BRIEF VON JOHANNES PAUL II. AN DIE FRAUEN

Euch, Frauen der ganzen Welt,
gilt mein herzlicher Gruß!

1. An jede von euch richte ich als Zeichen der Teilnahme und Dankbarkeit diesen Brief, während die IV. Weltfrauenkonferenz näherrückt, die im September dieses Jahres in Peking abgehalten wird.

Ich möchte vor allem der Organisation der Vereinten Nationen gegenüber meine Hochachtung dafür zum Ausdruck bringen, dass sie eine Initiative von so großer Bedeutung angeregt hat. Auch die Kirche will ihren Beitrag zur Verteidigung der Würde, der Rolle und der Rechte der Frauen anbieten, und das nicht allein durch die besondere Mitwirkung der offiziellen Delegation des Heiligen Stuhls an den Arbeiten in Peking, sondern auch dadurch, dass sie Herz und Verstand aller Frauen direkt anspricht. Als mir die Generalsekretärin der Konferenz, Frau Gertrude Mongella, angesichts dieses wichtigen Treffens unlängst einen Besuch abstattete, habe ich ihr eine Botschaft überreicht, in der einige grundlegende Punkte der diesbezüglichen Lehre der Kirche zusammengestellt sind. Es ist eine Botschaft, die sich über den besonderen Anlass hinaus, der die Anregung dazu gab, einem allgemeineren Ausblick auf die tatsächliche Lage und die Probleme der Frauen in ihrer Gesamtheit öffnet und sich in den Dienst ihrer Sache in der Kirche und in der Welt von heute stellt. Ich habe daher veranlasst, dass sie allen Bischofskonferenzen zugeleitet werde, um ihre größtmögliche Verbreitung sicherzustellen.

Indem ich auf das zurückgreife, was ich in jenem Dokument schrieb, möchte ich mich nun direkt an jede Frau wenden, um mit ihr über die Probleme und Aussichten der Situation der Frau in unserer Zeit nachzudenken, wobei ich im besonderen bei dem wesentlichen Thema Würde und Rechte der Frauen im Lichte des Wortes Gottes verweilen will.

Ausgangspunkt für diesen gedanklichen Dialog muss der Dank sein. Die Kirche – so schrieb ich in dem Apostolischen Schreiben Mulieris dignitatem – »möchte der Heiligsten Dreifaltigkeit Dank sagen für das „Geheimnis der Frau“ und für jede Frau, für das, was das ewige Maß ihrer weiblichen Würde ausmacht, für „Gottes große Taten“, die im Verlauf der Generationen von Menschen in ihr und durch sie geschehen sind« (Nr. 31).

2. Der Dank an den Herrn für seinen Plan bezüglich der Berufung und Sendung der Frau in der Welt wird auch zu einem konkreten und unmittelbaren Dank an die Frauen, an jede Frau, für das, was sie im Leben der Menschheit darstellt.

Dank sei dir, Frau als Mutter, die du dich in der Freude und im Schmerz einer einzigartigen Erfahrung zum Mutterschoß des Menschen machst, die du für das Kind, das zur Welt kommt, zum Lächeln Gottes wirst, die du seine ersten Schritte lenkst, es bei seinem Heranwachsen betreust und zum Bezugspunkt auf seinem weiteren Lebensweg wirst.

Dank sei dir, Frau als Braut, die du dein Schicksal unwiderruflich an das eines Mannes bindest, in einer Beziehung gegenseitiger Hingabe im Dienst an der Gemeinsamkeit und am Leben.

Dank sei dir, Frau als Tochter und Frau als Schwester, die du in die engere Familie und dann in das gesamte Leben der Gesellschaft den Reichtum deiner Sensibilität, deiner intuitiven Wahrnehmung, deiner Selbstlosigkeit und deiner Beständigkeit einbringst.

Dank sei dir, berufstätige Frau, die du dich in allen Bereichen des sozialen, wirtschaftlichen, kulturellen, künstlerischen und politischen Lebens engagierst, für deinen unverzichtbaren Beitrag zum Aufbau einer Kultur, die Vernunft und Gefühl zu verbinden vermag, zu einem Verständnis vom Leben, das stets offen ist für den Sinn des »Geheimnisses«, zur Errichtung wirtschaftlicher und politischer Strukturen, die mehr Menschlichkeit aufweisen.

Dank sei dir, Frau im Ordensstand, die du dich nach dem Vorbild der größten aller Frauen, der Mutter Christi, des fleischgewordenen Wortes, in Fügsamkeit und Treue der Gottesliebe öffnest und so der Kirche und der ganzen Menschheit hilfst, Gott gegenüber eine »bräutliche« Antwort zu leben, die auf wunderbare Weise Ausdruck der Gemeinschaft ist, die er zu seinem Geschöpf herstellen will.

Dank sei dir, Frau, dafür, daß du Frau bist! Durch die deinem Wesen als Frau eigene Wahrnehmungsfähigkeit bereicherst du das Verständnis der Welt und trägst zur vollen Wahrheit der menschlichen Beziehungen bei.

3. Aber mit dem Dank ist es nicht getan, das weiß ich. Wir sind leider Erben einer Geschichte enormer Konditionierungen, die zu allen Zeiten und an jedem Ort den Weg der Frau erschwert haben, die in ihrer Würde verkannt, in ihren Vorzügen entstellt, oft ausgegrenzt und sogar versklavt wurde. Das hat sie daran gehindert, wirklich sie selbst zu sein, und hat die ganze Menschheit um echte geistige Reichtümer gebracht. Es wäre sicher nicht leicht, klare Schuldzuweisungen vorzunehmen, wenn man an die Macht der kulturellen Ablagerungen denkt, die im Laufe der Jahrhunderte Denkweisen und Institutionen geformt haben. Aber wenn es dabei, besonders im Rahmen bestimmter geschichtlicher Kontexte, auch bei zahlreichen Söhnen der Kirche zu Fällen objektiver Schuld gekommen ist, bedauere ich das aufrichtig. Dieses Bedauern übertrage sich auf die ganze Kirche in einem Bemühen um erneuerte Treue zu der Inspiration aus dem Evangelium, das gerade zu dem Thema von der Befreiung der Frauen von jeder Form von Missbrauch und Vorherrschaft eine Botschaft von unvergänglicher Aktualität bereithält, die der Haltung Christi selbst entspringt. Indem er sich über die in der Kultur seiner Zeit geltenden Vorschriften hinwegsetzte, nahm er den Frauen gegenüber eine Haltung der Öffnung, der Achtung, der Annahme und der Zuneigung an. Auf diese Weise ehrte er in der Frau die Würde, die sie seit jeher im Plan und in der Liebe Gottes besitzt. Wenn wir am Ende dieses zweiten Jahrtausends auf ihn blicken, stellt sich uns unwillkürlich die Frage: Wieviel von seiner Botschaft ist angenommen und verwirklicht worden?

Jawohl, es ist Zeit, mit dem Mut zur Erinnerung und mit dem offenen Eingeständnis der Verantwortung auf die lange Geschichte der Menschheit zu blicken, zu der die Frauen, und zumeist unter viel ungünstigeren Bedingungen, einen Beitrag geleistet haben, der dem der Männer nicht nachsteht. Ich denke im besonderen an die Frauen, die die Kultur und die Kunst geliebt und sich ihnen gewidmet haben, obwohl sie von der Ausgangslage her benachteiligt, oft von einer gleichwertigen Erziehung ausgeschlossen, der Unterbewertung, Verkennung und sogar Aberkennung ihres intellektuellen Beitrags ausgesetzt waren. Von dem vielfältigen Wirken der Frauen in der Geschichte hat sich leider mit den Mitteln der wissenschaftlichen Geschichtsschreibung sehr wenig feststellen lassen. Zum Glück kann man allerdings, auch wenn die Zeit die belegbaren Spuren dieses Wirkens zugedeckt hat, seines heilsamen Einfließens in den Lebenssaft gewahr werden, der das Sein der einander ablösenden Generationen bis herauf zu uns ausmacht. Hinsichtlich dieser großen, ungeheuren »Überlieferung« durch die Frauen hat die Menschheit eine unermessliche Schuld. Wie viele Frauen wurden und werden noch immer mehr nach dem physischen Aussehen bewertet als nach ihrer Sachkenntnis, ihrer beruflichen Leistung, nach den Werken ihrer Intelligenz, nach dem Reichtum ihrer Sensibilität und schließlich nach der ihrem Sein und Wesen eigenen Würde!

4. Und was soll man zu den Hindernissen sagen, die in vielen Teilen der Welt den Frauen noch immer die volle Einbeziehung in das gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Leben verwehren? Man denke nur daran, wie das Geschenk der Mutterschaft, dem doch die Menschheit ihr eigenes Überleben verdankt, oft eher bestraft als belohnt wird. Es ist sicher noch viel zu tun, damit das Dasein als Frau und Mutter keine Diskriminierung beinhaltet. Es ist dringend geboten, überall die tatsächliche Gleichheit der Rechte der menschlichen Person zu erreichen, und das heißt gleichen Lohn für gleiche Arbeit, Schutz der berufstätigen Mutter, gerechtes Vorankommen in der Berufslaufbahn, Gleichheit der Eheleute im Familienrecht und die Anerkennung von allem, was mit den Rechten und Pflichten des Staatsbürgers in einer Demokratie zusammenhängt.

Es handelt sich um einen Akt der Gerechtigkeit, aber auch um eine Notwendigkeit. Die anstehenden, sehr ernsten Probleme werden in der Politik der Zukunft in immer stärkerem Maß die Miteinbeziehung der Frau erleben: Freizeit, Lebensqualität, Wanderbewegungen, soziale Dienste, Euthanasie, Drogen, Gesundheitswesen und Fürsorge, Ökologie usw. Für alle diese Bereiche wird sich eine stärkere soziale Präsenz der Frau als wertvoll erweisen, denn sie wird dazu beitragen, die Widersprüche einer Gesellschaft herauszustellen, die auf bloßen Kriterien der Leistung und Produktivität aufgebaut ist, und sie wird auf eine Neufassung der Systeme dringen zum großen Vorteil der Humanisierungsprozesse, in denen sich der Rahmen für die »Zivilisation der Liebe« abzeichnet.

5. Wie könnten wir, wenn wir sodann auf einen der heikelsten Aspekte der Situation der Frau in der Welt blicken, die lange und erniedrigende – häufig freilich »untergründige« – Geschichte der im Bereich der Sexualität gegenüber Frauen verübten Gewalttätigkeiten unerwähnt lassen? An der Schwelle zum dritten Jahrtausend können wir diesem Phänomen gegenüber nicht gleichgültig bleiben und resignieren. Es ist an der Zeit, die Formen sexueller Gewalt, deren Objekt nicht selten die Frauen sind, nachdrücklich zu verurteilen und geeignete gesetzliche Mittel zur Verteidigung hervorzubringen. Im Namen der Achtung der menschlichen Person müssen wir außerdem Anklage erheben gegen die verbreitete, von Genußsucht und Geschäftsgeist bestimmte Kultur, die die systematische Ausbeutung der Sexualität fördert, indem sie auch Mädchen im jungen Alter dazu anhält, in die Fänge der Korruption zu geraten und sich für die Vermarktung ihres Körpers herzugeben.

Wieviel Hochachtung verdienen angesichts solcher Entartungen hingegen die Frauen, die mit heroischer Liebe zu ihrem Kind eine Schwangerschaft austragen, die durch das Unrecht ihnen gewaltsam aufgezwungener sexueller Beziehungen zustande gekommen ist; was nicht nur im Rahmen der Greueltaten vorkommt, die sich leider im Zusammenhang mit den auf der Welt noch immer so häufigen Kriegen ereignen, sondern auch in Situationen des Wohlstandes und des Friedens, die oft durch eine Kultur eines hedonistischen Permissivismus verdorben sind, in dem nur allzu leicht auch Tendenzen eines aggressiven Männertums gedeihen. Unter solchen Umständen ist die Entscheidung zur Abtreibung, die freilich immer eine schwere Sünde bleibt, eher ein Verbrechen, das dem Mann und der Mitwirkung des Umfeldes anzulasten ist, als eine den Frauen aufzuerlegende Schuld.

6. Mein Dank an die Frauen wird daher zum eindringlichen Appell, von seiten aller und besonders seitens der Staaten und der internationalen Institutionen alles Notwendige zu tun, um den Frauen die volle Achtung ihrer Würde und ihrer Rolle wiederzugeben. In diesem Zusammenhang kann ich nicht umhin, meine Bewunderung für die Frauen guten Willens zu bekunden, die sich der Verteidigung der Würde des Standes der Frau durch die Erringung gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und politischer Grundrechte gewidmet und diese mutige Initiative zu einer Zeit ergriffen haben, in der dieser ihr Einsatz als eine Übertretung, als Zeichen mangelnder Fraulichkeit, als großtuerisches Gehabe, ja als Sünde angesehen wurde!

Wie ich in der Botschaft zum Weltfriedenstag dieses Jahres mit Blick auf diesen großartigen Befreiungsprozess der Frau schrieb, kann man sagen, »es war ein schwieriger und komplizierter Weg, nicht immer frei von Irrtümern, aber im wesentlichen ein positiver Weg, auch wenn er noch unvollendet ist auf Grund der vielen Hindernisse, die in verschiedenen Teilen der Welt im Wege stehen, dass die Frau in ihrer besonderen Würde anerkannt, geachtet und aufgewertet wird« (Nr. 4).

Es gilt, auf diesem Weg weiterzugehen! Ich bin jedoch überzeugt, dass das Geheimnis, um rasch den Weg zur vollen Achtung der Identität der Frau zu Ende zu gehen, nicht nur über die, wenn auch notwendige, Anprangerung von Verbrechen und Ungerechtigkeiten führt, sondern auch und vor allem über einen ebenso wirksamen wie wohldurchdachten Förderungsplan, der alle Bereiche des Lebens der Frau betrifft, angefangen bei einer erneuerten und universalen Bewusstmachung der Würde der Frau. Auf die Anerkennung dieser Würde bringt uns trotz der vielfältigen historischen Konditionierungen die Vernunft selbst, die das jedem Menschen ins Herz geschriebene Gesetz Gottes erfasst. Aber vor allem das Wort Gottes erlaubt uns, mit aller Klarheit das grundlegende anthropologische Fundament der Würde der Frau zu erkennen, das wir in Gottes Plan für die Menschheit ausmachen können.

7. Lasst mich daher, liebe Schwestern, zusammen mit euch noch einmal über den wunderbaren Bibelabschnitt meditieren, der die Erschaffung des Menschen schildert und soviel über eure Würde und eure Sendung in der Welt aussagt.

Das Buch Genesis spricht von der Schöpfung in zusammenfassender Form und in poetischer und symbolischer, aber zutiefst wahrer Sprache: »Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie« (Gen 1, 27). Der Schöpfungsakt Gottes erfolgt nach einem genauen Plan. Zunächst wird gesagt, dass der Mensch geschaffen wird »als Abbild Gottes, ihm ähnlich« (vgl. Gen 1, 26), eine Formulierung, die sogleich die Besonderheit des Menschen im gesamten Schöpfungswerk klarstellt.

Dann heißt es, dass er schon am Anfang als »Mann und Frau« (Gen 1, 27) geschaffen wurde. Die Heilige Schrift liefert selber die Auslegung dieser Angabe: der Mensch, wenngleich umgeben von den zahllosen Geschöpfen der sichtbaren Welt, wird sich bewusst, dass er allein ist (vgl. Gen 2, 20). Gott greift ein, um ihm aus dieser Lage der Einsamkeit herauszuhelfen: »Es ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibt. Ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht« (Gen 2, 18). Der Erschaffung der Frau ist also von Anfang an das Prinzip der Hilfe zugeordnet nicht – man beachte – einseitige Hilfe, sondern gegenseitige. Die Frau ist die Ergänzung des Mannes, wie der Mann die Ergänzung der Frau ist: Frau und Mann ergänzen sich gegenseitig. Die Weiblichkeit verwirklicht das »Menschliche« ebenso wie die Männlichkeit, aber mit einer andersgearteten und ergänzenden Ausgestaltung.

Wenn die Genesis von »Hilfe« spricht, bezieht sie sich nicht nur auf den Bereich des Tuns, sondern auch auf den des Seins. Weiblichkeit und Männlichkeit ergänzen einander nicht nur unter physischem und psychischem, sondern unter ontologischem Gesichtspunkt. Nur dank der Dualität von »männlich« und »weiblich« verwirklicht sich das »Menschliche« voll.

8. Nachdem er den Menschen als Mann und Frau geschaffen hat, sagt Gott zu beiden: »Bevölkert die Erde, unterwerft sie euch« (Gen 1, 28). Er verleiht ihnen nicht nur die Fähigkeit zur Fortpflanzung, damit das Menschengeschlecht in der Zeit fortbesteht, sondern er vertraut ihnen auch die Erde als Aufgabe an, indem er sie verpflichtet, deren Ressourcen verantwortungsvoll zu verwalten. Der Mensch ist als vernunftbegabtes und freies Wesen aufgerufen, das Gesicht der Erde zu verändern. Für diese Aufgabe, die im wesentlichen Kulturarbeit ist, tragen von Anfang an sowohl der Mann wie die Frau gleiche Verantwortung. In ihrer bräutlichen und fruchtbaren Gegenseitigkeit, in ihrer gemeinsamen Aufgabe, die Erde zu beherrschen und zu unterwerfen, spiegeln die Frau und der Mann nicht eine statische und nivellierende Gleichheit, aber auch nicht einen abgrundtiefen Unterschied und unerbittlichen Konflikt wider: ihre natürlichste, dem Plan Gottes entsprechende Beziehung ist die »Einheit der zwei, das heißt eine auf Beziehung angelegte »Einheit in der Zweiheit«, die einen jeden die wechselseitige Beziehung zwischen den Personen als ein bereicherndes und sie mit Verantwortung ausstattendes Geschenk empfinden lässt.

Dieser »Einheit der zwei« wurde von Gott nicht nur das Werk der Fortpflanzung und das Leben der Familie anvertraut, sondern der eigentliche Aufbau der Geschichte. Wenn während des internationalen Jahres der Familie, das 1994 abgehalten wurde, die Aufmerksamkeit der Frau als Mutter galt, so lässt es der Anlass der Pekinger Konferenz angebracht erscheinen, erneut den vielfältigen Beitrag bewusst zu machen, den die Frau für das Leben ganzer Gesellschaften und Nationen leistet. Es ist ein Beitrag vor allem geistig-kultureller, aber auch gesellschaftlich-politischer und ökonomischer Natur. Wirklich viel zu verdanken haben dem Beitrag der Frau die verschiedenen Bereiche der Gesellschaft, die Staaten, die nationalen Kulturen und, alles in allem, der Fortschritt der ganzen Menschheit!

9. Normalerweise wird der Fortschritt nach wissenschaftlichen und technischen Kategorien bewertet, und auch unter diesem Gesichtspunkt fehlt der Beitrag der Frau nicht. Doch das ist nicht die einzige, ja nicht einmal die wichtigste Dimension des Fortschritts. Wichtiger erscheint die ethisch-soziale Dimension, die die menschlichen Beziehungen und die Werte des Geistes betrifft: was diese Dimension betrifft, die sich, angefangen von den Alltagsbeziehungen zwischen den Personen, besonders innerhalb der Familie, oft ohne alles Aufsehen, entfaltet, ist die Gesellschaft dem »Genius der Frau« gegenüber in weiten Teilen Schuldnerin.

In diesem Zusammenhang möchte ich den Frauen einen besonderen Dank aussprechen, die über die Familie hinaus in den verschiedenen Bereichen der Erziehungsarbeit tätig sind: in Kindergärten, Schulen, Universitäten, Fürsorgeeinrichtungen, Pfarreien, Vereinen und Bewegungen. Überall, wo das Erfordernis einer Bildungs- und Erziehungsarbeit besteht, kann man die enorme Bereitschaft der Frauen feststellen, sich in den menschlichen Beziehungen zu verausgaben, besonders für die Schwächsten und Schutzlosesten. Bei dieser Arbeit verwirklichen sie so etwas wie eine gefühlsmäßige, kulturelle und geistige Mutterschaft, die wegen ihrer Wirkung auf die Entwicklung der Person und die Zukunft der Gesellschaft von wahrhaft unschätzbarem Wert ist. Und wie könnte man hier das Zeugnis so vieler katholischer Frauen und so vieler weiblicher Ordensgemeinschaften unerwähnt lassen, die in den verschiedenen Kontinenten insbesondere die Erziehung der Kinder, Mädchen und Jungen, zu ihrem hauptsächlichen Dienst gemacht haben? Muss man nicht mit dankbarem Herzen auf all die Frauen blicken, die an der Front des Gesundheitsdienstes gearbeitet haben und weiter arbeiten, und das nicht nur im Rahmen oft gut organisierter Gesundheitseinrichtungen, sondern oft unter sehr misslichen Umständen, in den ärmsten Ländern der Welt, und damit ein Zeugnis von Verfügbarkeit geben, das nicht selten an das Martyrium grenzt?

10. Daher, liebe Schwestern, ist es mein Wunsch, dass mit besonderer Aufmerksamkeit über das Thema »Genius der Frau« nachgedacht werde, nicht nur um darin die Züge eines genauen Planes Gottes zu erkennen, der angenommen und eingehalten werden muss, sondern auch, um ihm im gesamten Leben der Gesellschaft, auch dem kirchlichen, mehr Raum zu geben. Auf dieses Thema, das ich allerdings schon anlässlich des Marianischen Jahres aufgegriffen hatte, konnte ich in dem schon erwähnten, 1988 veröffentlichten Apostolischen Schreiben Mulieris dignitatem ausführlich eingehen. In diesem Jahr wollte ich dann in dem Brief, den ich gewohnterweise zum Gründonnerstag an die Priester sende, eine gedankliche Verbindung zu Mulieris dignitatem herstellen, als ich sie einlud, über die wichtige Rolle nachzudenken, die in ihrem Leben die Frau als Mutter, als Schwester und als Mitarbeiterin in der Apostolatsarbeit spielt. Das ist eine andere Dimension – verschieden von der ehelichen, aber gleichfalls wichtig – jener »Hilfe«, die nach der Genesis die Frau dem Mann leisten soll.

Die Kirche sieht in Maria den erhabensten Ausdruck des »Genius der Frau« und findet in ihr eine Quelle nicht versiegender Inspiration. Maria hat sich als »Magd des Herrn« bezeichnet (Lk 1, 38). Aus Gehorsam gegenüber dem Wort Gottes hat sie ihre bevorzugte, aber alles andere als leichte Berufung einer Braut und Mutter der Familie von Nazaret angenommen. Dadurch, dass sie sich in den Dienst Gottes stellte, stellte sie sich auch in den Dienst der Menschen: ein Liebesdienst. Dieser Dienst hat es ihr ermöglicht, in ihrem Leben die Erfahrung einer geheimnisvollen, aber echten »Herrschaft« zu verwirklichen. Nicht zufällig wird sie als »Königin des Himmels und der Erde« angerufen. So ruft sie die ganze Gemeinschaft der Gläubigen an , viele Nationen und Völker rufen sie als »Königin« an. Ihre »Herrschaft« ist Dienst! Ihr Dienst ist »Herrschaft«!

So sollte die Autorität sowohl in der Familie wie in der Gesellschaft und in der Kirche verstanden werden. Das »Herrschen« offenbart die wesentliche Berufung des Menschen, der geschaffen ist nach dem »Bild« dessen, der Herr des Himmels und der Erde ist, und dazu berufen, in Christus Gottes Adoptivkind zu sein. Der Mensch ist auf Erden die einzige »von Gott um ihrer selbst willen gewollte Kreatur«, wie das II. Vatikanische Konzil lehrt, das bezeichnenderweise hinzufügt, dass der Mensch »sich selbst nur durch die aufrichtige Hingabe seiner selbst vollkommen finden kann« (Gaudium et spes, 24).

Darin besteht die mütterliche »Herrschaft« Mariens. Da sie mit ihrem ganzen Sein Hingabe für den Sohn gewesen war, wird sie auch zur Hingabe für die Söhne und Töchter des ganzen Menschengeschlechts, indem sie das tiefe Vertrauen dessen weckt, der sich an sie wendet, um sich auf den schwierigen Pfaden des Lebens zu seiner endgültigen, transzendenten Bestimmung geleiten zu lassen. Dieses Endziel erreicht ein jeder über die Etappen seiner Berufung, ein Ziel, das dem zeitlich-irdischen Einsatz sowohl des Mannes wie der Frau die Richtung weist.

11. Vor diesem Horizont des »Dienstes« – der, wenn er in Freiheit, Gegenseitigkeit und Liebe erbracht wird, das wahre »Königtum« des Menschen zum Ausdruck bringt – ist es möglich, ohne nachteilige Folgen für die Frau auch einen gewissen Rollenunterschied anzunehmen, insofern dieser Unterschied nicht das Ergebnis willkürlicher Auflagen ist, sondern sich aus der besonderen Eigenart des Mann- und Frauseins ergibt. Es handelt sich hier um eine Thematik mit einer spezifischen Anwendung auch auf den innerkirchlichen Bereich. Wenn Christus – in freier und souveräner Entscheidung, die im Evangelium und in der ständigen kirchlichen Überlieferung gut bezeugt ist – nur den Männern die Aufgabe übertragen hat, durch die Ausübung des Amtspriestertums »Ikone« seines Wesens als »Hirt« und als »Bräutigam« der Kirche zu sein, so tut das der Rolle der Frauen keinen Abbruch, wie übrigens auch nicht jener der anderen Mitglieder der Kirche, die nicht das Priesteramt innehaben, sind doch alle in gleicher Weise mit der Würde des »gemeinsamen Priestertums« ausgestattet, das in der Taufe seine Wurzeln hat. Diese Rollenunterscheidungen dürfen nämlich nicht im Lichte der funktionellen Regelungen der menschlichen Gesellschaften ausgelegt werden, sondern mit den spezifischen Kriterien der sakramentalen Ordnung, das heißt jener Ordnung von »Zeichen«, die von Gott frei gewählt wurden, um sein Gegenwärtigsein unter den Menschen sichtbar zu machen.

Im übrigen kommt gerade im Rahmen dieser Ordnung von Zeichen, wenn auch außerhalb des sakramentalen Bereiches, dem nach dem erhabenen Vorbild Mariens gelebten »Frausein« keine geringe Bedeutung zu. Denn im »Frausein« der gläubigen und ganz besonders der »gottgeweihten« Frau gibt es eine Art immanentes »Prophetentum« (vgl. Mulieris dignitatem, 29), einen sehr beschwörenden Symbolismus, man könnte sagen, eine bedeutungsträchtige »Abbildhaftigkeit«, die sich in Maria voll verwirklicht und mit der Absolutheit eines »jungfräulichen« Herzens, um »Braut« Christi und »Mutter« der Gläubigen zu sein, das Wesen der Kirche als heilige Gemeinschaft treffend zum Ausdruck bringt. In dieser Sicht »abbildhafter« gegenseitiger Ergänzung der Rollen des Mannes und der Frau werden zwei unumgängliche Dimensionen der Kirche besser herausgestellt: das »marianische« und das »apostolisch-petrinische« Prinzip (vgl. ebd., 27).

Andererseits ist – daran erinnerte ich die Priester in dem erwähnten Gründonnerstagsbrief dieses Jahres – das Amtspriestertum im Plan Christi »nicht Ausdruck von Herrschaft, sondern von Dienst« (Nr. 7). Es ist die dringende Aufgabe der Kirche bei ihrer täglichen Erneuerung im Lichte des Wortes Gottes, dies immer klarer zu machen, sei es bei der Entwicklung des Gemeinschaftsgeistes und bei der sorgfältigen Förderung aller typisch kirchlichen Mittel der Teilnahme, sei es durch die Achtung und Aufwertung der unzähligen persönlichen und gemeinschaftlichen Charismen, die der Geist Gottes zum Aufbau der christlichen Gemeinschaft und zum Dienst an den Menschen weckt.

In diesem weiten Raum des Dienstes hat die Geschichte der Kirche in diesen zweitausend Jahren trotz vieler Konditionierungen wahrhaftig den »Genius der Frau« kennengelernt, wenn sie aus ihrer Mitte Frauen von erstrangiger Größe hervorgehen sah, die in der Zeit ihre tiefe und heilsame Prägung hinterlassen haben. Ich denke an die lange Reihe von Märtyrerinnen, von Heiligen, von außergewöhnlichen Mystikerinnnen. Ich denke in besonderer Weise an die heilige Katharina von Siena und die heilige Theresia von Avila, der Papst Paul VI. seligen Angedenkens den Titel einer Kirchenlehrerin zugesprochen hat. Und wie wäre hier sodann nicht an zahlreiche Frauen zu erinnern, die auf Antrieb ihres Glaubens Initiativen ins Werk gesetzt haben von außerordentlicher sozialer Bedeutung im Dienst vor allem der Ärmsten? Die Zukunft der Kirche im dritten Jahrtausend wird es gewiss nicht versäumen, neue und wunderbare Äußerungen des »Genius der Frau« festzustellen.

12. Ihr seht also, liebe Schwestern, wie viele Beweggründe die Kirche für ihren Wunsch hat, daß auf der bevorstehenden, von den Vereinten Nationen in Peking ausgerichteten Konferenz die volle Wahrheit über die Frau zutage treten möge. Man möge wirklich den »Genius der Frau« gebührend hervorheben, indem nicht nur die großen und berühmten Frauen der Vergangenheit oder unserer Zeit berücksichtigt werden, sondern auch jene einfachen Frauen, die ihr Talent als Frau in der Normalität des Alltags im Dienst an den anderen zum Ausdruck bringen. Denn besonders in ihrer Hingabe an die anderen im tagtäglichen Leben begreift die Frau die tiefe Berufung ihres Lebens, sie, die vielleicht noch mehr als der Mann den Menschen sieht, weil sie ihn mit dem Herzen sieht. Sie sieht ihn unabhängig von den verschiedenen ideologischen oder politischen Systemen. Sie sieht ihn in seiner Größe und in seinen Grenzen und versucht, ihm entgegenzukommen und ihm eine Hilfe zu sein. Auf diese Weise verwirklicht sich in der Geschichte der Menschheit der grundlegende Plan des Schöpfers und tritt in der Vielfalt der Berufe und Berufungen unaufhörlich die – nicht nur physische, sondern vor allem geistige – Schönheit zutage, mit der Gott von Anfang an die menschliche Kreatur und im besonderen die Frau beschenkt hat.

Während ich dem Herrn im Gebet den guten Ausgang der wichtigen Tagung von Peking anvertraue, lade ich die Gemeinschaft der Kirche ein, das laufende Jahr zum Anlass zu nehmen für eine aufrichtige Danksagung an den Schöpfer und Erlöser der Welt für das Geschenk eines so großen Gutes, wie es das Frausein ist: es gehört in seinen vielfältigen Ausdrucksformen zum grundlegenden Erbe der Menschheit und der Kirche.

Maria, Königin der Liebe, wache über die Frauen und über ihre Sendung im Dienst an der Menschheit, am Frieden und an der Ausbreitung des Reiches Gottes!

Mit meinem Segen.

Aus dem Vatikan, am 29. Juni 1995, dem Hochfest der Apostel Petrus und Paulus.

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Quelle

Kardinal Müller: Piusbrüder, Frauendiakonat und Entlassungen

Kardinal Müller auf dem Petersplatz

Eine Einigung zwischen der traditionalistischen Piusbruderschaft und dem Vatikan ist laut Kurienkardinal Gerhard Ludwig Müller noch nicht in greifbarer Nähe. „Das braucht Zeit“, sagte der Präfekt der römischen Glaubenskongregation dem katholischen Sender EWTN. Nötig sei eine „tiefere Versöhnung, nicht nur die Unterzeichnung eines Dokuments“. Wer katholisch sein wolle, müsse unter anderem die Konzilien und die übrige kirchliche Lehre sowie die „hierarchische Gemeinschaft mit dem Ortsbischof, der Gemeinschaft aller Bischöfe und dem Heiligen Vater“ akzeptieren.

Zur Streitfrage der Liturgiereform im Zuge des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) sagte Müller, es sei seit jeher katholische Auffassung, dass der Papst und Synoden das Recht und die Pflicht hätten, die „äußere Form der Liturgie“ neu zu gestalten. „Die Substanz der Liturgie ist durch die Offenbarung gegeben und kann von niemandem geändert werden“, fügte er hinzu. Das Interview wurde am Donnerstag als Video im Internet veröffentlicht; am Samstag erschienen schriftliche Auszüge in Sozialen Netzwerken.

Diakoninnenweihe „unmöglich“ 

Mit Blick auf eine von Papst Franziskus eingesetzte Studienkommission zu Diakoninnen in der Kirchengeschichte sagte Müller, der Papst beziehe sich dabei nicht auf das dreistufige katholische Weiheamt von Diakon, Priester und Bischof. Es gehe um Frauen, die in der frühen Kirche etwa als Helferinnen bei der Taufe von Frauen oder in karitativen Aufgaben tätig gewesen seien.

Eine Diakoninnenweihe schloss der Kardinal als „unmöglich“ aus. „Das wird nicht kommen“, so Müller. Überdies sei dies auch nicht nötig. Heute seien Frauen in der Kirche in höheren Verantwortungspositionen als die Diakoninnen der Antike.

Mitarbeiter besser behandeln

Ungewöhnlich offene Kritik übte der Kardinal an der angeblichen Entlassung von drei Mitarbeitern der Glaubenskongregation durch den Papst. Der Schritt war Ende 2016 bekanntgeworden und soll gegen den Willen Müllers erfolgt sein. Er sagte dazu im Interview, diese Geschichte sei wahr. Er wünsche sich „eine bessere Behandlung unserer Mitarbeiter beim Heiligen Stuhl“. Man dürfe nicht nur über die Soziallehre reden, sondern müsse sie auch respektieren, so der Kardinal.

Müller rückte die Personalentscheidung in die Nähe eines „alten höfischen Gebarens“, das Franziskus selbst kritisierte. Mitarbeiter könne man nur dann entlassen, wenn sie einen Fehler machten oder Voraussetzungen wie Rechtgläubigkeit, integre Lebensführung und Sachkompetenz nicht erfüllten.

(kap 28.05.2017 cs)

Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen am 25. November 2016

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Gewalt / Pixabay CC0 – Alexas_Fotos, Public Domain (Cropped)

Bischof Dr. Franz-Josef Bode: „In Gewaltprävention investieren und frauenspezifische Benachteiligung abbauen“

Weltweit wird am 25. November der ‪„Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen“ begangen. Auch in vielen katholischen Gemeinden, Frauenverbänden und sozialen Institutionen wird dieser Tag zum Anlass genommen, um auf frauenspezifische Gewalterfahrungen aufmerksam zu machen.

Der Vorsitzende der Pastoralkommission der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Dr. Franz-Josef Bode (Osnabrück), erinnert anlässlich des Welttages daran, dass Frauen innerhalb der weltweiten Migrations- und Fluchtbewegung besonders verwundbar sind und vielfältig Gewalt erfahren. „Ein gutes Drittel aller Asylsuchenden waren im Jahr 2016 Frauen. Viele von ihnen haben geschlechtsspezifische Gewalt erfahren. Besonders grausam ist es, wenn die systematische Vergewaltigung von Frauen und Mädchen als Kriegsstrategie eingesetzt wird. Vielfach ist Gewalt gesellschaftlicher Ausdruck einer Sicht, die Frauen eine untergeordnete Stellung zuschreibt oder sie als Besitz betrachtet. Damit wird ihnen eine eigene, gleichberechtigte Würde abgesprochen.“ Auch psychische Gewalt oder fehlender Zugang zu Bildung und einem selbstbestimmten Leben kann Migration auslösen. Zu den frauenspezifischen Gründen für Flucht und Migration gehören drohende Verschleppung und Versklavung, Zwangsabtreibung, Steinigung, Zwangsverheiratung, Genitalverstümmelung sowie Mädchen- und Frauenhandel.

Bischof Bode begrüßt, dass die geschlechtsspezifische Verfolgung von Frauen in Deutschland seit 2005 ein anerkannter Asylgrund ist. Er betont, dass „die rechtliche Verankerung Ausdruck unserer gesellschaftlichen Werte ist. Gleichberechtigung von Männern und Frauen und der Schutz der Würde des menschlichen Lebens sind unverzichtbar. Für diese Werte setzen wir uns auch als katholische Kirche aktiv ein“.

In Deutschland angekommen, sind Frauen nicht automatisch in Sicherheit. Sie sind in Gefahr, erneut zum Opfer frauenspezifischer, häufig sexualisierter Gewalt zu werden. Bischof Bode unterstreicht, dass der Tag gegen Gewalt an Frauen unsere Kirche und die Gesellschaft daran erinnert, „in die Gewaltprävention zu investieren und frauenspezifische Benachteiligung abzubauen“. Dazu zähle, die Sicherheit in den Flüchtlingszentren zu verbessern, den Zugang zu Frauenhäusern und Schutzräumen zu erleichtern, vertrauenswürdige Hilfe bereitzustellen und zwangsverheiratete Frauen mit ihren Rechten vertraut zu machen. Darüber hinaus wolle die katholische Kirche dazu beitragen, dass geflüchteten Frauen in unserer Gesellschaft eine Perspektive für ein selbstbestimmtes Leben eröffnet wird, in dem sie ihre Potentiale entfalten können. „Ein Skandal“, so Bischof Bode, sei es, dass „Frauen, die sich für den interreligiösen Dialog einsetzen und Werte wie Toleranz und Gleichberechtigung einfordern, öffentlich beschimpft und bedroht werden. Ich danke ausdrücklich allen Frauen in unserer Gesellschaft, die sich für die Anerkennung der Menschenwürde von Frauen einsetzen“.

(Quelle: Pressemitteilugn der DBK)

Erklärung zur Frage der Zulassung der Frauen zum Priesteramt

file -- in this file photo, taken on june 5, 2016, pope francis meets lutheran archbishop antje jackelen, primate of the church of sweden, on the occasion of the canonization ceremony of two new saints, stanislaus of jesus and maria elizabeth hesselblad, at the vatican. pope francis travels to sweden next week to commemorate the split in western christianity 500 years ago. (l'osservatore romano/pool photo via ap);june 5 2016 file photo - pool photo

HL. KONGREGATION FÜR DIE GLAUBENSLEHRE

ERKLÄRUNG
ZUR FRAGE DER ZULASSUNG DER FRAUEN
ZUM PRIESTERAMT

EINLEITUNG:

DIE STELLUNG DER FRAU
IN DER MODERNEN GESELLSCHAFT UND IN DER KIRCHE

 

Zu den besonderen Merkmalen, die unsere Zeit kennzeichnen, zählte Papst Johannes XXIII. in seiner Enzyklika Pacem in terris vom 11. April 1963 »den Eintritt der Frau in das öffentliche Leben, der vielleicht rascher bei den christlichen Völkern erfolgt und langsamer, jedoch in zunehmendem Umfang auch bei den Völkern anderer Traditionen und Kulturen«.1Ebenso nennt das II. Vatikanische Konzil in seiner Pastoralkonstitution Gaudium et spes, wo es die Formen von Diskriminierung in den Grundrechten der Person aufzählt, die überwunden und beseitigt werden müssen, da sie dem Plan Gottes widersprechen, an erster Stelle jene Diskriminierung, die wegen des Geschlechts erfolgt.2 Die Gleichheit, die sich hieraus ergibt, wird dazu führen, eine Gesellschaft zu verwirklichen, die nicht völlig nivelliert und einförmig, sondern harmonisch und in sich geeint ist, wenn die Männer und die Frauen ihre jeweiligen Veranlagungen und ihren Dynamismus in sie einbringen, wie es Papst Paul VI. erst kürzlich dargelegt hat.3

Im Leben der Kirche selbst haben Frauen, wie die Geschichte bezeugt, einen entscheidenden Beitrag geleistet und bedeutsame Werke vollbracht. Es genügt, an die Gründerinnen der großen Frauenorden zu erinnern, wie die hl. Klara oder die hl. Theresia von Avila. Letztere und die hl. Katharina von Siena haben der Nachwelt so tiefgründige geistliche Schriften hinterlassen, daß Papst Paul VI. sie unter die Zahl der Kirchenlehrer aufgenommen hat. Noch sind jene unzähligen Frauen zu vergessen, die sich dem Herrn geweiht haben, um die tätige Nächstenliebe zu üben oder in den Missionen zu arbeiten, noch die christlichen Mütter, die in ihren Familien einen tiefen Einfluß ausüben und vor allem ihren Kindern den Glauben vermitteln.

Unsere Zeit erhebt jedoch noch höhere Forderungen: »Da heute die Frauen eine immer aktivere Funktion im ganzen Leben der Gesellschaft ausüben, ist es von großer Wichtigkeit, daß sie auch an den verschiedenen Bereichen des Apostolates der Kirche wachsenden Anteil nehmen«.4 Dieser Hinweis des II. Vatikanischen Konzils hat bereits eine entsprechende Entwicklung in die Wege geleitet: die verschiedenen Erfahrungen müssen natürlich noch reifen. Sehr zahlreich sind jedoch schon, wie Papst Paul VI. noch bemerkt hat,5 die christlichen Gemeinschaften, denen der apostolische Einsatz der Frauen sehr zum Nutzen gereicht. Einige von diesen Frauen wurden als Mitglieder in die Gremien für die pastorale Planung sowohl auf diözesaner wie pfarrlicher Ebene berufen. Auch der Heilige Stuhl hat in einige Ämter der Kurie Frauen aufgenommen.

Nun haben seit einigen Jahren mehrere christliche Gemeinschaften, die aus der Reformation des 16. Jh. oder der nachfolgenden Zeit hervorgegangen sind, auch Frauen in der gleichen Weise wie Männern den Zugang zum pastoralen Dienst eröffnet. Ihre Initiative hatte von Seiten der Mitglieder dieser Gemeinschaften oder ähnlicher Gruppen Forderungen und Veröffentlichungen zur Folge, die darauf abzielen, diese Zulassung auszuweiten, ebenso aber auch Reaktionen im entgegengesetzten Sinn. Diese Frage stellt also ein ökumenisches Problem dar, zu dem die katholische Kirche ihre Auffassung darlegen muß, und das umso mehr, als man sich in verschiedenen Bereichen der öffentlichen Meinung die Frage gestellt hat, ob die Kirche nicht auch ihrerseits ihre Praxis ändern und Frauen zur Priesterweihe zulassen sollte. Sogar mehrere katholische Theologen haben diese Frage offen gestellt und so zu Untersuchungen nicht nur im Bereich der Exegese, der Patristik und der Kirchengeschichte, sondern auch auf dem Gebiet der geschichtlichen Erforschung der Institutionen und Gebräuche, der Soziologie und der Psychologie angeregt. Die verschiedenen Argumente, die zur Klärung dieses bedeutsamen Problems beitragen können, sind einer kritischen Prüfung unterzogen worden. Da es sich hierbei aber um eine Diskussion handelt, der die klassische Theologie kaum größere Aufmerksamkeit geschenkt hat, läuft die gegenwärtige Argumentation leicht Gefahr, einige wesentliche Elemente zu vernachlässigen.

Aus diesen Gründen erachtet es die Kongregation für die Glaubenslehre in Erfüllung eines Auftrags, den sie vom Heiligen Vater erhalten hat, und als Antwort auf die von ihm in seinem Schreiben vom 30. November 1975 gemachten Erklärung6 als ihre Pflicht, erneut festzustellen: Die Kirche hält sich aus Treue zum Vorbild ihres Herrn nicht dazu berechtigt, die Frauen zur Priesterweihe zuzulassen. Gleichzeitig ist die Kongregation der Meinung, daß es in der gegenwärtigen Situation nützlich ist, diese Haltung der Kirche näher zu erklären, da sie von einigen vielleicht mit Bedauern zur Kenntnis genommen werden wird. Auf längere Sicht dürfte jedoch ihr positiver Wert ersichtlich werden, da sie dazu beitragen könnte, die jeweilige Sendung von Mann und Frau tiefer zu erfassen.

1.

DIE TATSACHE DER TRADITION

Niemals ist die katholische Kirche der Auffassung gewesen, daß die Frauen gültig die Priester- oder Bischofsweihe empfangen könnten. Einige häretische Sekten der ersten Jahrhunderte, vor allem gnostische, haben das Priesteramt von Frauen ausüben lassen wollen. Die Kirchenväter haben jedoch sogleich auf diese Neuerung hingewiesen und sie getadelt, da sie sie als für die Kirche unannehmbar ansahen.7 Es ist wahr, daß man in ihren Schriften den unleugbaren Einfluß von Vorurteilen findet, die sich gegen die Frau richten, die sich aber – was ebenfalls festzustellen ist – kaum auf ihre pastorale Tätigkeit und noch weniger auf ihre geistliche Führung ausgewirkt haben. Neben diesen durch den Geist der Zeit beeinflußten Überlegungen findet man, vor allem in den kirchenrechtlichen Werken der antiochenischen und ägyptischen Tradition, als wesentliches Motiv dafür angeführt, daß die Kirche, indem sie nur Männer zur Weihe und zum eigentlichen priesterlichen Dienst beruft, jenem Urbild des Priesteramtes treu zu bleiben sucht, das der Herr Jesus Christus gewollt und die Apostel gewissenhaft bewahrt haben.8

Dieselbe Überzeugung bestimmt auch die mittelalterliche Theologie,9 obgleich die scholastischen Theologen, wenn sie die Glaubenswahrheiten durch die Vernunft zu erklären suchen, zu dieser Frage oft Argumente anführen, die das moderne Denken nur schwerlich gelten läßt oder sogar mit Recht zurückweist. Seither ist diese Frage bis in unsere Zeit sozusagen nicht mehr erörtert worden, da die geltende Praxis von einer bereitwilligen und allgemeinen Zustimmung getragen wurde.

Die Tradition der Kirche ist also in diesem Punkt durch die Jahrhunderte hindurch so sicher gewesen, daß das Lehramt niemals einzuschreiten brauchte, um einen Grundsatz zu bekräftigen, der nicht bekämpft wurde, oder ein Gesetz zu verteidigen, das man nicht in Frage stellte. Jedesmal aber, wenn diese Tradition Gelegenheit hatte, deutlicher in Erscheinung zu treten, bezeugte sie den Willen der Kirche, dem ihr vom Herrn gegebenen Beispiel zu folgen.

Dieselbe Tradition ist auch von den Ostkirchen treu bewahrt worden. Ihre Einmütigkeit in diesem Punkt ist umso bemerkenswerter, als ihre Kirchenordnung in vielen anderen Fragen eine große Verschiedenheit zuläßt. Auch diese Kirchen lehnen es heute ab, sich jenen Forderungen anzuschließen, die den Frauen den Zugang zur Priesterweihe eröffnen möchten.

2.

DAS VERHALTEN CHRISTI

Jesus Christus hat keine Frau unter die Zahl der Zwölf berufen. Wenn er so gehandelt hat, dann tat er das nicht etwa deshalb, um sich den Gewohnheiten seiner Zeit anzupassen, denn sein Verhalten gegenüber den Frauen unterscheidet sich in einzigartiger Weise von dem seiner Umwelt und stellt einen absichtlichen und mutigen Bruch mit ihr dar.

So spricht er zur großen Verwunderung seiner eigenen Jünger öffentlich mit der Samariterin (vgl. Joh 4, 27); er beachtet nicht die gesetzliche Unreinheit der blutflüssigen Frau (vgl. Mt9, 20-22); er läßt sich im Hause des Pharisäers Simon von einer Sünderin berühren (vgl. Lk7, 37 ff.); indem er der Ehebrecherin verzeiht, möchte er zeigen, daß man mit der Verfehlung einer Frau nicht strenger verfahren darf, als mit der von Männern (vgl. Joh 8, 11); ferner zögert er nicht, sich vom Gesetz des Moses zu distanzieren, um die Gleichheit der Rechte und Pflichten von Mann und Frau hinsichtlich des Ehebandes zu bekräftigen (vgl. Mk 10, 2-11; Mt 19, 3-9).

Auf seinen Wanderpredigten ließ Jesus sich nicht nur von den Zwölf begleiten, sondern auch von einer Gruppe von Frauen: »Maria, genannt Maria aus Magdala, aus der sieben Dämonen ausgefahren waren, Johanna, die Frau des Chuzas, eines Bekannten des Herodes, Susanna und viele andere. Sie alle unterstützten Jesus und die Jünger mit dem, was sie besaßen« (Lk 8, 2-3). Im Gegensatz zur jüdischen Mentalität, die dem Zeugnis von Frauen keinen großen Wert zuerkannte, wie es das jüdische Gesetz bezeugt, waren es dennoch Frauen, die als erste den auferstandenen Christus sehen durften und von Jesus den Auftrag erhielten, die erste österliche Botschaft sogar den Aposteln mitzuteilen (vgl. Mt 28, 7-10; Lk 24, 9-10; Joh 20, 11-18), um sie darauf vorzubereiten, später selbst die offiziellen Zeugen der Auferstehung zu werden.

Gewiß, diese Feststellungen bieten keine unmittelbare Evidenz. Man sollte sich darüber aber nicht wundern, denn die Fragen, die sich aus dem Worte Gottes ergeben, übersteigen die Evidenz. Um den letzten Sinn der Sendung Jesu und den der Schrift zu verstehen, kann die rein historische Exegese der Texte nicht genügen. Man muß jedoch anerkennen, daß es hier eine Anzahl von konvergierenden Fakten gibt, die die bemerkenswerte Tatsache unterstreichen, daß Jesus den Auftrag der Zwölf keinen Frauen anvertraut hat.10 Nicht einmal seine Mutter, die so eng mit seinem Geheimnis verbunden ist und deren erhabene Funktion in den Evangelien von Lukas und Johannes hervorgehoben wird, war mit dem apostolischen Amt betraut. Das veranlaßt die Kirchenväter, sie als das Beispiel für den Willen Christi in dieser Frage hinzustellen. Dieselbe Lehre hat noch am Anfang des 13. Jh. Papst Innozenz III. wiederholt, indem er schrieb: »Obwohl die allerseligste Jungfrau Maria alle Apostel an Würde und Erhabenheit übertroffen hat, hat der Herr nicht ihr, sondern jenen die Schlüssel des Himmelreiches anvertraut«.11

3.

DIE HANDLUNGSWEISE DER APOSTEL

Die apostolische Gemeinde ist dem Verhalten Jesu Christi treu geblieben. Obgleich Maria im engen Kreis derer, die sich nach der Himmelfahrt im Abendmahlssaal versammelten, einen bevorzugten Platz einnahm (vgl. Apg 1, 14), war nicht sie es, die man in das Kollegium der Zwölf berief, sondern man schritt zur Wahl, die dann auf Matthias fiel. Aufgestellt wurden zwei Jünger, die in den Evangelien nicht einmal erwähnt werden.

Am Pfingsttag ist der Heilige Geist auf alle her abgekommen, auf Männer und Frauen (vgl. Apg 2, 1; 1, 14), und dennoch waren es nur »Petrus zusammen mit den Elf«, die die Stimme erhoben und verkündeten, daß in Jesus die Propheten erfüllt sind (Apg 2, 14).

Als diese und Paulus die Grenzen der jüdischen Welt überschritten, haben die Verkündigung des Evangeliums und das christliche Leben in der griechisch-römischen Zivilisation sie veranlaßt, mitunter sogar auf schmerzliche Weise mit der Beobachtung des mosaischen Gesetzes zu brechen. Sie hätten also auch daran denken können, Frauen die Weihe zu erteilen, wenn sie nicht davon überzeugt gewesen wären, in diesem Punkt dem Herrn die Treue wahren zu müssen. In der hellenistischen Welt waren mehrere Kulte der heidnischen Gottheiten Priesterinnen anvertraut. Die Griechen teilten nämlich nicht die jüdischen Vorstellungen. Wenn auch die Philosophen die Frau als minderwertiger beurteilten, so weisen die Geschichtsexperten doch während der römischen Kaiserzeit auch die Existenz einer gewissen Bewegung nach, die sich um die Förderung der Frau bemühte. In der Tat stellen wir auch in der Apostelgeschichte und in den Briefen des hl. Paulus fest, daß die Frauen bei der Verkündigung des Evangeliums mit den Aposteln zusammenarbeiteten (vgl. Röm 16, 3-12; Phil 4, 3); er nennt mit Freude ihre Namen in den abschließenden Gruß werten seiner Briefe; einige von ihnen üben häufig einen bedeutenden Einfluß bei den Bekehrungen aus: Priscilla, Lydia und andere; Priscilla vor allem, die sich darum bemühte, die Glaubensunterweisung des Apollo noch weiter zu vervollkommnen (vgl. Apg 18, 26); Phöbe steht im Dienst der Gemeinde Kenchreä (vgl. Röm 16, 1). All diese Tatsachen offenbaren in der Kirche zur Zeit der Apostel einen beachtlichen Fortschritt im Vergleich zu den Sitten des Judentums. Und dennoch hat man niemals daran gedacht, diesen Frauen die Weihe zu erteilen.

In den paulinischen Briefen haben anerkannte Exegeten einen Unterschied zwischen zwei Redeweisen des Apostels festgestellt: er spricht unterschiedslos von »meinen Mitarbeitern« (Röm 16, 3; Phil 4, 2-3) hinsichtlich der Männer und Frauen, die ihm auf die eine oder andere Weise in seiner apostolischen Arbeit helfen; dagegen reserviert er die Bezeichnung »Mitarbeiter Gottes« (1 Kor 3, 9; vgl. 1 Thess 3, 2) für Apollo, Timotheus und sich selbst, Paulus; sie werden so bezeichnet, weil sie direkt zum apostolischen Amt und zur Verkündigung des Gotteswortes berufen sind. Obgleich die Frauen am Tag der Auferstehung eine bedeutsame Aufgabe zu erfüllen hatten, geht ihre Mitarbeit für den hl. Paulus nicht bis zur offiziellen und öffentlichen Verkündigung der Frohbotschaft, die exklusiv der apostolischen Sendung vorbehalten bleibt.

4.

DIE BLEIBENDE BEDEUTUNG DER VERHALTENSWEISE
JESU UND DER APOSTEL

Könnte sich die Kirche nicht von dieser Verhaltensweise Jesu und der Apostel, die zwar durch die ganze Tradition bis in unsere Tage als Norm angesehen worden ist, heute eventuell entfernen? Man hat zugunsten einer positiven Beantwortung dieser Frage verschiedene Argumente vorgebracht, die es nun zu prüfen gilt.

Man hat vor allem behauptet, daß das Verhalten Jesu und der Apostel sich durch den Einfluß ihres Milieus und ihrer Zeit erklären ließe. Wenn Jesus, so sagt man, weder den Frauen noch seiner eigenen Mutter ein Amt übertragen hat, das sie den Zwölfen zuordnete, so liegt der Grund darin, daß die historischen Umstände es ihm nicht gestatteten. Keiner hat indes jemals bewiesen, und es ist auch nicht möglich nachzuweisen, daß dieses Verhalten sich allein an soziologisch-kulturellen Motiven orientiert. Die Nachforschungen in den Evangelien ergeben, wie wir oben gesehen haben, gerade das Gegenteil, daß nämlich Jesus mit den Vorurteilen seiner Zeit gebrochen hat, indem er den konkreten Formen der Diskriminierung der Frauen entschlossen entgegengetreten ist. Man kann also nicht behaupten, daß Jesus sich einfach von Opportunitätsgründen habe leiten lassen, wenn er keine Frauen in die Gruppe der Apostel aufgenommen habe. Noch weniger hätten diese soziologisch-kulturellen Bedingungen die Apostel im griechischen Milieu davon zurückhalten können, wo diese Diskriminierungen nicht existierten.

Einen weiteren Einwand leitet man von dem zeitbedingten Charakter her, den man heute in einigen Vorschriften des hl. Paulus für die Frauen und in den Schwierigkeiten, die sich diesbezüglich aus einigen Aspekten seiner Lehre ergeben, zu erkennen glaubt. Man muß jedoch dagegen feststellen, daß diese Vorschriften, die wahrscheinlich durch die Sitten seiner Zeit beeinflußt sind, sich fast nur auf disziplinare Praktiken von geringer Bedeutung beziehen, wie z.B. die den Frauen auferlegte Verpflichtung, einen Schleier zu tragen (vgl. 1Kor 11, 2-16); diese Forderungen haben natürlich keinen normativen Wert mehr. Das Verbot des Apostels jedoch, daß Frauen in der Versammlung nicht »sprechen« dürfen (vgl. 1 Kor 14, 34-35; 1 Tim 2, 12), ist anderer Natur. Die Exegeten erklären seine richtige Bedeutung: Paulus widersetzt sich keineswegs dem Recht, in der Versammlung prophetisch zu reden, was er den Frauen übrigens ausdrücklich zuerkennt (vgl. 1 Kor 11, 5); das Verbot bezieht sich ausschließlich auf die offizielle Funktion, in der christlichen Versammlung zu lehren. Diese Vorschrift ist für den hl. Paulus mit dem göttlichen Schöpfungsplan verbunden (vgl. 1 Kor 11, 7; Gen 2, 18-24); man könnte sie nur schwerlich als Ausdruck der kulturellen Verhältnisse ansehen. Ferner darf nicht vergessen werden, daß wir dem hl. Paulus einen jener Texte verdanken, in denen im Neuen Testament mit größtem Nachdruck die grundsätzliche Gleichheit von Mann und Frau als Kinder Gottes in Christus unterstrichen wird (vgl. Gal 3, 28). Es besteht also kein Grund, ihn unfreundlicher Vorurteile gegenüber den Frauen anzuklagen, wenn man das Vertrauen beachtet, das er ihnen entgegenbringt, und die Mitarbeit, die er von ihnen für seine apostolische Tätigkeit erbittet.

Außer diesen Einwänden, die man aus der Geschichte der apostolischen Zeit entnimmt, gibt es andere, die für eine berechtigte Entwicklung in dieser Frage eintreten und als Argument dafür auf die Praxis hinweisen, die die Kirche hinsichtlich der Riten der Sakramente befolgt hat. Man hat hervorheben können, wie sehr die Kirche gerade in unserer Zeit darum weiß, daß sie über die Sakramente, obgleich sie von Christus eingesetzt worden sind, eine gewisse Verfügungsgewalt besitzt. Sie bedient sich ihrer im Lauf der Jahrhunderte, um für diese das äußere Zeichen und die Bedingungen der Spendung genauer zu bestimmen: die jüngsten Entscheidungen der Päpste Pius XII. und Paul VI. sind ein Beweis dafür.12 Doch muß betont werden, daß diese Gewalt, die tatsächlich besteht, begrenzt ist. Pius XII. hat daran erinnert, als er schrieb: »Die Kirche hat keine Gewalt über die Substanz der Sakramente, d.h. über alles, von dem Christus nach dem Zeugnis der Quellen der Offenbarung gewollt hat, daß es im sakramentalen Zeichen erhalten bleibt«,13 Dies war auch schon die Lehre des Trienter Konzils: »Stets hatte die Kirche die Vollmacht, in der Spendung der Sakramente unter Beibehaltung ihres Wesens Bestimmungen oder Abänderungen zu treffen, die, entsprechend dem Wechsel von Verhältnissen, Zeit und Ort, das Seelenheil der Empfänger oder die Ehrfurcht vor den Sakramenten förderten«.14

Anderseits darf nicht vergessen werden, daß die sakramentalen Zeichen keine konventionellen Zeichen sind; und selbst wenn es zutrifft, daß sie unter bestimmten Aspekten natürliche Zeichen sind, weil sie der tiefen Symbolik der Gesten und Dinge entsprechen, so sind sie doch mehr als das: sie sind vor allem dafür bestimmt, den Menschen einer jeden Epoche mit dem erhabensten Geschehen der Heilsgeschichte in Verbindung zu bringen, ihm durch den ganzen Reichtum der Pädagogik und der Symbolik der Bibel die Erkenntnis der Gnade zu vermitteln, die sie bezeichnen und bewirken. So ist das Sakrament der Eucharistie nicht nur ein brüderliches Mahl, sondern zugleich auch die Gedächtnisfeier, die das Opfer Christi und seine Hingabe durch die Kirche vergegenwärtigt und wirksam macht; das Priesteramt ist nicht ein einfacher pastoraler Dienst, sondern gewährleistet die Kontinuität jener Funktionen, die Christus den Zwölfen übertragen hat, und der Gewalten, die sich darauf beziehen. Die Angleichung an bestimmte Zivilisationen und Epochen kann also nicht, was die wesentlichen Elemente betrifft, ihre sakramentale Bezogenheit auf die grundlegenden Ereignisse des Christentums und auf Christus selbst abschaffen.

Es ist letztlich die Kirche, die durch die Stimme ihres Lehramtes in diesen verschiedenen Bereichen die richtige Unterscheidung zwischen den wandelbaren und den unwandelbaren Elementen gewährleistet. Wenn sie gewisse Änderungen nicht übernehmen zu können glaubt, so geschieht es deshalb, weil sie sich durch die Handlungsweise Christi gebunden weiß: ihre Haltung ist also entgegen allem Anschein nicht eine Art Archaismus, sondern Treue. Nur in diesem einen Licht kann sie sich selbst richtig verstehen. Die Kirche fällt ihre Entscheidungen kraft der Verheißung des Herrn und der Gegenwart des Heiligen Geistes, und zwar stets in der Absicht, das Geheimnis Christi noch besser zu verkünden und dessen Reichtum unversehrt zu bewahren und zum Ausdruck zu bringen.

Diese Praxis der Kirche erhält also einen normativen Charakter: in der Tatsache, daß sie nur Männern die Priesterweihe erteilt, bewahrt sich eine Tradition, die durch die Jahrhunderte konstant geblieben und im Orient wie im Okzident allgemein anerkannt ist, stets darauf bedacht, Mißbräuche sogleich zu beseitigen. Diese Norm, die sich auf das Beispiel Christi stützt, wird befolgt, weil sie als übereinstimmend mit dem Plan Gottes für seine Kirche angesehen wird.

5.

DAS PRIESTERAMT IM LICHTE DES GEHEIMNISSES CHRISTI

Nachdem die Norm der Kirche und ihre Grundlagen in Erinnerung gebracht worden sind, scheint es nützlich und angemessen zu sein, sie noch weiter zu erläutern. Dabei soll nun die tiefe Übereinstimmung aufgezeigt werden, die die theologische Reflexion zwischen der dem Weihesakrament eigenen Natur – mit ihrem besonderen Bezug auf das Geheimnis Christi – und der Tatsache, daß nur Männer zum Empfang der Priesterweihe berufen werden, feststellt. Es geht hierbei nicht darum, einen stringenten Beweis zu erbringen, sondern diese Lehre durch die Analogie des Glaubens zu erhellen.

Die konstante Lehre der Kirche, die das II. Vatikanische Konzil erneut bekräftigt und präzisiert hat und die auch durch die Bischofssynode von 1971 und durch diese Kongregation für die Glaubenslehre in ihrer Erklärung vom 24. Juni 1973 vorgetragen worden ist, bekennt, daß der Bischof oder der Priester bei der Ausübung seines Amtes nicht in eigener Person, in persona proprio, handelt: er repräsentiert Christus, der durch ihn handelt. »Der Priester waltet wirklich an Christi statt«, schreibt wörtlich schon der hl. Cyprian im 3. Jahrhundert.15 Diese Eigenschaft, Christus zu repräsentieren, ist es, die der hl. Paulus als charakteristisch für seine apostolische Tätigkeit betrachtet (vgl. 2 Kor 5, 20; Gal4, 14). Sie erreicht ihren höchsten Ausdruck in der Feier der Eucharistie, die die Quelle und der Mittelpunkt der Einheit der Kirche ist, das Opfermahl, in dem sich das Volk Gottes mit dem Opfer Christi vereint. Der Priester, der allein die Vollmacht hat, die Eucharistiefeier zu vollziehen, handelt also nicht nur kraft der ihm von Christus übertragenen Amtsgewalt, sondern in persona Christi,16 indem er die Stelle Christi einnimmt und sogar sein Abbild wird, wenn er die Wandlungsworte spricht.17

Das christliche Priesteramt ist also sakramentaler Natur: der Priester ist ein Zeichen, dessen übernatürliche Wirksamkeit sich aus der empfangenen Weihe herleitet, ein Zeichen aber, das wahrnehmbar sein muß18 und von den Gläubigen auch leicht verstanden werden soll. Die Ökonomie der Sakramente ist in der Tat auf natürlichen Zeichen begründet, auf Symbolen, die in die menschliche Psychologie eingeschrieben sind: »Die sakramentalen Zeichen«, sagt der hl. Thomas, »repräsentieren das, was sie bezeichnen, durch eine natürliche Ähnlichkeit«.19 Dasselbe Gesetz der Ähnlichkeit gilt ebenso für die Personen wie für die Dinge: wenn die Stellung und Funktion Christi in der Eucharistie sakramental dargestellt werden soll, so liegt diese »natürliche Ähnlichkeit«, die zwischen Christus und seinem Diener bestehen muß, nicht vor, wenn die Stelle Christi dabei nicht von einem Mann vertreten wird: andernfalls würde man in ihm nur schwerlich das Abbild Christi erblicken. Christus selbst war und bleibt nämlich ein Mann.

Gewiß, Christus ist der Erstgeborene der ganzen Schöpfung, der Frauen ebenso wie der Männer: die Einheit, die er nach dem Sündenfall wiederherstellt, ist derart, das es nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau gibt; denn alle sind eins in Christus Jesus (vgl. Gal 3, 28). Nichtsdestoweniger ist die Menschwerdung des Wortes in der Form des männlichen Geschlechtes erfolgt. Dies ist natürlich eine Tatsachenfrage; doch ist diese Tatsache, ohne daß sie im geringsten eine vermeintliche natürliche Überordnung des Mannes über die Frau beinhaltet, unlösbar mit der Heilsökonomie verbunden: sie steht in der Tat im Einklang mit dem Gesamtplan Gottes, wie er selbst ihn geoffenbart hat und dessen Mittelpunkt das Geheimnis des Bundes ist.

Das Heil, das von Gott den Menschen angeboten wird, die Gemeinschaft, zu der sie mit ihm berufen sind, mit einem Wort der Bund, wird schon von den Propheten des Alten Testaments mit Vorliebe unter dem Bild eines geheimnisvollen Brautverhältnisses beschrieben: das erwählte Volk wird für Gott zur innig geliebten Braut; die jüdische wie die christliche Tradition haben die Tiefe dieser innigen Liebe erkannt, indem man immer wieder das Hohelied der Liebe gelesen hat; der göttliche Bräutigam bleibt treu, selbst dann, wenn die Braut seine Liebe verrät, d.h. wenn Israel Gott gegenüber untreu wird (vgl. Hos 1-3; Jer 2). Als die »Fülle der Zeit« (Gal 4, 4) kam, hat das Wort, der Sohn Gottes, Fleisch angenommen, um in seinem Blut, das für die vielen zur Vergebung der Sünden vergossen wird, den neuen und ewigen Bund zu beginnen und zu besiegeln: sein Tod wird erneut die zerstreuten Kinder Gottes versammeln; aus seiner durchbohrten Seite wird die Kirche geboren, wie Eva aus der Seite Adams geboren wurde. Jetzt erst verwirklicht sich vollkommen und endgültig das bräutliche Geheimnis, das im Alten Testament angekündigt und besungen worden ist: Christus ist der Bräutigam; die Kirche ist seine Braut, die er liebt, da er sie durch sein Blut erworben und sie lobwürdig, heilig und ohne Makel gestaltet hat und mit ihr nunmehr untrennbar verbunden ist. Das Brautthema, das sich von den Briefen des hl. Paulus (vgl. 2 Kor 11, 2; Eph 5, 22-33) bis zu den Schriften des hl. Johannes entfaltet (vgl. vor allem Joh 3, 29; Offb 19, 7 u. 9), ist auch in den synoptischen Evangelien anzutreffen: solange der Bräutigam unter ihnen weilt, dürfen seine Freunde nicht fasten (vgl. Mk 2, 19); das Himmelreich ist zu vergleichen mit einem König, der für seinen Sohn ein Hochzeitsfest veranstaltet (vgl. Mt 22, 1-14). Durch diese Sprache der Schrift, die ganz von Symbolen durchdrungen ist und den Mann und die Frau in ihrer tiefen Identität zum Ausdruck bringt und erfaßt, wird uns das Geheimnis Gottes und Christi geoffenbart, ein Geheimnis, daß in sich unergründlich ist.

Das ist auch der Grund, warum man nicht die Tatsache vernachlässigen kann, daß Christus ein Mann ist. Um die Bedeutung dieser Symbolik für die Ökonomie der Offenbarung gebührend zu berücksichtigen, muß man daher einräumen, daß in den Funktionen, die den Weihecharakter erfordern und wo Christus selbst, der Urheber des Bundes, der Bräutigam und das Haupt der Kirche, in der Ausübung seiner Heilssendung repräsentiert wird – was im höchsten Maße in der Eucharistie geschieht – seine Rolle von einem Mann verkörpert wird (das ist der eigentliche Sinn des Wortes persona). Das gründet bei diesem letzteren nicht in irgendeiner persönlichen höheren Würde in der Wertordnung, sondern ergibt sich allein aus einer faktischen Verschiedenheit in der Verteilung der Aufgaben und Dienste.

Könnte man vielleicht dagegen einwenden, daß es nun, da Christus in seiner himmlischen Seinsweise lebt, gleichgültig sei, ob er fortan von einem Mann oder von einer Frau repräsentiert wird, da man ja »im Zustand der Auferstehung nicht mehr heiratet« (Mt 22, 30)? Dieser Text bedeutet jedoch nicht, daß der Unterschied von Mann und Frau, insofern er die Identität der Person bestimmt, in der ewigen Herrlichkeit aufgehoben wäre. Das gilt für Christus ebenso wie für uns. Es ist offensichtlich, daß der geschlechtliche Unterschied in der menschlichen Natur einen bedeutenden Einfluß ausübt, mehr noch als z. B. die ethnischen Unterschiede: diese berühren die menschliche Person nicht so tief wie der Unterschied der Geschlechter, der direkt auf die Gemeinschaft zwischen den Personen sowie auf die menschliche Fortpflanzung hingeordnet ist und in der biblischen Offenbarung einem ursprünglichen Willensentscheid Gottes zugeschrieben wird: »Als Mann und Weib schuf er sie« (Gen 1, 27).

Es mag einer ferner einwenden, daß der Priester, vor allem wenn er bei den liturgischen und sakramentalen Handlungen den Vorsitz führt, in gleicher Weise die Kirche repräsentiert: er handelt in ihrem Namen, mit der Intention »zu tun, was sie tut«. In diesem Sinn sagten die mittelalterlichen Theologen, daß der Priester auch in persona Ecclesiae handle, d. h. im Namen der ganzen Kirche und um sie zu repräsentieren. Welches auch immer die Teilnahme der Gläubigen an der liturgischen Handlung sein mag, es ist in der Tat der Priester, der sie im Namen der ganzen Kirche vollzieht: er betet im Namen aller; er opfert in der Messe das Opfer der ganzen Kirche: im neuen Ostermahl wird Christus von der Kirche durch die Priester unter sichtbaren Zeichen geopfert.20 Da der Priester also auch die Kirche repräsentiert, könnte man sich da nicht denken, daß diese Repräsentation entsprechend der schon dargelegten Symbolik auch von einer Frau vorgenommen wird? Es ist wahr, daß der Priester die Kirche repräsentiert, die der Leib Christi ist. Er tut das jedoch gerade deshalb, weil er zuvor Christus selbst repräsentiert, der das Haupt und der Hirt der Kirche ist. So sagt es das II. Vatikanische Konzil,21 wodurch es den Ausdruck in persona Christi genauer bestimmt und ergänzt. In dieser Eigenschaft führt der Priester in der christlichen Versammlung den Vorsitz und feiert er das eucharistische Opfer, »das die ganze Kirche aufopfert und in dem sie auch sich selbst ganz als Opfer darbringt«.22

Wenn man diesen Überlegungen die gebührende Bedeutung beimißt, wird man besser erkennen, wie gut begründet die geltende Praxis der Kirche ist. Durch die Diskussion, die in unseren Tagen um die Priesterweihe der Frau entstanden ist, sollten sich alle Christen eindringlich dazu aufgerufen fühlen, die Natur und die Bedeutung des Bischofs- und Priesteramtes tiefer zu erforschen und die authentische Stellung des Priesters in der Gemeinschaft der Getauften wiederzuentdecken, der er selbst als Glied angehört, von der er sich aber auch unterscheidet. Denn in den Handlungen, die den Weihecharakter erfordern, ist er für sie mit der ganzen Wirksamkeit, die dem Sakrament innewohnt, das Abbild und Zeichen Christi selbst, der zusammenruft, von Sünden losspricht und das Opfer des Bundes vollzieht.

6.

DAS PRIESTERAMT IM GEHEIMNIS DER KIRCHE

Es ist vielleicht nützlich daran zu erinnern, daß die Probleme der Ekklesiologie und der Sakramententheologie, besonders wenn sie – wie im hier vorliegenden Fall – das Priestertum betreffen, ihre Lösung nur im Licht der Offenbarung finden können. Die menschlichen Wissen­schaften, so wertvoll ihr Beitrag in ihrem jeweiligen Bereich auch sein mag, können hier nicht genügen, denn sie vermögen die Wirklichkeiten des Glaubens nicht zu erfassen: was hiervon im eigentlichen Sinn übernatürlich ist, entzieht sich ihrer Zuständigkeit.

Ebenso deutlich muß hervorgehoben werden, wie sehr die Kirche eine Gesellschaft ist, die von anderen Gesellschaften verschieden ist; sie ist einzigartig in ihrer Natur und in ihren Strukturen. Der pastorale Auftrag ist in der Kirche gewöhnlich an das Weihesakrament gebunden: es ist nicht eine einfache Leitung, die mit den verschiedenen Formen der Autoritätsausübung im Staat vergleichbar wäre. Er wird nicht nach dem freiem Belieben der Menschen übertragen. Wenn er auch eine Designierung nach Art einer Wahl miteinschließt, so sind es doch die Handauflegung und das Gebet der Nachfolger der Apostel, die die Erwählung durch Gott verbürgen. Der Heilige Geist ist es, der durch die Weihe Anteil gibt an der Leitungsgewalt Christi, des obersten Hirten (vgl. Apg 20, 28). Es ist ein Auftrag zum Dienst und zur Liebe: »Wenn du mich liebst, weide meine Schafe« (vgl. Joh 21, 15-17).

Aus diesem Grund ist nicht einzusehen, wie man den Zugang der Frau zum Priestertum aufgrund der Gleichheit der Rechte der menschlichen Person fordern kann, die auch für die Christen gelte. Man beruft sich zu diesem Zweck mitunter auf die früher schon zitierte Stelle aus dem Galaterbrief (3, 28), nach der in Christus zwischen Mann und Frau kein Unterschied mehr besteht. Doch bezieht sich dieser Text keinesfalls auf die Ämter der Kirche. Er bekräftigt nur die universelle Berufung zur Gotteskindschaft, die für alle die gleiche ist. Anderseits mißversteht derjenige vor allem völlig die Natur des Priesteramtes, der es als ein Recht betrachtet: die Taufe verleiht kein persönliches Anrecht auf ein öffentliches Amt in der Kirche. Das Priestertum wird nicht zur Ehre oder zum Nutzen dessen übertragen, der es empfängt, sondern zum Dienst für Gott und die Kirche. Es ist die Frucht einer ausdrücklichen und gänzlich unverdienten Berufung: »Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt« (Joh 15, 16; vgl. Hebr 5, 4).

Man sagt und schreibt ferner mitunter in Büchern oder Zeitschriften, daß einige Frauen in sich eine Berufung zum Priestertum verspüren. Ein solches Empfinden, so edel und verständlich es auch sein mag, stellt noch keine Berufung dar. Diese läßt sich nämlich nicht auf eine persönliche Neigung reduzieren, die rein subjektiv bleiben könnte. Da das Priestertum ein besonderes Amt ist, von dem die Kirche die Verantwortung und Verwaltung empfangen hat, ist hier die Bestätigung durch die Kirche unerläßlich: diese bildet einen wesentlichen Bestandteil der Berufung; denn Christus erwählte die, »die er wollte« (Mk 3, 13). Hingegen gibt es eine universelle Berufung aller Getauften zur Ausübung des königlichen Priestertums, indem sie Gott ihr Leben aufopfern und zur Ehre Gottes Zeugnis ablegen.

Die Frauen, die für sich das Priesteramt erbitten, sind sicher von dem Wunsch beseelt, Christus und der Kirche zu dienen. Und es überrascht nicht, daß in dem Augenblick, da die Frauen der Diskriminierungen bewußt werden, denen sie bisher ausgesetzt gewesen sind, einige von ihnen dazu veranlaßt werden, sogar das Priesteramt für sich zu erstreben. Man darf jedoch nicht vergessen, daß das Priestertum nicht zu den Rechten der menschlichen Person gehört, sondern sich aus der Ökonomie des Geheimnisses Christi und der Kirche herleitet. Die Sendung des Priesters ist keine Funktion, die man zur Hebung seiner sozialen Stellung erlangen könnte. Kein rein menschlicher Fortschritt der Gesellschaft oder der menschlichen Person kann von sich aus den Zugang dazu eröffnen, da diese Sendung einer anderen Ordnung angehört.

Es bleibt uns also nun noch die wahre Natur dieser Gleichheit der Getauften tiefer zu bedenken, die eine der bedeutendsten Lehren des Christentums darstellt: Gleichheit ist nicht gleich Identität, da die Kirche ein vielgestaltiger Leib ist, in dem ein jeder seine Aufgabe hat. Die Aufgaben sind aber verschieden und dürfen deshalb nicht vermischt werden. Sie begründen keine Überlegenheit der einen über die andern und bieten auch keinen Vorwand für Eifersucht. Das einzige höhere Charisma, das sehnlichst erstrebt werden darf und soll, ist die Liebe (vgl. 1 Kor 12-13). Die Größten im Himmelreich sind nicht die Amtsdiener, sondern die Heiligen.

Die Kirche wünscht, daß die christlichen Frauen sich der Größe ihrer Sendung voll bewußt werden. Ihre Aufgabe ist heute von höchster Bedeutung sowohl für die Erneuerung und Vermenschlichung der Gesellschaft als auch dafür, daß die Gläubigen das wahre Antlitz der Kirche wieder neuentdecken.

Seine Heiligkeit Papst Paul VI. hat diese Erklärung in der am 15. Oktober 1976 dem unterzeichneten Präfekten der Kongregation gewährten Audienz approbiert, bekräftigt und ihre Veröffentlichung angeordnet.

Gegeben zu Rom, bei der Kongregation für die Glaubenslehre, am 15. Oktober 1976, dem Fest der hl. Theresia von Avila.

 

Franjo Card. Šeper
Präfekt

 

+ Fr. Jérôme Hamer, O.P
Titularerzbischof von Lorium
Sekretär

 

1 AAS 55 (1963), S. 267-268.

2 Vgl. II. Vat. Konzil, Past. Konst. Gaudium et Spes, 7. Dez. 1965, Nr. 29; AAS 58 (1966), S. 1048-1049.

3 Vgl. Papst Paul VI., Ansprache an die Mitglieder der »Studienkommission über die Aufgaben der Frau in der Gesellschaft und der Kirche« und des »Komitees für das Internationale Jahr der Frau«, 18. April 1975; AAS 67 (1975), S. 265.

4 II. Vat. Konzil, Dekret Apostolicam actuositatem, 18. Nov. 1965, Nr. 9; AAS 58 (1966), S. 846.

5 Vgl. Papst Paul VI., Ansprache an die Mitglieder der »Studienkommission über die Aufgaben der Frau in der Gesellschaft und der Kirche« und des »Komitees für das Internationale Jahr der Frau«, a.a.O., S. 266.

6 Vgl. AAS 68 (1976), S. 599-600; vgl. ebd., S. 600-601.

7 Vgl. Irenäus, Adv. haereses I, 13, 2; PG 7, 580-581; ed Harvey, I, 114-122; Tertullian, De praescript. haeretic. 41, 5; CCL 1, S. 221; Firmilian von Cäsarea, in S. Cyprian, Epist. 75; CSEL 3, S. 817-818; Origenes, Fragmenta in I Cor. 74, in Journal of theological studies 10 (1909), S. 41-42; Epiphanes, Panarion, 49, 2-3; 78, 23; 79, 2-4: Bd. 2, GCS 31, S. 243-244; Bd. 3, GCS 37, S. 473, 477-479.

8 Vgl. Didascalia Apostolorum, c. 15, ed. R. H. Connolly, S. 133 u. 142; Constitutiones Apostolicae, lib. 3, c. 6, Nr. 1-2; c. 9, Nr. 3-4; ed. F. X. Funk, S. 191, 201; Johannes Chrysostomus, De sacerdotio, 2, 2; PG 48, 633.

9 Vgl. Bonaventura, In IV Sent., Dist. 25, art. 2, q. 1, ed. Quaracchi, Bd. 4, S. 649; Richardus de Mediavilla (Middletown), In IV Sent., Dist. 25, art. 4, Nr. 1, ed. Venedig, 1499, f° 177r; Johannes Duns Scotus, In IV Sent., Dist. 25; Opus Oxoniense, ed. Vivès, Bd. 19, S. 140; Reportata Parisiensia, Bd. 24, S. 369-371; Durand de Saint-Pourcain, In IV Sent., Dist. 25, q. 2, ed. Venedig, 1571, f° 364v.

10 Man hat diese Tatsache auch durch einen von Jesus beabsichtigten Symbolismus erklären wollen: die Zwölf hätten die Stammväter der zwölf Stämme Israel repräsentieren sollen (vgl. Mt 19, 28; Lk 22, 30). Doch geht es in diesem Text nur um ihre Teilnahme am eschatologischen Gericht. Der eigentliche Grund für die Wahl der Zwölf ist vielmehr in ihrer gesamten Sendung zu suchen (vgl. Mk 3, 14): sie sollen Jesus im Volk repräsentieren und sein Werk fortsetzen.

11 Papst Innozenz III., Brief vom 11. Dezember 1210 an die Bischöfe von Palencia und Burgos, in Corpus Iuris, Decret. lib. 5, tit. 38, De paenit., c. 10 Nova: ed. A. Friedberg, Bd. 2, col. 886-887; vgl. Glossa in Decretal. lib. 1, tit. 33, c. 12 Dilecta, v° Iurisdictioni; vgl. Thomas v. Aquin, Summa theol., IIIa pars, q. 27, a. 5, ad 3; Pseudo Albertus Magnus, Mariale, quaest. 42, ed. Borgnet 37, 81.

12 Vgl. Papst Pius XII., Apost. Konst. Sacramentum ordinis, 30. Nov. 1947, AAS 40 (1948), S. 5-7; Papst Paul VI., Apost Konst. Divine consortium naturae, 15. Aug. 1971, AAS 63 (1971), S. 657-664; Apost Konst. Sacram unctionem, 30. Nov. 1972, AAS 65 (1973), S. 5-9.

13 Papst Pius XII., Apost. Konst. Sacramentum ordinis, a.a.O., S. 5.

14 Sessio 21, cap. 2; Denzinger-Schönmetzer, Enchiridion symbolorum …, Nr. 1728.

15 Cyprian, Epist. 63, 14: PL 4, 397 B; ed. Hartel, Bd. 3, S. 713.

16 Vgl. II. Vat. Konzil, Konst. Sacrosanctum Concilium, 4. Dez. 1963, Nr. 33: »… der Priester, in der Rolle Christi an der Spitze der Gemeinde stehend…«; Dogm. Konst. Lumen gentium, 21. Nov. 1964, Nr. 10: »Der Amtspriester nämlich bildet kraft seiner heiligen Gewalt, die er innehat, das priesterliche Volk heran und leitet es; er vollzieht in der Person Christi das eucharistische Opfer und bringt es im Namen des ganzen Volkes Gott dar«; Nr. 28: »kraft des Weihesakramentes nach dem Bilde Christi, des höchsten und ewigen Priesters, … üben sie ihr heiliges Amt am meisten in der eucharistischen Feier oder Versammlung aus, wobei sie in der Person Christi handeln …«; Dekret Presbyterorum ordinis, 7. Dez. 1965, Nr. 2: »Dieses zeichnet die Priester durch die Salbung des Heiligen Geistes mit einem besonderen Prägemal und macht sie auf diese Weise dem Priester Christus gleichförmig, so daß sie in der Person des Hauptes Christi handeln können«; Nr. 13: »Im Dienst am Heiligen, vor allem beim Meßopfer, handeln die Priester in besonderer Weise an Christi Statt…«; vgl. ferner Bischofssynode 1971, De sacerdotio ministeriali, I, Nr. 4; Kongregation für die Glaubenslehre, Erklärung zur katholischen Lehre über die Kirche, 24. Juni 1973, Nr. 6.

17 Thomas v. Aquin, Summa theol., IIIa pars, q. 83, art. 1, ad 3um: »Es ist zu sagen, daß (wie die Feier dieses Sakramentes das vergegenwärtigende Abbild seines Kreuzes ist: ebd. ad 2um) aus demselben Grunde der Priester das Abbild Christi ist, in dessen Person und Kraft er die Wandlungsworte spricht«.

18 »Denn da das Sakrament ein Zeichen ist, wird in dem, was im Sakrament geschieht, nicht nur die »res«, sondern auch die Bedeutung der »res« gefordert«, sagt der hl. Thomas gerade um die Weihe von Frauen zurückzuweisen: In IV Sent., Dist. 25, q. 2, art. 2, quaestiuncula 1a, corp.

19 Thomas v. Aquin, In IV Sent., Dist. 25, q. 2, art. 2, quaestiuncula 1a, ad 4um.

20 Vgl. Konzil von Trient, Sessio 22, cap. 1; DS, Nr. 1741.

21 Vgl. II. Vat. Konzil, Dogm. Konst. Lumen gentium, Nr. 28: »Das Amt Christi des Hirten und Hauptes üben sie entsprechend dem Anteil ihrer Vollmacht aus…«; Dekret Presbyterorum ordinis, Nr. 2: »…so daß sie in der Person des Hauptes Christus handeln können«; Nr. 6: »das Amt Christi, des Hauptes und Hirten«. – Vgl. Papst Pius XII., Enzykl. Mediator Dei: »Der Diener des Altares handelt in der Person Christi als des Hauptes, der im Namen aller Glieder opfert«; AAS 39 (1947), S. 556. – Bischofssynode 1971, De sacerdotio ministeriali, I, Nr. 4: »Christus, das Haupt der Gemeinschaft, setzt er gegenwärtig …«.

22 Papst Paul VI., Enzykl. Mysterium fidei, 3. Sept. 1965, AAS 51 (1965), S. 761.

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Quelle

Papst wünscht stärkere Präsenz der Frauen in den Gesellschaften des Nahen Ostens

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Irakische Christen, Ankawa / © KiN – KIRCHE IN NOT

Telegramm an den Erzbischof Francesco Cacucci von Bari, anlässlich der 2. Internationalen Konferenz der Frauen im Nahen Osten und im Mittelmeerraum

Papst Franziskus hat erneut für eine stärkere Präsenz der Frauen in der Gesellschaft des Mittleren Ostens plädiert. Seinen Appell sandte er ins italienische Bari an die Zweite Internationale Konferenz der Frauen im Nahen Osten und im Mittelmeerraum, die Mittwoch begonnen hat und bis Sonntag noch andauert. Die Veranstaltung steht unter dem Motto „Frauen stiften Frieden für eine Kultur der Begegnung und des Dialogs“ und wird von der Weltunion der Organisationen katholischer Frauen (WUCWO) und dem Internationalen Forum Katholische Aktion (FIAC) organisiert.

In einem Telegramm an den Erzbischof Francesco Cacucci von Bari, das Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin diesem sandte, spricht sich Franziskus dafür aus,“die Präsenz von Frauen und ihre Wirkung“ in den Regionen des Mittleren Ostens und des Mittelmeers zu intensivieren. Er ermutigt dazu, Gelegenheiten der Begegnung, der Erfahrung und des Dialogs zu suchen.

Der Papst wünscht zudem, dass das gemeinsame Engagement beim Aufbau einer Zukunft des Wohlstands und des Friedens reiche Früchte der menschlichen und sozialen Entwicklung hervorbringe und zur Versöhnung zwischen den Menschen und zu einer neuen Eintracht zwischen den Völkern beitrage.

Im Rahmen des außerordentlichen Heiligen Jahres der Barmherzigkeit erinnerte er alle daran, großzügig die leiblichen und geistigen Werke der Barmherzigkeit zu üben und wünschte der Initiative das Beste. Er begrüße herzlich alle Frauen, vor allem diejenigen, die aus dem Nahen Osten und aus Ländern kommen, die unter sozialen Konflikten, Armut und Diskriminierung leiden.

Schließlich wünschte der Papst ihnen, für ein fruchtbares Nachdenken das Licht des Heiligen Geistes und er gab allen Beteiligten seinen Apostolischen Segen.

Die erste derartige Konferenz wurde im Jahr 2013 in Amman (Jordanien) abgehalten. Der WUCWO-Präsidentin Maria Giovanna Ruggieri zufolge ging es darum, Frauen verschiedener Religionen und Kulturen anzuhören, die sich vielleicht allzu ruhig, täglich für Dialog, gegenseitige Fürsorge, Respekt und Versöhnung engagierten.

Frauen tragen einen Großteil der Verantwortung für die Erziehung der Kinder, betonte sie im Gespräch mit Radio Vatikan. In den kirchlichen Gemeinschaften hätten die Frauen eine große Verantwortung im Hinblick auf die Erziehung der Jugend, denn so könnten sie die Kultur beeinflussen und die nächste Generation zum Zusammenleben in der Vielfalt erziehen.

In diesem Jahr spricht eine jordanische Journalistin über ihren Einsatz für die Achtung der Vielfalt der Kulturen und Religionen. Eine Irakerin stellt ihre Initiative vor, mit der sie für die Menschenrechte kämpft und die Anhänger unterschiedlicher Konfessionen zusammenführt. Während der Konferenz wird es eine Zeit des ökumenischen Gebets für den Frieden in Syrien und im gesamten Nahen Osten in der Krypta der Basilika von San Nicola geben. (mk)

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Papstmesse: Georgiens Frauen Vorbild einer Kirche des Trostes

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Franziskus bei der Messe im Stadion von Tiflis

Franziskus hat in Georgien zu einer Kirche der Nächstenliebe aufgerufen und die Katholiken des Landes zu Offenheit und Dialog aufgefordert. An der Messe im Micheil-Meschi-Stadion nahm entgegen den Ankündigungen doch keine offizielle Delegation der georgisch-orthodoxen Kirche teil, auch Patriarch Ilia II. blieb dem Gottesdienst fern. Es war das bislang größte Treffen des Papstes mit Katholiken in Georgien.

Herzlicher Empfang im überschaubaren Rahmen: Das für rund 30.000 Menschen ausgelegte Sportstadion war lange nicht bis auf den letzten Platz gefüllt, doch war die Freude der anwesenden Katholiken hör- und sichtbar: Franziskus-Rufe, viele Fotos und Winken begleiteten die Papst-Einfahrt ins Sportstadion im offenen Papamobil. In seiner Predigt zeichnete der Papst einmal mehr die Vision einer barmherzigen Kirche, die für die Menschen da sein und hinausgehen muss. Kirche soll Trost spenden – ausgehend vom Buch Jesaja erinnerte Franziskus an den Auftrag der Nächstenliebe und rief zur Gewissenserforschung auf. Jeder Christ solle sich fragen: „Ich bin in der Kirche, bin ich auch Überbringer des Trostes Gottes? Verstehe ich es, den anderen als Gast aufzunehmen und den zu trösten, den ich müde und enttäuscht sehe? Auch wenn er Betrübnis erleidet und auf Verschlossenheit stößt, ist der Christ immer aufgerufen, dem, der sich aufgegeben hat, Hoffnung zuzusprechen, den Entmutigten aufzurichten, das Licht Jesu zu bringen, die Wärme seiner Gegenwart, die Stärkung seiner Vergebung. (…) Den Trost Gottes empfangen und bringen: dieser Auftrag der Kirche ist dringend.“

Gleichgültigkeit angesichts menschlichen Leids erteilte Franziskus ebenso entschieden eine Absage wie einer negativen Weltsicht, die Menschen in Erstarrung verfallen lasse und den Glauben an Gott schwäche: „Wenn sich (…) die Tür des Herzens schließt, kommt Sein Licht nicht an und man bleibt im Dunkel. Dann gewöhnen wir uns an den Pessimismus, an die Dinge, die nicht in Ordnung sind, an die Gegebenheiten, die sich nie ändern werden. Und am Ende verschließen wir uns in der Traurigkeit, in den Katakomben der Angst, allein in uns selbst. Wenn wir hingegen die Türen des Trostes aufreißen, tritt das Licht des Herrn ein!“

Absage an kirchliches Mikroklima

Die Kirche und jeder Christ müssten Hoffnung spenden, schärfte Franziskus seinen Zuhörern ein. Wer Trost suche, müsse Gott in seinem Leben „die Türen öffnen“. In der Glaubenspraxis seien diese „Türen des Trostes“ das Evangelium, Gebet und Anbetung sowie Beichte und Eucharistie. Die Kirche dürfe sich bei ihrem Auftrag aber nicht in sich selbst verschließen, mahnte der Jesuit: „Es tut nicht gut, sich an ein in sich geschlossenes kirchliches „Mikroklima“ zu gewöhnen; es tut uns gut, weite und offene Horizonte der Hoffnung miteinander zu teilen, indem wir in unserem Leben den demütigen Mut aufbringen, die Türen zu öffnen und aus uns selbst hinauszugehen.“ Ebenso dürfe die Institution heute nicht zum Sklaven einer Unternehmenslogik werden, die am eigentlichen Auftrag der Kirche vorbeigehe: „Selig die Hirten, die sich nicht auf das hohe Ross der Logik des weltlichen Erfolgs setzen, sondern dem Gesetz der Liebe folgen: durch Aufnahme, Zuhören und Dienen. Selig die Kirche, die sich nicht auf die Kriterien des Funktionalismus und der Organisationseffizienz verlässt und sich nicht um Imagepflege kümmert.“

Voraussetzung für diesen Modus des Dienens sei Demut, so Franziskus, „Kleinheit im Herzen“. So bestehe die „wahre Größe“ des Menschen doch darin, „sich vor Gott klein zu machen“, klein wie ein Kind. „Die Kinder, die keine Probleme haben, Gott zu verstehen, können uns vieles lehren: Sie sagen uns, dass er große Dinge mit dem vollbringt, der ihm keinen Widerstand leistet, der einfach und ehrlich ist und ohne Falschheit. Das zeigt uns das Evangelium, wo große Wunder mit kleinen Dingen gewirkt werden.“

Georgiens Frauen machen es vor

Am Gedenktag der heiligen Theresia vom Kinde Jesu hob der Papst die große Bedeutung der georgischen Frauen für die Glaubensgemeinschaft hervor. In einer Region, die bis heute mit politischen und ethnischen Spannungen zu kämpfen hat, seien es „Großmütter und Mütter“, „die beständig den Glauben, der von der heiligen Nino in diesem Land ausgesät wurde, hüten und weitergeben und das frische Wasser der Tröstung Gottes in viele Situationen der Wüste und des Konflikts hineintragen.“ Theresia stehe für einen solchen „kleinen Weg“ zu Gott, führte der Papst aus. Die junge Heilige und Kirchenlehrerin habe mit Demut, Hingabe und Dankbarkeit für den Nächsten gewirkt und sei so zu einer Expertin in der „Wissenschaft der Liebe“ geworden. Und er appellierte an die Pilger: „Kleine, geliebte Herde von Georgien, die du dich so der Nächstenliebe und der Bildung widmest, nimm die Ermutigung des Guten Hirten an, vertrau dich ihm an, der dich auf die Schultern nimmt und dich tröstet!“

(rv 01.10.2016 pr)

Es gibt keine Sakramente auf Bezahlung

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Audienz für die Internationale Vereinigung
von Generaloberinnen (UISG)

Die Ordensoberinnen haben sich bei der Audienz mit dem Heiligen Vater zahlreich zu Wort gemeldet und ihm dabei verschiedene Fragen gestellt.

[In der ersten Frage geht es um eine bessere Eingliederung der Frauen in das Leben der Kirche.] Papst Franziskus, Sie haben gesagt, dass das weibliche Talent unentbehrlich ist in allen Ausdrucksformen des Lebens der Kirche und der Gesellschaft, und dennoch sind die Frauen von den Entscheidungsprozessen in der Kirche, vor allem auf den höchsten Ebenen, sowie von der Predigt in der Eucharistiefeier ausgeschlossen. Ein wichtiges Hindernis für die volle Annahme des »weiblichen Talents« durch die Kirche ist die Tatsache, dass sowohl die Entscheidungsprozesse als auch die Predigt an die Priesterweihe gebunden sind. Sehen Sie eine Möglichkeit, sowohl Führungsaufgaben als auch die Predigt im Rahmen der Eucharistie von der Weihe zu trennen, damit unsere Kirche in sehr naher Zukunft offener sein kann, das Talent der Frauen anzunehmen?

Papst Franziskus: Hier müssen wir verschiedene Dinge unterscheiden. Die Frage ist an die Funktionalität gebunden, sie ist eng an die Funktionalität gebunden, während die Rolle der Frau darüber hinausgeht. Ich antworte jetzt aber auf die Frage, dann sprechen wir darüber… Ich habe gesehen, dass es andere Fragen gibt, die darüber hinausgehen.

Es ist wahr, dass die Frauen von den Entscheidungsprozessen in der Kirche ausgeschlossen sind: ausgeschlossen nicht, aber die Einbindung der Frauen ist dort, in den Entscheidungsprozessen, sehr schwach. Wir müssen vorangehen. Zum Beispiel – ich sehe da wirklich keine Schwierigkeiten – glaube ich, dass im Päpstlichen Rat für Gerechtigkeit und Frieden das Sekretariat von einer Frau, einer Ordensfrau, geleitet wird. Es wurde eine andere vorgeschlagen, und ich habe sie ernannt, aber sie hat abgelehnt, weil sie woanders hingehen sollte, um andere Aufgaben für ihre Kongregation zu übernehmen. Man muss darüber hinausgehen, denn für viele Aspekte der Entscheidungsprozesse ist die Weihe nicht notwendig. Sie ist nicht notwendig. In der Reform der Apostolischen Konstitution Pastor bonus über die Dikasterien – wenn keine Gerichtsbarkeit besteht, die aus der Weihe hervorgeht, also bischöfliche Gerichtsbarkeit – steht nicht geschrieben, dass es eine Frau sein kann. Ich weiß nicht, ob an der Spitze des Dikasteriums, aber… Zum Beispiel für die Migranten: Im Dikasterium für die Migranten könnte eine Frau gehen. Und wenn Notwendigkeit zur Ausübung der Gerichtsbarkeit besteht – jetzt, da die Migranten in die Zuständigkeit eines Dikasteriums fallen –, dann wird der Präfekt die Genehmigung erteilen. Aber im Alltag kann es gehen, bei der Durchführung des Entscheidungsprozesses. Für mich ist die Erarbeitung der Entscheidungen sehr wichtig: nicht nur ihre Ausführung, sondern auch die Erarbeitung. Das heißt, dass die Frauen – sowohl geweihte Frauen als auch Frauen im Laienstand – in diesem Prozess in die Reflexion und in die Debatte einbezogen werden. Denn die Frau betrachtet das Leben mit eigenen Augen, und wir Männer können es nicht so betrachten. Und eine Frau sieht ein Problem oder sonst irgendetwas anders als der Mann. Sie müssen einander ergänzen, und es ist wichtig, dass Frauen bei den Beratungen anwesend sind.

In Buenos Aires habe ich einmal die Erfahrung mit einem Problem gemacht: Als ich es mit dem Priesterrat – also nur mit Männern – betrachtete, wurde es gut abgehandelt. Die an­schließende Betrachtung mit einer Gruppe von Ordensfrauen und Frauen im Laienstand hat es sehr, sehr bereichert und die Entscheidung durch eine ergänzende Sicht unterstützt. Das ist notwendig, es ist notwendig! Und ich denke, wir müssen damit weitermachen, der Entscheidungsprozess, dann wird man sehen.

Dann ist da das Problem der Predigt in der Eucharistiefeier. Es ist kein Problem, wenn eine Frau – eine Ordensfrau oder eine Frau im Laienstand – in einer Wort-Gottes-Feier die Predigt hält. Das ist kein Problem. In der Eucharistiefeier gibt es jedoch ein liturgisch-dogmatisches Problem, denn es handelt sich um eine einzige Feier – der Wortgottesdienst und die Eucharistiefeier sind eine Einheit –, und den Vorsitz in ihr hat Jesus Christus. Der Priester oder der Bischof, der den Vorsitz hat, handelt in der Person Jesu Christi. Das ist eine theologisch-liturgische Wirklichkeit. Da es keine Priesterweihe für Frauen gibt, können diese in jener Situation nicht den Vorsitz haben. Man kann das, was ich jetzt sehr schnell und etwas vereinfacht dargelegt habe, jedoch noch besser untersuchen und erläutern.

Was Führungsaufgaben betrifft, gibt es jedoch kein Problem: Diesbezüglich müssen wir vorangehen, mit Klugheit, aber auf der Suche nach Lösungen…

Es gibt hier zwei Versuchungen, vor denen wir uns in Acht nehmen müssen.

Die erste ist der Feminismus: Die Rolle der Frau in der Kirche ist kein Feminismus, sie ist ein Recht! Es ist das Recht einer Getauften mit den Charismen und Gaben, die der Geist geschenkt hat. Man darf nicht in den Feminismus verfallen, denn das würde die Bedeutung der Frau schmälern. In diesem Augenblick sehe ich diesbezüglich keine große Gefahr bei den Ordensfrauen. Ich sehe sie nicht. Vielleicht früher einmal, aber im Allgemeinen ist sie nicht vorhanden.

Die andere Gefahr, die eine sehr starke Versuchung darstellt und über die ich schon oft gesprochen habe, ist der Klerikalismus. Und diese ist sehr stark. Denken wir nur daran, dass über 60 Prozent der Pfarreien – bei den Diözesen weiß ich es nicht, aber nur etwas weniger – keinen Wirtschaftsrat und keinen Pastoralrat haben. Was heißt das? Dass jene Pfarrei und jene Diözese mit klerikalem Geist geleitet werden, nur vom Priester, der die Synodalität auf der Ebene der Pfarrei oder der Diözese nicht umsetzt. Und sie ist keine Neuheit dieses Papstes. Nein! Es steht im Kirchenrecht: Der Pfarrer ist verpflichtet, einen Laienrat zu haben, für und mit Laien – Män­ner und Frauen im Laienstand sowie Ordensfrauen –, für die Seelsorge und für wirtschaftliche Belange. Und das geschieht nicht. Und das ist heute in der Kirche die Gefahr des Klerikalismus. Wir müssen vorangehen und diese Gefahr aus dem Weg räumen, denn der Priester ist ein Diener der Gemeinschaft, der Bischof ist ein Diener der Gemeinschaft, aber er ist nicht der Chef eines Unternehmens. Nein! Das ist wichtig. In Latein­amerika zum Beispiel ist der Klerikalismus sehr stark, sehr ausgeprägt. Die Laien wissen nicht, was sie tun sollen, wenn sie nicht den Priester fragen… Es ist sehr stark. Und daher ist das Be­wusstsein für die Rolle der Laien in Lateinamerika sehr stark im Rückstand.

Nur in der Volksfrömmigkeit hat es sich etwas davor gerettet: Denn der Protagonist ist das Volk, und das Volk hat die Dinge so getan wie sie kamen. Die Priester interessierte dieser Aspekt nicht so sehr, und einige von ihnen misstrauten dem Phänomen der Volksfrömmigkeit. Aber der Klerikalismus ist eine negative Haltung. Und er kommt als Komplize daher, denn man braucht dafür zwei, wie für den Tango, den man zu zweit tanzt… Also den Priester, der den Mann oder die Frau im Laienstand, den Ordensbruder und die Ordensschwester klerikalisieren will, und den Laien, der darum bittet, klerikalisiert zu werden, weil es bequemer ist. Das ist seltsam. In Buenos Aires habe ich diese Erfahrung drei oder vier Mal gemacht: Ein guter Pfarrer kommt zu mir und sagt: »Wissen Sie, ich habe einen sehr tüchtigen Laien in der Pfarrei: Er tut dies und das, er kann organisieren, er ist engagiert, er ist wirklich ein wertvoller Mann… Sollen wir ihn zum Diakon machen?« Also: Sollen wir ihn »klerikalisieren«? »Nein! Lass ihn im Laienstand. Mach ihn nicht zum Diakon.« Das ist wichtig. Auch euch passiert es oft, dass der Klerikalismus euch in der rechtmäßigen Entwicklung der Sache bremst.

Ich werde die Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung bitten – und der Präsidentin lasse ich es vielleicht zukommen –, das, was ich über die Predigt in der Eucharistiefeier etwas oberflächlich gesagt habe, besser und tiefer zu erläutern. Denn ich habe nicht genügend Theologie und Klarheit, um es jetzt zu erklären. Man muss jedoch gut unterscheiden: Eine Sache ist die Predigt in einer Wort-Gottes-Feier, und das kann man machen; etwas anderes ist die Eucharistiefeier, hier ist ein anderes Geheimnis vorhanden. Es ist das Geheimnis des gegenwärtigen Christus, und der Priester oder der Bischof feiern die Eucharistie »in persona Christi«.

Was die Führungsaufgaben betrifft, ist es klar… Ja, ich glaube, das kann meine allgemeine Antwort auf die erste Frage sein. Kommen wir zur zweiten.

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[Gegenstand der zweiten Frage war die Rolle der geweihten Frauen in der Kirche.] Die geweihten Frauen arbeiten bereits viel mit den Armen und mit den Ausgegrenzten. Sie geben Katechismusunterricht, begleiten die Kranken und Sterbenden, spenden die Kommunion, in vielen Ländern leiten sie die gemeinsamen Gebete, wenn keine Priester da sind, und in diesem Rahmen predigen sie. In der Kirche gibt es das Amt des ständigen Diakonats, aber es steht nur Männern offen, verheirateten und unverheirateten. Was hindert die Kirche daran, auch Frauen unter die ständigen Diakone aufzunehmen, genau wie es in der frühen Kirche geschehen ist? Warum setzt man keine offizielle Kommission ein, die diese Frage untersuchen könnte? Können Sie uns ein Beispiel nennen, wo Sie eine Möglichkeit zur besseren Eingliederung der Frauen und der geweihten Frauen in das Leben der Kirche sehen?

Papst Franziskus: Diese Frage geht in Richtung auf das »Tun«: Die geweihten Frauen arbeiten schon viel mit den Armen, sie tun viele Dinge… im »Tun«. Und sie betrifft das Thema des ständigen Diakonats. Jemand könnte sagen, dass die »ständigen Diakoninnen« im Leben der Kirche die Schwiegermütter sind [Der Papst und die Anwesenden lachen]. Tatsächlich gibt es das in der Antike: Es gab einen Anfang… Ich erinnere mich, dass dieses Thema mich ziemlich interessierte, als ich zu Versammlungen nach Rom kam und in der »Domus Paolo VI« untergebracht war. Dort war ein guter syrischer Theologe; er hatte die kritische Edition und die Übersetzung der Hymnen Ephräms des Syrers herausgegeben. Und eines Tages habe ich ihn darüber befragt, und er hat mir erklärt, dass es in der Frühzeit der Kirche einige »Diakonissen« gab. Aber was sind diese Diakonissen? Waren sie geweiht oder nicht? Auf dem Konzil von Chalkedon (451) ist von ihnen die Rede, aber es ist nicht ganz klar. Welche Rolle hatten die Diakonissen in jener Zeit? Es scheint – so sagte mir jener Mann, der inzwischen verstorben ist; er war ein guter Professor, weise, gelehrt –, es scheint, dass die Rolle der Diakonissen darin bestand, bei der Taufe der Frauen zu helfen, beim Eintauchen. Sie tauften sie, wegen des Anstands, auch um die Ölungen am Leib der Frauen vorzunehmen, bei der Taufe. Und auch eine interessante Sache: Wenn es ein Eheurteil gab, weil der Ehemann seine Frau schlug und diese zum Bischof ging, um sich zu beklagen, dann waren die Diakonissen beauftragt, die blauen Flecken anzusehen, die die Schläge des Mannes auf dem Leib der Frau hinterließen, und den Bischof darüber zu informieren. Daran erinnere ich mich. Es gibt einige Veröffentlichungen über das Diakonat in der Kirche, aber es ist nicht klar, wie es ausgesehen hat. Ich glaube, ich werde die Kongregation für die Glaubenslehre bitten, mich über die Studien zu diesem Thema zu informieren, denn ich habe euch nur auf der Grundlage dessen geantwortet, was ich von jenem Priester, einem gelehrten und guten Wissenschaftler, über das ständige Diakonat gehört habe. Außerdem möchte ich eine offizielle Kommission einrichten, die diese Frage untersuchen kann: Ich glaube, es wird der Kirche guttun, diesen Punkt zu klären; ich bin einverstanden und werde Gespräche führen, um so etwas zu machen.

Dann sagt ihr: »Wir stimmen mit Ihnen über­ein, Heiliger Vater, bezüglich der Notwendigkeit einer bedeutenderen Rolle der Frauen in den Entscheidungspositionen der Kirche, auf die Sie mehrmals verwiesen haben.« Das ist klar. »Können Sie uns ein Beispiel nennen, wo Sie die Möglichkeit einer besseren Eingliederung der Frauen und der geweihten Frauen in das Leben der Kirche sehen?« Ich werde etwas sagen, das später kommt, denn ich habe gesehen, dass es eine allgemeine Frage gibt. An den Beratungen der Kongregation für die Institute des geweihten Lebens und für die Gesellschaften des apostolischen Lebens, an den Versammlungen müssen die geweihten Frauen teilnehmen: Das ist sicher. An den Beratungen über die vielen Probleme, über die gesprochen wird, müssen die geweihten Frauen teilnehmen. Eine andere Sache: eine bessere Eingliederung. Im Augenblick fallen mir keine konkreten Dinge ein, sondern immer nur das, was ich vorhin gesagt habe: das Urteil der geweihten Frau einholen, denn die Frau sieht die Dinge mit eigenen Augen und anders als die Männer, und das ist bereichernd – sowohl für die Beratung als auch für die Entscheidung und die konkrete Umsetzung.

Eure Arbeit mit den Armen, den Ausgegrenzten, den Katechismus lehren, die Kranken und die Sterbenden begleiten: Das sind sehr »mütterliche« Tätigkeiten, in denen die Mütterlichkeit der Kirche besser zum Ausdruck kommt. Aber es gibt auch Männer, die dasselbe tun, und zwar gut: geweihte Männer, Hospitalorden… Und das ist wichtig.

Also, was das Diakonat betrifft, ja, ich nehme den Vorschlag an: Eine Kommission, die das gut klärt, vor allem in Bezug auf die Frühzeit der Kirche, scheint mir nützlich zu sein.

Im Hinblick auf eine bessere Eingliederung wiederhole ich das, was ich vorhin gesagt habe.

Wenn es etwas genauer zu erläutern gibt, dann fragt jetzt nach: Gibt es zu dem, was ich gesagt habe, noch eine Frage, die mir beim Nachdenken helfen kann? Nur zu…

[Die dritte Frage befasste sich mit der Rolle der Internationalen Vereinigung von Generaloberinnen.] Welche Rolle könnte der Internationalen Vereinigung von Generaloberinnen zukommen, um im Denken der Kirche mitzureden und gehört zu werden, angesichts der Tatsache, dass sie die Stimme von 2000 weiblichen Ordensinstituten einbringt? Wie ist es möglich, dass wir sehr oft vergessen und nicht einbezogen werden, zum Beispiel in die Vollversammlung der Kongregation für die Institute des geweihten Lebens und für die Gesellschaften des apostolischen Lebens, wo es um das geweihte Leben geht? Kann die Kirche es sich erlauben, über uns zu sprechen statt mit uns zu sprechen?

Papst Franziskus: Schwester Teresina, haben Sie etwas Geduld, denn mir ist etwas eingefallen, das ich bei der anderen Frage vergessen habe, zum Thema: »Was kann das weibliche Ordensleben tun?« Es ist ein Kriterium, über das ihr nachdenken und über das auch die Kirche nachdenken muss. Eure Arbeit, meine Arbeit und die Arbeit aller besteht darin, einen Dienst zu leisten. Oft begegne ich jedoch geweihten Frauen, die als Bedienstete tätig sind statt einen Dienst zu tun. Es ist etwas schwierig zu erklären, denn ich möchte nicht, dass man an konkrete Fälle denkt, was vielleicht ein schlechter Gedanke wäre, denn niemand kennt wirklich die Umstände. Aber denken wir an einen Pfarrer, den wir uns zur Sicherheit ausdenken: »Nein, nein, mein Pfarrhaus ist in den Händen von zwei Ordensschwestern.« – »Und sie kümmern sich um alles?« – »Ja, ja!« – »Und welches Apostolat üben sie aus? Katechismusunterricht?« – »Nein, nein. Nur das!« Nein! Das sind Bedienstete! Sagen Sie mir, Herr Pfarrer, ob es in Ihrer Stadt keine tüchtigen Frauen gibt, die Arbeit brauchen. Stellen Sie eine oder zwei an, um diesen Dienst zu verrichten. Die beiden Ordensschwestern sollen lieber in die Schulen, in die Wohnviertel, zu den Kranken, zu den Armen gehen. Das ist das Kriterium: einen Dienst tun und nicht als Bedienstete tätig sein! Und wenn man euch Oberinnen um etwas bittet, das kein Dienst, sondern vielmehr eine Tätigkeit als Bedienstete ist, dann seid mutig und sagt »nein«. Dieses Kriterium ist sehr hilfreich. Denn wenn man will, dass eine geweihte Frau als Bedienstete tätig ist, dann werden das Leben und die Würde dieser Frau abgewertet. Ihre Berufung ist der Dienst: der Dienst an der Kirche, wo auch immer sie ist. Aber keine Tätigkeit als Bediens­tete!

Und jetzt [antworte ich] Teresina: »Welchen Platz hat Ihrer Ansicht nach das apostolische Ordensleben der Frauen innerhalb der Kirche? Was würde der Kirche fehlen, wenn es keine Ordensfrauen mehr gäbe?« Es würde Maria am Pfingsttag fehlen! Es gibt keine Kirche ohne Maria! Es gibt kein Pfingsten ohne Maria! Maria war da, vielleicht sagte sie nichts… Das habe ich bereits gesagt, aber ich wiederhole es gern. Die geweihte Frau ist eine Ikone der Kirche, sie ist eine Ikone Marias. Der Priester ist keine Ikone der Kirche; er ist keine Ikone Marias; er ist eine Ikone der Apostel, der Jünger, die ausgesandt sind, um zu predigen. Aber nicht der Kirche und Marias. Wenn ich das sage, möchte ich euch zum Nachdenken bringen über die Tatsache, dass »die« Kirche weiblich ist. Die Kirche ist Frau: Es heißt nicht »der« Kirche, es heißt »die« Kirche. Sie ist jedoch eine Frau, die mit Jesus Christus verheiratet ist, sie hat ihren Bräutigam: Jesus Christus. Und wenn ein Bischof für eine Diözese erwählt wird, dann heiratet der Bischof – im Namen Christi – jene Teilkirche. Die Kirche ist Frau! Und die Weihe einer Frau macht sie zur Ikone der Kirche und zur Ikone Marias. Und das können wir Männer nicht tun. Das soll euch helfen, von dieser theologischen Wurzel her eine große Rolle in der Kirche zu vertiefen. Und ich möchte, dass das nicht übersehen wird.

Ich bin völlig einverstanden [mit dem Schluss der dritten Frage]. Die Kirche: Die Kirche seid ihr, die Kirche sind wir alle. Die Hierarchie – sagen wir – der Kirche muss von euch sprechen, aber vorher und im Augenblick muss sie mit euch sprechen! Das ist sicher. Auf der Versammlung der Kongregation für die Institute des geweihten Lebens und für die Gesellschaften des apostolischen Lebens müsst ihr anwesend sein. Ja, ja! Ich werde es dem Präfekten sagen: Auf der Versammlung müsst ihr anwesend sein! Das ist klar, denn über einen Abwesenden zu sprechen, entspricht auch nicht dem Evangelium: Er muss hören können, hören was man denkt, und dann handeln wir gemeinsam. Ich bin einverstanden. Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass so viel Abstand da ist. Und danke, dass ihr es so mutig angesprochen habt – und mit diesem Lächeln.

Ich erlaube mir einen Scherz. Sie haben mit jenem Lächeln gesprochen, das in Piemont als »mugna quacia« [Unschuldsmiene] bezeichnet wird. Sehr gut! Ja, da habt ihr recht. Ich denke, dass hier eine Reform einfach ist; ich werde darüber mit dem Präfekten sprechen. »Aber auf dieser Vollversammlung geht es nicht um die Ordensschwestern, es geht um etwas anderes…« – »Die Ordensschwestern müssen angehört werden, denn sie haben eine andere Sicht der Dinge.« Das ist es, was ich vorhin gesagt habe: Es ist wichtig, dass ihr stets mit eingegliedert seid… Ich danke euch für die Frage.

Gibt es dazu noch Rückfragen? Noch etwas? Ist es klar?

Behaltet das im Gedächtnis: Was würde der Kirche fehlen, wenn es die Ordensfrauen nicht gäbe? Es würde Maria am Pfingsttag fehlen. Die Ordensfrau ist Ikone der Kirche und Marias; und die Kirche ist weiblich, von Jesus Christus zur Braut genommen.

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[Die vierte Frage drehte sich um die Hindernisse, denen die geweihten Frauen in der Kirche begegnen.] Lieber Heiliger Vater, viele Institute stehen der Herausforderung gegenüber, durch eine Revision der Konstitutionen Neuerungen in die Lebensform und in die Strukturen einzuführen. Das erweist sich als schwierig, denn wir werden vom Kirchenrecht blockiert. Sehen Sie Änderungen im Kirchenrecht vor, um diese Neuerung zu erleichtern?

Außerdem haben die jungen Menschen heute Schwierigkeiten, an eine endgültige Bindung zu denken, sowohl in der Ehe als auch im Ordens­leben. Wäre es möglich, dass wir offen sind für temporäre Bindungen?

Und ein weiterer Aspekt: Wenn wir unseren Dienst in Solidarität mit den Armen und den Ausgegrenzten tun, werden wir oft fälschlicherweise als Sozialaktivistinnen betrachtet, oder man meint, wir bezögen politisch Stellung. Einige kirchliche Autoritäten möchten, dass wir mystischer und weniger apostolisch sind. Welcher Wert wird dem apostolischen Ordensleben, insbesondere den Frauen, von Seiten einiger Teile der hierarchischen Kirche zugesprochen?

Papst Franziskus: Der erste Punkt: die Veränderungen, die vorgenommen werden müssen, um neue Herausforderungen anzunehmen. Sie haben von Neuerungen gesprochen, Neuerungen im positiven Sinne, wenn ich richtig verstanden habe: neue Dinge, die kommen… Und die Kirche ist darin Meisterin, denn sie musste sich in der Geschichte sehr, sehr, sehr verändern. Jede Veränderung bedarf jedoch der Unterscheidung, und eine Entscheidungsfindung ist nicht möglich ohne das Gebet. Wie geht eine Entscheidungsfindung vor sich? Gebet, Dialog, dann die gemeinsame Entscheidung. Man muss um die Gabe der Unterscheidung bitten – darum, entscheiden zu können. Zum Beispiel ein Unternehmer, der Veränderungen in seiner Firma vornehmen muss: Er wägt die konkreten Gegebenheiten ab und tut das, was sein Gewissen ihm sagt. In unserem Leben spielt eine weitere Person eine Rolle: der Heilige Geist. Und um eine Veränderung vorzunehmen, müssen wir zwar alle konkreten Umstände abwägen, das ist wahr, aber um in einen Entscheidungsfindungsprozess mit dem Heiligen Geist einzutreten, brauchen wir Gebet, Dialog, gemeinsame Entscheidungsfindung.

Zu diesem Punkt glaube ich, dass wir – wenn ich sage: »wir«, dann meine ich auch die Priester – nicht gut ausgebildet sind, was die Entscheidungsfindung in verschiedenen Situationen betrifft. Wir müssen versuchen, Erfahrungen zu sammeln und auch Menschen zu finden, die uns genau erklären, wie die Entscheidungsfindung vor sich geht: ein guter geistlicher Begleiter, der diese Dinge gut kennt und uns erklärt, dass es nicht ein einfaches »Pro und Kontra« ist, ein Resümee ziehen, und los geht’s. Nein, es ist etwas mehr. Jede Veränderung, die man vornehmen muss, macht es erforderlich, in einen Prozess der Unterscheidung einzutreten. Und das wird euch mehr Freiheit, mehr Freiheit geben! Das Kirchenrecht: Das ist kein Problem. Im vergangenen Jahrhundert wurde das Kirchenrecht – wenn ich mich nicht irre – zweimal geändert: 1917 und dann unter Johannes Paul II. Kleine Änderungen kann man vornehmen, sie werden vorgenommen. Dies waren jedoch zwei Änderungen des gesamten Codex. Der Codex ist ein disziplinäres Hilfsmittel, ein Hilfsmittel für das Seelenheil, für all das: Er ist das juristische Hilfsmittel der Kirche für die Prozesse, viele Dinge. Er wurde jedoch im vergangenen Jahrhundert zweimal völlig verändert, überarbeitet. Und so kann man Teile ändern. Vor zwei Monaten kam eine Anfrage, einen Kanon zu ändern, ich erinnere mich nicht genau… Ich habe es untersuchen lassen, und der Staatssekretär hat die Beratungen durchgeführt. Und alle waren einverstanden: Ja, das muss für das größere Wohl geändert werden, und es wurde geändert.

Der Codex ist ein Werkzeug, das ist sehr wichtig. Aber ich sage noch einmal: Man darf nie eine Veränderung vornehmen ohne einen persönlichen und gemeinschaftlichen Entscheidungsfindungsprozess. Und das wird euch Freiheit geben, denn ihr bringt den Heiligen Geist dorthin, in die Veränderung. Dasselbe hat der heilige Paulus getan, auch der heilige Petrus, als er gespürt hat, dass der Herr ihn drängte, die Heiden zu taufen. Wenn wir die Apostelgeschichte lesen, dann wundern wir uns über all die Veränderungen, all die Veränderungen… Das ist der Heilige Geist! Das ist interessant: In der Apostelgeschichte sind die Hauptakteure nicht die Apostel, sondern der Heilige Geist: »Der Geist drängte, dies zu tun«; »der Geist sagte zu Philippus: geh hierhin und dorthin, finde den Kämmerer und taufe ihn«; »der Geist macht«; »der Geist sagt: Nein, kommt nicht hierher«… Es ist der Geist. Der Geist hat den Aposteln den Mut gegeben, die revolutionäre Veränderung vorzunehmen, die Heiden zu taufen, ohne den Weg über die jüdische Katechese oder die jüdischen Praktiken zu gehen. Das ist interessant: In den ersten Kapiteln gibt es den Brief, den die Apostel nach dem Konzil von Jerusalem an die bekehrten Heiden senden. Sie berichten alles, was sie getan haben: »Der Heilige Geist und wir haben das beschlossen…« Das ist ein Beispiel für eine Entscheidungsfindung, die sie vorgenommen haben. So müsst ihr alle Änderungen vornehmen: mit dem Heiligen Geist. Also Unterscheidung, Gebet und auch konkrete Abwägung der Situationen.

Und bezüglich des Codex gibt es kein Problem. Er ist ein Werkzeug.

Zur endgültigen Bindung der jungen Menschen. Wir leben in einer »Kultur des Provisorischen«. Ein Bischof erzählte mir vor einiger Zeit, dass ein junger Student von 23 oder 24 Jahren, er hatte gerade die Universität beendet, zu ihm gekommen sei und zu ihm gesagt habe: »Ich möchte gerne Priester werden, aber nur für zehn Jahre.« Das ist die Kultur des Provisorischen. Im Fall der Ehe ist es ebenso. »Ich heirate dich solange die Liebe andauert und dann Lebewohl.« Die Liebe wird jedoch in hedonistischem Sinne verstanden, im Sinne der heutigen Kultur. Natürlich sind diese Ehen nichtig, sie sind nicht gültig. Sie haben nicht das Bewusstsein der Endgültigkeit einer Bindung. In der Ehe ist es so. Im Apostolischen Schreiben Amoris laetitia könnt ihr über diese Problematik lesen, es steht in den ersten Kapiteln. Ihr könnt dort lesen, wie die Ehe vorbereitet werden soll. Jemand hat einmal zu mir gesagt: »Das verstehe ich nicht: Um Priester zu werden, müsst ihr acht Jahre studieren, euch etwa acht Jahre lang darauf vorbereiten. Und dann, wenn es nicht geht oder du dich in ein schönes Mädchen verliebst, dann gestattet die Kirche dir: Geh hin, heirate, fang ein anderes Leben an. Die Vorbereitung auf die Ehe – die für das ganze Leben ist, die ›für‹ das Leben ist – besteht in vielen Diözesen aus drei oder vier Vorträgen…« Aber das geht nicht! Wie kann ein Pfarrer unterschreiben, dass sie auf die Ehe vorbereitet sind, mit dieser Kultur des Provisorischen und mit nur diesen wenigen Erklärungen? Das ist ein sehr schwerwiegendes Problem.

Im geweihten Leben hat mich stets die Eingebung des heiligen Vinzenz von Paul beeindruckt – positiv beeindruckt: Er hat gesehen, dass die »Töchter der christlichen Liebe« eine so harte, so »gefährliche« Arbeit tun mussten, an vorderster Front, dass sie jedes Jahr die Gelübde erneuern müssen. Nur für ein Jahr. Aber sie taten es aus Charisma, nicht aus der Kultur des Provisorischen heraus: um Freiheit zu geben. Ich glaube, dass die zeitlichen Gelübde im Ordensleben dies erleichtern. Und ich weiß nicht, das müsst ihr sehen, aber ich wäre sehr dafür, die zeitlichen Gelübde vielleicht etwas zu verlängern, aufgrund dieser Kultur des Provisorischen, die die jungen Menschen heute haben: Es bedeutet… die Verlobung zu verlängern, bevor man die Ehe eingeht! Das ist wichtig.

[Jetzt antwortet der Papst auf einen Teil der Frage, der nicht vorgelesen wurde, aber schriftlich vorlag.] Die Forderungen nach Geld in unseren Ortskirchen. Das mit dem Geld ist ein sehr wichtiges Problem, sowohl im geweihten Leben als auch in der Diözesankirche. Wir dürfen nie vergessen, dass der Teufel »durch die Taschen« kommt: sowohl durch die Taschen des Bischofs als auch durch die Taschen der Kongregation. Das berührt das Problem der Armut; ich werde nachher darüber sprechen. Die Geldgier ist jedoch die erste Stufe zur Korruption einer Pfarrgemeinde, einer Diözese, einer Kongregation des geweihten Lebens; sie ist die erste Stufe. Ich glaube, sie steht in diesem Zusammenhang: Bezahlung für Sakramente. Seht her, wenn jemand das von euch verlangt, dann zeigt es an. Das Heil ist unentgeltlich. Gott hat uns unentgeltlich ausgesandt; das Heil ist gleichsam eine »Verschwendung der Unentgeltlichkeit«. Es gibt kein Heil auf Bezahlung, es gibt keine Sakramente auf Bezahlung. Ist das klar? Ich kenne das, ich habe in meinem Leben eine solche Korruption gesehen.

Ich erinnere mich an einen Fall. Als ich gerade zum Bischof ernannt worden war, hatte ich den ärmsten Stadtteil von Buenos Aires: Die Stadt ist in vier Vikariate unterteilt. Es gab dort viele Migranten aus anderen amerikanischen Ländern. Und wenn jemand heiraten wollte, kam es vor, dass der Pfarrer sagte: »Diese Leute haben keinen Taufschein.« Und wenn sie in ihrem Land darum baten, bekamen sie zur Antwort: »Ja, aber sende erst 100 Dollar, und dann schicke ich ihn dir.« Ich erinnere mich da an einen Fall. Ich habe mit dem Kardinal gesprochen, der Kardinal hat mit dem dortigen Ortsbischof gesprochen… Aber in der Zwischenzeit konnten die Leute ohne Taufschein heiraten, mit dem Eid der Eltern oder der Paten. Das ist die Bezahlung – nicht nur der Sakramente, sondern auch der Bescheinigungen. Ich erinnere mich an einen jungen Mann in Buenos Aires, der heiraten wollte und zur Pfarrei gegangen ist, um das »Nihil obstat« für die Hochzeit in einer anderen Pfarrei zu beantragen: ein ganz einfaches Dokument. Die Sekretärin sagte zu ihm: »Ja, kommen Sie morgen vorbei, dann ist es fertig, und das ist der Preis«: eine ganz schöne Summe. Es ist aber eine Dienstleistung: Es geht nur darum, die Daten zu überprüfen und ein Formular auszufüllen. Und er – er ist Anwalt, jung, tüchtig, sehr eifrig, ein sehr guter Katholik – ist zu mir gekommen: »Was soll ich jetzt tun?« – »Geh morgen hin und sag ihr, du hättest dem Erzbischof einen Scheck gesandt und dass der Erzbischof ihr den Scheck geben wird.« Geldgeschäfte…

Hier berühren wir jedoch ein ernstes Problem: das Problem der Armut. Ich sage euch etwas: Wenn ein Ordensinstitut – und das gilt auch für andere Situationen –, aber wenn ein Ordensinstitut spürt, dass sein Ende naht, wenn es spürt, dass es nicht in der Lage ist, neue Elemente anzuziehen, wenn es spürt, dass die Zeit, für die der Herr jene Kongregation erwählt hatte, vielleicht vorüber ist, dann besteht die Versuchung der Habgier. Warum? Weil sie denken: »Wenigstens haben wir das Geld für unsere Altersversorgung.« Das ist ein ernstes Problem. Und welche Lösung bietet die Kirche an? Die Zusammenlegung verschiedener Institute mit ähnlichen Charismen, und weitermachen. Aber nie, nie ist das Geld eine Lösung für geistliche Probleme. Es ist ein notwendiges Hilfsmittel, aber mehr auch nicht.

Der heilige Ignatius sagte über die Armut, sie sei »Mutter« und »Mauer« des Ordenslebens. Sie lässt uns im Ordensleben wachsen wie eine Mutter, und sie bewahrt es. Und der Niedergang beginnt, wenn es an Armut mangelt. Ich erinnere mich daran, dass in meiner anderen Diözese ein sehr renommiertes Internat, das von Ordensfrauen geführt wurde, das Schwesternhaus renovieren musste, weil es alt war. Es musste renoviert werden, und es wurde gute Arbeit geleistet. Es wurde gute Arbeit geleistet. Aber damals – ich spreche ungefähr über das Jahr 1993/94 – hieß es: »Wir machen es mit allem Komfort, Zimmer mit privatem Bad und alles, auch mit Fernseher…« In diesem Internat, das sehr renommiert war, fand man zwischen zwei und vier Uhr nachmittags keine einzige Schwester: Alle waren in ihrem Zimmer, um die Telenovela zu schauen! Das ist mangelnde Armut, und sie führt dich zu einem bequemen Leben, in die Phantasie… Das ist ein Beispiel. Vielleicht ist es das einzige in der Welt, aber es lässt uns die Gefahr eines zu großen Komforts verstehen, des Mangels an Armut oder an einer gewissen Einfachheit.

[Ein weiterer Teil der nicht vorgelesenen, aber schriftlich vorliegenden Frage] »Ordensfrauen beziehen kein Gehalt für ihre Dienste, während Priester eines beziehen. Wie sollen wir ein attraktives Gesicht unseres Lebens zeigen? Wie sollen wir die notwendigen finanziellen Mittel aufbringen, um unserer Sendung nachzugehen?«

Papst Franziskus: Ich sage euch zwei Dinge: Auf das Charisma, das Innere eures Charismas schauen – jeder hat sein eigenes –, und darauf, welchen Platz die Armut einnimmt. Denn es gibt Kongregationen, die ein Leben in sehr, sehr großer Armut erfordern, während dies bei anderen nicht so sehr der Fall ist. Und alle beide sind von der Kirche approbiert. Dem Charisma entsprechend nach der Armut streben. Außerdem: Ersparnisse. Es ist Klugheit, Ersparnisse zu haben; es ist Klugheit, eine gute Verwaltung zu haben, vielleicht mit einigen Investitionen, das ist klug: für die Ausbildungshäuser, um die Werke zur Unterstützung der Armen weiterzuführen, die Schulen für die Armen weiterzuführen, die apostolischen Tätigkeiten fortzusetzen… Eine finanzielle Grundlage der eigenen Kongregation: Diese muss geschaffen werden. Und ebenso wie Reichtum schlecht sein und der Berufung schaden kann, so kann es auch das Elend. Wenn die Armut zum Elend wird: Auch das ist schlecht. Hier sieht man die geistliche Klugheit der Gemeinschaft in der gemeinsamen Entscheidungsfindung: die Prokuratorin informiert, alle besprechen es. Ja, es ist zu viel, es ist nicht zu viel… Jene mütterliche Klugheit. Aber lasst euch bitte nicht von jenen Freunden eurer Kongregation täuschen, die euch dann »ausnehmen« und euch alles wegnehmen. Ich habe viele Häuser von Schwestern gesehen – oder andere haben mir davon berichtet –, die alles verloren haben, weil sie einem bestimmten Menschen vertraut haben, der »ein großer Freund der Gemeinschaft« ist! Es gibt viele Betrüger, viele Betrüger. Klugheit besteht darin, niemals nur eine Person um Rat zu fragen: Wenn ihr etwas braucht, dann fragt verschiedene, unterschiedliche Personen um Rat. Die Güterverwaltung ist im geweihten Leben eine sehr große, eine sehr große Verantwortung. Wenn euch der nötige Lebensunterhalt fehlt, dann sagt es dem Bischof. Zu Gott sagen: »Unser tägliches Brot gib uns heute«, das wahre Brot. Aber mit dem Bischof, mit der Generaloberin, mit der Kongregation für die Ordensleute sprechen. Was den notwendigen Lebensunterhalt betrifft, denn das Ordensleben ist ein Weg der Armut, aber es ist kein Selbstmord! Und das ist gesunde Klugheit. Ist das klar?

Und dann: Wo es Konflikte gibt wegen dem, was die Ortskirchen von euch verlangen, ist es notwendig zu beten, zu unterscheiden und den Mut zu haben, wenn es sein muss, »nein« zu sagen, und die Großherzigkeit, wenn es sein muss, »ja« zu sagen. Aber ihr seht, wie notwendig die Unterscheidung in jedem Fall ist!

Der Papst greift die schriftlich vorliegende Frage wieder auf: »Wenn wir unseren Dienst ausüben, mit den Armen und den Ausgegrenzten solidarisch sind, werden wir oft fälschlicherweise als Sozialaktivistinnen betrachtet oder so als würden wir politische Position beziehen. Einige kirchliche Autoritäten betrachten unseren Dienst negativ und betonen, dass wir mehr auf eine mystische Lebensform ausgerichtet sein sollten. Wie können wir unter diesen Umständen unsere prophetische Berufung leben…?«

Papst Franziskus: Ja. Alle Ordensfrauen, alle geweihten Frauen müssen mystisch leben, denn ihr lebt in einer Vermählung; eure Berufung ist eine Berufung zur Mutterschaft, es ist eine Berufung, an der Stelle der Mutter Kirche und der Mutter Maria zu stehen. Aber die, die das zu euch sagen, meinen, dass mystisch zu sein bedeutet, eine Mumie zu sein, immer im Gebet versunken… Nein, nein. Man muss so beten und arbeiten wie es dem eigenen Charisma entspricht. Und wenn das Charisma dich dahin bringt, dich um Flüchtlinge, um Arme zu kümmern, dann musst du es tun. Sie werden dich als »Kommunistin« bezeichnen – das ist noch das Geringste. Aber du musst es tun. Denn das Charisma bringt dich dazu. Ich erinne mich an eine Ordensschwester in Argentinien: Sie war Provinzoberin ihrer Kongregation. Eine tüchtige Frau, und sie arbeitet noch immer… Sie ist fast in meinem Alter, ja. Und sie setzt sich gegen Mädchenhändler, gegen Menschenhändler ein. Ich erinnere mich, dass sie unter der Militärregierung in Argentinien ins Gefängnis gesteckt werden sollte. Es wurde Druck gemacht auf den Erzbischof, es wurde Druck gemacht auf die Provinzoberin, bevor sie selbst Provinzoberin wurde, »denn diese Frau ist Kommunistin«. Und diese Frau hat viele Mädchen gerettet, viele Mädchen!

Ja, das ist das Kreuz. Was wurde über Jesus gesagt? Dass er Beelzebul war, dass er die Macht des Beelzebul hatte. Die Verleumdung: Bereitet euch darauf vor. Wenn ihr Gutes tut, mit dem Gebet, vor Gott, euer Charisma mit allen Konsequenzen annehmt und vorangeht, dann bereitet euch auf Diffamierung und Verleumdung vor, denn der Herr hat diesen Weg für sich gewählt! Und wir Bischöfe müssen diese Frauen schützen, die die Ikone der Kirche sind, wenn sie schwierige Dinge tun und verleumdet und verfolgt werden. Verfolgt zu werden ist die letzte der Seligpreisungen. Der Herr hat zu uns gesagt: »Selig seid ihr, wenn ihr verfolgt und beleidigt werdet«, und all diese Dinge. Aber hier kann folgende Gefahr liegen: »Ich mache mein Ding.« Nein, nein: Wenn du es hörst, wenn du verfolgt wirst: Sprich darüber. Mit deiner Gemeinschaft, mit deiner Oberin, sprich mit allen, bitte um Rat, denke nach: wieder das Wort. Und einmal stand diese Ordensfrau, von der ich gerade gesprochen habe, weinend vor mir und sagte: »Schau den Brief an, den ich aus Rom erhalten habe.« – Ich werde nicht sagen, woher. – »Was soll ich tun?« – »Bist du eine Tochter der Kirche?« – »Ja!« – »Willst du der Kirche gehorchen?« – »Ja!« – »Antworte, dass du der Kirche gehorsam sein wirst, und dann geh zu deiner Oberin, geh zu deiner Gemeinschaft, geh zu deinem Bischof – das war ich –, und die Kirche wird sagen, was du tun sollst. Aber kein Brief, der aus 12.000 Kilometern Entfernung kommt.« Denn dort hatte ein Freund der Feinde der Ordensschwester geschrieben, sie war verleumdet worden. Ihr sollt mutig sein, aber mit Demut, Unterscheidung, Gebet, Dialog.

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»Ein Wort der Ermutigung an uns Frauen im Leitungsdienst, die wir die Last des Tages tragen.«

Papst Franziskus: Aber atmet auch einmal gut durch! Die Erholung, denn viele Krankheiten kommen vom Mangel an guter Erholung, Erholung in der Familie… Das ist wichtig, um die Last des Tages zu tragen.

Ihr erwähnt hier auch die alten und kranken Schwestern. Diese Schwestern sind jedoch das Gedächtnis des Instituts. Es sind die Schwestern, die gesät und gearbeitet haben, und jetzt sind sie gelähmt oder schwerkrank oder werden beiseitegeschoben. Diese Schwestern beten für das Institut. Das ist sehr wichtig, dass sie sich in das Gebet für das Institut eingebunden fühlen. Diese Schwestern haben auch eine sehr große Erfahrung: die einen mehr, die anderen weniger. Hört ihnen zu! Geht zu ihnen: »Sagen Sie mir, Schwester, was denken Sie über dieses und jenes?« Sie müssen spüren, dass ihr Rat gefragt ist, und aus ihrer Weisheit wird ein guter Rat kommen. Da könnt ihr sicher sein.

Das ist es, was ich euch zu sagen habe. Ich weiß, dass ich mich ständig wiederhole und immer wieder dieselben Dinge sage, aber so ist das Leben… Ich höre gerne Fragen, weil sie mich zum Nachdenken bringen, und ich fühle mich wie der Torwart, der da steht und darauf wartet, wohin der Ball fliegt… Das ist gut, und das sollt auch ihr im Dialog tun.

Die Dinge, die ich zu tun versprochen habe, werde ich tun. Und betet für mich, ich bete für euch. Und gehen wir voran. Unser Leben ist für den Herrn, für die Kirche und für die Menschen, die viel leiden und die Liebkosung des Vaters brauchen, durch euch! Danke!

Ich schlage euch etwas vor: Wenden wir uns zum Abschluss an die Mutter. Jede von euch soll in der eigenen Sprache das Ave Maria beten. Ich werde es auf Spanisch beten. [Ave Maria…]

[Nach dem Segen sagte der Papst]: Und betet für mich, damit ich der Kirche gut dienen kann.

(Orig. ital. in O.R. 14.5.2016)

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Quelle: Osservatore Romano 21/2016