Papst Franziskus: Motu proprio „Aperuit illis“ zur Einführung des Sonntags des Wortes Gottes

APOSTOLISCHES SCHREIBEN
IN FORM EINES „MOTU PROPRIO“

DES HEILIGEN VATERS
PAPST FRANZISKUS

APERUIT ILLIS

ZUR EINFÜHRUNG DES

SONNTAGS DES WORTES GOTTES

 

1. »Darauf öffnete er ihren Sinn für das Verständnis der Schriften« (Lk 24,45). Dies ist eine der letzten Handlungen des auferstandenen Herrn vor seiner Himmelfahrt. Er erscheint den Jüngern, als sie versammelt sind, bricht das Brot mit ihnen und öffnet ihren Sinn für das Verständnis der Heiligen Schriften. Diesen verängstigten und enttäuschten Menschen offenbart er die Bedeutung des Ostergeheimnisses: dass nämlich Jesus nach dem ewigen Plan des Vaters leiden und von den Toten auferstehen musste, um die Umkehr und die Vergebung der Sünden anzubieten (vgl. Lk 24,26.46-47); und er verheißt ihnen den Heiligen Geist, der ihnen die Kraft geben wird, Zeugen dieses Geheimnisses der Erlösung zu sein (vgl. Lk 24,49).

Die Beziehung zwischen dem Auferstandenen, der Gemeinschaft der Gläubigen und der Heiligen Schrift ist für unsere Identität äußerst wichtig. Ohne den Herrn, der uns in die Heilige Schrift einführt, ist es unmöglich, sie in ihrer Tiefe zu verstehen. Das Gegenteil ist aber ebenso wahr: Ohne die Heilige Schrift sind die Ereignisse der Sendung Jesu und seiner Kirche in der Welt nicht zu verstehen. Zu Recht konnte der heilige Hieronymus schreiben: »Die Schrift nicht kennen heißt Christus nicht kennen« (Comm. in Is., Prolog).

2. Zum Abschluss des außerordentlichen Heiligen Jahres der Barmherzigkeit habe ich darum gebeten, einen »Sonntag« in Erwägung zu ziehen, »der ganz und gar dem Wort Gottes gewidmet ist, um den unerschöpflichen Reichtum zu verstehen, der aus diesem ständigen Dialog Gottes mit seinem Volk hervorgeht« (Apostolisches Schreiben Misericordia et misera, 7). Auf besondere Weise einen Sonntag des Kirchenjahres dem Wort Gottes zu widmen ermöglicht es vor allem, dass die Kirche die Handlung des Auferstandenen wieder erfährt, der auch uns den Schatz seines Wortes erschließt, damit wir in der Welt Verkünder dieses unerschöpflichen Reichtums sein können. In diesem Zusammenhang kommt einem in den Sinn, was der heilige Ephräm gelehrt hat: »Wer ist fähig, Herr, den ganzen Reichtum auch eines deiner Worte zu erfassen, da doch das, was wir nicht mit dem Verstand begreifen, größer ist als das, was wir wie Durstige von der Quelle aufnehmen? Es gibt ebenso viele Möglichkeiten, dein Wort zu deuten, wie Menschen, die es studieren. Gott hat sein Wort in so viele schöne Formen gekleidet, damit ein jeder von denen, die es untersuchen, das, das im gefällt, bedenke; und er hat in seinem Wort alle Schätze verborgen, auf dass ein jeder von uns, der über es nachdenkt, von ihm bereichert wird« (Kommentar zum Diatessaron, 1,18).

Mit diesem Schreiben möchte ich daher auf die vielen Bitten antworten, die vom Volk Gottes an mich herangetragen wurden, damit der Sonntag des Wortes Gottes in der ganzen Kirche übereinstimmend gefeiert werden kann. Es ist bereits zu einer weit verbreiteten Praxis geworden, dass sich die christliche Gemeinschaft zu bestimmten Gelegenheiten auf den großen Wert besinnt, den das Wort Gottes in ihrem alltäglichen Leben einnimmt. In den verschiedenen Ortskirchen gibt es eine Fülle von Initiativen, die den Gläubigen einen immer tieferen Zugang zur Heiligen Schrift eröffnen; so sind sie dankbar für ein solch großes Geschenk, bemühen sich darum, es im Alltag zu leben, und fühlen sich verantwortlich, es glaubwürdig zu bezeugen.

Mit der Dogmatischen Konstitution Dei Verbum gab das Zweite Vatikanische Konzil einen bedeutenden Impuls für die Wiederentdeckung des Wortes Gottes. Ihr Text ist es immer wert, dass man ihn meditiert und ins Leben umsetzt; er stellt die Natur der Heiligen Schrift und ihre Weitergabe von Generation zu Generation (Kapitel II), ihre göttliche Inspiration (Kapitel III), die das Alte und Neue Testament umfasst (Kapitel IV und V), und ihre Bedeutung für das Leben der Kirche (Kapitel VI) klar heraus. Um diese Lehre zu vertiefen, hat Benedikt XVI. im Jahr 2008 eine Bischofssynode zum Thema „Das Wort Gottes im Leben und in der Sendung der Kirche“ einberufen. Im Anschluss daran veröffentlichte er das Nachsynodale Apostolische Schreiben Verbum Domini, das für unsere Gemeinschaften eine unverzichtbare Lehre darstellt.[1] In diesem Dokument wird insbesondere der performative Charakter des Wortes Gottes eingehend untersucht, dessen eigentlich sakramentaler Charakter vor allem im liturgischen Handeln deutlich wird.[2]

Im Leben unseres Volkes möge daher diese entscheidende Beziehung zum lebendigen Wort Gottes nie fehlen, durch das der Herr unaufhörlich zu seiner Braut spricht, damit sie in der Liebe und im Zeugnis des Glaubens wachsen kann.

3. Deshalb lege ich fest, dass der dritte Sonntag im Jahreskreis der Feier, der Betrachtung und der Verbreitung des Wortes Gottes gewidmet sein soll. Dieser Sonntag des Wortes Gottes fällt so ganz passend in den Zeitabschnitt des Jahres, in dem wir unsere Beziehungen zu den Juden zu festigen und für die Einheit der Christen zu beten eingeladen sind. Es handelt sich dabei nicht um ein bloß zeitliches Zusammentreffen: Die Feier des Sonntags des Wortes Gottes ist von ökumenischer Bedeutung, denn die Heilige Schrift zeigt denen, die auf sie hören, den Weg, der beschritten werden muss, um zu einer authentischen und soliden Einheit zu gelangen.

Die Gemeinschaften werden einen Weg finden, diesen Sonntag feierlich zu begehen. Wichtig ist jedenfalls, dass die Heilige Schrift während der Eucharistiefeier inthronisiert werden kann, um der Versammlung der Gläubigen den normativen Wert des Wortes Gottes zu verdeutlichen. An diesem Sonntag ist es besonders nützlich, die Verkündigung des Wortes Gottes hervorzuheben und die Homilie so zu gestalten, dass der Dienst am Wort des Herrn herausgestellt wird. Die Bischöfe können an diesem Sonntag die Beauftragung zum Lektorat oder einem ähnlichen Dienst erteilen, um an die Bedeutung der Verkündigung des Wortes Gottes in der Liturgie zu erinnern. Es ist in der Tat wesentlich, alles dafür zu tun, dass einige Gläubige darauf vorbereitet werden, authentische Verkünder des Wortes zu sein. Hierfür braucht es eine angemessene Ausbildung, so wie es für die Akolythen oder außerordentlichen Kommunionspender bereits üblich ist. Desgleichen werden die Pfarrer Wege finden, die Bibel – oder eines ihrer Bücher – der ganzen Gottesdienstgemeinde zu übergeben, um hervorzuheben, wie wichtig es ist, im Alltag das Lesen und die Vertiefung der Heiligen Schrift wie auch das Beten mit ihr fortzusetzen, besonders im Hinblick auf die lectio divina.

4. Die Rückkehr des Volkes Israel in seine Heimat nach dem babylonischen Exil war maßgeblich durch das Lesen des Buches der Weisung geprägt. Die Bibel gibt uns eine bewegende Beschreibung dieses Moments im Buch Nehemia. Das Volk versammelt sich in Jerusalem auf dem Platz vor dem Wassertor, um auf die Weisung zu hören. Dieses Volk war durch die Deportation verstreut worden, aber jetzt ist es »geschlossen« (Neh 8,1) um die Heilige Schrift versammelt. Während aus dem heiligen Buch vorgelesen wurde, »lauschte« (Neh 8,3) das Volk, weil es wusste, dass es in diesem Wort den Sinn der Ereignisse finden würde, die es erlebt hatte. Die Verkündigung dieser Worte bewegte die Leute und sie weinten: »Man las aus dem Buch, der Weisung Gottes, in Abschnitten vor und gab dazu Erklärungen, sodass die Leute das Vorgelesene verstehen konnten. Nehemia, das ist Hattirschata, der Priester und Schriftgelehrte Esra und die Leviten, die das Volk unterwiesen, sagten dann zum ganzen Volk: Heute ist ein heiliger Tag zu Ehren des Herrn, eures Gottes. Seid nicht traurig und weint nicht! Alle Leute weinten nämlich, als sie die Worte der Weisung hörten. […] Macht euch keine Sorgen; denn die Freude am Herrn ist eure Stärke« (Neh 8,8-10).

Diese Worte enthalten eine wichtige Lehre. Die Bibel kann nicht nur einigen wenigen gehören, geschweige denn eine Sammlung von Büchern für wenige Auserwählte sein. Sie gehört vor allem dem Volk, das versammelt ist, um sie zu hören und sich in diesem Wort selbst zu erkennen. Oft gibt es Tendenzen, welche die Heilige Schrift zu monopolisieren versuchen, indem man sie bestimmten Kreisen oder ausgewählten Gruppen vorbehält. Das darf nicht so sein. Die Bibel ist das Buch des Gottesvolkes, das im Hören auf die Schrift aus der Zerstreuung und Spaltung zur Einheit gelangt. Das Wort Gottes vereint die Gläubigen und macht sie zu einem Volk.

5. Innerhalb dieser Einheit, die das Hören bewirkt, haben in erster Linie die Hirten die große Verantwortung, die Heilige Schrift zu erklären und jedem zu ermöglichen, sie zu verstehen. Da sie das Buch des Volkes ist, müssen alle, die zum Dienst am Wort Gottes berufen sind, die dringende Notwendigkeit spüren, ihrer Gemeinschaft einen Zugang zur Heiligen Schrift zu eröffnen.

Vor allem die Homilie hat eine ganz besondere Funktion, denn sie hat »einen geradezu sakramentalen Charakter« (Apostolisches Schreiben Evangelii Gaudium, 142). Wenn er mit einer einfachen, für die Zuhörer geeigneten Sprache tief in das Wort Gottes einführt, ist es dem Priester möglich, auch die »Schönheit der Bilder [zu erschließen], die der Herr gebrauchte, um anzuregen, das Gute zu tun« (ebd.). Dies ist eine pastorale Gelegenheit, die man nicht verpassen darf!

Für viele unserer Gläubigen ist dies in der Tat die einzige Gelegenheit, die Schönheit des Wortes Gottes zu erfassen und seinen Bezug zu ihrem täglichen Leben zu erkennen. Der Vorbereitung der Homilie muss deshalb entsprechende Zeit gewidmet werden. Die Auslegung der Schriftlesungen kann man unmöglich improvisieren. Wir Prediger sind hingegen verpflichtet, uns nicht zu lange mit besserwisserischen Homilien oder nicht dazugehörenden Themen aufzuhalten. Wenn man innehält, um den Bibeltext zu meditieren und im Gebet zu betrachten, dann wird man fähig, mit dem Herzen zu sprechen, um die Herzen der Zuhörer zu erreichen, sodass das Wesentliche zum Ausdruck kommt, das erfasst wird und Frucht bringt. Lasst uns nie müde werden, der Heiligen Schrift Zeit und Gebet zu widmen, damit sie »nicht als Menschenwort, sondern – was es in Wahrheit ist – als Gotteswort angenommen« wird (1 Thess 2,13).

Es ist gut, dass auch die Katechisten spüren, dass für ihren Dienst am Wachstum im Glauben eine Erneuerung durch die Vertrautheit mit der Heiligen Schrift und durch ihr Studium dringlich ist. Dies macht es ihnen möglich, einen echten Dialog zwischen ihren Zuhörern und dem Wort Gottes zu fördern.

6. Bevor der Auferstandene zu den Jüngern kommt, die sich im Haus eingeschlossen haben, und ihren Sinn für das Verständnis der Heiligen Schrift öffnet (vgl. Lk 24,44-45), erscheint er zweien von ihnen auf dem Weg von Jerusalem nach Emmaus (vgl. Lk 24,13-35). Der Bericht des Evangelisten Lukas merkt an, dass es der gleiche Tag der Auferstehung ist, also der Sonntag. Diese beiden Jünger sprechen über die jüngsten Ereignisse, über das Leiden und den Tod Jesu. Ihr Weg ist von der Traurigkeit und Enttäuschung über das tragische Ende Jesu geprägt. Sie hatten auf ihn als Messias und Befreier gehofft, und nun sind sie mit der schockierenden Erfahrung des Gekreuzigten konfrontiert. Der Auferstandene selbst nähert sich unaufdringlich den Jüngern und geht mit ihnen, sie aber erkennen ihn nicht (vgl. V. 16). Unterwegs befragt sie der Herr und erkennt, dass sie den Sinn seines Leidens und seines Todes nicht verstanden haben; er nennt sie »unverständig und träge im Herzen« (vgl. V. 25), und »er legte ihnen dar, ausgehend von Mose und allen Propheten, was in der gesamten Schrift über ihn geschrieben steht« (V. 27). Christus ist der erste Exeget! Schon die alten Schriften haben vorweggenommen, was er vollbringen sollte, doch er selbst wollte diesem Wort treu sein, um die eine Heilsgeschichte, die in Christus ihre Erfüllung findet, zu offenbaren.

7. Als Heilige Schrift spricht die Bibel daher von Christus und verkündet ihn als denjenigen, der durch das Leiden gehen muss, um in seine Herrlichkeit zu gelangen (vgl. V. 26). Nicht nur ein Teil, sondern alle Schriften sprechen von ihm. Sein Tod und seine Auferstehung sind ohne sie nicht zu verstehen. Aus diesem Grund betont eines der ältesten Glaubensbekenntnisse: »Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift, und ist begraben worden. Er ist am dritten Tag auferweckt worden, gemäß der Schrift, und er erschien dem Kephas« (1 Kor 15,3-5). Da die Schriften von Christus sprechen, können wir glauben, dass sein Tod und seine Auferstehung nicht der Mythologie angehören, sondern geschichtliches Ereignis sind und im Zentrum des Glaubens seiner Jünger stehen.

Die Verbindung zwischen der Heiligen Schrift und dem Glauben der Getauften ist tief. Da der Glaube vom Hören kommt und das Hören auf das Wort Christi ausgerichtet ist (vgl. Röm 10,17), ergibt sich daraus die Einladung an die Gläubigen, die Dringlichkeit und Wichtigkeit des Hörens auf das Wort des Herrn sowohl in der Liturgie als auch im persönlichen Beten und Betrachten ernst zu nehmen.

8. „Die Reise“ des Auferstandenen mit den Jüngern von Emmaus endet mit dem Abendessen. Der geheimnisvolle Wanderer kommt der beharrlichen Bitte der beiden nach: »Bleibe bei uns; denn es wird Abend, der Tag hat sich schon geneigt« (Lk 24,29). Sie setzen sich zu Tisch, Jesus nimmt das Brot, spricht den Lobpreis, bricht es und reicht es ihnen. Da tun sich ihre Augen auf und sie erkennen ihn (vgl. V. 31).

Wir verstehen durch diese Szene, wie untrennbar die Beziehung zwischen Heiliger Schrift und Eucharistie ist. Das Zweite Vatikanische Konzil lehrt: »Die Kirche hat die Heiligen Schriften immer verehrt wie den Herrenleib selbst, weil sie, vor allem in der heiligen Liturgie, vom Tisch des Wortes Gottes wie des Leibes Christi ohne Unterlass das Brot des Lebens nimmt und den Gläubigen reicht« (Dei Verbum, 21).

Das beständige regelmäßige Lesen der Heiligen Schrift und die Feier der Eucharistie ermöglichen es den Menschen zu erkennen, dass sie zueinander gehören. Als Christen sind wir ein Volk, das in der Geschichte unterwegs ist, gestärkt durch die Gegenwart des Herrn in unserer Mitte, der zu uns spricht und uns nährt. Der der Bibel gewidmete Tag soll nicht „einmal im Jahr“, sondern einmal für das ganze Jahr stattfinden. Wir verspüren nämlich die dringende Notwendigkeit, uns mit der Heiligen Schrift und dem Auferstandenen eng vertraut zu machen, der nie aufhört, das Wort und das Brot in der Gemeinschaft der Gläubigen zu brechen. Aus diesem Grund müssen wir zu einer ständigen Vertrautheit mit der Heiligen Schrift gelangen, sonst bleibt das Herz kalt und die Augen verschlossen, da wir, wie wir nun einmal sind, von unzähligen Formen der Blindheit betroffen sind.

Die Heilige Schrift und die Sakramente sind untrennbar miteinander verbunden. Wenn das Wort Gottes in die Sakramente einführt und sie erhellt, zeigen sich diese deutlicher als das Ziel eines Weges, auf dem Christus selbst den Geist und das Herz öffnet, damit wir sein Heilswirken erkennen. In diesem Zusammenhang dürfen wir die Lehre aus dem Buch der Offenbarung nicht vergessen. Hier wird gelehrt, dass der Herr vor der Tür steht und anklopft. Wenn einer seine Stimme hört und ihm öffnet, tritt er ein und hält Mahl mit ihm (vgl. 3,20). Jesus Christus klopft durch die Heilige Schrift an unsere Tür; wenn wir zuhören und die Tür des Geistes und des Herzens öffnen, dann tritt er in unser Leben ein und bleibt bei uns.

9. Im Zweiten Brief an Timotheus, der in gewisser Weise sein geistliches Testament darstellt, empfiehlt der heilige Paulus seinem treuen Mitarbeiter, beständig die Heilige Schrift zu lesen. Der Apostel ist überzeugt: »Jede Schrift ist, als von Gott eingegeben, auch nützlich zur Belehrung, zur Widerlegung, zur Besserung, zur Erziehung« (3,16). Diese Empfehlung des Paulus an Timotheus stellt eine Grundlage dar, auf der die Konzilskonstitution Dei Verbum das wichtige Thema der Inspiration der Heiligen Schrift behandelt; aus dieser Grundlage ergibt sich insbesondere die Heilsfinalität, die geistliche Dimension und das Inkarnationsprinzip für die Heilige Schrift.

Unter Hinweis vor allem auf die Empfehlung des Paulus an Timotheus betont Dei Verbum, dass die Bücher der Heiligen Schrift »sicher, getreu und ohne Irrtum die Wahrheit lehren, die Gott um unseres Heiles willen in heiligen Schriften aufgezeichnet haben wollte« (Nr. 11). Da diese uns weise machen können zum Heil durch den Glauben an Jesus Christus (vgl. 2 Tim 3,15), dienen die in ihnen enthaltenen Wahrheiten unserer Erlösung. Die Bibel stellt weder eine Sammlung von Geschichtsbüchern noch von Chroniken dar, sondern ist völlig auf das ganzheitliche Heil des Menschen ausgerichtet. Die unbestreitbaren historischen Wurzeln der in der Heiligen Schrift enthaltenen Bücher dürfen uns dieses ursprüngliche Ziel nicht vergessen lassen, nämlich unsere Erlösung. Alles ist auf dieses Ziel hin ausgerichtet, das tief in die Natur der Bibel eingeschrieben ist. Sie ist als Heilsgeschichte verfasst, in der Gott spricht und handelt, um allen Menschen zu begegnen und sie vor dem Bösen und dem Tod zu retten.

Um dieses Heilsziel zu erreichen, verwandelt die Heilige Schrift unter dem Wirken des Heiligen Geistes das nach Menschenart verfasste Menschenwort in Gotteswort (vgl. Dei Verbum, 12). Die Rolle des Heiligen Geistes in der Heiligen Schrift ist von grundlegender Bedeutung. Ohne sein Wirken gäbe es immer die Gefahr, im bloß geschriebenen Text eingeschlossen zu bleiben. Das führt leicht zu einer fundamentalistischen Auslegung, von der man sich fernhalten muss, um den inspirierten, dynamischen und spirituellen Charakter des biblischen Textes nicht zu verraten. Der Apostel erinnert dementsprechend: »Der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig« (2 Kor 3,6). Der Heilige Geist verwandelt also die Heilige Schrift in lebendiges Wort Gottes, das im Glauben seines heiligen Volkes gelebt und weitergegeben wird.

10. Das Wirken des Heiligen Geistes betrifft nicht nur die Herausbildung der Heiligen Schrift, sondern ist auch in denen am Werk, die auf das Wort Gottes hören. Die Feststellung der Konzilsväter, dass die Heilige Schrift »in dem Geist gelesen und ausgelegt werden muss, in dem sie geschrieben wurde« (Dei Verbum, 12), ist dabei wichtig. Mit Jesus Christus erreicht die Offenbarung Gottes ihren Höhepunkt und ihre Vollendung; und doch wirkt der Heilige Geist weiter. Es wäre in der Tat eine Verkürzung, wollte man das Wirken des Heiligen Geistes nur auf die göttlich inspirierte Natur der Heiligen Schrift und ihrer verschiedenen Autoren beschränken. Es ist daher notwendig, Vertrauen in das Wirken des Heiligen Geistes zu haben, der weiterhin eine besondere Form der Inspiration ausübt, wenn die Kirche die Heilige Schrift verkündet, das Lehramt sie verbindlich auslegt (vgl. ebd., 10) und jeder Gläubige sie zu seinem eigenen geistlichen Maßstab macht. In diesem Sinne können wir die Worte Jesu verstehen, wenn er zu den Jüngern, die bestätigen, die Bedeutung seiner Gleichnisse verstanden zu haben, sagt: »Deswegen gleicht jeder Schriftgelehrte, der ein Jünger des Himmelreichs geworden ist, einem Hausherrn, der aus seinem Schatz Neues und Altes hervorholt« (Mt 13,52).

11. Schließlich präzisiert Dei Verbum: »Gottes Worte, durch Menschenzunge formuliert, sind menschlicher Rede ähnlich geworden, wie einst des ewigen Vaters Wort durch die Annahme menschlich-schwachen Fleisches den Menschen ähnlich geworden ist« (Nr. 13). So könnte man sagen, dass die Inkarnation des Wortes Gottes dem Verhältnis zwischen Gottes Wort und menschlicher Sprache mit ihrer geschichtlichen und kulturellen Bedingtheit Form und Sinn verleiht. In eben diesem Ereignis nimmt die Überlieferung Gestalt an, die selbst auch Wort Gottes ist (vgl. ebd., 9). Oft läuft man Gefahr, Heilige Schrift und Überlieferung voneinander zu trennen, ohne zu verstehen, dass sie gemeinsam die alleinige Quelle der Offenbarung sind. Der schriftliche Charakter der ersten lässt sie nicht weniger vollwertiges lebendiges Wort sein; so wie auch die lebendige Überlieferung der Kirche, die sie im Laufe der Jahrhunderte von Generation zu Generation unaufhörlich weitergibt, dieses heilige Buch als »höchste Richtschnur ihres Glaubens« besitzt (ebd., 21). Die Heilige Schrift wurde ja, bevor sie zu einem schriftlichen Text wurde, mündlich überliefert und durch den Glauben eines Volkes lebendig bewahrt, das sie als seine Geschichte und sein Identitätsprinzip inmitten vieler anderer Völkern anerkannte. Der biblische Glaube gründet also auf dem lebendigen Wort, nicht auf einem Buch.

12. Wenn die Heilige Schrift im gleichen Geist gelesen wird, mit dem sie geschrieben wurde, bleibt sie immer neu. Das Alte Testament ist nie alt, wenn es einmal Teil des Neuen ist, denn alles wird durch den einen Geist verwandelt, der es inspiriert. Die gesamte Heilige Schrift hat eine prophetische Funktion: diese betrifft nicht die Zukunft, sondern das Heute derer, die sich von diesem Wort nähren. Jesus selbst sagt dies zu Beginn seines Wirkens deutlich: »Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt« (Lk 4,21). Wer sich jeden Tag vom Wort Gottes nährt, wird wie Jesus zu einem Zeitgenossen der Menschen, denen er begegnet; er ist nicht versucht, einer fruchtlosen Vergangenheitsnostalgie zu verfallen oder vagen Zukunftsutopien nachzujagen.

Die Heilige Schrift vollzieht ihr prophetisches Wirken vor allem an dem, der auf sie hört. Sie ruft Süße und Bitterkeit hervor. Hier kommen einem die Worte des Propheten Ezechiel in den Sinn. Als er, vom Herrn aufgefordert, die Schriftrolle isst, bekennt er: »Sie wurde in meinem Mund süß wie Honig« (3,3). Auch der Evangelist Johannes macht auf der Insel Patmos diese Erfahrung Ezechiels mit dem Essen des Buches, fügt aber noch eine Konkretisierung an: »In meinem Mund war es süß wie Honig. Als ich es aber gegessen hatte, wurde mein Magen bitter« (Offb 10,10).

Die Süße des Wortes Gottes drängt uns, es mit denen zu teilen, denen wir in unserem Leben begegnen, um der in ihm enthaltenen Gewissheit der Hoffnung Ausdruck zu verleihen, (vgl. 1 Petr 3,15-16). Bitterkeit hingegen stellt sich oft ein, wenn wir feststellen müssen, wie schwierig es für uns ist, das Wort Gottes konsequent zu leben, oder wenn wir konkret erfahren müssen, dass es auf Ablehnung stößt, weil man ihm nicht zutraut, dem Leben Sinn zu verleihen. Wir dürfen uns daher nie an das Wort Gottes gewöhnen, sondern müssen uns von ihm nähren, um unsere Beziehung zu Gott und zu unseren Brüdern und Schwestern zu entdecken und intensiv zu leben.

13. Eine weitere Herausforderung aus der Heiligen Schrift betrifft die Nächstenliebe. Ständig ruft das Wort Gottes zur barmherzigen Liebe des Vaters auf, der von seinen Kinder verlangt, in der Liebe zu leben. Das Leben Jesu ist der vollkommene Ausdruck dieser göttlichen Liebe, die nichts für sich selbst behält, sondern sich uneingeschränkt an alle verschenkt. Im Gleichnis vom armen Lazarus finden wir einen wertvollen Hinweis. Als Lazarus und der Reiche sterben, bittet letzterer, als er den Armen im Schoß Abrahams sieht, diesen zu seinen Brüdern zu schicken, um sie zu ermahnen, die Nächstenliebe zu leben, damit sie nicht auch seine Qualen erleiden. Abrahams Antwort ist hart: »Sie haben Mose und die Propheten, auf die sollen sie hören« (Lk 16,29). Auf die Heilige Schrift hören, um Barmherzigkeit zu üben: das ist eine große Herausforderung für unser Leben. Das Wort Gottes ist in der Lage, unsere Augen zu öffnen, damit wir aus dem Individualismus herauskommen, der zu Erstickung und Sterilität führt. Dazu tut es uns den Weg des Miteinanders und der Solidarität auf.

14. Eines der bedeutendsten Ereignisse in der Beziehung zwischen Jesus und seinen Jüngern ist die Verklärung. Jesus steigt mit Petrus, Jakobus und Johannes auf einen Berg, um zu beten. Die Evangelisten erwähnen, dass, während sein Gesicht und sein Gewand hell erstrahlten, zwei Männer mit Jesus sprachen: Mose und Elija, die das Gesetz bzw. die Propheten, also die Heiligen Schriften darstellen. Petrus reagiert auf diesen Anblick voll freudiger Verwunderung: »Meister, es ist gut, dass wir hier sind. Wir wollen drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Mose und eine für Elija« (Lk 9,33). Da überschattet sie eine Wolke und die Jünger werden von Furcht ergriffen.

Die Verklärung erinnert an das Laubhüttenfest, als Esra und Nehemia nach der Rückkehr aus dem Exil dem Volk die Heilige Schrift vorlasen. Gleichzeitig antizipiert sie die Herrlichkeit Jesu, um auf das schockierende Ereignis der Passion vorzubereiten. Auf diese göttliche Herrlichkeit verweist auch die Wolke, welche die Jünger umhüllt und ein Symbol für die Gegenwart des Herrn ist. Der Verklärung Jesu ist die „Verklärung“ der Heiligen Schrift ähnlich, die sich selbst transzendiert, wenn sie das Leben der Gläubigen nährt. Verbum Domini erinnert daran: »Wenn die Gliederung zwischen den verschiedenen Sinngehalten der Schrift festgestellt wird, ist es also entscheidend, den Übergang vom Buchstaben zum Geist zu erfassen. Dieser Übergang findet nicht automatisch und nicht von sich aus statt; vielmehr bedarf es einer Überschreitung des Buchstabens« (Nr. 38).

15. Auf dem Weg der Annahme des Wortes Gottes begleitet uns die Mutter des Herrn. Sie wird selig genannt, weil sie geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ (vgl. Lk 1,45). Die Seligpreisung Mariens geht allen Seligpreisungen voraus, die Jesus für die Armen, die Trauernden, die Sanftmütigen, die Friedensstifter und die Verfolgten ausgesprochen hat, denn sie ist die notwendige Voraussetzung für jede andere Seligpreisung. Kein armer Mensch ist selig, weil er arm ist; er wird es, wenn er wie Maria an die Erfüllung des Wortes Gottes glaubt. Daran erinnert der heilige Augustinus, ein großer Jünger und Meister der Heiligen Schrift: »Jemand aus der Menge sprach voll Bewunderung: „Selig der Leib, der dich getragen.“ Und er [Jesus]: „Vielmehr selig diejenigen, welche das Wort Gottes hören und beobachten.“ Das heißt so viel als: Auch meine Mutter, die ihr selig genannt habt, ist deshalb selig, weil sie das Wort Gottes bewahrt; nicht weil in ihr das Wort Fleisch geworden ist und unter uns gewohnt hat, sondern weil sie eben dieses Wort Gottes bewahrt, durch welches sie geworden ist, und welches in ihr Fleisch geworden ist« (Tract. in Io. Ev., 10,3).

Der dem Wort Gottes gewidmete Sonntag möge im Volk Gottes die andächtige und beständige Vertrautheit mit der Heiligen Schrift wachsen lassen, so wie es der heilige Verfasser bereits in alter Zeit gelehrt hat: »Das Wort ist ganz nah bei dir, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen, du kannst es halten« (Deut 30,14).

Gegeben zu Rom, bei St. Johannes im Lateran, am 30. September 2019
Gedenktag des heiligen Hieronymus zu Beginn des Jubiläumsjahres anlässlich seines 1600. Todestages

FRANZISKUS

 


 

[1] Vgl. AAS 102 (2010), 692-787.

[2] »Die Sakramentalität des Wortes lässt sich so in Analogie zur Realpräsenz Christi unter den Gestalten des konsekrierten Brotes und Weines verstehen. Wenn wir zum Altar gehen und am eucharistischen Mahl teilnehmen, empfangen wir wirklich den Leib und das Blut Christi. Die Verkündigung des Wortes Gottes in der liturgischen Feier geschieht in der Einsicht, dass Christus selbst in ihr gegenwärtig ist und sich uns zuwendet, um aufgenommen zu werden« (Verbum Domini, 56).

_______

Quelle

Vortrag von Bischof Vitus Huonder beim Einkehrtag von Pro Ecclesia am Samstag, 30. März 2019 in Einsiedeln

BERLIN, GERMANY, FEBRUARY - 15, 2017: The fresco of St. john the Evangelist in cupola of Rosenkranz Basilica by Friedrich Stummels, Karl Wenzel, and Theodor Nuttgens from begin of 20. cent.

DURCHHALTEVERMÖGEN, GEDULD UND SANFTMUT

Die Offenbarung des Johannes

So lange diese Weltzeit dauert, so lange wir in der Erwartung der Wiederkunft unseres Herrn leben, so lange wir der sogenannten pilgernden Kirche (früher war die Rede von der streitenden) angehören (Lumen gentium 8)1, sind Qualitäten wie Durchhaltevermögen, Geduld und Sanftmut gefragt. Es gibt auf dem Weg unserer Pilgerschaft keine Zeit, da diese Eigenschaften und Tugenden nicht notwendig wären: Durchhaltevermögen, weil die Angriffe auf den Glauben nie nachlassen; Geduld, weil die Zeit dauert; Sanftmut, weil der Mensch im Zorn nicht das tut, was Gott gefällt:

Jeder Mensch sei schnell zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn; denn der Zorn eines Mannes schafft keine Gerechtigkeit vor Gott. Darum legt alles Schmutzige und die viele Bosheit ab und nehmt in Sanftmut das Wort an, das in euch eingepflanzt worden ist und die Macht hat, euch zu retten (Jak 1,19-21).

Während einiger Wochen der Osterzeit liest die Kirche täglich Abschnitte aus der Offenbarung des Johannes. Eben in unserer Zeit, in einer Zeit der Verunsicherung und der Verwirrung in Fragen des Glaubens und der Lebensweise (Moral) ist diese Schrift für uns wegweisend. Deshalb möchte ich meine Worte der Ermutigung und der Bestärkung von ihr her entwickeln.

Die Offenbarung des Johannes beginnt mit folgenden Worten:

Offenbarung Jesu Christi, die Gott ihm gegeben hat, damit er seinen Knechten zeigt, was bald geschehen muss; und er hat es durch seinen Engel, den er sandte, seinem Knecht Johannes gezeigt. Dieser hat das Wort Gottes und das Zeugnis Jesu Christi bezeugt: alles, was er geschaut hat. Selig, wer die Worte der Prophetie vorliest und jene, die sie

1 Die Kirche „schreitet zwischen den Verfolgungen der Welt und den Tröstungen Gottes auf ihrem Pilgerweg dahin“, und verkündet das Kreuz und den Tod des Herrn, bis er wiederkommt (vgl. 1 Kor 11,26). Von der Kraft des auferstandenen Herrn aber wird sie gestärkt, um ihre Trübsale und Mühen, innere gleichermaßen wie äußerliche, durch Geduld und Liebe zu besiegen und sein Mysterium, wenn auch schattenhaft, so doch getreu in der Welt zu enthüllen, bis es am Ende im vollen Lichte offenbar werden wird. Das Zitat stammt von Augustinus, Civ. Dei, XVIII, 51,2: PL 41,614. Vgl. auch Lumen gentium 49.

hören und das halten, was in ihr geschrieben ist; denn die Zeit ist nahe (1,1-3).

Offenbarung bedeutet in diesem Zusammenhang Kundgebung dessen, was in der Zukunft geschieht. Wir könnten auch von einer prophetischen Aufklärung der Zukunft sprechen. Die Gläubigen sollen erfahren, was in Zukunft geschieht, um auf die Ereignisse vorbereitet zu sein. Sie sollen von den Ereignissen nicht überrascht und überwältigt werden. So beginnt die Offenbarung des Johannes mit dem Hinweis auf ihren Ursprung: Gott – Gott der Vater – gibt Jesus – seinem Sohn – die Offenbarung. Sie geht von Gott dem Vater aus und wird Jesus anvertraut. Damit wird die Einheit zwischen dem Vater und dem Sohn hervorgehoben und jeder Zweifel an der Echtheit und Gültigkeit dieser Offenbarung ausgeräumt: Die Offenbarung kommt vom Vater durch den Sohn. Sie hat daher höchste Glaubwürdigkeit. Sie enthält nicht die Meinung und die Beurteilung des Johannes. Sie kommt nicht aus seiner Einbildung. Sie ist ihm von Gott und von Jesus Christus durch einen Engel gegeben. In diesem Sinn lesen wir gegen Schluss des Buches, im neunzehnten Kapitel:

Jemand sagte zu mir: Schreib auf: Selig, wer zum Hochzeitsmahl des Lammes eingeladen ist! Dann sagte er zu mir: Das sind zuverlässige Worte Gottes (19,9).

Die Zuverlässigkeit dieser Worte wird unterstrichen. Das verlangt der Ernst des Inhalts. Das verlangt aber auch das Ernstnehmen dieses Inhalts. Niemand soll diese Worte in den Wind schlagen können, weil sie unwahrscheinlich zu sein scheinen: Das sind zuverlässige Worte Gottes.

Nach diesem Hinweis betont der Engel nochmals:

Diese Worte sind zuverlässig und wahr. Gott, der Herr über den Geist der Propheten, hat seinen Engel gesandt, um seinen Knechten zu zeigen, was bald geschehen muss. Siehe, ich komme bald. Selig, wer an den prophetischen Worten dieses Buches festhält (22,7).

Die Offenbarung des Johannes soll die Kirche und alle Gläubigen in der Zeit zwischen der Herabkunft des Heiligen Geistes (Pfingsten) bis zur Zeit der Wiederkunft unseres Herrn begleiten, bis hin zu jener Zeit, von der es heißt, sie sei nahe (vgl. Offb 1,3). Es ist die Zeit der Vollendung der Kirche. Deshalb ist ihr Inhalt und ihr Verständnis für uns von hoher Bedeutung. Sie ist eine Prophetie, das heißt ein Schauen, ein Sehen der Ereignisse bis zur Vollendung. Sie ist aber als Prophetie ein Schauen in rätselhaften Umrissen, wie es der heilige Paulus sagt: Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht (1 Kor 13,12). Diesen Hinweis müssen wir beim Lesen der Offenbarung des Johannes immer berücksichtigen.

Die Offenbarung des Johannes ist ein Sehen dessen, was bald geschehen muss (Offb 22,7). Was kommen muss ist deshalb notwendig, weil eine Scheidung zwischen gut und böse erfolgen muss. Nur auf diesem Weg wird der Sieg Gottes, der Sieg des Guten möglich. Damit wird auch angedeutet, dass es ein Sehen der Not und des Leids ist, welche nicht abgewendet werden können. Es muss so geschehen. Es ist nicht abzuwenden. Die Prophetie soll den Gläubigen helfen, die Not zu ertragen und immer, auch wenn die Zeit dauert, sich im Zustand der Gnade zu bewahren. Sagt doch der Herr:

Siehe, ich komme wie ein Dieb. Selig, wer wach bleibt und sein Gewand anbehält, damit er nicht nackt gehen muss und man seine Blöße nicht sieht! (Offb 16,15).

Der Ausdruck der Blöße ist, unter anderem, ein Hinweis auf den Zustand des Menschen nach dem Sündenfall, auf den gnadenlosen Zustand. Wenn der Herr kommt, soll sich der Mensch nicht in diesem Zustand befinden, im Zustand der Entwürdigung, der Scham und der Sünde. Er soll bekleidet sein mit dem Kleid, das Gott ihm durch Jesus Christus geschenkt hat.

Offb 16,15 ist unter anderem eine Anspielung auf das Kleid, welches Gott Adam und seiner Frau vor dem Verlassen des Paradieses gegeben hat: Gott, der HERR, machte dem Adam und seiner Frau Gewänder von Fell und bekleidete sie damit (Gen 3,21). Das ist der erste Gnadenerweis Gottes nach dem Sündenfall. In der Offenbarung des Johannes ist damit der Gnadenerweis durch das Erlösungswerk Jesu Christi gemeint. – Denn in der Taufe haben wir Jesus als Kleid, als Gewand angezogen (vgl. Gal 3,27). Diese Gnade soll der Mensch in der Zeit des Wartens bewahren. Das bedeutet: Der Mensch soll entsprechend leben und sich nicht von den Grundsätzen des Glaubens abbringen lassen, sich nicht verführen lassen durch Worte, die ihn betören, weil sie in mancher Hinsicht sich süß und angenehm anhören, ja, vielleicht sogar den Eindruck einer tiefen Glaubensweisheit hinterlassen.

Versiegle dieses Buch nicht! Denn die Zeit ist nahe. Wer Unrecht tut, tue weiter Unrecht, der Unreine bleibe unrein, der Gerechte handle weiter gerecht und der Heilige strebe weiter nach Heiligkeit. Siehe, ich komme bald und mit mir bringe ich den Lohn und ich werde jedem geben, was seinem Werk entspricht. (22,10-12).

Das Buch oder die Schrift soll nicht geheim gehalten werden. Es soll nicht versiegelt werden. Es soll offengelegt werden. Die Menschen – die Gläubigen – soll es kennen, damit sie sich in dieser nicht einfachen Situation böser Ereignisse für die Kirche recht verhalten.

Ich bezeuge jedem, der die prophetischen Worte dieses Buches hört: Wer etwas hinzufügt, dem wird Gott die Plagen zufügen, von denen in diesem Buch geschrieben steht. Und wer etwas wegnimmt von den prophetischen Worten dieses Buches, dem wir Gott seinen Anteil am Baum des Lebens und an der heiligen Stadt wegnehmen, von denen in diesem Buch geschrieben steht (22,18-19).

Weil dieses Buch oder diese Schrift für die Gläubigen von hoher Bedeutung ist, darf daran nichts verändert werden. Es muss authentisch bleiben. Der Fluch, der auf eine Veränderung gelegt wird, ist ein Schutz für die Schrift und für die treue Widergabe dieser Schrift und in diesem Sinn auch ein Schutz für die Gläubigen.

Deutung und Bedeutung der Offenbarung

Das Buch der Offenbarung des Johannes ist zweigliedrig: Nach der Einleitung (1) folgen die Briefe an die Gemeinden (2-3) und danach die Vision dieser Weltzeit bzw. der Endzeit (4-22). Darauf folgt das Schlusswort 22,6-21).

Die Vision der Weltzeit ist wiederum in drei Teile gegliedert: Die Zeit vor dem Sturz Satans (4-11), die Zeit nach dem Sturz Satans (12-20) und die Vision des neuen Himmels und der neuen Erde (21-22,5).

Die Zeit vor dem Sturz Satans wird mit folgenden Worten eingeleitet:

Und ich sah auf der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß, ein Buchrolle; sie war innen und auf der Rückseite beschrieben und mit sieben Siegeln versiegelt. Und ich sah: Ein gewaltiger Engel rief mit lauter Stimme: Wer ist würdig, die Buchrolle zu öffnen und ihre Siegel zu lösen. Aber niemand im Himmel, auf der Erde und unter der Erde konnte das Buch öffnen und hineinsehen. Da weinte ich sehr, weil niemand für würdig befunden wurde, das Buch zu öffnen und hineinzusehen. Das sagte einer von den Ältesten zu mir: Weine nicht! Siehe, gesiegt hat der Löwe aus dem Stamm Juda, der Spross aus der Wurzel Davids; er kann das Buch und seine sieben Siegel öffnen (5,1-5).

Wenn niemand das Buch öffnen kann, dann bleibt der Weg zum Heil verschlossen. Deshalb das Weinen angesichts der Tatsache, dass niemand für würdig befunden wurde, die Buchrolle zu öffnen. Doch dann kommt Bewegung in die Szene:

Das Lamm trat heran und empfing das Buch aus der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß (5,7).

Das Lamm, das heißt Jesus, der Sohn Gottes, ist in der Lage, die Siegel zu lösen und so das Werk der Erlösung in die Wege zu leiten. Was niemand vermag, das kann er erfüllen. So kann nun die Öffnung der sieben Siegel geschehen. Darauf folgt der Schall der sieben Posaunen. Wir können diese Abfolge von zweimal sieben Vorgängen als die notwendigen Schritte hin auf die Erlösung betrachten. Die Zeit dauert. Es geschieht nicht alles auf einmal. Die Entmachtung und der Sturz Satans wird vielmehr Schritt um Schritt eingeleitet. Aber es ist eine Dauer auf die Vollendung hin, was eben durch die Siebenzahl angedeutet wird. Dieser Vorgang erreicht seinen Höhepunkt im zwölften Kapitel. Dies ist wohl die Mitte des Buches:

Dann erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet; der Mond war unter ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt. Sie war schwanger und schrie vor Schmerz in ihren Geburtswehen. Ein anderes Zeichen erschien am Himmel und siehe, ein Drache, groß und feuerrot, mit sieben Köpfen und zehn Hörnern und mit sieben Diademen auf seinen Köpfen. Sein Schwanz fegte ein Drittel der Sterne vom Himmel und warf sie auf die Erde herab. Der Drache stand vor der Frau, die gebären sollte; er wollte ihr Kind verschlingen, sobald es geboren war. Und sie gebar ein Kind, einen Sohn, der alle Völker mit eisernem Zepter weiden wird. Und ihr Kind wurde zu Gott und zu seinem Thron entrückt. Die Frau aber floh in die Wüste, wo Gott ihr einen Zufluchtsort geschaffen hatte; dort wird man sie mit Nahrung versorgen, zwölfhundertsechzig Tage lang. – Da entbrannte im Himmel ein Kampf; Michael und seine Engel erhoben sich, um mit dem Drachen zu kämpfen. Der Drache und seine Engel kämpften, aber sie hielten nicht stand und sie verloren ihren Platz im Himmel. Er wurde gestürzt, der große Drache die alte Schlange, die Teufel oder Satan heißt und die ganze Welt verführt; der Drache wurde auf die Erde gestürzt und mit ihm wurden seine Engel hinabgeworfen … Weh aber euch, Land und Meer! Denn der Teufel ist zu euch hinabgekommen; seine Wut ist groß, weil er weiß, dass ihm nur noch eine kurze Frist bleibt (12,1-9.12).

Dieses zwölfte Kapitel stellt uns in die Realität hinein, in welcher wir leben:

Weh aber euch, Land und Meer! Denn der Teufel ist zu euch hinabgekommen; seine Wut ist groß, weil er weiß, dass ihm nur noch eine kurze Frist bleibt (12,12).

Wenn wir die Zeit deuten und begreifen wollen, in welcher wir stehen, müssen wir auf diesen letzten Satz zurückgreifen. Vom Tag der Erlösung an, von der Auferstehung und Himmelfahrt Jesu an, vom Tag an, da die Kirche durch den Heiligen Geist gefestigt und geheiligt wurde, ist das Heilswerk Gottes vollendet. Das heißt: Satan ist vom Himmel gestürzt worden. Deshalb ist seine Wut groß und er will jene, die auf dem Pilgerweg auf Erden noch unterwegs sind, mit allen Mitteln bekämpfen. Dieser Kampf wird in jenem Teil geschildert, den ich als die Zeit nach dem Sturz Satans (12-20) umschreibe. Die Kirche erfährt in dieser ganzen Zeit die Wut Satans. Wir bekommen diese Wut Satans immer wieder zu spüren. Doch anderseits werden dem Satan Grenzen gesetzt, so dass sein Wirken das Werk der Erlösung in sich nicht zerstören kann:

Als der Drache erkannte, dass er auf die Erde gestürzt war, verfolgte er die Frau, die den Sohn geboren hatte. Aber der Frau wurden die beiden Flügel des großen Adlers gegeben, damit sie in die Wüste an ihren Ort fliegen konnte. Dort wird sie eine Zeit und zwei Zeiten und eine halbe Zeit lang ernährt, fern vom Angesicht der Schlange (12,13-14).

Mit der Frau ist die Kirche, das neue Sion, das neue Volk Gottes gemeint. Sie ist die Mutter des Sohnes, da aus ihrer Mitte der Messias Gottes hervorgegangen ist.

Die Kirche als Kirche ist vor der Schlange sicher. Sie ist dreieinhalb Jahre in Sicherheit. Es wird angenommen, dass mit dieser Zeitbestimmung die ganze Zeit der Kirche gemeint ist, also die Zeit von ihren Anfängen bis zu ihrer Vollendung. Diese ganze Zeit ist eine Zeit des Übergangs und der Prüfung. Die dreieinhalb Jahre sind die Hälfte von sieben Jahren. Es ist eine unvollendete Zeit, aber auch eine nicht genau zu berechnende Zeit. Sie bringt zum Ausdruck, was Jesus mit anderen Worten zum Ende der Welt, zum Endgericht, zum Jüngsten Tag sagt:

Doch jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater (Mt 24,36).

Wenn die Kirche als solche, das neue Sion, in Sicherheit ist, so doch nicht ihre Kinder – die Gläubigen. Sie sind dem Kampf mit der Schlange, mit Satan ausgesetzt. Der Drache oder die Schlange beginnt nun einen verbissenen Kampf mit ihnen. Es fällt auf, dass diese Gläubigen umschrieben werden als jene, welche die Gebote Gottes bewahren und am Zeugnis für Jesus festhalten. Die Zeit bis zur Vollendung ist offenbar eine Zeit, welche die Gebote Gottes in Frage stellt und den Glauben an Jesus zerstören möchte. Das ist ein wichtiger Hinweis für die Gläubigen. Er gibt ihnen eine Hilfe an die Hand, so dass sie wissen, worauf es in diesem Kampf ankommt. Sie bekommen Orientierung.

Da geriet der Drache in Zorn über die Frau und er ging fort, um Krieg zu führen mit ihren übrigen Nachkommen, die die Gebote Gottes bewahren und an dem Zeugnis für Jesus festhalten (12,17).

Dabei kommt die Frage auf: Wie lange dauert diese Zeit? Gibt es Anzeichen, welche uns erkennen lassen, dass das Ende bald kommt? Darauf gibt uns die Offenbarung in diesem Teil eine deutliche Antwort: Die Zeit lässt sich nicht berechnen. Es ist aber eine begrenzte Zeit. Es gibt dazwischen ruhige Zeiten. Anderseits gibt es eine Zunahme der Not gegen das Ende hin. Das bedeutet eben: Es braucht eine ständige Bereitschaft der Gläubigen; ein Wachbleiben; ein Ausharren; ein Festhalten; ein Sich-nicht-Täuschen lassen. Die Gläubigen sollen unbeirrt ihren Weg gehen und sich nicht durch die verschiedenen Angebote der Welt verführen lassen. Da braucht es, wie es die Offenbarung sagt, Standhaftigkeit und Glaubenstreue.

Wer Ohren hat, der höre! Wer zur Gefangenschaft bestimmt ist, geht in die Gefangenschaft. Wer mit dem Schwert getötet werden soll, wird mit dem Schwert getötet. Hier muss sich die Standhaftigkeit und die Glaubenstreue der Heiligen bewähren (13,9-10).

Über allem schmerzlichen Ereignis steht aber immer der Sieg des Lammes, gleichsam parallel zum Wirken Satans, in einer überirdischen Dimension. Den Blick dahin zu wenden, ist eine große Hilfe im Kampf mit dem Bösen:

Und ich sah und siehe, das Lamm stand auf dem Berg Zion und bei ihm waren hundert- vierundvierzigtausend; auf ihrer Stirn trugen sie seinen Namen und den Namen seines Vaters geschrieben. Dann hörte ich eine Stimme vom Himmel her, die dem Rauschen von Wassermassen und dem Rollen eines gewaltigen Donners glich. Die Stimme, die ich hörte, war wie der Klang der Harfe, die ein Harfenspieler schlägt. Und sie sangen ein neues Lied vor dem Thron und vor den vier Lebewesen und vor den Ältesten. Aber niemand konnte das Lied lernen außer den hundertvierundvierzigtausend, die von der Erde weg freigekauft sind. Sie sind es, die sich nicht mit Frauen befleckt haben; denn sie sind jungfräulich. Sie folgen dem Lamm, wohin es geht. Sie allein unter allen Menschen sind freigekauft als Erstlingsgaben für Gott und das Lamm. Denn in ihrem Mund fand sich keinerlei Lüge. Sie sind ohne Makel (Offb 14,1-5).

Wohl erwartet die Kirche die Vollendung am Ende der Zeiten. Aber schon in dieser Zeit werden jene vollendet, die in Übereinstimmung mit Gottes Willen leben. So wächst in dieser Zwischenzeit bereits die Zahl jener, die beim Lamm sind und das neue Lied singen, das Lied des Sieges über Satan und seinen Anhängern.

Hier muss sich die Standhaftigkeit der Heiligen bewähren, die an den Geboten Gottes und an der Treue zu Jesus festhalten. Und ich hörte eine Stimme vom Himmel her rufen: Schreibe: Selig die Toten, die im Herrn sterben, von jetzt an; ja spricht der Geist, sie sollen ausruhen von ihren Mühen; denn ihre Taten folgen ihnen nach (14,12-13).

Die Offenbarung des Johannes ist kein Count-down für die Wiederkunft des Herrn. Sie zeigt uns aber, dass es verschiedene Ereignisse gibt, welche der Wiederkunft des Herrn vorangehen; dass sich die Gläubigen auf manche Zeitabschnitte der Prüfung vorbereiten müssen. Sie zeigt uns aber auch, dass der Weltenlauf mit Sicherheit auf den neuen Himmel und auf die neue Erde zugeht.

Seht die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen und sie werden sein Volk sein; und er, Gott, wird bei ihnen sein. Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen. – Er, der auf dem Thron saß, sprach: Seht, ich mache alles neu. Und er sagte: Schreib es auf, denn diese Worte sind zuverlässig und wahr (21,1-5).

Dies ist unser Ziel, auf das wir von Tag zu Tag zuschreiten. Johannes stellt uns in der Offenbarung die ewige Glückseligkeit vor Augen. Wir brauchen diese Vorschau dringend, da wir eben in den Wechselfällen dieses Lebens stehen und immer wieder an den Rand der Verzweiflung kommen. So spricht uns Johannes Mut zu und stärkt unser Beharrungsvermögen und unsere Hoffnung. Die Schrift des Johannes ist ein Trostbuch in der Not des gegenwärtigen Lebens. Sie lässt uns, die wir in der Bedrängnis des Volkes Gottes leben, in einer großartigen Schau unsere beglückende Vollendung im Himmel erfahren. So zeigt uns die Apokalypse – gleichsam parallel zum Weg Jesu, der vom Leiden zur Auferstehung und zur Himmelfahrt führt – den Weg des Volkes Gottes aus der Not dieser Weltzeit zur erfüllenden Gemeinschaft der Heiligen im Himmel. Wir können auch sagen: Jesus hat dem Volk Gottes durch seine Auferstehung den Himmel geöffnet. Die vollendete Gemeinschaft der Heiligen ist die Folge der Auferstehung Jesu. In dieser Weise betrachtet die Kirche, von der Auferstehung des Herrn her kommend, den eigenen Weg vom Leiden zur ewigen Herrlichkeit. – Die Offenbarung des Johannes gibt uns auch einen Maßstab in die Hand, um sich in dieser schwierigen Zeit richtig zu verhalten und zu handeln. Darauf möchte ich nochmals hinweisen:

Hier muss sich die Standhaftigkeit der Heiligen bewähren, die an den Geboten Gottes und an der Treue zu Jesus festhalten.

Die Gebote Gottes und die Treue zu Jesus sind ausschlaggebend für den Weg des Glaubens durch die Schwierigkeiten der Endzeit. Der Hinweis auf die Gebote Gottes erinnern uns an Jesus und seine Lehre:

Wenn du aber in das Leben eintreten willst, halte die Gebote (Mt 19,17)!

Auf die folgende Frage: Welche?, antwortet Jesus:

Du sollst nicht töten, du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht stehlen,, du sollst kein falsches Zeugnis geben; ehre Vater und Mutter! Und: Du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst (Mt 19,18).

Es geht um die Zehn Gebote. Anderseits geht es um den Glauben an Jesus. Das sind nach der Offenbarung des Johannes die beiden Eckpfeiler, an denen sich der Mensch orientieren kann, um sich zu bewähren und der Herrlichkeit teilhaftig zu werden. Alles was davon wegführt, ist ein Werk des Bösen. Und ich darf noch deutlicher werden: Die Eckpfeiler reichen zurück in die ganze Geschichte der Kirche. Wir haben durch die ständige Überlieferung des Glaubens jene Kriterien, welche uns helfen, den sicheren Weg zu gehen. Alles, was davon wegführt, ist dem Wirken Satans zuzuschreiben. Alles, was uns unsicher zu sein scheint, auch in der Ausdrucksweise etwa eines Konzils, muss ins Licht der Überlieferung der Kirche gerückt, und in diesem Licht gedeutet werden. Darauf habe ich auch in meinem letzten Hirtenschreiben hingewiesen.2 Darüber hat sich zwar ein Journalist lustig gemacht und gemeint, der Brief würde ins Jahr 1959 passen. – Ironischerweise stimmt diese ironische Aussage; denn das, was 1959 galt, also noch vor

2 Der Weg des Heils, Apg 16,17. Hirtenbrief zur Fastenzeit 2019.

dem Zweiten Vatikanum, das gilt genau so auch heute. Vielleicht hat sich die Sprache etwas verändert – zum Beispiel ist das Scharf-s weitgehend verschwunden! – aber am Inhalt des Glaubens hat sich nichts verändert, auch wenn sich neue Aspekte eröffnet haben. Aber dann eben sind sie in der Kontinuität dessen aufzugreifen und umzusetzen, was wir den Stamm oder die Wurzel des Glaubens nennen.

Versiegle dieses Buch nicht! Denn die Zeit ist nahe. Wer Unrecht tut, tue weiter Unrecht, der Unreine bleibe unrein, der Gerechte handle weiter gerecht und der Heilige strebe weiter nach Heiligkeit. Siehe, ich komme bald und mit mir bringe ich den Lohn und ich werde jedem geben, was seinem Werk entspricht. (22,10-12).

Der Heilige Vater, Papst Franziskus fragt: Wie wissen wir, ob etwas vom Heiligen Geist kommt oder ob es im Geist der Welt oder im Geist des Teufels seinen Ursprung hat? Die einzige Methode ist die Unterscheidung, die nicht nur ein gutes Denkvermögen und einen gesunden Menschenverstand voraussetzt. Sie ist auch eine Gabe, um die man beten muss. Wenn wir sie vertrauensvoll vom Heiligen Geist erbitten und uns zugleich darum bemühen, sie durch Gebet, Betrachtung, Lektüre und guten Rat zu entfalten, können wir sicherlich in dieser geistlichen Fähigkeit wachsen 3.

Dem füge ich gerne bei: Deshalb bitten wir den Herrn um Durchhaltevermögen, Geduld und Sanftmut – und – um die Gabe der Unterscheidung der Geister.

3 FRANZISKUS, Gaudete et Exultate … über den Ruf zur Heiligkeit in der Welt von heute 166.

_______

Quelle

Das Alte Testament als ein Buch verstehen, das von Christus spricht.

BEGEGNUNG MIT DEM KLERUS DER DIÖZESE ROM

„LECTIO DIVINA“ VON BENEDIKT XVI.

Donnerstag, 18. Februar 2010

Eminenz,
liebe Mitbrüder im bischöflichen und priesterlichen Dienst!

Es ist für mich eine sehr freudvolle und auch wichtige Tradition, die Fastenzeit immer mit meinem Klerus, mit den Priestern von Rom beginnen zu können. So können wir als Ortskirche von Rom, aber auch als Weltkirche zusammen mit dem Herrn diesen grundlegenden Weg zur Passion, zum Kreuz aufnehmen: den österlichen Weg.

Dieses Jahr wollen wir über die soeben gelesenen Abschnitte aus dem Brief an die Hebräer nachdenken. Der Verfasser dieses Briefes hat einen neuen Weg eröffnet, um das Alte Testament als ein Buch zu verstehen, das von Christus spricht. Die vorhergehende Tradition hatte Christus vor allem und im wesentlichen in der Perspektive der davidischen Verheißung gesehen, der Verheißung des wahren David, des wahren Salomo, des wahren Königs Israels – des wahren Königs, da er Mensch und Gott ist. Und die Inschrift auf dem Kreuz hatte der Welt in der Tat diese Wirklichkeit verkündet: Jetzt ist der wahre König Israels da, der der König der Welt ist, der König der Juden hängt am Kreuz. Es handelt sich hierbei um die Verkündigung des Königtums Jesu, der Erfüllung der messianischen Erwartung des Alten Testaments, die im Tiefsten des Herzens eine Erwartung aller Menschen ist, die den wahren König erwarten, der Gerechtigkeit, Liebe und Brüderlichkeit schenkt.

Doch der Verfasser des Hebräerbriefs hat eine Schriftstelle entdeckt, die bis zu jenem Moment nicht bemerkt worden war, nämlich Psalm 110,4: »Du bist Priester auf ewig nach der Ordnung Melchisedeks.« Das bedeutet, daß Jesus nicht nur die davidische Verheißung erfüllt, die Erwartung des wahren Königs Israels und der Welt, sondern auch die Verheißung des wahren Priesters verwirklicht. In einem Teil des Alten Testaments, vor allem auch in Qumran, gibt es zwei voneinander getrennte Ebenen der Erwartung: der König und der Priester. Als der Verfasser des Hebräerbriefs diesen Vers entdeckt, erkennt er, daß die beiden Verheißungen in Christus vereint sind: Christus ist wahrer König, der Sohn Gottes – nach Psalm 2,7, den er zitiert –, doch er ist auch der wahre Priester.

So findet die gesamte Welt des Kultes, die gesamte Realität der Opfer, des Priestertums, die auf der Suche nach dem wahren Priestertum, dem wahren Opfer ist, in Christus ihren Schlüssel, ihre Erfüllung, und kann mit diesem Schlüssel des Alte Testament neu lesen und zeigen, wie sich gerade auch das kultische Gesetz, das nach der Zerstörung des Tempels aufgehoben war, in Wirklichkeit auf Christus zubewegte; somit ist es nicht einfach aufgehoben, sondern erneuert, verwandelt, da in Christus alles seinen Sinn findet. Das Priestertum tritt nun in seiner Reinheit und tiefen Wahrheit zutage.

Auf diese Weise stellt der Brief an die Hebräer das Thema des Priestertums Christi, den Priester Christus auf drei Ebenen vor: das Priestertum Aarons, das Priestertum des Tempels; Melchisedek; und Christus selbst als der wahre Priester. Auch das Priestertum Aarons – obwohl es sich vom Priestertum Christi unterscheidet, es sozusagen nur eine Suche ist, ein Unterwegssein hin zu Christus – ist dennoch ein »Weg« zu Christus, und bereits in diesem Priestertum zeichnen sich die wesentlichen Elemente ab. Dann Melchisedek – wir werden auf diesen Punkt zurückkommen –, der ein Heide ist. Die heidnische Welt tritt in das Alte Testament ein, sie tut dies in einer geheimnisvollen Gestalt, die keinen Vater und keine Mutter hat, sagt der Hebräerbrief. Sie erscheint einfach, in ihr tritt die wahre Verehrung des allerhöchsten Gottes zutage, des Schöpfers des Himmels und der Erde. So tritt auch aus der heidnischen Welt die Erwartung und die tiefe vorwegnehmende Ankündigung des Geheimnisses Christi hervor. In Christus selbst wird alles zusammengefaßt, gereinigt und zu seinem Ziel, zu seinem wahren Wesen geführt.

Betrachten wir nun, so weit dies möglich ist, die einzelnen Elemente, die das Priestertum betreffen. Aus dem Gesetz, aus dem Priestertum Aarons, lernen wir zwei Dinge, wie uns der Verfasser des Hebräerbriefs sagt: Um wirklich Mittler zwischen Gott und Mensch zu sein, muß ein Priester Mensch sein. Dies ist von grundlegender Bedeutung, und der Sohn Gottes ist Mensch geworden, um Priester zu sein, um die Sendung des Priesters verwirklichen zu können. Er muß Mensch sein – wir werden auf diesen Punkt zurückkommen –, aber er kann sich nicht selbst zum Mittler gegenüber Gott machen. Der Priester bedarf einer Bevollmächtigung, einer göttlichen Einsetzung, und nur dadurch, daß er beiden Sphären zugehört – der Sphäre Gottes und der des Menschen –, kann er Mittler, kann er »Brücke« sein. Das ist die Sendung des Priesters: diese beiden anscheinend so scharf getrennten Wirklichkeiten, das heißt die Welt Gottes, die fern und dem Menschen oft unbekannt ist, und die menschliche Welt, zusammenzubringen, miteinander zu verbinden. Die Sendung des Priestertums besteht darin, Mittler zu sein, eine Brücke, die verbindet, und auf diese Weise den Menschen zu Gott zu führen, zu seiner Erlösung, zu seinem wahren Licht, zu seinem wahren Leben.

An erster Stelle muß der Priester also auf der Seite Gottes stehen, und allein in Christus ist dieses Bedürfnis, diese Bedingung für die Mittlerrolle voll verwirklicht. Daher war dieses Geheimnis notwendig: der Sohn Gottes wird Mensch, damit es die wahre Brücke, die wahre Vermittlung gibt. Die anderen müssen wenigstens eine Bevollmächtigung durch Gott oder, im Fall der Kirche, durch das Sakrament haben, das heißt: Es ist notwendig, unser Sein in das Sein Christi, in das göttliche Sein einzuführen. Nur durch das Sakrament, durch diesen göttlichen Akt, der uns zu Priestern in der Gemeinschaft mit Christus macht, können wir unsere Sendung erfüllen. Und dies scheint mir für uns ein erster Punkt der Betrachtung zu sein: die Bedeutung des Sakraments. Keiner wird zum Priester aus sich selbst heraus; allein Gott kann mich an sich ziehen, kann mich bevollmächtigen, kann mich in die Teilhabe am Geheimnis Christi hineinnehmen; allein Gott kann in mein Leben eintreten und mich bei der Hand nehmen. Dieser Aspekt des Geschenks, des göttlichen Vorrangs, des göttlichen Wirkens, den nicht wir verwirklichen können, diese unsere Passivität – auserwählt zu sein und von Gott bei der Hand genommen zu werden – ist ein grundlegender Aspekt, in den es einzutreten gilt. Wir müssen immer zum Sakrament zurückkehren, zu diesem Geschenk, in dem Gott mir das gibt, was ich nie geben könnte: die Teilhabe, die Gemeinschaft mit dem göttlichen Sein, mit dem Priestertum Christi.

Machen wir diese Wirklichkeit auch zu einer praktischen Größe unseres Lebens: Wenn dem so ist, dann muß ein Priester wirklich ein Mann Gottes sein, er muß Gott aus der Nähe kennen, und er kennt ihn in Gemeinschaft mit Christus. So müssen wir diese Gemeinschaft leben, und die Feier der heiligen Messe, das Gebet des Breviers, das gesamte persönliche Beten sind Elemente des Mit-Gott-Seins, der Tatsache, Männer Gottes zu sein. Unser Sein, unser Leben, unser Herz müssen in Gott festgemacht werden, in diesem Punkt, aus dem wir nicht herausgehen dürfen; und das verwirklicht und stärkt sich Tag um Tag auch durch kleine Gebete, mit denen wir uns an Gott rückbinden und immer mehr zu Männern Gottes werden, die in seiner Gemeinschaft leben und so von Gott sprechen und zu Gott führen können.

Das zweite Element besteht darin, daß der Priester Mensch sein muß. Mensch in jeder Hinsicht, das heißt er muß eine wahre Menschlichkeit leben, einen wahren Humanismus; er muß eine Erziehung besitzen, eine menschliche Bildung, menschliche Tugenden; er muß seine Intelligenz entfalten, seinen Willen, seine Gefühle, seine Affekte; er muß wirklich Mensch sein, ein Mensch nach dem Willen des Schöpfers, des Erlösers, denn wir wissen, daß das Sein des Menschen verwundet und die Frage »Was ist der Mensch?« von der Tatsache der Sünde verdunkelt ist, die die menschliche Natur bis hinein in ihre Tiefen verletzt hat. So sagt man: »Er hat gelogen«, »das ist doch menschlich«; »er hat gestohlen«, »das ist doch menschlich«; das ist aber nicht das wahre Menschsein. Menschlich sein heißt großherzig sein, gut sein, ein Mensch der Gerechtigkeit, der wahren Umsicht, der Weisheit sein. Mit der Hilfe Christi aus dieser Verfinsterung unserer Natur herauszutreten, um zum wahren Sein des Menschen nach dem Bild Gottes zu gelangen, ist ein lebenslanger Prozeß, der in der Priesterausbildung beginnen, sich dann aber verwirklichen und in unserem ganzen Dasein fortsetzen muß. Ich denke, daß die beiden Dinge grundlegend zusammengehören: Gott gehören und mit Gott sein sowie wahrhaft Mensch sein, im wahren Sinn, den der Schöpfer gewollt hat, da er dieses Geschöpf formte, das wir sind.

Mensch sein: der Brief an die Hebräer stellt unsere Menschlichkeit auf eine Art und Weise heraus, die uns überrascht, denn er sagt: Der Priester muß jemand sein, der fähig ist, »für die Unwissenden und Irrenden Verständnis aufzubringen, da auch er der Schwachheit unterworfen ist« (5,2), und dann in noch sehr viel stärkerer Weise: »Als er auf Erden lebte, hat er mit lautem Schreien und unter Tränen Gebete und Bitten vor den gebracht, der ihn aus dem Tod retten konnte, und er ist erhört und aus seiner Angst befreit worden« (5,7). Für den Hebräerbrief ist das Mitleid, das Leiden mit den anderen, wesentliches Element unseres Menschseins: das ist die wahre Menschlichkeit. Nicht die Sünde ist dies, da die Sünde nie Solidarität, sondern immer Entsolidarisierung, eine Vereinnahmung des Lebens für sich selbst ist, statt es zu schenken. Die wahre Menschlichkeit besteht darin, wirklich am Leiden des Menschen teilzuhaben, das heißt ein Mensch des Mitleides zu sein – metriopathein sagt der griechische Text –, im Mittelpunkt des menschlichen Leidens stehen, wirklich zusammen mit den anderen ihre Leiden, die Versuchungen dieser Zeit zu tragen: »Gott – wo bist du in dieser Welt?«

Diese Menschlichkeit des Priesters entspricht nicht dem platonischen und aristotelischen Ideal, demzufolge der wahre Mensch der sei, der allein in der Kontemplation der Wahrheit lebt und so selig, glücklich ist, da er nur mit den schönen Dingen freundschaftlichen Umgang pflegt, mit der göttlichen Schönheit, die »Arbeiten« jedoch andere verrichten. Das ist eine Annahme, wohingegen hier davon ausgegangen wird, daß der Priester wie Christus in das menschliche Elend eintritt, es mit sich trägt, zu den leidenden Menschen geht, sich um sie kümmert und sie nicht allein äußerlich, sondern innerlich auf sich nimmt, in sich selbst die »Passion« seiner Zeit, seiner Pfarrei, der ihm anvertrauten Menschen auf sich nimmt. So hat Christus den wahren Humanismus gezeigt. Gewiß ist sein Herz immer in Gott verankert, er sieht immer Gott, er steht immer in einem innigen Gespräch mit ihm, aber gleichzeitig trägt er das ganze Sein, das ganze Leid des Menschen tritt in seine Passion ein. Während er spricht, die Menschen sieht, die klein und ohne Hirten sind, leidet er mit ihnen, und wir Priester dürfen uns nicht in ein »Elysium« zurückziehen, sondern wir sind in die Passion dieser Welt hineingetaucht und müssen mit der Hilfe Christi und in Gemeinschaft mit ihm versuchen, sie zu verwandeln, sie zu Gott zu bringen.

Gerade das muß mit dem folgenden, wirklich anregenden Text gesagt werden: »Er hat mit lautem Schreien und unter Tränen Gebete und Bitten… dargebracht« (Hebr 5,7). Damit wird nicht nur die Stunde der Angst auf dem Ölberg angedeutet, sondern die gesamte Leidensgeschichte zusammengefaßt, die das ganze Leben Jesu umfaßt. Tränen: Jesus weinte am Grab des Lazarus, er war wirklich zuinnerst vom Geheimnis des Todes, vom Schrecken angesichts des Todes berührt. Menschen verlieren wie in diesem Fall den Bruder, die Mutter, das Kind, den Freund: der ganze Schrecken des Todes, der die Liebe zerstört, der die Beziehungen zerstört, der ein Zeichen unserer Endlichkeit, unserer Armut ist, wird auf die Probe gestellt, und er tritt bis ins tiefste seiner Seele diesem Geheimnis entgegen, dieser Traurigkeit, die der Tod ist, und weint. Er weint über Jerusalem, da er die Zerstörung der schönen Stadt durch den Ungehorsam sieht; er weint, da er alle Zerstörungen in der Geschichte der Welt sieht; er weint, da er sieht, wie die Menschen sich selbst und ihre Städte in der Gewalt, im Ungehorsam zerstören.

Jesus weint, mit lautem Klagen. Wir wissen aus den Evangelien, daß Jesus vom Kreuz herab gerufen hat; er hat gerufen: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« (Mk 15,34; vgl. Mt 27,46), und daß er ein weiteres Mal am Ende laut aufgeschrien hat. Und dieser Schrei entspricht einer fundamentalen Dimension der Psalmen: in den schrecklichen Momenten des menschlichen Lebens sind viele Psalmen ein lauter Ruf zu Gott: »Hilf uns, erhöre uns!« Gerade heute haben wir im Brevier in diesem Sinn gebetet: Wo bist du, Gott? »Du gibst uns preis wie Schlachtvieh« (Ps 44,12). Ein Klageruf der leidenden Menschheit! Und Jesus, der das wahre Subjekt der Psalmen ist, bringt diesen Ruf der Menschheit wirklich vor Gott, vor die Ohren Gottes: »Hilf uns und erhöre uns!« Er verwandelt das ganze Leid des Menschen, indem er es auf sich nimmt, in einen Ruf vor Gottes Ohr.

Und so sehen wir, daß er gerade auf diese Weise das Priestertum verwirklicht, die Aufgabe des Mittlers, indem er das Leid und die Passion der Welt in sich trägt, sie in sich aufnimmt und sie in einen an Gott gerichteten Schrei verwandelt, sie vor die Augen und in die Hände Gottes bringt und sie so wirklich zum Augenblick der Erlösung führt.

Tatsächlich sagt der Hebräerbrief (5,7): »Er hat mit lautem Schreien und unter Tränen Gebete und Bitten… vorgebracht«. Dabei handelt es sich um eine richtige Übersetzung des Verbums prospherein, das ein im Kult gebrauchtes Wort ist und die Handlung der Aufopferung der menschlichen Gaben an Gott ausdrückt, gerade die Tat der Gabenbereitung, des Opfers. So zeigt er mit diesem kultischen Begriff, der auf die Gebete und Tränen Christi angewandt wird, daß die Tränen Christi, die Angst auf dem Ölberg, der Schrei am Kreuz, all sein Leiden nicht etwas sind, das neben seiner großen Sendung stünde. Gerade auf diese Weise bringt er das Opfer dar, ist er Priester. Der Hebräerbrief sagt uns mit diesem »er hat dargebracht«, prospherein: Das ist die Verwirklichung seines Priestertums, auf diese Weise bringt er die Menschheit zu Gott, so wird er zum Mittler, so wird er Priester.

Wir sagen zu Recht, daß Jesus Gott nicht etwas, sondern daß er sich selbst dargebracht hat, und diese Hingabe seiner selbst verwirklicht sich in dem Mitleiden, welches das Leid der Welt in Gebet und in einen Ruf zum Vater verwandelt. In diesem Sinn beschränkt sich auch unser Priestertum nicht auf die gottesdienstliche Handlung der heiligen Messe, in dem alles in die Hände Christi gelegt wird, sondern unser ganzes Mitleid gegenüber dem Leid dieser Welt, die so fern ist von Gott, ist ein priesterlicher Akt, ein prospherein, ein Aufopfern. In diesem Sinn scheint es mir, daß wir verstehen und lernen müssen, in tieferer Weise die Leiden des seelsorglichen Lebens zu akzeptieren, da eben dies priesterliches Wirken, Vermittlung, Eintreten in das Geheimnis Christi, Kommunikation mit dem Geheimnis Christi ist, was sehr wirklich und wesentlich, existentiell und dann sakramental ist.

In diesem Zusammenhang ist ein zweites Wort wichtig. Es heißt, daß Christus auf diese Weise – durch diesen Gehorsam – zur Vollendung gelangt ist, auf griechisch teleiotheis (vgl. Hebr 5,8–9). Wir wissen, daß das hier benutzte Wort teleion in der gesamten Thora, das heißt in der gesamten Gesetzgebung für den Kult, auf die Priesterweihe verweist. Der Hebräerbrief sagt uns also, daß Jesus gerade durch dieses Tun zum Priester bestellt wurde, daß durch dieses Tun sein Priestertum verwirklicht worden ist. Unsere sakramentale Priesterweihe muß existentiell, aber auch auf christologische Weise verwirklicht und konkretisiert werden, gerade dadurch, daß man die Welt mit Christus und zu Christus trägt, und mit Christus zu Gott: so werden wir wirklich Priester, teleiotheis. Das Priestertum ist somit nicht etwas, das nur auf wenige Stunden beschränkt wäre, sondern es verwirklicht sich im seelsorglichen Leben, in seinen Leiden und Schwächen, in seinen Traurigkeiten und natürlich auch in den Freuden. So werden wir immer mehr zu Priestern in Gemeinschaft mit Christus.

Der Hebräerbrief faßt schließlich dieses ganze Mitleid mit dem Wort hypakoe, »Gehorsam«, zusammen; all dies ist Gehorsam. Das ist ein Wort, das uns in unserer Zeit nicht gefällt. Gehorsam erscheint wie eine Entfremdung, eine unterwürfige Haltung. Man nutzt seine Freiheit nicht, man unterstellt seine Freiheit einem anderen Willen, also ist man nicht mehr frei, sondern von einem anderen bestimmt, wohingegen die Selbstbestimmung, die Emanzipation doch das wahre Menschsein ausmachen würden. Statt des Wortes »Gehorsam« wollen wir als anthropologisches Schlüsselwort die »Freiheit«. Doch betrachten wir dieses Problem aus der Nähe, so sehen wir, daß die beiden Dinge zutiefst miteinander verbunden sind: der Gehorsam Christi ist die Übereinstimmung seines Willens mit dem Willen des Vaters; durch seinen Gehorsam bringt er den menschlichen Willen zum göttlichen Willen, die Angleichung unseres Willens an den Willen Gottes.

In seiner Interpretation des Ölbergs, der gerade im Gebet Jesu zum Ausdruck kommenden Angst – »nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe« – hat der hl. Maximus Confessor diesen Prozeß beschrieben, den Christus in sich als wahrer Mensch, mit der menschlichen Natur, dem menschlichen Willen trägt; in diesem Tun – »nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe« – faßt Jesus den gesamten Prozeß seines Lebens zusammen, das heißt: den Prozeß, das natürliche, menschliche Leben zum göttlichen Leben zu führen und auf diese Weise den Menschen zu verwandeln: Vergöttlichung des Menschen und auf diese Weise Erlösung des Menschen, denn der Wille Gottes ist kein tyrannischer Wille, er ist kein Wille, der außerhalb unseres Seins steht, sondern er ist gerade der schöpferische Wille, er ist gerade der Ort, an dem wir unsere wahre Identität finden.

Gott hat uns geschaffen, und wir sind wir selbst, wenn wir seinem Willen entsprechen; nur so treten wir in die Wahrheit unseres Seins ein und sind nicht entfremdet. Im Gegenteil, die Entfremdung erfolgt gerade dadurch, daß wir aus dem Willen Gottes heraustreten, denn auf diese Weise treten wir aus dem Plan unseres Seins heraus, wir sind nicht mehr wir selbst, sondern stürzen ins Leere. In Wahrheit ist der Gehorsam gegenüber Gott – also die Übereinstimmung, die Wahrheit unseres Seins – die wahre Freiheit, da er Vergöttlichung bedeutet. Indem Jesus den Menschen, das Menschsein in sich und mit sich trägt, in der Übereinstimmung mit Gott, im vollkommenen Gehorsam, also in der vollkommenen Übereinstimmung der beiden Willen, hat er uns erlöst, und die Erlösung ist immer dieser Prozeß, den menschlichen Willen in die Gemeinschaft mit dem göttlichen Willen zu führen. Es handelt sich um einen Prozeß, für den wir jeden Tag beten: »Dein Wille geschehe.« Und wir wollen den Herrn wirklich bitten, daß er uns helfe, zuinnerst zu sehen, daß das die Freiheit ist, und so freudig in diesen Gehorsam einzutreten und den Menschen »aufzunehmen«, um ihn – durch unser Vorbild, durch unsere Demut, durch unser Gebet, durch unser seelsorgliches Handeln – in die Gemeinschaft mit Gott zu bringen.

Liest man weiter, so folgt ein Satz, der schwer zu interpretieren ist. Der Verfasser des Hebräerbriefs sagt, daß Jesus laut, mit Schreien und unter Tränen, Gebete und Bitten vor Gott gebracht hat, der ihn aus dem Tod retten konnte, und daß er aufgrund seiner völligen Hingabe erhört wurde (vgl. Hebr 5,7). Hier würden wir gerne sagen: »Nein, das stimmt nicht, er ist nicht erhört worden, er ist gestorben.« Jesus hat darum gebetet, vom Tod befreit zu werden, doch er ist nicht befreit worden, er ist auf sehr grausame Weise gestorben. Daher hat der große liberale Theologe Harnack gesagt: »Hier fehlt ein ›nicht‹«, es muß heißen: »Er ist nicht erhört worden«, und Bultmann hat diese Interpretation akzeptiert. Doch das ist eine Lösung, die keine Exegese mehr ist, sondern dem Text Gewalt antut. In keiner Handschrift findet sich dieses »nicht«, sondern »er wurde erhört«; wir müssen also verstehen lernen, was dieses »erhört werden« trotz des Kreuzes bedeutet.

Ich sehe drei Ebenen, um diesen Ausdruck zu verstehen. Auf einer ersten Ebene kann man den griechischen Text folgendermaßen übersetzen: »Er ist von seiner Angst erlöst worden«, und in diesem Sinn ist Jesus erhört worden. Es wäre also ein Hinweis auf das, was der hl. Lukas uns berichtet, daß »ihm ein Engel vom Himmel erschien und ihm [neue] Kraft gab« (vgl. Lk 22,43), so daß er nach dem Moment der Angst aufrichtig und furchtlos seiner Stunde entgegengehen konnte, wie uns dies die Evangelien, vor allem das des hl. Johannes, beschreiben. Es wäre die Erhörung in dem Sinne, daß Gott ihm die Kraft gibt, diese ganze Last zu tragen, und daß er so erhört wird. Doch mir scheint, daß diese Antwort nicht ganz ausreichend ist. Erhört werden in einem tieferen Sinne – Pater Vanhoye hat das hervorgehoben – besagt: »Er ist vom Tod erlöst worden«, doch nicht für den Augenblick, für jenen Augenblick, sondern für immer, in der Auferstehung: die wahre Antwort Gottes auf das Gebet, vom Tod erlöst zu werden, ist die Auferstehung, und die Menschheit wird gerade in der Auferstehung vom Tod erlöst, die die wahre Heilung unserer Leiden, des schrecklichen Geheimnisses des Todes ist.

Hier ist bereits eine dritte Verständnisebene gegeben: die Auferstehung Jesu ist nicht nur ein persönliches Ereignis. Mir scheint es hilfreich zu sein, sich den kurzen Text zu vergegenwärtigen, in dem der hl. Johannes im zwölften Kapitel seines Evangeliums stark zusammenfassend das Geschehen vom Ölberg darstellt und erzählt. Jesus sagt: »Jetzt ist meine Seele erschüttert« (Joh 12,27), und in der ganzen Angst auf dem Ölberg, was werde ich da sagen?: »Rette mich aus dieser Stunde, verherrliche deinen Namen« (vgl. Joh 12,27–28). Dasselbe Gebet finden wir bei den Synoptikern: »Wenn es möglich ist, dann rette mich, doch dein Wille geschehe« (vgl. Mt 26,42; Mk 14,36; Lk 22,42), was in der Sprache des Johannes lautet: »Rette mich, verherrliche«. Und Gott antwortet: »Ich habe dich schon verherrlicht und werde dich wieder verherrlichen« (vgl. Joh 12,28). Das ist die Antwort, das göttliche Erhören: ich werde das Kreuz verherrlichen; es ist dies die Gegenwart der göttlichen Herrlichkeit, da es der höchste Akt der Liebe ist. Am Kreuz wird Jesus über die ganze Erde erhöht und zieht die Erde an sich; am Kreuz erscheint jetzt das »Kabod«, die wahre göttliche Herrlichkeit des Gottes, der bis zum Kreuz liebt und so den Tod verwandelt und die Auferstehung schafft.

Das Gebet Jesu ist in dem Sinne erhört worden, daß sein Tod wirklich Leben wird, daß er der Ort wird, von dem aus er den Menschen erlöst, von wo aus er den Menschen an sich zieht. Wenn die göttliche Antwort bei Johannes lautet: »Ich werde dich verherrlichen«, dann bedeutet dies, daß diese Herrlichkeit die ganze Geschichte immer wieder von neuem übersteigt und durchdringt: Von seinem Kreuz aus, das in der Eucharistie gegenwärtig ist, verwandelt er den Tod in Herrlichkeit. Das ist die große Verheißung, die in der heiligen Eucharistie Wirklichkeit wird, die den Himmel immer wieder von neuem öffnet. Diener der Eucharistie zu sein, ist folglich die Tiefe des priesterlichen Mysteriums.

Ein kurzes Wort sei noch zu Melchisedek gesagt. Es handelt sich um eine geheimnisvolle Gestalt, die in Genesis 14 in die biblische Geschichte eintritt: Nach dem Sieg Abrahams über einige Könige erscheint der König von Salem, von Jerusalem, Melchisedek, und bringt Brot und Wein. Eine nicht kommentierte und ein wenig unverständliche Geschichte, die, wie bereits gesagt, erst in Psalm 110 wieder Erwähnung findet, doch man versteht, daß dann das Judentum, die Gnosis und das Christentum tief über dieses Wort nachdenken wollten und ihre Auslegungen hervorgebracht haben. Der Brief an die Hebräer bringt keine Spekulationen vor, sondern berichtet nur, was die Schrift sagt, und das sind verschiedene Elemente: Er ist König der Gerechtigkeit, er wohnt im Frieden, er ist König, von wo der Friede kommt, er verehrt den höchsten Gott und betet ihn an, den Schöpfer des Himmels und der Erde, und er bringt Brot und Wein (vgl. Heb 7,1–3; Gen 14,18–20). Es wird nicht kommentiert, daß hier der Hohepriester des höchsten Gottes erscheint, König des Friedens, der mit Brot und Wein den Schöpfergott des Himmels und der Erde anbetet. Die Kirchenväter haben hervorgehoben, daß er einer der heiligen Heiden des Alten Testaments ist, und das zeigt, daß auch aus dem Heidentum ein Weg zu Christus führt, und die Kriterien dafür sind: den höchsten Gott, den Schöpfer anbeten, Gerechtigkeit und Frieden pflegen und Gott auf reine Weise verehren. Auf diese Weise, mit diesen grundlegenden Elementen, befindet sich auch das Heidentum auf dem Weg zu Christus, macht es, in gewisser Weise, das Licht Christi gegenwärtig.

Im Römischen Kanon folgt nach der Konsekration das Gebet »supra quae«, das einige vorauskündende Bilder Christi, seines Priestertums und seines Opfers erwähnt: Abel, den ersten Märtyrer, mit seinem Lamm; Abraham, der der Absicht gemäß seinen Sohn Isaak opfert, welcher durch das von Gott geschenkte Lamm ersetzt wird; und Melchisedek, Hoherpriester des höchsten Gottes, der Brot und Wein bringt. Das will besagen, daß Christus die absolute Neuheit Gottes ist und zugleich in der ganzen Geschichte gegenwärtig ist, durch die ganze Geschichte hindurch, und daß sich die Geschichte auf Christus zubewegt. Und nicht nur die Geschichte des auserwählten Volkes, das die wahre, von Gott gewollte Vorbereitung darstellt und in der sich das Geheimnis Christi offenbart, sondern auch vom Heidentum her wird das Geheimnis Christi vorbereitet, gibt es Wege zu Christus, der alles in sich trägt.

Das scheint mir wichtig bei der Feier der Eucharistie: Hier ist das ganze menschliche Gebet gebündelt, die ganze menschliche Sehnsucht, die ganze wahre menschliche Hingabe, die wahre Suche nach Gott, die in Christus endlich ihre Erfüllung findet. Schließlich muß gesagt werden, daß der Himmel jetzt offen ist, der Gottesdienst ist nicht mehr rätselhaft, er besteht nicht mehr aus relativen Zeichen, sondern er ist wahr, weil der Himmel offen ist und nicht etwas dargebracht wird, sondern der Mensch eins mit Gott wird, und das ist der wahre Gottesdienst. So heißt es im Hebräerbrief: »Wir haben einen Hohenpriester, der sich zur Rechten des Thrones der Majestät im Himmel gesetzt hat, … des Heiligtums und des wahren Zeltes, das der Herr selbst aufgeschlagen hat« (vgl. 8,1–2).

Kehren wir zu dem Punkt zurück, daß Melchisedek der König von Salem ist. Die gesamte davidische Tradition hat sich darauf berufen und gesagt: »Hier ist der Ort, Jerusalem ist der Ort des wahren Kultes, die Konzentration des Kultes auf Jerusalem geht schon auf die Zeiten Abrahams zurück, Jerusalem ist der wahre Ort der rechten Verehrung Gottes.«

Machen wir einen neuen Schritt: Das wahre Jerusalem, das »Salem« Gottes, ist der Leib Christi, die Eucharistie ist der Friede Gottes mit dem Menschen. Bekanntlich nennt der hl. Johannes im Prolog die Menschheit Jesu das »Zelt Gottes«, »eskenosen en hemin« (Joh 1,14). Hier hat Gott selbst sein Zelt in der Welt geschaffen, und dieses Zelt, dieses neue, wahre Jerusalem, ist gleichzeitig auf Erden und im Himmel, da dieses Sakrament, dieses Opfer, sich immer unter uns verwirklicht und immer bis zum Thron der Gnade, zur Gegenwart Gottes gelangt. Hier ist das wahre Jerusalem, das gleichzeitig himmlisch und irdisch ist, das Zelt, das der Leib Gottes ist, der als auferstandener Leib immer Leib bleibt und die Menschheit umfaßt und uns gleichzeitig, da es ein auferstandener Leib ist, mit Gott vereint. All das verwirklicht sich immer von neuem in der Eucharistie. Und wir sind als Priester dazu berufen, Diener dieses großen Geheimnisses zu sein, im Sakrament und im Leben. Bitten wir den Herrn, daß er uns dieses Geheimnis immer besser verstehen lasse, daß er uns dieses Geheimnis immer besser leben und so unsere Hilfe anbieten lasse, damit sich die Welt Gott öffne, damit die Welt erlöst werde. Danke.


Der Heilige Vater verwendete als Ausgangstext für seine Lectio Divina die folgenden drei Stellen aus dem Brief des hl. Paulus an die Hebräer:

Heb 5, 1-10
Heb 7, 26-28
Heb 8, 1-2

(L’Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, 5. März 2010 / Nummer 9)

_______

Quelle

DIE HERMENEUTIK DER HEILIGEN SCHRIFT [der Bibel] IN DER KIRCHE

Aus dem nachsynodalen apostolischen Schreiben
VERBUM DOMINI
Seiner Heiligkeit Papst Benedikt XVI.:

Die Kirche als der ursprüngliche Ort der Bibelhermeneutik

29. Ein weiteres großes, während der Synode aufgekommenes Thema, auf das ich jetzt aufmerksam machen möchte, ist die Auslegung der Heiligen Schrift in der Kirche. Gerade durch die innere Verbindung zwischen Wort und Glauben wird deutlich, daß die authentische Bibelhermeneutik nur im kirchlichen Glauben angesiedelt sein kann, der im »Ja« Marias sein Urbild besitzt. Der hl. Bonaventura sagt in diesem Zusammenhang, daß es ohne den Glauben keinen Schlüssel zur Heiligen Schrift gibt: »Das ist die Erkenntnis Jesu Christi, aus der die Sicherheit und das Verständnis der ganzen Heiligen Schrift wie aus einer Quelle hervorgehen. Niemand kann zu ihr vordringen und sie erkennen, wenn er nicht vorher den Glauben besitzt, der Licht, Tor und Fundament der ganzen Heiligen Schrift ist«.[84] Und der hl. Thomas von Aquin sagt unter Berufung auf Augustinus mit Nachdruck: »Auch der Buchstabe des Evangeliums tötet, wenn im Innern die heilsame Gnade des Glaubens fehlt«.[85]

So können wir ein grundlegendes Kriterium der Bibelhermeneutik in Erinnerung rufen: Der ursprüngliche Ort der Schriftauslegung ist das Leben der Kirche. Dies verweist auf den kirchlichen Bezug nicht als äußeres Kriterium, dem die Exegeten sich beugen müssen, sondern es ist ein Erfordernis, das in der Schrift selbst und in der Weise, wie sie sich im Laufe der Zeit herausgebildet hat, liegt. Denn »die Glaubenstraditionen bildeten das lebendige Umfeld, in das sich die literarische Tätigkeit der Verfasser der Heiligen Schrift einfügen konnte. Hierzu gehörten auch das liturgische Leben und die äußere Tätigkeit der Gemeinschaften, ihre geistige Welt, ihre Kultur und ihr geschichtliches Schicksal. Die biblischen Verfasser nahmen an alledem teil. In ähnlicher Weise verlangt also die Auslegung der Heiligen Schrift die Teilnahme der Exegeten am ganzen Leben und Glauben der Glaubensgemeinschaft ihrer Zeit«.[86] »Da die Heilige Schrift in dem Geist gelesen und ausgelegt werden muß, in dem sie geschrieben wurde«,[87] müssen also die Exegeten, die Theologen und das ganze Volk Gottes sie als das betrachten, was sie wirklich ist: als das Wort Gottes, das sich uns durch menschliche Worte mitteilt (vgl. 1Thess2,13). Das ist eine immerwährende, in der Bibel selbst enthaltene Gegebenheit: »Keine Weissagung der Schrift darf eigenmächtig ausgelegt werden; denn niemals wurde eine Weissagung ausgesprochen, weil ein Mensch es wollte, sondern vom Heiligen Geist getrieben haben Menschen im Auftrag Gottes geredet« (2Petr 1,20). Im übrigen ist es gerade der Glaube der Kirche, der in der Bibel das Wort Gottes erkennt, wie der hl. Augustinus sehr schön sagt: »Ich würde nicht an das Evangelium glauben, wenn mich nicht die Autorität der katholischen Kirche dazu bewegen würde«.[88] Der Heilige Geist, der das Leben der Kirche beseelt, ist es, der dazu befähigt, die Schriften authentisch auszulegen. Die Bibel ist das Buch der Kirche, und aus ihrem Eingebettetsein im kirchlichen Leben entspringt auch ihre wahre Hermeneutik.

30. Der hl. Hieronymus erinnert daran, daß wir die Schrift niemals alleine lesen können. Wir finden zu viele verschlossene Türen und gleiten leicht in den Irrtum ab. Die Bibel wurde vom Volk Gottes und für das Volk Gottes unter der Eingebung des Heiligen Geistes geschrieben. Nur in dieser Gemeinschaft mit dem Volk Gottes können wir wirklich mit dem »Wir« in den Kern der Wahrheit eintreten, die Gott selbst uns mitteilen will.[89] Der große dalmatische Gelehrte, für den »Unkenntnis der Schrift Unkenntnis Christi« [90] ist, sagt, daß die Kirchlichkeit der Bibelauslegung kein von außen auferlegter Anspruch ist: Das Buch ist wirklich die Stimme des pilgernden Gottesvolkes, und nur im Glauben dieses Volkes befinden wir uns sozusagen in der richtigen Tonart, um die Heilige Schrift zu verstehen. Eine authentische Auslegung der Bibel muß stets in harmonischer Übereinstimmung mit dem Glauben der katholischen Kirche stehen. Zu einem Priester sagte Hieronymus: »Halte fest an der überlieferten Lehre, in der du unterwiesen wurdest, damit du im Sinne der gesunden Lehre ermahnen und jene widerlegen kannst, die ihr widersprechen«.[91]

Ansätze, die unter Ausklammerung des Glaubens an den heiligen Text herangehen, können zwar interessante Elemente zutage fördern, indem sie auf die Struktur des Textes und seine Formen eingehen, ein solcher Versuch wäre jedoch stets nur vorbereitender Art und vom Aufbau her unvollständig. So hat die Päpstliche Bibelkommission ein in der modernen Hermeneutik allgemein anerkanntes Prinzip wiedergegeben und bekräftigt: »Das richtige Verständnis des biblischen Textes ist nur dem zugänglich, der eine lebendige Beziehung zu dem hat, wovon der Text spricht«.[92] All das unterstreicht die Beziehung zwischen dem geistlichen Leben und der Hermeneutik der Schrift. Denn »mit dem Wachsen des Lebens im Geiste weitet sich bei der Leserschaft das Verständnis der Wirklichkeiten, von denen der biblische Text spricht«.[93] Die Intensität einer authentischen kirchlichen Erfahrung fördert unwillkürlich ein authentisches Glaubensverständnis hinsichtlich des Wortes Gottes, und umgekehrt ist zu sagen, daß das gläubige Lesen der Schrift das kirchliche Leben selbst steigert. Von diesem Ansatz her können wir das bekannte Wort des hl. Gregor des Großen neu erfassen: »Die göttlichen Worte wachsen mit dem, der sie liest«.[94] So bildet und fördert das Hören auf das Wort Gottes die kirchliche Gemeinschaft mit allen, die im Glauben unterwegs sind.

»Die Seele der heiligen Theologie«

31. »Deshalb sei das Studium des heiligen Buches gleichsam die Seele der heiligen Theologie«:[95] Dieses Wort der dogmatischen Konstitution Dei Verbum ist uns in diesen Jahren immer vertrauter geworden. Wir können sagen, daß es in der Zeit nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil im Zusammenhang mit theologischen und exegetischen Studien oft als Symbol für das neuerliche Interesse an der Heiligen Schrift zitiert wurde. Auch die XII. Versammlung der Bischofssynode hat dieses bekannte Wort oft erwähnt, um auf das Verhältnis hinzuweisen, das in bezug auf den heiligen Text zwischen historischer Forschung und Hermeneutik des Glaubens besteht. In dieser Hinsicht haben die Väter mit Freude das vermehrte Studium des Wortes Gottes in der Kirche innerhalb der letzten Jahrzehnte gewürdigt und ihren herzlichen Dank gegenüber den zahlreichen Exegeten und Theologen ausgedrückt, die durch ihre Hingabe, ihren Einsatz und ihr Fachwissen einen wesentlichen Beitrag zur Vertiefung des Schriftverständnisses geleistet haben und leisten, indem sie sich mit den komplexen Problemen auseinandersetzen, die unsere Zeit der Bibelforschung stellt.[96] Ein aufrichtiger Dank gilt auch den Mitgliedern der Päpstlichen Bibelkommission in all diesen Jahren, die in enger Zusammenarbeit mit der Kongregation für die Glaubenslehre fortwährend ihren fachlich versierten Beitrag leisten, indem sie sich besonderen Fragen widmen, die mit dem Studium der Heiligen Schrift verbunden sind. Darüber hinaus hat die Synode die Notwendigkeit verspürt, sich über den gegenwärtigen Stand der Bibelforschung und ihre Bedeutung im theologischen Bereich Gedanken zu machen. Von der fruchtbaren Beziehung zwischen Exegese und Theologie hängt nämlich ein großer Teil der pastoralen Wirkkraft der Arbeit der Kirche und des geistlichen Lebens der Gläubigen ab. Es ist mir daher wichtig, einige Reflexionen aufzugreifen, die in den Auseinandersetzungen der Synode mit diesem Thema zum Vorschein gekommen sind.

Entwicklung der Bibelforschung und kirchliches Lehramt

32. Zunächst muß der Nutzen anerkannt werden, der dem Leben der Kirche aus der historisch-kritischen Exegese und den anderen Methoden der Textanalyse, die in jüngerer Zeit entwickelt wurden, erwachsen ist.[97] Für die katholische Sichtweise der Heiligen Schrift ist die Berücksichtigung dieser Methoden unverzichtbar und mit dem Realismus der Inkarnation verbunden: »Diese Notwendigkeit ergibt sich aus dem christlichen Prinzip, das wir in Joh 1,14 finden: Verbum caro factum est. Das historische Faktum ist eine Grunddimension des christlichen Glaubens. Die Heilsgeschichte ist keine Mythologie, sondern wirkliche Geschichte und muß deshalb mit den Methoden ernsthafter Geschichtswissenschaft untersucht werden«.[98] Die Bibelforschung verlangt daher die Kenntnis und den rechten Gebrauch dieser Forschungsmethoden. Obgleich sich in der Moderne die Sensibilität dafür in der Forschung stärker entwickelt hat – wenn auch nicht überall in gleichem Maße –, gab es doch in der gesunden kirchlichen Überlieferung stets eine Liebe zum Studium des »Buchstabens«. Man denke in diesem Zusammenhang nur an die monastische Kultur, der wir letztlich die Grundlage der europäischen Kultur verdanken und an deren Wurzel das Interesse am Wort steht. Zum Verlangen nach Gott gehört die Liebe zum Wort in all seinen Dimensionen: »Weil im biblischen Wort Gott unterwegs ist zu uns und wir zu ihm, darum muß man lernen, in das Geheimnis der Sprache einzudringen, sie in ihrem Aufbau und in der Weise ihres Ausdrucks zu begreifen. So werden gerade durch die Gottsuche die profanen Wissenschaften wichtig, die uns den Weg zur Sprache zeigen«.[99]

33. Das lebendige Lehramt der Kirche, dessen Aufgabe es ist, »das geschriebene oder überlieferte Wort Gottes verbindlich zu erklären«,[100] hat in kluger und ausgewogener Weise dazu beigetragen, die richtige Haltung hinsichtlich der Einführung neuer Methoden der historischen Analyse zu finden. Ich beziehe mich insbesondere auf die Enzykliken Providentissimus Deus von Papst Leo XIII. und Divino afflante Spiritu von Papst Pius XII. Mein verehrter Vorgänger Papst Johannes Paul II. hat die Bedeutung dieser Dokumente für die Exegese und die Theologie anläßlich der Feier des 100. bzw. des 50. Jahrestages ihrer Promulgation in Erinnerung gerufen.[101] Durch den Beitrag von Papst Leo XIII. konnte die katholische Interpretation der Bibel vor den Angriffen des Rationalismus bewahrt werden, ohne einen Rückzug in einen geistlichen, unhistorischen Sinn vorzunehmen. Er lehnte die wissenschaftliche Kritik nicht ab, sondern mißtraute nur »vorgefaßten Meinungen, die angeblich eine wissenschaftliche Grundlage haben, in Wirklichkeit jedoch unterschwellig den Bereich der Wissenschaft überschreiten«.[102] Papst Pius XII. sah sich hingegen den Angriffen der Anhänger einer sogenannten mystischen Exegese ausgesetzt, die jeden wissenschaftlichen Ansatz ablehnte. Die Enzyklika Divino afflante Spiritu hat mit großer Feinfühligkeit vermieden, die Vorstellung einer Dichotomie zwischen der »wissenschaftlichen Exegese« für den apologetischen Gebrauch und der »dem internen Gebrauch vorbehaltenen geistlichen Interpretation«, zu erzeugen. Vielmehr spricht sie sowohl von der »theologischen Tragweite des methodisch definierten wörtlichen Sinnes« als auch von der Zugehörigkeit der »Bestimmung des geistlichen Sinnes … zum Bereich der wissenschaftlichen Exegese«.[103] Auf diese Weise lehnen beide Dokumente einen »Bruch zwischen dem Menschlichen und dem Göttlichen, zwischen der wissenschaftlichen Forschung und der Sicht des Glaubens, zwischen dem wörtlichen Sinn und dem geistlichen Sinn« ab.[104] Dieses Gleichgewicht floß später in das Dokument der Päpstlichen Bibelkommission von 1993 ein: »Die katholischen Exegeten dürfen bei ihrer Interpretationsarbeit nie vergessen, daß sie das Wort Gottes auslegen. Ihr gemeinsamer Auftrag ist noch nicht beendet, wenn die Quellen unterschieden, die Gattungen bestimmt und die literarischen Ausdrucksmittel erklärt sind. Das Ziel ihrer Arbeit ist erst erreicht, wenn sie den Sinn des biblischen Textes als gegenwartsbezogenes Wort Gottes erfaßt haben«.[105]

Die Bibelhermeneutik des Konzils: Eine zu übernehmende Anleitung

34. Vor diesem Horizont kann man die großen Auslegungsprinzipien der katholischen Exegese, die vom Zweiten Vatikanischen Konzil – besonders in der dogmatischen Konstitution Dei Verbum – dargelegt wurden, um so mehr würdigen: »Da Gott in der Heiligen Schrift durch Menschen nach Menschenart gesprochen hat, muß der Schrifterklärer, um zu erfassen, was Gott uns mitteilen wollte, sorgfältig erforschen, was die heiligen Schriftsteller wirklich zu sagen beabsichtigten und was Gott mit ihren Worten kundtun wollte«.[106] Einerseits hebt das Konzil als wesentliche Elemente zur Erfassung der Aussageabsicht des heiligen Autors die Untersuchung der literarischen Gattungen und die Kontextualisierung hervor. Da aber andererseits die Schrift in demselben Geist ausgelegt werden muß, in dem sie geschrieben wurde, führt die dogmatische Konstitution drei grundlegende Kriterien an, die dazu dienen, die göttliche Dimension der Bibel zu berücksichtigen: 1) Auslegung des Textes mit Rücksicht auf die Einheit der ganzen Schrift – das wird heute kanonische Exegese genannt, 2) Berücksichtigung der lebendigen Überlieferung der Gesamtkirche, und schließlich 3) Beachtung der Analogie des Glaubens. »Nur dort, wo beide methodologische Ebenen, die historisch-kritische und die theologische, berücksichtigt werden, kann man von einer theologischen Exegese sprechen, die allein der Heiligen Schrift angemessen ist«.[107]

Zu Recht haben die Synodenväter gesagt, daß das positive Ergebnis der Anwendung der modernen historisch-kritischen Forschung nicht zu leugnen ist. Während jedoch die heutige akademische – auch die katholische – Exegese im Bereich der historisch-kritischen Methode, einschließlich der in jüngerer Zeit vorgenommenen Ergänzungen, auf hohem Niveau arbeitet, ist ein entsprechendes Studium der theologischen Dimension der biblischen Texte einzufordern, damit die Vertiefung gemäß der drei von der dogmatischen Konstitution Dei Verbum angegebenen Elemente voranschreitet.[108]

Die Gefahr des Dualismus und die säkularisierte Hermeneutik

35. In diesem Zusammenhang muß auf die große Gefahr eines Dualismus hingewiesen werden, der heute bei der Beschäftigung mit der Heiligen Schrift aufkommt. Wenn zwischen den beiden Ansatzebenen unterschieden wird, so geschieht dies keinesfalls in der Absicht, sie voneinander zu trennen, noch sie gegeneinander auszuspielen oder sie auch einfach nur nebeneinanderzustellen. Allein in gegenseitiger Abhängigkeit sind sie sinnvoll. Eine Trennung zwischen ihnen, die zu nichts führt, läßt leider nicht selten Exegese und Theologie einander fremd erscheinen, »selbst auf höchster akademischer Ebene«.[109] Ich möchte hier auf die in besonderer Weise besorgniserregenden Folgen hinweisen, die vermieden werden müssen.

a) Zunächst, wenn die Exegese nur auf die erste Ebene reduziert wird, dann wird die Schrift selbst zu einem Buch der Vergangenheit, »aus dem man wohl moralische Erkenntnisse ziehen und die Geschichte erfahren kann, aber das Buch als solches spricht nur von der Vergangenheit und es handelt sich um eine nicht wirklich theologische, sondern eine rein historiographische Exegese, Geschichte der Literatur«.[110] In einer solchen Verkürzung wird das Ereignis der Offenbarung Gottes durch sein Wort, das in der lebendigen Überlieferung und in der Schrift an uns weitergegeben wird, natürlich in keiner Weise verständlich.

b) Das Fehlen einer Hermeneutik des Glaubens in bezug auf die Schrift zeigt sich außerdem nicht nur in Form einer Abwesenheit, sondern an ihre Stelle tritt unvermeidlich eine andere Hermeneutik – eine positivistische, säkularisierte Hermeneutik, deren grundlegender Schlüssel die Überzeugung ist, daß das Göttliche sich in der Menschheitsgeschichte nicht zeigt. Dieser Hermeneutik zufolge muß dann, wenn ein göttliches Element vorhanden zu sein scheint, dieses auf andere Weise erklärt und alles auf das menschliche Element reduziert werden. Infolgedessen werden Auslegungen vorgelegt, die die Historizität der göttlichen Elemente leugnen.[111]

c) Eine solche Haltung muß unweigerlich dem Leben der Kirche Schaden zufügen, da sie Zweifel aufkommen läßt an den wesentlichen Geheimnissen des Christentums und ihrem historischen Wert, wie zum Beispiel die Einsetzung der Eucharistie und die Auferstehung Christi. Damit wird nämlich eine philosophische Hermeneutik aufgezwungen, die die Möglichkeit, daß das Göttliche in die Geschichte eintritt und in ihr gegenwärtig ist, leugnet. Die Übernahme einer solchen Hermeneutik in die theologischen Studien führt unvermeidlich zu einem heftigen Dualismus zwischen der Exegese, die nur auf der ersten Ebene stattfindet, und der Theologie, die in eine Spiritualisierung des Schriftsinnes abdriftet, die das historische Wesen der Offenbarung nicht berücksichtigt.

All das kann sich auch auf das geistliche Leben und auf die Seelsorge nur negativ auswirken: »Die Abwesenheit dieser zweiten methodologischen Ebene hat einen tiefen Graben zwischen der wissenschaftlichen Exegese und der lectio divina aufgerissen. So kommt es auch gerade deshalb manchmal zu Ratlosigkeit bei der Vorbereitung der Homilien«[112]. Außerdem muß darauf hingewiesen werden, daß dieser Dualismus manchmal dem intellektuellen Ausbildungsweg sogar einiger Priesteramtskandidaten Unsicherheit und wenig Standfestigkeit verleiht.[113] »Wo die Exegese nicht Theologie ist, kann die Heilige Schrift nicht die Seele der Theologie sein und umgekehrt, wo die Theologie nicht wesentlich Auslegung der Schrift in der Kirche ist, hat die Theologie kein Fundament mehr«.[114] Es ist daher unbedingt notwendig, den Hinweisen der dogmatischen Konstitution Dei Verbum in diesem Zusammenhang wieder mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

Glaube und Vernunft im Zugang zur Schrift

36. Zu einem umfassenderen Verständnis der Exegese und somit ihrer Beziehung zur gesamten Theologie kann, glaube ich, das beitragen, was in diesem Zusammenhang Papst Johannes Paul II. in der Enzyklika Fides et ratio geschrieben hat. Er sagte nämlich: »Nicht unterschätzt werden darf zudem die Gefahr, die der Absicht innewohnt, die Wahrheit der Heiligen Schrift von der Anwendung einer einzigen Methode abzuleiten, und dabei die Notwendigkeit einer Exegese im weiteren Sinn außer acht läßt, die es erlaubt, zusammen mit der ganzen Kirche zum vollen Sinn der Texte zu gelangen. Alle, die sich dem Studium der Heiligen Schriften widmen, müssen stets berücksichtigen, daß auch den verschiedenen hermeneutischen Methoden eine philosophische Auffassung zugrunde liegt: sie gilt es vor ihrer Anwendung auf die heiligen Texte eingehend zu prüfen«.[115]

Diese weitblickenden Überlegungen machen deutlich, daß im hermeneutischen Zugang zur Heiligen Schrift die richtige Beziehung zwischen Glaube und Vernunft auf dem Spiel steht. Die säkularisierte Hermeneutik der Heiligen Schrift wird ja von einer Vernunft betrieben, die sich grundsätzlich der Möglichkeit verschließen will, daß Gott in das Leben der Menschen eintritt und in menschlichen Worten zu den Menschen spricht. Auch in diesem Fall gilt also die Aufforderung, den Horizont der eigenen Rationalität zu erweitern.[116] Bei der Anwendung von Methoden zur historischen Analyse muß man es daher vermeiden, gegebenenfalls vorhandene Kriterien zu übernehmen, die die Offenbarung Gottes im Leben der Menschen von vornherein ausschließen. Die Einheit der beiden Interpretationsebenen der Heiligen Schrift setzt letztlich eine Harmonie von Glauben und Vernunft voraus. Einerseits bedarf es eines Glaubens, der eine angemessene Beziehung zur rechten Vernunft unterhält und daher niemals zum Fideismus verkommt, der fundamentalistische Auslegungen der Schrift unterstützen würde. Andererseits bedarf es einer Vernunft, die sich bei der Untersuchung der in der Bibel vorhandenen historischen Elemente offen zeigt und nicht von vornherein alles zurückweist, was über den eigenen Maßstab hinausgeht. Im Übrigen muß sich die Religion des fleischgewordenen Logos dem Menschen, der aufrichtig nach der Wahrheit und nach dem endgültigen Sinn seines Lebens und der Geschichte sucht, als zutiefst vernünftig erweisen.

Wörtlicher Sinn und geistlicher Sinn

37. Wie die Synodenversammlung gesagt hat, ergibt sich ein wichtiger Beitrag zur Wiedererlangung einer angemessenen Schrifthermeneutik auch aus dem erneuten Hören auf die Kirchenväter und ihren exegetischen Ansatz.[117] Tatsächlich besitzt die Theologie der Kirchenväter noch heute großen Wert, weil in ihrem Mittelpunkt das Studium der Heiligen Schrift in ihrer Ganzheit steht. Die Väter sind nämlich zunächst einmal und im wesentlichen »Kommentatoren der Heiligen Schrift«.[118] Ihr Vorbild kann »die modernen Exegeten einen wirklich religiösen Zugang zur Heiligen Schrift sowie eine Auslegung lehren, die stets dem Kriterium der Gemeinschaft mit der Erfahrung der Kirche folgt, die vom Heiligen Geist geleitet in der Geschichte unterwegs ist«.[119]

Auch wenn die patristische und mittelalterliche Tradition natürlich nicht die philologischen und historischen Ressourcen besaß, die der modernen Exegese zur Verfügung stehen, erkannte sie doch die verschiedenen Sinngehalte der Schrift, angefangen beim wörtlichen; es ist »der durch die Worte der Schrift bezeichnete und durch die Exegese, die sich an die Regeln der richtigen Textauslegung hält, erhobene Sinn«.[120] Thomas von Aquin sagt zum Beispiel: »Alle Sinngehalte [der Heiligen Schrift] gründen auf dem wörtlichen«.[121] Man muß sich jedoch stets bewußt sein, daß zur Zeit der Kirchenväter und im Mittelalter jede Form der Exegese, auch die wörtliche, auf der Grundlage des Glaubens betrieben wurde und nicht unbedingt zwischen wörtlichem Sinn und geistlichem Sinn unterschieden wurde. In diesem Zusammenhang sei an das klassische Distichon erinnert, das die Beziehung zwischen den verschiedenen Sinngehalten der Schrift zum Ausdruck bringt:

»Littera gesta docet, quid credas allegoria,
Moralis quid agas, quo tendas anagogia.
Der Buchstabe lehrt die Ereignisse; was du zu glauben hast, die Allegorie;
die Moral, was du zu tun hast; wohin du streben sollst, die Anagogie«.[122]

Wir sehen hier die Einheit und die Unterscheidung von wörtlichem Sinn und geistlichem Sinn, wobei sich dieser wiederum in drei Sinngehalte unterteilt, mit denen die Inhalte des Glaubens, der Moral und der eschatologischen Spannung umschrieben werden.

Letztendlich erkennen wir den Wert und die Notwendigkeit der historisch-kritischen Methode trotz ihrer Grenzen an und lernen gleichzeitig von der patristischen Exegese: »Man ist der Absicht der biblischen Texte nur in dem Maß treu, in dem man versucht, durch ihre Formulierungen hindurch die Wirklichkeit des Glaubens zu erreichen, die in ihnen zur Sprache kommt, und diese mit der Glaubenserfahrung der heutigen Zeit verbindet«.[123] Nur aus dieser Perspektive heraus kann man erkennen, daß das Wort Gottes lebendig ist und sich in der Gegenwart unseres Lebens an jeden Menschen richtet. In diesem Sinne behält das, was die Päpstlichen Bibelkommission gesagt hat, volle Gültigkeit: Sie definiert den geistlichen Sinn dem christlichen Glauben entsprechend als den Sinn, »den die biblischen Texte ausdrücken, wenn sie unter dem Einfluß des Heiligen Geistes im Kontext des österlichen Mysteriums Christi und des daraus folgenden neuen Lebens gelesen werden. Diesen Kontext gibt es tatsächlich. Das Neue Testament erkennt darin die Erfüllung der Schriften. So ist es natürlich, die Schriften im Lichte dieses neuen Kontextes zu lesen, der das Leben im Heiligen Geiste ist«.[124]

Die Notwendigkeit der Überschreitung des »Buchstabens«

38. Wenn die Gliederung zwischen den verschiedenen Sinngehalten der Schrift festgestellt wird, ist es also entscheidend, den Übergang vom Buchstaben zum Geist zu erfassen. Dieser Übergang findet nicht automatisch und von sich aus statt; vielmehr bedarf es einer Überschreitung des Buchstabens: »Denn das Wort Gottes selber ist nie einfach schon in der reinen Wörtlichkeit des Textes da. Zu ihm zu gelangen verlangt eine Transzendierung und einen Prozeß des Verstehens, der sich von der inneren Bewegung des Ganzen leiten läßt und daher auch ein Prozeß des Lebens werden muß«.[125] So entdecken wir, warum ein authentischer Interpretationsprozeß niemals nur ein intellektueller Prozeß ist, sondern auch ein Prozeß des Lebens, der das volle Eingebundensein in das kirchliche Leben als ein »vom Geist geleitetes« Leben (vgl. Gal 5,16) verlangt. Auf diese Weise werden die in Nr. 12 der dogmatischen Konstitution Dei Verbum hervorgehobenen Kriterien deutlicher: Eine solche Transzendierung kann im einzelnen literarischen Fragment nur in Beziehung zur Gesamtheit der Schrift stattfinden. Es ist ja ein einziges Wort, zu dem hin die Überschreitung erfolgen soll. Diesem Prozeß wohnt eine Dramatik inne, denn im Prozeß der Transzendierung hat der Übergang, der in der Kraft des Heiligen Geistes geschieht, unvermeidlich auch mit der Freiheit eines jeden Menschen zu tun. Der hl. Paulus hat diesen Übergang in seinem eigenen Leben in ganzer Fülle erfahren. Was die Überschreitung des Buchstabens und sein Verstehen allein vom Ganzen her bedeutet, hat er drastisch ausgedrückt in dem Satz: »Der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig« (2Kor 3,6). Der heilige Paulus entdeckt, daß der »freimachende Geist einen Namen hat und so die Freiheit ein inneres Maß: „Der Herr ist der Geist. Wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit“ (2Kor 3,17). Der befreiende Geist ist nicht einfach die eigene Idee, die eigene Ansicht des Auslegers. Der Geist ist Christus, und Christus ist der Herr, der uns den Weg zeigt«.[126] Wir wissen, wie auch für den hl. Augustinus dieser Übergang dramatisch und befreiend zugleich war. Er glaubte an die Schrift, die ihm zunächst so uneinheitlich und manchmal ungeschliffen vorgekommen war, eben aufgrund dieser Transzendierung, die er vom hl. Ambrosius durch die typologische Auslegung lernte, für die das gesamte Alte Testament ein Weg auf Christus hin ist. Für Augustinus hat die Überschreitung des Buchstabens den Buchstaben selbst glaubwürdig gemacht und ihm ermöglicht, endlich die Antwort zu finden auf die tiefste Unruhe seines Herzens, das nach der Wahrheit dürstete.[127]

Die innere Einheit der Bibel

39. In der Schule der großen Überlieferung der Kirche lernen wir, im Übergang vom Buchstaben zum Geist auch die Einheit der ganzen Schrift zu erfassen, denn das Wort Gottes, das unser Leben hinterfragt und es ständig zur Umkehr aufruft, ist eines.[128] In diesem Zusammenhang werden wir sicher geleitet durch die Worte von Hugo von Sankt Viktor: »Die ganze göttliche Schrift bildet ein einziges Buch, und dieses einzige Buch ist Christus, spricht von Christus und findet in Christus seine Erfüllung«.[129] Gewiß, unter rein geschichtlichem oder literarischem Gesichtspunkt ist die Bibel nicht einfach nur ein Buch, sondern eine Sammlung literarischer Texte, deren Abfassung sich über mehr als ein Jahrtausend erstreckte und deren einzelne Bücher nicht leicht als Teile einer inneren Einheit erkennbar sind; es bestehen sogar sichtbare Spannungen zwischen ihnen. Das gilt bereits innerhalb der Bibel Israels, die wir Christen als das Alte Testament bezeichnen. Es gilt noch mehr, wenn wir als Christen das Neue Testament und seine Schriften gleichsam als hermeneutischen Schlüssel mit der Bibel Israels verknüpfen und sie so als Weg zu Christus auslegen. Im Neuen Testament wird der Ausdruck »die Schrift« (vgl. Röm 4,3; 1Petr 2,6) normalerweise nicht verwendet, sondern vielmehr »die Schriften« (vgl. Mt 21,43; Joh 5,39; Röm 1,2; 2Petr 3,16), die freilich zusammen dann doch als das eine Wort Gottes an uns angesehen werden.[130] Daraus wird deutlich, daß es die Person Christi ist, die allen »Schriften« in dem Bezug auf das eine »Wort« Einheit verleiht. So versteht man die Aussage in Nr. 12 der dogmatischen Konstitution Dei Verbum, die auf die innere Einheit der ganzen Bibel als entscheidendes Kriterium für eine korrekte Hermeneutik des Glaubens verweist.

Die Beziehung zwischen dem Alten und dem Neuen Testament

40. Unter dem Gesichtspunkt der Einheit der Schriften in Christus müssen sich sowohl die Theologen als auch die Seelsorger der Beziehungen zwischen dem Alten und dem Neuen Testament bewußt sein. Vor allem ist eindeutig, daß das Neue Testament selbst das Alte Testament als Wort Gottes anerkennt und somit die Autorität der Heiligen Schriften des jüdischen Volkes aufgreift.[131] Es erkennt sie implizit an, indem es dieselbe Ausdrucksweise verwendet und oft auf Stellen aus diesen Schriften anspielt. Es erkennt sie explizit an, indem es viele Stellen zitiert und zur Argumentation heranzieht. Die auf den Texten des Alten Testaments gründende Argumentation stellt so im Neuen Testament einen entscheidenden Wert dar, der jenen einfacher menschlicher Beweisführungen übersteigt. Im vierten Evangelium sagt Jesus in diesem Zusammenhang, daß »die Schrift nicht aufgehoben werden kann« (Joh 10,35), und der hl. Paulus präzisiert im besonderen, daß die Offenbarung des Alten Testaments für uns Christen auch weiterhin gilt (vgl. Röm 15,4; 1Kor 10,11).[132] Außerdem bekräftigen wir, »daß Jesus von Nazaret ein Jude war und das Heilige Land das Mutterland der Kirche ist«;[133] die Wurzel des Christentums liegt im Alten Testament, und das Christentum nährt sich stets aus dieser Wurzel. Daher hat die gesunde christliche Lehre stets jede Form des Markionismus abgelehnt, der immer wiederkehrt und auf verschiedene Weise dazu neigt, das Alte und das Neue Testament einander entgegenzusetzen.[134]

Außerdem sagt das Neue Testament selbst, daß es mit dem Alten übereinstimmt, und verkündet, daß im Geheimnis des Lebens, des Todes und der Auferstehung Christi die Heiligen Schriften des jüdischen Volkes ihre vollkommene Erfüllung gefunden haben. Es muß jedoch angemerkt werden, daß der Begriff der Erfüllung der Schriften komplex ist, da er eine dreifache Dimension beinhaltet: den grundlegenden Aspekt der Kontinuität mit der Offenbarung des Alten Testaments, einen Aspekt des Bruches sowie einen Aspekt der Erfüllung und Überwindung. Das Geheimnis Christi steht in einer Kontinuität der Absicht zum Opferkult des Alten Testaments; es hat sich jedoch auf eine ganz andere Weise verwirklicht, die vielen Verheißungen der Propheten entspricht, und hat so eine nie dagewesene Vollkommenheit erlangt. Das Alte Testament ist nämlich voller Spannungen zwischen seinen institutionellen und seinen prophetischen Gesichtspunkten. Das Ostergeheimnis Christi, hingegen, stimmt – wenn auch in unvorhersehbarer Weise – mit den Prophezeiungen und dem vorausweisenden Aspekt der Schriften vollkommen überein; dennoch weist es deutliche Gesichtspunkte einer Diskontinuität zu den Institutionen des Alten Testaments auf.

41. Diese Überlegungen zeigen die unersetzliche Bedeutung des Alten Testaments für die Christen auf, heben aber zugleich die Originalität der christologischen Auslegung hervor. Schon zur Zeit der Apostel und dann in der lebendigen Überlieferung wurde die Einheit des göttlichen Plans in den beiden Testamenten von der Kirche durch die Typologie verdeutlicht, die nicht willkürlicher Art ist, sondern den vom heiligen Text berichteten Ereignissen innewohnt und daher die ganze Schrift betrifft. Die Typologie »findet in den Werken Gottes im Alten Bund „Vorformen“ [Typologien] dessen, was Gott dann in der Fülle der Zeit in der Person seines menschgewordenen Wortes vollbracht hat«.[135] Die Christen lesen also das Alte Testament im Licht des gestorbenen und auferstandenen Christus. Wenn die typologische Auslegung den unerschöpflichen Sinngehalt des Alten Testamentes in bezug auf das Neue Testament offenbart, darf sie jedoch nicht dazu verleiten zu vergessen, daß auch das Alte Testament selbst seinen Offenbarungswert behält, den unser Herr selber bekräftigt hat (vgl. Mk 12,29-31). Daher »will das Neue Testament auch im Licht des Alten Testamentes gelesen sein. Die christliche Urkatechese hat beständig auf dieses zurückgegriffen [vgl. 1Kor 5,6-8; 10,1-11.]«.[136] Aus diesem Grund haben die Synodenväter gesagt, daß »das jüdische Bibelverständnis den Christen beim Verständnis und Studium der Schriften helfen kann«.[137]

»Das Neue Testament liegt im Alten verborgen, und das Alte ist im Neuen offenbar«[138] – so die scharfsinnige und weise Äußerung des hl. Augustinus zu diesem Thema. Es ist also wichtig, sowohl in der Seelsorge als auch im akademischen Bereich die enge Beziehung zwischen den beiden Testamenten deutlich hervorzuheben und mit dem hl. Gregor dem Großen daran zu erinnern, daß »das Neue Testament die Verheißungen des Alten Testaments sichtbar gemacht hat; was dieses in verborgener Weise ankündigt, verkündet jenes offen als gegenwärtig. So ist das Alte Testament Vorausschau des Neuen Testaments; und das Neue Testament ist der beste Kommentar zum Alten Testament«.[139]

Die »dunklen« Stellen der Bibel

42. Im Zusammenhang mit der Beziehung zwischen dem Alten und dem Neuen Testament hat sich die Synode auch mit dem Thema der Bibelstellen auseinandergesetzt, die aufgrund der darin gelegentlich enthaltenen Gewalt und Unsittlichkeit dunkel und schwierig erscheinen. Diesbezüglich muß man sich vor Augen führen, daß die biblische Offenbarung tief in der Geschichte verwurzelt ist. Der Plan Gottes wird darin allmählich offenbar und wird erst langsam etappenweise umgesetzt, trotz des Widerstands der Menschen. Gott erwählt ein Volk und erzieht es mit Geduld. Die Offenbarung paßt sich dem kulturellen und sittlichen Niveau weit zurückliegender Zeiten an und berichtet daher von Tatsachen und Bräuchen wie zum Beispiel Betrugsmanövern, Gewalttaten, Völkermord, ohne deren Unsittlichkeit ausdrücklich anzuprangern. Das läßt sich aus dem historischen Umfeld heraus erklären, kann jedoch den modernen Leser überraschen, vor allem dann, wenn man die vielen »dunklen« Seiten menschlichen Verhaltens vergißt, die es in allen Jahrhunderten immer gegeben hat, auch in unseren Tagen. Im Alten Testament erheben die Propheten kraftvoll ihre Stimme gegen jede Art von kollektiver oder individueller Ungerechtigkeit und Gewalt. Dadurch erzieht Gott sein Volk in Vorbereitung auf das Evangelium. Es wäre daher falsch, jene Abschnitte der Schrift, die uns problematisch erscheinen, nicht zu berücksichtigen. Vielmehr muß man sich bewußt sein, daß die Auslegung dieser Stellen den Erwerb entsprechender Fachkenntnisse voraussetzt, mittels einer Ausbildung, die die Texte in ihrem literarischen und geschichtlichen Zusammenhang und in christlicher Perspektive liest, deren endgültiger hermeneutischer Schlüssel »das Evangelium und das neue Gebot Jesu Christi ist, das im Ostergeheimnis Erfüllung gefunden hat«.[140] Ich fordere daher die Theologen und die Seelsorger auf, allen Gläubigen zu helfen, auch an diese Stellen heranzugehen, und zwar durch eine Lesart, die ihre Bedeutung im Licht des Geheimnisses Christi offenbar werden läßt.

Christen und Juden im Hinblick auf die Heiligen Schriften

43. In Anbetracht der engen Beziehungen, die das Neue an das Alte Testament binden, ergibt es sich von selbst, jetzt die Aufmerksamkeit der besonderen Verbindung zwischen Christen und Juden zuzuwenden, die sich daraus ableitet und die niemals vergessen werden darf. Papst Johannes Paul II. hat zu den Juden gesagt: Ihr seid »unsere „bevorzugten Brüder“ im Glauben Abrahams, unseres Patriarchen«.[141] Natürlich bedeuten diese Worte keine Absage an den Bruch, von dem das Neue Testament in bezug auf die Institutionen des Alten Testaments spricht, und erst recht nicht an die Erfüllung der Schriften im Geheimnis Jesu Christi, der als Messias und Sohn Gottes erkannt wird. Dieser tiefe und radikale Unterschied beinhaltet jedoch keineswegs eine gegenseitige Feindschaft. Das Beispiel des hl. Paulus (vgl. Röm 9-11) zeigt im Gegenteil, daß »eine Haltung des Respekts, der Hochschätzung und der Liebe gegenüber dem jüdischen Volk … die einzige wirklich christliche Haltung in einer heilsgeschichtlichen Situation [ist], die in geheimnisvoller Weise Teil des ganz positiven Heilsplans Gottes ist«.[142] Paulus sagt nämlich über die Juden: »Von ihrer Erwählung her gesehen sind sie von Gott geliebt, und das um der Väter willen. Denn unwiderruflich sind Gnade und Berufung, die Gott gewährt« (Röm 11,28-29).

Außerdem gebraucht der hl. Paulus das schöne Bild vom Ölbaum, um die ganz engen Beziehungen zwischen Christen und Juden zu beschreiben: Die Kirche der Völker ist wie ein wilder Oliventrieb, der in den edlen Olivenbaum des Bundesvolkes eingepfropft wurde (vgl.
Röm 11,17-24). Wir nähren uns also aus denselben spirituellen Wurzeln. Wir begegnen einander als Brüder – Brüder, die in gewissen Augenblicken ihrer Geschichte ein gespanntes Verhältnis zueinander hatten, sich aber jetzt fest entschlossen darum bemühen, Brücken beständiger Freundschaft zu bauen.[143] Papst Johannes Paul II. sagte außerdem: »Wir haben viel gemeinsam, und wir können zusammen so viel für Frieden, für Gerechtigkeit und für eine menschlichere und brüderlichere Welt tun«.[144]

Ich möchte noch einmal bekräftigen, wie wertvoll für die Kirche der Dialog mit den Juden ist. Dort, wo die Möglichkeit besteht, sollten auch öffentliche Gelegenheiten zur Begegnung und Diskussion geschaffen werden, die das gegenseitige Kennenlernen, die Wertschätzung füreinander und die Zusammenarbeit fördern, auch beim Studium der Heiligen Schrift.

Die fundamentalistische Auslegung der Heiligen Schrift

44. Nachdem wir uns bis jetzt eingehend dem Thema der Bibelhermeneutik in ihren verschiedenen Aspekten gewidmet haben, können wir nun das auf der Synode mehrmals zur Sprache gebrachte Thema der fundamentalistischen Auslegung der Heiligen Schrift angehen.[145] Zu diesem Thema hat die Päpstliche Bibelkommission im Dokument Die Interpretation der Bibel in der Kirche wichtige Hinweise gegeben. In diesem Zusammenhang möchte ich die Aufmerksamkeit vor allem auf jene Lesarten richten, die das wahre Wesen des heiligen Textes mißachten, indem sie subjektivistische und willkürliche Interpretationen unterstützen. Die von der fundamentalistischen Lesart befürwortete »Wörtlichkeit« ist nämlich in Wirklichkeit ein Verrat sowohl am wörtlichen als auch am geistlichen Sinn, indem sie den Weg für Instrumentalisierungen verschiedener Art öffnet, zum Beispiel durch die Verbreitung kirchenfeindlicher Auslegungen der Schrift selbst. Der problematische Aspekt »dieses fundamentalistischen Umgangs mit der Heiligen Schrift liegt darin, daß er den geschichtlichen Charakter der biblischen Offenbarung ablehnt und daher unfähig wird, die Wahrheit der Menschwerdung selbst voll anzunehmen. Für den Fundamentalismus ist die enge Verbindung zwischen Göttlichem und Menschlichem in der Beziehung zu Gott ein Ärgernis. … Er hat deshalb die Tendenz, den biblischen Text so zu behandeln, als ob er vom Heiligen Geist wortwörtlich diktiert worden wäre. Er sieht nicht, daß das Wort Gottes in einer Sprache und in einem Stil formuliert worden ist, die durch die jeweilige Epoche der Texte bedingt sind«.[146] Das Christentum vernimmt im Gegensatz dazu in den Wörtern das Wort, den Logos selbst, der sein Geheimnis durch diese Vielfalt und durch die Wirklichkeit einer menschlichen Geschichte hindurch ausbreitet.[147] Die wahre Antwort auf eine fundamentalistische Interpretation ist die »Auslegung der Heiligen Schrift im Glauben«. Diese Lesart, »die von alters her in der Überlieferung der Kirche praktiziert wurde, sucht nach der rettenden Wahrheit für das Leben des einzelnen Gläubigen und für die Kirche. Diese Lesart erkennt den historischen Wert der biblischen Überlieferung an. Gerade aufgrund dieses Wertes als historisches Zeugnis will sie die lebendige Bedeutung der Heiligen Schrift wiederentdecken, die auch für das Leben des Gläubigen von heute bestimmt ist«,[148] ohne dabei die menschliche Vermittlung des inspirierten Textes und seine literarischen Gattungen außer acht zu lassen.

Der Dialog zwischen Seelsorgern, Theologen und Exegeten

45. Die wahre Hermeneutik des Glaubens bringt einige wichtige Konsequenzen im Bereich der Pastoralarbeit der Kirche mit sich. Gerade die Synodenväter haben in diesem Zusammenhang zum Beispiel regelmäßigere Kontakte zwischen Seelsorgern, Exegeten und Theologen empfohlen. Die Bischofskonferenzen sollten diese Begegnungen fördern, »um eine größere Gemeinsamkeit im Dienst am Wort Gottes zu unterstützen«.[149] Eine solche Zusammenarbeit hilft allen, die eigene Arbeit besser durchzuführen zum Wohl der ganzen Kirche. Sich nämlich in den Gesichtskreis der Pastoralarbeit zu versetzen bedeutet auch für die Wissenschaftler, dem heiligen Text in seinem Wesen als Mitteilung zu begegnen, die der Herr den Menschen für das Heil macht. Darum gilt die Empfehlung, die bereits die dogmatische Konstitution Dei Verbum formuliert: »Die katholischen Exegeten und die anderen Vertreter der theologischen Wissenschaft müssen in eifriger Zusammenarbeit sich darum mühen, unter Aufsicht des kirchlichen Lehramts mit passenden Methoden die göttlichen Schriften so zu erforschen und auszulegen, daß möglichst viele Diener des Wortes in den Stand gesetzt werden, dem Volke Gottes mit wirklichem Nutzen die Nahrung der Schriften zu reichen, die den Geist erleuchtet, den Willen stärkt und die Menschenherzen zur Gottesliebe entflammt«.[150]

Bibel und Ökumene

46. Im Bewußtsein, daß die Kirche ihr Fundament in Christus besitzt, dem fleischgewordenen Wort Gottes, hat die Synode die Zentralität des Bibelstudiums im ökumenischen Dialog hervorgehoben, im Hinblick auf den vollkommenen Ausdruck der Einheit aller Gläubigen in Christus.[151] In der Schrift selbst finden wir ja das an den Vater gerichtete innige Gebet Jesu, daß seine Jünger alle eins sein sollen, damit die Welt glaubt (vgl. Joh 17,21). All das bestärkt uns in der Überzeugung, daß das gemeinsame Hören und Meditieren der Schrift uns eine reale, wenn auch noch nicht volle Gemeinschaft leben läßt,[152] denn »das gemeinsame Hören der Schriften führt zum Dialog der Liebe und läßt den Dialog der Wahrheit wachsen«.[153] Gemeinsam das Wort Gottes hören; die lectio divina der Bibel halten; sich überraschen lassen von der Neuheit des Wortes Gottes, die nie alt wird und sich nie erschöpft; unsere Taubheit für jene Worte überwinden, die nicht mit unseren Meinungen oder Vorurteilen übereinstimmen; hören und studieren in der Gemeinschaft der Gläubigen aller Zeiten – all das stellt einen Weg dar, der beschritten werden muß, um die Einheit im Glauben zu erreichen, als Antwort auf das Hören des Wortes.[154] In diesem Sinn waren die Worte des Zweiten Vatikanischen Konzils wirklich erhellend: So »ist die Heilige Schrift gerade beim [ökumenischen] Dialog ein ausgezeichnetes Werkzeug in der mächtigen Hand Gottes, um jene Einheit zu erreichen, die der Erlöser allen Menschen anbietet«.[155] Es ist daher gut, das Wort Gottes intensiver zu studieren, sich stärker mit ihm auseinanderzusetzen und unter Wahrung der geltenden Normen und der verschiedenen Traditionen die ökumenischen Wortgottesdienste zu vermehren.[156] Diese liturgischen Feiern nutzen der Ökumene, und wenn sie in ihrer wirklichen Bedeutung erlebt werden, stellen sie tiefe Momente echten Gebetes dar, um Gott zu bitten, den ersehnten Tag, an dem wir alle am selben Mahl teilhaben und aus demselben Kelch trinken können, bald herbeizuführen. Im Rahmen einer richtigen und lobenswerten Förderung dieser Momente muß jedoch darauf geachtet werden, daß sie den Gläubigen nicht als Ersatz für die Teilnahme an der Heiligen Messe angeboten werden, die unter das Sonntagsgebot fällt.

Innerhalb dieser Tätigkeit, die das Studium und das Gebet betrifft, sehen wir, sachlich betrachtet, daß es auch Aspekte gibt, die noch vertieft werden müssen und in denen wir noch voneinander entfernt sind, wie zum Beispiel das Verständnis der Kirche als maßgebliches Subjekt der Auslegung und die entscheidende Rolle des Lehramts.[157]

Außerdem möchte ich hervorheben, was die Synodenväter über die Bedeutung gesagt haben, die den Übersetzungen der Bibel in die verschiedenen Sprachen im Rahmen dieser ökumenischen Arbeit zukommt. Wir wissen, daß die Übersetzung eines Textes keine rein mechanische Arbeit ist, sondern in gewissem Sinne zur Auslegung gehört. In diesem Zusammenhang hat der ehrwürdige Diener Gottes Papst Johannes Paul II. gesagt: »Wer sich erinnert, wie sehr die Debatten rund um die Heilige Schrift besonders im Abendland die Spaltungen beeinflußt haben, vermag zu erfassen, was für einen beachtlichen Fortschritt diese Gemeinschaftsübersetzungen darstellen«.[158] Darum ist die Förderung der Gemeinschaftsübersetzungen der Bibel Teil der ökumenischen Arbeit. Ich möchte an dieser Stelle allen danken, die diese wichtige Verantwortung übernommen haben, und sie ermutigen, ihr Werk fortzusetzen.

Konsequenzen für die Ausrichtung der theologischen Studien

47. Aus einer angemessenen Hermeneutik des Glaubens ergibt sich noch eine weitere Konsequenz: Es muß gezeigt werden, was sie für die exegetische und theologische Ausbildung insbesondere der Priesteramtskandidaten bedeutet. Es muß dafür gesorgt werden, daß das Studium der Heiligen Schrift wirklich die Seele der Theologie ist, da man in ihr das Wort Gottes erkennt, das heute an die Welt, an die Kirche und an jeden persönlich gerichtet ist. Wichtig ist, daß die in der Nr. 12 der dogmatischen Konstitution Dei Verbum genannten Kriterien wirklich berücksichtigt und vertieft werden. Es muß vermieden werden, einen Wissenschaftsbegriff aufrechtzuerhalten, demzufolge die wissenschaftliche Forschung der Schrift gegenüber einen neutralen Standpunkt einnimmt. Darum ist es notwendig, daß die Studenten zusammen mit dem Studium der Sprachen, in denen die Bibel geschrieben wurde, und der entsprechenden Auslegungsmethoden ein tiefes geistliches Leben pflegen, um zu verstehen, daß man die Schrift nur erfassen kann, wenn man sie lebt.

Aus dieser Sicht heraus empfehle ich, daß das Studium des überlieferten und niedergeschriebenen Wortes Gottes stets in einem zutiefst kirchlichen Geist geschehen soll. Zu diesem Zweck müssen in der akademischen Ausbildung die Beiträge des Lehramts zu diesen Themen gebührend berücksichtigt werden. »Das Lehramt ist nicht über dem Wort Gottes, sondern dient ihm, indem es nichts lehrt, als was überliefert ist, weil es das Wort Gottes aus göttlichem Auftrag und mit dem Beistand des Heiligen Geistes voll Ehrfurcht hört, heilig bewahrt und treu auslegt«.[159] Es muß also darauf geachtet werden, daß die Studien in Anerkennung der Tatsache stattfinden, daß »die Heilige Überlieferung, die Heilige Schrift und das Lehramt der Kirche gemäß dem weisen Ratschluß Gottes so miteinander verknüpft und einander zugesellt sind, daß keines ohne die anderen besteht«.[160] Ich wünsche daher, daß das Studium der in der Gemeinschaft der Universalkirche ausgelegten Heiligen Schrift, der Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils entsprechend, wirklich die Seele der Theologie sein möge.[161]

Die Heiligen und die Auslegung der Schrift

48. Die Auslegung der Heiligen Schrift bliebe unvollständig, wenn sie nicht auch jene anhörte, die wirklich das Wort Gottes gelebt haben, also die Heiligen:[162] »Viva lectio est vita bonorum«.[163] Die tiefste Auslegung der Schrift kommt in der Tat von jenen, die sich durch das Wort Gottes – im Hören, im Lesen und in der ständigen Betrachtung – formen ließen.

Es ist gewiß kein Zufall, daß die großen Spiritualitäten, welche die Kirchengeschichte gezeichnet haben, aus einer ausdrücklichen Bezugnahme auf die Schrift heraus entstanden sind. Ich denke zum Beispiel an den heiligen Abt Antonius, den das Wort Christi bewegte: »Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkauf deinen Besitz und gib das Geld den Armen; so wirst du einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach« (Mt 19,21).[164] Nicht weniger eindrücklich fragt der hl. Basilius der Große sich in seinem Werk Moralia: »Was macht den Glauben aus? Die volle und zweifelsfreie Gewißheit der Wahrheit der von Gott inspirierten Worte« … »Was macht den Gläubigen aus? Durch jene volle Gewißheit der Bedeutung der Worte der Schrift gleichgestaltet zu werden ohne zu wagen, etwas wegzunehmen oder hinzuzufügen«.[165] Der hl. Benedikt verweist in seiner Regel auf die Schrift als »verläßliche Wegweisung für das menschliche Leben«.[166] Als der hl. Franz von Assisi – so Thomas von Celano – hörte, daß die Jünger Christi »weder Gold noch Silber, noch Geld besitzen dürfen, keine Vorratstasche, kein Brot und keinen Wanderstab mit auf den Weg nehmen und weder Schuhe noch zwei Hemden haben sollten … wurde er sogleich von der Freude im Heiligen Geist erfüllt und rief: „Das ist es, was ich begehre, worum ich bitte, das zu tun ich von ganzem Herzen ersehne!“«.[167] Die hl. Klara von Assisi greift voll und ganz die Erfahrung des hl. Franziskus auf, wenn sie schreibt: »Die Lebensweise des Ordens der Armen Schwestern … ist diese: Das heilige Evangelium unseres Herrn Jesus Christus zu befolgen«.[168] Der hl. Dominikus de Guzmán »erwies sich überall, in den Worten wie in den Werken, als ein Mann des Evangeliums«,[169] und er wollte, daß auch seine Brüder im Predigerorden »Männer des Evangeliums« sein sollten.[170] Die hl. Theresia von Jesus, die in ihren Schriften ständig auf biblische Bilder Bezug nimmt, um ihre mystische Erfahrung zu beschreiben, erinnert daran, daß Jesus selbst ihr offenbart, daß »alles Übel der Welt daher kommt, daß man die Wahrheit der Heiligen Schrift nicht deutlich kennt«.[171] Die hl. Thérèse vom Kinde Jesu findet die Liebe als ihre persönliche Berufung, indem sie die Schriften erforscht, insbesondere die Kapitel 12 und 13 des Ersten Korintherbriefs.[172] Die Heilige selbst beschreibt die Anziehungskraft der Schrift: »Sobald sich mein Blick auf das Evangelium richtet, atme ich sofort den Wohlgeruch des Lebens Jesu ein und weiß, wohin ich mich wenden soll«.[173] Jeder Heilige ist wie ein Lichtstrahl, der vom Wort Gottes ausgeht: So denken wir auch an den hl. Ignatius von Loyola in seiner Suche nach der Wahrheit und in der geistlichen Entscheidungsfindung; an den hl. Johannes Bosco in seiner Leidenschaft für die Erziehung der Jugend; an den hl. Johannes Maria Vianney in seinem Bewußtsein um die Größe des Priestertums als Gabe und Aufgabe; an den hl. Pio von Pietrelcina als Werkzeug der göttlichen Barmherzigkeit; an den hl. Josemaría Escrivá in seiner Verkündigung des universalen Rufs zur Heiligkeit; an die sel. Teresa von Kalkutta, Missionarin der Nächstenliebe Gottes für die Ärmsten der Armen, bis hin zu den Märtyrern des Nationalsozialismus und des Kommunismus, auf der einen Seite vertreten durch eine Karmelitin, die hl. Theresia Benedicta vom Kreuz (Edith Stein), und auf der anderen durch den Kardinalerzbischof von Zagreb, den sel. Alois Stepinac.

49. Die Heiligkeit in bezug auf das Wort Gottes gehört also gewissermaßen zur prophetischen Überlieferung, in der das Wort Gottes das Leben des Propheten selbst in den Dienst nimmt. In diesem Sinne stellt die Heiligkeit in der Kirche eine Hermeneutik der Schrift dar, der sich niemand entziehen kann. Der Heilige Geist, der die heiligen Autoren inspiriert hat, ist derselbe, der auch die Heiligen antreibt, das Leben für das Evangelium hinzugeben. In ihre Schule zu gehen ist ein sicherer Weg, um zu einer lebendigen und wirkkräftigen Hermeneutik des Wortes Gottes zu gelangen.

Von dieser Verbindung zwischen dem Wort Gottes und der Heiligkeit wurde uns auf der XII. Generalversammlung der Bischofssynode unmittelbar Zeugnis gegeben, als am 12. Oktober auf dem Petersplatz die Kanonisierung von vier neuen Heiligen stattfand. Es waren der Priester Gaetano Errico, der Gründer der Kongregation der Missionare von den Heiligsten Herzen Jesu und Mariä; Mutter Maria Bernarda Bütler, die aus der Schweiz gebürtige Missionarin in Ecuador und in Kolumbien; Schwester Alfonsa von der Unbefleckten Empfängnis, die erste in Indien geborene kanonisierte Heilige, und die junge Ecuadorianerin Narcisa de Jesús Martillo Morán. Durch ihr Leben haben sie in der Welt und der Kirche Zeugnis abgelegt von der immerwährenden Fruchtbarkeit des Evangeliums Christi. Bitten wir den Herrn, daß durch die Fürsprache dieser Heiligen, die gerade in den Tagen der Synodenversammlung über das Wort Gottes heiliggesprochen wurden, unser Leben jener »gute Boden« sein möge, auf den der göttliche Sämann das Wort säen kann, auf daß es in uns Frucht der Heiligkeit bringe, »dreißigfach, ja sechzigfach und hundertfach« (Mk 4,20).


[84]  Breviloquium, Prol.,Opera Omnia, V, Quaracchi 1891, S. 201-202.
[85]  Summa Theologiae, Ia-IIae, q. 106, a. 2.
[86] Päpstliche Bibelkommission, Die Interpretation der Bibel in der Kirche (15. April 1993), III,A,3: Ench. Vat. 13, Nr. 3035.
[87] Zweites Vatikanisches Konzil, Dogm. Konst. über die göttliche Offenbarung Dei Verbum, 12.
[88]  Contra epistolam Manichaei quam vocant fundamenti, V,6: PL 42, 176.
[89] Vgl. Benedikt XVI., Generalaudienz (14. November 2007): L’Osservatore Romano (dt.), 23. November 2007, S. 2.
[90]  Commentariorum in Isaiam libriProl.: PL 24, 17.
[91]  Epistula 52, 7: CSEL 54, S. 426.
[92] Päpstliche Bibelkommission, Die Interpretation der Bibel in der Kirche (15. April 1993), II,A,2: Ench. Vat. 13, Nr. 2988.
[93]  Ebd., II,A,2: Ench.Vat. 13, Nr. 2991.
[94]  Homiliae in Ezechielem I,VII,8: PL 76, 843D.
[95] Zweites Vatikanisches Konzil, Dogm. Konst. über die göttliche Offenbarung Dei Verbum, 24; vgl. Leo XIII., EnzyklikaProvidentissimus Deus (18. November 1893), Pars II, sub fineASS 26 (1893-94), 269-292; Benedikt XV., Enzyklika Spiritus Paraclitus (15. September 1920), Pars IIIAAS 12 (1920), 385-422.
[96] Vgl. Propositio 26.
[97] Vgl. Päpstliche Bibelkommission, Die Interpretation der Bibel in der Kirche (15. April 1993), A-B: Ench. Vat. 13, Nrn. 2846-3150.
[98] Benedikt XVI., Beitrag auf der XIV. Generalkongregation der Synode (14. Oktober 2008)L’Osservatore Romano (dt.), 31. Oktober 2008, S. 19; vgl. Propositio 25.
[100] Zweites Vatikanisches Konzil, Dogm. Konst. über die göttliche Offenbarung Dei Verbum, 10.
[101] Vgl. Johannes Paul II., Ansprache anläßlich des 100. Jahrestages der Enzyklika Providentissimus Deus und des 50. Jahrestagesder Enzyklika Divino Afflante Spiritu (23. April 1993): AAS 86 (1994), 232-243.
[102]  Ebd., Nr. 4: AAS 86 (1994), 235.
[103]  Ebd., Nr. 5: AAS 86 (1994), 235.
[104]  Ebd., Nr. 5: AAS 86 (1994), 236.
[105] Päpstliche Bibelkommission, Die Interpretation der Bibel in der Kirche (15. April 1993), III,C,1: Ench. Vat. 13, Nr. 3065.
[106] Nr. 12.
[107] Benedikt XVI., Beitrag auf der XIV. Generalkongregation der Synode (14. Oktober 2008)L’Osservatore Romano (dt.), 31. Oktober 2008, S. 19; vgl. Propositio 25.
[108] Vgl. Propositio 26.
[109]  Propositio 27.
[110] Benedikt XVI., Beitrag auf der XIV. Generalkongregation der Synode (14. Oktober 2008)L’Osservatore Romano (dt.), 31. Oktober 2008, S. 19; vgl. Propositio 26.
[111] Vgl. ebd.
[112]  Ebd.
[113] Vgl. Propositio 27.
[114] Benedikt XVI., Beitrag auf der XIV. Generalkongregation der Synode (14. Oktober 2008)L’Osservatore Romano (dt.),
31. Oktober 2008, S. 19.
[115] Johannes Paul II., Enzyklika Fides et ratio (14. September 1998), 55: AAS 91 (1999), 49-50.
[117] Vgl. Propositio 6.
[118] Vgl. Augustinus, De libero arbitrio, III,XXI,59: PL 32, 1300; De Trinitate, II,1,2: PL 42, 845.
[119] Kongregation für das katholische Bildungswesen, Instr. Inspectis dierum (10. November 1989),26: AAS 81 (1990), 618.
[121]  Summa Theologiae, I, q. 1, a. 10, ad 1.
[123] Päpstliche Bibelkommission, Die Interpretation der Bibel in der Kirche (15. April 1993), II,A,2: Ench. Vat. 13, Nr. 2987.
[124]  Ebd., II,B,2: Ench. Vat. 13, Nr. 3003.
[126]  Ebd.
[127] Vgl. Benedikt XVI., Generalaudienz (9. Januar 2008)L’Osservatore Romano (dt.), 18. Januar 2008, S. 2.
[128] Vgl. Propositio 29.
[129]  De arca Noe, 2,8: PL 176, 642C-D.
[131] Vgl. Propositio 10; Päpstliche Bibelkommission, Das jüdische Volk und seine Heilige Schrift in der christlichen Bibel (24. Mai 2001), 3-5: Ench. Vat. 20, Nrn. 748-755.
[132] Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, 121-122.
[133]  Propositio 52.
[134] Vgl Päpstliche Bibelkommission, Das jüdische Volk und seine Heilige Schrift in der christlichen Bibel (24. Mai 2001), 19: Ench. Vat. 20, Nrn. 799-801; Origenes, Homiliae in Numeros 9,4: SC 415,238-242.
[136]  Ebd., 129.
[137]  Propositio 52.
[138]  Quaestiones in Heptateuchum, 2,73: PL 34, 623.
[139]  Homiliae in Ezechielem, I,VI,15: PL 76, 836.
[140]  Propositio 29.
[141] Johannes Paul II., Botschaft an den Oberrabbiner von Rom (22. Mai 2004): L’Osservatore Romano (dt.), 4. Juni 2004, S. 7.
[142] Päpstliche Bibelkommission, Das jüdische Volk und seine Heilige Schrift in der christlichen Bibel (24. Mai 2001), 87: Ench. Vat.20, Nr. 1150.
[143] Vgl. Benedikt XVI., Ansprache bei der Abschiedszeremonie auf dem Internationalen Flughafen »Ben Gurion« in Tel Aviv (15. Mai 2009)L’Osservatore Romano (dt.), 22. Mai 2009, S. 15.
[144] Johannes Paul II., Ansprache im Oberrabinat »Hechal Shlomo« (23. März 2000): L’Osservatore Romano (dt.), 7. April 2000, S. 9.
[145] Vgl. Propositiones 46.47.
[146] Päpstliche Bibelkommission, Die Interpretation der Bibel in der Kirche (15. April 1993), I,F: Ench. Vat. 13, Nr. 2974.
[148]  Propositio 46.
[149]  Propositio 28.
[150] Zweites Vatikanisches Konzil, Dogm. Konst. über die göttliche Offenbarung Dei Verbum, 23.
[151] Es ist jedoch anzumerken, daß Katholiken und Orthodoxe, was die sogenannten deuterokanonischen Bücher des Alten Testaments und ihre Inspiration betrifft, nicht genau denselben Bibelkanon haben wie Anglikaner und Protestanten.
[152] Vgl. Relatio post disceptationem, 36.
[153]  Propositio 36.
[154] Vgl. Benedikt XVI., Ansprache an die Mitglieder des Ordentlichen Rates des Generalsekretariats der Bischofssynode (25. Januar 2007): AAS 99 (2007), 85-86.
[155] Dekret über den Ökumenismus Unitatis redintegratio, 21.
[156] Vgl. Propositio 36.
[157] Vgl. Zweites Vatikanisches Konzil, Dogm. Konst. über die göttliche Offenbarung Dei Verbum, 10.
[158] Enzyklika Ut unum sint (25. Mai 1995), 44: AAS 87 (1995),947.
[159] Zweites Vatikanisches Konzil, Dogm. Konst. über die göttliche Offenbarung Dei Verbum, 10.
[160]  Ebd.
[161] Vgl. ebd., 24.
[162] Vgl. Propositio 22.
[163] Gregor der Große, Moralia in Job, XXIV,VIII,16:
PL 76, 295.
[164] Vgl. Athanasius, Vita Antonii, II: PL 73, 127.
[165] Regula LXXX, XXII: PG 31, 867.
[166]  Regel, 73,3: SC 182, 672.
[167] Thomas von Celano, Vita prima Sancti Francisci, IX, 22: FF 356.
[168]  Regula, I,1-2: FF 2750.
[169] Jordan von Sachsen, Libellus de principiis Ordinis Praedicatorum, 104: Monumenta Fratrum Praedicatorum Historica, Rom 1935, 16, S. 75.
[170] Predigerorden, Erste Konstitutionen oder Consuetudines, II, XXXI.
[171]  Leben 40,1.
[172] Vgl. Geschichte einer Seele, Ms B, 3r o.
[173]  Ebd., Ms C, 35v o.

_______

Quelle

Benedikt XVI. versetzt Moderne Theologie und seine Vorgänger in Rotation

Historische Begegnung am 17. Januar 2010: Rabbi Elio Toaff und Papst Benedikt XVI vor der Synagoge in Rom Foto: Vatican Media / CPP

Mater ecclesiae hält die katholische Welt in Bewegung

Von René Udwari

Er hat es schon wieder getan. Er ist alt, emeritiert, längst „abgeschrieben“ und noch immer rührt er sich. Noch immer publiziert er, längst im Ruhestand und außer Dienst, kontrovers zu Themen, die den Neu-Theologen und Feuilletonisten Europas und Nordamerikas heilige Kühe sind. Und moduliert, für einen „Mozart der Theologie“ eigentlich schon viel zu alt, vorsichtig und behutsam die Begriffe und Schlüsse der modernen Theologie, um sie nahezu unbemerkt in die Richtung der katholischen Theologie aller Zeiten zu schubsen.

Es scheint, als ob Papa emeritus Benedikt XVI. seine journalistischen und theologischen Widersacher in Schrecken versetzt. Gefährlich sei es, unter Ratzingers theologischen Konstruktionen als Theologenkollege hindurchzuschreiten, raunt es aus dem bergischen Off.

Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ muss ihn mittlerweile entweder für heiligmäßig oder für den Leibhaftigen halten. Sie traut ihm jedenfalls Wunder zu. Denn nach Ansicht ihres Kommentators ist es Benedikt XVI. zu verdanken, dass sein heimgegangener Vorgänger im Petrusamt nun im Grab rotiere (FAZ vom 18.7.2018). Die Ruhe an der Grabstelle in der St.-Sebastian-Kapelle des Petersdomes ergibt jedoch, dass der Kommentator hier metaphorisch zum Ausdruck bringen wollte, dass Johannes Paul II. sicher nicht einverstanden gewesen wäre mit einem Text seines Nachfolgers, der in diesem Sommer in der theologischen Zeitschrift „Communio“ veröffentlicht wurde.

Benedikt XVI. setzt sich in dem Text mit dem Verhältnis von katholischer Kirche und Judentum auseinander. Der Aufsatz nimmt kritisch die katholische Position zum jüdisch-christlichen Verhältnis und deren Begründung auf katholischer Seite auseinander, so wie sich beide in der Zeit nach der Erklärung Nostra Aetate entwickelt haben.

Wie bereits nach der Zulassung der Karfreitagsfürbitte im römischen Ritus ist weniger der Inhalt des Aufsatzes, sondern vielmehr die Person Benedikts XVI. selbst unter Beschuss. Theologen und Journalisten sind auf der Pirsch, um den Papst, der im Paradiesgarten des interreligiösen Dialogs wildern gegangen ist, zur Strecke zu bringen. Es nützt ihm nichts, dass er jetzt und früher schon den Antisemitismus ausdrücklich verdammt und mit dem christlichen Glauben für unvereinbar erklärt hat. Es nützt ihm nichts, dass er nur Nuancen in den theologischen Sätzen, die das katholische Verständnis des Verhältnisses von Kirche und Judentum definieren, anders beurteilt. Diese Nuancen streben zu der von Benedikt XVI. propagierten „Hermeneutik der Kontinuität,“ die in den Dokumenten des Zweiten Vatikanischen Konzils die ununterbrochene Fortsetzung der katholischen Lehrtradition sehen will.

Ob und inwieweit dies überhaupt denkbar ist, ist innerhalb der verschiedenen theologischen Positionen umstritten. Wer diese Kontinuität behauptet, muss die auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil gewachsenen Texte aber auch an die beständige Lehre, dass „außerhalb der Kirche kein Heil“ besteht, anknüpfen können. Denn immerhin hat das Konzil von Florenz 1441 den schon von dem Heiligen Cyprian von Karthago (gest. 258) geprägten Satz zum Dogma erhoben. Das darf also als katholische Tradition gelten. Seither wird dieses Dogma wenigstens so verstanden, dass im Himmel alle katholisch sind, dass also auch Nicht-Katholiken wenigsten im allerletzten Moment Ihres Lebens dem dreifaltigen Gott, den die Kirche verkündet, und vor allem „Christus, dem Retter aller Menschen“ (so wie es die geschmähte Neufassung der Karfreitagsfürbitte formuliert) gegenüberstehen und sich für oder gegen ihn entscheiden.

Alles anders und vor allem besser?

Wer die Aussagen des Zweiten Vatikanische Konzils als Bruch mit der Tradition deutet, der kann freilich die These aufstellen, dass insbesondere mit der durch Papst Paul VI. verkündeten Erklärung Nostra Aetate im Verhältnis der Kirche zu anderen Religionsgemeinschaften mit einem Schlag alles anders und vor allem besser geworden sei. Hinsichtlich des Judentums würdigt diese Erklärung die Gemeinsamkeiten zwischen den Heiligen Schriften beider Religionen und enthält die Aussage, dass man die Juden allgemein nicht als „verworfen“ bezeichnen dürfe.

Papst Johannes Paul II. sprach später von einem „nie gekündigten Bund“ Gottes mit dem Volk Israel. Dieses Wort legt die Messlatte für kirchliche Diskussion zum jüdisch-katholischen Dialog hoch. Darauf hat sich als Stück der neu-theologischen Allgemeinbildung der Satz entwickelt, dass die Kirche nicht, wie früher häufig vertreten, den Sinai-Bund Gottes mit Israel abgelöst habe.

Dass Vertreter des Judentums auf diese Messlatte nicht verzichten wollen und darauf beharren, dass die Kirche über dieses Stöckchen springt, ist nicht verwunderlich. Erwarten nicht auch Katholiken von jedwedem Bischof, dass er von anderen Religionsgemeinschaften Rücksichtnahme fordert und den Glauben gegenüber den Lehren dieser anderen Religionen als wahr behauptet? Die, teils auch lautstarke und polemische, Kritik an dem Text von Seiten des Judentums ist daher als Teilnahme an einem echten Dialog, in dem beiden Seiten ihre Meinung mitteilen, deutlich zu begrüßen. Verwunderlich sind die Reaktionen auf Seiten der Theologen, die Benedikt XVI. nun wieder einmal des Antisemitismus bezichtigen.

Unschärfe der bisherigen Diskussion

Mit seinem Aufsatz zum Verhältnis von Kirche und Judentum bleibt Benedikt XVI. auf dem Boden dieser „Allgemeinbildung,“ wenn er sich hinter die These stellt, dass Israel nicht durch die Kirche als neuen Bund Gottes mit den Menschen ersetzt wurde. Er kritisiert jedoch die Unschärfe der bisherigen Diskussion und des Gebrauch der Begrifflichkeiten. Er merkt an, dass die moderne Theologie eine frühere, „vorkonziliare“ Substitutionstheorie behauptet, die sich als einheitliche Lehre und unter diesem Begriff aber nicht nachweisen lasse.

Der Begriff des „nie gekündigten Bundes“ zwischen Gott und den Juden sei ebenfalls zu undifferenziert für den theologischen Gebrauch und müsse geschärft werden. Der Aufsatz erwähnt auch die Tempelzerstörung und die Diaspora der Juden. Katholische Theologen nehmen nun zum Anlass, hieraus die Fundamente einer christlichen Rechtfertigung des Antisemitismus zu lesen. Blind sei Benedikt XVI. gegenüber der „Ideologiegeschichte“ seiner Kirche, so Gregor Maria Hoff. Als sei die Kirche ein Weltanschaulicher Verein, der an einer Ideologie bastele. Diese Argumentation wird weder der Person des angegriffenen noch dem Wesen der Theologie gerecht.

Sicher ist die Standortbestimmung für die katholische Kirche in ihrem Verhältnis zum Judentum in der öffentlichen Debatte nicht einfach, da Grob-Historiker und anti-kirchlich eingestellte Meinungsmacher mit wohlfeiler Vereinfachung sämtliches Unrecht, dass Juden in christlichen Gesellschaften durch christliche Laien und durch weltliche Autoritäten widerfahren ist der Kirche anlasten, bis hin zum Judenhass der Nationalsozialisten.

Die Sorge einiger Theologen, dass negative Aussagen des kirchlichen Lehramts über das Judentum an sich dem Hass auf einzelne Menschen oder Menschengruppen Vorschub leisten könnten, ist einerseits anhand der historischen Tatsachen verständlich. Andererseits ist nicht auf den ersten Blick nachvollziehbar, warum katholische Theologen nicht deutlich die kirchliche Verdammung der Gewalt gegen Juden unterstreichen und stattdessen katholische Aussagen zur Abgrenzung von Glaubensinhalten in beiden Religionen in einen Topf schmeißen mit rassistischem Gedankengut und Menschenhass. Es ist unverständlich, weshalb Geschichtsforschung und Überlegungen zur Heilsgeschichte miteinander vermengt werden. Der Vorwurf an Text Benedikts XVI., genau dies getan zu haben, als er die Einschränkungen des „nie gekündigten Bundes“ in Zusammenhang mit Diaspora und Tempel erwähnt, fällt also auf seine Kritiker zurück.

Dem Verständnis, warum die theologische Ebene für die Kritik an Benedikt XVI. nicht ausreicht, mag der Gedanke nachhelfen, dass es hier nur vordergründig um ein konkretes, heikles theologisches Detail geht und dass im Hintergrund vielmehr der Relativismus und katholische Theologie im Ganzen miteinander ringen.

Man muss noch nicht einmal zur Frage, wie die Kirche zum Judentum steht und wie Katholiken sich gegenüber Juden verhalten sollen (Stichwort: „Judenmission“) gelangen, um Zeuge dieses Ringkampfes zu sein. Schon bei der Frage, für wie verbindlich die Kirche den katholischen Glauben hält („extra ecclesia salus non est„) würde Benedikt der XVI. nach in den Augen seiner Kritiker seine Amtsvorgänger seit Paul VI. im Grab rotieren lassen. Da sei es schon verwerflich, als Christ und Katholik Gottes Bund mit Israel mit Fokus auf Christus zu deuten. Theologische Giganten wie Michael Böhnke sitzen zu Gericht und stempeln Ratzinger zum theologischen Zwerg, weil seine Dogmatik nicht „im Dienst der Versöhnung“ steht.

Dass der katholische Glaube die Versöhnung des Menschen mit Gott verkündet, und dass die Kirche diese Versöhnung zuerst anstreben muss, bevor man über Dialog und Versöhnung mit anderen Religionsgemeinschaften nachdenkt, ist bei diesem Urteilsspruch unerheblich. Erheblich und Maßstab sollen „der Geist des Konzils“ und „der christlich-jüdische Dialog“ sein. Eine Anknüpfung an die katholische Lehrtradition und überhaupt nur die Suche nach ihr darf es daher nicht geben. „Teuflisch“ sei Ratzingers wirken daher, urteilt der selbsternannte Richter Böhnke.

Solche Pamphlete entziehen sich einer sachlichen Kritik. Interessant wird stattdessen sein, ob die wissenschaftlich fundierte und sachlich vorgetragene Kritik, die auf Schwachstellen in der Argumentation Benedikts XVI. hinweist und gleichzeitig die progressive Auslegung der Erklärung Nostra Aetatevorantreiben will (z.B. Pater Christian Rutishauser SJ), tonangebend bleibt oder ob sich weitere Stimmen unter den Theologen mit Benedikt auf die Suche nach der Harmonie der Tradition begeben. Das gäbe der Verständigung zwischen katholischer Kirche und Judentum die Chance, zu einem spannenden Dialog zu werden, in dem sich tatsächlich beide Seiten etwas zu sagen haben. Es wäre auch die Chance, innerhalb der Theologie einen echten Dialog über Bruch und Kontinuität anzustellen.

René Udwari ist Rechtsanwalt. Er ist in Frankfurt am Main und Köln tätig.

_______

Quelle

Angelus: „Die Bibel so oft benutzen wie das Handy“

010170d2201-2-740x493

Papst Franziskus beim Angelus – REUTERS

Nicht nur das Mobiltelefon, sondern auch eine kleine Bibel immer bei uns tragen: Das hat Papst Franziskus den katholischen Gläubigen an diesem ersten Fastensonntag ans Herz gelegt. „Was würde geschehen, wenn wir die Bibel genauso behandeln wie unser Handy? Wenn wir umkehren, um sie zu holen, weil wir sie zu Hause haben liegen lassen, wenn wir sie mehrmals am Tag zur Hand nehmen, wenn wir die Botschaften Gottes in der Bibel lesen, wie wir die Botschaften auf dem Handy lesen?“ Das sei ein paradoxer Vergleich, bringe aber zum Nachdenken, sagte Franziskus beim Angelus.

Der Papst bezog sich auf das Sonntagsevangelium, in dem Satan Jesus in Versuchung führt, dieser ihn aber „mit dem Schild des Wortes Gottes“ pariert. Die 40 Tage Jesu in der Wüste sind das Vorbild der christlichen Fastenzeit, in der der Christen dazu aufgerufen sind, „den Spuren Jesu zu folgen und den geistlichen Kampf gegen das Böse mit dem Wort Gottes zu führen“, so Franziskus. Aus diesem Grund brauche es Vertrautheit mit der Bibel. „Wirklich: hätten wir das Wort Gottes immer im Herzen, dann könnte uns keine Versuchung von Gott entfernen; wir verstünden es, die täglichen Einflüsterungen des Bösen zu besiegen, das in uns und rund um uns ist.“

Nach dem Angelus bat Franziskus die Gläubigen auf dem Petersplatz um das Gebet für seine Fastenexerzitien, die er an diesem Sonntagabend gemeinsam mit den Spitzen der Kurie in Ariccia beginnt. Exerzitienmeister ist in diesem Jahr der italienische Franziskaner Giulio Michelini. Die Fastenzeit sei „der Weg des Gottesvolkes auf Ostern hin, ein Weg der Umkehr, des Kampfs gegen das Böse mit den Waffen des Gebets, des Fastens und der Werke der Nächstenliebe. „Ich wünsche allen, dass ihr Weg der Fastenzeit reiche Frucht trägt.“

 

(rv 05.03.2017 gs)

Eine goldene Bibel mit dem Segen des Papstes

s03_obre

Im Dezember erscheint im Verlag Müller & Schindler eine großformatige Bibel mit insgesamt mehr als 920 Illustrationen auf 1024 Seiten, punziertem Goldschnitt sowie einem Einband aus echtem Leder mit Schließen, Beschlägen und einem goldenen Kreuz auf dem Vorderdeckel. Wichtiger noch als der materielle Wert wird der geistliche sein: der persönliche Segen von Papst Franziskus begleitet diese reich ausgestattete Gesamtausgabe der Heiligen Schrift, deren Erlös teilweise als Spende für ein Kinderkrankenhaus in Afrika verwendet wird. Das Werk wurde von der Verlegerin Charlotte Kramer dem Heiligen Vater am 23. November im Rahmen der Generalaudienz persönlich überreicht.

Das Vorwort für die nach dem soeben zu Ende gegangenen Jahr der Barmherzigkeit benannte Bibel hat Papst Franziskus persönlich verfasst. Es lautet:

Die Heilige Schrift ist kein Buch, von dem man sagen kann, es je »ausgelesen« zu haben. Sie ist das Wort des lebendigen Gottes, der zu uns Menschen spricht. Ja, Gottes ewiges Wort ist selbst Mensch geworden in Jesus Christus. Die Bibel zu lesen heißt somit, Jesus Christus zu begegnen. Zu dieser Begegnung helfen uns auch die kunstvollen Illustrationen altehrwürdiger Handschriften. Diese sind vielfach Frucht eines durchbeteten Lesens und Betrachtens der Heilsbotschaft. Gottes Wort ist die geistliche Nahrung, die, in der »ruminatio« gleichsam »wiedergekäut«, immer wieder reiflich überlegt und bedacht wird. So möge diese illustrierte Bibelausgabe anlässlich des außerordentlichen Heiligen Jahres der Barmherzigkeit uns gerade auch durch die Bilder anleiten, uns von Gottes Wort zu nähren und Jesus Christus, der fleischgewordenen Barmherzigkeit Gottes, zu begegnen. Lassen wir uns von dieser Begegnung mit dem Herrn verwandeln, dass wir selbst zu Abbildern der Liebe Christi für unsere Mitmenschen werden, zu einem »Brief Christi, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, nicht auf Tafeln aus Stein, sondern – wie auf Tafeln – in Herzen von Fleisch« (vgl. 2 Kor 3,3).

Papst Franziskus

Etwas Besonderes ist die Bibel aus mehreren Gründen. Über 350 zum Großteil ganzseitige Bilder illustrieren den Text. Diese Miniaturseiten ermöglichen einen Einblick in acht Jahrhunderte europäischer Kunstgeschichte: durch unverwechselbar reproduzierte Prachtseiten aus 154 verschiedenen Original-Handschriften aus mehr als 40 Bibliotheken weltweit. Die wichtigsten Häuser der Welt haben dem Verlag ihre Archive geöffnet und Handschriften-Meisterwerke aus Mittelalter und Neuzeit für dieses Projekt zur Verfügung gestellt: die Österreichische Nationalbibliothek in Wien, die Bayerische Staatsbibliothek in München, die Heidelberger Universitätsbibliothek, die großen Berliner Bibliotheken, um nur die wichtigsten im deutschen Sprachraum zu erwähnen; weltberühmte Bibliotheken wie die British Library in London, die Morgan Library in New Nork oder die Bibliothèque nationale in Paris, aber vor allem die Bibliotheca Apostolica Vaticana mit ihren unermesslichen Beständen sind mit ihren Handschriften in der Bibel vertreten.

Insgesamt mehr als 920 Illustrationen aus alten Handschriften und der in langer Handarbeit hergestellte Einband samt Goldschnitt mit detailreicher Punzierung machen die Bibel der Barmherzigkeit zu einer der aufwändigsten Bibeln des 21. Jahrhunderts.

_______
Quelle: Osservatore Romano 48/2016