Kardinal Müller: Piusbrüder, Frauendiakonat und Entlassungen

Kardinal Müller auf dem Petersplatz

Eine Einigung zwischen der traditionalistischen Piusbruderschaft und dem Vatikan ist laut Kurienkardinal Gerhard Ludwig Müller noch nicht in greifbarer Nähe. „Das braucht Zeit“, sagte der Präfekt der römischen Glaubenskongregation dem katholischen Sender EWTN. Nötig sei eine „tiefere Versöhnung, nicht nur die Unterzeichnung eines Dokuments“. Wer katholisch sein wolle, müsse unter anderem die Konzilien und die übrige kirchliche Lehre sowie die „hierarchische Gemeinschaft mit dem Ortsbischof, der Gemeinschaft aller Bischöfe und dem Heiligen Vater“ akzeptieren.

Zur Streitfrage der Liturgiereform im Zuge des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) sagte Müller, es sei seit jeher katholische Auffassung, dass der Papst und Synoden das Recht und die Pflicht hätten, die „äußere Form der Liturgie“ neu zu gestalten. „Die Substanz der Liturgie ist durch die Offenbarung gegeben und kann von niemandem geändert werden“, fügte er hinzu. Das Interview wurde am Donnerstag als Video im Internet veröffentlicht; am Samstag erschienen schriftliche Auszüge in Sozialen Netzwerken.

Diakoninnenweihe „unmöglich“ 

Mit Blick auf eine von Papst Franziskus eingesetzte Studienkommission zu Diakoninnen in der Kirchengeschichte sagte Müller, der Papst beziehe sich dabei nicht auf das dreistufige katholische Weiheamt von Diakon, Priester und Bischof. Es gehe um Frauen, die in der frühen Kirche etwa als Helferinnen bei der Taufe von Frauen oder in karitativen Aufgaben tätig gewesen seien.

Eine Diakoninnenweihe schloss der Kardinal als „unmöglich“ aus. „Das wird nicht kommen“, so Müller. Überdies sei dies auch nicht nötig. Heute seien Frauen in der Kirche in höheren Verantwortungspositionen als die Diakoninnen der Antike.

Mitarbeiter besser behandeln

Ungewöhnlich offene Kritik übte der Kardinal an der angeblichen Entlassung von drei Mitarbeitern der Glaubenskongregation durch den Papst. Der Schritt war Ende 2016 bekanntgeworden und soll gegen den Willen Müllers erfolgt sein. Er sagte dazu im Interview, diese Geschichte sei wahr. Er wünsche sich „eine bessere Behandlung unserer Mitarbeiter beim Heiligen Stuhl“. Man dürfe nicht nur über die Soziallehre reden, sondern müsse sie auch respektieren, so der Kardinal.

Müller rückte die Personalentscheidung in die Nähe eines „alten höfischen Gebarens“, das Franziskus selbst kritisierte. Mitarbeiter könne man nur dann entlassen, wenn sie einen Fehler machten oder Voraussetzungen wie Rechtgläubigkeit, integre Lebensführung und Sachkompetenz nicht erfüllten.

(kap 28.05.2017 cs)

Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen am 25. November 2016

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Gewalt / Pixabay CC0 – Alexas_Fotos, Public Domain (Cropped)

Bischof Dr. Franz-Josef Bode: „In Gewaltprävention investieren und frauenspezifische Benachteiligung abbauen“

Weltweit wird am 25. November der ‪„Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen“ begangen. Auch in vielen katholischen Gemeinden, Frauenverbänden und sozialen Institutionen wird dieser Tag zum Anlass genommen, um auf frauenspezifische Gewalterfahrungen aufmerksam zu machen.

Der Vorsitzende der Pastoralkommission der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Dr. Franz-Josef Bode (Osnabrück), erinnert anlässlich des Welttages daran, dass Frauen innerhalb der weltweiten Migrations- und Fluchtbewegung besonders verwundbar sind und vielfältig Gewalt erfahren. „Ein gutes Drittel aller Asylsuchenden waren im Jahr 2016 Frauen. Viele von ihnen haben geschlechtsspezifische Gewalt erfahren. Besonders grausam ist es, wenn die systematische Vergewaltigung von Frauen und Mädchen als Kriegsstrategie eingesetzt wird. Vielfach ist Gewalt gesellschaftlicher Ausdruck einer Sicht, die Frauen eine untergeordnete Stellung zuschreibt oder sie als Besitz betrachtet. Damit wird ihnen eine eigene, gleichberechtigte Würde abgesprochen.“ Auch psychische Gewalt oder fehlender Zugang zu Bildung und einem selbstbestimmten Leben kann Migration auslösen. Zu den frauenspezifischen Gründen für Flucht und Migration gehören drohende Verschleppung und Versklavung, Zwangsabtreibung, Steinigung, Zwangsverheiratung, Genitalverstümmelung sowie Mädchen- und Frauenhandel.

Bischof Bode begrüßt, dass die geschlechtsspezifische Verfolgung von Frauen in Deutschland seit 2005 ein anerkannter Asylgrund ist. Er betont, dass „die rechtliche Verankerung Ausdruck unserer gesellschaftlichen Werte ist. Gleichberechtigung von Männern und Frauen und der Schutz der Würde des menschlichen Lebens sind unverzichtbar. Für diese Werte setzen wir uns auch als katholische Kirche aktiv ein“.

In Deutschland angekommen, sind Frauen nicht automatisch in Sicherheit. Sie sind in Gefahr, erneut zum Opfer frauenspezifischer, häufig sexualisierter Gewalt zu werden. Bischof Bode unterstreicht, dass der Tag gegen Gewalt an Frauen unsere Kirche und die Gesellschaft daran erinnert, „in die Gewaltprävention zu investieren und frauenspezifische Benachteiligung abzubauen“. Dazu zähle, die Sicherheit in den Flüchtlingszentren zu verbessern, den Zugang zu Frauenhäusern und Schutzräumen zu erleichtern, vertrauenswürdige Hilfe bereitzustellen und zwangsverheiratete Frauen mit ihren Rechten vertraut zu machen. Darüber hinaus wolle die katholische Kirche dazu beitragen, dass geflüchteten Frauen in unserer Gesellschaft eine Perspektive für ein selbstbestimmtes Leben eröffnet wird, in dem sie ihre Potentiale entfalten können. „Ein Skandal“, so Bischof Bode, sei es, dass „Frauen, die sich für den interreligiösen Dialog einsetzen und Werte wie Toleranz und Gleichberechtigung einfordern, öffentlich beschimpft und bedroht werden. Ich danke ausdrücklich allen Frauen in unserer Gesellschaft, die sich für die Anerkennung der Menschenwürde von Frauen einsetzen“.

(Quelle: Pressemitteilugn der DBK)

Erklärung zur Frage der Zulassung der Frauen zum Priesteramt

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HL. KONGREGATION FÜR DIE GLAUBENSLEHRE

ERKLÄRUNG
ZUR FRAGE DER ZULASSUNG DER FRAUEN
ZUM PRIESTERAMT

EINLEITUNG:

DIE STELLUNG DER FRAU
IN DER MODERNEN GESELLSCHAFT UND IN DER KIRCHE

 

Zu den besonderen Merkmalen, die unsere Zeit kennzeichnen, zählte Papst Johannes XXIII. in seiner Enzyklika Pacem in terris vom 11. April 1963 »den Eintritt der Frau in das öffentliche Leben, der vielleicht rascher bei den christlichen Völkern erfolgt und langsamer, jedoch in zunehmendem Umfang auch bei den Völkern anderer Traditionen und Kulturen«.1Ebenso nennt das II. Vatikanische Konzil in seiner Pastoralkonstitution Gaudium et spes, wo es die Formen von Diskriminierung in den Grundrechten der Person aufzählt, die überwunden und beseitigt werden müssen, da sie dem Plan Gottes widersprechen, an erster Stelle jene Diskriminierung, die wegen des Geschlechts erfolgt.2 Die Gleichheit, die sich hieraus ergibt, wird dazu führen, eine Gesellschaft zu verwirklichen, die nicht völlig nivelliert und einförmig, sondern harmonisch und in sich geeint ist, wenn die Männer und die Frauen ihre jeweiligen Veranlagungen und ihren Dynamismus in sie einbringen, wie es Papst Paul VI. erst kürzlich dargelegt hat.3

Im Leben der Kirche selbst haben Frauen, wie die Geschichte bezeugt, einen entscheidenden Beitrag geleistet und bedeutsame Werke vollbracht. Es genügt, an die Gründerinnen der großen Frauenorden zu erinnern, wie die hl. Klara oder die hl. Theresia von Avila. Letztere und die hl. Katharina von Siena haben der Nachwelt so tiefgründige geistliche Schriften hinterlassen, daß Papst Paul VI. sie unter die Zahl der Kirchenlehrer aufgenommen hat. Noch sind jene unzähligen Frauen zu vergessen, die sich dem Herrn geweiht haben, um die tätige Nächstenliebe zu üben oder in den Missionen zu arbeiten, noch die christlichen Mütter, die in ihren Familien einen tiefen Einfluß ausüben und vor allem ihren Kindern den Glauben vermitteln.

Unsere Zeit erhebt jedoch noch höhere Forderungen: »Da heute die Frauen eine immer aktivere Funktion im ganzen Leben der Gesellschaft ausüben, ist es von großer Wichtigkeit, daß sie auch an den verschiedenen Bereichen des Apostolates der Kirche wachsenden Anteil nehmen«.4 Dieser Hinweis des II. Vatikanischen Konzils hat bereits eine entsprechende Entwicklung in die Wege geleitet: die verschiedenen Erfahrungen müssen natürlich noch reifen. Sehr zahlreich sind jedoch schon, wie Papst Paul VI. noch bemerkt hat,5 die christlichen Gemeinschaften, denen der apostolische Einsatz der Frauen sehr zum Nutzen gereicht. Einige von diesen Frauen wurden als Mitglieder in die Gremien für die pastorale Planung sowohl auf diözesaner wie pfarrlicher Ebene berufen. Auch der Heilige Stuhl hat in einige Ämter der Kurie Frauen aufgenommen.

Nun haben seit einigen Jahren mehrere christliche Gemeinschaften, die aus der Reformation des 16. Jh. oder der nachfolgenden Zeit hervorgegangen sind, auch Frauen in der gleichen Weise wie Männern den Zugang zum pastoralen Dienst eröffnet. Ihre Initiative hatte von Seiten der Mitglieder dieser Gemeinschaften oder ähnlicher Gruppen Forderungen und Veröffentlichungen zur Folge, die darauf abzielen, diese Zulassung auszuweiten, ebenso aber auch Reaktionen im entgegengesetzten Sinn. Diese Frage stellt also ein ökumenisches Problem dar, zu dem die katholische Kirche ihre Auffassung darlegen muß, und das umso mehr, als man sich in verschiedenen Bereichen der öffentlichen Meinung die Frage gestellt hat, ob die Kirche nicht auch ihrerseits ihre Praxis ändern und Frauen zur Priesterweihe zulassen sollte. Sogar mehrere katholische Theologen haben diese Frage offen gestellt und so zu Untersuchungen nicht nur im Bereich der Exegese, der Patristik und der Kirchengeschichte, sondern auch auf dem Gebiet der geschichtlichen Erforschung der Institutionen und Gebräuche, der Soziologie und der Psychologie angeregt. Die verschiedenen Argumente, die zur Klärung dieses bedeutsamen Problems beitragen können, sind einer kritischen Prüfung unterzogen worden. Da es sich hierbei aber um eine Diskussion handelt, der die klassische Theologie kaum größere Aufmerksamkeit geschenkt hat, läuft die gegenwärtige Argumentation leicht Gefahr, einige wesentliche Elemente zu vernachlässigen.

Aus diesen Gründen erachtet es die Kongregation für die Glaubenslehre in Erfüllung eines Auftrags, den sie vom Heiligen Vater erhalten hat, und als Antwort auf die von ihm in seinem Schreiben vom 30. November 1975 gemachten Erklärung6 als ihre Pflicht, erneut festzustellen: Die Kirche hält sich aus Treue zum Vorbild ihres Herrn nicht dazu berechtigt, die Frauen zur Priesterweihe zuzulassen. Gleichzeitig ist die Kongregation der Meinung, daß es in der gegenwärtigen Situation nützlich ist, diese Haltung der Kirche näher zu erklären, da sie von einigen vielleicht mit Bedauern zur Kenntnis genommen werden wird. Auf längere Sicht dürfte jedoch ihr positiver Wert ersichtlich werden, da sie dazu beitragen könnte, die jeweilige Sendung von Mann und Frau tiefer zu erfassen.

1.

DIE TATSACHE DER TRADITION

Niemals ist die katholische Kirche der Auffassung gewesen, daß die Frauen gültig die Priester- oder Bischofsweihe empfangen könnten. Einige häretische Sekten der ersten Jahrhunderte, vor allem gnostische, haben das Priesteramt von Frauen ausüben lassen wollen. Die Kirchenväter haben jedoch sogleich auf diese Neuerung hingewiesen und sie getadelt, da sie sie als für die Kirche unannehmbar ansahen.7 Es ist wahr, daß man in ihren Schriften den unleugbaren Einfluß von Vorurteilen findet, die sich gegen die Frau richten, die sich aber – was ebenfalls festzustellen ist – kaum auf ihre pastorale Tätigkeit und noch weniger auf ihre geistliche Führung ausgewirkt haben. Neben diesen durch den Geist der Zeit beeinflußten Überlegungen findet man, vor allem in den kirchenrechtlichen Werken der antiochenischen und ägyptischen Tradition, als wesentliches Motiv dafür angeführt, daß die Kirche, indem sie nur Männer zur Weihe und zum eigentlichen priesterlichen Dienst beruft, jenem Urbild des Priesteramtes treu zu bleiben sucht, das der Herr Jesus Christus gewollt und die Apostel gewissenhaft bewahrt haben.8

Dieselbe Überzeugung bestimmt auch die mittelalterliche Theologie,9 obgleich die scholastischen Theologen, wenn sie die Glaubenswahrheiten durch die Vernunft zu erklären suchen, zu dieser Frage oft Argumente anführen, die das moderne Denken nur schwerlich gelten läßt oder sogar mit Recht zurückweist. Seither ist diese Frage bis in unsere Zeit sozusagen nicht mehr erörtert worden, da die geltende Praxis von einer bereitwilligen und allgemeinen Zustimmung getragen wurde.

Die Tradition der Kirche ist also in diesem Punkt durch die Jahrhunderte hindurch so sicher gewesen, daß das Lehramt niemals einzuschreiten brauchte, um einen Grundsatz zu bekräftigen, der nicht bekämpft wurde, oder ein Gesetz zu verteidigen, das man nicht in Frage stellte. Jedesmal aber, wenn diese Tradition Gelegenheit hatte, deutlicher in Erscheinung zu treten, bezeugte sie den Willen der Kirche, dem ihr vom Herrn gegebenen Beispiel zu folgen.

Dieselbe Tradition ist auch von den Ostkirchen treu bewahrt worden. Ihre Einmütigkeit in diesem Punkt ist umso bemerkenswerter, als ihre Kirchenordnung in vielen anderen Fragen eine große Verschiedenheit zuläßt. Auch diese Kirchen lehnen es heute ab, sich jenen Forderungen anzuschließen, die den Frauen den Zugang zur Priesterweihe eröffnen möchten.

2.

DAS VERHALTEN CHRISTI

Jesus Christus hat keine Frau unter die Zahl der Zwölf berufen. Wenn er so gehandelt hat, dann tat er das nicht etwa deshalb, um sich den Gewohnheiten seiner Zeit anzupassen, denn sein Verhalten gegenüber den Frauen unterscheidet sich in einzigartiger Weise von dem seiner Umwelt und stellt einen absichtlichen und mutigen Bruch mit ihr dar.

So spricht er zur großen Verwunderung seiner eigenen Jünger öffentlich mit der Samariterin (vgl. Joh 4, 27); er beachtet nicht die gesetzliche Unreinheit der blutflüssigen Frau (vgl. Mt9, 20-22); er läßt sich im Hause des Pharisäers Simon von einer Sünderin berühren (vgl. Lk7, 37 ff.); indem er der Ehebrecherin verzeiht, möchte er zeigen, daß man mit der Verfehlung einer Frau nicht strenger verfahren darf, als mit der von Männern (vgl. Joh 8, 11); ferner zögert er nicht, sich vom Gesetz des Moses zu distanzieren, um die Gleichheit der Rechte und Pflichten von Mann und Frau hinsichtlich des Ehebandes zu bekräftigen (vgl. Mk 10, 2-11; Mt 19, 3-9).

Auf seinen Wanderpredigten ließ Jesus sich nicht nur von den Zwölf begleiten, sondern auch von einer Gruppe von Frauen: »Maria, genannt Maria aus Magdala, aus der sieben Dämonen ausgefahren waren, Johanna, die Frau des Chuzas, eines Bekannten des Herodes, Susanna und viele andere. Sie alle unterstützten Jesus und die Jünger mit dem, was sie besaßen« (Lk 8, 2-3). Im Gegensatz zur jüdischen Mentalität, die dem Zeugnis von Frauen keinen großen Wert zuerkannte, wie es das jüdische Gesetz bezeugt, waren es dennoch Frauen, die als erste den auferstandenen Christus sehen durften und von Jesus den Auftrag erhielten, die erste österliche Botschaft sogar den Aposteln mitzuteilen (vgl. Mt 28, 7-10; Lk 24, 9-10; Joh 20, 11-18), um sie darauf vorzubereiten, später selbst die offiziellen Zeugen der Auferstehung zu werden.

Gewiß, diese Feststellungen bieten keine unmittelbare Evidenz. Man sollte sich darüber aber nicht wundern, denn die Fragen, die sich aus dem Worte Gottes ergeben, übersteigen die Evidenz. Um den letzten Sinn der Sendung Jesu und den der Schrift zu verstehen, kann die rein historische Exegese der Texte nicht genügen. Man muß jedoch anerkennen, daß es hier eine Anzahl von konvergierenden Fakten gibt, die die bemerkenswerte Tatsache unterstreichen, daß Jesus den Auftrag der Zwölf keinen Frauen anvertraut hat.10 Nicht einmal seine Mutter, die so eng mit seinem Geheimnis verbunden ist und deren erhabene Funktion in den Evangelien von Lukas und Johannes hervorgehoben wird, war mit dem apostolischen Amt betraut. Das veranlaßt die Kirchenväter, sie als das Beispiel für den Willen Christi in dieser Frage hinzustellen. Dieselbe Lehre hat noch am Anfang des 13. Jh. Papst Innozenz III. wiederholt, indem er schrieb: »Obwohl die allerseligste Jungfrau Maria alle Apostel an Würde und Erhabenheit übertroffen hat, hat der Herr nicht ihr, sondern jenen die Schlüssel des Himmelreiches anvertraut«.11

3.

DIE HANDLUNGSWEISE DER APOSTEL

Die apostolische Gemeinde ist dem Verhalten Jesu Christi treu geblieben. Obgleich Maria im engen Kreis derer, die sich nach der Himmelfahrt im Abendmahlssaal versammelten, einen bevorzugten Platz einnahm (vgl. Apg 1, 14), war nicht sie es, die man in das Kollegium der Zwölf berief, sondern man schritt zur Wahl, die dann auf Matthias fiel. Aufgestellt wurden zwei Jünger, die in den Evangelien nicht einmal erwähnt werden.

Am Pfingsttag ist der Heilige Geist auf alle her abgekommen, auf Männer und Frauen (vgl. Apg 2, 1; 1, 14), und dennoch waren es nur »Petrus zusammen mit den Elf«, die die Stimme erhoben und verkündeten, daß in Jesus die Propheten erfüllt sind (Apg 2, 14).

Als diese und Paulus die Grenzen der jüdischen Welt überschritten, haben die Verkündigung des Evangeliums und das christliche Leben in der griechisch-römischen Zivilisation sie veranlaßt, mitunter sogar auf schmerzliche Weise mit der Beobachtung des mosaischen Gesetzes zu brechen. Sie hätten also auch daran denken können, Frauen die Weihe zu erteilen, wenn sie nicht davon überzeugt gewesen wären, in diesem Punkt dem Herrn die Treue wahren zu müssen. In der hellenistischen Welt waren mehrere Kulte der heidnischen Gottheiten Priesterinnen anvertraut. Die Griechen teilten nämlich nicht die jüdischen Vorstellungen. Wenn auch die Philosophen die Frau als minderwertiger beurteilten, so weisen die Geschichtsexperten doch während der römischen Kaiserzeit auch die Existenz einer gewissen Bewegung nach, die sich um die Förderung der Frau bemühte. In der Tat stellen wir auch in der Apostelgeschichte und in den Briefen des hl. Paulus fest, daß die Frauen bei der Verkündigung des Evangeliums mit den Aposteln zusammenarbeiteten (vgl. Röm 16, 3-12; Phil 4, 3); er nennt mit Freude ihre Namen in den abschließenden Gruß werten seiner Briefe; einige von ihnen üben häufig einen bedeutenden Einfluß bei den Bekehrungen aus: Priscilla, Lydia und andere; Priscilla vor allem, die sich darum bemühte, die Glaubensunterweisung des Apollo noch weiter zu vervollkommnen (vgl. Apg 18, 26); Phöbe steht im Dienst der Gemeinde Kenchreä (vgl. Röm 16, 1). All diese Tatsachen offenbaren in der Kirche zur Zeit der Apostel einen beachtlichen Fortschritt im Vergleich zu den Sitten des Judentums. Und dennoch hat man niemals daran gedacht, diesen Frauen die Weihe zu erteilen.

In den paulinischen Briefen haben anerkannte Exegeten einen Unterschied zwischen zwei Redeweisen des Apostels festgestellt: er spricht unterschiedslos von »meinen Mitarbeitern« (Röm 16, 3; Phil 4, 2-3) hinsichtlich der Männer und Frauen, die ihm auf die eine oder andere Weise in seiner apostolischen Arbeit helfen; dagegen reserviert er die Bezeichnung »Mitarbeiter Gottes« (1 Kor 3, 9; vgl. 1 Thess 3, 2) für Apollo, Timotheus und sich selbst, Paulus; sie werden so bezeichnet, weil sie direkt zum apostolischen Amt und zur Verkündigung des Gotteswortes berufen sind. Obgleich die Frauen am Tag der Auferstehung eine bedeutsame Aufgabe zu erfüllen hatten, geht ihre Mitarbeit für den hl. Paulus nicht bis zur offiziellen und öffentlichen Verkündigung der Frohbotschaft, die exklusiv der apostolischen Sendung vorbehalten bleibt.

4.

DIE BLEIBENDE BEDEUTUNG DER VERHALTENSWEISE
JESU UND DER APOSTEL

Könnte sich die Kirche nicht von dieser Verhaltensweise Jesu und der Apostel, die zwar durch die ganze Tradition bis in unsere Tage als Norm angesehen worden ist, heute eventuell entfernen? Man hat zugunsten einer positiven Beantwortung dieser Frage verschiedene Argumente vorgebracht, die es nun zu prüfen gilt.

Man hat vor allem behauptet, daß das Verhalten Jesu und der Apostel sich durch den Einfluß ihres Milieus und ihrer Zeit erklären ließe. Wenn Jesus, so sagt man, weder den Frauen noch seiner eigenen Mutter ein Amt übertragen hat, das sie den Zwölfen zuordnete, so liegt der Grund darin, daß die historischen Umstände es ihm nicht gestatteten. Keiner hat indes jemals bewiesen, und es ist auch nicht möglich nachzuweisen, daß dieses Verhalten sich allein an soziologisch-kulturellen Motiven orientiert. Die Nachforschungen in den Evangelien ergeben, wie wir oben gesehen haben, gerade das Gegenteil, daß nämlich Jesus mit den Vorurteilen seiner Zeit gebrochen hat, indem er den konkreten Formen der Diskriminierung der Frauen entschlossen entgegengetreten ist. Man kann also nicht behaupten, daß Jesus sich einfach von Opportunitätsgründen habe leiten lassen, wenn er keine Frauen in die Gruppe der Apostel aufgenommen habe. Noch weniger hätten diese soziologisch-kulturellen Bedingungen die Apostel im griechischen Milieu davon zurückhalten können, wo diese Diskriminierungen nicht existierten.

Einen weiteren Einwand leitet man von dem zeitbedingten Charakter her, den man heute in einigen Vorschriften des hl. Paulus für die Frauen und in den Schwierigkeiten, die sich diesbezüglich aus einigen Aspekten seiner Lehre ergeben, zu erkennen glaubt. Man muß jedoch dagegen feststellen, daß diese Vorschriften, die wahrscheinlich durch die Sitten seiner Zeit beeinflußt sind, sich fast nur auf disziplinare Praktiken von geringer Bedeutung beziehen, wie z.B. die den Frauen auferlegte Verpflichtung, einen Schleier zu tragen (vgl. 1Kor 11, 2-16); diese Forderungen haben natürlich keinen normativen Wert mehr. Das Verbot des Apostels jedoch, daß Frauen in der Versammlung nicht »sprechen« dürfen (vgl. 1 Kor 14, 34-35; 1 Tim 2, 12), ist anderer Natur. Die Exegeten erklären seine richtige Bedeutung: Paulus widersetzt sich keineswegs dem Recht, in der Versammlung prophetisch zu reden, was er den Frauen übrigens ausdrücklich zuerkennt (vgl. 1 Kor 11, 5); das Verbot bezieht sich ausschließlich auf die offizielle Funktion, in der christlichen Versammlung zu lehren. Diese Vorschrift ist für den hl. Paulus mit dem göttlichen Schöpfungsplan verbunden (vgl. 1 Kor 11, 7; Gen 2, 18-24); man könnte sie nur schwerlich als Ausdruck der kulturellen Verhältnisse ansehen. Ferner darf nicht vergessen werden, daß wir dem hl. Paulus einen jener Texte verdanken, in denen im Neuen Testament mit größtem Nachdruck die grundsätzliche Gleichheit von Mann und Frau als Kinder Gottes in Christus unterstrichen wird (vgl. Gal 3, 28). Es besteht also kein Grund, ihn unfreundlicher Vorurteile gegenüber den Frauen anzuklagen, wenn man das Vertrauen beachtet, das er ihnen entgegenbringt, und die Mitarbeit, die er von ihnen für seine apostolische Tätigkeit erbittet.

Außer diesen Einwänden, die man aus der Geschichte der apostolischen Zeit entnimmt, gibt es andere, die für eine berechtigte Entwicklung in dieser Frage eintreten und als Argument dafür auf die Praxis hinweisen, die die Kirche hinsichtlich der Riten der Sakramente befolgt hat. Man hat hervorheben können, wie sehr die Kirche gerade in unserer Zeit darum weiß, daß sie über die Sakramente, obgleich sie von Christus eingesetzt worden sind, eine gewisse Verfügungsgewalt besitzt. Sie bedient sich ihrer im Lauf der Jahrhunderte, um für diese das äußere Zeichen und die Bedingungen der Spendung genauer zu bestimmen: die jüngsten Entscheidungen der Päpste Pius XII. und Paul VI. sind ein Beweis dafür.12 Doch muß betont werden, daß diese Gewalt, die tatsächlich besteht, begrenzt ist. Pius XII. hat daran erinnert, als er schrieb: »Die Kirche hat keine Gewalt über die Substanz der Sakramente, d.h. über alles, von dem Christus nach dem Zeugnis der Quellen der Offenbarung gewollt hat, daß es im sakramentalen Zeichen erhalten bleibt«,13 Dies war auch schon die Lehre des Trienter Konzils: »Stets hatte die Kirche die Vollmacht, in der Spendung der Sakramente unter Beibehaltung ihres Wesens Bestimmungen oder Abänderungen zu treffen, die, entsprechend dem Wechsel von Verhältnissen, Zeit und Ort, das Seelenheil der Empfänger oder die Ehrfurcht vor den Sakramenten förderten«.14

Anderseits darf nicht vergessen werden, daß die sakramentalen Zeichen keine konventionellen Zeichen sind; und selbst wenn es zutrifft, daß sie unter bestimmten Aspekten natürliche Zeichen sind, weil sie der tiefen Symbolik der Gesten und Dinge entsprechen, so sind sie doch mehr als das: sie sind vor allem dafür bestimmt, den Menschen einer jeden Epoche mit dem erhabensten Geschehen der Heilsgeschichte in Verbindung zu bringen, ihm durch den ganzen Reichtum der Pädagogik und der Symbolik der Bibel die Erkenntnis der Gnade zu vermitteln, die sie bezeichnen und bewirken. So ist das Sakrament der Eucharistie nicht nur ein brüderliches Mahl, sondern zugleich auch die Gedächtnisfeier, die das Opfer Christi und seine Hingabe durch die Kirche vergegenwärtigt und wirksam macht; das Priesteramt ist nicht ein einfacher pastoraler Dienst, sondern gewährleistet die Kontinuität jener Funktionen, die Christus den Zwölfen übertragen hat, und der Gewalten, die sich darauf beziehen. Die Angleichung an bestimmte Zivilisationen und Epochen kann also nicht, was die wesentlichen Elemente betrifft, ihre sakramentale Bezogenheit auf die grundlegenden Ereignisse des Christentums und auf Christus selbst abschaffen.

Es ist letztlich die Kirche, die durch die Stimme ihres Lehramtes in diesen verschiedenen Bereichen die richtige Unterscheidung zwischen den wandelbaren und den unwandelbaren Elementen gewährleistet. Wenn sie gewisse Änderungen nicht übernehmen zu können glaubt, so geschieht es deshalb, weil sie sich durch die Handlungsweise Christi gebunden weiß: ihre Haltung ist also entgegen allem Anschein nicht eine Art Archaismus, sondern Treue. Nur in diesem einen Licht kann sie sich selbst richtig verstehen. Die Kirche fällt ihre Entscheidungen kraft der Verheißung des Herrn und der Gegenwart des Heiligen Geistes, und zwar stets in der Absicht, das Geheimnis Christi noch besser zu verkünden und dessen Reichtum unversehrt zu bewahren und zum Ausdruck zu bringen.

Diese Praxis der Kirche erhält also einen normativen Charakter: in der Tatsache, daß sie nur Männern die Priesterweihe erteilt, bewahrt sich eine Tradition, die durch die Jahrhunderte konstant geblieben und im Orient wie im Okzident allgemein anerkannt ist, stets darauf bedacht, Mißbräuche sogleich zu beseitigen. Diese Norm, die sich auf das Beispiel Christi stützt, wird befolgt, weil sie als übereinstimmend mit dem Plan Gottes für seine Kirche angesehen wird.

5.

DAS PRIESTERAMT IM LICHTE DES GEHEIMNISSES CHRISTI

Nachdem die Norm der Kirche und ihre Grundlagen in Erinnerung gebracht worden sind, scheint es nützlich und angemessen zu sein, sie noch weiter zu erläutern. Dabei soll nun die tiefe Übereinstimmung aufgezeigt werden, die die theologische Reflexion zwischen der dem Weihesakrament eigenen Natur – mit ihrem besonderen Bezug auf das Geheimnis Christi – und der Tatsache, daß nur Männer zum Empfang der Priesterweihe berufen werden, feststellt. Es geht hierbei nicht darum, einen stringenten Beweis zu erbringen, sondern diese Lehre durch die Analogie des Glaubens zu erhellen.

Die konstante Lehre der Kirche, die das II. Vatikanische Konzil erneut bekräftigt und präzisiert hat und die auch durch die Bischofssynode von 1971 und durch diese Kongregation für die Glaubenslehre in ihrer Erklärung vom 24. Juni 1973 vorgetragen worden ist, bekennt, daß der Bischof oder der Priester bei der Ausübung seines Amtes nicht in eigener Person, in persona proprio, handelt: er repräsentiert Christus, der durch ihn handelt. »Der Priester waltet wirklich an Christi statt«, schreibt wörtlich schon der hl. Cyprian im 3. Jahrhundert.15 Diese Eigenschaft, Christus zu repräsentieren, ist es, die der hl. Paulus als charakteristisch für seine apostolische Tätigkeit betrachtet (vgl. 2 Kor 5, 20; Gal4, 14). Sie erreicht ihren höchsten Ausdruck in der Feier der Eucharistie, die die Quelle und der Mittelpunkt der Einheit der Kirche ist, das Opfermahl, in dem sich das Volk Gottes mit dem Opfer Christi vereint. Der Priester, der allein die Vollmacht hat, die Eucharistiefeier zu vollziehen, handelt also nicht nur kraft der ihm von Christus übertragenen Amtsgewalt, sondern in persona Christi,16 indem er die Stelle Christi einnimmt und sogar sein Abbild wird, wenn er die Wandlungsworte spricht.17

Das christliche Priesteramt ist also sakramentaler Natur: der Priester ist ein Zeichen, dessen übernatürliche Wirksamkeit sich aus der empfangenen Weihe herleitet, ein Zeichen aber, das wahrnehmbar sein muß18 und von den Gläubigen auch leicht verstanden werden soll. Die Ökonomie der Sakramente ist in der Tat auf natürlichen Zeichen begründet, auf Symbolen, die in die menschliche Psychologie eingeschrieben sind: »Die sakramentalen Zeichen«, sagt der hl. Thomas, »repräsentieren das, was sie bezeichnen, durch eine natürliche Ähnlichkeit«.19 Dasselbe Gesetz der Ähnlichkeit gilt ebenso für die Personen wie für die Dinge: wenn die Stellung und Funktion Christi in der Eucharistie sakramental dargestellt werden soll, so liegt diese »natürliche Ähnlichkeit«, die zwischen Christus und seinem Diener bestehen muß, nicht vor, wenn die Stelle Christi dabei nicht von einem Mann vertreten wird: andernfalls würde man in ihm nur schwerlich das Abbild Christi erblicken. Christus selbst war und bleibt nämlich ein Mann.

Gewiß, Christus ist der Erstgeborene der ganzen Schöpfung, der Frauen ebenso wie der Männer: die Einheit, die er nach dem Sündenfall wiederherstellt, ist derart, das es nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau gibt; denn alle sind eins in Christus Jesus (vgl. Gal 3, 28). Nichtsdestoweniger ist die Menschwerdung des Wortes in der Form des männlichen Geschlechtes erfolgt. Dies ist natürlich eine Tatsachenfrage; doch ist diese Tatsache, ohne daß sie im geringsten eine vermeintliche natürliche Überordnung des Mannes über die Frau beinhaltet, unlösbar mit der Heilsökonomie verbunden: sie steht in der Tat im Einklang mit dem Gesamtplan Gottes, wie er selbst ihn geoffenbart hat und dessen Mittelpunkt das Geheimnis des Bundes ist.

Das Heil, das von Gott den Menschen angeboten wird, die Gemeinschaft, zu der sie mit ihm berufen sind, mit einem Wort der Bund, wird schon von den Propheten des Alten Testaments mit Vorliebe unter dem Bild eines geheimnisvollen Brautverhältnisses beschrieben: das erwählte Volk wird für Gott zur innig geliebten Braut; die jüdische wie die christliche Tradition haben die Tiefe dieser innigen Liebe erkannt, indem man immer wieder das Hohelied der Liebe gelesen hat; der göttliche Bräutigam bleibt treu, selbst dann, wenn die Braut seine Liebe verrät, d.h. wenn Israel Gott gegenüber untreu wird (vgl. Hos 1-3; Jer 2). Als die »Fülle der Zeit« (Gal 4, 4) kam, hat das Wort, der Sohn Gottes, Fleisch angenommen, um in seinem Blut, das für die vielen zur Vergebung der Sünden vergossen wird, den neuen und ewigen Bund zu beginnen und zu besiegeln: sein Tod wird erneut die zerstreuten Kinder Gottes versammeln; aus seiner durchbohrten Seite wird die Kirche geboren, wie Eva aus der Seite Adams geboren wurde. Jetzt erst verwirklicht sich vollkommen und endgültig das bräutliche Geheimnis, das im Alten Testament angekündigt und besungen worden ist: Christus ist der Bräutigam; die Kirche ist seine Braut, die er liebt, da er sie durch sein Blut erworben und sie lobwürdig, heilig und ohne Makel gestaltet hat und mit ihr nunmehr untrennbar verbunden ist. Das Brautthema, das sich von den Briefen des hl. Paulus (vgl. 2 Kor 11, 2; Eph 5, 22-33) bis zu den Schriften des hl. Johannes entfaltet (vgl. vor allem Joh 3, 29; Offb 19, 7 u. 9), ist auch in den synoptischen Evangelien anzutreffen: solange der Bräutigam unter ihnen weilt, dürfen seine Freunde nicht fasten (vgl. Mk 2, 19); das Himmelreich ist zu vergleichen mit einem König, der für seinen Sohn ein Hochzeitsfest veranstaltet (vgl. Mt 22, 1-14). Durch diese Sprache der Schrift, die ganz von Symbolen durchdrungen ist und den Mann und die Frau in ihrer tiefen Identität zum Ausdruck bringt und erfaßt, wird uns das Geheimnis Gottes und Christi geoffenbart, ein Geheimnis, daß in sich unergründlich ist.

Das ist auch der Grund, warum man nicht die Tatsache vernachlässigen kann, daß Christus ein Mann ist. Um die Bedeutung dieser Symbolik für die Ökonomie der Offenbarung gebührend zu berücksichtigen, muß man daher einräumen, daß in den Funktionen, die den Weihecharakter erfordern und wo Christus selbst, der Urheber des Bundes, der Bräutigam und das Haupt der Kirche, in der Ausübung seiner Heilssendung repräsentiert wird – was im höchsten Maße in der Eucharistie geschieht – seine Rolle von einem Mann verkörpert wird (das ist der eigentliche Sinn des Wortes persona). Das gründet bei diesem letzteren nicht in irgendeiner persönlichen höheren Würde in der Wertordnung, sondern ergibt sich allein aus einer faktischen Verschiedenheit in der Verteilung der Aufgaben und Dienste.

Könnte man vielleicht dagegen einwenden, daß es nun, da Christus in seiner himmlischen Seinsweise lebt, gleichgültig sei, ob er fortan von einem Mann oder von einer Frau repräsentiert wird, da man ja »im Zustand der Auferstehung nicht mehr heiratet« (Mt 22, 30)? Dieser Text bedeutet jedoch nicht, daß der Unterschied von Mann und Frau, insofern er die Identität der Person bestimmt, in der ewigen Herrlichkeit aufgehoben wäre. Das gilt für Christus ebenso wie für uns. Es ist offensichtlich, daß der geschlechtliche Unterschied in der menschlichen Natur einen bedeutenden Einfluß ausübt, mehr noch als z. B. die ethnischen Unterschiede: diese berühren die menschliche Person nicht so tief wie der Unterschied der Geschlechter, der direkt auf die Gemeinschaft zwischen den Personen sowie auf die menschliche Fortpflanzung hingeordnet ist und in der biblischen Offenbarung einem ursprünglichen Willensentscheid Gottes zugeschrieben wird: »Als Mann und Weib schuf er sie« (Gen 1, 27).

Es mag einer ferner einwenden, daß der Priester, vor allem wenn er bei den liturgischen und sakramentalen Handlungen den Vorsitz führt, in gleicher Weise die Kirche repräsentiert: er handelt in ihrem Namen, mit der Intention »zu tun, was sie tut«. In diesem Sinn sagten die mittelalterlichen Theologen, daß der Priester auch in persona Ecclesiae handle, d. h. im Namen der ganzen Kirche und um sie zu repräsentieren. Welches auch immer die Teilnahme der Gläubigen an der liturgischen Handlung sein mag, es ist in der Tat der Priester, der sie im Namen der ganzen Kirche vollzieht: er betet im Namen aller; er opfert in der Messe das Opfer der ganzen Kirche: im neuen Ostermahl wird Christus von der Kirche durch die Priester unter sichtbaren Zeichen geopfert.20 Da der Priester also auch die Kirche repräsentiert, könnte man sich da nicht denken, daß diese Repräsentation entsprechend der schon dargelegten Symbolik auch von einer Frau vorgenommen wird? Es ist wahr, daß der Priester die Kirche repräsentiert, die der Leib Christi ist. Er tut das jedoch gerade deshalb, weil er zuvor Christus selbst repräsentiert, der das Haupt und der Hirt der Kirche ist. So sagt es das II. Vatikanische Konzil,21 wodurch es den Ausdruck in persona Christi genauer bestimmt und ergänzt. In dieser Eigenschaft führt der Priester in der christlichen Versammlung den Vorsitz und feiert er das eucharistische Opfer, »das die ganze Kirche aufopfert und in dem sie auch sich selbst ganz als Opfer darbringt«.22

Wenn man diesen Überlegungen die gebührende Bedeutung beimißt, wird man besser erkennen, wie gut begründet die geltende Praxis der Kirche ist. Durch die Diskussion, die in unseren Tagen um die Priesterweihe der Frau entstanden ist, sollten sich alle Christen eindringlich dazu aufgerufen fühlen, die Natur und die Bedeutung des Bischofs- und Priesteramtes tiefer zu erforschen und die authentische Stellung des Priesters in der Gemeinschaft der Getauften wiederzuentdecken, der er selbst als Glied angehört, von der er sich aber auch unterscheidet. Denn in den Handlungen, die den Weihecharakter erfordern, ist er für sie mit der ganzen Wirksamkeit, die dem Sakrament innewohnt, das Abbild und Zeichen Christi selbst, der zusammenruft, von Sünden losspricht und das Opfer des Bundes vollzieht.

6.

DAS PRIESTERAMT IM GEHEIMNIS DER KIRCHE

Es ist vielleicht nützlich daran zu erinnern, daß die Probleme der Ekklesiologie und der Sakramententheologie, besonders wenn sie – wie im hier vorliegenden Fall – das Priestertum betreffen, ihre Lösung nur im Licht der Offenbarung finden können. Die menschlichen Wissen­schaften, so wertvoll ihr Beitrag in ihrem jeweiligen Bereich auch sein mag, können hier nicht genügen, denn sie vermögen die Wirklichkeiten des Glaubens nicht zu erfassen: was hiervon im eigentlichen Sinn übernatürlich ist, entzieht sich ihrer Zuständigkeit.

Ebenso deutlich muß hervorgehoben werden, wie sehr die Kirche eine Gesellschaft ist, die von anderen Gesellschaften verschieden ist; sie ist einzigartig in ihrer Natur und in ihren Strukturen. Der pastorale Auftrag ist in der Kirche gewöhnlich an das Weihesakrament gebunden: es ist nicht eine einfache Leitung, die mit den verschiedenen Formen der Autoritätsausübung im Staat vergleichbar wäre. Er wird nicht nach dem freiem Belieben der Menschen übertragen. Wenn er auch eine Designierung nach Art einer Wahl miteinschließt, so sind es doch die Handauflegung und das Gebet der Nachfolger der Apostel, die die Erwählung durch Gott verbürgen. Der Heilige Geist ist es, der durch die Weihe Anteil gibt an der Leitungsgewalt Christi, des obersten Hirten (vgl. Apg 20, 28). Es ist ein Auftrag zum Dienst und zur Liebe: »Wenn du mich liebst, weide meine Schafe« (vgl. Joh 21, 15-17).

Aus diesem Grund ist nicht einzusehen, wie man den Zugang der Frau zum Priestertum aufgrund der Gleichheit der Rechte der menschlichen Person fordern kann, die auch für die Christen gelte. Man beruft sich zu diesem Zweck mitunter auf die früher schon zitierte Stelle aus dem Galaterbrief (3, 28), nach der in Christus zwischen Mann und Frau kein Unterschied mehr besteht. Doch bezieht sich dieser Text keinesfalls auf die Ämter der Kirche. Er bekräftigt nur die universelle Berufung zur Gotteskindschaft, die für alle die gleiche ist. Anderseits mißversteht derjenige vor allem völlig die Natur des Priesteramtes, der es als ein Recht betrachtet: die Taufe verleiht kein persönliches Anrecht auf ein öffentliches Amt in der Kirche. Das Priestertum wird nicht zur Ehre oder zum Nutzen dessen übertragen, der es empfängt, sondern zum Dienst für Gott und die Kirche. Es ist die Frucht einer ausdrücklichen und gänzlich unverdienten Berufung: »Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt« (Joh 15, 16; vgl. Hebr 5, 4).

Man sagt und schreibt ferner mitunter in Büchern oder Zeitschriften, daß einige Frauen in sich eine Berufung zum Priestertum verspüren. Ein solches Empfinden, so edel und verständlich es auch sein mag, stellt noch keine Berufung dar. Diese läßt sich nämlich nicht auf eine persönliche Neigung reduzieren, die rein subjektiv bleiben könnte. Da das Priestertum ein besonderes Amt ist, von dem die Kirche die Verantwortung und Verwaltung empfangen hat, ist hier die Bestätigung durch die Kirche unerläßlich: diese bildet einen wesentlichen Bestandteil der Berufung; denn Christus erwählte die, »die er wollte« (Mk 3, 13). Hingegen gibt es eine universelle Berufung aller Getauften zur Ausübung des königlichen Priestertums, indem sie Gott ihr Leben aufopfern und zur Ehre Gottes Zeugnis ablegen.

Die Frauen, die für sich das Priesteramt erbitten, sind sicher von dem Wunsch beseelt, Christus und der Kirche zu dienen. Und es überrascht nicht, daß in dem Augenblick, da die Frauen der Diskriminierungen bewußt werden, denen sie bisher ausgesetzt gewesen sind, einige von ihnen dazu veranlaßt werden, sogar das Priesteramt für sich zu erstreben. Man darf jedoch nicht vergessen, daß das Priestertum nicht zu den Rechten der menschlichen Person gehört, sondern sich aus der Ökonomie des Geheimnisses Christi und der Kirche herleitet. Die Sendung des Priesters ist keine Funktion, die man zur Hebung seiner sozialen Stellung erlangen könnte. Kein rein menschlicher Fortschritt der Gesellschaft oder der menschlichen Person kann von sich aus den Zugang dazu eröffnen, da diese Sendung einer anderen Ordnung angehört.

Es bleibt uns also nun noch die wahre Natur dieser Gleichheit der Getauften tiefer zu bedenken, die eine der bedeutendsten Lehren des Christentums darstellt: Gleichheit ist nicht gleich Identität, da die Kirche ein vielgestaltiger Leib ist, in dem ein jeder seine Aufgabe hat. Die Aufgaben sind aber verschieden und dürfen deshalb nicht vermischt werden. Sie begründen keine Überlegenheit der einen über die andern und bieten auch keinen Vorwand für Eifersucht. Das einzige höhere Charisma, das sehnlichst erstrebt werden darf und soll, ist die Liebe (vgl. 1 Kor 12-13). Die Größten im Himmelreich sind nicht die Amtsdiener, sondern die Heiligen.

Die Kirche wünscht, daß die christlichen Frauen sich der Größe ihrer Sendung voll bewußt werden. Ihre Aufgabe ist heute von höchster Bedeutung sowohl für die Erneuerung und Vermenschlichung der Gesellschaft als auch dafür, daß die Gläubigen das wahre Antlitz der Kirche wieder neuentdecken.

Seine Heiligkeit Papst Paul VI. hat diese Erklärung in der am 15. Oktober 1976 dem unterzeichneten Präfekten der Kongregation gewährten Audienz approbiert, bekräftigt und ihre Veröffentlichung angeordnet.

Gegeben zu Rom, bei der Kongregation für die Glaubenslehre, am 15. Oktober 1976, dem Fest der hl. Theresia von Avila.

 

Franjo Card. Šeper
Präfekt

 

+ Fr. Jérôme Hamer, O.P
Titularerzbischof von Lorium
Sekretär

 

1 AAS 55 (1963), S. 267-268.

2 Vgl. II. Vat. Konzil, Past. Konst. Gaudium et Spes, 7. Dez. 1965, Nr. 29; AAS 58 (1966), S. 1048-1049.

3 Vgl. Papst Paul VI., Ansprache an die Mitglieder der »Studienkommission über die Aufgaben der Frau in der Gesellschaft und der Kirche« und des »Komitees für das Internationale Jahr der Frau«, 18. April 1975; AAS 67 (1975), S. 265.

4 II. Vat. Konzil, Dekret Apostolicam actuositatem, 18. Nov. 1965, Nr. 9; AAS 58 (1966), S. 846.

5 Vgl. Papst Paul VI., Ansprache an die Mitglieder der »Studienkommission über die Aufgaben der Frau in der Gesellschaft und der Kirche« und des »Komitees für das Internationale Jahr der Frau«, a.a.O., S. 266.

6 Vgl. AAS 68 (1976), S. 599-600; vgl. ebd., S. 600-601.

7 Vgl. Irenäus, Adv. haereses I, 13, 2; PG 7, 580-581; ed Harvey, I, 114-122; Tertullian, De praescript. haeretic. 41, 5; CCL 1, S. 221; Firmilian von Cäsarea, in S. Cyprian, Epist. 75; CSEL 3, S. 817-818; Origenes, Fragmenta in I Cor. 74, in Journal of theological studies 10 (1909), S. 41-42; Epiphanes, Panarion, 49, 2-3; 78, 23; 79, 2-4: Bd. 2, GCS 31, S. 243-244; Bd. 3, GCS 37, S. 473, 477-479.

8 Vgl. Didascalia Apostolorum, c. 15, ed. R. H. Connolly, S. 133 u. 142; Constitutiones Apostolicae, lib. 3, c. 6, Nr. 1-2; c. 9, Nr. 3-4; ed. F. X. Funk, S. 191, 201; Johannes Chrysostomus, De sacerdotio, 2, 2; PG 48, 633.

9 Vgl. Bonaventura, In IV Sent., Dist. 25, art. 2, q. 1, ed. Quaracchi, Bd. 4, S. 649; Richardus de Mediavilla (Middletown), In IV Sent., Dist. 25, art. 4, Nr. 1, ed. Venedig, 1499, f° 177r; Johannes Duns Scotus, In IV Sent., Dist. 25; Opus Oxoniense, ed. Vivès, Bd. 19, S. 140; Reportata Parisiensia, Bd. 24, S. 369-371; Durand de Saint-Pourcain, In IV Sent., Dist. 25, q. 2, ed. Venedig, 1571, f° 364v.

10 Man hat diese Tatsache auch durch einen von Jesus beabsichtigten Symbolismus erklären wollen: die Zwölf hätten die Stammväter der zwölf Stämme Israel repräsentieren sollen (vgl. Mt 19, 28; Lk 22, 30). Doch geht es in diesem Text nur um ihre Teilnahme am eschatologischen Gericht. Der eigentliche Grund für die Wahl der Zwölf ist vielmehr in ihrer gesamten Sendung zu suchen (vgl. Mk 3, 14): sie sollen Jesus im Volk repräsentieren und sein Werk fortsetzen.

11 Papst Innozenz III., Brief vom 11. Dezember 1210 an die Bischöfe von Palencia und Burgos, in Corpus Iuris, Decret. lib. 5, tit. 38, De paenit., c. 10 Nova: ed. A. Friedberg, Bd. 2, col. 886-887; vgl. Glossa in Decretal. lib. 1, tit. 33, c. 12 Dilecta, v° Iurisdictioni; vgl. Thomas v. Aquin, Summa theol., IIIa pars, q. 27, a. 5, ad 3; Pseudo Albertus Magnus, Mariale, quaest. 42, ed. Borgnet 37, 81.

12 Vgl. Papst Pius XII., Apost. Konst. Sacramentum ordinis, 30. Nov. 1947, AAS 40 (1948), S. 5-7; Papst Paul VI., Apost Konst. Divine consortium naturae, 15. Aug. 1971, AAS 63 (1971), S. 657-664; Apost Konst. Sacram unctionem, 30. Nov. 1972, AAS 65 (1973), S. 5-9.

13 Papst Pius XII., Apost. Konst. Sacramentum ordinis, a.a.O., S. 5.

14 Sessio 21, cap. 2; Denzinger-Schönmetzer, Enchiridion symbolorum …, Nr. 1728.

15 Cyprian, Epist. 63, 14: PL 4, 397 B; ed. Hartel, Bd. 3, S. 713.

16 Vgl. II. Vat. Konzil, Konst. Sacrosanctum Concilium, 4. Dez. 1963, Nr. 33: »… der Priester, in der Rolle Christi an der Spitze der Gemeinde stehend…«; Dogm. Konst. Lumen gentium, 21. Nov. 1964, Nr. 10: »Der Amtspriester nämlich bildet kraft seiner heiligen Gewalt, die er innehat, das priesterliche Volk heran und leitet es; er vollzieht in der Person Christi das eucharistische Opfer und bringt es im Namen des ganzen Volkes Gott dar«; Nr. 28: »kraft des Weihesakramentes nach dem Bilde Christi, des höchsten und ewigen Priesters, … üben sie ihr heiliges Amt am meisten in der eucharistischen Feier oder Versammlung aus, wobei sie in der Person Christi handeln …«; Dekret Presbyterorum ordinis, 7. Dez. 1965, Nr. 2: »Dieses zeichnet die Priester durch die Salbung des Heiligen Geistes mit einem besonderen Prägemal und macht sie auf diese Weise dem Priester Christus gleichförmig, so daß sie in der Person des Hauptes Christi handeln können«; Nr. 13: »Im Dienst am Heiligen, vor allem beim Meßopfer, handeln die Priester in besonderer Weise an Christi Statt…«; vgl. ferner Bischofssynode 1971, De sacerdotio ministeriali, I, Nr. 4; Kongregation für die Glaubenslehre, Erklärung zur katholischen Lehre über die Kirche, 24. Juni 1973, Nr. 6.

17 Thomas v. Aquin, Summa theol., IIIa pars, q. 83, art. 1, ad 3um: »Es ist zu sagen, daß (wie die Feier dieses Sakramentes das vergegenwärtigende Abbild seines Kreuzes ist: ebd. ad 2um) aus demselben Grunde der Priester das Abbild Christi ist, in dessen Person und Kraft er die Wandlungsworte spricht«.

18 »Denn da das Sakrament ein Zeichen ist, wird in dem, was im Sakrament geschieht, nicht nur die »res«, sondern auch die Bedeutung der »res« gefordert«, sagt der hl. Thomas gerade um die Weihe von Frauen zurückzuweisen: In IV Sent., Dist. 25, q. 2, art. 2, quaestiuncula 1a, corp.

19 Thomas v. Aquin, In IV Sent., Dist. 25, q. 2, art. 2, quaestiuncula 1a, ad 4um.

20 Vgl. Konzil von Trient, Sessio 22, cap. 1; DS, Nr. 1741.

21 Vgl. II. Vat. Konzil, Dogm. Konst. Lumen gentium, Nr. 28: »Das Amt Christi des Hirten und Hauptes üben sie entsprechend dem Anteil ihrer Vollmacht aus…«; Dekret Presbyterorum ordinis, Nr. 2: »…so daß sie in der Person des Hauptes Christus handeln können«; Nr. 6: »das Amt Christi, des Hauptes und Hirten«. – Vgl. Papst Pius XII., Enzykl. Mediator Dei: »Der Diener des Altares handelt in der Person Christi als des Hauptes, der im Namen aller Glieder opfert«; AAS 39 (1947), S. 556. – Bischofssynode 1971, De sacerdotio ministeriali, I, Nr. 4: »Christus, das Haupt der Gemeinschaft, setzt er gegenwärtig …«.

22 Papst Paul VI., Enzykl. Mysterium fidei, 3. Sept. 1965, AAS 51 (1965), S. 761.

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Quelle

Papst wünscht stärkere Präsenz der Frauen in den Gesellschaften des Nahen Ostens

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Irakische Christen, Ankawa / © KiN – KIRCHE IN NOT

Telegramm an den Erzbischof Francesco Cacucci von Bari, anlässlich der 2. Internationalen Konferenz der Frauen im Nahen Osten und im Mittelmeerraum

Papst Franziskus hat erneut für eine stärkere Präsenz der Frauen in der Gesellschaft des Mittleren Ostens plädiert. Seinen Appell sandte er ins italienische Bari an die Zweite Internationale Konferenz der Frauen im Nahen Osten und im Mittelmeerraum, die Mittwoch begonnen hat und bis Sonntag noch andauert. Die Veranstaltung steht unter dem Motto „Frauen stiften Frieden für eine Kultur der Begegnung und des Dialogs“ und wird von der Weltunion der Organisationen katholischer Frauen (WUCWO) und dem Internationalen Forum Katholische Aktion (FIAC) organisiert.

In einem Telegramm an den Erzbischof Francesco Cacucci von Bari, das Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin diesem sandte, spricht sich Franziskus dafür aus,“die Präsenz von Frauen und ihre Wirkung“ in den Regionen des Mittleren Ostens und des Mittelmeers zu intensivieren. Er ermutigt dazu, Gelegenheiten der Begegnung, der Erfahrung und des Dialogs zu suchen.

Der Papst wünscht zudem, dass das gemeinsame Engagement beim Aufbau einer Zukunft des Wohlstands und des Friedens reiche Früchte der menschlichen und sozialen Entwicklung hervorbringe und zur Versöhnung zwischen den Menschen und zu einer neuen Eintracht zwischen den Völkern beitrage.

Im Rahmen des außerordentlichen Heiligen Jahres der Barmherzigkeit erinnerte er alle daran, großzügig die leiblichen und geistigen Werke der Barmherzigkeit zu üben und wünschte der Initiative das Beste. Er begrüße herzlich alle Frauen, vor allem diejenigen, die aus dem Nahen Osten und aus Ländern kommen, die unter sozialen Konflikten, Armut und Diskriminierung leiden.

Schließlich wünschte der Papst ihnen, für ein fruchtbares Nachdenken das Licht des Heiligen Geistes und er gab allen Beteiligten seinen Apostolischen Segen.

Die erste derartige Konferenz wurde im Jahr 2013 in Amman (Jordanien) abgehalten. Der WUCWO-Präsidentin Maria Giovanna Ruggieri zufolge ging es darum, Frauen verschiedener Religionen und Kulturen anzuhören, die sich vielleicht allzu ruhig, täglich für Dialog, gegenseitige Fürsorge, Respekt und Versöhnung engagierten.

Frauen tragen einen Großteil der Verantwortung für die Erziehung der Kinder, betonte sie im Gespräch mit Radio Vatikan. In den kirchlichen Gemeinschaften hätten die Frauen eine große Verantwortung im Hinblick auf die Erziehung der Jugend, denn so könnten sie die Kultur beeinflussen und die nächste Generation zum Zusammenleben in der Vielfalt erziehen.

In diesem Jahr spricht eine jordanische Journalistin über ihren Einsatz für die Achtung der Vielfalt der Kulturen und Religionen. Eine Irakerin stellt ihre Initiative vor, mit der sie für die Menschenrechte kämpft und die Anhänger unterschiedlicher Konfessionen zusammenführt. Während der Konferenz wird es eine Zeit des ökumenischen Gebets für den Frieden in Syrien und im gesamten Nahen Osten in der Krypta der Basilika von San Nicola geben. (mk)

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Papstmesse: Georgiens Frauen Vorbild einer Kirche des Trostes

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Franziskus bei der Messe im Stadion von Tiflis

Franziskus hat in Georgien zu einer Kirche der Nächstenliebe aufgerufen und die Katholiken des Landes zu Offenheit und Dialog aufgefordert. An der Messe im Micheil-Meschi-Stadion nahm entgegen den Ankündigungen doch keine offizielle Delegation der georgisch-orthodoxen Kirche teil, auch Patriarch Ilia II. blieb dem Gottesdienst fern. Es war das bislang größte Treffen des Papstes mit Katholiken in Georgien.

Herzlicher Empfang im überschaubaren Rahmen: Das für rund 30.000 Menschen ausgelegte Sportstadion war lange nicht bis auf den letzten Platz gefüllt, doch war die Freude der anwesenden Katholiken hör- und sichtbar: Franziskus-Rufe, viele Fotos und Winken begleiteten die Papst-Einfahrt ins Sportstadion im offenen Papamobil. In seiner Predigt zeichnete der Papst einmal mehr die Vision einer barmherzigen Kirche, die für die Menschen da sein und hinausgehen muss. Kirche soll Trost spenden – ausgehend vom Buch Jesaja erinnerte Franziskus an den Auftrag der Nächstenliebe und rief zur Gewissenserforschung auf. Jeder Christ solle sich fragen: „Ich bin in der Kirche, bin ich auch Überbringer des Trostes Gottes? Verstehe ich es, den anderen als Gast aufzunehmen und den zu trösten, den ich müde und enttäuscht sehe? Auch wenn er Betrübnis erleidet und auf Verschlossenheit stößt, ist der Christ immer aufgerufen, dem, der sich aufgegeben hat, Hoffnung zuzusprechen, den Entmutigten aufzurichten, das Licht Jesu zu bringen, die Wärme seiner Gegenwart, die Stärkung seiner Vergebung. (…) Den Trost Gottes empfangen und bringen: dieser Auftrag der Kirche ist dringend.“

Gleichgültigkeit angesichts menschlichen Leids erteilte Franziskus ebenso entschieden eine Absage wie einer negativen Weltsicht, die Menschen in Erstarrung verfallen lasse und den Glauben an Gott schwäche: „Wenn sich (…) die Tür des Herzens schließt, kommt Sein Licht nicht an und man bleibt im Dunkel. Dann gewöhnen wir uns an den Pessimismus, an die Dinge, die nicht in Ordnung sind, an die Gegebenheiten, die sich nie ändern werden. Und am Ende verschließen wir uns in der Traurigkeit, in den Katakomben der Angst, allein in uns selbst. Wenn wir hingegen die Türen des Trostes aufreißen, tritt das Licht des Herrn ein!“

Absage an kirchliches Mikroklima

Die Kirche und jeder Christ müssten Hoffnung spenden, schärfte Franziskus seinen Zuhörern ein. Wer Trost suche, müsse Gott in seinem Leben „die Türen öffnen“. In der Glaubenspraxis seien diese „Türen des Trostes“ das Evangelium, Gebet und Anbetung sowie Beichte und Eucharistie. Die Kirche dürfe sich bei ihrem Auftrag aber nicht in sich selbst verschließen, mahnte der Jesuit: „Es tut nicht gut, sich an ein in sich geschlossenes kirchliches „Mikroklima“ zu gewöhnen; es tut uns gut, weite und offene Horizonte der Hoffnung miteinander zu teilen, indem wir in unserem Leben den demütigen Mut aufbringen, die Türen zu öffnen und aus uns selbst hinauszugehen.“ Ebenso dürfe die Institution heute nicht zum Sklaven einer Unternehmenslogik werden, die am eigentlichen Auftrag der Kirche vorbeigehe: „Selig die Hirten, die sich nicht auf das hohe Ross der Logik des weltlichen Erfolgs setzen, sondern dem Gesetz der Liebe folgen: durch Aufnahme, Zuhören und Dienen. Selig die Kirche, die sich nicht auf die Kriterien des Funktionalismus und der Organisationseffizienz verlässt und sich nicht um Imagepflege kümmert.“

Voraussetzung für diesen Modus des Dienens sei Demut, so Franziskus, „Kleinheit im Herzen“. So bestehe die „wahre Größe“ des Menschen doch darin, „sich vor Gott klein zu machen“, klein wie ein Kind. „Die Kinder, die keine Probleme haben, Gott zu verstehen, können uns vieles lehren: Sie sagen uns, dass er große Dinge mit dem vollbringt, der ihm keinen Widerstand leistet, der einfach und ehrlich ist und ohne Falschheit. Das zeigt uns das Evangelium, wo große Wunder mit kleinen Dingen gewirkt werden.“

Georgiens Frauen machen es vor

Am Gedenktag der heiligen Theresia vom Kinde Jesu hob der Papst die große Bedeutung der georgischen Frauen für die Glaubensgemeinschaft hervor. In einer Region, die bis heute mit politischen und ethnischen Spannungen zu kämpfen hat, seien es „Großmütter und Mütter“, „die beständig den Glauben, der von der heiligen Nino in diesem Land ausgesät wurde, hüten und weitergeben und das frische Wasser der Tröstung Gottes in viele Situationen der Wüste und des Konflikts hineintragen.“ Theresia stehe für einen solchen „kleinen Weg“ zu Gott, führte der Papst aus. Die junge Heilige und Kirchenlehrerin habe mit Demut, Hingabe und Dankbarkeit für den Nächsten gewirkt und sei so zu einer Expertin in der „Wissenschaft der Liebe“ geworden. Und er appellierte an die Pilger: „Kleine, geliebte Herde von Georgien, die du dich so der Nächstenliebe und der Bildung widmest, nimm die Ermutigung des Guten Hirten an, vertrau dich ihm an, der dich auf die Schultern nimmt und dich tröstet!“

(rv 01.10.2016 pr)

Es gibt keine Sakramente auf Bezahlung

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Audienz für die Internationale Vereinigung
von Generaloberinnen (UISG)

Die Ordensoberinnen haben sich bei der Audienz mit dem Heiligen Vater zahlreich zu Wort gemeldet und ihm dabei verschiedene Fragen gestellt.

[In der ersten Frage geht es um eine bessere Eingliederung der Frauen in das Leben der Kirche.] Papst Franziskus, Sie haben gesagt, dass das weibliche Talent unentbehrlich ist in allen Ausdrucksformen des Lebens der Kirche und der Gesellschaft, und dennoch sind die Frauen von den Entscheidungsprozessen in der Kirche, vor allem auf den höchsten Ebenen, sowie von der Predigt in der Eucharistiefeier ausgeschlossen. Ein wichtiges Hindernis für die volle Annahme des »weiblichen Talents« durch die Kirche ist die Tatsache, dass sowohl die Entscheidungsprozesse als auch die Predigt an die Priesterweihe gebunden sind. Sehen Sie eine Möglichkeit, sowohl Führungsaufgaben als auch die Predigt im Rahmen der Eucharistie von der Weihe zu trennen, damit unsere Kirche in sehr naher Zukunft offener sein kann, das Talent der Frauen anzunehmen?

Papst Franziskus: Hier müssen wir verschiedene Dinge unterscheiden. Die Frage ist an die Funktionalität gebunden, sie ist eng an die Funktionalität gebunden, während die Rolle der Frau darüber hinausgeht. Ich antworte jetzt aber auf die Frage, dann sprechen wir darüber… Ich habe gesehen, dass es andere Fragen gibt, die darüber hinausgehen.

Es ist wahr, dass die Frauen von den Entscheidungsprozessen in der Kirche ausgeschlossen sind: ausgeschlossen nicht, aber die Einbindung der Frauen ist dort, in den Entscheidungsprozessen, sehr schwach. Wir müssen vorangehen. Zum Beispiel – ich sehe da wirklich keine Schwierigkeiten – glaube ich, dass im Päpstlichen Rat für Gerechtigkeit und Frieden das Sekretariat von einer Frau, einer Ordensfrau, geleitet wird. Es wurde eine andere vorgeschlagen, und ich habe sie ernannt, aber sie hat abgelehnt, weil sie woanders hingehen sollte, um andere Aufgaben für ihre Kongregation zu übernehmen. Man muss darüber hinausgehen, denn für viele Aspekte der Entscheidungsprozesse ist die Weihe nicht notwendig. Sie ist nicht notwendig. In der Reform der Apostolischen Konstitution Pastor bonus über die Dikasterien – wenn keine Gerichtsbarkeit besteht, die aus der Weihe hervorgeht, also bischöfliche Gerichtsbarkeit – steht nicht geschrieben, dass es eine Frau sein kann. Ich weiß nicht, ob an der Spitze des Dikasteriums, aber… Zum Beispiel für die Migranten: Im Dikasterium für die Migranten könnte eine Frau gehen. Und wenn Notwendigkeit zur Ausübung der Gerichtsbarkeit besteht – jetzt, da die Migranten in die Zuständigkeit eines Dikasteriums fallen –, dann wird der Präfekt die Genehmigung erteilen. Aber im Alltag kann es gehen, bei der Durchführung des Entscheidungsprozesses. Für mich ist die Erarbeitung der Entscheidungen sehr wichtig: nicht nur ihre Ausführung, sondern auch die Erarbeitung. Das heißt, dass die Frauen – sowohl geweihte Frauen als auch Frauen im Laienstand – in diesem Prozess in die Reflexion und in die Debatte einbezogen werden. Denn die Frau betrachtet das Leben mit eigenen Augen, und wir Männer können es nicht so betrachten. Und eine Frau sieht ein Problem oder sonst irgendetwas anders als der Mann. Sie müssen einander ergänzen, und es ist wichtig, dass Frauen bei den Beratungen anwesend sind.

In Buenos Aires habe ich einmal die Erfahrung mit einem Problem gemacht: Als ich es mit dem Priesterrat – also nur mit Männern – betrachtete, wurde es gut abgehandelt. Die an­schließende Betrachtung mit einer Gruppe von Ordensfrauen und Frauen im Laienstand hat es sehr, sehr bereichert und die Entscheidung durch eine ergänzende Sicht unterstützt. Das ist notwendig, es ist notwendig! Und ich denke, wir müssen damit weitermachen, der Entscheidungsprozess, dann wird man sehen.

Dann ist da das Problem der Predigt in der Eucharistiefeier. Es ist kein Problem, wenn eine Frau – eine Ordensfrau oder eine Frau im Laienstand – in einer Wort-Gottes-Feier die Predigt hält. Das ist kein Problem. In der Eucharistiefeier gibt es jedoch ein liturgisch-dogmatisches Problem, denn es handelt sich um eine einzige Feier – der Wortgottesdienst und die Eucharistiefeier sind eine Einheit –, und den Vorsitz in ihr hat Jesus Christus. Der Priester oder der Bischof, der den Vorsitz hat, handelt in der Person Jesu Christi. Das ist eine theologisch-liturgische Wirklichkeit. Da es keine Priesterweihe für Frauen gibt, können diese in jener Situation nicht den Vorsitz haben. Man kann das, was ich jetzt sehr schnell und etwas vereinfacht dargelegt habe, jedoch noch besser untersuchen und erläutern.

Was Führungsaufgaben betrifft, gibt es jedoch kein Problem: Diesbezüglich müssen wir vorangehen, mit Klugheit, aber auf der Suche nach Lösungen…

Es gibt hier zwei Versuchungen, vor denen wir uns in Acht nehmen müssen.

Die erste ist der Feminismus: Die Rolle der Frau in der Kirche ist kein Feminismus, sie ist ein Recht! Es ist das Recht einer Getauften mit den Charismen und Gaben, die der Geist geschenkt hat. Man darf nicht in den Feminismus verfallen, denn das würde die Bedeutung der Frau schmälern. In diesem Augenblick sehe ich diesbezüglich keine große Gefahr bei den Ordensfrauen. Ich sehe sie nicht. Vielleicht früher einmal, aber im Allgemeinen ist sie nicht vorhanden.

Die andere Gefahr, die eine sehr starke Versuchung darstellt und über die ich schon oft gesprochen habe, ist der Klerikalismus. Und diese ist sehr stark. Denken wir nur daran, dass über 60 Prozent der Pfarreien – bei den Diözesen weiß ich es nicht, aber nur etwas weniger – keinen Wirtschaftsrat und keinen Pastoralrat haben. Was heißt das? Dass jene Pfarrei und jene Diözese mit klerikalem Geist geleitet werden, nur vom Priester, der die Synodalität auf der Ebene der Pfarrei oder der Diözese nicht umsetzt. Und sie ist keine Neuheit dieses Papstes. Nein! Es steht im Kirchenrecht: Der Pfarrer ist verpflichtet, einen Laienrat zu haben, für und mit Laien – Män­ner und Frauen im Laienstand sowie Ordensfrauen –, für die Seelsorge und für wirtschaftliche Belange. Und das geschieht nicht. Und das ist heute in der Kirche die Gefahr des Klerikalismus. Wir müssen vorangehen und diese Gefahr aus dem Weg räumen, denn der Priester ist ein Diener der Gemeinschaft, der Bischof ist ein Diener der Gemeinschaft, aber er ist nicht der Chef eines Unternehmens. Nein! Das ist wichtig. In Latein­amerika zum Beispiel ist der Klerikalismus sehr stark, sehr ausgeprägt. Die Laien wissen nicht, was sie tun sollen, wenn sie nicht den Priester fragen… Es ist sehr stark. Und daher ist das Be­wusstsein für die Rolle der Laien in Lateinamerika sehr stark im Rückstand.

Nur in der Volksfrömmigkeit hat es sich etwas davor gerettet: Denn der Protagonist ist das Volk, und das Volk hat die Dinge so getan wie sie kamen. Die Priester interessierte dieser Aspekt nicht so sehr, und einige von ihnen misstrauten dem Phänomen der Volksfrömmigkeit. Aber der Klerikalismus ist eine negative Haltung. Und er kommt als Komplize daher, denn man braucht dafür zwei, wie für den Tango, den man zu zweit tanzt… Also den Priester, der den Mann oder die Frau im Laienstand, den Ordensbruder und die Ordensschwester klerikalisieren will, und den Laien, der darum bittet, klerikalisiert zu werden, weil es bequemer ist. Das ist seltsam. In Buenos Aires habe ich diese Erfahrung drei oder vier Mal gemacht: Ein guter Pfarrer kommt zu mir und sagt: »Wissen Sie, ich habe einen sehr tüchtigen Laien in der Pfarrei: Er tut dies und das, er kann organisieren, er ist engagiert, er ist wirklich ein wertvoller Mann… Sollen wir ihn zum Diakon machen?« Also: Sollen wir ihn »klerikalisieren«? »Nein! Lass ihn im Laienstand. Mach ihn nicht zum Diakon.« Das ist wichtig. Auch euch passiert es oft, dass der Klerikalismus euch in der rechtmäßigen Entwicklung der Sache bremst.

Ich werde die Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung bitten – und der Präsidentin lasse ich es vielleicht zukommen –, das, was ich über die Predigt in der Eucharistiefeier etwas oberflächlich gesagt habe, besser und tiefer zu erläutern. Denn ich habe nicht genügend Theologie und Klarheit, um es jetzt zu erklären. Man muss jedoch gut unterscheiden: Eine Sache ist die Predigt in einer Wort-Gottes-Feier, und das kann man machen; etwas anderes ist die Eucharistiefeier, hier ist ein anderes Geheimnis vorhanden. Es ist das Geheimnis des gegenwärtigen Christus, und der Priester oder der Bischof feiern die Eucharistie »in persona Christi«.

Was die Führungsaufgaben betrifft, ist es klar… Ja, ich glaube, das kann meine allgemeine Antwort auf die erste Frage sein. Kommen wir zur zweiten.

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[Gegenstand der zweiten Frage war die Rolle der geweihten Frauen in der Kirche.] Die geweihten Frauen arbeiten bereits viel mit den Armen und mit den Ausgegrenzten. Sie geben Katechismusunterricht, begleiten die Kranken und Sterbenden, spenden die Kommunion, in vielen Ländern leiten sie die gemeinsamen Gebete, wenn keine Priester da sind, und in diesem Rahmen predigen sie. In der Kirche gibt es das Amt des ständigen Diakonats, aber es steht nur Männern offen, verheirateten und unverheirateten. Was hindert die Kirche daran, auch Frauen unter die ständigen Diakone aufzunehmen, genau wie es in der frühen Kirche geschehen ist? Warum setzt man keine offizielle Kommission ein, die diese Frage untersuchen könnte? Können Sie uns ein Beispiel nennen, wo Sie eine Möglichkeit zur besseren Eingliederung der Frauen und der geweihten Frauen in das Leben der Kirche sehen?

Papst Franziskus: Diese Frage geht in Richtung auf das »Tun«: Die geweihten Frauen arbeiten schon viel mit den Armen, sie tun viele Dinge… im »Tun«. Und sie betrifft das Thema des ständigen Diakonats. Jemand könnte sagen, dass die »ständigen Diakoninnen« im Leben der Kirche die Schwiegermütter sind [Der Papst und die Anwesenden lachen]. Tatsächlich gibt es das in der Antike: Es gab einen Anfang… Ich erinnere mich, dass dieses Thema mich ziemlich interessierte, als ich zu Versammlungen nach Rom kam und in der »Domus Paolo VI« untergebracht war. Dort war ein guter syrischer Theologe; er hatte die kritische Edition und die Übersetzung der Hymnen Ephräms des Syrers herausgegeben. Und eines Tages habe ich ihn darüber befragt, und er hat mir erklärt, dass es in der Frühzeit der Kirche einige »Diakonissen« gab. Aber was sind diese Diakonissen? Waren sie geweiht oder nicht? Auf dem Konzil von Chalkedon (451) ist von ihnen die Rede, aber es ist nicht ganz klar. Welche Rolle hatten die Diakonissen in jener Zeit? Es scheint – so sagte mir jener Mann, der inzwischen verstorben ist; er war ein guter Professor, weise, gelehrt –, es scheint, dass die Rolle der Diakonissen darin bestand, bei der Taufe der Frauen zu helfen, beim Eintauchen. Sie tauften sie, wegen des Anstands, auch um die Ölungen am Leib der Frauen vorzunehmen, bei der Taufe. Und auch eine interessante Sache: Wenn es ein Eheurteil gab, weil der Ehemann seine Frau schlug und diese zum Bischof ging, um sich zu beklagen, dann waren die Diakonissen beauftragt, die blauen Flecken anzusehen, die die Schläge des Mannes auf dem Leib der Frau hinterließen, und den Bischof darüber zu informieren. Daran erinnere ich mich. Es gibt einige Veröffentlichungen über das Diakonat in der Kirche, aber es ist nicht klar, wie es ausgesehen hat. Ich glaube, ich werde die Kongregation für die Glaubenslehre bitten, mich über die Studien zu diesem Thema zu informieren, denn ich habe euch nur auf der Grundlage dessen geantwortet, was ich von jenem Priester, einem gelehrten und guten Wissenschaftler, über das ständige Diakonat gehört habe. Außerdem möchte ich eine offizielle Kommission einrichten, die diese Frage untersuchen kann: Ich glaube, es wird der Kirche guttun, diesen Punkt zu klären; ich bin einverstanden und werde Gespräche führen, um so etwas zu machen.

Dann sagt ihr: »Wir stimmen mit Ihnen über­ein, Heiliger Vater, bezüglich der Notwendigkeit einer bedeutenderen Rolle der Frauen in den Entscheidungspositionen der Kirche, auf die Sie mehrmals verwiesen haben.« Das ist klar. »Können Sie uns ein Beispiel nennen, wo Sie die Möglichkeit einer besseren Eingliederung der Frauen und der geweihten Frauen in das Leben der Kirche sehen?« Ich werde etwas sagen, das später kommt, denn ich habe gesehen, dass es eine allgemeine Frage gibt. An den Beratungen der Kongregation für die Institute des geweihten Lebens und für die Gesellschaften des apostolischen Lebens, an den Versammlungen müssen die geweihten Frauen teilnehmen: Das ist sicher. An den Beratungen über die vielen Probleme, über die gesprochen wird, müssen die geweihten Frauen teilnehmen. Eine andere Sache: eine bessere Eingliederung. Im Augenblick fallen mir keine konkreten Dinge ein, sondern immer nur das, was ich vorhin gesagt habe: das Urteil der geweihten Frau einholen, denn die Frau sieht die Dinge mit eigenen Augen und anders als die Männer, und das ist bereichernd – sowohl für die Beratung als auch für die Entscheidung und die konkrete Umsetzung.

Eure Arbeit mit den Armen, den Ausgegrenzten, den Katechismus lehren, die Kranken und die Sterbenden begleiten: Das sind sehr »mütterliche« Tätigkeiten, in denen die Mütterlichkeit der Kirche besser zum Ausdruck kommt. Aber es gibt auch Männer, die dasselbe tun, und zwar gut: geweihte Männer, Hospitalorden… Und das ist wichtig.

Also, was das Diakonat betrifft, ja, ich nehme den Vorschlag an: Eine Kommission, die das gut klärt, vor allem in Bezug auf die Frühzeit der Kirche, scheint mir nützlich zu sein.

Im Hinblick auf eine bessere Eingliederung wiederhole ich das, was ich vorhin gesagt habe.

Wenn es etwas genauer zu erläutern gibt, dann fragt jetzt nach: Gibt es zu dem, was ich gesagt habe, noch eine Frage, die mir beim Nachdenken helfen kann? Nur zu…

[Die dritte Frage befasste sich mit der Rolle der Internationalen Vereinigung von Generaloberinnen.] Welche Rolle könnte der Internationalen Vereinigung von Generaloberinnen zukommen, um im Denken der Kirche mitzureden und gehört zu werden, angesichts der Tatsache, dass sie die Stimme von 2000 weiblichen Ordensinstituten einbringt? Wie ist es möglich, dass wir sehr oft vergessen und nicht einbezogen werden, zum Beispiel in die Vollversammlung der Kongregation für die Institute des geweihten Lebens und für die Gesellschaften des apostolischen Lebens, wo es um das geweihte Leben geht? Kann die Kirche es sich erlauben, über uns zu sprechen statt mit uns zu sprechen?

Papst Franziskus: Schwester Teresina, haben Sie etwas Geduld, denn mir ist etwas eingefallen, das ich bei der anderen Frage vergessen habe, zum Thema: »Was kann das weibliche Ordensleben tun?« Es ist ein Kriterium, über das ihr nachdenken und über das auch die Kirche nachdenken muss. Eure Arbeit, meine Arbeit und die Arbeit aller besteht darin, einen Dienst zu leisten. Oft begegne ich jedoch geweihten Frauen, die als Bedienstete tätig sind statt einen Dienst zu tun. Es ist etwas schwierig zu erklären, denn ich möchte nicht, dass man an konkrete Fälle denkt, was vielleicht ein schlechter Gedanke wäre, denn niemand kennt wirklich die Umstände. Aber denken wir an einen Pfarrer, den wir uns zur Sicherheit ausdenken: »Nein, nein, mein Pfarrhaus ist in den Händen von zwei Ordensschwestern.« – »Und sie kümmern sich um alles?« – »Ja, ja!« – »Und welches Apostolat üben sie aus? Katechismusunterricht?« – »Nein, nein. Nur das!« Nein! Das sind Bedienstete! Sagen Sie mir, Herr Pfarrer, ob es in Ihrer Stadt keine tüchtigen Frauen gibt, die Arbeit brauchen. Stellen Sie eine oder zwei an, um diesen Dienst zu verrichten. Die beiden Ordensschwestern sollen lieber in die Schulen, in die Wohnviertel, zu den Kranken, zu den Armen gehen. Das ist das Kriterium: einen Dienst tun und nicht als Bedienstete tätig sein! Und wenn man euch Oberinnen um etwas bittet, das kein Dienst, sondern vielmehr eine Tätigkeit als Bedienstete ist, dann seid mutig und sagt »nein«. Dieses Kriterium ist sehr hilfreich. Denn wenn man will, dass eine geweihte Frau als Bedienstete tätig ist, dann werden das Leben und die Würde dieser Frau abgewertet. Ihre Berufung ist der Dienst: der Dienst an der Kirche, wo auch immer sie ist. Aber keine Tätigkeit als Bediens­tete!

Und jetzt [antworte ich] Teresina: »Welchen Platz hat Ihrer Ansicht nach das apostolische Ordensleben der Frauen innerhalb der Kirche? Was würde der Kirche fehlen, wenn es keine Ordensfrauen mehr gäbe?« Es würde Maria am Pfingsttag fehlen! Es gibt keine Kirche ohne Maria! Es gibt kein Pfingsten ohne Maria! Maria war da, vielleicht sagte sie nichts… Das habe ich bereits gesagt, aber ich wiederhole es gern. Die geweihte Frau ist eine Ikone der Kirche, sie ist eine Ikone Marias. Der Priester ist keine Ikone der Kirche; er ist keine Ikone Marias; er ist eine Ikone der Apostel, der Jünger, die ausgesandt sind, um zu predigen. Aber nicht der Kirche und Marias. Wenn ich das sage, möchte ich euch zum Nachdenken bringen über die Tatsache, dass »die« Kirche weiblich ist. Die Kirche ist Frau: Es heißt nicht »der« Kirche, es heißt »die« Kirche. Sie ist jedoch eine Frau, die mit Jesus Christus verheiratet ist, sie hat ihren Bräutigam: Jesus Christus. Und wenn ein Bischof für eine Diözese erwählt wird, dann heiratet der Bischof – im Namen Christi – jene Teilkirche. Die Kirche ist Frau! Und die Weihe einer Frau macht sie zur Ikone der Kirche und zur Ikone Marias. Und das können wir Männer nicht tun. Das soll euch helfen, von dieser theologischen Wurzel her eine große Rolle in der Kirche zu vertiefen. Und ich möchte, dass das nicht übersehen wird.

Ich bin völlig einverstanden [mit dem Schluss der dritten Frage]. Die Kirche: Die Kirche seid ihr, die Kirche sind wir alle. Die Hierarchie – sagen wir – der Kirche muss von euch sprechen, aber vorher und im Augenblick muss sie mit euch sprechen! Das ist sicher. Auf der Versammlung der Kongregation für die Institute des geweihten Lebens und für die Gesellschaften des apostolischen Lebens müsst ihr anwesend sein. Ja, ja! Ich werde es dem Präfekten sagen: Auf der Versammlung müsst ihr anwesend sein! Das ist klar, denn über einen Abwesenden zu sprechen, entspricht auch nicht dem Evangelium: Er muss hören können, hören was man denkt, und dann handeln wir gemeinsam. Ich bin einverstanden. Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass so viel Abstand da ist. Und danke, dass ihr es so mutig angesprochen habt – und mit diesem Lächeln.

Ich erlaube mir einen Scherz. Sie haben mit jenem Lächeln gesprochen, das in Piemont als »mugna quacia« [Unschuldsmiene] bezeichnet wird. Sehr gut! Ja, da habt ihr recht. Ich denke, dass hier eine Reform einfach ist; ich werde darüber mit dem Präfekten sprechen. »Aber auf dieser Vollversammlung geht es nicht um die Ordensschwestern, es geht um etwas anderes…« – »Die Ordensschwestern müssen angehört werden, denn sie haben eine andere Sicht der Dinge.« Das ist es, was ich vorhin gesagt habe: Es ist wichtig, dass ihr stets mit eingegliedert seid… Ich danke euch für die Frage.

Gibt es dazu noch Rückfragen? Noch etwas? Ist es klar?

Behaltet das im Gedächtnis: Was würde der Kirche fehlen, wenn es die Ordensfrauen nicht gäbe? Es würde Maria am Pfingsttag fehlen. Die Ordensfrau ist Ikone der Kirche und Marias; und die Kirche ist weiblich, von Jesus Christus zur Braut genommen.

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[Die vierte Frage drehte sich um die Hindernisse, denen die geweihten Frauen in der Kirche begegnen.] Lieber Heiliger Vater, viele Institute stehen der Herausforderung gegenüber, durch eine Revision der Konstitutionen Neuerungen in die Lebensform und in die Strukturen einzuführen. Das erweist sich als schwierig, denn wir werden vom Kirchenrecht blockiert. Sehen Sie Änderungen im Kirchenrecht vor, um diese Neuerung zu erleichtern?

Außerdem haben die jungen Menschen heute Schwierigkeiten, an eine endgültige Bindung zu denken, sowohl in der Ehe als auch im Ordens­leben. Wäre es möglich, dass wir offen sind für temporäre Bindungen?

Und ein weiterer Aspekt: Wenn wir unseren Dienst in Solidarität mit den Armen und den Ausgegrenzten tun, werden wir oft fälschlicherweise als Sozialaktivistinnen betrachtet, oder man meint, wir bezögen politisch Stellung. Einige kirchliche Autoritäten möchten, dass wir mystischer und weniger apostolisch sind. Welcher Wert wird dem apostolischen Ordensleben, insbesondere den Frauen, von Seiten einiger Teile der hierarchischen Kirche zugesprochen?

Papst Franziskus: Der erste Punkt: die Veränderungen, die vorgenommen werden müssen, um neue Herausforderungen anzunehmen. Sie haben von Neuerungen gesprochen, Neuerungen im positiven Sinne, wenn ich richtig verstanden habe: neue Dinge, die kommen… Und die Kirche ist darin Meisterin, denn sie musste sich in der Geschichte sehr, sehr, sehr verändern. Jede Veränderung bedarf jedoch der Unterscheidung, und eine Entscheidungsfindung ist nicht möglich ohne das Gebet. Wie geht eine Entscheidungsfindung vor sich? Gebet, Dialog, dann die gemeinsame Entscheidung. Man muss um die Gabe der Unterscheidung bitten – darum, entscheiden zu können. Zum Beispiel ein Unternehmer, der Veränderungen in seiner Firma vornehmen muss: Er wägt die konkreten Gegebenheiten ab und tut das, was sein Gewissen ihm sagt. In unserem Leben spielt eine weitere Person eine Rolle: der Heilige Geist. Und um eine Veränderung vorzunehmen, müssen wir zwar alle konkreten Umstände abwägen, das ist wahr, aber um in einen Entscheidungsfindungsprozess mit dem Heiligen Geist einzutreten, brauchen wir Gebet, Dialog, gemeinsame Entscheidungsfindung.

Zu diesem Punkt glaube ich, dass wir – wenn ich sage: »wir«, dann meine ich auch die Priester – nicht gut ausgebildet sind, was die Entscheidungsfindung in verschiedenen Situationen betrifft. Wir müssen versuchen, Erfahrungen zu sammeln und auch Menschen zu finden, die uns genau erklären, wie die Entscheidungsfindung vor sich geht: ein guter geistlicher Begleiter, der diese Dinge gut kennt und uns erklärt, dass es nicht ein einfaches »Pro und Kontra« ist, ein Resümee ziehen, und los geht’s. Nein, es ist etwas mehr. Jede Veränderung, die man vornehmen muss, macht es erforderlich, in einen Prozess der Unterscheidung einzutreten. Und das wird euch mehr Freiheit, mehr Freiheit geben! Das Kirchenrecht: Das ist kein Problem. Im vergangenen Jahrhundert wurde das Kirchenrecht – wenn ich mich nicht irre – zweimal geändert: 1917 und dann unter Johannes Paul II. Kleine Änderungen kann man vornehmen, sie werden vorgenommen. Dies waren jedoch zwei Änderungen des gesamten Codex. Der Codex ist ein disziplinäres Hilfsmittel, ein Hilfsmittel für das Seelenheil, für all das: Er ist das juristische Hilfsmittel der Kirche für die Prozesse, viele Dinge. Er wurde jedoch im vergangenen Jahrhundert zweimal völlig verändert, überarbeitet. Und so kann man Teile ändern. Vor zwei Monaten kam eine Anfrage, einen Kanon zu ändern, ich erinnere mich nicht genau… Ich habe es untersuchen lassen, und der Staatssekretär hat die Beratungen durchgeführt. Und alle waren einverstanden: Ja, das muss für das größere Wohl geändert werden, und es wurde geändert.

Der Codex ist ein Werkzeug, das ist sehr wichtig. Aber ich sage noch einmal: Man darf nie eine Veränderung vornehmen ohne einen persönlichen und gemeinschaftlichen Entscheidungsfindungsprozess. Und das wird euch Freiheit geben, denn ihr bringt den Heiligen Geist dorthin, in die Veränderung. Dasselbe hat der heilige Paulus getan, auch der heilige Petrus, als er gespürt hat, dass der Herr ihn drängte, die Heiden zu taufen. Wenn wir die Apostelgeschichte lesen, dann wundern wir uns über all die Veränderungen, all die Veränderungen… Das ist der Heilige Geist! Das ist interessant: In der Apostelgeschichte sind die Hauptakteure nicht die Apostel, sondern der Heilige Geist: »Der Geist drängte, dies zu tun«; »der Geist sagte zu Philippus: geh hierhin und dorthin, finde den Kämmerer und taufe ihn«; »der Geist macht«; »der Geist sagt: Nein, kommt nicht hierher«… Es ist der Geist. Der Geist hat den Aposteln den Mut gegeben, die revolutionäre Veränderung vorzunehmen, die Heiden zu taufen, ohne den Weg über die jüdische Katechese oder die jüdischen Praktiken zu gehen. Das ist interessant: In den ersten Kapiteln gibt es den Brief, den die Apostel nach dem Konzil von Jerusalem an die bekehrten Heiden senden. Sie berichten alles, was sie getan haben: »Der Heilige Geist und wir haben das beschlossen…« Das ist ein Beispiel für eine Entscheidungsfindung, die sie vorgenommen haben. So müsst ihr alle Änderungen vornehmen: mit dem Heiligen Geist. Also Unterscheidung, Gebet und auch konkrete Abwägung der Situationen.

Und bezüglich des Codex gibt es kein Problem. Er ist ein Werkzeug.

Zur endgültigen Bindung der jungen Menschen. Wir leben in einer »Kultur des Provisorischen«. Ein Bischof erzählte mir vor einiger Zeit, dass ein junger Student von 23 oder 24 Jahren, er hatte gerade die Universität beendet, zu ihm gekommen sei und zu ihm gesagt habe: »Ich möchte gerne Priester werden, aber nur für zehn Jahre.« Das ist die Kultur des Provisorischen. Im Fall der Ehe ist es ebenso. »Ich heirate dich solange die Liebe andauert und dann Lebewohl.« Die Liebe wird jedoch in hedonistischem Sinne verstanden, im Sinne der heutigen Kultur. Natürlich sind diese Ehen nichtig, sie sind nicht gültig. Sie haben nicht das Bewusstsein der Endgültigkeit einer Bindung. In der Ehe ist es so. Im Apostolischen Schreiben Amoris laetitia könnt ihr über diese Problematik lesen, es steht in den ersten Kapiteln. Ihr könnt dort lesen, wie die Ehe vorbereitet werden soll. Jemand hat einmal zu mir gesagt: »Das verstehe ich nicht: Um Priester zu werden, müsst ihr acht Jahre studieren, euch etwa acht Jahre lang darauf vorbereiten. Und dann, wenn es nicht geht oder du dich in ein schönes Mädchen verliebst, dann gestattet die Kirche dir: Geh hin, heirate, fang ein anderes Leben an. Die Vorbereitung auf die Ehe – die für das ganze Leben ist, die ›für‹ das Leben ist – besteht in vielen Diözesen aus drei oder vier Vorträgen…« Aber das geht nicht! Wie kann ein Pfarrer unterschreiben, dass sie auf die Ehe vorbereitet sind, mit dieser Kultur des Provisorischen und mit nur diesen wenigen Erklärungen? Das ist ein sehr schwerwiegendes Problem.

Im geweihten Leben hat mich stets die Eingebung des heiligen Vinzenz von Paul beeindruckt – positiv beeindruckt: Er hat gesehen, dass die »Töchter der christlichen Liebe« eine so harte, so »gefährliche« Arbeit tun mussten, an vorderster Front, dass sie jedes Jahr die Gelübde erneuern müssen. Nur für ein Jahr. Aber sie taten es aus Charisma, nicht aus der Kultur des Provisorischen heraus: um Freiheit zu geben. Ich glaube, dass die zeitlichen Gelübde im Ordensleben dies erleichtern. Und ich weiß nicht, das müsst ihr sehen, aber ich wäre sehr dafür, die zeitlichen Gelübde vielleicht etwas zu verlängern, aufgrund dieser Kultur des Provisorischen, die die jungen Menschen heute haben: Es bedeutet… die Verlobung zu verlängern, bevor man die Ehe eingeht! Das ist wichtig.

[Jetzt antwortet der Papst auf einen Teil der Frage, der nicht vorgelesen wurde, aber schriftlich vorlag.] Die Forderungen nach Geld in unseren Ortskirchen. Das mit dem Geld ist ein sehr wichtiges Problem, sowohl im geweihten Leben als auch in der Diözesankirche. Wir dürfen nie vergessen, dass der Teufel »durch die Taschen« kommt: sowohl durch die Taschen des Bischofs als auch durch die Taschen der Kongregation. Das berührt das Problem der Armut; ich werde nachher darüber sprechen. Die Geldgier ist jedoch die erste Stufe zur Korruption einer Pfarrgemeinde, einer Diözese, einer Kongregation des geweihten Lebens; sie ist die erste Stufe. Ich glaube, sie steht in diesem Zusammenhang: Bezahlung für Sakramente. Seht her, wenn jemand das von euch verlangt, dann zeigt es an. Das Heil ist unentgeltlich. Gott hat uns unentgeltlich ausgesandt; das Heil ist gleichsam eine »Verschwendung der Unentgeltlichkeit«. Es gibt kein Heil auf Bezahlung, es gibt keine Sakramente auf Bezahlung. Ist das klar? Ich kenne das, ich habe in meinem Leben eine solche Korruption gesehen.

Ich erinnere mich an einen Fall. Als ich gerade zum Bischof ernannt worden war, hatte ich den ärmsten Stadtteil von Buenos Aires: Die Stadt ist in vier Vikariate unterteilt. Es gab dort viele Migranten aus anderen amerikanischen Ländern. Und wenn jemand heiraten wollte, kam es vor, dass der Pfarrer sagte: »Diese Leute haben keinen Taufschein.« Und wenn sie in ihrem Land darum baten, bekamen sie zur Antwort: »Ja, aber sende erst 100 Dollar, und dann schicke ich ihn dir.« Ich erinnere mich da an einen Fall. Ich habe mit dem Kardinal gesprochen, der Kardinal hat mit dem dortigen Ortsbischof gesprochen… Aber in der Zwischenzeit konnten die Leute ohne Taufschein heiraten, mit dem Eid der Eltern oder der Paten. Das ist die Bezahlung – nicht nur der Sakramente, sondern auch der Bescheinigungen. Ich erinnere mich an einen jungen Mann in Buenos Aires, der heiraten wollte und zur Pfarrei gegangen ist, um das »Nihil obstat« für die Hochzeit in einer anderen Pfarrei zu beantragen: ein ganz einfaches Dokument. Die Sekretärin sagte zu ihm: »Ja, kommen Sie morgen vorbei, dann ist es fertig, und das ist der Preis«: eine ganz schöne Summe. Es ist aber eine Dienstleistung: Es geht nur darum, die Daten zu überprüfen und ein Formular auszufüllen. Und er – er ist Anwalt, jung, tüchtig, sehr eifrig, ein sehr guter Katholik – ist zu mir gekommen: »Was soll ich jetzt tun?« – »Geh morgen hin und sag ihr, du hättest dem Erzbischof einen Scheck gesandt und dass der Erzbischof ihr den Scheck geben wird.« Geldgeschäfte…

Hier berühren wir jedoch ein ernstes Problem: das Problem der Armut. Ich sage euch etwas: Wenn ein Ordensinstitut – und das gilt auch für andere Situationen –, aber wenn ein Ordensinstitut spürt, dass sein Ende naht, wenn es spürt, dass es nicht in der Lage ist, neue Elemente anzuziehen, wenn es spürt, dass die Zeit, für die der Herr jene Kongregation erwählt hatte, vielleicht vorüber ist, dann besteht die Versuchung der Habgier. Warum? Weil sie denken: »Wenigstens haben wir das Geld für unsere Altersversorgung.« Das ist ein ernstes Problem. Und welche Lösung bietet die Kirche an? Die Zusammenlegung verschiedener Institute mit ähnlichen Charismen, und weitermachen. Aber nie, nie ist das Geld eine Lösung für geistliche Probleme. Es ist ein notwendiges Hilfsmittel, aber mehr auch nicht.

Der heilige Ignatius sagte über die Armut, sie sei »Mutter« und »Mauer« des Ordenslebens. Sie lässt uns im Ordensleben wachsen wie eine Mutter, und sie bewahrt es. Und der Niedergang beginnt, wenn es an Armut mangelt. Ich erinnere mich daran, dass in meiner anderen Diözese ein sehr renommiertes Internat, das von Ordensfrauen geführt wurde, das Schwesternhaus renovieren musste, weil es alt war. Es musste renoviert werden, und es wurde gute Arbeit geleistet. Es wurde gute Arbeit geleistet. Aber damals – ich spreche ungefähr über das Jahr 1993/94 – hieß es: »Wir machen es mit allem Komfort, Zimmer mit privatem Bad und alles, auch mit Fernseher…« In diesem Internat, das sehr renommiert war, fand man zwischen zwei und vier Uhr nachmittags keine einzige Schwester: Alle waren in ihrem Zimmer, um die Telenovela zu schauen! Das ist mangelnde Armut, und sie führt dich zu einem bequemen Leben, in die Phantasie… Das ist ein Beispiel. Vielleicht ist es das einzige in der Welt, aber es lässt uns die Gefahr eines zu großen Komforts verstehen, des Mangels an Armut oder an einer gewissen Einfachheit.

[Ein weiterer Teil der nicht vorgelesenen, aber schriftlich vorliegenden Frage] »Ordensfrauen beziehen kein Gehalt für ihre Dienste, während Priester eines beziehen. Wie sollen wir ein attraktives Gesicht unseres Lebens zeigen? Wie sollen wir die notwendigen finanziellen Mittel aufbringen, um unserer Sendung nachzugehen?«

Papst Franziskus: Ich sage euch zwei Dinge: Auf das Charisma, das Innere eures Charismas schauen – jeder hat sein eigenes –, und darauf, welchen Platz die Armut einnimmt. Denn es gibt Kongregationen, die ein Leben in sehr, sehr großer Armut erfordern, während dies bei anderen nicht so sehr der Fall ist. Und alle beide sind von der Kirche approbiert. Dem Charisma entsprechend nach der Armut streben. Außerdem: Ersparnisse. Es ist Klugheit, Ersparnisse zu haben; es ist Klugheit, eine gute Verwaltung zu haben, vielleicht mit einigen Investitionen, das ist klug: für die Ausbildungshäuser, um die Werke zur Unterstützung der Armen weiterzuführen, die Schulen für die Armen weiterzuführen, die apostolischen Tätigkeiten fortzusetzen… Eine finanzielle Grundlage der eigenen Kongregation: Diese muss geschaffen werden. Und ebenso wie Reichtum schlecht sein und der Berufung schaden kann, so kann es auch das Elend. Wenn die Armut zum Elend wird: Auch das ist schlecht. Hier sieht man die geistliche Klugheit der Gemeinschaft in der gemeinsamen Entscheidungsfindung: die Prokuratorin informiert, alle besprechen es. Ja, es ist zu viel, es ist nicht zu viel… Jene mütterliche Klugheit. Aber lasst euch bitte nicht von jenen Freunden eurer Kongregation täuschen, die euch dann »ausnehmen« und euch alles wegnehmen. Ich habe viele Häuser von Schwestern gesehen – oder andere haben mir davon berichtet –, die alles verloren haben, weil sie einem bestimmten Menschen vertraut haben, der »ein großer Freund der Gemeinschaft« ist! Es gibt viele Betrüger, viele Betrüger. Klugheit besteht darin, niemals nur eine Person um Rat zu fragen: Wenn ihr etwas braucht, dann fragt verschiedene, unterschiedliche Personen um Rat. Die Güterverwaltung ist im geweihten Leben eine sehr große, eine sehr große Verantwortung. Wenn euch der nötige Lebensunterhalt fehlt, dann sagt es dem Bischof. Zu Gott sagen: »Unser tägliches Brot gib uns heute«, das wahre Brot. Aber mit dem Bischof, mit der Generaloberin, mit der Kongregation für die Ordensleute sprechen. Was den notwendigen Lebensunterhalt betrifft, denn das Ordensleben ist ein Weg der Armut, aber es ist kein Selbstmord! Und das ist gesunde Klugheit. Ist das klar?

Und dann: Wo es Konflikte gibt wegen dem, was die Ortskirchen von euch verlangen, ist es notwendig zu beten, zu unterscheiden und den Mut zu haben, wenn es sein muss, »nein« zu sagen, und die Großherzigkeit, wenn es sein muss, »ja« zu sagen. Aber ihr seht, wie notwendig die Unterscheidung in jedem Fall ist!

Der Papst greift die schriftlich vorliegende Frage wieder auf: »Wenn wir unseren Dienst ausüben, mit den Armen und den Ausgegrenzten solidarisch sind, werden wir oft fälschlicherweise als Sozialaktivistinnen betrachtet oder so als würden wir politische Position beziehen. Einige kirchliche Autoritäten betrachten unseren Dienst negativ und betonen, dass wir mehr auf eine mystische Lebensform ausgerichtet sein sollten. Wie können wir unter diesen Umständen unsere prophetische Berufung leben…?«

Papst Franziskus: Ja. Alle Ordensfrauen, alle geweihten Frauen müssen mystisch leben, denn ihr lebt in einer Vermählung; eure Berufung ist eine Berufung zur Mutterschaft, es ist eine Berufung, an der Stelle der Mutter Kirche und der Mutter Maria zu stehen. Aber die, die das zu euch sagen, meinen, dass mystisch zu sein bedeutet, eine Mumie zu sein, immer im Gebet versunken… Nein, nein. Man muss so beten und arbeiten wie es dem eigenen Charisma entspricht. Und wenn das Charisma dich dahin bringt, dich um Flüchtlinge, um Arme zu kümmern, dann musst du es tun. Sie werden dich als »Kommunistin« bezeichnen – das ist noch das Geringste. Aber du musst es tun. Denn das Charisma bringt dich dazu. Ich erinne mich an eine Ordensschwester in Argentinien: Sie war Provinzoberin ihrer Kongregation. Eine tüchtige Frau, und sie arbeitet noch immer… Sie ist fast in meinem Alter, ja. Und sie setzt sich gegen Mädchenhändler, gegen Menschenhändler ein. Ich erinnere mich, dass sie unter der Militärregierung in Argentinien ins Gefängnis gesteckt werden sollte. Es wurde Druck gemacht auf den Erzbischof, es wurde Druck gemacht auf die Provinzoberin, bevor sie selbst Provinzoberin wurde, »denn diese Frau ist Kommunistin«. Und diese Frau hat viele Mädchen gerettet, viele Mädchen!

Ja, das ist das Kreuz. Was wurde über Jesus gesagt? Dass er Beelzebul war, dass er die Macht des Beelzebul hatte. Die Verleumdung: Bereitet euch darauf vor. Wenn ihr Gutes tut, mit dem Gebet, vor Gott, euer Charisma mit allen Konsequenzen annehmt und vorangeht, dann bereitet euch auf Diffamierung und Verleumdung vor, denn der Herr hat diesen Weg für sich gewählt! Und wir Bischöfe müssen diese Frauen schützen, die die Ikone der Kirche sind, wenn sie schwierige Dinge tun und verleumdet und verfolgt werden. Verfolgt zu werden ist die letzte der Seligpreisungen. Der Herr hat zu uns gesagt: »Selig seid ihr, wenn ihr verfolgt und beleidigt werdet«, und all diese Dinge. Aber hier kann folgende Gefahr liegen: »Ich mache mein Ding.« Nein, nein: Wenn du es hörst, wenn du verfolgt wirst: Sprich darüber. Mit deiner Gemeinschaft, mit deiner Oberin, sprich mit allen, bitte um Rat, denke nach: wieder das Wort. Und einmal stand diese Ordensfrau, von der ich gerade gesprochen habe, weinend vor mir und sagte: »Schau den Brief an, den ich aus Rom erhalten habe.« – Ich werde nicht sagen, woher. – »Was soll ich tun?« – »Bist du eine Tochter der Kirche?« – »Ja!« – »Willst du der Kirche gehorchen?« – »Ja!« – »Antworte, dass du der Kirche gehorsam sein wirst, und dann geh zu deiner Oberin, geh zu deiner Gemeinschaft, geh zu deinem Bischof – das war ich –, und die Kirche wird sagen, was du tun sollst. Aber kein Brief, der aus 12.000 Kilometern Entfernung kommt.« Denn dort hatte ein Freund der Feinde der Ordensschwester geschrieben, sie war verleumdet worden. Ihr sollt mutig sein, aber mit Demut, Unterscheidung, Gebet, Dialog.

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»Ein Wort der Ermutigung an uns Frauen im Leitungsdienst, die wir die Last des Tages tragen.«

Papst Franziskus: Aber atmet auch einmal gut durch! Die Erholung, denn viele Krankheiten kommen vom Mangel an guter Erholung, Erholung in der Familie… Das ist wichtig, um die Last des Tages zu tragen.

Ihr erwähnt hier auch die alten und kranken Schwestern. Diese Schwestern sind jedoch das Gedächtnis des Instituts. Es sind die Schwestern, die gesät und gearbeitet haben, und jetzt sind sie gelähmt oder schwerkrank oder werden beiseitegeschoben. Diese Schwestern beten für das Institut. Das ist sehr wichtig, dass sie sich in das Gebet für das Institut eingebunden fühlen. Diese Schwestern haben auch eine sehr große Erfahrung: die einen mehr, die anderen weniger. Hört ihnen zu! Geht zu ihnen: »Sagen Sie mir, Schwester, was denken Sie über dieses und jenes?« Sie müssen spüren, dass ihr Rat gefragt ist, und aus ihrer Weisheit wird ein guter Rat kommen. Da könnt ihr sicher sein.

Das ist es, was ich euch zu sagen habe. Ich weiß, dass ich mich ständig wiederhole und immer wieder dieselben Dinge sage, aber so ist das Leben… Ich höre gerne Fragen, weil sie mich zum Nachdenken bringen, und ich fühle mich wie der Torwart, der da steht und darauf wartet, wohin der Ball fliegt… Das ist gut, und das sollt auch ihr im Dialog tun.

Die Dinge, die ich zu tun versprochen habe, werde ich tun. Und betet für mich, ich bete für euch. Und gehen wir voran. Unser Leben ist für den Herrn, für die Kirche und für die Menschen, die viel leiden und die Liebkosung des Vaters brauchen, durch euch! Danke!

Ich schlage euch etwas vor: Wenden wir uns zum Abschluss an die Mutter. Jede von euch soll in der eigenen Sprache das Ave Maria beten. Ich werde es auf Spanisch beten. [Ave Maria…]

[Nach dem Segen sagte der Papst]: Und betet für mich, damit ich der Kirche gut dienen kann.

(Orig. ital. in O.R. 14.5.2016)

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Quelle: Osservatore Romano 21/2016

Schreiben an die Bischöfe der Katholischen Kirche über die Zusammenarbeit von Mann und Frau in der Kirche und in der Welt

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Heilige Frauen Italiens – Klara von Assisi, Katharina von Siena und Rita von Cascia – Frauen, die mutig und im Vertrauen auf Gott ihren Lebensweg gegangen sind.

 

EINLEITUNG

1. Erfahren in der Menschlichkeit, ist die Kirche immer an den Belangen von Mann und Frau interessiert. In der letzten Zeit wurde viel über die Würde der Frau, über ihre Rechte und Pflichten in den verschiedenen Bereichen der bürgerlichen und der kirchlichen Gemeinschaft nachgedacht. Die Kirche, die besonders durch die Lehre von Johannes Paul II. zur Vertiefung dieses grundlegenden Themas beigetragen hat,1 wird heute von einigen Denkströmungen herausgefordert, deren Ideen oft nicht mit den genuinen Zielsetzungen der Förderung der Frau übereinstimmen.

Nach einer kurzen Darlegung und kritischen Bewertung verschiedener gegenwärtiger anthropologischer Auffassungen möchte das vorliegende Dokument Überlegungen über einige Voraussetzungen für ein rechtes Verständnis der aktiven Zusammenarbeit von Mann und Frau in der Kirche und in der Welt — bei ausdrücklicher Anerkennung ihrer Verschiedenheit — bieten. Diese Überlegungen sind inspiriert von den Lehraussagen der biblischen Anthropologie, die unerlässlich sind, um die Identität der menschlichen Person zu wahren. Sie wollen überdies Ausgangspunkt für einen Weg der Vertiefung innerhalb der Kirche und für den Aufbau eines Dialogs mit allen Männern und Frauen guten Willens sein, in der aufrichtigen Suche nach der Wahrheit und im gemeinsamen Bemühen um die Förderung von immer authentischeren Beziehungen.

 

I.
DAS PROBLEM

2. In den letzten Jahren haben sich in der Auseinandersetzung mit der Frauenfrage neue Tendenzen abgezeichnet. Eine erste Tendenz unterstreicht stark den Zustand der Unterordnung der Frau, um eine Haltung des Protestes hervorzurufen. So macht sich die Frau, um wirklich Frau zu sein, zum Gegner des Mannes. Auf die Missbräuche der Macht antwortet sie mit einer Strategie des Strebens nach Macht. Dieser Prozess führt zu einer Rivalität der Geschlechter, bei der die Identität und die Rolle des einen zum Nachteil des anderen gereichen. Die Folge davon ist eine Verwirrung in der Anthropologie, die Schaden bringt und ihre unmittelbarste und unheilvollste Auswirkung in der Struktur der Familie hat.

Im Sog dieser ersten Tendenz ergibt sich eine zweite. Um jegliche Überlegenheit des einen oder des anderen Geschlechts zu vermeiden, neigt man dazu, ihre Unterschiede zu beseitigen und als bloße Auswirkungen einer historisch-kulturellen Gegebenheit zu betrachten. Bei dieser Einebnung wird die leibliche Verschiedenheit, Geschlecht genannt, auf ein Minimum reduziert, während die streng kulturelle Dimension, Gender genannt, in höchstem Maß herausgestrichen und für vorrangig gehalten wird. Die Verschleierung der Verschiedenheit oder Dualität der Geschlechter bringt gewaltige Auswirkungen auf verschiedenen Ebenen mit sich. Diese Anthropologie, die Perspektiven für eine Gleichberechtigung der Frau fördern und sie von jedem biologischen Determinismus befreien wollte, inspiriert in Wirklichkeit Ideologien, die zum Beispiel die Infragestellung der Familie, zu der naturgemäß Eltern, also Vater und Mutter, gehören, die Gleichstellung der Homosexualität mit der Heterosexualität sowie ein neues Modell polymorpher Sexualität fördern.

3. Die unmittelbare Wurzel der genannten Tendenz findet sich im Kontext der Frauenfrage. Ihre tiefste Begründung muss aber im Versuch der menschlichen Person nach Befreiung von den eigenen biologischen Gegebenheiten gesucht werden.2 Gemäß dieser anthropologischen Perspektive hätte die menschliche Natur keine Merkmale an sich, die sich ihr in absoluter Weise auferlegen: Jede Person könnte und müsste sich nach eigenem Gutdünken formen, weil sie von jeder Vorausbestimmung auf Grund ihrer Wesenskonstitution frei wäre.

Diese Perspektive hat vielfältige Auswirkungen. Zum einen wird dadurch die Meinung bekräftigt, die Befreiung der Frau bringe eine Kritik an der Heiligen Schrift mit sich, die ein patriarchalisches Verständnis von Gott überliefere, das von einer wesentlich männlichen Kultur genährt sei. Zum anderen ist es gemäß dieser Tendenz unwichtig und bedeutungslos, dass der Sohn Gottes die menschliche Natur als Mann angenommen hat.

4. Angesichts dieser Denkströmungen spricht die Kirche hingegen, erleuchtet vom Glauben an Jesus Christus, von aktiver Zusammenarbeit von Mann und Frau bei ausdrücklicher Anerkennung ihrer Verschiedenheit.

Um die Grundlage, den Sinn und die Auswirkungen dieser Antwort besser zu verstehen, ist es angebracht, wenigstens kurz auf die Heilige Schrift zurückzugreifen, die auch reich ist an menschlicher Weisheit. In ihr wurde diese Antwort Schritt für Schritt dank des Eingreifens Gottes zum Wohl des Menschen offenbart.3

 

II.
DIE GRUNDAUSSAGEN
DER BIBLISCHEN ANTHROPOLOGIE

5. Eine erste Reihe biblischer Texte, die es zu untersuchen gilt, sind die ersten drei Kapitel der Genesis. Sie führen uns »in den Bereich jenes biblischen ”Anfangs“, wo die über den Menschen als ”Abbild und Gleichnis Gottes“ offenbarte Wahrheit die unveränderliche Grundlage der gesamten christlichen Anthropologie darstellt«.4

Der erste Text (Gen 1,1-2,4) beschreibt die Schöpfermacht des Wortes Gottes, die bewirkt, dass im ursprünglichen Chaos das eine vom anderen geschieden wird. So erscheinen Licht und Finsternis, Meer und Land, Tag und Nacht, Pflanzen und Bäume, Fische und Vögel, alle »nach ihrer Art«. Ausgehend von Verschiedenheiten, die zugleich neue Beziehungen verheißen, entsteht eine geordnete Welt. Dies ist der allgemeine Rahmen, in den die Erschaffung des Menschen eingeordnet ist. »Dann sprach Gott: Lasst uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich… Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie« (Gen 1,26-27). Der Mensch wird hier als ein Wesen beschrieben, das sich von seinem ersten Anfang an in der Beziehung von Mann und Frau artikuliert. Dieser geschlechtlich differenzierte Mensch wird ausdrücklich »Abbild Gottes« genannt.

6. Der zweite Schöpfungsbericht (Gen 2,4-25) bekräftigt in unzweideutiger Weise die Wichtigkeit der geschlechtlichen Verschiedenheit. Einmal von Gott geformt und in den Garten gesetzt, um ihn zu bebauen, macht jener, der noch mit dem allgemeinen Ausdruck Mensch beschrieben wird, die Erfahrung einer Einsamkeit, die von den anwesenden Tieren nicht ausgefüllt werden kann. Er braucht eine Hilfe, die ihm entspricht. Dieser Ausdruck bezeichnet hier nicht eine untergeordnete Rolle, sondern eine vitale Hilfe.5 Das Ziel besteht darin, es möglich zu machen, dass das Leben des Menschen nicht in einer fruchtlosen und am Ende tödlichen Beschäftigung nur mit sich selbst versinkt. Es ist notwendig, dass er mit einem anderen, auf seiner Ebene lebenden Wesen in Beziehung tritt. Nur die Frau, die aus demselben «Fleisch» geschaffen und von demselben Mysterium umhüllt ist, gibt dem Leben des Mannes eine Zukunft. Die Erschaffung der Frau durch Gott charakterisiert den Menschen auf seinsmäßiger Ebene als Wesen in Beziehung. In dieser Begegnung fällt auch das Wort, das den Mund des Mannes zum ersten Mal in einem Ausdruck des Staunens öffnet: »Das endlich ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch« (Gen2,23).

Der Heilige Vater hat mit Bezug auf diesen Text der Genesis geschrieben: »Die Frau ist ein anderes ”Ich“ im gemeinsamen Menschsein. Von Anfang an erscheinen sie [Mann und Frau] als ”Einheit von zweien“, und das bedeutet die Überwindung der ursprünglichen Einsamkeit, in welcher der Mensch ”keine Hilfe fand, die ihm entsprach“ (Gen 2,20). Handelt es sich hier nur um die ”Hilfe“ bei der Arbeit, beim ”Unterwerfen der Erde“ (vgl. Gen 1,28)? Mit Sicherheit handelt es sich um die Lebensgefährtin, mit der sich der Mann als mit seiner Frau verbinden kann, so dass er ”ein Fleisch“ mit ihr wird und deshalb ”Vater und Mutter verlässt“ (vgl. Gen 2,24)«.6

Die vitale Verschiedenheit ist auf die Gemeinschaft ausgerichtet und wird in friedlicher Weise gelebt, wie es im Thema des Nacktseins zum Ausdruck kommt. »Beide, Adam und Eva, waren nackt, aber sie schämten sich nicht voreinander« (Gen 2,25). Der menschliche Leib, der vom Siegel der Männlichkeit bzw. der Weiblichkeit geprägt ist, »umfasst von ”Anfang“ an auch die Eigenschaft des ”Bräutlichen“, das heißt die Fähigkeit, der Liebe Ausdruck zu geben: jener Liebe, in welcher der Mensch als Person Geschenk wird und — durch dieses Geschenk — den eigentlichen Sinn seines Seins und seiner Existenz verwirklicht«.7 In der weiteren Auslegung dieser Verse der Genesis fährt der Heilige Vater fort: »In dieser seiner Besonderheit ist der Leib Ausdruck des Geistes und dazu gerufen, gerade im Mysterium der Schöpfung in der Gemeinschaft der Personen ”das Ebenbild Gottes“ zu sein«.8

In der gleichen bräutlichen Perspektive versteht man, in welchem Sinn der alte Bericht der Genesis erkennen lässt, wie die Frau in ihrem tiefsten und ursprünglichsten Sein »für den anderen« (vgl. 1 Kor 11,9) da ist. Diese Aussage will in keiner Weise eine Entfremdung heraufbeschwören. Sie bringt vielmehr einen grundlegenden Aspekt der Ähnlichkeit mit der heiligen Dreifaltigkeit zum Ausdruck, deren Personen sich durch das Kommen Christi als Gemeinschaft der gegenseitigen Liebe offenbaren. »In der ”Einheit der zwei“ sind Mann und Frau von Anfang an gerufen, nicht nur ”nebeneinander“ oder ”miteinander“, sondern auch einer für den anderen zu leben… Der Text von Gen 2,18-25 weist darauf hin, dass die Ehe die erste und gewissermaßen grundlegende Dimension dieser Berufung ist. Allerdings nicht die einzige. Die gesamte Geschichte des Menschen auf Erden vollzieht sich im Rahmen dieser Berufung. Aufgrund des Prinzips, dass in der interpersonalen ”Gemeinschaft“ einer ”für“ den anderen da ist, entwickelt sich in dieser Geschichte die Integration dessen, was ”männlich“ und was ”weiblich“ ist, in das von Gott gewollte Menschsein«.9

Die friedliche Schau am Ende des zweiten Schöpfungsberichts ist ein Echo jenes »sehr gut«, das im ersten Bericht die Erschaffung des ersten Menschenpaares abgeschlossen hat. Hier ist die Herzmitte des ursprünglichen Planes Gottes und der tiefsten Wahrheit über Mann und Frau, so wie Gott sie gewollt und geschaffen hat. Diese ursprünglichen Verfügungen des Schöpfers, wie sehr sie auch durch die Sünde entstellt und verdunkelt sind, können niemals zunichte gemacht werden.

7. Die Erbsünde verfälscht die Art, in welcher der Mann und die Frau das Wort Gottes aufnehmen und leben, sowie ihre Beziehung zum Schöpfer. Sofort nachdem Gott dem Menschen den Garten anvertraut hat, gibt er ihm ein positives (vgl. Gen 2,16) und dann ein negatives Gebot (vgl. Gen 2,17), in dem implizit die wesentliche Verschiedenheit zwischen Gott und Mensch ausgesagt wird. Verführt durch die Schlange, wird diese Verschiedenheit vom Mann und von der Frau bestritten. Als Folge davon wird auch die Art verzerrt, in der sie ihre geschlechtliche Verschiedenheit leben. Der Bericht der Genesis stellt so eine Beziehung von Ursache und Wirkung zwischen den beiden Verschiedenheiten her: Wenn der Mensch Gott als seinen Feind betrachtet, wird auch die Beziehung von Mann und Frau verdorben. Andererseits droht der Zugang zum Antlitz Gottes gefährdet zu werden, wenn die Beziehung von Mann und Frau entstellt wird.

In den Worten, die Gott nach dem Sündenfall an die Frau richtet, kommt in knapper, aber erschütternder Weise zum Ausdruck, welches Gepräge die Beziehungen zwischen Mann und Frau nun haben werden: »Du hast Verlangen nach deinem Mann; er aber wird über dich herrschen« (Gen 3,16). Häufig wird die Liebe durch die bloße Suche nach dem eigenen Ich entstellt, so dass eine Beziehung entsteht, in der die Liebe missachtet und getötet und durch das Joch der Herrschaft des einen Geschlechts über das andere ersetzt wird. Die Geschichte der Menschheit gibt diese Verhältnisse wieder, in denen sich offen die dreifache Begierde ausdrückt, an die der heilige Johannes erinnert, wenn er von der Begierde des Fleisches, der Begierde der Augen und der Hoffart der Welt spricht (vgl. 1 Joh 2,16). In dieser tragischen Situation gehen jene Gleichheit, Achtung und Liebe verloren, die für die Beziehung von Mann und Frau nach dem ursprünglichen Plan Gottes erforderlich sind.

8. Eine Durchsicht dieser grundlegenden Texte macht es möglich, einige Kernaussagen der biblischen Anthropologie zu bekräftigen.

Vor allem muss der personale Charakter des Menschen unterstrichen werden. »Der Mensch ist eine Person: das gilt in gleichem Maße für den Mann und für die Frau; denn beide sind nach dem Bild und Gleichnis des personhaften Gottes geschaffen«.10 Die gleiche Würde der Personen verwirklicht sich als physische, psychologische und ontologische Komplementarität, die eine auf Beziehung angelegte harmonische »Einheit in der Zweiheit« schafft. Nur die Sünde und die in der Kultur eingeschriebenen »Strukturen der Sünde« haben aus dieser Beziehung eine potentielle Konfliktsituation gemacht. Die biblische Anthropologie legt nahe, die Probleme im Zusammenhang mit der Verschiedenheit des Geschlechts auf öffentlicher und privater Ebene in einer Weise anzugehen, die von der gegenseitigen Beziehung und nicht von Konkurrenz oder Rache ausgeht.

Darüber hinaus ist zu unterstreichen, wie wichtig und sinnvoll die Verschiedenheit der Geschlechter als eine dem Mann und der Frau tief eingeschriebene Wirklichkeit ist. »Die Geschlechtlichkeit kennzeichnet Mann und Frau nicht nur auf der physischen, sondern auch auf der psychologischen und geistigen Ebene und prägt alle ihre Ausdrucksweisen«.11 Sie kann nicht auf einen unbedeutenden biologischen Aspekt reduziert werden, sondern »ist eine grundlegende Komponente der Persönlichkeit; sie ist eine ihrer Weisen zu sein, sich zu äußern, mit den anderen in Kontakt zu treten und die menschliche Liebe zu empfinden, auszudrücken und zu leben«.12 Diese Fähigkeit zu lieben, Abglanz und Bild Gottes, der die Liebe ist, äußert sich auch im bräutlichen Charakter des Leibes, in dem die Männlichkeit bzw. die Weiblichkeit der Person eingeschrieben ist.

Diese anthropologische Dimension der Geschlechtlichkeit kann nicht von der theologischen Dimension getrennt werden. Das menschliche Geschöpf in seiner Einheit von Seele und Leib ist von Anfang an durch die Beziehung zum anderen gekennzeichnet. Diese Beziehung ist immer gut und zugleich entstellt. Sie ist gut, von einer ursprünglichen Güte, die Gott vom ersten Augenblick der Schöpfung an kundgetan hat. Sie ist aber auch entstellt durch die Disharmonie zwischen Gott und Mensch, die mit der Sünde gekommen ist. Diese Verfälschung entspricht jedoch weder dem anfänglichen Plan Gottes über Mann und Frau noch der Wahrheit der Beziehung zwischen den Geschlechtern. Daraus ergibt sich, dass diese gute, aber verwundete Beziehung der Heilung bedarf.

Welche Wege der Heilung kann es geben? Würden die Probleme im Zusammenhang mit der Beziehung zwischen den Geschlechtern nur ausgehend von der durch die Sünde geprägten Situation betrachtet und analysiert, fiele das Denken notwendigerweise in die oben erwähnten Irrtümer zurück. Man muss deshalb die Logik der Sünde durchbrechen und einen Weg suchen, der es möglich macht, diese Logik aus dem Herzen des sündigen Menschen zu beseitigen. Einen klaren Hinweis in diesem Sinn enthält die göttliche Verheißung eines Retters, in welche die »Frau« und ihr »Nachwuchs« einbezogen sind (vgl. Gen 3,15). Diese Verheißung kennt vor ihrer Verwirklichung eine lange Vorbereitung in der Geschichte.

9. Ein erster Sieg über das Böse wird in der Geschichte des Noach geschildert, einem gerechten Mann, der von Gott geführt wird und mit seiner Familie und den verschiedenen Tierarten der Sintflut entkommt (vgl. Gen 6-9). Aber vor allem durch die göttliche Erwählung Abrahams und seiner Nachkommen (vgl. Gen 12,1ff.) wird die Hoffnung auf Heil bekräftigt. So beginnt Gott, sein Antlitz zu enthüllen, damit die Menschheit durch das auserwählte Volk den Weg der Ähnlichkeit mit ihm lerne: den Weg der Heiligkeit und damit der Verwandlung des Herzens. Unter den vielen Weisen, in denen sich Gott — gemäß einer langen und geduldigen Pädagogik — seinem Volk offenbart (vgl. Hebr 1,1), findet sich auch der regelmäßig wiederkehrende Hinweis auf das Thema des Bundes von Mann und Frau. Dies ist paradox, wenn man das Drama, an das die Genesis erinnert und das sich zur Zeit der Propheten auf sehr konkrete Weise wiederholt hat, sowie die Vermischung zwischen Sakralem und Sexualität in den Religionen rund um Israel in Betracht zieht. Dieser Symbolismus scheint aber unerlässlich, um die Weise zu verstehen, in der Gott sein Volk liebt: Er gibt sich als Bräutigam zu erkennen, der Israel, seine Braut, liebt.

Wenn Gott in dieser Beziehung als »eifersüchtiger Gott« (vgl. Ex 20,5; Nah 1,2) beschrieben und Israel als »ehebrecherische« Frau oder als »Dirne« (vgl. Hos 2,4-15; Ez 16,15-34) angeklagt wird, hat dies seinen Grund gerade in der durch das Prophetenwort bekräftigten Hoffnung, das neue Jerusalem als die vollkommen gewordene Braut zu sehen: »Wie der junge Mann sich mit der Jungfrau vermählt, so vermählt sich mit dir dein Erbauer. Wie der Bräutigam sich freut über die Braut, so freut sich dein Gott über dich« (Jes 62,5). Neu geschaffen in »Gerechtigkeit und Recht«, in »Liebe und Erbarmen« (Hos 2,21), wird jene, die sich abgewandt hat, um Leben und Glück bei falschen Göttern zu suchen, zu dem zurückkehren, der zu ihrem Herzen spricht. Sie wird singen »wie in den Tagen ihrer Jugend« (Hos 2,17), und sie wird hören, wie er verkündet: »Dein Schöpfer ist dein Gemahl« (Jes54,5). Hier kommt im Wesentlichen dasselbe zum Ausdruck wie an den Stellen, an denen das Buch Jesaja parallel zum Mysterium des Werkes, das Gott durch die männliche Gestalt des leidenden Knechts vollbringt, die weibliche Gestalt von Zion erwähnt, die geschmückt ist mit einer Transzendenz und Heiligkeit, die das Geschenk des für Israel bestimmten Heils ankündigen.

Im Gebrauch dieser Weise der Offenbarung ist das Hohelied zweifellos von herausragender Bedeutung. In den Worten einer ganz und gar menschlichen Liebe, welche die Schönheit der Leiber und das Glück der gegenseitigen Suche besingt, kommt auch die göttliche Liebe für sein Volk zum Ausdruck. Die Kirche ist deshalb nicht in die Irre gegangen, wenn sie in der kühnen Verbindung des ganz und gar Menschlichen mit dem ganz und gar Göttlichen durch die Verwendung derselben Ausdrücke das Mysterium ihrer Beziehung zu Christus erkannt hat.

Das ganze Alte Testament hindurch nimmt eine Heilsgeschichte Gestalt an, bei der sowohl männliche als auch weibliche Gestalten mitwirken. Die Begriffe von Bräutigam und Braut oder auch von Bund, durch die sich die Dynamik des Heils auszeichnet, haben gewiss eine offenkundig bildliche Dimension, sind aber doch viel mehr als bloße Metaphern. Das hochzeitliche Vokabular berührt nämlich das Wesen der Beziehung, die Gott mit seinem Volk aufbaut, auch wenn diese Beziehung über das hinausgeht, was mit der menschlichen Erfahrung der Hochzeit zum Ausdruck gebracht werden kann. Zugleich sind in der Art, in der etwa die Weissagungen des Jesaja männliche und weibliche Rollen bei der Ankündigung und Verheißung des Heilswerkes durch Gott miteinander verknüpfen, die konkreten Bedingungen der Erlösung im Spiel. Dieses Heil weist den Leser sowohl auf die männliche Gestalt des leidenden Knechts als auch auf die weibliche Gestalt von Zion hin. In den Weissagungen des Jesaja wechseln die Gestalt von Zion und jene des Gottesknechts einander ab, bevor sie am Ende des Buches in der geheimnisvollen Schau der Stadt Jerusalem gipfeln, die ein Volk an einem einzigen Tag gebiert (vgl. Jes 66,7-14): Prophetie der großen Neuheit, die Gott dabei ist zu verwirklichen (vgl. Jes 48,6-8).

10. Im Neuen Testament gehen alle diese Verheißungen in Erfüllung. Auf der einen Seite umfasst und verwandelt Maria, die auserwählte Tochter Zions, als Frau das Brautsein des Volkes Israel, das auf den Tag seines Heils wartet. Auf der anderen Seite kann man im Mannsein des Sohnes erkennen, wie Jesus in seiner Person all das aufnimmt, was der alttestamentliche Symbolismus auf die Liebe Gottes zu seinem Volk angewandt hatte, die als die Liebe eines Bräutigams zu seiner Braut beschrieben wird. Jesus und Maria, seine Mutter, sichern so nicht nur die Kontinuität des Alten Testaments mit dem Neuen, sondern ragen darüber hinaus, weil mit Jesus Christus »die ganze Neuheit«13 sichtbar wird, wie der heilige Irenäus sagt.

Dieser Aspekt wird besonders durch das Johannesevangelium herausgestrichen. Bei der Hochzeit in Kana zum Beispiel wird Jesus von seiner Mutter — die »Frau« genannt wird — gebeten, für das Zeichen des neuen Weines der zukünftigen Hochzeit mit der Menschheit zu sorgen (vgl. Joh 2,1-12). Diese messianische Hochzeit verwirklicht sich unter dem Kreuz, wo — wieder in Gegenwart der Mutter, die als »Frau« angesprochen wird — aus dem geöffneten Herzen des Gekreuzigten das Blut/der Wein des Neuen Bundes strömt (vgl. Joh19,25-27.34).14 Es ist deshalb nicht überraschend, dass Johannes der Täufer auf die Frage, wer er sei, sich »Freund des Bräutigams« nennt, der sich freut, wenn er die Stimme des Bräutigams hört, und der bei seinem Kommen zurücktreten muss: »Wer die Braut hat, ist der Bräutigam; der Freund des Bräutigams aber, der dabei steht und ihn hört, freut sich über die Stimme des Bräutigams. Diese Freude ist nun für mich Wirklichkeit geworden. Er muss wachsen, ich aber muss kleiner werden« (Joh 3,29-30).15

In seinem apostolischen Wirken entfaltet Paulus den ganzen hochzeitlichen Sinn der Erlösung, wenn er das christliche Leben als hochzeitliches Mysterium begreift. Er schreibt an die von ihm gegründete Kirche von Korinth: »Ich liebe euch mit der Eifersucht Gottes; ich habe euch einem einzigen Mann verlobt, um euch als reine Jungfrau zu Christus zu führen« (2 Kor 11,2).

Im Brief an die Epheser wird die bräutliche Beziehung zwischen Christus und der Kirche aufgegriffen und ausführlich vertieft. Im Neuen Bund ist die geliebte Braut die Kirche. Im Brief an die Familien lehrt der Heilige Vater: »Diese Braut, von der der Epheserbrief spricht, vergegenwärtigt sich in jedem Getauften und ist wie eine Person, die vor dem Blick ihres Bräutigams erscheint: Er hat ”die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben… So will er die Kirche herrlich vor sich erscheinen lassen, ohne Flecken, Falten oder andere Fehler; heilig soll sie sein und makellos“ (Eph 5,25-27)«.16

Bei der Betrachtung der Vereinigung von Mann und Frau, wie sie im Zusammenhang mit der Erschaffung der Welt beschrieben wird (vgl. Gen 2,24), ruft der Apostel aus: »Dies ist ein tiefes Geheimnis; ich beziehe es auf Christus und die Kirche« (Eph 5,32). Die in der Kraft der Taufgnade gelebte Liebe von Mann und Frau wird nun zum Sakrament der Liebe Christi und der Kirche, zum Zeugnis für das Mysterium der Treue und der Einheit, aus dem die »neue Eva« geboren wird und von dem sie auf ihrem irdischen Pilgerweg lebt, während sie auf die Vollendung der ewigen Hochzeit wartet.

11. Die christlichen Eheleute, die in das Paschamysterium eingetaucht und zu lebendigen Zeichen der Liebe Christi und der Kirche gemacht wurden, sind in ihrem Herzen erneuert. Sie können die Beziehungen meiden, die von der Begierde und der Tendenz, den anderen zu beherrschen, geprägt sind, welche der Bruch mit Gott durch die Sünde im ersten Menschenpaar hinterlassen hatte. Die Güte der Liebe, nach der sich das verwundete menschliche Herz immerfort gesehnt hatte, offenbart sich durch sie mit neuen Akzenten und Möglichkeiten. In diesem Licht kann Jesus im Zusammenhang mit der Frage nach der Scheidung (vgl. Mt 19,3-9) an die Forderungen des Bundes zwischen Mann und Frau erinnern, wie Gott sie am Anfang stellte, also vor dem Einbruch der Sünde, der die nachfolgenden Anordnungen des mosaischen Gesetzes gerechtfertigt hatte. Dieses Wort Jesu will in keiner Weise eine starre, unbarmherzige Ordnung auferlegen, sondern ist in Wirklichkeit die Ankündigung einer »frohen Botschaft«, der Botschaft der Treue, die stärker ist als die Sünde. In der Kraft der Auferstehung ist der Sieg der Treue über die Schwächen, die erlittenen Verwundungen und die Sünden des Ehepaares möglich. In der Gnade Christi, der ihr Herz erneuert, werden Mann und Frau fähig, sich von der Sünde zu befreien und die Freude der gegenseitigen Hingabe zu erkennen.

12. »Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus als Gewand angelegt. Es gibt nicht mehr… Mann und Frau«, schreibt der heilige Paulus an die Galater (3,27-28). Der Apostel erklärt hier nicht, dass die Unterscheidung von Mann und Frau hinfällig ist, von der er an anderer Stelle sagt, dass sie zum Plan Gottes gehört. Er will vielmehr sagen, dass in Christus die Rivalität, die Feindschaft und die Gewalt, welche die Beziehung von Mann und Frau entstellt haben, überwunden werden können und überwunden wurden. In diesem Sinn wird die Unterscheidung von Mann und Frau mehr als je zuvor bekräftigt, welche die biblische Offenbarung übrigens bis zum Ende begleitet. In der letzten Stunde der gegenwärtigen Geschichte erscheinen in der Offenbarung des Johannes «ein neuer Himmel« und »eine neue Erde« (Offb 21,1), und es taucht in der Vision die weibliche Gestalt der Stadt Jerusalem auf, »bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat« (Offb 21,2). Die Offenbarung schließt mit dem Wort des Geistes und der Braut, die um das Kommen des Bräutigams beten: »Komm, Herr Jesus!« (Offb 22,20).

Mannsein und Frausein sind so als ontologisch zur Schöpfung gehörend offenbart und deshalb dazu bestimmt, über die gegenwärtige Zeit hinaus Bestand zu haben, natürlich in einer verwandelten Form. Auf diese Weise charakterisieren sie die Liebe, die niemals aufhört (vgl. 1 Kor 13,8), wenngleich die zeitliche, irdische Ausdrucksweise der Geschlechtlichkeit in ihrer Hinordnung auf die durch Zeugung und Tod geprägten Lebensbedingungen vergänglich ist. Für diese Form der zukünftigen Verwirklichung des Mann- und Frauseins will die Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen ein prophetisches Zeichen sein. Jene, die zölibatär leben, nehmen eine Wirklichkeit des Daseins vorweg, die jene eines Mannes bzw. einer Frau bleibt, aber nicht mehr den gegenwärtigen Begrenzungen der ehelichen Beziehung unterworfen sein wird (vgl. Mt 22,30). Für jene, die in der Ehe leben, ist dieser Stand zudem ein Hinweis und ein prophetisches Zeichen für die Vollendung, die ihre Beziehung in der Begegnung mit Gott von Angesicht zu Angesicht finden wird.

Mann und Frau sind von Beginn der Schöpfung an unterschieden und bleiben es in alle Ewigkeit. In das Paschamysterium Christi eingefügt, erfahren sie ihre Verschiedenheit nicht mehr als Ursache von Uneinigkeit, die durch Leugnung oder Einebnung überwunden werden müsste, sondern als Möglichkeit zur Zusammenarbeit, die in der gegenseitigen Achtung der Verschiedenheit zu verwirklichen ist. Von hier aus eröffnen sich neue Perspektiven für ein tieferes Verständnis der Würde der Frau und ihrer Rolle in der menschlichen Gesellschaft und in der Kirche.

 

III.
DIE AKTUALITÄT
DER FRAULICHEN WERTE
IM LEBEN DER GESELLSCHAFT

13. Unter den Grundwerten, die mit dem konkreten Leben der Frau verbunden sind, ist jener zu erwähnen, den man ihre »Fähigkeit für den anderen« genannt hat. Trotz der Tatsache, dass eine gewisse Strömung des Feminismus Ansprüche »für sie selber« einfordert, bewahrt die Frau doch die tiefgründige Intuition, dass das Beste ihres Lebens darin besteht, sich für das Wohl des anderen einzusetzen, für sein Wachstum, für seinen Schutz.

Diese Intuition ist mit ihrer physischen Fähigkeit verbunden, Leben zu schenken. Die gelebte oder potentielle Fähigkeit zur Mutterschaft ist eine Wirklichkeit, die die weibliche Persönlichkeit zutiefst prägt. Sie hilft ihr, sehr schnell Reife, Sinn für die Bedeutung des Lebens und die damit verbundene Verantwortung zu erlangen. Sie entfaltet in ihr den Sinn und die Ehrfurcht gegenüber dem Konkreten, das sich den Abstraktionen entgegenstellt, die für das Leben des Einzelnen und der Gesellschaft oft tödlich sind. Schließlich besitzt die Frau auch in den aussichtslosesten Situationen — Vergangenheit und Gegenwart sind dafür Zeugen — eine einzigartige Fähigkeit, in den Widerwärtigkeiten standzuhalten, in extremen Umständen das Leben noch möglich zu machen, einen festen Sinn für die Zukunft zu bewahren und durch Tränen an den Preis jedes Menschenlebens zu erinnern.

Auch wenn die Mutterschaft eine zentrale Bedeutung für die weibliche Identität hat, ist es aber nicht richtig, die Frau nur unter dem Aspekt der biologischen Fortpflanzung zu sehen. In dieser Hinsicht kann es schwerwiegende Übertreibungen geben, welche die biologische Fruchtbarkeit mit vitalistischen Ausdrücken verherrlichen und oft mit einer gefährlichen Abwertung der Frau verbunden sind. Die christliche Berufung zur Jungfräulichkeit, die gegenüber der alttestamentlichen Tradition und den Ansprüchen vieler menschlicher Gesellschaftssysteme eine echte Herausforderung ist, hat in dieser Hinsicht größte Bedeutung.17 Diese Berufung widerlegt radikal jeden Anspruch, die Frauen in ein bloß biologisches Schicksal einzuschließen. Wie die Jungfräulichkeit durch die leibliche Mutterschaft daran erinnert wird, dass zur christlichen Berufung immer die konkrete Selbsthingabe an den anderen gehört, so wird die leibliche Mutterschaft durch die Jungfräulichkeit an ihre wesentlich geistliche Dimension erinnert: Um dem anderen wirklich das Leben zu schenken, darf man sich nicht mit der physischen Zeugung begnügen. Dies bedeutet, dass es Formen der vollen Verwirklichung der Mutterschaft auch dort geben kann, wo keine physische Zeugung erfolgt.18

In dieser Perspektive wird die unersetzliche Rolle der Frau in allen Bereichen des familiären und gesellschaftlichen Lebens verständlich, bei denen es um die menschlichen Beziehungen und die Sorge um den anderen geht. Hier zeigt sich deutlich, was der Heilige Vater den Genius der Frau genannt hat.19 Dies beinhaltet vor allem, dass die Frauen aktiv und auch fest in der Familie, »der anfänglichen und in gewissem Sinn ”souveränen“ Gesellschaft«,20gegenwärtig sein sollen. Besonders hier wird nämlich das Antlitz eines Volkes geformt, hier eignen sich seine Glieder die grundlegenden Kenntnisse an. Sie lernen lieben, weil sie selber umsonst geliebt werden; sie lernen jede andere Person achten, weil sie selber geachtet werden; sie lernen das Antlitz Gottes kennen, weil sie dessen erste Offenbarung von einem Vater und einer Mutter erhalten, die ihnen ihre ganze Zuwendung schenken. Jedes Mal, wenn diese Grunderfahrungen fehlen, wird der ganzen Gesellschaft Gewalt angetan und bringt die Gesellschaft dann ihrerseits vielfältige Formen der Gewalt hervor. Dies beinhaltet darüber hinaus, dass die Frauen in der Welt der Arbeit und des gesellschaftlichen Lebens gegenwärtig sein und zu verantwortungsvollen Stellen Zugang haben sollen, die ihnen die Möglichkeit bieten, die Politik der Völker zu inspirieren und neue Lösungen für die wirtschaftlichen und sozialen Probleme anzuregen.

Man darf aber in diesem Zusammenhang nicht vergessen, dass die Überschneidung von zwei Tätigkeiten — Familie und Arbeit — bei der Frau andere Merkmale annimmt als beim Mann. Deshalb stellt sich die Aufgabe, die Gesetzgebung und die Organisation der Arbeit mit den Anforderungen der Sendung der Frau innerhalb der Familie zu harmonisieren. Hier geht es nicht nur um eine rechtliche, wirtschaftliche und organisatorische Frage, sondern vor allem um eine Frage der Mentalität, der Kultur und der Achtung. Erforderlich ist eine gerechte Wertschätzung der Arbeit, welche die Frau in der Familie leistet. So könnten die Frauen, die es freiwillig wünschen, ihre ganze Zeit der häuslichen Arbeit widmen, ohne sozial gebrandmarkt und wirtschaftlich bestraft zu werden. Jene hingegen, die auch andere Tätigkeiten verrichten möchten, könnten dies in einem angepassten Arbeitsrhythmus tun, ohne vor die Alternative gestellt zu werden, ihr Familienleben aufzugeben oder einer ständigen Stresssituation ausgesetzt zu sein, die weder dem persönlichen Gleichgewicht noch der Harmonie in der Familie förderlich ist. Johannes Paul II. hat darüber geschrieben: »Es wird einer Gesellschaft zur Ehre gereichen, wenn sie es der Mutter ermöglicht, sich ohne Behinderung ihrer freien Entscheidung, ohne psychologische oder praktische Diskriminierung und ohne Benachteiligung gegenüber ihren Kolleginnen der Pflege und Erziehung ihrer Kinder je nach den verschiedenen Bedürfnissen ihres Alters zu widmen«.21

14. Es ist jedoch angebracht, daran zu erinnern, dass die eben erwähnten fraulichen Werte vor allem menschliche Werte sind: Die menschliche Verfassung, sowohl des Mannes als auch der Frau, die als Abbild Gottes erschaffen wurden, ist nämlich eine und unteilbar. Nur weil die Frauen spontaner mit den genannten Werten übereinstimmen, können sie ein Aufruf und ein bevorzugtes Zeichen für diese Werte sein. Letztlich ist aber jeder Mensch, ob Mann oder Frau, dazu bestimmt, »für den anderen« da zu sein. In dieser Perspektive ist das, was man »Fraulichkeit« nennt, mehr als ein bloßes Attribut des weiblichen Geschlechts. Der Ausdruck beschreibt nämlich die grundlegende Fähigkeit des Menschen, für den anderen und dank des anderen zu leben.

Deshalb muss die Förderung der Frau innerhalb der Gesellschaft als eine Vermenschlichung verstanden und gewollt werden, welche durch die dank der Frauen neu entdeckten Werte Wirklichkeit wird. Jede Perspektive, die sich als Kampf der Geschlechter ausgeben möchte, ist nur Illusion und Gefahr: Sie würde in Situationen der Abkapselung und der Rivalität zwischen Männern und Frauen enden und eine Ichbezogenheit fördern, die von einem falschen Freiheitsverständnis genährt wird.

Unbeschadet der Bemühungen zur Förderung der Rechte, welche die Frauen in der Gesellschaft und in der Familie anstreben, wollen diese Anmerkungen eine Perspektive korrigieren, in der die Männer als Feinde betrachtet werden, die zu besiegen wären. Die Beziehung zwischen Mann und Frau kann ihre gerechte Ordnung nicht in einer Art misstrauischer, defensiver Gegnerschaft finden. Es ist notwendig, dass diese Beziehung im Frieden und im Glück der ungeteilten Liebe gelebt wird.

Auf einer mehr konkreten Ebene müssen die sozialpolitischen Maßnahmen — bezüglich der Erziehung, der Familie, der Arbeit, dem Zugang zu Dienstleistungen, der Mitwirkung am bürgerlichen Leben — auf der einen Seite jegliche ungerechte geschlechtliche Diskriminierung bekämpfen und auf der anderen Seite die Bestrebungen und Bedürfnisse eines jeden wahrzunehmen und zu erkennen wissen. Die Verteidigung und die Förderung der gleichen Würde und der gemeinsamen persönlichen Werte müssen mit der sorgsamen Anerkennung der gegenseitigen Verschiedenheit harmonisiert werden, wo dies von der Verwirklichung des eigenen Mann- oder Frauseins gefordert wird.

 

IV.
DIE AKTUALITÄT
DER FRAULICHEN WERTE
IM LEBEN DER KIRCHE

15. Was die Kirche betrifft, ist das Zeichen der Frau mehr denn je zentral und fruchtbar. Dies hängt mit der Identität zusammen, welche die Kirche von Gott erhalten und im Glauben angenommen hat. Diese »mystische«, grundlegende, seinshafte Identität muss man beim Nachdenken über die entsprechenden Rollen des Mannes und der Frau in der Kirche gegenwärtig halten.

Seit den ersten christlichen Generationen betrachtet sich die Kirche als Gemeinschaft, die von Christus gezeugt wurde und durch eine Beziehung der Liebe an ihn gebunden bleibt, deren vorzüglichster Ausdruck die hochzeitliche Erfahrung ist. Daraus ergibt sich, dass die erste Aufgabe der Kirche darin besteht, in der Gegenwart dieses Mysteriums der Liebe Gottes zu bleiben, das in Jesus Christus offenbar wurde, es zu betrachten und zu feiern. In dieser Hinsicht ist Maria in der Kirche der grundlegende Bezugspunkt. Man könnte mit einer Metapher sagen, dass Maria der Kirche den Spiegel reicht, in dem sie ihre eigene Identität erkennen soll, aber auch die Einstellungen des Herzens, die Haltungen und die Taten, die Gott von ihr erwartet.

Marias Dasein ist für die Kirche eine Einladung, ihr Sein im Hören und Aufnehmen des Wortes Gottes zu verankern. Der Glaube ist nämlich nicht so sehr die Suche des Menschen nach Gott, sondern vielmehr die Anerkennung des Menschen, dass Gott zu ihm kommt, ihn heimsucht und zu ihm spricht. Dieser Glaube, gemäß dem »für Gott nichts unmöglich ist« (vgl. Gen 18,14; Lk 1,37), lebt und wächst im demütigen, liebenden Gehorsam, mit dem die Kirche zum Vater sagen kann: »Mir geschehe, wie du es gesagt hast« (Lk 1,38). Der Glaube weist immerfort auf Jesus hin: »Was er euch sagt, das tut!« (Joh 2,5). Der Glaube geht mit Jesus den Weg bis unter das Kreuz. In der Stunde der tiefsten Finsternis harrt Maria mutig und getreu aus, weil sie mit einzigartiger Gewissheit auf das Wort Gottes vertraut.

Von Maria lernt die Kirche die Vertrautheit mit Christus. Maria, die das kleine Kind von Betlehem in ihren Händen getragen hat, lehrt die unendliche Demut Gottes erkennen. Sie, die den gemarterten, vom Kreuz abgenommenen Leib Jesu in ihre Arme genommen hat, zeigt der Kirche, wie sie sich aller Menschen annehmen soll, die in dieser Welt durch Gewalt und Sünde entstellt sind. Von Maria lernt die Kirche die Bedeutung der Macht der Liebe, wie Gott sie im Leben seines vielgeliebten Sohnes zeigt und offenbart: »Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind… und erhöht die Niedrigen« (Lk 1,51-52). Von Maria empfangen die Jünger Christi den Sinn und den Geschmack für den Lobpreis vor dem Werk der Hände Gottes: »Der Mächtige hat Großes an mir getan« (Lk1,49). Sie lernen, dass sie in der Welt sind, um das Andenken an diese »Großtaten« zu bewahren und den Tag des Herrn wachsam zu erwarten.

16. Auf Maria schauen und sie nachahmen, bedeutet aber nicht, die Kirche einer Passivität preiszugeben, die von einer überwundenen Auffassung der Weiblichkeit inspiriert ist, und sie einer Verwundbarkeit auszusetzen, die gefährlich ist in einer Welt, in der vor allem die Herrschaft und die Macht zählen. Der Weg Christi ist nämlich weder der Weg der Herrschaft (vgl. Phil 2,6) noch der Weg der Macht im weltlichen Sinn (vgl. Joh 18,36). Vom Sohn Gottes kann man lernen, dass diese »Passivität« in Wirklichkeit der Weg der Liebe ist, dass sie eine königliche Macht darstellt, die jede Gewalt besiegt, dass sie »Passion« ist, welche die Welt von Sünde und Tod erlöst und die Menschheit neu schafft. Der Gekreuzigte, der den Apostel Johannes seiner Mutter anvertraut, lädt seine Kirche ein, von Maria das Geheimnis jener Liebe zu lernen, die triumphiert.

Der Hinweis auf Maria und ihre Haltungen des Hörens, des Aufnehmens, der Demut, der Treue, des Lobpreises und der Erwartung verleiht der Kirche in keiner Weise eine Identität, die in einem zufälligen Modell der Weiblichkeit gründet, sondern stellt sie in die Kontinuität mit der geistlichen Geschichte Israels. In Jesus und durch Jesus werden diese Haltungen zur Berufung eines jeden Getauften. Unabhängig von den Verhältnissen, den Lebensständen, den verschiedenen Berufungen — mit oder ohne öffentliche Verantwortung — machen die genannten Haltungen einen wesentlichen Aspekt der Identität des christlichen Lebens aus. Auch wenn es sich dabei um Einstellungen handelt, die jeden Getauften prägen sollten, zeichnet sich die Frau dadurch aus, dass sie diese Haltungen mit besonderer Intensität und Natürlichkeit lebt. So erfüllen die Frauen eine Rolle von größter Wichtigkeit im kirchlichen Leben. Sie rufen allen Getauften diese Haltungen in Erinnerung und tragen auf einzigartige Weise dazu bei, das wahre Antlitz der Kirche, der Braut Christi und der Mutter der Gläubigen, zu offenbaren.

In dieser Perspektive wird auch verständlich, wie die Tatsache, dass die Priesterweihe ausschließlich Männern vorbehalten ist,22 die Frauen in keiner Weise daran hindert, zur Herzmitte des christlichen Lebens zu gelangen. Die Frauen sind berufen, unersetzliche Vorbilder und Zeugen dafür zu sein, wie die Kirche als Braut mit Liebe auf die Liebe des Bräutigams antworten muss.

 

SCHLUSS

17. In Jesus Christus ist alles neu gemacht worden (vgl. Offb 21,5). Es gibt aber keine Erneuerung in der Gnade ohne die Bekehrung der Herzen. Im Blick auf Jesus und im Bekenntnis, dass er der Herr ist, geht es darum, den Weg der Liebe zu erkennen, der die Sünde besiegt und den er seinen Jüngern weist.

So wird die Beziehung des Mannes zur Frau umgestaltet und die dreifache Begierde, von der der erste Johannesbrief spricht (vgl. 1 Joh 2,16), hat nicht mehr die Oberhand. Man muss das Zeugnis annehmen, das vom Leben der Frauen ausgeht und Werte offenbart, ohne die sich die Menschheit in Selbstgenügsamkeit, in Machtträumen und im Drama der Gewalt einsperren würde. Auch die Frau muss sich bekehren lassen und die einzigartigen, in der Liebe zum anderen so wirksamen Werte anerkennen, deren Trägerin sie als Frau ist. In beiden Fällen handelt es sich um die Bekehrung des Menschen zu Gott, so dass sowohl der Mann als auch die Frau Gott in Wahrheit anerkennen als ihre »Hilfe«, als Schöpfer, der voll Erbarmen ist, als Erlöser, der »die Welt so sehr geliebt hat, dass er seinen einzigen Sohn hingab« (Joh 3,16).

Eine solche Bekehrung kann es nicht ohne demütiges Gebet geben, um von Gott jenen klaren Blick zu erhalten, der sowohl die eigene Sünde als auch die heilende Gnade erkennt. In besonderer Weise muss man die Jungfrau Maria anrufen, die Frau nach dem Herzen Gottes, »gesegnet mehr als alle anderen Frauen« (vgl. Lk 1,42) und dazu auserwählt, den Menschen, Männern und Frauen, den Weg der Liebe zu offenbaren. Nur so kann in jedem Mann und in jeder Frau, nach der je eigenen Gnade, das »Abbild Gottes« sichtbar werden, jenes heilige Bild, mit dem sie ausgezeichnet sind (vgl. Gen 1,27). Nur so kann die Straße des Friedens und des Staunens wiedergefunden werden, welche die biblische Tradition in den Versen des Hohenliedes bezeugt, in denen die Leiber und die Herzen in denselben Jubel ausbrechen.

Die Kirche weiß um die Macht der Sünde, die in den Einzelnen und in den Gesellschaftssystemen am Werk ist und manchmal dazu führen könnte, die Hoffnung auf das Gutsein von Mann und Frau zu verlieren. Aber auf Grund ihres Glaubens an den gekreuzigten und auferstandenen Christus weiß sie noch mehr um die Kraft der Vergebung und der Hingabe trotz aller Wunden und Ungerechtigkeiten. Der Friede und das Staunen, auf die sie die Männer und Frauen von heute mit Vertrauen hinweist, sind der Friede und das Staunen, die im Garten der Auferstehung unsere Welt und die ganze Geschichte erleuchtet haben mit der Offenbarung: »Gott ist die Liebe« (1 Joh 4,8.16).

Papst Johannes Paul II. hat das vorliegende Schreiben, das in der Ordentlichen Versammlung dieser Kongregation beschlossen worden war, in der dem unterzeichneten Kardinalpräfekten gewährten Audienz approbiert und seine Veröffentlichung angeordnet.

Rom, am Sitz der Kongregation für die Glaubenslehre, am 31. Mai 2004, dem Fest Mariä Heimsuchung.

+ Joseph Card. Ratzinger
Präfekt

+ Angelo Amato, SDB
Titularerzbischof von Sila
Sekretär


1Vgl. Johannes Paul II., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Familiaris consortio (22. November 1981): AAS 74 (1982) 81-191; Apostolisches Schreiben Mulieris dignitatem (15. August 1988): AAS 80 (1988) 1653-1729; Brief an die Familien (2. Februar 1994): AAS 86 (1994) 868-925; Brief an die Frauen (29. Juni 1995): AAS 87 (1995) 803-812; Katechesen über die menschliche Liebe (1979-1984): Insegnamenti II (1979) – VII (1984); Kongregation für das Katholische Bildungswesen, Orientierung zur Erziehung in der menschlichen Liebe. Hinweise zur geschlechtlichen Erziehung (1. November 1983): Ench. Vat. 9, 420-456; Päpstlicher Rat für die Familie, Menschliche Sexualität: Wahrheit und Bedeutung. Orientierungshilfen für die Erziehung in der Familie (8. Dezember 1995): Ench. Vat. 14, 2008-2077.

2Zur komplexen Frage des Gender vgl. auch Päpstlicher Rat für die Familie, Familie, Ehe und »de-facto« Lebensgemeinschaften (26. Juli 2000), 8: L’Osservatore Romano.Wochenausgabe in deutscher Sprache (22.Dezember 2000), 8.

3 Vgl. Johannes Paul II., Enzyklika Fides et ratio (14. September 1998), 21: AAS 91 (1999) 22: »Diese Öffnung für das Geheimnis, die ihm [dem biblischen Menschen] von der Offenbarung zukam, war schließlich für ihn die Quelle einer wahren Erkenntnis, die seiner Vernunft das Eintauchen in die Räume des Unendlichen erlaubte, wodurch er bis dahin unverhoffte Verständnismöglichkeiten erhielt«.

4Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Mulieris dignitatem (15. August 1988), 6: AAS80 (1988) 1662; vgl. hl. Irenäus, Adversus haereses, 5, 6, 1; 5, 16, 2-3: SC 153, 72-81; 216-221; hl. Gregor von Nyssa, De hominis opificio, 16: PG 44, 180; In Canticum homilia, 2: PG44, 805-808; hl. Augustinus, Enarratio in Psalmum, 4, 8: CCL 38,17.

5Das hebräische Wort ezer, das mit Hilfe übersetzt wird, bezeichnet eine Hilfeleistung, die nur eine Person einer anderen Person gewährt. Der Ausdruck hat in keiner Weise den Beigeschmack des Minderwertigen oder Zweckdienlichen, wenn man bedenkt, dass auch Gott in seinem Verhältnis zum Menschen manchmal ezer genannt wird (vgl. Ex 18,4; Ps10,14).

6 Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Mulieris dignitatem (15. August 1988), 6: AAS80 (1988) 1664.

7 Johannes Paul II., Katechese Der Mensch als Person wird Geschenk in der Freiheit der Liebe (16. Januar 1980), 1: Insegnamenti III, 1 (1980) 148.

8Johannes Paul II., Katechese Die Begehrlichkeit des Leibes entstellt die Beziehungen zwischen Mann und Frau (23. Juli 1980), 1: Insegnamenti III, 2 (1980) 288.

9 Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Mulieris dignitatem (15. August 1988), 7: AAS80 (1988) 1666.

10Ebd., 6: a.a.O. 1663.11 Kongregation für das Katholische Bildungswesen, Orientierung zur Erziehung in der menschlichen Liebe. Hinweise zur geschlechtlichen Erziehung (1. November 1983), 4: Ench. Vat. 9, 423.

12Ebd.

13 Hl. Irenäus, Adversus haereses, 4, 34, 1: SC 100, 846: »Omnem novitatem attulit semetipsum afferens«.

14 Die alte exegetische Tradition sieht in Maria zu Kana die »figura Synagogae« und die »inchoatio Ecclesiae«.

15 Das vierte Evangelium vertieft hier ein Thema, das schon bei den Synoptikern zu finden ist (vgl. Mt 9,15 und Parallelstellen). Zum Thema Jesus, der Bräutigam, vgl. Johannes Paul II., Brief an die Familien (2. Februar 1994), 18: AAS 86 (1994) 906-910.

16Johannes Paul II., Brief an die Familien (2. Februar 1994), 19: AAS 86 (1994) 911; vgl. Apostolisches Schreiben Mulieris dignitatem (15. August 1988), 23-25: AAS 80 (1988) 1708-1715.

17Vgl. Johannes Paul II., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Familiaris consortio (22. November 1981), 16: AAS 74 (1982) 98-99.

18Ebd., 41: a.a.O. 132-133; Kongregation für die Glaubenslehre, Instruktion Donum vitae(22. Februar 1987), II, 8: AAS 80 (1988) 96-97.

19Vgl. Johannes Paul II., Brief an die Frauen (29. Juni 1995), 9-10: AAS 87 (1995) 809-810.

20Johannes Paul II., Brief an die Familien (2. Februar 1994), 17: AAS 86 (1994) 906.

21Enzyklika Laborem exercens (14. September 1981), 19: AAS 73 (1981) 627.

22Vgl. Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Ordinatio sacerdotalis (22. Mai 1994):AAS 86 (1994) 545-548; Kongregation für die Glaubenslehre, Antwort auf den Zweifel bezüglich der im Apostolischen Schreiben »Ordinatio sacerdotalis« vorgelegten Lehre (28. Oktober 1995): AAS 87 (1995) 1114.     

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Quelle