Eine goldene Bibel mit dem Segen des Papstes

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Im Dezember erscheint im Verlag Müller & Schindler eine großformatige Bibel mit insgesamt mehr als 920 Illustrationen auf 1024 Seiten, punziertem Goldschnitt sowie einem Einband aus echtem Leder mit Schließen, Beschlägen und einem goldenen Kreuz auf dem Vorderdeckel. Wichtiger noch als der materielle Wert wird der geistliche sein: der persönliche Segen von Papst Franziskus begleitet diese reich ausgestattete Gesamtausgabe der Heiligen Schrift, deren Erlös teilweise als Spende für ein Kinderkrankenhaus in Afrika verwendet wird. Das Werk wurde von der Verlegerin Charlotte Kramer dem Heiligen Vater am 23. November im Rahmen der Generalaudienz persönlich überreicht.

Das Vorwort für die nach dem soeben zu Ende gegangenen Jahr der Barmherzigkeit benannte Bibel hat Papst Franziskus persönlich verfasst. Es lautet:

Die Heilige Schrift ist kein Buch, von dem man sagen kann, es je »ausgelesen« zu haben. Sie ist das Wort des lebendigen Gottes, der zu uns Menschen spricht. Ja, Gottes ewiges Wort ist selbst Mensch geworden in Jesus Christus. Die Bibel zu lesen heißt somit, Jesus Christus zu begegnen. Zu dieser Begegnung helfen uns auch die kunstvollen Illustrationen altehrwürdiger Handschriften. Diese sind vielfach Frucht eines durchbeteten Lesens und Betrachtens der Heilsbotschaft. Gottes Wort ist die geistliche Nahrung, die, in der »ruminatio« gleichsam »wiedergekäut«, immer wieder reiflich überlegt und bedacht wird. So möge diese illustrierte Bibelausgabe anlässlich des außerordentlichen Heiligen Jahres der Barmherzigkeit uns gerade auch durch die Bilder anleiten, uns von Gottes Wort zu nähren und Jesus Christus, der fleischgewordenen Barmherzigkeit Gottes, zu begegnen. Lassen wir uns von dieser Begegnung mit dem Herrn verwandeln, dass wir selbst zu Abbildern der Liebe Christi für unsere Mitmenschen werden, zu einem »Brief Christi, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, nicht auf Tafeln aus Stein, sondern – wie auf Tafeln – in Herzen von Fleisch« (vgl. 2 Kor 3,3).

Papst Franziskus

Etwas Besonderes ist die Bibel aus mehreren Gründen. Über 350 zum Großteil ganzseitige Bilder illustrieren den Text. Diese Miniaturseiten ermöglichen einen Einblick in acht Jahrhunderte europäischer Kunstgeschichte: durch unverwechselbar reproduzierte Prachtseiten aus 154 verschiedenen Original-Handschriften aus mehr als 40 Bibliotheken weltweit. Die wichtigsten Häuser der Welt haben dem Verlag ihre Archive geöffnet und Handschriften-Meisterwerke aus Mittelalter und Neuzeit für dieses Projekt zur Verfügung gestellt: die Österreichische Nationalbibliothek in Wien, die Bayerische Staatsbibliothek in München, die Heidelberger Universitätsbibliothek, die großen Berliner Bibliotheken, um nur die wichtigsten im deutschen Sprachraum zu erwähnen; weltberühmte Bibliotheken wie die British Library in London, die Morgan Library in New Nork oder die Bibliothèque nationale in Paris, aber vor allem die Bibliotheca Apostolica Vaticana mit ihren unermesslichen Beständen sind mit ihren Handschriften in der Bibel vertreten.

Insgesamt mehr als 920 Illustrationen aus alten Handschriften und der in langer Handarbeit hergestellte Einband samt Goldschnitt mit detailreicher Punzierung machen die Bibel der Barmherzigkeit zu einer der aufwändigsten Bibeln des 21. Jahrhunderts.

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Quelle: Osservatore Romano 48/2016

„Übersetzungen tragen immer auch den Stempel ihrer Zeit“

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Msgr. Joachim Wanke (Photo: 2007) / Wikimedia Commons – Th1979, CC BY-SA 30 (Croppped)

Wir dokumentieren im Folgenden das Statement von Bischof em. Dr. Joachim Wanke (Erfurt), langjähriger Vorsitzender des Leitungsgremiums für die Revision der Einheitsübersetzung, im Pressegespräch zum Thema „Die neue Einheitsübersetzung der Bibel – Vorstellung des ersten Exemplars“ am 20. September 2016 in Fulda zur Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz (DBK).

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Die Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift und ihre Revision

In diesem Buch, das ich hier in Händen halte und das Ihnen allen in einem Vorab-Sonderdruck vorliegt – in diesem Buch steckt ein ganzes Jahrzehnt harter Arbeit und, wie Sie sich denken können, sehr, sehr viel Herzblut. Ich freue mich daher außerordentlich, dass wir heute diese revidierte, diese neue Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift erstmals der Öffentlichkeit präsentieren können. Es ist mir und uns allen hier am Tisch eine große Freude, Sie dazu begrüßen zu können.

„Einheitsübersetzung“ – Was ist das eigentlich?

Der Name „Einheitsübersetzung“ beschreibt einfach das, was er bezeichnet: eine katholische Bibelübersetzung, die einheitlich für das ganze deutsche Sprachgebiet gelten soll. Heute würde man vermutlich glanzvollere Überschriften finden, aber das Projekt „Einheitsübersetzung“ reicht zurück in das Jahr 1960 – und es sollte ein wahrhaft bahnbrechendes Projekt werden. Denn was uns heute so selbstverständlich erscheint – nämlich dass man katholischerseits, von Kiel bis nach Bozen, von Echternach bis Görlitz denselben deutschen Bibelton im Ohr hat –, das war bis dahin noch keineswegs der Fall.

Die erste Idee zu einer einheitlichen Übersetzung kam 1960 auf. Ein Jahr später bereits – alles noch vor Konzilsbeginn – gaben die Bischöfe, zunächst nur die deutschen, den Auftrag, mit den Vorbereitungen zu beginnen. Eine ökumenische Ausrichtung war, anders als der Name Einheitsübersetzung oft verstanden wird, zunächst nicht im Blick, sollte tatsächlich aber später noch beim Neuen Testament und den Psalmen zum Zuge kommen. Jedenfalls zeigte sich schon bald, wie klug und vorausblickend das Vorhaben war. Das Zweite Vatikanische Konzil (1962–1965) forderte nämlich nicht weniger als eine biblische Erneuerung von Seelsorge und Liturgie, und in der Liturgie machte es den Weg frei für die Volkssprachen. Spätestens jetzt war klar: Wollte man dem Wunsch der Kirchenversammlung gerecht werden, brauchte es getreue und praxistaugliche Übersetzungen. So entschlossen sich am Ende sämtliche Bischöfe des deutschen Sprachgebiets, sich am Projekt „Einheitsübersetzung“ zu beteiligen – konkret waren das: die Bischofskonferenzen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz sowie die Bischöfe bzw. Erzbischöfe von Straßburg, Luxemburg, Bozen-Brixen und Lüttich. Nach Phasen von Erarbeitung, Probeveröffentlichungen und nochmaliger Überarbeitung konnte 1979 schließlich die Einheitsübersetzung in verbindlicher Fassung erscheinen. Sie wurde damit zugleich die offizielle Bibelausgabe der katholischen Kirche im deutschen Sprachgebiet – und in dieser Aufgabe hat sich die Einheitsübersetzung voll und ganz bewährt.

Warum jetzt also eine Revision der Einheitsübersetzung?

Zwei wesentliche Antworten gleich vorab: Erstens ist Sprache nicht statisch, sie verändert sich; und zweitens ist die beste Übersetzung doch nie so gut, als dass sie nicht noch verbessert werden könnte. Aber lassen Sie mich das etwas näher ausführen.

Wenn Sie eine Bibelübersetzung drei Jahrzehnte lang jeden Tag in unterschiedlichsten Kontexten nutzen – und nicht nur Sie allein, sondern viele Tausende mit Ihnen –, dann zeigt sich schon recht genau, wo der Text seine Stärken hat und wo seine Schwächen liegen. Und irgendwann ist dann auch klar, dass eine Nachjustierung ansteht.

Bei der Einheitsübersetzung war dieser Punkt im Jahr 2003 erreicht. Die drei Bischofskonferenzen – Deutschland, Österreich, Schweiz –, die Erzbischöfe von Luxemburg und Vaduz, außerdem die Bischöfe von Straßburg, Lüttich und Bozen-Brixen verständigten sich deshalb darauf, hier eine Revision in Angriff zu nehmen. Beginn der Arbeit war 2006.

Revision, ja – aber wie?

Zunächst einmal war uns allen klar, dass wir keine grundständig neue Übersetzung brauchten. Die bisherige Einheitsübersetzung war ja bestens eingeführt, ihr sprachlicher Grundton weithin vertraut und auch bibelwissenschaftlich stand sie auf durchaus solidem Grund. Eine Überarbeitung konnte demnach nur moderat angegangen werden, unter möglichst weitgehender Wahrung des Textbestands. Wichtig für die Revision waren aber folgende Punkte:

Erstens: Die Bibelwissenschaften schlafen nicht. Ihre Aufgabe ist es, zur Sicherung der originalen Textgrundlage die sogenannten Textzeugen auszuwerten, die ja aus verschiedensten Zeiten stammen und in recht unterschiedlicher Erhaltung und Qualität überliefert sind. Hier hat sich in der Forschung der vergangenen Jahrzehnte natürlich einiges getan. Auch wenn es dabei meist um philologische Nuancen geht – eine seriöse Bibelübersetzung kann nicht davon absehen, mit der zuletzt gesicherten Originaltextgrundlage zu arbeiten.

Zweitens: Übersetzungen tragen immer auch den Stempel ihrer Zeit. Mit einigen Jahren Abstand erweisen sich manche Wiedergaben, vom Stil oder von der Wortwahl her, als doch recht zeitgebunden.

Ein Beispiel: In der bisherigen Einheitsübersetzung findet sich verschiedentlich (z. B. Mt26,22; Mk 1,22; Lk 2,48) das Adjektiv „betroffen“ – ein Wort, das in seiner emotionalisierten Verwendung heute doch sehr abgegriffen wirkt. Die Revision spricht daher, je nach griechischer Grundlage, von „traurig“ oder verwendet den Ausdruck „voll Staunen“.

Aber nicht nur Zeitgeistiges, sondern auch Fehler schleichen sich in Übersetzungen ein, zumal von so komplexen Texten wie der Bibel. Aufgabe der Revision war es daher, beides – das Fehlerhafte ebenso wie das Überlebte – zu bereinigen. Wir dürfen gespannt sein, was man in zwanzig Jahren einmal hier unter dieser Rubrik verbuchen wird.

Drittens: Mut zu biblischen Redeweisen, auch wenn sie uns manchmal ungewohntvorkommen. Die bisherige Einheitsübersetzung hatte teilweise versucht, das unmittelbare Textverständnis zu erleichtern – durch erklärende Zusätze und Paraphrasen oder auch durch Kürzung und Auslassung bestimmter Sprachbilder und Ausdrücke.

Ein Beispiel: Wo im Ausgangstext schlicht und einfach nur von „Hand“ die Rede ist, hieß es bisher z. B. „Macht“, „Herrschaft“, „Gewalt“ usw. Nun sind zwar solche Wiedergaben unmittelbar verständlich, und doch bringen sie – wegen der Vereindeutigung – oft einen Verlust der Sinnfülle mit sich.

Auf der anderen Seite gibt es auch den Fall, dass die Wiedergabe eines Wortes durch mehrere Wörter nur auf den ersten Blick als Textzusatz erscheint, tatsächlich aber angesichts unserer heutigen Sprachgewohnheiten geradezu geboten ist – so etwa bei Stellen, wo eine Maskulinform Menschen beiderlei Geschlechts bezeichnet. Hier musste eine sachgemäße Wiedergabe gefunden werden. In besonderer Weise fällt das bei der griechischen Anrede adelphoi („Brüder“) in den Apostelbriefen ins Gewicht. Die Revision übersetzt deshalb dort, wo Männer und Frauen gleichermaßen Ziel der direkten Anrede sind, das adelphoi sinngerecht mit „Brüder und Schwestern“. An den anderen Stellen ist es aus Gründen des Textflusses bei der einfachen Wiedergabe mit „Brüder“ geblieben.

„Mut zu biblischen Redeweisen“ heißt außerdem, besondere Eigenarten biblischer Lesetraditionen zu wahren. Ich denke hier vor allem an den persönlichen Namen Gottes, der nach jüdischem Herkommen nicht ausgesprochen werden darf. Anders als bisher folgt die Revision nun künftig wieder der jüdischen und immer schon auch kirchlichen Tradition des Ersatzwortes „HERR” – hier speziell kenntlich gemacht durch Verwendung von Kapitälchen. Aufgabe der Revision an der Stelle war also: Dem biblischen Text voll entsprechen, dabei Verlorengegangenes wiedergewinnen und Textfremdes tilgen. Der Leser darf die volle und ausschließliche Wiedergabe des biblischen Originals erwarten. Hierhin gehört übrigens auch das Streben nach Konkordanz, also Gleiches möglichst auch gleich wiederzugeben – nur so werden Bezüge in und zwischen den einzelnen Büchern der Bibel erkennbar.

Und schließlich viertens: Die Leser nicht alleine lassen! Einleitungen, Gliederung und Zwischenüberschriften, Anmerkungen und parallele Vergleichsstellen – all das sind wichtige Hilfen, um sich in der Heiligen Schrift zurechtzufinden. Aufgabe der Revision war es hier, das Angebot der bisherigen Einheitsübersetzung zu überprüfen und, wo sinnvoll, zu überarbeiten.

Zur organisatorischen Seite der Revision

Hier gleich ein Wort vorweg: Die ökumenische Zusammenarbeit konnte diesmal nicht fortgesetzt werden. Die Gründe hierfür waren hauptsächlich verfahrenstechnischer Natur. Jenseits dessen steht außer Frage, welch entscheidende Bedeutung der Heiligen Schrift für das gemeinsame Christusbekenntnis zukommt. Dank der sehr behutsamen Überarbeitung gerade beim Neuen Testament ist die ökumenische Signatur in gewisser Weise durchaus weiter erfahrbar. Auch weiß sich die Revision, was die Wiedergabe biblischer Orts- und Personennamen angeht, ganz den ökumenisch vereinbarten Loccumer Richtlinien von 1979/1981 verpflichtet. In diesem Sinne auch werden wir Bischöfe nächstes Jahr – am 9. Februar 2017 – zusammen mit der EKD eine ökumenische Bibeltagung in Stuttgart abhalten und wollen dabei das Wort Gottes, das uns verbindet, gemeinsam ins Zentrum rücken.

Nun aber zur Revisionsarbeit selbst. Diese lief – Text für Text, Satz für Satz – nach folgendem Verfahren ab: Die Einzelbearbeiter – alles ausgewiesene Experten auf ihrem Gebiet – bereiteten zunächst ihre Revision vor und danach legten sie die Ergebnisse dem sogenannten Leitungsgremium vor, ein Kreis, der ebenfalls aus Bibelwissenschaftlern bestand, Professoren wie Bischöfe. Nachdem wir 2008 den Tod des Bischofs von Bozen-Brixen, Dr. Wilhelm Egger, zu beklagen hatten, habe ich damals seine Aufgabe als Vorsitzender übernommen. Als Leitungsgremium hatten wir die eingesandten Arbeiten zu prüfen und gaben bei weiterem Klärungsbedarf entsprechende Vorschläge an die Revisoren zurück. Diese konnten sich nun wiederum zu unserer Stellungnahme verhalten und sie gegebenenfalls auch ablehnen. Die Rückmeldungen wurden dann im Leitungsgremium erneut besprochen und beantwortet. Um manche Lösungen haben wir länger ringen müssen, aber in den meisten Fällen hat dieser Austausch sehr rasch und gut zum Ziel geführt.

Nach all den Textarbeiten musste die neue Einheitsübersetzung die verschiedenen kirchlichen Prüf- und Genehmigungsverfahren durchlaufen, was etwa zwei Jahre in Anspruch nahm. Auch diese Zeit hat sich als durchaus nützlich erwiesen. So konnten noch Ungereimtheiten und Fehler behoben und die eine oder andere Entscheidung nochmals auf Stichhaltigkeit geprüft werden. Da auch die neue Einheitsübersetzung in der Liturgie Verwendung finden sollte, war es mit den an sich ausreichenden Approbationen auf Ebene der Bischofskonferenzen nicht getan, sondern wir haben – mit Blick auf künftige liturgische Bücher – auch gleich das Placet der vatikanischen Gottesdienstkongregation, die sogenannte Rekognitio, eingeholt.

Seit dem Frühjahr 2016 sind nun jedenfalls alle Schritte getan, die es zu tun galt. Auch die redaktionellen Anstrengungen haben ihr Ziel erreicht. Ich freue mich schon sehr darauf, wenn wir, wie ich vom Verlag höre, Anfang 2017 die neue Einheitsübersetzung in den Regalen des Buchhandels wiederfinden und dann – hoffentlich – vor allem auch in den Händen vieler, vieler Menschen.

Fazit

Verständliche Sprache und wissenschaftliche Genauigkeit – das macht die Einheitsübersetzung von Anfang an aus. Nun bleibt aber weder die biblische Grundlagenforschung stehen noch die deutsche Sprache. Und so ist es jetzt Zeit für eine revidierte, neue Einheitsübersetzung. Viel Vertrautes bleibt, und einiges wird uns ungewohnt vorkommen – eine wunderbare Chance, dass wir wieder genauer hinhören und Gottes Wort neu an uns heranlassen.

(Quelle: Pressemitteilung der DBK)

BOTSCHAFT AN DAS VOLK GOTTES DER XII. ORDENTLICHEN VOLLVERSAMMLUNG DER BISCHOFSSYNODE

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Frieden sei mit den Brüdern und Schwestern,

„Liebe und Glaube von Gott, dem Vater, und Jesus Christus,
dem Herrn. Gnade und unvergängliches Leben sei mit allen, die Jesus Christus, unseren Herrn lieben“. Mit diesem innigen und leidenschaftlichen Gruß schloss der hl. Paulus seinen Brief an die Epheser (6, 23-24). Mit eben diesen Worten beginnen wir Synodenväter, die wir zur XII. Ordentlichen Generalversammlung der Bischofssynode in Rom unter der Leitung des Heiligen Vaters Benedikt XVI. versammelt sind unsere Botschaft, die an den unermesslichen Horizont all derer gerichtet ist, die in den verschiedenen Regionen der Welt Christus als Jünger nachfolgen und fortfahren, ihn mit unerschütterlicher Liebe zu lieben.
Ihnen stellen wir erneut die Stimme und das Licht des Wort Gottes vor und wiederholen den alten Aufruf: „Das Wort ist ganz nah bei dir, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen, du kannst es halten“ (Dtn 30, 14). Und Gott selbst wird zu jedem sagen: „Menschensohn, nimm alle meine Worte, die ich dir sage, mit deinem Herzen auf, und höre mit deinen Ohren“ (Ez 3, 10). Allen schlagen wir jetzt eine geistige Reise vor, die sich in drei Etappen vollzieht und von der Ewigkeit und Unendlichkeit Gottes in unsere Wohnstätten und entlang der Straßen unserer Städte führen wird.

I.

DIE STIMME DES WORTES:
DIE OFFENBARUNG

1. „Der Herr sprach zu euch mitten aus dem Feuer. Ihr hörtet den Donner der Worte. Eine Gestalt habt ihr nicht gesehen. Ihr habt nur den Donner gehört“ (Dt 4, 12). Und Moses, der spricht, spielt auf die Erfahrung an, die Israel in der herben Einsamkeit der Wüste Sinai gemacht hat. Der Herr hatte sich nicht als Bild oder Darstellung oder als Statue gezeigt, ähnlich wie das goldene Kalb, sondern als “Donner der Worte”. Es ist eine Stimme, die zu Beginn der Schöpfung in Erscheinung getreten war, als sie das Schweigen des Nichts zerriss: „Im Anfang … sprach Gott: Es werde Licht! Und es wurde Licht … Im Anfang war das Wort … und das Wort war Gott … Alles ist durch das Wort geworden, und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist“ (Gen 1, 1.3; Joh 1, 1.3).
Die Schöpfung entsteht nicht aus einem Kampf zwischen Gottheiten – wie die antike mesopotamische Mythologie lehrte – sondern aus einem Wort, das das Nichts besiegt und das Sein erschafft. Der Psalmist singt: „Durch das Wort des Herrn wurden die Himmel geschaffen, ihr ganzes Heer durch den Hauch seines Mundes … Denn der Herr sprach, und sogleich geschah es; er gebot, und alles war da“ (Ps 33, 6.9). Und der hl. Paulus wird wiederholen: „Gott ist es, der die Toten lebendig macht und das, was nicht ist, ins Dasein ruft“ (Röm 4, 17). So gibt es eine erste “kosmische” Offenbarung, die die Schöpfung einem vor der gesamten Menschheit aufgeschlagenen Buch ähnlich erscheinen lässt, die in ihm eine Botschaft des Schöpfers lesen kann: „Die Himmel rühmen die Herrlichkeit Gottes, vom Werk seiner Hände kündet das Firmament. Ein Tag sagt es dem andern, eine Nacht tut es der anderen kund, ohne Worte und ohne Reden, unhörbar bleibt ihre Stimme. Doch ihre Botschaft geht in die ganze Welt hinaus, ihre Kunde bis zu den Enden der Erde“ (Ps 19, 2-5).

2. Das göttliche Wort steht jedoch auch am Ursprung der menschlichen Geschichte. Der Mann und die Frau, die „das Bild Gottes und ihm ähnlich“ sind (Gen 1, 27) und die also in sich das Abbild Gottes tragen, können mit ihrem Schöpfer in einen Dialog eintreten oder sich von ihm entfernen und ihn durch die Sünde zurückweisen. Das Wort Gottes erlöst und richtet also, dringt ein in den Lauf der Geschichte mit ihrem Netz von Tätigkeiten und Geschehnissen: „Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen, und ihre laute Klage …habe ich gehört. Ich kenne ihr Leid. Ich bin herabgestiegen, um sie der Hand der Ägypter zu entreißen und aus jenem Land hinaufzuführen in ein schönes, weites Land …“ (Ex 3, 7-8). Es gibt folglich eine göttliche Präsenz in den menschlichen Angelegenheiten, die durch das Eingreifen des Herrn in die Geschichte in einen größeren Heilsplan eingefügt werden, damit „alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen“ (1 Tim 2, 4).

3. Das machtvolle göttliche Wort, schöpferisch und erlösend, steht folglich am Beginn des Seins und der Geschichte, der Schöpfung und der Erlösung. Der Herr kommt der Menschheit entgegen und verkündet: „Ich habe gesprochen, und ich führe es aus“ (Ez 37, 14). Es gibt jedoch einen weiteren Schritt, den die göttliche Stimme verfolgt: es ist der des geschriebenen Wortes, die Graphé oder die Graphai, die Heiligen Schriften, wie es im Neuen Testament heißt. Schon Mose war vom Gipfel des Sinai herab gestiegen und hielt „die zwei Tafeln der Bundesurkunde in der Hand, die Tafeln, die auf beiden Seiten beschrieben waren. Auf der einen wie auf der anderen Seite waren sie beschrieben. Die Tafeln hatte Gott selbst gemacht, und die Schrift, die auf den Tafeln eingegraben war, war Gottes Schrift“ (Ex 32, 15-16). Und eben dieser Moses wird Israel auferlegen, diese “Tafeln der Bundesurkunde” aufzuheben und abzuschreiben. „Und auf die Steine sollst du in schöner Schrift alle Worte dieser Weisung schreiben“ (Dt 27, 8).
Die Heiligen Schriften sind das „Zeugnis“des göttlichen Wortes in schriftlicher Form, sie sind kanonisches, historisches und literarisches Denkmal, das das Ereignis der schöpferischen und erlösenden Offenbarung bezeugt. Das Wort Gottes geht also der Bibel voraus und über die Bibel hinaus, die auch „von Gott inspiriert“ ist und das wirkende göttliche Wort enthält (vgl. 2 Tim 3, 16). Und aus diesem Grund steht im Mittelpunkt unseres Glaubens nicht nur ein Buch, sondern eine Geschichte der Erlösung und, wie wir sehen werden, eine Person, Jesus Christus, Gottes Wort, das Fleisch, Mensch, Geschichte geworden ist. Eben gerade weil der Horizont des Wortes Gottes umfassend ist und über die Bibel hinaus geht, ist die beständige Gegenwart des Heiligen Geistes notwendig, der denjenigen, der die Bibel liest, „in die ganze Wahrheit führt“ (Joh 16, 13). Es ist dies die große Tradition, wirksame Gegenwart des „Geistes der Wahrheit“ in der Kirche, Hüterin der Heiligen Schriften, authentisch interpretiert durch das Lehramt der Kirche, zum Verständnis, zur Kommunikation und zur Bezeugung des Wortes Gottes befähigt. Der hl. Paulus selbst wird, wenn er das erste christliche Credo verkündet, anerkennen, dass er das „überliefert“, was auch er von der Tradition „empfangen“ hat (1 Kor 15, 3-5).

II.

DAS ANTLITZ DES WORTES:
JESUS CHRISTUS

4. Im griechischen Original sind es nur drei grundlegende Worte: Lógos sarx eghéneto, „der Logos/das Wort wird Fleisch“. Und dies ist nicht nur der Höhepunkt jenes poetischen und theologischen Juwels, den der Prolog des Johannesevangeliums darstellt (1, 14), sondern es ist das Herz des christlichen Glaubens. Das ewige und göttliche Wort tritt ein in Raum und Zeit und nimmt ein Antlitz und eine menschliche Identität an, und so ist es wirklich möglich, sich ihm zu nähern und ihn direkt zu fragen, wie es jene Gruppe von Griechen tat, die sich in Jerusalem aufhielten: „Wir wollen Jesus sehen“ (Joh 12, 20-21). Die Worte ohne ein Antlitz sind nicht vollkommen, weil sie die Begegnung nicht vollständig sein lassen, wie Ijob am Ende seiner dramatischen Suche sagte: „Vom Hörensagen nur hatte ich von dir vernommen; jetzt aber hat mein Auge dich geschaut“ (42, 5).
Christus ist „das Wort, das bei Gott ist und Gott ist“, und „das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene der ganzen Schöpfung“ (Kol 1, 15); aber er ist auch Jesus von Nazareth, der durch die Straßen einer entlegenen Provinz des römischen Reiches geht, der eine lokale Sprache spricht, die die Züge eines Volkes, des jüdischen, und seiner Kultur trägt. Der reale Jesus Christus ist folglich verletzlicher und sterblicher Leib, er ist Geschichte und menschliche Natur, aber auch Ruhm, Göttlichkeit, Geheimnis: Derjenige, der uns Gott offenbart hat, den niemand je gesehen hat (vgl. Joh 1, 18). Der Sohn Gottes bleibt Sohn Gottes, auch als Leichnam, der im Grab liegt, und die Auferstehung ist dessen lebendiger und wirksamer Beweis.

5. Die christliche Tradition hat oft das göttliche Wort, das Fleisch wird, dem Wort, das Buch wird, gegenübergestellt. Das tritt schon im Credo hervor, wenn bekannt wird, dass der Sohn Gottes „Fleisch angenommen hat durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria“, aber man auch den Glauben an jenen „Heiligen Geist, der durch die Propheten gesprochen hat“, bekennt. Das Zweite Vatikanum nimmt diese alte Tradition auf, nach der „der Leib des Sohnes die Schrift ist, die uns überliefert ist“ – wie der hl. Ambrosius sagt (In Lucam VI, 33) – und erklärt mit deutlichen Worten: „Denn Gottes Worte, durch Menschenzunge formuliert, sind menschlicher Rede ähnlich geworden, wie einst des ewigen Vaters Wort durch die Annahme menschlich-schwachen Fleisches den Menschen ähnlich geworden ist“ (DV 13).
Die Bibel ist in der Tat auch „Fleisch“, „Buchstabe“, sie drückt sich aus in einzelnen Sprachen, in literarischen und historischen Formen, in Begriffen, die gebunden sind an eine antike Kultur, sie bewahrt Erinnerungen an oft tragische Ereignisse, ihre Seiten sind nicht selten mit Blut und Gewalt befleckt, in ihrem Innern hallt das Lachen des Menschen wider und fließen die Tränen, so wie sich das Gebet der Unglücklichen und der Jubel der Verliebten erhebt. Wegen dieser „fleischlichen“ Dimension erfordert sie eine historische und literarische Analyse, die durch die verschiedenen von Bibelexegese angebotenen Methoden und Annäherungsweisen verwirklicht wird. Jeder Leser der Heiligen Schriften, auch der einfachste, muss eine angemessene Kenntnis des heiligen Textes haben und sich klar machen, dass das Wort in konkrete Wörter gekleidet ist, denen es sich ausliefert und anpasst, um für die Menschheit hörbar und verständlich zu sein.
Dies ist eine unausweichliche Aufgabe: Wenn man sie ausschließt, kann man in den Fundamentalismus abgleiten, der praktisch die Fleischwerdung des göttlichen Wortes in der Geschichte verneint, nicht anerkennt, dass jenes Wort sich in der Bibel ausdrückt im Sinne einer menschlichen Sprache, die entziffert, studiert und verstanden werden muss, und ignoriert, dass die göttliche Inspiration nicht die historische Identität und die der Persönlichkeit der menschlichen Autoren ausgelöscht hat. Die Bibel ist jedoch auch das ewige und göttliche Wort und erfordert deshalb ein anderes Verständnis, das vom Heiligen Geist gegeben wird, der die transzendente Dimension des Gotteswortes enthüllt, das in den menschlichen Worten gegenwärtig ist.

6. Hier sind also die „lebendige Überlieferung der Gesamtkirche“ (DV 12) und der Glaube notwendig, um im einzigen und vollen Sinn die Heiligen Schriften zu verstehen. Wenn man bei dem bloßen “Buchstaben” stehen bleibt, bleibt die Bibel nur ein feierliches Dokument der Vergangenheit, ein edles ethisches und kulturelles Zeugnis. Wenn man jedoch die Inkarnation ausschließt, kann man in das Missverständnis des Fundamentalismus verfallen oder einen vagen Spiritualismus oder Psychologismus. Die exegetische Kenntnis muss folglich unauflösbar mit der spirituellen und theologischen Tradition verbunden sein, damit die göttlich-menschliche Einheit Jesu Christi und der Heiligen Schriften nicht zerbrochen wird.
In dieser wieder gewonnen Harmonie wird das Antlitz Christi in seiner Gänze wieder erstrahlen und uns helfen, eine andere Einheit zu entdecken, jene tiefe und innere Einheit der Heiligen Schiften, ihr Wesen, 73 Bücher, aber zusammengefasst zu einem einzigen „Kanon“, zu einem einzigen Dialog zwischen Gott und der Menschheit, zu einem einzigen Heilsplan. „Viele Male und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern gesprochen durch die Propheten; in dieser Endzeit aber hat er zu uns gesprochen durch den Sohn“ (Hebr 1, 1-2). Christus wirft auf diese Weise im Nachhinein sein Licht auf den gesamten Weg der Heilsgeschichte und enthüllt deren Folgerichtigkeit, Bedeutung und Richtung.
Er ist das Siegel, „das Alpha und das Omega“ (Apg 1, 8) eines Dialoges zwischen Gott und seinen Geschöpfen durch die Zeit hindurch und in der Bibel bezeugt. Im Licht dieser endgültigen Besiegelung erhalten die Worte des Mose und der Propheten ihren „vollen Sinn“, wie Jesus selbst an jenem frühlingshaften Nachmittag angedeutet hatte, während er von Jerusalem nach Emmaus unterwegs war und mit Kleopas und seinem Freund sprach, und „ihnen darlegte, was in der gesamten Schrift über ihn geschrieben steht“ (Lk 24, 27).
Eben gerade weil im Zentrum der Offenbarung das göttliche Wort steht, das ein Antlitz hat, ist das letzte Ziel der Kenntnis der Bibel „nicht ein ethischer Entschluss oder eine große Idee, sondern die Begegnung mit einem Ereignis, mit einer Person, die unserem Leben einen neuen Horizont und damit seine entscheidende Richtung gibt“ (Deus caritas est, 1).

III.

DAS HAUS DES WORTES:
DIE KIRCHE

Wie sich die göttliche Weisheit im Alten Testament ihr von sieben Säulen gestütztes Haus (vgl. Spr 9, 1) in der Stadt der Männer und Frauen errichtet hatte, so hat auch das Wort Gottes sein Haus im Neuen Testament: Es ist die Kirche, die ihr Vorbild in der Urgemeinde von Jerusalem hat, die auf Petrus und die Apostel gegründet ist (LG 13) und heute durch die Bischöfe, die um den Nachfolger Petri versammelt sind, führt die Aufgabe weiter, Hüterin, Verkündigerin und Interpretin des Wortes zu sein. In der Apostelgeschichte (2, 42) zeichnet Lukas ihre Architektur nach, die auf vier ideellen Säulen ruht: „Sie hielten an der Lehre der Apostel fest und an der Gemeinschaft, am Brechen des Brotes und an den Gebeten“.

7. Vor allem ist da die apostolische didaché, das heißt die Verkündigung des Wortes Gottes. Der Apostel Paulus ermahnt uns in der Tat, dass „der Glaube in der Botschaft gründet, die Botschaft im Wort Christi“ (Röm 10, 17). Aus der Kirche erhebt sich die Stimme des Boten, der allen das kérygma vorlegt oder die erste und grundlegende Verkündigung, die Jesus selbst am Beginn seines öffentlichen Wirkens ausgesprochen hatte: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!“ (Mk 1, 15). Die Apostel verkünden den Anbruch des Reiches Gottes und damit den entscheidenden göttlichen Eingriff in die menschliche Geschichte, indem sie Tod und Auferstehung Christi verkünden: „Und in keinem anderen ist das Heil zu finden. Denn es ist uns Menschen kein anderer Name unter dem Himmel gegeben, durch den wir gerettet werden sollen“ (Apg 4, 12). Der Christ gibt von dieser seiner Hoffnung „bescheiden, ehrfürchtig und mit reinem Gewissen“ Zeugnis; er flieht nicht vor dem Sturm der Zurückweisung oder Verfolgung, auch wenn er vielleicht von ihm überrollt wird, denn er ist sich bewusst, dass „es besser ist, für gute Taten zu leiden als für böse“ (vgl. 1 Petr 3, 16-17).
In der Kirche erklingt dann die Katechese: sie ist dazu bestimmt, im Christen „das Geheimnis Christi im Licht der Heiligen Schrift“ zu vertiefen, „damit der ganze Mensch hiervon geprägt wird“ (Johannes Paul II., Catechesi tradendae, 20). Aber der Höhepunkt der Verkündigung ist die Predigt, die auch heute noch für viele Christen der wichtigste Moment der Begegnung mit dem Wort Gottes ist. Wenn er predigt, sollte der Priester auch Prophet sein. Denn er muss nicht nur mit Autorität und in klar verständlicher, einprägsamer und gehaltvoller Sprache die „Wundertaten Gottes in der Geschichte des Heils“ (SC, 35) verkünden – zunächst in einer deutlichen und lebendigen Darbietung des von der Liturgie vorgesehenen biblischen Textes -, sondern er muss sie auch im Hinblick auf die von den Zuhörern erlebten Zeiten und Situationen aktualisieren und in ihrem Herzen die Frage der Bekehrung und des Engagements in ihrem Leben aufkommen lassen: „Was sollen wir tun?“ (Apg 2, 37).
Verkündigung, Katechese und Homilie setzen also Lesen und Verstehen, Erklären und Auslegen, Einbeziehung von Herz und Verstand voraus. In der Predigt vollzieht sich so eine zweifache Bewegung. Mit der ersten geht man zurück zur Wurzel der heiligen Texte, der Ereignisse, der Heilsgeschichte bewirkenden Worte, um ihre Bedeutung und Botschaft zu verstehen. Mit der zweiten Bewegung kehrt man wieder in die Gegenwart zurück, dem gelebten Heute dessen, der hört und liest, immer im Licht Christi, der wie eine leuchtende Spur die Schriften eint. Es ist das, was Jesus selbst – wie schon erwähnt – in Begleitung zweier seiner Jünger auf dem Weg von Jerusalem nach Emmaus getan hat. Und dasselbe wird der Diakon Philippus auf dem Weg von Jerusalem nach Gaza tun, als er mit dem äthiopischen Hofbeamten jenen emblematischen Dialog beginnt: „Verstehst du auch, was du liest? … Wie könnte ich es, wenn mich niemand anleitet?“ (Apg 8, 30-31). Und das Ziel wird die vollkommene Begegnung mit Christus im Sakrament sein. So stellt sich die zweite Säule dar, die die Kirche trägt, das Haus des göttlichen Wortes.

8. Es ist das Brechen des Brotes. Die Szene von Emmaus (Lk 24, 13-35) ist erneut beispielhaft und stellt das dar, was jeden Tag in unseren Kirchen geschieht: Der Predigt Jesu über Mose und die Propheten folgt das Brechen des eucharistischen Brotes am Tisch. Das ist der Augenblick eines vertrauten Dialogs Gottes mit seinem Volk, es ist der Akt des im Blut Christi besiegelten Neuen Bundes (Lk 22, 20), es ist das höchste Werk des göttlichen Wortes, das sich in seinem geopferten Leib als Speise darbietet und die Quelle und der Höhepunkt des Lebens und der Mission der Kirche. Der Evangelienbericht vom Letzten Abendmahl, Gedächtnis des Opfers Christi, wird Ereignis und Sakrament, wenn er unter Anrufung des Heiligen Geistes in der Eucharistiefeier verkündet wird. Deshalb hat das Zweite Vatikanische Konzil in einem Abschnitt von eindringlicher Intensität erklärt: „Die Kirche hat die Heiligen Schriften immer verehrt wie den Herrenleib selbst, weil sie, vor allem in der heiligen Liturgie, vom Tisch des Wortes Gottes wie des Leibes Christi ohne Unterlaß das Brot des Lebens nimmt und den Gläubigen reicht“ (DV 21). Deshalb sollte man in den Mittelpunkt des christlichen Lebens „Wortgottesdienst und Eucharistiefeier“ stellen, die „so eng miteinander verbunden sind, dass sie einen einzigen Kultakt ausmachen“ (SC 56).

9. Die dritte Säule des geistlichen Gebäudes der Kirche, dem Haus des Wortes, besteht aus den Gebeten, die – wie der heilige Paulus erinnerte – durchflochten sind von „Psalmen, Hymnen und Liedern“ (Kol 3, 16). Eine privilegierte Stelle nimmt sicherlich das Stundengebet ein, das Gebet der Kirche schlechthin, dazu bestimmt, den Tagen und Zeiten des christlichen Jahres seinen Rhythmus zu verleihen und besonders durch den Psalter dem Gläubigen die tägliche geistliche Nahrung anzubieten. Daneben und neben den gemeinschaftlichen Wort-Gottes-Feiern hat die Tradition die Praxis der Lectio divina eingeführt, die betende Lesung im Heiligen Geist, die fähig ist, dem Gläubigen den Schatz des Wortes Gottes zu eröffnen, aber auch Begegnung mit Christus, dem lebendigen göttlichen Wort, zu bewirken.
Sie beginnt mit der Lektüre (lectio) des Textes, die eine Frage der echten Kenntnis seines wirklichen Inhalts hervorruft: Was sagt der biblische Text an sich? Es folgt die Meditation (meditatio), bei der die Frage lautet: Was sagt uns der biblische Text? So gelangt man zum Gebet (oratio), das eine weitere Frage voraussetzt: Was sagen wir zum Herrn als Antwort auf sein Wort? Und sie schließt mit der Kontemplation (contemplatio), während der wir als Geschenk Gottes die Realität mit seinem Blick betrachten und uns fragen: Um welche Bekehrung des Geistes, des Herzens und des Lebens bittet der Herr uns?
Vor dem betenden Leser des Wortes Gottes steht im Geist die Gestalt Marias, der Mutter des Herrn, die „alles, was geschehen war in ihrem Herzen bewahrte und darüber nachdachte“ (Lk 2, 19; vgl. 2, 51), das heißt – wie es das griechische Original ausdrückt – sie fand den tiefen Kern, welcher scheinbar unverbundene Ereignisse, Taten und Dinge im großen Plan Gottes verbindet. Vor den Augen des Gläubigen, der die Bibel liest, könnte auch Maria, die Schwester Martas stehen, die sich im Hören auf sein Wort zu Füßen des Herrn niederlässt und nicht zulässt, dass die äußere Unruhe die Seele vollkommen gefangen nimmt und so auch den für das “Bessere” freien Raum erfüllt, der uns nicht genommen werden darf (vgl. Lk 10, 38-42).

10. Schließlich stehen wir vor der letzten Säule, die die Kirche, das Haus des Wortes, stützt: die koinonía, die brüderliche Gemeinschaft, ein anderes Wort für agápe, das heißt für die christliche Liebe. Denn es ist so, wie Jesus uns sagt: Um seine Brüder und Schwestern zu werden, muss man unter denen sein, „die das Wort Gottes hören und danach handeln“ (Lk 8, 21). Echtes Hören heißt zu gehorchen und zu handeln, es heißt im Leben Gerechtigkeit und Liebe walten zu lassen, in der eigenen Existenz und in der Gesellschaft ein Zeugnis zu geben, das mit dem Ruf der Propheten übereinstimmt, der beständig Wort Gottes und Leben, Glaube und Gerechtigkeit, Kult und sozialen Einsatz vereint hat. Und dies hat auch Jesus mehrmals wiederholt, angefangen von der berühmten Ermahnung der Bergpredigt: „Nicht jeder, der zu mir sagt, Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern nur, wer den Willen meines Vaters im Himmel erfüllt“ (Mt 7, 21). In diesem Satz scheint das von Jesaja widergegebene Gotteswort anzuklingen: „Dieses Volk nähert sich mir nur mit Worten und ehrt mich bloß mit den Lippen, sein Herz hält es aber fern von mir“ (29, 13). Diese Mahnungen gelten auch den Kirchen, wenn sie dem gehorsamen Hören des Wortes Gottes nicht treu sind.
Dieses muss also schon im Antlitz und den Händen des Gläubigen sichtbar und ablesbar sein, wie der heilige Gregor der Große bemerkt, der im heiligen Benedikt und in den anderen großen Gottesmännern Zeugen der Gemeinschaft mit Gott und mit den Brüdern sah, das lebendige Wort Gottes. Der Gerechte und Treue “erklärt” nicht nur die Schriften, sonder er “entfaltet” sie vor allen als eine lebendige und gelebte Realität. Deshalb gilt: viva lectio, vita bonorum, das Leben der Gerechten ist eine lebendige Lektüre des göttlichen Wortes. Schon der heilige Johannes Chrysostomus weist darauf hin, dass die Apostel vom Berg in Galiläa, wo sie dem Auferstandenen begegnet waren, im Gegensatz zu Mose ohne beschriebene Steintafeln hinabstiegen: ihr eigenes Leben sollte von diesem Augenblick an lebendiges Evangelium werden.
Im Haus des göttlichen Wortes begegnen wir auch Brüdern und Schwestern anderer Kirchen und kirchlicher Gemeinschaften, die trotz der noch existierenden Trennungen die Verehrung und die Liebe zum Wort Gottes mit uns gemeinsam haben, Ursprung und Quelle einer ersten und wirklichen, wenn auch nicht vollen Einheit. Dieses Band muss stets durch gemeinsame Bibelübersetzungen gestärkt werden sowie durch die Verbreitung des heiligen Textes, das ökumenische Bibelgebet, den exegetischen Dialog, das Studium und die Diskussion der verschiedenen Interpretationen der Heiligen Schrift, den Austausch der in den verschiedenen geistlichen Traditionen enthaltenen Werte, die Verkündigung und das gemeinsame Zeugnis des Wortes Gottes in einer säkularisierten Welt.

IV.

DIE WEGE DES WORTES:
DIE MISSION

„Denn von Zion kommt die Weisung des Herrn, aus Jerusalem sein Wort“ (Jes 2, 3). Das personifizierte Wort Gottes “tritt heraus” aus seinem Haus, dem Tempel, und begibt sich auf die Wege der Welt, um der großen Pilgerschaft zu begegnen, die die Völker der Erde unternommen haben in der Suche nach Wahrheit, Gerechtigkeit und Frieden. Denn es gibt auch in der modernen säkularisierten Stadt, auf ihren Straßen und Plätzen – wo Unglaube und Gleichgültigkeit vorzuherrschen scheinen, wo das Böse über das Gute zu siegen scheint und so der Eindruck eines Sieges von Babylon über Jerusalem entsteht – eine verborgene Sehnsucht, eine aufkeimende Hoffnung, ein erwartungsvolles Beben. So wie im Buch des Propheten Amos zu lesen ist: „Seht, es kommen Tage, da schicke ich den Hunger ins Land, nicht den Hunger nach Brot, nicht Durst nach Wasser, sondern nach einem Wort des Herrn“ (8, 11). Auf diesen Hunger will der Evangelisierungsauftrag der Kirche antworten.
Auch die zögernden Apostel ruft der Auferstandene auf, die schützenden Grenzen ihres Horizonts zu verlassen: „Darum geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern … und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe“ (Mt 28, 19-20). Die Bibel ist überall durchsetzt mit Aufrufen, “nicht zu schweigen”, “kraftvoll zu rufen” und “das Wort gelegen oder ungelegen zu verkünden”, Wächter zu sein, die das Schweigen der Gleichgültigkeit zerreißen. Die sich vor uns eröffnenden Wege sind nicht nur die, die der heilige Paulus oder die ersten Verkünder des Evangeliums und nach ihnen alle Missionare gegangen sind, die bis zu Völkern in weit entfernten Ländern vorgedrungen sind.

11. Die Kommunikation breitet heute ein Netz aus, das den gesamten Globus umfasst, und der Aufruf Christi erhält neue Bedeutung: „Was ich euch im Dunkeln sage, davon redet am hellen Tag, und was man euch ins Ohr flüstert, das verkündet von den Dächern“ (Mt 10, 27). Sicher muss das göttliche Wort eine erste Transparenz und Verbreitung durch den gedruckten Text erhalten, mit Übersetzungen in die reiche Vielzahl der Sprachen unseres Planeten. Aber die Stimme des göttlichen Wortes muss auch im Radio erklingen, in den Informationskanälen des Internet, der virtuellen Verbreitung on line, den CDs, DVDs, den podcasts und so weiter; es muss auf den Fernsehschirmen und Kinoleinwänden sichtbar sein, in der Presse, in den kulturellen und gesellschaftlichen Ereignissen.Diese neue Kommunikation hat im Vergleich mit der herkömmlichen eine eigene Ausdrucksweise angenommen, und deshalb ist es notwendig, nicht nur technisch, sondern auch kulturell für dieses Unternehmen ausgerüstet zu sein. In der heutigen vom Bild beherrschten Zeit, das vor allem über das alles beherrschende Medium des Fernsehens vermittelt wird, ist die von Christus bevorzugte Form der Kommunikation immer noch bedeutsam und faszinierend. Er griff auf Symbole zurück, die Erzählung, das Beispiel, die tägliche Erfahrung und Gleichnisse: „Und er sprach lange zu ihnen in Form von Gleichnissen … er redete nur in Gleichnissen zu ihnen“ (Mt 13, 3.34). In seiner Verkündigung des Reiches Gottes sprach Jesus nie über die Köpfe seiner Zuhörer hinweg in einer vagen, abstrakten und ätherischen Sprache, sondern er ergriff sie von der Erde aus, auf der sie mit beiden Füßen standen, um sie von der Alltäglichkeit zum Himmelreich zu führen. In diesem Zusammenhang erhält die von Johannes berichtete Episode besondere Bedeutung: „Einige von ihnen wollten ihn festnehmen; aber keiner wagte ihn anzufassen. Als die Gerichtsdiener zu den Hohenpriestern und den Pharisäern zurückkamen, fragten diese: Warum habt ihr ihn nicht hergebracht? Die Gerichtsdiener antworteten: Noch nie hat ein Mensch so gesprochen“ (7, 44-46).

12. Christus geht auf den Wegen unserer Welt und verweilt vor den Türen unserer Häuser: „Ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wer meine Stimme hört und die Tür öffnet, bei dem werde ich eintreten und wir werden Mahl halten, ich mit ihm und er mit mir“ (Offb 3, 20). Die Familie, die mit ihren freudigen und dramatischen Erfahrungen hinter den Mauern dieser Häuser lebt, ist ein wichtiger Raum, in den das Wort Gottes Eingang finden muss. Die Bibel ist voll von kleinen und großen Familiengeschichten, und der Psalmist stellt sehr lebendig das friedliche Bild eines Vaters dar, der bei Tisch sitzt, umgeben von der Ehefrau, die einem fruchtbaren Weinstock gleicht, und von den Kindern, die „wie junge Ölbäume“ sind (Ps 128). Die ersten Christen feierten Gottesdienst in der alltäglichen Atmosphäre ihrer Häuser, so wie Israel die Feier des Paschafestes der Familie anvertraute (vgl. Ex 12, 21-27). Die Vermittlung des Wortes Gottes erfolgt eben gerade auf dieser Ebene der Generationen, bei der die Eltern zu den „ersten Glaubensboten“ gehören (LG 11). Der Psalmist wiederum rief uns in Erinnerung: „Was wir hörten und erfuhren, was uns die Väter erzählten, das wollen wir unseren Kindern nicht verbergen, sondern dem kommenden Geschlecht erzählen: die ruhmreichen Taten und die Stärke des Herrn, die Wunder, die er getan hat … sie sollten aufstehen und es weitergeben an ihre Kinder“ (Ps 78, 3-4.6).
In jedem Haus sollte es daher eine Bibel geben, die in würdiger Weise an einem besonderen Ort aufbewahrt, gelesen und zum Beten verwendet wird. Die Familie sollte Formen und Modelle der Erziehung im Gebet, in der Katechese und der Didaktik im Hinblick auf die Verwendung der Heiligen Schrift vorschlagen, damit „die jungen Männer und auch die Mädchen, die Alten mit den Jungen“ (Ps 148, 12) das Wort Gottes hören, verstehen, preisen und leben. Vor allem die jungen Generationen, die Kinder und die jungen Menschen, müssen die Adressaten einer angemessenen und spezifischen Pädagogik sein, die sie dazu anleitet, die Faszination der Gestalt Christi zu verspüren. Durch die Begegnung und das authentische Zeugnis der Erwachsenen, den positiven Einfluss der Freunde und die große Gemeinschaft der Kirche sollen die Tore ihrer Intelligenz und ihres Herzen geöffnet werden.

13. Jesus erinnert uns im Gleichnis vom Sämann daran, dass es trockenen, felsigen und von Dornen zugewucherten Boden gibt (vgl. Mt 13, 3-7). Wer sich auf die Straßen der Welt begibt, entdeckt auch die Untiefen, in denen Leid und Armut angesiedelt sind, Erniedrigung und Unterdrückung, Ausgrenzung und Elend, körperliche und seelische Krankheiten und Einsamkeit. Oft ist der Boden der Straßen durch Kriege und Gewalttaten mit Blut befleckt, in den Palästen der Macht sind Korruption und Ungerechtigkeit eng miteinander verflochten. Es erhebt sich der Schrei der Verfolgten, die treu ihrem Gewissen oder ihrem Glauben folgen. Viele Menschen sind überwältigt von Existenzkrisen und tragen nichts im Herzen, was ihrem Leben Sinn und Wert verleihen könnte. „Wie ein Schatten“ gehen diese Menschen einher und „um ein nichts machen sie Lärm“ (Ps 39, 7). Viele spüren auch auf sich das Schweigen Gottes lasten, seine scheinbare Abwesenheit und Gleichgültigkeit: „Wie lange noch, Herr, vergisst du mich ganz? Wie lange noch verbirgst du dein Gesicht vor mir?“ (Ps 13, 2). Und am Ende erhebt sich vor allen das Geheimnis des Todes.
Dieses gewaltige, leiderfüllte Seufzen, das von der Erde zum Himmel aufsteigt, wird unaufhörlich von der Bibel zum Ausdruck gebracht, die einen geschichtlichen und fleischgewordenen Glauben vorschlägt. Es mag genügen, an die von Gewalt und Unterdrückung gezeichneten Seiten zu denken; an den heftigen und ständigen Schrei von Ijob; an die eindringlichen Bitten in den Psalmen; an die ergreifende innere Krise, die Qohelet durchlebt; an die kraftvollen prophetischen Anklagen der sozialen Ungerechtigkeit. Völlig schonungslos ist ferner die Anklage der tiefverwurzelten Sünde, die in ihrer ganzen zerstörerischen Kraft von den Anfängen der Menschheit an in dem grundlegenden Text der Genesis vorkommt (Kap. 3). In der Tat ist das “mysterium iniquitatis”, das „Geheimnis des Bösen“ in der Geschichte gegenwärtig und am Werk, aber es wird entlarvt vom Wort Gottes, das in Christus den Sieg des Guten über das Böse zusichert.
Die Schriften werden aber vor allem beherrscht von der Person Christi, der sein öffentliches Wirken mit einer Botschaft der Hoffnung für die Geringsten der Erde beginnt: „Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe“ (Lk 4, 18-19). Seine Hände legen sich immer wieder auf krankes oder infiziertes Fleisch, seine Worte verkünden die Gerechtigkeit, flößen den Unglücklichen Mut ein, schenken den Sündern Vergebung. Am Ende begibt er sich selbst auf die tiefste Ebene, „er entäußerte sich“ seiner Herrlichkeit „und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich… , er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz“ (Phil 2, 7-8).
So verspürt er die Angst vor dem Sterben („Vater, alles ist dir möglich. Nimm diesen Kelch von mir!“), er verspürt die Einsamkeit aufgrund des Verlassenseins und des Verrats der Freunde, er dringt bei der Kreuzigung ein in die Dunkelheit des grausamsten physischen Schmerzes und sogar in die Dunkelheit des Schweigens seines Vaters („Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“), und er gelangt an den tiefsten Abgrund jedes Menschen, nämlich den Tod („Er schrie laut auf. Dann hauchte er seinen Geist aus“). Auf ihn lässt sich wirklich die Definition anwenden, die Jesaja für den Gottesknecht verwendet: „ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut“ (53, 3).
Und doch hört er auch in diesem äußersten Moment nicht auf, der Sohn Gottes zu sein: in seiner von Liebe erfüllten Solidarität und durch das Opfer seiner selbst legt er in die Grenzbereiche und in das Böser der Welt den Samen des Göttlichen, das heißt ein Prinzip der Befreiung und des Heiles. Indem er sich uns hinschenkt, erfüllt er den Schmerz und den Tod, die er selbst auf sich genommen und durchlebt hat, mit Erlösung, und er eröffnet auch uns die Morgenröte der Auferstehung. Der Christ hat somit den Auftrag, dieses göttliche Wort der Hoffnung zu verkünden, durch seine Nähe zu den Armen und Leidenden, durch das Zeugnis seines Glaubens an das Reich der Wahrheit und des Lebens, der Heiligkeit und Gnade, der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens, durch die liebevolle Nähe, die nicht richtet und nicht verurteilt, sondern aufbaut, erleuchtet, tröstet und verzeiht gemäß den Worten Jesu: „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt.“ (Mt 11, 28).

14. Auf den Wegen der Welt bewirkt das göttliche Wort für uns Christen eine die intensive Begegnung mit dem jüdischen Volk, dem wir zutiefst verbunden sind durch die gemeinsame Anerkennung und Liebe zu den Schriften des Alten Testaments, und zudem entstammt Christus „dem Fleisch nach“ dem Volk Israel (Röm 9, 5). Alle Heiligen Schriften des Judentums erhellen das Geheimnis Gottes und des Menschen, sie enthüllen Schätze des Denkens und der Moral, bezeichnen den langen Weg der Heilsgeschichte bis zu ihrer vollkommenen Erfüllung und veranschaulichen eindrücklich die Fleischwerdung des göttlichen Wortes in den menschlichen Wechselfällen. Sie erlauben uns, in Fülle die Person Christi zu erkennen, der erklärt hatte, er sei nicht gekommen, „um das Gesetz und die Propheten aufzuheben, sondern um sie zu erfüllen“ (Mt 5, 17); sie sind Weg des Dialogs mit dem auserwählten Volk, das von Gott all dies erhalten hat: „die Sohnschaft, die Herrlichkeit, die Bundesordnungen, ihnen ist das Gesetz gegeben, der Gottesdienst und die Verheißungen“ (Röm 9, 4). Ferner ermöglichen sie uns, unsere Auslegung der Heiligen Schrift mit den fruchtbaren Schätzen der jüdischen exegetischen Tradition zu bereichern.
„Gesegnet ist Ägypten, mein Volk, und Assur, das Werk meiner Hände, und Israel, mein Erbbesitz“ (Jes 19, 25). Der Herr breitet also den Schutzmantel seines Segens über alle Völker der Erde aus, erfüllt von der Sehnsucht, dass „alle Menschen zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen“ (1 Tim 2, 4). Auch wir Christen sind auf den Wegen der Welt dazu eingeladen – ohne in einen Synkretismus zu fallen, der die eigene geistliche Identität verzerrt oder erniedrigt -, voll Respekt in Dialog zu treten mit den Männern und Frauen der anderen Religionen, die treu die Richtlinien ihrer Heiligen Bücher hören und befolgen, angefangen beim Islam, der in seiner Tradition zahllose Personen, Symbole und Themen aus der Bibel aufgreift und uns das Zeugnis eines aufrichtigen Glaubens an den einen, mitleidsvollen und barmherzigen Gott bietet, den Schöpfer allen Seins und Richter der Menschheit.
Der Christ findet außerdem Gemeinsamkeiten mit den großen religiösen Traditionen des Ostens, die uns in ihren heiligen Schriften die Achtung vor dem Leben, die Kontemplation, das Schweigen, die Einfachheit, die Entsagung lehren, wie dies etwa beim Buddhismus der Fall ist. Im Hinduismus wird der Sinn für das Sakrale, das Opfer, die Pilgerfahrt, das Fasten und die heiligen Zeichen verherrlicht. Im Konfuzianismus werden die Weisheit und die Werte der Familie und der Gesellschaft gelehrt. Auch den traditionellen Religionen mit ihren geistlichen Werten, die in den mündlichen Riten und Kulturen zum Ausdruck kommen, wollen wir unsere herzliche Aufmerksamkeit schenken und mit ihnen einen respektvollen Dialog pflegen. Auch mit jenen, die nicht an Gott glauben, aber danach streben „Recht zu tun, Güte und Treue zu lieben, in Ehrfurcht den Weg mit Gott gehen“ (Mi 6, 8), müssen wir für eine gerechtere und friedlichere Welt zusammenarbeiten und im Dialog unser aufrichtiges Zeugnis für das Wort Gottes anbieten, das ihnen neue und weitere Horizonte der Wahrheit und Liebe offenbaren kann.

15. In seinem Brief an die Künstler (1999) erinnerte Johannes Paul II. daran, dass „die Heilige Schrift zu einer Art gewaltigem Wörterbuch (Paul Claudel) und einem ikonographischen Atlas (Marc Chagall) geworden ist, aus denen die christliche Kultur und Kunst geschöpft haben“ (Nr. 5). Goethe war der Überzeugung, dass das Evangelium die „Muttersprache Europas“ sei. Die Bibel ist, wie man mittlerweile zu sagen pflegt, der „große Kodex“ der universalen Kultur: die Künstler haben in geistiger Weise ihren Pinsel eingetaucht in jenes farbenfrohe Alphabet von Geschichten, Zeichen, Personen, die sich auf den Seiten der Bibel finden; die Musiker haben auf Grundlage der Heiligen Schriften, vor allem der Psalmen, ihre Harmonien geschaffen; die Schriftsteller haben Jahrhunderte lang jene alten Erzählungen wiederaufgenommen, die zu existentiellen Gleichnissen wurden; die Dichter haben sich Fragen gestellt über das Geheimnis des Geistes, über das Unendliche, über das Böse, über die Liebe, über den Tod und über das Leben, wobei sie die poetische Begeisterung einfingen, von der die Seiten der Bibel beseelt sind. Die Denker, die Wissenschaftler und die Gesellschaft selbst wählten oft die geistlichen und ethischen Auffassungen der Bibel (man denke nur etwa an die Zehn Gebote) als Bezugspunkt oder auch als gegensätzliche Position. Auch wenn die in der Heiligen Schrift vorkommende Person oder Idee verzerrt dargestellt wurde, erkannte man doch, dass sie für unsere Zivilisation unersetzlich und von maßgebender Bedeutung war.
Und gerade deshalb ist die Bibel – die uns auch die via pulchritudinis lehrt, das heißt den Weg der Schönheit, um Gott zu erkennen und zu ihm zu gelangen („Singt unserem Gott ein festliches Lied“, lädt uns Psalm 47, 8 ein) – nicht nur für den Gläubigen notwendig, sondern für alle, um die wahre Bedeutung der verschiedenen kulturellen Ausdrucksformen wiederzuentdecken und vor allem um unsere eigene historische, zivile, menschliche und geistliche Identität wiederzufinden. In ihr liegt die Wurzel unserer Größe und dank ihrer können wir uns ohne Minderwertigkeitsgefühle den anderen Zivilisationen und Kulturen mit unserem edlen Erbe vorstellen. Die Bibel sollte daher von allen gekannt und studiert werden, unter diesem außergewöhnlichen Aspekt der Schönheit und der menschlichen und kulturellen Fruchtbarkeit.
Dennoch ist das Wort Gottes – um ein eindrucksvolles paulinisches Bild zu verwenden – „nicht gefesselt“ (2 Tim 2, 9) an eine Kultur; es strebt vielmehr danach, die Grenzen zu überschreiten, und gerade der Apostel war ein außergewöhnlicher Baumeister der Inkulturation der biblischen Botschaft innerhalb der neuen kulturellen Koordinaten. Die Kirche ist dazu gerufen, auch heute genau dies zu tun in einem delikaten aber notwendigen Prozess, der durch das Lehramt von Papst Benedikt XVI. einen kräftigen Impuls erhalten hat. Sie muss dafür sorgen, dass das Wort Gottes die Vielfalt der Kulturen durchdringen und es durch ihre Sprachen, ihre Auffassungen, Zeichen und religiösen Traditionen zum Ausdruck bringen kann. Sie muss jedoch stets fähig sein, die wahre Substanz seiner Inhalte zu bewahren, indem sie über die Gefahr von Verzerrungen wacht.
Die Kirche muss somit die Werte zur Geltung bringen, die das Wort Gottes den anderen Kulturen anbietet, damit sie gereinigt und befruchtet werden. Johannes Paul II. hat den Bischöfen aus Kenia im Rahmen seiner Afrika-Reise 1980 gesagt, dass „die Inkulturation wirklich ein Widerschein der Fleischwerdung des Wortes sein wird, wenn eine Kultur, die vom Evangelium verwandelt und neu geschaffen wurde, in ihrer eigenen Tradition ursprüngliche Ausdrucksformen des Lebens, des Feierns und des christlichen Denkens hervorbringt“.

SCHLUSSBEMERKUNG

„Und die Stimme aus dem Himmel, die ich gehört hatte, sprach noch einmal zu mir: Geh, nimm das Buch, das der Engel … aufgeschlagen in der Hand hält … Und der Engel sagte zu mir: Nimm und iss es! In deinem Magen wird es bitter sein, in deinem Mund aber süß wie Honig. Da nahm ich das kleine Buch aus der Hand des Engels und aß es. In meinem Mund war es süß wie Honig. Als ich es aber gegessen hatte, wurde mein Magen bitter“ (Offb 10, 8-11).
Brüder und Schwestern auf der ganzen Welt, nehmen auch wir diese Einladung an! Treten wir heran zum Tisch des Wortes Gottes, so dass wir uns nähren und leben „nicht nur vom Brot, sondern von allem, was der Mund des Herrn spricht“ (Dtn 8, 3; Mt 4, 4)! Die Heilige Schrift hat – wie eine große Gestalt der christlichen Kultur sagte – „geeignete Mittel, um in allen menschlichen Lagen Trost zu spenden, und geeignete Mittel, um in allen Lebenslagen Furcht zu erwecken“ (B. Pascal, Pensées, Nr. 532, ed. Brunschvicg).
Das Wort Gottes ist „süßer als Honig, als Honig aus Waben (Ps 19, 11), es ist ,,meinem Fuß eine Leuchte, ein Licht für meine Pfade“ (Ps 119, 105), aber es ist auch „wie Feuer und wie ein Hammer, der Felsen zerschmettert“ (Jer 23, 29). Es ist wie Regen, der das Land bewässert, es fruchtbar macht und aufblühen lässt, und auf diese Weise bringt es auch die Trockenheit unserer geistlichen Wüsten zum Blühen (vgl. Jes 55, 10-11). Es ist auch „lebendig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert; es dringt durch bis zur Scheidung von Seele und Geist, von Gelenk und Mark; es richtet über die Regungen und Gedanken des Herzens“ (Hebr 4, 12).
Unser Blick richtet sich voll Zuneigung auch auf die Wissenschaftler, die Katecheten und alle weiteren Diener des Wortes Gottes, denen wir unseren tiefempfundenen und herzlichen Dank für ihren wertvollen und wichtigen Dienst aussprechen wollen. Wir wenden uns dabei auch an unsere Brüder und Schwestern, die Verfolgungen erleiden oder die aufgrund des Wortes Gottes und aufgrund des für Jesus, den Herrn, abgelegten Zeugnisses zum Tod verurteilt wurden (vgl. Offb 6, 9): Wie viele Zeugen und Märtyrer erzählen uns von der „Kraft des Wortes“ (Röm 1, 16), dem Urgrund ihres Glaubens, ihrer Hoffnung und ihrer Liebe zu Gott und zu den Menschen.
Wir wollen nun in Stille verweilen, um andächtig das Wort des Herrn zu hören. Bewahren wir diese Stille auch nach dem Hören, damit es auch weiterhin unter uns wohnt und lebt und zu uns spricht. Lassen wir es zu Beginn des Tages erklingen, auf dass Gott das erste Wort habe, und lassen wir es am Abend in uns widerhallen, auf dass Gott auch das letzte Wort habe.
Liebe Brüder und Schwestern „es grüßen euch alle, die bei uns sind. Grüßt alle, die uns durch den Glauben in Liebe verbunden sind. Die Gnade sei mit euch allen!“ (Tit 3, 15).

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Quelle

DAS WORT GOTTES IM LEBEN UND IN DER SENDUNG DER KIRCHE – Instrumentum Laboris – 2008

07_2_08

BISCHOFSSYNODE

XII. ORDENTLICHE GENERALVERSAMMLUNG

DAS WORT GOTTES
IM LEBEN UND IN DER SENDUNG
DER KIRCHE

INSTRUMENTUM LABORIS

Vatikanstadt
2008

VORWORT

Das Wort Gottes in seiner in Vollendung ist Jesus Christus, wahrer Gott und wahrer Mensch. Der ewig existierende Sohn ist das Wort, das immer bei Gott ist, weil es selber Gott ist: «Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott» (Joh 1, 1). Das Wort offenbart das Geheimnis des Einen und Dreieinen Gottes. Das Wort, von Ewigkeit her von Gott in der Liebe des Heiligen Geistes gesprochen, bezeichnet den Dialog, beschreibt die Gemeinschaft, führt ein in die Tiefen des seligen Lebens der Dreifaltigkeit. In Jesus Christus, dem ewigen Wort hat Gott uns vor der Erschaffung der Welt erwählt, und dazu bestimmt, seine Kinder zu werden (vgl. Eph 1, 4-5). Während der Geist noch über den Wassern schwebte und Finsternis die Urflut bedeckte (vgl. Gen 1, 2), entschied Gott, den Himmel und die Erde durch das Wort zu schaffen, durch das alles geworden ist (vgl. Joh 1, 3). Deshalb finden sich auch in der Schöpfung Spuren des Wortes: «Die Himmel rühmen die Herrlichkeit Gottes, / vom Werk seiner Hände kündet das Firmament» (Ps 18, 2). Das Meisterwerk der Schöpfung ist der Mensch, geschaffen nach dem Bild und Gleichnis Gottes (vgl. Gen 1, 26-27), und in der Lage, sowohl in einen Dialog mit dem Schöpfer einzutreten, als auch in der Schöpfung das Siegel des Schöpfers, des schaffenden Wortes, wahrzunehmen, und durch den Geist in Gemeinschaft mit dem zu leben, der ist (vgl. Ex 3, 14), mit dem lebendigen und wahren Gott (vgl. Jer 10, 10).

Diese Freundschaft wurde durch die Sünde der Stammeltern unterbrochen (vgl. Gen 3, 1-24), welche auch den Zugang zu Gott durch die Schöpfung verdunkelte. Aber Gott, der gnädig und barmherzig ist (vgl. 2 Chr 30, 9), verließ in seiner Güte den Menschen nicht. Unter allen Völkern wählte er sich ein Volk aus (vgl. Gen 22, 18) und sprach zu ihm Jahrhunderte langdurch ausgewählte Männer, die Patriarchen und die Propheten, um jene Hoffnung lebendig zu erhalten, welche auch in den dramatischen Ereignissen der Heilsgeschichte Trost gewährte. Ihre inspirierten Worte sind in den Büchern des Alten Testamentes gesammelt. Sie haben die Erwartung der Ankunft des Messias, des Sohnes Davids, des Sprosses aus der Wurzel Jesse (vgl. Hes 11, 1) wach gehalten (vgl. Mt 22, 42).

Als dann in der Fülle der Zeit (vgl. Gal 4, 4) Gott den Menschen das Geheimnis seines Lebens offenbaren wollte, das seit Generationen und Jahrhunderten verborgen war (vgl. Kol 1, 26), wurde der Eingeborene Sohn Gottes Fleisch, «das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt» (Joh 1, 14). In allem uns gleich, außer der Sünde (vgl. Hebr 2, 17; 4, 15), musste das Wort Gottes sich auf menschliche Weise ausdrücken, durch Worte und Zeichen, wie sie im Neuen Testament, besonders in den Evangelien, berichtet werden. Es handelt sich um eine Sprache, welche in allem derjenigen der Menschen ähnlich ist, aber keinen Irrtum enthält. In der Schwachheit der menschlichen Natur Jesu Christi entdeckt der Gläubige mit den Augen des Glaubens den Glanz seiner Herrlichkeit, der «Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit» (Joh 1, 14). Mit Hilfe der Worte der Heiligen Schrift ist der Christ in ähnlicher Weise eingeladen, das Wort Gottes zu entdecken, den Glanz der Heilsbotschaft Christi, der Bild Gottes ist (vgl. 2 Kor 4, 4). Es geht hier um einen anspruchsvollen, geduldigen und dauerhaften Prozess, welcher ein geschichtliches und kritisches (auch diachronisches) Studium und die Anwendung einer Vielzahl von wissenschaftlichen und literarischen Methoden (die auf das synchrone Verstehen ausgerichtet sind) voraussetzt, wie sie auch bei der Erforschung anderer Schriften der Menschen angewandt werden. Erleuchtet vom Heiligen Geist, der Gabe des Auferstandenen, und unter der Führung des Lehramtes erforschen die Gläubigen die Schriften und nähern sich ihrer vollen Bedeutung, indem sie dem Wort Gottes, der Person des Herrn Jesus, demjenigen begegnen, der Worte des Ewigen Lebens hat (vgl. Joh 6, 68).

Daher kann das Thema der XII. Ordentlichen Generalversammlung der Bischofssynode Das Wort Gottes im Leben und in der Sendung der Kirche christologisch verstanden werden: Jesus Christus im Leben und in der Sendung der Kirche. Der christologische Zugang ist notwendigerweise mit einem pneumatologischen Zugang verbunden. Beide zusammen führen zur Entdeckung der trinitarischen Dimension der Offenbarung. Einerseits sichert diese Lesart die Einheit der Offenbarung, insofern der Herr Jesus, das Wort Gottes, alle Worte und Zeichen verbindet, die von den inspirierten Autoren in der Heiligen Schrift wiedergegeben und von der Tradition treu bewahrt werden. Das gilt nicht nur im Hinblick auf das Neue Testament, welches das Geheimnis des Todes, der Auferstehung und der Gegenwart des Herrn Jesus inmitten seiner Kirche d.h. inmitten der Gemeinschaft seiner Jünger, die dazu berufen sind, die heiligen Geheimnisse zu feiern, erzählt und verkündet. Sie, die der Gnade gestatten, die Sünde zu vernichten (vgl. Röm 6, 6), versuchen, sich ihrem Meister gleich zu gestalten, damit in jedem von ihnen Christus leben kann (vgl. Gal 2, 20). Eine ähnliche Lesart gilt auch für das Alte Testament, das – dem Wort Jesu entsprechend – für ihn Zeugnis ablegt (vgl. Joh 5, 39; Lk 24, 27). Auf der anderen Seite erlaubt es die christologische Lesung der Schrift, zusammen mit der pneumatologischen, vom Buchstaben zum Geist, von den Worten zum Wort Gottes aufzusteigen, Es kommt nicht selten vor, dass die Worte ihre eigentliche Bedeutung verbergen, und zwar auf Grund der literarischen Gattung, der Kultur der inspirierten Autoren, ihrer Art und Weise, die Welt und ihre Gesetze zu verstehen. Deshalb ist es erforderlich, in der Vielzahl der Worte die Einheit des Wortes Gottes wieder zu entdecken, die nach diesem unerlässlichen aber anstrengenden Weg mit unerwarteter Klarheit leuchtet, welche bei weitem die Mühe der Suche übersteigt.

Diese doppelte und komplementäre Zugehensweise zum Wort Gottes ist im Instrumentum laboris enthalten, das der kommenden Synodenversammlung als Arbeitsdokument dient. Es ist das Ergebnis der Antworten auf die Lineamenta, und damit ein Dokument, das die Überlegungen der Synoden der Katholischen Ostkirchen sui iuris, der Bischofskonferenzen, der Dikasterien der Römischen Kurie, der Vereinigung der Generalobern, aber auch von Einzelpersonen enthält, welche ihren Beitrag zum Nachdenken der Kirche über dieses wichtige Thema leisten wollten. Dieses Nachdenken wurde vom Heiligen Vater Benedikt XVI., dem universalen Hirten der Kirche, geleitet, der sich in zahlreichen Ansprachen zum Thema der Synodenversammlung geäußert und sich unter anderem gewünscht hat, dass die Kirche sich durch die Wiederentdeckung des Wortes Gottes, das immer aktuell ist und nie veraltet, erneuert und einen neuen Frühling erlebt. Auf diese Weise könnte sie in der Welt von heute, die nach Gott und seinem Wort des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe hungert, mit neuer Dynamik ihre Sendung der Evangelisierung und der Förderung des Menschen erfüllen.

Der Text des Instrumentum laboris enthält ein Mosaik, in dem im Hinblick auf die verbreitete Kenntnis der Bedeutung des Wortes Gottes für das Leben und die Sendung der Kirche die positiven Aspekte überwiegen. Es wird zugleich auch auf Aspekte hingewiesen, die verbessert oder neu zu Bewusstsein gebracht werden müssten. Dies gilt besonders im Hinblick auf einen verbesserten Zugang zur Schrift und ihr stärker kirchlich geprägtes Verständnis. Beides kann nur zu einem größeren apostolischen und pastoralen Eifer in der Verkündigung der Guten Nachricht an die Nahen und die Fernen sowie der Belebung der irdischen Realitäten führen, um so zum Aufbau einer gerechteren und friedlicheren Welt beizutragen.

Es ist zu hoffen, dass das Instrumentum laboris, das vom XI. Ordentlichen Rat des Generalsekretariates der Bischofssynode mit Hilfe einiger Experten erarbeitet wurde, für das Nachdenken in der Synode ein brauchbares Dokument darstellt. Es kann die Synodenväter auf dem aufsteigenden und absteigenden Weg der Wiederentdeckung des Wortes Gottes, d.h. bei der Wiederentdeckung des Gottmenschen Jesus Christus, leiten. Dies geschieht in besonderer Weise bei den liturgischen Feiern, die ihren Höhepunkt in der Eucharistie haben, in welcher das Wort seine wunderbare Wirksamkeit zeigt. Denn tatsächlich verwandeln auf Grund des ausdrücklichen Willens Jesu Christi «Tut dies zu meinem Gedächtnis» (Lk 22, 19), die Worte, welche der Priester in persona Christi capitis spricht: «Nehmt, das ist mein Leib» (Mk 14, 22), «das ist mein Blut» (Mk 14, 24) durch das Wirken des Heiligen Geistes, der vom Vater geschenkt wird, das Brot in den Leib und den Wein in das Blut des auferstandenen Herrn. Die Kirche schöpft aus dieser ewigen Quelle der Gnade und der Liebe ihre Lebenskraft und den Schwung für ihre Sendung in der Welt von heute, deren Bewohner eingeladen sind, in der Person Jesu Christi das Wort Gottes zu entdecken, das für jeden Einzelnen und für die ganze Menschheit «der Weg, die Wahrheit und das Leben» (Joh 14, 6) ist.

+ Nikola Eterović
Titularerzbischof von Sisak
Generalsekretär

Vatikan, am Pfingstfest 2008

EINLEITUNG

«Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir mit unseren Augen gesehen, was wir geschaut und was unsere Hände angefasst haben, das verkünden wir: das Wort des Lebens. Denn das Leben wurde offenbart; wir haben gesehen und bezeugen und verkünden euch das ewige Leben, das beim Vater war und uns offenbart wurde. Was wir gesehen und gehört haben, das verkünden wir auch euch, damit auch ihr Gemeinschaft mit uns habt. Wir aber haben Gemeinschaft mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus. Wir schreiben dies, damit unsere Freude vollkommen ist» (1 Joh 1, 1-4).

I. Eine erwartete und gut aufgenommene Ankündigung

Zwölfte Ordentliche Generalversammlung der Synode

Die nächste, XII. Ordentliche Generalversammlung der Bischofssynode, die vom 5. bis 26. Oktober 2008 stattfinden wird, hat das Thema Das Wort Gottes im Leben und in der Sendung der Kirche. Dieses Thema, das Seine Heiligkeit Papst Benedikt XVI. am 6. Oktober 2006 ausgewählt hat, ist von Seiten der Bischöfe und des Volkes Gottes mit breiter Zustimmung aufgenommen worden. Um der gezielten Vorarbeit eine Orientierung zu geben, wurden die Lineamenta in der Absicht vorbereitet, im Licht des II. Vatikanischen Konzils über die Erfahrung des Wortes Gottes nachzudenken, welche die Kirche in der Verschiedenheit der Traditionen und der Riten macht, und dabei auch auf die Glaubensmotivation Bezug zu nehmen sowie eine differenzierte Reflexion über die verschiedenen Aspekte der Begegnung mit dem Wort Gottes anzuregen.

Auf die Lineamenta und den entsprechenden Fragebogen sind von Seiten der Katholischen Ostkirchen sui iuris, der Bischofskonferenzen, der Dikasterien der Römischen Kurie und der Vereinigung der Generalobern Antworten eingegangen. Hinzu kommen Anmerkungen von Seiten einzelner Bischöfe, Priester, Ordensleute, Theologen und Laien. Es kann festgestellt werden, dass die Beteiligung von Seiten der Teilkirchen aller Kontinente umfassend und sorgfältig war und davon Zeugnis ablegt, dass das Wort Gottes sich wirklich in der ganzen Welt verbreitet. Die verschiedenen Stellungnahmen sind gesammelt und in diesem Instrumentumlaboris entsprechend zusammengefasst worden.

II. Das Instrumentum laboris und sein Gebrauch

Bezugspunkte

In Gemeinschaft mit der ganzen Tradition der Kirche, besonders mit dem II. Vatikanischen Konzil, genauer gesagt mit der Dogmatischen Konstitution über die Göttliche Offenbarung Dei Verbum (DV), in Übereinstimmung mit den anderen Konzilsdokumenten, besonders mit der dogmatischen Konstitution über die Heilige Liturgie Sacrosanctum Concilium (SC) und über die Kirche Lumen gentium (LG), und der Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute Gaudium et spes (GS)[1] wird das gehorsame Hören auf das Wort Gottes hervorgehoben. In Zusammenhang mit dem Thema der Synode stehen die beiden Texte der Päpstlichen Bibelkommission Die Interpretation der Bibel in der Kirche und Das jüdische Volk und seine Heiligen Schriften in der christlichen Bibel. Hinzu kommen mit ihrem je eigenen Gewicht der Katechismus der Katholischen Kirche und das Kompendium desselben sowie das Allgemeine Direktorium für die Katechese.

Besondere Aufmerksamkeit verdienen die Aussagen des Lehramtes der PäpstePius XII., Paul VI., Johannes Paul II. und Benedikt XVI. über das Wort Gottes. Gleiches gilt für die Dokumente der Dikasterien der Römischen Kurie in diesen vierzig Jahren nach dem Konzil. Darüber hinaus gibt es auch in den Teilkirchen und den kontinentalen, regionalen und nationalen kirchlichen Organen Texte über das Wort Gottes. Die Synode hat darüber hinaus zwei weitere Bezugspunkte. Der erste ergibt sich aus der vorausgehenden Synode über die Eucharistie, mit welcher sich das Wort Gottes verbindet und den einen Tisch des Brotes des Lebens bildet (vgl. DV 21). Daneben gibt es ein anderes wichtiges Ereignis, das die Synode in ihren Arbeiten anregt: es handelt sich um das Jahr des Apostels Paulus, in lebendiger Erinnerung an den Apostel, der Zeuge des Wortes Gottes sowie sein beispielhafter Verkünder war und ein dauerhafter Lehrer der Kirche ist.

Gemeinsame Erwartungen

In den Beiträgen der Bischöfe lassen sich viele gemeinsame Punkte feststellen, welche die Erwartungen an die Synode zum Ausdruck bringen. Unter den gemeinsamen Hinweisen sind hervorzuheben:

– die Notwendigkeit, dem Wort Gottes im Leben und in der Sendung der Kirche den ersten Platz zu geben; zugleich werden der Mut und die Kreativität einer den Erfordernissen der Zeit (Kultur, aktueller Lebenskontext, Kommunikation) angepassten Pädagogik der Kommunikation hervorgehoben;

– die Einladung anzuerkennen, dass Jesus Christus das Wort Gottes ist; dies erfordert eine Lektüre der ganzen Bibel, die in ihrem Geheimnis wahrgenommen werden soll, was besonders in der Feier der Liturgie und hier vor allem in der sonntäglichen Eucharistiefeier geschieht;

– die Überzeugung, dass der Heilige Geist zum vollständigen Verständnis des Wortes Gottes führt, indem er uns die Einsicht verleiht und die Schriftlesung in der Kirche beseelt, in der lebendigen Tradition der Verkündigung und der Liebe, so dass das Hören auf das Wort Gottes und jede Lektüre der Bibel die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft der Kirche und eine Haltung der Gemeinschaft und des Dienstes voraussetzen;

– die Überzeugung, dass die Bibel, trotz aller Schwierigkeiten ihres Verständnisses, besonders im Hinblick auf das Alte Testament, die Offenbarung des Wortes Gottes ist;

– das tiefe Verlangen der Gläubigen, das Wort Gottes zu hören, auf das mit entsprechenden pastoralen Initiativen geantwortet wird; zugleich wird das dringende Bedürfnis spürbar, Indifferenz, Unkenntnis und Verwirrung über die Wahrheit des Glaubens im Hinblick auf das Wort Gottes, sowie eine ungenügende Vorbereitung und den Mangel an entsprechenden biblischen Hilfsmitteln zu überwinden;

– die Notwendigkeit einer biblischen Pastoral, aber auch einer biblischen Durchdringung der ganzen Pastoral, welche die Unterweisung in der vollen Wahrheit des Glaubens umfasst;

– die notwendige Gemeinschaft im Glauben und in der Praxis des Wortes Gottes; zugleich wird gefordert, dass die einzelnen Teilkirchen für sich die Aufgabe übernehmen, das Wort im Zusammenhang mit ihrer besonderen Situation anzunehmen;

– die verschiedenen Zugehensweisen zur Bibel in der lateinischen und in der orientalischen Tradition; dabei wird hervorgehoben, dass diese entsprechend bekannt gemacht und als Reichtum begriffen werden sollen;

– die Kompetenz und die Verantwortung der Hirten im Hinblick auf die Verkündigung des Wortes Gottes, welche ihre ständige Weiterbildung voraussetzt;

– die Dringlichkeit, dass die Laien nicht nur passives Subjekt sind, sondern sowohl Hörer des Wortes Gottes, als auch dessen entsprechend vorbereitete Verkünder und dabei von der Gemeinschaft unterstützt werden;

– die Gewissheit, dass Gott sein Heilswort an jeden Menschen richtet, angefangen mit [von] den Ärmsten, und dass er daher will, dass sein Wort in der Sendung der Kirche vorkommt, d.h. dass sie allen Völkern als Gute Nachricht der Befreiung, des Trostes und des Heiles bekannt gemacht wird, und zwar im Dialog innerhalb der Kirchen und christlichen Gemeinschaften und mit den anderen Religionen, und darüber hinaus mit den anderen Kulturen, wobei die Samen der Wahrheit nicht übersehen werden dürfen, die von Gottes Vorsehung in sie hineingesenkt wurden.

Das Ziel der Synode

Erstrangiges Ziel der Synode ist es, sich dem Thema des Wortes zu widmen, in dem «der unsichtbare Gott (vgl. Kol 1, 15; 1 Tim 1, 17) aus überströmender Liebe die Menschen anredet wie Freunde (vgl. Ex 33, 11; Joh 15, 14-15) und mit ihnen verkehrt (vgl. Bar 3, 38), um sie in seine Gemeinschaft einzuladen und aufzunehmen» (DV 2). Das erfordert das Hören auf das Wort des Herrn, das in Übereinstimmung mit dem konkreten Leben der Menschen unserer Zeit steht und die Liebe zu ihm. Das Wort Gottes stellt einen Ruf dar, schafft Gemeinschaft, überträgt eine Sendung, damit das, was der Einzelne empfangen hat, zur Gabe für die Anderen wird. Es handelt sich daher um eine außerordentlich pastorale und missionarische Zielsetzung: die lehrmäßigen Gründe zu vertiefen und sich von ihnen erleuchten zu lassen bedeutet, die Praxis der Begegnung mit dem Wort Gottes, das in den verschiedenen Zusammenhängen Quelle des Lebens ist, zu erweitern und zu stärken und auf diese Weise, durch angemessene und begehbare Wege Gott hören und mit Ihm sprechen zu können.

a. Konkret gehört es zu den Zielen der Synode, dazu beizutragen, jene fundamentalen Aspekte der Wahrheit über die Offenbarung wie: Wort Gottes, Glauben, Tradition, Bibel, Lehramt zu klären, welche einen echten und wirksamen Weg des Glaubens begründen und verbürgen; die tiefe Liebe zur Heiligen Schrift anzuregen, damit «der Zugang zur Heiligen Schrift für die an Christus Glaubenden weit offen steht» (vgl. DV 22), und dabei die Einheit zwischen dem Brot des Wortes und dem Leib Christi hervorzuheben, um das Leben der Christen wahrhaft zu nähren.[2] Darüber hinaus ist es erforderlich, die untrennbare Verbindung zwischen Wort Gottes und Liturgie in Erinnerung zu rufen; überall die Übung der Lectio Divina zu fördern, die entsprechend an die verschiedenen Umstände anzupassen ist; der Welt der Armen ein Wort des Trostes und der Hoffnung zu schenken. Diese Synode setzt es sich also zum Ziel, zu einem hermeneutisch richtigen Umgang mit der Bibel beizutragen, und auf diese Weise den notwendigen Prozess der Evangelisierung und der Inkulturation entsprechend auszurichten; es ist ihre Absicht, den ökumenischen Dialog, der eng mit dem Hören auf das Wort Gottes verbunden ist, zu ermutigen; sie will den jüdisch-christlichen Dialog und in einem weiteren Sinn den interreligiösen und interkulturellen Dialog fördern.

b. Es ist ein Wunsch vieler Bischöfe, dass der abschließende Beitrag der Synode nicht nur informativen Charakter haben, sondern das Leben berühren und aktives Mittun hervorrufen soll, damit das Wort Gottes durch eine wesensgemäße und den Menschen verständliche Sprache lebendig, kraftvoll, wirksam (vgl. Hebr 4, 12) erscheint. In dieser Hinsicht ist es angemessen, daran zu erinnern, dass die Begriffe Bibel, Heilige Schrift, Heiliges Buch, die gleiche Bedeutung haben, und aus dem Zusammenhang zu erschließen ist, wann der Begriff „Wort Gottes“ den Sinn von „Heilige Schrift“ hat.

VORWORT

Geschichtlicher Verlauf

„Die Zeichen der Zeit“. Vier Jahrzehntenach dem Konzil

«Damit das Wort des Herrn sich ausbreitet und verherrlicht wird»
(2 Thess 3, 1)

Eine gute Zeit voller Früchte

In der Gemeinschaft der Christen hat das Wort Gottes viele positive Ergebnisse hervorgebracht. Auf einer objektiven und allgemeinen Ebene treten folgende Aspekte hervor:

– die tief greifende biblische Erneuerung im Bereich der Liturgie und der Katechese und noch deutlicher im Bereich der Theologie und Exegese;

– die beginnende, aber fruchtbare Praxis der Lectio Divina, die in verschiedenen Formen durchgeführt wird;

– die Verbreitung des Heiligen Buches durch das Bibelapostolat und der Schwung von Gemeinschaften, kirchlichen Gruppen und Bewegungen;

– die ständig wachsende Zahl von Lektoren und Dienern des Wortes Gottes;

– die steigende Verfügbarkeit von Mitteln und Arbeitshilfen aus dem Bereich der heutigen Kommunikation;

– das Interesse für die Bibel im kulturellen Bereich.

Unsicherheiten und Fragen

Andere Aspekte jedoch bleiben immer noch offen und problematisch. Wiederum auf einer objektiven Ebene der Lektüre der Daten verbleibend, können fast überall in den Teilkirchen die folgenden Mängel festgestellt werden:

– Dei Verbum ist als Text wenig bekannt;

– es wird eine größere Vertrautheit mit der Bibel festgestellt, zugleich aber auch eine nicht hinreichende Kenntnis des gesamten Glaubensgutes, zu dem die Bibel gehört;

– im Hinblick auf das Alte Testament gibt es verbreitete Schwierigkeiten des Verständnisses und der Aufnahme, die zu einem verkürzten Gebrauch führen können;

– der liturgische Zugang zum Wort Gottes in der Messe lässt oft zu wünschen übrig;

– eine delikate und schmerzhafte Verwicklung betrifft das Verhältnis von Bibel und Wissenschaft im Hinblick auf die Interpretation der Welt und des menschlichen Lebens;

– jedenfalls bleibt eine gewisse Distanz der Gläubigen zur Bibel; es kann nicht davon die Rede sein, dass ihr Gebrauch zur allgemeinen Erfahrung gehört;

– es wird an die Notwendigkeit erinnert, das enge Band nicht aus dem Auge zu verlieren, das zwischen der moralischen Lehre und der Heiligen Schrift in ihrer Fülle, besonders in Bezug auf die Zehn Geboten und das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe, sowie die Bergpredigt und die Lehre des Apostels Paulus im Hinblick auf das Leben im Geist, besteht;

– schließlich ist auf eine doppelte Armut hinzuweisen, welche sowohl die konkreten Mittel zur Verbreitung der Bibel als auch häufig die Formen der Kommunikation betrifft, welche häufig unzureichend sind.

Eine verschiedenartige und herausfordernde Glaubensbedingung

Wenn man in diesem Gesamt von Licht und Schatten einen Blick auf die Bedingungen des Glaubens wirft, ergeben sich aus den Beiträgen der Bischöfe wichtige Anregungen zum Nachdenken, die auf drei Ebenen zusammengefasst werden können: auf der personalen, gemeinschaftlichen und sozialen Ebene.

a. Auf der Ebene der Personen. Man muss sich der Tatsache bewusst sein, dass zu viele Gläubige aus verschiedenen Gründen zögern, die Bibel zu öffnen, besonders auf Grund des Eindrucks, dass sie ein schwer verständliches Buch sei. Auf Grund einer mangelhaften Kenntnis der Lehre verwirklicht sich bei vielen Gläubigen das intensive Bedürfnis, das Wort Gottes zu hören, eher im Bereich der Erfahrung von Emotion und nicht der Überzeugung. Dieser Bruch zwischen der Wahrheit des Glaubens und der Erfahrung des Lebens wird vor allem in der liturgischen Begegnung mit dem Wort Gottes deutlich. Hinzu kommt eine gewisse Trennung zwischen den Wissenschaftlern, den Hirten und den einfachen Menschen in den christlichen Gemeinden. In zweiter Linie gilt es zu beachten, dass von vielen der direkte Kontakt mit der Schrift in einer sehr anfänglichen Art und Weise gelebt wird. In dieser Hinsicht geben die Bewegungen ein besonderes Zeugnis, während die Ordensleute eine motivierende Rolle spielen.

b. Auf gemeinschaftlicher Ebene. Es darf nicht vergessen werden, dass die Tatsache, dass das Wort Gottes in aller Welt begeisterte Hörer findet, entscheidende Unterschiede innerhalb der Kirche nicht ausschließt. Man könnte sagen, dass in den erst kürzlich entstandenen Ortskirchen oder in den Kirchen, die in einer Minderheitensituation leben, der Gebrauch der Bibel unter den Gläubigen weiter verbreitet ist, als anderswo. Je nach Kontext gibt es darüber hinaus verschiedene Zugehensweisen, so dass man von einem unterschiedlichen Zugang zur Bibel in Europa, in Afrika, in Asien, in Amerika, in Ozeanien sprechen kann. Darüber hinaus gibt es die sich unterscheidenden und ergänzenden Zugehensweisen zum Wort Gottes in der lateinischen und orientalischen Kirche und im Verhältnis zu den anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften.

c. Auf sozialer Ebene. Der sich schnell ausbreitende Prozess der Globalisierung betrifft auch die Kirche. Drei Faktoren, welche in den Antworten oft hervorgehoben werden, stellen dabei den Kontext für die Begegnung mit der Heiligen Schrift dar:

– die Säkularisierung, welche eine Lebensbedingung schafft, die besonders unter den jungen Generationen leicht in den konsumistischen Säkularismus, den Relativismus und die religiöse Indifferenz abgleiten kann;

– der religiöse und kulturelle Pluralismus der gnostische und esoterische Formen der Auslegung der Heiligen Schrift sowie innerhalb der Katholischen Kirche unabhängige religiöse Gruppen entstehen lässt. Im Hinblick auf den Gebrauch der Bibel entstehen darüber hinaus nicht leichte Herausforderungen und schmerzhafte Konflikte, besonders für die Minderheiten in einem nichtchristlichen Umfeld;

– der tief empfundene Wunsch, das Wort Gottes als Befreiung der Person aus unmenschlichen Bedingungen und als konkreten Trost für die Armen und die Leidenden zu verkünden.

Im Zusammenhang mit der neuen Evangelisierung muss sich die Weitergabe des Glaubens mit einer tiefen Entdeckung des Wortes Gottes verbinden. Es ist wünschenswert, dass das Wort Gottes als Stütze des Glaubens der Kirche durch die Jahrhunderte dargestellt wird.
Die Struktur des Instrumentum laboris

Die Struktur umfasst drei Teile: der erste Teil stellt entsprechend dem Glauben der Kirche die Identität des Wortes Gottes dar; der zweite Teil betrachtet das Wort Gottes im Leben der Kirche; der dritte Teil reflektiert das Wort Gottes in der Sendung der Kirche.

Jeder Teil ist in Kapitel gegliedert, welche die Lektüre erleichtern sollen. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die Synode das Geheimnis des Wortes Gottes, Sein großes Geschenk, betrachten und vorlegen und dafür Dank sagen will.

ERSTER TEIL

DAS GEHEIMNIS GOTTES, DER ZU UNS SPRICHT

«Viele Male und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern gesprochen durch die Propheten; in dieser Endzeit aber hat er zu uns gesprochen durch den Sohn, den er zum Erben des Alls eingesetzt und durch den er auch die Welt erschaffen hat» (Hebr 1, 1-2).

Die Beiträge der Bischöfe heben einige der Themen der Theologie hervor, denen im Hinblick auf die die Pastoral besondere Relevanz zukommt. Dazu gehören z.B. die Identität des Wortes Gottes; das Geheimnis Christi und der Kirche als Zentrum des Wortes Gottes; die Bibel als inspiriertes Wort und ihre Wahrheit; die Interpretation der Bibel entsprechend dem Glauben der Kirche; die richtige Haltung beim Hören des Wortes Gottes.

ERSTES KAPITEL

A. Gott, der zu uns spricht. Die Identität des Wortes Gottes

«Gott spricht die Menschen an wie Freunde» (DV 2)

Dei Verbum schlägt eine dialogische Theologie der Offenbarung vor. In diesem Dialog sind drei Aspekte eng miteinander verbunden: die Weite der Bedeutung, welche in der göttlichen Offenbarung dem Begriff „Wort Gottes“ zukommt; das Geheimnis Christi als voller und perfekter Ausdruck des Wortes Gottes; das Geheimnis der Kirche, Sakrament des Wortes Gottes.

Das Wort Gottes als mehrstimmiger Gesang

Das Wort Gottes ist wie ein mehrstimmiger Gesang, denn Gott spricht es während einer langen Geschichte durch verschiedene Verkünder in verschiedenen Formen und in verschiedener Weise aus (vgl. Hebr 1, 1). Es gibt allerdings eine Hierarchie der Bedeutungen und der Funktionen.

a. Das Wort Gottes hat seine Heimat in der Trinität; von ihr geht es aus, von ihr wird es erhalten, zu ihr kehrt es zurück. Es ist ein beständiges Zeugnis der Liebe des Vaters, des Heilswerkes des Sohnes, des fruchtbaren Wirkens des Heiligen Geistes. Im Licht der Offenbarung ist das Wort das ewige Wort Gottes, die zweite Person der Heiligsten Dreifaltigkeit, der Sohn des Vaters, das Fundament der innertrinitarischen Kommunikation und der Mitteilung nach außen: «Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Im Anfang war es bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist» (Joh 1, 1-3; vgl. Kol 1, 16).

b. Deshalb kündet die geschaffene Welt die Herrlichkeit Gottes (vgl. Ps 19, 1). Zum Beginn der Zeit hat Gott durch sein Wort den Kosmos geschaffen (vgl. Gen 1, 1), und dabei der Schöpfung das Siegel seiner Weisheit eingeprägt, weshalb seine Stimme aus allem spricht (vgl. Sir 46, 17; Ps 68, 34). In besonderer Weise aber ist die menschliche Person, geschaffen nach dem Bild und Gleichnis Gottes (vgl. Gen 1, 26), unverletzliches Zeichen und wissender Interpret seines Wortes. Denn durch das Wort Gottes erhält der Mensch die Fähigkeit, mit Ihm und seiner Schöpfung in einen Dialog zu treten. Auf diese Weise hat Gott die ganze Schöpfung, und in primis den Menschen, dazu befähigt, jederzeit «Zeugnis von sich» (DV 3) zu geben. Auf Grund der Tatsache, dass «durch ihn (Christus) und auf ihn hin geschaffen wurde […und] in ihm alles Bestand hat» (Kol 1, 16-17), finden sich «die „Saatkörner des Wortes“ (AG 11, 15) und die „Strahlen der Wahrheit, die alle Menschen erleuchtet“ (NA 2) […] in den Personen und in den religiösen Traditionen der Menschheit».[3]

c. «Das Wort ist Fleisch geworden» (Joh 1, 14): Jesus Christus ist das letzte und definitive Wort Gottes, seine Person, seine Sendung, seine Geschichte, sind dem Plan des Vaters entsprechend eng miteinander verbunden. Dieser Plan läuft auf Ostern zu und wird vollendet, wenn Jesus dem Vater das Reich übergibt (vgl. 1 Kor 15, 24). Er ist das Evangelium Gottes für jeden Menschen (vgl. Mk 1, 1).

d. Im Hinblick auf das Wort Gottes, das der fleischgewordene Sohn ist, hat der Vater in früheren Zeiten durch die Propheten gesprochen (vgl. Hebr 1, 1). Die Apostel setzen in der Kraft des Geistes die Verkündigung Jesu und seines Evangeliums fort. Auf diese Weise wird das Wort Gottes in der Verkündigung der Propheten und der Apostel durch menschliche Worte zum Ausdruck gebracht.

e. Die Heilige Schrift, in welcher durch göttliche Eingebung die offenbarten Inhalte festgehalten werden, bezeugt in authentischer Weise, dass sie wirklich Wort Gottes ist (vgl. DV 24), ganz auf Christus ausgerichtet. Denn «gerade sie (die Schriften) legen Zeugnis über mich ab» (Joh 5, 39). Durch das Charisma der Inspiration haben die Bücher der Heiligen Schrift eine Kraft des direkten und konkreten Appells, den andere menschliche Texte oder Handlungen nicht haben.

f. Das Wort Gottes bleibt aber nicht auf die Schrift beschränkt. Auch, wenn die Offenbarung mit dem Tod des letzten Apostels abgeschlossen ist (vgl. DV 4), wird das offenbarte Wort in der Geschichte der Kirche weiterhin verkündet und gehört. Die Kirche verpflichtet sich, es der ganzen Welt zu verkünden, um ihrem Bedürfnis nach Heil zu entsprechen. So setzt das Wort seinen Lauf in der lebendigen Predigt fort, welche die verschiedenen Formen der Evangelisierung umfasst, unter denen die Verkündigung und die Katechese, die liturgische Feier und der Dienst der Liebe hervortreten. In der Kraft des Heiligen Geistes ist die Predigt, im vorher erwähnten Sinn, von lebendigen Menschen leibhaftig weitergegebenes Wort Gottes.

g. Wie die Frucht zur Wurzel, so gehören auch die dogmatischen und moralischen Wahrheiten des Glaubens der Kirche zum Bereich des Wortes Gottes.

In diesem Zusammenhang wird verständlich, dass die gläubige Verkündigung der Offenbarung Gottes selbst ein Ereignis mit Offenbarungscharakter ist und wirklich als Wort Gottes in der Kirche bezeichnet werden kann.

Pastorale Auswirkungen

Hier wird an die vielen pastoralen Auswirkungen erinnert, die in vielen Antworten aus den Teilkirchen erwähnt werden.

– Dem Wort Gottes werden all die Qualitäten zugeschrieben, die zu einer echten interpersonalen Kommunikation gehören, welche von der Bibel häufig als Dialog des Bundes bezeichnet wird, in dem Gott und der Mensch als Glieder der gleichen Familie miteinander sprechen.

– In dieser Perspektive kann die christliche Religion nicht in enger Weise als „Religion des Buches“ bezeichnet werden, denn das inspirierte Buch gehört in lebendiger Weise zum Ganzen der Offenbarung.[4]

– Die geschaffene Welt ist Ausdruck des Wortes Gottes und das Leben und die Geschichte der Menschen enthalten es wie im Keim. Vor diesem Hintergrund stellen sich heute bedeutende Fragen im Hinblick auf das Naturrecht, den Ursprung der Welt, die Ökologie-Frage, an welche die Beiträge der Bischöfe erinnern.

– Es ist sicher angemessen, den schönen Begriff der „Heilsgeschichte“ (historia salutis) wieder aufzugreifen, welcher den Kirchenvätern so teuer war, und der traditionell als „heilige Geschichte“ gebraucht wird. Es kommt darauf an, all das begreifen zu wollen, was die „Religion des fleischgewordenen Wortes“ bedeutet, d.h. des Wortes Gottes, das nicht in abstrakten und statischen Formeln kristallisiert ist, sondern eine dynamische Geschichte hat, zu der, wie es eindeutig aus der Bibel hervorgeht, Personen und Ereignisse, Worte und Taten, Entwicklungen und Spannungen gehören. Die historia salutis ist im Hinblick auf ihre Gründungsphase abgeschlossen, setzt aber ihre Wirksamkeit in dieser Zeit der Kirche fort.

– Die Gesamtheit des Wortes Gottes wird durch all die Akte sichergestellt, welche es zum Ausdruck bringen, je nach der Rolle, die dem Einzelnen zukommt. Hier drängt sich kraftvoll die Tatsache ins Bewusstsein, dass die Heilige Schrift die lebendige Umwelt der Kirche ist. Auf der anderen Seite ist es erforderlich, dass alle Bereiche des Dienstes am Wort Gottes in wechselseitiger und harmonischer Interaktion stehen. Unter diesen Zeichen kommt der Verkündigung, der Katechese, der Liturgie und der Diakonie eine grundlegende Rolle zu.

– Es wird die Aufgabe der Hirten sein, den Gläubigen dabei zu helfen, diese harmonische Sicht des Wortes zu entwickeln, und dabei irrige, einschränkende oder ambivalente Formen des Verständnisses zu vermeiden. Sie sollen in die Lage versetzt werden, aufmerksame Hörer des Wortes zu werden, wo immer sie es vernehmen, und auch an den einfachsten Worten der Bibel Geschmack zu finden.

B. Im Zentrum, das Geheimnis Christi und der Kirche

«In dieser Endzeit aber hat Gott zu uns gesprochen durch den Sohn» (Hebr 1, 2)

Das Geheimnis Christi im Herzen des Wortes Gottes

Größtenteils nehmen die Christendie zentrale Rolle wahr, welche der Person Jesu Christi in der Offenbarung Gottes zukommt. Aber nicht immer gelingt es ihnen, die Gründe dieser Bedeutung zu verstehen, oder zu begreifen, in welchem Sinn Jesus das Herz des Wortes Gottes ist. Daher fällt es ihnen auch oft schwer, die Bibel im christlichen Sinn zu lesen. Davon sprechen fast alle Antworten der befragten Organismen, die dabei von der doppelten Sorge bewegt sind, einerseits die Missverständnisse einer oberflächlichen oder fragmentarischen Lektüre der Schrift zu vermeiden, andererseits aber vor allem einen sicheren Weg anzuzeigen, um in das Reich Gottes zu gelangen und das ewige Leben zu gewinnen. Denn «das ist das ewige Leben: dich, den einzigen wahren Gott, zu erkennen und Jesus Christus, den du gesandt hast» (Joh 17, 3). Diese grundlegende Beziehung zwischen dem Wort Gottes und dem Geheimnis Christi stellt sich in der Offenbarung als Verkündigung und in der Geschichte der Kirche als unerschöpfliche Vertiefung dar.

Im Hinblick auf diese Beziehung sollen hier nur einige wesentliche theologische Bezüge mit klaren pastoralen Auswirkungen benannt werden.

– Im Licht von Dei Verbum ist daran zu erinnern, dass Gott einen ganz und gar ungeschuldeten Plan in die Tat umgesetzt hat: «Er hat seinen Sohn […] gesandt, damit er unter den Menschen wohne und ihnen vom Innern Gottes Kunde bringe (vgl. Joh 1, 1-18). Jesus Christus, das fleischgewordene Wort, […] „redet die Worte Gottes“ (Joh 3, 34) und vollendet das Heilswerk, dessen Durchführung der Vater ihm aufgetragen hat (vgl. Joh 5, 36; 17, 4)» (DV 4). Auf diese Weise nimmt Jesus in seinem irdischen und nun in seinem himmlischen Leben das ganze Ziel, den Sinn, die Geschichte und das Projekt des Wortes Gottes auf und verwirklicht es, denn, wie der Hl. Irenäus sagt: Christus «hat uns jede Neuheit gebracht, indem er sich uns selber brachte».[5]

– Der Plan Gottes sieht eine Geschichte der Offenbarung vor. So sagt der Verfasser des Hebräerbriefes: «Viele Male und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern gesprochen durch die Propheten; in dieser Endzeit aber hat er zu uns gesprochen durch den Sohn» (Hebr 1, 1-2). Das bedeutet, dass in Jesus Christus das Wort Gottes jene Bedeutung gewinnt, die er seiner Sendung gegeben hat: es hat das Ziel, die Menschen in das Reich Gottes zu führen (vgl. Mt 13, 1-9); es bringt sich in seinen Worten und Werken zum Ausdruck; es zeigt seine Kraft in den Wundern; es hat die Aufgabe, die Sendung der Jünger zu beseelen, sie in der Liebe zu Gott und zum Nächsten und in der Sorge um die Armen zu unterstützen; es offenbart seine volle Wahrheit im Ostergeheimnis, in Erwartung der vollkommenen Offenlegung; und jetzt leitet es das Leben der Kirche in der Zeit.

– Es trifft aber auch zu, dass das Wort Jesu – wie er selber gesagt hat – gemäß der Schrift verstanden werden muss (vgl. Lk 24, 44-49), d.h. im Kontext der Geschichte des Volkes Gottes des Alten Testamentes, das ihn als Messias erwartete, und heute im Kontext der Geschichte der christlichen Gemeinschaft, die ihn in der Predigt verkündet, ihn in der Bibel betrachtet, seine Freundschaft und seine Führung erfährt. Der Hl. Bernhard sagt, dass auf der Ebene der Fleischwerdung des Wortes Christus das Zentrum der ganzen Schrift ist. Das Wort Gottes, das im ersten Bund schon hörbar war, ist in Christus sichtbar geworden.[6]

– Es darf nicht vergessen werden, dass «alles durch ihn und auf ihn hin geschaffen» ist (Kol 1, 16). Jesus kommt eine zentrale Stellung im Kosmos zu, er ist der König des Universums, derjenige, welcher der ganzen Realität ihren letzten Sinn verleiht. Wenn das Wort Gottes wie ein mehrstimmiger Gesang ist, dann ist Christus in seinem umfassenden Geheimnis der Schlüssel zu seiner Interpretation unter der Führung des Heiligen Geistes. «Das Wort Gottes, das am Anfang bei Gott war, ist in seiner Fülle nicht eine Vielzahl von Worten, sondern ein einziges Wort, das eine große Zahl von Ideen umfasst, von denen jede ein Teil des Wortes in seiner Ganzheit ist. […] Und wenn Christus sich auf die „Schriften“ bezieht, die von ihm Zeugnis ablegen, stellen die Bücher der Schrift für ihn eine einzige Schriftrolle dar, denn alles, was über ihn geschrieben wurde, ist in einer Ganzheit zusammengefasst».[7]
Das Geheimnis der Kirche im Herzen des Wortes Gottes

Die Kirche, deren Geheimnis darin besteht, der Leib Jesu zu sein, findet im Wort Gottes die Verkündigung ihrer Identität, die Gnade zu ihrer Bekehrung, den Auftrag zu ihrer Sendung, die Quelle für ihr prophetisches Amt und den Grund ihrer Hoffnung. Sie wird zuinnerst durch den Dialog mit ihrem Bräutigam aufgebaut und befähigt, Adressantin und bevorzugte Zeugin des liebevollen und heilenden Wortes Gottes zu sein. Die wahre Frucht des Hörens auf das Wort Gottes besteht darin, immer mehr Teil dieses „Geheimnisses“ zu werden, das die Kirche aufbaut. Daher ist die beständige Begegnung mit dem Wort die Ursache ihrer Erneuerung und Quelle «eines neuen geistlichen Frühlings».[8]

Auf der anderen Seite wird das lebendige Bewusstsein, zur Kirche, dem Leib Christi zu gehören, in den Maß wirksam, in dem es gelingt, die verschiedenen Beziehungen zum Wort Gottes in entsprechender Weise zum Ausdruck zu bringen: das Wort, das zu verkünden ist, das Wort, das betrachtet und studiert werden soll, das Wort, das zum Gebet und gefeiert, das Wort, das gelebt und verbreitet wird. Deshalb ist das Wort Gottes in der Kirche kein totes Kapital, sondern wird oberste Regel des Glaubens und Kraft zum Leben, es schreitet unter dem Beistand des Heiligen Geistes fort und wächst durch das Nachsinnen und Studium der Gläubigen, die persönliche Erfahrung des geistlichen Lebens und die Predigt der Bischöfe (vgl. DV 8; 21). Dies bezeugen in besonderer Weise die Heiligen, die aus der Kraft des Wortes gelebt haben.[9] Es ist selbstverständlich, dass die erste Aufgabe der Kirche darin besteht, das göttliche Wort an alle Menschen weiter zu geben. Die Geschichte bezeugt, dass dies geschehen ist und auch heute geschieht, nach vielen Jahrhunderten, unter vielen Schwierigkeiten, aber auch mit lebendiger Fruchtbarkeit.

Die Anfangsworte von Dei Verbum sind Gegenstand beständigen Nachdenkens und treuer Ausführung: «Gottes Wort voll Ehrfurcht hörend und voll Zuversicht verkündigend» (DV 1). Sie fassen das Wesen der Kirche in seiner doppelten Dimension des Hörens und der Verkündigung des Wortes Gottes zusammen. Es besteht kein Zweifel: dem Wort Gottes kommt der erste Platz zu. Nur durch das Wort können wir die Kirche verstehen. Sie definiert sich als hörende Kirche. Und in dem Maß, in dem sie hört, kann sie auch eine Kirche sein, die verkündet. So sagt der Heilige Vater Benedikt XVI.: «die Kirche erhält ihr Leben nicht aus sich selbst, sondern vom Evangelium, und sie hört nicht auf, sich auf ihrem Pilgerweg am Evangelium zu orientieren».[10]
Pastorale Auswirkungen

Die Gemeinschaft der Christen wird durch das Wort Gottes ins Leben gerufen und erneuert, um das Antlitz Christi erkennen zu können. Klar und unwiderruflich sagt der Hl. Hieronymus: «Ignoratio enim Scripturarum, ignoratio Christi est»[11] (Wer die Schrift nicht kennt, kennt Christus nicht). Hier werden einige der pastoralen Dringlichkeiten aufgelistet, wie sie in den Antworten auf die Lineamenta benannt werden:

– organische Wege des Nachdenkens über das Verhältnis Jesu zur Heiligen Schrift und darüber zu entwickeln, wie er sie liest und wie sie hilft, ihn zu verstehen;

– auf einfache Art die christlichen Kriterien der Schriftlesung darstellen, um auf diese Weise auch einen Zugang zu den schwierigen Stellen des Alten Testaments zu ermöglichen;

– den Gläubigen zu helfen, unter Führung des Lehramtes, die Kirche als lebendigen und beständigen Ort der Verkündigung des Wortes Gottes zu erkennen;

– jene Christen zu unterweisen, die von sich sagen, dass sie die Bibel nicht lesen, weil sie es bevorzugen, eine direkte und persönliche Beziehung zu Jesus aufzubauen;

– Dank der Gegenwart Jesu, des auferstandenen und in den Sakramenten gegenwärtigen Herrn, wird die Liturgie als erstrangiger Ort der Begegnung mit dem Wort Gottes betrachtet;

– schließlich darf im Hinblick auf die katechetische Kommunikation nicht vergessen werden, dass besonders die Evangelien als Texte auszuwählen sind, dass sie aber zugleich in Verbindung mit den anderen Büchern des Alten und Neuen Testamentes und den Dokumenten des Lehramtesder Kirche gelesen werden müssen.

ZWEITES KAPITEL

A. Die Bibel als inspiriertes Wort Gottes und ihre Wahrheit

«Die Kirche hat die Heiligen Schriften immer verehrt wie den Herrenleib selbst» (DV 21)
Die Fragen

Eines der von den Bischöfen am stärksten empfundenen Probleme ist das Verhältnis der Heiligen Schrift zum Wort Gottes, besonders ihre Inspiration und ihre Wahrheit. Es sind dabei drei Frageebenen zu unterscheiden:

– einige Fragen betreffen die Natur der Bibel: was ist unter Inspiration oder unter Kanon zu verstehen, welche Art der Wahrheit findet sich in der Schrift und wie ist ihre Geschichtlichkeit zu verstehen;

– andere Fragen betreffen das Verhältnis der Schrift zur Tradition und zum Lehramt;

– wieder andere Fragen berühren die schwierigen Seiten der Bibel, besonders des Alten Testamentes. Auf diese Fragestellung wird im Zusammenhang mit dem Wort Gottes in der Katechese eingegangen.

Die Heilige Schrift, inspiriertes Wort Gottes

Viele Antworten auf die Lineamenta enthalten Fragen im Hinblick auf die Art und Weise, in der den Gläubigen das Charisma der Inspiration und der Wahrheit der Schriften erklärt werden kann. In diesem Zusammenhang ist es zunächst einmal erforderlich, den Zusammenhang zwischen Bibel und Wort Gottes festzustellen; das Wirken des Heiligen Geistes zu klären; einige Dinge im Hinblick auf die Identität der Bibel näher zu erläuten.

a. Es ist davon auszugehen, dass zwischen Bibel und Wort Gottes eine Beziehung der Unterscheidung und der Gemeinsamkeit besteht. Es ist die Bibel selbst, die davon Zeugnis ablegt, dass Wort Gottes und Schrift nicht im materiellen Sinn in eins fallen. Das Wort Gottes ist eine lebendige, wirksame Wirklichkeit (vgl. Hebr 4, 12-13), ewig (vgl. Jes 40, 8), «allmächtig» (Weish 18, 15), schöpferisch (vgl. Gen 1, 3ff.) und Begründer der Geschichte. Für das Neue Testament ist dieses Wort der Sohn Gottes selbst, der Fleisch geworden ist (vgl. Joh 1, 1ff.; Hebr 1, 2). Die Schrift ihrerseits ist Bezeugung dieser Beziehung zwischen Gott und dem Menschen, sie erleuchtet sie und gibt ihr sichere Orientierung. Das Wort Gottes geht also über das Buch hinaus, und erreicht den Menschen auch über den Weg der lebendigen Tradition, der Kirche. Das bedingt die Überwindung einer subjektiven und geschlossenen Interpretation der Schrift, denn sie ist innerhalb eines weiteren, letztlich unabschließbaren Prozesses des Wortes Gottes zu lesen, wie es die Tatsache unterstreicht, dass das Wort in immer neuen und anderen Zeiten das Leben der Generationen nährt. Die Gemeinschaft der Christen ist also gleichzeitig Subjekt der Weitergabe des Wortes Gottes und vorrangiger Ort, um den tiefen Sinn der Heiligen Schrift, die Glaubensentwicklung und damit auch die Entwicklung des Dogmas zu erfassen. Auf Grund dieser Vorrangstellung hat die Kirche von Anfang an die biblischen Bücher in besonderer Weise verehrt, und hat als Regel oder Kanon des Glaubens an die göttliche Offenbarung eine sichere und definitive Liste zusammengestellt: 73 Bücher, davon 46 im Alten Testament und 27 im Neuen Testament.[12]

b. Der Geist schafft dem geschriebenen Wort Raum und stellt das Buch in den weiteren Zusammenhang des Geheimnisses der Menschwerdung und der Kirche. Dank des Geistes ist daher das Wort Gottes liturgische und prophetische Realität, es ist Verkündigung (kerygma) bevor es zum Buch wird, es ist das Zeugnis des Heiligen Geistes für die Gegenwart Christi.

c. Zusammenfassend kann gesagt werden:

– dass es das Charisma der Inspiration erlaubt, zu sagen, Gott sei der Autor der Bibel, ohne dabei den Menschen selbst als wirklichen Autor auszuschließen. Denn im Unterschied zum Diktat hebt die Inspiration die persönliche Freiheit und die Fähigkeiten des Schriftstellers nicht auf, sondern erleuchtet und inspiriert sie;

– obwohl die Heilige Schrift in allen ihren Teilen inspiriert ist, bezieht sich ihre Irrtumslosigkeit nur auf «die Wahrheit […], die Gott um unseres Heiles willen in heiligen Schriften aufgezeichnet haben wollte» (DV 11);

– Dank des Charismas der Inspiration bestimmt der Heilige Geist die biblischen Bücher als Wort Gottes und vertraut sie der Kirche an, damit sie im Gehorsam des Glaubens angenommen werden;

– der Kanon stellt in seiner Vollständigkeit und organischen Einheit ein Kriterium der Interpretation des Heiligen Buches dar;

– da die Bibel Wort Gottes in menschlicher Sprache ist, erfolgt ihre Interpretation in Übereinstimmung mit literarischen, philosophischen und theologischen Kriterien, immer unter der einenden Kraft des Glaubens und unter Führung des Lehramtes.[13]

Tradition, Schrift und Lehramt

Das II. Vatikanische Konzil unterstreicht die Einheit des Ursprungs und die vielen Verbindungen zwischen Tradition und Schrift, welche von der Kirche «mit gleicher Liebe und Achtung» (DV 9) angenommen werden. In diesem Zusammenhang ist daran zu erinnern, dass das Wort Gottes, das in Christus Evangelium oder Gute Nachricht geworden ist (vgl. Röm 1, 16) und als solches der apostolischen Verkündigung anvertraut wurde, seinen Lauf fortsetzt und zwar:

– vor allem im Fluss der lebendigen Tradition, die in all dem zum Ausdruck kommt, «was sie [die Kirche] selber ist, alles, was sie glaubt» (DV 8), wie z.B. im Kult, in der Lehre, in der Liebe, der Heiligkeit, dem Martyrium;

– durch die Heilige Schrift, welche in dieser lebendigen Tradition durch die Inspiration des Heiligen Geistes gerade in der Unwandelbarkeit des Geschriebenen jene konstitutiven und ursprünglichen Elemente bewahrt. «Diese Heilige Überlieferung und die Heilige Schrift beider Testamente sind gleichsam ein Spiegel, in dem die Kirche Gott, von dem sie alles empfängt, auf ihrer irdischen Pilgerschaft anschaut, bis sie hingeführt wird, ihn von Angesicht zu Angesicht zu sehen, so wie er ist (vgl. 1 Joh 3, 2)» (DV 7).

Schließlich ist es Aufgabe des Lehramtes der Kirche, das nicht über dem Wort Gottes steht, «das geschriebene oder überlieferte Wort Gottes verbindlich zu erklären», indem sie es «voll Ehrfurcht hört, heilig bewahrt und treu auslegt» (DV 10). Zusammenfassend ist festzuhalten, dass eine wirkliche Lesung der Schrift als Wort Gottes nur in Ecclesia, entsprechend ihrer Lehre, erfolgen kann.

Altes und Neues Testament, eine einzige Heilsökonomie

Ein drängendes Problem unter den Katholiken betrifft die Kenntnis des Alten Testamentes als Wort Gottes und in besonderer Weise seine Beziehung zum Geheimnis Christi und der Kirche. Nicht zuletzt auf Grund ungelöster exegetischer Schwierigkeiten kommt es nicht selten zu einem gewissen Widerstand angesichts der Seiten des Alten Testamentes, die unverständlich erscheinen, und die oft einer eigenwilligen Auswahl zum Opfer fallen bzw. zurückgewiesen werden. Dem Glauben der Kirche entsprechend ist das Alte Testament als Teil der einen christlichen Bibel aufzufassen, als entscheidender Bestandteil der Offenbarung und damit des Wortes Gottes. Aus all dem ergibt sich das dringende Bedürfnis nach einer Bildung im Hinblick auf die christliche Lektüre des Alten Testamentes, welche die Beziehung, die die beiden Testamente verbindet und die bleibenden Werte des Alten Testamentes anerkennt (vgl. DV 15-16).[14] Diesbezüglich kommt uns die liturgische Praxis zu Hilfe, in welcher der Heilige Text des Alten Testamentes als wesentlicher Bestandteil für ein volles Verständnis des Neuen Testamentes verkündet wird, so wie es Jesus selbst in der Emmausepisode bezeugt hat, in der er «ausgehend von Mose und allen Propheten darlegte, was in der gesamten Schrift über ihn geschrieben steht» (Lk 24, 27). Entsprechend sagt auch der Hl. Augustinus: «Novum in Vetere latet et in Novo Vetus patet»[15] (Das Neue Testament ist im Alten verborgen und das Alte wird im Neuen Testament offenbart). So sagt auch der Hl. Gregor der Große: «Das, was das Alte Testament versprochen hat, ist im Neuen sichtbar geworden; was jenes verborgen ankündigt, wird in diesem offen als erfüllt verkündet. Deshalb ist das Alte Testament Prophetie des Neuen; und das Neue Testament der beste Kommentar des Alten».[16] Diese Lehre hat zahlreiche und lebenswichtige praktische Auswirkungen.
Pastorale Auswirkungen

Es wird immer mehr bewusst wahrgenommen, dass eine oberflächliche Lektüre der Bibel nicht ausreicht. Es ist festzustellen, dass verschiedene Bibelgruppen, die mit Begeisterung zur Entdeckung des Heiligen Buches aufbrechen, sich nach und nach auflösen, weil der gute Boden fehlt, d.h. weil das Wort Gottes nicht in seinem Gnadengeheimnis wahrgenommen wird, wie es Jesus im Gleichnis vom Sämann sagt (vgl. Mt 13, 20-21). In dieser Hinsicht werden hier einige Auswirkungen benannt:

a. Auf Grund der Tatsache, dass die Schrift eng mit der Kirche verbunden ist, kommt dieser im Zugang zur Schrift in ihrer grundlegenden Eigenheit eine wichtige Rolle zu. Diese Eigenart wird zugleich zum Kriterium für das rechte Verständnis der Tradition, denn sowohl die Liturgie als auch die Katechese nähren sich von der Bibel. Wie schon gesagt wurde, haben die Bücher der Heiligen Schrift eine Kraft des direkten und konkreten Appells, der anderen kirchlichen Texten oder Maßnahmen nicht zukommt.

b. Sodann ist die Unterscheidung zwischen der konstitutiven apostolischen Tradition und den kirchlichen Traditionen in ihren praktischen Folgen zu bedenken. Während nämlich die erste auf die Apostel zurückgeht und das übermittelt, was diese von Jesus und vom Heiligen Geist gehört haben, sind die kirchlichen Traditionen im Laufe der Zeit in den Ortskirchen entstanden und stellen Formen der Anpassung der «großen Tradition»[17] dar. Darüber hinaus darf der entscheidende Beitrag nicht übersehen werden, den die Kirche durch die kanonische Anerkennung der Schriften, deren Authentizität sie garantiert, und die sie gegenüber der Verbreitung nicht authentischer und apokrypher Büchern abgrenzt, geleistet hat. Die heute verbreitete gnostische Interpretation im Hinblick auf die Wahrheit der Ursprünge des Christentums machen es erforderlich, zur erklären, was der Kanon der Heiligen Bücher ist und wie er entstanden ist. Aus dem gleichen Grund werden auch Orientierungen für die Übersetzung und Verbreitung der Schrift gegeben und die unerlässliche Anerkennung vonseiten der Kirche gerechtfertigt. Der Vergleich zwischen Schrift, Tradition und den Zeichen des Wortes Gottes in der geschaffenen Welt ist wieder aufzunehmen, und zwar besonders im Hinblick auf den Menschen und seine Geschichte, denn jedes Geschöpf ist Wort Gottes, denn es verkündet Gott.[18]

c. Wenn das Lehramt Orientierungen gibt oder Entscheidungen verkündet, ist es nicht seine Absicht, die persönliche Schriftlesung zu beschränken. Es will einen sicheren Bezugsrahmen bieten, innerhalb dessen die Lesung erfolgt. Leider sind die Lehren des Magisteriums und der Wert, welcher den verschiedenen Ebenen der Erklärung zukommt, nicht immer gut bekannt und akzeptiert. Während der Synode sollen Dei Verbum und die nachfolgenden päpstlichen Dokumente wieder entdeckt werden. Besondere Aufmerksamkeit verdienen verschiedene Hinweise zum Verständnis und zum Gebrauch des Wortes Gottes in der Bibel, die in Ansprachen des Heiligen Vaters Benedikt XVI. enthalten sind.

d. Im Zusammenhang mit der lebendigen Tradition und daher als zuverlässiger Dienst am Wort Gottes, ist auch das Mittel des Katechismus zu betrachten, angefangen vom ersten Glaubensbekenntnis, Kern jedes Katechismus, bis hin zu den verschiedenen Erklärungen, die während der Jahrhunderte der Kirchengeschichte entstanden sind. Den jüngsten Ausdruck finden sie im Katechismus der Katholischen Kirche und den entsprechenden Katechismen der Ortskirchen.

e. An dieser Stelle ist es erforderlich, eine grundlegende Unterscheidung in Erinnerung zu rufen, die vielfältige Auswirkungen auf die pastorale Praxis hat: die Begegnung mit der Schrift findet einerseits im Zusammenhang mit dem Handeln der Kirche statt, etwa in der Liturgie oder der Katechese, wo die Bibel sich in einen Kontext des öffentlichen Gottesdienstes eingliedert. Andererseits gibt es auch die unmittelbare Begegnung, wie etwa die Lectio Divina, die Bibelkurse, die Bibelgruppen. Aufgrund einer gewissen Entfernung des Volkes Gottes vom direkten und persönlichen Gebrauch der Schrift ist diese Zugehensweise heute zu fördern.

f. Was das Alte Testament betrifft, so ist es als eine Etappe in der Entwicklung des Glaubens und des Verständnisses Gottes aufzufassen. Sein bildlicher Charakter und seine Beziehung zur wissenschaftlichen und geschichtlichen Mentalität unserer Zeit müssen geklärt werden. Gleichzeitig ist hervorzuheben, dass viele Stellen des Alten Testamentes eine einzigartige geistliche, weisheitliche und kulturelle Kraft haben, eine reiche Katechese über die Wirklichkeit des Menschen erlauben und die Etappen des Glaubensweges eines Volkes darstellen. Die Kenntnis und die Lesung der Evangelien schließt nicht aus, dass die Vertiefung des Alten Testamentes der Lektüre und dem Verständnis des Neuen Testamentes eine immer größere Tiefe geben kann.

g. Schließlich ist es in einer sehr konkreten pastoralen Sichtweise angebracht, einige Beobachtungen wiederzugeben, die dabei helfen, die Beziehung der Gläubigen zur Lehre des Glaubens besser zu verstehen. Im Allgemeinen unterscheiden die Gläubigen die Bibel von anderen religiösen Texten und betrachten sie als wichtiger für ihr Glaubensleben. In der Praxis aber bevorzugen nicht wenige geistliche Texte, Botschaften und erbauliche Schriften, die einfacher zu verstehen sind oder aber verschiedene Ausdrucksformen der Volksfrömmigkeit. Man könnte sagen, dass das Volk dem Wort Gottes auf praktische Weise begegnet, dass es das Wort lebt, ohne genauer den Ursprung und die Beweggründe zu kennen. Dies ist gleichzeitig eine positive und eine zerbrechliche Situation. Man muss es verstehen, zu den Leuten zu reden, und ihre Art der Auffassung in Betracht ziehen. Es ist eine notwendige Aufgabe des pastoralen Dienstes, den Gläubigen dabei zu helfen, zu verstehen, was die Bibel ist, warum es sie gibt, was sie dem Glauben zu geben hat, wie man sie gebraucht.
B. Wie die Bibel entsprechend dem Glauben der Kirche auszulegen ist

«Lebendig ist das Wort Gottes und kraftvoll» (Hebr 4, 12)

Das hermeneutische Problem in pastoraler Perspektive

Das hermeneutische Problem, innerhalb dessen es um die Umsetzung des Wortes Gottes und zugleich um die Inkulturation geht,[19] ist eine delikate und wichtige Fragestellung. Denn Gott legt dem Menschen nicht einfach eine mehr oder weniger interessante Information rein menschlicher oder wissenschaftlicher Art vor, sondern er teilt ihm sein Wort der Wahrheit und des Heiles mit, und das erfordert von Seiten des Hörers ein lebendiges, verantwortliches und zeitbezogenes Verständnis. Dies macht eine doppelte Bewegung erforderlich: einerseits ist der wirkliche Sinn des gesprochenen oder geschriebenen Wortes, so wie der Herr es durch die heiligen Verfasser mitteilt, zu erfassen; andererseits bringt dies mit sich, dass das Wort auch demjenigen etwas zu sagen hat, der es heute hört.
Hören auf die Erfahrung

Aus den Antworten der Bischöfe geht hervor, dass die Auslegung des Wortes, ungeachtet gegenläufiger Beobachtungen, durchaus möglich ist. Viele Christen beschäftigen sich gemeinschaftlich oder allein mit dem Wort Gottes in der Absicht, das, was Gott sagt, zu verstehen, und seinem Wort aufmerksam zu gehorchen. Diese Bereitschaft aus dem Glauben ist für die Kirche eine wertvolle Möglichkeit, zu einem richtigen Verständnis und einer entsprechenden Umsetzung des Heiligen Textes zu befähigen. Heute ist diese Gelegenheit (kairòs) in gewisser Weise noch stärker gegeben, denn es entwickelt sich eine neue Gegenüberstellung zwischen dem Wort Gottes und den Humanwissenschaften, besonders im Bereich der philosophischen, wissenschaftlichen und geschichtlichen Forschung. Aus diesem Kontakt zwischen dem Wort und der Kultur geht ein großer Reichtum hervor im Hinblick auf die Wahrheit über Gott, den Menschen und die Dinge und die damit verbundenen Werte. Die Vernunft befragt also den Glauben und wird von ihm in einen Zusammenarbeit hineinbezogen, wenn es um die Wahrheit und das Leben geht, die der Offenbarung Gottes und den Erwartungen der Menschheit entsprechen.

Es fehlt aber auch nicht an Gefahren, die eine eigensinnige und verkürzte Interpretation mit sich bringt, wie sie vor allem durch den Fundamentalismus bedingt ist. Auf der einen Seite drückt sich hier das Bedürfnis aus, dem Text treu zu bleiben, auf der anderen Seite missversteht man die eigene Natur der Texte, was zu schweren Fehlern und unnötigen Konflikten führt.[20] Es gibt daneben auch die so genannte ideologische Bibellesung, die einem engen geistlichen, sozialen oder politischen oder einfach einem menschlichen Vorverständnis folgt, ohne den Beitrag des Glaubens (vgl. 2 Petr 1, 19-20; 3, 16). Dies führt bis hin zu einer Entgegensetzung oder Trennung der Schriftform, wie sie vor allem in der Bibel bezeugt wird und den lebendigen Formen der Verkündigung und der Lebenserfahrung der Gläubigen. Im Allgemeinen ist eine geringe oder ungenaue Kenntnis der hermeneutischen Regeln zur Auslegung des Wortes festzustellen.

Der Sinn des Wortes Gottes und der Weg, um ihn zu finden

Im Licht des II. Vatikanischen Konzils und des nachfolgenden Lehramtes[21] scheinen heute im Hinblick auf eine entsprechende pastorale Vermittlung einige Aspekte der besonderen Beachtung und des Nachdenkens bedürftig: die Bibel, Buch Gottes und des Menschen, ist auf eine Art und Weise zu lesen, welche den historisch-literarischen und den theologisch-spirituellen oder einfach den geistlichen Sinn in rechter Weise vereint.[22] Diesbezüglich gibt die schon erwähnte Note der Päpstlichen Bibelkommission diese Definition: «In der Regel lässt sich der geistliche Sinn in der Perspektive des christlichen Glaubens als der Sinn definieren, den die biblischen Texte ausdrücken, wenn sie unter dem Einfluss des Heiligen Geistes im Kontext des österlichen Mysteriums Christi und des daraus folgenden neuen Lebens gelesen werden. Diesen Kontext gibt es tatsächlich. Das Neue Testament erkennt darin die Erfüllung der Schriften. So ist es natürlich, die Schriften im Lichte dieses neuen Kontextes zu lesen, der das Leben im Heiligen Geiste ist».[23]

Das bedeutet, dass die historisch-kritische Methode, entsprechend durch andere Zugangsweisen ergänzt, für eine korrekte Exegese erforderlich ist.[24] Um aber den ganzen Sinn der Schrift erreichen ist können, sind jene theologischen Kriterien anzuwenden, die von Dei Verbum erwähnt werden: «auf den Inhalt und die Einheit der ganzen Schrift zu achten, unter Berücksichtigung der lebendigen Überlieferung der Gesamtkirche und der Analogie des Glaubens» (DV 12).[25] Diesbezüglich wird heute die Notwendigkeit eines vertieften theologischen und pastoralen Nachdenkens empfunden, um unsere Gemeinschaften auf ein richtiges und fruchtbares Verstehen hin zu bilden. So sagt Papst Benedikt XVI.: «Mir liegt sehr daran, dass die Theologen die Schrift auch so lieben und lesen lernen, wie das Konzil es wollte nach Dei Verbum: dass sie die innere Einheit der Schrift sehen, wozu heute die „Kanonische Exegese“ ja hilft (die freilich immer noch in schüchternen Ansätzen ist) und dann eine geistliche Lesung der Schrift üben, die nicht äußere Erbaulichkeit ist, sondern das innere Eintreten in die Präsenz des Wortes. Da etwas zu tun, dazu beizutragen, dass neben und mit und in der historisch-kritischen Exegese wirklich Einführung in die lebendige Schrift als heutiges Wort Gottes geschieht, erscheint mir eine sehr wichtige Aufgabe».[26]

Pastorale Auswirkungen

Das Volk Gottes ist daraufhin zu erziehen, den großen Horizont des Wortes Gottes zu entdecken, um zu verhindern, dass die Schriftlesung als etwas Kompliziertes empfunden wird. Es gilt die Wahrheit, dass die wichtigsten Dinge in der Bibel diejenigen sind, die am direktesten mit der Existenz verbunden sind, wie etwa das Leben Jesu. Es sei hier an einige wichtige Punkte im Hinblick auf die rechte Auslegung des heiligen Buches erinnert.

a. Vor allem darf nicht vergessen werden, dass das Wort Gottes immer dann ausgelegt wird, wenn sich die Kirche versammelt, um die heiligen Geheimnisse zu feiern. Diesbezüglich erinnert die Einleitung des Lektionars, das in der Eucharistiefeier verwendet wird, daran: «Nach dem Willen Christi zeichnet sich das neue Volk Gottes durch die Verschiedenheit seiner Glieder aus. Darum haben die einzelnen auch in Bezug auf das Wort Gottes verschiedene Aufgaben und Dienste. Das Wort Gottes zu hören und zu bedenken ist Aufgabe aller Gläubigen, das Wort Gottes auszulegen ist allein Sache jener, die auf Grund der Weihe am Lehramt teilhaben oder auf Grund einer Beauftragung den Dienst der Verkündigung ausüben. So führt die Kirche alles, was sie selber ist, alles, was sie glaubt, in Lehre, Leben und Gottesdienst durch die Zeiten weiter und übermittelt es allen Geschlechtern. Im Gang der Jahrhunderte strebt sie ständig der Fülle der göttlichen Wahrheit entgegen, bis an ihr sich Gottes Wort erfüllt».[27]

b. Es muss folgendes festgehalten werden: «Der geistliche Sinn darf nicht mit subjektiven Interpretationen verwechselt werden, die aus Einbildungskraft oder intellektueller Spekulation stammen». Der geistliche Sinn ist das Ergebnis der Beziehung zwischen «drei Ebenen der Wirklichkeit: dem biblischen Text (in seinem Literalsinn), dem Ostergeheimnis und den Umständen des Lebens im Geist».[28] Es ist in jedem Fall angebracht, vom biblischen Text auszugehen, der auch für die pastorale Tätigkeit unersetzlicher vorrangiger Bezugspunkt ist.

c. In Anerkennung der Tatsache, dass die Note der Päpstlichen Bibelkommission Die Interpretation der Bibel in der Kirche allgemein nicht über den Kreis der Fachleute hinaus bekannt geworden ist, ist es eine Pflicht, den gläubigen Lesern dabei zu helfen, die elementaren Regeln des Zugangs zum biblischen Text zu kennen. Entsprechende Hilfsmittel sind von großer Nützlichkeit.

d. In dieser Perspektive gilt es auch, die außerordentliche Exegese der Kirchenväter[29] und die seit dem Mittelalter bekannten „vier Sinne der Schrift“, die ihren Wert nicht verloren haben, zu beachten, recht zu verstehen und wieder zu entdecken. Die verschiedenen Wirkungen und Traditionen, welche die Bibel im Leben des Volkes Gottes, in den Heiligen, in den geistlichen Lehrern und den Zeugen hervorgebracht hat, dürfen ebenfalls nicht übersehen werden. Auch der Beitrag der theologischen und der Humanwissenschaften und die Wirkungsgeschichte besonders in der Kunst sind zu berücksichtigen, denn sie können ein fruchtbares Zeugnis des geistlichen Verständnisses der Schrift sein. Da heute die Bibel auch von Nichtglaubenden gelesen wird, die ihren anthropologischen Wert hervorheben, kann eine rechte Interpretation dieses Aspektes bereichernd sein. Die Heilige Schrift muss in Gemeinschaft mit der Kirche aller Orten und Zeiten gelesen werden, in Gemeinschaft mit den großen Zeugen des Wortes, angefangen von den Vätern bis zu den Heiligen und dem heutigen Lehramt.[30]

e. Es ist hervorzuheben, dass der Synode die Aufgabe gestellt wurde, nicht nur die klassischen Probleme der Bibel zu behandeln, sondern auch die aktuellen Fragestellungen etwa der Bioethik oder der Inkulturation zu ihr in Beziehung zu setzen. Dies kann in einer Weise ausgedrückt werden, welche in den Bibelgruppen häufig verwandt wird: „Wie gelangt man vom Leben zum Text und vom Text zu Leben“ oder aber „Wie kann die Bibel vom Leben her und das Leben von der Bibel her gelesen werden?“

f. Aus dem Blickwinkel der Kommunikation des Glaubens ist auch auf ein neues Problem der Bibelhermeneutik hinzuweisen. Es betrifft nicht nur das Verständnis der biblischen Sprache, sondern auch die Kenntnis der heutigen Kultur, die immer weniger an das gesprochene oder geschriebene Wort gebunden ist und sich mehr in Richtung auf eine elektronische Kultur entwickelt. Daher kann die traditionelle Verkündigung des Wortes den Hörern, die von den neuen Informationstechniken überschwemmt werden, langweilig erscheinen.

DRITTES KAPITEL

Die Haltung, die vom Hörer des Wortes gefordert wird

«Höre, mein Volk» (Ps 50, 7)

Aus den Antworten der Bischöfe auf die Lineamenta ergibt sich die Notwendigkeit, im Volk Gottes eine betende, persönliche und gemeinschaftliche Beziehung zum Wort Gottes zu pflegen, welche eine Antwort des Glaubens hervorruft und nährt.

Ein wirksames Wort

Das Wort Gottes ist Ereignis und hat als Subjekte sowohl Gott, der verkündet, als auch den Einzelnen oder die Gemeinschaft, an die es gerichtet ist. Gott spricht, aber ohne das Hören des Gläubigen ist das Wort zwar gesagt aber noch nicht aufgenommen. Daher kann man sagen, dass die biblische Offenbarung die Begegnung zwischen Gott und dem Volk in der Erfahrung des einen Wortes ist, und dass beide das Wort entstehen lassen. Der Glaube, den das Wort hervorruft, wirkt.

Der Brief an die Hebräer (4, 12-13) spricht genauso wie Jes 55, 9-11 und viele andere Texte von der unfehlbaren Wirksamkeit des Wortes Gottes. Wie ist diese Wirksamkeit zu verstehen? Diese Frage wird umso dringlicher, wenn man eine Tatsache in Rechnung stellt, die von vielen Bischöfen in ihren Beiträgen hervorgehoben wird, nämlich, dass einige neu getaufte Christen der Lesung der Heiligen Schrift eine quasi magische Bedeutung geben, ohne einen persönlichen, verantwortlichen Einsatz. Wie das Gleichnis vom Sämann (vgl. Mk 4, 1-20) bestätigt, entfaltet das Wort Gottes seine Wirksamkeit, wenn die Schwierigkeiten überwunden und die Bedingungen geschaffen werden, damit der Same des Wortes Frucht tragen kann.

Im Hinblick auf die dem Wort Gottes eigene Wirksamkeit ist ein anderer Text des Evangeliums erhellend, in dem das Bild des Samens gebraucht wird, der sterben muss, um Frucht bringen zu können: Christus spricht von der Notwendigkeit seines Todes, um den Heilsplan zu erfüllen. Das Kreuz ist in direkter Weise Kraft und Weisheit Gottes; das Evangelium, schreibt der Hl. Paulus an die Christen in Korinth, ist «das Wort vom Kreuz» (1 Kor 1, 18). Die Wirksamkeit des Wortes steht daher mit dem Kreuz in Zusammenhang. Wort und Kreuz sind zwei Gegebenheiten, die auf der gleichen Ebene liegen. Ihre Kraft hängt ganz und gar von der Dynamik der Liebe Gottes ab, die sie durchdringt: «Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab» (Joh 3, 16; vgl. Röm 5, 8). Derjenige, der an die Liebe Gottes glaubt, findet auch die Frucht des Wortes, das sie verkündet. Dann offenbart sich die Kraft des Wortes, es verwirklicht sich, wird wahrhaft persönlich.
Der Gläubige: derjenige, der das Wort Gottes im Glauben hört

«Dem offenbarenden Gott ist der Gehorsam des Glaubens zu leisten». Ihm, der sich gibt, indem er sich mittelt, «überantwortet sich der Mensch Gott als ganzer in Freiheit» (DV 5), indem er ihn hört. Der Mensch, der auch kraft der inneren Struktur seiner Persönlichkeit Hörer des Wortes ist, empfängt von Gott die Gnade, im Glauben zu antworten. Dies erfordert von Seiten der Gemeinschaft und jedes einzelnen Gläubigen eine Haltung der vollen Zustimmung gegenüber dem Angebot einer totalen Gemeinschaft mit Gott und ein Sich-seinem-Willen-anvertrauen (vgl. DV 2). Diese Haltung des gemeinschaftlichen Glaubens kommt in jeder Begegnung mit dem Wort Gottes zum Ausdruck, in der lebendigen Predigt genauso wie in der Lesung der Bibel. Nicht zufällig wendet Dei Verbum auf das Heilige Buch das an, was allgemein vom Wort Gottes gesagt wird: «Gott redet die Menschen an wie Freunde […], um sie in seine Gemeinschaft einzuladen und aufzunehmen» (DV 2). «In den Heiligen Büchern kommt ja der Vater, der im Himmel ist, seinen Kindern in Liebe entgegen und nimmt mit ihnen das Gespräch auf» (DV 21). Die Offenbarung ist jene Gemeinschaft der Liebe, welche die Schrift oft im Begriff des Bundes zum Ausdruck bringt. Zusammenfassend gesagt geht es um eine Haltung des Gebetes, um ein «Gespräch zwischen Gott und Mensch; denn „ihn reden wir an, wenn wir beten; ihn hören wir, wenn wir Gottes Weisungen lesen“[31]» (DV 25).

Das Wort Gottes verwandelt das Leben derer, die sich ihm mit Glauben nähern. Das Wort Gottes kommt nie an ein Ende, es ist jeden Tag neu. Damit dies geschieht, ist ein hörender Glaube erforderlich. Die Schrift bezeugt immer wieder, dass das Hören Israel zum Volk Gottes werden lässt: «wenn ihr auf meine Stimme hört und meinen Bund haltet, werdet ihr unter allen Völkern mein besonderes Eigentum sein» (Ex 19, 5; vgl. Jer 11, 4). Das Hören schafft Zugehörigkeit, eine Verbindung, es lässt in den Bund eintreten. Im Neuen Testament richtet sich das Hören auf die Person Jesu, des Sohnes Gottes: «Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe; auf ihn sollt ihr hören» (Mt 17, 5 parr.).

Der Gläubige ist einer, der hört. Wer hört, bekennt die Gegenwart dessen, der spricht und will mit ihm in Kontakt kommen; wer hört, schafft in sich einen Raum der Einwohnung für den Anderen; wer hört, stellt sich vertrauensvoll vor den, der spricht. Deshalb fordern die Evangelien die Gabe der Unterscheidung im Hinblick auf das, was man hört (vgl. Mk 4, 24) und wie man hört (vgl. Lk 8, 18): denn wir sind auch das, was wir hören! Das anthropologische Modell, das die Bibel vor Augen stellen will, ist daher das eines Menschen, der fähig ist zu hören, der ein hörendes Herz hat (vgl. 1 Kön 3, 9). Da es sich bei diesem Hören nicht um ein reines Vernehmen biblischer Worte handelt, sondern um die geistgewirkte Erkenntnis des Wortes Gottes, erfordert es den Glauben und muss im Heiligen Geist erfolgen.

Maria, Modell der Aufnahme des Wortes Gottes für den Glaubenden

In der Heilsgeschichte begegnen uns große Figuren der Hörer und Verkünder des Wortes Gottes: Abraham, Mose, die Propheten, die Heligen Petrus und Paulus, die anderen Apostel, die Evangelisten. Sie hören gläubig das Wort des Herrn und schaffen dem Reich Gottes Raum, indem sie es verkünden.

In dieser Hinsicht nimmt die Jungfrau Maria, welche die Begegnung mit dem Wort Gottes, das Jesus selbst ist, in unvergleichlicher Weise gelebt hat, eine zentrale Stellung ein. Daher ist sie ein von der Vorsehung gewolltes Modell alles Hörens und aller Verkündigung. Im Rahmen der intensiven Erfahrung mit den Schriften in dem Volk, zu dem sie gehörte, wird Maria von Nazareth, beginnend mit der Verkündigung bis hin zum Kreuz oder besser gesagt bis Pfingsten in eine Vertrautheit mit dem Wort Gottes hinein, zur Vertrautheit mit dem Wort Gottes erzogen, das sie im Glauben aufnimmt, betrachtet, verinnerlicht und in intensiver Weise lebt (vgl. Lk 1, 38; 2, 19.51; Apg 17, 11). In der Kraft ihres einmal gesprochenen und nie zurückgenommenen „Ja“ zum Wort Gottes versteht sie es, ihre Umgebung wahrzunehmen und den Notwendigkeiten des Alltags zu begegnen, in dem Bewusstsein, dass das, was sie von ihrem Sohn empfängt, eine Gabe für alle ist: im Dienst an Elisabeth, in Kanaan und unter dem Kreuz (vgl. Lk 1, 39; Joh 2, 1-12; 19, 25-27). Deshalb kann auf sie angewandt werden, was Jesus in ihrer Gegenwart sagt: «Meine Mutter und meine Brüder sind die, die das Wort Gottes hören und danach handeln» (Lk 8, 21). «Zuinnerst vom Wort Gottes durchdrungen, kann sie Mutter des fleischgewordenen Wortes werden».[32]

Besondere Beachtung verdient die Art und Weise, in der sie das Wort Gottes hört. Im Evangelium heißt es: «Maria aber bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach» (Lk 2, 19). Das bedeutet, dass sie die Schriften hörte und kannte, und sie in ihrem Herzen in einer Art innerem Wachstumsprozess betrachtete, in dem die Intelligenz nicht vom Herzen getrennt wird. Maria suchte den geistlichen Sinn der Schrift zu verstehen und fand ihn, indem sie die Schrift in Verbindung setzte (symballousa) mit den Worten und dem Leben Jesu und den Ereignissen, die sie im Lauf ihrer persönlichen Geschichte entdeckte. Maria ist unser Modell, wenn es darum geht, das Wort im Glauben anzunehmen, und wenn es darum geht, das Wort zu betrachten. Es reicht ihr nicht, es aufzunehmen, sie verweilt bei ihm. Sie besitzt es nicht nur, sondern sie weiß es zugleich auch wertzuschätzen. Sie stimmt ihm zu und sie bringt es zur Entfaltung. So wird Maria für uns zum Symbol für den Glauben der einfachen Menschen und den der Kirchenlehrer, die danach suchen, abwägen und festlegen, wie das Evangelium zu bekennen ist.

Als sie die Gute Nachricht erhält, zeigt sich Maria als Idealtyp des Glaubensgehorsams und wird zur lebendigen Ikone der Kirche im Dienst am Wort. So sagt Isaak von Stella: «Das, was in den göttlich inspirierten Schriften allgemein über die reine Mutter Kirche gesagt wird, gilt im Besonderen für die Jungfrau und Mutter Maria. […] Im umfassenden Sinn ist die Kirche das Erbe des Herrn, im engeren Sinn Maria, im besonderen Sinn jede gläubige Seele. Christus lebt neun Monate im Schoß Mariens wie in einem Tabernakel, im Tabernakel des Glaubens der Kirche lebt er bis ans Ende der Welt, in der Erkenntnis und in der Liebe der gläubigen Seelen in alle Ewigkeit».[33] Maria lehrt, nicht fremde Beobachter des Wortes des Lebens zu sein, sich das „Hier bin ich“ der Propheten (vgl. Jes 6, 8) zu Eigen zu machen und sich vom Heiligen Geist führen zu lassen, der in uns wohnt. Sie preist den Herrn, denn sie hat in ihrem Leben die Barmherzigkeit Gottes gefunden, die sie selig werden lässt, weil «sie geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ» (Lk 1, 45). So sagt der Hl. Ambrosius, dass jeder gläubige Christ das Wort Gottes empfängt und gebiert. Dem Fleisch nach gibt es nur eine Mutter Christi; dem Glauben nach aber ist Christus die Frucht aller.[34]

Pastorale Auswirkungen

Die pastoralen Auswirkungen des Glaubens an das Wort Gottes sind beachtlich.

a. Man kann die Bibel ohne Glauben lesen, aber ohne Glauben kann man das Wort Gottes nicht hören. Eine Bibelgruppe hat dann ihren Wert, wenn sie den Glauben bildet, während sie die Bibel liest und das christliche Leben den Anweisungen angleicht, welche die Bibel gibt und die schwierigen Momente des Lebens mit dem Glauben erleuchtet.

b. Man muss in positiver und ermutigender Weise zum Menschen von heute sprechen und dabei vielfältige Hinweise geben, wie man sich einem Text, der geistlichen Lesung, dem Gebet und dem Teilen des Wortes nähern kann. Es geht vor allem darum, sich dem Wort zu nähern, nicht nur als einen Fundus von biblischen und pastoralen Bezügen, sondern als Quelle lebendigen Wassers, in der freudigen Überraschung, den Herrn im Kontext des eigenen Lebens zu hören. Es geht darum, den hermeneutischen Zirkel zu schließen: zu glauben, um zu verstehen, zu verstehen, um zu glauben; der Glaube sucht das Verständnis, das Verständnis öffnet sich dem Glauben. Die Erzählung von Emmaus ist ein beispielhaftes Modell der Begegnung des Gläubigen mit dem fleischgewordenen Wort selbst (vgl. Lk 24, 13-35).

c. «Höre, Israel», «Shemà Israel» ist das vorrangige Gebot des Volkes Gottes (Dtn6, 4). «Höre» ist auch das erste Wort der Regel des Hl. Benedikt. Gott lädt den Gläubigen ein, mit den Ohren des Herzens zu hören. Das Herz ist in der Bibel nicht nur der Sitz des Gefühls und der Emotionen, sondern das tiefste Zentrum der Person, wo die Entscheidungen gefällt werden. Deshalb ist die Stille, die sich jenseits der Worte entfaltet, notwendig. Der Heilige Geist, der sich in Stille mit unserem Geist vereint, lehrt uns, das Wort Gottes anzunehmen und zu verstehen (vgl. Röm 8, 26-27).

d. Es geht darum zu hören wie Maria und mit Maria, der Mutter und Erzieherin des Wortes Gottes. Es gibt die einfache und universale Form des betenden Hörens des Wortes in den Geheimnissen des Rosenkranzes. Johannes Paul II. hat seinen biblischen Reichtum unterstrichen, und ihn als «Kompendium des Evangeliums» bezeichnet, in dem die Ankündigung des Geheimnisses «Gott zu Wort kommen lässt», und es ermöglicht, «gemeinsam mit Maria Christus zu betrachten».[35] Darüber hinaus soll die ganze Kirche nach dem Beispiel der Jungfrau Maria, Tempel des Geistes, in einem stillen, demütigen und verborgenen Leben dazu erzogen werden, diese enge Beziehung zwischen Wort und Schweigen, Wort und Geist Gottes zu bezeugen. Das Hören des Wortes Gottes im Glauben wird dann im Gläubigen zum Verständnis, zur Betrachtung, zur Gemeinschaft, zum Teilen, zur Wirklichkeit: hier sind die Umrisse der Lectio Divina als bevorzugtem Weg des gläubigen Zugangs zu Bibel zu erkennen.

e. Es ist wichtig, daran zu erinnern, dass die Haltung des Glaubens das Wort Gottes in all seinen Zeichen und Sprachen betrifft. Es handelt sich um einen Glauben, der durch das in einer Erzählung oder einen Lehrsatz enthaltene Wort eine Mitteilung der Wahrheit erhält; einen Glauben, der das Wort Gottes als herausragende Anregung zu einer wirksamen Bekehrung betrachtet, als Licht zur Beantwortung vieler Fragen des Gläubigen, als Führer zu einer weisheitlichen Beurteilung der Wirklichkeit, als Anregung, das Wort zur Tat werden zu lassen (vgl. Lk 8, 21) und es nicht nur zu hören oder zu sagen, und schließlich als unerschöpfliche Quelle des Trostes und der Hoffnung. Daraus ergibt sich die Aufgabe, im Leben der Gläubigen den Primat des Wortes Gottes anzuerkennen und sicherzustellen, indem es so angenommen wird, wie die Kirche es verkündet, versteht, erklärt, lebt.

f. Schließlich sollen den vielen Menschen, die nicht lesen können, entsprechende Dienste für die Vermittlung des in entsprechende Sprachen übersetzen Wortes zur Verfügung gestellt werden.

ZWEITER TEIL

DAS WORT GOTTES IM LEBEN DER KIRCHE

«So hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch erhaben sind meine Wege über eure Wege und meine Gedanken über eure Gedanken. Denn wie der Regen und der Schnee vom Himmel fällt und nicht dorthin zurückkehrt, sondern die Erde tränkt und sie zum Keimen und Sprossen bringt, wie er dem Sämann Samen gibt und Brot zum Essen, so ist es auch mit dem Wort, das meinen Mund verlässt: Es kehrt nicht leer zu mir zurück, sondern bewirkt, was ich will, und erreicht all das, wozu ich es ausgesandt habe» (Jes 55, 9-11).

VIERTES KAPITEL
Das Wort Gottes belebt die Kirche

«Der Brief, den Gott den Menschen gesandt hat»[36]

Eines der ersten und stärksten Zeichen dafür, dass der Heilige Geist beginnt, das Leben eines Volkes zu bereichern, ist die Liebe zum Wort Gottes in der Schrift und der Wunsch, es besser kennen zu lernen. Dies geschieht, weil das Wort der Schrift ein Wort ist, das Gott wie einen Brief in den konkreten Umständen des Lebens an jeden persönlich richtet. Es hat eine außerordentliche Unmittelbarkeit und die Kraft, ins Zentrum des menschlichen Wesens vorzudringen. Denn

– die Kirche geht aus dem Wort Gottes hervor und lebt vom Wort;

– das Wort Gottes erhält die Kirche in ihrer Geschichte;

– das Wort Gottes durchdringt und belebt in der Kraft des Heiligen Geistes das ganze Leben der Kirche.
Die Kirche geht aus dem Wort Gottes hervor und lebt vom Wort

In der Apostelgeschichte ist zu lesen, dass Paulus und Barnabas nach ihrer Ankunft in Antiochien «die Gemeinde zusammenriefen und alles berichteten, was Gott mit ihnen zusammen getan und dass er den Heiden die Tür zum Glauben geöffnet hatte» (Apg 14, 27).

Die Synode ist der Ort, an dem man sicher die «Zeichen und Wunder» des Wortes Gottes hören kann, so wie es in Antiochien und in der Versammlung von Jerusalem beim Bericht von Barnabas und Paulus geschehen ist (vgl. Apg 15, 12). Denn in allen Teilkirchen werden vielfältige Erfahrungen mit dem Wort Gottes gemacht: in der Eucharistie, in der gemeinschaftlichen und persönlichen Lectio Divina, in Tagen der Bibel, bei Bibelkursen, in Evangeliumsgruppen oder Gruppen, die gemeinsam auf das Wort Gottes hören, im biblischen Weg einer Diözese, in den Exerzitien, bei Wallfahrten ins Heilige Land, in Wortgottesdiensten, in musikalischen Ausdrucksformen, in der bildenden Kunst, in der Literatur und im Kino.

Aus den Antworten auf die Lineamenta ergeben sich verschiedene Feststellungen:

– Nach dem II. Vatikanischen Konzil wird das Wort Gottes vor allem im Zusammenhang mit der Eucharistie vermehrt gelesen. In vielen Kirchen erhält die Bibel einen bevorzugten Platz, und wird, wie es in den orientalischen Kirchen geschieht, in sichtbarer Weise neben oder auf dem Altar ausgestellt.

– Dahinter steht ein entsprechendes Bemühen von Seiten der Kirche, damit das ganze Volk einen Zugang zur Heiligen Schrift erhält. Bischofskonferenzen, Diözesen, Pfarreien, Ordensgemeinschaften, Vereinigungen und Bewegungen haben auf eine im Vergleich zu vergangenen Jahrzehnten neue Weise den großen Weg des Wortes Gottes beschritten.

– Der Wunsch, zum Verkosten des Wortes Gottes hingeführt zu werden, überwiegt für manche vor anderen Aspekten des pastoralen Dienstes. Er ist immer ein grundlegendes Bedürfnis auch der zerstreutesten Menschen, die gegenüber dem Jesus der Evangelien sensibel sind.

– Dies lässt nicht übersehen, dass der Grad der Vertrautheit mit dem Wort Gottes unterschiedlich ist. In der Welt des alten Christentums findet sich die Bibel mehr als zu anderen Zeiten in den Häusern, wird aber deshalb nicht immer auch gelesen. Statistische Erhebungen in einem Teil der Welt stellen fest, dass der entschiedene Gebrauch der Bibel noch deutlich wachsen kann. Zugleich muss das Bewusstsein der grundlegenden und entscheidenden Rolle des Wortes Gottes für ein Leben aus dem Glauben noch reifen.

– Aus anderen geografischen Gebieten kommen andere Ergebnisse. Hier ist das Problem häufig der Mangel an Mitteln, besonders an Übersetzungen. Es ist erbaulich, an die Erfahrungen zu erinnern, welche diese oft armen Schwestern und Brüder im Kontakt mit dem Wort Gottes machen. Es soll hier als deutlicher Hinweis genügen, was in der Note der Päpstlichen Bibelkommission steht: «Man darf sich freuen, die Bibel in den Händen der Armen, der einfachen Leute zu sehen, die zu ihrer Auslegung und Aktualisierung in geistlicher und existentieller Hinsicht ein helleres Licht bereitstellen können, als was eine selbstgerechte Wissenschaft zu seiner Erklärung beizutragen vermag».[37]

– Ein Paradox wird deutlich: dem Hunger nach dem Wort Gottes entspricht von Seiten der Hirten der Kirche nicht immer eine angemessene Predigt. Dies mag Gründe in der mangelnden Vorbereitung in den Seminaren oder aber im Mangel an pastoraler Erfahrung haben.

Das Wort Gottes erhält die Kirche in ihrer Geschichte

Es ist eine beständige Tatsache im Leben des Volkes Gottes, dass es seine Kraft aus dem Wort bezieht, das nicht statisch ist, sondern ein Wort das läuft (vgl. 2 Thess 3, 1) und wie ein fruchtbarer Regen vom Himmel strömt (vgl. Jes 55, 10-11). Dies geschieht, seit die Propheten zum Volk sprachen, Jesus zu den Jüngern und zur Menge, die Apostel zu den ersten Gemeinschaften, und es geschieht bis in unsere Tage. Man kann mit Recht sagen, dass der Dienst am Wort Gottes die verschiedenen Epochen der biblischen Welt und später der Geschichte der Kirche kennzeichnet.

So steht in den Zeiten der Väter die Schrift im Zentrum als Quelle, aus der Theologie, Spiritualität und pastorale Orientierung zu schöpfen sind. Die Väter sind die unüberbietbaren Meister dieser geistlichen Schriftlesung, welche, wenn sie echt ist, nicht vom Buchstaben, d.h. vom korrekten historischen Sinn absieht, sondern die Fähigkeit darstellt, den Buchstaben im Geist zu lesen. Im Mittelalter ist die Heilige Schrift die Grundlage des theologischen Nachdenkens; um ihr wirklich recht begegnen zu können, erarbeitet man die Lehre von den vier Schriftsinnen (Literal-, allegorischer, tropologischer und anagogischer Sinn).[38]In der Antike stellt die Lectio Divina die mönchische Form des Gebetes dar; das Wort Gottes ist außerdem Quelle der Inspiration für die Künstler; es wird dem Volk in vielfältigen Formen der Predigt und der Volksfrömmigkeit vermittelt. In der Neuzeit regen das Auftreten des kritischen Geistes, der wissenschaftliche Fortschritt, die Trennung zwischen den Christen und das daraus folgende ökumenische Bemühen nicht ohne Schwierigkeiten und Widerstände dazu an, einen methodisch korrekteren Zugang und zugleich ein besseres Verständnis des Geheimnisses der Schrift im Sinn der Tradition zu fördern. Derzeit entwickelt sich auf der Grundlage der Zentralität des Wortes Gottes ein Projekt der Erneuerung, das vom II. Vatikanischen Konzil bis zur gegenwärtigen Synode reicht.

Vor dem Hintergrund der großen Tradition entwickelt sich jede Teilkirche in der Zeit mit eigenem Charakter und in eigener Weise. Wie uns die Geschichte lehrt, ist es dabei möglich, wechselseitige Verbindungen, Einflüsse und Anleihen festzustellen. Des ungeachtet ist ein doppelter Hinweis erforderlich: auf der einen Seite ist festzustellen, dass das Wort Gottes sich ausbreitet und die Teilkirchen der fünf Kontinente evangelisiert: es senkt sich mehr und mehr in ihnen ein und wird die belebende Seele des Glaubens vieler Völker, ein grundlegender Faktor der Gemeinschaft und Quelle der Inspiration für die Umwandlung der Kulturen und der Gesellschaft; auf der anderen Seite scheint aber die biblische Pastoral aus geschichtlichen Gründen, die mit der Situation der Evangelisierung, aber auch mit echten Glaubensproblemen in den verschiedenen Kontexten oder aber mit ökonomischem Mangel zu tun haben, zu leiden.

Das Wort Gottes durchdringt und belebt in der Kraft des Heiligen Geistes das ganze Leben der Kirche

Es besteht eine Verbindung zwischen dem Gebrauch der Bibel, der Auffassung von Kirche und der pastoralen Praxis. Die rechte Beziehung entsteht, wenn der Heilige Geist Harmonie zwischen Schrift und Gemeinschaft herstellt. Es ist deshalb von Bedeutung, das innere Bedürfnis zu beachten, welches die Gemeinschaft bewegt, dem Wort Gottes zu begegnen; gleichzeitig ist darauf zu achten, jenes Empfinden zu kontrollieren, das die Spontaneität, die ausdrücklich subjektive Erfahrung und den Durst nach dem Wunderbaren zu sehr betont. Gleicher Weise ist auf das zu achten, was der Text der Schrift sagt, zu versuchen, bei ihm zu verweilen, um seinen wirklichen Sinn zu erfassen, bevor er auf das Leben angewandt wird. Das ist nicht immer leicht. Es ist hier auf die Gefahr des Fundamentalismus hinzuweisen, ein Phänomen, das weitläufige anthropologische, soziologische und psychologische Konsequenzen hat, das aber in besonderer Weise bei der Schriftlesung und der aus ihr folgenden Interpretation der Welt anzutreffen ist. Im Bereich der Schriftlesung flieht der Fundamentalismus in die Wörtlichkeit und weigert sich, die geschichtliche Dimension der biblischen Offenbarung zu berücksichtigen, so dass es ihm nicht gelingt, die Inkarnation ganz und gar anzunehmen. «Diese Art der Lektüre findet immer mehr Anhänger […] auch unter Katholiken. Der Fundamentalismus verlangt ein totales Einverständnis mit starren doktrinären Haltungen und fordert als einzige Quelle der Lehre im Hinblick auf das christliche Leben und Heil eine Lektüre der Bibel, die jegliches kritisches Fragen und Forschen ablehnt».[39] Die extreme Form dieser Haltung findet sich in den Sekten. Hier wird die Schrift dem dynamischen und belebenden Wirken des Geistes entzogen und die Gemeinschaft stirbt mehr und mehr ab, ist nicht mehr ein lebendiger Körper, sondern eine geschlossene Gruppe, die in sich selbst Unterschiede und Pluralität nicht mehr zulässt und gegenüber anderen Denkweise eine aggressive Haltung zeigt.[40]

Es ist hingegen dringend erforderlich, in der Gemeinschaft die Verfügbarkeit für den Heiligen Geist offen zu halten und auf diese Weise der Gefahr zu begegnen, den Geist durch zu großen Aktivismus und die Äußerlichkeit des Glaubenslebens auszulöschen sowie die Gefahr einer Bürokratisierung der Kirche und einer pastoralen Tätigkeit, die sich nur noch auf ihre institutionellen Aspekte beschränkt und die Schriftlesung zu einer Aktivität unter vielen werden lässt, zu vermeiden.

Wie Jesus sagt, führt der Geist die Kirche in die ganze Wahrheit ein (vgl. Joh 16, 13), lässt den wahren Sinn des Wortes Gottes verstehen und führt schließlich zur Begegnung mit dem Wort selbst, dem Sohn Gottes, Jesus von Nazareth. Dies gilt es, gegenwärtig zu halten. Der Heilige Geist ist die Seele und der Ausleger der Heiligen Schrift. Daher gilt nicht nur, dass die Schrift «in dem Geist gelesen und ausgelegt werden muss, in dem sie geschrieben wurde» (DV 12), sondern unter der Führung des Heiligen Geistes sucht die Kirche «zu einem immer tieferen Verständnis der Heiligen Schriften vorzudringen, um ihre Kinder unablässig mit dem Worte Gottes zu nähren» und bedient sich dabei besonders des Studiums der Väter des Ostens und des Westens (vgl. DV 23), der exegetischen und theologischen Forschung sowie des Lebens der Zeugen und der Heiligen.

In dieser Hinsicht ist der Weg zu beachten, welchen die Praenotanda zum Lektionar aufzeigen: «Damit aber das Wort Gottes nicht nur in den Ohren klingt, sondern in den Herzen wirkt, ist das Handeln des Heiligen Geistes notwendig. Durch seine Eingebung und seinen Beistand wird das Wort Gottes zum Fundament des Gottesdienstes, zur Wegweisung und Quelle der Kraft für das ganze Leben. So geht das Wirken des Geistes allem gottesdienstlichen Handeln voraus, begleitet es und geht neu aus ihm hervor. Der Geist lehrt aber auch das Herz jedes einzelnen Menschen, was in der Verkündigung des Wortes Gottes der ganzen Gemeinde der Gläubigen gesagt wird. Er entfaltet die verschiedenen Gnadengaben, ermutigt zu vielfältigem Handeln und fügt alles zur Einheit zusammen».[41]

Die christliche Gemeinschaft baut sich jeden Tag neu auf, indem sie sich unter der Führung des Heiligen Geistes, welcher Erleuchtung, Bekehrung und Trost schenkt, vom Wort Gottes leiten lässt. Denn «alles, was einst geschrieben worden ist, ist zu unserer Belehrung geschrieben, damit wir durch Geduld und durch den Trost der Schrift Hoffnung haben» (Röm 15, 4). Es ist eine vorrangige Aufgabe der Hirten, den Gläubigen dabei zu helfen, zu verstehen, was es heißt, dem Wort Gottes unter der Führung des Geistes zu begegnen und wie dies vor allem in der geistlichen Lesung der Bibel, in der Haltung des Hörens und des Gebetes geschieht. In diesem Zusammenhang sagt Petrus Damascenus: «Wer den geistlichen Sinn der Schriften erfahren hat, der weiß, dass der Sinn des einfachsten Wortes der Schrift und der Sinn eines in außerordentlicher Weise weisheitlichen Wortes ein einziger ist und immer das Heil des Menschen zum Ziel hat».[42]

Pastorale Auswirkungen

Wenn das Wort Gottes für die Kirche Quelle des Lebens ist, kommt es darauf an, die Heilige Schrift als lebendige Nahrung zu betrachten. Das bedeutet:

a. Beständig zu überprüfen, welchen Rang das Wort Gottes wirklich im Leben der eigenen Gemeinschaft einnimmt und dabei die konstruktiven Erfahrungen genauso zu berücksichtigen, wie die häufigsten Gefahren.

b. Die Geschichte und Verbreitung des Wortes Gottes in der eigenen Gemeinschaft, Diözese, Nation, Kontinent, in der Kirche im allgemeinen wahrzunehmen, um die großen Taten Gottes (magnalia Dei) zu sehen und die Bedürfnisse sowie die Initiativen, die unternommen werden müssen, besser zu erkennen und mit den Gemeinschaften solidarisch zu sein, denen materielle und geistliche Ressourcen fehlen.

c. Um in wirksamer Weise eine Pastoral ins Leben zu rufen, die vom Wort Gottes beseelt wird, ist es unerlässlich, die unersetzbare Rolle der Teilkirchen in Gemeinschaft untereinander anzuerkennen und zu fördern. Aus den Initiativen, welche sie als Volk Gottes in Gemeinschaft mit dem Bischof unternehmen, gehen große und kleine Erfahrungen hervor, und es entsteht ein beständiger Fluss des Wortes in den verschiedenen Gemeinschaften.

FÜNFTES KAPITEL

Das Wort Gottes in den vielfältigen Diensten der Kirche

«Das Brot des Lebens vom Tisch des Wortes Gottes wie des Leibes Christi» (DV 21)

Der Dienst am Wort

«Wie die christliche Religion selbst, so muss auch jede kirchliche Verkündigung sich von der Heiligen Schrift nähren und sich an ihr orientieren» (DV 21). Mit dieser Aussage erinnert das II. Vatikanische Konzil an besondere Verpflichtungen, welche konkrete Maßnahmen erforderlich machen.

Es ist festzustellen, dass der Dienst am Wort Gottes in den Teilkirchen in verschiedenen Lebensbereichen und Lebensformen verwirklicht wird, wobei die Tatsache anerkannt wird, dass die Feier der Eucharistie oder der anderen Sakramente der erstrangige Erfahrungsbereich des Wortes Gottes ist. Es wird die Notwendigkeit empfunden, die betenden Schriftlesung in der Form der Lectio Divina auf persönlicher und gemeinschaftlicher Ebene als hohes und gemeinsames Ziel anzuerkennen, und eine Katechese zu fördern, welche Hinführung zur Heiligen Schrift ist. Zugleich sollen die katechetischen Programme, die Katechismen selbst, die Predigt und die Volksfrömmigkeit von der Schrift belebt werden. Darüber hinaus ist es angemessen, über das Bibelapostolat die Begegnung mit dem Wort Gottes zu fördern sowie die Entstehung und Begleitung von Bibelgruppen zu pflegen, und alles zu tun, damit das Wort, Brot des Lebens, auch wirkliches Brot wird, d.h. dahin führt, den Armen und Leidenden zu helfen. Es erscheint dringend, den Wert des Wortes auch durch Studien und Begegnungen zum Ausdruck zu bringen, die seine Beziehung zur Kultur und zum menschlichen Geist in einem interreligiösen und interkulturellen Austausch zum Ausdruck bringen. Um diese Ziele verwirklichen zu können, sind in einem Klima, das den Geist der Gemeinschaft fördert, ein aufmerksamer Glaube, apostolische Hingabe, sowie eine durchdachte, kreative und beständige Pastoral erforderlich. In keinem anderen Bereich tritt die Notwendigkeit einer beständig von der Bibel beseelten Pastoral so sehr hervor.

In dieser Perspektive der Einheit und der Zusammenarbeit muss jene Dynamik der Begegnung zwischen dem Wort Gottes und den Menschen voll anerkannt und unterstützt werden, eine Dynamik, die an der Basis aller pastoralen Tätigkeit der Kirche steht: das verkündete und gehörte Wort erfordert es, durch die Liturgie und die Sakramente zum gefeierten Wort zu werden, um auf diese Weise durch die Erfahrung der Gemeinschaft, der Liebe und der Sendung zu einem Leben nach dem Wort anregen zu können.[43]

Die Erfahrung in der Liturgie und im Gebet

Aus den Erfahrungen der Teilkirchen gehen einige gemeinsame Erkenntnisse hervor: in allen Teilen der Welt erfolgt die Begegnung mit dem Wort Gottes für einen Großteil der Christen nur während der sonntäglichen Eucharistiefeier; im Volk Gottes wächst das Bewusstsein der Wichtigkeit des Wortgottesdienstes, nicht zuletzt Dank seiner Neuordnung durch das neue Lektionar; einige wünschen sich aber auch eine Überarbeitung des Lektionars, nicht nur, um mehr Treue zum Urtext zu gewährleisten, sondern auch, um die drei Lesungen besser aufeinander abzustimmen; im Hinblick auf die Predigten werden entscheidende Verbesserungen erwartet; manchmal wird der Wortgottesdienst in Form einer Lectio Divina angelegt; schließlich hat das Stundengebet im Volk keine weite Verbreitung gefunden. Auf der anderen Seite ist festzustellen, dass das Volk Gottes nicht vollständig in die Theologie des Wortes Gottes in der Liturgie eingeführt wurde und ihr eher passiv beiwohnt, ohne sich des sakramentalen Charakters bewusst zu werden, und in Unkenntnis der reichhaltigen Einführungen der liturgischen Bücher, an denen auch die Hirten nicht immer interessiert zu sein scheinen; die Weite der Zeichen, welche dem Wortgottesdienst eigen sind, scheint nicht selten auf eine rituelle Formalität beschränkt und nicht innerlich verstanden zu werden; die Beziehung zwischen Wort Gottes und Sakrament wird, besonders im Hinblick auf das Sakrament der Versöhnung, zu wenig wertgeschätzt.

Die theologisch-pastorale Motivation: Wort, Geist, Liturgie, Kirche

Auf allen Ebenen des kirchlichen Lebens ist es erforderlich, das Verständnis dafür reifen zu lassen, dass die Liturgie der bevorzugte Ort des Wortes Gottes ist, das die Kirche aufbaut. Einige grundlegende Aussagen sind in diesem Zusammenhang wichtig.

– Die Bibel ist das Buch eines Volkes und für ein Volk. Sie ist eine Erbschaft, ein den Lesern übergebenes Testament, damit sie in ihrem Leben die Heilsgeschichte Wirklichkeit werden lassen, die in der Schrift bezeugt ist. Zwischen Volk und Buch besteht daher eine wechselseitige, lebendige Zugehörigkeit: die Bibel bleibt ein lebendiges Buch, wenn das Volk sie liest; das Volk besteht nicht ohne das Buch, denn in ihm findet es den Grund seines Daseins, seine Berufung, seine Identität.

– Diese wechselseitige Zugehörigkeit von Volk und Heiliger Schrift wird in der liturgischen Versammlung gefeiert, welche den Ort darstellt, an dem das Werk des Empfangs der Bibel sich vollzieht. Die Rede Jesu in der Synagoge von Nazareth (vgl. Lk 4, 16-21) ist in dieser Hinsicht bedeutsam. Das, was dort geschieht, geschieht auch jedes Mal dann, wenn in der Liturgie das Wort Gottes verkündet wird.

– Die Verkündigung des in der Schrift enthaltenen Wortes Gottes ist Tätigkeit des Geistes: so, wie er bewirkt hat, dass das Wort Buch wird, so verwandelt er in der Liturgie das Buch in das Wort. In der alexandrinischen liturgischen Tradition gibt es eine doppelte Epiklese, eine Anrufung des Heiligen Geistes vor der Verkündigung der Lesungen und eine zweite nach der Homilie:[44] Es ist der Geist, der den Vorsteher in seiner prophetischen Aufgabe leitet, das Wort Gottes zu verstehen und es der Versammlung entsprechend zu verkünden und auszulegen und parallel dazu eine würdige und rechte Aufnahme des Wortes durch die versammelte Gemeinschaft zu erbitten.

– In der Kraft des Heiligen Geistes hört die liturgische Versammlung Christus, «da er selbst spricht, wenn die heiligen Schriften in der Kirche gelesen werden» (SC 7) und nimmt den Bund an, den Gott mit seinem Volk erneuert. Schrift und Liturgie streben also demselben Ziel zu, das Volk zum Dialog mit dem Herrn zu führen. Das Wort, das aus Gottes Mund hervorgegangen ist und in den Schriften bezeugt wird, kehrt in der Gestalt der betenden Antwort des Volkes zu Ihm zurück (vgl. Jes 55, 10-11).

– In der Liturgie, vor allem bei der Feier der Eucharistie, erfolgt die Verkündigung des Wortes der Schrift, welche durch die Dynamik eines tief greifenden Dialoges gekennzeichnet ist. Von den Anfängen der Geschichte des Volkes Gottes an, sei es zu biblischer oder nachbiblischer Zeit, ist die Bibel immer das Buch gewesen, das dazu diente, die Beziehung zwischen Gott und seinem Volk aufrecht zu erhalten; deshalb wurde sie Buch des Kultes und des Gebetes. Denn der Wortgottesdienst ist «nicht nur ein Augenblick der Erbauung und Katechese, sondern das Gespräch Gottes mit seinem Volk […], ein Gespräch, in dem diesem die Heilswunder verkündet und immer wieder die Ansprüche des Bundes vor Augen gestellt werden».[45]

– Im Zusammenhang mit der Beziehung Wort-Liturgie kommt für die ganze Kirche, vor allem aber für das Ordensleben dem Stundengebet eine besondere Bedeutung zu. Das Stundengebet ist vor allem dank der Psalmen, in denen sich in besonderer Weise der gott-menschliche Charakter der Schrift zum Ausdruck bringt, als bevorzugter Ort der Bildung zum Gebet aufzufassen. Die Psalmen lehren zu beten, indem sie denjenigen, der sie singt oder rezitiert, dazu führen, das Wort Gottes zu hören, zu verinnerlichen und es auszulegen.

– Das Wort Gottes über das persönliche und gemeinschaftliche Gebet hinaus auch im liturgischen Gebet anzunehmen, wird so für alle Christen zum unumgänglichen Ziel, weshalb sie aufgerufen sind, eine neue Sicht der Heiligen Schrift zu entwickeln. Sie soll nicht so sehr als geschriebenes Buch, sondern vielmehr als Verkündigung und Bezeugung des Heiligen Geistes über die Person Christi verstanden werden, entsprechend der schon zitierten Aussage des Konzils: Christus ist gegenwärtig «in seinem Wort, da er selbst spricht, wenn die heiligen Schriften in der Kirche gelesen werden» (SC 7). Daraus folgt, dass «die Heilige Schrift für die Liturgiefeier von größter Bedeutung ist» (SC 24).

Wort Gottes und Eucharistie

In der Praxis mag der Wortgottesdienst nicht selten improvisiert und manchmal nicht ausreichend mit der Eucharistie verbunden scheinen. Die enge Einheit zwischen Wort und Eucharistie hat aber ihren Ursprung im Zeugnis der Schrift (vgl. Joh 6), wird von den Kirchenväter bezeugt und vom II. Vatikanischen Konzil bestätigt (vgl. SC 48.51.56; DV 21.26; AG 6.15; PO 18; PC 6). In der großen Tradition der Kirche finden wird dies in herausragender Weise ausgedrückt: «Corpus Christi intelligitur etiam Scriptura Dei» (auch die Schrift Gottes ist als Leib Christi zu betrachten),[46] «ego Corpus Iesu Evangelium puto» (ich betrachte das Evangelium als Leib Jesu).[47]

Das gewachsene Bewusstsein der Gegenwart Christi im Wort fördert sowohl die unmittelbare Vorbereitung auf die eucharistische Feier, als auch die Einheit mit dem Herrn im Wortgottesdienst. Deshalb stellt diese Synode eine Fortsetzung der vorausgegangenen über die Eucharistie dar und erfordert in besonderer Weise ein Nachdenken über die Beziehung zwischen Wort Gottes und Eucharistie.[48] So sagt der Hl. Hieronymus: «Der Leib des Herrn ist wahre Speise und sein Blut ist wahrer Trank; im gegenwärtigen Leben ist es das höchste Gut, das wir erreichen können, uns von seinem Fleisch zu nähren und sein Blut zu trinken, und das nicht nur in der Eucharistie, sondern auch bei der Lesung der Heiligen Schrift. Das Wort Gottes, das wir durch die Schriftlesung kennen lernen, ist nämlich wirklich Speise und Trank».[49]

Wort und Ökonomie der Sakramente

Innerhalb der sakramentalen Ökonomie muss das Wort nicht nur als Mitteilung von Wahrheit, Lehre oder ethischer Vorschrift gelebt werden, sondern im Sinne des Empfangs von Kraft und Gnade. In dem, der im Glauben hört, ruft sie eine Begegnung hervor und wird zur Feier des Bundes.

Die gleiche Aufmerksamkeit verdient jede Begegnung mit dem Wort in der liturgischen Handlung: in den Sakramenten, in der Feier des liturgischen Jahres, im Stundengebet, in den Sakramentalien. Besondere Beachtung verdienen die Wortgottesdienste in der Feier der drei Sakramente der christlichen Initiation: der Taufe, der Firmung und der Eucharistie. Die Verkündigung des Wortes Gottes in der Feier ist neu zu Bewusstsein zu bringen, besonders bei der Einzelfeier des Bußsakramentes. Das Wort Gottes soll auch in den unterschiedlichen Formen der Predigt und der Volksfrömmigkeit wertgeschätzt werden.

Pastorale Auswirkungen

Der erste Platz besonderer pastoraler Aufmerksamkeit gehört der Eucharistie, denn der «Tisch des Wortes Gottes wie des Leibes Christi» sind eng miteinander verbunden (DV 21), besonders deutlich am Tag des Herrn. Die Eucharistie «ist der vorzügliche Ort, wo die Gemeinschaft ständig verkündet und gepflegt wird».[50]Dabei ist zu bedenken, dass für viele Christen die Sonntagsmesse bis heute der einzige Möglichkeit der sakramentalen Begegnung mit dem Herrn ist. Dies müsste eine wirkliche pastorale Leidenschaft hervorbringen, die Begegnung mit dem Wort in der sonntäglichen Eucharistiefeier authentisch und mit Freude feiern und leben zu können. Die Eucharistie, die im Bewusstsein der engen Verbindung von Wort, Opfer und Gemeinschaft gefeiert wird, stellt ein vorrangiges Ziel der Verkündigung und des christlichen Lebens dar.

Der harmonische Verlauf der verschiedenen Teile des Wortgottesdienstes muss besonders gepflegt werden: im Hinblick auf den Vortrag der Lesungen, die Predigt, das Glaubensbekenntnis und die Fürbitten ist die enge Verbindung mit der Eucharistiefeier immer bewusst zu halten.[51] Derjenige, von dem die Texte sprechen, wird in der Ganzhingabe seiner selbst an den Vater gegenwärtig.

Die Einleitungen, welche den Inhalt der Liturgie erschließen, sollen wertgeschätzt werden. Besonders gilt dies für die Praenotanda des Messbuches, die orientalischen Anaforen, den Ordo Lectionum Missae, die Lektionare, das Stundengebet. Sie sollen zusammen mit der Konstitution des II. Vatikanischen Konzils über die heilige Liturgie Gegenstand der liturgischen Bildung der Hirten und der Gläubigen sein.

Auch im Hinblick auf die Übersetzung wird eine geringere Fragmentierung der Stellen und größere Treue zum Ursprungstext gefordert. Es wird daran erinnert, dass in der Liturgie der Ritus und das Wort eng miteinander verbunden bleiben müssen (vgl. SC 35), damit die Begegnung mit dem Wort Gottes sich in der Besonderheit der Zeichen ereignen kann, die zur liturgischen Feier gehören. Dazu gehört z.B. der Ort des Ambo, die Pflege der liturgischen Bücher, ein entsprechender Stil des Vortrages der Lesungen, die Evangelienprozession, die Inzenz des Evangeliums usw.

Darüber hinaus soll der Wortgottesdienst besonders gepflegt werden. Die Texte sollen klar und verständlich vorgetragen werden, die Predigt ein reines und ermutigendes Echo des Wortes darstellen.[52] Dies setzt voraus, dass entsprechend vorbereitete und fähige Lektoren zur Verfügung stehen. Diesem Ziel dienen auch auf diözesaner Ebene Schulungen zur Bildung der Lektoren. In diesem Zusammenhang des besseren Verständnisses des Wortes Gottes in der Messe erscheinen kurze Hinweise, die den Sinn der zu verkündenden Lesungen erschließen, angebracht zu sein.

Bezüglich der Homilie wird eine größere Treue zum biblischen Text und zur Lebenssituation der Gläubigen erwartet. Die Predigt soll dabei behilflich sein, die Ereignisse des Lebens und der Geschichte im Licht des Glaubens zu interpretieren. Sie darf sich nicht ausschließlich auf den biblischen Hintergrund beziehen. Es ist wünschenswert, dass sie auch grundlegende dogmatische um moralische Themen einbezieht. In dieser Hinsicht ist eine entsprechende Ausbildung der zukünftigen Beauftragten unerlässlich. Es wird empfohlen, dass die Verkündigung des Wortes Gottes als Einheit mit dem Gesang und der Musik betrachtet wird, wobei Wort und Schweigen gleichermaßen zu schätzen sind; außerhalb der Liturgie gibt es auch die Möglichkeit der dramatischen Umsetzung des Wortes Gottes mit Hilfe von Schriften und Gestaltungen oder entsprechenden Kunstwerken wie z.B. das Heilige Theater.

Es wird gewünscht, dass die Ordensgemeinschaften, besonders die monastischen, den Pfarrgemeinden dabei helfen, das Wort Gottes in der Feier der Liturgie zu entdecken und Geschmack daran zu finden. Im Hinblick auf das Stundengebet, an dem das Volk gerne teilnehmen würde, ist es heute unerlässlich, über die Art und Weise nachzudenken, wie dieser ausgezeichnete Kanal des Wortes Gottes den Gläubigen in entsprechend pastoraler Form erschlossen und zugänglich gemacht werden kann.

Die Lectio Divina

Die betende Begegnung mit dem Wort Gottes verfügt über eine herausragende Erfahrung, die traditionell als Lectio Divina bezeichnet wird. «Die Lectio divina ist eine Lesung in individueller oder gemeinschaftlicher Form eines mehr oder weniger langen Abschnittes der Heiligen Schrift, die als Wort Gottes angenommen wird. Unter dem Einfluss des Heiligen Geistes führt sie zur Meditation, zum Gebet und zur Kontemplation».[53]

Es kann festgestellt werden, dass es in allen Kirchen eine neue und besondere Aufmerksamkeit für die Lectio Divina gibt. In einigen Ländern ist sie eine jahrhundertealte Tradition. In anderen Diözesen hat sie sich nach dem II. Vatikanischen Konzil schrittweise eingebürgert. In vielen Gemeinschaften ist sie dabei, zu einer neuen Form des Gebetes und der christlichen Spiritualität zu werden, und dies mit ökumenischen Vorteilen. Darüber hinaus wird das Erfordernis einer Anpassung der klassischen Form an die verschiedenen Situationen wahrgenommen, um die realen Möglichkeiten der Gläubigen berücksichtigen zu können. Dabei soll das Wesen dieser betenden Lesung erhalten bleiben und zugleich seine Fähigkeit, nahrhafte Speise für den Glauben aller zu sein, gefördert werden.

Hier ist daran zu erinnern, dass die Lectio Divina eine Form der Lektüre der Bibel ist, welche auf die Anfänge des Christentums zurückgeht und die Kirche durch ihre Geschichte begleitet hat. Sie blieb in der monastischen Erfahrung lebendig, aber heute schlägt sie der Geist durch das Lehramt als pastoral bedeutsames Mittel vor, das von der Kirche als solches wertzuschätzen ist, und zwar für die Erziehung und geistliche Bildung der Priester, für das tägliche Leben der Ordensleute, für die Pfarrgemeinden, für die Familien, für die Vereinigungen und Bewegungen, für die einfachen Gläubigen, für Jugendliche und Erwachsene. Sie alle können in dieser Form der Lektüre ein zugängliches und praktikables Mittel finden, um persönlich und gemeinschaftlich Zugang zum Wort Gottes zu finden (vgl. OT 4).[54]

Der Papst Johannes Paul II. schreibt: «Besonders notwendig ist es, dass das Hören des Wortes zu einer lebendigen Begegnung in der alten und noch immer gültigen Tradition der Lectio Divina wird. Sie lässt uns im biblischen Text das lebendige Wort erfassen, das Fragen an uns stellt, Orientierung gibt und unser Dasein gestaltet».[55]Der Heilige Vater Benedikt XVI. verdeutlicht, dies solle geschehen «auch durch den Gebrauch neuer Methoden, die entsprechend der Zeit aufmerksam zu bewerten sind».[56] Der Heilige Vater erinnert in besonderer Weise die Jugendlichen daran, «dass es immer wichtig ist, die Bibel in sehr persönlicher Weise zu lesen, in einem persönlichen Gespräch mit Gott; gleichzeitig ist es wichtig, sie in Gemeinschaft mit den Menschen zu lesen, mit denen man unterwegs ist».[57]Er lädt sie dazu ein, sich «mit der Bibel vertraut zu machen, sie immer bei der Hand zu haben, damit sie euch gleichsam zum Kompass werde, der den Weg weist, dem man folgen muss».[58] Dass die Verbreitung der Lectio Divina Benedikt XVI. am Herzen liegt und von ihm als entscheidender Punkt für die Erneuerung des Glaubens heute erkannt wurde, wird in der Botschaft deutlich, die er an verschiedene Gruppen, besonders aber an die Jugendlichen gerichtet hat, und in der er empfiehlt: «In diesem Zusammenhang möchte ich vor allem an die alte Tradition der Lectio Divina erinnern und sie empfehlen: Das vom Gebet begleitete aufmerksame Lesen der Heiligen Schrift führt zu jenem vertrauten Gespräch, in dem man beim Lesen Gott sprechen hört und ihm im Gebet antwortet, während sich das Herz vertrauensvoll öffnet (vgl. DV 25). Wenn diese Praxis wirksam gefördert wird, wird sie – davon bin ich überzeugt – der Kirche einen neuen geistlichen Frühling schenken. Als fester Bezugspunkt der Bibelpastoral muss die Lectio Divina daher weiter gefördert werden, auch durch die Anwendung sorgfältig überlegter neuer, zeitgemäßer Methoden. Es darf dabei niemals vergessen werden, dass das Wort Gottes unseren Füßen eine Leuchte und ein Licht auf unserem Weg ist (vgl. Ps 119, 105)».[59]

Die Neuheit der Lectio Divina im Volk Gottes erfordert eine entsprechende Pädagogik der Hinführung, die gut verstehen lehrt, um was es geht, und dazu beiträgt, den Sinn der verschiedenen Schritte und ihre treue und zugleich entsprechend kreative Anwendung zu klären. Es gibt ja verschiedene Vorgehensweisen, wie die Sieben Schritte (Seven Steps), die besonders in einigen Teilkirchen Afrikas praktiziert werden. Sie heißen so, weil die Begegnung mit der Bibel wie ein Weg ist, der aus sieben Etappen besteht: die Gegenwart Gottes, die Lesung, die Meditation, das Innehalten, die Kommunikation, das Gespräch, das gemeinsame Gebet. Die Bezeichnung Lectio Divina wird an manchen Orten auch abgewandelt und man spricht etwa von der Schule des Wortes oder der betenden Lesung.

Man muss sich vor allem dessen bewusst bleiben, dass der Hörer/Leser von heute sich von dem der Vergangenheit unterscheidet und in einer Situation der schnellen Entwicklung und der Fragmentierung lebt. Dies macht eine klare, geduldige und beharrliche Bildung der Priester, Ordensleute und Laien erforderlich. Nützliche, schon erprobte Ziele können die Mitteilung von Erfahrungen, welche durch das gehörte Wort hervorgerufen wurden (collatio)[60] oder der praktischen Entscheidungen, besonders im Bereich der Caritas (actio) sein.

Die Lectio Divina soll eine Quelle werden können, welche die verschiedenen Vollzüge der Gemeinschaft wie geistliche Exerzitien, Besinnungstage, Frömmigkeitsformen und religiöse Erfahrungen inspiriert. Ein wichtiges Ziel besteht darin, die Personen auf eine Lektüre des Wortes hin reifen zu lassen, die zu einer weisheitlichen Beurteilung der Wirklichkeit befähigt. Die Lectio Divina ist in keiner Weise eine Praxis, welche nur einigen besonders engagierten Gläubigen oder Gruppen von Spezialisten im Gebet vorbehalten werden soll. Sie stellt eine Wirklichkeit dar, ohne die wir in einer säkularisierten Welt nicht in authentischer Weise Christen sein können. Diese Welt erfordert kontemplative, aufmerksame, kritische, mutige Persönlichkeiten. Sie erfordert von Mal zu Mal neue und vorher nicht getroffene Entscheidungen. Sie wird besondere Maßnahmen erforderlich machen, die nicht aus der reinen Gewohnheit und auch nicht aus der allgemeinen Meinung hervorgehen, sondern aus dem Hören auf das Wort des Herrn und der geheimnisvollen Wahrnehmung des Heiligen Geistes in den Herzen.

Das Wort Gottes und der Dienst der Liebe

Die Diakonie oder der Dienst der Liebe ist, entsprechend der Liebe, welche das Wort Gottes in seinen Worten und Taten vorgelebt hat, die Berufung der Kirche Jesu Christi.

Es ist erforderlich, dass das Wort Gottes zur Nächstenliebe führt. In vielen Gemeinschaften wird daran festgehalten, dass die Begegnung mit dem Wort nicht mit dem Hören und der Feier selbst abgeschlossen, sondern darauf ausgerichtet ist, gegenüber der Welt der Armen konkrete, persönliche und gemeinschaftliche Verpflichtung zu werden, denn sie sind Zeichen der Gegenwart des Herrn. In diesem Zusammenhang wird auf den befreiungstheologischen Zugang zur Bibel verwiesen. «Für seine weitere Entwicklung und seine Fruchtbarkeit in der Kirche wird es entscheidend sein, seine hermeneutischen Voraussetzungen, seine Methoden sowie seine Kohärenz mit dem Glauben und der Tradition der gesamten Kirche zu klären».[61]

Es ist dringlich, diesen Zusammenhang zwischen dem Wort Gottes und der Caritas ins Licht zu stellen, denn für Gläubige und Ungläubige enthält die Caritas einen starken Impuls zur Begegnung mit demWort Gottes. Diese Verbindung wird in der Enzyklika Deus caritas est des Heiligen VatersBenedikt XVI. hervorgehoben, in welcher die drei Elemente, die die tiefste Natur der Kirche ausmachen, zusammen dargestellt werden: die Verkündigung des Wortes Gottes (kerygma-martyria), die Feier der Sakramente (leitourgia) und die Ausübung des Dienstes der Liebe (diakonia). Der Papst schreibt: «Die Kirche kann den Dienst der Liebe genauso wenig vernachlässigen wie die Sakramente».[62] Die Enzyklika Spe salvi stellt fest: «Die christliche Botschaft war nicht nur „informativ“, sondern „performativ“ – das heißt: Das Evangelium ist nicht nur Mitteilung von Wissbarem; es ist Mitteilung, die Tatsachen wirkt und das Leben verändert».[63] An der Basis dieser Beziehung zwischen Wort und Caritas steht das fleischgewordene Wort selbst, Jesus von Nazareth, der «umherzog, Gutes tat und alle heilte, die in der Gewalt des Teufels waren; denn Gott war mit ihm» (At 10, 38).

In Erinnerung an die vielen Seiten der Heiligen Schriften, welche die Achtung der Gerechtigkeit gegenüber dem Nächsten nicht nur empfehlen, sondern sie anordnen (vgl. Dtn 24, 14-15; Am 2, 6-7; Jer 22, 13; Jak 5, 4), ist die Treue zum Wort Gottes dann gegeben, wenn die erste Form der Caritas im Respekt vor den Rechten der menschlichen Person und in der Verteidigung der Unterdrückten und der Leidenden verwirklicht wird. Im Hinblick auf dieses Ziel ist an die Bedeutung der Glaubensgemeinschaften zu erinnern, die auch von den Armen gebildet und von der Lektüre der Bibel beseelt werden. Den Armen der Welt ist Trost und Hoffnung zu schenken. Der Herr, der das Leben liebt, beabsichtigt, mit seinem Wort das ganze Leben der Gläubigen in jeder Situation, bei der Arbeit und beim Fest, im Leiden, in der Freizeit, bei sozialen und familiären Verpflichtungen, und in allen Wechselfällen des Lebens zu erleuchten, zu führen und aufzurichten damit jeder alles prüfen und das behalten kann, was gut ist (vgl. 1 Thess 5, 21), um auf diese Weise den Willen Gottes zu erkennen und zu tun (vgl. Mt 7, 21).

Die Exegese der Heiligen Schrift und die Theologie

«Deshalb sei das Studium des heiligen Buches gleichsam die Seele der heiligen Theologie» (DV 24). Die Früchte, die in diesem Bereich nach dem II. Vatikanischen Konzil erreicht wurden, sind ohne Zweifel ein Grund, den Herrn zu loben. Heute treten dabei besonders hervor: der Einsatz einer großen Zahl von Exegeten und Theologen, welche die Schriften „dem Sinn der Kirche entsprechend“ studieren und erklären und das geschriebene Wort der Bibel im Kontext der lebendigen Tradition aus- und vorlegen, d.h. das Erbe der Väter wertschätzen, sich mit den Vorgaben des Lehramtes auseinandersetzen (vgl. DV 12) und mit Hingabe den Hirten in ihrem Dienst helfen. Sie verdienen ein Wort des Dankes und der Ermutigung.[64]

Da das Wort Gottes sein Zelt unter uns aufgeschlagen hat (vgl. Joh 1, 14), treibt uns ohne Zweifel der gleiche Heilige Geist dazu an, über die neuen Wege nachzudenken, die das Wort unter den Menschen unserer Zeit einschlagen will. Der Geist lädt uns ein, die Erwartungen an das Wort und die Herausforderungen wahrzunehmen, welche die Menschheit heute bereithält. Daraus folgen einige neue Erfordernisse auf der Ebene des Studiums, aber auch des Dienstes an der Gemeinschaft.

Es ist unerlässlich, das Studium der Schrift nach den Vorgaben des Lehramtes auszurichten, sei es im Hinblick auf die Kenntnis und die Anwendung der Untersuchungsmethoden, sei es bezüglich des Auslegungsprozesses, der zu jener Fülle gelangen soll, die im geistlichen Sinn des heiligen Textes liegt.[65] Es ist erforderlich, durch eine wechselseitige Zusammenarbeit jene Distanz zu überwinden, die zwischen der exegetischen Forschung und der theologischen Arbeit festzustellen ist: die Theologen sollen die biblischen Daten gebrauchen, ohne sie instrumentalisieren zu wollen, während die Exegeten ihre Forschung nicht nur auf die Schriftgattung beschränken, sondern sich dafür einsetzen sollen, die theologischen Inhalte, die in den inspirierten Texten liegen, anzuerkennen und mitzuteilen. Besonders wird vom Theologen gefordert, eine Theologie der Heiligen Schrift zu übernehmen, welche dabei hilft, die Wahrheit der Bibel im Leben des Glaubens und im Dialog mit den Kulturen verstehen und schätzen zu können, indem er über die derzeitigen Tendenzen der Anthropologie, die moralischen Dringlichkeiten, das Verhältnis zwischen Glaube und Vernunft sowie den Dialog mit den großen Religionen nachdenkt.

Unter den Bezugspunkten der exegetischen und theologischen Arbeit sollen die Zeugen der Heiligen Tradition, wie etwa die Liturgie und die Kirchenväter wieder neu geschätzt werden. Von den Gelehrten erwartet sich die christliche Gemeinschaft „entsprechende Hilfsmittel“, die den Dienern des göttlichen Wortes dabei helfen, dem Volk Gottes «mit wirklichem Nutzen die Nahrung der Schriften zu reichen, die den Geist erleuchtet, den Willen stärkt und die Menschenherzen zur Gottesliebe entflammt» (DV 23). Zu diesem Zweck ist ein intensiver und konstruktiver Dialog zwischen Exegeten, Theologen und Hirten wünschenswert. Dieser Dialog würde es ermöglichen, das theologische Nachdenken in wirkungsvollere Vorschläge der Evangelisierung zu übersetzen. In dieser allgemeinen Perspektive wird die Aufmerksamkeit auf jene Vorschläge gelenkt, die zu seiner Zeit das Dekret des II. Vatikanischen Konzils Optatam totius im Hinblick auf die Lehre der Theologie und der biblischen Exegese und daher auch auf die bei der Bildung zukünftiger Hirten anzuwendende Methode umschrieben hat. Die dort aufgezeigten Perspektiven müssen zum großen Teil neu umgesetzt werden.

Das Wort Gottes im Leben des Gläubigen

Das Bewusstsein um das Wort Gottes als unschätzbares Geschenk hat die Verantwortung für seine Aufnahme im Glauben gestärkt. Und weil das Hören des Wortes – wie Jesus sagt – auch das Tun des Wortes erforderlich macht (vgl. Mt 7, 21), hat die Kirche immer eine entsprechende Lebensführung vorgeschlagen, und auf die Bildung einer biblischen Spiritualität hingezielt.

Die Art der Beziehung zum Wort Gottes ist sicherlich von der Vision des Glaubens her bestimmt. Die Auswertung der Erfahrung zeigt, dass für einige die Gefahr besteht, in der Bibel nur ein kulturelles Objekt zu sehen, ohne Auswirkung auf das Leben. Für andere ist sie ein Buch, das sie lieben, ohne zu wissen warum. Schließlich gibt es, wie die Erde im Gleichnis vom Sämann, diejenigen, die dreißigfache, sechzigfache oder hundertfache Frucht bringen (cf. Mc 4, 20). Die Feststellung, dass zusammen mit dem Fortschritt in der Katechese der spirituelle Fortschritt einen der schönsten und vielversprechendsten Aspekte der Begegnung des Wortes Gottes mit seinem Volk darstellt, ist berechtigt.

Die Gründe für eine lebendige Beziehung zu Bibel werden von Dei Verbum zusammengefasst. Dementsprechend ist es erforderlich, dass alle in beständiger heiliger Lesung und gründlichem Studium sich mit der Schrift befassen (vgl.DV 25), denn die Bibel ist «reiner, unversieglicher Quell des geistlichen Lebens» (DV 21). Im Hinblick auf eine genuine Spiritualität des Wortes wird daran erinnert, dass das «Gebet die Lesung der Heiligen Schrift begleiten muss, damit sie zu einem Gespräch werde zwischen Gott und Mensch; denn „ihn reden wir an, wenn wir beten; ihn hören wir, wenn wir Gottes Weisungen lesen“[66]» (DV 25). Das bestätigt der Hl. Augustinus: «Dein Gebet ist das Wort, das Du an Gott richtest. Wenn Du die Bibel liest, spricht Gott zu Dir; wenn Du betest, sprichst Du zu Gott».[67] Es ist erforderlich, die Gläubigen dahingehend zu unterrichten, was die gläubige Lektüre der Bibel zum Leben des Christen beitragen kann, wenn er selbst aus seinem Herzen eine Bibliothek des Wortes gemacht hat.[68]

Das Wort Gottes trägt zum Leben des Glaubens bei, weil es nicht in erster Linie ein Kompendium doktrinärer Fragen oder eine Reihe ethischer Prinzipien zum Ausdruck bringt, sondern die Liebe Gottes, die zur persönlichen Begegnung mit Ihm einlädt und im Osterereignis ihre unüberbietbare Größe zeigt. Das Wort Gottes legt jedem Menschen und jedem Volk das Heilsangebot des Vaters vor. Es hinterfragt, ermahnt und regt an zu einem Weg der Jüngerschaft und der Nachfolge, es bereitet darauf vor, die verwandelnde Tätigkeit des Geistes anzunehmen, es fördert maßgeblich die Geschwisterlichkeit, indem es tiefe Beziehungen schafft und regt zum Einsatz für die Evangelisierung an. All dies gilt in besonderer Weise im Hinblick auf die Ordensleute.

Dies erfordert die aufmerksame Pflege einiger Haltungen. Zunächst einmal kommt es darauf an, dem Wort Gottes innerlich und äußerlich mit dem Geist des Armen zu begegnen, denn «Jesus Christus, unser Herr […] der reich war, wurde euretwegen arm, um euch durch seine Armut reich zu machen» (2 Kor 8, 9). Es geht um ein Sein, welches das Wesen Jesu nachahmt, der das Wort des Vaters hört und es den Armen verkündet (vgl. Lk 4, 18).Es gibt Menschen, vor allem Frauen, die unter manchmal schwierigen Bedingungen arbeiten, sie hüten das Herdfeuer, widmen sich den Kindern, stehen den Nachbarn mit vielen Diensten zur Seite, und das alles mit einem lebendigen Glauben und einer spontanen Beziehung zu den Psalmen und den Evangelien. Es ist das Zeugnis des Lebens, das der Schriftlesung Glaubwürdigkeit verleiht.

Die geistlichen Meister rufen jene Bedingungen in Erinnerung, dank derer das Wort das Leben des Gläubigen nährt und eine biblische Spiritualität entstehen lässt: die tiefe Verinnerlichung des Wortes; die Beständigkeit in den Prüfungen, welche das Wort hervorruft; und schließlich der geistliche Kampf gegen falsche und feindliche Worte, Gedanken und Verhaltensweisen. Auch die Bibel steht unter dem Zeichen des Kreuzes, sie ist Wohnung des Gekreuzigten. Diese Haltungen werden von den Ordensgemeinschaften und in den geistlichen Zentren bezeugt, die eine wertvolle Hilfe für eine tiefe Erfahrung des Wortes Gottes sind.

DRITTER TEIL

DAS WORT GOTTES IN DER SENDUNG DER KIRCHE

«So kam er auch nach Nazaret, wo er aufgewachsen war, und ging, wie gewohnt, am Sabbat in die Synagoge. Als er aufstand, um aus der Schrift vorzulesen, reichte man ihm das Buch des Propheten Jesaja. Er schlug das Buch auf und fand die Stelle, wo es heißt: Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe. Dann schloss er das Buch, gab es dem Synagogendiener und setzte sich. Die Augen aller in der Synagoge waren auf ihn gerichtet. Da begann er, ihnen darzulegen: Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt» (Lk 4, 16-21).
Die Sendung der Kirche

Bei der Verkündigung der Guten Nachricht ist die Sendung der Kirche aufs Engste mit der Erfahrung des Wortes Gottes im Leben verbunden. In der Schule des fleischgewordenen Wortes wird sich die Kirche bewusst, dass ihre Beziehung zu Christus, durch das Gebot des Herrn selbst ein Wort und eine Erfahrung des Lebens ist, welche an alle weitergegeben werden muss. Im Dienst am Wort Gottes wendet sich die Sendung der Kirche heute an verschiedene Umfelder: Völker und Gruppen, sozio-kulturelle Kontexte, in denen Christus und sein Evangelium nicht bekannt oder noch nicht ausreichend verwurzelt sind; es gibt Gemeinschaften von Christen, die voll von Glauben und Leben sind; aber zugleich auch die Situation, dass ganze Gruppen von Getauften sich nicht mehr als Glieder der Kirche empfinden und eine von Christus und seinem Evangelium weit entfernte Existenz führen.[69] Es ist daher erforderlich, in entsprechender Weise über diese unterschiedliche missionarische Dynamik des Wortes Gottes in der Kirche nachzudenken.

SECHSTES KAPITEL

Für einen «weiten Zugang zur Heiligen Schrift» (DV 22)

Die Sendung der Kirche besteht darin, das Wort zu verkünden und das Reich Gottes aufzubauen

Zu Beginn dieses neuen Jahrtausends ist es die Sendung der Kirche, sich vom Wort zu nähren, um im Einsatz für die Evangelisierung Dienerin des Wortes sein zu können.[70]

Ohne Zweifel ist die Verkündigung des Evangeliums der Grund für das Bestehen der Kirche und ihrer Sendung. Das beinhaltet, dass sie lebt, was sie predigt. Dies ist der entscheidende Weg, damit das, was sie verkündet, ungeachtet ihrer Schwäche und ihrer Armut, glaubwürdig erscheint. Wenn das Volk Israel dem Wort Gottes antwortete, sagte es: «Alles, was der Herr gesagt hat, wollen wir tun; wir wollen gehorchen!» (Ex 24, 7); auch Jesus lädt seine Jünger am Ende der Bergpredigt zu einer solchen Antwort ein (vgl. Mt 7, 21-27).

In der Schule Jesu hat die Verkündigung des Wortes das Reich Gottes zum Inhalt, das zugleich innere Kraft ist (vgl. Mk 1, 14-15). Das Reich Gottes ist Jesus in Person, der in Worten und Werken allen Menschen das Heil anbietet. Wenn die Kirche Christus predigt, nimmt sie teil am Aufbau des Reiches Gottes, verdeutlicht seine Dynamik als Samen, der aufgeht (vgl. Mk 4, 27) und lädt alle ein, es anzunehmen.

Das Wort des Hl. Paulus: «Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!» (1 Kor 9, 16) erklingt auch heute mit einer gewissen Dringlichkeit in der Kirche, und stellt für die Christen nicht einfach eine Information unter anderen dar, sondern die Berufung zum Dienst am Evangelium für die Welt. Denn, wie Jesus gesagt hat, «die Ernte ist groß» (Mt 9, 37) und vielfältig: es gibt besonders in Afrika und Asien viele Menschen, die das Evangelium noch nie gehört haben und immer noch die Erstverkündigung erwarten. Es gibt andere, die das Evangelium vergessen haben und eine Neuevangelisierung benötigen. Ein klares und von allen geteiltes Zeugnis eines Lebens nach dem von Jesus bezeugten Wort zu geben, wird zum unentbehrlichen Kriterium der Überprüfung der Sendung der Kirche.

Dabei fehlen aber auch nicht die Schwierigkeiten, welche den Weg der Verkündigung des Evangeliums und des Hörens auf den Herrn behindern. Die Gründe sind vielfältig: die gegenwärtige Kultur, welche aus verschiedenen Motiven dem Relativismus und Säkularismus zuneigt; die vielfältigen Anforderungen von Seiten der Welt und der Aktivismus im Leben des Einzelnen ersticken den Geist, weshalb im Hinblick auf die Verinnerlichung der Botschaft des Evangeliums eine gewisse Schwierigkeit festzustellen ist; das Fehlen von entsprechenden Hilfsmitteln erlaubt es in vielen Gegenden nicht, den biblischen Text zu benutzen, ihn zu übersetzen oder zu verbreiten. In besonderer Weise begegnet man im Hinblick auf eine korrekte Auslegung der Bibel den Hindernissen von Seiten der Sekten und des Fundamentalismus. Das Wort Gottes zu bringen ist eine anspruchsvolle Sendung, die ein tiefes und überzeugtes Sentire cum Ecclesia erforderlich macht.

Eine der ersten Voraussetzungen für eine wirksame Verkündigung des Evangeliums ist das Vertrauen auf die verwandelnde Kraft des Wortes im Herzen dessen, der es hört. Denn «lebendig ist das Wort Gottes, kraftvoll […] es richtet über die Regungen und Gedanken des Herzens» (Hebr 4, 12). Eine zweite Voraussetzung, die heute besonders erforderlich und glaubwürdig ist, besteht darin, das Wort Gottes als Quelle der Bekehrung, der Gerechtigkeit, der Hoffnung, der Geschwisterlichkeit und des Friedens zu verkünden. Andere Voraussetzungen sind die Aufrichtigkeit, der Mut, der Geist der Armut, die Demut, die Kohärenz, die Herzlichkeit dessen, der dem Wort Gottes dient. Der Hl. Augustinus schreibt: «Es ist unerlässlich, zu verstehen, dass die Liebe die Fülle des Gesetzes und die Fülle der göttlichen Schriften ist. [¼].Wer also glaubt, die Schriften oder irgend einen Teil von ihnen verstanden zu haben, ohne sich darum zu bemühen, auf Grund dieses Verständnisses diese zweifache Liebe zu Gott und zum Nächsten zu leben, zeigt, dass er sie noch nicht verstanden hat».[71] Zusammenfassend kann mit dem Heiligen Vater PapstBenedikt XVI. gesagt werden, dass aus der Annahme des Wortes, das die Liebe ist, folgt, dass man den Herrn nicht wirksam verkünden kann ohne eine Praxis der Liebe in der Ausübung der Gerechtigkeit und der Nächstenliebe.[72]
Die Sendung der Kirche erfüllt sich in der Evangelisierung und der Katechese

In der Geschichte des Volkes Gottes erfolgt die Verkündigung des Wortes seit jeher in der Evangelisierung und der Katechese. Ausgehend vom II. Vatikanischen Konzil scheint es so zu sein, dass die Beziehung zwischen der Bibel und der Evangelisierung in ihren verschiedenen Formen, von der ersten Verkündigung bis zur beständigen Katechese, sehr eng ist. Überall sind die nationalen Katechismen und die Direktorien, die sie anregen, biblisch qualifiziert und geben dem aus der Schrift geschöpften Wort Gottes den ersten Platz. Es sind allerdings Klärungen vor allem im Hinblick auf einen zentralen Punkt erforderlich: die Integration zwischen dem Verständnis des Glaubens, wie es Tradition und Lehramt vorlegen und dem biblischen Text.

Grundlegend ist wegen ihrer Klarheit an die Aussage des Konzils zu erinnern: «Auch der Dienst des Wortes, nämlich die seelsorgliche Verkündigung, die Katechese und alle christliche Unterweisung – in welcher die liturgische Homilie einen hervorragenden Platz haben muss – holt aus dem Wort der Schrift gesunde Nahrung und heilige Kraft» (DV 24). Der Papst Johannes Paul II. stellt fest, dass «die Arbeit der Evangelisierung und der Katechese, gerade in der Aufmerksamkeit für das Wort Gottes neu belebt wird».[73] Das Allgemeine Direktorium für die Katechese klärt, was es heißt, das Wort Gottes sei Quelle der Katechese, indem es feststellt: «Die Katechese schöpft ihren Inhalt immer aus der lebendigen Quelle des Wortes Gottes, das von der Schrift und der Tradition überliefert wird».[74]

Es ist wichtig darauf hinzuweisen, dass in der Katechese das Wort Gottes nicht wie ein Schulfach auf ein bloßes Wissensobjekt reduziert werden darf. Im Licht der Offenbarung ist vielmehr daran zu erinnern, dass man in der Katechese, ähnlich wie es auch in den liturgischen Feiern geschieht, den Schriften als einem Handeln begegnet, mit dem Gott selbst sich den Menschen zuwendet. Es geht darum, Dank der biblischen Texte, die treue und wohlwollende Gegenwart Gottes, der nicht aufhört, sich den Menschen zu zeigen, erfahrbar zu machen. In dieser Perspektive ist die Katechese eng mit der Lectio Divina verbunden, denn sie ist von Jugend auf die Erfahrung des Hörens und des Betens des Wortes Gottes.

Im Hinblick auf die praktische Umsetzung müssen die Gestalten der Kommunikation gegenwärtig gehalten werden, welche dem Wort Gottes eigen sind. Zugleich sind die immer neuen Bedürfnisse der Gläubigen in den verschiedenen Altersstufen und geistlichen, kulturellen und sozialen Umständen zu beachten, so wie es auch das Allgemeine Direktorium für die Katechese und die Katechetischen Direktorien der verschiedenenTeilkirchen hervorheben.[75]

Als bevorzugte Wege bedient sich die Evangelisierung des liturgischen Jahres, der christlichen Initiation und der ständigen Weiterbildung.[76] Die Katechese der Katechumenen und die mystagogische Katechese führen zu einer fruchtbaren biblischen Grundhaltung, die es auch ermöglicht, durch das Wort Gottes, aus dem sie häufig schöpft, die Volksfrömmigkeit wirksam zu bereichern. Eine wichtige Rolle kommt dabei der direkten Begegnung mit der Heiligen Schrift zu. Es handelt sich hier um ein erstrangiges Ziel. Die Katechese «muss sich durch ständigen Kontakt mit den Texten von Gedanken, Geist und Haltungen der Bibel und der Evangelien selber prägen und durchdringen lassen».[77]

Wegen seiner besonderen kulturellen Bedeutung verdient die Rolle der Bibel im schulischen Unterricht, vor allem im Religionsunterricht besondere Beachtung, wenn es darum geht, einen vollständigen Weg der Entdeckung der großen biblischen Themen und der von der Kirche angewandten Auslegungsmethoden einzuschlagen. Im Hinblick auf diese Zielsetzung ist der Katechismus der Katholischen Kirche ein «gültiges und legitimes Werkzeug im Dienst der kirchlichen Gemeinschaft, und sichere Norm für die Lehre des Glaubens».[78] Es geht nicht darum, auf diese Weise die biblische Katechese zu ersetzen, sondern sie in eine Gesamtsicht der Kirche zu integrieren.

Durch die starken kulturellen und sozialen Wandlungsprozesse der letzten Jahrzehnte wird eine Katechese erforderlich, die dabei hilft, die „schwierigen Seiten“ der Bibel zu erklären. Diese Schwierigkeiten treten vor allem im Hinblick auf die Geschichte, die Wissenschaft und das moralische Leben hervor, und betreffen in besonderer Weise die Art und Weise der Darstellung Gottes und des ethischen Verhaltens des Menschen, besonders im Alten Testament. Um hier eine Lösung finden zu können, ist ein organisches exegetisch-theologisches, aber auch anthropologisches und pädagogisches Nachdenken erforderlich.

Schließlich bleibt die Predigt in ihren verschiedenen Formen eines der herausragenden Mittel für die Weitergabe des Glaubens in der Kirche. Sie ist aber auch die Form, welche am meisten dem Urteil der Gläubigen ausgesetzt ist. Es gilt, ein zielgerichtetes Projekt der Bildung im Hinblick auf die Predigt des Wortes zu entwickeln (vgl. DV 25). Im Hinblick auf den Prozess der Kommunikation ist das Apostolische Schreiben des Papstes Paul VI. Evangelii nuntiandi von bleibender Bedeutung, besonders wenn dort festgestellt wird, dass in der Verkündigung des Wortes Gottes der Vorrang dem persönlichen Zeugnis und der Vermittlung des Wortes in der Familie oder in den Umfeldern, zu denen viele Zugang haben, gebührt.

SIEBTES KAPITEL

Das Wort Gottes im Dienst und in der Bildung des Volkes Gottes

Ein beständiger Kontakt mit den Schriften (vgl. DV 25)

Eine wesentliche pastorale Verpflichtung besteht darin, die Gläubigen zu bilden, damit sie das Wort Gottes empfangen und weitergeben können. Dies geht eindeutig aus Dei Verbum hervor, wenn vom vielfältigen Wert des Wortes Gottes die Rede ist und ausdrücklich die Aufgaben, die Verantwortlichen und der Weg der Bildung benannt werden.

Der Hunger und Durst nach dem Wort Gottes (vgl. Am 8, 11): Achtung vor den Bedürfnissen des Volkes Gottes

Diese Bedürfnisse bestehen im Hinblick auf die Kenntnis, das Verständnis und die Praxis des Wortes. Die Kenntnis betrifft die wahre Natur des Wortes und die Wege seiner Vermittlung, Schrift und Tradition, sowie den Dienst, den das Lehramt zu leisten berufen ist. Nach dem II. Vatikanischen Konzil ist diesbezüglich vieles geschehen, aber nach wie vor gibt es ein großes Bedürfnis, das, was die Offenbarung anbietet, klar und sicher erkennen zu können. Im Hinblick auf das Verständnis bleibt, wie vorher schon gesagt wurde, das Problem der Interpretation und der Inkulturation des Wortes Gottes zentral. Schwierigkeiten sind im Hinblick auf die Praxis der Bibel festzustellen. Viele Gläubige haben immer noch keine Übersetzung des biblischen Textes in Händen.

Heute werden andere Fragen wahrgenommen, die nicht außer Acht gelassen werden können: in vielen Teilen der Welt gibt es noch Analphabetismus und daher die Schwierigkeit, zu lesen; viele lernen vor allem durch das Sehen und das Hören, und daher häufig rasch und bruchstückhaft; schließlich hat die vorherrschende religiöse Kultur in einigen Teilen der Welt keinen unmittelbaren Bezug zum heiligen Buch.

«In der Heiligen Schrift also offenbart sich […] eine wunderbare Herablassung der ewigen Weisheit» (DV 13)

In diesem Zusammenhang legt es sich nahe, zu sagen, dass der Geist die Teilkirchen dazu anregt, die Dokumente des II. Vatikanischen Konzils, besonders die vier Konstitutionen, deren Zentrum Dei Verbum ist, wieder zur Hand zu nehmen, und sie in der Art, die den Einzelnen am meisten entspricht, zum Gegenstand der Katechese für das ganze Volk Gottes zu machen. Grundlegende Themen, die nur im Rahmen einer organischen Katechese und strukturierter Bibelkurse angegangen werden können, sind die Theologie der Offenbarung, die Theologie der Schrift, das Verhältnis zwischen Altem und Neuem Testament, die Pädagogik Gottes usw.

Auch die Notwendigkeit, entsprechende Vorgehensweisen und Hilfsmittel zu entwickeln, darf nicht vergessen werden. Es gibt viele Möglichkeiten, das Wort Gottes zu hören. Die wesentliche Schwierigkeit besteht darin, dass es wirklich die Herzen berührt und nicht nur gehörtes und gekanntes Wort bleibt, sondern lebendiges Wort wird. Deshalb kann die regelmäßige und geduldige Arbeit, die der Einzelne im Gebet verrichtet, durch nichts ersetzt werden. Das soll ermutigt und durch den Einsatz von einfachen, allen zugänglichen Hilfsmitteln erleichtert werden. Verschiedene Bewegungen, unter ihnen die Katholische Aktion, schlagen Vorgehensweisen vor, um Leben und Wort Gottes vereinigen zu können. Heute gibt es eine Vielzahl normalerweise gut durchdachter Techniken und Mittel zur Begegnung mit der Bibel: Kommentare, Einführungen in die Bibel, Bibeln für Kinder und Jugendliche, geistliche Bücher, wissenschaftliche und populärwissenschaftliche Zeitschriften, sowie ein sehr weites Feld im Bereich der einfacheren oder komplexeren Medien, die im Dienst der Verbreitung der Bibel stehen. Es ist erforderlich, sich verständlich zu machen und den Brüdern und Schwestern im Glauben das Brot des Wortes zu reichen. In diesem Zusammenhang wird das Bedürfnis nach einer Solidarität unter den Kirchen, auch auf materieller Ebene, spürbar.

Hier ergibt sich die Notwendigkeit, in neuer und angemessenerer Weise über die neuen Kommunikationsformen nachzudenken. Es ist nicht einfach, mit der Heiligen Schrift vertraut zu werden. Um das zu verstehen, was der Text sagt, ist eine Pädagogik erforderlich, die ausgehend von der Schrift das Verständnis und die Annahme der Guten Nachricht Jesu ermöglicht, wie es beim Diener der Königin von Äthiopien der Fall war (vgl. Apg 8, 26-40). Es gilt, einen Anfang zu machen und vor allem kreative und dem Evangelium entsprechende Formen zu finden, um den Lehren von Dei Verbum wieder neue Aktualität zu geben. Dei Verbum erlaubt seinerseits einen in Umfang und Qualität glaubensgemäßen Zugang zum Wort Gottes, das uns in der Schrift geschenkt wird.

Die Bischöfe im Dienst am Wort

Das II. Vatikanische Konzil lehrt: «Diekirchlichen Vorsteher […] sollen die ihnen anvertrauten Gläubigen zum rechten Gebrauch der Heiligen Bücher […] anleiten» (DV 25). Dies ist, ihrem munus docendi entsprechend, [79] eine den Bischöfen persönlich und direkt übertragene Aufgabe. Sie sind zugleich Hörer und Diener des Wortes. In einer Welt, die von der Kommunikation bestimmt wird, muss der Bischof ein qualifizierter Kommunikator der biblischen Weisheit sein, nicht so sehr durch seine Gelehrsamkeit, sondern durch die Haltung des beständigen Umgangs mit den heiligen Büchern. Auf diese Weise wird er für all diejenigen zum Führer, welche jeden Tag die Bibel aufschlagen. Indem er das Wort Gottes und die Heilige Schrift zur Seele der Pastoral macht, ist er in der Lage, die Gläubigen zur Begegnung mit Christus, dem lebendigen Quell, zu führen. Der Heilige Vater Papst Benedikt XVI. hat das Erfordernis hervorgehoben, das Volk zur Lektüre und zu Meditation des Wortes Gottes, das geistliche Speise ist, zu erziehen, «damit die Gläubigen durch eigene Erfahrung feststellen, dass die Worte Jesu Geist und Leben sind (vgl. Joh 6, 63). […] Wir müssen unseren missionarischen Einsatz und unser ganzes Leben auf den Fels des Wortes Gottes gründen. Ich ermutige daher die Hirten, sich zu bemühen, das Wort Gottes bekannt zu machen».[80] Die beste Art und Weise, Geschmack an der Heiligen Schrift zu bekommen, ist daher die Person des Bischofs selbst, der sich vom Wort Gottes formen lässt. Er hat die beständige Möglichkeit, den Gläubigen dabei zu helfen, auf den Geschmack der Schrift zu kommen. Immer, wenn er zu den Gläubigen, besonders zu den Priestern spricht, kann er ein Beispiel für die Lectio Divina geben. Wenn er gelernt hat, sie entsprechend anzuwenden und sie in einfacher Weise vorlegt, werden die Gläubigen lernen. Dies ist ein sicheres objektives Ziel des Hirtendienstes: Die Praxis der Bibel und all die Initiativen, welche diese fördern, müssen als Weg der Kirche und Grundlage aller Frömmigkeit betrachtet werden.

Die Aufgabe der Priester und der Diakone

Im Hinblick auf die Evangelisierung, zu der sie durch ihren Dienst berufen sind, stellt auch für die Priester und Diakone die Kenntnis und Vertrautheit mit dem Wort Gottes eine vordringliche Aufgabe dar. Das II. Vatikanische Konzil bestätigt, dass alle Kleriker, besonders die Priester und Diakone durch eifrige Lesung und genaues Studium einen beständigen Kontakt mit den Schriften haben müssen, damit sie nicht nach außen hin vergeblich Prediger des Wortes Gottes sind, weil sie es nicht innerlich hören (vgl. DV 25; PO 4). Dieser konziliaren Lehre entspricht die kirchenrechtliche Bestimmung im Hinblick auf den Dienst am Wort Gottes, der den Priestern und Diakonen als Mitarbeitern des Bischofs anvertraut wird.[81]

Aus dem täglichen Umgang mit dem Wort erhalten sie das notwendige Licht, um sich nicht der Mentalität der Welt anzugleichen und eine gesunde persönliche und gemeinschaftliche Unterscheidung der Geister vorzunehmen, damit sie mit Eifer in der apostolischen Tätigkeit das Volk Gottes auf den Wegen des Herrn führen können. Das alles macht eine Erziehung und pastorale Bildung erforderlich, welche vom Wort erleuchtet wird. Die Entwicklung der biblischen Wissenschaften, die Mannigfaltigkeit der Bedürfnisse sowie die Entwicklung der pastoralen Situationen machen eine ständige Weiterbildung notwendig.

Die Aufgabe der Verkündigung erfordert den Einsatz besonderer Initiativen, wie zum Beispiel die volle Wertschätzung der Bibel in den pastoralen Projekten. In jeder Diözese dient ein Projekt biblischer Pastoral unter der Leitung des Bischofs dazu, die Bibel in den großen Unternehmungen der Kirche, in der Evangelisierung und der Katechese gegenwärtig zu halten. Auf diese Weise wird dafür Sorge getragen, dass sich die Gemeinschaft zwischen Klerikern und Laien, zwischen Pfarreien, Ordensgemeinschaften und kirchlichen Bewegungen auf das Wort Gottes gründet und sich in ihm zum Ausdruck bringt.

Im Hinblick auf den priesterlichen Dienst erfordert die Seminarausbildung immer mehr eine breite und auf dem neuesten Stand befindliche Kenntnis in Exegese und Theologie, eine nicht oberflächliche Bildung im Bereich des pastoralen Einsatzes der Bibel, eine echte Anleitung zur biblischen Spiritualität, welche im Dienst am Volk Gottes die Erziehung zu einer großen Leidenschaft für das Wort nie unterlassen darf. Es ist daher wünschenswert, dass sich viele Kleriker auch den akademischen Studien der Heiligen Schrift widmen.

Die verschiedenen Diener des Wortes Gottes

Die biblische und liturgische Erneuerung hat die Notwendigkeit hervortreten lassen, Diener des Wortes Gottes zu haben, besonders für die Liturgie, aber auch für jede andere Form der Weitergabe der Bibel. Was den liturgischen Dienst betrifft, so kommt der Dienst am Wort sowohl durch den Vortrag der Lesungen als auch vor allem in der Homilie zum Ausdruck. Die Homilie ist allein Sache des geweihten Amtsträgers, die Verkündigung des Wortes ist Aufgabe des Lektors, der zu diesem Dienst bestellt wurde, kann in seiner Abwesenheit aber auch von anderen Laien (Männern oder Frauen) erfüllt werden.[82] In bestimmten, vom Kirchenrecht vorgesehenen Fällen kann auch Laien die Predigt in Kirchen oder Kapellen gestattet werden.[83]

Zu den Dienern des Wortes sind auch die Katecheten, die Leiter von Bibelgruppen und alle jene zu zählen, die im Bereich der Liturgie, der Caritas oder des Religionsunterrichts eine Rolle als Ausbilder der Gläubigen haben. Das Allgemeine Direktorium für die Katechese umschreibt die erforderlichen Fähigkeiten. Aber in allen Teilkirchen ist die Aufmerksamkeit für diese pastoralen Mitarbeiter lebendig, denn es wird einerseits ihre Liebe zur Schrift und andererseits die Schwierigkeit festgestellt, diesen Dienst zu leisten.

Die Aufgabe der Laien

Durch die Taufe Glieder der Kirche geworden und des priesterlichen, prophetischen und königlichen Amtes Christi teilhaftig, teilen die gläubigen Laien die Heilssendung, welche der Vater seinem Sohn zum Heil aller Menschen anvertraut hat (LG 34-36).[84] Um ihre Sendung ausüben zu können, «werden die Laien nicht nur des übernatürlichen Glaubenssinnes der Kirche, der „im Glauben nicht irren“ (LG 12) kann, sondern auch der Gnade des Wortes (vgl. Apg 2, 17-18; Offb 19, 10) teilhaftig; auch sind sie dazu berufen, die Neuheit und die Kraft des Evangeliums in ihrem täglichen Familien- und gesellschaftlichen Leben sichtbar werden zu lassen».[85] Auf diese Weise leisten sie durch die Treue zu Seinem Wort ihren Beitrag zum Aufbau des Reiches Gottes.

Um ihre Sendung in der Welt zu erfüllen, ist es Sache der Laien, den Menschen in ihrer konkreten Lebenssituation die Gute Nachricht zu verkünden. Im prophetischen StilJesu von Nazareth muss die Verkündigung des Wortes «jedem Menschen als Lösung seiner Probleme, Antwort auf die eigenen Fragen, eine Weitung des eigenen Werthorizontes und zugleich eine Erfüllung der eigenen Erwartungen erscheinen».[86]

Der Laie, der mit der Bibel unterwegs ist, darf nicht nur passiver Hörer sein, sondern muss in allen Bereichen, die es mit der Bibel zu tun haben, aktiv werden: in der Wissenschaft, im Dienst am Wort im liturgischen oder katechetischen Bereich, in der biblischen Bereicherung der verschiedenen Gruppen. Der Dienst der Laien erfordert eine Vielzahl von Kompetenzen, die wiederum eine spezifische biblische Bildung voraussetzen. Hier soll nur an die herausragendsten Aufgaben erinnert werden: die Bibel in der christlichen Initiation der Kleinen; die Bibel für die Welt der Jugend, z.B. während der Weltjugendtage; die Bibel für die Kranken, die Soldaten, die Gefangenen.

Ein bevorzugtes Mittel für die Begegnung mit Gott, der zu uns spricht, ist die Katechese innerhalb der Familien, welche die Vertiefung einer Bibelstelle und die Vorbereitung der Sonntagsliturgie umfassen kann. Es bleibt Aufgabe der Familie, die Kinder durch die Erzählung der großen biblischen Geschichten, vor allem des Lebens Jesu, und ein durch die Psalmen oder andere geoffenbarte Bücher inspirierten Gebet zur Heiligen Schrift hinzuführen.

Auch die Bewegungen oder Gruppen, Vereinigungen, Zusammenschlüsse, neue Gemeinschaften verdienen besondere Aufmerksamkeit. Auch, wenn sie auf Grund der Vorgehensweise und der Betätigungsfelder sehr unterschiedlich sind, kennzeichnen sie sich alle durch eine Wiederentdeckung des Wortes Gottes, und die herausragende Rolle, die sie ihm in ihrem spirituell-pädagogischen Projekt geben, um ihr geistliches Leben zu wecken und zu nähren. Sie verfügen über wirksame Bildungswege, die alle auf die lebendige Aufnahme des Wortes Gottes ausgerichtet sind. Sie lehren, die Liturgie und das persönliche Gebet unter starker Beachtung des Wortes zu leben und bevorzugen die Liturgie der Kirche. Auch das Stundengebet und die Lectio Divina werden von ihnen als Möglichkeiten der geistlichen Nahrung praktiziert.

Es ist eine verpflichtende Aufgabe, sicherzustellen, dass in dieser leidenschaftlichen Begegnung mit dem Wort Gottes auch die Gemeinschaft mit der Kirche und die Liebe gegenüber den Gläubigen bezeugt werden, die nicht zu den Vereinigungen gehören.
Der Dienst der Ordensleute

Auf dem Weg des Wortes Gottes im christlichen Volk kommt den Ordensleuten eine besondere Rolle zu. Sie, so unterstreicht es das II. Vatikanische Konzil, «sollen täglich die Heilige Schrift zur Hand nehmen, um durch Lesung und Betrachtung des Gotteswortes „die überragende Erkenntnis Jesu Christi“ (Phil 3, 8) zu gewinnen» (PC 6) und in ihrer Aufgabe der Erziehung und der Evangelisierung, besonders der Armen, der Kleinen und der zu kurz gekommenen, durch die Schriften neuen Schwung erhalten. Dies gilt vor allem für «die Evangelien, die „das Herzstück aller Schriften“ sind. [… Sie sollen], jeweils in Übereinstimmung mit ihrem eigenen Charisma Schulen des Gebets, Schulen für Spiritualität und zur betrachtenden Lesung der Heiligen Schrift fördern».[87]

Für die Ordensleute ist der biblische Text Gegenstand der täglichen Ruminatio und der Auseinandersetzung, um persönlich und gemeinschaftlich Entscheidungen im Hinblick auf die Evangelisierung treffen zu können. Wenn der Mensch beginnt die göttlichen Schriften zu lesen – meint der Hl. Ambrosius – geht Gott wieder mit ihm im irdischen Paradies spazieren.[88] Die betende Lesung des Wortes in Gemeinschaft mit den Jugendlichen ist ein Weg für das erneute Wachstum in der Berufung sowie eine fruchtbare Rückkehr zum Evangelium und zum Geist der Gründer, wie es vom II. Vatikanischen Konzil besonders gewünscht wurde und wie es Seine Heiligkeit Benedikt XVI. kürzlich den Ordensleuten wieder vorgeschlagen hat.[89] In besonderer Weise sollen die Ordensleute den gemeinschaftlichen Austausch mit dem Wort Gottes wertschätzen, der brüderliche Gemeinschaft sowie eine freudige Teilhabe und Teilgabe an den Erfahrungen Gottes im eigenen Leben mit sich bringt und ihnen das Wachstum im geistlichen Leben erleichtert.[90] Der Papst Johannes Paul II. hält fest: «Das Wort Gottes ist die erste Quelle jeder christlichen Spiritualität. Es nährt eine persönliche Beziehung zum lebendigen Gott und zu seinem heilwirkenden und heiligenden Willen. Deshalb ist seit dem Entstehen der Institute des geweihten Lebens, insbesondere im Mönchtum der Lectio Divina höchste Achtung entgegengebracht worden. Dank dieser wird das Gotteswort ins Leben übertragen, auf das es das Licht der Weisheit wirft, die die Gabe des Geistes ist».[91]

Das Wort Gottes muss jederzeit allen zur Verfügung stehen

Die Kirche hält es «für erforderlich, dass die Gläubigen einen breiten Zugang zur Heiligen Schrift haben» (DV 22),[92]denn die Menschen haben ein Recht, der Wahrheit zu begegnen.[93] Heute ist dies eine unerlässliche Voraussetzung für die Sendung. Da nicht selten die Gefahr besteht, dass die Begegnung mit der Schrift kein kirchliches Tun, sondern dem Subjektivismus und der Willkür ausgesetzt ist, wird eine entschiedene und glaubwürdige pastorale Förderung der Heiligen Schrift unerlässlich, um das Wort in der christlichen Gemeinschaft verkünden, feiern und leben zu können, zugleich im Dialog mit den Kulturen unserer Zeit zu stehen, sich in den Dienst der Wahrheit und nicht der momentanen Ideologien zu stellen, sowie den Dialog zu fördern, den Gott mit allem Menschen führen will (vgl. DV 21).

Zu diesem Zweck ist es erforderlich, die biblische Praxis durch entsprechende Hilfsmittel zu verbreiten, unter den Laien biblische Bewegungen hervorzurufen, die Bildung der Leiter von Bibelgruppen zu pflegen und dabei besonders die Jugendlichen zu berücksichtigen,[94] indem man die Kenntnis des Glaubens über das Wort Gottes auch den Flüchtlingen und all denen vorschlägt, die auf der Suche nach dem Sinn des Lebens sind.

«Ein erster Areopag der neuen Zeit ist die Welt der Kommunikation, die die Menschheit immer mehr eint […] Darum ist der Einsatz der Massenmedien für die Evangelisierung und die Katechese unabdingbar geworden. […] Die Kirche würde vor ihrem Herrn schuldig, wenn sie nicht diese machtvollen Mittel nützte. […] In ihnen findet sie eine moderne, wirksame Form der Kanzel. Durch sie vermag sie zur Masse des Volkes zu sprechen»[95](vgl. IM 11). In einer weisen und ausgeglichenen Form ist daher auch den neuen Methoden und den neuen Formen der Sprache und der Kommunikation bei der Verbreitung des Wortes breiter Raum einzuräumen. Dazu gehören: Radio, TV, Theater, Kino, Musik und Lieder, bis hin zu den neuen Medien wie CD, DVD, Internet, usw. Es darf aber nicht vergessen werden, dass der rechte Gebrauch der Medien bei den pastoralen Mitarbeitern ernsthaften Einsatz und Kompetenz voraussetzt. Es kommt darauf an, die Botschaft selbst in die „neue Kultur“, die von der modernen Kommunikation geschaffen wurde, mit ihren neuen Sprachen, neuen Techniken und neuen psychologischen Haltungen, zu integrieren.[96]

Schließlich ist daran zu erinnern, seit 1968 die Katholische Bibelföderation (KBF) besteht und arbeitet, die Papst Paul VI. im Dienst an der Verbreitung der Leitlinien des II. Vatikanischen Konzils über das Wort Gottes ins Leben gerufen hat.

ACHTES KAPITEL

Das Wort Gottes, Gnade der Gemeinschaft

Das Wort Gottes als ökumenisches Band

Die volle und sichtbare Einheit aller Jünger Jesu Christi wird vom Heiligen Vater Benedikt XVI. als eine Frage erstrangiger Bedeutung betrachtet, die sich auf die Bezeugung des Evangeliums auswirkt.[97] Die Christen werden in zweifacher Weise geeint: durch das Wort Gottes und die Taufe. In der Annahme dieser Gaben kann der Weg der Ökumene seine Vollendung finden. Die Abschiedsrede Jesu im Abendmahlssaal unterstreicht deutlich, dass diese Einheit sich darin zum Ausdruck bringt, dass ein gemeinsames Zeugnis für das Wort des Vaters, das uns vom Herrn geschenkt wird, abgelegt wird (vgl. Joh 17, 8). So sagt Papst Benedikt XVI.: «Das Hören des Wortes Gottes ist auch von vorrangiger Bedeutung für unseren ökumenischen Einsatz. Denn nicht wir sind es, die die Einheit der Kirche machen oder organisieren. Die Kirche macht sich nicht selbst, sie lebt nicht aus sich selbst, sondern sie lebt aus dem schöpferischen Wort, das aus dem Mund Gottes kommt. Gemeinsam das Wort Gottes hören; die Lectio Divina der Bibel halten, das heißt das an das Gebet gebundene Lesen der Heiligen Schrift; sich überraschen lassen von der Neuheit des Wortes Gottes, die nie alt wird und sich nie erschöpft; unsere Taubheit für jene Worte überwinden, die nicht mit unseren Vorurteilen und unseren Meinungen übereinstimmen; Hören und Studieren in der Gemeinschaft der Gläubigen aller Zeiten; all das stellt einen Weg dar, der beschritten werden muss, um die Einheit im Glauben zu erreichen, als Antwort auf das Hören des Wortes».[98]

Allgemein kann mit Befriedigung festgestellt werden, dass die Bibel heute für das Gebet und den Dialog zwischen den Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften der wichtigste Bezugspunkt ist. Man ist sich dessen bewusst geworden, dass der Glaube, der uns eint und die verschiedenen Akzente in der Interpretation des einen Wortes eine Einladung sind, gemeinsam die Gründe wieder zu entdecken, die zur Trennung geführt haben. Es bleibt jedenfalls die Überzeugung, dass die Fortschritte, welche im ökumenischen Dialog mit dem Wort Gottes erzielt wurden, auch andere fruchtbare Ergebnisse zeitigen. In den letzten Jahrzehnten zeigt sich eine wertvolle Erfahrung im positiven und anerkannten Einfluss der Traduction oecuménique de la Bible (TOB) und der Zusammenarbeit zwischen verschiedenen christlichen Bibelgesellschaften, die eine Übereinkunft und einen Dialog mit verschiedenen Konfessionen ermöglicht haben. Aber der Rote Faden, der sich auf dem ökumenischen Weg vom Beginn des letzten Jahrhunderts bis in unsere Tage durchzieht, ist das gemeinsame Gebet der Anrufung Gottes, in der Kraft des Heiligen Geistes, der zwischen den Christen jene geistliche Ökumene fördert, von der das II. Vatikanische Konzil sagt: «Die Bekehrung des Herzens und die Heiligkeit des Lebens ist in Verbindung mit dem privaten und öffentlichen Gebet für die Einheit der Christen als die Seele der ganzen ökumenischen Bewegung anzusehen» (UR 8).

Das Wort Gottes, Quelle des Dialogs zwischen Christen und Juden

Besondere Aufmerksamkeit verdient die Beziehung zum jüdischen Volk. Christen und Juden sind gemeinsam Kinder Abrahams, verwurzelt im gleichen Bund, denn Gott, der seinen Versprechen treu ist, hat den ersten Bund nicht widerrufen (vgl. Röm 9, 4; 11, 29).[99]So sagt auch Papst Johannes Paul II.: «Dieses Volk wird von Gott, dem Schöpfer des Himmels und der Erde eingeladen und geführt. Seine Existenz ist nicht einfach eine natürliche oder kulturelle Gegebenheit, in dem Sinne, wie der Mensch durch die Kultur die Möglichkeiten seiner Natur nutzt. Es handelt sich um eine übernatürliche Gegebenheit. Dieses Volk harrt trotz allem aus, denn es ist das Volk des Bundes und der Herr ist seinem Bund treu, ungeachtet der Untreue der Menschen».[100]Christen und Juden teilen große Teile des biblischen Kanons, jene „heiligen Schriften“ (vgl. Röm 1, 2), welche die Christen das Alte Testament nennen. Diese biblisch fundierte, enge Beziehung verleiht dem Dialog zwischen Christen und Juden einen besonderen Charakter. Diesbezüglich gibt es heute ein wichtiges Dokument der Päpstlichen Bibelkommission: Das jüdische Volk und seine Heilige Schrift in der christlichen Bibel[101]das dazu anregt, über die enge Verbindung im Glauben nachzudenken, auf die schon Dei Verbum hingewiesen hat (vgl. DV 14-16). Um in angemessenerer Weise die Person Jesu Christi selbst zu verstehen, ist es erforderlich, ihn als «Sohn dieses Volkes»[102] anzuerkennen; Jesus ist Jude und er ist es für immer.

Zwei Aspekte verdienen besondere Beachtung. Zunächst kann das jüdische Verständnis der Bibel dem Verständnis und dem Studium der Bibel seitens der Christen hilfreich sein.[103] Hier und da haben sich Vorgehensweisen des Studiums der Heiligen Schriften gemeinsam mit den Juden entwickelt – und können sich weiter entwickeln – wobei die einen von den anderen lernen, und dabei die Verschiedenheit respektieren. Sodann ist es erforderlich, jede mögliche Form des Antisemitismus zu überwinden. Das II. Vatikanische Konzil selbst hat hervorgehoben, dass man die Juden «nicht als von Gott verworfen oder verflucht darstellen soll, als wäre dies aus der Heiligen Schrift zu folgern» (NA 4). Im Gegenteil, nach dem Beispiel Abrahams müssen und dürfen wir füreinander und für die Welt zur Quelle des Segens werden, wie es Papst Johannes Paul II. verschiedentlich hervorgehoben hat.[104]

Der interreligiöse Dialog

Bezugnehmend auf all das, was das Lehramt der Kirche bisher gesagt hat (vgl. AG 11; NA 2-4),[105] und auf die verschiedenen eingesandten Beiträge, wird an folgende Punkte zur Reflexion und Bewertung erinnert. Die Kirche, gesandt, allen Geschöpfen das Evangelium zu bringen (vgl. Mk 16, 15), begegnet einer Vielzahl von Anhängern anderer Religionen, sei es der so genannten traditionellen Religionen, oder derjenigen, die Heilige Bücher und eine ihnen eigene Weise des Verstehens haben. Sie trifft überall auf Personen, die auf der Suche sind oder einfach die Gute Nachricht erwarten. Allen schuldet die Kirche das Wort, das rettet (vgl. Röm 1, 14). In positiver Perspektive kommt es darauf an, die „Samen des Evangeliums“ (semina Verbi), welche unter den Völkern ausgestreut sind, zu erkennen. Sie können eine echte Vorbereitung auf das Evangelium darstellen.[106] Besonders die Religionen und die religiöse Traditionen, die auf Grund ihres Alters und ihrer Verbreitung in der ganzen Welt bekannt sind, wie der Hinduismus, der Buddhismus und der Taoismus müssen von Seiten der Katholiken im Hinblick auf einen respektvollen und aufrichtigen Dialog Gegenstand des Studiums sein.

«Mit Hochachtung betrachtet die Kirche auch die Muslime, die den alleinigen Gott anbeten, den lebendigen und in sich seienden, barmherzigen und allmächtigen, den Schöpfer Himmels und der Erde, der zu den Menschen gesprochen hat» (NA 3). Wie die Christen und die Juden beziehen auch sie sich auf Abraham, und versuchen, ihn in seiner Ergebenheit Gott gegenüber nachzuahmen, den sie vor allem durch das Gebet, das Almosen und das Fasten ehren. Auch, wenn sie Jesus nicht als Gott anerkennen, verehren sie ihn als Prophet und sie ehren auch Maria, seine jungfräuliche Mutter (vgl. NA 3). Sie erwarten den Tag des Gerichts und schätzen ein moralisches Leben.

Der Dialog der Christen mit den Muslimen und den Mitgliedern der anderen Religionen wird dringlich und erlaubt eine bessere gegenseitige Kenntnis und Zusammenarbeit in der Förderung der religiösen, ethischen und moralischen Werte. Dies trägt zum Aufbau einer besseren Welt bei.

Das Treffen von Assisi im Jahr 1986 erinnert daran, dass das Hören auf Gott dazu führen muss, jede Form der Gewalt zu überwinden, damit Er im Herzen der Menschen und in ihren Werken für die Förderung der Gerechtigkeit und des Friedens tätig werden kann.[107] Wie es der Heilige Vater Benedikt XVI. sagt: «Wir wollen die Wege der Versöhnung suchen und lernen, im gegenseitigen Respekt vor der Identität des Anderen zu leben».[108]

Bei den Gelegenheiten, in denen man versucht, die Bibel mit den heiligen Texten der anderen Religionen zu vergleichen, ist es zu vermeiden, auch auf Grund der verschiedenen Auffassungen im Hinblick auf die Inspiration der heiligen Texte, in Synkretismus, oberflächliche Zugehensweisen und Verformungen der Wahrheit zu verfallen.

Besondere Aufmerksamkeit ist auf die verschiedenen Sekten zu richten, welche in den einzelnen Kontinenten tätig sind, und sich für abweichende Ziele und mit der Kirche fremden Methoden der Bibel bedienen.

Die Bibel gehört nicht nur den Christen, sondern ist ein Schatz für die ganze Menschheit. Durch einen brüderlichen und persönlichen Kontakt kann sie auch für jene, die nicht an Christus glauben, zur Quelle der Inspiration werden.

Das Wort Gottes, Sauerteig der modernen Kulturen

Im Verlauf der Jahrhunderte ist das Buch der Bibel in die verschiedenen Kulturen eingedrungen und hat dabei die verschiedenen Bereiche des philosophischen, pädagogischen, naturwissenschaftlichen, künstlerischen und literarischen Wissens bereichert. Das biblische Gedankengut ist so stark in die Kultur eingedrungen, dass es zur Synthese und zur Seele der Kultur selbst geworden ist. Der damalige Kardinal Ratzinger hat dies in einem Kommentar zur Enzyklika Fides et Ratio folgendermaßen ausgedrückt: «Schon in der Bibel selbst wird ein Patrimonium an vielfältigen religiösen und philosophischen Gedanken erarbeitet, welche aus verschiedenen Kulturwelten stammen. Das Wort Gottes entwickelt sich im Kontext einer Reihe von Begegnung mit der Suche des Menschen nach einer Antwort auf seine letzten Fragen. Es ist nicht direkt vom Himmel gefallen, sondern es ist tatsächlich eine Synthese der Kulturen».[109]Die ökonomischen und technischen Einflüsse säkularistischer Prägung, welche durch die breite Aktivität der Massenmedien verstärkt werden, erfordern einen intensiveren Dialog zwischen Bibel und Kultur. Dieser kann manchmal dialektisch sein, ist aber immer reich an Möglichkeiten der Verkündigung, denn er ist reich an Fragen nach dem Sinn, welche im Wort des Herrn eine befreiende Antwort finden.

Das bedeutet, dass das Wort Gottes als Sauerteig in eine pluralistische und säkularisierte Welt eintreten will, in die modernen Areopage, um«die Kraft des Evangeliums in das Herz der Kultur und der Kulturen zu bringen»[110]um sie zu reinigen, zu erhöhen und zu Instrumenten des Reiches Gottes zu machen. Das erfordert eine Inkulturation des Wortes Gottes, die nicht oberflächlich verwirklicht werden kann, sondern entsprechend auf die Auseinandersetzung mit anderen Positionen vorbereitet werden muss, damit die Identität des christlichen Wesens und seine wirksame Wohltat jedem Menschen gegenüber deutlich wird. In diesem Zusammenhang muss auch die Erforschung der so genannten Wirkungsgeschichte der Bibel in der Kultur und im gemeinsamen Ethos gepflegt werden, die dazu geführt hat, sie vor allem im Westen als das Buch der Bücher zu bezeichnen. So sagt der Heilige Vater Benedikt XVI.: «Mehr denn je ist heute die gegenseitige Öffnung unter den Kulturen ein bevorzugter Boden für den Dialog zwischen Menschen, die sich jenseits aller sie trennenden Divergenzen für die Suche nach einem echten Humanismus einsetzen. Auch auf kulturellem Gebiet hat das Christentum allen die mächtigste Kraft der Erneuerung und Erhebung zu bieten, das heißt die Liebe Gottes, die zu menschlicher Liebe wird».[111] Die vielen katholischen Kulturzentren, die es in der Welt gibt, übernehmen diese Aufgabe mit großem Einsatz und Verdienst.

Das Wort Gottes und die Geschichte der Menschen

Während des II. Vatikanischen Konzils hat Papst Paul VI. die Kirche als «Dienerin der Menschheit» umschrieben,[112] dazu bestellt, die Welt entsprechend dem Maß Jesu Christi, des perfekten Menschen (GS 22) auf das Reich Gottes hin auszurichten. Die Kirche anerkennt daher die Spur Gottes in der Geschichte, die von der Freiheit der Menschen gestaltet und von der göttlichen Gnade erhalten wird.

In diesem Zusammenhang ist sich die Kirche dessen bewusst, dass das Wort Gottes auch in den Ereignissen und den Zeichen der Zeit gesucht werden muss, durch welche Gott sich in der Geschichte offenbart. So sagt das Zweite Vatikanische Konzil: «Zur Erfüllung dieses ihres Auftrags [der Welt zu dienen] obliegt der Kirche allzeit die Pflicht, nach den Zeichen der Zeit zu forschen und sie im Licht des Evangeliums zu deuten. So kann sie dann in einer jeweils einer Generation angemessenen Weise auf die bleibenden Fragen der Menschen nach dem Sinn des gegenwärtigen und des zukünftigen Lebens und nach dem Verhältnis beider zueinander Antwort geben» (GS 4). Sie, die in die menschlichen Lebensvollzüge einbezogen ist, hat die Aufgabe, «in den Ereignissen, Bedürfnissen und Wünschen, die es zusammen mit den übrigen Menschen unserer Zeit teilt, zu unterscheiden, was darin wahre Zeichen der Gegenwart oder der Absicht Gottes sind» (GS 11). Indem sie auf diese Weise durch all ihre Glieder ihre prophetische Aufgabe erfüllt, kann sie der Menschheit dabei helfen, in der Geschichte den Weg zu finden, der sie vom Tod befreit und zum Leben führt.

So ruft der Heilige Geist die ganze Kirche dazu auf, das Wort Gottes als Quelle der Gnade, der Freiheit, des Friedens, des Schutzes alles Geschaffenen zu verkünden, und dabei das Wort des Herrn entsprechend der verschiedenen Kompetenzen und in Zusammenarbeit mit Menschen guten Willens in die Tat umzusetzen. Die ersten Worte, die Gott in der Bibel im Hinblick auf die Erschaffung der Welt und des Menschen spricht, sind dabei Bezugspunkt und Ermutigung: «Gott sah […] dass es gut war […] sehr gut» (Gen 1, 4.31). Gleiches gilt verstärkt für die Worte und das Beispiel Jesu. Der tatsächliche Einsatz zur Förderung der Gerechtigkeit und der Menschenrechte, die Beteiligung der Katholiken am öffentlichen Leben, die Pflege der Umwelt als Haus aller, finden in der Bibel – nicht ohne eine entsprechende kulturelle Vermittlung – Inspiration und Motivation.

Auf diese Weise wird das Wort, das Jesus als Samen des Reiches ausgestreut hat, seinen Lauf in der Geschichte der Menschen fortsetzen (vgl. 2 Thess 3, 1) und wenn Jesus in Herrlichkeit erscheint, als Einladung erschallen, an der Freude seines Reiches ganz und gar teilzunehmen (vgl. Mt 25, 24).Auf dieses sichere Versprechen antwortet die Kirche mit ihrem unermüdlichen Gebet: „Marana tha. Komm, o Herr.“ (1 Kor 16, 22; vgl. Offb 22, 20).

Zusammenschau

«Das Wort Christi wohne mit seinem ganzen Reichtum bei euch. Belehrt und ermahnt einander in aller Weisheit! Singt Gott in eurem Herzen Psalmen, Hymnen und Lieder, wie sie der Geist eingibt, denn ihr seid in Gottes Gnade. Alles, was ihr in Worten und Werken tut, geschehe im Namen Jesu, des Herrn. Durch ihn dankt Gott, dem Vater!» (Kol 3, 16-17).
Das Wort Gottes, Geschenk an die Kirche

In seiner Güte wollte der dreieine Gott dem Menschen das Geheimnis seines seit Jahrhunderten verborgenen Lebens mitteilen (vgl. Eph 3, 9). In seinem eingeborenen Sohn Jesus Christus hat Gott der Vater in der Gnade des Heiligen Geistes sein endgültiges Wort gesprochen, das jeden Menschen herausfordert, der in diese Welt kommt. Grundlegende Bedingung für die Begegnung des Menschen mit Gott ist das ehrfürchtige Hören des Wortes. Es ist insofern möglich, ein Leben aus dem Geist zu führen, als es gelingt, dem Wort Raum zu geben, das Wort Gottes im menschlichen Herzen wieder geboren werden zu lassen. Von sich aus kann der Mensch das Wort Gottes nicht ergründen. Das Wort kann von ihm Besitz ergreifen und ihn bekehren, indem es ihn seinen Reichtum und seine Geheimnisse entdecken lässt, und ihm Horizonte des Sinns sowie Perspektiven der Freiheit und der menschlichen Reifung eröffnet (vgl. Eph 4, 13). Die Kenntnis der Heiligen Schrift ist das Werk eines kirchlichen Charismas, das den Gläubigen in die Hand gegeben wird, die sich dem Geist öffnen.

Der Hl. Maximus der Bekenner sagt: «Wenn die Worte Gottes einfach nur ausgesprochen werden, hört man nicht auf sie, denn ihnen fehlt bei denjenigen, die sie sagen, die Stimme des Tuns. Wenn sie aber in Verbindung mit der Befolgung der Gebote ausgesprochen werden, haben sie mit dieser Stimme die Kraft, die Dämonen zu vertreiben, und die Menschen dazu zu bringen, den göttlichen Tempel des Herzens mit dem Fortschritt in den Werken der Gerechtigkeit zu errichten».[113] Es geht darum, sich wie Maria, die hörende Jungfrau, in einem Klima der Einfachheit und des anbetenden Gebetes dem stillen Lobpreis des Herzens hinzugeben, denn alle Worte Gottes sind in der Liebe zusammengefasst und werden in Liebe gelebt (vgl. Dtn 6, 5; Joh 13, 34-35).

Als Gemeinschaft der Glaubenden ist die Kirche vom Wort Gottes zusammen gerufen. Sie ist das bevorzugte Umfeld, in dem die Gläubigen Gott begegnen, der nicht aufhört, in der Liturgie, im Gebet und im Dienst der Liebe zu ihnen zu sprechen. Durch das gefeierte Wort, vor allem in der Eucharistie, gliedern sich die Gläubigen immer mehr in die Gemeinschaft der Kirche ein, die ihren Ursprung in der Dreifaltigkeit, dem Geheimnis unendlicher Gemeinschaft, hat.

Der Vater, der in der Liebe des Heiligen Geistes alles, was ist, durch den Sohn und auf ihn hin schafft (vgl. Kol 1, 16), setzt dieses ihm eigene Werk in dem fort, was der Sohn hier auf Erden wirkt (vgl. Joh 5, 17). Seine Kirche, die Kirche des fleischgewordenen Wortes ist sein Werk. Sie ist ein Weg, der auf der einen Seite von Gott zum Menschen absteigt und auf der anderen Seite vom Menschen zu Gott aufsteigt (vgl. Joh 3, 13). Durch dieses lebendige und wirksame Wort (vgl. Hebr 4, 12) wird die Kirche geboren und aufgebaut (vgl. Joh 15, 16; Apg 2, 41f.) und findet sie die Fülle des Lebens (vgl. Joh 10, 10).

Durch das Gebot Jesu, des auferstandenen Herrn, ist die Kirche, die von den Aposteln geleitete Gemeinschaft seiner Jünger, dazu gesandt, immer und überall das Heil zu verkünden, in der Treue zum Wort des Meisters: «Geht in die ganze Welt und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen» (Mk 16, 15).

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[1] Cf. Synodus Episcoporum, Relatio finalis Synodi episcoporum Exeunte coetu secundo: Ecclesia sub verbo Dei mysteria Christi celebrans pro salute mundi (7.12.1985) B, a), 1-4: Enchiridion del Sinodo dei Vescovi 1, EDB, Bologna 2005, pp. 2316-2320.
[2] Benedictus XVI, Adhort. Apost. post-syn. Sacramentum caritatis (22.2.2007), 6; 52: AAS 99 (2007) 109-110; 145.
[3]Ioannes Paulus II, Litt. Enc. Redemptoris missio (7.12.1990), 56: AAS 83 (1991) 304.
[4] Cf. Benedictus XVI, Litt. Enc. Deus caritas est (25.12.2005), 1: AAS 98 (2006) 217.
[5] S. Irenaeus, Adversus Haereses IV, 34, 1: SChr100, 847.
[6] Cf. S. Bernardus, Super Missus est, Homilia IV, 11: PL 183, 86.
[7] Origenes, In Johannem V, 5-6: SChr 120, 380-384.
[8] Benedictus XVI, Ad Conventum Internationalem La Sacra Scrittura nella vita della Chiesa (16.9.2005): AAS 97 (2005) 957. Cf. Paulus VI, Epist. Apost. Summi Dei Verbum (4.11.1963): AAS 55 (1963) 979-995; Ioannes Paulus II, Udienza Generale (22.5.1985): L’Osservatore Romano (23.5.1985), p. 6; Discorso sull’interpretazione della Bibbia nella Chiesa (23.4.1993): L’Osservatore Romano (25.4.1993), pp. 8-9; Benedictus XVI, Angelus (6.11.2005): L’Osservatore Romano (7-8.11.2005), p. 5.
[9] Cf. Catechismus Catholicae Ecclesiae, 825.
[10] Benedictus XVI, Ad Conventum Internationalem La Sacra Scrittura nella vita della Chiesa (16.09.2005): AAS 97 (2005) 956.
[11] S. Hieronimus, Com. In Is., Prol.: PL 24, 17.
[12] Cf. Catechismus Catholicae Ecclesiae, 120.
[13] Cf. Pontificia Commissio Biblica, L’interprétation de la Bible dans l’Église (15.4.1993), IV, C 3: Enchiridion Vaticanum 13, EDB, Bologna 1995, p. 1724.
[14] Cf. Pontificia Commissio Biblica, Le peuple juif et ses Saintes Écritures dans la Bible Chrétienne (24.5.2001), 19: Enchiridion Vaticanum 20, EDB, Bologna 2004, pp. 570-574.
[15] S. Augustinus, Quaestiones in Heptateucum, 2, 73: PL 34, 623; cf. DV 16.
[16] S. Gregorius Magnus, In Ezechielem, I, 6, 15: CCL 142, 76.
[17] Cf. Catechismus Catholicae Ecclesiae, 83; Ratzinger J., Commento alla Dei Verbum, L Th K, 2, pp. 519-523.
[18] Cf. S. Bonaventura, Itinerarium mentis in Deum, II, 12: ed. Quaracchi, 1891, vol. V, p. 302s.Cf. Ratzinger J., Un tentativo circa il problema del concetto di tradizione: Rahner K. – Ratzinger J., Rivelazione e Tradizione, Morcelliana, Brescia 2006, pp. 27-73.
[19] Cf. Pontificia Commissio Biblica, L’interprétation de la Bible dans l’Église (15.4.1993), IV, A-B: Enchiridion Vaticanum 13, EDB, Bologna 1995, pp. 1702-1714.
[20] Cf. ibidem, I, A-F, pp. 1568-1634.
[21] Cf. Catechismus Catholicae Ecclesiae, 115-119; Pontificia Commissio Biblica, L’interprétation de la Bible dans l’Église (15.4.1993), I, F: Enchiridion Vaticanum 13, EDB, Bologna 1995, pp. 1628-1634.
[22] Cf. Catechismus Catholicae Ecclesiae, 117.
[23] Pontificia Commissio Biblica, L’interprétation de la Bible dans l’Église (15.4.1993), II, B 2: Enchiridion Vaticanum 13, EDB, Bologna 1995, pp. 1648-1650.
[24] Ibidem, I, pp. 1568-1628.
[25] Cf. Catechismus Catholicae Ecclesiae, 109-114.
[26] Benedictus XVI, Discorso ai Vescovi della Svizzera (7.11.2006): L’Osservatore Romano (10.11.2006), 4; cf. Ratzinger J., Gesù di Nazaret, Rizzoli, Milano 2007, pp. 7-20.
[27] Missale Romanum, Ordo Lectionum Missae: Editio typica altera, Libreria Editrice Vaticana, Città del Vaticano 1981: Praenotanda, 8.
[28] Pontificia Commissio Biblica, L’interprétation de la Bible dans l’Église (15.4.1993), II, B 2: Enchiridion Vaticanum 13, EDB, Bologna 1995, p. 1650.
[29] Cf. ibidem, III, B 2, pp. 1672-1676.
[30] Cf. Benedictus XVI, Ad sacrorum alumnos Seminarii Romani Maioris (19.2.2007): AAS 99 (2007) 254.
[31] S. Ambrosius, De officiis ministrorum, I, 20, 88: PL 16, 50.
[32] Benedictus XVI, Litt. Enc. Deus caritas est (25.12.2005), 41: AAS 98 (2006) 251.
[33] Isaac De Stella, Serm. 51: PL 194, 1862-1863.1865.
[34] Cf. S. Ambrosius, Evang. secundum Lucam 2, 19: CCL 14, 39.
[35] Ioannes Paulus II, Epist. Apost. Rosarium Virginis Mariae (16.10.2002), 1; 3; 18; 30: AAS 95 (2003) 5; 7; 17; 27.
[36] S. Gregorius Magnus, Registrum Epistolarum V, 46, ed. Ewald-Hartmann, 345-346.
[37] Pontificia Commissio Biblica, L’interprétation de la Bible dans l’Église (15.4.1993), IV, C 3: Enchiridion Vaticanum 13, EDB, Bologna 1995, p. 1724.
[38] Cf. Catechismus Catholicae Ecclesiae, 115-119.
[39] Pontificia Commissio Biblica, L’interprétation de la Bible dans l’Église (15.4.1993), I, F: Enchiridion Vaticanum 13, EDB, Bologna 1995, p. 1630.
[40] Cf. Ioannes Paulus II, Discorso sull’interpretazione della Bibbia nella Chiesa (23.4.1993): L’Osservatore Romano (25.4.1993), pp. 8-9.
[41] Missale Romanum, Ordo Lectionum Missae: Editio typica altera, Libreria Editrice Vaticana, Città del Vaticano 1981: Praenotanda, 9.
[42] Petrus Damascenus, Liber II, vol. III, 159: La Filocalia, 3, Torino 1985, p. 253.
[43] Cf. Congregatio pro Clericis, Directorium generale pro catechesi (15.8.1997), 47-49: Enchiridion Vaticanum 16, EDB, Bologna 1999, pp. 662-664.
[44] Cf. Euchologion Serapionis, 19-20, ed. Johnson M.E., The Prayers of Serapion of Thmuis (Orientalia Christiana Analecta 249), Roma 1995, pp. 70-71.
[45] Ioannes Paulus II, Epist. Apost. Dies Domini (31.5.1998), 41: AAS 90 (1998) 738-739.
[46] Waltramus, De unitate Ecclesiae conservanda: 13, ed. W. Schwenkenbecher, Hannoverae 1883, p. 33: *Dominus enim Iesus Christus ipse est, quod praedicat Verbum Dei, ideoque Corpus Christi intelligitur etiam Evangelium Dei, doctrina Dei, Scriptura Dei+.
[47] Origenes, In Ps. 147: CCL 78, 337.
[48] Cf. Benedictus XVI, Adhort. Apost. post-syn. Sacramentum caritatis (22.2.2007), 44-46: AAS 99 (2007) 139-141.
[49] S. Hieronymus, Commentarius in Ecclesiasten, 313: CCL 72, 278.
[50] Ioannes Paulus II, Litt. Apost. Novo millennio ineunte (6.1.2001), 36: AAS 93 (2001) 291.
[51] Cf. Benedictus XVI, Adhort. Apost. post-syn. Sacramentum caritatis (22.2.2007), 44-48: AAS 99 (2007) 139-142.
[52]Cf. ibidem, 46: AAS 99 (2007) 141.
[53] Pontificia Commissio Biblica, L’interprétation de la Bible dans l’Église (15.4.1993), IV, C 2: Enchiridion Vaticanum 13, EDB, Bologna 1995, p. 1718.
[54] Cf. Ioannes Paulus II,Adhort. Apost. post-syn. Pastores dabo vobis (25.3.1992), 47: AAS 84 (1992) 740-742; Benedictus XVI, Incontro con i giovani romani (6.4.2006): L’Osservatore Romano (7.4.2006), p. 5; Messaggio per la Giornata Mondiale della Gioventù (22.2.2006): L’Osservatore Romano (27-28.2.2006), p. 5.
[55] Ioannes Paulus II, Litt. Apost. Novo millennio ineunte (6.1.2001), 39: AAS 93 (2001) 294.
[56] Benedictus XVI, Ad Conventum Internationalem La Sacra Scrittura nella vita della Chiesa (16.9.2005): AAS 97 (2005) 957.
[57] Benedictus XVI, Incontro con i giovani romani (6.4.2006): L’Osservatore Romano (7.4.2006), p. 5.
[58] Benedictus XVI, Messaggio per la Giornata Mondiale della Gioventù (22.2.2006): L’Osservatore Romano (27-28.2.2006), p. 5.
[59] Benedictus XVI, Ad Conventum Internationalem La Sacra Scrittura nella vita della Chiesa (16.9.2005): AAS 97 (2005) 957. Cf. DV 21.25; PO 18-19; Catechismus Catholicae Ecclesiae, 1177; Ioannes Paulus II, Adhort. Apost. post-syn. Pastores dabo vobis (25.3.1992), 47: AAS 84 (1992) 740-742; Adhort. Apost. post-syn. Vita consecrata (25.3.1996), 94: AAS 88 (1996) 469-470; Litt. Apost. Novo millennio ineunte (6.1.2001), 39-40: AAS 93 (2001) 293-295; Adhort. Apost. post-syn.Ecclesia in Oceania (22.11.2001), 38: AAS 94 (2002) 411; Adhort. Apost. post-syn. Pastores gregis (16.10.2003), 15: AAS 96 (2004) 846-847.
[60]Cf. Ioannes Paulus II, Adhort. Apost. post-syn. Vita consecrata (25.3.1996), 94: AAS 88 (1996) 469-470.
[61] Pontificia Commissio Biblica, L’interprétation de la Bible dans l’Église (15.4.1993), I, E 1: Enchiridion Vaticanum 13, EDB, Bologna 1995, p. 1622.
[62]Benedictus XVI, Litt. Enc. Deus caritas est (25.12.2005), 22: AAS 98 (2006) 234-235.
[63] Benedictus XVI, Litt. Enc. Spe salvi (30.11.2007), 2: AAS 99 (2007) 986.
[64]Cf. Ratzinger J., Gesù di Nazaret, Rizzoli, Milano 2007, p. 19.
[65]Cf. ibidem, p. 275.
[66] S. Ambrosius, De officiis ministrorum, I, 20, 88: PL 16, 50.
[67] S. Augustinus, Enarrat. in Ps. 85, 7: CCL 39, 1177.
[68] Cf. Origenes, In Genesim homiliae, 2.6: SChr7 bis, 108.
[69] Cf. Ioannes Paulus II, Litt. Enc. Redemptoris missio (7.12.1990), 33: AAS 83 (1991) 277-278.
[70] Cf. Ioannes Paulus II, Litt. Apost. Novo millennio ineunte (6.1.2001), 40: AAS 93 (2001) 294.
[71] S. Augustinus, De doctrina Christiana, I, 35, 39 – 36, 40: PL 34, 34.
[72] Cf. Benedictus XVI, Litt. Enc. Deus caritas est (25.12.2005): AAS 98 (2006) 217-252.
[73] Ioannes Paulus II, Litt. Apost. Novo millennio ineunte (6.1.2001), 39: AAS 93 (2001) 293.
[74]Congregatio pro Clericis, Directorium generale pro catechesi (15.8.1997), 94: Enchiridion Vaticanum 16, EDB, Bologna 1999, pp. 738-740; cf. Ioannes Paulus II, Adhort. Apost. Catechesi tradendae (16.10.1979), 27: AAS 71 (1979) 1298.
[75] Cf. Congregatio de Cultu Divino et Disciplina Sacramentorum, Direttorio su pietà popolare e liturgia (9.4.2002), 87-89, Libreria Editrice Vaticana, Città del Vaticano 2002, pp. 81-82.
[76] Cf. Congregatio pro Clericis, Directorium generale pro catechesi (15.8.1997), I, 2: Enchiridion Vaticanum 16, EDB, Bologna 1999, pp. 684-708.
[77] Ibidem, 127, p. 794; cf. Ioannes Paulus II, Adhort. Apost. Catechesi tradendae (16.10.1979), 27: AAS 71 (1979) 1298..
[78] Ioannes Paulus II, Const. Apost. Fidei depositum (11.10.1992), IV: AAS 86 (1994) 117.
[79]Cf. Ioannes Paulus II, Adhort. Apost. post-syn. Pastores gregis (16.10.2003), III: AAS 96 (2004) 859-867.
[80]Benedictus XVI, Allocutio In inauguratione operum V Coetus Generalis Episcoporum Americae Latinae et Regionis Caraibicae (13.5.2007), 3: AAS 99 (2007) 450.
[81] Cf. CIC can. 757; CCEO can. 608; 614.
[82] Cf. Missale Romanum, Institutio generalis, 66, editio typica III, Typis Vaticanis 2002, p. 34.
[83] Cf. CIC can. 766, CCEO can. 614, § 3; 4.
[84] Cf. Ioannes Paulus II, Adhort. Apost. post-syn. Christifideles laici (30.12.1988), 8.14: AAS 81 (1989) 404-405; 409-411; CIC can. 204; CCEO can. 7, 1.
[85] Ioannes Paulus II, Adhort. Apost. post-syn. Christifideles laici (30.12.1988), 14: AAS 81 (1989) 411.
[86] Paulus VI, Voti e norme per il IV Congresso Nazionale Francese dell’insegnamento religioso (1-3.4.1964): L’Osservatore Romano (4.4.1964), p. 1.
[87] Ioannes Paulus II, Adhort. Apost. post-syn. Vita consecrata (25.3.1996), 94: AAS 88 (1996) 469.
[88] Cf. S. Ambrosius, Epist. 49, 3: PL 16, 1154 B.
[89] Cf. Benedictus XVI, Allocuzione in occasione della Giornata Mondiale della Vita Consacrata (2.2.2008): L’Osservatore Romano (4-5.2.2008), p. 8.
[90] Cf. Ioannes Paulus II, Adhort. Apost. post-syn. Vita consecrata (25.3.1996), 94: AAS 88 (1996) 469.
[91] Ibidem.
[92] Cf. CIC can. 825; CCEO can. 662 §1; 654.
[93] Cf. Congregatio pro Doctrina Fidei, Nota dottrinale su alcuni aspetti dell’evangelizzazione (3.12.2007): L’Osservatore Romano (15.12.2007), pp. 4-5.
[94] Cf. Benedictus XVI, Messaggio del Santo Padre per la XXI Giornata Mondiale della Gioventù (22.2.2006): L’Osservatoro Romano (27-28.2.2006), p. 5.
[95] Congregatio pro Clericis, Directorium generale pro catechesi (15.8.1997), 160: Enchiridion Vaticanum 16, EDB, Bologna 1999, p. 844; Cf. Paulus VI, Adhort. Apost. Evangelii nuntiandi (8.12.1975), 45: AAS 68 (1976) 35; Ioannes Paulus II, Litt. Enc. Redemptoris missio (7.12.1990), 37: AAS 83 (1991) 284-286; CIC can. 761; CCEO can. 651 § 1.
[96] Cf. Congregatio pro Clericis, Directorium generale pro catechesi (15.8.1997), 161: Enchiridion Vaticanum 16, EDB, Bologna 1999, p. 846.
[97] Cf. Benedictus XVI, Pontificatus exordia: Sermo ad S.R.E. Cardinales ad universumque orbem catholicum (20.4.2005), 5: AAS 97 (2005) 697-698.
[98] Benedictus XVI, AllocutioIl mondo attende la testimonianza comune dei cristiani (25.1.2007): L’Osservatore Romano (27.1.2007), pp. 4-5.
[99] Cf. Ioannes Paulus II, Allocutio Mogontiaci ad Iudaeos habita Veteris Testamenti Haereditas ad pacem et iustitiam fovendas trahit (Mainz, 17.11.1980): AAS 73 (1981) 78-82.
[100] Ioannes Paulus II, Ai partecipanti all’incontro di studio su Radici dell’antigiudaismo in ambiente cristiano (31.10.1997), 3: Insegnamenti di Giovanni Paolo II, 20/2, Libreria Editrice Vaticana, Città del Vaticano 2000, p. 725.
[101]Cf. Pontificia Commissio Biblica, Le peuple juif et ses Saintes Écritures dans la Bible chrétienne (24.5.2001): Enchiridion Vaticanum 20, EDB, Bologna 2004, pp. 506-834.
[102] Ibidem, 2, p. 524; cf. Ratzinger J., Gesù di Nazaret, Rizzoli, Milano 2007, pp. 127ss.
[103]Cf. Pontificia Commissio Biblica, Le peuple juif et ses Saintes Écritures dans la Bible chrétienne (24.5.2001),22: Enchiridion Vaticanum 20, EDB, Bologna 2004, pp. 584-586.
[104] Cf. Ioannes Paulus II, Messaggio agli Ebrei polacchi in occasione del 50º Anniversario dell’insurrezione (6.4.1993): Insegnamenti di Giovanni Paolo II, 16/1, Libreria Editrice Vaticana, Città del Vaticano 1993, p. 830: «Come cristiani ed ebrei, seguendo l’esempio della fede di Abramo, siamo chiamati ad essere una benedizione per il mondo. Questo è il compito comune che ci attende. È dunque necessario per noi, cristiani ed ebrei, essere prima una benedizione l’uno per l’altro».
[105] Cf. Congregatio pro Doctrina Fidei, Declaratio Dominus Jesus (6.8.2000), 20-22: AAS 92 (2000) 761-764.
[106]Cf. Congregatio pro Clericis, Directorium generale pro catechesi (15.8.1997), 109: Enchiridion Vaticanum 16, EDB, Bologna 1999, pp. 764-766.
[107] Cf Benedictus XVI, Nuntii ob diem ad Pacem fovendam Nella verità, la pace (8.12.2005): AAS 98 (2006) 56-64;La persona umana, cuore della pace (8.12.2006): L’Osservatore Romano (13.12.2006), pp. 4-5.
[108]Benedictus XVI, Allocutio Ai rappresentanti di alcune comunità musulmane (20.8.2005): L’Osservatore Romano (22-23.8.2005), p. 5.
[109] Ratzinger J., Allocutio Fede e Ragione in occasione dell’incontro su “La Fede e la ricerca di Dio” (Roma 17.11.1998): L’Osservatore Romano (19.11.1998), p. 8.
[110] Ioannes Paulus II, Adhort. Apost. Catechesi tradendae (16.10.1979), 53: AAS 71 (1979) 1320.
[111] Benedictus XVI, Allocutio Al Pontificio Consiglio della Cultura (15.6.2007): L’Osservatore Romano (16.6.2007), p. 1.
[112] Paulus VI, Homilia ad Patres conciliares (7.12.1965): AAS 68 (1966) 57.
[113] S. Maximus Confessor, Capitum theologicorum et oeconomicorum duae centuriae IV, 39: MG 90, 1084.

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Quelle

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»Die Bibel beschäftigt sich nicht mit den Einzelheiten der physischen Welt, deren Kenntnis der Erfahrung und dem Nachdenken des Menschen anvertraut wird.«

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ANSPRACHE VON JOHANNES PAUL II.
AN DIE TEILNEHMER DER VOLLVERSAMMLUNG DER
PÄPSTLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN

31. Oktober 1992

 

Meine Herren Kardinäle, Exzellenzen,
meine Damen und Herren!

1. Der Abschluß der Vollversammlung der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften bietet mir die willkommene Gelegenheit, ihre ehrenwerten Mitglieder zu treffen in Anwesenheit meiner wichtigsten Mitarbeiter und der Chefs der diplomatischen Missionen, die beim Heiligen Stuhl akkreditiert sind. Allen gilt mein herzlicher Gruß. Meine Gedanken richten sich in dieser Stunde an Professor Marini-Bettólo, der aus Krankheitsgründen nicht unter uns weilen kann; ich wünsche ihm von Herzen alles Gute für baldige Genesung und versichere ihn meines Gebetes.

Begrüßen möchte ich ferner jene Persönlichkeiten, die zum erstenmal an eurer Akademie teilnehmen; ich danke ihnen, daß sie zugestimmt haben, zu euren Arbeiten mit ihrem Fachwissen beizutragen.

Ferner begrüße ich gern den hier anwesenden Professor Adi Shamir, Professor am »Weizmann-Institut der Wissenschaften« in Rehovot (Israel), dem die Akademie die Goldmedaille Pius’ XI. verliehen hat. Ich spreche ihm zugleich meine herzlichsten Glückwünsche aus.

Auf zwei Themen ist heute unsere Aufmerksamkeit gerichtet. Sie sind eben fachkundig vorgestellt worden, und ich möchte Kardinal Paul Poupard und Pater George Coyne für ihre Darlegungen danken.

2. An erster Stelle möchte ich die Päpstliche Akademie der Wissenschaften dazu beglückwünschen, daß sie auf ihrer Vollversammlung ein ebenso wichtiges wie aktuelles Thema behandeln wollte: nämlich die komplexen Verhältnisse auf den Gebieten der Mathematik, Physik, Chemie und Biologie.

Das Thema der komplexen Verhältnisse bedeutet wahrscheinlich in der Geschichte der Naturwissenschaften einen ebenso wichtigen Abschnitt wie jener, der mit dem Namen Galilei verbunden ist. Damals glaubte man, man müsse ein eindeutiges Ordnungsmodell vorlegen. Die komplexen Verhältnisse weisen aber gerade darauf hin, daß wer den Reichtum der Wirklichkeit berücksichtigen möchte, notwendig eine Vielzahl von Modellen braucht.

Diese Feststellung wirft eine Frage auf, die Naturwissenschaftler, Philosophen und Theologen gleichermaßen anspricht: Wie soll man die Erklärung der Welt – ausgehend von den elementaren Seinsformen und Erscheinungen — mit der Anerkennung der Tatsache verbinden, daß »das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile«?

Will der Wissenschaftler streng und formal die Erfahrungstatsachen beschreiben, ist er gezwungen, auf über die strenge Wissenschaft hinausreichende Begriffe zurückzugreifen, deren Verwendung gleichsam von der Logik seines Vorgehens gefordert ist. Natürlich muß die Natur dieser Begriffe exakt verdeutlicht werden, denn sonst gelangt man zu unangemessenen Grenzüberschreitungen, die die streng wissenschaftlichen Entdeckungen mit einer Weltanschauung oder ideologischen oder philosophischen Aussagen verknüpft, die keineswegs streng dazugehören. Hier wird erneut die Wichtigkeit der Philosophie deutlich, die sowohl die Erscheinungen als auch ihre Deutung in Betracht zieht.

3. Denken wir zum Beispiel an die Erarbeitung neuer wissenschaftlicher Theorien, die das Leben erklären sollen. Streng methodisch darf man sie nicht unmittelbar im einheitlichen Rahmen der Wissenschaft deuten. Zumal wenn man jenes Leben, das der Mensch ist, und sein Gehirn betrachtet, darf man nicht sagen, diese Theorien würden für sich allein schon ein Ja oder Nein zur Geistseele bedeuten, oder auch, sie würden einen Beweis für die Lehre von der Schöpfung bieten oder im Gegenteil sie überflüssig machen.

Das Bemühen um weitere Deutung ist notwendig. Und eben dies ist die Aufgabe der Philosophie: die Suche nach dem globalen Sinn der Erfahrungen und Phänomene, die die Wissenschaften zusammengetragen und analysiert haben.

Die heutige Kultur erfordert ein ständiges Bemühen um eine Synthese der Erkenntnisse und eine Integration des Wissens. Gewiß verdanken wir der Spezialisierung der Forschungen sichtbare Erfolge. Doch wenn sie nicht durch ein aufmerksames Bedenken der verschiedenen Akzente des Wissens im Gleichgewicht gehalten wird, besteht die große Gefahr, eine »Kultur der Bruchstücke« zu erreichen, die tatsächlich einer Leugnung echter Kultur gleichkäme. Echte Kultur ist nämlich ohne Menschlichkeit und Weisheit nicht vorstellbar.

4. Ähnliche Anliegen hatte ich am 10. November 1979 aus Anlaß der ersten Jahrhundertfeier seit der Geburt von Albert Einstein, als ich vor dieser gleichen Akademie den Wunsch aussprach, »daß Theologen, Gelehrte und Historiker, vom Geist ehrlicher Zusammenarbeit beseelt, die Überprüfung des Falles Galilei vertiefen und in aufrichtiger Anerkennung des Unrechts, von welcher Seite es auch immer gekommen sein mag, das Mißtrauen beseitigen, das dieses Ereignis noch immer bei vielen gegen eine fruchtbare Zusammenarbeit von Glaube und Wissenschaft, von Kirche und Welt hervorruft« (AAS 71,1979, S. 1464–1465). Am 3. Juli 1981 wurde eine entsprechende Studienkommission eingesetzt. Nun aber, gerade im Jahr, wo der 350. Jahrestag des Todes von Galilei wiederkehrt, legt die Kommission nach Abschluß ihrer Arbeiten eine Reihe von Publikationen vor. Ich möchte Kardinal Poupard meine lebhafte Wertschätzung dafür aussprechen, daß er in der Abschlußphase die Forschungsergebnisse der Kommission koordiniert hat. Allen Fachleuten aber, die irgendwie an den Arbeiten der vier Gruppen dieser die Fächer übergreifenden Studien teilgenommen haben, spreche ich meine tiefe Genugtuung und meinen lebhaften Dank aus. Die in über zehn Jahren geleistete Arbeit entspricht einer vom Zweiten Vatikanischen Konzil erlassenen Weisung und läßt die verschiedenen wichtigen Punkte der Frage besser hervortreten. In Zukunft wird man die Ergebnisse der Kommission berücksichtigen müssen.

Vielleicht wird man sich darüber wundern, daß ich am Ende einer Studienwoche der Akademie zum Thema der Komplexität der verschiedenen Wissenschaften auf den Fall Galilei zurückkomme. Ist dieser Fall denn nicht längst abgeschlossen, und sind die begangenen Irrtümer nicht längst anerkannt?

Gewiß stimmt das. Doch die diesem Fall zugrundeliegenden Probleme betreffen sowohl die Natur der Wissenschaft wie die der Glaubensbotschaft. Es ist daher nicht auszuschließen, daß wir uns eines Tages vor einer analogen Situation befinden, die von beiden Teilen ein waches Bewußtsein vom eigenen Zuständigkeitsbereich und seinen Grenzen erfordern wird. Das Thema der Komplexität könnte dann einen Hinweis liefern.

5. Bei der Auseinandersetzung, in deren Mittelpunkt Galilei stand, ging es um eine doppelte Frage.

Die erste betrifft das Verstehen und die Hermeneutik der Bibel. Hier sind zwei Punkte zu betonen. Vor allem unterscheidet Galilei wie der Großteil seiner Gegner nicht zwischen dem wissenschaftlichen Zugang zu den Naturerscheinungen und der philosophischen Reflexion über die Natur, die sie im allgemeinen erfordern. Daher lehnte er den ihm nahegelegten Hinweis ab, das kopernikanische System bis zu seiner durch unwiderlegliche Beweise erwiesenen Geltung als Hypothese vorzutragen. Das war im übrigen eine Forderung seiner experimentellen Methode, die er genial eingeführt hatte.

Ferner war die geozentrische Darstellung der Welt in der Kultur der Zeit allgemein als vollkommen der Lehre der Bibel entsprechend anerkannt, in der einige Aussagen, wenn man sie wörtlich nahm, den Geozentrismus zu bestätigen schienen. Das Problem, welches sich die Theologen der Zeit stellten, war also die Übereinstimmung des Heliozentrismus mit der Heiligen Schrift. So zwang die neue Wissenschaft mit ihren Methoden und der Freiheit der Forschung, die sie voraussetzte, die Theologen, sich nach ihren Kriterien für die Deutung der Bibel zu fragen. Dem Großteil gelang dies nicht.

Merkwürdigerweise zeigte sich Galilei als aufrichtig Glaubender in diesem Punkte weitsichtiger als seine theologischen Gegner. Er schreibt an Benedetto Castelli: »Wenn schon die Schrift nicht irren kann, so können doch einige ihrer Erklärer und Deuter in verschiedener Form irren« (Brief vom 21. Dezember 1613, in der »Edizione nazionale delle Opere di Galileo Galilei«, hrsg. von A. FAVARO, Neuausgabe 1968, Band V, S. 282). (Im weiteren zitiert als: Werk. Bekannt ist ferner sein Brief an Christina von Lorena, 1615, der einem kleinen Traktat zur Hermeneutik der Bibel gleichkommt, ebd., S. 307–348).

6. Schon hier können wir eine Schlußfolgerung ziehen. Wenn eine neue Form des Studiums der Naturerscheinungen auftaucht, wird eine Klärung des Ganzen der Disziplinen des Wissens nötig. Sie nötigt sie zur besseren Abgrenzung ihres eigenen Bereiches, ihrer Zugangsweise und ihrer Methoden, wie auch der genauen Tragweite ihrer Schlußfolgerungen. Mit anderen Worten, dieses Neue verpflichtet jede Disziplin, sich genauer ihrer eigenen Natur bewußt zu werden.

Die vom kopernikanischen System hervorgerufene Umwälzung machte also eine Reflexion darüber notwendig, wie die biblischen Wissenschaften zu verstehen sind, ein Bemühen, das später überreiche Früchte für die modernen exegetischen Arbeiten bringen sollte, die ferner in der Konzilskonstitution Dei Verbum eine Bestätigung und neuen Impuls erhalten haben.

7. Die Krise, die ich eben angedeutet habe, ist nicht der einzige Faktor, der auf die Deutung der Bibel Auswirkungen gehabt hat. Wir berühren hier den zweiten, nämlich pastoralen Aspekt des Problems. Kraft der ihr eigenen Sendung hat die Kirche die Pflicht, auf die pastoralen Auswirkungen ihrer Predigt zu achten.

Vor allem muß klar sein: Diese Predigt muß der Wahrheit entsprechen. Zugleich muß man es verstehen, eine neue wissenschaftliche Tatsache zu berücksichtigen, wenn sie der Wahrheit des Glaubens zu widersprechen scheint. Das pastorale Urteil angesichts der Theorie des Kopernikus war in dem Maße schwierig zu formulieren, wie der Geozentrismus scheinbar selbst zur Lehre der Heiligen Schrift gehörte. Es wäre nötig gewesen, gleichzeitig Denkgewohnheiten zu überwinden und eine neue Pädagogik zu entwickeln, die dem Volk Gottes weiterhelfen konnte. Sagen wir es allgemein: Der Hirte muß wirklich kühn sein und sowohl eine unsichere Haltung, aber auch ein voreiliges Urteil vermeiden, da das eine wie das andere großen Schaden hervorrufen könnte.

8. Hier können wir an eine analoge Krise zu der erinnern, von der wir sprechen. Im vergangenen Jahrhundert und zu Beginn des unseren hat der Fortschritt der historischen Wissenschaften neue Kenntnisse über die Bibel und ihr Umfeld möglich gemacht. Der rationalistische Kontext aber, in dem die Ergebnisse meist dargestellt wurden, konnte sie für den christlichen Glauben schädlich erscheinen lassen. So dachten manche, die den Glauben verteidigen wollten, man müsse ernsthaft begründete historische Schlußfolgerungen abweisen. Das war aber eine voreilige und unglückliche Entscheidung. Das Werk eines Pioniers wie P. Lagrange verstand die notwendigen Unterscheidungen aufgrund sicherer Kriterien anzubieten.

Hier wäre das zu wiederholen, was ich oben gesagt habe. Es ist eine Pflicht der Theologen, sich regelmäßig über die wissenschaftlichen Ergebnisse zu informieren, um eventuell zu prüfen, ob sie diese in ihrer Reflexion berücksichtigen oder ihre Lehre anders formulieren müssen.

9. Wenn die heutige Kultur von einer Tendenz der Wissenschaftsgläubigkeit gekennzeichnet ist, war der kulturelle Horizont der Zeit des Galilei einheitlich und von einer besonderen philosophischen Bildung geprägt. Dieser einheitliche Charakter einer Kultur, der an sich auch heute positiv und wünschenswert wäre, war einer der Gründe für die Verurteilung des Galilei. Die Mehrheit der Theologen vermochte nicht formell zwischen der Heiligen Schrift und ihrer Deutung zu unterscheiden, und das ließ sie eine Frage der wissenschaftlichen Forschung unberechtigterweise auf die Ebene der Glaubenslehre übertragen.

Wie Kardinal Poupard dargelegt hat, war Robert Bellarmin, der die wirkliche Tragweite der Auseinandersetzung erkannt hatte, seinerseits der Auffassung, daß man angesichts eventueller wissenschaftlicher Beweise für das Kreisen der Erde um die Sonne »bei der Erklärung der Schriftstellen, die gegen (eine Bewegung der Erde) zu sprechen scheinen«, sehr vorsichtig sein und »vielmehr sagen müsse, wir möchten das, was bewiesen wird, nicht als falsch hinstellen« (Brief an R.A. Foscarini, 12. April 1615, vgl. zit. Werk, Band XII, S. 172). Vor ihm hatte die gleiche Weisheit schon den heiligen Augustinus schreiben lassen: »Wenn jemand die Autorität der Heiligen Schriften gegen einen klaren und sicheren Beweis ausspielen würde, fehlt ihm das Verständnis, und er stellt der Wahrheit nicht den echten Sinn der Schriften entgegen, er hat diesen vielmehr nicht gründlich genug erfaßt und durch sein eigenes Denken ersetzt, also nicht das, was er in den Schriften, sondern das, was er bei sich selber gefunden hat, dargelegt, als ob dies in den Schriften stände« (Brief 143, Nr. 7; PL 33, col. 588). Vor einem Jahrhundert hat Papst Leo XIII. diesen Gedanken in seiner Enzyklika Providentissimus Deus aufgegriffen: »Da eine Wahrheit unmöglich einer anderen Wahrheit widersprechen kann, darf man sicher sein, daß ein Irrtum in der Deutung der heiligen Worte oder bei einem anderen Diskussionsgegenstand nur behauptet wurde« (Leonis XIII Pont. Max., Acta, vol. XIII, 1894, S. 361).

Kardinal Poupard hat uns ebenfalls dargelegt, daß das Urteil von 1633 nicht unwiderruflich war und die weitergehende Auseinandersetzung erst 1820, und zwar mit dem Imprimatur für das Werk des Kanonikus Settele, geendet hat (vgl. Päpstliche Akademie der Wissenschaften, Copernico, Galilei e la Chiesa, Fine della controversia [1820]. Die Akten des Heiligen Offiziums wurden von W. Brandmüller und E.J. Greipl, Florenz, Olschki, 1992 herausgegeben).

10. Ausgehend vom Zeitalter der Aufklärung bis in unsere Tage, hat der Fall Galilei eine Art Mythos gebildet, in dem das dargelegte Bild der Ereignisse von der Wirklichkeit weit entfernt war. In dieser Perspektive war dann der Fall Galilei zum Symbol für die angebliche Ablehnung des wissenschaftlichen Fortschritts durch die Kirche oder des dogmatischen »Obskurantentums« gegen die freie Erforschung der Wahrheit geworden. Dieser Mythos hat in der Kultur eine erhebliche Rolle gespielt und dazu beigetragen, zahlreiche Männer der Wissenschaft in gutem Glauben denken zu lassen, der Geist der Wissenschaft und ihre Ethik der Forschung auf der einen Seite sei mit dem christlichen Glauben auf der anderen Seite unvereinbar. Ein tragisches gegenseitiges Unverständnis wurde als Folge eines grundsätzlichen Gegensatzes von Wissen und Glauben hingestellt. Die durch die jüngeren historischen Forschungen erbrachten Klärungen gestatten uns nun die Feststellung, daß dieses schmerzliche Mißverständnis inzwischen der Vergangenheit angehört.

11. Der Fall Galilei kann uns eine bleibend aktuelle Lehre sein für ähnliche Situationen, die sich heute bieten und in Zukunft ergeben können.

Zur Zeit des Galilei war eine Welt ohne physisch absoluten Bezugspunkt unvorstellbar. Und da der damals bekannte Kosmos sozusagen auf das Sonnensystem beschränkt war, konnte man diesen Bezugspunkt nicht entweder auf die Erde oder auf die Sonne verlegen. Heute hat keiner dieser beiden Bezugspunkte nach Einstein und angesichts der heutigen Kenntnis des Kosmos mehr die Bedeutung von damals. Diese Feststellung betrifft natürlich nicht die Stellungnahme des Galilei in der Auseinandersetzung; sie kann uns aber darauf hinweisen, daß es jenseits zweier einseitiger und gegensätzlicher Ansichten eine umfassendere Sicht gibt, die beide Ansichten einschließt und überwindet.

12. Eine weitere Lehre ist die Tatsache, daß die verschiedenen Wissenschaftszweige unterschiedlicher Methoden bedürfen.

Galilei, der praktisch die experimentelle Methode erfunden hat, hat, dank seiner genialen Vorstellungskraft als Physiker und auf verschiedene Gründe gestützt, verstanden, daß nur die Sonne als Zentrum der Welt, wie sie damals bekannt war, also als Planetensystem, infrage kam.

Der Irrtum der Theologen von damals bestand dagegen am Festhalten an der Zentralstellung der Erde in der Vorstellung, unsere Kenntnis der Strukturen der physischen Welt wäre irgendwie vom Wortsinn der Heiligen Schrift gefordert. Doch wir müssen uns hier an das berühmte Wort erinnern, das dem Baronius zugeschrieben wird: »Der Heilige Geist wollte uns zeigen, wie wir in den Himmel kommen, nicht wie der Himmel im einzelnen aussieht.« Tatsächlich beschäftigt sich die Bibel nicht mit den Einzelheiten der physischen Welt, deren Kenntnis der Erfahrung und dem Nachdenken des Menschen anvertraut wird. Es gibt also zwei Bereiche des Wissens. Der eine hat seine Quelle in der Offenbarung, der andere aber kann von der Vernunft mit ihren eigenen Kräften entdeckt werden. Zum letzteren Bereich gehören die experimentellen Wissenschaften und die Philosophie. Die Unterscheidung der beiden Wissensbereiche darf aber nicht als Gegensatz verstanden werden. Beide Bereiche sind vielmehr einander durchaus nicht fremd, sie besitzen vielmehr Begegnungspunkte. Dabei gestattet die Methode eines jeden Bereiches, unterschiedliche Aspekte der Wirklichkeit herauszustellen.

13. Eure Akademie führt ihre Arbeiten in dieser Geisteshaltung weiter. Ihre Hauptaufgabe besteht darin, die Entwicklung des Wissens gemäß der berechtigten Autonomie der Wissenschaft zu fördern (Gaudium et spes, 36,2), die der Apostolische Stuhl in den Statuten eurer Institution ausdrücklich anerkennt.

Worauf es bei einer wissenschaftlichen oder philosophischen Theorie ankommt, ist ihre Wahrheit, oder sie muß wenigstens solide begründet sein. Zielsetzung eurer Akademie ist es aber gerade, beim derzeitigen Stand der Wissenschaft und auf ihrem eigenen Gebiet das herauszustellen und zur Kenntnis zu bringen, was als gesicherte Wahrheit oder wenigstens als derart wahrscheinlich gelten kann, daß es unklug und unvernünftig wäre, es zurückzuweisen. So lassen sich unnütze Konflikte vermeiden.

Die Ernsthaftigkeit der wissenschaftlichen Information wird daher der beste Beitrag sein, den die Akademie zur exakten Formulierung und Lösung der dringenden Probleme leisten kann, die die Kirche kraft ihrer besonderen Sendung beachten muß: Probleme, die nicht nur die Astronomie, die Physik und Mathematik betreffen, sondern ebenso die relativ neuen Disziplinen der Biologie und der Biogenetik. Viele neuen wissenschaftlichen Entdeckungen und ihre möglichen Anwendungen haben mehr denn je eine direkte Auswirkung auf den Menschen selber, auf sein Denken und Handeln, so daß sie sogar die Grundlagen des Menschlichen selber zu bedrohen scheinen.

14. Für die Menschheit gibt es eine doppelte Form der Entwicklung. Die erste umfaßt die Kultur, die wissenschaftliche Forschung und Technik oder alles das, was zum Horizont des Menschen und der Schöpfung gehört und sich mit eindrucksvoller Schnelligkeit entwickelt. Wenn diese Entwicklung aber dem Menschen nicht rein äußerlich bleiben soll, muß notwendig das Bewußtsein und seine Anwendung entwickelt werden. Die zweite Weise der Entwicklung betrifft alles Tiefere im Menschen, insofern er, die Welt und sich selbst überschreitend, sich dem zuwendet, der der Schöpfer von allem ist.

Nur dieser Weg nach oben kann am Ende dem Sein und Tun des Menschen einen Sinn geben, weil er ihn mit seinem Ursprung und Ziel in Verbindung bringt. Auf diesem doppelten horizontalen und vertikalen Weg verwirklicht sich der Mensch voll als geistiges Wesen und homo sapiens. Zu bedenken ist freilich, daß diese Entwicklung nicht einförmig und geradlinig erfolgt und der Fortschritt nicht immer harmonisch bleibt. Dies macht die Unordnung deutlich, die zur Situation des Menschen gehört. Der Wissenschaftler, der diese Entwicklung zur Kenntnis nimmt und berücksichtigt, trägt zur Wiederherstellung der Harmonie bei.

Wer sich der wissenschaftlichen und technischen Forschung widmet, nimmt als Voraussetzung seines Weges an, daß die Welt kein Chaos, sondern ein Kosmos ist, daß es also innerhalb der Naturgesetze eine Ordnung gibt, die sich erkennen und denken läßt und die deshalb eine gewisse Verwandtschaft zum Geist aufweist. Einstein pflegte zu sagen: »Was es in der Welt an ewig Unverständlichem gibt, setzt voraus, daß es verständlich ist« (In »The Journal of the Franklin Institute«, Band 221, Nr. 3, März 1936). Diese Verständlichkeit, die von den atemberaubenden Entdeckungen der Wissenschaft und Technik bestätigt wird, verweist am Ende auf den transzendenten und ursprünglichen Gedanken, der allem Sein eingeprägt ist.

Meine Damen und Herren, zum Abschluß dieser Begegnung spreche ich meine besten Wünsche aus, daß Ihre Forschungen und Überlegungen dazu beitragen, unseren Zeitgenossen nützliche Hinweise für den Aufbau einer harmonischen Gesellschaft zu geben in einer Welt, die das Menschliche mehr achtet. Ich danke Ihnen für die Dienste, die Sie dem Heiligen Stuhl leisten, und ich bitte Gott, er möge Sie mit seinen Gaben erfüllen.

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Quelle

BENEDIKT XVI. ÜBER INSPIRATION, WAHRHEIT UND AUSLEGUNG DER BIBEL

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ANSPRACHE VON BENEDIKT XVI.
AN DIE MITGLIEDER DER PÄPSTLICHEN BIBELKOMMISSION

Donnerstag, 23. April 2009

 

Herr Kardinal, Exzellenz,
liebe Mitglieder der Päpstlichen Bibelkommission!

Ich freue mich, euch wieder am Schluß eurer Jahresvollversammlung zu empfangen. Ich danke Herrn Kardinal William Levada für seine Grußadresse und für die bündige Darlegung des Themas, das in eurer Versammlung Gegenstand aufmerksamen Nachdenkens war. Ihr seid neuerlich zusammengekommen, um ein sehr wichtiges Thema zu vertiefen: Inspiration und Wahrheit der Bibel. Es handelt sich um ein Thema, das nicht nur die Theologie, sondern die Kirche selbst betrifft, da sich das Leben und die Sendung der Kirche notwendigerweise auf das Wort Gottes gründen, das Seele der Theologie ist und zugleich die ganze christliche Existenz inspiriert. Das Thema, mit dem ihr euch auseinandergesetzt habt, antwortet außerdem auf eine Sorge, die mir besonders am Herzen liegt, da die Auslegung der Heiligen Schrift für den christlichen Glauben und für das Leben der Kirche von grundlegender Bedeutung ist.

Wie sie, Herr Präsident, bereits erwähnt haben, bot Papst Leo XIII. in der Enzyklika Providentissimus Deus den katholischen Exegeten neue Ermutigungen und neue Richtlinien zum Thema Inspiration, Wahrheit und Hermeneutik der Bibel. Später nahm Pius XII. in seiner Enzyklika Divino afflante Spiritu die vorhergehende Lehre auf und ergänzte sie durch die Ermahnung an die katholischen Exegeten, zu Lösungen zu kommen, die in voller Übereinstimmung mit der Lehre der Kirche stehen, dabei aber den positiven Beiträgen der inzwischen entwickelten neuen Auslegungsmethoden gebührend Rechnung zu tragen. Der lebendige Impuls für das Bibelstudium, der, wie Sie auch gesagt haben, von diesen beiden Päpsten ausging, hat im Zweiten Vatikanischen Konzil volle Bestätigung gefunden und ist weiter entwickelt worden, was der gesamten Kirche bis heute zum Vorteil gereicht. Insbesondere die Konzilskonstitution Dei Verbum erleuchtet noch heute die Arbeit der katholischen Exegeten und lädt die Hirten und die Gläubigen ein, sich ausdauernder am Tisch des Wortes Gottes zu nähren. Das Konzil erinnert diesbezüglich vor allem daran, daß Gott der Urheber der Heiligen Schrift ist: »Das von Gott Geoffenbarte, das in der Heiligen Schrift enthalten ist und vorliegt, ist unter dem Anhauch des Heiligen Geistes aufgezeichnet worden; denn aufgrund apostolischen Glaubens gelten unserer heiligen Mutter, der Kirche, die Bücher des Alten wie des Neuen Testamentes in ihrer Ganzheit mit allen ihren Teilen als heilig und kanonisch, weil sie, unter der Einwirkung des Heiligen Geistes geschrieben, Gott zum Urheber haben und als solche der Kirche übergeben sind« (Dei Verbum, 11). Da also alles, was die inspirierten Verfasser oder Hagiographen aussagen, als vom Heiligen Geist, dem unsichtbaren und transzendenten Verfasser, ausgesagt zu gelten hat, ist folglich »von den Büchern der Schrift zu bekennen, daß sie sicher, getreu und ohne Irrtum die Wahrheit lehren, die Gott um unseres Heiles willen in heiligen Schriften aufgezeichnet haben wollte« (ebd.).

Aus dem richtigen Ansatz des Begriffs der göttlichen Inspiration und Wahrheit der Heiligen Schrift ergeben sich einige Normen, die ihre Auslegung unmittelbar betreffen. So erinnert uns die Konstitution Dei Verbum nach der Aussage, daß Gott der Urheber der Bibel ist, daran, daß in der Heiligen Schrift Gott auf menschliche Weise zum Menschen spricht. Und dieses göttlich-menschliche Zusammenwirken ist sehr wichtig: Gott spricht wirklich durch Menschen auf menschliche Weise. Für eine rechte Auslegung der Heiligen Schrift muß man daher aufmerksam erforschen, was die Hagiographen wirklich sagen wollten und was Gott durch menschliche Worte offenbaren wollte. »Denn Gottes Worte, durch Menschenzunge formuliert, sind menschlicher Rede ähnlich geworden, wie einst des ewigen Vaters Wort durch die Annahme menschlichschwachen Fleisches den Menschen ähnlich geworden ist« (Dei Verbum, 13). Diese Hinweise, die für eine rechte Auslegung historisch-literarischen Charakters als erste Dimension jeder Exegese sehr notwendig sind, erfordern sodann eine Verbindung mit den Voraussetzungen der Lehre über die Inspiration und Wahrheit der Heiligen Schrift. Da die Heilige Schrift inspiriert ist, gibt es ein höchstes Prinzip der rechten Auslegung, ohne das die heiligen Schriften lediglich toter Buchstabe aus der Vergangenheit wären: Die Heilige Schrift muß »in dem Geist gelesen und ausgelegt werden, in dem sie geschrieben wurde« (Dei Verbum, 12).

Diesbezüglich nennt das Zweite Vatikanische Konzil drei stets gültige Kriterien für eine Auslegung der Heiligen Schrift, die dem Geist, der sie inspiriert, entspricht. Zunächst gilt es, dem Inhalt und der Einheit der ganzen Schrift große Aufmerksamkeit zu schenken: Nur in ihrer Einheit ist sie Heilige Schrift. Denn bei aller Verschiedenheit der Bücher, aus denen sie besteht, ist die Heilige Schrift eine, aufgrund der Einheit des Planes Gottes, dessen Mitte und Herz Christus Jesus ist (vgl. Lk 25,25–27.44–46). Zweitens muß die Schrift im Kontext der lebendigen Überlieferung der ganzen Kirche gelesen werden. Nach einem Ausspruch des Origines: »Sacra Scriptura principalius est in corde Ecclesiae quam in materialibus instrumentis scripta«, ist »die Heilige Schrift zuerst im Herzen der Kirche, dann erst auf materielle Werkzeuge geschrieben worden«. Denn die Kirche trägt in ihrer Überlieferung das lebende Gedächtnis des Wortes Gottes, und der Heilige Geist schenkt ihr dessen Auslegung im geistlichen Sinn (vgl. Origines, Homiliae in Leviticum, 5,5). Als drittes Kriterium gilt es, der Analogie des Glaubens, das heißt dem Zusammenhang der einzelnen Glaubenswahrheiten untereinander und mit dem Gesamtplan der Offenbarung und der Fülle der in ihr enthaltenen göttlichen Ökonomie die notwendige Aufmerksamkeit zu schenken.

Aufgabe der Gelehrten, die die Heilige Schrift nach verschiedenen Methoden erforschen, ist es, den obengenannten Prinzipien gemäß zur tieferen Einsicht und Darlegung des Sinnes der Heiligen Schrift beizutragen. Das wissenschaftliche Studium der heiligen Texte ist wichtig, reicht allein aber nicht aus, weil es nur die menschliche Dimension berücksichtigen würde. Um die Kohärenz des Glaubens der Kirche zu berücksichtigen, muß der katholische Exeget darauf achten, das Wort Gottes in diesen Texten im Inneren des Glaubens der Kirche wahrzunehmen. Fehlt dieser unabdingbare Bezugspunkt, bliebe die exegetische Forschung unvollständig, weil sie ihren Hauptzweck aus den Augen verliert, ja Gefahr läuft, auf eine rein literarische Lesart reduziert zu werden, in welcher der wahre Verfasser – Gott – gar nicht mehr aufscheint. Zudem darf die Auslegung der Heiligen Schrift nicht nur eine individuelle wissenschaftliche Anstrengung sein, sondern muß ständig mit der lebenden Überlieferung der Kirche konfrontiert, in sie eingeschrieben und von ihr als authentisch bestätigt werden. Diese Norm ist entscheidend, um die richtige wechselseitige Beziehung zwischen der Exegese und dem Lehramt der Kirche zu präzisieren. Der katholische Exeget fühlt sich nicht nur als Glied der Gemeinschaft der Wissenschaftler, sondern auch und vor allem als Glied der Gemeinschaft der Gläubigen aller Zeiten. In Wirklichkeit sind diese Texte nicht den einzelnen Forschern oder der Gemeinschaft der Wissenschaftler anvertraut worden, »um deren Neugier zu befriedigen oder um Arbeits- und Forschungsmaterial zu bieten« (Divino afflante Spiritu, 35). Die von Gott inspirierten Texte sind an erster Stelle der Gemeinschaft der Gläubigen, der Kirche Christi anvertraut worden, um das Glaubensleben zu nähren und das Leben in der Liebe zu leiten. Die Einhaltung dieser Zielsetzung ist die Bedingung für die Gültigkeit und Wirksamkeit der biblischen Hermeneutik. An diese Grundwahrheit hat die Enzyklika Providentissimus Deus erinnert und festgestellt, daß die Einhaltung dieses Faktums die Bibelforschung keineswegs behindere, sondern ihren echten Fortschritt fördere. Ich würde sagen, eine Hermeneutik des Glaubens entspricht mehr der Wirklichkeit dieses Textes als eine rationalistische Hermeneutik, die Gott nicht kennt.

Der Kirche treu sein heißt nämlich, sich in den Strom der großen Tradition der Kirche zu stellen, die unter Leitung des Lehramts die kanonischen Schriften als Wort erkannt hat, das von Gott an sein Volk gerichtet wurde, und die nie aufgehört hat, über sie nachzudenken und ihren unerschöpflichen Reichtum zu entdecken. Das Zweite Vatikanische Konzil hat das mit aller Klarheit unterstrichen: »Alles, was die Art der Schrifterklärung betrifft, untersteht letztlich dem Urteil der Kirche, deren gottgegebener Auftrag und Dienst es ist, das Wort Gottes zu bewahren und auszulegen« (Dei Verbum, 12). Wie uns die eben erwähnte dogmatische Konstitution in Erinnerung ruft, besteht eine untrennbare Einheit zwischen Heiliger Schrift und Überlieferung, da beide aus ein und derselben Quelle stammen: »Die Heilige Überlieferung und die Heilige Schrift sind eng miteinander verbunden und haben aneinander Anteil. Demselben göttlichen Quell entspringend, fließen beide gewissermaßen in eins zusammen und streben demselben Ziel zu. Denn die Heilige Schrift ist Gottes Rede, insofern sie unter dem Anhauch des Heiligen Geistes schriftlich aufgezeichnet wurde. Die Heilige Überlieferung aber gibt das Wort Gottes, das von Christus dem Herrn und vom Heiligen Geist den Aposteln anvertraut wurde, unversehrt an deren Nachfolger weiter, damit sie es unter der erleuchtenden Führung des Geistes der Wahrheit in ihrer Verkündigung treu bewahren, erklären und ausbreiten. So ergibt sich, daß die Kirche ihre Gewißheit über alles Geoffenbarte nicht aus der Heiligen Schrift allein schöpft. Daher sollen beide mit gleicher Liebe und Achtung angenommen und verehrt werden« (Dei Verbum, 9). Wie wir wissen, ist die Formulierung »mit gleicher Liebe und Achtung« (»pari pietatis affectu ac reverentia«) eine Schöpfung des hl. Basilius, die dann in das Dekret Gratians aufgenommen wurde, von wo sie in das Konzil von Trient und in das Zweite Vatikanische Konzil Eingang gefunden hat. Sie drückt eben diese gegenseitige Durchdringung zwischen Heiliger Schrift und Tradition aus. Nur der kirchliche Rahmen erlaubt es, daß die Heilige Schrift als authentisches Wort Gottes verstanden wird, das zum Leitbild, zur Norm und Regelung für das Leben der Kirche und das geistliche Wachstum der Gläubigen wird. Wie ich schon gesagt habe, behindert das keineswegs eine ernsthafte, wissenschaftliche Auslegung, sondern eröffnet außerdem den Zugang zu den weiteren Dimensionen Christi, die einer rein literarischen Analyse nicht zugänglich sind, weil diese nicht dazu fähig ist, den umfassenden Sinn, der im Laufe der Jahrhunderte die Tradition des ganzen Gottesvolkes geleitet hat, in sich aufzunehmen.

Liebe Mitglieder der Päpstlichen Bibelkommission, ich möchte meine Rede damit schließen, daß ich euch allen meinen persönlichen Dank und meine Ermutigung ausspreche. Ich danke euch herzlich für die engagierte Arbeit, die ihr im Dienst des Wortes Gottes und der Kirche durch Forschung, Lehre und Veröffentlichung eurer Studien vollbringt. Dem füge ich meine Ermutigung für den Weg hinzu, der noch zurückgelegt werden muß. In einer Welt, in der die wissenschaftliche Forschung in unzähligen Bereichen immer größere Bedeutung gewinnt, ist es unerläßlich, daß die wissenschaftliche Bibelexegese auf einem angemessenen Niveau stattfindet. Das ist einer der Aspekte der Inkulturation des Glaubens, die mit der Aufnahme des Geheimnisses der Menschwerdung zur Sendung der Kirche gehört. Liebe Brüder und Schwestern, der Herr Jesus Christus, fleischgewordenes Wort und göttlicher Lehrmeister, der seinen Jüngern den Geist für das Verständnis der Schrift geöffnet hat (vgl. Lk 24,45), leite und helfe euch bei euren Überlegungen. Die Jungfrau Maria, Vorbild an Gefügigkeit und Gehorsam gegenüber dem Wort Gottes, lehre euch, den unerschöpflichen Reichtum der Heiligen Schrift immer besser aufzunehmen, nicht nur durch die intellektuelle Forschung, sondern auch in eurem Leben als Gläubige, damit eure Arbeit und euer Wirken dazu beitragen können, vor den Gläubigen immer mehr das Licht der Heiligen Schrift erstrahlen zu lassen. Während ich euch der Unterstützung meines Gebets in eurer Mühe versichere, erteile ich euch als Unterpfand der göttlichen Gnaden den Apostolischen Segen.

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Quelle

Siehe dazu auch:

DIE MENSCHLICHE PERSON – GESCHAFFEN NACH DEM BILDE GOTTES

Image of God 3

INTERNATIONALE THEOLOGISCHE KOMMISSION

GEMEINSCHAFT UND DIENSTLEISTUNG*

Die menschliche Person – geschaffen nach dem Bilde Gottes

Vorbemerkung

Einführung

Kapitel I

Die menschliche Person – geschaffen nach dem Bilde Gottes

1. imago Dei in Schrift und Tradition
2. Die moderne Kritik an der Theologie der imago Dei
3. Die imago Dei auf dem II. Vatikanischen Konzil und in der gegenwärtigen Theologie

Kapitel II

Nach dem Bilde Gottes: Personen in Gemeinschaft

1. Leib und Seele
2. Mann und Frau
3. Person und Gemeinschaft
4. Sünde und Heil
5. imago Dei und imago Christi

Kapitel III

Nach dem Bilde Gottes: Dienstleistung an der der sichtbaren Schöpfung

1. Wissenschaft und Dienstleistung im Bereich des Wissens
2. Verantwortung für die geschaffene Welt
3. Verantwortung für die biologische Integrität des Menschen

Schluß

 

Vorbemerkung

Das Thema „Der Mensch – geschaffen nach dem Bilde Gottes“ wurde der Internationalen Theologischen Kommission zur Untersuchung vorgelegt. Die Vorbereitung dieser Studie wurde einer Unterkommission anvertraut, die aus folgenden Mitgliedern bestand: P. J. Augustine Di Noia OP, P. Jean-Louis Bruguès OP, Msgr. Anton Strukelj, P. Tanios Bou Mansour OLM, P. Adolpe Gesché, P. Willem Jacobus Eijk, P. Fadel Sidarouss SJ, P. Shunichi Takayanagi SJ.

Während der Text entstand, wurde er bei zahlreichen Treffen der Unterkommission und bei mehreren Vollversammlungen der Internationalen Theologischen Kommission in Rom zwischen 2000 und 2002 diskutiert. Der vorliegende Text wurde auf dem Weg schriftlicher Abstimmung in forma specifica verabschiedet. Er wurde Joseph Kardinal Ratzinger, dem Präsidenten der Kommission, unterbreitet, und dieser gab die Erlaubnis zur Veröffentlichung.

* Es ist nicht leicht, für das englische Wort „stewardship“ eine angemessene deutsche Übersetzung zu finden. Der Titel des Dokuments nimmt das Wortpaar communio et ministratio in LG 4 auf; dort heißt es, daß der Geist Gottes die Kirche „in Gemeinschaft und Dienstleistung“ eint. Neben ministratio wird auch ministerium in LG wiederholt mit „Dienstleistung“ übersetzt. Dieses Wort verbindet eine spezifisch kirchliche Berufung in ihrer sakramentalen wie in ihrer charismatischen Dimension mit einem Begriff, der auch im weiteren Sinne im gesellschaftlichen Leben gebräuchlich ist. „Stewardship“ wird also im Folgenden, soweit als möglich, mit „Dienstleistung“ wiedergegeben. Wo von „steward“ oder „stewardship“ im biblischen Kontext gesprochen oder eine theologische Umschreibung der Dienstleistung gegeben wird, ist die Übersetzung „Treuhänder“ / „treuhänderische Verwaltung“ gewählt.

* * *

EINFÜHRUNG

1. Die Explosion wissenschaftlichen Verstehens und technischer Fähigkeiten in der Moderne hat dem Menschengeschlecht viele Vorteile gebracht, sie stellt aber auch ernste Herausforderungen. Unser Wissen von der Unermeßlichkeit und dem Alter des Universums hat den Menschen kleiner erscheinen lassen und weniger gesichert in seiner Stellung und Bedeutung im All. Technologische Fortschritte haben unsere Fähig­keit, die Kräfte der Natur zu kontrollieren und zu steuern, sehr gesteigert, doch es hat sich auch herausgestellt, daß sie einen unerwarteten und möglicherweise unkontrollierbaren Einfluß auf unsere Umwelt und sogar auf uns selbst haben.

2. Die Internationale Theologische Kommission bietet die folgenden theologischen Überlegungen zur Lehre von der Gottebenbildlichkeit (imago Dei) an, um unserem Nachdenken über den Sinn der menschlichen Existenz angesichts dieser Herausforderungen eine Orientierung zu geben. Gleichzeitig möchten wir die positive Sicht der menschlichen Person innerhalb des Universums vorstellen, die diese neuerdings wiederbelebte Lehre bietet.

3. Besonders seit dem II. Vatikanischen Konzil begann die Lehre von der imago Dei in lehramtlichen Äußerungen und theologischer Forschung stärker in den Vordergrund zu treten. Zuvor hatten verschiedene Faktoren dazu geführt, daß die Theologie der imago Deiunter modernen westlichen Philosophen und Theologen vernachlässigt wurde. In der Philosophie wurde der Begriff des Bildes als solcher einer machtvollen Kritik durch Erkenntnistheorien unterworfen, die entweder die Rolle der Idee auf Kosten des Bildes bevorzugten (Rationalismus) oder die Erfahrung zum letzten Kriterium der Wahrheit machten, ohne auf die Rolle des Bildes Bezug zu nehmen (Empirismus). Außerdem haben kulturelle Faktoren wie etwa der Einfluß des säkularen Humanismus und neuerdings gerade die Überflutung mit Bildern durch die Massenmedien es erschwert, die Ausrichtung des Menschen auf das Göttliche einerseits und andererseits den ontologischen Bezug des Bildes zu bejahen, die für jede Theologie der imago Dei wesentlich sind. Zur Vernachlässigung des Themas innerhalb der westlichen Theologie selbst trugen biblische Interpretationen bei, die die bleibende Bedeutung des Bilderverbotes betonten (vgl. Ex 20,3–4) oder einen hellenistischen Einfluß auf die Entwicklung des Themas in der Bibel behaupteten.

4. Erst am Vorabend des II. Vatikanischen Konzils begannen Theologen die Fruchtbarkeit dieses Themas zum Verständnis und zur Darstellung der Geheimnisse des christlichen Glaubens wieder zu entdecken. Tatsächlich bringen die Dokumente des Konzils diese bedeutsame Entwicklung in der Theologie des 20. Jahrhunderts zum Ausdruck und bestärken sie zugleich. In Kontinuität mit der vertiefenden Wiederherstellung des Themas der imago Dei seit dem II. Vatikanischen Konzil versucht die Internationale Theologische Kommission auf den folgenden Seiten erneut die Wahrheit zu bekräftigen, daß die menschliche Person nach dem Bilde Gottes erschaffen ist, um sich der personalen Gemeinschaft mit dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist und in ihnen der Gemeinschaft miteinander zu erfreuen, sowie auch um im Namen Gottes eine verantwortliche Dienstleistung an der geschaffenen Welt wahrzu­nehmen. Im Licht dieser Wahrheit erscheint die Welt nicht mehr allein als unermeßlich und möglicherweise sinnlos, sondern als Ort, der um der personalen Gemeinschaft willen erschaffen ist.

5. Wie wir in den folgenden Kapiteln nachzuweisen versuchen, haben diese tiefen Wahrheiten weder ihre Bedeutung noch ihre Kraft verloren. Nach einem summarischen Überblick in Kapitel I über die Grundlage der imago Dei in Schrift und Tradition gehen wir zu einer Untersuchung der beiden großen Themen einer Theologie der imago Dei über: die imago Dei als Grundlage für die Gemeinschaft mit dem dreieinigen Gott und die Gemeinschaft der menschlichen Personen untereinander (Kapitel II), dann die imago Dei als Grundlage, um an Gottes Herrschaft über die sichtbare Schöpfung teilzunehmen (Kapitel III). Diese Reflexionen verbinden die Hauptelemente christlicher Anthropologie mit gewissen Elementen der Moraltheologie und Ethik, wie sie durch die Theologie der imago Dei erhellt werden. Wir sind uns der Breite der Fragestellungen, die wir hier anzusprechen versucht haben, sehr wohl bewußt, doch bieten wir diese Überlegungen an, um uns selbst und unseren Lesern die immense Erklärungskraft der Theologie der imago Dei in Erinnerung zu rufen, um so die göttliche Wahrheit über das Universum und über den Sinn des menschlichen Lebens neu zu bekräftigen.

KAPITEL I

DIE MENSCHLICHE PERSON –
GESCHAFFEN NACH DEM BILDE GOTTES

6. Wie das Zeugnis von Schrift, Tradition und Lehramt klar zeigt, gehört die Wahrheit, daß der Mensch nach dem Bilde Gottes geschaffen ist, ins Herz der christlichen Offenbarung. Diese Wahrheit wurde anerkannt und in ihren weitläufigen Folgen ausgelegt durch die Kirchenväter und durch die großen scholastischen Theologen. Obwohl diese Wahrheit, wie wir später sehen werden, von einigen einflußreichen modernen Denkern infragegestellt wurde, gehen heute Bibelwissenschaftler und Theologen mit dem Lehramt darin einig, die Lehre von der imago Dei einzufordern und neu zu bekräftigen.

1. imago Dei in Schrift und Tradition

7. Mit wenigen Ausnahmen erkennen heute die meisten Exegeten an, daß das Thema derimago Dei für die biblische Offenbarung zentral ist (vgl. Gen 1,26f.; 5,1–3; 9,6). Das Thema wird als Schlüssel für das biblische Verständnis der menschlichen Natur und für alle Aussagen biblischer Anthropologie im Alten wie im Neuen Testament betrachtet. Für die Bibel bildet die imago Dei geradezu eine Definition des Menschen: Das Geheimnis des Menschen läßt sich nicht erfassen unabhängig vom Geheimnis Gottes.

8. Das alttestamentliche Verständnis des Menschen als geschaffen nach dem Bilde Gottes spiegelt teilweise die alte Idee des Vorderen Orient wider, daß der König das Bild Gottes auf Erden sei. Das biblische Verständnis hebt sich jedoch davon ab, indem es die Auffassung vom Bild Gottes auf alle Menschen ausweitet. Ein zusätzlicher Kontrast zum alten Denken des Vorderen Orient besteht darin, daß die Bibel den Menschen nicht in erster Linie darauf ausgerichtet sieht, die Götter zu verehren, sondern die Erde zu kultivieren (vgl. Gen 2,15). Indem die Bibel Kult und Kultivierung unmittelbarer verbindet als zuvor, versteht sie die menschliche Tätigkeit an den sechs Tagen der Woche in Hinordnung auf den Sabbat, einen Tag des Segens und der Heiligung.

9. Zwei Themen verbinden sich, um der biblischen Perspektive Gestalt zu geben. Erstens wird der ganze Mensch als geschaffen nach dem Bilde Gottes betrachtet. Diese Perspektive schließt Interpretationen aus, die die imago Dei in dem einen oder anderen Aspekt der menschlichen Natur ansiedeln (z.B. in seiner aufrechten Haltung oder in seinem Intellekt) oder in einer seiner Eigenschaften oder Funktionen (z.B. in seiner sexuellen Natur oder seiner Herrschaft über die Welt). Die Bibel vermeidet sowohl den Monismus als auch den Dualismus und bietet damit eine Sicht des Menschen, in der das Geistliche als eine Dimension verstanden wird, die mit der physischen, sozialen und historischen Dimension des Menschen einhergeht.

10. Zweitens zeigen die Schöpfungsberichte im Buch Genesis klar, daß der Mensch nicht als isoliertes Individuum geschaffen ist: „Gott schuf den Menschen als sein Abbild, als Abbild Gottes schuf er ihn, als Mann und Frau schuf er sie“ (Gen 1,27). Gott setzte die ersten Menschen in Beziehung zueinander, jeweils zu einem Partner des anderen Geschlechts. Die Bibel bekräftigt, daß der Mensch in Beziehung zu anderen Personen existiert: zu Gott, zur Welt und zu sich selbst. Dieser Konzeption entsprechend ist der Mensch nicht ein isoliertes Individuum, sondern eine Person – ein wesentlich relationales Wesen. Der grundlegend relationale Charakter der imago Dei zieht keineswegs einen reinen Aktualismus nach sich, der ihren bleibenden ontologischen Status leugnen würde. Vielmehr konstituiert dieser relationale Charakter der imago Dei selbst deren ontologische Struktur und die Basis für die Ausübung ihrer Freiheit und Verantwortung.

11. Das geschaffene Bild, von dem das Alte Testament spricht, muß gemäß dem Neuen Testament in der imago Christi vervollkommnet werden. In der neutestamentlichen Entwicklung dieses Themas tauchen zwei unterschiedliche Elemente auf: der christologische und trinitarische Charakter der imago Dei und die Rolle sakramentaler Vermittlung in der Bildung der imago Christi.

12. Da Christus selbst das vollkommene Bild Gottes ist (2 Kor 4,4; Kol 1,15; Hebr 1,3), muß der Mensch ihm angeglichen werden (Röm 8,29), um Sohn des Vaters durch die Kraft des Heiligen Geistes zu werden (Röm 8,23). In der Tat, Bild Gottes zu „werden“, erfordert von Seiten des Menschen eine aktive Mitwirkung an seiner Umwandlung nach dem Modell des Bildes des Sohnes (Kol 3,10), der seine Identität durch die geschichtliche Bewegung von seiner Inkarnation bis zu seiner Herrlichkeit erweist. Nach dem Modell, das zuerst vom Sohn ausgestaltet wurde, wird das Bild Gottes in jedem Menschen herausgebildet durch dessen eigenen geschichtlichen Durchgang von der Schöpfung über die Abkehr von der Sünde bis hin zu Heil und Vollendung. Ebenso wie Christus sein Herrsein über Sünde und Tod durch sein Leiden und seine Auferstehung erwies, erreicht jeder Mensch sein Herrsein durch Christus im Heiligen Geist – nicht nur als Herrschaft über die Erde und das Tierreich (wie das Alte Testament besagt), sondern hauptsächlich über Sünde und Tod.

13. Gemäß dem Neuen Testament wird diese Umwandlung in das Bild Christi erlangt durch die Sakramente, in erster Linie als Auswirkung der Erleuchtung durch die Botschaft Christi (2 Kor 3,18–4,6) und aufgrund der Taufe (1 Kor 12,13). Gemeinschaft mit Christus ist eine Folge des Glaubens an ihn und der Taufe, durch die man dem alten Menschen stirbt durch Christus (Gal 3,26–28) und den neuen Menschen anzieht (Gal 3,27; Röm 13,14). Das Bußsakrament, die Eucharistie und die übrigen Sakramente festigen und stärken uns in dieser radikalen Umwandlung nach dem Modell von Christi Leiden, Tod und Auferstehung. Geschaffen nach dem Bilde Gottes und vollendet im Bild Christi durch die Kraft des Heiligen Geistes in den Sakramenten werden wir in Liebe umfangen durch den Vater.

14. Die biblische Sicht des Bildes Gottes nahm weiterhin einen bevorzugten Platz in der christlichen Anthropologie bei den Kirchenvätern und in der späteren Theologie ein, bis hin zum Beginn der Neuzeit. Ein Hinweis auf die zentrale Rolle dieses Themas findet sich im Bestreben der frühen Christen, das biblische Verbot künstlerischer Darstellungen Gottes (vgl.Ex 20,2f.; Dtn 27,12) im Licht der Inkarnation zu interpretieren. Denn das Geheimnis der Menschwerdung bewies die Möglichkeit, den Mensch gewordenen Gott in seiner menschlichen und geschichtlichen Wirklichkeit darzustellen. Die Verteidigung der künstlerischen Darstellung des fleischgewordenen Wortes und der Heilsereignisse während der ikonoklastischen Streitigkeiten des 7. und 8. Jahrhunderts beruhte auf einem tiefen Verstehen der hypostatischen Union, die eine Trennung zwischen dem Göttlichen und dem Menschlichen im „Bild“ ablehnte.

15. Die patristische und die mittelalterliche Theologie wichen an gewissen Punkten von der biblischen Anthropologie ab und entwickelten sie in anderen Punkten weiter. Mehrheitlich übernahmen zum Beispiel die Vertreter der Tradition die biblische Sicht, die das Bild mit der Gesamtheit des Menschen identifizierte, nicht vollständig. Eine bedeutsame Weiterentwicklung der biblischen Darstellung war die Unterscheidung zwischen Bild (imago) und Ähnlichkeit (similitudo), die der hl. Irenäus einführte; demzufolge bezeichnet „Bild“ eine ontologische Teilhabe (methexis) und „Ähnlichkeit“ (mimêsis) eine moralische Umwandlung (Adv. haer. V,6,1; V,8,1; V,16,2). Nach Tertullian schuf Gott den Menschen nach seinem Bild und gab ihm den Lebensatem als seine Ähnlichkeit. Während das Bild nie zerstört werden kann, kann die Ähnlichkeit durch die Sünde verloren werden (Bapt. 5,6.7). Der hl. Augustinus nahm diese Unterscheidung nicht auf, sondern stellte die imago Dei auf stärker personalistische, psychologische und existentielle Weise dar. Für ihn hat das Bild Gottes im Menschen eine trinitarische Struktur, die entweder die dreiteilige Struktur der menschlichen Seele (Geist, Selbstbewußtsein und Liebe) oder die drei Aspekte der Seele (Gedächtnis, Einsicht und Wille) widerspiegelt. Nach Augustinus richtet das Bild Gottes im Menschen ihn in Anrufung, Erkenntnis und Liebe auf Gott aus (Conf. I,1,1).

16. Bei Thomas von Aquin besitzt die imago Dei einen geschichtlichen Charakter, denn sie durchläuft drei Stadien: die imago creationis (naturae), die imago recreationis (gratiae), und die imago similitudinis (gloriae) (S.Th. I q.93 a.4). Für den Aquinaten ist die imago Dei die Grundlage für die Teilhabe am göttlichen Leben. Das Bild Gottes wird hauptsächlich in einem Akt der Anschauung im Intellekt verwirklicht (S.Th. I q.93 a.4 und 7). Diese Konzeption kann von derjenigen Bonaventuras unterschieden werden, für den das Bild zuhöchst durch den Willen verwirklicht wird im religiösen Akt des Menschen (Sent. II d.16 a.2 q.3). Innerhalb einer ähnlichen mystischen Sicht, jedoch mit größerer Kühnheit neigt Meister Eckhart zu einer Spiritualisierung der imago Dei, indem er sie auf der Seelenspitze ansiedelt und vom Leib loslöst (Quint I,5,5–7; V,6.9f.).

17. Die reformatorischen Streitigkeiten zeigten, daß die Theologie der imago Dei sowohl für protestantische als auch für katholische Theologen bedeutsam blieb. Die Reformatoren warfen den Katholiken vor, das Bild Gottes auf eine imago naturae zu reduzieren, die eine statische Konzeption der menschlichen Natur darstelle und den Sünder ermutige, sich vor Gott selbst zu begründen. Auf der anderen Seite warfen die Katholiken den Reformatoren vor, die ontologische Wirklichkeit des Bildes Gottes zu leugnen und es auf eine reine Relation zu reduzieren. Außerdem bestanden die Reformatoren darauf, daß das Bild Gottes durch die Sünde verdorben sei, während katholische Theologen die Sünde als Verwundung des Bildes Gottes im Menschen ansahen.

2. Die moderne Kritik an der Theologie der imago Dei

18. Bis zum Anbruch der Moderne behielt die Theologie der imago Dei ihre zentrale Stellung in der theologischen Anthropologie. Durch die Geschichte des christlichen Denkens hindurch war die Kraft und Faszination dieses Themas so groß, daß es standhalten konnte gegenüber vereinzelten kritischen Angriffen (wie zum Beispiel gegenüber dem Ikonoklasmus), die den Vorwurf erhoben, daß sein Anthropomorphismus Götzendienst begünstige. In der Moderne geriet die Theologie der imago Dei allerdings unter eine nachhaltigere und systematischere Kritik.

19. Die von der modernen Naturwissenschaft vorgetragene Sicht des Universums verdrängte den klassischen Begriff eines nach dem göttlichen Bild hervorgebrachten Kosmos und verdrängte auf diese Weise einen großen Teil des begrifflichen Rahmens, der die Theologie der imago Dei trägt. Das Motiv wurde von den Empiristen als schwerlich der Erfahrung angemessen, von den Rationalisten als vieldeutig betrachtet. Bedeutsamer unter den Faktoren, die die Theologie der imago Dei untergruben, war jedoch die Auffassung vom Menschen als einem sich selbst begründenden autonomen Subjekt, unabhängig von jeder Beziehung zu Gott. Mit dieser Entwicklung konnte der Begriff der imago Dei nicht aufrechterhalten werden. Es war nur noch ein kurzer Schritt von diesen Ideen zu der Umkehrung der biblischen Anthropologie, die verschiedene Formen annahm im Denken von Ludwig Feuerbach, Karl Marx und Sigmund Freud: Es ist nicht der Mensch, der nach dem Bilde Gottes hervorgebracht ist, sondern Gott, der nichts ist als ein vom Menschen projiziertes Bild. Schließlich schien der Atheismus erforderlich zu sein, wenn der Mensch selbstbegründend sein sollte.

20. Zunächst war das Klima der westlichen Theologie im 20. Jahrhundert für das Motiv derimago Dei ungünstig. Die eben erwähnten Entwicklungen des 19. Jahrhunderts vorausgesetzt, war es vielleicht unvermeidlich, daß einige Formen dialektischer Theologie das Thema als Ausdruck menschlicher Anmaßung betrachteten, in der der Mensch sich mit Gott mißt oder sich ihm gleichstellt. Die existentielle Theologie mit ihrem Nachdruck auf dem Ereignis der Begegnung mit Gott untergrub die Vorstellung einer dauerhaften oder bleibenden Beziehung zu Gott, wie sie die Lehre von der imago Dei mit sich bringt. Die Theologie der Säkularisierung verwarf die Auffassung eines objektiven Verweiszusammenhangs in der Welt, der den Menschen im Hinblick auf Gott situiert. Der „Gott ohne Eigenschaften“ – in Wirklichkeit ein unpersönlicher Gott –, den einige Ausprägungen der negativen Theologie sich zu eigen machten, konnte nicht als Modell für den nach seinem Bild hervorgebrachten Menschen dienen. In der politischen Theologie mit ihrem ausschlaggebenden Interesse an der Orthopraxis geriet das Motiv der imago Dei aus dem Blick. Schließlich warfen säkulare und theologische Kritiker gemeinsam der Theologie der imago Dei vor, eine Mißachtung der natürlichen Umwelt und des Wohlergehens der Tiere zu fördern.

3. Die imago Dei auf dem II. Vatikanischen Konzil und in der gegenwärtigen Theologie

21. Trotz dieser ungünstigen Strömungen stieg das Interesse an der Wiederherstellung der Theologie der imago Dei während der Mitte des 20. Jahrhunderts stetig an. Intensive Studien der Heiligen Schrift, der Kirchenväter und der großen scholastischen Theologen riefen ein erneuertes Bewußtsein der Allgegenwart und Bedeutung des Motivs der imago Dei hervor. Diese Wiederherstellung war unter katholischen Theologen im Vorfeld des II. Vatikanischen Konzils in vollem Gange. Das Konzil gab der Theologie der imago Dei neue Anstöße, insbesondere in der Konstitution über die Kirche in der Welt von heute Gaudium et spes.

22. Unter Berufung auf das Motiv des Bildes Gottes bekräftigt das Konzil in Gaudium et spes die Würde des Menschen, wie sie in Gen 1,26 und Ps 8,6 gelehrt wird (GS 12). In der Sicht des Konzils besteht die imago Dei in der grundlegenden Ausrichtung des Menschen auf Gott, die die Basis der Menschenwürde und der unveräußerlichen Rechte der menschlichen Person darstellt. Weil jeder Mensch ein Bild Gottes ist, kann er keinem System oder Zweck dieser Welt dienstbar gemacht werden. Seine Hoheit innerhalb des Kosmos, seine Befähigung zur sozialen Existenz und seine Kenntnis und Liebe des Schöpfers – all das wurzelt im Dasein des Menschen, der hervorgebracht ist nach dem Bilde Gottes.

23. Grundlegend für die Lehre des Konzils ist die christologische Bestimmung des Bildes: Es ist Christus, der das Bild des unsichtbaren Gottes ist (Kol 1,15) (GS 10). Der Sohn ist der vollkommene Mensch, der für die Söhne und Töchter Adams die Gottebenbildlichkeit wiederherstellt, die durch die Sünde der ersten Eltern verwundet war (GS 22). Von Gott offenbart, der den Menschen nach seinem Bilde erschuf, ist es der Sohn, der dem Menschen die Antworten auf dessen Fragen nach dem Sinn von Leben und Tod gibt (GS 41). Das Konzil unterstreicht auch die trinitarische Struktur des Bildes: Durch die Gleichförmigkeit mit Christus (Röm 8,29) und durch die Gaben des Heiligen Geistes (Röm 8,23) wird ein neuer Mensch erschaffen, befähigt zur Erfüllung des neuen Gebotes (GS 22). Es sind die Heiligen, die gänzlich in das Bild Christi umgewandelt sind (vgl. 2 Kor 3,18); in ihnen offenbart Gott seine Gegenwart und Gnade als Zeichen seines Reiches (GS 24). Auf der Grundlage der Lehre vom Bild Gottes weist das Konzil auf, daß mensch­liches Handeln das göttliche Schöpfertum widerspiegelt und zum Urbild hat (GS 34) und daß es auf Gerechtigkeit und Mitmenschlichkeit ausgerichtet sein muß, um die Errichtung einer einzigen Familie zu fördern, in der alle Brüder und Schwestern sind (GS 24).

24. Das erneuerte Interesse an der Theologie der imago Dei, das sich beim II. Vatikanischen Konzil zeigte, spiegelt sich in der zeitgenössischen Theologie wider, wo sich Entwicklungen in verschiedenen Bereichen feststellen lassen. In erster Linie arbeiten Theologen an dem Aufweis, wie die Theologie der imago Dei die Verbindungen zwischen Anthropologie und Christologie erhellt. Ohne die einzigartige Gnade zu leugnen, die dem Menschengeschlecht durch die Inkarnation zukommt, möchten Theologen den innewohnenden Wert der Schöpfung des Menschen nach dem Bilde Gottes anerkennen. Die Möglichkeiten, die Christus dem Menschen eröffnet, bringen nicht die Unterdrückung der Realität des Menschen in seiner Geschöpflichkeit mit sich, sondern deren Umwandlung und Verwirklichung in Einklang mit dem vollendeten Bild des Sohnes. Zu diesem erneuerten Verständnis der Verbindung zwischen Christologie und Anthropologie kommt eine tieferes Verständnis des dynamischen Charakters der imago Dei hinzu. Ohne die Gabe der ursprünglichen Schöpfung des Menschen nach dem Bilde Gottes zu leugnen, möchten Theologen die Wahrheit anerkennen, daß im Licht der menschlichen Geschichte und der Entfaltung der menschlichen Kultur von der imago Dei in einem wirklichen Sinne ausgesagt werden kann, sie sei noch in einem Prozeß des Werdens. Mehr noch, die Theologie derimago Dei verbindet auch die Anthropologie mit der Moraltheologie, indem sie zeigt, daß der Mensch in seinem Sein selbst über eine Teilhabe am göttlichen Gesetz verfügt. Dieses Naturgesetz richtet die Person darauf aus, in ihren Handlungen das Gute zu erstreben. Schließlich folgt, daß die imago Dei eine teleologische und eschatologische Dimension aufweist, die den Menschen als homo viator definiert; er ist auf die Parusie ausgerichtet und auf die Vollendung des göttlichen Plans für das Universum, wie er in der Geschichte der Gnade im Leben jedes einzelnen Menschen und in der Geschichte des ganzen Menschengeschlechts verwirklicht ist.

KAPITEL II

NACH DEM BILDE GOTTES: PERSONEN IN GEMEINSCHAFT

25. Gemeinschaft und Dienstleistung sind die beiden großen Stränge, aus denen der Stoff der Lehre von der imago Dei gewoben ist. Der erste Strang, den wir in diesem Kapitel aufnehmen, läßt sich in folgender Weise zusammenfassen: Der dreieine Gott hat seinen Plan offenbart, die Gemeinschaft des trinitarischen Lebens mit Personen zu teilen, die nach seinem Bilde geschaffen sind. Tatsächlich geschah es um dieser trinitarischen Gemeinschaft willen, daß menschliche Personen nach dem göttlichen Bild erschaffen wurden. Es ist genau diese radikale Ähnlichkeit mit dem dreieinen Gott, die die Basis für die Möglichkeit der Gemeinschaft von geschöpflichen Wesen mit den ungeschaffenen Personen der Heiligsten Dreifaltigkeit darstellt. Geschaffen nach dem Bilde Gottes, sind Menschen von Natur aus leiblich und geistig, als Mann und Frau füreinander bestimmt, als Personen ausgerichtet auf die Gemeinschaft mit Gott und miteinander, verwundet durch die Sünde und bedürftig des Heils, sowie bestimmt zur Gleichförmigkeit mit Christus, dem vollkommenen Bild des Vaters, in der Kraft des Heiligen Geistes.

1. Leib und Seele

26. Der nach dem Bilde Gottes geschaffene Mensch ist als Person berufen, sich der Gemeinschaft zu erfreuen und seine Dienstleistung in einem physischen Universum auszuüben. Die Tätigkeiten, die interpersonale Gemeinschaft und verantwortliche Dienstleistung mit sich bringen, beanspruchen die geistigen – intellektuellen und affektiven – Fähigkeiten der menschlichen Person, aber sie lassen den Leib nicht hinter sich. Menschen sind physische Wesen, die eine Welt mit anderen physischen Wesen teilen. In der katholischen Theologie der imago Dei ist die tiefe Wahrheit eingeschlossen, daß die materielle Welt die Bedingungen für die gegenseitige Verpflichtung menschlicher Personen schafft.

27. Diese Wahrheit hat nicht immer die Aufmerksamkeit gefunden, die sie verdient. Die heutige Theologie ist bestrebt, den Einfluß dualistischer Anthropologien zu überwinden, die die imago Dei ausschließlich unter Bezug auf den geistigen Aspekt der menschlichen Natur bestimmen. Teilweise unter dem Einfluß zunächst platonischer, später cartesianischer dualistischer Anthropologien neigte die christliche Theologie selbst dazu, die imago Dei im Menschen mit dem zu identifizieren, was der menschlichen Natur am meisten eigentümlich ist, nämlich Verstand oder Geist. Die Wiedergewinnung sowohl von Elementen biblischer Anthropologie als auch von Aspekten der thomistischen Synthese hat in bedeutender Weise zu der heutigen Bemühung beigetragen.

28. Die Ansicht, daß Leiblichkeit für personale Identität wesentlich ist, ist grundlegend, selbst wenn sie im Zeugnis christlicher Offenbarung nicht ausdrücklich thematisiert wird. Die biblische Anthropologie schließt einen Dualismus von Geist und Leib aus. Sie spricht vom Menschen als ganzem. Unter den hebräischen Grundworten für Mensch, die im Alten Testament verwendet werden, bedeutet nèfèš das Leben einer konkreten Person, die lebendig ist (Gen 9,4; Lev. 24,17–18; Spr 8,35). Doch der Mensch hat nicht etwa eine nèfèš – er ist seine nèfèš (Gen 2,7; Lev 17,10). Basar bezieht sich auf das Fleisch von Tieren und Menschen und manchmal auf den Leib als ganzen (Lev 4,11; 26,29). Wiederum hat man nicht einen basar, sondern man ist basar. Der neutestamentliche Ausdruck sarx (Fleisch) kann die materielle Leiblichkeit bezeichnen (2 Kor 12,7), andererseits auch die gesamte Person (Röm 8,6). Ein anderer griechischer Ausdruck, soma (Leib), bezieht sich auf den ganzen Menschen mit dem Nachdruck auf seiner äußeren Erscheinung. Auch hier hat der Mensch nicht seinen Leib, sondern ist sein Leib. Die biblische Anthropologie setzt klar die Einheit des Menschen voraus und versteht Leiblichkeit als wesentlich für personale Identität.

29. Die zentralen Dogmen des christlichen Glaubens schließen ein, daß der Leib ein wesentlicher Bestandteil der menschlichen Person ist und auf diese Weise an deren Geschaffensein nach dem Bilde Gottes teilhat. Die christliche Schöpfungslehre schließt ganz entschieden einen metaphysischen oder kosmischen Dualismus aus, denn sie lehrt, daß alles im Universum, Geistiges und Materielles, von Gott geschaffen wurde und somit auf das vollkommene Gute zurückgeht. Im Rahmen der Inkarnationslehre erscheint der Leib ebenfalls als wesentlicher Bestandteil der Person. Das Johannesevangelium sagt aus, daß „das Wort Fleisch (sarx) geworden“ ist, um gegen den Doketismus zu betonen, daß Jesus einen wirklichen physischen Leib und nicht einen Scheinleib hatte. Ferner erlöst uns Jesus durch jede Handlung, die er in seinem Leib vollzieht. Sein Leib, der für uns hingegeben ist, und sein Blut, das für uns vergossen ist, meint die Gabe seiner Person für unser Heil. Christi Erlösungswerk setzt sich fort in der Kirche, seinem mystischen Leib, und wird sichtbar und berührbar durch die Sakramente. Die Wirkungen der Sakramente sind zwar in sich in erster Linie geistlich, sie kommen aber zustande mittels wahrnehmbarer materieller Zeichen, die nur im Leib und durch ihn empfangen werden können. Das zeigt, daß nicht nur der Geist des Menschen, sondern auch sein Leib erlöst ist. Der Leib wird ein Tempel des heiligen Geistes. Daß schließlich der Leib wesentlich zur menschlichen Person gehört, ist Bestandteil der Lehre von der Auferstehung des Leibes am Ende der Zeit; diese Lehre schließt ein, daß der Mensch in Ewigkeit als eine vollständige physische und geistige Person existiert.

30. Um die Einheit von Leib und Seele aufrechtzuerhalten, wie sie klar in der Offenbarung gelehrt ist, übernahm das Lehramt die Definition der menschlichen Seele als forma substantialis (vgl. das Konzil von Vienne und das V. Laterankonzil). Hier baute das Lehramt auf der thomistischen Anthropologie auf, die unter Rückgriff auf die Philosophie des Aristoteles Leib und Seele als das materielle und das geistige Prinzip eines einzelnen Menschen versteht. Es darf angemerkt werden, daß dieser Zugang mit heutigen wissenschaftlichen Einsichten nicht unvereinbar ist. Die moderne Physik hat nachgewiesen, daß die Materie in ihren elementarsten Bestandteilen rein potentiell ist und keine Neigung zur Organisation aufweist. Doch das Niveau der Organisation im Universum, das hochorganisierte Lebensformen und leblose Gestalten enthält, setzt die Anwesenheit von so etwas wie „Information“ voraus. Diese Argumentationslinie legt eine partielle Analogie zwischen dem aristotelischen Begriff der substantiellen Form und der modernen wissenschaftlichen Vorstellung der „Information“ nahe. So enthält z.B. die DNA der Chromosomen die für die Materie notwendige Information, um sich entsprechend den typischen Merkmalen einer bestimmten Art oder eines Individuums zu organisieren. Analog dazu stellt die substantielle Form der ersten Materie die Information zur Verfügung, die diese benötigt, um sich in einer besonderen Weise zu organisieren. Diese Analogie sollte mit gebührender Vorsicht betrachtet werden, weil metaphysische und geistige Begriffe nicht einfach mit materiellen, biologischen Gegebenheiten verglichen werden können.

31. Diese biblischen, dogmatischen und philosophischen Hinweise kommen in der Aussage überein, daß die Leiblichkeit des Menschen an der imago Dei teilhat. Wenn die Seele, die nach Gottes Bild geschaffen ist, die Materie so formt, daß diese den menschlichen Leib bildet, dann ist die menschliche Person als ganze der Träger des göttlichen Bildes in einer geistigen wie auch in einer leiblichen Dimension. Diese Folgerung wird bekräftigt, wenn die christologischen Implikationen des Bildes Gottes voll in Betracht gezogen werden: „Tatsächlich klärt sich nur im Geheimnis des fleischgewordenen Wortes das Geheimnis des Menschen wahrhaft auf … Christus macht dem Menschen den Menschen selbst voll kund und erschließt ihm seine höchste Berufung“ (Gaudium et spes 22). In geistlicher und physischer Verbundenheit mit dem fleischgewordenen und verherrlichten Wort, besonders im Sakrament der Eucharistie, erreicht der Mensch seine Bestimmung: die Auferstehung seines eigenen Leibes und die ewige Herrlichkeit, an der er als vollständige menschliche Person teilhat, mit Leib und Seele, in der trinitarischen Gemeinschaft, die alle Seligen in der Gefährtenschaft des Himmels teilen.

2. Mann und Frau

32. In Familiaris Consortio äußert Papst Johannes Paul II.: „Als Geist im Fleisch, das heißt als Seele, die sich im Leib ausdrückt, und als Leib, der von einem unsterblichen Geist durchlebt wird, ist der Mensch in dieser geeinten Ganzheit zur Liebe berufen. Die Liebe schließt den menschlichen Leib ein, und der Leib nimmt an der geistigen Liebe teil“ (11). Geschaffen nach dem Bilde Gottes, sind die Menschen berufen zu Liebe und Gemeinschaft. Weil diese Berufung in der ehelichen Vereinigung von Mann und Frau zur Fortpflanzung auf besondere Weise verwirklicht wird, ist der Unterschied zwischen Mann und Frau ein wesentliches Element in der Konstitution des Menschen, der nach dem Bilde Gottes hervorgebracht ist.

33. „Gott schuf den Menschen nach seinem Bild; als Bild Gottes schuf er ihn; als Mann und Frau schuf er sie“ (Gen 1,27; vgl. Gen 5,1–2). Gemäß der Schrift zeigt sich also am Anfang die imago Dei in der Differenz zwischen den Geschlechtern. Man könnte sagen, daß menschliche Wesen nur als männlich oder weiblich existieren, denn die reale menschliche Lage zeigt sich in der Verschiedenheit und Mehrzahl der Geschlechter. Folglich ist dieser Aspekt bei weitem nicht zufällig oder nebensächlich für die Persönlichkeit, sondern konstitutiv für personale Identität. Jeder von uns besitzt eine Weise, in der Welt zu sein, zu sehen, zu denken, zu fühlen, sich auf den gegenseitigen Austausch mit anderen Personen einzulassen, die ebenfalls durch ihre geschlechtliche Identität definiert sind. Der Katechismus der Katholischen Kirche lehrt: „Die Geschlechtlichkeit berührt alle Aspekte des Menschen in der Einheit seines Leibes und seiner Seele. Sie betrifft ganz besonders das Gefühlsleben, die Fähigkeit, zu lieben und Kinder zu zeugen und, allgemeiner, die Befähigung, Bande der Gemeinschaft mit anderen zu knüpfen“ (2332). Die Rollen, die dem einen oder anderen Geschlecht zugeschrieben werden, mögen durch Zeit und Raum hindurch wechseln, doch die geschlechtliche Identität der Person ist kein kulturelles oder soziales Konstrukt. Sie gehört zu der eigentümlichen Weise, in der die imago Dei existiert.

34. Die Fleischwerdung des Wortes verstärkt diese Eigentümlichkeit. Er, Christus, übernahm die menschliche Lage in ihrer Gesamtheit, indem er eines der Geschlechter annahm, doch er wurde Mensch in dem doppelten Sinne des Wortes: als Glied der menschlichen Gemeinschaft und als männliches Wesen. Die Beziehung jedes Menschen zu Christus ist auf zweierlei Weise bestimmt: Sie ist abhängig von der je eigenen geschlechtlichen Identität und von derjenigen Christi.

35. Hinzu kommt, daß die Fleischwerdung und Auferstehung die ursprüngliche geschlechtliche Identität der imago Dei in die Ewigkeit ausweiten. Der auferstandene Herr bleibt ein Mann, wenn er nun zur Rechten des Vaters sitzt. Ebenso können wir feststellen, daß die geheiligte und verherrlichte Person der Gottesmutter, wie sie jetzt leibhaftig in den Himmel aufgenommen ist, weiterhin eine Frau ist. Wenn in Gal 3,28 der hl. Paulus verkündet, daß in Christus alle Unterschiede – einschließlich desjenigen zwischen Mann und Frau – ausgetilgt sind, so versichert er, daß keinerlei menschliche Unterschiede unsere Teilhabe am Geheimnis Christi hindern. Die Kirche ist nicht dem hl. Gregor von Nyssa und einigen anderen Kirchenvätern gefolgt, nach deren Ansicht die geschlechtlichen Unterschiede als solche durch die Auferstehung aufgehoben würden. Die sexuellen Unterschiede zwischen Mann und Frau weisen sicherlich physische Merkmale auf, tatsächlich übersteigen sie jedoch das rein Physische und berühren das eigentliche Geheimnis der Person.

36. Die Bibel bietet keine Unterstützung für die Auffassung einer natürlichen Überlegenheit des männlichen über das weibliche Geschlecht. Unbeschadet ihrer Unterschiede weisen beide Geschlechter eine innewohnende Gleichwertigkeit auf. Papst Johannes Paul II. schreibt in Familiaris Consortio: „Für die Frau ist vor allem zu betonen, daß sie die gleiche Würde und Verantwortung wie der Mann besitzt. Diese Gleichwertigkeit kommt in einzigartiger Weise zur Geltung in der gegenseitigen Selbsthingabe an den anderen und in der gemeinsamen Hingabe an die Kinder, wie sie der Ehe und Familie eigen ist … Indem Gott den Menschen ‚als Mann und Frau’ erschuf, schenkte er dem Mann und der Frau in gleicher Weise personale Würde und stattete sie mit den unveräußerlichen Rechten aus, die der menschlichen Person zukommen“ (22). Mann und Frau sind in gleicher Weise nach Gottes Bild geschaffen. Beide sind Person, ausgestattet mit Verstand und Wille und befähigt, ihrem Leben durch den Gebrauch der Freiheit eine Ausrichtung zu geben. Doch jeder Mensch tut dies in einer Weise, die eigentümlich und kennzeichnend für seine geschlechtliche Identität ist, so daß die christliche Tradition von einer Gegenseitigkeit und Komplementarität sprechen kann. Diese Ausdrücke, die in letzter Zeit recht umstritten sind, sind nichtsdestoweniger nützlich um auszudrücken, daß Mann und Frau jeweils den anderen brauchen, um die Fülle des Lebens zu erlangen.

37. Sicherlich wurde die ursprüngliche Freundschaft zwischen Mann und Frau durch die Sünde tief beeinträchtigt. Durch sein Zeichen auf der Hochzeit zu Kana (Joh 2,1ff.) zeigt der Herr, daß er gekommen ist, um die Harmonie wiederherzustellen, die Gott in der Schöpfung von Mann und Frau anstrebte.

38. Das Bild Gottes, das sich in der Natur der menschlichen Person als solcher finden läßt, kann auf eine besondere Weise in der Vereinigung zwischen menschlichen Wesen verwirklicht werden. Da diese Vereinigung auf die Vollkommenheit der göttlichen Liebe ausgerichtet ist, hat die christliche Tradition immer den Wert von Jungfräulichkeit und Zölibat festgehalten, die eine keusche Freundschaft zwischen menschlichen Personen begünstigen und gleichzeitig auf die eschatologische Erfüllung aller geschöpflichen Liebe in der ungeschaffenen Liebe der Heiligen Dreifaltigkeit hinweisen. In eben diesem Zusammenhang zog das I. Vatikanische Konzil eine Analogie zwischen der Gemeinschaft der göttlichen Personen untereinander und der Gemeinschaft, zu deren Errichtung Menschen auf Erden eingeladen sind (vgl. Gaudium et spes 24).

39. Zwar ist es sicherlich wahr, daß die Vereinigung zwischen Menschen auf vielfältigen Wegen verwirklicht werden kann, doch die katholische Theologie heute hält fest, daß die Ehe eine herausgehobene Form der Gemeinschaft zwischen menschlichen Personen und eine der besten Analogien des dreifaltigen Lebens darstellt. Wenn ein Mann und eine Frau ihren Leib und ihren Geist in einer Haltung völliger Offenheit und Selbsthingabe vereinigen, dann gestalten sie ein neues Bild Gottes. Ihre Vereinigung zu einem Fleisch entspricht nicht einfach einer biologischen Notwendigkeit, sondern einer Absicht des Schöpfers, der sie dahin führt, das Glück zu teilen, nach seinem Bild hervorgebracht zu sein. Die christliche Tradition spricht von der Ehe als einem ausgezeichneten Weg der Heiligkeit. „‚Gott ist Liebe‘ und lebt in sich selbst ein Geheimnis personaler Liebesgemeinschaft. Indem er den Menschen nach seinem Bild erschafft, prägt Gott der Menschennatur des Mannes und der Frau die Berufung und daher auch die Fähigkeit und die Verantwortung zu Liebe und Gemeinschaft ein“ (Katechismus der Katholischen Kirche 2331). Das Zweite Vatikanische Konzil unterstreicht ebenfalls die tiefe Bedeutung der Ehe: „Kraft des Ehesakramentes, durch das sie das Geheimnis der Einheit und der fruchtbaren Liebe zwischen Christus und der Kirche bezeichnen und daran Anteil haben (vgl. Eph 5,32), fördern sich die christlichen Gatten gegenseitig im ehelichen Leben sowie auch durch die Annahme und Erziehung der Kinder zur Heiligung“ (Lumen gentium 11; vgl. Gaudium et spes 48).

3. Person und Gemeinschaft

40. Nach dem Bilde Gottes geschaffene Personen sind leibliche Wesen, deren Identität als Mann oder Frau sie auf eine besondere Art der Gemeinschaft miteinander hinordnet. Wie Papst Johannes Paul II. lehrt, findet die bräutliche Bedeutung des Leibes ihre Verwirklichung in der menschlichen Intimität und Liebe, die die Gemeinschaft der Heiligen Dreifaltigkeit widerspiegelt, deren gegenseitige Liebe ausgegossen ist in Schöpfung und Erlösung. Diese Wahrheit steht im Mittelpunkt der christlichen Anthropologie. Menschen sind geschaffen nach dem Bilde Gottes eben als Personen, befähigt zu Erkenntnis und Liebe, die personal und interpersonal sind. Es gehört zum Wesen der imago Gottes in ihnen, daß diese personalen Wesen relationale und soziale Wesen sind, umfangen von einer menschlichen Familie, deren Einheit zugleich verwirklicht und bezeichnet ist in der Kirche.

41. Wenn man von der Person spricht, bezieht man sich sowohl auf die unreduzierbare Identität und Innerlichkeit, die das besondere individuelle Wesen konstituieren, als auch auf die grundlegende Beziehung zu anderen Personen, die die Basis für menschliche Gemeinschaft ausmacht. In christlicher Perspektive ist diese personale Identität, die zugleich eine Ausrichtung auf den anderen darstellt, wesentlich auf der Trinität der göttlichen Personen begründet. Gott ist nicht ein vereinzeltes Wesen, sondern Gemeinschaft von drei Personen. Auf dem Grund der einen göttlichen Natur besteht die Identität des Vaters in seiner Vaterschaft, seiner Beziehung zum Sohn und zum Geist; die Identität des Sohnes ist seine Beziehung zum Vater und zum Geist; die Identität des Geistes ist seine Beziehung zu Vater und Sohn. Die christliche Offenbarung führte zur Ausbildung des Personbegriffs und gab ihm eine göttliche, christologische und trinitarische Bedeutung. Tatsächlich ist keine Person als solche allein im Universum, sondern sie besteht immer zugleich mit anderen und ist aufgerufen, mit ihnen Gemeinschaft zu bilden.

42. Daraus folgt, daß personale Wesen zugleich soziale Wesen sind. Der Mensch ist wahrhaft menschlich in dem Maße, wie er das wesentlich soziale Element in seiner Verfassung als Person innerhalb familiärer, religiöser, ziviler, beruflicher und anderer Gruppen aktualisiert, die zugleich die gesellschaftliche Umwelt bilden, der er angehört. Während sie den grundlegend sozialen Charakter der menschlichen Existenz bekräftigt, hat die christliche Kultur nichtsdestoweniger den absoluten Wert der menschlichen Person sowie die Bedeutung der individuellen Rechte und die kulturelle Vielfalt anerkannt. In der Schöpfungsordnung wird immer eine gewisse Spannung zwischen der Einzelperson und den Erfordernissen sozialer Existenz bestehen. In der Heiligen Dreifaltigkeit gibt es eine vollkommene Harmonie zwischen den Personen, die die Gemeinschaft eines einzigen göttlichen Lebens teilen.

43. Jeder einzelne Mensch wie auch die gesamte menschliche Gemeinschaft sind geschaffen nach dem Bilde Gottes. In seiner ursprünglichen Einheit – für die Adam das Symbol darstellt – ist das Menschengeschlecht hervorgebracht nach dem Bild der Heiligen Dreifaltigkeit. Es ist von Gott gewollt, geht seinen Weg durch den Wandel der menschlichen Geschichte hin zu einer vollkommenen Gemeinschaft, die ebenfalls von Gott gewollt ist, aber noch voll verwirklicht werden muß. In diesem Sinne teilen menschliche Wesen die Solidarität einer Einheit, die sowohl bereits existiert als auch noch erlangt werden muß. Obwohl wir eine geschöpfliche Natur miteinander teilen und den dreieinen Gott, der unter uns wohnt, bekennen, sind wir trotzdem durch die Sünde gespalten und erwarten das siegreiche Kommen Christi, der die Einheit nach dem Willen Gottes in einer endgültigen Erlösung der Schöpfung wiederherstellen und neu schaffen wird (vgl. Röm 8,18–19). Diese Einheit der Menschheitsfamilie muß noch eschatologisch verwirklicht werden. Die Kirche ist das Sakrament des Heils und des Reiches Gottes: sie ist katholisch, indem sie Menschen aller Völker und Kulturen zusammenbringt; sie ist eine als Vorhut der Einheit der menschlichen Gemeinschaft nach dem Willen Gottes; heilig, weil sie sich geheiligt hat in der Kraft des Heiligen Geistes und alle Menschen heiligt durch die Sakramente; und apostolisch in der Weiterführung der Sendung der Männer, die Christus erwählt hat, um fortschreitend die gottgewollte Einheit des Menschengeschlechts und die Vollendung von Schöpfung und Erlösung zu erreichen.

4. Sünde und Heil

44. Der Mensch, der nach dem Bilde Gottes geschaffen ist, um an der Gemeinschaft des trinitarischen Lebens teilzuhaben, ist Person; es gehört zu seiner Verfassung, diese Gemeinschaft in Freiheit ergreifen zu können. Freiheit ist die göttliche Gabe, die menschlichen Personen ermöglicht, die Gemeinschaft zu erwählen, die der dreieine Gott ihnen als ihr höchstes Gut anbietet. Doch mit der Freiheit kommt die Möglichkeit der verfehlten Freiheit. Statt das höchste Gut der Teilhabe am göttlichen Leben bereitwillig anzunehmen, können sich menschliche Personen davon abwenden und tun es de facto, um sich an vorübergehenden oder gar an bloß eingebildeten Gütern zu erfreuen. Sünde ist genau diese verfehlte Freiheit, diese Abwendung von der göttlichen Einladung zur Gemeinschaft

45. Innerhalb der Perspektive der imago Dei, die in ihrer ontologischen Struktur wesentlich dialogisch bzw. relational ist, bewirkt die Sünde als Bruch der Beziehung zu Gott eine Entstellung der imago Dei. Die Dimensionen der Sünde lassen sich erfassen im Licht der Dimensionen der imago Dei, die von der Sünde betroffen sind. Diese grundlegende Entfremdung von Gott stört auch die Beziehung des Menschen zu anderen (vgl. 1 Joh 3,17) und ruft in einem wirklichen Sinne eine Spaltung in ihm selbst zwischen Leib und Geist, Erkennen und Wollen, Vernunft und Gefühlen hervor (Röm 7,14f.). Sie betrifft auch seine physische Existenz und bringt Leiden, Krankheit und Tod mit sich. Außerdem hat auch die Sünde, ebenso wie die imago Dei, eine historische Dimension. Das Zeugnis der Schrift (vgl.Röm 5,12ff.) konfrontiert uns mit einer Sicht der Geschichte der Sünde, die verursacht wurde durch eine Zurückweisung der göttlichen Einladung zur Gemeinschaft, die am Anfang der Geschichte des Menschengeschlechts steht. Schließlich betrifft die Sünde die soziale Dimension der imago Dei; es lassen sich Ideologien und Strukturen ausmachen, in denen objektiv Sünde zum Ausdruck kommt und die der Verwirklichung des Bildes Gottes auf Seiten des Menschen entgegenstehen.

46. Katholische und protestantische Exegeten stimmen heute darin überein, daß die imago Dei durch die Sünde nicht völlig zerstört werden kann, weil sie die gesamte Struktur der menschlichen Natur bestimmt. Die katholische Tradition ihrerseits hat immer darauf bestanden, daß die imago Dei zwar beeinträchtigt und entstellt ist, jedoch durch die Sünde nicht zerstört werden kann. Die dialogische bzw. relationale Struktur des Bildes Gottes ist unverlierbar, doch unter der Herrschaft der Sünde ist sie in der Ausrichtung auf ihre christologische Verwirklichung gespalten. Darüber hinaus ist die ontologische Struktur des Bildes zwar in ihrer Geschichtlichkeit durch die Sünde betroffen, doch sie bleibt trotz der Wirklichkeit sündiger Handlungen bestehen. In dieser Hinsicht – so argumentieren viele Kirchenväter in ihrer Antwort auf Gnosis und Manichäismus – kann die Freiheit, die als solche zur Bestimmung des Menschseins gehört und grundlegend für die ontologische Struktur der imago Dei ist, nicht unterdrückt werden, selbst wenn die Situation, in der Freiheit ausgeübt wird, teilweise durch die Folgen der Sündhaftigkeit geprägt ist. Schließlich hat die katholische Tradition gegen die Auffassung von der totalen Verderbnis der imago Deidurch die Sünde darauf bestanden, daß Gnade und Heil illusorisch wären, wenn sie die bestehende, wenn auch sündhafte Wirklichkeit der menschlichen Natur nicht tatsächlich verwandeln würden.

47. In der Perspektive der Theologie der imago Dei verstanden, bringt das Heil die Wiederherstellung des Bildes Gottes durch Christus, der das vollkommene Bild des Vaters ist, mit sich. Christus, der unser Heil durch sein Leiden, seinen Tod und seine Auferstehung erringt, wirkt unsere Gleichförmigkeit mit ihm durch unsere Teilhabe am Pascha-Mysterium, und so gibt er der imago Dei ihre Gestalt in ihrer eigentümlichen Ausrichtung auf die glückselige Gemeinschaft des trinitarischen Lebens zurück. In dieser Perspektive ist Heil nichts Geringeres als eine Verwandlung und Erfüllung des personalen Lebens des Menschen, der nach dem Bilde Gottes geschaffen und nun neu hingeordnet ist auf eine wirkliche Teilhabe am Leben der göttlichen Personen durch die Gnade der Menschwerdung und die Einwohnung des Heiligen Geistes. Die katholische Tradition spricht hier zu Recht von einer Verwirklichung der Person. Insofern die Person aufgrund der Sünde an einem Mangel an Liebe leidet, kann sie sich unabhängig von der absoluten und gnadenhaften Liebe Gottes in Christus Jesus nicht selbst verwirklichen. Aufgrund dieser heilbringenden Verwandlung der Person durch Christus und den Heiligen Geist wird alles im Universum ebenso verwandelt und gelangt zur Teilhabe an der Herrlichkeit Gottes (Röm 8,21).

48. Für die theologische Tradition ist der von der Sünde betroffene Mensch immer des Heils bedürftig; doch hat er ein natürliches Verlangen nach der Gottesschau – ein desiderium naturale –, das als Bild des Göttlichen eine dynamische Ausrichtung auf das Göttliche darstellt. Diese Ausrichtung ist zwar durch die Sünde nicht zerstört, kann aber unabhängig von Gottes rettender Gnade auch nicht verwirklicht werden. Gott der Retter wendet sich an ein Ebenbild seiner selbst, das in seiner Ausrichtung auf ihn gestört, nichtsdestoweniger aber befähigt ist, das göttliche Heilshandeln zu empfangen. Diese traditionellen Formulierungen besagen sowohl die Unzerstörbarkeit der Ausrichtung des Menschen auf Gott als auch die Notwendigkeit des Heils. Die menschliche Person, geschaffen nach dem Bilde Gottes, ist von Natur aus auf den Genuß der göttlichen Liebe hingeordnet, doch nur die göttliche Gnade macht das freie Ergreifen dieser Liebe möglich und wirksam. In dieser Hinsicht ist Gnade nicht bloß ein Heilmittel für die Sünde, sondern eine qualitative Verwandlung menschlicher Freiheit, ermöglicht durch Christus, als eine zum Guten befreite Freiheit.

49. Die Wirklichkeit personaler Sünde zeigt, daß das Bild Gottes nicht eindeutig für Gott offen ist, sondern sich in sich selbst verschließen kann. Das Heil bringt durch das Kreuz eine Befreiung von dieser Selbstverherrlichung mit sich. Das Pascha-Mysterium, das ursprünglich durch Leiden, Tod und Auferstehung Christi grundgelegt ist, ermöglicht jeder Person die Teilhabe am Tod für die Sünde, die zum Leben in Christus führt. Das Kreuz zieht nicht die Zerstörung des Menschlichen nach sich, sondern den Durchgang, der zum neuen Leben führt.

50. Die Auswirkungen des Heils für den nach dem Bilde Gottes geschaffenen Menschen werden erlangt durch die Gnade Christi, der als der zweite Adam das Haupt einer neuen Menschheit ist und der für den Menschen eine neue heilshafte Situation schafft durch seinen Tod für die sündigen Menschen und durch seine Auferstehung (vgl. 1 Kor 15,47–49; 2 Kor5,2; Röm 5,6ff.). Auf diese Weise wird der Mensch eine neue Schöpfung (2 Kor 5,17), fähig zu einem neuen Leben in Freiheit, einem Leben „frei von“ und „frei zu“.

51. Der Mensch ist befreit von der Sünde, vom Gesetz und von Leid und Tod. In erster Linie ist Heil eine Befreiung von Sünde und versöhnt den Menschen mit Gott, und sei es mitten im andauernden Kampf gegen die Sünde, der in der Kraft des Heiligen Geistes geführt wird (vgl. Eph 6,10–20). Außerdem ist Heil nicht eine Befreiung vom Gesetz als solchem, sondern von jeglicher Gesetzlichkeit, die im Gegensatz zum Heiligen Geist (2 Kor 3,6) und zur Verwirklichung der Liebe (Röm 13,10) steht. Heil bringt eine Befreiung von Leid und Tod mit sich, die einen neuen Sinn als heilbringende Teilhabe durch Leiden, Tod und Auferstehung des Sohnes erlangen. Weiterhin bedeutet „Freiheit von“ gemäß dem christlichen Glauben „Freiheit für“: Freiheit von der Sünde bedeutet Freiheit für Gott in Christus und im Heiligen Geist; Freiheit vom Gesetz bedeutet Freiheit für authentische Liebe; Freiheit vom Tod bedeutet Freiheit für das neue Leben in Gott. Diese „Freiheit für“ ist ermöglicht durch Jesus Christus, die vollkommene Ikone des Vaters, der das Bild Gottes im Menschen wiederherstellt.

5. imago Dei und imago Christi

52. „Tatsächlich klärt sich nur im Geheimnis des fleischgewordenen Wortes das Geheimnis des Menschen wahrhaft auf. Denn Adam, der erste Mensch, war das Vorausbild des zukünftigen, nämlich Christi des Herrn. Christus, der neue Adam, macht eben in der Offenbarung des Geheimnisses des Vaters und seiner Liebe dem Menschen den Menschen selbst voll kund und erschließt ihm seine höchste Berufung. Es ist also nicht verwunderlich, daß in ihm die eben genannten Wahrheiten ihren Ursprung haben und ihren Gipfelpunkt erreichen“ (Gaudium et spes, 22). Dieser berühmte Abschnitt aus der Konstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils über die Kirche in der Welt von heute ist sehr geeignet, um diese Zusammenfassung der Hauptelemente einer Theologie der imago Dei abzuschließen. Denn es ist Jesus Christus, der dem Menschen die Fülle seines Seins in seiner ursprünglichen Natur, in seiner endgültigen Zielbestimmung und in seiner gegenwärtigen Realität offenbart.

53. Die Ursprünge des Menschen sind in Christus zu finden: Denn der Mensch ist geschaffen „durch ihn und in ihm“ (Kol 1,17), „das Wort … war das Leben … und ist das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, indem es in die Welt kommt“ (Joh 1,3–4.9). Zwar ist es wahr, daß der Mensch ex nihilo erschaffen wurde, doch läßt sich auch sagen, daß er geschaffen wurde aus der Fülle (ex plenitudine) Christi selbst, der zugleich Schöpfer, Mittler und Ziel des Menschen ist. Der Vater hat uns dazu bestimmt, seine Söhne und Töchter zu sein und „gleichgestaltet zu werden dem Bild seines Sohnes, damit dieser der Erstgeborene unter vielen Brüdern sei“ (Röm 8,29). Was es also bedeutet, als imago Dei erschaffen zu sein, ist uns nur voll offenbart in der imago Christi. In ihm finden wir die volle Aufnahmefähigkeit für den Vater, die unsere eigene Existenz charakterisieren soll, die Offenheit für den anderen in einer Haltung des Dienstes, die unsere Beziehungen zu unseren Brüdern und Schwestern in Christus bestimmten soll, und Erbarmen und Liebe für die anderen, wie Christus, das Bild des Vaters, sie uns erweist.

54. Ebenso wie die Anfänge des Menschen in Christus zu finden sind, so auch seine Zielbestimmung. Menschen sind ausgerichtet auf das Reich Christi als absolute Zukunft, als Erfüllung menschlicher Existenz. Weil „alles durch ihn und auf ihn hin geschaffen ist“ (Kol1,16), findet alles seine Ausrichtung und Bestimmung in ihm. Der Wille Gottes, daß Christus die Fülle des Menschen sein soll, wird eine eschatologische Verwirklichung finden. Der Heilige Geist wird die endgültige Gleichgestaltung der menschlichen Personen mit Christus in der Auferstehung der Toten vollenden, doch nehmen Menschen bereits hier auf Erden mitten in Zeit und Geschichte an dieser eschatologischen Ähnlichkeit mit Christus teil. Durch Menschwerdung, Auferstehung und Geistsendung ist das Eschaton bereits da; sie lassen es beginnen, führen es in die Welt der Menschen ein und nehmen seine endgültige Verwirklichung vorweg. Der Heilige Geist wirkt geheimnisvoll in allen Menschen guten Willens, in Gesellschaften und im Kosmos, um den Menschen zu verklären und zu vergöttlichen. Darüber hinaus wirkt der Heilige Geist durch alle Sakramente, insbesondere die Eucharistie, die das himmlische Festmahl vorwegnimmt, die Fülle der Gemeinschaft in Vater, Sohn und Heiligem Geist.

55. Zwischen den Ursprüngen des Menschen und seiner absoluten Zukunft liegt die gegenwärtige existentielle Situation des Menschengeschlechts, dessen voller Sinn ebenfalls nur in Christus zu finden ist. Wir haben gesehen, daß es Christus ist – in seiner Menschwerdung, seinem Tod und seiner Auferstehung –, der das Bild Gottes im Menschen zu seiner eigentlichen Gestalt wiederherstellt. „Durch ihn sollte alles auf Erden und im Himmel versöhnt auf ihn hin, der Friede gestiftet hat am Kreuz durch sein Blut“ (Kol 1,20). Im Innersten seiner sündhaften Existenz ist dem Menschen vergeben, und durch die Gnade des Heiligen Geistes weiß er, daß er errettet und gerechtfertigt ist durch Christus. Menschen wachsen in ihrer Ähnlichkeit mit Christus und wirken mit dem Heiligen Geist mit, der sie insbesondere durch die Sakramente nach dem Bild Christi formt. Auf diese Weise ist die alltägliche Existenz des Menschen bestimmt als Bemühen, noch vollständiger dem Bild Christi gleichgestaltet zu werden und das eigene Leben dem Kampf zu weihen, um den endgültigen Sieg Christi in der Welt herbeizuführen.

KAPITEL III

NACH DEM BILDE GOTTES:
DIENSTLEISTUNG FÜR DIE SICHTBARE SCHÖPFUNG

56. Das erste große Thema innerhalb der Theologie der imago Dei betrifft die Teilhabe am Leben der göttlichen Gemeinschaft. Der Mensch, geschaffen nach dem Bilde Gottes, teilt, wie wir gesehen haben, die Welt mit anderen leibhaftigen Lebewesen, unterscheidet sich jedoch von ihnen durch Intellekt, Liebe und Freiheit und ist daher durch seine Natur selbst auf interpersonale Gemeinschaft hingeordnet. Der vorzügliche Fall dieser Gemeinschaft ist die Vereinigung von Mann und Frau zur Fortpflanzung, in der sich die schöpferische Gemeinschaft trinitarischer Liebe widerspiegelt. Die Entstellung der imago Dei durch die Sünde mit ihren unvermeidlich zerstörerischen Folgen für das personale und interpersonale Leben ist durch Leiden, Tod und Auferstehung Christi überwunden. Die rettende Gnade der Teilhabe am Pascha-Mysterium stellt die Gestalt der imago Dei nach dem Modell der imago Christi wieder her.

57. In dem vorliegenden Kapitel bedenken wir das zweite Hauptthema der Theologie derimago Dei. Menschliche Wesen, geschaffen nach dem Bilde Gottes, um die Gemeinschaft trinitarischer Liebe zu teilen, nehmen nach göttlichem Plan einen einzigartigen Platz im Universum ein: Sie genießen das Privileg, an der göttlichen Herrschaft über die sichtbare Schöpfung teilzunehmen. Dieses Privileg ist ihnen gewährt vom Schöpfer, der das Geschöpf, das nach seinem Bilde hervorgebracht ist, an seinem Wirken teilnehmen läßt, an seinem Projekt von Liebe und Heil, ja an seinem eigenen Herrsein über das Universum. Da der Ort des Menschen als Herrscher tatsächlich eine Teilhabe an der göttlichen Herrschaft über die Schöpfung darstellt, sprechen wir hier von ihr als von einer Form der Dienstleistung.

58. In Gaudium et spes heißt es: „Der nach Gottes Bild geschaffene Mensch hat ja den Auftrag erhalten, sich die Erde mit allem, was zu ihr gehört, zu unterwerfen und so die Welt in Gerechtigkeit und Heiligkeit zu regieren, damit er Gott als Schöpfer aller Dinge anerkenne und dadurch sich selbst und die Gesamtheit der Wirklichkeit auf Gott hinordne, so daß durch die Unterwerfung aller Dinge unter den Menschen Gottes Name wunderbar sei auf der ganzen Erde“ (34). Dieses Konzept der Herrschaft bzw. Souveränität des Menschen spielt eine wichtige Rolle in der christlichen Theologie. Gott beruft den Menschen als seinen treuhänderischen Verwalter in der Weise des Herrn in den Gleichnissen des Evangeliums (vgl. Lk 19,12). Das einzige Geschöpf, das von Gott ausdrücklich um seiner selbst willen gewollt ist, nimmt einen einzigartigen Platz an der Spitze der sichtbaren Schöpfung ein (Gen1,26; 2,20; Ps 8,6–7, Weish 9,2–3).

59. Die christliche Theologie verwendet die Bildwelt des Hauses wie auch des Königtums, um diese besondere Rolle zu beschreiben. Die Verwendung der königlichen Metaphorik besagt, daß Menschen zur Herrschaft im Sinn einer Vorrangstellung über das Ganze der sichtbaren Schöpfung in königlicher Weise berufen sind. Doch der innere Sinn dieses Königtums ist, wie Jesus seinen Jüngern in Erinnerung ruft, der des Dienstes: Nur indem Christus freiwillig als Opfergabe leidet, wird er der König des Universums, und das Kreuz ist sein Thron. Wo die Metaphorik des Hauses benutzt wird, spricht die christliche Theologie vom Menschen als dem Hausherrn, dem Gott die Sorge über all seine Güter anvertraut hat (vgl. Mt 24,45). Der Mensch kann alle Ressourcen der sichtbaren Schöpfung seinen schöpferischen Ideen gemäß einsetzen und übt die ihm anvertraute ­Hoheit über die sichtbare Schöpfung durch Wissenschaft, Technik und Kunst aus.

60. Über sich selbst hinaus und doch in der Intimität seines eigenen Gewissens entdeckt der Mensch die Existenz eines Gesetzes, das die Tradition das „Naturgesetz“ nennt. Dieses Gesetz ist göttlichen Ursprungs, und die Tatsache, daß der Mensch sich dieses Gesetzes bewußt ist, ist selbst eine Teilhabe am göttlichen Gesetz. Es bezieht den Menschen auf die wahren Ursprünge des Alls wie auch seiner selbst (Veritatis Splendor, 20). Dieses Naturgesetz treibt das vernunftbegabte Geschöpf dazu an, in seiner Hoheit über das All das Wahre und Gute zu suchen. Geschaffen nach dem Bilde Gottes übt der Mensch seine Hoheit über die sichtbare Schöpfung nur kraft des ihm von Gott übertragenen Privilegs aus. Er ahmt die göttliche Herrschaft nach, kann jedoch nicht an ihre Stelle treten. Die Bibel warnt vor der Sünde dieser Anmaßung der göttlichen Rolle. Es bedeutet für Menschen ein schwerwiegendes moralisches Versagen, wenn sie als Herrscher der sichtbaren Schöpfung so handeln, daß sie sich von dem höheren, göttlichen Gesetz trennen. Sie handeln an der Stelle des Herrn als treuhänderische Verwalter (vgl. Mt 25,14ff.), die die nötige Freiheit haben, um die ihnen anvertrauten Gaben zu entwickeln und dies mit einer gewissen kühnen Erfindungsgabe zu tun.

61. Der Treuhänder muß Rechenschaft von seiner Verwaltung geben, und der göttliche Herr wird über seine Handlungen urteilen. Die moralische Legitimität und Wirksamkeit der vom Treuhänder angewandten Mittel liefern die Kriterien für dieses Urteil. Weder Wissenschaft noch Technik sind Ziele in sich selbst; was technisch möglich ist, ist nicht unbedingt auch vernünftig oder ethisch richtig. Wissenschaft und Technik müssen in den Dienst des planvollen Entwurfs Gottes (divine design) für das Ganze der Schöpfung und für alle Geschöpfe gestellt werden. Dieser Plan gibt dem Universum und ebenso der Unternehmung des Menschen Sinn. Die Dienstleistung des Menschen am der geschaffenen Welt ist im präzisen Sinne eine treuhänderische Verwaltung, die auf dem Weg der Teilhabe an der göttlichen Herrschaft erfolgt und ihr stets unterworfen ist. Menschen üben diese Dienstleistung aus, indem sie ein wissenschaftliches Verständnis des Alls erwerben, verantwortungsvoll für die natürliche Welt sorgen (Tiere und Umwelt eingeschlossen) und ihre eigene biologische Integrität wahren.

1. Wissenschaft und Dienstleistung im Bereich des Wissens

62. Das Bestreben, das Universum zu verstehen, hat die menschliche Kultur in jeder Periode und in nahezu jeder Gesellschaft geprägt. In der Perspektive des christlichen Glaubens ist dieses Bestreben geradezu ein Ausdruck der Dienstleistung, die Menschen in Übereinstimmung mit Gottes Plan wahrnehmen. Ohne einem unglaubwürdigen Konkordismus anzuhängen, haben Christen die Verantwortung, das moderne wissenschaftliche Verständnis des Universums in den Kontext der Schöpfungstheologie einzuordnen. Der Platz des Menschen in der Geschichte des sich entwickelnden Universums, wie die modernen Naturwissenschaften es erfassen, kann nur im Licht des Glaubens in seiner vollständigen Realität gesehen werden, als personale Geschichte der Verpflichtung des dreieinigen Gottes gegenüber geschöpflichen Personen.

63. Nach weithin anerkannter wissenschaftlicher Aussage ging das Universum vor 15 Milliarden Jahren aus einer Explosion hervor, die Big Bang (Urknall) genannt wird, und befindet sich seither in einem Prozeß der Ausweitung und Abkühlung. Später tauchten stufenweise die Bedingungen auf, die für die Bildung von Atomen notwendig waren, noch später verdichteten sich Galaxien und Sterne, und etwa 10 Milliarden Jahre später bildeten sich Planeten. In unserem eigenen Sonnensystem und auf der Erde (die vor etwa 4,5 Milliarden Jahren entstand), waren die Bedingungen für die Entstehung von Leben günstig. Während Wissenschaftler wenig einig darüber sind, wie der Ursprung dieses ersten mikroskopischen Lebens zu erklären ist, besteht unter ihnen allgemeines Einvernehmen, daß der erste Organismus auf diesem Planeten vor etwa 3,5 bis 4 Millionen lebte. Da nachgewiesen wurde, daß alle lebendigen Organismen auf Erden genetisch in Beziehung stehen, ist es praktisch sicher, daß alle lebendigen Organismen von diesem ersten Organismus abstammen.

Übereinstimmende Anhaltspunkte vieler Studien in den physikalischen und biologischen Wissenschaften liefern wachsende Unterstützung für eine Art von Evolutionstheorie, um die Entwicklung und zunehmende Vielfalt des Lebens auf Erden zu erklären, während die Auseinandersetzung über Tempo und Mechanismen der Evolution weitergeht. Während die Darstellung der menschlichen Ursprünge komplex ist und der Revision unterliegt, verbünden sich physikalische Anthropologie und Molekularbiologie, um überzeugend zu plädieren für den Ursprung des menschlichen Spezies in Afrika vor ungefähr 40’000 Jahren in einer menschenartigen Population gemeinsamer genetischer Abstammung. Wie auch immer es zu erklären ist, der entscheidende Faktor der menschlichen Ursprünge war eine stetig ansteigende Größe des Gehirns, gipfelnd in demjenigen des homo sapiens. Mit der Entwicklung des menschlichen Gehirns änderten sich ständig Natur und Geschwindigkeit der Evolution: mit der Einführung des ausschließlich menschlichen Faktors von Bewußtsein, Intentionalität, Freiheit und Kreativität wurde die biologische Evolution umgestaltet zur sozialen und kulturellen Evolution.

64. Papst Johannes Paul II. stellte vor einigen Jahren fest, daß „neues Wissen uns anerkennen läßt, daß die Evolutionstheorie mehr als eine Hypothese ist. Es ist tatsächlich bemerkenswert, daß diese Theorie infolge einer Reihe von Entdeckungen auf verschiedenen Wissensgebieten bei Forschern zunehmend Anerkennung gefunden hat“ („Botschaft an die Päpstliche Akademie der Wissenschaften zur Evolution“, 1996). In Kontinuität mit der vorausgehenden päpstlichen Lehre des 20. Jahrhunderts (insbesondere mit der EnzyklikaHumani Generis Papst Pius’ XII.) anerkennt die Botschaft des Heiligen Vaters, daß es „mehrere Evolutionstheorien“ gibt, die „materialistisch, reduktionistisch und spiritualistisch“ sind und daher unvereinbar mit dem katholischen Glauben.

Folglich kann die Botschaft von Papst Johannes Paul II. nicht gelesen werden als generelle Zustimmung zu allen Evolutionstheorien einschließlich der neo-darwinistischen, die ausdrücklich der göttlichen Vorsehung jede wahrhaft ursächliche Rolle in der Entwicklung von Leben im Universum abspricht. Papst Johannes Pauls Botschaft, die sich hauptsächlich mit der Evolution befaßt, insofern sie „die Frage des Menschen einschließt“, ist jedoch besonders kritisch gegenüber materialistischen Theorien der menschlichen Ursprünge und besteht auf der Bedeutung von Philosophie und Theologie für ein angemessenes Verständnis des „ontologischen Sprungs“ zum Menschlichen, der in rein wissenschaftlichen Begriffen nicht erklärt werden kann.

Das Interesse der Kirche an der Evolution konzentriert sich folglich insbesondere auf „das Verständnis des Menschen“, der als geschaffen nach dem Bilde Gottes „nicht als ein bloßes Mittel oder Instrument weder der Gattung noch der Gesellschaft untergeordnet werden kann“. Als Person, geschaffen nach dem Bilde Gottes, ist er fähig, Beziehungen der Gemeinschaft mit anderen Personen und mit dem dreieinen Gott aufzunehmen sowie Hoheit und Dienstleistung im geschaffenen Universum auszuüben. Diese Bemerkungen implizieren, daß Theorien über die Evolution und den Ursprung des Universums von besonderem theologischem Interesse sind, wenn sie die Lehren von der creatio ex nihilo und der Erschaffung des Menschen nach dem Bilde Gottes berühren.

65. Wir haben gesehen, daß die menschliche Person erschaffen ist nach dem Bilde Gottes, um Anteil zu haben an der göttlichen Natur (vgl. 2 Petr 1,3–4) und so die Gemeinschaft des dreifaltigen Lebens und die göttliche Herrschaft über die sichtbare Schöpfung zu teilen. Im Herzen des göttlichen Schöpfungsaktes findet sich die göttliche Sehnsucht, in der Gemeinschaft der ungeschaffenen Personen der Heiligsten Dreifaltigkeit Raum zu schaffen für geschaffene Personen, indem sie als Söhne und Töchter in Christus angenommen werden. Mehr noch, die gemeinsame Abstammung und natürliche Einheit des Menschengeschlechts bilden die Grundlage für eine Einheit der erlösten menschlichen Personen in der Gnade unter dem Haupt des neuen Adam in der kirchlichen Gemeinschaft menschlicher Personen, die miteinander und mit dem ungeschaffenen Vater, Sohn und Heiligen Geist geeint sind. Die Gabe des natürlichen Lebens ist die Grundlage für die Gabe des Gnadenlebens. Folglich kann man dort, wo die zentrale Wahrheit eine frei handelnde Person betrifft, unmöglich von einer Notwendigkeit oder einem Zwang zur Schöpfung sprechen, und schließlich ist es unangemessen, vom Schöpfer als von einer Kraft, einer Energie oder einem Grund zu sprechen. Die Schöpfung ex nihilo ist die Tat eines transzendenten personalenHandlungsträgers, der frei und intentional im Blick auf die allumfassenden Ziele personaler Verpflichtung handelt.

In der katholischen Tradition bringt die Lehre vom Ursprung des Menschen die offenbarte Wahrheit dieses grundlegend relationalen oder personalistischen Verständnisses von Gott und der menschlichen Natur zum Ausdruck. Der Ausschluß von Pantheismus und Emanationslehre kann im Kern als ein Weg interpretiert werden, um diese offenbarte Wahrheit zu schützen. Die Lehre von der unmittelbaren oder besonderen Schöpfung jeder menschlichen Seele spricht nicht nur die ontologische Diskontinuität zwischen Materie und Geist an, sondern legt auch den Grund für die göttliche Intimität, die jede einzelne menschliche Person vom ersten Moment seiner oder ihrer Existenz an umfängt.

66. Die Lehre von der creatio ex nihilo ist also eine einzigartige Bekräftigung für den wahrhaft personalen Charakter der Schöpfung und ihre Hinordnung auf ein personales Geschöpf, das als imago Dei gebildet wurde und nicht einem Grund, einer Kraft oder Energie entspricht, sondern einem personalen Schöpfer. Die Lehraussagen über die imago Dei und die creatio ex nihilo lehren uns, daß das bestehende Universum Schauplatz für einradikal personales Drama ist, in dem der dreieine Schöpfer aus dem Nichts diejenigen hervorruft, die Er dann in Liebe anruft. Hier liegt der tiefe Sinn der Worte aus Gaudium et spes: „Der Mensch ist das einzige Geschöpf auf Erden, das Gott um seiner selbst willen gewollt hat“ (24). Geschaffen nach dem Bilde Gottes, nehmen Menschen den Platz verantwortlicher Dienstleistung im physischen Universum ein. Unter Führung der göttlichen Vorsehung und in Anerkennung des sakralen Charakters der sichtbaren Schöpfung gestaltet das Menschengeschlecht die natürliche Ordnung um und wird zum Handlungsträger in der Evolution des Universums selbst. Indem sie ihre Dienstleistung im Bereich des Wissens wahrnehmen, sind Theologen dafür zuständig, das moderne wissenschaftliche Verständnis innerhalb einer christlichen Sicht des geschaffenen Universums zu situieren.

67. Im Hinblick auf die creatio ex nihilo können Theologen festhalten, daß die Big-Bang-Theorie dieser Lehre nicht widerspricht, insofern sich sagen läßt, daß die Annahme eines absoluten Beginns wissenschaftlich nicht unzulässig ist. Da die Big-Bang-Theorie tatsächlich die Möglichkeit einer vorausliegenden Phase der Materie nicht ausschließt, kann festgestellt werden, daß die Theorie nur indirekt die Lehre von der creatio ex nihilo stützt, die als solche nur aufgrund des Glaubens gewußt sein kann.

68. Im Hinblick auf die Evolution von günstigen Bedingungen für die Entstehung von Leben heißt es in der katholischen Tradition, daß Gott als universale transzendente Ursache nicht nur die Ursache der Existenz, sondern auch die Ursache der Ursachen ist. Gottes Handeln verdrängt oder ersetzt die Tätigkeit geschöpflicher Ursachen nicht, sondern ermöglicht ihnen gemäß ihrer Natur zu handeln und nichtsdestoweniger die Ziele herbeizuführen, die er anstrebt. Indem Gott freien Willens das Universum erschafft und erhält, setzt er freien Willens alle diejenigen Zweitursachen in Gang und erhält sie im Vollzug, deren Wirksamkeit zur Entfaltung der natürlichen Ordnung beiträgt, die er hervorzubringen gedenkt. Durch die Wirksamkeit natürlicher Ursachen bewirkt Gott das Aufkommen der Bedingungen, die für das Entstehen und den Erhalt lebendiger Organismen sowie weiterhin für ihre Reproduktion und Ausdifferenzierung erforderlich sind.

Obgleich es eine wissenschaftliche Debatte über den Grad der Zweckgerichtetheit oder des planvollen Entwurfs gibt, die in diesen Entwicklungen wirksam und empirisch beobachtbar sind, haben diese de facto die Entstehung und das Gedeihen von Leben begünstigt. Katholische Theologen sehen in dieser Argumentation eine Stütze für die Aussage, die der Glaube an die göttliche Schöpfung und die göttliche Vorsehung mit sich bringt. Im planvollen Entwurf der Schöpfung in der Vorsehung wollte der dreieine Gott nicht nur Platz schaffen für Menschen im Universum, sondern auch und letztendlich einen Raum für sie bereiten in seinem eigenen trinitarischen Leben. Außerdem handeln Menschen als wirkliche Ursachen, wenn auch Zweitursachen, und tragen so zur Umgestaltung und Verwandlung des Universums bei.

69. Die gegenwärtige wissenschaftliche Debatte über die Mechanismen, die in der Evolution am Werk sind, erfordert einen theologischen Kommentar, insofern sie manchmal ein Mißverständnis über die Natur der göttlichen Ursächlichkeit ein­schließt. Viele neo-darwinistische Wissenschaftler ebenso wie einige ihrer Kritiker haben geschlossen: Wenn die Evolution ein radikal kontingenter materialistischer Prozeß ist, der durch natürliche Selektion und wahllose genetische Variation gesteuert wird, dann kann darin kein Platz für die Ursächlichkeit der göttlichen Vorsehung sein. Ein wachsender Kreis von wissenschaftlichen Kritikern des Neo-Darwinismus verweisen auf die Anhaltspunkte für einen planvollen Entwurf (z.B. biologische Strukturen, die eine bestimmte Komplexität aufweisen), die in ihrer Sicht nicht in Kategorien eines rein kontingenten Prozesses erklärt werden können und die Neo-Darwinisten ignoriert oder fehlinterpretiert haben. Den Kernpunkt dieser gegenwärtig lebhaften Kontroverse betrifft die wissenschaftliche Beobachtung und Verallgemeinerung hinsichtlich der Frage, ob die verfügbaren Daten einen planvollen Entwurf oder den Zufall stützen, und kann von der Theologie nicht entschieden werden. Es ist jedoch wichtig festzustellen, daß im katholischen Verständnis der göttlichen Ursächlichkeit wahre Kontingenz in der geschöpflichen Ordnung nicht unvereinbar ist mit der zielgerichteten göttlichen Vorsehung. Göttliche Ursächlichkeit und geschöpfliche Ursächlichkeit unterscheiden sich radikal der Art und nicht nur dem Grade nach. Folglich kann sogar das Ergebnis eines wahrhaft kontingenten natürlichen Prozesses dennoch in Gottes Vorsehungsplan für die Schöpfung fallen.

Bei Thomas von Aquin heißt es: „Die Wirkung der göttlichen Vorsehung besteht nicht allein darin, daß etwas auf irgendeine Art und Weise erfolgt, sondern darin, daß etwas entweder zufällig oder notwendig erfolgt. Darum folgt das unfehlbar und notwendig, was die göttliche Vorsehung so fügt, daß es unfehlbar und notwendig sich ereignet; und das erfolgt zufällig, was der Plan der göttlichen Vorsehung so enthält, daß es zufällig sich ereignet“ (Summa theologiae I, 22,4 ad 1). In katholischer Perspektive bewegen sich Neo-Darwinisten, die wahllose genetische Variation und natürliche Selektion als Beweis für einen absolut ungesteuerten Evolutionsprozeß anführen, jenseits dessen, was Wissenschaft nachweisen kann. Göttliche Kausalität kann in einem Prozeß am Werke sein, der sowohl kontingent als auch gesteuert ist. Jeglicher evolutionäre Mechanismus, der kontingent ist, kann allein deshalb kontingent sein, weil er von Gott so hervorgebracht wurde. Einen ungesteuerten Evolutionsprozeß – der außerhalb der Grenzen der göttlichen Vorsehung fiele – kann es einfach nicht geben, denn „die Ursächlichkeit Gottes, der der Erstwirkende ist, erstreckt sich auf alles Seiende, nicht bloß auf das Unvergängliche, sondern auch auf das Vergängliche und nicht nur in bezug auf die Prinzipien der Art, sondern auch in bezug auf die Prinzipien der Individuen … Also muß notwendig alles, soweit es am Sein teilhat, der göttlichen Vorsehung unterstehen“ (Summa theologiae I, 22,2).

70. Im Hinblick auf die unmittelbare Erschaffung der menschlichen Seele sagt die katholische Theologie aus, daß besondere Handlungen Gottes Wirkungen hervorbringen, die die Fähigkeit geschöpflicher Ursachen beim Handeln gemäß ihrer Natur übersteigen. Die Berufung auf die göttliche Ursächlichkeit, um sie als genuin kausal zu betrachten im Unterschied zu bloßen Lücken der Erklärung, führt das göttliche Handeln nicht ein, um die „Lücken“ im menschlichen wissenschaftlichen Verstehen zu füllen (und damit den sogenannten „Lückenbüßer-Gott“ entstehen zu lassen). Die Strukturen der Welt können als offen betrachtet werden für das nicht-unterbrechende göttliche Handeln in der direkten Verursachung von Geschehnissen in der Welt. Katholische Theologie bekräftigt, daß das Auftauchen der ersten Glieder der menschlichen Gattung (sei es als Individuen oder als Populationen) ein Ereignis darstellt, das sich nicht rein natürlich erklären läßt und das angemessenerweise einem göttliches Eingreifen zugeschrieben werden kann. Indem Gott indirekt durch Kausalketten handelte, die seit dem Beginn der kosmischen Geschichte wirksam sind, bereitete er den Weg für das, was Papst Johannes Paul II. „einen ontologischen Sprung“ nennt, „den Moment des Übergangs zum Geistigen“. Während Wissenschaft diese Kausalketten studieren kann, fällt es der Theologie zu, diese Betrachtung der besonderen Schöpfung der menschlichen Seele zu situieren im übergreifenden Plan des dreieinen Gottes, der die Gemeinschaft trinitarischen Lebens mit menschlichen Personen teilen wollte, die aus Nichts geschaffen sind nach dem Bild und Gleichnis Gottes und die in seinem Namen und nach seinem Plan eine schöpferische Dienstleistung und Hoheit über das physische Universum ausüben.

2. Verantwortung für die geschaffene Welt

71. Beschleunigte wissenschaftliche und technologische Fortschritte während der vergangenen 150 Jahre haben eine radikal neue Situation für alles Lebendige auf unserem Planeten hervorgerufen. Zusammen mit dem materiellen Wohlstand, höherem Lebensstandard, besserer Gesundheit und höherer Lebenserwartung sind Luft- und Wasserverschmutzung, giftiger Industriemüll, Ausbeutung und manchmal Zerstörung von empfindlichen Lebensräumen gekommen. In dieser Situation haben Menschen ein erhöhtes Bewußtsein entwickelt, daß sie organisch mit anderen Lebewesen verbunden sind. Die Natur wird inzwischen als eine Biosphäre angesehen, in der alles Lebendige ein komplexes, doch sorgsam organisiertes Netzwerk des Lebens bildet. Darüber hinaus ist nun anerkannt, daß der Ressourcenreichtum der Natur wie auch ihre Fähigkeit, sich von den Schäden zu erholen, die durch die unablässige Ausbeutung ihrer Ressourcen hervorgerufen werden, begrenzt sind.

72. Ein unglücklicher Aspekt dieses neuen ökologischen Bewußtseins besteht darin, daß einige dem Christentum vorgeworfen haben, teilweise verantwortlich zu sein für die Umweltkrise, gerade weil es den Platz des Menschen, nach dem Bilde Gottes geschaffen, um die sichtbare Schöpfung zu beherrschen, übersteigert habe. Einige Kritiker gehen so weit zu behaupten, daß es der christlichen Tradition an Mitteln fehlt, um eine gesunde ökologische Ethik aufzustellen, weil es den Menschen als wesentlich überlegen über den Rest der natürlichen Welt betrachte, und daß es nötig sein werde, sich asiatischen und traditionellen Religionen zuzuwenden, um die erforderliche ökologische Ethik zu entwickeln.

73. Diese Kritik geht jedoch aus einem tiefen Mißverständnis der christlichen Theologie der Schöpfung und der imago Dei hervor. Papst Johannes Paul II. spricht von dem Erfordernis einer „ökologischen Umkehr“ und bemerkt: „Das Herr-sein des Menschen ist nicht absolut, sondern ein Dienst … nicht die Sendung eines absoluten, unhinterfragbaren Herrn, sondern eines Treuhänders des Reiches Gottes“ (Rede vom 17. Januar 2001). Ein Mißverstehen dieser Lehre mag einige bewogen haben, in leichtsinniger Mißachtung der natürlichen Umwelt zu handeln, doch es ist kein Teil der christlichen Lehre über die Schöpfung und die imago Dei, zur uneingeschränkten Entwicklung und zur möglichen Erschöpfung der Ressourcen der Erde zu ermutigen.

Die Bemerkung Papst Johannes Pauls II. zeigt eine wachsende Besorgnis über die ökologische Krise von Seiten des Lehramtes; dieses Anliegen ist in einer langen Geschichte der Lehre verwurzelt, wie sie in den Sozialenzykliken der Päpste der Moderne zu finden ist. In der Perspektive dieser Lehre ist die ökologische Krise ein menschliches und ein soziales Problem, verbunden mit der Verletzung der Menschenrechte und ungleichem Zugang zu den Ressourcen der Erde. Papst Johannes Paul II. faßt diese Tradition der Soziallehre zusammen, wenn er in Centesimus Annus schreibt:

„Gleichfalls besorgniserregend ist, neben dem Problem des Konsumismus und mit ihm eng verknüpft, die Frage der Ökologie. Der Mensch, der mehr von dem Verlangen nach Besitz und Genuß als dem nach Sein und Entfaltung ergriffen ist, konsumiert auf maßlose und undisziplinierte Weise die Ressourcen der Erde und selbst ihre Existenz. Der unbesonnenen Zerstörung der natürlichen Umwelt liegt ein heute leider weitverbreiteter anthropologischer Irrtum zugrunde. Der Mensch, der seine Fähigkeit entdeckt, mit seiner Arbeit die Welt umzugestalten und in einem gewissen Sinne neu zu schaffen, vergißt, daß das immer auf der Grundlage der ersten und ursprünglichen Gabe der Dinge von seiten Gottes beruht“ (37).

74. Die christliche Theologie der Schöpfung trägt direkt zu der Lösung der ökologischen Krise bei, indem sie die fundamentale Wahrheit bekräftigt, daß die sichtbare Schöpfung selbst eine Gabe Gottes ist, die „ursprüngliche Gabe“, die einen „Raum“ personaler Gemeinschaft begründet. Tatsächlich könnten wir sagen, daß eine wirklich christliche Theologie der Ökologie eine Anwendung der Theologie der Schöpfung darstellt. Wenn man festhält, daß der Ausdruck „Ökologie“ die beiden griechischen Wörter oikos (Haus) undlogos (Wort) verbindet, kann die physische Umwelt der menschlichen Existenz aufgefaßt werden als eine Art „Haus“ für das menschliche Leben. Angesichts der Tatsache, daß das innere Leben der Heiligsten Dreifaltigkeit ein Leben der Gemeinschaft ist, ist der göttliche Akt der Schöpfung die gnadenhafte Hervorbringung von Partnern, um diese Gemeinschaft zu teilen. In diesem Sinne kann man sagen, daß die göttliche Gemeinschaft sich nun „beherbergt“ findet im geschaffenen Kosmos. Aus diesem Grund können wir vom Kosmos als einem Ort personaler Gemeinschaft sprechen.

75. Christologie und Eschatologie gemeinsam tragen dazu bei, diese Wahrheit noch tiefer zu klären. In der hypostatischen Union der Person des Sohnes mit einer menschlichen Natur kommt Gott in die Welt und nimmt die Leiblichkeit an, die er selbst geschaffen hat. In der Inkarnation begründet der dreieine Gott durch den eingeborenen Sohn, der aus einer Jungfrau in der Kraft des Heiligen Geistes geboren wurde, die Möglichkeit einer intimen personalen Gemeinschaft mit dem Menschen. Da Gott aus Gnade die geschöpflichen Personen zu einer dialogischen Teilhabe an seinem Leben zu erheben gedenkt, ist er sozusagen auf die geschöpfliche Ebene herabgestiegen. Einige Theologen sprechen von dieser göttlichen condescensio als von einer Art „Hominisation“, durch die Gott in Freiheit unsere Vergöttlichung ermöglicht. Gott tut seine Herrlichkeit im Kosmos nicht nur durch theophane Akte kund, sondern auch indem er dessen Leiblichkeit annimmt. In dieser christologischen Perspektive ist Gottes Hominisation ein Akt der Solidarität nicht nur mit geschöpflichen Personen, sondern mit dem gesamten geschaffenen Universum und seinem historischen Geschick. Mehr noch, in der Perspektive der Eschatologie kann das zweite Kommen Christi gesehen werden als das Ereignis der physischen Einwohnung Gottes in dem vollendeten Universum, das den ursprünglichen Plan der Schöpfung erfüllt.

76. Weit davon entfernt, zu einer leichtsinnig homozentrischen Mißachtung der natürlichen Umwelt zu ermutigen, bekräftigt die Theologie der imago Dei die Schlüsselrolle des Menschen, der teilnimmt an der Verwirklichung dieser ewigen göttlichen Einwohnung in dem vollendeten Universum. Die Menschen sind nach Gottes planvollem Entwurf Treuhänder dieser Verwandlung, nach der sich die ganze Schöpfung sehnt. Nicht nur der Mensch, sondern das Ganze der sichtbaren Schöpfung ist berufen, am göttlichen Leben teilzuhaben: „Wir wissen, daß die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt. Aber auch wir, obwohl wir als Erstlingsgabe den Geist haben, seufzen in unserem Herzen und warten darauf, daß wir mit der Erlösung unseres Leibes als Söhne offenbar werden“ (Röm 8,22f.). In der christlichen Perspektive ist also unsere ethische Verantwortung für die natürliche Umwelt – unsere „Herbergsexistenz“ – verwurzelt in einem tiefen theologischen Verständnis der sichtbaren Schöpfung und unseres Platzes in ihr.

77. Papst Johannes Paul II. bezieht sich auf diese Verantwortung in einem bedeutenden Abschnitt in Evangelium Vitae und schreibt: „Der Mensch, der berufen wurde, den Garten der Welt zu bebauen und zu hüten (vgl. Gen 2,15), hat eine besondere Verantwortung für die Lebenswelt, das heißt für die Schöpfung, die Gott in den Dienst seiner personalen Würde gestellt hat … Die ökologische Frage – von der Bewahrung des natürlichen Lebensraumes der verschiedenen Tierarten und der vielfältigen Lebensformen bis zur ‚Humanökologie’ im eigentlichen Sinne des Wortes – findet in dem Bibeltext eine einleuchtende und wirksame ethische Anleitung für eine Lösung, die das große Gut des Lebens, jeden Lebens, achtet … Im Hinblick auf die sichtbare Natur sind wir nicht nur biologischen, sondern auch moralischen Gesetzen unterworfen, die man nicht ungestraft übertreten darf“ (42).

78. Schließlich müssen wir festhalten, daß Theologie nicht in der Lage sein wird, uns ein technisches Rezept für die Überwindung der ökologischen Krise zur Verfügung zu stellen, doch wie wir gesehen haben, kann sie uns helfen, unsere natürliche Umwelt zu sehen, wie Gott sie sieht: als Raum personaler Gemeinschaft, in dem Menschen, geschaffen nach dem Bilde Gottes, Gemeinschaft miteinander und die letzte Vollendung des sichtbaren Universums suchen sollen.

79. DieseVerantwortung erstreckt sich auch auf die Tierwelt. Tiere sind Geschöpfe Gottes, und nach der Bibel umgibt er sie mit der Sorge seiner Vorsehung (Mt 6,26). Die Menschen sollen sie mit Dankbarkeit entgegennehmen und geradezu eine eucharistische Haltung im Blick auf jedes Element der Schöpfung annehmen und Gott dafür danksagen. Einfach durch ihre Existenz preisen die Tiere Gott und geben ihm die Ehre: „Preist den Herrn, all ihr Vögel am Himmel; lobt und rühmt ihn in Ewigkeit! Preist den Herrn, all ihr Tiere, wilde und zahme; lobt und rühmt ihn in Ewigkeit!“ (Dan 3,80–81). Außerdem schließt die Harmonie, die der Mensch im Ganzen der Schöpfung begründen oder wiederherstellen muß, seine Beziehung zu den Tieren ein. Wenn Christus in seiner Herrlichkeit kommt, wird er das Ganze der Schöpfung „rekapitulieren“ in einem eschatologischen und endgültigen Moment der Harmonie.

80. Dennoch gibt es einen ontologischen Unterschied zwischen Menschen und Tieren, weil nur der Mensch nach dem Bilde Gottes erschaffen ist und Gott ihm die Hoheit über die Tierwelt anvertraut hat (Gen 1,26.28; Gen 2,19–20). Der Katechismus wertet die christliche Tradition über den gerechten Gebrauch der Tiere aus und bekräftigt: „Gott hat die Tiere der treuhänderischen Verwaltung des Menschen unterstellt, den er nach seinem Bilde geschaffen hat. Somit darf man sich der Tiere zur Ernährung und zur Herstellung von Kleidern bedienen. Man darf sie zähmen, um sie dem Menschen bei der Arbeit und in der Freizeit dienstbar zu machen“ (2417). Dieser Abschnitt ruft auch den legitimen Gebrauch der Tiere für medizinische und wissenschaftliche Experimente in Erinnerung, erkennt aber stets an, daß es „der Würde des Menschen widerspricht, Tiere nutzlos leiden zu lassen“ (2418). Folglich muß jeder Gebrauch der Tiere immer geleitet sein von den bereits ausgesprochenen Prinzipien: Die menschliche Hoheit über die Tierwelt ist wesentlich eine Dienstleistung, für die der Mensch Rechenschaft ablegen muß vor Gott, der der Herr der Schöpfung im wahrsten Sinne ist.

3. Verantwortung für die biologische Integrität des Menschen

81. Die moderne Technologie gemeinsam mit den jüngsten Entwicklungen in Biochemie und Molekularbiologie stellt der zeitgenössischen Medizin immer neue diagnostische und therapeutische Möglichkeiten zur Verfügung. Diese Techniken bieten nicht nur neue und wirksamere Behandlungen für Krankheiten, sondern auch das Potential, den Menschen selbst zu ändern. Die Verfügbarkeit und Machbarkeit dieser Technologien verleihen der Frage neue Dringlichkeit: Inwieweit ist es dem Menschen erlaubt, sich selbst neu zu gestalten? Verantwortliche Dienstleistung im Bereich der Bioethik auszuüben, erfordert eine tiefe moralische Reflexion über eine Reihe von Technologien, die die biologische Integrität des Menschen beeinflussen können. Hier können wir nur einige kurze Hinweise auf die spezifisch moralischen Herausforderungen anbieten, die sich durch die neuen Technologien stellen, sowie einige der Prinzipien, die angewandt werden müssen, wenn wir eine verantwortliche Dienstleistung für die biologische Integrität des Menschen, der geschaffen ist nach dem Bilde Gottes, wahrnehmen wollen.

82. Das Recht zur vollständigen Verfügung über den Leib würde bedeuten, daß die Person den Leib als Mittel zu einem von ihr selbst gewählten Zweck benutzen könnte, d.h. daß sie dessen Teile ersetzen, ihn abändern oder ihm ein Ende setzen könnte. Mit anderen Worten, eine Person könnte die Zielsetzung oder den teleologischen Wert des Leibes bestimmen. Ein Verfügungsrecht über etwas erstreckt sich nur auf Objekte mit einem bloß instrumentalen Wert, nicht auf Objekte, die in sich selbst gut sind, d.h. Ziel in sich. Die menschliche Person, geschaffen nach dem Bilde Gottes, ist selbst ein solches Gut. Die Frage, besonders wie sie sich in der Bioethik stellt, lautet, ob dies auch für die verschiedenen Ebenen gilt, die in der menschlichen Person unterschieden werden können: die biologisch-somatische, die emotionale und die geistige Ebene.

83. Die alltägliche klinische Praxis akzeptiert im allgemeinen eine begrenzte Form von Verfügung über den Leib und gewisse mentale Funktionen, um Leben zu erhalten, so zum Beispiel im Fall der Amputation von Glieder oder der Entfernung von Organen. Diese Praxis ist zulässig nach dem Prinzip der Gesamtheit und Integrität (auch bekannt als das therapeutische Prinzip). Der Sinn dieses Prinzips besteht darin, daß die menschliche Person all ihre physischen und mentalen Funktionen in solcher Weise entwickelt, für sie sorgt und sie erhält, daß (1) untergeordnete Funktionen nie geopfert werden, außer für das bessere Funktionieren der gesamten Person, und selbst dann mit dem Bemühen um Kompensation für das, was geopfert wurde; und (2) daß die grundlegenden Fähigkeiten, die wesentlich zum Menschsein gehören, niemals geopfert werden, außer dies sei notwendig zur Rettung des Lebens.

84. Die verschiedenen Organe und Glieder, die zusammen eine physische Einheit bilden, sind als integrale Bestandteile völlig in den Leib einbezogen und ihm untergeordnet. Doch geringere Werte können nicht einfach um höherer willen geopfert werden: Diese Werte bilden zusammen eine organische Einheit und hängen wechselseitig voneinander ab. Weil der Leib als innerer Bestandteil der menschlichen Person in sich selbst gut ist, dürfen grundlegende menschliche Fähigkeiten nur geopfert werden, um Leben zu erhalten. Schließlich ist das Leben ein fundamentales Gut, das die Gesamtheit der menschlichen Person einschließt. Ohne das fundamentale Gut des Lebens werden auch die Werte – etwa die Freiheit –, die in sich selbst höher sind als das Leben, hinfällig. Angesichts der Tatsache, daß der Mens­ch auch in seiner Leiblichkeit nach dem Bilde Gottes geschaffen ist, hat er kein volles Verfügungsrecht über seine eigene biologische Natur. Gott selbst und das Geschaffen-sein nach seinem Bilde können nicht Gegenstand willkürlichen mensch­lichen Handelns sein.

85. Bei der Anwendung des Prinzips der Ganzheit und Integrität sind die folgenden Bedingungen zu berücksichtigen: (1) Es muß sich um einen Eingriff in dem Körperteil handeln, der von der lebensbedrohlichen Situation entweder betroffen oder deren direkte Ursache ist; (2) es darf keine Alternativen für die Erhaltung des Lebens geben; (3) es gibt eine angemessene Erfolgschance im Vergleich zu den Nachteilen; und (4) der Patient muß seine Zustimmung zu dem Eingriff geben. Die unbeabsichtigten Nachteile und Nebenwirkungen des Eingriffs lassen sich auf der Grundlage des Prinzip der Doppelwirkung rechtfertigen.

86. Einige haben versucht, diese Hierarchie der Werte so zu interpretieren, als erlaube sie das Opfer von untergeordneten Funktionen, wie zum Beispiel der Fortpflanzungsfähigkeit, um höherer Werte willen, etwa um die geistige Gesundheit zu erhalten oder die Beziehungen zu anderen zu verbessern. Die Fähigkeit zur Fortpflanzung wird hier geopfert, um Elemente zu erhalten, die wesentlich für die Person als funktionsfähige Ganzheit sein mögen, jedoch nicht wesentlich für die Person als lebendige Ganzheit sind. In Wirklichkeit ist eigentlich die Person als eine funktionsfähige Ganzheit durch den Verlust der Fortpflanzungsfähigkeit verletzt, und zwar zu einem Zeitpunkt, an dem die Gefahr für ihre geistige Gesundheit nicht unmittelbar bedrohlich ist und auf andere Weise abgewendet werden könnte. Weiterhin legt diese Interpretation des Prinzips der Ganzheit die Möglichkeit nahe, daß ein Teil des Leibes um sozialer Interessen willen geopfert werden könne. Auf der Grundlage derselben Argumentation könnte die Sterilisierung aus eugenischen Gründen auf der Basis der Interessen des Staates gerechtfertigt werden.

87 Menschliches Leben ist die Frucht der ehelichen Liebe – der gegenseitigen, vollständigen, endgültigen und ausschließlichen Hingabe von Mann und Frau aneinander, als Spiegel der gegenseitigen Hingabe der Liebe zwischen den drei göttlichen Personen, die fruchtbar wird in der Schöpfung, und der Hingabe Christi an seine Kirche, die fruchtbar wird in der Wiedergeburt des Menschen. Die Tatsache, daß eine Ganzhingabe des Menschen sowohl seinen Geist als auch seinen Leib betrifft, ist die Grundlage für die Untrennbarkeit der beiden Bedeutungen des ehelichen Akten: (1) der authentische Ausdruck ehelicher Liebe auf der physischen Ebene, der (2) zur Vollendung kommt durch die Zeugung während der fruchtbaren Phase der Frau (Humanae vitae 12; Familiaris consortio 32).

88. Die gegenseitige Hingabe von Mann und Frau aneinander auf der Ebene sexueller Intimität wird durch Empfängnisverhütung und Sterilisierung unvollständig gemacht. Außerdem gilt: Wenn eine Technik angewandt wird, die nicht den ehelichen Akt unterstützt, damit dieser zu seinem Ziel gelangt, sondern ihn ersetzt, und wenn dann die Empfängnis durch den Eingriff eines Dritten erzielt wird, dann hat das Kind seinen Ursprung nicht in dem ehelichen Akt, der der authentische Ausdruck der gegenseitigen Hingabe der Eltern ist.

89. Im Falle des Klonens – der Herstellung von genetisch identischen Individuen mittels Embryonensplitting oder Kerntransplatation – ist das Kind a-sexuell erzeugt und kann auf keinen Fall als die Frucht der gegenseitigen Liebeshingabe betrachtet werden. Wenn das Klonen die Herstellung einer großen Zahl von Menschen aus einer Person einschließt, bringt es sicherlich eine Verletzung der Identität der Person mit sich. Die menschliche Gemeinschaft, die, wie wir gesehen haben, auch als ein Bild des dreieinen Gottes aufgefaßt werden kann, drückt in ihrer Vielfalt etwas von den Relationen der drei göttlichen Personen in ihrer Einzigartigkeit aus, die ihre Unterscheidung voneinander hervorhebt, obwohl sie derselben Natur sind.

90. Keimbahn-Gentechnik mit einem therapeutischen Ziel am Menschen wäre in sich selbst vertretbar, wenn nicht die Tatsache wäre, daß es schwer vorstellbar ist, wie das Ziel erreicht werden kann, ohne daß man unverhältnismäßige Risiken eingeht, besonders in der ersten experimentellen Phase, so etwa ein enormer Verlust von Embryonen und das Auftreten von Pannen, sowie ohne daß man Fortpflanzungstechniken anwendet. Eine mögliche Alternative wäre der Gebrauch von Gentherapie in den Stammzellen, die das Sperma des Mannes produzieren, so daß er mit seinem eigenen Samen mittels des ehelichen Aktes gesunden Nachwuchs zeugen kann.

91. Gentechnik zur Steigerung (Enhancement) zielt darauf ab, bestimmte typische Merkmale zu verbessern. Die Idee des Menschen als „Mit-Schöpfer“ mit Gott könnte herangezogen werden zu dem Versuch, die Leitung der menschlichen Evolution mittels solcher Gentechnik zu rechtfertigen. Doch dies würde bedeuten, daß der Mensch das volle Verfügungsrecht über seine eigene biologische Natur hätte. Die genetische Identität des Menschen als menschliche Person durch die Herstellung eines untermenschlichen Lebewesens zu ändern, ist radikal unmoralisch. Die Verwendung genetischer Veränderung, um einen Übermenschen oder ein Lebewesen mit wesentlich neuen geistigen Fähigkeiten hervorzubringen, ist undenkbar angesichts der Tatsache, daß das geistige Lebensprinzip des Menschen, das die Materie in den Leib einer menschlichen Person verwandelt, nicht das Produkt der Hand des Menschen ist und der Gentechnik nicht unterliegt. Die Einzigartigkeit jeder mensch­lichen Person, die zum Teil durch ihre biogenetischen Eigenschaften konstituiert wird und sich durch Ernährung und Wachstum entwickelt, gehört zuinnerst zu ihr und darf nicht instrumentalisiert werden, um einige dieser Eigenschaften zu verbessern. Ein Mensch kann in Wahrheit nur besser werden, indem er vollkommener das Bild Gottes in ihm verwirklicht, indem er sich selbst mit Christus vereinigt und ihn nachahmt. Derartige Veränderungen würden in jedem Fall die Freiheit künftiger Personen verletzen, die keinen Anteil an Entscheidungen hatten, die ihre leibliche Struktur und ihre Eigenschaften in entscheidender und vermutlich unumkehrbarer Weise festlegen. Gentherapie mit dem Ziel, angeborene Bedingungen wie das Down-Syndrom zu lindern, würden sicherlich Auswirkungen auf die Identität der betreffenden Person haben im Hinblick auf ihr Erscheinungsbild und ihre geistigen Gaben, doch dieser Änderung würde dem Individuum helfen, seine wirkliche Identität, die durch ein fehlerhaftes Gen blockiert ist, voll auszudrücken.

92. Therapeutische Eingriffe helfen, die physischen, mentalen und geistigen Funktionen wiederherzustellen; sie stellen dabei die Person in den Mittelpunkt bei vollem Respekt vor der Finalität der verschiedenen Ebenen im Menschen in Beziehung zu denjenigen der Person. Wenn sie einen therapeutischen Charakter besitzt, respektiert eine Medizin, die dem Menschen und seinem Leib als Ziel in sich selbst dient, das Bild Gottes in beiden. Gemäß dem Prinzip der Verhältnismäßigkeit muß eine lebensverlängernde Therapie angewandt werden, wenn Vor- und Nachteile in einem angemessenen Verhältnis stehen. Die Therapie darf abgebrochen werden, selbst wenn dadurch der Tod beschleunigt wird, wenn diese Angemessenheit fehlt. Eine Beschleunigung des Todes bei einer Palliativtherapie durch den Einsatz von Analgetica ist eine indirekte Wirkung, die wie alle Nebenwirkungen in der Medizin unter das Prinzip der Doppelwirkung fallen kann, vorausgesetzt die Dosis ist auf die Unterdrückung der schmerzhaften Symptome und nicht auf die aktive Beendigung des Lebens abgestimmt.

93. Über den Tod zu verfügen, ist in Wirklichkeit die radikalste Weise, über das Leben zu verfügen. Bei assistiertem Selbstmord, direkter Euthanasie und direkter Abtreibung – wie tragisch und komplex die persönliche Situation auch sein mag – wird physisches Leben für eine selbst gewählte Zielsetzung geopfert. In dieselbe Kategorie fällt die Instrumentalisierung des Embryo durch nicht-therapeutische Experimente an Embryos ebenso wie durch Präimplantationsdiagnostik, wobei eine Reihe von genetisch identischen Embryonen mittels Embryosplitting hergestellt wird, um das Vorhandensein eines genetischen Fehlers nachzuweisen oder auszuschließen. Es gibt keine wissenschaftlichen Gründe mehr, um eine verzögerte Beseelung anzunehmen (vgl. Donum Vitae I,1; Veritatis Splendor 60).

94. Unser ontologischer Status als Geschöpfe nach dem Bilde Gottes legt unserer Fähigkeit zur Verfügung über uns selbst gewisse Grenzen auf. Die Hoheit, der wir uns erfreuen, ist nicht unbegrenzt: Wir üben eine gewisse Teilhabe an der Hoheit über die geschaffene Welt aus, und am Ende müssen wir vor dem Herrn des Universums Rechenschaft ablegen über die Wahrnehmung unserer Dienstleistung. Der Mensch ist geschaffen nach dem Bilde Gottes, aber er ist nicht Gott selbst.

SCHLUSS

95. Im Lauf unserer Reflexionen hat das Thema der imago Dei seine systematische Kraft gezeigt, viele Wahrheiten des christlichen Glaubens zu klären. Es hilft uns, eine relationale – und wahrhaft personale – Konzeption des Menschen vorzulegen. Genau diese Beziehung zu Gott ist es, die den Menschen definiert und seine Beziehungen zu anderen Geschöpfen grundlegt. Wie wir jedoch gesehen haben, klärt sich das Geheimnis des Menschlichen erst voll im Lichte Christi, der das vollkommene Bild des Vaters ist und der uns durch den Heiligen Geist in eine Teilhabe am Geheimnis des dreieinen Gottes einführt. Innerhalb dieser Gemeinschaft der Liebe geschieht es, daß das Geheimnis allen Seins als umfangen von Gott seinen vollsten Sinn findet. Zugleich groß und demütig, bildet diese Konzeption des Menschen als Bild Gottes eine Charta für menschliche Beziehungen zur geschaffenen Welt und eine Grundlage, um darauf die Legitimität des wissenschaftlichen und technischen Fortschritts, der eine direkte Auswirkung auf das menschliche Leben und die Umwelt hat, zu beurteilen. Wie die menschliche Person in diesem Bereichen berufen ist, Zeugnis abzulegen von ihrer Teilhabe an der göttlichen Schöpferkraft, so ist von ihr auch verlangt, ihren Platz als Geschöpf Gottes anzuerkennen, dem Gott eine kostbare Verantwortung der Dienstleistung am physischen Universum anvertraut hat.

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Quelle