Der Vatikan, historisch: Besuch im Archiv der Glaubenskongregation

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P. Cifres im Archiv – RV

Vor 50 Jahren schaffte der Vatikan den Index ab. Das Verzeichnis verbotener Bücher hatte 400 Jahre lang die Katholiken vor nicht glaubenskonformer Lektüre gewarnt und das Lesen solcher Schriften unter Strafe gestellt. Eine Gängelung braver Katholiken? Aus heutiger Sicht wohl: ja. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Gudrun Sailer besuchte das Archiv der Glaubenskongregation.

Mächtige stachelbewehrte Eisenportale schirmen das Gebäude der Heiligen Inquisition von der Außenwelt ab. Wer in früheren Jahrhunderten, einer Vorladung folgend, hier ins sogenannte Heilige Offizium kam, muss sich eher unbehaglich  gefühlt haben. Heute heißen das Gebäude und die Institution Kongregation für die Glaubensdoktrin, und das eiserne Tor steht sperrangelweit offen, weil im Hof die Leute, die das dürfen, ihre Autos parken. Vorgeladen sind wir auch nicht, sondern eingeladen, ins Archiv, wo uns mit großer Herzlichkeit der spanische Diözesanpriester Alejandro Cifres Giménez empfängt. Er stammt aus Valencia, Jahrgang 1960, hat in Rom in Theologie promoviert, 1991 an der Glaubenskongregation angefangen und dann nebenbei eine Doppelausbildung zum Archivar durchlaufen, an der vatikanischen Archivarschule und am italienischen Staatsarchivs, woraufhin der damalige Präfekt der Glaubenskongregation Kardinal Joseph Ratzinger ihn zum Leiter des Archivs der Glaubenskongregation bestimmte. Mit einem Ziel: Das Archiv zu öffnen, was 1998 geschah.

„Unser historisches Archiv setzt sich aus drei Beständen zusammen“, erklärt Cifres in seinem wohlgeordneten Büro, hinter sich ein Gemälde von Papst Paul VI. Erstens: die Papiere des Heiligen Offizium, also der römischen Inquisition, zweitens: jene der Index-Kongregation, die den Index der verbotenen Bücher erstellte und 1917 ans Heilige Offiz wanderte, drittens die Dokumente der Inquisition von Siena, die, Glücksfall für die Forschung, komplett und ohne Verluste vom ersten bis zum letzten Prozess erhalten geblieben sind. Die meisten Forscher interessieren sich naturgemäß für die beiden größten Bestände: Inquisition und Index. Beide hängen eng zusammen.

„Die römische Inquisition wurde 1542 gegründet als Reaktion auf die lutheranische Kirchenspaltung in Italien. Die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern im Jahrhundert beförderte die Ausbreitung der Ideen und sorgte dafür, dass man sich am Heiligen Offizium schon in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts hauptsächlich mit neu herauskommenden Büchern beschäftigte. Und so wurde 1581 eine eigene Kongregation geschaffen, die Kongregation für den Index der verbotenen Bücher.“

Inquisition und Indexkongregation arbeiteten eng verzahnt mit dem Ziel, die Verbreitung von protestantischen Ideen zu kontrollieren, später auch alle anderen Formen möglicher Häresie. „Das muss man also lesen als Versuch der Kontrolle des gesamten Gedankenflusses, was, ehrlich gesagt, kein besonders glückliches Unterfangen war“, erklärt Cifres. Jedenfalls: „Die Index-Kongregation ist aus diesem Grund sehr reich an Dokumenten zur Geschichte des modernen Denkens. Denn die Prüfer des Papstes nahmen nicht nur Theologie-Bücher unter die Lupe, sondern auch Literatur und Wissenschaft, alles, was irgendwie als Risiko für die Einheit des Glaubens aufgefasst wurde.“

Mehr als 6.000 Titel standen auf dem letzten Index von 1948

Wer stand denn nun auf dem Index? Martin Luther, selbstverständlich, aber auch die „Kritik der reinen Vernunft“ von Immanuel Kant, „der Glöckner von Notre Dame“ von Victor Hugo, nachvollziehbarer Weise auch pornografische Werke wie jene von Giacomo Casanova und Marquis de Sade. Mehr als 6.000 Titel umfasste der Index verbotener Bücher in seiner letzten Fassung von 1948, bis 1962 wurde ergänzt. Dann kam das Aus: 1966 erklärte der Heilige Stuhl die Aufhebung des Index.

„Die Entscheidung wurde am Ende des Konzils getroffen. Und sie lag ganz auf der Linie dessen, was das Dikasterium in jener Zeit selbst als seine Aufgabe begriff. Die neue, konziliare Auffassung der Kirche war eine Kirche, die nicht länger streitet gegen die moderne Welt, sondern sich fruchtbar mit ihr auseinandersetzt. Zuhören, Dialog führen. und so hatte es keinen Sinn mehr, einem christlichen Volk, das sich als reif betrachtete, zu sagen, das darfst du nicht lesen. Der einzelne Glaubende ist frei, selbst zu urteilen. Denn es hat keinen Sinn, etwas an der Stelle zu unterdrücken, wo die Freiheit des Christen sich behaupten muss.“

Alejandro Cifres hat 14 Jahre lang an der Seite von Kardinal Ratzinger gearbeitet. Der Präfekt der Glaubenskongregation war die treibende Kraft hinter der Öffnung dieses Archivs für die Forschung. Während das vatikanische Geheimarchiv bereits seit 1881 Historikern offen stand, schien es lange Zeit undenkbar, auch die hochbrisanten Dokumente freizugeben, in denen in tausend schwierigen Wendungen heikle Glaubensdinge verhandelt wurden, Häresien, religiöse Tabubrüche aller Art, gefolgt von manchmal harten Urteilen. Dass schwarze Legenden aller Art über die Inhalte der hier verwahrten Papiere kursierten, wundert Cifres nicht.

„Wir reden vom Archiv der römischen Inquisition, einem Gerichtshof, der mit mehr oder weniger großer Strenge Delikte gegen den Glauben verfolgte. Ein Kontext, der von Haus aus unangenehm ist. Wir alle in der Kirche heute – und ich erinnere auch an die Vergebungsbitten von Johannes Paul II. und Benedikt XVI. – wir sind uns bewusst, dass die Handlungen der Inquisition nicht unserer Sensibilität entsprechen: die Tatsache, dass in der Vergangenheit Menschen für ihre Ansichten unterdrückt wurden.“

Dennoch reifte am Vatikan langsam die Haltung, dass die Wahrheit, und sei sie noch so unangenehm, auf den Tisch muss. Eine entscheidende Rolle dabei spielte der Präfekt der Glaubenskongregation.

„Dank Kardinal Ratzinger kam es überhaupt zur Öffnung des Archivs. Als ich 1991 an die Glaubenskongregation kam, war die Debatte über die Öffnung des Archivs schon alt. Kommissionen und Kommissionen hatten sich damit beschäftigt, wie und ob man das tun sollte. Und ich erinnere mich gut an Kardinal Ratzinger, der mit seiner milden Art an einen Punkt kam, wo er fast mit der Faust auf den Tisch haute und sagte: Schluss mit dieser Situation! Wir öffnen. Es ist egal, was drin ist, es ist egal, ob wir den Inhalt kennen oder nicht, wir können nicht warten. Die Wahrheit darf nicht versteckt werden. Und so war es.“

Präfekt Kardinal Joseph Ratzinger: Mitarbeiter der Wahrheit

„Mitarbeiter der Wahrheit“ – so lautet, woran hier erinnert sei, Kardinal Ratzingers Wahlspruch als Bischof.

„Es war ein Risiko, es zu öffnen, ganz klar. Wir hatten alte Register, denen nicht zu entnehmen war, worauf sie eigentlich verwiesen. Aber dieses Risiko hat Kardinal Ratzinger in vollem Bewusstsein auf sich genommen nach dem Grundsatz, dass die Wahrheit der Kirche niemals schaden kann. Er bat mich, die Öffnung vorzubereiten und die Struktur auf die Beine zu stellen, die wir heute haben. Das taten wir mit großer Mühe und mit viel Mitarbeit sowohl der Vorgesetzten als auch der vatikanischen Verwaltung und nicht zuletzt der Forschung.“

Internationale Gelehrte also, und keineswegs vom Vatikan bezahlte Historiker, halfen dem Vatikan, den Inhalt des Archivs aufzuarbeiten und die Geschichte der Kongregation besser zu verstehen.

„Tatsächlich, in den ersten Jahren nach der Archivöffnung waren wir so unerfahren in der Verwaltung dieses hochbedeutsamen Erbes, dass wir sogar ein wissenschaftliches Komitee aufgestellt haben, das aus externen Forschern bestand – Repräsentanten jener Geschichtsschreibung, die in jenen Jahren dominierte und die nicht gerade kirchenfreundlich war. Eine Gruppe von Professoren, die in einer laizistischen Mentalität ausgebildet waren, sehr kritisch, aber mit großem Geist der Zusammenarbeit. Und sie stellten sich in Dienst des Archivs und halfen mit in den ersten Jahren, Kriterien für die Öffnung zu finden, für die Publikationen, für das Ordnungssystem, sie halfen uns auch, Geldmittel aufzutreiben. Da gab es anfangs eine großartige Zusammenarbeit.“

Auch aus Deutschland kamen zahlreiche Forscher, allen voran Hubert Wolf aus Münster, dessen Bücher über Inquisition und Index regelrechte Bestseller wurden. Und so lichteten sich Jahr um Jahr manche Mythen über die Vergangenheit der Schaltstelle der katholischen Kirche. Alejandro Cifres:

„In den 90er Jahren war die Geschichtsschreibung der Inquisition noch ausgerichtet an der Beschreibung einzelner Prozesse. Warum? Weil die sogenannten Opfer der Inquisition durch die äußere Geschichtsschreibung bekannt waren. Lokale Traditionen. Die Mehrzahl der Historiker kamen also hierher und suchten diesen oder jenen einzelnen Prozess, mit dem er sich schon mit den äußeren Quellen befasst hatte. Das Bild des Dikasteriums war das eines düsteren, grausamen Tribunals, das mit Gewalt religiöse Dissidenz unterdrückte. Das war der Mythos, die schwarze Legende. Und auch wenn es stimmt, dass die Inquisition ein Tribunal war, gab es im ersten Moment folgende Überraschung: Man entdeckte, dass die Inquisition über den Gerichtshof hinaus in erster Linie ein Ort des Studiums war, der Debatte, der Unterscheidung. 11:00 ein Ort, an dem, das ja, gelegentlich auch Prozesse stattfanden, im Lauf der Jahrhunderte weniger häufig und mit einem fortschreitend aufklärerischen Geist. Und besonders zeigte sich, dass das Archiv reich ist in theologischen, sakramentalen, disziplinaren und anderen Debatten.“

Die Urteile: Viele Bußakte, aber auch einige Todesstrafen

Auch was die Art der Prozessführung durch die Inquisition betrifft, war das Bild, das sich aus dem Aktenstudium ergab, ein weit differenzierteres als zuvor angenommen.

„Die Kontrolle mutmaßlicher Häresien gemacht wurde mit Ernsthaftigkeit angestellt, mit Sinn für Gerechtigkeit und Gleichheit. Man gab den Beschuldigten die Möglichkeit, sich zu verteidigen. Was ebenfalls klar aus den Dokumenten aufscheint, ist, dass es viele Freisprüche gab und die Strafen, wenn sie ausgesprochen wurden, numerisch häufig in Bußakten oder Gebeten bestanden. Das war weitaus häufiger als Haftstrafen oder gar die Todesstrafe, die freilich in einigen wenigen Fällen verhängt wurde.“

Was weniger bekannt ist: die heilige römische Inquisition war unter anderem auch zuständig für das Leben der Juden; die Päpste waren ja über viele Jahrhunderte hinweg bis 1870 nicht nur geistliche, sondern zugleich auch weltliche  Herrscher.

„Die Juden waren als Nichtgetaufte eigentlich gar nicht der Glaubenskongregation zugeordnet, doch die päpstlichen Gesetze, die das Leben der Juden regelten, waren dem Heiligen Offizium vom Papst anvertraut. Wir haben einen schönen Bestand über die Juden, in dem das Leben der Juden, die Art der Kleidung, der Bau von Synagogen, das Marktwesen, die Heiratsverträge, viele Aspekte des jüdischen Lebens waren direkt vom Heiligen Offizium geregelt. Nicht notwendigerweise in einem polemischen Kontext, sondern oft im Sinn einer Zusammenarbeit und Hilfe.“

„Glaubenskongregation“ heißt die frühere Inquisitionsbehörde seit den Reformen unter Paul VI. Die Bestände des Archivs sind ebenso wie jene des Geheimarchivs geöffnet bis zum Pontifikat von Pius XI., also bis 1939, denn alle Archive des Heiligen Stuhles folgen derselben Öffnungspolitik.  Ein vatikaninternes Archiv-Reglement gibt es erst seit 2005. Eigene Archive haben unter anderem auch die Vatikan-Bibliothek, die Missions- und die Ostkirchenkongregation sowie die Apostolische Pönitentiarie, der Gnadengerichtshof.

(rv 10.07.2016 gs)

„Professor Hans Küng weicht in seinen Schriften von der vollständigen Wahrheit des katholischen Glaubens ab. Darum kann er weder als katholischer Theologe gelten noch als solcher lehren.“

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HL. KONGREGATION FÜR DIE GLAUBENSLEHRE

Erklärung
über einige Hauptpunkte der theologischen Lehre

von Prof. Hans Küng
*

 

Die Kirche Christi hat von Gott den Auftrag erhalten, das Glaubensgut zu bewahren und zu schützen, damit die Gesamtheit der Gläubigen unter Leitung des Lehramtes, durch das die Person Christi selbst als Lehrer in der Kirche wirkt, den einmal den Gläubigen übergebenen Glauben unverlierbar festhält, in ihn mit rechtem Urteil immer tiefer eindringt und ihn im Leben immer voller anwendet (1).

Das Lehramt der Kirche aber nimmt in der Ausübung dieses ihm allein anvertrauten schweren Amtes (2) die Tätigkeit der Theologen in Anspruch, vor allem derer, die in der Kirche amtlich die Lehrbefugnis erhalten haben und so auch ihrerseits in gewisser Weise Lehrer der Wahrheit geworden sind. Die Theologen, ebenso wie andere Wissenschaftler, haben in ihrer Forschung eine berechtigte wissenschaftliche Freiheit, aber innerhalb der Grenzen der theologischen Methode, wobei sie sich bemühen, auf ihre eigene Weise dasselbe Ziel zu erreichen, das auch das des Lehramtes ist, „nämlich das Gut der Offenbarung zu bewahren, noch tiefer von innen her zu verstehen, auszulegen, zu lehren und zu verteidigen, d.h. das Leben der Kirche und der ganzen Menschheit mit dem Licht der göttlichen Wahrheit zu erleuchten“ (3).

So ist es notwendig, daß bei der Erforschung und in der Unterrichtung der katholischen Glaubenslehre die Treue zum Lehramt der Kirche immer deutlich sichtbar wird, da es niemand erlaubt ist, Theologie zu betreiben, ohne enge Verbindung mit dem Sendungsauftrag die Wahrheit zu lehren, für den das kirchliche Lehramt selbst verantwortlich ist (4). Wenn es an dieser Treue mangelt, wird auch allen Gläubigen Schaden zugefügt, die in ihrer Pflicht, den von Gott durch die Kirche erhaltenen Glauben zu bekennen, das heilige Recht haben, das unverfälschte Wort Gottes zu empfangen und deshalb erwarten dürfen, daß ihnen drohende Irrtümer wachsam abgewehrt werden (5).

Wenn es nun vorkommt, daß ein Lehrer der theologischen Disziplinen sein eigenes Urteil und nicht den Glaubenssinn der Kirche als Norm der Wahrheit voranstellt, verbreitet und in diesem seinem Vorhaben beharrt trotz aller seinetwegen in Sorge unternommenen Schritte, erfordert es die Ehrlichkeit und Redlichkeit seitens der Kirche, solche Verhaltensweise sichtbar zu machen und zur Entscheidung zu kommen, daß er künftig nicht mehr kraft des von ihr empfangenen Auftrages lehren kann (6).

Diese Missio canonica ist nämlich ein Zeugnis gegenseitigen Vertrauens: des Vertrauens der zuständigen kirchlichen Autorität gegenüber dem Theologen, der in seiner Forschungs- und Lehrtätigkeit sich als katholischer Theologe verhält; es ist aber auch das Zeugnis des Vertrauens des Theologen gegenüber der Kirche und ihrer unversehrten Lehre, denn im Auftrag der Kirche übt er ja sein Amt aus.

Da einige der in vielen Ländern verbreiteten Schriften des Priesters und Professors Hans Küng sowie seine Lehre bei den Gläubigen Verwirrung verursachen, haben die Deutsche Bischofskonferenz und die Kongregation für die Glaubenslehre des öfteren ihm Ratschläge und Mahnungen zukommen lassen mit dem gemeinsamen Ziel, ihn zu bewegen, seine Tätigkeit als Theologe in voller Einheit mit dem authentischen Lehramt der Kirche auszuüben.

Von dieser Grundhaltung bestimmt, hat die Kongregation für die Glaubenslehre in Erfüllung ihrer Aufgabe, die Glaubens- und Sittenlehre in der Gesamtkirche zu fördern und zu schützen (7), am 15. Februar 1975 in einem öffentlichen Dokument erklärt, daß einige Lehrmeinungen des Professors Hans Küng in verschiedenem Grade zur Lehre der Kirche, wie sie für alle Gläubigen verbindlich ist, im Gegensatz stehen. Dabei hat die Kongregation besonders jene Lehrmeinungen betont, die von besonderer Bedeutung sind: das Dogma von der Unfehlbarkeit in der Kirche sowie die Aufgabe, das eine, heilige, nur dem lebendigen kirchlichen Lehramt anvertraute Glaubensgut des Wortes Gottes authentisch auszulegen und – schließlich – jene Auffassungen, die sich auf den gültigen Vollzug der Eucharistie beziehen.

Die Kongregation hat Professor Küng zugleich ermahnt, solche Auffassungen nicht weiter zu lehren, wobei sie erwarte, daß er seine eigenen Lehrmeinungen zur Übereinstimmung mit der authentischen kirchenamtlichen Lehre (8) bringen werde.

In Wirklichkeit jedoch hat Professor Küng seine oben erwähnten Lehrmeinungen bis heute in keiner Weise geändert.

Das steht vor allem fest bezüglich seiner Meinung, die das Dogma der Unfehlbarkeit in der Kirche zumindest in Zweifel zieht oder aber auf eine bloß grundsätzliche Beständigkeit in der Wahrheit einschränkt, so daß das kirchliche Lehramt auch dort irren kann, wo es eine Lehre als definitiv verpflichtend erklärt. In dieser Sache hat sich Hans Küng der kirchlichen Lehre in keiner Weise genähert. Vielmehr hat er seine Auffassung neuerdings noch ausdrücklicher vorgelegt (insbesondere in seinen Schriften „Kirche – gehalten in der Wahrheit?“, Benziger-Verlag 1979, sowie „Zum Geleit“ in dem Buch von A.B. Hasler, „Wie der Papst unfehlbar wurde“, Piper-Verlag 1979), obgleich die Kongregation damals erklärt hatte, daß diese Meinung der vom I. Vatikanischen Konzil definierten und vom II. Vatikanischen Konzil bestätigten Lehre widerspricht.

Die Folgerungen, die sich aus einer derartigen Auffassung ergeben, vor allem die Verachtung des kirchlichen Lehramtes finden sich auch in anderen von ihm veröffentlichten Werken, sehr zum Schaden mancher Hauptstücke des katholischen Glaubens (z.B. was die Wesensgleichheit Christi mit dem Vater oder was die Jungfrau Maria betrifft). Diesen Glaubenssätzen wird nämlich ein anderer Sinn unterlegt, als ihn die Kirche verstanden hat und versteht.

Die Kongregation hat 1975 in dem genannten Dokument für damals von einem weiteren Vorgehen gegen die oben angeführten Lehrmeinungen Professor Küngs abgesehen, und zwar unter der Voraussetzung, daß Professor Küng von jenen Thesen Abstand nehmen wird. Da diese Voraussetzung nicht mehr gegeben ist, sieht sich die Kongregation entsprechend ihrer Aufgabe verpflichtet, nunmehr folgendes zu erklären: Professor Hans Küng weicht in seinen Schriften von der vollständigen Wahrheit des katholischen Glaubens ab. Darum kann er weder als katholischer Theologe gelten noch als solcher lehren.

Diese Erklärung, die in der ordentlichen Sitzung der Kongregation beschlossen worden ist, hat Papst Johannes Paul II. am 15. Dezember 1979 in einer Audienz, die er dem unten genannten Präfekten der Kongregation gewährte, approbiert und ihre Veröffentlichung angeordnet.

Gegeben zu Rom, Kongregation für die Glaubenslehre, 15. Dezember 1979.

 

FRANJO Kardinal ŠEPER
Präfekt

+ JÉRÔME HAMER, O.P.
Titularerzbischof
Sekretär

 

Anmerkungen

1) Vgl. I. Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution Dei Filius, Kap. IV; De fide et ratione: DS 3018; II. Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution Lumen gentium, Nr. 12.

2) Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution Dei Verbum, Nr. 10.

3) Vgl. Paul VI., Ansprache vom 1. Oktober 1966 an den Internationalen Kongreß über die Theologie des II. Vatikanischen Konzils: AAS 58, 1966, S. 891.

4) Vgl. Johannes Paul II., Apostolische Konstitution Sapientia christiana, Nr. 70; Enzyklika Redemptor hominis, Nr. 19: AAS 71, 1979, S. 493, 308.

5) Vgl. Paul VI., Adhort. Apost. Quinque iam anni, AAS 63, S. 99 f.; II. Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution Lumen gentium, Nr. 25.

6) Vgl. Sapientia christiana, Teil 1, Kap. III, Art. 27: AAS 71, 1979, S. 483.

7) Vgl. Apostolisches Schreiben Integrae servendae, Nr. 1, 3 und 4: AAS 57, 1965, S. 954.

8) Vgl. AAS 67, 1975, S. 303-304.

 

* L’Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 1, 4. Januar 1980, Seite 4 (AAS 72 [1980], S. 90-92).

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Quelle

Familiensynode: Kardinal Müller für Vertiefung der katholischen Ehelehre

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Die nächste Familiensynode rückt näher. Im Oktober soll laut Kardinal Müller die katholische Ehelehre vertieft werden. – ANSA

Für Kardinal Gerhard Ludwig Müller, den Präfekten der Römischen Glaubenskongregation, muss die Familiensynode im Oktober vor allem eine Vertiefung der katholischen Ehelehre bringen. Zudem warnte er in einem Interview für die aktuelle Ausgabe der Wiener Kirchenzeitung „Der Sonntag“ davor, dass Ehenichtigkeitsverfahren als eine Art „Scheidung auf Katholisch“ missverstanden werden. Müller will auch den Zugang zu den Sakramenten der Buße und Eucharistie nicht nur im Zusammenhang mit gescheiterten Ehen diskutieren, sondern die Vorbereitung auf den Sakramentenempfang grundsätzlich thematisieren.„Ohne den Synodenvätern im Einzelnen vorgreifen zu können, wird es bei der kommenden Bischofssynode darum gehen, diese Grund-Sätze über die Bedeutung der Ehe von Mann und Frau, aus der die Familie hervorgeht, für die Kirche und die ganze Gesellschaft in der heutigen Zeit neu bewusst und fruchtbar zu machen“, so Müller wörtlich. Die Synode werde ihren Blick sicherlich auf die Menschen und die Familien richten „in ihrem Streben und Suchen, ihrem Bemühen, in ihrem Scheitern und ihrem Gelingen“. Besonderes Augenmerk gebühre den Kindern, die der „Vertrauensgemeinschaft“ ihrer Familie bedürften.

Schwierigkeiten im Zusammenleben lösten sich nicht von selbst. „Aber aus dem Wort Gottes, aus Gebet und Sakramenten dürfen wir immer neu die Kraft schöpfen, sie zu überwinden. Auf diese Weise wächst in uns die Gabe der Beharrlichkeit, des Durchhaltens in den schweren Stunden und auch des Leidens – miteinander, bisweilen wohl auch aneinander“, sagte der Kurienkardinal wörtlich. Müller verwies auf den feierlichen Trauungssegen: „Wo Mann und Frau in Liebe zueinander stehen und füreinander sorgen, einander ertragen und verzeihen, wird deine (Gottes!) Treue zu uns sichtbar.“ So könne eine gemeinsame Lebensgeschichte ein Weg des Reifens in der Liebe werden.

Ehenichtigkeitsverfahren und Buße

Auf die Möglichkeit von Ehenichtigkeitsverfahren angesprochen meinte der Kardinal, eine Erhöhung der Zahl von Nichtigkeitserklärungen könne kein direktes Ziel der Ehepastoral sein. „Vorrangig geht es darum, die Gläubigen in ihrem Bemühen um ein Gelingen des ehelichen und familiären Miteinanders zu unterstützen.“ Das Verständnis von Ehe und Familie sei gegenwärtig in der Krise; deshalb sei die Möglichkeit der Prüfung, ob eine gescheiterte Ehe gültig zustande kam, heute wichtiger als früher. Die kirchenrechtlich legitime Frage, ob beim Eheabschluss alle für das Zustandekommen der Ehe nötigen Bedingungen von beiden Seiten gegeben waren, dürfe aber nicht als „Scheidung auf Katholisch“ missverstanden werden, warnte Müller.

Kritisch merkte der Präfekt der Glaubenskongregation an, dass die Frage des Zugangs zum Sakrament der Eucharistie und er Buße meist nur im Zusammenhang mit dem Scheitern einer Ehe gestellt wird. Nötig wäre hier ein breiterer Ansatz im Sinne von: „Wie bereite ich mich in rechter Weise auf den Empfang der Sakramente vor?“

Kardinal Müller unterstrich die Bedeutung des Bußsakraments: Die Liturgische Bewegung habe zurecht die Erneuerung und Vertiefung der eucharistischen Frömmigkeit forciert und damit auch einen häufigeren Kommunionempfang bei der Messfeier bewirkt. Geistlich fruchtbar könne man die heilige Kommunion aber nur dann empfangen, „wenn unser Leben mit diesem Akt nicht im Widerspruch steht“, erklärte Müller. Christus habe den Bischöfen und Priestern die Vollmacht gegeben, Sünden zu vergeben. Gerade auch Papst Franziskus rufe immer wieder auf, „uns der Barmherzigkeit Gottes im Sakrament der Versöhnung ohne Vorbehalt und ohne Scheu anzuvertrauen“, wies der Kardinal hin.

(kap 16.07.2015 gs)

Interview mit Erzbischof G.L. Müller, Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre

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Süddeutsche Zeitung, 12. Juli 2012

SZ: Herr Erzbischof, vor drei Wochen waren Sie Bischof von Regensburg, jetzt sind Sie Präfekt der Glaubenskongregation. Fremdeln Sie noch in Rom?

Müller: Man ist als Priester öfter auf Wanderschaft, das weiß man. Natürlich ist das eine Umstellung: der Umzug, die neuen Mitarbeiter.

Muss ein Glaubenspräfekt in Rom eine Wohnung suchen?

Ich habe Glück: Der Heilige Vater hat mir seine frühere Wohnung angeboten.

Als 1982 Joseph Ratzinger über die Alpen ging, musste sein Flügel mit. Was muss bei Ihnen dringend mit?

Klavier spiele ich leider nicht. Aber die Bücher müssen mit. Ein deutscher Professor braucht natürlich seine Gelehrtenbibliothek. Die geistige Auseinandersetzung, das macht die deutsche Theologie aus.

Was sagt Ihnen das Wort Karriere?

Das wird mir jetzt unterstellt – dabei freut sich doch jeder Mensch, wenn er einen Posten bekommt, der respektabel ist. Wobei man wissen muss, wenn man Priester wird, dass es auf das Dienen ankommt und nicht auf die Selbstpflege. Ideal ist, wenn die Bereitschaft zum Dienst mit den eigenen Talenten und Fähigkeiten zusammenkommt. Ich wollte zum Beispiel nie Präsident der Weltbank sein.

Warum sind Sie Priester geworden?

Ich war schon in der Jugendarbeit engagiert. Es ist also nicht plötzlich eine Bekehrung geschehen wie beim Apostel Paulus. Mir sind Priester begegnet, mit denen ich mich identifizieren konnte; daraus entstand der Gedanke: Das wäre vielleicht auch etwas für dich. Es kommt letztlich darauf an, dass man spürt, dass der Ruf Jesu an einen ergangen ist – und man bereit ist zu sagen: Ja, hier bin ich. Wer Diener der frohen Botschaft ist, soll davon erfüllt sein, dass er den Menschen etwas Aufbauendes bringen kann.

Diese Entscheidung hat Sie jetzt in eins der wichtigsten Ämter in der Kirche geführt. Wie viel Macht haben Sie jetzt?

Macht bedeutet zweierlei: das Vermögen, etwas zu bewirken, und die Verantwortung, die einem übertragen ist. Das wäre vermessen oder lächerlich, wenn ich mich jetzt für jemanden halten würde, der auf seiner Fingerspitze die Weltkugel dreht, wie der große Diktator im Charlie-Chaplin-Film. Aber sicher kann ich jetzt einigen Einfluss nehmen, und ich muss ihn auch nehmen.

Um jene zu maßregeln, die von der Linie abweichen? In der unseligen Tradition der Heiligen Inquisition?

Das ist das Klischee, das der Glaubenskongregation in gewissen Kreisen noch immer anhaftet. Dabei ist es gar nicht unsere Hauptaufgabe, einfach Bischöfe und Theologen zu kontrollieren. 1965 hat Papst Paul VI. im Zuge des Zweiten Vatikanischen Konzils gesagt, die erste Aufgabe der Glaubenskongregation ist es, den katholischen Glauben zu fördern. Erst dann, ihn auch zu verteidigen. Als Präfekt der Glaubenskongregation muss ich also zuerst von der Hoffnung reden, die uns erfüllt, vom Positiven des Glaubens, von seiner Bedeutung für das ganze Leben. Und dann müssen wir den Glauben auch verteidigen gegen falsche Auslegungen und Verkürzungen, gegen Ideologisierungen. Dabei ist immer das richtige Verhältnis zwischen der Treue zum verbindlichen Glauben, der uns von Gott offenbart ist, und einer gewissen Bandbreite theologischer Auslegungen zu wahren. Die katholische Kirche braucht unterschiedliche Denkrichtungen. Es kann niemand sagen, für mich gilt nur Augustinus oder Thomas von Aquin, nur Karl Rahner oder nur Hans Urs von Balthasar. Schon die Bibel verwendet das Bild der unterschiedlichen Charismen.

Die katholische Kirche als Kirche der Freiheit?

Freiheit heißt nicht, tun können, was man will; Freiheit im Glauben ist unsere Antwort auf das, was Gott uns in seiner Freiheit vorgibt. Insofern muss ich zuerst die Freiheit Gottes berücksichtigen, die steht im Mittelpunkt. Eine falsche Lehre zu verurteilen heißt also nicht, die Freiheit einzuschränken – sondern die Freiheit Gottes in seiner Offenbarung zu wahren. Die Freiheit der Kinder Gottes ist die Vollendung des Glaubensgehorsams gegenüber Gott.

Wenn Sie sich die Kurie als Fußballmannschaft vorstellen, was sind Sie da – der grätschende Verteidiger?

In einer guten Mannschaft gibt es diesen Verteidiger nicht mehr. Da müssen alle nach vorne spielen können. Ich habe mich immer als Theologe verstanden, der das Konstruktive sieht, das Ganze des Glaubens, so wie auch Joseph Ratzinger, der Theologe und Papst. Bloß mit Abwehr, mit Nein sagen lässt sich nichts Großes erreichen. Wenn es Schwierigkeiten mit einzelnen Theologen gibt, muss man sie zuerst auf das Ganze des katholischen Glaubens hinweisen, dem jeder Theologe zu dienen hat.

Sie wollen in die Offensive gehen, Themen setzen, Streit riskieren?

Mit Abwarten allein erreicht man nicht viel. Die Glaubenskongregation muss die großen geistigen Bewegungen der Welt beobachten und dann im Licht des Glaubens Rede und Antwort stehen. Da gibt es große Herausforderungen: die Säkularisierung, den Atheismus, den Nihilismus, die Frage nach Gott in der Welt. Die Kirche kann nicht einfach ihren Bestand verteidigen und die Welt sich selber überlassen. Jeder Mensch ist es wert, dass ihm das Evangelium verkündet und er befähigt wird, sein Leben aus dem Glauben heraus zu gestalten. Und den Sinn, den Gott in jedes Menschen Leben gelegt hat, zu erkennen.

Derzeit bietet die katholische Kirche eher ein anderes Bild – das der Institution in der Krise.

Ach, Pessimismus gibt es immer, Wadlbeißerei auch. Da gehört es zu den Aufgaben unserer Kongregation, dass wir uns nicht verheddern lassen, sondern das Aufbauende des Evangeliums in den Mittelpunkt stellen. Das braucht die Welt, wenn man die Krise sieht in Europa und die Gefährdung des Friedens in der Welt, die Gefährdung der Religionsfreiheit, die Verletzung der Menschenrechte, die ethischen Herausforderungen durch den wissenschaftlichen Fortschritt.

Ist die Kirche Ihnen zu zurückhaltend?

Manche schon. Ein Gegenbeispiel, auf das ich stolz bin, habe ich aus meiner Erfahrung in Regensburg. Gegen den Menschenhandel mit Frauen aus Osteuropa hat unser Frauenbund beeindruckende Aktionen gestartet. Das ist vorbildlich. Kirche ist ja nicht nur das, was in Rom geschieht und in der Kurie. Sie wirkt vor allem in Pfarreien, Diözesen und Verbänden.

Nochmals zu Ihren neuen Aufgaben. Theologen, die von Verfahren der Glaubenskongregation betroffen sind, klagen über mangelnde Transparenz und dass sie nicht angehört werden. Sind hier Reformen nötig?

Ich kenne die Verfahren noch nicht ganz genau. Aber es gibt eine klare Verfahrensordnung, die veröffentlicht ist. vielleicht bin ich als Theologe auch selber in der Lage, den Dialog mit einzelnen Theologen zu führen, die betroffen sind.

Die deutschen Theologen hat die Kurie in der Vergangenheit mit großem Misstrauen beobachtet.

Vielleicht auch, weil unsere theologischen Fakultäten und Theologen sich zu oft mit zweitrangigen Themen beschäftigen – und das bestimmt das öffentliche Bild von der Theologie in Deutschland. Dabei gibt es doch sehr gute Theologen, die solide Arbeit leisten. Das möchte ich fördern. Die große Auseinandersetzung mit den atheistischen und säkularistischen Lebenskonzeptionen kann die Kongregation gar nicht leisten, das ist eine Hauptaufgabe der Fakultäten. Da gibt es zum Beispiel riesige Herausforderungen in der Medizinethik. Wo sind die Grenzen, jenseits derer die Menschenwürde nicht mehr gewahrt wird? Es gibt in Deutschland Professoren, die dazu Bedeutendes sagen und in Ethikkommissionen vorbringen können. Das möchte ich fördern: dass die positiven Möglichkeiten, die sich aus dem christlichen Menschenbild heraus bieten, in die gesellschaftliche Entwicklung eingebracht werden. Gegen den Pessimismus, der zur Zeit in Kirche und Gesellschaft herrscht.

Andererseits kann man den Theologen nicht vorwerfen, dass sie die Konfliktthemen der Kirche diskutieren: Zölibat, Frauenpriestertum, die Rolle der Laien, geschiedene Wiederverheiratete.

Das diskutiert man auch anderswo in der Welt. Trotzdem muss man es einordnen in das große Ganze und sich nicht nur davon bestimmen lassen. Denn es geht wirklich um die Verkündigung des Evangeliums. Viele Universitätsrektoren sind froh, dass sie theologische Fakultäten haben für den interdisziplinären Dialog und wissenschaftlichen Fortschritt. Da müssen die theologischen Fakultäten mehr in die Offensive. Probleme wie das Diakonat von Frauen lösen ja nicht theologische Fakultäten. Das sind lehramtliche Fragen. Bei den wiederverheirateten Geschiedenen geht es um pastorale Fragen. Lehrmäßig kann es keine Zweifel geben an der Unauflöslichkeit einer gültig geschlossenen sakramentalen Ehe und am objektiven Widerspruch zwischen dem Eingehen einer zivilen Zweitehe und dem Kommunionempfang

Da geht es um den pastoralen Umgang.

Ja, man muss den einzelnen Menschen im Auge behalten, das ist die Sorge der Pastoral, der Einzelseelsorge. Aber vielen ist nicht mehr klar, was im katholischen Sinn die Ehe bedeutet und wie das existenziell umgesetzt werden kann. Sorge um einzelne Menschen und Treue zur Lehre schließen sich nicht aus. Da haben wir ein großes Arbeitsfeld vor uns. Wir müssen die Situation der Zeit berücksichtigen und dürfen trotzdem keine Abstriche machen, uns einfach anpassen, damit es gemütlich bleibt und man gewissermaßen katholisch bleiben kann zu ermäßigten Preisen. Mit bloßer Gesellschaftskonformität tun wir den Menschen keinen Gefallen.

Keine Abstriche machen – ist das nicht das Konzept von der Kirche als kleiner Herde: Wir versammeln die Überzeugten, die anderen sind nicht so wichtig?

Nein, das ist keine Option für die katholische Kirche. Es macht jeder Mensch die Erfahrung, dass er dem Glauben und der Kirche mal näher und mal ferner steht. Die Bibel spricht alle an, auch die Menschen an den Hecken und Zäunen. Wir wollen und wir können keine Elite-Kirche sein, zu der nur die Reinen gehören. Es wäre auch schwer auszuhalten, wenn zur Kirche nur jene gehörten, die sich für vollkommen halten, und nicht auch die Sünder. Die Starken und die Schwachen im Glauben haben Platz im Hause des Herrn.

Eine Kirche mit Platz für Zweifler?

Mit Platz für Menschen, die auch Zweifel haben. Mit Platz für Leute wie meine Eltern, die selbstverständlich katholisch waren, ohne Übertreibungen, die uns Kinder nie zu etwas drängten, die uns ein positives Bild von der Kirche vermittelten.

Diese Mitte geht der katholischen Kirche in Westeuropa verloren.

Leider, zum Teil. Aber es gibt auch Aufbrüche und Hoffnungszeichen.

Und viele Gläubige hadern mit den Lehraussagen ihrer Kirche. Sogar viele Pfarrer stoßen sich an einer Kirche, die sie für starr halten, in Österreich hat sich eine Ungehorsamsinitiative gegründet. Das muss Ihnen doch Sorgen machen.

Die Spannungen kann man nicht leugnen. Bei einem Priester gehe ich aber davon aus, dass er die Lehre seiner Kirche kennt und diese Spannungen aushält. Wenn Pfarrer sagen, wir sind jetzt mal ungehorsam, dann fördern sie ein Kirchenbild, das davon ausgeht, dass die Menschen sich selber ihre Kirche schaffen, nach eigenem Geschmack und jeweiligem Zeitgeist. Dies ist mit dem christlichen Glauben nicht vereinbar. Das orientiert sich an innerweltlichen Lebenszielen, verliert aber aus den Augen, dass es darüber hinaus das höhere Lebensziel der Gemeinschaft mit Gott gibt. Für das es sich lohnt, sich anzustrengen, über sich hinauszuwachsen.

Würden Sie das Helmut Schüller, dem Initiator der ungehorsamen Pfarrer, gerne persönlich sagen?

Er müsste eigentlich selber darauf kommen, was Gehorsam bedeutet.

Blinder Gehorsam?

Gerade nicht! Sondern das vernunftgemäße Hören auf das Wort Gottes, das Kennen der Lehre der Kirche und die Fähigkeit, sich mit dem Zeitgeist kritisch und konstruktiv auseinanderzusetzen. Das ist ja nichts Neues für die Kirche, und Jesus hat die Antwort darauf gegeben: Es ist wichtiger, Gott zu gehorchen als den Menschen. Ich kenne auch die pastorale Not, die hinter solchen Initiativen steckt. Aber die Antwort kann nicht heißen: Wir gehen einfach dem Zeitgeist nach.

Als Präfekt der Glaubenskongregation sind sie nun an oberster Stelle zuständig für die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle, die kirchenrechtliche Bestrafung der Täter. Wie soll hier das verloren gegangene Vertrauen wiedergewonnen werden?

Der Grundsatz, nach dem wir arbeiten, ist klar: Sexuelle Gewalt ist ein Verbrechen und eine Sünde, erst recht gegen Kinder, und wenn ein Priester Menschen sexuelle Gewalt antut, widerspricht das allem, wozu ein Seelsorger da sein soll. Das Vertrauen, das da verloren gegangen ist, können wir nur durch Konsequenz und Klarheit wiedergewinnen: Der Täter muss sich vor einem weltlichen Gericht verantworten. Danach ist es an den Bischöfen und der Glaubenskongregation, zu entscheiden, ob und in welchem Rahmen er noch als Priester eingesetzt werden kann, natürlich mit genauen Vorgaben.

Viele Opfer fordern, dass die Täter nie wieder in der Pastoral arbeiten.

Ein Einsatz in der ordentlichen Seelsorge kommt nicht in Frage, sondern nur beschränkte Dienste als Priester. Klar muss immer sein: Wir vertuschen nichts, wir verharmlosen nichts.

Dieser Verdacht wird Ihnen noch lange erhalten bleiben – und bei jedem neuen Fall neue Nahrung erhalten.

Es gibt keine vergleichbare Organisation mit Jugendarbeit, die sich mit dieser Rigorosität dem Problem gestellt hat, wie die katholische Kirche. Unser Problem ist, dass ein straffälliger Priester immer auch gleich für die ganze Kirche steht. Es gibt eben keine Weltgemeinschaft der Sportlehrer mit einem der katholischen Kirche vergleichbaren Anspruch. Wir müssen uns aber wehren, wenn Priester unter Generalverdacht gestellt werden, nur weil sie Priester sind.

Eine andere Baustelle, die Sie übernehmen, sind die Verhandlungen mit der traditionalistischen Priesterbruderschaft Pius X. Die hat nun die Bedingungen der Glaubenskongregation für eine Rückkehr in die katholische Kirche abgelehnt. Das Ende der Verhandlungen?

Zur katholischen Kirche gehört man, wenn man bestimmte Voraussetzungen erfüllt – vor allem die Orientierung an der Heiligen Schrift, an der Tradition und am kirchlichen Lehramt. Wer Teile davon nicht akzeptiert, steht in gewisser Entfernung zur Kirche, auch wenn er sich katholisch nennen will. Wenn die Priesterbruderschaft diese Trennung überwinden will, muss sie akzeptieren, was zum katholischen Glauben gehört – und dazu gehört, dass das Zweite Vatikanische Konzil verbindlich ist. Natürlich: Über manches, etwa die praktische Erklärung zum Verhältnis zu den Medien, kann man diskutieren. Andere Aussagen, etwa zum Judentum, zur Religionsfreiheit, zu den Menschenrechten, haben dogmatische Implikationen. Die kann man nicht ablehnen, ohne den katholischen Glauben zu beeinträchtigen.

Der Generalobere der Piusbrüder hat sie schon unter Häresieverdacht gestellt. Ist das Tischtuch  endgültig zerschnitten?

Wir müssen jetzt abwarten, welche offizielle Antwort von der Bruderschaft kommt. Unsere Haltung ist eindeutig.

Die Piusbruderschaft stellt das anders dar: Der Papst würde sich gerne mit den Traditionalisten einigen. Nur die Glaubenskongregation ist dagegen.

Das ist eine Medienpolitik, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat.

Der Theologe Hans Küng hat Ihre Ernennung eine „katastrophale Fehlbesetzung“ genannt.

Da Hans Küng unfehlbar ist, muss das wohl stimmen.

In Deutschland gelten Sie als der Hardliner, der streng durchgreift – in Rom stehen Sie unter dem Verdacht, zu liberal zu sein. Ein eigentümliches Gefühl?

Ich bin von meiner Jugend an katholisch. Dazu gehören Weite und Entschiedenheit. Zu beidem stehe ich.

Vor allem Ihre Freundschaft zu dem Befreiungstheologen Gustavo Gutierrez wird Ihnen zum Vorwurf gemacht.

Ich bin vielen armen Menschen begegnet in Südamerika, und da habe ich gesehen, dass es richtig ist, was die Kirche zur sozialen Not sagt. Mein Vater war Arbeiter bei Opel, von daher war das Soziale mir immer nahe. Ich kann in Lateinamerika keine Messe halten, ohne darauf einzugehen, dass es hier Menschen gibt, die nichts zu essen haben, die krank werden, weil es keine Hygiene gibt und keine medizinische Versorgung. Da kann ich nicht schweigen. Ich bin davon überzeugt, dass Gottes- und Nächstenliebe nicht voneinander zu trennen sind.

In den 80er Jahren hat die Glaubenskongregation viele Befreiungstheologen abgestraft. War das falsch?

Da ging es nie um die Option für die Armen. Da ging es darum, inwieweit man eine marxistische Gesellschaftsanalyse, die mit einer innerweltlichen Heilslehre verbunden ist, in die Theologie integrieren kann – und wo da die Grenze ist.

Wohin wird diese katholische Kirche gehen? In einer Welt, wo einerseits die Individualisierung zunimmt, andererseits auch die Fundamentalismen wachsen, die christlichen, die islamischen, die auf den Krieg der Religionen setzen?

Christsein und Gewalt gegen andere schließen sich aus. Katholisch heißt, gegen Ideologisierungen und Einseitigkeiten vorzugehen. Jeder Mensch ist Individuum und Gemeinschaftswesen zugleich, das muss in der Balance gehalten werden. Die totale Individualisierung ist genauso ein Irrweg wie die totale Kollektivierung. Die totale Individualisierung macht den Menschen zu „Gott“, die totale Kollektivierung zum Nichts. Das ist das Zukunftsweisende der katholischen Kirche: Sie weiß, dass der Mensch ein personales Wesen ist, einzigartig von Gott gemacht, mit einem unveräußerlichen Recht auf Leben von der Empfängnis bis zum Tod, und mit der Berufung zum ewigen Leben. Und dass er doch immer ein Gemeinschaftswesen ist und bleibt. Das ist etwas wunderbar Lebendiges, Dynamisches – dafür steht die katholische Kirche.

ZU EINIGEN EINWÄNDEN GEGEN DIE KIRCHLICHE LEHRE ÜBER DEN KOMMUNIONEMPFANG VON WIEDERVERHEIRATETEN GESCHIEDENEN GLÄUBIGEN[1]

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Von Joseph Kardinal Ratzinger

 

Das Schreiben der Glaubenskongregation über den Kommunionempfang von wiederverheirateten geschiedenen Gläubigen vom 14. September 1994 hat in weiten Teilen der Kirche ein lebhaftes Echo gefunden. Neben vielen positiven Stellungnahmen waren auch nicht wenige kritische Stimmen zu hören. Die wesentlichen Einwände gegen die kirchliche Lehre und Praxis werden im folgenden in vereinfachender Form umrissen.

Einige gewichtigere Einwände – vor allem der Verweis auf die angeblich flexiblere Praxis der Kirchenväter, welche die Praxis der von Rom getrennten Ostkirchen bis heute präge, sowie der Hinweis auf die traditionellen Prinzipien der Epikie und der Aequitas canonica – wurden von der Glaubenskongregation eingehend untersucht. Die Artikel der Professoren Pelland, Marcuzzi und Rodríguez Luño[2] sind neben anderem im Zuge dieses Studiums entstanden. Die hauptsächlichen Ergebnisse der Untersuchung, die die Richtung einer Antwort auf die vorgebrachten Einwände anzeigen, sollen hier in Kürze zusammengefaßt werden.

 

1. Manche meinen, einige Stellen des Neuen Testaments deuteten an, daß das Wort Jesu über die Unauflöslichkeit der Ehe eine flexible Anwendung erlaube und nicht in eine streng rechtliche Kategorie eingeordnet werden dürfe.

Einige Exegeten merken kritisch an, daß das Lehramt im Zusammenhang mit der Unauflöslichkeit der Ehe fast ausschließlich eine Perikope – nämlich Mk 10,11-12 – zitiere und andere Stellen aus dem Matthäus-Evangelium und aus dem 1. Korintherbrief nicht genügend berücksichtige. Diese Bibelstellen sprächen von einer gewissen Ausnahme vom Herrenwort über die Unauflöslichkeit der Ehe, und zwar im Fall von porneia (Mt 5,32; 19,9) und im Fall der Trennung um des Glaubens wegen (1 Kor 7,12-16). Solche Texte seien Hinweise, daß die Christen in schwierigen Situationen schon in der apostolischen Zeit eine flexible Anwendung des Wortes Jesu gekannt haben.

Auf diesen Einwand ist zu antworten, daß die lehramtlichen Dokumente die biblischen Grundlagen der Ehelehre nicht umfassend darlegen wollen. Sie überlassen diese wichtige Aufgabe den kompetenten Fachleuten. Das Lehramt betont allerdings, daß sich die kirchliche Lehre von der Unauflöslichkeit der Ehe aus der Treue gegenüber dem Wort Jesu ableitet. Jesus bezeichnet die alttestamentliche Scheidungspraxis eindeutig als Folge der menschlichen Hartherzigkeit. Er verweist – über das Gesetz hinaus – auf den Anfang der Schöpfung, auf den Schöpferwillen, und faßt seine Lehre mit den Worten zusammen: „Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen“ (Mk 10,9). Mit dem Kommen des Erlösers wird also die Ehe in ihrer schöpfungsgemäßen Urgestalt wieder hergestellt und der menschlichen Willkür entrissen – vor allem der männlichen Willkür, denn für die Frau gab es ja die Möglichkeit der Scheidung nicht. Jesu Wort von der Unauflöslichkeit der Ehe ist die Überwindung der alten Ordnung des Gesetzes in der neuen Ordnung des Glaubens und der Gnade. Nur so kann die Ehe der gottgegebenen Berufung zur Liebe und der menschlichen Würde voll gerecht und zum Zeichen der unbedingten Bundesliebe Gottes, d.h. zum Sakrament, werden (vgl. Eph 5,32).

Die Trennungsmöglichkeit, die Paulus in 1 Kor 7 eröffnet, betrifft Ehen zwischen einem christlichen und einem nicht getauften Partner. Die spätere theologische Reflexion hat erkannt, daß nur Ehen zwischen zwei Getauften Sakrament im strengen Sinn des Wortes sind und daß nur für diese im Raum des Christusglaubens stehenden Ehen die unbedingte Unauflöslichkeit gilt. Die sogenannte Naturehe hat ihre Würde von der Schöpfungsordnung her und ist daher auf Unauflöslichkeit angelegt, kann aber unter Umständen eines höheren Gutes – hier des Glaubens – wegen aufgelöst werden. So hat die theologische Systematik den Hinweis des heiligen Paulus rechtlich als Privilegium Paulinum eingeordnet, d.h. als Möglichkeit, eine nicht sakramentale Ehe um des Gutes des Glaubens willen aufzulösen. Die Unauflöslichkeit der wirklich sakramentalen Ehe bleibt gewahrt; es handelt sich also nicht um eine Ausnahme vom Wort des Herrn. Darauf werden wir später zurückkommen.

Bezüglich des rechten Verständnisses der porneia-Klauseln gibt es eine Fülle von Literatur mit vielen unterschiedlichen, ja gegensätzlichen Hypothesen. Unter den Exegeten herrscht in dieser Frage keinerlei Einmütigkeit. Viele nehmen an, daß es sich hier um ungültige eheliche Verbindungen und nicht um Ausnahmen von der Unauflöslichkeit der Ehe handelt. Auf alle Fälle kann die Kirche ihre Lehre und Praxis nicht auf unsichere exegetische Hypothesen aufbauen. Sie hat sich an die eindeutige Lehre Christi zu halten.

 

2. Andere wenden ein, daß die patristische Tradition Raum lasse für eine differenziertere Praxis, die schwierigen Situationen besser gerecht wird; die katholische Kirche könne zudem vom ostkirchlichen Ökonomie-Prinzip lernen.

Man sagt, daß das gegenwärtige Lehramt sich nur auf einen Strang der patristischen Tradition stützt, aber nicht auf das ganze Erbe der Alten Kirche. Obwohl die Väter eindeutig am doktrinellen Prinzip der Unauflöslichkeit der Ehe festhielten, haben einige von ihnen auf der pastoralen Ebene eine gewisse Flexibilität mit Rücksicht auf schwierige Einzelsituationen toleriert. Auf dieser Grundlage haben die von Rom getrennten Ostkirchen später neben dem Prinzip der akribia, der Treue zur geoffenbarten Wahrheit, jenes deroikonomia, der gütigen Nachsicht in schwierigen Einzelfällen, entwickelt. Ohne die Lehre von der Unauflöslichkeit der Ehe aufzugeben, erlauben sie in gewissen Fällen eine Zweit- und auch eine Drittehe, die allerdings von der sakramentalen Erstehe unterschieden und vom Charakter der Buße geprägt ist. Diese Praxis sei von der katholischen Kirche nie ausdrücklich verurteilt worden. Die Bischofssynode von 1980 habe angeregt, diese Tradition gründlich zu studieren, um die Barmherzigkeit Gottes besser aufleuchten zu lassen.

Die Studie von P. Pelland legt die wesentlichen Vätertexte zur Problematik klar und deutlich vor. Für die Interpretation der einzelnen Texte bleibt natürlich der Historiker zuständig. Aufgrund der schwierigen Textlage werden die Kontroversen auch in Zukunft nicht ausbleiben. In theologischer Hinsicht ist festzuhalten:

a) Es gibt einen klaren Konsens der Väter bezüglich der Unauflöslichkeit der Ehe. Weil diese dem Willen des Herrn entspringt, besitzt die Kirche keinerlei Gewalt darüber. Deshalb war die christliche Ehe von Anfang an unterschieden von der Ehe der römischen Zivilisation, auch wenn es in den ersten Jahrhunderten noch keine eigene kanonische Ordnung gab. Die Kirche der Väterzeit schließt Ehescheidung und Wiederheirat eindeutig aus, und zwar aus gläubigem Gehorsam gegenüber dem Neuen Testament.

b) In der Kirche der Väterzeit wurden geschiedene wiederverheiratete Gläubige niemals nach einer Bußzeit offiziell zur heiligen Kommunion zugelassen. Es trifft indes zu, daß die Kirche Zugeständnisse in einzelnen Ländern nicht immer rigoros rückgängig gemacht hat, auch wenn sie als nicht mit Lehre und Disziplin übereinstimmend bezeichnet wurden. Wahr scheint auch, daß einzelne Väter, etwa Leo der Große, für seltene Grenzfälle pastorale Lösungen suchten.

c) In der Folge kam es zu zwei gegensätzlichen Entwicklungen:

– In der Reichskirche nach Konstantin suchte man mit der immer stärkeren Verflechtung von Staat und Kirche eine größere Flexibilität und Kompromißbereitschaft in schwierigen Ehesituationen. Bis zur Gregorianischen Reform zeigte sich auch im gallischen und germanischen Raum eine ähnliche Tendenz. In den von Rom getrennten Ostkirchen setzte sich diese Entwicklung im zweiten Jahrtausend weiter fort und führte zu einer immer liberaleren Praxis. Heute gibt es in manchen orthodoxen Kirchen eine Vielzahl von Scheidungsgründen, ja bereits eine Theologie der Scheidung, die mit den Worten Jesu über die Unauflöslichkeit der Ehe nicht zu vereinbaren ist. Im ökumenischen Dialog muß dieses Problem unbedingt zur Sprache gebracht werden.

– Im Westen wurde durch die Gregorianische Reform die ursprüngliche Auffassung der Väter wieder hergestellt. Diese Entwicklung fand auf dem Konzil von Trient einen gewissen Abschluß und wurde auf dem 2. Vatikanischen Konzil erneut als Lehre der Kirche vorgetragen.

Die Praxis der von Rom getrennten Ostkirchen, die Folge eines komplexen historischen Prozesses, einer immer liberaleren – und sich mehr und mehr vom Herrenwort entfernenden – Interpretation einiger dunkler Vätertexte sowie eines nicht geringen Einflusses ziviler Gesetze ist, kann von der katholischen Kirche aus lehrmäßigen Gründen nicht übernommen werden. Zudem ist die Behauptung unrichtig, daß die katholische Kirche die orientalische Praxis einfach toleriert habe. Gewiß hat Trient keine ausdrückliche Verurteilung ausgesprochen. Die mittelalterlichen Kanonisten sprachen allerdings durchgehend von einer mißbräuchlichen Praxis. Zudem gibt es Zeugnisse, daß Gruppen orthodoxer Gläubiger, die katholisch wurden, ein Glaubensbekenntnis mit einem ausdrücklichen Verweis auf die Unmöglichkeit einer Zweitehe unterzeichnen mußten.

 

3. Manche schlagen vor, auf der Basis der traditionellen Prinzipien der Epikie und derAequitas canonica Ausnahmen von der kirchlichen Norm zu gestatten.

Bestimmte Ehefälle, so sagt man, können im Forum externum nicht geregelt werden. Die Kirche dürfe nicht nur auf rechtliche Normen verweisen, sondern müsse auch das Gewissen der einzelnen achten und tolerieren. Die überlieferte Lehre von Epikie und Aequitas canonica könnten moraltheologisch bzw. juridisch eine Entscheidung des Gewissens, die von der allgemeinen Norm abweicht, rechtfertigen. Vor allem in der Frage des Sakramentenempfangs solle die Kirche hier Schritte setzen und den betroffenen Gläubigen nicht nur Verbote vorhalten.

Die beiden Beiträge von Prof. Marcuzzi und Prof. Rodríguez Luño werfen Licht auf diese komplexe Problematik. Dabei sind drei Fragenbereiche deutlich voneinander zu unterscheiden:

a) Epikie und Aequitas canonica sind im Bereich menschlicher und rein kirchlicher Normen von großer Bedeutung, können aber nicht im Bereich von Normen angewandt werden, über die die Kirche keine Verfügungsgewalt hat. Die Unauflöslichkeit der Ehe ist eine dieser Normen, die auf den Herrn selbst zurückgehen und daher als Normen göttlichen Rechts bezeichnet werden. Die Kirche kann auch nicht pastorale Praktiken – etwa in der Sakramentenpastoral – gutheißen, die dem eindeutigen Gebot des Herrn widersprechen. Mit anderen Worten: Wenn die vorausgehende Ehe von wiederverheirateten geschiedenen Gläubigen gültig war, kann ihre neue Verbindung unter keinen Umständen als rechtmäßig betrachtet werden, daher ist ein Sakramentenempfang aus inneren Gründen nicht möglich. Das Gewissen des einzelnen ist ausnahmslos an diese Norm gebunden.[3]

b) Die Kirche hat indes die Vollmacht zu klären, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit eine Ehe als unauflöslich im Sinne Jesu betrachtet werden kann. Auf der Linie der paulinischen Aussagen in 1 Kor 7 legte sie fest, daß nur zwei Christen eine sakramentale Ehe schließen können. Sie entwickelte die Rechtsfiguren des Privilegium Paulinum und desPrivilegium Petrinum. Mit Rückgriff auf die porneia-Klauseln bei Matthäus und in Apg15,20 wurden Ehehindernisse formuliert. Zudem wurden Ehenichtigkeitsgründe immer klarer erkannt und das Prozeßverfahren ausführlicher entwickelt. All dies trug dazu bei, den Begriff der unauflöslichen Ehe einzugrenzen und zu präzisieren. Man kann sagen, daß auf diese Weise auch in der Westkirche dem Prinzip der oikonomia Raum gegeben wurde, allerdings ohne die Unauflöslichkeit der Ehe als solche anzutasten. Auf dieser Linie liegt auch die rechtliche Weiterentwicklung im Codex Iuris Canonici von 1983, gemäß der auch den Erklärungen der Parteien Beweiskraft zukommt. An sich scheinen damit nach Ansicht kompetenter Fachleute die Fälle praktisch ausgeschlossen, in denen eine ungültige Ehe auf dem prozessualen Weg nicht als solche nachweisbar ist. Weil die Ehe wesentlich öffentlich-kirchlichen Charakter hat und der Grundsatz gilt Nemo iudex in propria causa (Niemand ist Richter in eigener Sache), müssen Eheangelegenheiten im Forum externum gelöst werden. Wenn wiederverheiratete geschiedene Gläubige meinen, daß ihre frühere Ehe nicht gültig war, sind sie demnach verpflichtet, sich an das zuständige Ehegericht zu wenden, das die Frage objektiv und unter Anwendung aller rechtlich verfügbaren Möglichkeiten zu prüfen hat.

c) Freilich ist nicht ausgeschlossen, daß bei Eheprozessen Fehler unterlaufen. In einigen Teilen der Kirche gibt es noch keine gut funktionierenden Ehegerichte. Manchmal dauern die Prozesse ungebührlich lange. Hin und wieder enden sie mit fragwürdigen Entscheidungen. Hier scheint im Forum internum die Anwendung der Epikie nicht von vorne herein ausgeschlossen. Im Schreiben der Glaubenskongregation von 1994 ist dies angedeutet, wenn gesagt wird, daß durch die kirchenrechtlichen Neuerungen Abweichungen der gerichtlichen Urteile von der objektiven Wahrheit „so weit wie möglich“ ausgeschlossen werden sollen (vgl. Nr. 9). Manche Theologen sind der Auffassung, daß sich die Gläubigen auch im Forum internum an ihrer Meinung nach falsche gerichtliche Urteile zu halten haben. Andere meinen, daß hier im Forum internum Ausnahmen denkbar sind, weil es in der Prozeßordnung nicht um Normen göttlichen Rechts, sondern um Normen kirchlichen Rechts geht. Diese Frage bedarf aber weiterer Studien und Klärungen. Freilich müßten die Bedingungen für das Geltendmachen einer Ausnahme sehr genau geklärt werden, um Willkür auszuschließen und den – dem subjektiven Urteil entzogenen – öffentlichen Charakter der Ehe zu schützen.

 

4. Manche werfen dem aktuellen Lehramt vor, die Lehrentwicklung des Konzils wieder rückgängig zu machen und eine vorkonziliare Eheauffassung zu vertreten.

Einige Theologen behaupten, an der Basis der neueren lehramtlichen Dokumente über Ehefragen stehe eine naturalistische, legalistische Auffassung der Ehe. Das Augenmerk werde dabei auf den Vertrag zwischen den Ehegatten und das ius in corpus gelegt. Das Konzil habe dieses statische Verständnis überwunden und die Ehe in mehr personalistischer Weise als Bund der Liebe und des Lebens beschrieben. So habe es Möglichkeiten eröffnet, schwierige Situationen menschlicher zu lösen. Auf dieser Linie weiterdenkend, stellen einzelne Forscher die Frage, ob man nicht auch vom Tod der Ehe sprechen könne, wenn das personale Band der Liebe zwischen den Ehegatten nicht mehr existiere. Andere werfen die alte Frage auf, ob der Papst in solchen Fällen nicht die Möglichkeit der Eheauflösung habe.

Wer allerdings die neueren kirchlichen Verlautbarungen aufmerksam liest, wird erkennen, daß sie in den zentralen Aussagen auf Gaudium et spes aufbauen und die darin enthaltene Lehre auf der vom Konzil gezogenen Spur in durchaus personalistischen Zügen weiterentwickeln. Es ist aber unangemessen, zwischen der personalistischen und der juridischen Sichtweise der Ehe einen Gegensatz aufzurichten. Das Konzil hat nicht mit der traditionellen Eheauffassung gebrochen, sondern sie weiterentfaltet. Wenn zum Beispiel immer wieder darauf hingewiesen wird, daß das Konzil den streng rechtlichen Begriff des Vertrags durch den weiträumigeren und theologisch tieferen Begriff Bund ersetzt hat, darf dabei nicht vergessen werden, daß auch im Bund das Element des Vertrags enthalten und freilich in eine größere Perspektive gestellt ist. Daß Ehe weit über das bloß Rechtliche in die Tiefe des Menschlichen und ins Geheimnis des Göttlichen hineinreicht, ist zwar immer schon mit dem Wort Sakrament ausgesagt, aber doch oft nicht mit der Deutlichkeit bedacht worden, die das Konzil diesen Aspekten gewidmet hat. Das Recht ist nicht das Ganze, aber ein unverzichtbarer Teil, eine Dimension des Ganzen. Ehe ohne rechtliche Normierung, die sie ins ganze Gefüge von Gesellschaft und Kirche einordnet, gibt es nicht. Wenn die Neuordnung des Rechts nach dem Konzil auch den Bereich der Ehe umgreift, so ist dies nicht Verrat am Konzil, sondern Durchführung seines Auftrags.

Wenn die Kirche die Theorie annehmen würde, daß eine Ehe tot ist, wenn die beiden Gatten sich nicht mehr lieben, dann würde sie damit die Ehescheidung gutheißen und die Unauflöslichkeit der Ehe nur noch verbal, aber nicht mehr faktisch vertreten. Die Auffassung, der Papst könne eine sakramentale, vollzogene Ehe, die unwiderruflich zerbrochen ist, eventuell auflösen, muß deshalb als irrig bezeichnet werden. Eine solche Ehe kann von niemandem gelöst werden. Die Eheleute versprechen sich bei der Hochzeit die Treue bis zum Tod.

Weiterer gründlicher Studien bedarf allerdings die Frage, ob ungläubige Christen – Getaufte, die nicht oder nicht mehr an Gott glauben – wirklich eine sakramentale Ehe schließen können. Mit anderen Worten: Es ist zu klären, ob wirklich jede Ehe zwischen zwei Getauftenipso facto eine sakramentale Ehe ist. In der Tat weist auch der Kodex darauf hin, daß nur der gültige Ehevertrag zwischen Getauften zugleich Sakrament ist (Vgl. CIC, can. 1055 § 2). Zum Wesen des Sakraments gehört der Glaube; es bleibt die rechtliche Frage zu klären, welche Eindeutigkeit von Unglaube dazu führt, daß ein Sakrament nicht zustande kommt.[4]

5. Viele behaupten, daß die Haltung der Kirche zur Frage der geschiedenen wiederverheirateten Gläubigen einseitig normativ und nicht pastoral ist.

Eine Reihe von kritischen Einwänden gegen die kirchliche Lehre und Praxis betrifft Fragen pastoraler Art. Man sagt etwa, daß die Sprache der kirchlichen Dokumente zu legalistisch sei, daß die Härte des Gesetzes über dem Verständnis für dramatische menschliche Situationen stehe. Eine solche Sprache könne der Mensch von heute nicht mehr verstehen. Jesus habe ein offenes Ohr für die Nöte aller Menschen gehabt, besonders für jene am Rande der Gesellschaft. Die Kirche hingegen zeige sich eher als Richterin, die verwundete Menschen von den Sakramenten und bestimmten öffentlichen Diensten ausschließt.

Man kann ohne weiteres zugeben, daß die Ausdrucksform des kirchlichen Lehramtes manchmal nicht gerade leicht verständlich erscheint. Diese muß von den Predigern und Katecheten in eine Sprache übersetzt werden, die den Menschen und ihrer jeweiligen kulturellen Umwelt gerecht wird. Der wesentliche Inhalt der kirchlichen Lehre muß dabei allerdings gewahrt bleiben. Er darf nicht aus angeblich pastoralen Gründen verwässert werden, weil er die geoffenbarte Wahrheit wiedergibt. Gewiß ist es schwierig, dem säkularisierten Menschen die Forderungen des Evangeliums verständlich zu machen. Aber diese pastorale Schwierigkeit darf nicht zu Kompromissen mit der Wahrheit führen. Johannes Paul II. hat in der Enzyklika Veritatis splendor sogenannte pastorale Lösungen, die im Gegensatz zu lehramtlichen Erklärungen stehen, eindeutig zurückgewiesen (vgl. ebd. 56).

Was die Position des Lehramts zur Frage der wiederverheirateten geschiedenen Gläubigen anbelangt, muß zudem betont werden, daß die neueren Dokumente der Kirche in sehr ausgewogener Weise die Forderungen der Wahrheit mit jenen der Liebe verbinden. Wenn früher bei der Darlegung der Wahrheit vielleicht gelegentlich die Liebe zu wenig aufleuchtete, so ist heute die Gefahr groß, im Namen der Liebe die Wahrheit zu verschweigen oder zu kompromittieren. Sicherlich kann das Wort der Wahrheit weh tun und unbequem sein. Aber es ist der Weg zur Heilung, zum Frieden, zur inneren Freiheit. Eine Pastoral, die den betroffenen Menschen wirklich helfen will, muß immer in der Wahrheit gründen. Nur das Wahre kann letzten Endes auch pastoral sein. „Dann werdet ihr die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch befreien“ (Joh 8,32).

 


[1] Bei diesem Text handelt es sich um eine deutsche Übersetzung des dritten Teils der Einleitung von Kardinal Joseph Ratzinger zum Band 17 der von der Glaubenskongregation veröffentlichten Reihe „Documenti e Studi“: Sulla pastorale dei divorziati risposati. Documenti, commenti e studi, Città del Vaticano 1998, 20-29. Die Fußnoten wurden hinzugefügt.

[2] Vgl. Angel Rodríguez Luño, L’epicheia nella cura pastorale dei fedeli divorziati risposati, ebd., 75-87; Piero Giorgio Marcuzzi, S.D.B., Applicazione di “aequitas et epikeia” ai contenuti della Lettera della Congregazione per la Dottrina della Fede del 14 settembre 1994, ebd., 88-98; Gilles Pelland, S.J., La pratica della Chiesa antica relativa ai fedeli divorziati risposati, ebd., 99-131.

[3] Dabei gilt, was Johannes Paul II. im Apostolischen Schreiben Familiaris consortio, Nr. 84 bekräftigt hat: „Die Wiederversöhnung im Sakrament der Buße, das den Weg zum Sakrament der Eucharistie öffnet, kann nur denen gewährt werden, welche die Verletzung des Zeichens des Bundes mit Christus und der Treue zu ihm bereut und die aufrichtige Bereitschaft zu einem Leben haben, das nicht mehr im Widerspruch zur Unauflöslichkeit der Ehe steht. Das heißt konkret, daß, wenn die beiden Partner aus ernsthaften Gründen – zum Beispiel wegen der Erziehung der Kinder – der Verpflichtung zur Trennung nicht nachkommen können, sie sich verpflichten, völlig enthaltsam zu leben, das heißt, sich der Akte zu enthalten, welche Eheleuten vorbehalten sind.“ Vgl. auch Benedikt XVI., Apostolisches Schreiben Sacramentum caritatis, Nr. 29.

[4] Bei einer Begegnung mit dem Klerus von Aosta am 25. Juli 2005 sagte Papst Benedikt XVI. zu dieser schwierigen Frage: „Besonders schmerzlich würde ich die Situation derer nennen, die kirchlich verheiratet, aber nicht wirklich gläubig waren und es aus Tradition taten, sich aber dann in einer neuen nichtgültigen Ehe bekehren, zum Glauben finden und sich vom Sakrament ausgeschlossen fühlen. Das ist wirklich ein großes Leid, und als Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre lud ich verschiedene Bischofskonferenzen und Spezialisten ein, dieses Problem zu untersuchen: ein ohne Glauben gefeiertes Sakrament. Ich wage nicht zu sagen, ob man hier tatsächlich ein Moment der Ungültigkeit finden kann, weil dem Sakrament eine grundlegende Dimension gefehlt hat. Ich persönlich dachte es, aber aus den Debatten, die wir hatten, verstand ich, daß es ein sehr schwieriges Problem ist und daß es noch vertieft werden muß.“

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Quelle

Zur Unauflöslichkeit der Ehe und der Debatte um die zivil Wiederverheirateten und die Sakramente

Gerhard-Ludwig-Mueller-Kardinal

Von Erzbischof Gerhard Ludwig Müller

Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre

 

Die Diskussion über die Problematik der Gläubigen, die nach einer Scheidung eine neue zivile Verbindung eingegangen sind, ist nicht neu. Von der Kirche wurde sie immer mit großem Ernst und in helfender Absicht für die betroffenen Menschen geführt. Denn die Ehe ist ein besonders tief in die persönlichen, sozialen und geschichtlichen Gegebenheiten eines Menschen hinabreichendes Sakrament. Aufgrund der zunehmenden Zahl der Betroffenen in Ländern alter christlicher Tradition handelt es sich um ein pastorales Problem von großer Tragweite. Heute fragen sich durchaus gläubige Menschen ernsthaft: Kann die Kirche die wiederverheirateten geschiedenen Gläubigen nicht unter bestimmten Bedingungen zu den Sakramenten zulassen? Sind ihr in dieser Angelegenheit für immer die Hände gebunden? Haben die Theologen wirklich schon alle diesbezügliche Implikationen und Konsequenzen frei gelegt?

Diese Fragen müssen im Einklang mit der katholischen Lehre über die Ehe erörtert werden. Eine verantwortungsvolle Pastoral setzt eine Theologie voraus, die sich „dem sich offenbarenden Gott mit Verstand und Willen voll unterwirft und seiner Offenbarung willig zustimmt“ (II. Vatikanisches Konzil, Konstitution Dei verbum, Nr. 5). Um die authentische Lehre der Kirche verständlich zu machen, müssen wir vom Wort Gottes ausgehen, das in der Heiligen Schrift enthalten, in der kirchlichen Tradition ausgelegt und vom Lehramt verbindlich interpretiert wird.

Das Zeugnis der Heiligen Schrift

Es ist nicht unproblematisch, unsere Frage unvermittelt in das Alte Testament hineinzutragen, weil damals die Ehe noch nicht als Sakrament betrachtet wurde. Das Wort Gottes im Alten Bund ist aber insofern für uns von Bedeutung, als Jesus in dieser Tradition steht und von ihr her argumentiert. Im Dekalog steht das Gebot „Du sollst nicht die Ehe brechen!“ (Ex 20,14), an anderer Stelle wird eine Ehescheidung aber als möglich angesehen. Mose bestimmt nach Dtn 24,1-4, dass ein Mann seiner Frau eine Scheidungsurkunde ausstellen und sie aus seinem Haus entlassen kann, wenn sie nicht mehr sein Wohlgefallen findet. Im Anschluss daran können Mann und Frau eine neue Ehe eingehen. Neben dem Zugeständnis der Scheidung findet sich im Alten Testament aber auch ein gewisses Unbehagen gegenüber dieser Praxis. Wie das Ideal der Monogamie, so ist auch das Ideal der Unauflöslichkeit in dem Vergleich enthalten, den die Propheten zwischen dem Bund Jahwes mit Israel und dem Ehebund anstellen. Der Prophet Maleachi bringt dies deutlich zum Ausdruck: „Handle nicht treulos an der Frau deiner Jugend…, mit der du einen Bund geschlossen hast“ (Mal 2,14-15).

Vor allem Kontroversen mit den Pharisäern waren für Jesus Anlass, sich mit dem Thema auseinander zu setzen. Er distanzierte sich ausdrücklich von der alttestamentlichen Scheidungspraxis, die Mose gestattet hatte, weil die Menschen „so hartherzig“ waren, und verwies auf den ursprünglichen Willen Gottes: „Am Anfang der Schöpfung… hat Gott sie als Mann und Frau geschaffen. Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen, und die zwei werden ein Fleisch sein. Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen“ (Mk 10,5-9; vgl. Mt 19,4-9; Lk 16,18). Die katholische Kirche hat sich in Lehre und Praxis stets auf diese Worte Jesu über die Unauflöslichkeit der Ehe bezogen. Das Band, das die beiden Ehepartner innerlich miteinander verbindet, ist von Gott selbst gestiftet. Es bezeichnet eine Wirklichkeit, die von Gott kommt und deshalb nicht mehr in der Verfügung der Menschen steht.

Heute meinen einige Exegeten, diese Herrenworte seien schon in apostolischer Zeit mit einer gewissen Flexibilität angewandt worden: und zwar bei porneia/Unzucht (vgl. Mt 5,32; 19,9) und im Fall der Trennung zwischen einem christlichen und einem nicht christlichen Partner (vgl. 1 Kor 7,12-15). Die Unzuchtsklauseln wurden freilich in der Exegese von Anfang an kontrovers diskutiert. Viele sind der Überzeugung, dass es sich dabei nicht um Ausnahmen von der Unauflöslichkeit der Ehe, sondern um ungültige eheliche Verbindungen handle. Jedenfalls kann die Kirche ihre Lehre und Praxis nicht auf umstrittene exegetische Hypothesen aufbauen. Sie muss sich an die klare Lehre Christi halten.

Paulus verkündet das Verbot der Scheidung als ausdrücklichen Willen Christi: „Den Verheirateten gebiete nicht ich, sondern der Herr: Die Frau soll sich vom Mann nicht trennen – wenn sie sich aber trennt, so bleibe sie unverheiratet oder versöhne sich wieder mit dem Mann –, und der Mann darf die Frau nicht verstoßen“ (1 Kor 7,10-11). Zugleich lässt er auf Grund eigener Autorität zu, dass sich ein Nichtchrist von seinem christlich gewordenen Partner trennen kann. In diesem Fall ist der Christ „nicht gebunden“, unverheiratet zu bleiben (1 Kor 7,12-16). Ausgehend von dieser Stelle erkannte die Kirche, dass nur die Ehe zwischen einem getauften Mann und einer getauften Frau  Sakrament im eigentlichen Sinn ist und nur für diese die unbedingte Unauflöslichkeit gilt. Die Ehe von Ungetauften ist zwar auf die Unauflöslichkeit hingeordnet, kann aber unter Umständen – eines höheren Gutes wegen – aufgelöst werden (Privilegium Paulinum). Es handelt sich hier also nicht um eine Ausnahme vom Herrenwort. Die Unauflöslichkeit der sakramentalen Ehe, der Ehe im Raum des Christusmysteriums, bleibt gewahrt.

Von großer Bedeutung für die biblische Grundlegung des sakramentalen Eheverständnisses ist der Epheserbrief, in dem es heißt: „Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie Christus die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben hat“ (Eph 5,25). Und etwas weiter schreibt der Apostel: „Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden, und die zwei werden ein Fleisch sein. Dies ist ein tiefes Geheimnis; ich beziehe es auf Christus und die Kirche“ (Eph 5,31-32). Die christliche Ehe ist ein wirksames Zeichen des Bundes zwischen Christus und der Kirche. Weil sie die Gnade dieses Bundes bezeichnet und mitteilt, ist die Ehe zwischen Getauften ein Sakrament.

Das Zeugnis der kirchlichen Tradition

Für die Herausbildung der kirchlichen Position bilden sodann die Kirchenväter und die Konzilien wichtige Zeugnisse. Für die Väter sind die biblischen Weisungen bindend. Sie lehnen die staatlichen Ehescheidungsgesetze als mit der Forderung Jesu unvereinbar ab. Die Kirche der Väter hat Ehescheidung und Wiederheirat zurückgewiesen, und zwar aus Gehorsam gegenüber dem Evangelium. In dieser Frage ist das Zeugnis der Väter eindeutig.

In der Väterzeit wurden geschiedene Gläubige, die zivil wieder geheiratet haben, auch nicht nach einer Bußzeit zu den Sakramenten zugelassen. Einige Vätertexte lassen wohl erkennen, dass Missbräuche nicht immer rigoros zurückgewiesen wurden und hin und wieder für sehr seltene Grenzfälle pastorale Lösungen gesucht wurden.

In manchen Gegenden kam es später, vor allem aufgrund der zunehmenden Verflechtung von Staat und Kirche, zu größeren Kompromissen. Im Osten setzte sich diese Entwicklung weiter fort und führte, besonders nach der Trennung von der Cathedra Petri, zu einer immer liberaleren Praxis. Heute gibt es in den orthodoxen Kirchen eine Vielzahl von Scheidungsgründen, die zumeist mit dem Verweis auf die Oikonomia, die pastorale Nachsicht in schwierigen Einzelfällen, gerechtfertigt werden, und den Weg zu einer Zweit- und Drittehe mit Bußcharakter öffnen. Mit dem Willen Gottes, wie er in den Worten Jesu über die Unauflöslichkeit der Ehe eindeutig zum Ausdruck kommt, ist diese Praxis nicht zu vereinbaren. Sie stellt jedoch ein nicht zu unterschätzendes ökumenisches Problem dar.

Im Westen wirkte die Gregorianische Reform den Liberalisierungstendenzen entgegen und stellte die ursprüngliche Auffassung der Schrift und der Väter wieder her. Die katholische Kirche hat die absolute Unauflöslichkeit der Ehe selbst um den Preis großer Opfer und Leiden verteidigt. Das Schisma einer vom Nachfolger Petri abgelösten „Kirche von England“ erfolgte nicht aufgrund von Lehrdifferenzen, sondern weil der Papst dem Drängen von König Heinrich VIII. nach Auflösung seiner Ehe aus Gehorsam gegenüber dem Wort Jesu nicht nachkommen konnte.

Das Konzil von Trient hat die Lehre von der Unauflöslichkeit der sakramentalen Ehe bestätigt und erklärt, dass diese der Lehre des Evangeliums entspricht (vgl. DH 1807). Manchmal wird behauptet, dass die Kirche die orientalische Praxis faktisch toleriert habe. Das trifft aber nicht zu. Die Kanonisten sprachen immer wieder von einer missbräuchlichen Praxis. Und es gibt Zeugnisse, dass Gruppen orthodoxer Christen, die katholisch wurden, ein Glaubensbekenntnis mit einem ausdrücklichen Verweis auf die Unmöglichkeit von Zweit- und Drittehen zu unterzeichnen hatten.

Das Zweite Vatikanische Konzil hat in der Pastoralkonstitution Gaudium et spes über die „Kirche in der Welt von heute“ eine theologisch und spirituell tiefe Lehre über die Ehe vorgelegt. Es hält klar und deutlich an der Unauflöslichkeit der Ehe fest. Die Ehe wird verstanden als umfassende leib-geistige Lebens- und Liebesgemeinschaft von Mann und Frau, die sich gegenseitig als Personen schenken und annehmen. Durch den personal freien Akt des wechselseitigen Ja-Wortes wird eine nach göttlicher Ordnung feste Institution begründet, die auf das Wohl der Gatten und der Nachkommenschaft hingeordnet ist und nicht mehr menschlicher Willkür unterliegt: „Diese innige Vereinigung als gegenseitiges Sich-Schenken zweier Personen wie auch das Wohl der Kinder verlangen die unbedingte Treue der Gatten und fordern ihre unauflösliche Einheit“ (Nr. 48). Durch das Sakrament schenkt Gott den Gatten eine besondere Gnade: „Wie nämlich Gott einst durch den Bund der Liebe und Treue seinem Volk entgegenkam, so begegnet nun der Erlöser der Menschen und der Bräutigam der Kirche durch das Sakrament der Ehe den christlichen Gatten. Er bleibt fernerhin bei ihnen, damit die Gatten sich in gegenseitiger Hingabe und ständiger Treue lieben, so wie er selbst die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben hat“ (ebd.). Durch das Sakrament enthält die Unauflöslichkeit der Ehe einen neuen, tieferen Sinn: Sie wird zum Bild der beständigen Liebe Gottes zu seinem Volk und der unwiderruflichen Treue Christi zu seiner Kirche.

Man kann die Ehe nur im Kontext des Christusmysteriums als Sakrament verstehen und leben. Wenn man die Ehe säkularisiert oder als bloß natürliche Wirklichkeit betrachtet, bleibt der Zugang zur Sakramentalität verborgen. Die sakramentale Ehe gehört der Ordnung der Gnade an, sie ist hinein genommen in die endgültige Liebesgemeinschaft Christi mit seiner Kirche. Christen sind gerufen, ihre Ehe im eschatologischen Horizont der Ankunft des Reiches Gottes in Jesus Christus, dem Fleisch gewordenen Wort Gottes, zu leben.

Das Zeugnis des Lehramts in der Gegenwart

Das bis heute grundlegende Apostolische Schreiben Familiaris consortio, das Johannes Paul II. am 22. November 1981 im Anschluss an die Bischofssynode über die christliche Familie in der Welt von heute veröffentlichte, bestätigt nachdrücklich die dogmatische Ehelehre der Kirche. Es bemüht sich aber pastoral auch in der Sorge um die  zivil wiederverheirateten Gläubigen, die in einer kirchlich gültigen Ehe noch gebunden sind.   Der Papst zeigt ein hohes Maß an Sorge und Zuwendung. Die Nr. 84 „Wiederverheiratet Geschiedene“ enthält folgende Grundaussagen:

  1. Die Seelsorger sind aus Liebe zur Wahrheit verpflichtet, „die verschiedenen Situationen gut zu unterscheiden“. Man darf nicht alles und alle gleich bewerten.
  2. Die Seelsorger und die Gemeinden sind gehalten, den betroffenen Gläubigen in „fürsorgender Liebe“ beizustehen. Auch sie gehören zur Kirche, haben Anspruch auf Seelsorge und sollen am Leben der Kirche teilnehmen.
  3. Die Zulassung zur Eucharistie kann ihnen allerdings nicht gewährt werden. Dafür wird ein doppelter Grund genannt:
  4. a) „ihr Lebensstand und ihre Lebensverhältnisse stehen in objektivem Widerspruch zu jenem Bund der Liebe zwischen Christus und der Kirche, den die Eucharistie sichtbar und gegenwärtig macht“;
  5. b) „ließe man solche Menschen zur Eucharistie zu, bewirkte dies bei den Gläubigen hinsichtlich der Lehre der Kirche über die Unauflöslichkeit der Ehe Irrtum und Verwirrung“. Eine Versöhnung im Bußsakrament, die den Weg zum Eucharistieempfang öffnet, kann es nur geben bei Reue über das Geschehene und „Bereitschaft zu einem Leben, das nicht mehr im Widerspruch zur Unauflöslichkeit der Ehe steht“. Das heißt konkret: Wenn die neue Verbindung aus ernsthaften Gründen, etwa wegen der Erziehung der Kinder, nicht gelöst werden kann, müssen sich die beiden Partner „verpflichten, völlig enthaltsam zu leben“.
  6. Den Geistlichen wird aus inner sakramententheologischen und nicht  aus legalistischen Zwang ausdrücklich verboten, für Geschiedene, die zivil wieder heiraten, „irgendwelche liturgische Handlungen vorzunehmen“, solange eben die erste sakramental gültige Ehe noch besteht..

Das Schreiben der Glaubenskongregation über den Kommunionempfang von wiederverheirateten geschiedenen Gläubigen vom 14. September 1994 bekräftigt, dass die Praxis der Kirche in dieser Frage „nicht aufgrund der verschiedenen Situationen modifiziert werden kann“ (Nr. 5). Zudem stellt es klar, dass die betroffenen Gläubigen nicht auf der Basis ihrer eigenen Gewissensüberzeugung zur heiligen Kommunion hinzutreten dürfen: „Im Falle, dass sie dies für möglich hielten, haben die Hirten und Beichtväter… die ernste Pflicht, sie zu ermahnen, dass ein solches Gewissensurteil in offenem Gegensatz zur Lehre der Kirche steht“ (Nr. 6). Falls Zweifel über die Gültigkeit einer zerbrochenen Ehe bestehen, müssen diese durch die dafür kompetenten Ehegerichte überprüft werden (vgl. Nr. 9). Von fundamentaler Bedeutung bleibt, „in fürsorgender Liebe alles zu tun, was die Gläubigen, die sich in einer irregulären ehelichen Situation befinden, in der Liebe zu Christus und zur Kirche bestärken kann. Nur so wird es ihnen möglich sein, die Botschaft von der christlichen Ehe uneingeschränkt anzuerkennen und die Not ihrer Situation aus dem Glauben zu bestehen. Die Pastoral wird alle Kräfte einsetzen müssen, um glaubhaft zu machen, dass es nicht um Diskriminierung geht, sondern einzig um uneingeschränkte Treue zum Willen Christi, der uns die Unauflöslichkeit der Ehe als Gabe des Schöpfers zurückgegeben und neu anvertraut hat“ (Nr. 10).

In dem nachsynodalen Apostolischen Schreiben Sacramentum caritatis vom 22. Februar 2007 fasst Benedikt XVI. die Arbeit der vorausgegangenen Bischofssynode zum Thema der Eucharistie zusammen und führt sie weiter fort. In Nr. 29 kommt er auf die Situation der wiederverheirateten geschiedenen Gläubigen zu sprechen. Auch für Benedikt XVI. handelt es sich hierbei um ein „dornenreiches und kompliziertes pastorales Problem“. Er bekräftigt „die auf die Heilige Schrift (vgl. Mk 10,2-12) gegründete Praxis der Kirche, zivil wiederverheiratete Geschiedene nicht zu den Sakramenten zuzulassen“, beschwört aber die Seelsorger geradezu, den Betroffenen „spezielle Aufmerksamkeit“ zu widmen: „in dem Wunsch, dass sie so weit als möglich einen christlichen Lebensstil pflegen durch die Teilnahme an der heiligen Messe, wenn auch ohne Kommunionempfang, das Hören des Wortes Gottes, die eucharistische Anbetung, das Gebet, die Teilnahme am Gemeindeleben, das vertrauensvolle Gespräch mit einem Priester oder einem geistlichen Führer, hingebungsvoll geübte Nächstenliebe, Werke der Buße und den Einsatz in der Erziehung der Kinder“. Wenn Zweifel an der Gültigkeit der in Brüche gegangenen ehelichen Lebensgemeinschaft bestehen, sind diese von den zuständigen Ehegerichten sorgsam zu prüfen. Die heutige Mentalität steht dem christlichen Eheverständnis, etwa bezüglich der Unauflöslichkeit der Ehe oder der Offenheit für Kinder, weithin entgegen. Weil viele Christen davon beeinflusst werden, sind in unseren Tagen Ehen wahrscheinlich häufiger ungültig als früher, weil es am Ehewillen im Sinn der katholischen Ehelehre mangelt und die Sozialisation im gelebten Raum des Glaubens zu gering ist. Darum ist eine Überprüfung der Gültigkeit der Ehe wichtig und kann  zu einer Lösung von Problemen führen. Wo eine Ehenichtigkeit nicht festgestellt werden kann, setzen die Lossprechung und der Kommunionempfang gemäß der bewährten kirchlichen Praxis ein Zusammenleben „als Freunde, wie Bruder und Schwester“ voraus. Segnungen von irregulären Verbindungen sind „in jedem Fall zu vermeiden…, damit unter den Gläubigen keine Verwirrungen in Bezug auf den Wert der Ehe aufkommen“. Die Segnung (bene-dictio: Gutheißung von Gott her) einer Beziehung, die dem Willen Gottes entgegensteht, ist ein Widerspruch in sich.

In seiner Predigt beim VII. Weltfamilientreffen in Mailand am 3. Juni 2012 kam Benedikt XVI. wiederum auf dieses schmerzliche Problem zu sprechen: „Ein Wort möchte ich auch den Gläubigen widmen, die zwar die Lehre der Kirche über die Familie teilen, jedoch von schmerzlichen Erfahrungen des Scheiterns und der Trennung gezeichnet sind. Ihr sollt wissen, dass der Papst und die Kirche euch in eurer Not unterstützen. Ich ermutige euch, mit euren Gemeinden verbunden zu bleiben, und wünsche mir zugleich, dass die Diözesen geeignete Initiativen ergreifen, um euch aufzunehmen und Nähe zu vermitteln“.

Die letzte Bischofssynode zum Thema „Die neue Evangelisierung für die Weitergabe des christlichen Glaubens“ (7. – 28. Oktober 2012) hat sich erneut mit der Situation der Gläubigen beschäftigt, die nach dem Scheitern einer ehelichen Lebensgemeinschaft (nicht dem Scheitern der Ehe, die als Sakrament bestehen bleibt) eine neue Verbindung eingegangen sind und ohne sakramentales Eheband zusammenleben. In der Schlussbotschaft wandten sich die Synodenväter mit folgenden Worten an die betroffenen Gläubigen: „Allen jenen möchten wir sagen, dass die Liebe des Herrn niemand allein lässt, dass auch die Kirche sie liebt und ein einladendes Haus für alle ist, und dass sie Glieder der Kirche bleiben, auch wenn sie die sakramentale Lossprechung und die Eucharistie nicht empfangen können. Die katholischen Gemeinschaften mögen gastfreundlich gegenüber all jenen sein, die in einer solchen Situation leben, und Wege der Versöhnung unterstützen“.

Anthropologische und sakramententheologische Erwägungen

Die Lehre über die Unauflöslichkeit der Ehe stößt in einer säkularisierten Umwelt häufig auf Unverständnis. Wo die Grundeinsichten des christlichen Glaubens verloren gegangen sind, vermag eine bloß konventionelle Zugehörigkeit zur Kirche wichtige Lebensentscheidungen nicht mehr zu tragen und in Krisen im Ehestand – wie auch im Priester- und Ordensleben – keinen Halt mehr zu bieten. Viele fragen sich: Wie kann ich mich für das ganze Leben an eine einzige Frau bzw. an einen einzigen Mann binden? Wer kann mir sagen, wie es mir in zehn, zwanzig, dreißig, vierzig Jahren in der Ehe gehen wird? Ist eine endgültige Bindung an eine einzelne Person überhaupt möglich? Die vielen ehelichen Gemeinschaften, die heute zerbrechen, verstärken die Skepsis der Jugend gegenüber definitiven Lebensentscheidungen.

Andererseits hat das in der Schöpfungsordnung begründete Ideal der Treue zwischen einem Mann und einer Frau nichts von seiner Faszination verloren, wie aus neueren Umfragen unter jungen Menschen hervorgeht. Die meisten von ihnen sehnen sich nach einer stabilen, dauerhaften Beziehung, wie sie auch der geistigen und sittlichen Natur des Menschen entspricht. Darüber hinaus ist an den anthropologischen Wert der unauflöslichen Ehe zu erinnern: Sie entzieht die Partner der Willkür und der Tyrannei der Gefühle und Stimmungen. Sie hilft ihnen, persönliche Schwierigkeiten durchzustehen und leidvolle Erfahrungen zu überwinden. Sie schützt vor allem die Kinder, die am Zerbrechen der Ehen am meisten zu leiden haben.

Die Liebe ist mehr als Gefühl und Instinkt. Sie ist ihrem Wesen nach Hingabe. In der ehelichen Liebe sagen zwei Menschen wissentlich und willentlich zueinander: nur du – und du für immer. Dem Wort des Herrn “Was Gott verbunden hat…“ entspricht das Versprechen der Brautleute: „Ich nehme dich an als meinen Mann… Ich nehme dich an als meine Frau… Ich will dich lieben, achten und ehren, solange ich lebe, bis der Tod uns scheidet.“ Der Priester segnet den Bund, den die Brautleute miteinander vor Gottes Angesicht geschlossen haben. Wer Zweifel hat, ob das Eheband von ontologischer Qualität ist, möge sich vom Wort Gottes belehren lassen: „Am Anfang hat Gott Mann und Frau geschaffen. Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden und die zwei werden ein Fleisch sein. Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins“ (Mt 19,4-6).

Für Christen gilt, dass die Ehe von Getauften, die in den Leib Christi eingegliedert sind, sakramentalen Charakter hat und damit eine übernatürliche Wirklichkeit darstellt. Ein ernstes pastorales Problem besteht darin, dass manche heute die christliche Ehe ausschließlich mit weltlichen und pragmatischen Kriterien beurteilen. Wer nach dem „Geist der Welt“ (1 Kor 2,12) denkt, kann die Sakramentalität der Ehe nicht begreifen. Dem wachsenden Unverständnis gegenüber der Heiligkeit der Ehe kann die Kirche nicht entsprechen durch pragmatische Anpassung an das vermeintlich Unausweichliche, sondern nur durch das Vertrauen auf „den Geist, der aus Gott stammt, damit wir erkennen, was uns von Gott geschenkt worden ist“ (1 Kor 2,12). Die sakramentale Ehe ist ein Zeugnis für die Macht der Gnade, die den Menschen verwandelt und die ganze Kirche vorbereitet für die heilige Stadt, das neue Jerusalem, die Kirche, die bereit ist „wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat“ (Offb 21,2). Das Evangelium von der Heiligkeit der Ehe ist in prophetischem Freimut zu verkünden. Ein müder Prophet sucht in der Anpassung an den Zeitgeist sein Heil, aber nicht das Heil der Welt in Jesus Christus. Die Treue zum Jawort der Ehe ist ein prophetisches Zeichen für das Heil, das Gott der Welt schenkt. „Wer es fassen kann, der fasse es!“ (Mt 19, 12). Durch die sakramentale Gnade wird die eheliche Liebe gereinigt, gestärkt und erhöht. „Diese Liebe, die auf gegenseitiger Treue gegründet und durch Christi Sakrament geheiligt ist, bedeutet unlösliche Treue, die in Glück und Unglück Leib und Seele umfasst und darum unvereinbar ist mit jedem Ehebruch und jeder Ehescheidung“ (Gaudium et spes, Nr. 49). Die Gatten haben kraft des Ehesakramentes an der endgültigen, unwiderruflichen Liebe Gottes teil. Sie können deshalb Zeugen der treuen Liebe Gottes sein, müssen ihre Liebe aber beständig nähren durch ein Leben aus dem Glauben und der Liebe.

Freilich gibt es Situationen – jeder Seelsorger weiß darum –, in denen das eheliche Beisammensein aus schwerwiegenden Gründen, etwa aufgrund von physischer oder psychischer Gewalt, praktisch unmöglich wird. In solchen Härtefällen hat die Kirche immer gestattet, dass sich die Gatten trennen und nicht länger zusammen wohnen. Dabei ist aber zu bedenken, dass das Eheband einer gültigen Ehe vor Gott weiterhin aufrecht bleibt und die einzelnen Partner nicht frei sind, eine neue Ehe zu schließen, solange der Ehepartner am Leben ist. Die Seelsorger und die christlichen Gemeinschaften müssen sich dafür einsetzen, Wege der Versöhnung auch in diesen Fällen zu fördern oder, falls dies nicht möglich ist, den betroffenen Menschen zu helfen, ihre schwierige Situation im Glauben zu bewältigen.

Moraltheologische Anmerkungen

Immer wieder wird vorgeschlagen, man soll wiederverheiratete Geschiedene selber in ihrem Gewissen entscheiden lassen, ob sie zur Kommunion hinzutreten oder nicht. Dieses Argument, dem ein problematischer Begriff von „Gewissen“ zugrunde liegt, wurde bereits im Schreiben der Glaubenskongregation von 1994 zurückgewiesen. Natürlich müssen sich die Gläubigen bei jeder Messfeier im Gewissen prüfen, ob ein Kommunionempfang möglich ist, dem eine schwere nicht gebeichtete Sünde immer entgegensteht. Sie haben dabei die Pflicht, ihr Gewissen zu bilden und an der Wahrheit auszurichten. Dabei hören sie auch auf das Lehramt der Kirche, das ihnen hilft, „nicht von der Wahrheit über das Gute des Menschen abzukommen, sondern, besonders in den schwierigeren Fragen, mit Sicherheit die Wahrheit zu erlangen und in ihr zu bleiben“ (Johannes Paul II., Enzyklika Veritatis splendor, Nr. 64). Wenn wiederverheiratete Geschiedene in ihrem Gewissen subjektiv der Überzeugung sind, dass eine vorausgehende Ehe nicht gültig war, muss dies objektiv durch die zuständigen Ehegerichte nachgewiesen werden. Die Ehe betrifft nämlich nicht nur die Beziehung zweier Menschen zu Gott, sie ist auch eine Wirklichkeit der Kirche, ein Sakrament, über dessen Gültigkeit nicht der einzelne für sich, sondern die Kirche entscheidet, in die er durch Glaube und Taufe eingegliedert ist. „Wenn die vorausgehende Ehe von wiederverheirateten geschiedenen Gläubigen gültig war, kann ihre neue Verbindung unter keinen Umständen als rechtmäßig betrachtet werden, daher ist ein Sakramentenempfang aus inneren Gründen nicht möglich. Das Gewissen des einzelnen ist ausnahmslos an diese Norm gebunden“ (Kardinal Joseph Ratzinger, Die Ehepastoral muss auf der Wahrheit gründen: L’Osservatore Romano. Wochenausgabe in deutscher Sprache, 9. Dezember 2011, S. 7).

Auch die Lehre von der Epikie, wonach ein Gesetz zwar allgemein gilt, aber das konkrete menschliche Handeln nicht immer angemessen abdeckt, kann hier nicht angewandt werden, weil es sich bei der Unauflöslichkeit der sakramentalen Ehe um eine göttliche Norm handelt, über die die Kirche keine Verfügungsgewalt hat. Die Kirche hat jedoch – auf der Linie des Privilegium Paulinum – die Vollmacht, zu klären, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit eine im Sinne Jesu unauflösliche Ehe zustande kommt. Sie hat, davon ausgehend, Ehehindernisse festgelegt, Gründe für die Ehenichtigkeit erkannt und ein ausführliches Prozessverfahren entwickelt.

Ein weiterer Vorschlag für die Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zu den Sakramenten plädiert mit dem Argument der Barmherzigkeit. Da Jesus sich selbst mit den Notleidenden solidarisiert und ihnen seine erbarmende Liebe geschenkt habe, sei die Barmherzigkeit ein besonderes Zeichen wahrer Nachfolge. Dies ist richtig, greift aber als sakramententheologisches Argument zu kurz. Denn die ganze sakramentale Ordnung ist ein Werk göttlicher Barmherzigkeit und kann nicht mit Berufung auf dieselbe aufgehoben werden. Durch die sachlich falsche Berufung auf die Barmherzigkeit besteht zudem die Gefahr einer Banalisierung des Gottesbildes, wonach Gott nichts anderes vermag, als zu verzeihen. Zum Geheimnis Gottes gehören neben der Barmherzigkeit auch seine Heiligkeit und Gerechtigkeit. Wenn man diese Eigenschaften Gottes unterschlägt und die Sünde nicht ernst nimmt, kann man den Menschen letztlich auch nicht seine Barmherzigkeit vermitteln. Jesus begegnete der Ehebrecherin mit großem Erbarmen, sagte ihr aber auch: „Geh und sündige von jetzt an nicht mehr“ (Joh 8,11). Die Barmherzigkeit Gottes ist keine Dispens von den Geboten Gottes und den Weisungen der Kirche. Sie verleiht vielmehr die Kraft der Gnade zu ihrer Erfüllung, zum Wiederaufstehen nach dem Fall und zu einem Leben in Vollkommenheit nach dem Bild des himmlischen Vaters.

Die pastorale Sorge

Auch wenn eine Zulassung von wiederverheirateten Geschiedenen zu den Sakramenten aus ihrer inneren Natur heraus nicht möglich ist, sind umso mehr die pastoralen Bemühungen um diese Gläubigen geboten, wobei diese auf die offenbarungstheologischen und lehramtlichen Vorgaben der Kirche verwiesen bleiben. Der von der Kirche aufgezeigte Weg ist für die Betroffenen nicht einfach. Sie dürfen aber wissen und spüren, dass die Kirche als Heilsgemeinschaft ihren Weg begleitet. Indem die Partner sich bemühen, die Praxis der Kirche zu verstehen und nicht zur Kommunion zu gehen, legen sie auf ihre Weise Zeugnis für die Unauflöslichkeit der Ehe ab.

Die Sorge um wiederverheiratete Geschiedene darf freilich nicht auf die Frage des Eucharistieempfangs reduziert werden. Es geht um eine umfassendere Pastoral, die versucht, den unterschiedlichen Situationen möglichst gerecht zu werden. Wichtig ist dabei, dass es außer der sakramentalen Kommunion noch andere Weisen der Gemeinschaft mit Gott gibt. Verbindung zu Gott gewinnt man, wenn man sich ihm in Glaube, Hoffnung und Liebe, in Reue und Gebet zuwendet. Gott kann den Menschen auf unterschiedlichen Wegen seine Nähe und sein Heil schenken, auch wenn sie sich in einer widersprüchlichen Lebenssituation befinden. Wie die neueren Dokumente des kirchlichen Lehramts durchgängig unterstreichen, sind die Seelsorger und die christlichen Gemeinden gerufen, die Menschen in irregulären Situationen offen und herzlich aufzunehmen, ihnen einfühlsam und helfend zur Seite zu stehen und sie die Liebe des Guten Hirten spüren zu lassen. Eine in Wahrheit und Liebe gründende Seelsorge wird dafür immer wieder neu die rechten Wege und Formen finden.

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Ansprache von BENEDIKT XVI. an die Teilnehmer der Vollversammlung der Kongregation für die Glaubenslehre

3566229846
Clementina-Saal
Freitag, 10. Februar 2006

Meine Herren Kardinäle,
verehrte Mitbrüder im Bischofs- und im Priesteramt,
liebe Brüder und Schwestern!

Es freut mich, die Kongregation für die Glaubenslehre am Schluß ihrer Vollversammlung zu empfangen. Ich hatte die Freude, ihr über 20 Jahre lang im Auftrag meines Vorgängers, des verehrten Papstes Johannes Paul II., vorzustehen. Eure Gesichter rufen mir auch die Gesichter derer in Erinnerung, die in diesen Jahren mit dem Dikasterium zusammengearbeitet haben. Ich denke an alle voll Dankbarkeit und Zuneigung. Denn ich kann nicht umhin, mit innerer Bewegung an diese so intensive und fruchtbringende Zeit zu denken, die ich in der Kongregation verbracht habe, der die Aufgabe zukommt, die Lehre über den Glauben und die Sitten in der ganzen katholischen Kirche zu fördern und zu schützen (vgl. Pastor Bonus, 48).

Im Leben der Kirche hat der Glaube eine grundlegende Bedeutung, denn das Geschenk, das Gott von sich selbst in der Offenbarung macht, ist grundlegend, und diese Selbsthingabe Gottes wird im Glauben angenommen. Hier wird die Bedeutung eurer Kongregation deutlich, die in ihrem Dienst an der ganzen Kirche und insbesondere an den Bischöfen, den Glaubenslehrern und Hirten, aufgerufen ist, im Geist der Kollegialität gerade die Zentralität des katholischen Glaubens in seinem authentischen Ausdruck zu fördern und ins Licht zu stellen. Wenn das Verständnis dieser Zentralität schwindet, verliert auch das Gefüge des kirchlichen Lebens seine ursprüngliche Lebendigkeit und verschleißt, weil es in einen sterilen Aktivismus verfällt oder auf eine Art politisches Kalkül mit weltlichem Charakter verkürzt wird. Wenn die Glaubenswahrheit hingegen mit Einfachheit und Entschlossenheit in die Mitte des christlichen Lebens gestellt wird, wird das Leben des Menschen von einer Liebe angeregt und belebt, die keinen Halt und keine Grenzen kennt, wie ich auch in meiner jüngsten Enzyklika Deus caritas est betont habe.

Aus dem Herzen Gottes gießt sich die Liebe durch das Herz Jesu Christi kraft seines Geistes über die Welt aus als Liebe, die alles neu macht. Diese Liebe erwächst aus der Begegnung mit Christus im Glauben: »Am Anfang des Christseins steht nicht ein ethischer Entschluß oder eine große Idee, sondern die Begegnung mit einem Ereignis, mit einer Person, die unserem Leben einen neuen Horizont und damit seine entscheidende Richtung gibt« (Deus caritas est, 1). Jesus Christus ist die Person gewordene Wahrheit, die die Welt zu sich hinzieht. Das von Jesus ausstrahlende Licht ist Glanz der Wahrheit. Jede andere Wahrheit ist ein Fragment der Wahrheit, die er ist, und weist auf ihn hin. Jesus ist der Polarstern der menschlichen Freiheit; ohne ihn verliert sie ihre Ausrichtung, denn ohne die Erkenntnis der Wahrheit entartet die Freiheit, sie isoliert sich und wird zu steriler Willkür. Mit Jesus findet sich die Freiheit wieder, sie erkennt, daß sie für das Gute gemacht ist, und kommt in Handlungen und Verhaltensweisen der Nächstenliebe zum Ausdruck.

Jesus schenkt deshalb dem Menschen die völlige Vertrautheit mit der Wahrheit und lädt ihn ein, ständig in ihr zu leben. Die Wahrheit wird als Wirklichkeit angeboten, die den Menschen erbaut und ihn zugleich übersteigt und überragt; sie wird als Geheimnis angeboten, das den Schwung der menschlichen Fassungskraft aufnimmt und gleichzeitig überschreitet. Nichts vermag die menschliche Intelligenz so auf unerforschte Horizonte hin zu leiten, wie es die Liebe zur Wahrheit tut. Jesus Christus, der die Fülle der Wahrheit ist, zieht das Herz jedes Menschen an sich, läßt es weit werden und erfüllt es mit Freude. Denn nur die Wahrheit ist imstande, den Geist zu durchdringen und ihm vollkommene Freude zu schenken. Diese Freude weitet die Dimensionen des menschlichen Herzens, indem sie es von der Enge des Egoismus befreit und zur wahren Liebe befähigt. Die Erfahrung dieser Freude bewegt und führt den Menschen zur freiwilligen Anbetung, nicht zu einem sklavischen Niederbücken, sondern zur Verneigung des Herzens vor der Wahrheit, die es gefunden hat.

Deshalb ist der Dienst am Glauben, der Zeugnis gibt für Ihn, der die ganze Wahrheit ist, auch Dienst an der Freude, und Christus will diese Freude in der Welt verbreiten: die Freude des Glaubens an ihn, die Freude der Wahrheit, die durch ihn mitgeteilt wird, und des Heils, das von ihm kommt! Diese Freude spürt das Herz, wenn wir uns niederknien, um Jesus im Glauben anzubeten! Diese Liebe zur Wahrheit inspiriert und leitet auch die Hinwendung der Christen zur Welt von heute und den Einsatz der Kirche in der Evangelisierung. Diese Themen habt ihr während der Arbeiten der Vollversammlung eingehend behandelt. Die Kirche begrüßt mit Freude die wahren Errungenschaften des menschlichen Wissens und erkennt, daß die Evangelisierung sich auch den Perspektiven und Herausforderungen stellen muß, die das moderne Wissen eröffnet. In der Tat haben die großen Fortschritte der Wissenschaft, die wir im vergangenen Jahrhundert erlebt haben, auch zum besseren Verständnis des Geheimnisses der Schöpfung verholfen, indem sie das Gewissen der Völker tief beeinflußt haben. Aber die Fortschritte der Wissenschaft entwickelten sich manchmal so rasch, daß es sehr kompliziert war zu erkennen, inwieweit sie mit den Wahrheiten zu vereinbaren sind, die Gott über den Menschen und die Welt geoffenbart hat. In einigen Fällen waren einige Aussagen der Wissenschaft diesen Wahrheiten geradezu entgegengesetzt. Das mag unter den Gläubigen eine gewisse Verwirrung gestiftet und auch zu Schwierigkeiten bei der Verkündigung und Aufnahme des Evangeliums geführt haben. Von entscheidender Bedeutung ist also jedes Forschen, das sich vornimmt, die Erkenntnis der von der Vernunft entdeckten Wahrheiten zu vertiefen, in der Gewißheit, daß es »keinen Konkurrenzkampf zwischen Vernunft und Glaube« gibt (Fides et ratio, 17).

Wir brauchen keine Angst zu haben, dieser Herausforderung zu begegnen. Denn Jesus Christus ist der Herr der ganzen Schöpfung und Geschichte. Der Glaubende weiß, daß »alles durch ihn und auf ihn hin geschaffen ist … und in ihm alles Bestand hat« (Kol 1,16.17). Wenn wir Christus, die Mitte des Kosmos und der Geschichte, tiefer erkennen, können wir den Menschen von heute zeigen, daß der Glaube an ihn für die Geschicke der Menschheit von Bedeutung ist. Ja, er ist die Vollendung alles wahrhaft Menschlichen. Nur mit dieser Perspektive werden wir dem suchenden Menschen überzeugende Antworten bieten können. Dieses Bemühen ist entscheidend für die Verkündigung und Verbreitung des Glaubens in der Welt von heute. Ein solcher Einsatz muß im Evangelisierungsauftrag Priorität haben. Der Dialog zwischen Glaube und Vernunft, Religion und Wissenschaft, bietet nicht nur die Möglichkeit, dem Menschen von heute wirksamer und überzeugender die Vernünftigkeit des Glaubens an Gott zu zeigen, sondern auch zu zeigen, daß die endgültige Vollendung jedes wahrhaft menschlichen Bestrebens in Jesus Christus besteht. Jede ernsthafte Evangelisierungsarbeit darf die Fragen, die auch aus den wissenschaftlichen Entdeckungen und philosophischen Instanzen heute erwachsen, in diesem Sinn nicht außer acht lassen.

Die Sehnsucht nach Wahrheit gehört zur Natur des Menschen selbst, und die ganze Schöpfung ist eine großartige Einladung, die Antworten zu suchen, die die menschliche Vernunft für die umfassende Antwort öffnen, die sie schon immer sucht und erwartet: »Die Wahrheit der christlichen Offenbarung, der wir in Jesus von Nazaret begegnen, ermöglicht jedem, das ›Geheimnis‹ des eigenen Lebens anzunehmen, sie achtet zutiefst die Autonomie des Geschöpfes und seine Freiheit, verpflichtet es aber im Namen der Wahrheit, sich der Transzendenz zu öffnen. Hier erreicht das Verhältnis von Freiheit und Wahrheit seinen Höhepunkt, und man versteht voll und ganz das Wort des Herrn: ›Dann werdet ihr die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch befreien‹ (Joh 8,32)« (Fides et ratio, 15).

Hier findet die Kongregation den Beweggrund für ihren Einsatz und den Horizont ihres Dienstes. Euer Dienst an der Fülle des Glaubens ist ein Dienst an der Wahrheit und damit an der Freude, einer Freude, die aus der Tiefe des Herzens kommt und aus dem Abgrund der Liebe strömt, den Christus durch sein am Kreuz geöffnetes Herz aufgerissen hat und den sein Geist mit unerschöpflicher Großzügigkeit in der Welt verbreitet. Aus dieser Sicht kann euer lehrmäßiger Dienst in treffender Weise »pastoral« genannt werden. Denn euer Dienst ist ein Beitrag zur vollständigen Verbreitung des Lichtes Gottes in der Welt! Möge das Licht des Glaubens, in seiner Fülle und Unversehrtheit ausgedrückt, immer eure Arbeit erhellen und der »Stern« sein, der euch leitet und euch hilft, das Herz der Menschen zu Christus zu führen! Das ist die schwere und reizvolle Aufgabe, die der Sendung des Nachfolgers Petri zusteht, an der mitzuarbeiten ihr berufen seid. Danke für eure Arbeit und für euren Dienst!

Mit diesen Empfindungen erteile ich euch allen meinen Segen.

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