, die niemals unser Ziel, die Heiligung, aus dem Auge verliert. Die Liebe Gottes lässt sich auch durch unsere Bitten von diesem Ziel nicht abbringen. Wir wollen oft, was uns passt; Gott will, was uns frommt. – Wir wollen unser Liebstes; Gott unser Bestes. Gott muss uns aus Liebe unser Liebstes nehmen, damit wir das Beste finden, wenn unser Liebstes unser Bestes, unser Heil, gefährdet.

Die tiefste Offenbarung über Gottes Wesen ist die, dass er die Liebe ist. Das versichert uns mehrmals eindringlich der Evangelist Johannes (1. Joh. 4.7ff.). Wenn die Liebe das Wesen Gottes ausmacht, muss diese Liebe auch am deutlichsten geoffenbart sein. Krippe, Kreuz, Altar reißen die Abgründe göttlicher Liebe auf. Sie sind drei Höhepunkte in der Liebesoffenbarung Gottes. Wenn die Offenbarung eine Tatsache immer wieder erhärtet, dann ist es die, dass Gott die Liebe ist. Gerade die größten Heilstaten Gottes, die Menschwerdung seines Sohnes im Stall von Bethlehem, der Tod des Herrn am Kreuz, die Einsetzung der heiligen Eucharistie, sind unüberhörbare und unübersehbare Manifestationen seiner Liebe.

Gott ist ewig und unveränderlich. Er ist der unbedingt getreue Gott. Er kann sich auch nicht ändern in der Liebe zum Menschen. Seine Liebe zu uns hat die Beständigkeit seines eigenen Wesens. Das Symbol der ewigen Liebe Gottes ist das von der Lanze durchbohrte geöffnete Herz des Gott-menschen. In der Präfation vom Herz-Jesu-Fest heißt es: „Dies Herz, in dem die Glut der Liebe zu uns nie erlischt, sollte den Frommen eine Stätte der Ruhe werden, den Büßenden aber als rettende Zuflucht offenstehen.“

Für den gläubigen Christen gibt es keine größere und unumstößliche Gewissheit als die, dass er von Gott geliebt wird. Dieser Glaube dürfte den Christen zu keiner Stunde seines Lebens verlassen. Dieses Licht sollte ihm gerade in den dunkelsten schwersten Stunden leuchten. Nur im Dunkeln leuchten die Sterne. Nur im Dunkel der Nacht des Leidens und der Prüfung kann das Licht des Glaubens erstrahlen.

(Fortsetzung folgt!)

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Quelle: Josef Dreissen: „Christus Leitbild jeder Frau“, 312 Seiten, 1962

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VOM LEBENSDIENST DER FRAU — 3. Die Frau und das Leben

 

Die Frau ist aufgrund ihrer naturhaften Berufung dem Leben zugeordnet. Diese Bestimmung drückt Adam mit dem Namen aus, den er seiner Frau gab, Eva. „Adam gab seiner Frau den Namen Eva; denn sie ward die Mutter aller Lebendigen“ (Gen. 3, 20). Die Frau empfängt das Leben, trägt es, gebiert es, nährt es und erzieht es. Das Leben des Menschen ist in den entscheidenden Stadien seiner Entwicklung ganz auf die Frau verwiesen.

Für diese Aufgabe besitzt die Frau entsprechend seelisch-leibliche Gaben: die Fähigkeit zur Mütterlichkeit und Mutterschaft. Diese Gaben sind ihr aufgegeben. Indem sie diese Gaben gebraucht, verwirklicht sie sich selbst, findet sie zu ihrem eigenen Wesen. Mutter ist der letzte Name einer jeden Frau. Darum kann der Heilige Vater, Papst Pius XII. sagen: „Jede Frau ist dazu bestimmt, Mutter zu sein; Mutter im leiblichen Sinne oder in einem höheren geistigeren, aber nicht weniger wirklichen Sinne. Als Mutter ist die Frau ein Ebenbild des dreifaltigen Gottes. Mutter ist ein Ternarbegriff. Wer Mutter sagt, sagt Frau, sagt Mann, sagt Kind. Wer Mutter sagt, meint die Frau in der Erfüllung ihres Auftrages: Wachset und mehret euch. Das Wort Mutter umschließt immer ein dreifaches, ganz gleich, ob es sich um leibliche oder geistige Mutterschaft handelt: Die Frau selbst, das irgendwie geartete „Du“, mit dem sich die Frau verbindet, und die „Frucht“, die aus dieser Verbindung hervorgeht. Das „Du“ ist beim jungfräulichen Menschen Christus als der absolute Partner des Menschen. Die Verbindung ist eine rein geistige. Der jungfräuliche Mensch wird ein „Geist“ mit Christus. „Wer sich dagegen dem Herrn hingibt, wird ein Geist mit ihm“ (1. Kor. 6, 17). Die „Frucht“ dieser Verbindung sind „geistliche“ Kinder.

Im Augenblick der Geburt begegnen sich Tod und Leben. Neues Leben wird nur da, wo das alte mutig gewagt wird. Die Frau wird Mutter, indem sie ihr eigenes Leben in das Sterben hinein hält. „Und setzest du nicht das Leben ein, kann nicht das Leben gewonnen sein.“ Jede Mutter stellt sich unter das Naturgesetz des „Stirb und Werde“. Darum versteht eine Frau am tiefsten das Wort Christi: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein“ (Joh. 12, 24). „Mit dem Weizenkorn aber meint der Herr sich selbst. Das war das Korn, welches ertötet und vervielfältigt werden sollte: ertötet durch den Unglauben der Juden, gemehrt durch den Glauben der Heiden“, sagt Augustinus. Cyrill von Alexandrien bemerkt hierzu: „Wie das Weizenkorn ausgesät, Ähren hervorbringt, aber dadurch in sich selbst nichts verliert, sondern dadurch seine Kraft nun in allen Körnern der Frucht lebt – denn aus ihm sind ja alle gewachsen – so ist auch der Herr gestorben . . . und die Frucht seines Leidens und Sterbens ist das Leben aller.“ Könnte nicht jede Frau, die um ihre vertrauliche Selbstverwirklichung ringt, die Worte vom Weizen auf sich selbst anwenden? Muss nicht jede Frau das Schicksal des Weizenkornes auf sich nehmen, um fruchtbar werden zu können? Gerade das Wort vom Weizenkorn, das ganz allgemein die naturhafte Gesetzmäßigkeit der Fruchtbarkeit ausspricht, offenbart die wesenhaft christologische Relation der Frau. Wer vom innersten Wesen her Frau sein will, kommt am Gesetz des Stirb und Werde, das Christus uns allen vorexerziert hat, nicht vorbei.

Die Frau, die dem Leben zugewandt und für das Leben offen ist, ist damit bereits im Grund Christus zugewandt. Ihr Lebensbezug ist Christusbezug. Es müsste unseren Mädchen und Müttern ganz deutlich gesagt werden, dass sie ihre vertrauliche Berufung, im Leben zu dienen, ausschließlich nur in und mit Christus erfüllen können. Wer als Mutter das Leben nicht mehr in seiner komplexen Ganzheit sieht, wessen Blick nur auf den schmalen sichtbaren Streifen unseres Erdenlebens gerichtet ist, wer Christus aus der Sicht des Lebens ausklammert, läuft Gefahr, sein Kind für den ewigen Tod zu gebähren. Dann würde das Kind im Zustand seiner Verdammung ewig seiner Mutter fluchen. Ist es nicht furchtbar, wenn der Herr von Judas sagen muss: „für jenen Menschen wäre es besser, wenn er nicht geboren wäre“ (Mt. 26, 24) wenn unsere Frauen und Mütter, die berufenen Hüter des Lebens, nicht mehr um das Leben wissen, wer soll dann überhaupt noch die rechte Sicht haben? Der Dienst am Leben ist von Dienst an Christus nicht zu trennen.

In jedem Menschen steckt ein starker Lebensdrang, ein unersättliche Lebenshunger. Der Mensch ist ein „Nimmersatt“. Um diese Quellen wahren Lebens muss jedes Mädchen und jede Frau wissen. Wir können es nur begrüßen, wenn in einer Zeit eine starke Vitalität aufbricht. Menschlicher Vitalität kann nicht irdisches Brot allein genügen. Gerade die Enttäuschungen, die bei allem Lebensgenuss zurückbleiben, die gähnende Leere, die er hinterlässt, stoßen den Menschen auf seinen metaphysischen Hunger, offenbaren ihn mit seiner Unersättlichkeit als ein transzendentales Wesen. Die Antwort auf allen Lebenshunger und Lebensdurst gibt Christus, wenn er uns zuruft: „Ich habe Ströme lebendigen Wassers, wer zu mir kommt, den wird nimmermehr dürsten“ (vgl: Joh: 4,14; 6, 35; 7, 37). Für diese Antwort hat die Frau besonders helle Ohren.

Wer als Frau seine Berufung, das Leben zu mehren, es zu hegen und zu pflegen, mit Christus meistert, wird das Kind gebären für die Wiedergeburt, wird es auf Christus hin erziehen und ihm in Christus die Fülle des wahren Lebens vermitteln. Zum Dienst am Leben ist im Grunde nur die christ-gläubige Frau befähigt. Der Christusbezug ist für die Mutter konstitutiv, und die Mutterschaft Mariens hat für jede Mutter kanonischen Charakter. Wer sein Kind nicht christlich erzieht, es nicht zu Christus hinzieht, erzieht es letztlich überhaupt nicht, er betrügt das Kind um das Kostbarste und Heiligste, um das ewige Leben.

Jede Frau ist eine geborene Pädagogin, weil ihre Aufgabe der Mensch ist. Was gibt es Kostbareres als den Menschen, den Gott nur um ein Geringes unter die Engel gestellt hat? (Ps. 8,5). Ein Pädagoge kann nur geben, was er hat, deutlicher noch, was er ist. Wer zu Christus kein persönliches Verhältnis gefunden hat, kann ihn nicht geben. Nichts tut unsere Frauenjugend so not, wie die Erziehung zu Christus. Sie ist die unersetzliche Grundlage für vertrauliche Selbstverwirklichung in Mutterschaft und Mütterlichkeit. Wer in der Verbindung mit Christus lebt, besitzt und vermittelt auch wahres Leben. „Wer an mich glaubt, aus dessen Herzen werden, wie die Schrift sagt, Ströme lebendigen Wassers fließen“ (Joh. 7, 38). Christus allein ist das Maß des Lebens. Der Grad der Lebendigkeit einer Gruppe, einer Familie, einer Pfarrei, richtet sich nicht nach dem, was da „los“ ist. Lebendigkeit darf nicht verwechselt werden mit Betriebsamkeit. Lebendig sind eine Familie, eine Gruppe, eine Pfarrei, eine Schule, wenn in ihnen Christus lebt und durch ihn der Geist des Glaubens, der Hoffnung und der tätigen Liebe.

Wer im Licht des Glaubens Christus als das wahre Leben kennengelernt hat, wird immer wieder in den hl. Sakramenten sein Leben erneuern. Er wird vor allem oft das „panis vivus et vitalis“, das lebendige und lebenspendende Brot der hl. Eucharistie empfangen, das ihm in Wirklichkeit „ewige Jugend“ verleiht.

(Fortsetzung folgt!)

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Quelle: Josef Dreissen: „Christus Leitbild jeder Frau“, 312 Seiten, 1962

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VOM LEBENSDIENST DER FRAU — 1. CHRISTUS, DAS LEBEN

Der Herr nennt sich „das Leben“ (Joh. 11, 25; 14, 6). Die frohe Botschaft, dass Jesus Christus das Leben ist, kündet uns vor allem der heilige Evangelist Johannes. „In ihm war das Leben“ (Joh. 1, 4). Der Sohn hat nicht nur das Leben, er ist es. Er hat das Leben nicht etwa von einem anderen „empfangen“ er selbst ist der Urheber des Lebens (Apg. 3,15). „Denn gleich wie der Vater das Leben in sich selbst hat, so hat er auch dem Sohne verliehen, das Leben in sich selbst zu haben“ (Joh. 5, 26). In Christus begegnen wir der ungebrochenen Fülle, der Quelle des Lebens. Er allein ist der „Lebendige“ schlechthin. In Jesus Christus ist „das Leben sichtbar erschienen. Wir haben es gesehen. Wir bezeugen und verkündigen euch das ewige Leben, das beim Vater war und uns sichtbar erschienen ist“ (Joh. 1, 2). Der Herr bezeichnet es als eine spezifische Sendung, den Menschen das Leben zu bringen. „Ich bin gekommen, dass sie das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh. 10,10). In dem Maße, wie ein Mensch teilhat an Jesus Christus, ist er lebendig. Ohne Teilnahme an Jesus Christus gibt es kein Leben. „Wer den Sohn hat, hat das Leben, wer den Sohn aber nicht hat, hat auch das Leben nicht“ (1. Joh. 5,12). Es genügt dem Herrn in keiner Weise, dass die Menschen „etwas vom Leben haben“, dass sie ein „bisschen“ Leben besitzen, dass ihr Leben sich am Rande des Nichts bewegt und immer vom Tod bedroht ist, er will vielmehr den Menschen ein ganz neues Lebensgefühl vermitteln, ihrem Hunger nach Leben in einer Weise entgegenkommen, die uns Menschen völlig den Atem verschlägt. Weil er allein das Leben ist, will er selbst sich uns vermitteln. Wer sein Fleisch isst und sein Blut trinkt, isst ihn selbst und lebt durch ihn (vgl. Joh. 6, 57). Darum kann der Herr sagen „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich in ihm“ (Joh. 6, 56).

Weil Christus das Leben ist, kann ihm der Tod nichts anhaben. Christus ist der einzige vom Wesen her Lebendige, vor dem der Tod kapitulieren musste, und der den Tod siegreich überwunden hat. Weil Christus das Leben ist, ist er auch die Auferstehung (Joh. 11, 25).

In seinem Leiden und Sterben hat Christus den Tod mehr als besiegt, er hat den Tod in Leben gewandelt. Alles was mit Christus in Berührung kommt, wird neu lebendig. Die Kranken, die Aussätzigen, die Besessenen, die Sünder, sie alle schöpfen von ihm das Leben und spüren die lebendigmachende Kraft, die selbst vom Saum seines Kleides ausgeht. Christus verlebendigt sogar den Tod. Das ist fürwahr der göttliche Triumph des Lebens über den Tod. Im Durchgang durch den Tod wird Christus das Leben der Welt. „Dux vitae mortuus regnat vivus“ singt die Kirche in ihrer österlichen Freude und dem stolzen Bewusstsein ihres österlichen Sieges. „Der Fürst des Lebens, tot, herrscht lebend.“ Nur angesichts des Todes kann sich Christus als das Leben offenbaren. Der Tod ist der dunkle Hintergrund, der Christus als das Leben in seiner ganzen Herrlichkeit ausstrahlen lässt. Wenn schon die machtvolle Begegnung Christi mit den Kranken mannigfachster Art, mit Kranken, die an einer unheilbaren Krankheit litten, alle medizinischen Kapazitäten damaliger Zeit konsultierten und ihr ganzes Vermögen ihrer Gesundheit opferten (vgl. Mark. 5, 24), ihn als das Leben erscheinen liessen, dann musste die Begegnung mit dem Tod ihn vollends als den Fürsten und Urheber des Lebens herausstellen. Mit Christus und in Christus stirbt der Tod, um mit ihm als Leben aufzuerstehen. Im Tode Christi wird der Tod zum Prinzip und zur Quelle des Lebens. Am Kreuz Christi entspringt der siebenfache Strom der Sakramente.

Im Tod besiegt Christus nicht nur seinen persönlichen Tod, wie er etwa bei der Auferweckung des Lazarus nur den persönlichen Tod seines Freundes überwand, sondern er besiegt den Tod aller, weil er den Tod aller stirbt; er besiegt den Tod als solchen. Darum hat Christus ein- für allemal dem Tod den Stachel genommen. Er hat grundsätzlich für immer und für alle den Tod um den Sieg gebracht. Der Tod ist nicht mehr in der Welt, seitdem das Leben den Tod im Tod begraben hat. Wer an Christus glaubt, „hat das ewige Leben“ (Joh. 6, 47). Wer von seinem Brot ist, „wird leben in Ewigkeit“ (Joh. 6, 51). Wer an Jesus Christus glaubt, „wird leben, auch wenn er gestorben ist, und jeder, der im Glauben an ihn lebt, wird nicht sterben in Ewigkeit“ (vgl. Joh. 11, 26f.).

Es ist ungemein wichtig, unseren Mädchen den Blick für Christus als das wahre Leben zu öffnen. Sie haben oft eine zu einseitige Auffassung vom Leben. Es wird verstanden als die kurze Spanne Zeit zwischen Geburt und Tod, zwischen Wiege und Bahre. Es wird rein diesseitig-irdisch gesehen. Das Leben des Menschen wird auf eine Stufe gestellt mit dem Leben der Pflanzen und Tiere. – Aus dieser Sicht entstehen viele Kurzschlüsse. Wer seinen Blick nur auf dieses sein irdisch-sichtbares Leben gerichtet hat, stellt sich die begreifliche Frage: ist das denn das Leben? Ist das alles? Wie viele Arbeiterinnen, die unter sehr ungünstigen Verhältnissen eine völlig unfrauliche Arbeit verrichten müssen, sagen: Das ist doch kein Leben mehr. Das ist ein Hundeleben! Ich möchte aber auch einmal leben! Das Leben beginnt nach Feierabend! Die sehr berechtigte Parole: „Freut euch des Lebens“, die wir Christen, richtig interpretiert, nicht dick genug unterstreichen können, wird vielfach rein materialistisch missverstanden. Wer als Mädchen „das Leben genießen möchte“, meint damit: ein Liebesabenteuer, einen schönen Film, einen rauschenden Ballabend, festliche Kleider, gehobenes Essen, und dergl. mehr. Vitalität und Gesundheit, Tod und Leben sind rein diesseitige Begriffe, die Zustände des leiblichen Lebens charakterisieren. Das „Leben“ ist säkularisiert und wird nicht mehr im biblischen Sinne genommen. Wenn Christus das Leben ist, darf es nicht von ihm losgelöst werden. Wer es tut, gleicht einem Manne, der den Fluss von seiner Quelle und den Ast vom Baum trennt. Der Fluss trocknet aus und der Ast modert. Das ist die notwendige Folge. Der Begriff des Lebens hat in der Hl. Schrift eine eminent christologische Valenz.  Wer dem Leben Christus nimmt, entwertet es völlig und macht es sinnlos. Es ist sehr bedauerlich und schließlich ein Zeugnis unseres Unglaubens, dass im Wort Leben das Wort Christus nicht mehr mitschwingt.

Ein Weg, den Glauben an Christus als das Leben der Welt neu zu wecken, wäre die rechte Zuordnung von Taufe und Eucharistie. Man darf wohl sagen, dass kein Glaube so tief und fest im Bewusstsein unseres Volkes verwurzelt ist, wie der Glaube an die Gegenwart Christi unter den Gestalten von Brot und Wein. Dieser eucharistische Glaube manifestiert sich in den mannigfachen Formen: in der Kniebeuge, im Segen mit dem Allerheiligsten, im Anschauen der Gestalten bei der heiligen Wandlung, in öffentlichen und privaten Anbetungsstunden, im Benehmen im Gotteshaus, in theophorischen Prozessionen, im Schmuck der Altäre, in kunstvollen heiligen Gefäßen, im ewigen Licht, im Opfer für das Gotteshaus. All das ist letztlich Zeugnis des eucharistischen Glaubens.

Jedes Brot aber ist auf ein Leben hin geordnet und setzt es voraus. Nur der Lebendige kann essen. Der Appetit ist ist ja geradezu ein Gradmesser der Gesundheit. Darum spricht man von einem „gesunden“ Appetit. Umgekehrt ist Appetitlosigkeit oft ein Krankheitssymptom. Wenn es dem kleinen Kind nicht mehr schmeckt und es die Nahrungsaufnahme verweigert, geht die besorgte Mutter zum Arzt. Sie weiß: meinem Kind fehlt etwas. Leben und Brot sind korrelativ. Alles Brot steht im Dienst des Lebens. Brot gibt Blut und Blut gibt Leben, sagt der Volksmund. Oder das andere von der Mutter oft zitierte Wort: Milch und Brot macht die Wangen rot.

Nun wird aber die Qualität des Brotes ganz bestimmt von der Qualität des Lebens. Jedes Leben fordert ein ihm homogenes Brot. Dem vergänglichen leiblichen Leben genügt ein vergängliches leibliches Brot. Im Leben von unten entspricht ein Brot von unten. Auf das „irdische“ Leben antwortet das irdische Brot. Der menschliche Leib ist von der Erde genommen und wird auch wieder zur Erde zurückkehren. Demselben Gesetz unterliegt alle leibliche Nahrung. Wie dieses Leben sich nicht „hält“, und der Leib verfault, so kann sich auch keine irdische Speise „halten“, so ist auch sie dem Prozess der Fäulnis ausgesetzt. Weil das leibliche Leben des Menschen ein Leben auf den Tod hin ist, ist das tägliche Brot ein „totes“ Brot, dem Christus sich selbst als das „lebendige“ Brot gegenüberstellt.

Analog lassen sich die Parallelen ziehen zwischen dem Leben und dem Brot der Seele. Beide kommen von „oben“, vom „Himmel“ und sind geistiger Natur. Jedes Brot erhält und erhellt das Leben. Im Licht des Brotes enthüllt sich das Leben. Wie kostbar muss ein Leben sein, das mit dem Christus-Brot genährt wird! Wie heilig muss ein Leben sein, dem Christus selbst sich zur Speise gibt! Welche Fülle des Lebens muss in uns verborgen sein, wenn Christus selbst und mit ihm der dreifaltige Gott zu uns kommen, um Wohnung bei uns zu nehmen! Das Brot der heiligen Eucharistie ist nicht nur christliche Existenzerhaltung, sondern auch – und das nicht zuletzt – christliche Existenzerhellung. Die Herrlichkeit des Christusbrotes lässt uns die Herrlichkeit des Christuslebens ahnen. Die Glaubenswirklichkeit der Taufe wird bestätigt und neu erschlossen in der Glaubenswirklichkeit der hl. Eucharistie.

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Quelle: Josef Dreissen: „Christus Leitbild jeder Frau“, 312 Seiten, 1962

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DIE MENSCHBEZOGENHEIT CHRISTI

Gott ist immer seinen Geschöpfen nahe, insofern er sie erhält. Er ist aber den Menschen in einer einmaligen Weise nahegekommen in der Menschwerdung der zweiten Person in der Gottheit. Hier nimmt sich Gott nicht nur des Menschen an, er „zieht“ ihn an, macht sich eine menschliche Natur zueigen, vereinigt sich in geheimnisvoller Weise mit ihr durch die göttliche Person, und zwar so innig, dass diese Vereinigung mit dieser einen menschlichen Natur, die in der Stunde der Verkündigung beginnt, durch nichts und niemand mehr gelöst werden kann und fortdauert für alle Ewigkeit. Der Gottmensch Jesus Christus ist der ewige Garant für die bleibende Nähe Gottes zum Menschen.

Das Geheimnis des Gottmenschen lässt uns etwas ahnen von der beglückenden Nähe, in die Gott alle Menschen zu sich rufen möchte. Freilich ist der Logos nur mit dieser einen Natur, die er aus Maria, der Jungfrau, angenommen und „angezogen“ hat, personal verbunden, aber seine Absicht geht dahin, sich alle Menschen in seiner Kirche als seinem mystischen Leib zu unieren. Alle Menschen sind berufen, Glieder dieses seines mystischen Leibes zu werden. Die Menschbezogenheit des Logos bekennen wir im Credo der heiligen Messe mit den Worten: „Für uns Menschen und um unseres Heiles willen ist er vom Himmel herabgestiegen“. Das unmittelbare Ziel der Menschwerdung Gottes ist der Mensch. In diesem Sinne sagt die Theologie „sacramenta propter homines“, die Sakramente sind für die Menschen da. Wenn Christus „propter nos homines“ „für uns Menschen“ vom Himmel herabgestiegen ist, dann muss der Herr auch in seinen Sakramenten, in denen wir ihm unter geheimnisvollen Zeichen und Worten begegnen können, auf die Menschen bezogen sein.

Die Menschbezogenheit Christi ist eine ausschließliche Heilsbezogenheit. Das „propter nos“ erklärt das Credo durch den Zusatz „propter nostram salutem“, unseres Heiles willen. Der Mensch ist die große Sorge Gottes. Das Schicksal der Engel war mit deren Sündenfall ein für allemal besiegelt. Eine Erlösung der Engel stand nicht im Plane Gottes. Aber Gott beschließt von Ewigkeit her die Erlösung des Menschen. Diese Erlösung, die nach der objektiven Seite allein Gottes Werk ist, kann der einzelne für sich jederzeit zunichte machen. Der getaufte Mensch ist ja keine konsekrierte Materie, die nach vollzogener Konsekration ihre Zuständlichkeit nicht mehr ändern kann. Der Mensch kann sich der Gnade der Erlösung öffnen und verschließen, er kann die Gnade erlangen und sie wieder verlieren, er kann mit der Gnade mitwirken und sie vergeblich empfangen und so verscherzen. Nichts ist im Grunde genommen zur Charakterisierung der christlichen Situation falscher als das Bild von Herkules am Scheideweg. Der Mensch kann sich nicht in einem einmaligen Akt definitiv für Christus und damit für sein Heil entscheiden. Es gibt keinen mechanischen Heilsweg, der den Menschen, wenn er ihn einmal beschritten hätte, unweigerlich zu seinem Ziel führte. Die Bekehrung des Menschen ist ein fortwährender Prozess, der erst mit der Heimkehr des Menschen zu Gott sein Ende gefunden hat. Es gibt, streng genommen, keinen „Konvertiten“ es gibt nur den sich stets und ständig zu Gott hin Konvertierenden. Die Konversion im imperfektischen Sinne kennzeichnet den Heilsweg der Christen. Dabei bekehrt sich nicht der Mensch zu Gott, sondern Gott bekehrt den Menschen zu sich. „Converte nos, Deus salutaris noster.“ Bekehren uns, Gott unser Heil, betet die Kirche jeden Tag in ihrem Nachtgebet, in der Komplet. Im Staffelgebet der hl. Messe finden wir eine ähnlich lautende Bitte: „Deus, tu conversus vivificabis nos“, Gott wende dich zu uns und gib uns neues Leben. Im Psalm 118 spricht der Psalmist: „Wende dich her zu mir und erbarme dich meiner, wie du gewohnt bist, denen zu tun, die deinen Namen lieben. Lenke, oh Herr, meine Schritte nach deinem Wort, lass kein Unrecht über mich Macht gewinnen.“ Es gibt keine Bekehrung, die ohne den Anruf Gottes zur Umkehr denkbar wäre. Der Christ ist im Zustand der Pilgerschaft beständig auf dem Weg der Hin-kehr und Heim-kehr zu Gott. Konversion im Perfekt gibt es erst in statu comprehensoris, im Zustand der Vollendung. Weil der Mensch durch den Anruf Gottes also immer wieder vor die Entscheidung gestellt wird, die positiv und negativ ausfallen kann, bleibt er die „einzige“ Sorge Gottes. Im Introitus vom Herz-Jesu-Fest heißt es „Er sinnt in seinem Herzen von Geschlecht zu Geschlecht, dass er ihr Leben vom Tode errette und in der Zeit des Hungers sie nähre“.

Wie sehr der Mensch ein Kulminationspunkt göttlicher Sorge und Liebe ist, bezeugt am eindeutigsten die Person des Gottmenschen Jesus Christus. Denn in der Menschwerdung macht Gott die Sorgen und Nöte der Menschen zu den Seinigen. Er teilt mit ihnen ihr Schicksal. Jesus Christus ist das den Menschen fortwährend zugewandte Antlitz des Vaters. Christus ist der vom Vater in die Welt gesandte göttliche „Pädagoge“ der Menschheit. Wenn er erhöht ist, wird er alles an sich „ziehen“ (Joh. 12, 32). Niemand aber kann zum Sohn kommen, wenn ihn der Vater nicht „zieht“ (vgl. Joh, 6.44).

Christus ist dieser Sendung treu geblieben bis zum Tode am Kreuz, ja er bleibt ihr treu bis in alle Ewigkeit als der ewige Hohepriester, der „immerdar lebt, um Fürsprache für sie einzulegen“ (Heb. 7.25). Der Herr ist immer für die Menschen da. Nikodemos empfängt er mitten in der Nacht. Er weist ihn nicht zurück. Er hätte ihm sagen können: „Du bist ein Feigling. Du wählst die Stunde der Nacht, um nicht gesehen zu werden. Warum kommst du nicht am helllichten Tag zu mir?“ Er hätte sich entschuldigen können mit dem Hinweis darauf, dass er die Nachtruhe brauche, dass der Tag für die Arbeit da sei. Aber nichts von alledem. Nikodemus trifft kein Vorwurf, kein Tadel, kein Verweis ob der nächtlichen Ruhestörung. Christus ist immer für die Menschen da, bei Tag und bei Nacht. Er hat immer „Sprechstunden“. Er empfängt auch die Mütter mit ihren Kindern zu später Abendstunde, am „Feierabend“. Als die Jünger die Leute abwiesen, weil sie wussten, wie müde und abgearbeitet der Herr war, entgegnete ihnen Christus: „Lasst die Kinder zu mir kommen und wehret es ihnen nicht; denn für solche ist das Himmelreich“ (Matthäus 19.14). Wie Christus immer für die Menschen da ist, ist er ganz für Sie da. Das wird vor allem sichtbar beim Kreuzesopfer, das wesentlich ein „holocaustum“, ein „Ganzopfer“ ist.

Seine Sendung an die Menschen kleidet der Herr in viele Parabeln. Er schildert uns das Gleichnis vom verlorenen Sohn, von der verlorenen Drachme, vom verlorenen Schaf. Etwas näher sei hier eingegangen auf das Gleichnis vom guten Hirten (Joh. 10,11-16). Der gute Hirt führt die Schafe, er weidet sie, er schützt sie. Christus führt die Menschen zum Vater, er nährt sie mit seinem eigenen Fleisch und Blut, er schützt sie vor dem Zugriff des Bösen mit seinem Leben. Das Bild des guten Hirten enthüllt uns die völlige Selbstlosigkeit des Herrn, der sich nicht schont, um die Schafe zu retten. Der Herr geht nicht nur auf in der Sorge um die Menschen, er geht vielmehr buchstäblich dabei drauf.

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Quelle: Josef Dreissen: „Christus Leitbild jeder Frau“, 312 Seiten, 1962

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„MARIA – DIE MUTTER CHRISTI – IST DAS MAß JEDER FRAU“

Christ’s Appearance to Mary Magdalene after the Resurrection, Ivanov, 1834.

Der Mensch ist geschaffen als Gottes Ebenbild und Gleichnis. „So schuf Gott den Menschen als sein Abbild. Als Gottes Abbild schuf er ihn. Er schuf ihn als Mann und Frau“ (Genesis 1, 27). Er schuf ihn also zweigeschlechtlich. „Unter Geschlechtlichkeit verstehen wir hier etwas, das sich auf die gesamte Person des Menschen bezieht … Dort im Innersten der Person regiert die Geschlechtsnatur. So ist … die Geschlechtlichkeit eines Menschen etwas, das seinem Sein zugeordnet ist“.

Die Gottebenbürtigkeit des Menschen gilt von Mann und Frau im gleichen Maße, wenn auch nicht in gleicher Weise. Nun ist aber Christus „das Ebenbild des unsichtbaren Gottes“ (Kol. 1,15). Jesus Christus allein ist das absolute, ebenbürtige, adäquate Spiegelbild des Vaters. Nur im Gottmenschen Jesus Christus ist der Mensch perfekt.

Auf Grund seiner Gottebenbildlichkeit steht jeder Mensch in einer Wesensrelation zu Jesus Christus, der das schlechthinnige Maß aller Menschen ist. Der Prozess der Menschwerdung, der ein ganzes Leben lang währt, ist unabdingbar an den menschgewordenen Logos verwiesen. Menschliche Existenzentfaltung ist, losgelöst von Jesus Christus, von vornherein zum Scheitern verurteilt. Das gilt ebensosehr für die Frau wie für den Mann.

Es hat nur einen Menschen gegeben, der durch seinen einzigartigen Christusbezug zur höchsten Vollendung seines Menschseins gelangte: Maria. Man darf nicht Maria neben Christus stellen. Niemand hat sich bewusst und gewollt so ganz und gar unter ihn gestellt wie sie als Mutter und Magd. Es wäre falsch, Maria von Christus zu trennen und ihr ein Eigenlicht zuschreiben zu wollen. Gerade sie ist ganz Licht vom Lichte Christi. Sie kündet mit 1000 Zungen und Sprachen ihn. Christus ist das Leitbild für Maria. Sie ist sein getreuestes Spiegelbild. Kein Mensch spiegelt den Herrn so klar und leuchtend wieder wie sie.

Einzigartig ist die wurzelhafte Herkunft Mariens von Christus, die dieser Herkunft entsprechende Hinkunft Mariens zu Christus und schlussfolgernd auch die der Hinkunft korrespondierende Ankunft Mariens bei Christus.

Über die wurzelhafte Herkunft Mariens von Christus sagt Pius IX. in der Bulle „Ineffabilis Deus“: „Deshalb verwendet ja auch die Kirche die gleichen Worte, mit denen die Heilige Schrift von der ungeschaffenen göttlichen Weisheit spricht und ihren ewigen Ursprung schildert, im kirchlichen Stundengebet bei der Feier des hochheiligen Opfers und überträgt sie auf den Ursprung dieser Jungfrau, deren Erschaffung ja zugleich mit der Menschwerdung der göttlichen Weisheit beschlossen wurde.“

Das Dogma von der Unbefleckten Empfängnis aber lehrt: „dass die seligste Jungfrau Maria im ersten Augenblick ihrer Empfängnis durch einzigartiges Gnadengeschenk und Vorrecht des allmächtigen Gottes, im Hinblick auf die Verdienste Jesu Christi, des Erlösers des Menschengeschlechtes, von jedem Fehl der Erbsünde rein bleibt.“ Maria wendet sich also der ganze Strom der Erlösungsgnade zu. Sie ist „voll der Gnaden“. Dazu sagt die Enzyklika „Mystici Corporis“ im Anhang: „Ihre heiligste Seele war, mehr als alle anderen von Gott erschaffenen zusammen, vom göttlichen Geist Jesu Christi erfüllt.“ „Cuius sanctissima anima fuit, magis quam ceterae una simul omnes a Deo creatae, divino Jesu Christi Spiritu repleta.“ Maria ist also nicht nur die höchste und letzte Stufe in der Reihe der begnadeten Seelen. Auf ihre Person kommen mehr Gnaden als auf alle anderen Menschen zusammen. „Voll der Gnaden“ meint die volle Erlösung Mariens.

Dem Woher Mariens entspricht ihr Wohin. Das Wort des Psalmisten „In te proiectus sum ex utero“, „auf dich bin ich geworfen vom Schoß der Mutter“, gilt von Maria in einer einmaligen Weise. Ihre totale Hinordnung zu Christus ist ausgesprochen in dem zweifachen Titel: „Mutter Christi“ und „Braut Christi“, bzw. „Eva des neuen Bundes“. Von diesem zweifachen Titel aus kennt Mariens Leben nur einen Sinn und ein Ziel: Christus und sein Werk. In der Ungeteiltheit, in der Ausschließlichkeit ihres Da-seins für das personale Wort, für das verbale Wort – sie bewahrte alle Worte in ihrem Herzen – und das Werk Christi erschöpft sich der Sinn ihres Lebens.

Der Hinordnung Mariens zu Christus, die Werk Gottes und Werk Mariens ist, korrespondiert die gnadenhafte, einzigartige Ankunft Mariens bei Christus durch ihre leibliche Aufnahme in den Himmel und ihre Teilnahme am Königtum Christi als dessen Teilgabe. Das Maß der Teilhabe und Teilnahme am Erlösungswerk Christi auf Erden bestimmt genau das Maß ihrer Teilhabe am Königtum ihres Sohnes. Wenn Pius IX. in „Ineffabilis Deus“ von einem „uno eodemque decreto“, ein- und demselben Ratschluss, spricht, mit dem Gott die Inkarnation seines Sohnes und den Ursprung Mariens beschlossen habe, dann sagt Pius XII. im Schlussteil von „Mystici Corporis„, dass Maria „unaque simul cum filio suo regnat“, dass Maria zugleich mit ihrem Sohne als Königin regiert. Beide Worte, die in ihrer Ähnlichkeit überraschen, betonen die Zusammenschau Mariens mit Christus.

Die Christusbezogenheit Mariens ist die bedeutungsvollste Aussage über die Muttergottes für das Mädchen und die Frau von heute. Wenn die Menschwerdung „das leuchtendste Wort ist, welches Gott in die Welt hineingesprochen hat, wenn alle früheren ‚Worte, die der Vater in der natürlichen und übernatürlichen Offenbarung gesprochen hat, in Christus wie in einem Schlusswort zusammengefasst und erklärt werden“, dann ist Maria die leuchtendste, klarste, umfassendste, end-gültige, geschöpfliche Ant-wort auf dieses Wort. Alle Antworten, die Menschen dem Wort und Anruf Gottes zu geben sich bemühen und bemüht haben, werden in Maria zusammengefasst und erklärt. Ihr Leben enthüllt uns den letzten Sinn fraulichen und menschlichen Daseins überhaupt.

Maria ist das strahlendste und vollkommenste Ebenbild Christi und darum auch Ebenbild Gottes. Sie ist die Frau ohne Fehl und Makel, die Frau, wie Gott sie sich gedacht hat, die seinen göttlichen Gedanken „virgo – sponsa – mater, Jungfrau – Braut – Mutter“ in einer absolut vollkommenen Weise personal darstellt. Darum ist Maria das Maß jeder Frau. Sie ist das Realbild des göttlichen Idealbildes der Frau. Ihr Bild hat für jegliche Form fraulicher Existenz kanonischen Charakter.

Das Leben Mariens ist als Antwort auf das Leben Christi eine scharfe Korrektur für alle Frauen und Mädchen, die den Sinn ihres Daseins ausschließlich in ihrer Beziehung zu Beruf und Arbeit, zu Mann und Kind, zu Ehe und Familie erblicken. Ordnung im Leben des Mädchens heißt: Hinordnung seines Lebens in allen Bereichen auf Christus. Gerade die Schlagworte vom „Frauenüberschuss“ und von der „Erfüllung“, die beide den Sinn fraulichen Daseins innerweltlich und zwischenmenschlich sehen, verraten, wie sehr hier das Frauenbild heute der Korrektur am Marienbild bedarf.

Eine Hilfe zur Verwirklichung dieser Ordnung könnte die Weihe an das unbefleckte Herz Mariens sein. Es sei ein Bild gestattet: Wenn Christus das Meer ist, in das alle Menschen münden, dann ist Maria der reißende Strom zu diesem Meer hin, der seine Wasser nicht schnell genug in dieses Meer ergießen kann. Wer sich Maria weiht, im Bild gesprochen, wer sich in diesen Strom hineinstellt, wird von Maria nicht nur fortgetragen, sondern geradezu fortgerissen zu Christus hin. Das Bild darf aber nicht magisch missdeutet werden, als ob durch die Weihe an Maria das Heil garantiert wäre. Die Weihe verlangt eine personale Entscheidung und hebt die eigene Aktivität nicht auf. Aber die Bewegung des Menschen und der gesamten Schöpfung auf Christus hin ist nirgendwo so stark, so gewaltig, so hinreißend wie bei Maria, der als „Braut des Heiligen Geistes die Dynamik des Geistes selbst innewohnt.

Wer von diesem Strom gepackt wird, gelangt leichter ans Ziel, wie eben die Strömung dem Schwimmer zu Hilfe kommt. Wie Maria sich selbst nicht gehörte, so ist auch der ihr Geweihte nicht Eigentum Mariens, sondern in ihr und durch sie ganz Eigentum Christi. Gerade in diesem dynamischen „Hin“ Mariens zu Christus ist das Wort des heiligen Bernhard begründet: „servus mariae numquam peribit“, ein Diener Mariens geht nie verloren. Man mag gegen diesen Satz dogmatische Bedenken erheben, die religiöse Erfahrung bestätigt ihn immer wieder. Die drei täglichen „Ave“ sind für viele der letzte Rettungsanker geworden.

Je mehr aber eine Zeit und die Menschen in ihr den elementaren, schöpferischen und erlösenden Urbezug auf Christus hin verloren haben, desto mehr tut die Weihe an das unbefleckte Herz Mariens not.

Gertrud von le Fort wagt den Vergleich „Wie die Hingabe Mariens die Voraussetzung der Erscheinung Christi war, so ist die Imitatio Mariae die Voraussetzung eines christlichen Zeitalters“.

Es ist das Anliegen dieser Arbeit, die spezifische Relation, in der die Frau zu Christus stehen sollte, aufzuweisen und die Frau mit der Gestalt des Herrn zu konfrontieren. Nur in ihm, der gesagt hat „Ich bin das Licht der Welt“ wird alles Licht. Nur von Christus her kann das Frauenbild in einer gültigen Weise aufgehellt werden. Indem das Frauenbild in das Christusbild hineingehalten wird, wird die besondere Christusebenbildlichkeit der Frau deutlich.

Ich hoffe, dass im Laufe der Untersuchung sich der Leserin und dem Leser immer mehr die Wahrheit der These von Léon Bloy erschließt: „plus une femme est sainte, plus elle est femme“. Je heiliger eine Frau ist, desto fraulicher ist sie.“ Diese These gilt auch in der Umkehrung: „Je fraulicher eine Frau ist, desto heiliger ist sie.“ Das „heilig“ ist identisch mit christlich. Der Frau ist einem besonderen Maße die „anima naturaliter christiana“ zu eigen. Sie findet in Christus und seiner Religion die höchste Erfüllung ihrer natürlichen Wesensart. Frommsein und Frausein gehören zusammen. Echte Fraulichkeit existentialisiert sich in echter Frömmigkeit. Die völlig achristliche Frau ist die entartete, aus ihrer Art „geschlagene“, de-generiert Frau.

Es versteht sich von selbst, dass diese Arbeit nicht am Bilde Mariens vorbeigehen darf. Denn „so wie Christus der Herr … für alle als absolut gültiger Typus jeglichen sittlichen Strebens dasteht …, so muss auch Maria als das Weib, in dem, was des Weibes ist, für die Individuen ihres Geschlechtes das absolute Musterbild und Ideal der gottwohlgefälligen Weiblichkeit archetypisch abgeben, so dass das Weib in allen Lagen und Verhälltnissen seines Lebens … auf Mariens Beispiel mit völliger Ruhe und Entschiedenheit hinschauen mag, um von ihr die konkrete Regel ihres Verhaltens zu entlehnen.

Das Bild Mariens verdeckt und verhüllt dabei nicht das Bild Christi, sondern ent-deckt und ent-hüllt es; es verstellt es nicht, sondern lässt es durch, und gerade diese Durch-lässigkeit des Christusbildes im Marienbilde ist das Charakteristikum, das „Marianische“. Der grundsätzliche Christusbezug der Frau wird im Bilde Mariens sowohl erhellt wie auch konkret geschlichtlich veranschaulicht.

So ergibt sich für die Darstellung des Themas ein dreifacher Gesichtspunkt: Das Christusbild, das Marienbild als die frauliche Verwirklichung des Christusbildes, das Frauenbild im Spiegel des Marien- und Christusbildes. Auf diesem Wege würde das Bild der christlichen und damit das Bild der „ewigen“, zeitlosen Frau gewonnen.

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Quelle: Josef Dreissen: „Christus Leitbild jeder Frau“, 312 Seiten, 1962 – Einleitung

(Artikelbild dazu von mir [POS] ausgewählt)