VOM LEBENSDIENST DER FRAU — 1. CHRISTUS, DAS LEBEN

Der Herr nennt sich „das Leben“ (Joh. 11, 25; 14, 6). Die frohe Botschaft, dass Jesus Christus das Leben ist, kündet uns vor allem der heilige Evangelist Johannes. „In ihm war das Leben“ (Joh. 1, 4). Der Sohn hat nicht nur das Leben, er ist es. Er hat das Leben nicht etwa von einem anderen „empfangen“ er selbst ist der Urheber des Lebens (Apg. 3,15). „Denn gleich wie der Vater das Leben in sich selbst hat, so hat er auch dem Sohne verliehen, das Leben in sich selbst zu haben“ (Joh. 5, 26). In Christus begegnen wir der ungebrochenen Fülle, der Quelle des Lebens. Er allein ist der „Lebendige“ schlechthin. In Jesus Christus ist „das Leben sichtbar erschienen. Wir haben es gesehen. Wir bezeugen und verkündigen euch das ewige Leben, das beim Vater war und uns sichtbar erschienen ist“ (Joh. 1, 2). Der Herr bezeichnet es als eine spezifische Sendung, den Menschen das Leben zu bringen. „Ich bin gekommen, dass sie das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh. 10,10). In dem Maße, wie ein Mensch teilhat an Jesus Christus, ist er lebendig. Ohne Teilnahme an Jesus Christus gibt es kein Leben. „Wer den Sohn hat, hat das Leben, wer den Sohn aber nicht hat, hat auch das Leben nicht“ (1. Joh. 5,12). Es genügt dem Herrn in keiner Weise, dass die Menschen „etwas vom Leben haben“, dass sie ein „bisschen“ Leben besitzen, dass ihr Leben sich am Rande des Nichts bewegt und immer vom Tod bedroht ist, er will vielmehr den Menschen ein ganz neues Lebensgefühl vermitteln, ihrem Hunger nach Leben in einer Weise entgegenkommen, die uns Menschen völlig den Atem verschlägt. Weil er allein das Leben ist, will er selbst sich uns vermitteln. Wer sein Fleisch isst und sein Blut trinkt, isst ihn selbst und lebt durch ihn (vgl. Joh. 6, 57). Darum kann der Herr sagen „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich in ihm“ (Joh. 6, 56).

Weil Christus das Leben ist, kann ihm der Tod nichts anhaben. Christus ist der einzige vom Wesen her Lebendige, vor dem der Tod kapitulieren musste, und der den Tod siegreich überwunden hat. Weil Christus das Leben ist, ist er auch die Auferstehung (Joh. 11, 25).

In seinem Leiden und Sterben hat Christus den Tod mehr als besiegt, er hat den Tod in Leben gewandelt. Alles was mit Christus in Berührung kommt, wird neu lebendig. Die Kranken, die Aussätzigen, die Besessenen, die Sünder, sie alle schöpfen von ihm das Leben und spüren die lebendigmachende Kraft, die selbst vom Saum seines Kleides ausgeht. Christus verlebendigt sogar den Tod. Das ist fürwahr der göttliche Triumph des Lebens über den Tod. Im Durchgang durch den Tod wird Christus das Leben der Welt. „Dux vitae mortuus regnat vivus“ singt die Kirche in ihrer österlichen Freude und dem stolzen Bewusstsein ihres österlichen Sieges. „Der Fürst des Lebens, tot, herrscht lebend.“ Nur angesichts des Todes kann sich Christus als das Leben offenbaren. Der Tod ist der dunkle Hintergrund, der Christus als das Leben in seiner ganzen Herrlichkeit ausstrahlen lässt. Wenn schon die machtvolle Begegnung Christi mit den Kranken mannigfachster Art, mit Kranken, die an einer unheilbaren Krankheit litten, alle medizinischen Kapazitäten damaliger Zeit konsultierten und ihr ganzes Vermögen ihrer Gesundheit opferten (vgl. Mark. 5, 24), ihn als das Leben erscheinen liessen, dann musste die Begegnung mit dem Tod ihn vollends als den Fürsten und Urheber des Lebens herausstellen. Mit Christus und in Christus stirbt der Tod, um mit ihm als Leben aufzuerstehen. Im Tode Christi wird der Tod zum Prinzip und zur Quelle des Lebens. Am Kreuz Christi entspringt der siebenfache Strom der Sakramente.

Im Tod besiegt Christus nicht nur seinen persönlichen Tod, wie er etwa bei der Auferweckung des Lazarus nur den persönlichen Tod seines Freundes überwand, sondern er besiegt den Tod aller, weil er den Tod aller stirbt; er besiegt den Tod als solchen. Darum hat Christus ein- für allemal dem Tod den Stachel genommen. Er hat grundsätzlich für immer und für alle den Tod um den Sieg gebracht. Der Tod ist nicht mehr in der Welt, seitdem das Leben den Tod im Tod begraben hat. Wer an Christus glaubt, „hat das ewige Leben“ (Joh. 6, 47). Wer von seinem Brot ist, „wird leben in Ewigkeit“ (Joh. 6, 51). Wer an Jesus Christus glaubt, „wird leben, auch wenn er gestorben ist, und jeder, der im Glauben an ihn lebt, wird nicht sterben in Ewigkeit“ (vgl. Joh. 11, 26f.).

Es ist ungemein wichtig, unseren Mädchen den Blick für Christus als das wahre Leben zu öffnen. Sie haben oft eine zu einseitige Auffassung vom Leben. Es wird verstanden als die kurze Spanne Zeit zwischen Geburt und Tod, zwischen Wiege und Bahre. Es wird rein diesseitig-irdisch gesehen. Das Leben des Menschen wird auf eine Stufe gestellt mit dem Leben der Pflanzen und Tiere. – Aus dieser Sicht entstehen viele Kurzschlüsse. Wer seinen Blick nur auf dieses sein irdisch-sichtbares Leben gerichtet hat, stellt sich die begreifliche Frage: ist das denn das Leben? Ist das alles? Wie viele Arbeiterinnen, die unter sehr ungünstigen Verhältnissen eine völlig unfrauliche Arbeit verrichten müssen, sagen: Das ist doch kein Leben mehr. Das ist ein Hundeleben! Ich möchte aber auch einmal leben! Das Leben beginnt nach Feierabend! Die sehr berechtigte Parole: „Freut euch des Lebens“, die wir Christen, richtig interpretiert, nicht dick genug unterstreichen können, wird vielfach rein materialistisch missverstanden. Wer als Mädchen „das Leben genießen möchte“, meint damit: ein Liebesabenteuer, einen schönen Film, einen rauschenden Ballabend, festliche Kleider, gehobenes Essen, und dergl. mehr. Vitalität und Gesundheit, Tod und Leben sind rein diesseitige Begriffe, die Zustände des leiblichen Lebens charakterisieren. Das „Leben“ ist säkularisiert und wird nicht mehr im biblischen Sinne genommen. Wenn Christus das Leben ist, darf es nicht von ihm losgelöst werden. Wer es tut, gleicht einem Manne, der den Fluss von seiner Quelle und den Ast vom Baum trennt. Der Fluss trocknet aus und der Ast modert. Das ist die notwendige Folge. Der Begriff des Lebens hat in der Hl. Schrift eine eminent christologische Valenz.  Wer dem Leben Christus nimmt, entwertet es völlig und macht es sinnlos. Es ist sehr bedauerlich und schließlich ein Zeugnis unseres Unglaubens, dass im Wort Leben das Wort Christus nicht mehr mitschwingt.

Ein Weg, den Glauben an Christus als das Leben der Welt neu zu wecken, wäre die rechte Zuordnung von Taufe und Eucharistie. Man darf wohl sagen, dass kein Glaube so tief und fest im Bewusstsein unseres Volkes verwurzelt ist, wie der Glaube an die Gegenwart Christi unter den Gestalten von Brot und Wein. Dieser eucharistische Glaube manifestiert sich in den mannigfachen Formen: in der Kniebeuge, im Segen mit dem Allerheiligsten, im Anschauen der Gestalten bei der heiligen Wandlung, in öffentlichen und privaten Anbetungsstunden, im Benehmen im Gotteshaus, in theophorischen Prozessionen, im Schmuck der Altäre, in kunstvollen heiligen Gefäßen, im ewigen Licht, im Opfer für das Gotteshaus. All das ist letztlich Zeugnis des eucharistischen Glaubens.

Jedes Brot aber ist auf ein Leben hin geordnet und setzt es voraus. Nur der Lebendige kann essen. Der Appetit ist ist ja geradezu ein Gradmesser der Gesundheit. Darum spricht man von einem „gesunden“ Appetit. Umgekehrt ist Appetitlosigkeit oft ein Krankheitssymptom. Wenn es dem kleinen Kind nicht mehr schmeckt und es die Nahrungsaufnahme verweigert, geht die besorgte Mutter zum Arzt. Sie weiß: meinem Kind fehlt etwas. Leben und Brot sind korrelativ. Alles Brot steht im Dienst des Lebens. Brot gibt Blut und Blut gibt Leben, sagt der Volksmund. Oder das andere von der Mutter oft zitierte Wort: Milch und Brot macht die Wangen rot.

Nun wird aber die Qualität des Brotes ganz bestimmt von der Qualität des Lebens. Jedes Leben fordert ein ihm homogenes Brot. Dem vergänglichen leiblichen Leben genügt ein vergängliches leibliches Brot. Im Leben von unten entspricht ein Brot von unten. Auf das „irdische“ Leben antwortet das irdische Brot. Der menschliche Leib ist von der Erde genommen und wird auch wieder zur Erde zurückkehren. Demselben Gesetz unterliegt alle leibliche Nahrung. Wie dieses Leben sich nicht „hält“, und der Leib verfault, so kann sich auch keine irdische Speise „halten“, so ist auch sie dem Prozess der Fäulnis ausgesetzt. Weil das leibliche Leben des Menschen ein Leben auf den Tod hin ist, ist das tägliche Brot ein „totes“ Brot, dem Christus sich selbst als das „lebendige“ Brot gegenüberstellt.

Analog lassen sich die Parallelen ziehen zwischen dem Leben und dem Brot der Seele. Beide kommen von „oben“, vom „Himmel“ und sind geistiger Natur. Jedes Brot erhält und erhellt das Leben. Im Licht des Brotes enthüllt sich das Leben. Wie kostbar muss ein Leben sein, das mit dem Christus-Brot genährt wird! Wie heilig muss ein Leben sein, dem Christus selbst sich zur Speise gibt! Welche Fülle des Lebens muss in uns verborgen sein, wenn Christus selbst und mit ihm der dreifaltige Gott zu uns kommen, um Wohnung bei uns zu nehmen! Das Brot der heiligen Eucharistie ist nicht nur christliche Existenzerhaltung, sondern auch – und das nicht zuletzt – christliche Existenzerhellung. Die Herrlichkeit des Christusbrotes lässt uns die Herrlichkeit des Christuslebens ahnen. Die Glaubenswirklichkeit der Taufe wird bestätigt und neu erschlossen in der Glaubenswirklichkeit der hl. Eucharistie.

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Quelle: Josef Dreissen: „Christus Leitbild jeder Frau“, 312 Seiten, 1962

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DIE MENSCHBEZOGENHEIT CHRISTI

Gott ist immer seinen Geschöpfen nahe, insofern er sie erhält. Er ist aber den Menschen in einer einmaligen Weise nahegekommen in der Menschwerdung der zweiten Person in der Gottheit. Hier nimmt sich Gott nicht nur des Menschen an, er „zieht“ ihn an, macht sich eine menschliche Natur zueigen, vereinigt sich in geheimnisvoller Weise mit ihr durch die göttliche Person, und zwar so innig, dass diese Vereinigung mit dieser einen menschlichen Natur, die in der Stunde der Verkündigung beginnt, durch nichts und niemand mehr gelöst werden kann und fortdauert für alle Ewigkeit. Der Gottmensch Jesus Christus ist der ewige Garant für die bleibende Nähe Gottes zum Menschen.

Das Geheimnis des Gottmenschen lässt uns etwas ahnen von der beglückenden Nähe, in die Gott alle Menschen zu sich rufen möchte. Freilich ist der Logos nur mit dieser einen Natur, die er aus Maria, der Jungfrau, angenommen und „angezogen“ hat, personal verbunden, aber seine Absicht geht dahin, sich alle Menschen in seiner Kirche als seinem mystischen Leib zu unieren. Alle Menschen sind berufen, Glieder dieses seines mystischen Leibes zu werden. Die Menschbezogenheit des Logos bekennen wir im Credo der heiligen Messe mit den Worten: „Für uns Menschen und um unseres Heiles willen ist er vom Himmel herabgestiegen“. Das unmittelbare Ziel der Menschwerdung Gottes ist der Mensch. In diesem Sinne sagt die Theologie „sacramenta propter homines“, die Sakramente sind für die Menschen da. Wenn Christus „propter nos homines“ „für uns Menschen“ vom Himmel herabgestiegen ist, dann muss der Herr auch in seinen Sakramenten, in denen wir ihm unter geheimnisvollen Zeichen und Worten begegnen können, auf die Menschen bezogen sein.

Die Menschbezogenheit Christi ist eine ausschließliche Heilsbezogenheit. Das „propter nos“ erklärt das Credo durch den Zusatz „propter nostram salutem“, unseres Heiles willen. Der Mensch ist die große Sorge Gottes. Das Schicksal der Engel war mit deren Sündenfall ein für allemal besiegelt. Eine Erlösung der Engel stand nicht im Plane Gottes. Aber Gott beschließt von Ewigkeit her die Erlösung des Menschen. Diese Erlösung, die nach der objektiven Seite allein Gottes Werk ist, kann der einzelne für sich jederzeit zunichte machen. Der getaufte Mensch ist ja keine konsekrierte Materie, die nach vollzogener Konsekration ihre Zuständlichkeit nicht mehr ändern kann. Der Mensch kann sich der Gnade der Erlösung öffnen und verschließen, er kann die Gnade erlangen und sie wieder verlieren, er kann mit der Gnade mitwirken und sie vergeblich empfangen und so verscherzen. Nichts ist im Grunde genommen zur Charakterisierung der christlichen Situation falscher als das Bild von Herkules am Scheideweg. Der Mensch kann sich nicht in einem einmaligen Akt definitiv für Christus und damit für sein Heil entscheiden. Es gibt keinen mechanischen Heilsweg, der den Menschen, wenn er ihn einmal beschritten hätte, unweigerlich zu seinem Ziel führte. Die Bekehrung des Menschen ist ein fortwährender Prozess, der erst mit der Heimkehr des Menschen zu Gott sein Ende gefunden hat. Es gibt, streng genommen, keinen „Konvertiten“ es gibt nur den sich stets und ständig zu Gott hin Konvertierenden. Die Konversion im imperfektischen Sinne kennzeichnet den Heilsweg der Christen. Dabei bekehrt sich nicht der Mensch zu Gott, sondern Gott bekehrt den Menschen zu sich. „Converte nos, Deus salutaris noster.“ Bekehren uns, Gott unser Heil, betet die Kirche jeden Tag in ihrem Nachtgebet, in der Komplet. Im Staffelgebet der hl. Messe finden wir eine ähnlich lautende Bitte: „Deus, tu conversus vivificabis nos“, Gott wende dich zu uns und gib uns neues Leben. Im Psalm 118 spricht der Psalmist: „Wende dich her zu mir und erbarme dich meiner, wie du gewohnt bist, denen zu tun, die deinen Namen lieben. Lenke, oh Herr, meine Schritte nach deinem Wort, lass kein Unrecht über mich Macht gewinnen.“ Es gibt keine Bekehrung, die ohne den Anruf Gottes zur Umkehr denkbar wäre. Der Christ ist im Zustand der Pilgerschaft beständig auf dem Weg der Hin-kehr und Heim-kehr zu Gott. Konversion im Perfekt gibt es erst in statu comprehensoris, im Zustand der Vollendung. Weil der Mensch durch den Anruf Gottes also immer wieder vor die Entscheidung gestellt wird, die positiv und negativ ausfallen kann, bleibt er die „einzige“ Sorge Gottes. Im Introitus vom Herz-Jesu-Fest heißt es „Er sinnt in seinem Herzen von Geschlecht zu Geschlecht, dass er ihr Leben vom Tode errette und in der Zeit des Hungers sie nähre“.

Wie sehr der Mensch ein Kulminationspunkt göttlicher Sorge und Liebe ist, bezeugt am eindeutigsten die Person des Gottmenschen Jesus Christus. Denn in der Menschwerdung macht Gott die Sorgen und Nöte der Menschen zu den Seinigen. Er teilt mit ihnen ihr Schicksal. Jesus Christus ist das den Menschen fortwährend zugewandte Antlitz des Vaters. Christus ist der vom Vater in die Welt gesandte göttliche „Pädagoge“ der Menschheit. Wenn er erhöht ist, wird er alles an sich „ziehen“ (Joh. 12, 32). Niemand aber kann zum Sohn kommen, wenn ihn der Vater nicht „zieht“ (vgl. Joh, 6.44).

Christus ist dieser Sendung treu geblieben bis zum Tode am Kreuz, ja er bleibt ihr treu bis in alle Ewigkeit als der ewige Hohepriester, der „immerdar lebt, um Fürsprache für sie einzulegen“ (Heb. 7.25). Der Herr ist immer für die Menschen da. Nikodemos empfängt er mitten in der Nacht. Er weist ihn nicht zurück. Er hätte ihm sagen können: „Du bist ein Feigling. Du wählst die Stunde der Nacht, um nicht gesehen zu werden. Warum kommst du nicht am helllichten Tag zu mir?“ Er hätte sich entschuldigen können mit dem Hinweis darauf, dass er die Nachtruhe brauche, dass der Tag für die Arbeit da sei. Aber nichts von alledem. Nikodemus trifft kein Vorwurf, kein Tadel, kein Verweis ob der nächtlichen Ruhestörung. Christus ist immer für die Menschen da, bei Tag und bei Nacht. Er hat immer „Sprechstunden“. Er empfängt auch die Mütter mit ihren Kindern zu später Abendstunde, am „Feierabend“. Als die Jünger die Leute abwiesen, weil sie wussten, wie müde und abgearbeitet der Herr war, entgegnete ihnen Christus: „Lasst die Kinder zu mir kommen und wehret es ihnen nicht; denn für solche ist das Himmelreich“ (Matthäus 19.14). Wie Christus immer für die Menschen da ist, ist er ganz für Sie da. Das wird vor allem sichtbar beim Kreuzesopfer, das wesentlich ein „holocaustum“, ein „Ganzopfer“ ist.

Seine Sendung an die Menschen kleidet der Herr in viele Parabeln. Er schildert uns das Gleichnis vom verlorenen Sohn, von der verlorenen Drachme, vom verlorenen Schaf. Etwas näher sei hier eingegangen auf das Gleichnis vom guten Hirten (Joh. 10,11-16). Der gute Hirt führt die Schafe, er weidet sie, er schützt sie. Christus führt die Menschen zum Vater, er nährt sie mit seinem eigenen Fleisch und Blut, er schützt sie vor dem Zugriff des Bösen mit seinem Leben. Das Bild des guten Hirten enthüllt uns die völlige Selbstlosigkeit des Herrn, der sich nicht schont, um die Schafe zu retten. Der Herr geht nicht nur auf in der Sorge um die Menschen, er geht vielmehr buchstäblich dabei drauf.

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Quelle: Josef Dreissen: „Christus Leitbild jeder Frau“, 312 Seiten, 1962

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„MARIA – DIE MUTTER CHRISTI – IST DAS MAß JEDER FRAU“

Christ’s Appearance to Mary Magdalene after the Resurrection, Ivanov, 1834.

Der Mensch ist geschaffen als Gottes Ebenbild und Gleichnis. „So schuf Gott den Menschen als sein Abbild. Als Gottes Abbild schuf er ihn. Er schuf ihn als Mann und Frau“ (Genesis 1, 27). Er schuf ihn also zweigeschlechtlich. „Unter Geschlechtlichkeit verstehen wir hier etwas, das sich auf die gesamte Person des Menschen bezieht … Dort im Innersten der Person regiert die Geschlechtsnatur. So ist … die Geschlechtlichkeit eines Menschen etwas, das seinem Sein zugeordnet ist“.

Die Gottebenbürtigkeit des Menschen gilt von Mann und Frau im gleichen Maße, wenn auch nicht in gleicher Weise. Nun ist aber Christus „das Ebenbild des unsichtbaren Gottes“ (Kol. 1,15). Jesus Christus allein ist das absolute, ebenbürtige, adäquate Spiegelbild des Vaters. Nur im Gottmenschen Jesus Christus ist der Mensch perfekt.

Auf Grund seiner Gottebenbildlichkeit steht jeder Mensch in einer Wesensrelation zu Jesus Christus, der das schlechthinnige Maß aller Menschen ist. Der Prozess der Menschwerdung, der ein ganzes Leben lang währt, ist unabdingbar an den menschgewordenen Logos verwiesen. Menschliche Existenzentfaltung ist, losgelöst von Jesus Christus, von vornherein zum Scheitern verurteilt. Das gilt ebensosehr für die Frau wie für den Mann.

Es hat nur einen Menschen gegeben, der durch seinen einzigartigen Christusbezug zur höchsten Vollendung seines Menschseins gelangte: Maria. Man darf nicht Maria neben Christus stellen. Niemand hat sich bewusst und gewollt so ganz und gar unter ihn gestellt wie sie als Mutter und Magd. Es wäre falsch, Maria von Christus zu trennen und ihr ein Eigenlicht zuschreiben zu wollen. Gerade sie ist ganz Licht vom Lichte Christi. Sie kündet mit 1000 Zungen und Sprachen ihn. Christus ist das Leitbild für Maria. Sie ist sein getreuestes Spiegelbild. Kein Mensch spiegelt den Herrn so klar und leuchtend wieder wie sie.

Einzigartig ist die wurzelhafte Herkunft Mariens von Christus, die dieser Herkunft entsprechende Hinkunft Mariens zu Christus und schlussfolgernd auch die der Hinkunft korrespondierende Ankunft Mariens bei Christus.

Über die wurzelhafte Herkunft Mariens von Christus sagt Pius IX. in der Bulle „Ineffabilis Deus“: „Deshalb verwendet ja auch die Kirche die gleichen Worte, mit denen die Heilige Schrift von der ungeschaffenen göttlichen Weisheit spricht und ihren ewigen Ursprung schildert, im kirchlichen Stundengebet bei der Feier des hochheiligen Opfers und überträgt sie auf den Ursprung dieser Jungfrau, deren Erschaffung ja zugleich mit der Menschwerdung der göttlichen Weisheit beschlossen wurde.“

Das Dogma von der Unbefleckten Empfängnis aber lehrt: „dass die seligste Jungfrau Maria im ersten Augenblick ihrer Empfängnis durch einzigartiges Gnadengeschenk und Vorrecht des allmächtigen Gottes, im Hinblick auf die Verdienste Jesu Christi, des Erlösers des Menschengeschlechtes, von jedem Fehl der Erbsünde rein bleibt.“ Maria wendet sich also der ganze Strom der Erlösungsgnade zu. Sie ist „voll der Gnaden“. Dazu sagt die Enzyklika „Mystici Corporis“ im Anhang: „Ihre heiligste Seele war, mehr als alle anderen von Gott erschaffenen zusammen, vom göttlichen Geist Jesu Christi erfüllt.“ „Cuius sanctissima anima fuit, magis quam ceterae una simul omnes a Deo creatae, divino Jesu Christi Spiritu repleta.“ Maria ist also nicht nur die höchste und letzte Stufe in der Reihe der begnadeten Seelen. Auf ihre Person kommen mehr Gnaden als auf alle anderen Menschen zusammen. „Voll der Gnaden“ meint die volle Erlösung Mariens.

Dem Woher Mariens entspricht ihr Wohin. Das Wort des Psalmisten „In te proiectus sum ex utero“, „auf dich bin ich geworfen vom Schoß der Mutter“, gilt von Maria in einer einmaligen Weise. Ihre totale Hinordnung zu Christus ist ausgesprochen in dem zweifachen Titel: „Mutter Christi“ und „Braut Christi“, bzw. „Eva des neuen Bundes“. Von diesem zweifachen Titel aus kennt Mariens Leben nur einen Sinn und ein Ziel: Christus und sein Werk. In der Ungeteiltheit, in der Ausschließlichkeit ihres Da-seins für das personale Wort, für das verbale Wort – sie bewahrte alle Worte in ihrem Herzen – und das Werk Christi erschöpft sich der Sinn ihres Lebens.

Der Hinordnung Mariens zu Christus, die Werk Gottes und Werk Mariens ist, korrespondiert die gnadenhafte, einzigartige Ankunft Mariens bei Christus durch ihre leibliche Aufnahme in den Himmel und ihre Teilnahme am Königtum Christi als dessen Teilgabe. Das Maß der Teilhabe und Teilnahme am Erlösungswerk Christi auf Erden bestimmt genau das Maß ihrer Teilhabe am Königtum ihres Sohnes. Wenn Pius IX. in „Ineffabilis Deus“ von einem „uno eodemque decreto“, ein- und demselben Ratschluss, spricht, mit dem Gott die Inkarnation seines Sohnes und den Ursprung Mariens beschlossen habe, dann sagt Pius XII. im Schlussteil von „Mystici Corporis„, dass Maria „unaque simul cum filio suo regnat“, dass Maria zugleich mit ihrem Sohne als Königin regiert. Beide Worte, die in ihrer Ähnlichkeit überraschen, betonen die Zusammenschau Mariens mit Christus.

Die Christusbezogenheit Mariens ist die bedeutungsvollste Aussage über die Muttergottes für das Mädchen und die Frau von heute. Wenn die Menschwerdung „das leuchtendste Wort ist, welches Gott in die Welt hineingesprochen hat, wenn alle früheren ‚Worte, die der Vater in der natürlichen und übernatürlichen Offenbarung gesprochen hat, in Christus wie in einem Schlusswort zusammengefasst und erklärt werden“, dann ist Maria die leuchtendste, klarste, umfassendste, end-gültige, geschöpfliche Ant-wort auf dieses Wort. Alle Antworten, die Menschen dem Wort und Anruf Gottes zu geben sich bemühen und bemüht haben, werden in Maria zusammengefasst und erklärt. Ihr Leben enthüllt uns den letzten Sinn fraulichen und menschlichen Daseins überhaupt.

Maria ist das strahlendste und vollkommenste Ebenbild Christi und darum auch Ebenbild Gottes. Sie ist die Frau ohne Fehl und Makel, die Frau, wie Gott sie sich gedacht hat, die seinen göttlichen Gedanken „virgo – sponsa – mater, Jungfrau – Braut – Mutter“ in einer absolut vollkommenen Weise personal darstellt. Darum ist Maria das Maß jeder Frau. Sie ist das Realbild des göttlichen Idealbildes der Frau. Ihr Bild hat für jegliche Form fraulicher Existenz kanonischen Charakter.

Das Leben Mariens ist als Antwort auf das Leben Christi eine scharfe Korrektur für alle Frauen und Mädchen, die den Sinn ihres Daseins ausschließlich in ihrer Beziehung zu Beruf und Arbeit, zu Mann und Kind, zu Ehe und Familie erblicken. Ordnung im Leben des Mädchens heißt: Hinordnung seines Lebens in allen Bereichen auf Christus. Gerade die Schlagworte vom „Frauenüberschuss“ und von der „Erfüllung“, die beide den Sinn fraulichen Daseins innerweltlich und zwischenmenschlich sehen, verraten, wie sehr hier das Frauenbild heute der Korrektur am Marienbild bedarf.

Eine Hilfe zur Verwirklichung dieser Ordnung könnte die Weihe an das unbefleckte Herz Mariens sein. Es sei ein Bild gestattet: Wenn Christus das Meer ist, in das alle Menschen münden, dann ist Maria der reißende Strom zu diesem Meer hin, der seine Wasser nicht schnell genug in dieses Meer ergießen kann. Wer sich Maria weiht, im Bild gesprochen, wer sich in diesen Strom hineinstellt, wird von Maria nicht nur fortgetragen, sondern geradezu fortgerissen zu Christus hin. Das Bild darf aber nicht magisch missdeutet werden, als ob durch die Weihe an Maria das Heil garantiert wäre. Die Weihe verlangt eine personale Entscheidung und hebt die eigene Aktivität nicht auf. Aber die Bewegung des Menschen und der gesamten Schöpfung auf Christus hin ist nirgendwo so stark, so gewaltig, so hinreißend wie bei Maria, der als „Braut des Heiligen Geistes die Dynamik des Geistes selbst innewohnt.

Wer von diesem Strom gepackt wird, gelangt leichter ans Ziel, wie eben die Strömung dem Schwimmer zu Hilfe kommt. Wie Maria sich selbst nicht gehörte, so ist auch der ihr Geweihte nicht Eigentum Mariens, sondern in ihr und durch sie ganz Eigentum Christi. Gerade in diesem dynamischen „Hin“ Mariens zu Christus ist das Wort des heiligen Bernhard begründet: „servus mariae numquam peribit“, ein Diener Mariens geht nie verloren. Man mag gegen diesen Satz dogmatische Bedenken erheben, die religiöse Erfahrung bestätigt ihn immer wieder. Die drei täglichen „Ave“ sind für viele der letzte Rettungsanker geworden.

Je mehr aber eine Zeit und die Menschen in ihr den elementaren, schöpferischen und erlösenden Urbezug auf Christus hin verloren haben, desto mehr tut die Weihe an das unbefleckte Herz Mariens not.

Gertrud von le Fort wagt den Vergleich „Wie die Hingabe Mariens die Voraussetzung der Erscheinung Christi war, so ist die Imitatio Mariae die Voraussetzung eines christlichen Zeitalters“.

Es ist das Anliegen dieser Arbeit, die spezifische Relation, in der die Frau zu Christus stehen sollte, aufzuweisen und die Frau mit der Gestalt des Herrn zu konfrontieren. Nur in ihm, der gesagt hat „Ich bin das Licht der Welt“ wird alles Licht. Nur von Christus her kann das Frauenbild in einer gültigen Weise aufgehellt werden. Indem das Frauenbild in das Christusbild hineingehalten wird, wird die besondere Christusebenbildlichkeit der Frau deutlich.

Ich hoffe, dass im Laufe der Untersuchung sich der Leserin und dem Leser immer mehr die Wahrheit der These von Léon Bloy erschließt: „plus une femme est sainte, plus elle est femme“. Je heiliger eine Frau ist, desto fraulicher ist sie.“ Diese These gilt auch in der Umkehrung: „Je fraulicher eine Frau ist, desto heiliger ist sie.“ Das „heilig“ ist identisch mit christlich. Der Frau ist einem besonderen Maße die „anima naturaliter christiana“ zu eigen. Sie findet in Christus und seiner Religion die höchste Erfüllung ihrer natürlichen Wesensart. Frommsein und Frausein gehören zusammen. Echte Fraulichkeit existentialisiert sich in echter Frömmigkeit. Die völlig achristliche Frau ist die entartete, aus ihrer Art „geschlagene“, de-generiert Frau.

Es versteht sich von selbst, dass diese Arbeit nicht am Bilde Mariens vorbeigehen darf. Denn „so wie Christus der Herr … für alle als absolut gültiger Typus jeglichen sittlichen Strebens dasteht …, so muss auch Maria als das Weib, in dem, was des Weibes ist, für die Individuen ihres Geschlechtes das absolute Musterbild und Ideal der gottwohlgefälligen Weiblichkeit archetypisch abgeben, so dass das Weib in allen Lagen und Verhälltnissen seines Lebens … auf Mariens Beispiel mit völliger Ruhe und Entschiedenheit hinschauen mag, um von ihr die konkrete Regel ihres Verhaltens zu entlehnen.

Das Bild Mariens verdeckt und verhüllt dabei nicht das Bild Christi, sondern ent-deckt und ent-hüllt es; es verstellt es nicht, sondern lässt es durch, und gerade diese Durch-lässigkeit des Christusbildes im Marienbilde ist das Charakteristikum, das „Marianische“. Der grundsätzliche Christusbezug der Frau wird im Bilde Mariens sowohl erhellt wie auch konkret geschlichtlich veranschaulicht.

So ergibt sich für die Darstellung des Themas ein dreifacher Gesichtspunkt: Das Christusbild, das Marienbild als die frauliche Verwirklichung des Christusbildes, das Frauenbild im Spiegel des Marien- und Christusbildes. Auf diesem Wege würde das Bild der christlichen und damit das Bild der „ewigen“, zeitlosen Frau gewonnen.

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Quelle: Josef Dreissen: „Christus Leitbild jeder Frau“, 312 Seiten, 1962 – Einleitung

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Bischof Voderholzer: Fehlende Weihe schmälert Bedeutung von Frauen nicht – „Dienst nicht beliebig ersetzbar“

Der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer sieht in der Ablehnung der Frauenweihe keine verminderte Bedeutung von Frauen in der Kirche. Indes habe Jesus ausschließlich Männer als Apostel berufen.

Die Bedeutung sei durch die „Zuordnung des geistlichen Dienstamtes mit seiner seinsmäßigen Aufgabe der Christusrepräsentation“ nicht geschmälert, sagte Voderholzer laut seiner Pressestelle am Sonntag in Regensburg.

Der Bischof wiederholte demnach bei der Eröffnung der diözesanen Wolfgangswoche, Jesus habe ausschließlich Männer als Apostel berufen. Dies hatte Voderholzer erst vor rund einer Woche beim Kongress „Freude am Glauben“ des konservativen Forums Deutscher Katholiken in Ingolstadt betont.

Weiheamt nicht nur eine Funktion

Die Apostel sollten Jesus „in besonderer Weise vergegenwärtigen: Wer euch hört, hört mich. Wer euch aufnimmt, mich auf und den, der mich gesandt hat“, ergänzte Voderholzer. Dies habe seinen Grund in der sakramentalen Struktur der Kirche. „Beim geistlichen Dienstamt geht es nicht zuerst um eine Funktion, die beliebig ersetzbar wäre, sondern um die Darstellung einer Seinswirklichkeit.“

Die Kirche sei keine Gewerkschaft, keine Partei und kein Staatswesen, das im Letzten nur eine irdische Wirklichkeit sei, eigene Zwecke und Ziele verfolge und von gewählten Repräsentantinnen und Repräsentanten vertreten werde.

Die Kirche sei vielmehr der „Leib Christi“ zur Vergegenwärtigung seines Wortes und seiner heilbringenden Erlösungstat am Kreuz, erklärte Voderholzer. „In dieser Kirche gibt es verschiedene Dienste und Ämter. Und von Anfang haben Frauen sich in der Kirche mit all ihren Gaben und Fähigkeiten eingebracht.“

Frauen konnten sich in Kirche entfalten

Soziologisch gesehen hätten Frauen in der Antike und im Mittelalter vor allem durch die Kirche Entfaltungsmöglichkeiten bekommen. „Der Stand der Witwen etwa bot Schutz vor der im Römischen Reich selbstverständlichen Wiederverheiratungspflicht“, so der Bischof. Zudem seien Frauenorden stets Orte der Bildung und der Innovation gewesen.

Schlussdokument der Synode: Emmaus, Jugend, Kirche im Aufbruch

Abschnitt für Abschnitt abgestimmt: Die Versammlung der Bischofssynode hat zum Abschluss ihrer Beratungen ein Dokument verabschiedet. Es wurde an diesem Samstagabend veröffentlicht und Papst Franziskus übergeben. Lesen Sie hier eine ausführliche Zusammenfassung.

P. Bernd Hagenkord – Vatikanstadt

Das Dokument ist das Ergebnis eines Unterscheidungsprozesses: Das Vorbereitungsdokument, die Beiträge von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern, Änderungsvorschläge und Wortmeldungen sind in die Formulierungen eingegangen. Die Synode hat nicht nur über den Prozess der Unterscheidung und Entscheidung beraten, sie hat ihn gleichzeitig auch angewandt. Selbstredend finden sich nicht alle in den Debatten und Äußerungen gemachten Punkte wieder, das Dokument bemüht sich sichtbar um eine Beschränkung aufs Thema.

Den Regeln für die Synode gemäß wurde es zunächst vollständig verlesen und anschließend Abschnitt für Abschnitt abgestimmt, als approbiert gilt der Abschnitt, der zwei Drittel der Stimmen der Anwesenden erreicht hat. Tatsächlich übersprangen alle Abschnitte des Textes bei der Abstimmung diese Hürde.

Sprache, Struktur und ein biblischer Schlüssel

Die Sprache des Dokuments ist nicht jugendlich. Sie ist kirchlich, was der Natur des Textes geschuldet ist.

Die Struktur des 60 Seiten langen Textes ist aus dem Vorbereitungsdokument, dem Instrumentum Laboris, übernommen: Erkennen – Interpretieren – Wählen, also der Blick auf die Realitäten der Jugend der Welt, die Deutung und dann das Umsetzen. Was hinzugekommen ist, ist ein biblischer Deutungsschlüssel. Die Emmaus-Geschichte (Lk 24) war immer wieder Teil der Debatten; so gibt die Strukturierung anhand dieser Geschichte die Bedeutung wieder, welche der Blick auf Jesus, die Bekehrung der Jünger und das miteinander Gehen auch biblisch in den Debatten hatten.

Der erste Teil: „Er ging mit ihnen“ – das Erkennen

Großer Wert wird auf die kulturelle Verschiedenheit gelegt. Ein weiter Bogen spannt sich im ersten Teil des Dokuments auf: von der Gleichberechtigung der Geschlechter über die Jugendarbeit der Pfarreien, über Formen des wirtschaftlichen und sozialen Ausschlusses, die Säkularisierung, die Bildung bis hin zur Ausbildung von Ordensleuten und Priestern. Das öffnet einen weiten Blick auf die ganz verschiedenen Realitäten der Jugend in der Welt.

Viele Formulierungen beginnen mit „viele Synodenteilnehmer haben unterstrichen“ oder ähnlichen Wendungen – auch das ein Beleg für die Diversität der Welt. Es kommen auch Phänomene vor, die vielleicht nicht von allen geteilt oder überall vorhanden sind.

Drei besondere „Scharniere“ werden ausdrücklich und ausführlich genannt: Zuerst die digitale Umwelt, welche die Welt immer mehr prägt und eine eigene Realität wird, mit den positiven wie mit den negativen Seiten. Zweitens wird die Situation der Migranten und Flüchtlinge erörtert – für viele ein Paradigma, um die Welt heute überhaupt verstehen zu können. Die Kirche könne und müsse hier eine prophetische Rolle einnehmen.

Ein drittes Scharnier wird von der Missbrauchsfrage gebildet. Die verschiedenen Formen des Missbrauchs werden genannt und die Notwendigkeit der Aufarbeitung von der Wurzel an betont. Es braucht „rigorose Mittel der Prävention“, heißt es im Text. Dank geht an diejenigen, welche den Mut hatten und haben, den Missbrauch zu benennen und aufzudecken.

“Größere Rolle von Frauen in der Kirche – ein unausweichlicher Wandel”

Ein eigenes Kapitel gehört der Frage nach der Identität. Hier werden Familie, Kultur und Freundschaft debattiert. Hierher gehört auch das Thema Sexualität und die Bedeutung der „Logik des Evangeliums“ für das eigene Gefühlsleben. Es wird auch deutlich betont, dass viele Jugendliche Probleme und Unverständnis für die Morallehre der Kirche zeigen.

Zur Identitäts-Frage gehört auch die „Wegwerf-Kultur“: Junge Menschen seien von ihr geprägt, gehörten aber auch zu ihren ersten Opfern. Die Kirche müsse hier zur Bekehrung aufrufen.

Zum Abschluss des ersten Teils wird dann ein Blick auf das „Jung-Sein heute“ geworfen, auch das geprägt von der Unterschiedlichkeit der Situationen und Kulturen. Spiritualitäten kommen hier vor, Liturgie und die ganz verschiedenen Zugangsweisen zu Jesus. Was aber allen jungen Menschen gemeinsam eigen sei, das sei der Wunsch, die eigene Kreativität einzubringen und Verantwortung zu übernehmen. Das gelte auch für den Glauben und die Kirche.

Ein eigener Punkt wird der Überzeugung der jungen Menschen gewidmet, dass Frauen eine größere Rolle und größere Wertschätzung zustehe. Der Text spricht von einem „unausweichlichen Wandel“, vor dem die Kirche hier stehe.

Zweiter Teil: „Ihre Augen wurden aufgetan“ – das Deuten

Was bedeutet dieser weitgespannte Bogen der Lebenswelten junger Menschen heute? Dieser Frage widmet sich der zweite Teil des Dokuments. Die jungen Menschen fühlten eine „gesunde Unruhe“, die es zu respektieren und zu begleiten gelte. „Junge Menschen sind den Hirten oft voraus“, hier liege eine wichtige Quelle für die Erneuerung der Kirche.

Autorität wird zum Beispiel gesehen als „wachsen lassen“ – eine Sichtweise, die ganz dem Handeln Jesu entspreche. Es brauche Freiheit, damit authentische Lebensentscheidungen getroffen werden könnten, es brauche Anleitung zur Verantwortlichkeit, es brauche Raum, um sich für den Glauben entscheiden zu können. Christen und damit auch die jungen Christen seien zur Freiheit berufen, so der Text.

“Alles Leben ist Berufung”

Ein Schwerpunkt liegt auf der Frage der Berufung: Berufung sei kein Schicksal, dem man sich unterwerfen müsse, sie sei ein „Angebot aus Liebe“. Es brauche als ersten Schritt eine „Reinigung“ der kirchlichen Sprache, wenn es um Berufung gehe. „Alles Leben ist Berufung“ hatte Papst Paul VI. formuliert, das gelte es auch heute in eine „Kultur der Berufung“ umzusetzen.

Ausführlich werden die verschiedenen Dimensionen von Berufung besprochen – mündend in der Einsicht, dass in einer pluralistischen Welt voller Optionen und in Lebenswegen voller Brüche Berufungen schwierig zu leben und zu halten sind. Deswegen nimmt der Text-Teil zur Begleitung einen breiten Raum ein. Der ganze Reichtum und die verschiedenen Dimensionen des Begleitens werden aufgeblättert. „Die Synode erkennt die Notwendigkeit der Förderung einer integralen Begleitung an, in der geistliche gut mit den menschlichen und sozialen Aspekten integriert sind“, so der Text.

Den Abschluss dieses Teils bildet das Sprechen über den Begriff, der vielleicht wie kein zweiter das Pontifikat von Papst Franziskus prägt: Unterscheidung. Diese sei „konstitutiv für die Kirche“. Die Gemeinschaft als Horizont, das Gewissen als zentraler Ort und die Vertrautheit mit Jesus als Voraussetzung werden besprochen. Den Abschluss einer jeden Unter-scheidung müsse dann eine Ent-scheidung bilden, eine Wahl. Und damit geht das Dokument den Schritt zum dritten Teil.

Dritter Teil: „Noch in derselben Stunde brachen sie auf“ – das Wählen

Die vorherigen Überlegungen machen es bereits deutlich: Es ist schwierig, in einem für die ganze Kirche gedachten Text konkrete Überlegungen anzustellen. Der Text beginnt mit der gemeinsam getroffenen Entscheidung, junge Menschen als Priorität des Handelns der Kirche zu sehen. Das bedeutet, Zeit, Energie und Ressourcen zur Verfügung zu stellen. Eine zweite Entscheidung gleich zu Beginn: Das soll alles mit den jungen Menschen geschehen, nicht nur für sie.

Gleich im folgenden Abschnitt wird aber festgestellt, dass die Umsetzung bei den Ortskirchen liegen muss, die Diversität der Kirche lässt gar nichts anderes zu. Damit spiegelt das Dokument die neuen Regeln der Synode wieder, die Papst Franziskus im August erlassen hatte.

Viel Wert gelegt wird auf den „synodalen Prozess“ gelegt und darauf, dass Synodalität die Kirche selbst wie auch ihr verkündendes Handeln charakterisiert. Der Text skizziert im Folgenden, was das bedeuten kann.

Unter den Vorschlägen für die Konkretion vor Ort finden sich etwa Überlegungen zu einer erneuerten Weise, den Glauben weiter zu geben: nicht als Lehrstruktur, sondern in einem Miteinander. Die Zentralität der Liturgie wird genauso betont wie der diakonale Einsatz.

“Homosexuellen Menschen dabei helfen, in Freiheit und Verantwortung ihre Tauf-Berufung zu leben”

Weil es in den Synoden-Beratungen immer auch um Berufung und Berufungen ging, findet diese Dimension des kirchlichen Lebens ebenfalls ihren Niederschlag. Vor allem wendet man sich gegen das Fragmentieren des kirchlichen Lebens: hier für Jugend, da für Universität, dort für Kultur. Die Dinge müssten wieder zusammengeführt werden.

Neben diesen noch eher abstrakt bleibenden Überlegungen werden sieben Bereiche angeführt, die als „drängende Herausforderungen“ bezeichnet werden. Die digitale Umwelt gehört dazu, genauso wie die Migration: Hier gelte es „Mauern nieder zu reißen und Brücken zu bauen“. Die Beteiligung von Frauen auch in der Leitung der Kirche sei eine Frage der Gerechtigkeit, so Punkt drei. Viertens geht es um klare und offene Worte auf dem Gebiet der Sexualität; gleichzeitig müsse die Kirche sich klar gegen Diskriminierung wenden. Homosexuellen Menschen müsse geholfen werden, in „Freiheit und Verantwortung ihre Tauf-Berufung zu leben“.

Ein fünfter Punkt in diesem Abschnitt ist der Einsatz für Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung; das müsse sich auch in der Leitung und Gestaltung des kirchlichen Lebens wiederfinden. Sechstens geht es um interkulturelle und interreligiösen Dialog und siebtens um die Ökumene.

Abschließend dringt der Text darauf, für all diese Bereiche die richtige Aus- und Weiterbildung anzubieten. Hier macht die Synode drei konkrete Vorschläge: Zum einen sollten Laien, Ordensleute und Priester gemeinsam ausgebildet werden. Zweitens müsse die Seelsorge mit jungen Menschen fester Bestandteil der Ausbildung von Priestern und Ordensleuten werden. Und drittens solle die Erfahrungsdimension fest in der Ausbildungsordnung für Priester verankert werden.

Nach der Synode: Ab in die Ortskirche

Von der Synode und ihrem Dokument gewollt ist eine kreative Umsetzung der Ideen und Vorschläge vor Ort, kulturell verschieden und nicht an einem vorgegebenen Raster ausgerichtet. Damit geht das, was hier in Rom vor zwei Jahren begonnen und mit der Versammlung der Bischofssynode seinen Höhepunkt gefunden hat, nun vor Ort weiter. Da, wo Jugendliche, Glauben und Berufung wirklich sind und leben.

(vatican news)

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Quelle

Sie wollen Antworten: 5.000 Frauen schreiben Offenen Brief an Papst Franziskus

Papst Franziskus im Gespräch mit einer Frau bei der Generalaudienz am 10. Februar 2016 Foto: Daniel Ibanez / CNA Deutsch

Eine Gruppe katholischer Frauen hat einen offenen Brief an Papst Franziskus geschrieben und verlangt, dass er die Fragen beantwortet, die Erzbischof Carlo Maria Viganòs Vorwürfe aufwerfen.

Das Schreiben folgt Aufrufen mehrerer Bischöfe, darunter des Vorsitzenden der Bischofskonferenz, Kardinal DiNardió, die Vorwürfe aufzuklären – und einer Laienkommission, die „Kultur des Schweigens“ zu brechen.

In der Einleitung ihres Briefes erinnern die Frauen an ein Zitat von Papst Franziskus über die Rolle der Frau in der Kirche: „Sie haben gesagt, dass Sie ‚eine prägnantere weibliche Präsenz in der Kirche‘ suchen und dass ‚Frauen in der Lage sind, Dinge mit einem anderen Blickwinkel zu sehen als[Männer], mit einem anderen Auge. Frauen können Fragen stellen, die wir Männer nicht verstehen.'“

„Wir schreiben Dir, Heiliger Vater, um Fragen zu stellen, die Antworten brauchen“, schreibt der Brief.

Konkret fordern sie Antworten auf die Fragen, die in Viganos Zeugenaussage aufgeworfen wurden: Wie CNA Deutsch berichtete, werden darin der Papst sowie mehrere Mitglieder der Kirchenhierarchie beschuldigt, Vorwürfe des schweren Fehlverhaltens, bis hin zu sexueller Gewalt, gegen den ehemaligen Kardinal Theodore McCarrick ignoriert, gedeckt oder aktiv vertuscht zu haben.

Die Frauen fragen Franziskus auch, ob beziehungsweise wann er auf Sanktionen aufmerksam gemacht wurde, die laut Viganò gegen den damaligen Kardinal Theodore McCarrick von Papst Benedikt XVI. verhängt wurden – und ob er McCarrick trotz Kenntnis dieser Sanktionen und der schweren Vorwürfe rehabilitiert hat.

Auf diese Fragen von Journalisten auf seinem Rückflug vom Weltfamilientreffen in Irland antwortete Papst Franziskus, dass er „kein einziges Wort dazu sagen“ werde. Der Pontifex ermutigte die Journalisten stattdessen, die Erklärung selbst zu lesen und ihre eigenen Schlussfolgerungen zu ziehen.

„Für deine verletzte Herde, Papst Franziskus, sind deine Aussagen unzureichend“, schreiben die Unterzeichnerinnen des Briefes. „Sie schmerzen uns, erinnern an den Klerikalismus, den Du gerade verurteilt hast. Wir brauchen Führung, Wahrheit und Transparenz. Wir, Deine Herde, erwarten von Dir jetzt Deine Antworten.“

„Bitte wende Dich nicht von uns ab“, schreiben sie weiter. „Du hast Dich verpflichtet, die klerikalen Wege in der Kirche zu ändern. Dass ein Kardinal Seminaristen ausnutzt, ist abscheulich. Wir müssen wissen, dass wir darauf vertrauen können, dass Du uns gegenüber ehrlich bist. Die Opfer, die so sehr gelitten haben, müssen wissen, dass sie Dir vertrauen können. Die Familien, die die Quelle der Erneuerung der Kirche sein werden, müssen wissen, dass wir Dir und damit der Kirche vertrauen können.“

Die Frauen, die den Brief unterzeichnet haben, dienen der Kirche in verschiedenen Positionen und Berufen, sowohl im privaten als auch im öffentlichen Leben. Sie beschreiben sich selbst als „zutiefst unserem Glauben verpflichtet und zutiefst dankbar für die Lehre der Kirche, die Sakramente und die vielen guten Bischöfe und Priester, die unser Leben gesegnet haben“.

Sie sind „Ehefrauen, Mütter, alleinstehende Frauen, geweihte Frauen und Ordensschwestern. Wir sind die Mütter und Schwestern Deiner Priester, Seminaristen, zukünftigen Priester und Ordensleute. Wir sind die Laienführer der Kirche und die Mütter der nächsten Generation. Wir sind Professoren in Ihren Seminaren und Leiter katholischer Kanzleien und Institutionen. Wir sind Theologen, Evangelisten, Missionare und Gründer katholischer Apostolate.“

„Kurz gesagt, wir sind die Kirche, genauso wie die Kardinäle und Bischöfe um Dich herum“.

Der Brief ist unterschrieben: „Mit Liebe zu Christus und der Kirche.“

Zu den Frauen, die dem Papst den Offenen Brief schicken, gehört eine lange Reihe prominenter Professorinnen mehrer katholischer Universitäten, Autorinnen und Aktivistinnen, aber auch die Mütter und Schwestern von Seminaristen und jungen Priestern.

Das auf den 30. August 2018 datierte Schreiben wird als persönliche Initiative der ursprünglichen Unterzeichner bezeichnet und wurde von keiner Gruppe oder Organisation organisiert oder gesponsert. Es hatte 5.300 Unterschriften zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels.

Übersetzt und redigiert von AC Wimmer.

BRIEF VON JOHANNES PAUL II. AN DIE FRAUEN

Euch, Frauen der ganzen Welt,
gilt mein herzlicher Gruß!

1. An jede von euch richte ich als Zeichen der Teilnahme und Dankbarkeit diesen Brief, während die IV. Weltfrauenkonferenz näherrückt, die im September dieses Jahres in Peking abgehalten wird.

Ich möchte vor allem der Organisation der Vereinten Nationen gegenüber meine Hochachtung dafür zum Ausdruck bringen, dass sie eine Initiative von so großer Bedeutung angeregt hat. Auch die Kirche will ihren Beitrag zur Verteidigung der Würde, der Rolle und der Rechte der Frauen anbieten, und das nicht allein durch die besondere Mitwirkung der offiziellen Delegation des Heiligen Stuhls an den Arbeiten in Peking, sondern auch dadurch, dass sie Herz und Verstand aller Frauen direkt anspricht. Als mir die Generalsekretärin der Konferenz, Frau Gertrude Mongella, angesichts dieses wichtigen Treffens unlängst einen Besuch abstattete, habe ich ihr eine Botschaft überreicht, in der einige grundlegende Punkte der diesbezüglichen Lehre der Kirche zusammengestellt sind. Es ist eine Botschaft, die sich über den besonderen Anlass hinaus, der die Anregung dazu gab, einem allgemeineren Ausblick auf die tatsächliche Lage und die Probleme der Frauen in ihrer Gesamtheit öffnet und sich in den Dienst ihrer Sache in der Kirche und in der Welt von heute stellt. Ich habe daher veranlasst, dass sie allen Bischofskonferenzen zugeleitet werde, um ihre größtmögliche Verbreitung sicherzustellen.

Indem ich auf das zurückgreife, was ich in jenem Dokument schrieb, möchte ich mich nun direkt an jede Frau wenden, um mit ihr über die Probleme und Aussichten der Situation der Frau in unserer Zeit nachzudenken, wobei ich im besonderen bei dem wesentlichen Thema Würde und Rechte der Frauen im Lichte des Wortes Gottes verweilen will.

Ausgangspunkt für diesen gedanklichen Dialog muss der Dank sein. Die Kirche – so schrieb ich in dem Apostolischen Schreiben Mulieris dignitatem – »möchte der Heiligsten Dreifaltigkeit Dank sagen für das „Geheimnis der Frau“ und für jede Frau, für das, was das ewige Maß ihrer weiblichen Würde ausmacht, für „Gottes große Taten“, die im Verlauf der Generationen von Menschen in ihr und durch sie geschehen sind« (Nr. 31).

2. Der Dank an den Herrn für seinen Plan bezüglich der Berufung und Sendung der Frau in der Welt wird auch zu einem konkreten und unmittelbaren Dank an die Frauen, an jede Frau, für das, was sie im Leben der Menschheit darstellt.

Dank sei dir, Frau als Mutter, die du dich in der Freude und im Schmerz einer einzigartigen Erfahrung zum Mutterschoß des Menschen machst, die du für das Kind, das zur Welt kommt, zum Lächeln Gottes wirst, die du seine ersten Schritte lenkst, es bei seinem Heranwachsen betreust und zum Bezugspunkt auf seinem weiteren Lebensweg wirst.

Dank sei dir, Frau als Braut, die du dein Schicksal unwiderruflich an das eines Mannes bindest, in einer Beziehung gegenseitiger Hingabe im Dienst an der Gemeinsamkeit und am Leben.

Dank sei dir, Frau als Tochter und Frau als Schwester, die du in die engere Familie und dann in das gesamte Leben der Gesellschaft den Reichtum deiner Sensibilität, deiner intuitiven Wahrnehmung, deiner Selbstlosigkeit und deiner Beständigkeit einbringst.

Dank sei dir, berufstätige Frau, die du dich in allen Bereichen des sozialen, wirtschaftlichen, kulturellen, künstlerischen und politischen Lebens engagierst, für deinen unverzichtbaren Beitrag zum Aufbau einer Kultur, die Vernunft und Gefühl zu verbinden vermag, zu einem Verständnis vom Leben, das stets offen ist für den Sinn des »Geheimnisses«, zur Errichtung wirtschaftlicher und politischer Strukturen, die mehr Menschlichkeit aufweisen.

Dank sei dir, Frau im Ordensstand, die du dich nach dem Vorbild der größten aller Frauen, der Mutter Christi, des fleischgewordenen Wortes, in Fügsamkeit und Treue der Gottesliebe öffnest und so der Kirche und der ganzen Menschheit hilfst, Gott gegenüber eine »bräutliche« Antwort zu leben, die auf wunderbare Weise Ausdruck der Gemeinschaft ist, die er zu seinem Geschöpf herstellen will.

Dank sei dir, Frau, dafür, daß du Frau bist! Durch die deinem Wesen als Frau eigene Wahrnehmungsfähigkeit bereicherst du das Verständnis der Welt und trägst zur vollen Wahrheit der menschlichen Beziehungen bei.

3. Aber mit dem Dank ist es nicht getan, das weiß ich. Wir sind leider Erben einer Geschichte enormer Konditionierungen, die zu allen Zeiten und an jedem Ort den Weg der Frau erschwert haben, die in ihrer Würde verkannt, in ihren Vorzügen entstellt, oft ausgegrenzt und sogar versklavt wurde. Das hat sie daran gehindert, wirklich sie selbst zu sein, und hat die ganze Menschheit um echte geistige Reichtümer gebracht. Es wäre sicher nicht leicht, klare Schuldzuweisungen vorzunehmen, wenn man an die Macht der kulturellen Ablagerungen denkt, die im Laufe der Jahrhunderte Denkweisen und Institutionen geformt haben. Aber wenn es dabei, besonders im Rahmen bestimmter geschichtlicher Kontexte, auch bei zahlreichen Söhnen der Kirche zu Fällen objektiver Schuld gekommen ist, bedauere ich das aufrichtig. Dieses Bedauern übertrage sich auf die ganze Kirche in einem Bemühen um erneuerte Treue zu der Inspiration aus dem Evangelium, das gerade zu dem Thema von der Befreiung der Frauen von jeder Form von Missbrauch und Vorherrschaft eine Botschaft von unvergänglicher Aktualität bereithält, die der Haltung Christi selbst entspringt. Indem er sich über die in der Kultur seiner Zeit geltenden Vorschriften hinwegsetzte, nahm er den Frauen gegenüber eine Haltung der Öffnung, der Achtung, der Annahme und der Zuneigung an. Auf diese Weise ehrte er in der Frau die Würde, die sie seit jeher im Plan und in der Liebe Gottes besitzt. Wenn wir am Ende dieses zweiten Jahrtausends auf ihn blicken, stellt sich uns unwillkürlich die Frage: Wieviel von seiner Botschaft ist angenommen und verwirklicht worden?

Jawohl, es ist Zeit, mit dem Mut zur Erinnerung und mit dem offenen Eingeständnis der Verantwortung auf die lange Geschichte der Menschheit zu blicken, zu der die Frauen, und zumeist unter viel ungünstigeren Bedingungen, einen Beitrag geleistet haben, der dem der Männer nicht nachsteht. Ich denke im besonderen an die Frauen, die die Kultur und die Kunst geliebt und sich ihnen gewidmet haben, obwohl sie von der Ausgangslage her benachteiligt, oft von einer gleichwertigen Erziehung ausgeschlossen, der Unterbewertung, Verkennung und sogar Aberkennung ihres intellektuellen Beitrags ausgesetzt waren. Von dem vielfältigen Wirken der Frauen in der Geschichte hat sich leider mit den Mitteln der wissenschaftlichen Geschichtsschreibung sehr wenig feststellen lassen. Zum Glück kann man allerdings, auch wenn die Zeit die belegbaren Spuren dieses Wirkens zugedeckt hat, seines heilsamen Einfließens in den Lebenssaft gewahr werden, der das Sein der einander ablösenden Generationen bis herauf zu uns ausmacht. Hinsichtlich dieser großen, ungeheuren »Überlieferung« durch die Frauen hat die Menschheit eine unermessliche Schuld. Wie viele Frauen wurden und werden noch immer mehr nach dem physischen Aussehen bewertet als nach ihrer Sachkenntnis, ihrer beruflichen Leistung, nach den Werken ihrer Intelligenz, nach dem Reichtum ihrer Sensibilität und schließlich nach der ihrem Sein und Wesen eigenen Würde!

4. Und was soll man zu den Hindernissen sagen, die in vielen Teilen der Welt den Frauen noch immer die volle Einbeziehung in das gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Leben verwehren? Man denke nur daran, wie das Geschenk der Mutterschaft, dem doch die Menschheit ihr eigenes Überleben verdankt, oft eher bestraft als belohnt wird. Es ist sicher noch viel zu tun, damit das Dasein als Frau und Mutter keine Diskriminierung beinhaltet. Es ist dringend geboten, überall die tatsächliche Gleichheit der Rechte der menschlichen Person zu erreichen, und das heißt gleichen Lohn für gleiche Arbeit, Schutz der berufstätigen Mutter, gerechtes Vorankommen in der Berufslaufbahn, Gleichheit der Eheleute im Familienrecht und die Anerkennung von allem, was mit den Rechten und Pflichten des Staatsbürgers in einer Demokratie zusammenhängt.

Es handelt sich um einen Akt der Gerechtigkeit, aber auch um eine Notwendigkeit. Die anstehenden, sehr ernsten Probleme werden in der Politik der Zukunft in immer stärkerem Maß die Miteinbeziehung der Frau erleben: Freizeit, Lebensqualität, Wanderbewegungen, soziale Dienste, Euthanasie, Drogen, Gesundheitswesen und Fürsorge, Ökologie usw. Für alle diese Bereiche wird sich eine stärkere soziale Präsenz der Frau als wertvoll erweisen, denn sie wird dazu beitragen, die Widersprüche einer Gesellschaft herauszustellen, die auf bloßen Kriterien der Leistung und Produktivität aufgebaut ist, und sie wird auf eine Neufassung der Systeme dringen zum großen Vorteil der Humanisierungsprozesse, in denen sich der Rahmen für die »Zivilisation der Liebe« abzeichnet.

5. Wie könnten wir, wenn wir sodann auf einen der heikelsten Aspekte der Situation der Frau in der Welt blicken, die lange und erniedrigende – häufig freilich »untergründige« – Geschichte der im Bereich der Sexualität gegenüber Frauen verübten Gewalttätigkeiten unerwähnt lassen? An der Schwelle zum dritten Jahrtausend können wir diesem Phänomen gegenüber nicht gleichgültig bleiben und resignieren. Es ist an der Zeit, die Formen sexueller Gewalt, deren Objekt nicht selten die Frauen sind, nachdrücklich zu verurteilen und geeignete gesetzliche Mittel zur Verteidigung hervorzubringen. Im Namen der Achtung der menschlichen Person müssen wir außerdem Anklage erheben gegen die verbreitete, von Genußsucht und Geschäftsgeist bestimmte Kultur, die die systematische Ausbeutung der Sexualität fördert, indem sie auch Mädchen im jungen Alter dazu anhält, in die Fänge der Korruption zu geraten und sich für die Vermarktung ihres Körpers herzugeben.

Wieviel Hochachtung verdienen angesichts solcher Entartungen hingegen die Frauen, die mit heroischer Liebe zu ihrem Kind eine Schwangerschaft austragen, die durch das Unrecht ihnen gewaltsam aufgezwungener sexueller Beziehungen zustande gekommen ist; was nicht nur im Rahmen der Greueltaten vorkommt, die sich leider im Zusammenhang mit den auf der Welt noch immer so häufigen Kriegen ereignen, sondern auch in Situationen des Wohlstandes und des Friedens, die oft durch eine Kultur eines hedonistischen Permissivismus verdorben sind, in dem nur allzu leicht auch Tendenzen eines aggressiven Männertums gedeihen. Unter solchen Umständen ist die Entscheidung zur Abtreibung, die freilich immer eine schwere Sünde bleibt, eher ein Verbrechen, das dem Mann und der Mitwirkung des Umfeldes anzulasten ist, als eine den Frauen aufzuerlegende Schuld.

6. Mein Dank an die Frauen wird daher zum eindringlichen Appell, von seiten aller und besonders seitens der Staaten und der internationalen Institutionen alles Notwendige zu tun, um den Frauen die volle Achtung ihrer Würde und ihrer Rolle wiederzugeben. In diesem Zusammenhang kann ich nicht umhin, meine Bewunderung für die Frauen guten Willens zu bekunden, die sich der Verteidigung der Würde des Standes der Frau durch die Erringung gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und politischer Grundrechte gewidmet und diese mutige Initiative zu einer Zeit ergriffen haben, in der dieser ihr Einsatz als eine Übertretung, als Zeichen mangelnder Fraulichkeit, als großtuerisches Gehabe, ja als Sünde angesehen wurde!

Wie ich in der Botschaft zum Weltfriedenstag dieses Jahres mit Blick auf diesen großartigen Befreiungsprozess der Frau schrieb, kann man sagen, »es war ein schwieriger und komplizierter Weg, nicht immer frei von Irrtümern, aber im wesentlichen ein positiver Weg, auch wenn er noch unvollendet ist auf Grund der vielen Hindernisse, die in verschiedenen Teilen der Welt im Wege stehen, dass die Frau in ihrer besonderen Würde anerkannt, geachtet und aufgewertet wird« (Nr. 4).

Es gilt, auf diesem Weg weiterzugehen! Ich bin jedoch überzeugt, dass das Geheimnis, um rasch den Weg zur vollen Achtung der Identität der Frau zu Ende zu gehen, nicht nur über die, wenn auch notwendige, Anprangerung von Verbrechen und Ungerechtigkeiten führt, sondern auch und vor allem über einen ebenso wirksamen wie wohldurchdachten Förderungsplan, der alle Bereiche des Lebens der Frau betrifft, angefangen bei einer erneuerten und universalen Bewusstmachung der Würde der Frau. Auf die Anerkennung dieser Würde bringt uns trotz der vielfältigen historischen Konditionierungen die Vernunft selbst, die das jedem Menschen ins Herz geschriebene Gesetz Gottes erfasst. Aber vor allem das Wort Gottes erlaubt uns, mit aller Klarheit das grundlegende anthropologische Fundament der Würde der Frau zu erkennen, das wir in Gottes Plan für die Menschheit ausmachen können.

7. Lasst mich daher, liebe Schwestern, zusammen mit euch noch einmal über den wunderbaren Bibelabschnitt meditieren, der die Erschaffung des Menschen schildert und soviel über eure Würde und eure Sendung in der Welt aussagt.

Das Buch Genesis spricht von der Schöpfung in zusammenfassender Form und in poetischer und symbolischer, aber zutiefst wahrer Sprache: »Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie« (Gen 1, 27). Der Schöpfungsakt Gottes erfolgt nach einem genauen Plan. Zunächst wird gesagt, dass der Mensch geschaffen wird »als Abbild Gottes, ihm ähnlich« (vgl. Gen 1, 26), eine Formulierung, die sogleich die Besonderheit des Menschen im gesamten Schöpfungswerk klarstellt.

Dann heißt es, dass er schon am Anfang als »Mann und Frau« (Gen 1, 27) geschaffen wurde. Die Heilige Schrift liefert selber die Auslegung dieser Angabe: der Mensch, wenngleich umgeben von den zahllosen Geschöpfen der sichtbaren Welt, wird sich bewusst, dass er allein ist (vgl. Gen 2, 20). Gott greift ein, um ihm aus dieser Lage der Einsamkeit herauszuhelfen: »Es ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibt. Ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht« (Gen 2, 18). Der Erschaffung der Frau ist also von Anfang an das Prinzip der Hilfe zugeordnet nicht – man beachte – einseitige Hilfe, sondern gegenseitige. Die Frau ist die Ergänzung des Mannes, wie der Mann die Ergänzung der Frau ist: Frau und Mann ergänzen sich gegenseitig. Die Weiblichkeit verwirklicht das »Menschliche« ebenso wie die Männlichkeit, aber mit einer andersgearteten und ergänzenden Ausgestaltung.

Wenn die Genesis von »Hilfe« spricht, bezieht sie sich nicht nur auf den Bereich des Tuns, sondern auch auf den des Seins. Weiblichkeit und Männlichkeit ergänzen einander nicht nur unter physischem und psychischem, sondern unter ontologischem Gesichtspunkt. Nur dank der Dualität von »männlich« und »weiblich« verwirklicht sich das »Menschliche« voll.

8. Nachdem er den Menschen als Mann und Frau geschaffen hat, sagt Gott zu beiden: »Bevölkert die Erde, unterwerft sie euch« (Gen 1, 28). Er verleiht ihnen nicht nur die Fähigkeit zur Fortpflanzung, damit das Menschengeschlecht in der Zeit fortbesteht, sondern er vertraut ihnen auch die Erde als Aufgabe an, indem er sie verpflichtet, deren Ressourcen verantwortungsvoll zu verwalten. Der Mensch ist als vernunftbegabtes und freies Wesen aufgerufen, das Gesicht der Erde zu verändern. Für diese Aufgabe, die im wesentlichen Kulturarbeit ist, tragen von Anfang an sowohl der Mann wie die Frau gleiche Verantwortung. In ihrer bräutlichen und fruchtbaren Gegenseitigkeit, in ihrer gemeinsamen Aufgabe, die Erde zu beherrschen und zu unterwerfen, spiegeln die Frau und der Mann nicht eine statische und nivellierende Gleichheit, aber auch nicht einen abgrundtiefen Unterschied und unerbittlichen Konflikt wider: ihre natürlichste, dem Plan Gottes entsprechende Beziehung ist die »Einheit der zwei, das heißt eine auf Beziehung angelegte »Einheit in der Zweiheit«, die einen jeden die wechselseitige Beziehung zwischen den Personen als ein bereicherndes und sie mit Verantwortung ausstattendes Geschenk empfinden lässt.

Dieser »Einheit der zwei« wurde von Gott nicht nur das Werk der Fortpflanzung und das Leben der Familie anvertraut, sondern der eigentliche Aufbau der Geschichte. Wenn während des internationalen Jahres der Familie, das 1994 abgehalten wurde, die Aufmerksamkeit der Frau als Mutter galt, so lässt es der Anlass der Pekinger Konferenz angebracht erscheinen, erneut den vielfältigen Beitrag bewusst zu machen, den die Frau für das Leben ganzer Gesellschaften und Nationen leistet. Es ist ein Beitrag vor allem geistig-kultureller, aber auch gesellschaftlich-politischer und ökonomischer Natur. Wirklich viel zu verdanken haben dem Beitrag der Frau die verschiedenen Bereiche der Gesellschaft, die Staaten, die nationalen Kulturen und, alles in allem, der Fortschritt der ganzen Menschheit!

9. Normalerweise wird der Fortschritt nach wissenschaftlichen und technischen Kategorien bewertet, und auch unter diesem Gesichtspunkt fehlt der Beitrag der Frau nicht. Doch das ist nicht die einzige, ja nicht einmal die wichtigste Dimension des Fortschritts. Wichtiger erscheint die ethisch-soziale Dimension, die die menschlichen Beziehungen und die Werte des Geistes betrifft: was diese Dimension betrifft, die sich, angefangen von den Alltagsbeziehungen zwischen den Personen, besonders innerhalb der Familie, oft ohne alles Aufsehen, entfaltet, ist die Gesellschaft dem »Genius der Frau« gegenüber in weiten Teilen Schuldnerin.

In diesem Zusammenhang möchte ich den Frauen einen besonderen Dank aussprechen, die über die Familie hinaus in den verschiedenen Bereichen der Erziehungsarbeit tätig sind: in Kindergärten, Schulen, Universitäten, Fürsorgeeinrichtungen, Pfarreien, Vereinen und Bewegungen. Überall, wo das Erfordernis einer Bildungs- und Erziehungsarbeit besteht, kann man die enorme Bereitschaft der Frauen feststellen, sich in den menschlichen Beziehungen zu verausgaben, besonders für die Schwächsten und Schutzlosesten. Bei dieser Arbeit verwirklichen sie so etwas wie eine gefühlsmäßige, kulturelle und geistige Mutterschaft, die wegen ihrer Wirkung auf die Entwicklung der Person und die Zukunft der Gesellschaft von wahrhaft unschätzbarem Wert ist. Und wie könnte man hier das Zeugnis so vieler katholischer Frauen und so vieler weiblicher Ordensgemeinschaften unerwähnt lassen, die in den verschiedenen Kontinenten insbesondere die Erziehung der Kinder, Mädchen und Jungen, zu ihrem hauptsächlichen Dienst gemacht haben? Muss man nicht mit dankbarem Herzen auf all die Frauen blicken, die an der Front des Gesundheitsdienstes gearbeitet haben und weiter arbeiten, und das nicht nur im Rahmen oft gut organisierter Gesundheitseinrichtungen, sondern oft unter sehr misslichen Umständen, in den ärmsten Ländern der Welt, und damit ein Zeugnis von Verfügbarkeit geben, das nicht selten an das Martyrium grenzt?

10. Daher, liebe Schwestern, ist es mein Wunsch, dass mit besonderer Aufmerksamkeit über das Thema »Genius der Frau« nachgedacht werde, nicht nur um darin die Züge eines genauen Planes Gottes zu erkennen, der angenommen und eingehalten werden muss, sondern auch, um ihm im gesamten Leben der Gesellschaft, auch dem kirchlichen, mehr Raum zu geben. Auf dieses Thema, das ich allerdings schon anlässlich des Marianischen Jahres aufgegriffen hatte, konnte ich in dem schon erwähnten, 1988 veröffentlichten Apostolischen Schreiben Mulieris dignitatem ausführlich eingehen. In diesem Jahr wollte ich dann in dem Brief, den ich gewohnterweise zum Gründonnerstag an die Priester sende, eine gedankliche Verbindung zu Mulieris dignitatem herstellen, als ich sie einlud, über die wichtige Rolle nachzudenken, die in ihrem Leben die Frau als Mutter, als Schwester und als Mitarbeiterin in der Apostolatsarbeit spielt. Das ist eine andere Dimension – verschieden von der ehelichen, aber gleichfalls wichtig – jener »Hilfe«, die nach der Genesis die Frau dem Mann leisten soll.

Die Kirche sieht in Maria den erhabensten Ausdruck des »Genius der Frau« und findet in ihr eine Quelle nicht versiegender Inspiration. Maria hat sich als »Magd des Herrn« bezeichnet (Lk 1, 38). Aus Gehorsam gegenüber dem Wort Gottes hat sie ihre bevorzugte, aber alles andere als leichte Berufung einer Braut und Mutter der Familie von Nazaret angenommen. Dadurch, dass sie sich in den Dienst Gottes stellte, stellte sie sich auch in den Dienst der Menschen: ein Liebesdienst. Dieser Dienst hat es ihr ermöglicht, in ihrem Leben die Erfahrung einer geheimnisvollen, aber echten »Herrschaft« zu verwirklichen. Nicht zufällig wird sie als »Königin des Himmels und der Erde« angerufen. So ruft sie die ganze Gemeinschaft der Gläubigen an , viele Nationen und Völker rufen sie als »Königin« an. Ihre »Herrschaft« ist Dienst! Ihr Dienst ist »Herrschaft«!

So sollte die Autorität sowohl in der Familie wie in der Gesellschaft und in der Kirche verstanden werden. Das »Herrschen« offenbart die wesentliche Berufung des Menschen, der geschaffen ist nach dem »Bild« dessen, der Herr des Himmels und der Erde ist, und dazu berufen, in Christus Gottes Adoptivkind zu sein. Der Mensch ist auf Erden die einzige »von Gott um ihrer selbst willen gewollte Kreatur«, wie das II. Vatikanische Konzil lehrt, das bezeichnenderweise hinzufügt, dass der Mensch »sich selbst nur durch die aufrichtige Hingabe seiner selbst vollkommen finden kann« (Gaudium et spes, 24).

Darin besteht die mütterliche »Herrschaft« Mariens. Da sie mit ihrem ganzen Sein Hingabe für den Sohn gewesen war, wird sie auch zur Hingabe für die Söhne und Töchter des ganzen Menschengeschlechts, indem sie das tiefe Vertrauen dessen weckt, der sich an sie wendet, um sich auf den schwierigen Pfaden des Lebens zu seiner endgültigen, transzendenten Bestimmung geleiten zu lassen. Dieses Endziel erreicht ein jeder über die Etappen seiner Berufung, ein Ziel, das dem zeitlich-irdischen Einsatz sowohl des Mannes wie der Frau die Richtung weist.

11. Vor diesem Horizont des »Dienstes« – der, wenn er in Freiheit, Gegenseitigkeit und Liebe erbracht wird, das wahre »Königtum« des Menschen zum Ausdruck bringt – ist es möglich, ohne nachteilige Folgen für die Frau auch einen gewissen Rollenunterschied anzunehmen, insofern dieser Unterschied nicht das Ergebnis willkürlicher Auflagen ist, sondern sich aus der besonderen Eigenart des Mann- und Frauseins ergibt. Es handelt sich hier um eine Thematik mit einer spezifischen Anwendung auch auf den innerkirchlichen Bereich. Wenn Christus – in freier und souveräner Entscheidung, die im Evangelium und in der ständigen kirchlichen Überlieferung gut bezeugt ist – nur den Männern die Aufgabe übertragen hat, durch die Ausübung des Amtspriestertums »Ikone« seines Wesens als »Hirt« und als »Bräutigam« der Kirche zu sein, so tut das der Rolle der Frauen keinen Abbruch, wie übrigens auch nicht jener der anderen Mitglieder der Kirche, die nicht das Priesteramt innehaben, sind doch alle in gleicher Weise mit der Würde des »gemeinsamen Priestertums« ausgestattet, das in der Taufe seine Wurzeln hat. Diese Rollenunterscheidungen dürfen nämlich nicht im Lichte der funktionellen Regelungen der menschlichen Gesellschaften ausgelegt werden, sondern mit den spezifischen Kriterien der sakramentalen Ordnung, das heißt jener Ordnung von »Zeichen«, die von Gott frei gewählt wurden, um sein Gegenwärtigsein unter den Menschen sichtbar zu machen.

Im übrigen kommt gerade im Rahmen dieser Ordnung von Zeichen, wenn auch außerhalb des sakramentalen Bereiches, dem nach dem erhabenen Vorbild Mariens gelebten »Frausein« keine geringe Bedeutung zu. Denn im »Frausein« der gläubigen und ganz besonders der »gottgeweihten« Frau gibt es eine Art immanentes »Prophetentum« (vgl. Mulieris dignitatem, 29), einen sehr beschwörenden Symbolismus, man könnte sagen, eine bedeutungsträchtige »Abbildhaftigkeit«, die sich in Maria voll verwirklicht und mit der Absolutheit eines »jungfräulichen« Herzens, um »Braut« Christi und »Mutter« der Gläubigen zu sein, das Wesen der Kirche als heilige Gemeinschaft treffend zum Ausdruck bringt. In dieser Sicht »abbildhafter« gegenseitiger Ergänzung der Rollen des Mannes und der Frau werden zwei unumgängliche Dimensionen der Kirche besser herausgestellt: das »marianische« und das »apostolisch-petrinische« Prinzip (vgl. ebd., 27).

Andererseits ist – daran erinnerte ich die Priester in dem erwähnten Gründonnerstagsbrief dieses Jahres – das Amtspriestertum im Plan Christi »nicht Ausdruck von Herrschaft, sondern von Dienst« (Nr. 7). Es ist die dringende Aufgabe der Kirche bei ihrer täglichen Erneuerung im Lichte des Wortes Gottes, dies immer klarer zu machen, sei es bei der Entwicklung des Gemeinschaftsgeistes und bei der sorgfältigen Förderung aller typisch kirchlichen Mittel der Teilnahme, sei es durch die Achtung und Aufwertung der unzähligen persönlichen und gemeinschaftlichen Charismen, die der Geist Gottes zum Aufbau der christlichen Gemeinschaft und zum Dienst an den Menschen weckt.

In diesem weiten Raum des Dienstes hat die Geschichte der Kirche in diesen zweitausend Jahren trotz vieler Konditionierungen wahrhaftig den »Genius der Frau« kennengelernt, wenn sie aus ihrer Mitte Frauen von erstrangiger Größe hervorgehen sah, die in der Zeit ihre tiefe und heilsame Prägung hinterlassen haben. Ich denke an die lange Reihe von Märtyrerinnen, von Heiligen, von außergewöhnlichen Mystikerinnnen. Ich denke in besonderer Weise an die heilige Katharina von Siena und die heilige Theresia von Avila, der Papst Paul VI. seligen Angedenkens den Titel einer Kirchenlehrerin zugesprochen hat. Und wie wäre hier sodann nicht an zahlreiche Frauen zu erinnern, die auf Antrieb ihres Glaubens Initiativen ins Werk gesetzt haben von außerordentlicher sozialer Bedeutung im Dienst vor allem der Ärmsten? Die Zukunft der Kirche im dritten Jahrtausend wird es gewiss nicht versäumen, neue und wunderbare Äußerungen des »Genius der Frau« festzustellen.

12. Ihr seht also, liebe Schwestern, wie viele Beweggründe die Kirche für ihren Wunsch hat, daß auf der bevorstehenden, von den Vereinten Nationen in Peking ausgerichteten Konferenz die volle Wahrheit über die Frau zutage treten möge. Man möge wirklich den »Genius der Frau« gebührend hervorheben, indem nicht nur die großen und berühmten Frauen der Vergangenheit oder unserer Zeit berücksichtigt werden, sondern auch jene einfachen Frauen, die ihr Talent als Frau in der Normalität des Alltags im Dienst an den anderen zum Ausdruck bringen. Denn besonders in ihrer Hingabe an die anderen im tagtäglichen Leben begreift die Frau die tiefe Berufung ihres Lebens, sie, die vielleicht noch mehr als der Mann den Menschen sieht, weil sie ihn mit dem Herzen sieht. Sie sieht ihn unabhängig von den verschiedenen ideologischen oder politischen Systemen. Sie sieht ihn in seiner Größe und in seinen Grenzen und versucht, ihm entgegenzukommen und ihm eine Hilfe zu sein. Auf diese Weise verwirklicht sich in der Geschichte der Menschheit der grundlegende Plan des Schöpfers und tritt in der Vielfalt der Berufe und Berufungen unaufhörlich die – nicht nur physische, sondern vor allem geistige – Schönheit zutage, mit der Gott von Anfang an die menschliche Kreatur und im besonderen die Frau beschenkt hat.

Während ich dem Herrn im Gebet den guten Ausgang der wichtigen Tagung von Peking anvertraue, lade ich die Gemeinschaft der Kirche ein, das laufende Jahr zum Anlass zu nehmen für eine aufrichtige Danksagung an den Schöpfer und Erlöser der Welt für das Geschenk eines so großen Gutes, wie es das Frausein ist: es gehört in seinen vielfältigen Ausdrucksformen zum grundlegenden Erbe der Menschheit und der Kirche.

Maria, Königin der Liebe, wache über die Frauen und über ihre Sendung im Dienst an der Menschheit, am Frieden und an der Ausbreitung des Reiches Gottes!

Mit meinem Segen.

Aus dem Vatikan, am 29. Juni 1995, dem Hochfest der Apostel Petrus und Paulus.

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